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XVII
Will man geistreich sein, dann
kommt es vor, daß man ein
bißchen aufschneidet. Ich war
nicht ganz aufrichtig, als ich
euch von den Laternenanzündern
erzählte. Ich laufe
Gefahr, denen, die unseren Planeten
nicht kennen, ein
falsches Bild von ihm zu geben. Die
Menschen benutzen
nur sehr wenig Raum auf der Erde.
Wenn die zwei
Milliarden Einwohner, die die Erde
bevölkern, sich
aufrecht und ein bißchen gedrängt
hinstellten, wie bei
einer Volksversammlung etwa, kämen
sie auf einem
öffentlichen Platz von zwanzig
Meilen Länge und zwanzig
Meilen Breite leicht unter. Man könnte
die Menschheit
auf der geringsten kleinen Insel des
Pazifischen Ozeans
zusammenpferchen.
Die großen Leute werden Euch das
freilich nicht
glauben. Sie bilden sich ein, viel
Platz zu brauchen. Sie
nehmen sich wichtig wie Affenbrotbäume.
Gebt ihnen
also den Rat, sich��s auszurechnen.
Sie beten die Zahlen
an, das wird ihnen gefallen. Aber ihr
sollt Eure Zeit nicht
damit verlieren. Es ist zwecklos. Ihr
habt Vertrauen zu
mir.
Einmal auf der Erde, wunderte sich der
kleine Prinz,
niemanden zu sehen. Er fürchtete
schon, sich im Planeten
geirrt zu haben, als ein mondfarbener
Ring sich im Sande
bewegte.
»Gute Nacht«, sagte der kleine
Prinz aufs Geratewohl.
»Gute Nacht«, sagte die
Schlange.
»Auf welchen Planeten bin ich
gefallen?« fragte der
kleine Prinz.
»Auf die Erde, du bist in Afrika«,
antwortete die
Schlange.
»Ah! ... es ist also niemand auf der
Erde?«
»Hier ist die Wüste. In den Wüsten
ist niemand. Die
Erde ist groß« sagte die
Schlange.
Der kleine Prinz setzte sich auf einen
Stein und hob die
Augen zum Himmel.
»Ich frage mich«, sagte er,
»ob die Sterne leuchten,
damit jeder eines Tages den seinen
wiederfinden kann.
Schau meinen Planeten an. Er steht
gerade über uns...
Aber wie weit ist er fort!«
»Er ist schön«, sagte die
Schlange. »Was willst Du hier
machen?«
»Ich habe Schwierigkeiten mit einer
Blume«, sagte der
kleine Prinz.
»Ah!« sagte die Schlange.
Und sie schwiegen.
»Wo sind die Menschen?« fuhr
der kleine Prinz
endlich fort. »Man ist ein bißchen
einsam in der Wüste...«
»Man ist auch bei den Menschen
einsam«, sagte die
Schlange.
Der kleine Prinz sah sie lange an.
»Du bist ein drolliges Tier«,
sagte er schließlich, »dünn
wie ein Finger...«
»Aber ich bin mächtiger als der
Finger eines Königs«,
sagte die Schlange.
Der kleine Prinz mußte lächeln.
»Du bist nicht sehr mächtig ...
Du hast nicht einmal
Füße ... Du kannst nicht
einmal reisen ...«
»Ich kann Dich weiter bringen als ein
Schiff«, sagte die
Schlange. Sie rollte sich um den Knöchel
des kleinen
Prinzen wie ein goldenes Armband.
»Wen ich berühre, den gebe ich
der Erde zurück, aus
der er hervorgegangen ist«,
sagte sie noch. »Aber Du bist
rein, du kommst von einem Stern...«
Der keine Prinz antwortete nichts.
»Du tust mir leid auf dieser Erde aus
Granit, du, der du
so schwach bist. Ich kann dir eines
Tages helfen, wenn
Du dich zu sehr nach Deinem Planeten
sehnst. Ich kann
...«
»Oh, ich habe sehr gut verstanden«
sagte der kleine
Prinz, »aber warum sprichst Du
immer in Rätseln?«
»Ich löse sie alle«, sagte
die Schlange.
Und sie schwiegen.
XVIII
Der kleine Prinz durchquerte die Wüste
und begegnete
nur einer Blume mit drei Blütenblättern,
einer ganz
armseligen Blume...
»Guten Tag«, sagte der kleine
Prinz.
»Guten Tag«, sagte die Blume.
»Wo sind die Menschen?« fragte
höflich der kleine
Prinz.
Die Blume hatte eines Tages eine Karawane
vorüberziehen sehen.
»Die Menschen? Es gibt, glaube ich,
sechs oder
sieben. Ich habe sie vor Jahren
gesehen. Aber man weiß
nie, wo sie zu finden sind. Der Wind
verweht sie. Es
fehlen ihnen die Wurzeln, das ist
sehr übel für sie.«
»Adieu«, sagte der kleine Prinz
»Adieu«, sagte die Blume.
XIX
Der kleine Prinz stieg auf einen
hohen Berg. Die einzigen
Berge, die er kannte, waren die drei
Vulkane, und sie
reichten nur bis an die Knie, und den
erloschenen Vulkan
benutze er als Schemel.
Von einem Berg so hoch wie der da, sagte er
sich,
werde ich mit einemmal den ganzen
Planeten und alle
Menschen sehen... Aber er sah nichts
als die Nadeln
spitziger Felsen.
»Guten Tag«, sagte er aufs
Geratewohl.
»Guten Tag... Guten Tag... Guten
Tag...«, antwortete
das Echo.
»Wer bist Du?«, sagte der
kleine Prinz.
»Wer bist Du... Wer bist Du... Wer
bist Du...?«,
antwortete das Echo.
»Seid meine Freunde, ich bin allein«,
sagte er.
»Ich bin allein... allein... allein...«antwortete
das Echo.
Was für ein merkwürdiger Planet!
dachte er da. Er ist
ganz trocken, voller Spitzen und ganz
salzig. Und den
Menschen fehlt es an Phantasie. Sie
wiederholen, was
man ihnen sagt... Zu Hause hatte ich
eine Blume: Sie
sprach immer zuerst...
XX
Aber nachdem der kleine Prinz
lange über den Sand, die
Felsen und den Schnee gewandert war,
geschah es, daß
er endlich eine Straße
entdeckte. Und die Straßen führen
zu Menschen.
»Guten Tag«, sagte er.
Da war ein blühender Rosengarten.
»Guten Tag«, sagten die Rosen.
Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen
alle seiner
Blume.
»Wer seid ihr?« fragte er sie höchst
erstaunt.
»Wir sind Rosen«, sagten die
Rosen.
»Ach!« sagte der kleine Prinz...
Und er fühlte sich sehr unglücklich.
Seine Blume hatte
ihm erzählt, daß sie auf
der ganzen Welt einzig in ihrer Art
sei. Und siehe!, da waren fünftausend
davon, alle gleich,
in einem einzigen Garten!
Sie wäre sehr böse, wenn sie das
sähe, sagte er sich...
Sie würde fürchterlich
husten und so tun, als stürbe sie,
um der Lächerlichkeit zu
entgehen. Und ich müßte wohl
so tun, als pflegte ich sie, denn
sonst ließe ich sie wirklich
sterben, um auch mich zu beschämen...
Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich
sei reich
durch eine einzigartige Blume, und
ich besitze nur eine
gewöhnliche Rose. Sie und meine
drei Vulkane, die mir
bis ans Knie reichen und von denen
einer vielleicht für
immer verloschen ist, das macht aus
mir keinen sehr
großen Prinzen... Und er warf
sich ins Gras und weinte.
XXI
In diesem Augenblick erschien der
Fuchs:
»Guten Tag«, sagte der Fuchs.
»Guten Tag«, antwortete höflich
der kleine Prinz, der
sich umdrehte, aber nichts sah.
»Ich bin da«, sagte die Stimme,
»unter dem
Apfelbaum...«
»Wer bist du?« sagte der kleine
Prinz. »Du bist sehr
hübsch...«
»Ich bin ein Fuchs«, sagte der
Fuchs.
»Komm und spiel mit mir«,
schlug ihm der kleine
Prinz vor. »Ich bin so traurig...«
»Ich kann nicht mit dir spielen«,
sagte der Fuchs. »Ich
bin noch nicht gezähmt!«
»Ah, Verzeihung!« sagte der
kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte
er hinzu:
»Was bedeutet das: 'zähmen'?'«
»Du bist nicht von hier, sagte der
Fuchs, »was suchst
du?«
»Ich suche die Menschen«, sagte
der kleine Prinz.
»Was bedeutet 'zähmen'?«
»Die Menschen«, sagte der
Fuchs, »die haben
Gewehre und schießen. Das ist
sehr lästig. Sie ziehen
auch Hühner auf. Das ist ihr
einziges Interesse. Du
suchst Hühner?«
»Nein«, sagte der kleine Prinz,
»ich suche Freunde.
Was heißt 'zähmen'?«
»Das ist eine in Vergessenheit
geratene Sache«, sagte
der Fuchs. »Es bedeutet: sich 'vertraut
machen'.«
»Vertraut machen?«
»Gewiß«, sagte der Fuchs.
»Du bist für mich noch
nichts als ein kleiner Knabe, der
hunderttausend kleinen
Knaben völlig gleicht. Ich
brauche dich nicht, und du
brauchst mich ebensowenig. Ich bin für
dich nur ein
Fuchs, der hunderttausend Füchsen
gleicht. Aber wenn
du mich zähmst, werden wir
einander brauchen. Du
wirst für mich einzig sein in
der Welt. Ich werde für dich
einzig sein in der Welt...«
»Ich beginne zu verstehen«,
sagte der kleine Prinz.
»Es gibt eine Blume... ich
glaube, sie hat mich
gezähmt...«
»Das ist möglich«, sagte
der Fuchs. »Man trifft auf
der Erde alle möglichen Dinge...«
»Oh, das ist nicht auf der Erde«,
sagte der kleine
Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
»Auf einem anderen Planeten?«
»Ja.«
»Gibt es Jäger auf diesem
Planeten?«
»Nein.«
»Das ist interessant! Und Hühner?«
»Nein.«
»Nichts ist vollkommen!«
seufzte der Fuchs.
Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
»Mein Leben ist eintönig. Ich
jage Hühner, die
Menschen jagen mich. Alle Hühner
gleichen einander,
und alle Menschen gleichen einander.
Ich langweile mich
also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst,
wird mein
Leben wie durchsonnt sein. Ich werde
den Klang deines
Schrittes kennen, der sich von allen
andern
unterscheidet. Die anderen Schritte
jagen mich unter die
Erde. Der deine wird mich wie Musik
aus dem Bau
locken. Und dann schau! Du siehst da
drüben die
Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für
mich ist der
Weizen zwecklos. Die Weizenfelder
erinnern mich an
nichts. Und das ist traurig. Aber du
hast weizenblondes
Haar. Oh, es wird wunderbar sein,
wenn du mich einmal
gezähmt hast! Das Gold der
Weizenfelder wird mich an
dich erinnern. Und ich werde das
Rauschen des Windes
im Getreide liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den
Prinzen lange
an:
»Bitte... zähme mich!«
sagte er.
»Ich möchte wohl«,
antwortete der kleine Prinz,
»aber ich habe nicht viel Zeit.
Ich muß Freunde finden
und viele Dinge kennenlernen.«
»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«,
sagte der
Fuchs. »Die Menschen haben
keine Zeit mehr, irgend
etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich
alles fertig in den
Geschäften. Aber da es keine
Kaufläden für Freunde
gibt, haben die Leute keine Freunde
mehr. Wenn du
einen Freund willst, so zähme
mich!«
»Was muß ich da tun?«
sagte der kleine Prinz.
»Du mußt sehr geduldig sein«,
antwortete der Fuchs.
»Du setzt dich zuerst ein wenig
abseits von mir ins Gras.
Ich werde dich so verstohlen, so aus
dem Augenwinkel
anschauen, und du wirst nichts sagen.
Die Sprache ist
die Quelle der Mißverständnisse.
Aber jeden Tag wirst
du dich ein bißchen näher
setzen können...«
Am nächsten Morgen kam der kleine
Prinz zurück.
»Es wäre besser gewesen, du wärst
zur selben
Stunde wiedergekommen«, sagte
der Fuchs. »Wenn du
zum Beispiel um vier Uhr nachmittags
kommst, kann ich
um drei Uhr anfangen, glücklich
zu sein. Je mehr die Zeit
vergeht, um so glücklicher werde
ich mich fühlen. Um
vier Uhr werde ich mich schon
aufregen und
beunruhigen; ich werde erfahre, wie
teuer das Glück ist.
Wenn du aber irgendwann kommst, kann
ich nie wissen,
wann mein Herz da sein soll... Es muß
feste Bräuche
geben.«
»Was heißt 'fester Brauch'?«,
sagte der kleine Prinz.
»Auch etwas in Vergessenheit
Geratenes«, sagte der
Fuchs. »Es ist das, was einen
Tag vom andern
unterscheidet, eine Stunde von den
andern Stunden. Es
gibt zum Beispiel einen Brauch bei
meinen Jägern. Sie
tanzen am Donnerstag mit dem Mädchen
des Dorfes.
Daher ist der Donnerstag der
wunderbare Tag. Ich gehe
bis zum Weinberg spazieren. Wenn die
Jäger
irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären
die Tage
alle gleich und ich hätte
niemals Ferien.«
So machte denn der kleine Prinz den Fuchs
mit sich
vertraut. Und als die Stunde des
Abschieds nahe war:
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich
werde weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte
der kleine Prinz, »ich
wünschte dir nichts Übles,
aber du hast gewollt, daß ich
dich zähme...«
»Gewiß«, sagte der Fuchs.
»Aber nun wirst du weinen!«
sagte der kleine Prinz.
»Bestimmt«, sagte der Fuchs.
»So hast du nichts gewonnen!«
»Ich habe«, sagte der Fuchs,
»die Farbe des Weizens
gewonnen.«
Dann fügte er hinzu:
»Geh die Rosen wieder anschauen. Du
wirst
begreifen, daß die deine einzig
ist in der Welt.
Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen,
und ich
werde dir ein Geheimnis schenken.«
Der kleine Prinz ging, die Rosen
wiederzusehen:
»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht,
ihr seid noch
nichts«, sagte er zu ihnen.
»Niemand hat sich euch
vertraut gemacht und auch ihr habt
euch niemandem
vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein
Fuchs war. Der war
nichts als ein Fuchs wie
hunderttausend andere. Aber ich
habe ihn zu meinem Freund gemacht,
und jetzt ist er
einzig in der Welt.«
Und die Rosen waren sehr beschämt.
»Ihr seid schön, aber ihr sein
leer«, sagte er noch.
»Man kann für euch nicht
sterben. Gewiß, ein
Irgendwer, der vorübergeht, könnte
glauben, meine
Rose ähnle euch. Aber in sich
selbst ist sie wichtiger als
ihr alle, da sie es ist, die ich
begossen habe. Da sie es ist,
die ich unter den Glassturz gestellt
habe. Da sie es ist,
die ich mit dem Wandschirm geschützt
habe. Da sie es
ist, deren Raupen ich getötet
habe (außer den zwei oder
drei um der Schmetterlinge willen).
Da sie es ist, die ich
klagen oder sich rühmen gehört
habe oder auch
manchmal schweigen. Da es meine Rose
ist.«
Und er kam zum Fuchs zurück:
»Adieu«, sagte er...
»Adieu«, sagte der Fuchs.
»Hier mein Geheimnis. Es
ist ganz einfach: man sieht nur mit
dem Herzen gut. Das
Wesentliche ist für die Augen
unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die
Augen unsichtbar«,
wiederholte der kleine Prinz, um es
sich zu merken.
»Die Zeit, die du für deine Rose
verloren hast, sie
macht deine Rose so wichtig.«
»Die Zeit, die ich für meine
Rose verloren habe...«,
sagte der kleine Prinz, um es sich zu
merken.
»Die Menschen haben diese Wahrheit
vergessen«,
sagte der Fuchs. »Aber du
darfst sie nicht vergessen. Du
bist zeitlebens für das
verantwortlich, was du dir vertraut
gemacht hast. Du bist für deine
Rose verantwortlich...«
»Ich bin für meine Rose
verantwortlich...«,
wiederholte der kleine Prinz, um es
sich zu merken.
XXII
»Guten Tag«, sagte der
kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der
Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der
kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach
Tausenderpaketen«,
sagte der Weichensteller. »Ich
schicke die Züge, die sie
fortbringen, bald nach rechts, bald
nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug,
grollend wie der
Donner, machte das Weichenstellerhäuschen
erzittern.
»Sie haben es sehr eilig«,
sagte der kleine Prinz.
»Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß
es selbst
nicht«, sagte der
Weichensteller.
Und ein zweiter blitzender Schnellzug
donnerte
vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
»Sie kommen schon zurück?«
fragte der kleine
Prinz...
»Das sind nicht die gleichen«,
sagte der Weichen-
steller. »das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo
sie waren?«
»Man ist nie zufrieden dort, wo man
ist«, sagte der
Weichensteller.
Und es rollte der Donner eines dritten
funkelnden
Schnellzuges vorbei.
»Verfolgen diese die ersten Reisenden?«
fragte der
kleine Prinz.
»Sie verfolgen gar nichts«,
sagte der Weichensteller.
»Sie schlafen da drinnen, oder
sie gähnen auch. Nur die
Kinder drücken ihre Nasen gegen
die Fensterscheiben.«
»Nur die Kinder wissen, wohin sie
wollen«, sagte der
kleine Prinz. »Sie wenden ihre
Zeit an eine Puppe aus
Stoff-Fetzen, und die Puppe wird
ihnen sehr wertvoll,
und wenn man sie ihnen wegnimmt,
weinen sie...«
»Sie haben es gut«, sagte der
Weichensteller.
XXIII
»Guten Tag«, sagte der
kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen,
durststillenden
Pillen. Man schluckt jede Woche eine
und spürt
überhaupt kein Bedürfnis
mehr zu trinken.
»Warum verkaufst du das?«,
sagte der kleine Prinz.
»Das ist eine große
Zeitersparnis«, sagte der Händler.
»Die Sachverständigen
haben Berechnungen angestellt.
Man erspart dreiundfünfzig
Minuten in der Woche.«
»Und was macht man mit diesen
dreiundfünfzig
Minuten?«
»Man macht damit, was man will...«
»Wenn ich dreiundfünfzig Minuten
übrig hätte«, sagte
der kleine Prinz, »würde
ich ganz gemächlich zu einem
Brunnen laufen...«
XXIV
Es war am achten Tag nach meiner
Panne in der Wüste,
und ich hörte gerade die
Geschichte vom Pillenverkäufer,
als ich den letzten Tropfen meines
Wasservorrats trank.
»Ach«, sagte ich zum kleinen
Prinzen, »deine
Erinnerungen sind ganz hübsch,
aber ich habe mein
Flugzeug noch nicht repariert, habe
nichts mehr zu trinken
und wäre glücklich, wenn
ich auch ganz gemächlich zu
einem Brunnen gehen könnte!«
»Mein Freund, der Fuchs«, sagte
er...
»Mein kleines Kerlchen, es handelt
sich nicht mehr um
den Fuchs!«
»Warum?«
»Weil man vor Durst sterben wird...«
Er verstand meinen Einwand nicht, er
antwortete: »Es
ist gut, einen Freund gehabt zu haben,
selbst wenn man
sterben muß. Ich bin froh, daß
ich einen Fuchs zum
Freunde hatte...«
Er ermißt die Gefahr nicht, sagte ich
mir. Er hat nie
Hunger, nie Durst. Ein bißchen
Sonne genügt ihm... Aber
er sah mich an und antwortete auf
meine Gedanken:
»Ich habe auch Durst... suchen wir
einen Brunnen...«
Ich machte eine Gebärde der
Hoffnungslosigkeit; es ist
sinnlos, auf gut Glück in der
Endlosigkeit der Wüste einen
Brunnen zu suchen. Dennoch machten
wir uns auf den
Weg.
Als wir stundenlang schweigend
dahingezogen waren,
brach die Nacht herein, und die
Sterne begannen zu
leuchten. Ich sah sie wie im Traum.
Ich hatte ein wenig
Fieber vor Durst. Die Worte des
kleinen Prinzen tanzten
durch mein Bewußtsein.
»Du hast also auch Durst?«
fragte ich ihn.
Er antwortete nicht auf meine Frage. Er
sagte einfach:
»Wasser kann auch gut sein für
das Herz...«
Ich verstand seine Worte nicht, aber ich
schwieg... Ich
wußte gut, daß man ihn
nicht fragen durfte.
Er war müde. Er setzte sich. Ich
setzte mich neben ihn.
Und nach einem Schweigen sagte er
noch: »Die Sterne
sind schön, weil sie an eine
Blume erinnern, die man nicht
sieht...«
Ich antwortete: »Gewiß«
und betrachtete schweigend
die Falten des Sandes unter dem Mond.
»Die Wüste ist schön«,
fügte er hinzu...
Und das war wahr. Ich habe die Wüste
immer geliebt.
Man setzt sich auf eine Sanddüne.
Man sieht nichts. Man
hört nichts. Und währenddessen
strahlt etwas in der
Stille.
»Es macht die Wüste schön«,
sagt der kleine Prinz,
»daß sie irgendwo einen
Brunnen birgt.«
Ich war überrascht, dieses
geheimnisvolle Leuchten
des Sandes plötzlich zu
verstehen. Als ich ein kleiner
Junge war, wohnte ich in einem alten
Haus, und die Sage
erzählte, daß darin ein
Schatz versteckt sei. Gewiß, es
hat ihn nie jemand zu entdecken
vermocht, vielleicht hat
ihn nie jemand gesucht. Aber er
verzauberte dieses ganze
Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis
auf dem Grunde
seines Herzens...
»Ja«, sagte ich zum kleinen
Prinzen, »ob es sich um
das Haus, um die Sterne oder um die Wüste
handelt, was
ihre Schönheit ausmacht, ist
unsichtbar!«
»Ich bin froh«, sagte er,
»daß du mit meinem Fuchs
Übereinstimmst.«
Da der kleine Prinz einschlief, nahm ich
ihn in meine
Arme und machte mich wieder auf den
Weg.
Ich war bewegt. Mir war, als trüge ich
ein
zerbrechliches Kleinod. Es schien mir
sogar, als gäbe es
nichts Zerbrechlicheres auf der Erde.
Ich betrachtete im
Mondlicht diese blasse Stirn, diese
geschlossenen Augen,
diese im Winde zitternde Haarsträhne,
und ich sagte mir:
Was ich da sehe, ist nur eine Hülle.
Das Eigentliche ist
unsichtbar...
Da seine halbgeöffneten Lippen ein
halbes Lächeln
andeuteten, sagte ich mir auch: Was
mich an diesem
kleinen eingeschlafenen Prinzen so
sehr rührt, ist seine
Treue zu einer Blume, ist das Bild
einer Rose, das ihn
durchstrahlt wie eine Flamme einer
Lampe, selbst wenn
er schläft... Und er kam mir
noch zerbrechlicher vor als
bisher. Man muß die Lampe
sorgsam schützen: Ein
Windstoß kann sie zum Verlöschen
bringen... Und
während ich so weiterging,
entdeckte ich bei
Tagesanbruch den Brunnen.
XXV
»Die Leute«, sagte der
kleine Prinz, »schieben sich in die
Schnellzüge, aber sie wissen gar
nicht, wohin sie fahren
wollen. Nachher regen sie sich auf
und drehen sich im
Kreis...«
Und er fügte hinzu:
»Das ist nicht der Mühe wert...«
Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich
nicht den
Brunnen der Sahara. Die Brunnen der
Sahara sind
einfache, in den Sand gegrabene Löcher.
Dieser da glich
einem Dorfbrunnen. Aber es war
keinerlei Dorf da, und
ich glaubte zu träumen.
»Das ist merkwürdig«,
sagte ich zum kleinen Prinzen,
»alles ist bereit: die Winde,
der Kübel und das Seil...«
Er lachte, berührte das Seil, ließ
die Rolle spielen. Und
die Rolle knarrte wie ein altes
Windrad, wenn der Wind
lange geschlafen hat.
»Du hörst«, sagte der
kleine Prinz, »wir wecken diesen
Brunnen auf, und er singt...«
Ich wollte nicht, daß er sich abmühte:
»Laß mich das machen«,
sagte ich zu ihm, »das ist zu
schwer für dich.«
Langsam hob ich den Kübel bis zum
Brunnenrand. Ich
stellte ihn dort schön aufrecht.
In meinen Ohren war noch
immer der Gesang der Zugwinde, und im
Wasser, das
noch zitterte, sah ich die Sonne
zittern.
»Ich habe Durst nach diesem Wasser«,
sagte der
kleine Prinz, »gib mir zu
trinken...«
Und ich verstand, was er gesucht hatte. Ich
hob den
Kübel an seine Lippen. Er trank
mit geschlossenen
Augen. Das war süß wie ein
Fest. Dieses Wasser war
etwas ganz anderes als ein Trunk. Es
war entsprungen
aus dem Marsch unter den Sternen, aus
dem Gesang der
Rolle, aus der Mühe meiner Arme.
Es war gut fürs herz,
wie ein Geschenk. Genauso machten,
als ich ein Junge
war, die Lichter des Christbaums, die
Musik der
Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns
den
eigentlichen Glanz der Geschenke aus,
die ich erhielt.
»Die Menschen bei dir zu Hause«,
sagte der kleine
Prinz, »züchten fünftausend
Rosen in ein und demselben
Garten... und doch finden sie dort
nicht, was sie
suchen...«
»Sie finden es nicht«,
antwortete ich...
»Und dabei kann man das, was sie
suchen, in einer
einzigen Rose oder in einem bißchen
Wasser finden...«
»Ganz gewiß«, antwortete
ich.
Und der kleine Prinz fügte hinzu:
»Aber die Augen sind blind. Man muß
mit dem Herzen
suchen.«
Ich hatte getrunken. Es atmete
sich wieder gut. Der Sand
hat bei Tagesanbruch die Farbe des
Honigs. Auch über
diese Honigfarbe war ich glücklich.
Warum sollte ich mir
Sorgen machen...
»Du mußt dein Versprechen
halten«, sagte sanft der
kleine Prinz, der sich wieder zu mir
gesetzt hatte.
»Welches Versprechen?«
»Du weißt, einen Maulkorb für
mein Schaf... Ich bin
verantwortlich für diese Blume!«
Ich nahm meine Skizzen aus der Tasche. Der
kleine
Prinz sah sie und sagte lachend:
»Deine Affenbrotbäume schauen
ein bißchen wie
Kohlköpfe aus...«
»Oh!« Und ich war auf die
Affenbrotbäume so stolz
gewesen!
»Dein Fuchs... seine Ohren... sie
schauen ein wenig
wie Hörner aus... sie sind viel
zu lang!«
Und er lachte wieder.
»Du bist ungerecht, kleines Kerlchen,
ich konnte nichts
zeichnen als geschlossene und offene
Riesenschlangen!«
»Oh! Es wird schon gehen«,
sagte er, »die Kinder
wissen ja Bescheid.«
Ich kritzelte also einen Maulkorb hin. Und
das Herz
krampfte sich mir zusammen, als ich
ihn dem kleinen
Prinzen gab:
»Du hast Pläne, von denen ich
nichts weiß...«
Aber er antwortete nicht. Er sagte:
»Du weißt, mein Sturz auf die
Erde...Morgen wird es
ein Jahr sein...«
Dann, nach einem Schweigen, sagte er noch:
»Ich war ganz in der Nähe
heruntergefallen...« Und er
errötete.
Wieder fühlte ich einen merkwürdigen
Kummer, ohne
zu wissen warum. Indessen kam mir
eine Frage:
»Dann ist es kein Zufall, daß
du am Morgen, da ich
dich kennenlernte, vor acht Tagen, so
ganz allein, tausend
Meilen von allen bewohnten Gegenden
entfernt,
spazierengingst? Du kehrtest zu dem
Punkt zurück, wohin
du gefallen warst?«
Der kleine Prinz errötete noch mehr.
Und ich fügte zögernd hinzu:
»Vielleicht war es der
Jahrestag?...«
Von neuem errötete der kleine Prinz.
Er antwortete nie
auf die Fragen, aber wenn man errötet,
so bedeutet das
'ja', nicht wahr?
»Ach«, sagte ich, »ich
habe Angst!«
Aber er antwortete:
»Du mußt jetzt arbeiten. Du mußt
wieder zu deiner
Maschine zurückkehren. Ich
erwarte dich hier. Komm
morgen abend wieder...«
Aber ich war beunruhigt. Ich erinnerte mich
an den
Fuchs. Man läuft Gefahr, ein bißchen
zu weinen, wenn
man sich hat zähmen lassen...
XXVI
Neben dem Brunnen stand die Ruine
einer alten
Steinmauer. Als ich am nächsten
Abend von meiner
Arbeit zurückkam, sah ich von
weitem meinen kleinen
Prinzen da oben sitzen, mit herabhängenden
Beinen. Und
hörte ihn sprechen:
»Du erinnerst dich also nicht mehr?«
sagte er. »Es ist
nicht ganz genau hier!«
Zweifellos antwortete ihm eine andere
Stimme, da er
erwiderte:
»Doch! Doch! Es ist wohl der Tag,
aber nicht genau
der Ort...«
Ich setzte meinen Weg zur Mauer fort. Ich
sah und
hörte niemanden. Dennoch
erwiderte der kleine Prinz von
neuem:
»Gewiß. Du wirst sehen, wo
meine Spur im Sand
beginnt. Du brauchst mich nur dort zu
erwarten. Ich
werde heute nacht dort sein.«
Ich war zwanzig Meter von der Mauer
entfernt und
sah immer noch nichts. Der kleine
Prinz sagte noch, nach
einem kurzen Schweigen:
»Du hast gutes Gift? Bist du sicher,
daß du mich nicht
lange leiden läßt?«
Ich blieb stehen, und das Herz preßte
sich mir
zusammen, aber ich verstand noch
immer nicht.
»Jetzt geh weg«, sagte er,
»ich will hinunterspringen!«
Da richtete ich selbst den Blick auf den Fuß
der
Mauer, und ich machte einen Satz! Da
war, zum kleinen
Prinzen emporgereckt, eine dieser
gelben Schlangen, die
euch in dreißig Sekunden
erledigen... Ich wühlte in meiner
Tasche nach meinem Revolver und
begann zu laufen,
aber der Lärm, den ich machte,
ließ die Schlange sachte
in den Sand gleiten, wie ein
Wasserstrahl, der stirbt, und
ohne allzu große Eile schlüpfte
sie mit einem leichten
metallenen Klirren zwischen die
Steine.
Gerade rechtzeitig kam ich zur Mauer, um
mein kleines
Kerlchen von einem Prinzen in meinen
Armen
aufzufangen; er war bleich wie der
Schnee.
»Was sind das für Geschichten!
Du sprichst jetzt mit
Schlangen?!«
Ich hatte ihm sein ewiges gelbes Halstuch
abgenommen. Ich hatte ihm die Schläfen
genetzt und ihm
zu trinken gegeben. Und jetzt wagte
ich nicht, ihn weiter
zu fragen. Er schaute mich ernsthaft
an und legte seine
Arme um meinen Hals. Ich fühlte
sein Herz klopfen wie
das eines sterbenden Vogels, den man
mit der Flinte
geschossen hat. Er sagte zu mir:
»Ich bin froh, daß du gefunden
hast, was an deiner
Maschine fehlte. Du wirst nach Hause
zurückkehren
können...«
»Woher weißt du das?«
Ich hatte ihm gerade erzählen wollen,
daß mir gegen
alle Erwartungen meine Arbeit geglückt
sei!
Er antwortete nicht auf meine Frage, fuhr
aber fort:
»Auch ich werde heute nach Hause zurückkehren...«
Dann schwermütig:
»Das ist viel weiter... Das ist viel
schwieriger...«
Ich fühlte wohl, daß etwas Außergewöhnliches
vorging. Ich schloß ihn fest in
die Arme wie ein kleines
Kind, und doch schien es mir, als stürzte
er senkrecht in
einen Abgrund, ohne daß ich
imstande war, ihn
zurückzuhalten...
Sein Blick war ernst; er verlor sich in
weiter Ferne:
»Ich habe dein Schaf. Und ich habe
die Kiste für das
Schaf. Und ich habe den Maulkorb...«
Und er lächelte schwermütig.
Ich wartete lange. Ich fühlte, daß
er sich mehr und
mehr erwärmte:
»Kleines Kerlchen, du hast Angst
gehabt...«
Er hatte Angst gehabt, ganz gewiß!
Aber er lachte
sanft:
»Ich werde heute abend noch viel mehr
Angst
haben...«
Wieder lief es mir eisig über den Rücken
bei dem
Gefühl des Unabwendbaren. Diese
Lachen nie mehr zu
hören - ich begriff, daß
ich den Gedanken nicht ertrug. Es
war für mich wie ein Brunnen in
der Wüste.
»Kleines Kerlchen, ich will dich noch
lachen hören...«
Aber er sagte zu mir:
»Diese Nacht wird es ein Jahr. Mein
Stern wird sich
gerade über dem Ort befinden, wo
ich letztes Jahr
gelandet bin...«
»Kleines Kerlchen, ist sie nicht ein
böser Traum, diese
Geschichte mit der Schlange und der
Vereinbarung und
dem Stern...«
Aber er antwortete nicht auf meine Frage.
Er sagte:
»Was wichtig ist, sieht man nicht...«
»Gewiß...«
»Das ist wie mit der Blume. Wenn du
eine Blume
liebst, die auf einem Stern wohnt, so
ist es süß, bei Nacht
den Himmel zu betrachten. Alle Sterne
sind voll Blumen.«
»Gewiß...«
»Das ist wie mit dem Wasser. Was du
mir zu trinken
gabst, war wie Musik, die Winde und
das Seil... du
erinnerst dich... es war gut.«
»Gewiß...«
»Du wirst in der Nacht die Sterne
anschauen. Mein
Zuhause ist zu klein, um dir zeigen
zu können, wo es
umgeht. Es ist besser so. Mein Stern
wird für dich einer
der Sterne sein. Dann wirst du alle
Sterne gern
anschauen... Alle werden sie deine
Freunde sein. Und
dann werde ich dir ein Geschenk
machen...«
Er lachte noch.
»Ach! Kleines Kerlchen, kleines
Kerlchen! Ich höre
diese Lachen so gern!«
»Gerade das wird mein Geschenk
sein... Es wird sein
wie mit dem Wasser...«
»Was willst du sagen?«
»Die Leute haben Sterne, aber es sind
nicht die
gleichen. Für die einen, die
reisen, sind die Sterne Führer.
Für andere sind sie nichts als
kleine Lichter. Für wieder
andere, die Gelehrten, sind es
Probleme. Für meinen
Geschäftsmann waren sie Gold.
Aber alle diese Sterne
schweigen. Du, du wirst Sterne haben,
wie sie niemand
hat...«
»Was willst du sagen?«
»Wenn du bei Nacht den Himmel
anschaust, wird es
dir sein, als lachten alle Sterne,
weil ich auf einem von
ihnen wohne, weil ich auf einem von
ihnen lache. Du allein
wirst Sterne haben, die lachen können!«
Und er lachte wieder.
»Und wenn du dich getröstet hast
(man tröstet sich
immer), wirst du froh sein, mich
gekannt zu haben. Du
wirst immer mein Freund sein. Du
wirst Lust haben, mit
mir zu lachen. Und du wirst manchmal
dein Fenster
öffnen, gerade so, zum Vergnügen...
Und deine Freunde
werden sehr erstaunt sein, wenn sie
sehen, daß du den
Himmel anblickst und lachst. Dann
wirst du ihnen sagen:
'Ja, die Sterne, die bringen mich
immer zum Lachen!'
Und sie werden dich für verrückt
halten. Ich werde dir
einen hübschen Streich gespielt
haben...«
Und er lachte wieder.
»Es wird sein, als hätte ich dir
statt der Sterne eine
Menge kleiner Schellen geschenkt, die
lachen können...«
Und er lachte noch immer. Dann wurde er
wieder
ernst:
»Diese Nacht... weißt du...
komm nicht!«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
»Es wird so aussehen, als wäre
ich krank... ein
bißchen, als stürbe ich.
Das ist so. Komm nicht das
anschauen, es ist nicht der Mühe...«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
Aber er war voll Sorge.
»Ich sage dir das... auch wegen der
Schlange. Sie darf
dich nicht beißen... Die
Schlangen sind böse. Sie können
zum Vergnügen beißen...«
»Ich werde dich nicht verlassen.«
Aber etwas beruhigte ihn:
»Es ist wahr, sie haben für den
zweiten Biß kein Gift
mehr...«
Ich habe es nicht gesehen, wie er
sich in der Nacht auf
den Weg machte. Er war lautlos
entwischt. Als es mir
gelang, ihn einzuholen, marschierte
er mit raschem,
entschlossenem Schritt dahin.
Er sagte nur: »Ah, du bist da...«
Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte
sich
noch:
»Du hast nicht recht getan. Es wird
dir Schmerz
bereiten. Es wird aussehen, als wäre
ich tot, und das wird
nicht wahr sein...«
Ich schwieg.
»Du verstehst. Es ist zu weit. Ich
kann diesen Leib da
nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.«
Ich schwieg.
»Aber er wird daliegen wie eine alte
verlassene Hülle.
Man soll nicht traurig sein um solche
alten Hüllen...«
Ich schwieg.
Er verlor ein bißchen den Mut. Aber
er gab sich noch
Mühe:
»Weißt du, es wird allerliebst
sein. Auch ich werde die
Sterne anschauen. Alle Sterne werden
Brunnen sein mit
einer verrosteten Winde. Alle Sterne
werden mir zu
trinken geben...«
Ich schwieg.
»Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert
Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert
Millionen Brunnen haben...«
Und auch er schwieg, weil er weinte...
»Da ist es. Laß mich einen
Schritt ganz allein tun.« Und
er setzte sich, weil er Angst hatte.
Er sagte noch:
»Du weißt...meine Blume...ich
bin für sie
verantwortlich! Und sie ist so
schwach! Und sie ist so
kindlich. Sie hat vier Dornen, die
nicht taugen, sie gegen
die Welt zu schützen...«
Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr
aufrecht
halten konnte.
Er sagte:
»Hier... Das ist alles...«
Er zögerte noch ein bißchen,
dann erhob er sich. Er tat
einen Schritt. Ich konnte mich nicht
rühren. Es war nichts
als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel.
Er blieb einen
Augenblick reglos. Er schrie nicht.
Er fiel sachte, wie ein
Blatt fällt. Ohne das leiseste
Geräusch fiel er in den Sand.
XXVII
Und jetzt sind es gewiß
schon wieder sechs Jahre her...
Ich habe diese Geschichte noch nie
erzählt. Die
Kameraden, die mich wiedergesehen
haben, waren froh,
mich lebend wiederzusehen. Ich war
traurig, aber ich
sagte zu ihnen: Das ist die Erschöpfung...
Jetzt habe ich mich ein bißchen getröstet.
Das heißt...
nicht ganz. Aber ich weiß gut,
er ist auf seinen Planeten
zurückgekehrt, denn bei
Tagesanbruch habe ich seinen
Körper nicht wiedergefunden. Es
war kein so schwerer
Körper... Und ich liebe es, des
Nachts den Sternen
zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert
Millionen
Glöckchen...
Aber nun geschieht etwas Außergewöhnliches.
Ich habe vergessen, an den Maulkorb, den
ich für den
kleinen Prinzen gezeichnet habe,
einen Lederriemen zu
machen! Es wird ihm nie gelungen
sein, ihn dem Schaf
anzulegen. So frage ich mich: Was hat
sich auf dem
Planeten wohl ereignet? Vielleicht
hat das Schaf doch die
Blume gefressen...
Das eine Mal sage ich mir: Bestimmt nicht!
Der kleine
Prinz deckt seine Blume jede Nacht
mit seinem Glassturz
zu, und er gibt auf sein Schaf gut
acht. Dann bin ich
glücklich. Und alle Sterne
lachen leise.
Dann wieder sage ich mir: Man ist das eine
oder das
andere Mal zerstreut, und das genügt!
Er hat eines
Abends die Glasglocke vergessen, oder
das Schaf ist
eines Nachts lautlos entwichen...
Dann verwandeln sich
die Schellen alle in Tränen!...
Das ist ein sehr großes
Geheimnis. Für euch, die ihr den
kleinen Prinzen auch liebt, wie für
mich, kann nichts auf
der Welt unberührt bleiben, wenn
irgendwo, man weiß
nicht wo, ein Schaf, das wir nicht
kennen, eine Rose
vielleicht gefressen hat oder
vielleicht nicht gefressen
hat...
Schaut den Himmel an. Fragt euch: Hat das
Schaf die
Blume gefressen oder nicht? Ja oder
nein? Und ihr
werdet sehen, wie sich alles
verwandelt...
Aber keiner von den großen Leuten
wird jemals
verstehen, daß das eine so große
Bedeutung hat!
Das ist für mich die schönste und
traurigste Landschaft
der Welt. Es ist die gleiche
Landschaft wie auf der
vorletzten Seite, aber ich habe sie
nochmals
hergezeichnet, um sie euch ganz
deutlich zu machen. Hier
ist der kleine Prinz auf der Erde
erschienen und wieder
verschwunden. Schaut diese Landschaft
genau an, damit
ihr sie sicher wiedererkennt, wenn
ihr eines Tages durch
die afrikanische Wüste reist.
Und wenn ihr zufällig da
vorbeikommt, eilt nicht weiter, ich
flehe euch an - wartet
ein bißchen, gerade unter dem
Stern! Wenn dann ein
Kind auf euch zukommt, wenn es lacht,
wenn es
goldenes Haar hat, wenn es nicht
antwortet, so man es
fragt, dann werdet ihr wohl erraten,
wer es ist. Dann seid
so gut und laßt mich nicht
weiter so traurig sein: schreibt
mir schnell, wenn er wieder da ist...
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Quellen: Hannover Universitaet
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