Antoine de Saint-Exupery, "Der kleine Prinz"
Kapital XVII-XXVII

Quellen: Hannover Universitaet

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XVII

       Will man geistreich sein, dann kommt es vor, daß man ein
       bißchen aufschneidet. Ich war nicht ganz aufrichtig, als ich
       euch von den Laternenanzündern erzählte. Ich laufe
       Gefahr, denen, die unseren Planeten nicht kennen, ein
       falsches Bild von ihm zu geben. Die Menschen benutzen
       nur sehr wenig Raum auf der Erde. Wenn die zwei
       Milliarden Einwohner, die die Erde bevölkern, sich
       aufrecht und ein bißchen gedrängt hinstellten, wie bei
       einer Volksversammlung etwa, kämen sie auf einem
       öffentlichen Platz von zwanzig Meilen Länge und zwanzig
       Meilen Breite leicht unter. Man könnte die Menschheit
       auf der geringsten kleinen Insel des Pazifischen Ozeans
       zusammenpferchen.
      Die großen Leute werden Euch das freilich nicht
       glauben. Sie bilden sich ein, viel Platz zu brauchen. Sie
       nehmen sich wichtig wie Affenbrotbäume. Gebt ihnen
       also den Rat, sich��s auszurechnen. Sie beten die Zahlen
       an, das wird ihnen gefallen. Aber ihr sollt Eure Zeit nicht
       damit verlieren. Es ist zwecklos. Ihr habt Vertrauen zu
       mir.
      Einmal auf der Erde, wunderte sich der kleine Prinz,
       niemanden zu sehen. Er fürchtete schon, sich im Planeten
       geirrt zu haben, als ein mondfarbener Ring sich im Sande
       bewegte.
      »Gute Nacht«, sagte der kleine Prinz aufs Geratewohl.

      »Gute Nacht«, sagte die Schlange.
      »Auf welchen Planeten bin ich gefallen?« fragte der
       kleine Prinz.
      »Auf die Erde, du bist in Afrika«, antwortete die
       Schlange.
      »Ah! ... es ist also niemand auf der Erde?«
      »Hier ist die Wüste. In den Wüsten ist niemand. Die
       Erde ist groß« sagte die Schlange.
      Der kleine Prinz setzte sich auf einen Stein und hob die
       Augen zum Himmel.
      »Ich frage mich«, sagte er, »ob die Sterne leuchten,
       damit jeder eines Tages den seinen wiederfinden kann.
       Schau meinen Planeten an. Er steht gerade über uns...
       Aber wie weit ist er fort!«
      »Er ist schön«, sagte die Schlange. »Was willst Du hier
       machen?«
      »Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume«, sagte der
       kleine Prinz.
      »Ah!« sagte die Schlange.
      Und sie schwiegen.
      »Wo sind die Menschen?« fuhr der kleine Prinz
       endlich fort. »Man ist ein bißchen einsam in der Wüste...«

      »Man ist auch bei den Menschen einsam«, sagte die
       Schlange.
      Der kleine Prinz sah sie lange an.
      »Du bist ein drolliges Tier«, sagte er schließlich, »dünn
       wie ein Finger...«
      »Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs«,
       sagte die Schlange.
      Der kleine Prinz mußte lächeln.
      »Du bist nicht sehr mächtig ... Du hast nicht einmal
       Füße ... Du kannst nicht einmal reisen ...«
      »Ich kann Dich weiter bringen als ein Schiff«, sagte die
       Schlange. Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen
       Prinzen wie ein goldenes Armband.
      »Wen ich berühre, den gebe ich der Erde zurück, aus
       der er hervorgegangen ist«, sagte sie noch. »Aber Du bist
       rein, du kommst von einem Stern...«
      Der keine Prinz antwortete nichts.
      »Du tust mir leid auf dieser Erde aus Granit, du, der du
       so schwach bist. Ich kann dir eines Tages helfen, wenn
       Du dich zu sehr nach Deinem Planeten sehnst. Ich kann
       ...«
      »Oh, ich habe sehr gut verstanden« sagte der kleine
       Prinz, »aber warum sprichst Du immer in Rätseln?«
      »Ich löse sie alle«, sagte die Schlange.
      Und sie schwiegen.

XVIII

       Der kleine Prinz durchquerte die Wüste und begegnete
       nur einer Blume mit drei Blütenblättern, einer ganz
       armseligen Blume...
      »Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
      »Guten Tag«, sagte die Blume.
      »Wo sind die Menschen?« fragte höflich der kleine
       Prinz.
      Die Blume hatte eines Tages eine Karawane
       vorüberziehen sehen.
      »Die Menschen? Es gibt, glaube ich, sechs oder
       sieben. Ich habe sie vor Jahren gesehen. Aber man weiß
       nie, wo sie zu finden sind. Der Wind verweht sie. Es
       fehlen ihnen die Wurzeln, das ist sehr übel für sie.«
      »Adieu«, sagte der kleine Prinz
      »Adieu«, sagte die Blume.
 

XIX

       Der kleine Prinz stieg auf einen hohen Berg. Die einzigen
       Berge, die er kannte, waren die drei Vulkane, und sie
       reichten nur bis an die Knie, und den erloschenen Vulkan
       benutze er als Schemel.
      Von einem Berg so hoch wie der da, sagte er sich,
       werde ich mit einemmal den ganzen Planeten und alle
       Menschen sehen... Aber er sah nichts als die Nadeln
       spitziger Felsen.
      »Guten Tag«, sagte er aufs Geratewohl.
      »Guten Tag... Guten Tag... Guten Tag...«, antwortete
       das Echo.
      »Wer bist Du?«, sagte der kleine Prinz.
      »Wer bist Du... Wer bist Du... Wer bist Du...?«,
       antwortete das Echo.
      »Seid meine Freunde, ich bin allein«, sagte er.
      »Ich bin allein... allein... allein...«antwortete das Echo.
      Was für ein merkwürdiger Planet! dachte er da. Er ist
       ganz trocken, voller Spitzen und ganz salzig. Und den
       Menschen fehlt es an Phantasie. Sie wiederholen, was
       man ihnen sagt... Zu Hause hatte ich eine Blume: Sie
       sprach immer zuerst...
 

XX

       Aber nachdem der kleine Prinz lange über den Sand, die
       Felsen und den Schnee gewandert war, geschah es, daß
       er endlich eine Straße entdeckte. Und die Straßen führen
       zu Menschen.
      »Guten Tag«, sagte er.
      Da war ein blühender Rosengarten.
      »Guten Tag«, sagten die Rosen.
      Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen alle seiner
       Blume.
      »Wer seid ihr?« fragte er sie höchst erstaunt.
      »Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.
      »Ach!« sagte der kleine Prinz...
      Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte
       ihm erzählt, daß sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art
       sei. Und siehe!, da waren fünftausend davon, alle gleich,
       in einem einzigen Garten!
      Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe, sagte er sich...
       Sie würde fürchterlich husten und so tun, als stürbe sie,
       um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müßte wohl
       so tun, als pflegte ich sie, denn sonst ließe ich sie wirklich
       sterben, um auch mich zu beschämen...
      Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich sei reich
       durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine
       gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir
       bis ans Knie reichen und von denen einer vielleicht für
       immer verloschen ist, das macht aus mir keinen sehr
       großen Prinzen... Und er warf sich ins Gras und weinte.
 

XXI

       In diesem Augenblick erschien der Fuchs:
      »Guten Tag«, sagte der Fuchs.
      »Guten Tag«, antwortete höflich der kleine Prinz, der
       sich umdrehte, aber nichts sah.
      »Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter dem
       Apfelbaum...«
      »Wer bist du?« sagte der kleine Prinz. »Du bist sehr
       hübsch...«
      »Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.
      »Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine
       Prinz vor. »Ich bin so traurig...«
      »Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich
       bin noch nicht gezähmt!«
      »Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.
      Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
      »Was bedeutet das: 'zähmen'?'«
      »Du bist nicht von hier, sagte der Fuchs, »was suchst
       du?«
      »Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz.
       »Was bedeutet 'zähmen'?«
      »Die Menschen«, sagte der Fuchs, »die haben
       Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen
       auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du
       suchst Hühner?«
      »Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde.
       Was heißt 'zähmen'?«
      »Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte
       der Fuchs. »Es bedeutet: sich 'vertraut machen'.«
      »Vertraut machen?«
      »Gewiß«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch
       nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen
       Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du
       brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein
       Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn
       du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du
       wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich
       einzig sein in der Welt...«
      »Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz.
       »Es gibt eine Blume... ich glaube, sie hat mich
       gezähmt...«
      »Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf
       der Erde alle möglichen Dinge...«
      »Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte der kleine
       Prinz.
      Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
      »Auf einem anderen Planeten?«
      »Ja.«
      »Gibt es Jäger auf diesem Planeten?«
      »Nein.«
      »Das ist interessant! Und Hühner?«
      »Nein.«
      »Nichts ist vollkommen!« seufzte der Fuchs.
      Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:
      »Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die
       Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander,
       und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich
       also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein
       Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines
       Schrittes kennen, der sich von allen andern
       unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die
       Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau
       locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die
       Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der
       Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an
       nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes
       Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal
       gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an
       dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes
       im Getreide liebgewinnen.«
      Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange
       an:
      »Bitte... zähme mich!« sagte er.
      »Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz,
       »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muß Freunde finden
       und viele Dinge kennenlernen.«
      »Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der
       Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend
       etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den
       Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde
       gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du
       einen Freund willst, so zähme mich!«
      »Was muß ich da tun?« sagte der kleine Prinz.
      »Du mußt sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs.
       »Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras.
       Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel
       anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist
       die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst
       du dich ein bißchen näher setzen können...«
      Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
      »Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben
       Stunde wiedergekommen«, sagte der Fuchs. »Wenn du
       zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich
       um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit
       vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um
       vier Uhr werde ich mich schon aufregen und
       beunruhigen; ich werde erfahre, wie teuer das Glück ist.
       Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen,
       wann mein Herz da sein soll... Es muß feste Bräuche
       geben.«
      »Was heißt 'fester Brauch'?«, sagte der kleine Prinz.
      »Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«, sagte der
       Fuchs. »Es ist das, was einen Tag vom andern
       unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es
       gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie
       tanzen am Donnerstag mit dem Mädchen des Dorfes.
       Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe
       bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger
       irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage
       alle gleich und ich hätte niemals Ferien.«
      So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich
       vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
      »Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
      »Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich
       wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, daß ich
       dich zähme...«
      »Gewiß«, sagte der Fuchs.
      »Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.
      »Bestimmt«, sagte der Fuchs.
      »So hast du nichts gewonnen!«
      »Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens
       gewonnen.«
      Dann fügte er hinzu:
      »Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst
       begreifen, daß die deine einzig ist in der Welt.
      Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich
       werde dir ein Geheimnis schenken.«
 
 

       Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen:
      »Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch
       nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch
       vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem
       vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war
       nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich
       habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er
       einzig in der Welt.«
      Und die Rosen waren sehr beschämt.
      »Ihr seid schön, aber ihr sein leer«, sagte er noch.
       »Man kann für euch nicht sterben. Gewiß, ein
       Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine
       Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als
       ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist,
       die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist,
       die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es
       ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder
       drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich
       klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch
       manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«
 
 

       Und er kam zum Fuchs zurück:
      »Adieu«, sagte er...
      »Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es
       ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das
       Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
      »Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«,
       wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
      »Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie
       macht deine Rose so wichtig.«
      »Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe...«,
       sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
      »Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«,
       sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du
       bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut
       gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich...«
      »Ich bin für meine Rose verantwortlich...«,
       wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
 
 

XXII

       »Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
      »Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
      »Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
      »Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«,
       sagte der Weichensteller. »Ich schicke die Züge, die sie
       fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
      Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der
       Donner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern.
      »Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz.
       »Wohin wollen sie?«
      »Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst
       nicht«, sagte der Weichensteller.
      Und ein zweiter blitzender Schnellzug donnerte
       vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
      »Sie kommen schon zurück?« fragte der kleine
       Prinz...
      »Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichen-
       steller. »das wechselt.«
      »Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
      »Man ist nie zufrieden dort, wo man ist«, sagte der
       Weichensteller.
      Und es rollte der Donner eines dritten funkelnden
       Schnellzuges vorbei.
      »Verfolgen diese die ersten Reisenden?« fragte der
       kleine Prinz.
      »Sie verfolgen gar nichts«, sagte der Weichensteller.
       »Sie schlafen da drinnen, oder sie gähnen auch. Nur die
       Kinder drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheiben.«

      »Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen«, sagte der
       kleine Prinz. »Sie wenden ihre Zeit an eine Puppe aus
       Stoff-Fetzen, und die Puppe wird ihnen sehr wertvoll,
       und wenn man sie ihnen wegnimmt, weinen sie...«
      »Sie haben es gut«, sagte der Weichensteller.
 

XXIII

       »Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
      »Guten Tag«, sagte der Händler.
      Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden
       Pillen. Man schluckt jede Woche eine und spürt
       überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken.
      »Warum verkaufst du das?«, sagte der kleine Prinz.
      »Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler.
       »Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt.
       Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
      »Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig
       Minuten?«
      »Man macht damit, was man will...«
      »Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte
       der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem
       Brunnen laufen...«
 

XXIV

       Es war am achten Tag nach meiner Panne in der Wüste,
       und ich hörte gerade die Geschichte vom Pillenverkäufer,
       als ich den letzten Tropfen meines Wasservorrats trank.
      »Ach«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »deine
       Erinnerungen sind ganz hübsch, aber ich habe mein
       Flugzeug noch nicht repariert, habe nichts mehr zu trinken
       und wäre glücklich, wenn ich auch ganz gemächlich zu
       einem Brunnen gehen könnte!«
      »Mein Freund, der Fuchs«, sagte er...
      »Mein kleines Kerlchen, es handelt sich nicht mehr um
       den Fuchs!«
      »Warum?«
      »Weil man vor Durst sterben wird...«
      Er verstand meinen Einwand nicht, er antwortete: »Es
       ist gut, einen Freund gehabt zu haben, selbst wenn man
       sterben muß. Ich bin froh, daß ich einen Fuchs zum
       Freunde hatte...«
      Er ermißt die Gefahr nicht, sagte ich mir. Er hat nie
       Hunger, nie Durst. Ein bißchen Sonne genügt ihm... Aber
       er sah mich an und antwortete auf meine Gedanken:
      »Ich habe auch Durst... suchen wir einen Brunnen...«
      Ich machte eine Gebärde der Hoffnungslosigkeit; es ist
       sinnlos, auf gut Glück in der Endlosigkeit der Wüste einen
       Brunnen zu suchen. Dennoch machten wir uns auf den
       Weg.
 
 

       Als wir stundenlang schweigend dahingezogen waren,
       brach die Nacht herein, und die Sterne begannen zu
       leuchten. Ich sah sie wie im Traum. Ich hatte ein wenig
       Fieber vor Durst. Die Worte des kleinen Prinzen tanzten
       durch mein Bewußtsein.
      »Du hast also auch Durst?« fragte ich ihn.
      Er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte einfach:
      »Wasser kann auch gut sein für das Herz...«
      Ich verstand seine Worte nicht, aber ich schwieg... Ich
       wußte gut, daß man ihn nicht fragen durfte.
      Er war müde. Er setzte sich. Ich setzte mich neben ihn.
       Und nach einem Schweigen sagte er noch: »Die Sterne
       sind schön, weil sie an eine Blume erinnern, die man nicht
       sieht...«
      Ich antwortete: »Gewiß« und betrachtete schweigend
       die Falten des Sandes unter dem Mond.
      »Die Wüste ist schön«, fügte er hinzu...
      Und das war wahr. Ich habe die Wüste immer geliebt.
       Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man
       hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der
       Stille.
      »Es macht die Wüste schön«, sagt der kleine Prinz,
       »daß sie irgendwo einen Brunnen birgt.«
      Ich war überrascht, dieses geheimnisvolle Leuchten
       des Sandes plötzlich zu verstehen. Als ich ein kleiner
       Junge war, wohnte ich in einem alten Haus, und die Sage
       erzählte, daß darin ein Schatz versteckt sei. Gewiß, es
       hat ihn nie jemand zu entdecken vermocht, vielleicht hat
       ihn nie jemand gesucht. Aber er verzauberte dieses ganze
       Haus. Mein Haus barg ein Geheimnis auf dem Grunde
       seines Herzens...
      »Ja«, sagte ich zum kleinen Prinzen, »ob es sich um
       das Haus, um die Sterne oder um die Wüste handelt, was
       ihre Schönheit ausmacht, ist unsichtbar!«
      »Ich bin froh«, sagte er, »daß du mit meinem Fuchs
       Übereinstimmst.«
      Da der kleine Prinz einschlief, nahm ich ihn in meine
       Arme und machte mich wieder auf den Weg.
      Ich war bewegt. Mir war, als trüge ich ein
       zerbrechliches Kleinod. Es schien mir sogar, als gäbe es
       nichts Zerbrechlicheres auf der Erde. Ich betrachtete im
       Mondlicht diese blasse Stirn, diese geschlossenen Augen,
       diese im Winde zitternde Haarsträhne, und ich sagte mir:
       Was ich da sehe, ist nur eine Hülle. Das Eigentliche ist
       unsichtbar...
      Da seine halbgeöffneten Lippen ein halbes Lächeln
       andeuteten, sagte ich mir auch: Was mich an diesem
       kleinen eingeschlafenen Prinzen so sehr rührt, ist seine
       Treue zu einer Blume, ist das Bild einer Rose, das ihn
       durchstrahlt wie eine Flamme einer Lampe, selbst wenn
       er schläft... Und er kam mir noch zerbrechlicher vor als
       bisher. Man muß die Lampe sorgsam schützen: Ein
       Windstoß kann sie zum Verlöschen bringen... Und
       während ich so weiterging, entdeckte ich bei
       Tagesanbruch den Brunnen.
 

XXV

       »Die Leute«, sagte der kleine Prinz, »schieben sich in die
       Schnellzüge, aber sie wissen gar nicht, wohin sie fahren
       wollen. Nachher regen sie sich auf und drehen sich im
       Kreis...«
      Und er fügte hinzu:
      »Das ist nicht der Mühe wert...«
      Der Brunnen, den wir erreicht hatten, glich nicht den
       Brunnen der Sahara. Die Brunnen der Sahara sind
       einfache, in den Sand gegrabene Löcher. Dieser da glich
       einem Dorfbrunnen. Aber es war keinerlei Dorf da, und
       ich glaubte zu träumen.
      »Das ist merkwürdig«, sagte ich zum kleinen Prinzen,
       »alles ist bereit: die Winde, der Kübel und das Seil...«
      Er lachte, berührte das Seil, ließ die Rolle spielen. Und
       die Rolle knarrte wie ein altes Windrad, wenn der Wind
       lange geschlafen hat.
      »Du hörst«, sagte der kleine Prinz, »wir wecken diesen
       Brunnen auf, und er singt...«
      Ich wollte nicht, daß er sich abmühte:
      »Laß mich das machen«, sagte ich zu ihm, »das ist zu
       schwer für dich.«
      Langsam hob ich den Kübel bis zum Brunnenrand. Ich
       stellte ihn dort schön aufrecht. In meinen Ohren war noch
       immer der Gesang der Zugwinde, und im Wasser, das
       noch zitterte, sah ich die Sonne zittern.
      »Ich habe Durst nach diesem Wasser«, sagte der
       kleine Prinz, »gib mir zu trinken...«
      Und ich verstand, was er gesucht hatte. Ich hob den
       Kübel an seine Lippen. Er trank mit geschlossenen
       Augen. Das war süß wie ein Fest. Dieses Wasser war
       etwas ganz anderes als ein Trunk. Es war entsprungen
       aus dem Marsch unter den Sternen, aus dem Gesang der
       Rolle, aus der Mühe meiner Arme. Es war gut fürs herz,
       wie ein Geschenk. Genauso machten, als ich ein Junge
       war, die Lichter des Christbaums, die Musik der
       Weihnachtsmette, die Sanftmut des Lächelns den
       eigentlichen Glanz der Geschenke aus, die ich erhielt.
      »Die Menschen bei dir zu Hause«, sagte der kleine
       Prinz, »züchten fünftausend Rosen in ein und demselben
       Garten... und doch finden sie dort nicht, was sie
       suchen...«
      »Sie finden es nicht«, antwortete ich...
      »Und dabei kann man das, was sie suchen, in einer
       einzigen Rose oder in einem bißchen Wasser finden...«
      »Ganz gewiß«, antwortete ich.
      Und der kleine Prinz fügte hinzu:
      »Aber die Augen sind blind. Man muß mit dem Herzen
       suchen.«
 
 

       Ich hatte getrunken. Es atmete sich wieder gut. Der Sand
       hat bei Tagesanbruch die Farbe des Honigs. Auch über
       diese Honigfarbe war ich glücklich. Warum sollte ich mir
       Sorgen machen...
      »Du mußt dein Versprechen halten«, sagte sanft der
       kleine Prinz, der sich wieder zu mir gesetzt hatte.
      »Welches Versprechen?«
      »Du weißt, einen Maulkorb für mein Schaf... Ich bin
       verantwortlich für diese Blume!«
      Ich nahm meine Skizzen aus der Tasche. Der kleine
       Prinz sah sie und sagte lachend:
      »Deine Affenbrotbäume schauen ein bißchen wie
       Kohlköpfe aus...«
      »Oh!« Und ich war auf die Affenbrotbäume so stolz
       gewesen!
      »Dein Fuchs... seine Ohren... sie schauen ein wenig
       wie Hörner aus... sie sind viel zu lang!«
      Und er lachte wieder.
      »Du bist ungerecht, kleines Kerlchen, ich konnte nichts
       zeichnen als geschlossene und offene Riesenschlangen!«
      »Oh! Es wird schon gehen«, sagte er, »die Kinder
       wissen ja Bescheid.«
      Ich kritzelte also einen Maulkorb hin. Und das Herz
       krampfte sich mir zusammen, als ich ihn dem kleinen
       Prinzen gab:
      »Du hast Pläne, von denen ich nichts weiß...«
      Aber er antwortete nicht. Er sagte:
      »Du weißt, mein Sturz auf die Erde...Morgen wird es
       ein Jahr sein...«
      Dann, nach einem Schweigen, sagte er noch:
      »Ich war ganz in der Nähe heruntergefallen...« Und er
       errötete.
      Wieder fühlte ich einen merkwürdigen Kummer, ohne
       zu wissen warum. Indessen kam mir eine Frage:
      »Dann ist es kein Zufall, daß du am Morgen, da ich
       dich kennenlernte, vor acht Tagen, so ganz allein, tausend
       Meilen von allen bewohnten Gegenden entfernt,
       spazierengingst? Du kehrtest zu dem Punkt zurück, wohin
       du gefallen warst?«
      Der kleine Prinz errötete noch mehr.
      Und ich fügte zögernd hinzu: »Vielleicht war es der
       Jahrestag?...«
      Von neuem errötete der kleine Prinz. Er antwortete nie
       auf die Fragen, aber wenn man errötet, so bedeutet das
       'ja', nicht wahr?
      »Ach«, sagte ich, »ich habe Angst!«
      Aber er antwortete:
      »Du mußt jetzt arbeiten. Du mußt wieder zu deiner
       Maschine zurückkehren. Ich erwarte dich hier. Komm
       morgen abend wieder...«
      Aber ich war beunruhigt. Ich erinnerte mich an den
       Fuchs. Man läuft Gefahr, ein bißchen zu weinen, wenn
       man sich hat zähmen lassen...
 

XXVI

       Neben dem Brunnen stand die Ruine einer alten
       Steinmauer. Als ich am nächsten Abend von meiner
       Arbeit zurückkam, sah ich von weitem meinen kleinen
       Prinzen da oben sitzen, mit herabhängenden Beinen. Und
       hörte ihn sprechen:
      »Du erinnerst dich also nicht mehr?« sagte er. »Es ist
       nicht ganz genau hier!«
      Zweifellos antwortete ihm eine andere Stimme, da er
       erwiderte:
      »Doch! Doch! Es ist wohl der Tag, aber nicht genau
       der Ort...«
      Ich setzte meinen Weg zur Mauer fort. Ich sah und
       hörte niemanden. Dennoch erwiderte der kleine Prinz von
       neuem:
      »Gewiß. Du wirst sehen, wo meine Spur im Sand
       beginnt. Du brauchst mich nur dort zu erwarten. Ich
       werde heute nacht dort sein.«
      Ich war zwanzig Meter von der Mauer entfernt und
       sah immer noch nichts. Der kleine Prinz sagte noch, nach
       einem kurzen Schweigen:
      »Du hast gutes Gift? Bist du sicher, daß du mich nicht
       lange leiden läßt?«
      Ich blieb stehen, und das Herz preßte sich mir
       zusammen, aber ich verstand noch immer nicht.
      »Jetzt geh weg«, sagte er, »ich will hinunterspringen!«
      Da richtete ich selbst den Blick auf den Fuß der
       Mauer, und ich machte einen Satz! Da war, zum kleinen
       Prinzen emporgereckt, eine dieser gelben Schlangen, die
       euch in dreißig Sekunden erledigen... Ich wühlte in meiner
       Tasche nach meinem Revolver und begann zu laufen,
       aber der Lärm, den ich machte, ließ die Schlange sachte
       in den Sand gleiten, wie ein Wasserstrahl, der stirbt, und
       ohne allzu große Eile schlüpfte sie mit einem leichten
       metallenen Klirren zwischen die Steine.
      Gerade rechtzeitig kam ich zur Mauer, um mein kleines
       Kerlchen von einem Prinzen in meinen Armen
       aufzufangen; er war bleich wie der Schnee.
      »Was sind das für Geschichten! Du sprichst jetzt mit
       Schlangen?!«
      Ich hatte ihm sein ewiges gelbes Halstuch
       abgenommen. Ich hatte ihm die Schläfen genetzt und ihm
       zu trinken gegeben. Und jetzt wagte ich nicht, ihn weiter
       zu fragen. Er schaute mich ernsthaft an und legte seine
       Arme um meinen Hals. Ich fühlte sein Herz klopfen wie
       das eines sterbenden Vogels, den man mit der Flinte
       geschossen hat. Er sagte zu mir:
      »Ich bin froh, daß du gefunden hast, was an deiner
       Maschine fehlte. Du wirst nach Hause zurückkehren
       können...«
      »Woher weißt du das?«
      Ich hatte ihm gerade erzählen wollen, daß mir gegen
       alle Erwartungen meine Arbeit geglückt sei!
      Er antwortete nicht auf meine Frage, fuhr aber fort:
      »Auch ich werde heute nach Hause zurückkehren...«
      Dann schwermütig:
      »Das ist viel weiter... Das ist viel schwieriger...«
      Ich fühlte wohl, daß etwas Außergewöhnliches
       vorging. Ich schloß ihn fest in die Arme wie ein kleines
       Kind, und doch schien es mir, als stürzte er senkrecht in
       einen Abgrund, ohne daß ich imstande war, ihn
       zurückzuhalten...
      Sein Blick war ernst; er verlor sich in weiter Ferne:
      »Ich habe dein Schaf. Und ich habe die Kiste für das
       Schaf. Und ich habe den Maulkorb...«
      Und er lächelte schwermütig.
      Ich wartete lange. Ich fühlte, daß er sich mehr und
       mehr erwärmte:
      »Kleines Kerlchen, du hast Angst gehabt...«
      Er hatte Angst gehabt, ganz gewiß! Aber er lachte
       sanft:
      »Ich werde heute abend noch viel mehr Angst
       haben...«
      Wieder lief es mir eisig über den Rücken bei dem
       Gefühl des Unabwendbaren. Diese Lachen nie mehr zu
       hören - ich begriff, daß ich den Gedanken nicht ertrug. Es
       war für mich wie ein Brunnen in der Wüste.
      »Kleines Kerlchen, ich will dich noch lachen hören...«
      Aber er sagte zu mir:
      »Diese Nacht wird es ein Jahr. Mein Stern wird sich
       gerade über dem Ort befinden, wo ich letztes Jahr
       gelandet bin...«
      »Kleines Kerlchen, ist sie nicht ein böser Traum, diese
       Geschichte mit der Schlange und der Vereinbarung und
       dem Stern...«
      Aber er antwortete nicht auf meine Frage. Er sagte:
      »Was wichtig ist, sieht man nicht...« »Gewiß...«
      »Das ist wie mit der Blume. Wenn du eine Blume
       liebst, die auf einem Stern wohnt, so ist es süß, bei Nacht
       den Himmel zu betrachten. Alle Sterne sind voll Blumen.«

      »Gewiß...«
      »Das ist wie mit dem Wasser. Was du mir zu trinken
       gabst, war wie Musik, die Winde und das Seil... du
       erinnerst dich... es war gut.«
      »Gewiß...«
      »Du wirst in der Nacht die Sterne anschauen. Mein
       Zuhause ist zu klein, um dir zeigen zu können, wo es
       umgeht. Es ist besser so. Mein Stern wird für dich einer
       der Sterne sein. Dann wirst du alle Sterne gern
       anschauen... Alle werden sie deine Freunde sein. Und
       dann werde ich dir ein Geschenk machen...«
      Er lachte noch.
      »Ach! Kleines Kerlchen, kleines Kerlchen! Ich höre
       diese Lachen so gern!«
      »Gerade das wird mein Geschenk sein... Es wird sein
       wie mit dem Wasser...«
      »Was willst du sagen?«
      »Die Leute haben Sterne, aber es sind nicht die
       gleichen. Für die einen, die reisen, sind die Sterne Führer.
       Für andere sind sie nichts als kleine Lichter. Für wieder
       andere, die Gelehrten, sind es Probleme. Für meinen
       Geschäftsmann waren sie Gold. Aber alle diese Sterne
       schweigen. Du, du wirst Sterne haben, wie sie niemand
       hat...«
      »Was willst du sagen?«
      »Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es
       dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von
       ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein
       wirst Sterne haben, die lachen können!«
      Und er lachte wieder.
      »Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich
       immer), wirst du froh sein, mich gekannt zu haben. Du
       wirst immer mein Freund sein. Du wirst Lust haben, mit
       mir zu lachen. Und du wirst manchmal dein Fenster
       öffnen, gerade so, zum Vergnügen... Und deine Freunde
       werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, daß du den
       Himmel anblickst und lachst. Dann wirst du ihnen sagen:
       'Ja, die Sterne, die bringen mich immer zum Lachen!'
       Und sie werden dich für verrückt halten. Ich werde dir
       einen hübschen Streich gespielt haben...«
      Und er lachte wieder.
      »Es wird sein, als hätte ich dir statt der Sterne eine
       Menge kleiner Schellen geschenkt, die lachen können...«
      Und er lachte noch immer. Dann wurde er wieder
       ernst:
      »Diese Nacht... weißt du... komm nicht!«
      »Ich werde dich nicht verlassen.«
      »Es wird so aussehen, als wäre ich krank... ein
       bißchen, als stürbe ich. Das ist so. Komm nicht das
       anschauen, es ist nicht der Mühe...«
      »Ich werde dich nicht verlassen.«
      Aber er war voll Sorge.
      »Ich sage dir das... auch wegen der Schlange. Sie darf
       dich nicht beißen... Die Schlangen sind böse. Sie können
       zum Vergnügen beißen...«
      »Ich werde dich nicht verlassen.«
      Aber etwas beruhigte ihn:
      »Es ist wahr, sie haben für den zweiten Biß kein Gift
       mehr...«
 

       Ich habe es nicht gesehen, wie er sich in der Nacht auf
       den Weg machte. Er war lautlos entwischt. Als es mir
       gelang, ihn einzuholen, marschierte er mit raschem,
       entschlossenem Schritt dahin.
      Er sagte nur: »Ah, du bist da...«
      Und er nahm mich bei der Hand. Aber er quälte sich
       noch:
      »Du hast nicht recht getan. Es wird dir Schmerz
       bereiten. Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird
       nicht wahr sein...«
      Ich schwieg.
      »Du verstehst. Es ist zu weit. Ich kann diesen Leib da
       nicht mitnehmen. Er ist zu schwer.«
      Ich schwieg.
      »Aber er wird daliegen wie eine alte verlassene Hülle.
       Man soll nicht traurig sein um solche alten Hüllen...«
      Ich schwieg.
      Er verlor ein bißchen den Mut. Aber er gab sich noch
       Mühe:
      »Weißt du, es wird allerliebst sein. Auch ich werde die
       Sterne anschauen. Alle Sterne werden Brunnen sein mit
       einer verrosteten Winde. Alle Sterne werden mir zu
       trinken geben...«
      Ich schwieg.
      »Das wird so lustig sein! Du wirst fünfhundert
       Millionen Schellen haben, ich werde fünfhundert
       Millionen Brunnen haben...«
      Und auch er schwieg, weil er weinte...
      »Da ist es. Laß mich einen Schritt ganz allein tun.« Und
       er setzte sich, weil er Angst hatte.
      Er sagte noch:
      »Du weißt...meine Blume...ich bin für sie
       verantwortlich! Und sie ist so schwach! Und sie ist so
       kindlich. Sie hat vier Dornen, die nicht taugen, sie gegen
       die Welt zu schützen...«
      Ich setzte mich, weil ich mich nicht mehr aufrecht
       halten konnte.
      Er sagte:
      »Hier... Das ist alles...«
      Er zögerte noch ein bißchen, dann erhob er sich. Er tat
       einen Schritt. Ich konnte mich nicht rühren. Es war nichts
       als ein gelber Blitz bei seinem Knöchel. Er blieb einen
       Augenblick reglos. Er schrie nicht. Er fiel sachte, wie ein
       Blatt fällt. Ohne das leiseste Geräusch fiel er in den Sand.

XXVII

       Und jetzt sind es gewiß schon wieder sechs Jahre her...
       Ich habe diese Geschichte noch nie erzählt. Die
       Kameraden, die mich wiedergesehen haben, waren froh,
       mich lebend wiederzusehen. Ich war traurig, aber ich
       sagte zu ihnen: Das ist die Erschöpfung...
      Jetzt habe ich mich ein bißchen getröstet. Das heißt...
       nicht ganz. Aber ich weiß gut, er ist auf seinen Planeten
       zurückgekehrt, denn bei Tagesanbruch habe ich seinen
       Körper nicht wiedergefunden. Es war kein so schwerer
       Körper... Und ich liebe es, des Nachts den Sternen
       zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert Millionen
       Glöckchen...
      Aber nun geschieht etwas Außergewöhnliches.
      Ich habe vergessen, an den Maulkorb, den ich für den
       kleinen Prinzen gezeichnet habe, einen Lederriemen zu
       machen! Es wird ihm nie gelungen sein, ihn dem Schaf
       anzulegen. So frage ich mich: Was hat sich auf dem
       Planeten wohl ereignet? Vielleicht hat das Schaf doch die
       Blume gefressen...
      Das eine Mal sage ich mir: Bestimmt nicht! Der kleine
       Prinz deckt seine Blume jede Nacht mit seinem Glassturz
       zu, und er gibt auf sein Schaf gut acht. Dann bin ich
       glücklich. Und alle Sterne lachen leise.
      Dann wieder sage ich mir: Man ist das eine oder das
       andere Mal zerstreut, und das genügt! Er hat eines
       Abends die Glasglocke vergessen, oder das Schaf ist
       eines Nachts lautlos entwichen... Dann verwandeln sich
       die Schellen alle in Tränen!...
 

       Das ist ein sehr großes Geheimnis. Für euch, die ihr den
       kleinen Prinzen auch liebt, wie für mich, kann nichts auf
       der Welt unberührt bleiben, wenn irgendwo, man weiß
       nicht wo, ein Schaf, das wir nicht kennen, eine Rose
       vielleicht gefressen hat oder vielleicht nicht gefressen
       hat...
      Schaut den Himmel an. Fragt euch: Hat das Schaf die
       Blume gefressen oder nicht? Ja oder nein? Und ihr
       werdet sehen, wie sich alles verwandelt...
      Aber keiner von den großen Leuten wird jemals
       verstehen, daß das eine so große Bedeutung hat!
      Das ist für mich die schönste und traurigste Landschaft
       der Welt. Es ist die gleiche Landschaft wie auf der
       vorletzten Seite, aber ich habe sie nochmals
       hergezeichnet, um sie euch ganz deutlich zu machen. Hier
       ist der kleine Prinz auf der Erde erschienen und wieder
       verschwunden. Schaut diese Landschaft genau an, damit
       ihr sie sicher wiedererkennt, wenn ihr eines Tages durch
       die afrikanische Wüste reist. Und wenn ihr zufällig da
       vorbeikommt, eilt nicht weiter, ich flehe euch an - wartet
       ein bißchen, gerade unter dem Stern! Wenn dann ein
       Kind auf euch zukommt, wenn es lacht, wenn es
       goldenes Haar hat, wenn es nicht antwortet, so man es
       fragt, dann werdet ihr wohl erraten, wer es ist. Dann seid
       so gut und laßt mich nicht weiter so traurig sein: schreibt
       mir schnell, wenn er wieder da ist...

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Quellen: Hannover Universitaet

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