Antoine de Saint-Exupery, "Der kleine Prinz"
Kapital X-XVI

Quellen: Hannover Universitaet

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X

       Er befand sich in der Region der Asteroiden 325, 326,
       327, 328, 329 und 330. Er begann also, sie zu besuchen,
       um sich zu beschäftigen und um sich zu bilden.
      Auf dem ersten wohnte ein König.
      Der König thronte in Purpur und Hermelin auf einem
       sehr einfachen und dabei sehr königlichen Thron.
      »Ah! Sieh da, ein Untertan«, rief der König, als er den
       kleinen Prinzen sah.
      Und der kleine Prinz fragte sich: Wie kann er mich
       kennen, da er mich noch nie gesehen hat!
      Er wußte nicht, daß für die Könige die Welt etwas
       höchst Einfaches ist: Alle Menschen sind Untertanen.
      »Kömm naher, daß ich dich besser sehe«, sagte der
       König und war ganz stolz, daß er endlich für jemanden
       König war.
      Der kleine Prinz schaute sich nach einer Sitzgelegenheit
       um, aber der ganze Planet war bedeckt von dem
       herrlichen Hermelinmantel.
      Er blieb also stehen, und da er müde war, gähnte er.
      Es verstößt gegen die Etikette, in Gegenwart eines
       Königs zu gähnen«, sagte der Monarch. »Ich verbiete es
       dir.«
      »Ich kann es nicht unterdrücken«, antwortete der
       kleine Prinz ganz verwirrt. »Ich habe eine weite Reise
       gemacht und habe nicht geschlafen...«
      »Dann«, sagte der König, »befehle ich dir zu gähnen.
       Ich habe seit Jahren niemanden gähnen sehen, das
       Gähnen ist für mich eine Seltenheit. Los! gähne noch
       einmal! Es ist ein Befehl.«
      »Das ängstigt mich, ich kann nicht mehr...«, stammelte
       der kleine Prinz und errötete.
      »Hm, hm!« antwortete der König. »Also dann...
       befehle ich dir, bald zu gähnen und bald...«
      Er murmelte ein bißchen und schien verärgert.
      Denn der König hielt in hohem Maße darauf, daß man
       seine Autorität respektiere. Er duldete keinen
       Ungehorsam. Er war ein absoluter Monarch. Aber da er
       sehr gütig war, gab er vernünftige Befehle.
      »Wenn ich geböte«, pflegte er zu sagen, »wenn ich
       einem General geböte, sich in einen Seevogel zu
       verwandeln, und wenn dieser General nicht gehorchte, es
       wäre nicht die Schuld des Generals. Es wäre meine
       Schuld.«
      »Darf ich mich setzen?« fragte schüchtern der kleine
       Prinz.
      »Ich befehle dir, dich zu setzen«, antwortete der König
       und zog einen Zipfel seines Hermelinmantels majestätisch
       an sich heran.
      Aber der kleine Prinz staunte. Der Planet war winzig
       klein. Worüber konnte der König wohl herrschen?
      »Herr«, sagte er zu ihm... »ich bitte, verzeiht mir, daß
       ich Euch frage...«
      »Ich befehle dir, mich zu fragen«, beeilte sich der
       König zu sagen.
      »Herr... worüber herrscht Ihr?«
      »Über alles«, antwortete der König mit großer
       Einfachheit.
      »Über alles?«
      Der König wies mit einer bedeutsamen Gebärde auf
       seinen Planeten, auf die anderen Planeten und auf die
       Sterne.
      »Über all das?« sagte der kleine Prinz.
      »Über all das...«, antwortete der König.
      Denn er war nicht nur ein absoluter Monarch, sondern
       ein universeller.
      »Und die Sterne gehorchen Euch?«
      »Gewiß«, sagte der König. »sie gehorchen aufs Wort.
       Ich dulde keinen Ungehorsam.«
      Solche Macht verwunderte den kleinen Prinzen sehr.
       Wenn er sie selbst gehabt hätte, wäre es ihm möglich
       gewesen, nicht dreiundvierzig, sondern zweiundsiebzig
       oder sogar hundert oder selbst zweihundert
       Sonnenuntergängen an ein und demselben Tage
       beizuwohnen, ohne daß er seinen Sessel hätte rücken
       müssen. Und da er sich in der Erinnerung an seinen
       kleinen verlassenen Planeten ein bißchen traurig fühlte,
       faßte er sich ein Herz und bat den König um eine Gnade:
      »Ich möchte einen Sonnenuntergang sehen... Machen
       Sie mir die Freude... Befehlen Sie der Sonne
       unterzugehen...«
      »Wenn ich einem General geböte, nach der Art der
       Schmetterlinge von einer Blume zu andern zu fliegen oder
       eine Tragödie zu schreiben oder sich in einen Seevogel zu
       verwandeln, und wenn dieser General den erhaltenen
       Befehl nicht ausführte, wer wäre im Unrecht, er oder
       ich?«
      »Sie wären es«, sagte der kleine Prinz überzeugt.
      »Richtig. Man muß von jedem fordern, was er leisten
       kann«, antwortete der König. »Die Autorität beruht vor
       allem auf der Vernunft. Wenn du deinem Volke befiehlst,
       zu marschieren und sich ins Meer zu stürzen, wird es
       revoltieren. Ich habe das Recht, Gehorsam zu fordern,
       weil meine Befehl vernünftig sind.«
      »Was ist also mit meinem Sonnenuntergang?« erinnerte
       der kleine Prinz, der niemals eine Frage vergaß, wenn er
       sie einmal gestellt hatte.
      »Deinen Sonnenuntergang wirst du haben. Ich werde
       ihn befehlen. Aber in meiner Herrscherweisheit werde ich
       warten, bis die Bedingungen dafür günstig sind.«
      »Wann wird das sein?« erkundigte sich der kleine
       Prinz.
      »Hm, hm!« antwortete der König, der zunächst einen
       großen Kalender studierte, »hm, hm! Das wir sein
       gegen... gegen... das wird heute abend gegen sieben Uhr
       vierzig sein! Und du wirst sehen, wie man mir gehorcht.«
      Der kleine Prinz gähnte. Es tat ihm leid um den
       versäumten Sonnenuntergang. Er langweilte sich schon
       ein bißchen.
      »Ich habe hier nichts mehr zu tun«, sagte er zum
       König. »Ich werde wieder abreisen!«
      »Reise nicht ab«, antwortete der König, der so stolz
       war, einen Untertanen zu haben, »ich mache dich zum
       Minister!«
      »Zu was für einem Minister?«
      »Zum... zum Justizminister!«
      »Aber es ist niemand da, über den man richten
       könnte!«
      »Das weiß man nicht«, sagte der König. »Ich habe die
       Runde um mein Königreich noch nicht gemacht. Ich bin
       sehr alt, ich habe keine Platz für einen Wagen und das
       Gehen macht mich müde.«
      »Oh! Aber ich habe schon gesehen«, sagte der kleine
       Prinz, der sich bückte, um einen Blick auf die andere
       Seite des Planeten zu werfen, »es ist auch dort drüben
       niemand...«
      »Du wirst also über dich selbst richten«, antwortete
       ihm der König. »Das ist das Schwerste. Es ist viel
       schwerer, sich selbst zu verurteilen, als über andere zu
       richten. Wenn es dir gelingt, über dich selbst gut zu
       Gericht zu sitzen, dann bist du ein wirklicher Weiser.«
      »Ich«, sagte der kleine Prinz, »ich kann über mich
       richten, wo immer ich bin. Dazu brauche ich nicht hier zu
       wohnen.«
      »Hm, hm!« sagte der König, »ich glaube, daß es auf
       meinem Planeten irgendwo eine alte Ratte gibt. Ich höre
       sie in der Nacht. Du könntest Richter über dies alte Ratte
       sein. Du wirst sie von Zeit zu Zeit zum Tode verurteilen.
       So wird ihr Leben von deiner Rechtsprechung abhängen.
       Aber du wirst sie jedesmal begnadigen, um sie
       aufzusparen. Es gibt nur eine.«
      »Ich liebe es nicht, zum Tode zu verurteilen«,
       antwortete der kleine Prinz, »und ich glaube wohl, daß
       ich jetzt gehe.«
      »Nein«, sagte der König.
      Aber der kleine Prinz, der seine Vorbereitungen
       bereits getroffen hatte, wollte dem alten Monarchen nicht
       wehtun:
      »Wenn Eure Majestät Wert auf pünktlichen Gehorsam
       legen, könnten Sie mir einen vernünftigen Befehl erteilen.
       Sie könnten mir zum Beispiel befehlen, innerhalb eine
       Minute zu verschwinden. Es scheint mir, daß die
       Umstände günstig sind...«
      Da der König nichts erwiderte, zögerte der kleine
       Prinz zuerst, dann brach er mit einem Seufzer auf.
      »Ich mache dich zu meinem Gesandten«, beeilte sich
       der König, ihm nachzurufen.
      Er gab sich den Anschein großer Autorität.
      Die großen Leute sind sehr sonderbar, sagte sich der
       kleine Prinz auf seiner Reise.
 

XI

       Der zweite Planet war von einem Eitlen bewohnt.
      »Ah, ah, schau, schau, ein Bewunderer kommt zu
       Besuch!« rief der Eitle von weitem, sobald er des kleinen
       Prinzen ansichtig wurde.
      Denn für die Eitlen sind die anderen Leute
       Bewunderer.
      »Guten Tag«, sagte der kleine Prinz. »Sie haben einen
       spaßigen Hut auf.«
      »Der ist zum Grüßen«, antwortete ihm der Eitle. »Er ist
       zum Grüßen, wenn man mir zujauchzt.
       Unglücklicherweise kommt hier niemand vorbei.«
      »Ach ja?« sagte der kleine Prinz, der nichts davon
       begriff.
      »Schlag deine Hände zusammen«, empfahl ihm der
       Eitle.
      Der kleine Prinz schlug seine Hände gegeneinander.
       Der Eitle grüßte bescheiden, indem er seinen Hut lüftete.
      Das ist unterhaltender als der Besuch beim König,
       sagte sich der kleine Prinz.
      Und er begann von neuem die Hände
       zusammenzuschlagen. Der Eitle wieder fuhr fort, seinen
       Hut grüßend zu lüften.
      Nach fünf Minuten wurde der kleine Prinz der
       Eintönigkeit dieses Spieles überdrüssig:
      »Und was muß man tun«, fragte er, »damit der Hut
       herunterfällt?«
      Aber der Eitle hörte ihn nicht. Die Eitlen hören immer
       nur die Lobreden.
      »Bewunderst du mich wirklich sehr?« fragte er den
       kleinen Prinzen.
      »Was heißt bewundern?«
      »Bewundern heißt erkennen, daß ich der schönste, der
       bestangezogene, der reichste und der intelligenteste
       Mensch des Planeten bin.«
      »Aber du bist doch allein auf deinem Planeten!«
      »Mach mir die Freude, bewundere mich trotzdem!«
      »Ich bewundere dich«, sagte der kleine Prinz, indem er
       ein bißchen die Schultern hob, »aber wozu nimmst du das
       wichtig?«
      Und der kleine Prinz machte sich davon.
      Die großen Leute sind entschieden sehr verwunderlich,
       stellte er auf seiner Reise fest.
 

XII

       Den nächsten Planeten bewohnte ein Säufer. Dieser
       Besuch war sehr kurz, aber er tauchte den kleinen
       Prinzen in eine tiefe Schwermut.
      »Was machst du da?« fragte er den Säufer, den er
       stumm vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller
       Flaschen sitzend antraf.
      »Ich trinke«, antwortete der Säufer mit düsterer Miene.
      »Warum trinkst du?« fragte ihn der kleine Prinz.
      »Um zu vergessen«, antwortete der Säufer.
      »Um was zu vergessen?« erkundigte sich der kleine
       Prinz, der ihn schon bedauerte.
      »Um zu vergessen, daß ich mich schäme«, gestand der
       Säufer und senkte den Kopf.
      »Weshalb schämst du dich?« fragte der kleine Prinz,
       der den Wunsch hatte, ihm zu helfen.
      »Weil ich saufe!« endete der Säufer und verschloß sich
       endgültig in sein Schweigen.
      Und der kleine Prinz verschwand bestürzt.
      Die großen Leute sind entschieden sehr, sehr
       wunderlich, sagte zu sich auf seiner Reise.
 

XIII

    Der vierte Planet war der des Geschäftsmannes. Dieser Mann
    war so beschäftigt, daß er bei der Ankunft der kleinen Prinzen
    nicht einmal den Kopf hob.
        »Guten Tag«, sagte dieser zu ihm. »Ihre Zigarette ist
    ausgegangen.«
        »Drei und zwei ist fünf. Fünf und sieben ist zwölf. Zwölf und
    drei ist fünfzehn. Guten Tag. Fünfzehn und sieben ist
    zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig und sechs ist achtundzwanzig.
    Keine Zeit, sie wieder anzuzünden. Sechundzwanzig und fünf ist
    einunddreißig. Uff! Das macht also fünfhunderteine Million,
    sechshundertzweiundzwanzigtausendsiebenhunderteinunddreißig.«

        »Fünfhundert Millionen wovon?«
        »Wie? Du bist immer noch da? Fünfhunderteine Million von...
    ich weiß nicht mehr... ich habe so viel Arbeit! Ich bin ein
    ernsthafter Mann, ich gebe mich nicht mit Kindereien ab. Zwei
    und fünf ist sieben...«
        »Fünfhunderteine Million wovon?« wiederholte der kleine
    Prinz, der niemals in seinem Leben auf eine Frage verzichtete, die
    er einmal gestellt hatte.
        Der Geschäftsmann hob den Kopf.
        »In den vierundfünfzig Jahren, die ich auf diesem Planeten
    wohne, bin ich nur dreimal gestört worden. Das erstemal war es
    vor zweiundzwanzig Jahren ein Maikäfer, der von weiß Gott wo
    heruntergefallen war. Er machte einen schrecklichen Lärm, und
    ich habe in einer Addition vier Fehler gemacht. Das zweite Mal,
    vor elf Jahren, war es ein Anfall von Rheumatismus. Es fehlt mir
    an Bewegung. Ich habe nicht Zeit, herumzubummeln. Ich bin ein
    ernsthafter Mann. Und das ist nun das dritte Mal! Ich sagte also,
    fünfhunderteine Million...«
        »Millionen wovon?«
        Der Geschäftsmann begriff, daß es keine Aussicht auf Frieden
    gab:
        »Millionen von diesen kleinen Dingern, die man manchmal am
    Himmel sieht.«
        »Fliegen?«
        »Aber nein, kleine Dinger, die glänzen.«
        »Bienen?«
        »Aber nein. Kleine goldene Dinger, von denen die Nichtstuer
    träumerisch werden. Ich bin ein ernsthafter Mann. Ich habe nicht
    Zeit zu Träumereien.«
        »Ach, die Sterne?«
        »Dann sind es wohl die Sterne.«
        »Und was machst du mit fünfhundert Millionen Sternen?«
        »Fünfhunderteine Million
    sechshundertzweiundzwanzigtausensiebenhunderteinunddreißig.
    Ich bin ein ernsthafter Mann, ich nehme es genau.«
        »Und was machst du mit diesen Sternen?«
        »Was ich damit mache?«
        »Ja.«
        »Nichts. Ich besitze sie.«
        »Du besitzt die Sterne?«
        »Ja.«
        »Aber ich habe schon einen König gesehen, der...«
        »Könige besitzen nicht, sie 'regieren über'. Das ist etwas ganz
    anderes.«
        »Und was hast du davon, die Sterne zu besitzen?«
        »Das macht mich reich.«
        »Und was hast du vom Reichsein?«
        »Weitere Sterne kaufen, wenn jemand welche findet.«
        Der da, sagte sich der kleine Prinz, denkt ein bißchen wie mein
    Säufer.
        Indessen stellte er noch weitere Fragen:
        »Wie kann man die Sterne besitzen?«
        »Wem gehören sie?« erwiderte mürrisch der Geschäftsmann.
        »Ich weiß nicht. Niemandem.«
        »Dann gehören sie mir, ich habe als erster daran gedacht.«
        »Das genügt?«
        »Gewiß. Wenn du einen Diamanten findest, der niemandem
    gehört, dann ist er dein. Wenn du eine Insel findest, die
    niemandem gehört, so ist sie dein. Wenn du als erster einen Einfall
    hast und du läßt ihn patentieren, so ist er dein. Und ich, ich
    besitze die Sterne, da niemand vor mir daran gedacht hat, sie zu
    besitzen.«
        »Das ist wahr«, sagte der kleine Prinz. »Und was machst du
    damit?«
        »Ich verwalte sie. Ich zähle sie und zähle sie wieder«, sagte der
    Geschäftsmann. »Das ist nicht leicht. Aber ich bin ein ernsthafter
    Mann.«
        Der kleine Prinz war noch nicht zufrieden.
        »Wenn ich eine Seidenschal habe, kann ich ihn um meinen Hals
    wickeln und mitnehmen. Wenn ich eine Blume habe, kann ich
    meine Blume pflücken und mitnehmen. Aber du kannst die Sterne
    nicht pflücken!«
        »Nein, aber ich kann sie in die Bank legen.«
        »Was soll das heißen?«
        »Das heißt, daß ich die Zahl meiner Sterne auf ein kleines
    Papier schreibe. Und dann sperre ich diese Papiers in eine
    Schublade.«
        »Und das ist alles?«
        »Das genügt.«
        Das ist amüsant, dachte der kleine Prinz. Es ist fast dichterisch.
    Aber es ist nicht ganz ernst zu nehmen.
        Der kleine Prinz dachte über die ernsthaften Dinge völlig
    anders als die großen Leute.
        »Ich«, sagte er noch, »ich besitze eine Blume, die ich jeden
    Tag begieße. Ich besitze drei Vulkane, die ich jede Woche kehre.
    Denn ich kehre auch den erloschenen. Man kann nie wissen. Es
    ist gut für meine Vulkane und gut für meine Blume, daß ich sie
    besitze. Aber du bist für die Sterne zu nichts nütze...«
        Der Geschäftsmann öffnete den Mund, aber er fand keine
    Antwort, und der kleine Prinz verschwand.
        Die großen Leute sind entschieden ganz ungewöhnlich, sagte er
    sich auf der Reise.
 

XIV

       Der fünfte Planet war sehr sonderbar. Er war der kleinste
       von allen. Es war da gerade Platz genug für eine
       Straßenlaterne und einen Laternenanzünder.
      Der kleine Prinz konnte sich nicht erklären, wozu man
       irgendwo im Himmel, auf einem Planeten ohne Haus und
       ohne Bewohner, eine Straßenlaterne und einen
       Laternenanzünder braucht. Doch sagte er sich:
      Es kann ganz gut sein, daß dieser Mann ein bißchen
       verrückt ist. Doch ist er weniger verrückt als der König,
       der Eitle, der Geschäftsmann und der Säufer. Seine
       Arbeit hat wenigstens einen Sinn. Wenn er seine Laterne
       anzündet, so ist es, als setze er einen neuen Stern in die
       Welt, oder eine Blume. Wenn er seine Laterne auslöscht,
       so schlafen Stern oder Blume ein. Das ist eine sehr
       hübsche Beschäftigung. Es ist auch wirklich nützlich, da
       es hübsch ist.
      Als er auf dem Planeten ankam, grüßte er den
       Laternenanzünder ehrerbietig.
      »Guten Tag. Warum hast Du Deine Laterne eben
       ausgelöscht?«
      »Ich habe die Weisung«, antwortete der Anzünder.
       »Guten Tag.«
      »Was ist das, die Weisung?«
      »Die Weisung, meine Laterne auszulöschen. Guten
       Abend.«
      Und er zündete sie wieder an.
      »Aber warum hast Du sie soeben wieder
       angezündet?«
      »Das ist die Weisung.«, antwortete der Anzünder.
      »Ich verstehe nicht«, sagte der kleine Prinz.
      »Da ist nichts zu verstehen« sagte der Anzünder. »Die
       Weisung ist eben die Weisung. Guten Tag.«
      Und er löschte seine Laterne wieder aus.
      Dann trocknete er sich die Stirn mit einem rotkarierten
       Taschentuch.
      »Ich tue da einen schrecklichen Dienst. Früher ging es
       vernünftig zu. Ich löschte am Morgen aus und zündete am
       Abend an. Den Rest des Tages hatte ich zum Ausruhen
       und den Rest der Nacht zum Schlafen...«
      »Seit damals wurde die Weisung geändert?«
      »Die Weisung wurde nicht geändert« sagte der
       Anzünder. »Das ist ja das Trauerspiel! Der Planet hat
       sich von Jahr zu Jahr schneller und schneller gedreht und
       die Weisung ist die gleiche geblieben!«
      »Und?«, sagte der kleine Prinz.
      »Und jetzt, da er in der Minute eine Umdrehung
       macht, habe ich nicht mehr eine Sekunde Ruhe. Jede
       Minute zünde ich einmal an, lösche ich einmal aus!«
      »Das ist drollig! Die Tage dauern bei dir eine Minute!«

      »Das ist ganz und gar nicht drollig«, sagte der
       Anzünder. »Das ist nun schon ein Monat, daß wir
       miteinander sprechen.«
      »Ein Monat?«
      »Ja, dreißig Minuten. Dreißig Tage! Guten Abend.«
      Und er zündete seine Laterne wieder an.
      Der kleine Prinz sah ihm zu, und er liebte diesen
       Anzünder, der sich so treu an seine Weisung hielt. Er
       erinnerte sich der Sonnenuntergänge, die er einmal
       gesucht hatte und um derentwillen er seinen Sessel rückte.
       Er wollte seinem Freund beispringen:
      »Weißt du ... ich kenne ein Mittel, wie du dich
       ausruhen könntest, wenn du wolltest...«
      »Ich will immer«, sagte der Anzünder.
      Denn man kann treu und faul zugleich sein. Der kleine
       Prinz fuhr fort:
      »Dein Planet ist so klein, daß Du mit drei Sprüngen
       herumkommst. Du mußt nur langsam genug gehen, um
       immer in der Sonne zu bleiben. Willst Du dich ausruhen,
       dann gehst Du... und der Tag wird so lange dauern, wie
       Du willst.«
      »Das hat nicht viel Witz«, sagte der Anzünder, »was
       ich im Leben liebe, ist der Schlaf.«
      »Dann ist es aussichtslos«, sagte der kleine Prinz.
      »Aussichtslos«, sagte der Anzünder. »Guten Tag.«
      Und er löschte seine Lampe aus.
      Der, sagte sich der kleine Prinz, während er seine
       Reise fortsetzte, der wird von allen anderen verachtet
       werden, vom König, vom Eitlen, vom Säufer, vom
       Geschäftsmann. Dabei ist er der einzige, den ich nicht
       lächerlich finde. Das kommt vielleicht daher, weil er sich
       mit anderen Dingen beschäftigt statt mit sich selbst.
      Er stieß einen Seufzer des Bedauerns aus und sagte
       sich noch:
      Der ist der einzige, den ich zu meinem Freund hätte
       machen können. Aber sein Planet ist wirklich zu klein. Es
       ist nicht viel Platz für zwei...
      Was sich der kleine Prinz nicht einzugestehen wagte,
       war, daß er diesem gesegneten Planeten nachtrauerte,
       besonders der tausendvierhundertvierzig
       Sonnenuntergänge wegen, in vierundzwanzig Stunden!
 

XV

       Der sechste Planet war zehnmal so groß. Er war von
       einem alten Herrn bewohnt, der ungeheure Bücher
       schrieb.
      »Da schau! Ein Forscher!« rief er, als er den kleinen
       Prinzen sah.
      Der kleine Prinz setzte sich an den Tisch und
       verschnaufte ein wenig. Er war schon so viel gereist!
      »Woher kommst Du?« fragte ihn der alte Herr. »Was
       ist das für ein dickes Buch?« sagte der kleine Prinz.
       »Was machen Sie da?«
      »Ich bin Geograph«, sagte der alte Herr.
      »Was ist das, ein Geograph?«
      »Das ist ein Gelehrter, der weiß, wo sich die Meere,
       die Ströme, die Städte, die Berge und die Wüsten
       befinden.«
      »Das ist sehr interessant«, sagte der kleine Prinz.
       »Endlich ein richtiger Beruf!«
      Und er warf einen Blick um sich auf den Planeten des
       Geographen. Er hatte noch nie einen so majestätischen
       Planeten gesehen.
      »Er ist sehr schön, Euer Planet. Gibt es da auch
       Ozeane?«
      »Das kann ich nicht wissen«, sagte der Geograph.
      »Ach!« Der kleine Prinz war enttäuscht. »Und
       Berge?«
      »Das kann ich auch nicht wissen«, sagte der
       Geograph.
      »Aber ihr seid Geograph! - Und Städte und Flüsse
       und Wüsten?«
      »Auch das kann ich nicht wissen.«
      »Aber ihr seid doch Geograph!«
      »Richtig«, sagte der Geograph, »aber ich bin nicht
       Forscher. Es fehlt uns gänzlich an Forschern. Nicht der
       Geograph geht die Städte, die Ströme, die Berge, die
       Meere, die Ozeane und die Wüsten zählen. Der
       Geograph ist zu wichtig, um herumzustreunen. Er verläßt
       seinen Schreibtisch nicht. Aber er empfängt die Forscher.
       Er befragt sie und schreibt sich ihre Eindrücke auf. Und
       wenn ihm die Notitzen eines Forschers beachtenswert
       erscheinen, läßt der Geograph über dessen Moralität eine
       amtliche Untersuchung anstellen.«
      »Warum das?«
      »Weil ein Forscher, der lügt, in den
       Geographiebüchern Katastrophen herbeiführen würde.
       Und auch ein Forscher, der zuviel trinkt.«
      »Wie das?«, fragte der kleine Prinz.
      »Weil die Säufer doppelt sehen. Der Geograph würde
       dann zwei Berge einzeichnen, wo nur ein einziger
       vorhanden ist.«
      »Ich kenne einen«, sagte der kleine Prinz, »der wäre
       ein schlechter Forscher.«
      »Das ist möglich. Doch wenn die Moralität des
       Forschers gut zu sein scheint, macht man eine
       Untersuchung über seine Entdeckung.«
      »Geh man nachsehen?«
      »Nein. Das ist zu umständlich. Aber man verlangt vom
       Forscher, daß er Beweise liefert. Wenn es sich zum
       Beispiel um die Entdeckung eines großen Berges handelt,
       verlangt man, daß er große Steine mitbringt.«
      Plötzlich ereiferte sich der Geograph.
      »Und du, du kommst von weit her! Du bist ein
       Forscher! Du wirst mir Deinen Planeten beschreiben!«
      Und der Geograph schlug sein Registrierbuch auf und
       spitzte einen Bleistift.
      Zuerst notiert man die Erzählungen der Forscher mit
       Bleistift. Um sie mit Tinte aufzuschreiben, wartet man, bis
       der Forscher Beweise geliefert hat.
      »Nun?« fragte der Geograph.
      »Oh, bei mir zu Hause«, sagte der kleine Prinz, »ist
       nicht viel los, da ist es ganz klein. Ich habe drei Vulkane.
       Zwei Vulkane in Tätigkeit und einen erloschenen. Aber
       man kann nie wissen.«
      »Man weiß nie«, sagte der Geograph.
      »Ich habe auch eine Blume.«
      »Wir schreiben Blumen nicht auf«, sagte der
       Geograph.
      »Warum das? Sie sind das Schönste!«
      »Weil Blumen vergänglich sind.«
      »Was heißt 'vergänglich'?«
      »Die Geographiebücher«, entgegnete der Geograph,
       »sind die wertvollsten von allen Büchern. Sie veralten nie.
       Es ist sehr selten, daß ein Berg seinen Platz wechselt. Es
       ist sehr selten, daß ein Ozean seine Wasser ausleert. Wir
       schreiben die ewigen Dinge auf.«
      »Aber die erloschenen Vulkane können wieder
       aufwachen«, unterbrach der kleine Prinz. »Was bedeutet
       'vergänglich'?«
      »Ob die Vulkane erloschen oder tätig sind, kommt für
       uns aufs gleiche hinaus«, sagte der Geograph. »Was für
       uns zählt, ist der Berg. Er verändert sich nicht.«
      »Aber was bedeutet 'vergänglich'?« wiederholte der
       kleine Prinz, der in seinem Leben noch nie auf eine einmal
       gestellte Frage verzichtet hatte.
      »Das heißt 'von baldigem Entschwinden bedroht'.«
      »Ist meine Blume von baldigem Entschwinden
       bedroht?«
      »Gewiß.«
      Meine Blume ist vergänglich, sagte sich der kleine
       Prinz, und sie hat nur vier Dornen, um sich gegen die
       Welt zu wehren! Und ich habe sie ganz allein zu Hause
       zurückgelassen!
      Das war die erste Regung seiner Reue. Aber er faßte
       wieder Mut.
      »Was raten Sie mir, wohin ich gehen soll?« fragte er.
      »Auf den Planeten Erde«, antwortete der Geograph,
       »er hat einen guten Ruf...«
      Und der kleine Prinz machte sich auf und dachte an
       seine Blume.
 

XVI

       Der siebente Planet war also die Erde.
      Die Erde ist nicht irgend ein Planet! Man zählt da
       hundertelf Könige, wenn man, wohlgemerkt, die
       Negerkönige nicht vergißt, siebentausend Geographen,
       neunhunderttausend Geschäftsleute, siebeneinhalb
       Millionen Säufer, dreihundertelf Millionen Eitle, kurz -
       ungefähr zwei Milliarden erwachsene Leute.
      Um euch einen Begriff von den Ausmaßen der Erde zu
       geben, muß ich euch sagen, daß man vor der Erfindung
       der Elektrizität dort auf allen sechs Kontinenten
       zusammen eine ganze Armee von
       vierhundertzweiundsechzigtausendfünfhundertelf
       Laternenanzündern im Dienst hatte.
      Von einiger Entfernung aus gesehen, wirkte das
       prächtig. Die Bewegungen dieser Armee waren gedrillt,
       wie die eines Opernballetts. Den Reigen begannen die
       Anzünder der neuseeländischen und australischen
       Laternen. Hatten sie ihre Lampen angezündet, gingen sie
       schlafen. Dann traten die Laternenanzünder von China
       und Sibirien zum Tanze an. Auch sie verschwanden hinter
       den Kulissen. Dann kamen die russischen und indischen
       Laternenanzünder an die Reihe. Dann die von Afrika und
       Europa. Dann die von Südamerika. Dann die von
       Nordamerika. Und niemals irrten sie sich in der
       Reihenfolge ihres Auftritts. Es war großartig.
      Nur der Anzünder der einzigen Laterne am Nordpol
       und sein Kollege von der einzigen Laterne am Südpol
       führten ein Leben voll Müßiggang und Gemütlichkeit: sie
       arbeiteten zweimal im Jahr.

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Quellen: Hannover Universitaet

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