Antoine de Saint-Exupery, "Der kleine Prinz"
Kapital I-IX

Quellen: Hannover Universitaet

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FÜR LÉON WERTH

       Ich bitte die Kinder um Verzeihung, daß ich dieses Buch
       einem Erwachsenen widme. Ich habe eine ernstliche
       Entschuldigung dafür: Dieser Erwachsene ist der beste
       Freund, den ich in der Welt habe. Ich habe noch eine
       Entschuldigung: Dieser Erwachsene kann alles verstehen,
       sogar die Bücher für Kinder. Ich habe eine dritte
       Entschuldigung: Dieser Erwachsene wohnt in Frankreich,
       wo er hungert und friert. Er braucht sehr notwendig
       einen Trost. Wenn alle diese Entschuldigungen nicht
       ausreichen, so will ich dieses Buch dem Kinde widmen,
       das dieser Erwachsene einst war. Alle großen Leute sind
       einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich
       daran). Ich verbessere also meine Widmung:

          FÜR LÉON WERTH
        als er noch ein Junge war
 

        I

       Als ich sechs Jahre alt war, sah ich einmal in einem Buch
       über den Urwald, das »Erlebte Geschichten« hieß, ein
       prächtiges Bild. Es stellte eine Riesenschlange dar, wie
       sie ein Wildtier verschlang.
      In dem Buche hieß es: »Die Boas verschlingen ihre
       Beute als Ganzes, ohne sie zu zerbeißen. Daraufhin
       können sie sich nicht mehr rühren und schlafen sechs
       Monate, um zu verdauen.«
      Ich habe damals viel über die Abenteuer des
       Dschungels nachgedacht, und ich vollendete mit einem
       Farbstift meine erste Zeichnung. Meine Zeichnung Nr. 1.
       So sah sie aus:

       Ich habe den großen Leuten mein Meisterwerk gezeigt
       und sie gefragt, ob ihnen meine Zeichnung nicht Angst
       mache.
      Sie haben geantwortet: »Warum sollen wir vor einem
       Hute Angst haben?«
      Meine Zeichnung stellte aber keinen Hut dar. Sie
       stellte eine Riesenschlange dar, die einen Elefanten
       verdaut. Ich habe dann das Innere der Boa gezeichnet,
       um es den großen Leuten deutlich zu machen. Sie
       brauchen ja immer Erklärungen. Hier meine Zeichnung
       Nr. 2:

       Die großen Leute haben mir geraten, mit den
       Zeichnungen von offenen oder geschlossenen
       Riesenschlangen aufzuhören und mich mehr für
       Geographie, Geschichte, Rechnen und Grammatik zu
       interessieren. So kam es daß ich eine großartige
       Laufbahn, die eines Malers nämlich, bereits im Alter von
       sechs Jahren aufgab. Der Mißerfolg meiner Zeichnungen
       Nr. 1 und Nr. 2 hatte mir den Mut genommen. Die
       großen Leute verstehen nie etwas von selbst, und für die
       Kinder ist es zu anstrengend, ihnen immer und immer
       wieder erklären zu müssen
      Ich war also gezwungen, einen anderen Beruf zu
       wählen, und lernte fliegen. Ich bin überall in der Welt
       herumgeflogen, und die Geographie hat mir dabei
       wirklich gute Dienste geleistet. Ich konnte auf den
       ersten Blick China von Arizona unterscheiden. Das ist
       sehr praktisch, wenn man sich in der Nacht verirrt hat.
      So habe ich im Laufe meines Lebens mit einer Menge
       ernsthafter Leute zu tun gehabt. Ich bin viel mit
       Erwachsenen umgegangen und habe Gelegenheit gehabt,
       sie ganz aus der Nähe zu betrachten. Das hat meiner
       Meinung über sie nicht besonders gut getan.
      Wenn ich jemanden traf, der mir ein bißchen heller
       vorkam, versuchte ich es mit meiner Zeichnung Nr. 1,
       die ich gut aufbewahrt habe. Ich wollte sehen, ob er
       wirklich etwas los hatte. Aber jedesmal bekam ich zur
       Antwort: »Das ist ein Hut.« Dann redete ich mit ihm
       weder über Boas, noch über Urwälder, noch über die
       Sterne. Ich stellte mich auf seinen Standpunkt. Ich
       sprach mit ihm über Bridge, Golf, Politik und Krawatten.
       Und der große Mensch war äußerst befriedigt, einen so
       vernünftigen Mann getroffen zu haben.

II

      Ich blieb also allein, ohne jemanden, mit dem ich wirklich
      hätte sprechen können, bis ich vor sechs Jahren einmal
      eine Panne in der Wüste Sahara hatte. Etwas an meinem
      Motor war kaputtgegangen. Und da ich weder einen
      Machaniker noch Passagiere bei mir hatte, machte ich
      mich ganz allein an die schwierige Reparatur. Es war für
      mich eine Frage auf Leben und Tod. Ich hatte für kaum
      acht Tage Trinkwasser mit.
     Am ersten Abend bin ich also im Sande eingeschlafen,
      tausend Meilen von jeder bewohnten Gegend entfernt. Ich
      war viel verlassener als ein Schiffbrüchiger auf einem Floß
      mitten im Ozean. Ihr könnt euch daher meine
      Überraschung vorstellen, als bei Tagesanbruch eine
      seltsame kleine Stimme mich weckte:
     »Bitte... zeichne mir ein Schaf!«
     »Wie bitte?«
     »Zeichne mir ein Schaf...«
     Ich bin auf die Füße gesprungen, als wäre der Blitz in
      mich gefahren. Ich habe mir die Augen gerieben und genau
      hingeschaut. Da sah ich ein kleines, höchst ungewöhnliches
      Männchen, das mich ernsthaft betrachtete. Hier das beste
      Porträt, das ich später von ihm zuwege brachte. Aber das
      Bild ist bestimmt nicht so bezaubernd wie das Modell. Ich
      kann nichts dafür. Ich war im Alter von sechs Jahren von
      den großen Leuten aus meiner Malerlaufbahn geworfen
      worden und hatte nichts zu zeichnen gelernt als
      geschlossene und offene Riesenschlangen.
     Ich schaute mir die Erscheinung also mit großen,
      staunenden Augen an. Vergeßt nicht, daß ich mich tausend
      Meilen abseits jeder bewohnten Gegend befand. Auch
      schien mir mein kleines Männchen nicht verirrt, auch nicht
      halbtot vor Müdigkeit, Hunger, Durst oder Angst. Es
      machte durchaus nicht den Eindruck eines mitten in der
      Wüste verlorenen Kindes, tausend Meilen von jeder
      bewohnten Gegend. Als ich endlich sprechen konnte,
      sagte ich zu ihm:
     »Aber... was machst denn du da?«
     Da wiederholte es ganz sanft, wie eine sehr ernsthafte
      Sache:
     »Bitte... zeichne mir ein Schaf...«
     Wenn das Geheimnis zu eindrucksvoll ist, wagt man
      nicht zu widerstehen. So absurd es mir erschien - tausend
      Meilen von jeder menschlichen Behausung und in
      Todesgefahr -, ich zog aus meiner Tasche ein Blatt Papier
      und eine Füllfeder. Dann aber erinnerte ich mich, daß ich
      vor allem Geographie, Geschichte, Rechnen und
      Grammatik studiert hatte, und mißmutig sagte ich zu dem
      Männchen, daß ich nicht zeichnen könne. Es antwortete:
     »Das macht nichts. Zeichne mir ein Schaf.«
     Da ich nie ein Schaf gezeichnet hatte, machte ich ihm
      eine von den einzigen zwei Zeichnungen, die ich zuwege
      brachte.
     Die von der geschlossenen Riesenschlange. Und ich war
      höchst verblüfft, als ich das Männchen sagen hörte:
     »Nein, nein! Ich will keinen Elefanten in einer
      Riesenschlange. Eine Riesenschlange ist sehr gefährlich und
      ein Elefant braucht viel Platz. Bei mir zu Hause ist wenig
      Platz. Ich brauche ein Schaf. Zeichne mir ein Schaf.«
     Also habe ich gezeichnet.
     Das Männchen schaute aufmerksam zu, dann sagte es:
     »Nein! Das ist schon sehr krank. Mach ein anderes.«
     Ich zeichnete.
     Mein Freund lächelte artig und mit Nachsicht:
     »Du siehst wohl... das ist kein Schaf, das ist ein Widder.
      Es hat Hörner...«
     Ich machte also meine Zeichnung noch einmal. Aber sie
      wurde ebenso abgelehnt wie die vorigen:
     »Das ist schon zu alt. Ich will ein Schaf, das lange lebt.«
     Mir ging die Geduld aus, es war höchste Zeit, meinen
      Motor auszubauen, so kritzelte ich diese Zeichnung da
      zusammen und knurrte dazu:
     »Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da
      drin.«
     Und ich war höchst überrascht, als ich das Gesicht
      meines jungen Kritikers aufleuchten sah:
     »Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe. Meinst
      du, daß dieses Schaf viel Gras braucht?«
     »Warum?«
     »Weil bei mir zu Hause alles ganz klein ist...«
     »Es wird bestimmt ausreichen. Ich habe dir ein ganz
      kleines Schaf geschenkt.«
     Er neigte den Kopf über die Zeichnung:
     »Nicht so klein wie... Aber sieh nur! Es ist
      eingeschlafen...«
     So machte ich die Bekanntschaft des kleinen Prinzen.
 

III

      Ich brauchte lange Zeit, um zu verstehen, woher er kam.
      Der kleine Prinz, der viele Fragen am mich richtete, schien
      die meinen nie zu hören. Zufällig aufgefangene Worte
      haben mir nach und nach sein Geheimnis enthüllt. So
      fragte er, als er zum erstenmal mein Flugzeug sah (ich
      werde mein Flugzeug nicht zeichnen, das ist eine viel zu
      komplizierte Sache für mich):
     »Was ist das für ein Ding da?«
     »Das ist kein Ding. Das fliegt. Das ist ein Flugzeug.«
     Und ich war stolz, ihm sagen zu können, daß ich fliege.
      Da rief er:
     »Wie! Du bist vom Himmel gefallen?«
     »Ja«, sagte ich bescheiden.
     »Ah! Das ist ja lustig...«
     Und der kleine Prinz bekam einen ganz tollen
      Lachanfall, der mich ordentlich ärgerte. Ich lege Wert
      darauf, daß meine Unfälle ernst genommen werden. Er
      aber fuhr fort:
     »Also auch du kommst vom Himmel! Von welchem
      Planeten bist du denn?«
     Da ging mir ein Licht auf über das Geheimnis seiner
      Anwesenheit und ich fragte hastig:
     »Du kommst also von einem anderen Planeten?«
     Aber er antwortete nicht. Er schüttelte nur sanft den
      Kopf, indem er mein Flugzeug musterte:
     »Freilich, auf dem Ding da kannst nicht allzu weit
      herkommen...«
     Und er versank in eine Träumerei, die lange dauerte.
      Dann nahm er mein Schaf aus der Tasche und vertiefte
      sich in den Anblick seines Schatzes.
 
 

      Ihr könnt euch vorstellen, wie stark diese Andeutung über
      die »anderen Planeten« mich beunruhigen mußte. Ich
      bemühte mich also, mehr zu erfahren:
     »Woher kommst du, mein kleines Kerlchen? Wo bist
      du denn zu Hause? Wohin willst du mein Schaf
      mitnehmen?«
     Er antwortete nach einem nachdenklichen Schweigen:
     »Die Kiste, die du mir da geschenkt hast, hat das Gute,
      daß sie ihm nachts als Haus dienen kann.«
     »Gewiß. Und wenn du brav bist, gebe ich dir auch
      einen Strick, um es tagsüber anzubinden. Und einen
      Pflock dazu.«
     Dieser Vorschlag schien den kleinen Prinzen zu
      kränken:
     »Anbinden? Was für eine komische Idee!«
     »Aber wenn du es nicht anbindest, wird es doch
      weglaufen...«
     Da brach meine Freund in ein neuerliches Gelächter
      aus:
     »Aber wo soll es denn hinlaufen?«
     »Irgendwohin. Geradeaus...«
     Da versetzte der kleine Prinz ernsthaft:
     »Das macht nichts aus, es ist so klein bei mir zu
      Hause!«
     Und, vielleicht ein bißchen schwermütig, fügte er hinzu:
     »Geradeaus kann man nicht sehr weit gehen...«
 

IV

       Ich hatte eine zweite sehr wichtige Sache erfahren: der
       Planet seiner Herkunft war kaum größer als ein Haus!
      Das erschien mir gar nicht verwunderlich. Ich wußte
       ja, daß es außer den großen Planeten wie der Erde, dem
       Jupiter, dem Mars, der Venus, denen man Namen
       gegeben hat, noch Hunderte von anderen gibt, die
       manchmal so klein sind, daß man Mühe hat, sie im
       Fernrohr zu sehen. Wenn ein Astronom einen von ihnen
       entdeckt, gibt er ihm statt des Namens eine Nummer. Er
       nennt ihn zum Beispiel: Asteroid Nr. 3.251.
      Ich habe ernsthafte Gründe zu glauben, daß der
       Planet, von dem der kleine Prinz kam, der Asteroid
       B 612 ist. Dieser Planet ist nur ein einziges Mal im Jahre
       1909 von einem türkischen Astronomen im Fernrohr
       gesehen worden.
      Er hatte damals beim internationalen Astronomen-
       kongreß einen großen Vortrag über seine Entdeckung
       gehalten. Aber niemand hatte ihm geglaubt, und zwar
       ganz einfach seines Anzuges wegen. Die großen Leute
       sind so.
      Zum Glück für den Ruf des Planeten B 612 befahl ein
       türkischer Diktator seinem Volk bei Todesstrafe, nur
       noch europäische Kleider zu tragen. Der Astronom
       wiederholte seinen Vortrag im Jahre 1920 in einem sehr
       eleganten Anzug. Und diesmal gaben sie ihm alle recht.
      Wenn ich euch dieses nebensächliche Drum und Dran
       über den Planeten B 612 erzähle und euch sogar seine
       Nummer anvertraue, so geschieht das der großen Leute
       wegen. Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen.
       Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen
       sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie:
       Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er
       am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch:
       Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er?
       Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu
       kennen. Wenn ihr zu den großen Leute sagt:
      Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln
       gesehen, mit Geranien vor den Fenstern und Tauben auf
       dem Dach... dann sind sie nicht imstande, sich dieses
       Haus vorzustellen. Man muß ihnen sagen: Ich habe ein
       Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist.
       Dann schreien sie gleich: Ach wie schön!
      So auch, wenn ihr ihnen sagt: Der Beweis dafür, daß
       es den kleinen Prinzen wirklich gegeben hat, besteht
       darin, daß er entzückend war, daß er lachte und daß er
       ein Schaf haben wollte; denn wenn man sich ein Schaf
       wünscht, ist es doch ein Beweis dafür, daß man lebt,
       - dann werden sie die Achseln zucken und euch als
       Kinder behandeln. Aber wenn ihr ihnen sagt: der Planet,
       von dem er kam, ist der Planet B 612, dann werden sie
       überzeugt sein und euch mit ihren Fragen in Ruhe lassen.
       So sind sie. Man darf ihnen das auch nicht übelnehmen.
       Kinder müssen mit großen Leuten viel Nachsicht haben.
      Wir freilich, die wir wissen, was das Leben eigentlich
       ist, wir machen uns nur lustig über die albernen Zahlen.
       Viel lieber hätte ich diese Geschichte begonnen wie ein
       Märchen. Am liebsten hätte ich so angefangen:
      Es war einmal ein kleiner Prinz, der wohnte auf einem
       Planeten, der kaum größer war als er selbst, und er
       brauchte einen Freund... Für die, die das Leben richtig
       verstehen, würde das viel glaubwürdiger klingen.
      Denn ich möchte nicht, daß man mein Buch leicht
       nimmt. Ich empfinde so viel Kummer beim Erzählen
       dieser Erinnerungen. Es ist nun schon sechs Jahre her,
       daß mein Freund mit seinem Schaf davongegangen ist.
       Wenn ich hier versuche, ihn zu beschreiben, so tue ich
       das, um ihn nicht zu vergessen. Nicht jeder hat einen
       Freund gehabt. Und ich könnte wie die großen Leute
       werden, die sich nur für Ziffern interessieren, deshalb
       habe ich mir schließlich auch einen Farbenkasten und
       Zeichenstifte gekauft.
      Es ist schwer, sich in meinem Alter noch einmal mit
       dem Zeichnen einzulassen, wenn man seit seinem
       sechsten Lebensjahre nie andere Versuche gemacht hat
       als die mit einer geschlossenen und offenen
       Klapperschlange. Ich werde selbstverständlich
       versuchen, die Bilder so wirklichkeitsgetreu wie möglich
       zu machen. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob es mir
       gelingen wird. Die eine Zeichnung geht, die andere ist
       schon nicht mehr ähnlich. Ich irre mich auch mitunter in
       den Maßen. Da ist der kleine Prinz zu groß und da ist er
       zu klein. Auch die Farbe seiner Kleider macht mir
       Kummer. Dann probiere ich hin und her, so gut es eben
       geht. Ich werde mich vermutlich auch bei wichtigeren
       Einzelheiten irren. Aber das muß man doch schon
       nachsehen. Mein Freund hat mir nie Erklärungen
       gegeben. Er glaubte wahrscheinlich, ich sei wie er. Aber
       ich bin leider nicht imstande, durch die Kistenbretter
       hindurch Schafe zu sehen. Ich gleiche doch wohl schon
       eher den großen Leuten. Ich mußte ja im Laufe der Zeit
       älter werden.
 
 

            V

      Jeden Tag erfuhr ich etwas Neues über den Planeten,
      über die Abreise und über die Fahrt. Das ergab sich ganz
      sachte im Laufe meiner Überlegungen. So lernte ich am
      dritten Tage die Tragödie der Affenbrotbäume kennen.
      Auch dies verdanke ich schließlich dem Schaf, denn
      unvermittelt fragte mich der kleine Prinz, als wäre er von
      einem schweren Zweifel geplagt:
     »Es stimmt doch, daß Schafe Stauden fressen?«
     »Ja, das stimmt.«
     »Ach, da bin ich froh!«
     Ich verstand nicht, warum es so wichtig war, daß
      Schafe Stauden fressen. Aber der kleine Prinz fügte hinzu:
     »Dann fressen sie doch auch Affenbrotbäume?«
     Ich erklärte dem kleinen Prinzen ausführlich, daß
      Affenbrotbäume doch keine Stauden sind, sondern
      kirchturmhohe Bäume, und selbst wenn er eine ganze
      Herde Elefanten mitnähme, würde diese Herde nicht mit
      einem einzigen Affenbrotbaum fertig werden.
     Der Einfall mit den Elefanten brachte in zum Lachen.
     »Man müßte sie übereinanderstellen...«
     Aber dann bemerkte er klugerweise:
     »Bevor die Affenbrotbäume groß werden, fangen sie ja
      erst damit an, klein zu sein.«
     »Das ist schon richtig. Aber warum willst du, daß deine
      Schafe die kleinen Affenbrotbäume fressen?«
     Er antwortete: »Schon gut! Wir werden ja sehen!« als
      ob es sich da um das klarste Ding der Welt handelte. Und
      ich mußte meinen ganzen Verstand aufbieten, um der
      Sache auf den Grund zu kommen.
     In der Tat gab es auf dem Planeten des kleinen Prinzen
      wie auf allen Planeten gute Gewächse und schlechte
      Gewächse. Infolgedessen auch gute Samenkörner von
      guten Gewächsen und schlechte Samenkörner von
      schlechten Gewächsen. Aber die Samen sind unsichtbar.
      Sie schlafen geheimnisvoll in der Erde, bis es einem von
      ihnen einfällt, aufzuwachen. Dann streckt er sich und treibt
      zuerst schüchtern einen entzückenden kleinen Sproß zur
      Sonne, einen ganz harmlosen. Wenn es sich um einen
      Radieschen- oder Rosentrieb handelt, kann man ihn
      wachsen lassen, wie er will. Aber wenn es sich um eine
      schädliche Pflanze handelt, muß man die Pflanze beizeiten
      herausreißen, sobald man erkannt hat, was für eine es ist.
      Auf dem Planeten des kleinen Prinzen gab es fürchterliche
      Samen... und das waren die Samen der Affenbrotbäume.
      Der Boden des Planeten war voll davon. Aber einen
      Affenbrotbaum kann man, wenn man ihn zu spät angeht,
      nie mehr loswerden. Er bemächtigt sich des ganzen
      Planeten. Er durchdringt ihn mit seinen Wurzeln. Und
      wenn der Planet zu klein ist und die Affenbrotbäume zu
      zahlreich werden, sprengen sie ihn.
     »Es ist eine Frage der Disziplin«, sagte mir später der
      kleine Prinz. »Wenn man seine Morgentoilette beendet
      hat, muß man sich ebenso sorgfältig an die Toilette des
      Planeten machen. Man muß sich regelmäßig dazu
      zwingen, die Sprößlinge der Affenbrotbäume
      auszureißen, sobald man sie von den Rosensträuchern
      unterscheiden kann, denen sie in der Jugend sehr ähnlich
      sehen. Das ist eine zwar langweilige, aber leichte Arbeit.«
     Und eines Tages riet er mir, ich solle mich bemühen,
      eine schöne Zeichnung zustande zu bringen, damit es den
      Kindern bei mir daheim auch richtig in den Kopf gehe.
      »Wenn sie eines Tages auf die Reise gehen«, sagte er,
      »kann es ihnen zugute kommen. Zuweilen macht es ja
      wohl nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später
      verschiebt. Aber wenn es sich um Affenbrotbäume
      handelt, führt das stets zur Katastrophe. Ich habe einen
      Planeten gekannt, den ein Faulpelz bewohnte. Er hatte
      drei Sträucher übersehen...«
     Und so habe ich denn diesen Planeten nach den
      Angaben des kleinen Prinzen gezeichnet. Ich nehme nicht
      gerne den Tonfall eines Moralisten an. Aber die
      Gefährlichkeit der Affenbrotbäume ist so wenig bekannt,
      und die Gefahren, die jedem drohen, der sich auf einen
      Asteroiden verirrt, sind so beträchtlich ,daß ich für dieses
      eine Mal aus meiner Zurückhaltung heraustrete. Ich sage:
      Kinder, Achtung! Die Affenbrotbäume! Um meine
      Freunde auf eine Gefahr aufmerksam zu machen, die -
      unerkannt - ihnen wie mir seit langem droht, habe ich so
      viel an dieser Zeichnung gearbeitet. Die Lehre, die ich
      damit gebe, ist gewiß der Mühe wert. Ihr werdet euch
      vielleicht fragen: Warum enthält dieses Buch nicht noch
      andere, ebenso großartige Zeichnungen wie die Zeichnung
      von den Affenbrotbäumen? Die Antwort ist sehr einfach:
      Ich habe wohl den Versuch gewagt, aber es ist mir nicht
      gelungen. Als ich die Affenbrotbäume zeichnete, war ich
      vom Gefühl der Dringlichkeit beseelt.
 

VI

       Ach, kleiner Prinz, so nach und nach habe ich dein
       kleines schwermütiges Leben verstanden. Lange Zeit hast
       du, um dich zu zerstreuen, nichts anderes gehabt als die
       Lieblichkeit der Sonnenuntergänge. Das erfuhr ich am
       Morgen des vierten Tages, als du mir sagtest:
      »Ich liebe Sonnenuntergänge sehr. Komm, laß uns
       einen Sonnenuntergang anschauen...«
      »Da muß man noch warten...«
      »Worauf denn warten?«
      »Warten, bis die Sonne untergeht.«
      Du hast zuerst ein sehr erstauntes Gesicht gemacht
       und dann über dich selber gelacht. Und du hast zu mir
       gesagt:
      »Ich bilde mir immer ein, ich sei zu Hause!«
      In der Tat. Wenn es in den Vereinigten Staaten Mittag
       ist, geht die Sonne, wie jedermann weiß, in Frankreich
       unter. Um dort einem Sonnenuntergang beizuwohnen,
       müßte man in einer Minute mach Frankreich fliegen
       können. Unglücklicherweise ist Frankreich viel zu weit
       weg. Aber auf deinem so kleinen Planeten genügte es,
       den Sessel um einige Schritte weiterzurücken. Und du
       erlebtest die Dämmerung, so oft du es wünschtest... »An
       einem Tag habe ich die Sonne dreiundverzigmal
       untergehen sehn!«
      Und ein wenig später fügtest du hinzu:
      »Du weißt doch, wenn man recht traurig ist, liebt man
       die Sonnenuntergänge...«
      »Am Tage mit den dreiundvierzigmal warst du also
       besonders traurig?« Aber der kleine Prinz antwortete
       nicht.

VII

      Am fünften Tag war es wieder das Schaf, das ein
      Lebensgeheimnis des kleinen Prinzen enthüllen half. Er
      fragte mich unvermittelt, ohne Umschweife, als pflückte er
      die Frucht eines in langem Schweigen gereiften Problems:
     »Wenn ein Schaf Sträucher frißt, so frißt es doch auch
      die Blumen?«
     »Ein Schaf frißt alles, was ihm vors Maul kommt.«
     »Auch die Blumen, die Dornen haben?«
     »Ja. Auch die Blumen, die Dornen haben.«
     »Wozu haben sie dann die Dornen?«
     Ich wußte es nicht. Ich war gerade mit dem Versuch
      beschäftigt, einen zu streng angezogenen Bolzen meines
      Motors abzuschrauben. Ich war in großer Sorge, da mir
      meine Panne sehr bedenklich zu erscheinen begann, und
      ich machte mich aufs Schlimmste gefaßt, weil das
      Trinkwasser zur Neige ging.
     »Was für einen Zweck haben die Dornen?«
     Der kleine Prinz verzichtete niemals auf eine Frage,
      wenn er sie einmal gestellt hatte. Ich war völlig mit meinem
      Bolzen beschäftigt und antwortete aufs Geratewohl:
     »Die Dornen, die haben gar keinen Zweck, die Blumen
      lassen sie aus reiner Bosheit wachsen!«
     »Oh!«
     Er schwieg. Aber dann warf er mir in einer Art
      Verärgerung zu:
     »Das glaube ich dir nicht! Die Blumen sind schwach. Sie
      sind arglos. Sie schützen sich, wie sie können. Sie bilden
      sich ein, daß sie mit Hilfe der Dornen gefährlich wären...«
     Ich antwortete nichts und sagte mir im selben
      Augenblick: Wenn dieser Bolzen noch lange bockt, werde
      ich ihn mit einem Hammerschlag heraushauen müssen.
     Der kleine Prinz störte meine Überlegungen von neuem:
     »Und du glaubst, daß die Blumen...«
     »Aber nein! Aber nein! Ich glaube nichts! Ich habe
      irgend etwas dahergeredet. Wie du siehst, beschäftige ich
      mich mit wichtigeren Dingen!«
     Er schaute mich verdutzt an.
     »Mit wichtigeren Dingen!«
     Er sah mich an, wie ich mich mit dem Hammer in der
      Hand und vom Schmieröl verschmutzten Händen über
      einen Gegenstand beugte, der ihm ausgesprochen häßlich
      erscheinen mußte.
     »Du sprichst ja wie die großen Leute!«
     Das beschämte mich. Er aber fügte unbarmherzig hinzu:
     »Du verwechselst alles, du bringst alles durcheinander!«
     Er war wirklich sehr aufgebracht. Er schüttelte sein
      goldenes Haar im Wind.
     »Ich kenne einen Planeten, auf dem ein puterroter Herr
      haust. Er hat nie den Duft einer Blume geatmet. Er hat nie
      einen Stern angeschaut.
     Er hat nie jemanden geliebt. Er hat nie etwas anderes als
      Additionen gemacht. Und den ganzen Tag wiederholt er
      wie du: Ich bin ein ernsthafter Mann! Ich bin ein ernsthafter
      Mann! Und das macht ihn ganz geschwollen vor Hochmut.
      Aber das ist kein Mensch, das ist ein Schwamm.«
     »Ein was?«
     »Ein Schwamm!«
     Der kleine Prinz war jetzt ganz blaß vor Zorn.
     »Es sind nun Millionen Jahre, daß die Blumen Dornen
      hervorbringen. Es sind Millionen Jahre, daß die Schafe
      trotzdem die Blumen fressen. Und du findest es unwichtig,
      wenn man wissen möchte, warum sie sich so viel Mühe
      geben, Dornen hervorzubringen, die zu nichts Zweck
      haben? Dieser Kampf der Schafe mit den Blumen soll
      unwichtig sein? Weniger ernsthaft als die Additionen eines
      dicken, roten Mannes? Und wenn ich eine Blume kenne,
      die es in der ganzen Welt nur ein einziges Mal gibt,
      nirgends anders als auf meinem kleinen Planeten, und wenn
      ein kleines Schaf, ohne zu wissen, was es tut, diese Blume
      eines Morgens so mit einem einzigen Biß auslöschen kann,
      - das soll nicht wichtig sein?!«
     Er wurde rot vor Erregung und fuhr fort:
     »Wenn einer eine Blume liebt, die es nur ein einziges
      Mal gibt auf allen Millionen und Millionen Sternen, dann
      genügt es ihm völlig, daß er zu ihnen hinaufschaut, um
      glücklich zu sein. Er sagt sich: Meine Blume ist da oben,
      irgendwo... Wenn aber das Schaf die Blume frißt, so ist es
      für ihn, als wären plötzlich alle Sterne ausgelöscht! Und das
      soll nicht wichtig sein?«
     Er konnte nichts mehr sagen. Er brach plötzlich in
      Schluchzen aus. Die Nacht war hereingebrochen. Ich hatte
      mein Werkzeug weggelegt. Mein Hammer, mein Bolzen,
      der Durst und der Tod, alles war mir gleichgültig. Es galt
      auf einem Stern, einem Planeten, auf dem meinigen, hier auf
      der Erde, einen kleinen Prinzen zu trösten! Ich nahm ihn in
      die Arme. Ich wiegte ihn. Ich flüsterte ihm zu: »Die Blume,
      die du liebst, ist nicht in Gefahr... Ich werde ihm einen
      Maulkorb zeichnen, deinem Schaf... Ich werde dir einen
      Zaun für deine Blume zeichnen... Ich...« Ich wußte nicht,
      was ich noch sagen sollte. Ich kam mir sehr ungeschickt
      vor. Ich wußte nicht, wie ich zu ihm gelangen, wo ich ihn
      erreichen konnte. Es ist so geheimnisvoll, das Land der
      Tränen.

VIII

       Bald sollte ich jene Blume besser kennenlernen. Es hatte
       auf dem Planeten des kleinen Prinzen immer schon
       Blumen gegeben, sehr einfache, aus einem einzigen
       Kranz von Blütenblättern geformt; sie spielten keine
       große Rolle und störten niemanden. Sie leuchteten eines
       Morgens im Grase auf und erloschen am Abend. Aber
       jene eine hatte eines Tages Wurzel geschlagen, aus
       einem Samen, weiß Gott woher, und der kleine Prinz
       hatte diesen Sproß, der den andern Sprößlingen nicht
       glich, sehr genau überwacht. Das konnte eine neue Art
       Affenbrotbaum sein. Aber der Strauch hörte bald auf zu
       wachsen und begann, eine Blüte anzusetzen. Der kleine
       Prinz, der der Entwicklung einer riesigen Knospe
       beiwohnte, fühlte wohl, es müsse eine wunderbare
       Erscheinung aus ihr hervorgehen, aber die Blume wurde
       nicht fertig damit, sich in ihrer grünen Kammer auf ihre
       Schönheit vorzubereiten. Sie wählte ihre Farben mit
       Sorgfalt, sie zog sich langsam an, sie ordnete ihre
       Blütenblätter eins nach dem andern. Sie wollte nicht wie
       die Mohnblühten ganz zerknittert herauskommen. Sie
       wollte nicht früher erscheinen als im vollen Ornat ihrer
       Schönheit. Nun ja! sie wollte gefallen. Ihre
       geheimnisvolle Toilette hatte also Tage und Tage
       gedauert. Und dann, eines Morgens, gerade zur Stunde
       des Sonnenaufganges, hatte sie sich enthüllt.
      Und die, die mit solcher Genauigkeit gearbeitet hatte,
       sagte gähnend:
      »Ach! ich bin kaum aufgewacht... Ich bitte um
       Verzeihung... Ich bin noch ganz zerrauft...«
      Da konnte der kleine Prinz seine Bewunderung nicht
       mehr verhalten:
      »Wie schön Sie sind!«
      »Nicht wahr?« antwortete sanft die Blume. »Und ich
       bin zugleich mit der Sonne geboren...«
      Der kleine Prinz erriet wohl, daß sie nicht allzu
       bescheiden war, aber sie war so rührend!
      »Ich glaube, es ist Zeit zum Frühstücken«, hatte sie
       bald hinzugefügt, »hätten Sie die Güte, an mich zu
       denken?«
      Und völlig verwirrt hatte der kleine Prinz eine
       Gießkanne mit frischem Wasser geholt und die Blume
       bedient.
 
 
 

       So hatte sie ihn sehr bald schon mit ihrer etwas scheuen
       Eitelkeit gequält. Eines Tages zum Beispiel, als sie von
       ihren vier Dornen sprach, hatte sie zum kleinen Prinzen
       gesagt:
      »Sie sollen nur kommen, die Tiger, mit ihren Krallen!«

      »Es gibt keine Tiger auf meinem Planeten«, hatte der
       kleine Prinz eingewendet, »und die Tiger fressen auch
       kein Gras.«
      »Ich bin kein Gras«, hatte die Blume sanft
       geantwortet.
      »Verzeihen Sie mir...«
      »Ich fürchte mich nicht vor den Tigern, aber mir graut
       vor der Zugluft. Hätten Sie keinen Wandschirm?«
      Grauen vor Zugluft?... Das sind schlechte Aussichten
       für eine Pflanze, hatte der kleine Prinz festgestellt. Diese
       Blume ist recht schwierig...
      »Am Abend werden Sie mich unter einen Glassturz
       stellen. Es ist sehr kalt bei Ihnen. Das ist schlecht
       eingerichtet. Da, wo ich herkomme...«
      Aber sie hatte sich unterbrochen. Sie war in Form
       eines Samenkorns gekommen. Sie hatte nichts von den
       anderen Welten wissen können. Beschämt, sich bei einer
       so einfältigen Lüge ertappen zu lassen, hatte sie zwei-
       oder dreimal gehustet, um den kleinen Prinzen ins
       Unrecht zu setzen:
      »Der Wandschirm...?«
      »Dann hatte sie sich neuerlich zu ihrem Husten
       gezwungen, um ihm trotzdem Gewissensbisse
       aufzunötigen.
 
 

       So hatte der kleine Prinz trotz des guten Willens seiner
       Liebe rasch an ihr zu zweifeln begonnen, ihre
       belanglosen Worte bitter ernst genommen und war sehr
       unglücklich geworden.
      »Ich hätte nicht auf die hören sollen«, gestand er mir
       eines Tages. »Man darf den Blumen nicht zuhören, man
       muß sie anschauen und einatmen. Die meine erfüllte
       den Planeten mit Duft, aber ich konnte seiner nicht froh
       werden. Diese Geschichte mit den Krallen, die mich so
       gereizt hat, hätte mich rühren sollen.«
      Er vertraute mir noch an:
      »Ich habe das damals nicht verstehen können! Ich
       hätte sie nach ihrem Tun und nicht nach ihren Worten
       beurteilen sollen. Sie duftete und glühte für mich. Ich
       hätte niemals fliehen sollen! Ich hätte hinter all den
       armseligen Schlichen Ihre Zärtlichkeit erraten sollen. Die
       Blumen sind so widerspruchsvoll! Aber ich war zu jung,
       um sie lieben zu können.«
 

IX

       Ich glaube, daß er zu seiner Flucht einen Zug wilder
       Vögel benutzt hat. Am Morgen seiner Abreise brachte er
       seinen Planeten schön in Ordnung. Sorgfältig fegte er
       seine tätigen Vulkane. Er besaß zwei tätige Vulkane, das
       war sehr praktisch zum Frühstückkochen. Er besaß auch
       einen erloschenen Vulkan. Da er sich aber sagte: Man
       kann nie wissen! fegte er auch den erloschenen Vulkan.
       Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane sanft
       und regelmäßig, ohne Ausbrüche. Die Ausbrüche der
       Vulkane sind nichts weiter als Kaminbrände. Es ist klar:
       Wir auf unserer Erde sind viel zu klein, um unsere
       Vulkane zu kehren. Deshalb machen sie uns so viel
       Verdruß.
      Der kleine Prinz riß auch ein bißchen schwermütig die
       letzten Triebe des Affenbrotbaumes aus. Er glaubte nicht,
       daß er jemals zurückkehren müsse. Aber alle diese
       vertrauten Arbeiten erschienen ihm an diesem Morgen
       ungemein süß. Und, als er die Blume zum letztenmal
       begoß und sich anschickte, sie unter den Schutz der
       Glasglocke zu stellen, entdeckte er in sich das Bedürfnis
       zu weinen.
      »Adieu«, sagte er zur Blume.
      Aber sie antwortete ihm nicht.
      »Adieu«, wiederholte er.
      Die Blume hustete. Aber das kam nicht von der
       Erkältung.
      »Ich bin dumm gewesen«, sagte sie endlich zu ihm.
       »Ich bitte dich um Verzeihung. Versuche, glücklich zu
       sein.«
      Es überraschte ihn, daß die Vorwürfe ausblieben. Er
       stand ganz fassungslos da, mit der Glasglocke in der
       Hand. Er verstand diese stille Sanftmut nicht.
      »Aber ja, ich liebe dich«, sagte die Blume. »Du hast
       nichts davon gewußt. Das ist meine Schuld. Es ist ganz
       unwichtig. Aber du warst ebenso dumm wie ich.
       Versuche, glücklich zu sein... Laß diese Glasglocke
       liegen! Ich will sie nicht mehr...«
      »Aber der Wind...«
      »Ich bin nicht so stark erkältet, daß... Die frische
       Nachtluft wird mir gut tun. Ich bin eine Blume.«
      »Aber die Tiere...«
      »Ich muß wohl zwei oder drei Raupen aushalten, wenn
       ich die Schmetterlinge kennenlernen will. Auch das
       scheint sehr schön zu sein. Wer wird mich sonst
       besuchen? Du wirst ja weit weg sein. Was aber die
       großen Tiere angeht, so fürchte ich mich nicht. Ich habe
       meine Krallen.«
      Und sie zeigt treuherzig ihre vier Dornen. Dann fügte
       sie noch hinzu:
      »Zieh es nicht so in die Länge, das ist ärgerlich. Du
       hast dich entschlossen zu reisen. So geh!«
      Denn sie wollte nicht, daß er sie weinen sähe. Es war
       eine so stolze Blume.
 

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Quellen: Hannover Universitaet

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