Friedrich Schleiermacher Über den Begriff der Hermeneutik mit Bezug auf F. A. Wolfs Andeutungen und Asts Lehrbuch (1829) [Aus: Friedrich Schleiermacher, Sämmtliche Werke, III. Abt., 3. Aufl., (Hrsg. v. L. Jonas), Berlin 1835, S. 344-386] Viele, ja vielleicht die meisten von den Tätigkeiten, aus denen das menschliche Leben besteht, vertragen eine dreifache Abstufung der Art, wie sie verrichtet werden, eine fast geistlose und ganz mechanische, eine, die auf einem Reichtum von Erfahrungen und Beobachtungen beruht, und endlich eine im eigentlichen Sinne des Wortes kunstmäßige. Unter diese nun scheint mir auch das Auslegen zu gehören, sofern ich nämlich unter diesem Ausdruck alles Verstehen fremder Rede zusammenfasse. Jene erste und niedrigste finden wir täglich auf dem Markt und in den Strassen nicht nur, sondern auch in manchen Gesellschaftskreisen, wo man Redensarten über gemeine Gegenstände wechselt, so dass der jedesmal Sprechende fast schon mit Gewissheit weiß, was sein Mitunterredner erwidern werde, und die Rede regelmässig wie ein Ball abgefangen und wiedergegeben wird. Die zweite ist der Punkt, auf welchem wir im allgemeinen zu stehen scheinen. So wird das Auslegen geübt auf unsern Schulen und Hochschulen, und die erklärenden Kommentare der Philologen und Theologen, denn diese beiden haben das Feld vorzüglich angebaut, enthalten einen Schatz von lehrreichen Beobachtungen und Nachweisen, welche hinreichend beurkunden, wie viele unter ihnen wahre Künstler sind im Auslegen, während freilich dicht neben ihnen auf demselben Gebiet teils die wildeste Willkür auftaucht bei schwierigen Stellen, teils pedantische Stumpfheit das Schönste entweder gleichgültig übersieht oder töricht verdreht. Aber neben allen diesen Schätzen verlangt doch den, der das Geschäft selbst zu treiben hat und sich doch zu den entschiedenen Künstlern nicht zählen kann und noch mehr, wenn er zugleich der wissbegierigen Jugend vorangehn soll im Auslegen und sie dazu anleiten, nach einer solchen Anleitung, die als eigentliche Kunstlehre zugleich nicht nur die erwünschteste Frucht sei von den Meisterarbeiten der Künstler dieses Fachs, sondern auch in würdiger wissenschaftlicher Gestalt den ganzen Umfang und die Gründe des Verfahrens auseinandersetzte. Eine solche fand auch ich mich veranlasst zu suchen für mich selbst sowohl als für meine Zuhörer, als ich mich zuerst in dem Falle befand, auslegende Vorlesungen zu halten. Allein - vergeblich. Nicht nur die nicht unbedeutende Menge theologischer Kompendien, wenngleich manche darunter wie das Ernestische Buch für Erzeugnisse einer tüchtigen philologischen Schule galten, sondern ebenso auch die wenigen rein philologischen Aufsätze dieser Gattung erschienen doch nur als Sammlungen von einzelnen aus jenen Beobachtungen der Meister zusammengetragenen Regeln, bald klarer bestimmt bald unsichrer schwebend, bald unbeholfener bald bequemer geordnet. Besseres erwartete ich, als Fülleborns aus Wolfs Vorlesungen entstandene philologische Enzyklopädie erschien, allein das wenige Hermeneutische hatte auch nicht die Tendenz, wenn auch nur mit wenigen Strichen, doch ein Ganzes abreißen zu wollen; und da das Dargebotene auch hier wie natürlich speziell auf die Werke des klassischen Altertums angewendet wurde, wie in den meisten Handbüchern auf das eigentümliche Gebiet der heiligen Schriften: so fand ich mich nicht besser befriedigt als zuvor. Seitdem sind die in der Überschrift angegebenen Aufsätze das Bedeutendste, was in dieser Sache erschienen ist. Je mehr nun Wolf unter uns den feinsten Geist, die freieste Genialität der Philologie repräsentiert, je mehr sich Herr Ast überall als ein philosophisch kombinierender Philologe zu verfahren strebt, um desto lehrreicher und förderlicher muss es sein, beide zusammenzustellen. Und so schien es mir für jetzt am zweckmäßigsten, indem ich diesen Führern nachgehe, meine eignen Gedanken über die Aufgabe an ihre Sätze anzuknüpfen. Wolf vermeidet in seinem ganzen Aufsatz wohl geflissentlich die systematische Form, sei es, weil er überhaupt alles gern vermied, was pedantisch erscheinen kann, und lieber andern anheimstellte, was er zierlich und vornehm mehr fallen ließ als ausstreute, mühsam und etwas banausisch zusammenzulesen, sei es auch nur, weil er sie dem Orte desselben an der Spitze einer mannigfaltigen ohne alle systematische Rücksicht aufzunehmen bestimmten Zeitschrift nicht angemessen hielt. Herr Ast im Gegenteil schreibt sich diese Form vor; und erklärt uns an der Spitze, dass keine Lehre könne ohne philosophischen Geist wissenschaftlich mitgeteilt werden. Indes, da uns Wolf doch versichert, der Inhalt seiner Abhandlung sei vorlängst bestimmt gewesen, einer philologischen Enzyklopädie zur Einleitung zu dienen: so muss ja das Einzelne schon in dieser Beziehung gedacht gewesen, mithin auch so ausgesprochen worden sein, und wir sind also auch, was ihn anlangt, wohl berechtigt, was wir hier finden, als seine eigentliche Theorie anzusehen. Indem nun Wolf Grammatik, Hermeneutik und Kritik, diese drei zusammen, als vorbereitende Studien behandelt, welche den Eintritt in den Kreis der eigentlich philologischen Disziplinen gewähren, als ein Organon der Altertumswissenschaft, Herr Ast aber dieselben Disziplinen als Anhang zu einem nur noch nicht erschienenen Grundriss der Philologie behandeln wollte: so stehen beide Männer keineswegs weit voneinander; denn auch Herrn Asts Meinung, wiewohl er sich nicht genauer über die Verhältnisse dieses Anhangs erklärt, kann keine andere sein als die, dass die Darstellung der Philologie ihn auf die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Behandlung jener drei Disziplinen geführt hat. Die genaue Verwandtschaft zwischen Grammatik, Kritik und Hermeneutik, welche beide übereinstimmend behaupten, wird auch wohl niemand zu leugnen wagen. Doch möchte ich gern der letzten, denn die beiden andern muss ich jetzt beiseite lassen, noch eine andere Stelle sichern. Die Werke des klassischen Altertums sind gewiss als Meisterstücke menschlicher Rede die vortrefflichsten und würdigsten unter den Gegenständen, mit denen es die Auslegungskunst gewöhnlich zu tun hat. Allein unleugbar kamen doch viele, welche dieselbe mit großem Erfolg getrieben haben, vorzüglich von den für den Philologen gar nicht eben reichhaltigen heiligen Schriften der Christen her. Verzeichnete man nun für diese Studien ebenfalls eine Enzyklopädie: so würde unsere Kunst unstreitig auch dort, mit mehreren anderen vorbereitenden Studien verbunden, ein ähnliches Organon der christlichen Theologie bilden. Ist sie also etwas für die christliche Theologie und dasselbe für die klassische Altertumswissenschaft: so wird weder das eine noch das andere ihr Wesen sein, sondern dieses etwas größeres, woraus jenes nur Ausflüsse sind. Freilich haben nur diese beiden, die klassischen Philologen und die philologischen Theologen, unsere Disziplin getrieben, und Herr Ast könnte mich fast verleiten zu behaupten, dass sie auch nur in diesen beiden Gebieten ihren eigentlichen Sitz habe. Denn gleich anfangs in seinen Grundlinien, wo er die Aufgabe des Verstehens aufgestellt hat, führt er uns zu jener höchsten Höhe dem Einheit des Geistes hinauf und endet mit der Behauptung, das Ziel unserer gesamten Geistestätigkeit sei die hervorzubringende Einheit des griechischen und christlichen Lebens, und so könnte ja auch wohl die Hermeneutik nichts anderes als dieses beides zu behandeln haben. Und wenn sie auf der einen Seite einleitete zum Altertumswissenschaft, auf der anderen zur christlichen Theologie: so geschähe doch beides nur in dem Geiste der Einheit beider. Hatte sie es nun auch noch mit dem Orientalismus zu tun, der bekanntlich die noch nicht auseinandergegangene Indifferenz beider ist, und auf der andern Seite mit der romantischen Literatur, die offenbar in der Annäherung zur Einheit beider liegt: so käme auch das mit großer Leichtigkeit zurecht. Denn sind der Orientalismus und die romantische Literatur ebenso abgeschlossene Gebiete wie die klassische Philologie und die heilige Literatur: so hätten wir dann eine vierfache Hermeneutik, jede auf spezielle Weise als Organon für einen bestimmten Kreis gebildet, für welche es aber doch etwas höheres Gemeinsames geben müsste. Doch indem ich mich in diese Höhen versteigen will, fürchte ich mich vor Wolfs Schatten. Dieser klagt in den wenigen Sätzen, die er der Hermeneutik widmet, dass sie als Theorie noch sehr wenig vollkommen sei, und führt als zu ihrer Begründung noch fehlend Untersuchungen an, die aber sämtlich nicht auf so schwindliger Höhe liegen, sondern in ganz gemäßigten Regionen, nämlich Untersuchungen über die Bedeutungen der Wörter, den Sinn der Sätze, den Zusammenhang der Rede; dabei sagt er dennoch wieder tröstend, diese Unvollkommenheit schade nicht viel, indem die Resultate doch wenig beitragen würden, die Genialität des Auslegers zu wecken oder seine geistige Gewandtheit zu erhöhen. Er will auch hier warnend auf den Unterschied hinweisen, den er geltend macht zwischen Theorien, wie die Alten sie hatten, welche in der Tat die Produktion erleichterten, hier also das Geschäft des Auslegens, und solchen, zu denen wir Neuern uns neigen, die sich in abstruse Entwicklungen der innern Natur der Kunst und ihrer ersten Gründe vertiefen, nach denen sich aber nichts machen lässt. Ich fürchte, hier ist der Unterschied mit gemeint, mit dem ich angefangen habe; die rein wissenschaftliche Theorie wird die sein, welche nichts bewirkt, die nützliche wird allein die sein, welche die Beobachtungen zweckmäßig zusammenstellt. Nun scheint mir zwar auf der einen Seite noch immer, dass die letztere noch etwas bedarf, um den Regeln das Gebiet ihrer Anwendbarkeit zu bestimmen, welches ja wohl die erste gewähren muss, auf der andern Seite meine ich, dass auch diese selbst, wenn sie nur bei der Natur und den Gründen der Kunst, auf die sie sich bezieht, stehenbleibt, doch immer von einigem Einfluss sein werde auf die Ausübung dieser selbigen Kunst: allein da ich auf keine Weise die Anwendbarkeit der Theorie auf das Spiel setzen will: so verlasse ich doch lieber den spekulativen Führer auf seinem Fluge und folge dem praktischeren. Dieser also erklärt zuvörderst, nur dass die Erklärung freilich nicht an der Spitze steht, sondern im Winkel in einer Parenthese, aber er erklärt doch, Hermeneutik sei die Kunst, die Gedanken eines Schriftstellers aus dessen Vortrag mit notwendiger Einsicht aufzufinden. Nun bleibt mir schon vieles von dem, was ich nur bei dem andern Führer gewinnen zu können hoffte, auch bei diesem gerettet; die Hermeneutik versiert nicht nur in dem klassischen Gebiet und ist nicht bloß in diesem engeren philologisches Organon: sondern sie treibt ihr Werk überall, wo es Schriftsteller gibt, und also müssen auch ihre Prinzipien diesem ganzen Gebiete genügen, und nicht etwa nur auf die Natur der klassischen Werke zurückgehen. - Herr Ast macht es mir mit einer so wohl abgefassten Erklärung nicht bequem, sondern ich muss mir die einzelnen Glieder derselben zusammensuchen. Der erste Begriff, den er aufstellt, ist der eines Fremden, welches verstanden werden soll. Nun leugnet er zwar diesen Begriff in seiner ganzen Schärfe, und freilich, wenn das zu Verstehende dem, der verstehen soll, ganz fremd wäre und es gar kein beiden Gemeinschaftliches gäbe: so gäbe es auch keinen Anknüpfungspunkt für das Verstehen. Aber ich darf doch wohl schließen, dass dem Begriff als ein beziehungsweiser stehnbleibt, und daraus würde dann folgen, dass so wie in jenem Falle, wenn alles schlechthin fremd wäre, die Hermeneutik ihr Werk gar nicht anzuknüpfen wüsste, ebenso in dem entgegengesetzten, wenn nämlich gar nichts fremd wäre zwischen dem Redenden und dem Vernehmenden, sie es dann gar nicht erst anzuknüpfen brauchte, sondern das Verstehen wäre mit dem Lesen und Hören zugleich oder vielleicht divinatorisch schon vorher immer gegeben und verstände sich also vollkommen von selbst. Ich bin es vollkommen zufrieden, das Geschäft der Hermeneutik zwischen diesen beiden Punkten einzuschließen, aber ich gestehe auch, ich möchte dieses Gebiet gern ganz für sie in Anspruch nehmen und sagen, überall, wo es im Ausdruck der Gedanken durch die Rede für einen Vernehmenden etwas Fremdes gibt, da sei eine Aufgabe, die er nur mit Hilfe unserer Theorie lösen könne; wiewohl freilich immer nur, sofern es zwischen ihm und dem Redenden auch schon etwas Gemeinsames gibt. Meine beiden Führer aber beschränken mich auf mancherlei Weise; der eine schon dadurch, dass er nur von Schriftstellern redet, welche verstanden werden sollen, als ob nicht auch im Gespräch und in der unmittelbar vernommenen Rede dasselbe vorkommen könne, der andere dadurch, dass er sehr bald das Fremde beschränkt auf das in fremder Sprache Verfasste, und dann auf die so verfassten Werke des Geistes, welches wieder noch ein engeres Gebiet ist als das der Schriftsteller überhaupt. Denn wie vieles gibt es nicht, was wir nur wissen aus schriftlichen Aufsätzen von gar nicht sehr großem geistigen Gehalt, aus Erzählungen, die sich gar sehr der Art nähern, wie wir auch im gemeinen Gespräch kleine Ereignisse vorzutragen pflegen, weit entfernt von kunstreicher Geschichtsschreibung, aus Briefen vom vertraulichsten und nachlässigsten Stil; und doch kommen auch in diesen hermeneutische Aufgaben vor von nicht geringer Schwierigkeit. Übrigens besorge ich doch, dass auch Wolf es hiermit nicht viel anders gemeint hat als Hr. Ast und dass, wenn ich ihn gefragt hätte, ob auch solche Schriftsteller wie die Zeitungsschreiber und diejenigen, welche die mancherlei Inserate darin verfassen, Gegenstände für die Auslegungskunst sind, er mich nicht sehr freundlich würde angelassen haben. Vieles freilich ist hier so, dass nichts Fremdes sein kann zwischen dem Verfasser und dem Leser; aber Ausnahmen kommen doch vor; und ich kann nicht einsehn, weshalb dieses Fremde auf eine andere Weise könnte oder müsste in eignes verwandelt werden als das einer kunstmäßigeren Schrift Angehörige. Wie es denn auch bei den hier handgreiflich nachzuweisenden allmählichen Übergängen - da es ja z. B. Epigramme gibt, die sich gar nicht bedeutend von einem Zeitungsartikel unterscheiden - unmöglich sein dürfte, für diese zwei Gebiete auch zwei verschiedene Methoden oder Theorien gegeneinander abzugrenzen. Ja, ich muss noch einmal darauf zurückkommen, dass die Hermeneutik auch nicht lediglich auf schriftstellerische Produktionen zu beschränken ist; denn ich ergreife mich sehr oft mitten im vertraulichen Gespräch auf hermeneutischen Operationen, wenn ich mich mit einem gewöhnlichen Grade des Verstehens nicht begnüge, sondern zu erforschen suche, wie sich wohl in dem Freunde der Übergang von einem Gedanken zum andern gemacht habe, oder wenn ich nachspüre, mit welchen Ansichten, Urteilen und Bestrebungen es wohl zusammenhängt, dass er sich über einen besprochenen Gegenstand grade so und nicht anders ausdrückt. Dergleichen Tatsachen, die wohl jeder Achtsame von sich wird einzeugen müssen, bekunden, dächte ich, deutlich genug, dass die Auflösung der Aufgabe, für welche wir eben die Theorie suchen, keineswegs an dem für das Auge durch die Schrift fixierten Zustande der Rede hängt, sondern dass sie überall vorkommen wird, wo wir Gedanken oder Reihen von solchen durch Worte zu vernehmen haben. Ebensowenig ist sie darauf beschränkt, wenn die Sprache eine fremde ist, sondern auch innerhalb der eigenen Sprache, und wohl zu merken, ganz abgesehn von den verschiedenen Dialekten, in die sie etwa zerfallen ist, und von den Eigentümlichkeiten, die bei dem einen vorkommen, bei den andern aber nicht, gibt es für jeden mancherlei Fremdes in den Gedanken und Ausdrücken eines andern, und zwar in beiderlei Vortrag, dem mündlichen und schriftlichen. Ja, ich gestehe, dass ich diese Ausübung der Hermeneutik im Gebiet der Muttersprache und im unmittelbaren Verkehr mit Menschen für einen sehr wesentlichen Teil des gebildeten Lebens halte, abgesehn von allen philologischen oder theologischen Studien. Wer könnte mit ausgezeichnet geistreichen Menschen umgehn, ohne dass er ebenso bemüht wäre, zwischen den Worten zu hören, wie wir in geistvollen und gedrängten Schriften zwischen den Zeilen lesen, wer wollte nicht ein bedeutsames Gespräch, das leicht nach vielerlei Seiten hin auch bedeutende Tat werden kann, ebenso genauer Betrachtung wert halten, die lebendigen Punkte darin herausheben, ihren innern Zusammenhang ergreifen wollen, alle leisen Andeutungen weiter verfolgen? Und Wolf zumal, der ein solcher Künstler war im Gespräch, so vieles gab, aber mehr andeutend als aussprechend, mehr winkend als andeutend, kann es gewiss nicht haben verschmähen wollen, auch kunstmäßig aufgefasst zu werden, damit man womöglich wüsste, was er sich jedesmal dachte. Sollte nun diese Beobachtungs- und Auslegungskunst der lebenskundigen, welterfahrenen, staatsklugen Männer, soweit ihr Gegenstand die Rede ist, wirklich eine ganz andere sein als die, welche wir bei unsern Büchern anwenden? So anders, dass sie auf andern Prinzipien beruhte und einer ebenso ausgebildeten und regelrechten Darstellung nicht fähig wäre? Das glaube ich nicht, sondern nur wie zwei verschiedene Anwendungen derselben Kunst, in deren einer einige Motive wirksamer hervortreten, andere mehr zurück, und in der andern umgekehrt. Ja, ich möchte noch weiter gehen und behaupten, beide lägen gar nicht so weit auseinander, dass, wer es vorzüglich auf die eine anlegen will, der andern entraten könne. Insbesondere aber möchte ich, um bei dem stehenzubleiben, was uns am nächsten liegt, dem Ausleger schriftlicher Werke dringend anraten, die Auslegung des bedeutsameren Gesprächs fleißig zu üben. Denn die unmittelbare Gegenwart des Redenden, der lebendige Ausdruck, welcher die Teilnahme seines ganzen geistigen Wesens verkündigt, die Art, wie sich hier die Gedanken aus dem gemeinsamen Leben entwickeln, dies alles reizt weit mehr als die einsame Betrachtung einer ganz isolierten Schrift dazu, eine Reihe von Gedanken zugleich als einen hervorbrechenden Lebensmoment, als eine mit vielen anderen auch anderer Art zusammenhangende Tat zu verstehen, und eben diese Seite ist es, welche bei Erklärung der Schriftsteller am meisten hintangestellt, ja großenteils ganz vernachlässigt wird. Wir sehen nur, wenn wir beides vergleichen, zwei verschiedene, ich möchte mehr sagen, Teile als Formen der Aufgabe. Wo wir durch das Fremde der Sprache aufgehalten werden, da freilich forschen wir zunächst in dieser; aber diese kann uns ganz geläufig sein, und wir finden uns doch aufgehalten, indem wir den Zusammenhang in den Operationen des Redenden nicht fassen können. Bietet sich beides gleich wenig dar, dann kann die Aufgabe unauflöslich werden. Doch ich gehe zu den besprochenen Erklärungen zurück, und muss nun zunächst in der Wolfischen, wenigstens für jede Hermeneutik, welche ich aufzustellen im Stande wäre, gegen den Ausdruck Protest einlegen, dass die Gedanken des Schriftstellers mit notwendiger Einsicht sollen aufgefunden werden. Nicht als ob mir die Forderung überhaupt zu stark vorkäme; es verhält sich vielmehr so, das sie mir für eine große Anzahl von Fallen nicht zu groß scheint, aber ich fürchte, dass man, wird die Erklärung so gestellt, andere Fälle, auf welche der Ausdruck gar nicht passt und die ich ungern übergehen möchte, aus den Augen verlieren muss. Man kann in vielen Fällen wohl beweisen - wiewohl auch in diesen schwerlich vollkommen ohne die von Wolf vielleicht zu wohlfeil im voraus von der Hand geschlagenen Untersuchungen über die Natur der Wortbedeutungen -, dass ein Wort in einer gegebenen Verbindung keine andere als eine bestimmte Bedeutung haben könne; ja, man kann durch das Ineinandergreifen solcher Elementarbeweise, wenn man nur irgendwo außerhalb dieses Kreises einen Standpunkt hat, auch wohl den Sinn eines Satzes befriedigend beweisen: aber wieviel andere Fälle gibt es - und solche sind vorzüglich das Kreuz der neutestamentischen Auslegung -, wo eben, weil man von dem einen Stützpunkt aus etwas anderes wahrscheinlich machen kann als von dem anderen, zu einer notwendigen Einsicht kein Raum bleibt. Auch in dem Gebiete der Kritik begibt es sich nicht selten so, dass andere dem Resultat einer gründlichen Untersuchung nichts anderes entgegenzusetzen wissen, als dass noch Möglichkeiten bleiben, dass es anders gewesen sei. Dergleichen Demonstrationen richten natürlich auf die Länge wenig aus; aber so lange auch nur eine solche Möglichkeit nicht gänzlich abgewiesen ist, kann doch von einer notwendigen Einsicht nicht die Rede sein. Und gehn wir nun weiter und denken daran, wie es tunlich ist, in größeren Teilen eines Ganzen den so oft schwierigen Zusammenhang der Gedanken nachzuweisen und die verborgene Zugabe gleichsam verlorner Andeutungen auszumitteln: so kommt es dabei nicht allein, wie Wolf es darstellt, auf Zusammenstellung und Abwägung minutiöser geschichtlicher Momente an, sondern auf das Erraten der individuellen Kombinationsweise eines Autors, welche anders geartet in der gleichen geschichtlichen Position und der gleichen Form des Vortrags doch ein anderes Resultat würde gegeben haben. In Dingen dieser Art aber kann die eigne Überzeugung sehr fest sein und auch gleichgestimmten und analog operierenden Genossen sehr leicht mitteilbar; aber die Form einer Demonstration würde man der Darstellung vergeblich auszuprägen suchen. Und dies sei keineswegs zum Nachteil solcher Entdeckungen gesagt, sondern auf diesem Gebiete gilt wohl vorzüglich das sonst ziemlich paradoxe Wort eines ausgezeichneten Kopfes, der uns nur eben entrissen worden ist, dass Behaupten weit mehr ist als Beweisen. Es ist eine ganz andere Art der Gewissheit, auch - wie Wolf es von der kritischen rühmt - mehr divinatorisch, die daraus entsteht, dass der Ausleger sich in die ganze Verfassung des Schriftstellers möglichst hineinversetzt; daher es sich denn auch hier nicht selten in der Tat so verhalt, wie der platonische Rhapsode dieser jedoch sehr naiv von sich gesteht, dass er den Homer vortrefflich zu erklären vermöge, über einen andern aber Dichter oder Prosaisten ihm oft kein rechtes Licht aufgehen wolle. Nämlich in allem, was von der Sprache nicht nur, sondern auch irgend von dem geschichtlichen Zustande des Volkes und der Zeit abhangt, kann und soll sich der Ausleger, wenn ihm der gehörige Umfang von Kenntnissen zu Gebote steht, überall gleich trefflich zeigen. Was hingegen von richtiger Auffassung des inneren Herganges, als der Schriftsteller entwarf und komponierte, abhängt, was das Produkt seiner persönlichen Eigentümlichkeit in die Sprache und in die Gesamtheit seiner Verhältnisse ist, das wird auch dem gewandtesten Ausleger nur bei den ihm verwandtesten Schriftstellern, nur bei den Lieblingen, in die er sich am meisten hineingelebt hat, am besten gelingen, wie es uns auch im Leben nur mit den genauesten Freunden am besten vonstatten geht, bei andern Schriftstellern aber wird er sich auf diesem Gebiet weniger genügen, und sich auch gar nicht schämen, bei andern Kunstverwandten, die diesen näher stehen, sich Rats zu erholen. Ja, man könnte versucht sein zu behaupten, die ganze Praxis der Auslegung müsse sich auf diese Weise teilen, dass die eine Klasse von Auslegern mehr der Sprache und der Geschichte zugewendet als den Personen, durch alle Schriftsteller eine Sprache ziemlich gleichmäßig durchginge, wenngleich auch unter ihnen der eine mehr in dieser, der andere in einer andern Region hervorragt; die andere Masse aber, mehr der Beobachtung der Personen zugewendet, die Sprache nur als das Medium, durch welches sie sich äußern, die Geschichte nur als die Modalitäten, unter denen sie existierten, betrachtend, sich nur jeder auf diejenigen Schriftsteller beschränkte, die sich ihm am willigsten aufschließen. Und es mag sich wohl auch wirklich so verhalten, nur dass die letzten, weil ihre Kunst weniger durch Auseinandersetzungen mitgeteilt werden kann, auch weniger öffentlich hervortreten, sondern sich der Früchte derselben im stillen Genuss erfreuen. Dass indes auch Wolf diese Seite keineswegs ganz übersehen hat, sondern die hier beschriebene mehr divinatorische als demonstrative Gewissheit zum Teil wenigstens für unsere Disziplin auch mit in Anspruch nimmt, geht aus andern Stellen hervor; und eine davon lohnt es, auch sonst etwas genauer zu betrachten. Wenn nämlich Herr Ast in seinem Kompendium Grammatik, Hermeneutik und Kritik, ohne ihnen etwas anderes beizugesellen, als zusammengehörige Kenntnisse miteinander verbindet und wir nun hier, weil wir lediglich einen Anhang vor uns haben, nicht genau erfahren, wie sie sich gegeneinander verhalten: so hat Wolf noch nicht genug an diesem Kleeblatt für das Organon der Altertumswissenschaft, sondern er gesellt ihnen noch bei die Fertigkeit des Stils und die Kunst der Komposition, wozu denn der Poesie wegen auch noch die antike Metrik gehört. Dies ist allerdings auf den ersten Anblick eher überraschend. Ich meines Teils wollte wenigstens zufrieden sein, wenn ich die Fertigkeit des antiken Stils -und von dem allein, von der Komposition in den alten Sprachen ist die Rede - auch erst als die späte Frucht einer langen Beschäftigung mit der Altertumswissenschaft davontrüge. Denn man muss wohl mindestens ebensoviel und ebenso kräftig als in der Gegenwart in der alten Welt gelebt haben, muss sich aller damaligen Formen menschlicher Existenz und der eigentümlichen Beschaffenheit der umgebenden Gegenstände lebendig bewusst sein, um mehr zu leisten, als wie die meisten, aus zusammengelesenen Formeln ein zierliches Strohgeflecht machen, um wirklich, was uns aus unserer heutigen Welt bewegt, in römische oder hellenische Vorstellungen zu gestalten und diese dann in möglichst antiker Weise wiederzugeben. Wie kommt also Wolf dazu, uns diese Kunst abzufordern gleichsam als Eintrittspreis zu den Heiligtümern der Altertumswissenschaft? Und auf welchem redlichen Wege sollen wir sie uns denn schon verschafft haben? Ich sehe, wenn es hierzu keine Zaubermittel gibt, doch keinen andern als den der Überlieferung und einer glücklichen nicht bloß nachahmenden, sondern auch divinatorischen Aneignung des Verfahrens solcher, welche diese Fertigkeit zuletzt selbst nur als Frucht ihrer Studien hatten. Und das führte uns freilich in einem artigen Kreise herum, da wir doch nicht gleich der ununterbrochenen apostolischen Weihe unsern lateinischen Stil - und notwendig müssten wir ja zu diesem Beruf auch einen griechischen daneben haben - von solchen ableiten können, welche selbst noch keine andere Muttersprachen als jene beiden und also ihre Fertigkeit nicht einem ähnlichen Studium, sondern dem unmittelbaren Leben zu verdanken brauchten. Ebenso hätte ich die Metrik nicht geglaubt hier vor der Türe zu finden, sie scheint mir vielmehr zu den innersten Disziplinen der Altertumswissenschaft als ein wesentlicher Teil der antiken Kunstlehre zu gehören, indem sie mit der Orchestik ebenso genau als mit der Poetik zusammenhängend und die Theorie des prosaischen Rhythmus und der Deklamation notwendig nach sich ziehend, die gesamte nationale Entwicklung der Temperamente in dem Charakter der kunstgerechten Bewegungen darstellt. Doch die Metrik lassen wir nun; was aber die eigne Fertigkeit in antiker Komposition betrifft, so ist der eigentliche Schlüssel zu dieser Wolfischen Forderung folgendes. Er fordert diese Fertigkeit nicht unmittelbar für die inneren Disziplinen der Altertumswissenschaft, sondern zunächst für die Hermeneutik zum Behuf des richtigen und ganzen Verstehens im höheren Sinne des Wortes, dann, wiewohl er dies nicht besonders hervorhebt, es versteht sich aber wohl von selbst sowohl hiervon als von der Metrik, auch für die Kritik, so dass sein Eingang zum Heiligtum der Altertumswissenschaft wieder aus zwei Stufen besteht; die untere bilden Grammatik, welche er gleich als Grundlage der Hermeneutik und Kritik aufstellt, und neben ihr die Fertigkeit des Stils, die höhere Stufe bilden Hermeneutik und Kritik. Wenn nun Wolf, wie er ja die Grammatik hier in einem sehr großen Stil anlegt und nicht in dem spärlichen Umfang verzeichnet, wie wir sie von abgehenden Schülern fordern können, so gewiss auch unter der Fertigkeit des Stils nicht das lateinisch Schreiben versteht, wie es als geschickte Imitation und Anwendung der grammatischen Kenntnisse auf unsern Gymnasien vorkommt; auf der andern Seite aber doch gewiss ist, dass das echt antike Handhaben der beiden Sprachen in ganz freier eigentümlicher Darstellung nur einem, der den ganzen Umfang der Altertumswissenschaften durchmessen hat, wird nachgerühmt werden können: kann wohl der große Mann hier etwas anderes meinen als die durch Übung lebendig gewordene Kenntnis der verschiedenen Formen der Darstellung und ihrer eignen Schranken und Freiheiten? Und diese ist freilich von einem großen Einfluss auf jene weniger demonstrable, mehr der innern Geistestätigkeit des Schriftstellers zugewendete Seite der Auslegungskunst, und wenn uns grade in diesen hierdurch eine neue Einsicht eröffnet wird, so muss ja Wolf auch diesen wohl mit in sein Bild aufgenommen haben, wenn sie auch in seiner Darstellung nicht gleich deutlich hervortritt. Die Sache ist aber wesentlich diese. Wenn wir die verschiedenen Formen der schönen Redekünste und die verschiedenen Typen des Stils auch für wissenschaftliche und geschäftliche Abfassungen, die sich in einer Sprache ausgebildet haben, abgeschlossen vor uns sehen: so zerfällt offenbar die ganze Geschichte der Literatur in dieser Hinsicht in zwei einander entgegenstehende Perioden, deren Charaktere aber hernach, nur in untergeordnetem Maßstab, auch gleichzeitig wiederkehren. Die erste ist die, in welcher sich diese Formen allmählich bildeten, die andere ist die, in welcher sie herrschten, und wenn die Aufgabe der Hermeneutik darin besteht, den ganzen inneren Verlauf der komponierenden Tätigkeit des Schriftstellers auf das vollkommenste nachzubilden: so ist es auch höchst notwendig zu wissen, welcher von beiden Perioden er angehört. Denn gehört er zu der ersten: so war er in dieser ganzen Tätigkeit rein er selbst, und es ist nun auf die Intensität seiner Produktion und seiner Gewalt in der Sprache daraus zu schließen, dass er nicht nur einzelne Werke hervorbrachte, sondern dass ein in der Sprache feststehender Typus zum Teil mit ihm und durch ihn beginnt. Dasselbe gilt, nur untergeordnet, von allen denen, welche diese Formen wenigstens besonders modifizierten, neue Elemente hineinbrachten oder einen andern Stil in ihnen gründeten. Je mehr hingegen ein Schriftsteller der zweiten Periode angehört, nicht die Form mit hervorbringt, sondern in dieser oder jener Form dichtet und arbeitet, desto genauer muss man diese kennen, um ihn in seiner Tätigkeit ganz zu verstehen. Denn gleich mit dem ersten Entwurf zu einem bestimmten Werk entwickelte sich auch in ihm die leitende Gewalt der schon feststehenden Form, sie wirkt durch ihre großen Masse mit zur Anordnung und Verteilung des Ganzen, und durch ihre einzelnen Gesetze schließt sie dem Dichtenden hier ein Gebiet der Sprache und also auch einer bestimmten Modifikation von Vorstellungen zu und öffnet ihm dort ein anderes, modifiziert also im einzelnen nicht nur den Ausdruck, sondern auch, wie sich denn beides nie ganz voneinander trennen lässt, die Erfindung. Wer also in dem Geschäft der Auslegung das nicht richtig durchsieht, wie der Strom des Denkens und Dichtens hier gleichsam an die Wände seines Bettes anstieg und zurückprallte und dort in eine andere Richtung gelenkt ward, als die er ungebunden würde genommen haben: der kann schon den inneren Hergang der Komposition nicht richtig verstehen und noch weniger dem Schriftsteller selbst hinsichtlich seines Verhältnisses zu der Sprache und ihren Formen die richtige Stelle anweisen. Er wird nicht inne werden, wie der eine die sich in ihm schon regenden Bilder und Gedanken kräftiger und vollständiger wurde zur Sprache gebracht haben, wenn er nicht wäre beschränkt worden durch einen mit seiner persönlichen Eigentümlichkeit in manchen Konflikt tretende Form; er wird den nicht richtig zu würdigen wissen, der sich an Grosses in dieser oder jener Gattung nicht würde gewagt haben, wenn er nicht unter der schützenden und leitenden Macht der Form gestanden hätte, die ihn ebensowohl befruchtete als bewahrte, und von beiden wird er den nicht genug hervorheben, der sich in der stehenden Form, ohne irgendwo anzustoßen, ebenso frei bewegt, als wenn er sie eben jetzt erst selbst hervorbrächte. Diese Einsicht in das Verhältnis eines Schriftstellers zu den in seiner Literatur schon ausgeprägten Formen ist ein so wesentliches Moment der Auslegung, dass ohne dasselbe weder das Ganze noch das Einzelne richtig verstanden werden kann. Gewiss aber hat Wolf vollkommen recht, dass es kaum möglich ist, hier richtig zu divinieren, wenn man nicht eigne Erfahrung davon hat, wie sich in bestimmten Schranken und unter festen Regeln stehend, mit der Sprache arbeiten und gegen sie kämpfen lässt. Zwar steht wie überall, fast so auch hierbei, dem divinatorischen Verfahren das komparative gegenüber, aber ganz durch dieses ersetzt kann doch jenes nicht werden. Und wo sollte auch für das vergleichende Verfahren der erste gegebene Punkt herkommen, wenn er nicht in den eigenen Versuchen gegeben ist. Und hieraus erklärt sich denn auch, wie die Metrik hierherkommt, da das Silbenmaß für alle poetische Komposition ein sehr wesentlich die Wahl der Ausdrücke, ja zum Teil auch die Stellung der Gedanken bedingender Teil der Form ist und sich in dem Einfluss, den dieses ausübt, jene verschiedenen Verhältnisse auf das deutlichste zu erkennen geben. Indes, da dieses Verhalten des Inhaltes zur Form während des Zustandes der Komposition in allen Sprachen, von denen hier irgend die Rede sein kann, wesentlich und im großen dasselbige ist: so möchte ich weniger als Wolf darauf bestehn, dass die zum Behuf des Auslegens nötige Übung grade in den alten Sprachen selbst müsse gewonnen werden. Und wenn es dennoch so sein müsste, würde ich wieder nicht recht verstehen, warum denn die römische Sprache den Beruf und das Vermögen haben sollte, die griechische zu ersetzen. Doch ich unterdrucke lieber eine Betrachtung, die sich hier aufdrängt über den Charakter, den solche Übungen wohl immer haben werden, wenn wir sie in Gedanken in die Literatur der betreffenden Sprache selbst versetzen, um aus dem zuletzt Gesagten einige nicht unbedeutende Folgerungen zu entwickeln. Wenn wir uns nämlich bei aller Ausübung dieser Kunst auch der beiden Methoden bewusst sind, der divinatorischen und der komparativen, und zwar, wie ich glaube, so allgemein, dass wir auf der einen Seite auch alles Unmittelbare verstehen, wobei gar keine besondern Zwischentätigkeiten unterschieden werden, als ein absolutes aber kaum als Zeiterfüllung merkliches Ausgeübthaben und Zusammengetroffensein beider ansehen können, und dass auf der andern Seite auch die kompliziertesten Ausübungen der Kunst uns nichts anderes darstellen als einen beständigen Übergang von der einen dieser beiden Methoden zur andern, der sich immer mehr einem solchen Zusammentreffen beider an demselben Ergebnis, wie jenes augenblickliche war, annähern muss, soll anders auch nur einige Befriedigung entstehen; wenn der vorher angegebene Unterschied zwischen der mehr grammatischen das Verstehen der Rede aus der Gesamtheit der Sprache bezweckenden, und der mehr psychologischen, das Verstehen derselben als eines Aktes fortlaufender Gedankenerzeugung bezweckenden Seite der Interpretation ebenso in der Sache gegründet ist, so dass ebenfalls in jedem vollkommnen Verstehen beides vollkommen muss gegeben sein, jede zusammengesetzte Operation aber, welche zu diesem Ziele führen soll, den Gang nehmen muss, was auf der einen Seite geschehen ist, durch neue Fortschritte auf der andern zu ergänzen: so fragt sich zunächst, ob die genannten Methoden beide auch für beide genannte Seiten gelten oder jede Methode nur einer Seite angemessen ist. Wenn also Wolf durch die Stellung, welche er der Metrik und der Fertigkeit in der Komposition gibt, vorzüglich für die mehr psychologische Seite der Interpretation eine Basis sucht, auf welche nur ein komparatives Verfahren gebaut werden kann: ist dabei seine Meinung, dass die andere mehr grammatische Seite der Interpretation vorzüglich durch die divinatorische Methode müsse gefördert werden? Unmittelbar und bestimmt will uns sein Aufsatz nicht darauf antworten; aber doch können die von ihm wiewohl nicht sehr schmerzlich noch vermissten Untersuchungen über die Bedeutung der Wörter und den Sinn der Sätze, wie sie es offenbar ganz mit der grammatischen Seite der Interpretation zu tun haben, diese doch nur durch ein komparatives Verfahren fördern. Und eben dieses zeigt wohl auch die Sache selbst, wenn wir sie fragen; denn alle grammatischen Schwierigkeiten werden immer nur durch ein komparatives Verfahren überwunden, indem wir immer wieder ein schon verstandenes Verwandtes dem noch nicht Verstandenen nahebringen und so das Nichtverstehen in immer engere Grenzen einschließen. Ebenso aber auf der andern Seite, was ist wohl die schönste Frucht von aller ästhetischen Kritik über Kunstwerke der Rede, wenn nicht ein erhöhtes Verständnis von dem inneren Verfahren der Dichter und anderer Künstler der Rede von dem ganzen Hergang der Komposition vom ersten Entwurf an bis zur letzten Ausführung. Ja, ist überhaupt etwas Wahres an der Formel, die höchste Vollkommenheit der Auslegung sei die, einen Autor besser zu verstehen, als er selbst von sich Rechenschaft geben könne: so wird wohl nur eben dieses damit gemeint sein können; und wir besitzen in unserer Literatur eine nicht unbedeutende Anzahl kritischer Arbeiten, welche mit gutem Erfolg hierauf sind gerichtet gewesen. Wie ist dies aber anders möglich als durch ein komparatives Verfahren, welches uns zu richtigen Einsicht, darüberverhilft, wie und wodurch derselbe Schriftsteller mehr gefordert worden ist als der eine und weiter zuruckgeblieben hinter dem andern, und inwiefern der ganze Typus seines Werkes sich den verwandten nähert oder von ihnen entfernt. Gewiss aber wird auch die grammatische Seite nicht können der divinatorischen Methode entraten. Denn was wollen wir machen, so oft wir auf eine Stelle kommen, wo ein genialer Autor eine Wendung, eine Zusammenstellung in der Sprache zuerst ans Licht bringt? Hier gibt es kein anderes Verfahren als divinatorisch von dem Zustand der Gedankenerzeugung, in welchem der Autor begriffen war, ausgehend und ermittelnd, wie das Bedürfnis des Moments auf den dem Autor lebendig vorschwebenden Sprachschatz gerade so und nicht anders einwirken konnte; jenen schöpferischen Akt nachzubilden, und auch hier wieder wird es keine Sicherheit geben ohne Anwendung eines komparativen Verfahrens auf der psychologischen Seite. Wir werden daher die aufgestellte Frage nicht anders beantworten können, als dass, wenn das sichere und vollkommne Verstehen nicht unmittelbar mit dem Vernehmen zugleich erfolgt, beiderlei Methoden auf beide Seiten natürlich in verschiedenem Maß nach Maßgabe der Verschiedenheit des Gegenstandes - müssen angewendet werden, bis eine jenem unmittelbaren Verstehen möglichst gleiche Befriedigung entsteht. Nehmen wir aber hinzu, was oben schon bemerkt worden ist, dass der eigne Zustand den einen mehr zur psychologischen, den andern mehr zur grammatischen Seite hinlenkt, und wenden dasselbe gewiss mit gleichem Recht auf jene beiden Methoden an - denn mancher gewiss ist ein Virtuose in grammatischer Auslegung, der an den inneren Hergang im Geist und Gemüt des Komponierenden kaum denkt, und so auch umgekehrt gibt es wahre Künstler in diesem Fache, welche wenig und nur in den seltenen Fallen, wenn sie etwa ein Wörterbuch zur Hand nehmen müssen, an das besondere Verhältnis jeder Schrift zu ihrer Sprache denken - bringen wir also dieses mit in Rechnung: so werden wir freilich sagen müssen, so wie wir das unmittelbare und augenblickliche Verstehen ansehn können als auf die eine oder die andere Weise entstanden, und uns selbst mit unserer Aufmerksamkeit als auf die Produktivität des Autors gerichtet oder auch auf die objektive Totalität der Sprache: so werden wir auch das kunstmäßige Verfahren in der Auslegung, wenn es sein Ziel vollkommen erreicht hat, auf dieselbe Weise ausdrücken können und sagen, jetzt sind alle komparativen Elemente sowohl auf der psychologischen als auf der grammatischen Seite so vollständig beisammen, dass wir die Resultate unseres divinatorischen Verfahrens nicht weiter zu berucksichtigen brauchen, aber dann auch umgekehrt, dass die durchgeführte Genauigkeit des divinatorischen das komparative überflüssig macht. Ebenso, der innere Hergang sei durch divinatorisches und komparatives Verfahren so vollkommen durchsichtig, dass indem das so deutlich Angeschaute doch ein Denken gewesen sei, gedacht aber nicht werde ohne Worte, damit zugleich auch schon das ganze Verhältnis dieser Gedankenerzeugung und Ausbildung zur Sprache vollständig mit gewesen sei; aber ebenso auch umgekehrt. Doch indem ich es hier mit der letzten Vollendung dieser Operation zu tun habe, werde ich fast unwillkürlich auf die ersten Anfänge derselben zurückgetrieben, um so mittels beider Endpunkte das Ganze zu umspannen. Diese ersten Anfänge sind doch nichts anderes, als wenn die Kinder anfangen, Gesprochenes zu verstehen. Wie passen nun unsere Formeln auf diese Anfänge? Sie haben die Sprache noch nicht, sondern suchen sie erst, aber sie kennen auch die Tätigkeit des Denkens noch nicht, weil es kein Denken gibt ohne Wort: bei welcher Seite also beginnen sie? Vergleichungspunkte haben sie noch gar nicht, sondern erwerben sie erst allmählich als Grundlage zu einem freilich unerwartet schnell sich entwickelnden komparativen Verfahren; aber wie fixieren sie das erste? Sollte man nicht in Versuchung sein zu sagen, dass jeder beides ursprünglich produzierte und nur entweder ursprünglich vermöge einer innern Notwendigkeit mit der Art, wie die andern erzeugt haben, zusammentrifft oder allmählich, wie er eines komparativen Verfahrens fähig geworden ist, sich ihnen annähert. Aber auch dieses schon, die innere Beweglichkeit zur eignen Erzeugung, aber mit der ursprünglichen Richtung auf das Aufnehmen von andern, ist ja nur dasselbe, was wir durch den Ausdruck des Divinatorischen bezeichnet haben. Dieses also ist das Ursprüngliche, und die Seele bewährt sich auch hier als ganz und eigentlich ein ahndendes Wesen. Aber mit welcher ungeheuren fast unendlichen Kraftäußerung beginnt sie, der keine folgende auch nur entfernt gleichgesetzt werden kann, indem sie das, was sich hernach gegenseitig unterstützt, beides gleichzeitig ergreifen muss, zuerst wahrhaft als eines, was nur erst allmählich auseinandertritt, die Sprache sich objektivieren, indem sie die einzelnen Wörter an die erscheinenden Gegenstände heftet und an die Bilder, welche sich in ihr selbst immer heller und sichrer gestalten, zugleich aber auch die Denktätigkeit, ich weiß nicht, ob ich sagen soll auffassen, um sie nachbilden, oder nachbilden, um sie auffassen zu können. So erstaunenswürdig erscheint mir immer diese erste Tätigkeit auf dem Gebiet des Denkens und Erkennens, dass mir vorkommt, als belächelten wir die falschen Anwendungen, welche die Kinder, und zwar nicht selten nur aus allzugroßer Folgerichtigkeit, von den aufgenommenen Sprachelementen machen, nur, um uns über dieses Übergewicht einer Energie, welche wir nicht mehr aufzuwenden vermögen, zu trösten oder auch dafür zu rächen. Aber beim Lichte betrachtet, befinden wir uns in jedem Augenblick des Nichtverstehens noch in demselben Falle wie sie, nur der Maßstab ist kleiner. Wenngleich an dem Bekannten, ist es doch Fremdes, was uns entgegentritt in der Sprache, wenn uns eine Verbindung von Wörtern nicht deutlich werden will, Fremdes in der wenngleich der unsrigen noch so analogen Gedankenerzeugung, wenn uns der Zusammenhang zwischen den einzelnen Gliedern einer Reihe oder die Erstreckung derselben nicht feststehen will, sondern wir unsicher schwanken; und wir können immer nur mit derselben divinatorischen Kühnheit beginnen. Wir dürfen also unsern gegenwärtigen Zustand nicht schlechthin jenen riesenhaften Anfängen der Kindheit entgegensetzen; sondern dieses Geschäft des Verstehens und Auslegens ist ein stetiges,. sich allmählich entwickelndes Ganze, in dessen weiterem Verlauf wir uns immer mehr gegenseitig unterstützen, indem jeder den übrigen Vergleichspunkte und Analogien hergibt, das aber auf jedem Punkt immer wieder auf dieselbe ahndende Weise beginnt. Es ist das allmähliche Sichselbstfinden des denkenden Geistes. Nur dass,. wie auch der Umlauf des Blutes und der Wechsel des Atems sich allmählich vermindert, so auch die Seele, je mehr sie schon besitzt, auch im umgekehrten Verhältnis ihrer Empfänglichkeit träger wird in ihren Bewegungen, dass aber auch in der lebendigsten, eben weil jede in ihrem einzelnen Sein das Nichtsein der anderen ist, das Nichtverstehen sich niemals gänzlich auflösen will. Nimmt nun aber von jenen ersten Anfängen die Rapidität der Erfolge ab: so wird durch die größere Langsamkeit der Bewegungen und das längere Verweilen bei einer Operation die Besinnung begünstigt, und so tritt zuerst ein jene Periode, wo hermeneutische Erfahrungen gesammelt werden und zu Ratschlägen, denn so möchte ich lieber sagen als Regeln, gesammelt werden. Eine Kunstlehre aber kann wohl, wie fast von selbst aus dem Gesagten hervorzugehen scheint, nur dann erst entstehen, wenn sowohl die Sprache in ihrer Objektivität als der Prozess der Gedankenerzeugung als Funktion des geistigen Einzellebens in ihrem Verhältnis zum Wesen des Denkens selbst so vollkommen durchschaut sind, dass aus der Art, wie beim Verknüpfen und Mitteilen der Gedanken verfahren wird, auch die Art, wie beim Verstehen verfahren werden muss, in einem vollständigen Zusammenhang dargestellt werden kann. Doch um dieses zur völligen Deutlichkeit zu bringen, müssen wir erst, was aber ein zweites Geschäft wäre zu diesem ersten, einem Gedanken sein volles Recht angetan haben, den Herr Ast vor Wolf voraus zu haben scheint, der aber, ehe man durch ihn die Gestaltung der Hermeneutik durchgreifend bestimmt, doch mehr ein Fund zu sein scheint als eine Entdeckung, der Gedanke nämlich, dass alles Einzelne nur verstanden werden kann vermittelst des Ganzen und also jedes Erklären des Einzelnen schon das Verstehen des Ganzen voraussetzt. B Der von Herrn Ast vorgetragene und nach manchen Seiten hin ziemlich ausgeführte hermeneutische Grundsatz, dass wie freilich das Ganze aus dem Einzelnen verstanden wird, so doch auch das Einzelne nur aus dem Ganzen verstanden werden könne, ist von solchem Umfang für diese Kunst und so unbestreitbar, dass schon die ersten Operationen nicht ohne Anwendung desselben zustande gebracht werden können, ja, dass eine große Menge hermeneutischer Regeln mehr oder weniger auf ihm beruhen. Ist ein Wort seinem allgemeinen Sprachwerte nach bekannt: so wird doch nur durch andere Teile desselben Satzes und zwar zunächst durch diejenigen, mit denen es am nächsten organisch verbunden ist, bestimmt, welcher Teil dieses Sprachwertes in die gegebene Stelle fällt und welche auszuschließen sind, das heißt also, es wird als Teil aus dem Ganzen als Einzelnes aus der Gesamtheit verstanden. Und dies gilt nicht nur von der Wahl unter den mehreren sogenannten Bedeutungen eines Wortes, sondern auch bei allen Wörtern, die eines verschiedenen Grades fähig sind, von diesem, und überhaupt von dem grösseren oder geringeren Nachdruck, der einem Worte zukommt. Und wenn man die Regel stellt, ein Wort in demselben Zusammenhang nicht das eine Mal anders zu erklären als das andere, weil nämlich nicht wahrscheinlich sei, dass der Schriftsteller es das eine Mal anders werde gebraucht haben: so kann diese doch nur insofern gelten als auch der Satz, wo es zum andern Mal vorkommt, noch als ein Teil desselben Zusammenhanges mit Recht kann angesehen werden. Denn in einem neuen Abschnitt können unter manchen Umständen mit demselben Recht wie in einem ganz andern Werk auch andere Bedeutungen ihren Platz finden. Wird nun beim zweiten Vorkommen der Sinn des Wortes durch das erste bestimmt: so wird ebenfalls das Einzelne aus dem Ganzen verstanden, denn nur von der klaren Ansicht, dass dieser Teil einer Schrift wirklich auch in bezug auf das vorliegende Wort ein Ganzes sei, hängt die Erklärung ab. Auch das richtige Verfahren mit Parallelstellen beruht ebenfalls darauf, dass man nur solche Stellen wähle, welche in einem in Bezug auf das fragliche Wort dem zu erklärenden ähnlichen Ganzen vorkommen, mithin auch Teile desselben Ganzen sein könnten. In dem Maß aber, als dieses nicht feststeht, wird auch die Anwendung unsicher sein. So deutlich dies aber ist und auch noch durch mehrere Beispiele bestätigt werden könnte: so schwierig ist die Frage, wie weit man mit Anwendung dieser Regel hinaufsteigen könne, zu beantworten. Denn wie das Wort im Satz ein einzelnes ist und ein Teil, so auch der Satz im größeren Zusammenhang der Rede. Daher es denn so leicht geschieht, dass ganz falsche Vorstellungen mit einzelnen Sätzen eines Schriftstellers verbunden werden, wenn man die Sätze aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen nun als Belege oder Beweisstellen einem andern Zusammenhang einverleibt, und es kommt auch so häufig vor, dass nur zu verwundern ist, wie diese Treue der Zitatoren noch nicht sprichwörtlich geworden ist. Ein anderes ist es freilich mit Sätzen, die eines sprichwörtlichen Gebrauches fähig sind; allein diese erscheinen auch für sich hingestellt immer in einem bedeutenden Grade unbestimmt und gelten gleich dafür, dass sie ganz bestimmt erst werden, je nachdem der Zusammenhang es mit sich bringt, in welchen man sie einführt. Und eben darauf, dass sie so gewissermaßen jedem preisgegeben sind, und wiewohl sie ihrer Form wegen mehr als andere immer für sich allein bleiben, doch jedesmal durch ihre Umgebung etwas anders gewendet werden, beruht ein großer Teil ihres eigentümlichen Reizes. Gehen wir nun einen Schritt weiter: so werden wir dasselbe sagen können auch von einem größeren Zusammenhang von Sätzen. Und woher käme es wohl z. B., dass man so oft uns Deutschen den Vorwurf macht, wir verständen nicht die Persiflage, die doch immer in einer Reihe von Sätzen besteht, als weil entweder die vorbereitenden Winke in dem größeren Zusammenhang der Rede gänzlich fehlen und man mit der ernsthaften Erklärung völlig ausreicht, und dann ist der Schriftsteller im Unrecht, oder dass nicht gehörig darauf geachtet, d. h. diese einzelne Reihe nicht richtig aus dem Ganzen verstanden wird, und dann ist die Schuld des Lesers. Aber keineswegs beschränkt sich die Sache auf solche und ähnliche Fälle; sondern überall, wo es darauf ankommt zu wissen, wie genau man es mit einer Reihe von Sätzen zu nehmen und aus welchem Gesichtspunkt man die Verknüpfung derselben zu betrachten hat, muss man zunächst das Ganze kennen, dem sie angehören. Ja, es läßt sich auch dieses auf den ursprünglichen Fall zurückführen und muss mithin ganz allgemein gelten. Für jede genauer zusammenhängende Gliederung von Sätzen nämlich gibt es auf irgendeine Weise, nur dass dies nach der verschiedenen Art der Werke sehr verschieden sein wird, einen Hauptbegriff, der sie dominiert oder, wie wir uns auch wohl ausdrücken, das Wort dafür ist; und diesem Worte kann nun ebenso wie dem einzelnen Wort in dem einzelnen Satz sein völlig bestimmter Sinn nur richtig zugeteilt werden, wenn es im Zusammenhang mit den andern ähnlichen Worten gelesen wird, d. h. jede Gliederung von Sätzen, sei sie nun größer oder kleiner, kann nur richtig verstanden werden aus dem Ganzen, welchem sie angehört. Und wie nun jedes kleinere so durch ein größeres, das selbst wieder ein kleineres ist, bedingt wird: so folgt offenbar, dass auch das Einzelne nur vollkommen verstanden werden kann durch das Ganze. Betrachten wir nun von hier aus das ganze Geschäft des Auslegens: so werden wir sagen müssen, dass vom Anfang eines Werkes an allmählich fortschreitend das allmähliche Verstehen alles Einzelnen und der sich daraus organisierenden Teile des Ganzen immer nur ein provisorisches ist, etwas vollkommner, wenn wir einen größeren Teil übersehen können, aber auch wieder mit neuer Unsicherheit und wie in der Dämmerung beginnend, wenn wir zu einem andern übergehn, weil wir dann wieder einen wenngleich untergeordneten Anfang vor uns haben, nur dass je weiter wir vorrücken, desto mehr auch alles Vorige von dem Folgenden beleuchtet wird, bis dann am Ende erst wie auf einmal alles Einzelne sein volles Licht erhält und in reinen und bestimmten Umrissen sich darstellt. Aber wir können auch Herrn Ast nicht Unrecht geben, wenn er, um uns eines solchen häufigen Zurückgehens und Zurücksehens zu überheben, den Rat gibt, wir sollten lieber gleich jedes Verstehen mit einer Ahndung des Ganzen beginnen. Nur ist freilich die schwierige Frage die, woher eine solche Ahndung kommen soll. Wenn man freilich unsere ganze Aufgabe nur auf diejenigen Werke der Rede beschränkt, und so scheinen es ja Wolf sowohl als Herr Ast gemeint zu haben, die wir gleichzeitig, das heißt schriftlich, vor uns haben: so ergibt sich eine Möglichkeit. Schon Vorreden, die bei einem mündlichen Vortrag selten gemacht werden, sind mehr eine Hilfe als die bloße Überschrift. Dann fordern wir Büchern von gewisser Art Übersichten und Inhaltsanzeigen ab, gewiss nicht allein, um einzelnes mit Leichtigkeit auffinden zu können, sondern vorzüglich wegen der Anschauung, die sie uns von der Gliederung eines Werkes gewähren, und weil wir dann jene großen Worte, welche die größeren und kleineren Teile beherrschen, schon gleich von vorn zusammenstellen können. Je reichlicher uns nun dergleichen gewährt ist, um desto leichter ist jener Rat zu benutzen. Ja, auch wenn es hieran gänzlich fehlt, hat man nur das Buch vor sich: so kann selbst die sonst eher verdammlich erscheinende Neigung, ehe man mit einem Buch ernstlich anbindet, darin zu blättern, dem, der Glück hat oder Geschick, von bedeutendem Nutzen sein, um jenen Mangel zu ergänzen. Doch ich schäme mich fast, dieses geschrieben zu haben, wenn ich bedenke, wie das ganze Altertum, das doch verurteilt war, nach denselbigen Regeln wie wir zu verstehen, von solchen Hilfsmitteln nichts wusste, ja wie auch von den ausgezeichneten prosaischen Werken nicht wenige so beschaffen sind, dass dergleichen auch gar nicht anzubringen wären, ja, vielmehr so verschmäht werden, dass selbst die unentbehrlichen äußeren Abteilungen nichts mit der inneren Gliederung, aus der die Ahndung des Ganzen entstehen kann, gemein haben, bei den poetischen aber alles Ähnliche fast ins Lächerliche fällt, endlich dass es auch unter uns doch nicht wenig solche gibt, die vornehm genug sind, nicht selbst zu lesen, sondern sich vorlesen zu lassen, denen mithin weder das Blättern hilft noch die Inhaltsanzeigen. Wir müssen also die Frage, woher denn die Ahndung des Ganzen kommen soll, ohne welche das vollkommne Verständnis des Einzelnen nicht möglich ist, versuchen, auf die allgemeinste Weise zu beantworten. Hierbei ist nun zuerst zu bemerken, dass nicht jede zusammenhängende Rede in gleichem Sinn ein Ganzes ist, sondern oft nur eine freie Aneinanderreihung von Einzelheiten, und dann ist ein Verstehen des Einzelnen aus dem Ganzen gar nicht aufgegeben; oft ist sie nur eine freie Aneinanderreihung von kleineren Ganzen, und dann ist uns aufgegeben, jedes Einzelne aus seinem kleineren Ganzen zu verstehen. Ob aber das eine oder das andere der Fall sein werde, das liegt immer schon in dem Begriff der Gattung, welcher eine Rede oder Schrift angehört. Aber auch innerhalb einer jeden solchen finden freilich mancherlei Abstufungen auch in dieser Hinsicht statt, dass der eine ein Werk derselben Gattung so streng als möglich hält und der andere so gelost als möglich; hiervon aber bekommen wir eben die erste Ahndung aus einer allgemeinen Bekanntschaft mit dem Urheber und seiner Art und Weise. Bei Reden nun, welche nicht in schriftlicher Auffassung zu uns gelangen, also nur einmal gehört zu werden bestimmt sind, kann die vorläufige Ahndung vom Ganzen, wenn nicht der Redende selbst eine Übersicht des Ganzen voranschickt, nicht weiter ausgebildet werden, als was vorläufige Kenntnis der Gattung und jene allgemeine Kunde von dem Urheber und seiner Art und Weise an die Hand gibt. Fehlt nun gar eines von beiden oder beides: so kann das Fehlende nur ergänzt werden durch die Schlüsse, die wir von Anfang an machen aus dem Ton und Gestaltung des Einzelnen und aus der Art und Weise der Fortschreitung. Es muss also allerdings ein Verständnis des Ganzen geben, auch wenn beides fehlt, bloß durch das Einzelne, aber dieses wird notwendig nur ein unvollkommnes sein, wenn nicht das Gedächtnis das Einzelne festgehalten hat und wir, nachdem das Ganze gegeben ist, zum Einzelnen zutückkehren können, um es dann aus dem Ganzen genauer und vollkommner zu verstehen. Somit verschwindet hier wieder der Unterschied zwischen dem, was bloß mündlich vernommen wird, und dem, was wir schriftlich vor uns haben, gänzlich, indem wir auch für jenes durch das Gedächtnis uns aller Vorteile bemächtigen, die dem Letzten ausschließlich zu eignen scheinen, so dass, wie auch schon Platon gesagt hat, der Nutzen der Schrift nur darin besteht, dem Mangel des Gedächtnisses abzuhelfen, zweideutig, weil sie, wie auf das Verderben des Gedächtnisses gegründet, eben dieses Verderben auch wieder aufs neue befordert. Und für Rede und Schrift gleichmäßig folgt aus dem Gesagten, dass jedes erste Auffassen nur ein Vorläufiges und Unvollkommnes ist, gleichsam ein regelmäßigeres und vollständigeres Blättern, nur da hinreichend und für sich allein der Aufgabe gewachsen, wo wir gar nichts Fremdes finden und das Verstehen sich von selbst versteht, das heißt, wo überhaupt keine hermeneutische Operation mit bestimmtem Bewusstsein vorkommt. Wo aber es sich anders verhält, da müssen wir öfter vom Ende zum Anfang zurückkehren und das Auffassen ergänzend von neuem beginnen; je schwieriger die Gliederung des Ganzen zu fassen ist, desto mehr suchend ihr vom Einzelnen aus auf die Spur zu kommen, je reichhaltiger und bedeutsamer das Einzelne ist, um so mehr suchendes vermittelst des Ganzen in allen seinen Beziehungen aufzufassen. Freilich gibt es mehr oder weniger in jedem Werk auch solche Einzelheiten, welche nicht durch die Gliederung des Ganzen ihr volles Licht erhalten, weil sie, dass ich so sage, außerhalb derselben liegen und nur als Nebengedanken bezeichnet werden können, die anderwärts ebensogut als hier einen gleichen Ort haben könnten, als Hauptgedanken aber vielleicht gar einem Werk von ganz andrer Art angehören müssten. Aber auch diese als der freien nur durch augenblicklichen Anlass bestimmbaren Gedankenerzeugung des Urhebers angehörig, bilden in einem gewissen Sinne wenigstens ein Ganzes unter sich, nur weniger in Beziehung auf die Gattung eines bestimmten Werkes als in Beziehung auf die Eigentümlichkeit des Urhebers, weniger beitragend zum Verständnis des Ganzen, sofern es ein in der Sprache Organisiertes und Lebendes ist, als sofern es einen fruchtbaren Keimesmoment seines Urhebers fixiert hat und zur Darstellung bringt. Wie nun solche Reden die geringste Aufgabe waren für dieses Verhältnis des Ganzen und Einzelnen, wobei wir das Ganze leicht von jedem Einzelnen aus erfassen und auch das Einzelne fast erraten könnten, wenn uns nur das Ganze in den leisesten Umrissen gegeben wäre: so wiederum sind die größten solche Werke des schöpferischen Geistes, sei übrigens Form und Gattung, welche sie wollen, welche jedes nach seiner Art ins Unendliche gegliedert und zugleich im einzelnen unerschöpflich sind. Jede Lösung der Aufgabe erscheint uns hier immer nur als eine Annäherung. Denn die Vollkommenheit würde darin bestehen, dass wir mit solchen Werken ebenso verfahren könnten wie mit denen, welche wir als das Minimum in dieser Hinsicht bezeichnet haben, nämlich, dass wir aus der Gliederung des Ganzen und des Einzelnen wenigstens bis auf einen gewissen Grad der Ähnlichkeit selbst erfinden könnten. Und wenn wir uns dieses überlegen, finden wir darin wohl einen mächtigen Grund, warum Wolf für den Ausleger wie für den Kritiker die Fertigkeit in der Komposition als fast unerlässliche Bedingung fordert. Denn es möchte vielleicht fast unmöglich sein, bei dieser Aufgabe das divinatorische Verfahren, welches vorzüglich durch die eigne Produktivität geweckt wird, auch durch einen großen Reichtum von Analogien zu ersetzen. Doch mit dem bisher verzeichneten Umfang dieser Aufgabe noch nicht zufrieden, zeigt uns Herr Ast einen nicht zu verachtenden Weg, sie noch einmal zu potenzieren. Nämlich wie das Wort zum Satz und der einzelne Satz zu seiner nächsten Gliederung und diese zu dem Werke selbst wie ein Einzelnes zu einer Gesamtheit oder ein Teil zum Ganzen: so sei auch wiederum jede Rede und jedes schriftlich verfasste Werk ebenso ein Einzelnes, das nur aus einem noch größeren Ganzen vollkommen könne verstanden werden. Es ist aber leicht zu sehen, dass jedes Werk in zweifacher Hinsicht ein solches Einzelnes ist. Jedes ist ein Einzelnes in dem Gebiet der Literatur, dem es angehört, und bildet mit andern gleichen Gehaltes zusammen ein Ganzes, aus dem es also zu verstehen ist in der einen Beziehung, nämlich der sprachlichen. Jedes ist aber auch ein Einzelnes als Tat seines Urhebers und bildet mit seinen anderen Taten zusammen das Ganze seines Lebens, und ist also nur aus der Gesamtheit seiner Taten, natürlich nach Maßgabe ihres Einflusses auf jene und ihrer Ähnlichkeit mit ihr, in der andern, nämlich der persönlichen Beziehung zu verstehen. Der Unterschied wird immer sehr groß sein, freilich größer oder kleiner nach der Beschaffenheit des Werks, zwischen einem Leser, der auf dem bisher beschriebenen Wege sich das Verständnis des Ganzen erwirbt, und einem andern, der den Verfasser in seinem ganzen Leben bis zur Erscheinung des Werkes begleitet hat und dem viel heller und bestimmter als jenem im Gange des Ganzen wie in allem Einzelnen der ganze Mensch entgegentritt. Derselbe Unterschied aber auch zwischen jenem und dem, welcher mit dem ganzen Kreise verwandter Werke bekannt, auf eine ganz andere Art den sprachlichen Wert der einzelnen Teile und den technischen der ganzen Zusammensetzung wird zu schatzen wissen. Sonach folgt auch für jedes ganze Werk als einzelnes, was für die kleineren Teile desselben folgte. Auch nach jenem wiederholten Auffassen bleibt alles Verstehen in dieser höheren Beziehung nur ein vorläufiges, und jedes wird uns in einem ganz andern Licht erscheinen, wenn wir, nachdem wir das ganze ihm verwandte Gebiet der Komposition durchlaufen haben, und ebenso nach gemachter Bekanntschaft mit andern auch verschiedenartigen Werken desselben Verfassers und soviel möglich mit seinem ganzen Leben, zu dem einzelnen Werk zurückkommen. Wie nun, wo es auf das Verstehen des Einzelnen in einem Werk aus der Totalität des Werkes ankommt, uns Inhaltsanzeigen und schematische Übersichten keineswegs jene erneuerten Auffassungen, jene wiederholte Rückkehr vom Ende wieder zum Anfang, wirklich ersetzen konnten, teils weil wir uns doch dabei auf die Auffassungen eines andern verlassen müssen und immer schon bedeutend können missleitet sein, ehe wir das Falsche darin gewahren, teils auch, weil alle solche Hilfsmittel zu sehr am gänzlichen Mangel der Anschaulichkeit leiden, als dass sie das divinatorische Vermögen, worauf hier das meiste ankommt, lebendig erregen könnten: so ist auch hier, wo es auf das Verstehen des Werkes teils aus der verwandten Literatur, teils aus der Gesamttätigkeit des Verfassers ankommt, wenig Trost und Hilfe bei allem, was um die Bekanntschaft mit beiden zu ersetzen in Prolegomenen und Kommentaren geleistet zu werden pflegt. Denn von den verwandten Werken wird gewöhnlich nur beigebracht, was der Verfasser selbst benutzt hat, und von ihm selbst, seinem Tun und seinen Verhältnissen nur das, worauf Beziehung genommen wird in dem Werke selbst. So dass auch dieses nur dem Einzelnen dient und keineswegs dem Ganzen, dass aber eine lebendige und zuverlässige Charakteristik des Verfassers aus der Gesamtheit seiner Erscheinung gegeben würde, oder eine Morphologie der betreffenden Gattung durch die Vergleichung ganzer Gruppen, um das vollständige Verstehen dadurch denjenigen zu erleichtern, welche etwa mit einem bestimmten Werk ihre Bekanntschaft mit dem Verfasser oder mit der Gattung erst beginnen, das wäre auch dem Ort und der Absicht nicht angemessen. Doch indem wir hier, was das Verstehen des Einzelnen aus dem Ganzen betrifft, auf dem Gipfel der Forderung zu stehen scheinen: so mögen wir uns hier wohl einen Rückblick auf das Bisherige nicht versagen. Wenn nämlich schon eben nur beiläufig bemerkt worden ist, dass es wohl zwei verschiedene Klassen von Auslegern sein mögen, welche sich in das Geschäft teilen, die eine mehr auf die Sprachverhältnisse jeder vorliegenden Schrift gerichtet, die andere mehr auf den ursprünglichen psychischen Prozess der Erzeugung und Verknüpfung von Gedanken und Bildern: so scheidet sich auf diesem Punkte ganz besonders klar die Differenz der Talente. Ich gebe nämlich hier das ganze Geschäft, das einzelne Werk in dem Zusammenhang mit den analogen derselben Literatur aufzufassen, dem sprachlichen Ausleger. Denn aus der Natur der Sprache und des mit ihr zugleich entwickelten und an sie gebundenen gemeinsamen Lebens bilden sich die Formen aller Komposition; das individuelle Persönliche ist hier in dem, was am meisten geltend geworden ist, auch der am meisten zurücktretende Faktor. Wogegen, wer einen Schriftsteller, welcher Art er auch sei, in seiner Komposition belauschen will und zu diesem Ende sich möglichst seine ganze Art zu sein vergegenwärtigt, um selbst die Momente der Begeisterung und der Konzeption, die den alltäglichen Zusammenhang des Lebens wie höhere Eingebungen unterbrechen, dann aber auch alles, was irgend auf den Gang der Erfindung im einzelnen mit Einschluss sogar der für die Idee des Ganzen gleichgültigen Nebengedanken sich bezieht, lebendig anschauen will, um richtig zu schätzen, wie sich in ihm das ganze Geschäft der Komposition zu seinem gesamten Dasein verhält oder auch sich für sich betrachtet als ein Eigentümliches, eine bestimmte Persönlichkeit Darstellendes entwickelt; für den müssen sich natürlich alle jene Verhältnisse weit in den Hintergrund zurückziehen. Allein das vollkommene Verstehen bleibt immer durch die Bemühungen beider bedingt, und es kann in keinem einzelnen Ausleger sein, der so ganz auf der einen Seite stände, dass ihm auch die Empfänglichkeit für das, was auf der andern geschieht, abgeht. Ein Ausleger von der letzten Art, der über das Sprachliche hinpfuschen wollte, würde dennoch, auf wie verständige Art er auch in seinen Autor verliebt sein möge und wie sehr er sich auch hüten möge, ihm nicht, wie es so oft von solchen geschieht, Intentionen anzudichten, die ihm nicht in den Sinn gekommen sind, doch nicht nur vielfältig irren, und zwar um so mehr, je mehr der Autor selbst ein Sprachbildner gewesen wäre, sondern er könnte auf unserem Gebiete doch immer nur sein, was man nicht mit Unrecht auf dem Gebiet der künstlerischen Produktivität - ich fasse es allgemein, denn es trifft die Dichter und Redner, ja, ich möchte auch sagen, die Philosophen nicht minder als die Maler - einen Nebulisten genannt hat. Der andere aber ebenso gedacht, wenn er auch in der Tat die Verhältnisse eines Werkes zu den übrigen seiner Gattung auf das richtigste ausmittelte, so dass er sich nicht nur mit scharfsinnigen Vergleichungen und Zusammenstellungen begnügte, sondern die Bedeutung desselben tiefsinnig auffasste, würde dennoch, weil er in dem Werke nicht den ganzen Menschen zu sehen und mit ihm zu leben wüsste, sondern dafür die Fähigkeit ihm gänzlich fehlte, dem nicht entgehen, was wir einen Pedanten nennen. Da es nun leichter ist, sich von andern ergänzen zu lassen in dem, was man selbst wiewohl unvollständig besitzt, als sich lebendig anzueignen, woran man selbst gar keinen Teil hat: so scheint es, dass diejenigen, welche die Höhe, auf der wir uns jetzt befinden, nur von der einen Seite ersteigen, weniger gut für sich selbst sorgen als sie nur andern nützlich sind, und jedem, der ein Ausleger werden will, möchte zu raten sein, dass er es lieber mit beidem versuche, sollte er auch deshalb nicht so leicht auf einer Seite ein Virtuose werden, weil er doch dem entgehen wird, auf der andern ganz zu hinken. Wie wir nun diese beiden Seiten unseres Geschäfts schon von vornherein unterschieden haben: so bot sich uns auch gleich jenes zweifache Verfahren dar, das divinatorische und das komparative: und wir fragen wohl billig danach, wie es sich mit beiden auf dieser höheren Stufe verhält. Vorher, als wir noch ganz innerhalb des Werkes selbst standen, zeigte sich uns, dass beide notwendig waren für jede Seite, für die grammatische wie für die psychologische. Nun aber wir es nicht nur einzeln der Sprache wegen zu tun haben mit Stellen aus andern Schriften, sondern mit einem ganzen Gebiet literarischer Produktion, und auf der andern Seite nicht mehr mit dem, was sich aus dem Akt der ursprünglichen Konzeption eines Werks in der Seele entwickelt, sondern die Aufgabe ist dieser selbst mit der ganzen Art und Weise seiner wirklichen Entwicklung aus der Einheit und dem Totalzusammenhang dieses bestimmten Lebens, nun ist es vielleicht nicht mehr mit beiden dasselbe. Betrachten wir nun zu dem Ende noch einmal jene beiden Seiten unserer Aufgabe: so scheint doch die eine so sehr zurückstehend an Ausbildung gegen die andere und, dass ich so sage, zusammengeschrumpft, dass es ganz unrichtig scheint, in einer dereinstigen hermeneutischen Technik sie so als gleiche nebeneinander zu stellen. Bleiben wir zunächst beim klassischen Altertum stehn, welches doch immer der erste Gegenstand bleibt, an dem unsre Kunst geübt wird, wie viele von den bedeutendsten Schriftstellern gibt es nicht, von deren ganzem übrigen Leben und Sein wir so wenig wissen, dass überhaupt Bedenken entsteht, wie weit wir ihrer Person zu trauen haben. Und was wir von Sophokles und Euripides wissen außer ihren Werken, ist es wohl von der Art, uns den geringsten Aufschluss zu geben über die Differenz ihrer Kompositionen? Oder so bekannte Männer wie Platon und Aristoteles, würde wohl alles, was wir von ihrem Leben und ihren Verhältnissen kennen, uns auch nur im mindesten erklären, warum der eine diesen und der andere einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat in der Philosophie und bis wie weit sie sich wohl haben nahekommen können in der Komposition in den uns nicht mehr zu Gebot stehenden Schriften? Ja, sind wir wohl mit einem einzigen alten so glücklich wie mit dem Römer Cicero, dass wir einen ganzen Schatz von Briefen als eigentliche Dokumente seiner Persönlichkeit von seinen größern Werken absondern können, um nun auch in diesen vermittelst jener, seine ganze Persönlichkeit zu erblicken. Gehen wir nun gar zu den Produktionen des fernen und grauen Orients, wie wäre wohl da an einzelne Gestalten zu denken, die wir könnten unterscheiden wollen, um durch die eigentümliche Art, wie sich ihr Gemüt ausbildete, auch ihre Werke zu erleuchten. Ist doch selbst auf dem vaterländischen Boden bei jenen früheren Erzeugnissen, mit denen wir uns noch nicht gar lange kunstmäßig beschäftigen, diese Ernte noch sehr sparsam, und nur je näher wir unserer Zeit kommen und je mehr wir in dem weiten Umkreise des großen europäischen Marktes stehen bleiben, wo alles sich kennt und alles gleichsam in denselben Hallen lustwandelt, scheint erst der Beruf zu dieser Behandlung des Gegenstandes zu entstehen und bieten sich die Hilfsmittel dazu in erfreulichem Masse an. Außerdem aber, wie kleinlich erscheint doch diese Seite neben jener. Die eine führt uns immer mehr ins Grosse und Weite, und wenn wir freilich scheinen, die ganze Literatur in Anspruch zu nehmen für ein einzelnes Werk: so geschieht es doch nur, damit dieses ein desto besser auszumessender, desto sicherer zu behandelnder Bestandteil desselben großen Ganzen sei. Die andere hingegen hält uns immer mehr in dem engen Raume des Einzellebens fest, und ein klares Bild von diesem erscheint als das höchste Ziel so angestrengter und mannigfaltiger Mühen. Allein auch die größte historische Konstruktion, der wir uns hier ja nur unterziehen, um das einzelne Werk des Einzelnen besser aufzufassen, findet doch mit diesem zugleich ihre Verklärung zunächst darin, dass sie unser eigenes Selbst und andere befruchtet. Und mit der Betrachtung des Einzelnen, damit daraus nicht eine nur uns selbst und unsere wissenschaftlichen Bestrebungen verkleinernde Kleinlichkeit entstehe, sollen wir jene großartige verbinden. Die Kenntnis des einzelnen Menschen als solchen ist auch nicht das Ziel dieser Seite unserer Aufgabe, sondern nur das Mittel, um uns eben der Tätigkeiten desselben, welche uns auch zu jener objektiven Betrachtung aufregen, desto vollständiger zu bemächtigen. Und das dürfen wir uns doch nicht leugnen, dass man sich auch in den Zeiten des klassischen Altertums selbst um den Menschen nicht minder bekümmerte und dass wir auch um deswillen den damaligen Lesern ein Verstehen einräumen müssen, um das wir sie nur beneiden können, weil uns das Material dazu fehlt. Soviel ist aber auch eben hieraus schon vollkommen gewiss, dass wir bei der psychologischen Aufgabe ein Übergewicht des divinatorischen nicht vermeiden können, wie es ja auch allen Menschen umgekehrt so natürlich ist, die sich aus oft nur zu zerstreuten Notizen den ganzen Menschen vorzubilden pflegen. Aber nicht genug Vorsicht kann auch angewendet werden, was sich hypothetisch so darstellt, nach allen Seiten hin zu prüfen und es auch dann nur noch vorläufig aufzustellen, wenn sich kein Widerspruch dagegen findet. Niemand aber wird es wohl billigen können, wenn diese Seite bei irgendeiner hermeneutischen Aufgabe ganz vernachlässigt wird, da ja schon die offenbar hierher gehörige Frage, ob das Werk ein in den ganzen Gang der geistigen Tätigkeit seines Urhebers hingehöriges sei oder nur durch besondere Umstände veranlasst war, ob es zur Übung auf irgend etwas Größeres geschrieben worden oder aus einem aufgeregten Verhältnis als Streitschrift hervorgegangen ist, von der größten Wichtigkeit für den Ausleger sein muss. Das Verfahren auf der andern Seite ist schon seiner Natur nach überwiegend komparativ, indem ja nur durch Gegeneinanderhaltung dessen, was in mehreren Werken dasselbe ist, und der daneben bestehenden Differenzen das allgemeine Bild einer Gattung sich gestalten und das Verhältnis des fraglichen Werkes dazu sich feststellen lässt. Aber teils ist auch hier schon etwas ursprünglich Divinatorisches in der Art die Frage zu stellen, teils bleibt, solange die Stelle eines Werkes in der gesamten Ordnung, der es angehört, nicht vollkommen bestimmt ist, auch hier noch ein nicht zu vernachlässigender Spielraum für das divinatorische Verfahren übrig. Möchte es nun aber auch, wie ich jedoch nicht glaube, ein Missgriff sein, dass ich auch auf dieser Stufe noch die Aufgabe des Auslegers als doppelseitig aufgestellt, so kommt er auf meine Rechnung allein, denn meine Führer nehmen dieses hier so wenig auf als vorher. Ja, ich muss gestehen, dass ich auch die andre Seite der Aufgabe hier anders gefasst habe als Herr Ast. Denn wo dieser ein Werk im ganzen aus einem Höheren verstanden wissen will, da ist ihm doch das Ganze der Literatur, der es sich anschließt, auf der einen Seite eine zu schwerfällige Masse, auf der andern Seite die Formel noch zu beschränkt, und indem er immer nur auf das klassische Gebiet sich bezieht, substituiert er die Formel, es solle verstanden werden aus dem Geiste des Altertums. Dies könnte man ansehen als eine Abkürzung des von uns angegebenen Verfahrens. Denn dieser Geist wäre doch das allen Produktionen derselben Art gemeinschaftlich Einwohnende, was sich also ergäbe, wenn man von dem, was dem Einzelnen eigentümlich ist, abstrahiert. Allein Herr Ast protestiert ausdrücklich hiergegen und meint, dieser Geist brauche nicht erst zusammengesucht und gesetzt zu werden aus dem Einzelnen, sondern er sei in jedem Einzelnen schon gegeben, weil jedes altertümliche Werk nur eine Individualisation dieses Geistes wäre. Gegeben ohnstreitig in jedem einzelnen, aber ob auch aus jedem ohne weiteres erkennbar? Zumal, wenn doch in einer Rede z. B. des Demosthenes auf diese Art beisammen sind der Geist des Altertums, statt dessen ich nur gleich den hellenischen setzen will, aber dann auch der Geist der athenischen Redekunst, und noch der besondere Geist des Demosthenes, neben diesem aber erst als der Leib das, was der Zeit und der besonderen Veranlassung angehört. Nehme ich nun noch dazu, dass der Geist des Altertums doch auch anderwärts zu finden ist als in den Produktionen einer gewissen Art, ja, dass er außer den Werken der Rede auch derselbe sein muss in den Werken der bildenden Künste und wo nicht sonst noch: so scheint diese Formel ganz über die bestimmten Grenzen der Hermeneutik hinauszugehen, die es immer nur mit dem in der Sprache Produzierten zu tun haben kann, weshalb es aber auch gewiss ihrer Anwendung überall an der rechten Haltung fehlen wird. Erinnern wir uns nur einen Augenblick an das auf eben diesen Satz gebaute, vor einiger Zeit nicht seltene Verfahren, da man die Kunstsprache eines Gebietes auf einem ganz andern gebrauchte: so wird wohl niemand leugnen, dass, wenn dergleichen Formeln nicht ein bloßes Spiel sind, das sich auf eine tüchtige Ansicht stützt, sie eben nur der verderblichen Nebelei und Schwebelei angehören können. Und von dieser kann ich auch Herrn Ast in dieser seiner Theorie keineswegs freisprechen. Denn wenn ich in eben diesem Zusammenhang höre, dass die Idee als die das Leben enthaltende Einheit erzeugt werden soll aus dem entfalteten Leben als der Vielheit und der Form desselben als der Einheit schlechthin, da man doch besser noch das Umgekehrte sagen würde: so finde ich mich allerdings unter solchen Nebeln, welche einer Theorie, die helles Licht verlangt, nicht günstig sein können. Soviel muss freilich jeder zugeben, dass auf welchem Gebiet wir uns mit der Auslegung bis zu dem jetzt beschriebenen Punkt erhoben haben, ein großes gewonnen ist, um den Geist des Volks und der Zeit in dem Gebrauch der Sprache richtig aufzufassen, und dass es einer hierüber aufgestellten Theorie zu bedeutender Bestätigung gereicht, wenn die Betrachtung anderer Gebiete geistiger Produktivität analoge Resultate liefert; aber weder möchte ich wagen, den umgekehrten Weg zu gehn, und erst nach solchen allgemeinen Annahmen das Einzelne begreifen wollen, noch möchte ich auch behaupten, dass dieses noch in das Gebiet der Hermeneutik gehöre. Dieses nun führt mich auf einen andern Punkt, dass nämlich Herr Ast ein dreifaches Verständnis unterscheidet, ein historisches, ein grammatisches und ein geistiges. Nun nennt er freilich das Letztere, welches genaugenommen wieder ein zweifaches ist in Beziehung auf den Geist des einzelnen Schriftstellers und auf den Geist des gesamten Altertums, so dass das Ganze ein Vierfaches wird, aber dieses letztere von den dreien nennt er freilich das Höhere, in welchem sich die andern beiden durchdringen, und so könnte man glauben, er wolle hier eigentlich doch nur die beiden Stufen bezeichnen, die wir auf Veranlassung der Formel, dass das Einzelne nur könne aus dem Ganzen verstanden werden, gefunden haben. Allein dies bleibt mindestens sehr ungewiss. Denn wenn er sich jenes zweifache Geistige als das Höhere denkt, das Grammatische und Historische aber als das Niedere, wie sie denn auch wohl auf einer Stufe stehen müssen, um sich gegenseitig, wie er sich ausdruckt, in dem Höheren zu durchdringen, warum hat er sie nicht auch beide als eins zusammengefasst und nur das Niedere und das Höhere unterschieden. Allein es kommt noch dazu, dass er hernach auch eine dreifache Hermeneutik unterscheidet, was doch unter dieser Voraussetzung gar nicht möglich wäre, nämlich eine Hermeneutik des Buchstaben, des Sinnes und des Geistes. Diese Unterscheidung eines dreifachen Verständnisses von einer dreifachen Hermeneutik beruht nun zunächst darauf, dass ihm Verstehen nämlich auch der Rede und Auslegen nicht dasselbe ist, sondern Auslegen ist ihm Entwicklung des Verständnisses. Allein dies, worin er viele Ältere zu Vorgängern hat, verwirrt nur die Sache. Die Entwicklung ist hier nichts anderes als die Darstellung der Genesis des Verständnisses, die Mitteilung der Art und Weise, wie einer zu seinem Verständnis gekommen ist. Das Auslegen unterscheidet sich von dem Verstehen durchaus nur wie das laute Reden von dem innern Reden, und käme zum Behuf der Mitteilung noch etwas anderes hinein: so könnte dies nur geschehen als Anwendung der allgemeinen Regeln der Wohlredenheit, aber ohne dass zu dem Inhalt etwas hinzukäme oder etwas sich daran änderte. Wollen wir indes Herrn Ast seinen Unterschied gelten lassen: so könnte es dann wohl nur eine dreifache Hermeneutik geben, sofern es so viele Arten gäbe, das Verständnis zu entwickeln, aber darauf weisen seine Bezeichnungen weder hin noch werden sie in diesem Sinne ausgeführt, so weit dies überhaupt geschieht. Ebensowenig aber treffen sie auch mit seinen drei Arten des Verständnisses zusammen. Denn die Hermeneutik des Buchstaben, welche die Wort- und Sacherklärungen an die Hand gibt, hat es sowohl mit dem historischen als grammatischen Verständnis zu tun, mithin bleibt die Hermeneutik des Sinnes und des Geistes beide nur für das geistige Verständnis. Dieses ist nun freilich ein Zwiefaches, allein so unterscheiden sich wieder jene beiden Hermeneutiken nicht, dass die eine könnte ausschließend auf den individuellen Geist des Schriftstellers und die andere auf den Gesamtgeist des ganzen Altertums gehn. Denn die Hermeneutik des Sinnes hat es nur mit der Bedeutung des Buchstabens in dem Zusammenhang einer einzelnen Stelle zu tun. Dagegen gibt es auch, und zwar in beiden Beziehungen, eine geistige Erklärung der einzelnen Stelle, so dass hier nichts zusammenzustimmen scheint. Nur soviel ist klar, dass Wort- und Sacherklärung noch keine Auslegung sind, sondern nur Elemente derselben, und die Hermeneutik erst mit der Bestimmung des Sinnes, allerdings vermittelst jener Elemente, beginnt. Und ebenso, dass die Erklärung als Bestimmung des Sinnes nie richtig sein wird, wenn sie nicht die Prüfung an dem Geist des Schriftstellers sowohl als des Altertums aushält. Denn keiner redet oder schreibt etwas gegen seinen eignen Geist außer in einem gestörten Gemütszustand, und so auch in der andern Beziehung müsste man doch erst nachweisen, dass der Schriftsteller dem Geiste nach ein Mischling sei, wenn man in einem alten eine Erklärung als richtig annehmen wollte, die anerkannt mit dem Geist des Altertums in Widerspruch steht. Dies sagt auch Herr Ast selbst, wo er von der Erklärung des Sinnes redet, dass, wer den Geist eines Verfassers nicht begriffen habe, auch nicht imstande sei, den wahren Sinn einzelner Stellen zu enthüllen, und dass nur der der wahre sei, der mit jenem Geist zusammenstimme. Also Herr Ast, wie dreifach er auch seine Hermeneutik aufstellt, gibt uns doch nur eine, die Hermeneutik des Sinnes, indem die des Buchstaben keine ist, und die des Geistes, sofern sie nicht in der des Sinnes aufgehn kann, auch über das hermeneutische Gebiet hinausgeht. Hier müssen wir also bei Wolf bleiben, aber freilich sagen, dass wir, um diese Kunst an irgendeiner Rede vollständig zu üben, im Besitz sein müssen nicht nur der Wort- und Sacherklärungen, sondern auch des Geistes des Schriftstellers. Und dies meint auch wohl Wolf ungefähr, wenn er unterscheidet eine grammatische, eine historische und eine rhetorische Interpretation. Denn grammatisch ist die Wort- und historisch die Sacherklärung, rhetorisch aber gebraucht er gleichbedeutend mit unserm heutigen ästhetisch. Sonach wäre dieses eigentlich nur die Auslegung mit Beziehung auf die besondere Kunstgattung und enthielte nur einen Teil von dem, was Herr Ast das geistige Verständnis nennt, insofern nämlich die verschiedenen Kunstformen allerdings mit dem Geist des Altertums konstituieren, und auf jeden Fall hätte er dann wohl um unser Ästhetisch zu erschöpfen, dem Rhetorischen noch das Poetische hinzufügen müssen. Nähme er nun auch noch auf das Individuelle oder den besonderen Geist des Schriftstellers Rücksicht: so erschöpfte sich seine Hermeneutik in fünf verschiedenen Interpretationen. Nur würde ich, wie richtig auch die Sache sein möge, immer gegen diesen Ausdruck protestieren, der immer den Schein hervorbringt, als sei die grammatische und die historische Interpretation jede etwas Besonderes für sich. Die Theologen haben schon diese beiden, um die gute Sache zu verstärken gegen eine schlimme, zu einer verbunden und bedienen sich des Ausdrucks grammatisch-historischer Interpretation, sie tun es aber an und für sich gewiss mit großem Recht im Gegensatz gegen eine dogmatische und eine allegorische Interpretation, als ob diese ebenfalls etwas für sich sein könnten, gleichviel ob richtiges oder unrichtiges. In einen ähnlichen Fehler verfällt auch Herr Ast, indem er unterscheidet einen einfachen Sinn und einen allegorischen Sinn, welches eben klingt, alsob der allegorische Sinn ein doppelter wäre. Ist aber eine Stelle allegorisch gemeint: so ist auch der allegorische Sinn der einzige und einfache Sinn der Stelle, denn sie hat gar keinen andern, und wollte sie jemand historisch verstehen: so gäbe er den Sinn der Worte gar nicht wieder, denn er legte ihnen nicht die Bedeutung bei, welche sie in dem Zusammenhang der Stelle haben; so wie umgekehrt, wenn eine anders gemeinte Stelle allegorisch erklärt wird. Denn geschieht dies wissentlich: so ist es keine Auslegung mehr, sondern eine Nutzanwendung, wenn aber unwissentlich: so ist es eine falsche Erklärung, wie es deren auch sonst genug gibt, die aber auch ganz aus denselben Fehlern entsteht. Man könnte mit demselben Recht für freimaurerische und ähnliche Formeln noch eine mysteriöse Interpretation erfinden und den mysteriösen Sinn von dem einfachen unterscheiden. Hat uns nun schon seit langem außer der dogmatischen Interpretation, mit der es dieselbe Bewandtnis hat wie mit der allegorischen, ein Philosoph noch mit einer moralischen beschenkt: so steht zu hoffen, dass der endlich das Rechte getroffen haben wird, der uns neuerlich erst eine panharmonische erfunden hat. Denn er kann ja wohl nichts anders damit gemeint haben, als dass bei einer nichtigen Interpretation alle verschiedenen Motive zu einem und demselben Resultat zusammenstimmen müssen. Alle diese Neuerungen, als ob es verschiedene Arten der Auslegung gäbe, gleichsam als ob man zwischen ihnen wählen könne, wobei es denn gar nicht weiter der Mühe lohnen würde zu reden und zu schreiben, scheinen freilich ursprünglich nun im Ausdruck zu liegen, aber es ist doch leider deutlich genug, dass sie nicht ohne nachteiligen Einfluss auf die Sache selbst gewesen sind. Wie sie nun ihren Grund in dem immer noch chaotischen Zustand dieser Disziplin haben, so werden sie auch nicht eher, aber dann gewiss, verschwinden, wenn die Hermeneutik zu der ihr als Kunstlehre gebührenden Gestalt gelangt und, von der einfachen Tatsache des Verstehens ausgehend, aus der Natur der Sprache und aus den Grundbedingungen des Verhältnisses zwischen dem Redenden und Vernehmenden ihre Regeln in geschlossenem Zusammenhang entwickelt werden.