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Wir Waren zu besuch
Mitte Oktober stellt sich der Herbst, die vorletzte Jahreszeit als Geschenk des Schöpfers in seiner schönsten Form vor. Ich glaube, nirgendwo in der Welt hat der Herbst so viele Formen wie in unserer Heimat unter der Hohen Tatra. Er bietet uns eine Vielfalt von tausenden Farben und Überraschungen, so dass man möchte, dass er auch ewig dauern würde. Viele Dichter besangen in ihren Versen die Herbststimmung, viele Komponisten erwiesen die Ehre der unendlichen Schönheit des langsam endenden Jah-res. Auf zahlreichen Gemälden kann man die einzigartige Farbigkeit des Herbstes bewundern. Auf den ersten Blick könnte es uns scheinen, dass mit Herbst etwas endet und man lebt in der Erwartung des neuen Entstehens. Ja,es ist so seit Ewigkeit, der Mensch stellte sich die unendlichen Änderungen in die geheimsten Stellen seiner Seele. Es ist Herbst da, wann es sich der Mensch von sich selbst wünscht, in sein Inneres einzudringen und es zu bewerten. Über das langsam endende Jahr, über Ergebnisse seiner Arbeit, aber auch über das ganze bisherige Leben nachzudenken. Und eigentlich sind die verkürzten Tage und die verlängerten Nächte dazu wie vorbestimmt. Man denkt über Dinge Mit Frau Ida Karásek, der Vorsitzenden der OG des KDV, vereinbarten wir das Treffen am 21. Oktober 2000. Es war für mich Über-raschung und gleichzeitig auch Freude, als mich vor dem Gebäude des Gemeindeamtes Frau Karásek mit ihrem ganzen Komitee begrüßte und im Sitzungssaal das Akkordeon ertönte. Meine Gefährten und Erzähler waren Livia Müller, Ludmila Rosenberger, Elfrida Legin, Felix Stank, Eduard Stredak und Friedrich Predak. Nicht einmal die besten Historiker würden über geschichtliche Erreignisse mit solcher Begeisterung erzählen, wie diese begeisterten Landsleute. Und so erfahre ich, dass die erste schriftliche Erwähnung von Drexlerhau aus dem Jahr 1376 kommt und ihren ersten Namen 1487 bekommt. In dieser Ecke der Slowakei kamen die ersten deutschen Vorfahren im 14. Jhd. auf die Einladung sog. Ortsbestimmer mit dem Ziel den Wald abzuholzen und sich danach niederzulassen. Es bedeutete für sie zuerst mehr Armut als Brot und viele bedauerten vielleicht ihre Entscheidung die Heimat zu verlassen. Der Ort, auf dem sich diese Leute niederlassen sollten, wurde im Voraus zwischen dem Ortsbestimmer und dem Grundstücks-besitzer vereinbart. Es waren keine fruchtbaren Grundstücke, sondern dicke Waldbestände an Flüssen. Die entstandenen Dörfer wurden dann nach den Namen ihrer Ortsbestimmer genannt. In die-sem Gebiet wirkte Johannes Drexler und so wurde das neugegründete Dorf Drexlerhau genannt. “Hau” ist ein Forstausdruck und bedeutet roden. Der slowakische Name Janova Lehota entstand nach dem Namen Johannes (Jan) und Lehota (Frist). Er be-zeichnet entweder die Zeit, in der die Bewohner von Steuern befreit wurden, oder die Zeit der Vorrechte des Ortsbestimmers. Das Leben der neuen Ansiedler war sehr schwer. Eine Sage erzählt,dass die erste Generation hier nur den Tod fand, die zweite die Armut erlebte und erst die dritte auch das Brot hatte. Drexlerhau ist eine Gemeinde von 3 km Länge und das gesamte Gemeindegebiet ist 1774 ha groß. Die Ortschronik gibt an, dass bis 1945 in der Ge-meinde fast 5000 Bewohner mit der hundertprozentigen deutschen Nationalität lebte, die schon 1944 evakuiert und 1945 vertrieben wurden, die aber zuerst in Lagern in Nováky, Bílina und Rumburk in Tschechien waren. Die vertriebenen Drexlerhauer fanden ihr Zuhause in der Umgebung von Rostock, Schwerin, München, aber auch in den USA, Brasilien und Australien. Und zurückkommen konnten nur 19 Familien! Ihren ewigen Traum schlafen 78 Bewohner der Gemeinde auf dem Friedhof in Prerau, die zu Opfern des Massakers bei der Rückkehr in ihre Geburtsgemeinde wurden. Womit beschäftigten sich ihre Vorfahren? Mit Landwirtschaft, in der vor allem die Frauen und die Kinder arbeiteten, weil die Männer sich in die Geschichte des Bauwesens eintrugen. Sie waren nämlich sehr geschickte Maurer und sie nahmen an vielen Brücken-,Tunnel-, Viadukt- und Hausbauten in der ganzen ehemaligen Österreich-Ungarn Monarchie, sowie auch in der Karpaten-Ukraine teil. Sie wurden deshalb schwäbisch “Marosndiafl” genannt. Fast unglaublich klingt die Information, dass Drexlerhau bis 1945 12 Geschäfte, 4 Kneipen und ein Sägewerk zur Verfügung hatte. Heute ist davon nichts mehr wahr. Meine Gefährten leben aber nicht nur in Erinnerungen. Die Zeit heilte schon die Wunden, aber sie ließ nicht vergessen. Schmerzhaft erinnert man sich an die Rückkehr aus Flüchtlingslagern, als man die Ge-meinde niedergebrannt fand, Vermögen konfisziert und neuen Bewohnern zugeteilt hatte. Auf meine Frage, was sie quält, antworten einstimmig - die Dekonfiszierung des Vermögens, oder mögliche Entschädigung. Die slowakischen Ämter schweigen schon zehn Jahre und ihre Anträge werden auf die lange Bank geschoben. Ein paar von unseren Landsleuten glauben aber an die Gerechtigkeit. Ich wünsche ihnen, sie zu bekommen. Unser Treffen unterbricht die Bürgermeisterin Frau Dip l.-Ing. Božena Kováèová. Sie entschuldigt sich für die Verspätung und fängt an, über ihre Gemeinde zu erzählen. Sie ist schon 10 Jahre im Amt, die Bewohner gewöhnten sich an sie und sie mag sie. Sie ist doch die Bürgermeisterin von den Vereinigten Staaten, wie die Leute aus der Umgebung Drexlerhau nennen. Die Erklärung dafür: In der Gemeinde leben außer den ursprünglichen schwäbischen Deutschen (7) auch die Slowaken, Tschechen, Polen, Ukrainer, Ruthenen, Ungarnund Roma. Die Bürgermeisterin bringt die Liebe zu ihrer Geburtsgemeinde zum Ausdruck: “Ver-schiedene Klippen des Lebens bringen den Menschen oftmals dazu, darüber nachzudenken, was für ihn die Geburtsgemeinde eigentlich bedeutet. Es ist das Geburtshaus, in dem meine Mutter wohnt. Es sind die Schritte unserer Groß- und Urgroßeltern. Es sind die schönsten Naturecken, die unsere Geheimnisse, aber auch Tränen und Schmerzen zu verstecken wußten. Aller dieser Werte wird sich der Mensch erst dann bewußt, wenn er seinen Geburtsort und damit alles, was für ihn von größtem Wert war, verlässt. Ich hatte das Glück, dass ich meine Geburtsgemeinde nie verlassen musste.” Sie erzählt mit Dankbarkeit über Treffen von Landsleuten und ihre finanzielle und materielle Hilfe. Auch auf diese Weise, durch unser Monatsblatt drückt sie ihre Dankbarkeit vor allem Dipl.-Ing. Georg Klein aus Odelzhausen und Julius Schuster aus Kirche in Not in Deutschland und auch zahlreichen im Ausland lebenden Landsleuten aus. Mit ihrer Hilfe wurde der Kirchturm rekonstruiert (70% Kosten) und auch die Fassade der Kirche ist fast fertig, für die das Ausland einen Beitrag leistete, unter anderem auch die Bundesregierung (50% Kosten). Die römisch- katholische Kirche, vorher dem Herzen Jesu geweiht, wird nach dem Beenden der Arbeiten dem Hl. Karl geweiht. Im Gemeindekatasteramt befindet sich auch ein bedeutendes Kirchendenkmal, die Kapelle der Gottes Mutter, die 1739 Pfarrer Thomas Stocker bauen ließ. Und womit lebt die Gemeinde heute? Mit alltäglichen Sorgen und Freuden, aber auch mit Organisieren von Treffen der Landsleute und mit vielen kultur-gesellschaftlichen Veranstaltungen. Zu den interessantesten gehören die Son-derfahrten zur Festigung der Familie. Sie sind für die bestimmt, die wegen der Arbeit für die Gemeinde nicht so viel Zeit für die eigenen Familien haben und sie sind vom Gemeindeamt organisiert. Zu den aktivsten Trägern der Kultur gehört auch die OG des KDV mit 57 Mitgliedern. Die Gemeinde gibt auch die eigene Zeitschrift Drexlerhauer Glocke (Lehotský zvon) heraus. Der Schluss meines Besuches im Hauerland gehörte dem Spaziergang durch die Gemeinde und dem Friedhof. Die Gemeinde ist sehr gut ausgebaut und das zeugt auch von der ständigen Anwesenheit der Vorfahren, die sie vor vielen Jahrhunderten gründeten. P.S. Liebe Leser! Die Welt ist wirklich klein. Während meines Besuches in Österreich, kurz vor dem Beenden dieses Artikels traf ich mich ganz zufällig in Lengenfeld (Wachau) mit Frau Lydia Müller, geb. Huber, die aus dem nicht weiten Krickerhau kommt und sie grüßt herzlich alle Drexlerhauer, aber auch ihre Landsleute aus Krickerhau. Vladimír MAJOVSKÝ
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