Gegenwart und Perspektiven der Kultur der nationalen Minderheiten in der Slowakei

Minderheiten in den Augen Interessierter

Am 27. und 28. November dieses Jahres fand die gesamtslowakische Konferenz mit internationaler Teilnahme zum Thema “Gegenwart und Perspektiven der Kultur der nationalen Minderheiten” statt. Die Konferenz verlief unter der Schirmherrschaft des Regierungschefs der Slowakischen Republik Mikuláš Dzurinda in Bratislava.

Vertreter der in der Slowakei lebenden nationalen Minderheiten / ungarischer, Roma, tschechischer, ruthenischer, ukrainischer, deutscher, russischer, chroatischer, bulgarischer, mährischer, polnischer und Jüdischer Kirchengemeinden und viele Gäste aus dem Ausland hörten sich mit Interesse Referate von hochrangigen Regie-rungsfuntionären an.Pál Csáky, Vizepremier der Regierung der SR für Menschenrechte, Minderheiten und re-gionale Entwicklung, eröffnete die Tagung mit seinem Beitrag zum Thema: “Die Stellung der nationalen Minderheiten unter den Bedingungen der SR.” Über die legislative Veränderung der Minderheitenrechte sprach der Vorsitzende des Ausschusses des Nationalrates der SR für Menschenrechte und Minderheiten László Nagy. Der Staatssekretär des Außenministeriums Jaroslav Chlebo beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der Charta der Regional- oder Minderheitensprachen in den EU-Län-dern und in der Slowakischen Republik. Eine große Aufmerksamkeit erweckten Auftritte der Vertreter der Staatsorgane aus Tschechien, Ungarn, Österreich, Polen und der Ukraine, die sich der Minderheitsproblematik widmen. Den Block der Informationsauftritte schloss der Kulturminister der SR Milan Kòažko ab. Sein Beitrag war zum Thema: “Gegenwart und Perspektiven der Kultur der nationalen Minderheiten unter den Bedingungen der Slowakischen Republik.”

Das Programm der Konferenz ermöglichte es auch den Vertretern der nationalen Minderheiten, die in der SR leben, eigene Erfahrungen über die Stellung der Minderheiten in der Gesellschaft zu präsentieren. Für die deutsche nationale Minderheit trat in der Konferenz der stellvertretende Vorsitzende des Karpatendeutschen Vereines in der Slowakei Dr. Ondrej Pöss, CSc auf. Er machte die Teilnehmer mit der reichen Geschichte der Karpatendeutschen bekannt, brachte ihnen ihre Schicksale nach dem II. Weltkrieg näher und stellte die Regionen vor, in denen Karpatendeutsche in der Gegenwart leben. Er hob die Tätigkeit des Karpatendeutschen Vereines in der Slowakei hervor, der schon zehn Jahre lang Karpaten-deutsche aktiviert und einen großen Anteil an der Bewahrung der Identität der deutschen nationalen Minderheit hat. In seinem Beitrag zeigte er aber auch kritisch auf die Tatsachen, die die Entwicklung der deutschen Minderheit bremsen. U.a. erwähnte er z.B. eine Nachricht, die in der Tagespresse vom 24.11. erschienen war ,und in der konstatiert wurde, dass bei der nächsten Volkszählung der SR im Jahre 2001 auf den Zählungsbögen nur sechs Nationalitäten genannt werden sollen. Die deutsche, aber auch die anderen sg. “kleineren” Nationalitäten, werden da nicht angeführt. Dr. Pöss machte darauf aufmerksam, dass das im Widerspruch mit dem angenommenen Vorschlag des Regierungsrates für Nationalitäten steht. “Gegen solche, für uns unverständlich Zählungsbögen protestieren wir auf das schärfste,” betonte Dr. Pöss. Zu Hauptproblemen der in der Slowakei lebenden Deutschen sagte er weiter:

“Das dauernde Problem ist die Wahrnehmung der Karpatendeutschen von der Seite der Majoritätsgesell-schaft. Über die deutsche Minderheit in der Slowakei wusste die slowakische Bevölkerung vor dem Jahr 1989 nur sehr wenig, und aufgrund der Interpretation der Geschichte und der Propaganda wurde ein negativer Blick auf sie gebildet. Er wird zwar allmählich objektiver, aber die Beharrlichkeit im Denken ist zu groß. Da brauchen wir Verständnis und auch Hilfe.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Tatsache anführen, die auch für die anderen Minderheiten gilt. Die Karpatendeutschen hatten nach dem Jahr 1945 keine Möglichkeit, ihre eigene Kultur zu pflegen und auch die eigene Forschung zu führen. Es ist also verständlich, dass sich ihre Kultur nicht entfalten konnte und dass es unter ihnen nicht genug erudierte Fachmänner, z. B. Historiker gibt. In dieser Situation ist es nicht möglich, bei der Beurteilung ihrer Projekte dieselben Kriterien aufzu-stellen wie bei den Projekten der Kommunitäten, deren Kulturentwicklung und auch Forschung jahrzehntelang kontinuierlich verläuft.

Karpatendeutsche hatten nach dem Jahr 1945 in der Slowakei keine Möglichkeit, sich in ihrer Muttersprache zu bilden. Es ist für uns eine Existenzfrage, ein solches Netz der Grund- und Mittelschulen aufzubauen, das den entsprechenden Deutschunterricht sichert, was be-
stimmt nicht nur von den Karpatendeutschen begrüßt würde. Die Erziehung unserer Intelligenz ist uneinheitlich, real werden Bemühungen um das Gründen von Internatsmittelschulen mit Deutsch als Unterrichtssprache. Solche Schulen wären einerseits Zentren der Jugendarbeit, anderseites auch Quelle der künftigen Lehrer, Wissenschaftler und Kulturarbeiter. Wir hoffen, dass sich die Vorbereitung der Lehrer für unsere Schulen an der Konštantín-Filozof Universität in Nitra entwickelt.

Karpatendeutsche haben keine politische Partei und keine politische Vertretung. Wir würden es begrüßen, wenn in den künftigen Kreisvertretungen auch mit den Vertretern der Minderheiten gerechnet würde. Ebenfalls würden wir die Funktion eines Ombudsmannes begrü-ßen.

Weiterhin besteht die Gültigkeit der Beneš Dekrete.Ein Teil der Karpatendeutschen fühlt sich infolgedessen als Bürger zweiter Klasse. Wir sind der Meinung, dass es nicht möglich ist, die Gültigkeit dieser Dekrete mit dem Rechtssystem der EU in Einklang zu bringen.

Nachteilig finden wir auch die Tatsache,dass das Gesetz über die nationalen Minderheiten (Minderheitengesetz) sowie über die Finanzierung der nationalen Minderheiten trotz Versprechungen nicht angenommen wurde.

Das andauernde Problem stellt die nicht ausreichende Finanzierung unserer Kulturaktivitäten dar. Darüber hin-aus werden die Finanzmittel zu spät zugeteilt, was große Schwierigkeiten verursacht, vor allem bei den Aktivitäten im ersten Halbjahr.

Abschließend möchte ich noch eine Erfahrung aus der Tagung der Komission für Minderheitenkultur erwähnen. Es ist vorgekommen, dass sich einige zahlenmäßig stärkere Minderheiten um die Majorisierung der zahlenmäßig schwächeren Minderheiten bemüht haben. Es tauchen Bemühungen auf, die Mittel ausschließlich nach der zahlenmäßigen Stärke der Minderheit zuzuteilen.Die zah-lenmäßige Stärke ist zwar das wichtigste Kriterium, aber es darf nicht das einzige sein. Es ist wünschenswert, jeder Minderheit die Schwellenmöglichkeiten ihrer Entwick-lung zu sichern: also mindestens eine Zeitschrift und die Möglichkeit, die Grundkulturaktivitäten der Mitglieder zu realisieren.Das wäre bei der ausschließlichen Berück-sichtigung des Kriteriums der zahlenmäßigen Stärke nicht erreichbar und die zahlenmäßig schwächeren Minderheiten würden die Möglichkeit ihrer Kulturentfaltung verlieren. Ich weiß, dass es eine komplizierte Frage ist, aber ich hoffe, dass wir gegenseitiges Verständnis finden.”

Konferenzteilnehmer formulierten 43 Forderungen, die mit Kultur-, Medien-, Stipendiums- und Institutionansprüchen der Minderheiten zusammenhängen und die an das Kulturministerium der SR und den Nationalrat der SR adressiert wurden.Eine der bedeutsamsten ist zum Beispiel die Forderung , ein Haus der nationalen Minderheiten einzurichten, in dem jede Minderheit ein eigenes Büro hätte. Das würde eine effektivere Kommunikation der einfachen Bürger und Mitglieder der Minderheitenorganisationen mit den Staatsbeamten sichern.

(kb-net)

 

Zurück

Zurück auf die Hauptseite

Hosted by www.Geocities.ws

1