Warum muß die muslimische Frau ein Kopftuch tragen, weshalb fasten die Muslime oder weshalb mußte soundso sterben? All dies sind Fragen die uns Muslimen von Nichtmuslimen gestellt werden. Vor allem aber beschäftigt den Menschen die Frage des Seins. Woher der Mensch stammt oder wohin er geht sind Fragen, die ihn seit Anbeginn der Zeit bewegen.
Der Mensch ist ein sich durch Handlungen kennzeichnendes Geschöpf. Seine Handlungen resultieren aus seinen Verständnissen und Ansichten. So bestimmen z. B. die Ansichten eines Menschen über eine Person, der er zugeneigt ist, sein Verhalten ihm gegenüber, im Gegensatz zu seinem Verhalten gegenüber jemandem, dem er ablehnend gegenübersteht. Diese Ansichten, also Erkenntnisse sind ein Resultat des Denkens. Somit gründet alles auf das Denken1. Der Mensch denkt über einen Sachverhalt nach, bildet sich eine Meinung und handelt danach.
Es gibt einen Aspekt des Lebens über den sich jeder Mensch, egal aus welchem Volk, zu welcher Zeit und aus welcher Gesellschaft er stammt, Gedanken gemacht hat. Es handelt sich hierbei um den Aspekt des Lebens, des Menschen und des Universums und was vor diesen dreien war und was nach ihnen kommen wird.
Jede Ideologie2 , die den Anspruch zur Führung der Menschheit erhebt muß eine Antwort auf diese Fragen bieten, denn nur so kann sie den Menschen befriedigen und die Menschen zu einem intellektuellen Aufstieg verhelfen.
Die Idee, die sich aus dieser Ideologie ergibt, dient zur Lösung aller Probleme und Hürden, die sich dem Menschen stellen. Dadurch würden sich auch die am Anfang erwähnten Fragen von selbst beantworten.
Damit diese Überzeugungsgrundlage (‘Aqida3 ) fest und unumstößlich sein kann, muß sie auf Beweisen beruhen, die der menschliche Verstand erfassen und deren Richtigkeit er erkennen kann. Denn erkennt der Verstand diese Beweise nicht an, da sie rational nicht nachvollziehbar sind, so bleibt die Basis instabil durch den Zweifel, der zurückbleibt, und das gesamte Bauwerk bleibt schwankend. Aus diesem Grunde ist der Verstand der Weg, der zu einer festen Überzeugung führt.
Jeder Mensch muß in der Lage dazu sein, diesen Beweis nachvollziehen zu können. Die Möglichkeiten, die dem Menschen dazu gegeben sind, sind sein Verstand und seine Sinne, die ihn befähigen, seine Umwelt wahrzunehmen. Der Mensch ist ein Wesen, welches im Universum lebt und so muß er sich mit sich selbst, dem Leben und dem Universum auseinandersetzen.
Damit verbunden sind existentielle Fragen, die den Menschen mit seinem Ursprung konfrontieren und damit einhergehend auch dem Ursprung des Universums und dem Sinn seiner Existenz.
Da nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip jegliche Wirkung durch eine Ursache hervorgerufen wird, so muß auch die Materie das Ergebnis einer Ursache sein. Betrachtet z. B. der Mensch einen Fußabdruck eines Tieres im Wüstensand, so erkennt der Mensch, daß hinter der Wirkung eine Ursache sein muß, nämlich ein Tier. Auch wenn der Mensch das Tier selbst nicht gesehen hat, so muß er notwendigerweise aus der Wirkung schlußfolgern, daß dort dieses Tier entlanggelaufen sein muß. Äquivalent hierzu muß sich der Mensch mit der Entstehung der Materie auseinandersetzen.
Die Materie stellt hierbei die Wirkung dar, sie existiert und ist auch wahrzunehmen für jeden Menschen. Er muß nun nach der Ursache forschen.
Durch Beobachtung erkennt der Mensch, daß allen Erscheinungsformen der Materie bestimmte Merkmale zu eigen sind. Zum einen sind alle materiellen Erscheinungsformen zeitlich und räumlich begrenzt, zum anderen sind sie nicht durch sich selbst existent. Am eindeutigsten wirkt jedoch, ihre Unfähigkeit, neue Materie aus dem Nichts heraus zu erschaffen.
Die zeitliche und räumliche Begrenztheit erscheint offensichtlich. Der Mensch wird geboren und ist unwillkürlich zum Sterben verurteilt. Alle Versuche, das Leben zu verlängern, sind von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das Universum ist eine Ansammlung von begrenzten Himmelskörpern, und somit ist ihre Summe, nämlich das Universum, auch begrenzt.
Der Mensch ist abhängig von anderen Erscheinungsformen der Materie. Ohne Nahrung, ohne Licht, ohne Wasser kann er nicht existieren. Die Erde kann nicht ohne die Sonne existieren, die Sonne nicht ohne Wasserstoff.
Alle diese Beispiele zeigen, daß diese drei Elemente (Mensch, Leben und Universum) begrenzt, also ohnmächtig sind und auf etwas anderes angewiesen sind, um weiter bestehen zu können. Nun wissen wir also, daß alles sinnlich wahrnehmbare Grenzen besitzt. Die Frage, die sich dem Menschen nunmehr stellt, ist: „Wer hat diese Grenzen gesetzt?"
Wer auch immer diese Grenzen gesetzt hat, darf nicht die selben Eigenschaften besitzen, wie seine Schöpfung. Wir wissen also, daß er weder selbst Grenzen besitzen darf, noch ohnmächtig sein darf. Es ergibt sich, daß der, der die Grenzen gesetzt hat, der Schöpfer ist, und ohne Anfang und Ende sein muß, was bedeutet, daß es Ihn schon immer gab und immer geben wird.
Er ist Allah (ta´ala)4 , Der immer da war, da ist, und für immer da sein wird. Er ist Allah (ta´ala), auf Den alles Geschaffene, sei es sichtbar oder nicht, in Seinem Dasein und auch in Seinem Fortbestehen angewiesen ist und immer angewiesen sein wird.
Fassen wir zusammen:
Jeder Mensch, der einen Verstand hat, kann ausgehend von der bloßen Existenz der Dinge, die er wahrnehmen kann, schließen, daß sie einen Schöpfer haben, der sie erschaffen hat. Denn alles was der Betrachter wahrnehmen kann, ist schwach, unvollkommen, bedürftig und somit mit absoluter Gewißheit erschaffen.
Wir können feststellen, daß der Qur´an den Blick auf die Dinge lenkt, und den Menschen dazu aufruft, diese Dinge, ihre Umgebung und was mit ihnen in Verbindung steht, zu betrachten, um auf diese Weise die Existenz von Allah (ta´ala) zu beweisen.5
Allah (ta´ala) sagt in Surat al-Baqara: „Wahrlich in der Schöpfung der Himmel und der Erde, und dem Wechsel von Nacht und Tag, und den Schiffen, die auf dem Meer fahren mit dem, was den Menschen nützt, und in dem, was Allah vom Himmel an Wasser herniedersandte und damit die Erde nach ihrem Tod belebte, und alle Arten von Tieren sich ausbreiten ließ; Und im Wechsel der Winde und den dienstbaren Wolken zwischen Himmel und Erde sind Zeichen für die Denkenden."6
Allah (ta´ala) sagt in Surat Al´Imran: „Wahrlich in der Schöpfung der Himmel und der Erde, und dem Wechsel von Nacht und Tag sind Zeichen für die Denkenden."7
Allah (ta´ala) sagt in Surat ar-Rum: „Und zu seinen Zeichen gehört die Schöpfung der Himmel und der Erde und der Unterschied eurer Sprachen und Farben."8
Betrachten wir die Natur des Menschen, so sehen wir, daß er einen Religiösitätsinstinkt inne hat. Er verehrte seit Anbeginn der Zeit eine Macht, von der er überzeugt war, daß sie höher steht als er. Auch kam es, wie heute immer noch, zu Ausschweifungen.9
Diese Ausschweifungen waren durch zweierlei bedingt:
i) zum einen harmonisierte die Idee der Gottheit nicht mit der Natur des Menschen und stand nicht mit der Vernunft in Eintracht, so daß es zu keiner tiefen Zufriedenheit kam.
ii) zum anderen war die Art des Gottesdienstes nicht vom Schöpfer gegeben, sondern selbst erdacht.
Hieraus folgt, daß die Menschen Gesandte benötigen, um zu wissen, wie sie Ihren Schöpfer anbeten sollen. Die Art und Weise der Anbetung kann nicht dem Menschen entspringen, da er nicht in der Lage ist, Allah (ta´ala) zu ergründen.
Fassen wir wieder zusammen:
Wir stellten fest, daß der Mensch seinen Schöpfer verehren will, aber nicht in der Lage ist, ein System zu konzipieren10 , welches die Beziehung zu seinem Schöpfer regeln kann. Er ist ebenso wenig in der Lage eine richtige Lebensordnung zu entwerfen, die für alle Menschen zu jeder Zeit an jedem Ort Gültigkeit besitzt. Der Grund ist auch hier leicht erfassbar, denn der Mensch ist nicht nur ein beschränktes und ohnmächtiges Wesen, er ist vor allem unzulänglich und extrem beeinflußbar. Dies deshalb, weil der Verstand des Menschen aus folgenden Gründen beeinflußt wird:
i) Nicht alle Menschen denken gleich
ii) Der Mensch neigt schnell dazu, seine Meinung zu ändern.
iii) Das Denken des Menschen unterliegt den Einflüssen seiner Umwelt.
Von daher ist der Mensch an eine Lebensordnung angewiesen, deren Ursprung beim allmächtigen Schöpfer liegt. Die Gesandten Allahs überliefern uns Seine Botschaft und erhalten von Allah (ta´ala) Wunder als Beweis ihrer Prophetenschaft. Das einzige Wunder, welches immer noch existent ist, ist der Gnadenreiche Qur´an.
Das Wunder des Qur´an:
Es ist wichtig zu betonen, daß das Wunder des Qur´an, sein unnachahmlicher Stil ist. Der Qur´an ist in arabischer Sprache offenbart worden. Dies bedeutet, der Qur´an ist das Werk entweder von den Arabern, von Muhammed (fsmi)11 selbst oder aber von Allah (ta´ala).
Wäre der Qur´an von den Arabern erdichtet, so müßte es doch in ihrer Literatur etwas vergleichbares geben. Allah (ta´ala) fordert die Menschen auf eine ähnliche Sure hervorzubringen, denn so heißt es im Qur´an: „Und so ihr im Zweifel seid über das, was wir herabgesandt haben unserem Diener, so bringt doch eine gleiche Sure bei!"12
Die Ungläubigen wurden also von Allah (ta´ala) immer wieder aufgefordert, etwas wie den Qur´an hervorzubringen. Alle, die es versuchten, scheiterten kläglich. Die Aufforderung Allahs galt nicht nur für die Kuraisch in Mekka, sondern auch für jede andere Person, da sie zeitlos ist. Wenn die damaligen und jetzigen Araber als Urheber nicht in Frage kommen, so kann auch nicht der Prophet als Urheber betrachtet werden, da er einer von ihnen war.
Die Unfähigkeit des Menschen den Qur´an nur nachzuahmen, ist ein einleuchtender Beweis für den göttlichen Ursprung des Qur´ans. Wir wissen alle, daß es gefälschte Hadithe gibt, weshalb es ja auch die Hadith-Wissenschaft gibt. Trotz des Verbotes Hadithe zu verfälschen, gab es immer wieder Menschen die Hadithe für weniges13 verfälscht haben. Dies aus dem Grunde, weil der Qur´an in Stil und Inhalt von Allah (ta´ala) stammt und die Hadithe nur inhaltlich göttliche Offenbarung sind, sein Stil aber menschlich ist. Bis zum heutigen Tage ist es nicht einmal den Feinden des Islam gelungen, eine Veränderung des Qur´an festzustellen. Im Gegensatz dazu sei erwähnt, dass es in jeder Einleitung des Neuen und Alten Testamentes eine Chronik über die Verfasser der Texte in den „heiligen Schriften" gibt, und im übrigen behaupten die Christen auch nicht, das die Texte von Gott stammen.
Der Islam ist keineswegs eine Religion im begrenzten Sinne dieses Wortes. Er stellt eine alles umfassende Lebensweise dar. Er besitzt seine eigenen Vorstellungen über diese Welt und über den Menschen und dessen Bestimmung. Und er verdeutlicht jene Werte, die die Bindung des Menschen an Gott, an die Welt, an seine Mitmenschen und an die Gesellschaft und ihre Institutionen ausmachen. Der Islam lehnt jegliche säkulare14 Lebenssysteme ab, denn sie betrachten den Menschen als ein „soziales Lebewesen" und halten Ethik und die geistige Bestimmung des Menschen für belanglos im Hinblick auf seine gesellschaftlich-wirtschaftliche Existenz oder auf die politische Gesellschaftsordnung, unter der er lebt. Der Islam jedoch berücksichtigt die beiden Seiten des menschlichen Lebens und fügt sie zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Dieser Zustand der Harmonie und des inneren Friedens treibt viele Menschen in unseren Tagen an, die materiellen Weltanschauungen des Kapitalismus und des Kommunismus zu verachten und sich den Idealen des Islam, nämlich der Wahrheit, Gottergebenheit, menschlichen Brüderschaft und gesellschaftlich-politischer Gerechtigkeit hinzugeben.
Quellen:
1 Denken: Das menschliche Denken kann definiert werden als die Übertragung der Wahrnehmung der Realität mit Hilfe der Sinnesorgane auf das Gehirn, unter Vorhandensein von Vorinformationen, mit denen die Realität erklärt wird.
2 Ideologie: Die Ideologie ist eine durch den Verstand bewiesene Überzeugungsgrundlage, aus der eine Lebensordnung hervorgeht.
3 ‘Aqida: Unter ‘Aqida (Überzeugungsgrundlage) versteht man eine umfassende Idee über das Universum, den Menschen und das Leben, und über das, was vor dem diesseitigen Leben war, was nach dem diesseitigen Leben sein wird sowie ihre Beziehung zueinander.
4 ta´ala: wörtlich: „Er sei erhaben", wird bei der Nennung Allahs zur Anpreisung genannt.
5 Das heißt unser Iman (hundertprozentige Überzeugung) bezieht sich nur auf seine Existenz. Denn wie sollte auch der Mensch, dessen Wahrnehmung sich auf das sinnlich wahrnehmbare beschränkt und dessen Verstand deshalb begrenzt ist, in der Lage sein das Wesen des Schöpfers zu erfassen, der ja unendlich ohne Anfang und ohne Ende ist?
6 Surat al-Baqara, Vers 164
7 Surat Al´Imran, Vers 190
8 Surat ar-Rum, Vers 22
9 z. B. Verehrung von Menschen (Sänger, religiöse oder politische Führer oder Fußballspieler), der freien Marktwirtschaft, Polytheismus (Vielgötterei) und der gleichen mehr.
10 konzipieren: entwerfen, verfassen, überlegen
11 fsmi: Abkürzung für „Friede sei mit ihm"
12 Surat al-Baqara, Vers 23
13 So z. B. haben Menschen Hadithe erfunden, die Auberginen als segensreich bezeichnen, nur um mehr von diesen zu verkaufen.
14 säkulare: weltliche, irdische
Ramis Örlü