
Das islamische Gebet
religiöse Last oder göttlicher Segen?
- die dritte
In einem Umfeld, dessen Vorstellungen über Normen und Werte einem ständigen Wandel unterliegen, wo unaufhörlich vorgeschrieben wird, ob und wie wir den Alltag zu gestalten haben, wo wir umgeben sind und gelenkt werden von Automatismen, die uns nur noch minimale Eigenständigkeit erlauben, wo Monotonie unsere natürlichsten Bedürfnisse zu überschatten scheint, wo jeder alleine gelassen ist in seinen Problemen, wo nicht mehr der Grundsatz - „Wir sitzen doch alle im selben Boot." - Bestand zu haben scheint, wo Anonymität zwischenmenschliche Interaktionen auf das Nötigste (Wie ist das Wetter? Wie geht es der Familie?) reduziert hat, wo Leistungs- und Perfektionsdrang Rücksicht und Mitgefühl abgelöst haben, wo das menschliche Wesen nur allzu gut verstanden hat, seiner schier einzigen Funktion als Arbeits- und Kaufkraft nachzugehen, ...... genau in solch einem Umfeld sollten wir das islamische Gebet, als eine Gelegenheit aus dieser Alltagsroutine auszubrechen, wertschätzen. Ja, das Gebet vermag all diesen Missständen entgegenzutrotzen. Trotzdessen erleben wir leider genau das Gegenteil; denn all diese Erscheinungen haben auch auf unsere Gebete abgefärbt. Auch die äußerlich perfekt durchgeführten Gebete sind dem Automatismus zum Opfer gefallen. Das beginnt schon mit der Absicht (Niyet), die einen Pflichtbestandteil des Gebets darstellt. Was ist eigentlich unsere Absicht?
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Haben wir überhaupt eine? Und wenn, wie lautet diese? Oder lautet sie wie folgt: „ O Herr! Ich beabsichtige das Gebet durchzuführen, weil ...die Gebetszeit eingetroffen ist." Und im Gebet selbst organisiert sich alles wie von selbst; die Zunge rezitiert, die Augen sind fixiert und die Gedanken ganz woanders. Nein, das in aufrichtiger Ergebenheit verrichtete Gebet stellt die höchste und vollkommenste Form der Gottesanbetung dar, kräftigt als Pfeiler des Glaubens unser religiöses Bewusstsein, gibt uns die Möglichkeit, Allah, dem Schöpfer, all unsere Sorgen und Nöte vorzutragen, befreit uns durch die einzig und alleinige Anbetung Allahs von psychosozialer Knechtschaft, Unterdrückung und Abhängigkeit, drängt die Autorität jeder anderen Instanz in den Hintergrund, symbolisiert den bedingungslosen inneren Kampf gegen die Vorherrschaft des „modernen" Götzendienstes, verleiht den Dienern Gottes Würde und Ehre, erinnert uns täglich an unsere Rechte und Pflichten als Gottergebene, hält uns ab von allem Schändlichen und Verbotenen, lenkt und leitet uns recht, bewahrt und festigt unseren Glauben, prägt unsere Identität, schenkt uns innere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit, führt zur Selbsterkenntnis und Eigenkritik, zerschlägt die Ketten des Hochmutes und der Eitelkeit, kontrolliert und bändigt die niederen Wünsche und Absichten, eröffnet uns den Weg der Reue und Rückbesinnung, spendet Trost und Heil, überbrückt Kummer und Verzweiflung, fordert Demut und Aufrichtigkeit, fördert Gerechtigkeit und Einheit, weitet das Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht, reinigt Herz und Verstand, erhöht den Rang bei Allah im Diesseits und im Jenseits, reflektiert unsere Gottergebenheit, sensibilisiert uns gegenüber Sorgen und Probleme unserer Mitmenschen, organisiert und bereichert das persönliche und gemeinschaftliche Leben, motiviert zum gemeinnützigen Handeln, mobilisiert die Kräfte in der Gemeinschaft und fügt ihre Herzen zusammen. Also fragen wir uns noch mal: Was beabsichtigen wir mit unserem Gebet und was erhoffen wir uns davon? Falls wir keine ernsthaften Absichten verfolgen, wie können wir dann erwarten, dass uns geholfen wird. Unsere Gottesdienste, Absichten, Beziehungen, unser Wirken dürfen nicht der Routine verfallen. Wir müssen jedes Mal aufs neue erkennen, dass wir dieser gottesdienstlichen Handlungen bedürfen. Aber was vermögen Worte auszudrücken? Wie kann man jemandem den Geschmack einer Traube beschreiben, ohne ihm eine solche anzubieten? Wie kann man die Vorzüglichkeit des Gebetes wiedergeben, wenn seine Unverzichtbarkeit für Seele und Gemeinschaft nicht erkannt worden ist? Ein dürstender in der Wüste würde sein gesamtes Hab und Gut für eine lebensrettende Quelle in einer Oase hergeben, er würde vor Freude all die Erschöpfung und Sorgen vergessen. Aber haben wir überhaupt erkannt, daß wir täglich mit dürstender Seele in solch einem „verwüsteten" Umfeld umherstreifen? Wenn nicht, wie können wir dann das Gebet wertschätzen?
P.B.U.Y.