
SCHICKSAL - was ist das eigentlich?
Der Glaube an das Schicksal ist einer der sechs Säulen des "Iman" (Glaube). Jeder Muslim glaubt an diese sechs Punkte. Diese sind:
1. Der Glaube an die Existenz und Einheit Gottes
2. Der Glaube an Engel
3. Der Glaube an die Heiligen Schriften
4. Der Glaube an die Propheten
5. Der Glaube an das Jüngste Gericht
6. Der Glaube an das "Schicksal"
Bedeutet das, daß der Mensch den Bestimmungen seines Schicksals ausgeliefert ist?
Gibst es so etwas wie eine "Selbstbestimmung"?
Das arabische Wort "Qader" wird im Deutschen mit "Schicksal" übersetzt. Aber eigentlich stammt dieses Wort vom Verb (Qa-de-ra) ab, was soviel heißt, wie "es wurde beschlossen, es wurde aufgeteilt, jedem sein Teil vergeben". Außerdem kann das Wort auch in einem ganz anderen Kontext "die Macht gehabt" bedeuten.
Eine andere grammatische Form des Verbs ist (Qad-de-ra), was soviel bedeutet, wie "regieren, herrschen, beherrschen, einen Urteil aussprechen".
"Qader" ist also all das, was eigentlich vor seiner Existenz von Allah in seinem unendlichen Wissen auf der wohlverwahrten Tafel "Lawh-i Mahfuz" festgelegt und niedergeschrieben ist. So können wir sagen: Allah , der allwissende Aliem, hat alle Ereignisse, Vorfälle und Geschehnisse dieser Erde von dem Zeitpunkt ihrer Erschaffung durch sein ur-ewiges Wissen (das kein Anfang und kein Ende hat) dimensionslos bestimmt und festgehalten.
"Qader" ist die göttliche Vorhersehung und "Qadha" ist der Eintritt seiner Vorhersehung.
Ich habe nicht die Absicht, das Thema Schicksal in all seinen Zügen auszudiskutieren, denn unser Prophet (F.s.m.i.) hat das Debattieren über Schicksal im übertriebenen Maße untersagt.
Man kann dieses Thema als Mensch mit seinem Geist und Verstand nicht voll erfassen.
Das durch Hadithe und Ayat (Verse) illuminierte Thema wird für uns einigermaßen verständlich.
Es gibt im Qader Vorherbestimmungen von dem Allmächtigen Herrscher, für den der jeweilige Mensch nichts kann, hierzu zählen die Hautfarbe, die Nationalität, die Herkunft, die materielle und geistige Ausstattung, Krankheiten etc.; ich möchte hier ein Hadith zitieren:
Anas Ibn Malik, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: Der Prophet sagte: "Allah, Der Allmächtige und Erhabene, betraut einen Engel mit der Aufsicht über die Gebärmutter. Dieser Engel sagte: O Herr, ein Samentropfen! O Herr, ein Blutklumpen! O Herr, ein Fleischklumpen! Und wenn Allah seine Schöpfung vollenden will, fragte der Engel: O Herr, soll es ein Mann oder eine Frau werden? Wird es unglücklich oder glücklich werden? Wovon wird es seinen Lebensunterhalt bestreiten? Wann wird es sterben? All das wird bereits im Bauch der Mutter festgelegt."
Deswegen wird niemand hierfür zur Rechenschaft gezogen werden, denn der Allmächtige Herrscher ist gerecht, er verurteilt seine Knechte nicht für etwas, wofür sie nichts können. Das Schicksal ist aber nicht dafür da, sich von jeglicher Verantwortung zu entreißen, und alle Fehler, Unrecht und Unheil auf Allah zu schieben.
Unser Erschaffer hat jedem Menschen eine Entscheidungskraft, und eine Fähigkeit zur Selbstbestimmung gegeben, womit jeder seinen Weg im Leben wählt, für den nur er zur Rechenschaft gezogen werden kann. Man begeht im Leben keine Sünden, weil Allah es so vorherbestimmt hat, sondern derjenige möchte einen Fehler begehen, und Allah läßt dies geschehen. Damit man diesen komplexen Punkt besser versteht, möchte ich einen Beispiel geben: nehmen wir einmal an, daß ein Mann ein Kleinkind auf seine Schulter nimmt und zu ihm sagt: "Sag mir, wohin du gehen willst, und ich werde dich dahin bringen." Das Kind möchte daraufhin auf einen sehr hohen Berg, wo es hinfällt. Daraufhin wird dieses Kind auf seinen Fehler aufmerksam gemacht, und der Mann wird sagen: "Du hast es so gewollt, und deswegen kannst du mir nicht die Schuld für deine Schmerzen geben, ..."
Wenn jemand einen Mord begehen möchte, wird ihm dies (soweit es Allah zuläßt) ermöglicht. Kann jetzt dieser Mörder sagen: "Ich habe diesen Menschen umgebracht, weil Allah es vorherbestimmt hat, was kann ich denn dafür ?
Hierbei möchte ich auf einen Qur´anvers aufmerksam machen, der manche von uns stutzig machen könnte. Der Qur‘an sagt: "Und so läßt Allah in die Irre gehen, wen ER will, und leitet recht, wen ER will." (Sure 74, Vers 31). Außerdem wissen wir aber auch aus dem Qur´an, daß Allah dem Menschen Vernunft, Denkvermögen und freien Willen geschenkt hat und es ihm überläßt, welchen Weg er nun nimmt. Manch einer wird beim Lesen dieser Verse aus dem Qur´an stutzig. Einer, der in seinem Glauben noch nicht gefestigt ist, wird sagen: "Was kann ich dafür, daß ich Sünden begehe, denn Gott ist ja Derjenige, Der mich in die Irre führt?"
Bei so einer Aussage muß man ganz vorsichtig sein. "Hidaya" (Rechtleitung) bedeutet Rechtschaffenheit und ist der gerade Weg, der Weg zum Islam, der Weg derer, denen Allah Seine Segnung gewährt; und "dalala" (in die Irre-Gehen) bedeutet Verderbtheit, Irrtum sowie Weg und Zustand derer, die ständig an falschen Glaubensvorstellungen festhalten und willentlich Allahs Gesetz übertreten und somit in Rücksichtslosigkeit und Nachlässigkeit abirren.
Sowohl das Rechtgeleitet-Sein als auch das In-die-Irre-geleitet-Sein sind reale Vorkommnisse, die ohne Zweifel im Zusammenhang mit Allah stehen und von SEINEM Willen abhängig sind. Es gibt nichts; was nicht mit IHM im Zusammenhang stände; alles hängt von Seinem Willen ab. ER erschafft dalala, um SEINEN Namen "al-mudil" (der Irreführende), und hidaya, um SEINEN Namen "al-hadi" (der Führer) zu manifestieren. Allah erschafft also, d.h., ER ermöglicht oder "gibt" das Rechtgeleitet- oder das In-die-Irre-geleitet-Sein ist das Ergebnis der eigenen Absichten und Handlungen dieses Individuums, eine Folge seiner eigenen Standpunkte und Neigung, nicht aber das Ergebnis einer willkürlichen "Prädestination". Dazu möchte ich ein Hadith zur Hilfe nehmen: Ali, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete: "Einmal nahmen wir an einem Trauerzug in Baqie‘ Al-Gharqad teil. Da kam der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, zu uns. Er saß, und wir saßen um ihn umher. Er hatte einen Stock in seiner Hand. Er senkte den Kopf schweigend und begann die Erde (vor ihm) mit dem Stock zu zerkratzen. Dann sagte er: Es gibt keinen von euch bzw. keine lebendige Seele, ohne daß Allah seinen oder ihren Platz entweder im Paradies oder in der Hölle schon vorhersah, und ohne daß ihr Glück oder Unglück vorgeschrieben ist. Da sagte ein Mann: O Gesandter Allahs, warum ergeben wir uns denn unserem Schicksal nicht, das in der wohlverwahrten Tafel (Lawh-i Mahfuz) vorgeschrieben ist, und beachten das Werk nicht? Er antwortete: Wer zu den glücklichen Leuten gehört, der wird Gutes tun. Wer aber zu den unglücklichen Leuten gehört, der wird Böses tun. (Ihr Menschen!) Wirket! Jedem ist der Weg leicht gemacht: Den glücklichen Leuten wird der Weg zum guten Werk erleichtert, und den unglücklichen Leuten wird der Weg zum bösen Werk erleichtert. Dann rezitierte er: Jener aber, der gibt und gottesfürchtig ist und an das Beste glaubt, dem wollen Wir den Weg zum Heil leicht machen. Jener aber, der geizt und gleichgültig ist und das Beste leugnete, dem wollen Wir den Weg zur Drangsal leicht machen."
Das bedeutet, daß jeder auf der Welt seinen eigenen Weg beschreitet; dieser Weg wird ihm von Allah erleichtert. Man erhält "hidaya", indem man zum Beispiel den Qur´an hört, ernsthaft über die Qur´anverse und ihre Bedeutung nachdenkt, seine Zeit mit frommen Leuten verbringt, und lernt, über die wahre Beschaffenheit von Leben und Tod nachzusinnen.
Auf diese Weise wird man im Verstand und im Geist erleuchtet. Das alles sind besondere Wege, um die Rechtleitung zu erlangen. Allah ist also der Eine; DER rechtleitet, aber das Individuum muß zuvor an die Tür Göttlicher Fürsorge mit seinem Erwerb klopfen. Doch wenn der Mensch den Weg wählt, der von Sünden gepflastert ist und sich dementsprechend verhält, hat dieser Mensch an die Tür des "mudil" (des einen, Der in die Irre führt) geklopft und darum gebeten, in die Irre geleitet zu werden. Und wenn Allah will, dann läßt Er ihn auch in die Irre gehen. Will Er es nicht, bewahrt Er ihn vor solch einem Schicksal durch irgendeine Art und Weise, wie Er es will. Wenn ein Individuum den Weg der "dalala" beschreitet, erschafft Gott die Folgen aus den Handlungen in Übereinstimmung mit den Gesetzen von Ursache und Wirkung. Wenn ein Mensch, der stehlen will, die Gelegenheit erhält ein kostbares Objekt zu stehlen, z.B. wenn eine Uhr auf dem Tisch seines Gastgebers liegt und er allein im Zimmer ist, kann es sein, daß er im Moment des Diebstahls gestört wird. Allah hat ihn vor dieser Sünde bewahrt, obwohl dieser Mensch die Absicht hatte zu stehlen. Allah kann ihm aber diese Möglichkeit bieten, indem kein Mensch ins Zimmer kommt.
Man sollte eines beachten: Der Mensch wird nicht für seine Absichten und Gedanken bestraft. Das zeigt noch einmal die Barmherzigkeit Gottes.
Der Mensch ist frei zu handeln auf dem Weg der "dalala", obwohl er Warnungen und Instruktionen von Allah erhält. Später wird Allah diese Person entweder bestrafen oder vergeben - ganz wie ER will.
Zum Schluß möchte ich jedem Leser etwas auf den Weg geben: der Mensch hat freie Hand für sein Handeln, doch er sollte sein Ende bedenken. Man darf die Worte unseres Propheten nicht vergessen. Er sagte: "Der Mensch stirbt so, wie er gelebt hat!"
Quellen:
Qur´an
Buchari, Muslim
Bediuzzaman Said Nursi, Sözler
M. Fethullah Gülen, Kader
Äem-x Nur Yücel