Zurück

Das islamische Gebet (Teil 2)

- religiöse Last oder göttlicher Segen? -

In der letzten Ausgabe hatten wir uns angeschickt das islamische Gebet aus dem Blickwinkel der Medizin zu betrachten und seine medizinischen Vorzüge zu erörtern.

Zwischenzeitlich waren wir der Kritik hellhöriger Leser ausgesetzt, denen wir nachträglich für ihre aufrichtigen Bemühungen, uns auf eventuelle Mißverständnisse aufmerksam zu machen, danken, und sie dazu anhalten möchten weiterhin mit kritischen Annäherungen zu signalisieren, daß noch Auf- bzw. Abklärungsbedarf besteht. Sie haben ihre Bedenken wiefolgt an unsere Redaktion herangetragen: „Das Gebet ist göttliches Gebot! Deshalb ist es überflüssig, über die Vorteile des Gebets zu berichten. Man sollte nicht krampfhaft nach Gründen suchen, wieso wir Muslime gerade auf diese Weise beten." Kurz: Wir beten, weil Gott es von uns so fordert! Ich persönlich stehe dieser Kritik ganz und gar nicht ablehnend gegenüber, mit der Einschränkung, daß ich sie leider nur streckenweise nachvollziehen kann.

Natürlich beten wir in erster Linie, weil ALLAH, der Allmächtige, dies von uns verlangt, aber deshalb die Hände in die Hosentasche zu stecken und nicht zu forschen, welche Vorzüge (in jederlei Hinsicht) sich hinter diesem Gebot verbergen, wäre nicht nur unrichtig, sondern auch fahrlässig. Fahrlässig insofern, weil man auf Nachfragen von nichtmuslimischer Seite verstummt. Selbstverständlich ist der gesundheitliche Aspekt nicht vordergründig, aber in der letzten Ausgabe hatten wir klargestellt, daß wir uns diesem Thema wegen seiner umfassenden Länge in mehreren Anläufen nähern und abhandeln möchten. So entschieden wir uns mit der in der letzten Ausgabe erschienenen Einleitung zu beginnen. Weder habe ich mich während des Versuchs „ertappt", krampfhaft den Wald zu durchforsten auf der Suche nach „Motiven" (falls sie es bemerkt haben, die Diskussion nimmt mitunter kriminologische Dimensionen an), zu begründen oder gar zu rechtfertigen, wieso wir Muslime so beten wie wir ebend beten noch entdecke ich die Manier eines Religionseifereres wieder, der oftmals in seiner übertriebenen Art mit seinen unaufhaltsam eifrigen Schilderungen und Rückschlüssen eine Sache zu perfektionieren bzw. zu verschönern versucht. Prinzipiell sind göttliche Gebote nicht darauf angewiesen mit „for-tschritt-licheren", „moderneren", „angenehmeren", „praktischeren" (kurz: menschlich-weltlichen) Alternativen bzw. Methoden im Waagschalen-Vergleich gemessen zu werden um sich ihrer Größe und ihres Ursprungs bewusst zu werden. Nicht weil sie ein Dogma darstellen und deshalb unantastbar sind, sondern, weil sich nur das Adäquate, das qualitativ Gleichwertige miteinander vergleichen bzw. gegeneinander gewichten läßt. Zumal wir nicht immer auf Anhieb die göttlichen Weisheiten, die sich hinter Ge- und Verboten verbergen, erahnen können. Vielleicht kehrt die Einsicht erst Tage, Monate, Jahre später ein. Vielleicht bleibt sie für den Einen oder Anderen von uns im diesseitigen Leben verborgen. Jedoch übt sich der Gläubige nicht im „blinden Gehorsam" noch ist er Gefangener seiner eigenen Naivität. Er hat das Recht, er hat sogar die Pflicht, zu hinterfragen und nachzuforschen, weshalb er etwas ausführen bzw. unterlassen soll. Denn nur so kann sich aus Nachahmung die Einsicht entwickeln, die den Gläubigen in Dank und Ehrfurcht versinken läßt. Beides unverzichtbare Bausteine in der geistigen Weiterentwicklung zum aufrichtigen Gottergebenen, kurz: MUSLIM.

Das Streben nach Wissen ist Pflicht für jeden Muslim und für jede Muslima. Der Qur’an offenbart hierzu folgendes: „...Sprich (O Muhammed!): „Sind etwa gleich diejenigen, welche wissen, und jene, welche nicht wissen? Nur die Verständigen lassen sich warnen." (39:9) „... und Wir haben zu dir die Erinnerung (den Qur’an) herabgesandt, damit du den Menschen klarmachst, was zu ihnen herabgesandt wurde, und damit sie vielleicht nachdenken." (16:44) „...und dies sind die Gleichnisse,-Wir prägen sie für die Menschen, und es verstehen sie nur die Wissenden." (29:43) „Also wisse, es gibt keinen Gott außer ALLAH..." (47:19)

Folgendes können wir aber jetzt schon festhalten: Dem Gläubigen obliegt keinerlei Beweisführung zur Verdeutlichung des edlen Wertes und des Ursprungs göttlicher Anweisungen, weil er persönlich diese täglich aufs Neue erkennt und erfährt; interessanterweise jedesmal viel bewußter, so ALLAH will. Individuelle Erlebnisse und Erfahrungen führen über ein positives Feedback zur bewußten Annahme von Anweisungen, die zuerst dem Verstand und der Logik gegenübergestellt werden, bevor sie in das alltägliche Leben überführt werden. Und ist der Gläubige an die Grenzen seines Wissens angelangt, überwindet er seinen Großmut und sucht Rat beim Allwissenden. So ist das Befolgen der göttlichen Ratschläge, auch wenn man sich ihrer Vorzüge und Hintergründe noch nicht bewußt ist, kein blinder Gehorsam, vielmehr „ Zeugnis gesunden Vertrauens", das vergleichbar ist mit dem Aufsuchen des Arztes bei Krankheit und Mißempfinden. Nehmen wir als Hilfesuchende nicht die therapeutischen Ratschläge des Arztes dankend an, größtenteils ohne sie zu hinterfragen.Täglich nehmen wir Medikamente ein, ohne zu wissen woraus sie zusammengesetzt sind (es reicht auch nicht aus, den Wirkstoffnamen auf der Packungsbeilage gelesen zu haben; oftmals bleiben sie für uns trotzdem unbekannt) und wie ihr Wirkmechanismus funktioniert. Wir vertrauen den Ärtzten und Pharmazeuten und schlucken die Tabletten ohne Bedenken, Eine nach der Anderen, hinunter. Sollten wir nicht deshalb auf ALLAH, unserem Schöpfer, bedingungslos und zweifelsfrei vertrauen in all unseren Angelegenheiten und in all unseren Lebenslagen, weil Er unsere Bedürfnisse und Nöte am besten kennt, weil Er der Ursprung unendlichen Wissens ist. Über das Gottvertrauen verkündet ALLAH, der Allbarmherzige, folgendes: „Siehe, nur das sind Gläubige, deren Herzen, wenn ALLAH genannt wird, in Furcht erbeben und deren Glauben wächst, so ihnen unsere Zeichen verlesen werden, und die auf ALLAH vertrauen." (8:2) „Und vertraue auf den Mächtigen, den Barmherzigen." (26:217) Leider müssen wir feststellen, daß Vertrauen, vor allem Gottvertrauen, eine Tugend zu sein scheint, die in Vergessenheit geraten ist. Der Hilfesuchende lehnt die helfende Hand ab, der Unwissende weist das Wissen von sich, das Geschöpf erkennt seinen Schöpfer nicht. Um diesen Sachverhalt analysieren zu können und um ersehen zu können, in welchem Zusammenhang das islamische Gebet zu diesen Ausführungen steht, müssen wir etwas weiter ausholen. Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte wird bei der Suche nach der Antwort auf die Frage wieso der Mensch überhaupt existiert, die eine oder andere neuronale Verschaltungszentrale im Gehirn überlastet, werden Lippen und Zungen bis auf’s höchste Maß beansprucht, werden Stimmbänder bis an ihre Belastbarkeitsgrenze gereizt. Kritisch wird’s, wenn am Ende die Sicherungen durchbrennen und die/der Betroffene in dieser Phase der extremen Verwirrtheit ihre/seine wertvollen Gedankenergüsse wiefolgt „verewigt": „Ich weiß, daß ich nichts weiß." Nun sitzen wir fest, tief in einer Misere. Wieso? Tja, auf der einen Seite die hochgelobten und geschätzten Philosophen und Denker, die das Prädikat „im Denken ihrer Zeit voraus" gewesen zu sein gänzlich für sich beanspruchen, die durch ihre richtungsweisenden Gedanken einen unverkennbaren Beitrag zur Aufklärung geleistet haben sollen, die als Anerkennung unsere Lexika und Geschichtsbücher schmücken und auf der anderen Seite ihre sich selbst offenbarende Einsicht (jedoch generell die Allgemeinheit betreffend): „Ich weiß, daß ich nichts weiß." Vielleicht mag das eine Unterstellung sein, aber lassen sie mich das Problem mit einem Zusatz benennen: „Ich weiß, daß ich nichts weiß. Sogar das (weiß ich) nicht:" Unterstellungen hin, Unterstellungen her. Eines ist sicher. Ein Großteil der Menschheit weiß heute (ca.2000 Jahre nach der Herabsendung Jesu und ca.1400 Jahre nach der Herabsendung Muhammeds -ALLAHs Friede und Segen seien auf beiden) immer noch nicht, daß sie nichts weiß. Und anstatt nach so viel Anstrengung und Erschöpfung Denjenigen zu fragen, Der auf diese Frage eine Antwort weiß, versinken alle in der Erkenntnis, daß sie wenigstens wissen, daß sie nichts wissen. Nur Wissen allein, daß man nichts weiß, ist keine Entschuldigung bei Gott für Gemachtes oder Unterlassenes, solange man sich nicht anstrengt Unwissenheit zu beheben. Einsicht ist eine grundlegende Erkenntnis, wenn ihr entsprechendes Handeln folgt. In unserem Fall bedeutet dies, daß wir ALLAH, unseren Schöpfer und Erhalter, nach dem Zweck unserer Erschaffung befragen. Eine essentielle Frage, die unser Bewußtsein, unsere Lebensziele und Erwartungen stärkstens beeinflußt. Eine Frage, deren Antwort üperhaupt erst den Sinn des irdischen Lebens zu verstehen gibt. „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur darum erschaffen, damit sie mir dienen." (51:56) Auf diese Weise verkündet ALLAH, der Allverzeihende, daß unsere dringliche und ehrenvolle Aufgabe darin besteht, ein Leben in Anbetung und in Unterwerfung zu führen. Das arabische Wort hierfür lautet „ ‘Ibada" und leitet sich von der gleichen Wurzel ab, wie das Wort „ ‘Abd", was Diener oder Knecht bedeutet. Daher bedeutet ‘Ibada: Die Pflichten eines Dieners zu erfüllen. Treue, Gehorsam, Achtung und Verehrung machen das Wesen von ‘Ibada aus. Was vom Menschen abverlangt wird, ist die bedingungslose Ergebenheit in Gottes Allmacht. Dies ist auch der Kern der Lehre aller Propheten (Friede sei auf ihnen allen). Nur verstehen größtenteils viele Gläubige unter ‘Ibada das Verrichten einiger Rituale und Anbetungszeremonien wie zum Beispiel das Gebet, das Fasten, die Wallfahrt nach Mekka und vieles mehr. Sie sind der Überzeugung, daß sie mit der Verrichtung dieser Rituale ihren wahren Verpflichtungen nachgegangen seien und den Qur’an-Vers „Und ich habe die Dschinn und die Menschen nur darum erschaffen, damit sie mir dienen." gänzlich verstanden und befolgt haben. Der islamische Gelehrte Maududi (1903-1979) äußert sich zu diesem Thema folgendermaßen: „ Die Form von ‘Ibada aber, für die Gott euch erschaffen, und die auszuführen Er euch befohlen hat, ist völlig anders: Ihr sollt dem Gesetz Gottes in all euren Lebenslagen folgen und alle Gesetze ablehnen, die ihm widersprechen. Jede eurer Handlungen muß mit der Rechtleitung Gottes im Einklang stehen. Nur dann wird euer Leben ein Leben der Anbetung und des Gottesdienstes sein. Führt ihr ein solches Leben, so wird alles zur ‘Ibada: Ob ihr schlaft oder wach seid, eßt oder trinkt, arbeitet oder euch ausruht, schweigt oder sprecht - alles wird zur ‘Ibada. All diese Handlungen, die man gewöhnlich als weltlich betrachtet, werden religiös, vorausgesetzt, ihr beachtet dabei die Grenzen, die euch Gott gesetzt hat. Mit allem, was ihr tut und mit jeder Minute, die ihr in Erfüllung Seines Willens und mit der Suche nach Seinem Wohlgefallen verbringt, betet ihr ihn an: wenn ihr einen Stein oder ein anderes Hindernis von den Straße räumt, weil sie einen anderen Menschen verletzen könnten; wenn ihr einen Kranken versorgt, einen Blinden führt oder einen Menschen in Not helft; wenn ihr euch vor Lüge, übler Nachrede, Verleumdung und sarkastischen Bemerkungen hütet; wenn ihr euch davor in acht nehmt, andere zu verletzen; wenn ihr im Gespräch immer aufrichtig und gerecht seid. Wahre ‘Ibada ist daher, dem Gesetz Gottes zu folgen und das eigene Leben von der Kindheit bis zum Tod in Übereinstimmung mit Seinen Geboten zu führen. Für ‘Ibadagibt es keine bestimmte Zeit, sie muß ohne Unterlaß verrichtet werden. Ebensowenig gibt es eine bestimmte Form; in allem, was ihr sagt und tut, müßt ihr Gott verehren... Wenn ihr Gott wirklich verehrt und anbetet, Ihn liebt und fürchtet, werden alle eure Taten durch diese Gefühle motiviert und zu Gottesdiensten werden." Um diese Gefühle zu erreichen sind wir Menschen auf göttliche Anweisungen und Anleitungen angewiesen. Das islamische Gebet und alle anderen Formen des Gottesdienstes, die ALLAH uns verpflichtend vorgeschrieben hat, dienen uns als Anleitung, um uns auf die eigentliche ‘Ibada vorzubereiten. Sie stellen den roten Faden dar, den es zu verfolgen gilt. „Werkzeuge, mit denen unser Leben mit Gottesdienst angefüllt werden soll.", so Maududi. Beispielsweise erinnert das Gebet fünfmal täglich daran, daß wir Diener ALLAHs sind, und nur Ihm allein dienen. ImRamadhan haben wir einen ganzen Monat (Tag und Nacht) die Gelegenheit, durch das Fasten, dieser Tatsache von neuem bewußt zu werden und dieses Gefühl aufzufrischen. Kurz: Jede Handlung des rituellen Gottesdienstes bereitet uns auf ein ganz der Anbetung gewidmetes Leben vor. So ALLAH will, werden wir uns in der nächsten KAABA-Ausgabe explizit mit dem Gebet als ein solches Werkzeug bzw. Mittel beschäftigen.

Quellen:

Qur´an

Hadithe

S. A. Maududi, Als Muslim leben

P.B.U.Y.

1