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Im Ramadan, da fasten die Einen

und es hungern die Anderen

 

Kaum ein anderes „ islamisches" Ritual stößt bei Andersgläubigen auf Skepsis und Bewunderung zugleich, wie das alljährliche Fasten im heiligen Monat Ramadan.

Skepsis deshalb, weil viele Andersgläubige den tieferen Sinn des Fastens nicht begreifen können oder wollen. Zitat eines ehemaligen Mitschülers: „Was hat Gott davon, wenn ihr „hungert" ?" Wiederum andere aber respektieren diese Art des Gottesdienstes so weit, daß daraus nahezu eine „Solidarität" mit dem Fastenden erwächst. Als Beispiel kann ich auch hier wieder das Verhalten einiger rücksichtsvoller Mitschüler anbringen, die während der Pausen es unterließen, in unserer Gegenwart zu essen und zu trinken.

Wie kommt aber diese „Sympathie", der „Respekt", die „Solidarität" auf der einen Seite, aber zugleich die „Skepsis", die „Abneigung" und die „Ablehnung" auf der anderen Seite zustande?

Um diese merkwürdige Beobachtung verstehen zu können, sollten wir folgendem Qur’anvers Beachtung schenken :O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, wie es den Früheren vorgeschrieben ward....(2:183)

Allah, der Erhabene, offenbart dem Menschen im Qur’an, daß das Fasten nicht nur den Muslimen, sondern vielmehr allen Menschen auferlegt wurde. Wie das Gebet, ist auch das Fasten immer Bestandteil der göttlichen Offenbarung an alle Propheten gewesen. Ihre Anhänger fasteten ebenso wie die Muslime. Allerdings haben sich im Laufe der Zeit gewisse Regeln des Fastens geändert, beispielsweise die Anzahl der Fastentage, der Fastenzeitraum und vieles mehr. Das Fasten ist mancherorts so stark verändert worden, daß man sich nur bestimmter Speisen enthält; seien dies Fleischgerichte oder Süßigkeiten. Im Hinblick auf ein derartiges Vorgehen muß meines Erachtens jeder zugeben, das Fasten sich nicht nur auf das Verbieten spezieller Nahrungsmittel beschränken darf, soll, kann, muß, sondern im wahren Sinne ein Verbot der Einnahme von allem Eß- und Trinkbaren bedeutet. Genau dieser Tatsache sind sich viele nichtmuslimische Mitschüler bewußt und „bestaunen" deshalb die Willensstärke der Muslime, die sich sehr streng an das Eß- und Trinkverbot halten.

Wieso aber stoßen wir auf Ablehnung?

Genau aus demselben Grund nämlich, daß die Fastenstradition so starken Veränderungen unterlag und immer noch unterliegt, daß Ziel und Absicht immer undurchschaubarer, unklarer und unbegreiflicher werden. Recht ver- bzw. entfremdend der Gedanke, die Diät (Peinlich... peinlich.... darf bloß keiner erfahren) unter dem Decknamen: „FASTEN" zu vertuschen. Frei nach der Devise „wenn schon hungern, dann wenigstens für Gott " lebt so manch einer von uns in der Hoffnung die Sünden genauso schnell zu verlieren wie die Pfunde.

Diese und viele solcher verzerrenden Ansichten haben zur Folge, daß starke Ungewißheit bezüglich der wahren Absicht im Endeffekt zum völligen Unterlassen des Fastens beitragen.

Mit meinen bisherigen Ausführungen wollte ich unsere Aufmerksamkeit auf einen ganz bestimmten Punkt lenken, der durch folgenden Qur’anvers in den Vordergrund gerückt werden soll: ...und wer aus freien Stücken Gutes tut , dem soll Gutes werden; und daß ihr fastet, ist euch gut, wenn ihr es begreift. (2:184)

Allah, der Allweise, spricht die Vernunft des Menschen an und verlangt vom Gläubigen keinen „blinden Gehorsam", sondern erwartet von ihm zuerst zu begreifen und dann zu handeln.

An diesem Punkt angelangt muß ich zugeben, daß bei Weitem nicht alle Muslime den tiefen Sinn des Fastens ausreichend erforscht und erkannt haben. Bei vielen beschränkt sich das Fasten nur auf das „Körperliche" , die notwendige psychische Enthaltsamkeit bleibt leider nur eine Wunschvorstellung, eine Utopie. Viele werden sich nun fragen, was der Sinn des Fastens sei, und worauf man beim Fasten unbedingt achten soll.

Vielleicht wäre es sinnvoll, vorher einige grundlegende Informationen abzugeben : Das Fasten beginnt im heiligen Monat Ramadan, heilig deshalb, weil in ihm der Qur’an herabgesandt wurde. Während des Ramadan muß man sich von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang vom Essen, Trinken und dem Geschlechtsverkehr fernhalten. Vom Fasten befreit sind Kinder, ältere und gebrechliche Menschen, Reisende, Kranke, menstruierende und schwangere Frauen. Speziell Reisende und Kranke sollten die versäumten Tage nachholen oder eine bestimmte Anzahl von Tagen Arme und Bedürftige speisen.

„Kein Essen, kein Trinken und kein Geschlechtsverkehr, das hab’ ich zwar verstanden, aber trotzdem scheint mir das sinnlos zu sein." werden viele noch behaupten, aber diese Bestandteile des Fastens sind das Mittel für den eigentlichen Zweck, die Persönlichkeit des Menschen so zu entwickeln, daß das gesamte Leben in ein Leben voller Anbetung Gottes überführt wird. „O ihr, die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch das Fasten, wie es den Früheren vorgeschrieben ward; vielleicht werdet ihr gottesfürchtig." (2:183)

 

Wie kann uns das Fasten auf ein solches Leben vorbereiten?

Sayyid A. Maududi, einer der bemerkenswertesten islamischen Denker unserer Zeit beschreibt dies wie folgt: „Das Fasten ist eine Form des Gottesdienstes, die rein auf der persönlichen Ebene abläuft. Nur der Allwissende weiß, daß Sein Diener fastet. Aber wenn man heimlich ißt und trinkt, dann weiß dies nur Allah. Dieser persönliche Bestandteil des Fastens setzt einen starken Glauben an Allah, den Allmächtigen, voraus. Nur wenn der Glaube wahrhaftig und stark genug ist, denkt man nicht daran, insgeheim zu essen und zu trinken. Hat jemand nur den geringsten Zweifel daran, am Jüngsten Tag dem Schöpfer zu begegnen, würde er dieses Fasten nicht durchhalten. Auf diese Weise prüft Allah den Glauben eines jeden Muslims. Besteht der Muslim diese Prüfung erfolgreich, dann wird sein Glaube tiefer und stärker."

Nun werden viele Fastende gestehen: „Ich faste und bete, aber die versprochenen Ergebnisse sehe ich nicht." Es ist die falsche Betrachtungsweise des Begriffs „Gottesdienst", wenn man glaubt, bloße Enthaltsamkeit von Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr wäre ausreichend um Gottesfurcht zu simulieren, besser: vorzutäuschen. Der größte Fehler besteht darin, das Fasten in seiner äußeren Erscheinung als die wirkliche Form des Gottesdienstes zu begreifen. Eine viel wichtigere Komponente, nämlich mit den Sinnen, der Psyche Enthaltsamkeit zu üben wird vernachlässigt oder gar vergessen.

Wie sonst wohl läßt sich die Tatsache erklären, daß ein Mensch gerade in dieser Form der Anbetung trotzdem dazu in der Lage ist, seinen Nächsten zu kränken, zu belügen und zu betrügen.

Der Prophet Muhammed (Allahs Segen und Friede seien mit ihm) kommentiert dieses Verhalten folgendermaßen: „Wer nicht die Falschheit in Wort und Tat aufgibt, von dem braucht Allah auch nicht, daß er sich des Essens und Trinkens enthält."

Abschließend möchte ich folgendes zusammenfassen:

Das Fasten ist eine göttliche Anleitung und Anweisung, im Menschen Gottesfurcht und-liebe, Willens- und Charakterstärke zu festigen. Natürlich kann niemand die Garantie dafür geben, daß der Fastende diese hohen Ziele erreicht, solange dieser nicht den wahren Sinn des Fastens erkennen und dieses Bewußtsein in Herz, Verstand und Denkweise übertragen will.

Ja! So ist es eben im Ramadan. Da fasten die Einen, und es hungern die Anderen.

 

Quelle:

Maududi, Als Muslim leben, Cordoba Verlag

P.B.U.Y.

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