Die
Geschichte des Ochsen
Vor
langer, langer Zeit lebte einmal ein riesengroßer Ochse. In seinem Kopf, in
seinen Nieren und in seinem Hinterteil lebten drei reiche Männer. Der reiche
Mann im Kopf des Ochsen hatte ein Winter- und ein Frühjahrsquartier. Der reiche
Mann, der in der Niere lebte, hatte ein Winter-, ein Frühjahrs- und auch noch
ein Sommerquartier. Der Reiche im Kopf sagte zu dem in der Mitte: "Dieser
Ochse hat in den letzten Tagen überhaupt kein Gras gefressen."
Der
reiche Mann in der Mitte übermittelte die Botschaft dem Mann im Hinterteil des
Ochsen: "Ach, sein leerer, hohler Bauch fällt schon ein."
"Oh,
ich hier schon seit vielen Jahren und doch hat dieser Ochse noch nicht einmal
geschissen (1). Was ist
der Grund dafür?" fragte der Reiche im Hinterteil. Er pflegte den Mist des
Ochsen einzusammeln und zu verheizen (2).
Schließlich starb der Ochse und ein Fuchs fraß sich drei Jahre lang satt, bis
von dem Kadaver nichts mehr übrig war.
Danach
lag nur noch das Schulterblatt des Ochsen in der Steppe. Auf diesem Knochen
lagerten siebzig Krieger und schlugen auf dem Schulterblatt ihre siebzig Zelte
auf. Nachdem die Krieger wieder abgezogen waren, kam ein Vogel heran geflogen,
nahm das Schulterblatt in den Schnabel und flog mit ihm davon.
An
einem anderen Ort fand ein alter Mann im Bart eines fetten, weißen Ziegenbocks
Schutz vor dem Regen, als der Vogel sich auf die Hörner des Ziegenbocks setzte.
Aber als er das Schulterblatt des Ochsen fressen wollte, fiel es ihm herunter
und geriet dem alten Mann ins Auge. Und weil es dem Alten so weh tat, machten
sich seine Nachbarn daran, das Schulterblatt mit Schaufeln und Spitzhacken
heraus zu holen, aber es funktionierte nicht. Also lief der alte Mann nach
Hause, und seine Frau leckte den Knochen des Ochsen mit ihrer Zunge aus dem Auge
ihres Mannes.
Wer
von ihnen war nun der Größte?
Nur
ein Dummkopf würde glauben, daß das Schulterblatt am größten war. Nur ein
Trottel würde denken, daß der Vogel am größten war. Wer meint, daß der Alte
der Größte war, der hat lange nachgedacht. Wer behauptet, daß die alte Frau
die Größte war, hat nur kurz nachgedacht. Ein kluger Mensch würde sagen, daß
der Ziegenbock am größten war. Und ein einfallsreicher Mensch würde denken,
daß die siebzig Krieger am größten waren.
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(1)
(2)
In den weiten Steppen der Mongolei ist Holz Mangelware und viel zu
kostbar, um verheizt zu werden. Also wird der getrocknete Mist des Viehs
eingesammelt und verfeuert. (zurück zum Text)