Der dumme Wolf

Man erzählt sich, daß ein Wolf in längst vergangenen Zeiten einmal einen Weg entlang ging. Mitten auf dem Weg lag eine Blutwurst, und als der Wolf sie sah, wollte er sie fressen. Da bat die Blutwurst: "Herr Wolf, freßt mich nicht! Ein Stückchen weiter steckt eine dreijährige Stute im Schlamm fest. Warum geht Ihr nicht dorthin und freßt sie?"

Der Wolf folgte dem Rat der Blutwurst und tatsächlich lag an der entsprechenden Stelle eine dicke Stute im Schlamm. Als er sie sah, wollte er sie gleich fressen, aber die Stute sagte: "Herr Wolf, wenn Sie mich fressen wollt, dann ziehen Sie mich erst aus dem Schlamm und freßt mich dann." So machte es der Wolf. 

Er zog die Stute aus dem Schlamm und wollte sie gerade fressen, als die Stute 

Wolf von Maekawa

sagte: "Anstatt mich jetzt so Schlamm verschmiert zu fressen, sollten Sie mich erst sauber lecken und dann fressen." Wieder tat der Wolf, was sie sagte, und leckte sie sauber.  

 

Als er sie gerade fressen wollte, sagte sie: "Am Huf meines Hinterbeines steht etwas geschrieben. Wollen Sie es nicht lesen, bevor Sie mich fressen?" Als der Wolf zu ihrem Hinterbein ging, um zu lesen, was dort geschrieben stand, schlug die Stute aus. Sie traf ihm in Nacken und galoppierte davon. Der Wolf stürzte ohnmächtig zu Boden.

Als er wieder zu sich kam und sich umsah, war die Stute schon weit davon galoppiert. Also stand er auf und lief schnuppernd zwischen Büschen und Hügeln umher. Er hatte Glück und fand ein einjähriges Kälbchen auf einem der Hügel. Der Wolf ging zu dem Kalb und wollte es fressen, als es sagte: "Wenn Sie mich auf dem Hügel fressen, dann werden Sie die Menschen sehen. Bringen Sie mich in eine kleine Schlucht und fressen Sie mich dort!.

"Herr Wolf, Sie scheinen müde und erschöpft zu sein. Setzen Sie sich auf mich!" sagte das Kalb. Der Wolf, so sagt man, setzte sich auf das Kälbchen. "Wenn wir in die Schlucht absteigen, schließen Sie besser die Augen, damit Ihnen nicht schwindelig wird," schlug das Kalb vor. Der Wolf schloß also seine Augen. Das Kalb aber trug den Wolf kurzerhand bis vor den Ail (1) einer Aratenfamilie. Lärmend und rufend jagten die Menschen den Wolf unter Prügel davon.

Als der Wolf wegrannte, dachte er bei sich:

"Was mache ich in den fernen Bergen?

Was mache ich in der Nähe der Menschen?

Ich war ein Dummkopf, daß ich die Straße entlang gegangen bin.

Und ein Holzkopf, daß ich auf die Blutwurst reingefallen bin.

Bin ich der Besitzer, daß ich das Pferd aus dem Schlamm zog?

Bin ich die Mutter, daß ich die Stute sauber leckte?

Wann habe ich lesen und schreiben gelernt?

Und habe ich nicht selber Beine, um zu laufen?

Ich bin dumm und nun sterbe ich..."

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(1) Ein Ail ist eine Ansammlung einer Jurten, sozusagen eine mobile Kleinstsiedlung. (zurück zum Text)

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