Der Khulan, die Krähe und der Wolf

Vor langer Zeit waren ein Khulan (1), eine Krähe und ein Wolf gute Freunde und lebten gemeinsam. Eines Tages zogen sie zusammen an einen anderen Ort. Die Krähe sah sich um und sagte: "Nicht weit von hier ist ein Ort, an dem es für uns alle reichlich Nahrung gibt. Dort lebt aber ein starker Jäger, der Pfeil und Bogen und Fallen hat. Seine Fallen sind eine Gefahr für uns."

Daraufhin dachte sich der Wolf: "Falls der Khulan nun aber dem Jäger in die Falle gehen würde, dann könnte ich mich einmal so richtig satt fressen." Also sagte er laut: "Laßt uns schnell zu diesem schönen Ort gehen und dort leben. Oder habt ihr etwa Angst vor diesem Jäger?"

Die drei Freunde zogen also an jenen Ort und lebten dort recht gut, bis der Khulan eines Tages in eine Falle ging. Sobald der Wolf davon erfuhr, beeilte er sich, noch vor der Krähe bei dem Khulan zu sein und sagte dann zu diesem: "Wie bist du nur in diese Falle geraten?"

"Ich weiß es nicht genau," erwiderte der Khulan, "Ich bin einfach so gelaufen, als ich plötzlich in die Falle ging. Wie komme ich nun wieder frei?"

Der Wolf antwortete: "Spring nur immer auf und ab! So kannst du dich bestimmt befreien." Und damit ließ er den Khulan allein. Er dachte sich, daß er den Khulan ganz sicher fressen würde, aber besser noch etwas warten sollte. Daher legte er sich in der Nähe auf die Lauer.

Aber da kam die Krähe angeflogen, und sobald sie den gefangenen Khulan sah, rief sie: "Khulan, warum springst du immer auf und ab?"

"Warum ich das mache?" fragte der Khulan, "Ich bin diesem Jäger in die Falle gegangen, und der Wolf kam und sagte: 'Spring nur immer auf und ab. So kommst du rasch frei.' Deswegen springe ich so. Aber jetzt tun mir meine Beine schrecklich weh, und ich bin erschöpft."

Die Krähe gab ihm folgenden Rat: "Du darfst nicht so herum springen. Denn sonst wirst du dir noch die Beine brechen, und dann ist die Gefahr groß, daß du bald stirbst. Du solltest ganz stillhalten und dich tot stellen! Wenn dann der Jäger glaubt, daß du tot bist, dann wird er dich aus seiner Falle befreien. In diesem Moment mußt du dann aufspringen und davonlaufen." Der Khulan tat, was die Krähe ihm riet. Die Krähe flog davon, kreiste über der Jurte des Jägers und krächzte laut, um ihn zu alarmieren. Der erfahrene Jäger dachte bei sich: "Da ist mir bestimmt ein Tier in die Falle gegangen." Und so griff er Pfeil und Bogen und lief zu seiner Falle.

Währenddessen sagte sich der Wolf: "Diese lästige Krähe ist gekommen und hat dem Khulan die Augen geöffnet." Er stand auf, um zurück zu dem immer noch gefangenen Khulan zu gehen. Als er sich umsah, bemerkte er den näherkommenden Jäger. "Jetzt ist es gleich soweit, daß ich mir den Bauch vollschlagen kann," dachte der Wolf und kauerte sich wieder hin.

Als der Jäger sah, daß ein Khulan in seiner Falle saß, freute er sich und hielt ihn für tot. Also holte er ihn aus der Falle und setzte sich dann hin, um in Ruhe seine Pfeife zu rauchen. Da sprang der Khulan auf und lief davon, so schnell er konnte. Der Jäger schoß ihm einige Pfeile hinterher. Weil der Khulan nun aber in die Richtung des Busches gerannt war, hinter dem der Wolf sich versteckt hatte, trafen die Pfeile gerechterweise nicht den Khulan sondern den Wolf und töteten ihn.

**********

(1) Der Khulan ist der mongolische Wildesel. (zurück zum Text)

Hosted by www.Geocities.ws

1