Die mongolischen Schriften

Ein Wort zuvor: An dieser Stelle geht es mir mehr um die Gründe und Zusammenhänge für Einführung bzw. Abschaffung der einzelnen Schriften als um deren detaillierte Besprechung. Hier findest du also einen allgemeinen Überblick über die mongolischen Schriften und eine knappe Darstellung der aktuellen Diskussion der Mongolen um ihre Schrift.

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In den letzten knapp 1000 Jahren haben die Mongolen sich sechs verschiedener Schriften bedient, von denen - außer der aktuellen kyrllischen Staatsschrift - nur die erste Schrift noch verwendet wird. Alle anderen Schriften sind in Vergessenheit geraten. Nur noch Wissenschaftler interessieren sich für sie, da man an ihnen den Stand der mongolischen Sprache zum Zeitpunkt ihrer Entwicklung nachvollziehen kann. Wirklich benutzt werden sie nicht mehr.

Die Einführung ebenso wie die Abschaffung der einzelnen Schriften spiegeln die Geschehnisse der Zeit und vor allem die sich veränderten Ansprüche der Mongolen an ihre Schrift.

Die erste mongolische Schrift, die klassische mongolische Schrift, wurde um 1200 von den Uiguren übernommen, als sich die mongolischen Stämme formierten, und wurde aktiv eingeführt, als Čingis chaan die Stämme größtenteils geeinigt hatte und sich langsam mit dem Aufbau des Mongolischen Großreiches befaßte. Die Mongolen standen also an dem Übergangspunkt zwischen nomadischem Steppenvolk und internationaler Großmacht. Um ein solches Reich aufbauen und erhalten zu können, wird eine Schrift benötigt. Und so führte Čingis chaan als vorausschauender Herrscher die modifizierte und mongolisierte uigurische Schrift, um so etwa die Befehlsübermittlung, die bis dahin mündlich oder mit Hilfe spezieller Pfeile geschehen war, effektiver und zuverlässiger zu machen.

Die zweite mongolische Schrift, die Quadratschrift, dagegen wurde Ende des 13. Jahrhunderts eingeführt, als sich das Mongolische  Großreich etabliert hatte und praktisch auf dem Zenit seiner Macht war. In dieser Zeit mußte die Schrift mehr als nur 'Botendienste' erfüllen können. Sie mußte es dem Großkhaan in Peking ermöglichen, sich mit allen Völkern, die in seinem Reich leben, problemlos zu verständigen. Die Quadratschrift erfüllte also dieselbe Funktion wie etwa Lateinisch im europäischen Mittelalter. Mit dem Zerfall des Yüan-Reiches, dem mongolischen Reich in China, ging auch die Schrift desselben unter, denn nach ihrer Vertreibung aus China im Jahr 1368 und dem Zerfall des Großreiches, brauchten die Mongolen keine internationale Schrift mehr, so daß die Nachteile der Quadratschrift um so schwerer wogen. Denn so sehr sich die Quadratschrift für die Wiedergabe fremder Sprachen eignete, so schlecht eignete sie sich zur Wiedergabe der verschiedenen mongolischen Dialekte.

Als Altan khan im 16. Jahrhundert die zweite Welle der Verbreitung des Lamaismus, dem Buddhismus tibetischer Prägung, in der Mongolei auslöste, änderte sich einmal mehr die Anforderung an eine Schrift. Im 17. Jahrhundert ging es nicht mehr um die Verständigung mit anderssprachigen Untergebenen, sondern darum, daß die Schrift möglichst gut zur Übersetzung religiöser Texte aus dem Tibetischen und Indischen geeignet sein mußte. Sowohl die Klare als auch die Sojombo Schrift, die beiden Schriften dieser Zeit, erfüllten diese Voraussetzungen perfekt, indem sie Transkriptionssysteme speziell für diese Sprachen lieferten. Allerdings wurde die Verbreitung dieser beiden Schriften bei allen Mongolen durch die komplizierte Lage in dieser Zeit, vor allem die Zerstrittenheit zwischen den West- und den Ostmongolen, verhindert. Der Großteil der Mongolen bediente sich also weiterhin der klassischen mongolischen Schrift.

Im 21. Jahrhundert betrat neben den Chinesen bzw. den Mandschuren, die ja das mongolische Leben schon seit 200 Jahren bestimmten, eine weitere Großmacht endgültig die Bühne – das zaristische Rußland bzw. später die Sowjetunion. Die beiden Schriften, die die Mongolen in diesem Jahrhundert einführten, waren auf diesen neuen Bezugspunkt ausgerichtet. Die 1905 entwickelte Vagindra Schrift lieferte die Möglichkeit, russische Schriften leichter und besser zu übersetzen, so daß die Sprachbarriere nicht noch verstärkt wurde. Und vor allem die Satzzeichen wie Punkt und Komma – vorher in mongolischen Schriften gänzlich unbekannt – spiegeln, wie stark sich die Mongolen insgesamt an den Russen orientierten.

Einen politischen Höhepunkt erreichte diese Orientierung mit der Einführung des Sozialismus und der Gründung der mongolischen Volksrepublik 1924. Auf schriftlicher Ebene folgte das Pendant 1941 mit der Einführung der kyrillischen Schrift, die bis heute die offizielle Schrift der Mongolei ist.

1990 haben sich die Mongolen vom Sozialismus losgesagt und folgen nun dem Vorbild der westlichen Länder, indem sie den Kapitalismus eingeführt haben. Auch diese Entwicklung wird interessanterweise in einer neuen Diskussion über die offizielle mongolische Schrift reflektiert. Es werden immer wieder Stimmen laut, die kyrillische Schrift als Staatsschrift abzuschaffen und doch das lateinische Alphabet einzuführen. Die Argumente lauten vor allem, daß die üblichen Computerprogramme in lateinischer Schrift geschrieben sind und daß so die Verständigung mit den westlichen Nationen einfacher wäre. Allerdings kann man Computer auch ohne Mühe auf die kyrillische Schrift umprogrammieren, und da man sich im Gespräch mit den westlichen Staaten eh deren Sprachen bedient, spielt es wohl keine Rolle, in welcher Schrift das Mongolische geschrieben wird. Vielmehr kommt hier wohl der Wunsch nach noch stärkerem Anschluß an den Westen zum Ausdruck.

Demgegenüber gibt es aber auch eine Rückbesinnung auf die mongolische Identität, deren Hauptrepräsentant nach wie vor Čingis chaan ist. Auch diese Strömung spiegelt sich in der Diskussion um die Schriftsprache. Man fordert, die klassische mongolische Schrift wieder als offizielle Staatsschrift einzuführen. Diese Schrift ist aber von dem heute gesprochenen Mongolisch so weit entfernt, daß sie nur praktikabel wäre, wenn man sie dem aktuellen Sprachstand anpassen würde. Dagegen aber wehren sich wiederum andere Mongolen heftig, die die klassische Schrift als Kulturerbe sehen und sie nicht angetastet wissen wollen.

Insgesamt wäre die Einführung einer neuen Schrift im Moment sicherlich eh nur schwer praktikabel. Die Lage der mongolischen Schulen ist angesichts der schlechten finanziellen Verhältnisse und der riesigen Weiten der Mongolei schon sehr schwierig. Die Einführung einer neuen Schrift zu diesem Zeitpunkt würde höchstwahrscheinlich eine ungeheure Zahl von Analphabeten bedeuten. Insofern ist das tatsächliche Vorgehen der Mongolen sicherlich vernünftig: Die Kinder lernen in den Schulen die klassische Schrift neben der kyrillischen. So erhält die nun heranwachsende Generation vielleicht auch eine Art mongolisches Gegengewicht zu dem ansonsten – durch Fernsehen und Produkte – auf sie eindrängenden Westen.

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