Die Legende von Khökhöö
Namdschil
Vor langer Zeit lebte an der östlichen
Grenze der Mongolei ein guter Mann namens Khökhöö Namdschil. Weil er eine
wirklich einzigartige, wunderschöne Stimme hatte, war er in seiner Heimat sehr
berühmt. Aber dann mußte Khökhöö Namdschil seinen Militärdienst leisten
und ging an die westliche Grenze der Mongolei. Sein Vorgesetzter bemerkte sofort
seine schöne Stimme und anstatt Khökhöö Namdschil normalen Dienst leisten zu
lassen, ließ er ihn die drei Jahre bis zum Ende seiner Militärzeit Lieder
vortragen.
Doch eines Tages bat Khökhöö
Namdschil die Verwaltungsbeamten: "Ich war noch kein einziges Mal draußen
bei dem Vieh und bin geritten. Und obwohl es mir hier eigentlich sehr gut geht,
so fehlt mir doch etwas. Erlauben Sie mir doch für einige Tage die Pferde zu versorgen."
"Der Zeitpunkt deiner
Entlassung ist eh schon nah, und du hast uns mit deiner Stimme erfreut. Dieses
eine Mal magst du also, wie du es wünscht, für fünf Tage mit einer
Pferdeherde reiten," erwiderten sie. So trieb Khökhöö Namdschil seine
Herde und kam schließlich an das Ufer eines Sees, wo er seine Pferde tränkte.
Als er dort am Ufer stand, erschien ein Mädchen in einem grünen Seidendeel
(1),
das auf einem schönen, schwarzen Pferd ritt.
"Meine Eltern schicken
mich, um Sie zu ihnen zu führen," sagte sie.
Khökhöö Namdschil
fragte: "Wie soll ich denn zu ihnen gelangen?"
"Sitzen Sie hinter mir auf
und schließen Sie Ihre Augen!" sagte das Mädchen und Khökhöö Namdschil
tat, was sie ihm gesagt hatte. Kaum hatte er seine Augen geschlossen, da waren
sie auch schon vor der Jurte des Mädchens angekommen. Die Familie war sehr
wohlhabend, und das schöne Mädchen war die einzige Tochter. Ihre Eltern empfingen Khökhöö Namdschil sehr zuvorkommend und baten ihn, ihnen etwas
vorzusingen.
Da erwiderte Khökhöö
Namdschil: "Weil ich nur für fünf Tage die Pferde hüte, kann ich es mir
nicht bequem machen und werde kaum sehr viele Lieder singen können."
"Mach dir darüber keine
Gedanken. Wir werden jemanden dazu bestimmen, deine Pferde zu hüten. In der
Zwischenzeit sollst du es dir bei uns gemütlich machen und uns viele, schöne
Lieder vortragen," sagte der Hausherr. Khökhöö Namdschil blieb also
einige Zeit bei der Familie und verliebte sich in ihre wunderschöne Tochter.
Sie sprachen darüber, daß sie
heiraten wollten, und Khökhöö Namdschil sagte: "Obwohl ich jetzt nur fünf
Tage bleiben konnte, wird mein Militärdienst doch in einem Monat vorbeisein.
Dann will ich kommen und dich besuchen."
"Wenn du kommst, werde ich
dir auf meinem schwarzen Pferd entgegen reiten," erwiderte das Mädchen.
Aber Khökhöö Namdschil bat
sie inständig: "Die Zeit meiner Entlassung ist bereits da. Bitte lassen
Sie mich gehen!" Und kaum war er aus dem Militärdienst entlassen worden,
da ritt Khökhöö Namdschil, wie besprochen, zu dem Ufer des Sees. Kaum hatte
er sich dort hingesetzt und angefangen zu singen, da kam das Mädchen auf ihrem
schwarzen Pferd angeritten und sie ritten zusammen zur Jurte der Eltern.
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Aber obwohl Khökhöö Namdschil ein sehr schönes Leben führte, so lebten doch seine Eltern und seine geliebte Frau in der Heimat, und er mußte hinreiten, um sie zu sehen. Das Mädchen sprach also zu Khökhöö Namdschil: "Ich werde dir ein gutes Pferd geben, das dich abends hierher bringt und am Tag zurück zu deiner Arbeit in deine Heimat bringt. Aber in keinem Fall darf irgend jemand außer dir das Pferd reiten. Und wenn du von hier wieder fortreitest, halte bitte in einiger Entfernung von deiner Jurte an und laß das Pferd zu Atem kommen, bevor du nach Hause |
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| reitest." Und damit schenkte sie Khökhöö Namdschil ein schönes,
fuchsfarbenes Pferd, so erzählt man sich. |
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Als Khökhöö Namdschil mit
diesem Pferd nach Hause kam, interessierten sich die Menschen sehr dafür, und
sie wunderten sich, weil er niemanden auf ihm reiten ließ. Seine Frau wunderte
sich, daß er nie zu Hause übernachtete sondern, sobald es Nacht wurde, hinaus
zu den Pferden ging. Khökhöö Namdschil aber führte seine Pferde in eine Höhle
im Berg und flog auf seinem fuchsfarbenen Pferd in den Westen der Mongolei. Dort
übernachtete er in der Jurte seiner Frau, die einen grünen Seidendeel trug, und
früh morgens brachte ihn sein Pferd zurück in den Osten, um seine Pferde nach
Hause zu treiben, wobei er sorgfältig darauf achtete, seinen Fuchs immer
zuerst wieder zu Atem kommen zu lassen. So vergingen drei Jahre, und seine erste
Frau wußte immer noch nicht, was da vor sich ging.
Eines Morgens verspätete Khökhöö
Namdschil sich. In seiner Hast vergaß er, sein Pferd verschnaufen zu lassen,
und trieb die Herde direkt zurück zu seiner Jurte im Osten. Seine Ehefrau, die
mißtrauisch geworden war, kam aus der Jurte gerannt und sah das fuchsfarbene Pferd, bevor es seine Flügel zusammenlegen konnte. Sie
machte sofort kehrt, holte
eine Schere und schnitt dem Pferd die Luftröhre durch. So starb das schöne,
fuchsfarbene Pferd.
Khökhöö Namdschil trauerte
sehr um sein Pferd und drei Monate lang schlief er nicht und aß nichts. Schließlich
schnitzte er aus einem Stück Holz den Kopf seines Pferdes nach, baute eine
Geige mit einem Pferdekopf und ahmte auf ihr den Lauf seines Pferdes nach. So,
erzählt die Legende, ist die Pferdekopfgeige entstanden.
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(1) Der Deel ist das nationale Kleidungsstück der Mongolen. Es ist ein Mantel und erinnert im Schnitt an chinesische Mäntel. (zurück zum Text)