a) die Frage nach der Datierung und dem Verfasser der "Geheimen Geschichte"

 

Vermutlich wurde der Großteil der "Geheimen Geschichte" im Jahr 1228, d.h. ein Jahr nach Cingis Khaans Tod, verfaßt. Der letzte Teil, der die Regierungszeit seines Sohn Ögedei schildert, wurde wahrscheinlich erst nach 1258 hinzugefügt.

 

Die Frage nach dem Verfasser der "Geheimen Geschichte" ist noch unsicherer. Zur Auswahl stehen in erster Linie zwei Männer. Zum einen der Naiman (1) Tata Tungga. Er kam zwar erst 1204 zu Cingis Khaan, als er im Krieg gegen die Naiman gefangen genommen wurde, und hatte insofern keinen persönlichen Einblick in die Jugendzeit Cingis Khaans. Auf der anderen Seite machte Cingis Khaan ihn zum Lehrer seiner Söhne, und viele Wissenschaftler gehen davon aus, daß er den Mongolen die uigurische Schrift übermittelte.

Ihm gegenüber hatte Sigi Khutukhu den persönlichen Einblick in die Jugend des Khaans. Der "Geheimen Geschichte" zufolge fand man ihn ungefähr 1182 als Jungen im Lager der Tatar und brachte ihn mit zurück ins heimatliche Lager, wo ihn Cingis Khaans Mutter Hö'elün aufzog. Als Erwachsener wurde er 1206 von Cingis Khaan zum Tausendschaftsführer (2) und vor allem auch zum  Oberrichter und Verteiler der Beute, was deren Bestandsaufnahme mit einschloß, ernannt. Bekleidet mit diesen hohen Ämtern hatte er sicherlich Einblick in sämtliche Regierungsgeschäfte. Ein besonderer Hinweis auf seine mögliche Verfasserschaft liefert § 203 der "Geheimen Geschichte": Sigi Khutukhu sollte alle seine Entscheidungen in einem Register niederschreiben, wobei er mit blauer Tinte auf weißem Papier schreiben sollte. Man könnte vermuten, daß hierin schon eine Aufforderung zur Niederschrift einer Chronik mit ausgesprochen wurde.

Wirkliche Klarheit wird man wohl erst erlangen, wenn bzw. falls man eine Quelle findet, in der der Verfasser explizit genannt wird.

 

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(1) Die Naiman hatten ihr Weidegebiet zwischen Khangkhai- und Altai-Gebirge. Sie waren zu diesem Zeitpunkt das gebildeste Volk der zentralasiatischen Steppe und bedienten sich bereits der uigurischen Schrift. (zurück zum Text)

(2) Das mongolische Heer war nach dem Dezimalsystem in Zehner-, Hundert-, Tausend- und Zehntausendschaften organisiert. Der Tausendschaftsführer unterstand nur noch dem Großkhaan. (zurück zum Text)

 

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