Hatte der Khan einen Kopf?

Man erzählt sich, daß vor langer Zeit einmal ein Khan (1) lebte, der furchtbar jähzornig war. Er war so jähzornig, daß alle Menschen Angst hatten, ihn auch nur anzusehen. Eines Tages brach der Khan zu einer weiten Reise auf und mit ihm ritten seine Minister, sein Gefolge von Bediensteten und Führer. So ritten sie denn und ritten, als der Khan unter einem einzelnen, dicht belaubten Baum Rast machen wollte. Sein Gefolge breitete dem Khan eine Sitzmatte auf dem Boden aus und richtete ihm einen Sitzplatz her. Der Khan aber beanstandete den Sitzplatz: "Ich als Khan kann unmöglich wie ein Hund mit euch auf dem Boden sitzen. Richtet mir einen erhöhten Sitzplatz her!"

Die Bediensteten wurden ganz aufgeregt und fragten einander: Wie sollen wir bloß auf dem flachen Boden einen erhöhten Sitzplatz für unseren Khan errichten?" Als sie nicht mehr weiterwußten, sagten sie: "Laßt uns den einzelnen Baum herunter beugen und unseren Khan erhöht hinsetzen."

Aber kaum daß sie den Wipfel des Baums hinunter gezogen und den Khan erhöht gelagert hatten, da schnellte die Spitze des Baumes auch schon wieder zurück nach oben. Der Khan wurde mit empor gezogen und fiel dann unsanft zurück auf den Boden. Die Bediensteten liefen aufgeregt durcheinander und während sie den Khan wieder aufhalfen und hinsetzten, fiel ihnen auf, daß er keinen Kopf hatte. Nun gerieten die Bediensteten in Panik.

"Hat etwa eine Ast des Baumes den Kopf unseres Khan abgeschlagen?" fragten sie sich. So liefen sie los und suchten den Kopf. Und sie fanden tatsächlich einen Kopf, der nicht weit vom Baum entfernt dalag. Aber es gab keinen Menschen, der den Khan je direkt angesehen hatte. Daher konnten sie auch keinen Menschen finden, der sagen konnte, ob dieser Kopf nun auch der Kopf des Khan war. Oder ob der Khan je einen Kopf gehabt hatte.

"Nun, was machen wir denn jetzt?" fragten sie sich und besprachen dann, daß sie zu dem Herrn Berater des Khan gehen würden. Dieser würde ihnen bestimmt sagen können, ob der Khan überhaupt je einen Kopf gehabt hatte.

Sie gingen zu dem alten Herrn Berater und fragten ihn. Der Herr Berater aber schüttelte nur seinen grauhaarigen Kopf und meinte: "Das weiß der Himmel, meine Kinder. Ich weiß jedenfalls nicht, ob unser Khan einen Kopf hatte, oder ob unser Khan keinen Kopf hatte. Wann immer ich bei dem Khan war, kniete ich nieder und ich sah ihm nie ins Gesicht. Ich weiß aber sehr gut, daß er einen Hut trug, an dem er den Zierknoten und die Pfauenfeder (2) als besondere Auszeichnung des Khaans (3) trug. Aber wirklich, ob er eine Kopf hatte oder nicht, das weiß ich nicht, meine Kinder. Aber geht zur Khatan (4) und fragt sie."

Die Bediensteten gingen also zur Khatan und fragten sie. Die Khatan antwortete: "Ja, das weiß der Himmel, meine Diener. Ich habe nie den Mut gefunden, dem Khan in sein zorniges Gesicht und seine scharfen Augen zu sehen. Allerdings hat mich sein dünner, borstiger Bart gepeikt, wenn er mich geküßt hat. Aber ob er nun einen Kopf hatte oder nicht, das weiß ich wirklich nicht, meine Diener."

Und so konnten die Bediensteten nicht in Erfahrung bringen, ob ihr Khan nun einen Kopf gehabt hatte oder ob er keinen Kopf gehabt hatte.

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(1) Der Khan - mit einem "a" - entspricht in etwa einem Fürsten bzw. in der Zeit des mongolischen Großreiches einem König im gegensatz zum Khaan, dem Kaiser. (zurück zum Text)

(2) Der Zierknoten und die Pfauenfeder am Hut waren Rangabzeichen der Fürsten und in diesem Fall anscheinend der Ausdruck der besonderen Wertschätzung durch den Khaan. (zurück zum Text)

(3) Der mongolische Titel des Khaans entspricht dem deutschen König bzw. Kaiser. (zurück zum Text)

(4) Die Khatan ist die Frau des Khaans und entspricht somit der deutschen Königinmutter. (zurück zum Text)

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