Die Geschichte von dem Khaan und dem Badartschin
In früheren Zeiten lebte einmal ein Khaan (1). Dieser Khaan verkündete: "Ich werde demjenigen meinen Thron überlassen, der eine Lüge erzählt, die einen sitzenden Menschen zum Aufstehen bringt und einen schlafenden Menschen aufweckt."
Ein Schneider hörte dies und kam zu dem Khaan. "Verehrter Khaan, verehrter Khaan! Als in dem heftigen Regen vorgestern die Ränder des Himmels aufgeplatzt sind, habe ich sie mit den Sehnen einer Laus wieder zugenäht," log er. Selbstzufrieden dachte er sich: "Da habe ich sicherlich eine Lüge erzählt, die einen Sitzenden aufstehen lassen wird und einen Schlafenden aufwecken."
Aber der Khaan sagte: "Pah, du hast schlecht genäht. Gestern Morgen hat es ja schon wieder geregnet." Der Schneider ging schweigend hinaus.
Da trat ein Viehzüchter vor den Khaan und behauptete: "Verehrter Khaan, verehrter Khaan! Mein verstorbener Vater hatte eine Peitsche, mit der er die Sterne von Himmel herunterschlug."
"Das ist ja noch gar nichts! Mein verstorbener Vater, der vorherige Khaan, hatte eine Tabakspfeife. Wenn er sie anzündete, dann schnürte ihr Rauch alle Sterne am Himmel zusammen," erwiderte der Khaan. Daraufhin ging der Viehzüchter ratlos hinaus.
Jetzt kam ein Badartschin (2) hinein, der einen Eimer trug. Der Khaan fragte: "Badartschin, was willst du denn?"
"Erkennen Ihr mich denn nicht? Ihr habt Euch ja wohl einen Eimer voll Gold von mir geliehen. Ich komme, um mein Gold wiederabzuholen," entgegnete der Badartschin.
Der Khaan sprang auf und rief: "Wann willst du dir denn von mir Gold geliehen haben? Du lügst doch!" Das Gebrüll weckte die Khatan (3), die bis dahin geschlafen hatte. "Du lügst doch, wenn du sagst, daß du Schulden bei deinem Khaan eintreiben willst. Schlagt ihn, prügelt ihn!" brüllte der Khaan.
"Wenn ich also gelogen habe, verehrter Khaan, dann überlaßt mir Euren Thron!" sagte der Badartschin.
Der Khaan dachte kurz nach und sagte dann: "Einen Moment, warte mal! Du sagst ja die Wahrheit. Ich habe mir von dir Gold geliehen. Es ist mir gerade wieder eingefallen."
Der Badartschin forderte: "Nun, dann gebt mir mein Gold!"
So erzählte der Badartschin also eine Lüge, die einen sitzenden Menschen dazu brachte aufzustehen, und einen schlafenden Menschen dazu brachte aufzuwachen. Er kam zu einem Eimer voll Gold und erteilte dem leichtfertigen verehrten Khaan eine Lehre.
*********
(1) Der Titel des Khaans entspricht dem König. (zurück zum Text)
(2) Ein Badartschin ist ein lamaistischer Wandermönch. In den mongolischen Märchen ist er eine feste Figur als Helfer der einfachen Menschen. (zurück zum Text)
(3) Die Khatan ist die Frau des Khaans und entspricht somit der Königinmutter. (zurück zum Text)