Erwin Strittmatter, Der Ochsenkutscher:

 Ochsenkutscher

-	ein kurzer, sehr leicht veränderter Auszug     - 
Das Leben geht über die Erde. Ganz verschiedenartig geht es: mit krabbelnden Spinnenbeinen, mit den Springfüßen eines Flohs, mit zermalmenden Hufen. Es kann hopsen, huschen, schlängeln; je nachdem, auf wen es gefallen ist. Lopes Leben geht manchmal rückwärts wie ein Krebs, findet er.

Eines Abends hat er in aller Müdigkeit sein Buch auf der Ofenbank liegen lassen. Am Morgen findet er es zerrissen im Holzkorb am Ofen. Mit geweiteten Augen, Blässe im Gesicht, versucht er es wieder zusammenzustellen. Der hintere Deckel und einige Seiten fehlen. Mutter hat damit Feuer angemacht. Da ist wieder dieser bohrende Schmerz in der Brust.

Er könnte jetzt hingehen und etwas zerstören, was Mutter gehört. Er sucht und findet ihr Sonntagstuch, überlegt eine Weile und wirft es wieder weg. Dann geht er zum scheibenlosen  Küchenspind und  sucht die Kaffeetasse mit dem Goldrand. Sie steht von Mutters und Vaters Hochzeit her im Schrank. Es darf nie jemand daraus trinken. Lope wirft die Tasse auf die beaschten Steine vor dem Herd. Es klirrt wie von einer heiseren Schlittenglocke.

Die Mutter kommt vom Flur herein. Sie ist noch halb nackt. Ihr blaugestreiftes Hemd bläht sich. Ihr Gesicht ist blaurot. Ihre Augen sind starr auf die zerschlagene Tasse gerichtet. Ein Stückchen des vergoldeten Randes flimmert in der Morgensonne. Lope fühlt, wie sich die Blicke der Mutter in seine Augen bohren.

„Du kannst mich nicht hypnotisieren“, schreit er. Die Mutter greift wortlos nach dem Feuerhaken. Lope wirft ihr die losen Buchblätter vor die Füße und rennt davon. Er rennt in den Stall. Er stopft sich Heu in die Hosen und spannt gleich ein, ohne seine Schrotsuppe gegessen zu haben.

Um die Frühstückszeit kommt Trude und bringt zwei Stullen.

„Hast du Ferien?“ fragt Lope Trude.

„Mensch, mach dich nicht so groß“, höhnt Trude, „Kartoffelferien seit vorgestern.“

„Ach ja, ach ja“ – Lope weiß nicht mehr, wann Ferien sind. Er ist wohl doch schon erwachsen.

„Hat sie was gesagt wegen der Tasse?“

„Welche Tasse?“

„Ich habe sie zerschlagen ... mit dem Goldrand die.“

„Oh, hast du sie zerschlagen, die schöne Tasse? – Nein, sie hat nichts gesagt. – Ist sie dir aus der Hand gerutscht?“

„Ist schon gut, geh man!“

„Ich gehe zu Schneiders, die hacken heute Kartoffeln. Es gibt dort Kuchen.“

„Ja, geh man, geh! – Hat Mutter gesagt, dass du mir das Brot bringen sollst?“

„Ja, sie hat gesagt: ‚Der Bengel hat reinweg das Essen vergessen.’“

„Ja, na denn: hü!“

Auch am Abend sagt die Mutter nichts von der Tasse. Ihr Mund ist schmal wie ein neues Knopfloch. Lope gewahrt zum ersten Mal die vielen tiefen Falten um Mutters Mund.

 

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