Das
Leben geht über die Erde. Ganz verschiedenartig geht es: mit krabbelnden
Spinnenbeinen, mit den Springfüßen eines Flohs, mit zermalmenden Hufen. Es kann
hopsen, huschen, schlängeln; je nachdem, auf wen es gefallen ist. Lopes Leben
geht manchmal rückwärts wie ein Krebs, findet er.
Eines
Abends hat er in aller Müdigkeit sein Buch auf der Ofenbank liegen lassen. Am
Morgen findet er es zerrissen im Holzkorb am Ofen. Mit geweiteten Augen, Blässe
im Gesicht, versucht er es wieder zusammenzustellen. Der hintere Deckel und
einige Seiten fehlen. Mutter hat damit Feuer angemacht. Da ist wieder dieser
bohrende Schmerz in der Brust.
Er
könnte jetzt hingehen und etwas zerstören, was Mutter gehört. Er sucht und
findet ihr Sonntagstuch, überlegt eine Weile und wirft es wieder weg. Dann geht
er zum scheibenlosen Küchenspind
und sucht die Kaffeetasse mit dem
Goldrand. Sie steht von Mutters und Vaters Hochzeit her im Schrank. Es darf nie
jemand daraus trinken. Lope wirft die Tasse auf die beaschten Steine vor dem
Herd. Es klirrt wie von einer heiseren Schlittenglocke.
Die
Mutter kommt vom Flur herein. Sie ist noch halb nackt. Ihr blaugestreiftes Hemd
bläht sich. Ihr Gesicht ist blaurot. Ihre Augen sind starr auf die zerschlagene
Tasse gerichtet. Ein Stückchen des vergoldeten Randes flimmert in der
Morgensonne. Lope fühlt, wie sich die Blicke der Mutter in seine Augen bohren.
„Du kannst mich nicht
hypnotisieren“, schreit er. Die Mutter greift wortlos nach dem Feuerhaken. Lope
wirft ihr die losen Buchblätter vor die Füße und rennt davon. Er rennt in den
Stall. Er stopft sich Heu in die Hosen und spannt gleich ein, ohne seine
Schrotsuppe gegessen zu haben.
Um die Frühstückszeit kommt
Trude und bringt zwei Stullen.
„Hast du Ferien?“ fragt Lope Trude.
„Mensch, mach dich nicht so
groß“, höhnt Trude, „Kartoffelferien seit vorgestern.“
„Ach ja, ach ja“ – Lope weiß
nicht mehr, wann Ferien sind. Er ist wohl doch schon erwachsen.
„Hat sie was gesagt wegen der
Tasse?“
„Welche Tasse?“
„Ich habe sie zerschlagen ...
mit dem Goldrand die.“
„Oh, hast du sie zerschlagen,
die schöne Tasse? – Nein, sie hat nichts gesagt. – Ist sie dir aus der Hand
gerutscht?“
„Ist schon gut, geh man!“
„Ich gehe zu Schneiders, die
hacken heute Kartoffeln. Es gibt dort Kuchen.“
„Ja, geh man, geh! – Hat Mutter
gesagt, dass du mir das Brot bringen sollst?“
„Ja, sie hat gesagt: ‚Der
Bengel hat reinweg das Essen vergessen.’“
„Ja, na denn: hü!“
Auch am Abend sagt die Mutter
nichts von der Tasse. Ihr Mund ist schmal wie ein neues Knopfloch. Lope gewahrt
zum ersten Mal die vielen tiefen Falten um Mutters Mund.