SPIEGEL ONLINE - 14. September 2004, 11:00
PUTINS MOBILMACHUNG
Do swidanija Glasnost
....>>> http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,317960,00.html
Diskussionsbeitrag:
Herr
Mettke ist ja nun unzweifelhaft ein Kenner der Szene und hat sich durch eine
Vielzahl von Beiträgen einen Namen gemacht. Dennoch: der vorliegende Beitrag
erweckt stark den Eindruck, als suche er ein „singuläres Ereignis“ - ohne
Einbeziehung der (auch historischen) Entwicklungen und Hintergründe - lediglich
zu Bestätigung seiner bisherigen Positionen heranzuziehen - also eine „self -
fulfilling Prophecy“ wahr
werden zu lassen.
In aller
Kürze ein paar Anmerkungen:
Mit
seiner Feststellung, Präsident Putin habe „..gestern endgültig den Weg
verlassen, auf den seine Vorgänger Gorbatschow und Jelzin das Land geführt
hatten...“ suggeriert Mettke eine Kontinuität, die es so nicht gibt – im
übrigen eine typisch deutsche Sichtwiese einer Überhöhung der „Sauna- und
Pulloverfreundschaften“ mit deutschen Regierungsvertretern. Wie er richtig
feststellt, handelt es sich bei beiden um „Reformkommunisten“ - bei
Herrn Jelzin darüber hinaus auch um einen „neuen Bojaren“ - warum erwähnt er
das eigentlich nicht?
16-09-2004 BBC:
Yeltsin fears for
Russia freedoms … Mr Yeltsin said Russia should
not move away from the spirit or the letter of the constitution he introduced
in 1993, and which was approved in a national referendum. "The stifling of
freedoms and the rolling back of democratic rights will mean, among other
things, that the terrorists will have won," he said … The interview came a
day after exiled tycoon Boris Berezovsky, once one of Mr Yeltsin's closest
allies … Yeltsin had made the mistake of keeping quiet as Mr Putin began to
"destroy" everything that he stood for…
Wir
sollten nicht vergessen, dass Herrn Putin die politische Macht vom Jelzin-Clan
„verliehen“ wurde. Und emanzipiert hat sich Putin spätestens mit der Entlassung
seines Ministerpräsidenten Michail Kasjanow (letzter Statthalter des Clans)
noch vor der Präsidentschaftswahl am 14. März 2004.
Dies
eröffnete der Administration Putin abschließend den von ihr gesetzten politischen
Prioritäten zu folgen:
- the Quality of Life
- towards the Knowledge Economy
- towards an Effective State
-
National Security
einschließlich
der Zielbestimmung zur Entwicklung einer„.. reifen bürgerlichen Gesellschaft.
Nur freie Menschen in einem freien Land können tatsächlich erfolgreich sein...“
(Rede Putins zur Vereidigung am 08.05.2004)....ich bin mir über die
Vielschichtigkeit des Begriffs: Bürger-/ Zivilgesellschaft durchaus im
Klaren...
In diesem
Sinne ist aber die Feststellung, es geht um die Umsetzung der „...Pläne
einer Mobilmachung für einen anderen Staat, als er ihn vor knapp fünf Jahren
von seinem Vorgänger Boris Jelzin übernahm...“ richtig – und – das ist auch
gut so!
Vor dem
Hintergrund Beslan kritisiert Mettke das Chaos, das dort von „miteinander
konkurrierenden“ Organen hervorgerufen wurde, um daran anschließend gerade
die „Entmachtung des Föderationsrates“ zu kritisieren und Putins
Einschätzung: „...werde das Land in regionale Fürstentümer auseinander
brechen. Das aber genau sei auch das eigentliche Ziel des internationalen
Terrorismus, warnte Putin gestern: "Die Desintegration des Landes, der
Zerfall des Staates, die Zerstörung Russlands..." ins Lächerliche zu
ziehen. Was ist denn die Aufgabe des Nationalstaats insbesondere in
Krisenzeiten ... Führungs- und Handlungswillen beweisen und Ressourcen bündeln....
Das
erinnert doch fatal an: „Wasch mich, aber bitte mach mich nicht nass....!“
Die
Fachleute sind sich weitgehend einig: Kontrolle, Kompetenz und Konsens ist in
Moskau - angesichts der Vielfalt von Ausnahmeregelungen, abhängig von den
jeweiligen regionalen Machtpositionen - nicht immer gegeben (da liegt im
übrigen tatsächlich eine historische Kontinuität von Ivan über Peter bis Putin
... es gibt also durchaus historische und politische Gründe, die Administration
Putin in der Furcht vor Desintegration ernst zu nehmen). Denn jede Schwäche der
Zentralregierung stärkt die Selbstversorgungsmentalität regionaler
„Kleptokratien“.
Die
Administration Putin ermöglichte dagegen durch Zentralisierung der Macht
erstmals wieder eine konsensfähige Formulierung nationaler außenpolitischer
Interessen. Außenpolitische Entscheidungsfindungsprozesse wurden deutlich
konsolidiert. RUS ist - bei allen Defiziten – ein verlässlicher und
verantwortungsvoller Akteur in den internationalen Beziehungen geworden. Und
das ist gut für Deutschland und Europa....
Also...ich
hatte ja angekündigt: in aller Kürze:
„Beifall“ für Putins Poltik erwartet daher auch
niemand. Was man aber erwarten kann ist, dass der Transformator Putin und seine
politischen Prioritäten einschließlich der Zielbestimmung in Richtung auf eine
„bürgerliche Gesellschaft“ (emphatisch) ernst genommen, und dieser Kurs seiner
Administration kritisch-solidarisch begleitet wird.
Insofern
halte ich auch die Thesen:
-
die
Administration Putin sei „UdSSR light“: „...Stunde des Bekenntnisses zu
einer Restauration... Stunde der Tschekisten, als deren Repräsentant Putin an
die Macht gelangte...nicht erheblich unterscheiden von jenen der sowjetischen
Intelligenzija vor mehr als einem halben Jahrhundert, Generalissimus Josef
Stalin wisse ja vielleicht gar nichts von dem in seinem Namen ausgeübten
Staatsterror...“
-
„...Kampf
gegen den Terrorismus wird zur einheits- und quasi identitätsstiftenden
gesamtgesellschaftlichen Sache, zu einer Art neuen nationalen Idee...“
für
ziemlich abenteuerlich (nahezu absurd) – zumal es ja mit dem „Patriotischen Konsens“
schon eine Idee gibt, die sich auch als tragfähig erweist.
Eine
abschließende Anmerkung zu Russlands Liberalen. Man kann ja Putin für vieles
verantwortlich machen, aber nicht für die Entwicklung, dass die
russischen Liberalen nach allen Seiten auseinanderlaufen...
...sorry,
ist länger geworden als beabsichtigt!
Gruß
16.09.04 Jörg Barandat