Grundannahmen des ökonomischen Liberalismus
(Adam Smith)
Hausarbeit im
Grundarbeitskreis politische Ökonomie
Prof. Dr. D. Eißel
Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen
vorgelegt von
Johannes Herrmann
Eichendorffring 115/516
35394 Gießen
3. Semester
WS 1997/98
Gliederung
A.: Adam Smith’ Leben
B.: Grundannahmen des ökonomischen Liberalismusvon Adam Smith
1. Arbeitsteilung
2. Wertschöpfung
3. Lohntheorie
4. Staatsaufgaben
5. Besteuerungsgrundsätze
6. Eigennutz
7. Die „unsichtbare Hand"
C.: Schluß
A. ADAM SMITH’ LEBEN
Der 1723 im schottischen Kircaldy geborene Smith gilt als der Vater
der modernen Nationalökonomie. Seine Ideen vom möglichst freien
Unternehmertum entwickelte er nicht als Unternehmer, dem es um seinen Profit
geht, sondern als Professor der Glasgower Universität, wo er Moralphilosophie,
Ethik und Logik lehrte. Die Philosophie umfaßte damals noch einen
Großteil der Gesellschaftswissenschaften, so daß er sich in
seiner moralphilosophischen Vorlesung mit Theologie, Ethik und Rechtsprechung
befaßte, wobei der dritte Teil ihn auch zu wirtschaftlichen Fragen
führte. Mit denen beschäftigte sich Smith auch außerhalb
der Universität in einer Reihe von wissenschaftlichen Vereinen, die
sich mit allen möglichen gesellschaftlichen Fragen beschäftigten,
zum Beispiel: „Welchen Nutzen hat die Graswirtschaft, welchen der Körneranbau
für Volk und Staat?"; „Hat die Gründung von Banken den Wohlstand
Schottlands gehoben?" 1
Während eines Aufenthaltes in Frankreich als Hauslehrer der Söhne
des Herzogs von Buccleugh von 1764 bis 1766 lernte er die dortigen ideologischen
Führer des Bürgertums kennen und setzte sich mit den Ideen der
Physiokraten auseinander. Gleichzeitig begann er mit der Arbeit an seinem
Hauptwerk „Der Wohlstand der Nationen", dessen erste Auflage zehn Jahre
später 1776 erschien unnter dem Titel „An Inquiry into the Nature
and Causes of the Wealth of Nations" und das Smith bis zu seinem Tod 1790
noch mehrere Male überarbeitete und wesentlich erweiterte.
Sein Einfluß war in England enorm: der englische Premierminister
Pitt der Jüngere war sein Schüler, 2 er
galt aber auch in Deutschland und in Frankreich in den Jahrzehnten nach
seinem Tod als der Lehrer der Politischen Ökonomie,dessen Ausstrahlungskraft
bis heute anhält.3 Im halbfeudalen Deutschland beriefen
sich vor allem die preußischen Junker und andere Großgrundbesitzer
auf seine Freihandelslehre, um ihre agrarischen Überschüsse ohne
Handelsschranken international absetzen und billigere englische Industrieprodukte
frei einführen zu können. 4
„Der Wohlstand der Nationen" erschien gerade zu Beginn der industriellen
Revolution und enthält selbst keine Angaben über die englischen
Erfindungen und ihre möglichen Auswirkungen. Smith ist noch ein Theoretiker
der Manufakturperiode. Trotzdem beeinflußten Smith’ Theorien gerade
die ersten Jahrzehnte des neuen Maschinenzeitalters. Wie kann das erklärt
werden?
Smith beschränkt sich nicht auf einzelne Probleme der Manufakturen,
sondern betrachtet, soweit möglich, die ganze Gesellschaft in umfassender
Weise. Er wendet sich Problemen zu, die der Manufaktur und dem Fabriksystem
gemeinsam sind und bemüht sich, allgemeine Gesetzmäßigkeiten
der Produktion und Verteilung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft
zu verstehen und kommt damit den Problemen der sich erst entwicklenden
kapitalistischen Gesellschaft recht nahe.
Smith war keineswegs nur an der Steigerung des Profits weniger interessiert,
sondern hatte immer auch die Verantwortung für den größten
Teil des Volkes im Auge, die Mittellosen, die einfachen Dienstleute und
Arbeiter. So heißt es im „Wohlstand der Nationen": „Dienstboten,
Tagelöhner und Arbeiter bilden die Masse der Bevölkerung eines
jeden Landes, so daß man deren verbesserte Lebenslage wohl niemals
als Nachteil für das Ganze betrachten kann. Und ganz sicher kann keine
Nation blühen und gedeihen, dessen Bevölkerung weithin in Armut
und Elend lebt." 5
B. GRUNDANNAHMEN DES ÖKONOMISCHEN LIBERALISMUS VON ADAM SMITH
1. Arbeitsteilung
Adam Smith sieht in der Arbeitsteilung ein bedeutendes Potential für Rationalisierung und Produktivitätsteigerung. Die Spezialisierung auf wenige Tätigkeiten hält er für die Chance, viel mehr mit weniger Einsatz produzieren zu können. Dies erläutert er an dem berühmt gewordenen Beispiel der Stecknadelfabrikation, das er an den Beginn des „Wohlstands der Nationen" setzt: Einst, stellt Smith fest, konnte der Arbeiter am Tage vielleicht „höchstens eine, sicherlich aber keine 20 Nadeln herstellen"6 . Zu seiner Zeit, unter den Bedingungen der Arbeitsteilung in der Manufaktur, sei das ganz anders: „Der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, ein vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift das obere Ende, damit der Kopf aufgesetzt werden kann" 7 usw. So teilt er die Fabrikation von Stecknadeln in achtzehn verschiedene Arbeitsschritte auf und stellt fest, daß ein kleiner Betrieb von 10 Arbeitern täglich über 48000 Nadeln machen könne. Auch die dabei verwendeten einfachen Maschinen zur Erleichterung der Arbeit sieht Smith als Ergebnis der Arbeitsteilung an. Denn die Arbeiter, die immer die gleichen Handgriffe verrichten, würden von ganz alleine nach Möglichkeiten streben, ihre Arbeit zu vereinfachen und auf diese Weise „imponierende Maschinen" erfinden. 8
2. Wertschöpfung
Schon der Ausgangspunkt seiner Arbeit bedeutet einen wesentlichen Schritt weg von zu engen Gesellschaftsanalysen der Merkantilisten und Physiokraten, indem Smith von der Arbeit des ganzen Volkes inklusive der Arbeiter als Grundlage des Wirtschaftssystems ausgeht.9 Die Merkantilisten dagegen (interessengebunden im Gegensatz zum wirtschaftlich unabhängigen Smith) sahen Mehrwert und Reichtum vor allem aus dem Handel (und der Piraterei) fließen, die Physiokraten nur aus einer bestimmten Form der Arbeit, nämlich der landwirtschaftlichen. Marx würdigte den prinzipiell neuen Ansatz von Smith als „ungeheuren Fortschritt". 10
3. Lohntheorie
Smith hat richtig gesehen, daß die Löhne abhängig sind
von Mangel oder Überangebot an Arbeitskräften. Bei Arbeiterknappheit
steigt der Lohn, bei zu großem Arbeiterangebot fällt er. Weiter
plädiert Smith für höhere Löhne aus Gründen der
Moral, das heißt, um die ganze Gesellschaft zu verbessern, indem
die Lebensbedingungen des größten Teil der Gesellschaft verbessert
werden11 , sowie aus ökonomischen Gründen:
Smith rechnet damit, daß „wo die Löhne hoch sind, (...) die
Arbeiter immer fleißiger, gewissenhafter und auch schneller bei der
Hand" seien „als dort, wo sie niedrig sind" 12. Die bessere
Entlohnung sei größerer Ansporn, noch mehr zu verdienen, sichere
außerdem die körperliche Gesundheit der Arbeiter.13
Daß dieser Teil der Lohntheorie sich als falsch für das 19.
Jahrhundert herausgestellt hat, wissen wir heute.14
Wie kam aber Smith zu seinen Annahmen?
Im England des frühen 18. Jahrhunderts scheint es den Arbeitern
nicht ganz so schlecht gegangen zu sein, wie denen auf dem Kontinent: ihre
Löhne waren höher und in einigen Wirtschaftsbereichen herrschte
tatsächlich eine Knappheit an Arbeitskräften.15
Bis in die 60er Jahre des 18. Jahrhunderts scheint diese Grundlage für
die optimistische Lohntheorie von Adam Smith bestanden zu haben, danach
führte die langsam durchgreifende Industrielle Revolution zu sinkenden
Reallöhnen. Smith konnte also durchaus noch davon ausgehen, daß
die objektiven Gesetze des Marktes ohne staatliche Eingriffe funktionierten,
die Akkumulation von Reichtum stieg beständig, während sich gleichzeitig
der Lebensstandard des Volkes hob. Vor diesem Hintergrund entwickelte Smith
seine Freiwirtschaftslehre, die betont, daß jeder Staatseingriff
in die Wirtschaft große Gefahren birgt. Seine Politische Ökonomie
steht damit auch nicht im Widerspruch zu seinem Anspruch, allen und gerade
auch den Tagelöhnern, Dienstboten und Arbeitern zugute zu kommen,
die den Versuchen der Unternehmer, ihre Löhne so weit wie möglich
zu drücken, durchaus erfolgreich in Lohnkämpfen gegenübertreten
können.16
4. Staatsaufgaben
In entwickelten Volkswirtschaften schwankt der Marktpreis aufgrund des
Spiels von Angebot und Nachfrage um den „natürlichen Preis", nämlich
den Arbeitswert. Eingriffe des Staates werden von Smith abgelehnt mit der
Begründung, „keine menschliche Weisheit oder Kenntnis" könne
Lenkungen „die für das Land am nützlichsten sind" ausreichend
und sinnvoll beurteilen.17
Dem Staat bleiben positiv nur drei Aufgaben: „Erstens die Pflicht,
das Land gegen Gewalttätigkeit und Angriff anderer unabhängiger
Staaten zu schützen, zweitens die Aufgabe, (...) ein zuverlässiges
Justizwesen einzurichten, und drittens die Pflicht, bestimmte öffentliche
Anstalten und Einrichtungen zu gründen und zu unterhalten".18
Letztere können Schulen, Krankenhäuser oder Kanäle sein,
bei denen der durch sie direkt erwirtschaftete Profit ihre Kosten nicht
decken könnte, deren gesellschaftlicher Nutzen aber weit über
den Kosten liegt.
Von einem „Nachtwächterstaat", der sich aus gesellschaftlichen
Aufgaben weitestgehend zurückziehen soll und auf ein Minimum reduziert
wird, kann bei Adam Smith keine Rede sein. Für Smith hat der Staat
Gestaltungsaufgaben und soll durch die Ermöglichung der Bildung für
breite Schichten auch eine größere Chancengleichheit gewährleisten.
Smith’ Interesse liegt in der Befreiung des wirtschaftlich tätigen
Bürgertums von in seinen Augen anmaßenden19
oder auch willkürlichen Staatseingriffen, damit sie freier und damit
besser wirtschaften konnten. Die französischen Physiokraten hatten
ähnliche Ziele, aber ihnen ging es um die Abwehr eines feudalen Staates,
der die sich bildende französischen Bourgeoisie in ihrer Entwicklung
störte, während Smith Verbesserungen innerhalb eines bereits
existierenden kapitalistischen Systems erreichen wollte.20
5. Besteuerungsgrundsätze
Smith stellt vier Besteuerungsprinzipien auf, nach denen der Staat die
nötigen Mittel für seine Aufgaben beschaffen soll:21
(1) Gleichmäßigkeit der Besteuerung durch Gleichbehandlung der
Steuerpflichtigen, wobei sowohl Grundrente, als auch Gewinne und Löhne
gleichermaßen besteuert werden sollten, (2) Bestimmtheit der Besteuerung
durch Vermeidung von Willkür bei der Steuererhebung, (3) Bequemlichkeit
der Besteuerung hinsichtlich der Steuerzahlungstermine und -modalitäten
sowie (4) Billigkeit der Besteuerung durch Minimierung der Steuererhebungskosten.
Gemäß dem ersten von ihm aufgestellten Grundsatz verlangt
Smith, die bestehenden Ungerechtigkeiten zu Lasten der Arbeiter und zugunsten
der Oberschicht abzubauen und fordert Besteuerungen mit Umverteilungswirkungen
ein, wie die Besteuerung von Monopolgewinnen.22
6. Eigennutz
Als treibende Kraft aller, auch der wirtschaftlichen Vorgänge sieht
Adam Smith in seinem konsequenten Versuch, den Menschen realistisch zu
betrachten, den Eigennutz an.23 Alle Menschen seien
während ihres ganzen Lebens bestrebt, ihre ökonomische und soziale
Lage zu verbessern.24 Dabei kommt es für Smith
nicht unbedingt darauf an, ob die Menschen mit ihren Handlungen ihre objektive
Situation verbessern können, er beachtet auch die subjektiven und
oft eingebildeten Einstellungen und ihre manchmal entscheidende Bedeutung
für Entscheidungen. Status oder eingebildete Annehmlichkeiten sind
für Smith vollkommen zu Recht tatsächliche Parameter des Verhaltens.25
Smith behauptet, daß das Verfolgen der individuellen egoistischen
Interessen zum allgemeinen Besten führe indem es geläutert werde
durch die vier Korrektive Mitgefühl, ethische Regeln, Rechtsnormen
und Wettbewerb.
Mitgefühl ist nicht zu verwechseln mit Altruismus, sondern meint
die Fähigkeit des Menschen, sich als neutraler Beobachter quasi neben
sich selbst zu stellen und die Folgen des eigenen Handelns auf die anderen
Menschen zu bewerten 26, den Mitmenschen grundsätzlich
wohlwollend gegenüberzutreten und anderen nicht zu schaden. 27
Die aus diesem Prozeß gewonnenen individuellen ethischen Regeln
werden generalisiert zu allgemein anerkannten gesellschaftlichen Regeln,
deren Einhaltung für den sozialen Status entscheidend sein kann, obwohl
zunächst kein direkter wirtschaftlicher Vorteil damit verbunden sein
mag. Diese allgemeinen Handlungsregeln garantieren den Menschen einen Rahmen,
in dem sie sich sicher bewegen können, indem sie die Handlungen der
jeweils anderen vorhersehen können.
Eine Verschärfung erfahren einige gesellschaftlichen ethischen
Regeln durch ihre Konkretisierung in Gesetzesform. Besonders in großen
Gemeinschaften kann die Macht allgemeiner gesellschaftlicher Regeln, die
nicht mit dem Drohmittel konkreter Strafen im Falle der Normverletzung
ausgestattet ist, geringer sein als selbstsüchtige und dem Gemeinwohl
schadende Eigeninteressen. Arbeitsteilige Gesellschaften entwickeln deshalb
einen Rechtsstaat, der über ein Gewaltmonopol verfügt und „gleichsam
als staatliche Verkörperung des Unparteiischen Beobachters"28
die Durchsetzung der das Eigeninteresse regulierenden Normen garantiert.
Damit soll für Smith der Staat sicherstellen, daß jeder das
von ihm Erwirtschaftete auch genießen kann und so einen Anreiz zur
Tätigkeit bekommt.
Auch der wirtschaftliche Wettbewerb wirke im Sinne des allgemeinen
Besten, weil er erstens Handlungsantrieb sei, um einen Vorsprung gegenüber
der Konkurrenz zu erlangen 29, zweitens garantiert der
Wetbewerb, daß einzelne Anbieter von Leistungen oder Waren ihre Produkte
oder Dienstleistungen nicht überteuert anbieten können. Die mangelnde
Zulassung der Konkurrenz kritisiert Smith entsprechend deutlich im „Wohlstand
der Nationen", z.B. bei den Pfründen des Klerus und der Juristen (S.
115). Den Bestrebungen der Unternehmer, durch Absprachen Preiserhöhungen
durchzusetzen, die sonst nur bei einer Monopolstellung realisierbar wären,
weiß Smith noch nichts entgegenzusetzen. Entsprechende Handelsgesetze
scheinen ihm unvereinbar „mit Freiheit und Gerechtigkeit" 30
zu sein. Smith kritisiert aber entschieden die Verhältnisse seiner
Zeit, in denen der Staat durch Tolerierung und Förderung des Zunftwesens
mit dessen Bestimmungen und verbindlichen Absprachen aktiv der Preisbildung
auf dem freien Markt entgegenarbeite. 31 Auch gegen Beschränkungen
des freien Handels im internationalen Maßstab geht Smith entschieden
vor. 32 Hier sieht er den Staat als freiwilligen oder
auch unfreiwilligen 33 Vertreter der Interessen der Unternehmer,
die nicht das Ziel des allgemeinen Besten verfolgen. So spricht Smith vom
Monopol, „das unsere Fabrikanten gegen uns errichtet haben" 34
, da der Verbraucher, dessem Wohl die Produktion eigentlich ausschließlich
dienen solle 35, nicht die Möglichkeit habe, gegebenenfalls
auf billigere oder auch bessere Wahre aus dem Ausland zurückzugreifen
aufgrund der die einheimischen Unternehmer fördernden Einfuhrschränkungen.
7. Die „unsichtbare Hand"
Adam Smith geht davon aus, daß die individuellen Selbstinteressen über ihre Korrektive zum allgemeinen Besten führen, wenn nicht verzerrend eingegriffen wird. Vor allem der freie Markt ist für Smith eine wichtige Bedingung, um das freie Spiel der Kräfte positiv entfalten lassen zu können. Dabei unterstellt er, es gäbe eine „unsichtbare Hand", die man sich vorstellen könnte als zentrale Instanz, die alle Angebote und Nachfragen entgegennimmt und den tatsächlichen Marktpreis um den natürlichen Preis, der sich aus dem für die Erzeugung nötigem Einsatz für Grundrente, Arbeitslohn und Kapital zusammensetzt, schwanken läßt 36, bis sich ein Marktgleichgewicht einstellt. Der einzelne strebe nur nach seinem persönlichen Profit, aber genau dieses fördere das allgemeine Beste. „Tatsächlich fördert er in der Regel nicht bewußt das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. (...) Er (strebt) lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat." 37 Dabei stellt sich Smith nicht einen in irdisches Geschehen eingreifenden Schöpfer vor, der dafür sorgt, daß die Marktgesetze funktionieren, sondern er benutzt das Bild von der unsichtbaren Hand nur als anschauliche Metapher, die die Unabhängigkeit der Tauschprinzipien von menschlichem Wollen unterstreichen soll. Die optimistische Vorstellung von der natürlichen und hamonischen Ordnung, die sich von alleine einstellt, verband Smith mit der Ethik der Stoiker, die er in seiner Jugend studierte und die einen tiefen Eindruck in ihm hinterließen.38
C. SCHLUß
Die Lehren von Smith wurden und werden immer wieder zitiert und herangezogen,
um unternehmerische Freiheiten durchzusetzen - aber unter Verhältnissen,
die denen zu Smith’ Zeiten nicht mehr entsprechen.
Es ist davon auszugehen, daß es im England des 18. Jahrhunderts
in einigen Bereichen einen Mangel an Arbeitskräften gab, so daß
das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern
vermutlich einigermaßen ausgeglichen war. Mit dem späteren Anwachsen
der „industriellen Reservearmee" bei gleichzeitiger Rationalisierung hat
sich dieses Kräfteverhältnis so deutlich verschoben, daß
es denkbar wäre, daß ein „Adam Smith des 19. Jahrhunderts" den
Schutz der Arbeitnehmer zur Pflicht des Staates erklärt hätte.
Smith ging es nicht nur um die Freiheiten einer bestimmten Klasse,
nämlich die Freiheit der Besitzer von Produktionsmitteln, soviel Eigentum
wie möglich anzuhäufen, sondern um alle an der Gesellschaft Teilhabenden
und um die Frage, wie ein ausgleichendes Miteinander organisiert werden
sollte.
Interessenkonflikte werden laut Adam Smith grundsätzlich durch
die „unsichtbare Hand" in einer harmonischen Lösung vermittelt. Diese
optimistische Sicht gesellschaftlicher Problemlösungsstrategien erscheint
nicht immer treffend zu sein. Die Konfliktpartei, die den besseren Zugang
zu Ressourcen hat, wird sich tendenziell auch dann öfter durchsetzen,
wenn ihre Interessen nicht dem allgemeinen Besten dienen. Auch der Gesetzgeber
kann hier nicht immer ausgleichend tätig werden, weil er selbst nicht
autopoietisch neben der Gesellschaft steht, sondern eingebunden ist in
gesellschaftliche Prozesse und eher von Ressourceninhabern beeinflußt
werden kann als von anderen (Lobbyismus).
Heutige Rezipienten von Adam Smith muß man auf ihre Intention
hin untersuchen und hinterfragen, ob sie nur solange die von Smith aufgestellten
Prinzipien zitieren, wie es ihren eigenen Interessen nutzt, oder ob sie
tatsächlich davon ausgehen, daß die Selbstregulierung des Marktes
unter den von Smith geforderten Bedingungen das allgemeine Beste hervorbringt.
Zu beachten ist, daß diese Bedingungen niemals erfüllt waren
und die Annahmen der Marktregulierung von Smith reine Theorie geblieben
sind: zu jeder Zeit gab es Einfuhrbeschränkungen und Monopole.
Einen entscheidenden Faktor der Begrenzung wirtschaftlichen Wachstums
hat Smith noch nicht gesehen: die Beschränktheit der Bodenschätze
sowie die begrenzte ökologische Tragfähigkeit der Erde. Deshalb
ist Smith kein Vorwurf zu machen: Diese Einsichten kommen erst heute ganz
allmählich zum Tragen und werden immer noch viel zu wenig beachtet.
Immer noch wissen die meisten Ökonomen keinen anderen Ausweg aus gesellschaftlichen
Schwierigkeiten als dauerndes Wachstum und mehr Konsum; ökologische
Geichtspunkte werden erst in zweiter Linie beachtet.
Literatur:
Anikin, Andrej: Der Weise aus Schottland. Adam Smith, Berlin 1990
Fischermann, Thomas: Der Boom der Bastler, in: DIE ZEIT vom 14.11.1997,
S.37
Hauer, Peter: Leitbilder der Gerechtigkeit in den marktwirtschaftlichen
Konzeptionen von Adam Smith, John Stuart Mill und Alfred Müller-Armack,
Frankfurt am Main 1991
Kuczynski, Jürgen: Adam Smith, in: Kurt Fassmann: Die Grossen,
Zürich 1977, S.646 - 657
Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, in:
Karl Marx, Friedrich Engels: Werke, Bd. 13, Berlin 1957
------.: Kritik der Politischen Ökonomie, in: Karl Marx, Friedrich
Engels: Werke, Bd. 13, Berlin 1957
Raphael, David D.: Adam Smith, Frankfurt/Main 1991
Recktenwald, Horst Claus: Eine Analyse der klassischen Ordnungstheorie
Adam Smith’s, in: Georges Enderle (Hrsg.): Ethik und Wirtschaftswissenschaft
(Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 147), Berlin 1985, S.
143 - 161
------.: Würdigung des Werkes, in: Adam Smith: Der Wohlstand der
Nationen, München 1974, S. XI - LXXIX
Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur
und seiner Ursachen, Original 5. Auflage, London 1789 [1776], übersetzt
von H.C. Recktenwald, München 1974
------.: Theorie der ethischen Gefühle, Original: 6. Auflage,
London 1790, übersetzt von Walther Eckstein, Leipzig 1926
Wilson, Charles: England 1650 - 1750, in: Wolfram Fischer u.a. (Hg.):
Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Band
4, Stuttgart 1993, S. 364 - 400
1 Anikin, Der Weise, S. 113; Kuczynski, Adam
Smith, S. 647 f.
2 Raphael, Adam Smith, S. 37 f.
3 So z.B. Hauer, Leitbilder, S. 138 oder Raphael,
Adam Smith, S. 9 ff.
4 Kuczynski, Adam Smith, S. 655
5 Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen (im
folgenden: WN), S. 68
6 WN, S. 9
7 WN, S. 9
8 WN, S. 13
9 WN, S. 3
10 Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen
Ökonomie, in: Werke, Bd. 13, S. 635
11 WN, S. 68
12 WN, S. 71
13 WN, S. 70 f.
14 Auch heute ist die Gesundheit und Motivation
der Arbeitnehmer weniger wichtig als ihre Kaufkraft, die Smith aber nicht
zur Begründung einer höheren Entlohnung anführt, er stellt
stattdessen heraus, daß die Reichen durch ihren Konsum, d.h. durch
Aufrechterhaltung des Kapital- und Warenumsatzes, allen dienen.
15 Wilson, England, S. 399 f.
16 WN, S. 58 f.
17 WN, S. 582
18 WN, S. 582
19 WN, S. 371
20 Kuczynski, Adam Smith, S. 654
21 WN, S. 703 ff.
22 WN, S. 769
23 z.B. WN, S. 17; so auch Recktenwald, Ethik,
S. 145
24 WN, S. 282; Smith, Theorie, S. 71 f.
25 Recktenwald, Ethik, S. 152 f.
26 Smith, Theorie, S. 123 f.
27 Smith, Theorie, S. 127 f.; Recktenwald, Ethik,
S. 148
28 Hauer, Leitbilder, S. 162
29 Recktenwald, Ethik, S. 150
30 WN, S. 112
31 WN, S. 108 ff.
32 WN, S. 368 ff.
33 WN, S. 385 f.
34 WN, S. 385
35 WN, S. 558
36 WN, S. 48 f.
37 WN. S. 371
38 Raphael, Adam Smith, S. 86 f.