Justin Chen
Prof. Schwab
2/4/02

Aufsatz #1 (Eine Übung in Close Reading)

„Die Vergangenheit war so dicht mit mir verwoben, dass sie mir manchmal wie mein eigenes Leben erschien. Die Geschichte meiner Urgrossmutter war meine Geschichte. Aber wo war meine Geschichte ohne meine Urgrossmutter? Ich wusste es nicht.“ (22)
          —„Rote Korallen“, von Judith Hermann

Dieser Absatz ist wichtig, denn er drückt einen zentralen Widerspruch der Geschichte aus—nämlich, dass die Erzählerin eine Geschichte erzählt, ohne sie wirklich zu besitzen. Tatsächlich ist ihr Leben fast ganz auf andere Leute bezogen. Zum Beispiel erzählt sie vieles über ihren Liebhaber und ihre Urgrossmutter, aber von Geschichten über sie selbst hören wir auffallend wenig. Der ausgewählte Absatz zeigt einem, dass „Rote Korallen“ nicht wirklich über die Urgrossmutter, den Liebhaber, oder sogar das Korallenarmband aus dem Titel geschrieben wird, sondern die Geschichte handelt hauptsächlich vom modernen Menschen, und dem geschichtslosen, unerfüllten Leben, das er heutzutage führt. Diese Erkenntnis benötigt der Leser, um die Geschichte in einer anderen Weise zu analysieren und neue Schlüsse daraus zu ziehen.

In dem ausgewählten Absatz wird es klar, dass die Erzählerin sich mit ihrer Urgrossmutter sehr eng identifiziert. Wegen der gemeinsamen Geschichte der beiden Frauenfiguren taucht die Vergangenheit in der Gegenwart wieder auf. Die Erzählerin weiss genau, was dieser Zustand über sie selbst aussagt, denn sie stellt die rhetorische Frage: „[W]o war meine Geschichte ohne meine Urgrossmutter?“ Es ist als ob die Erzählerin nicht nur das Korallenarmband, sondern auch die alten Geschichten ihrer Urgrossmutter geerbt hätte. Wegen dieser Feststellung muss man sich natürlich wundern, was für ein langweiliges Leben die Erzählerin führt, dass ihr selbst eine einzigartige Geschichte fehlt.

Man findet die Antwort zu dieser Frage anderswo in der Geschichte. Zum Beispiel sagt die Erzählerin, dass sie „zwanzig Jahre alt“ sei und „nichts zu tun“ (22) habe. Man denkt sofort an einen ziellosen Studenten, der sich hinsichtlich wegen seiner eigenen Zukunft ganz unentschlossen fühlt. Und nicht nur die Erzählerin, sondern sogar der moderne Mensch im allgemeinen wird durch diese Unsicherheit gekennzeichnet. Die Erzählerin und ihr Liebhaber führen ein völlig sinnloses Leben zusammen. Sie sprechen fast nichts miteinander—wie die Erzählerin selbst erklärt, „Ich hatte, seitdem ich bei meinem Geliebten war, schon lange nicht mehr wirklich gesprochen, ich sprach kaum mit ihm, und er sprach so gut wie nie mit mir.“ (21) Die Urgrossmutter, die in ihrem Haus in Russland fast gefangen ist, hat trotz ihrer beschränkten Existenz viele Erlebnissen gehabt. Die Erzählerin lebt im Gegensatz dazu in der Gegenwart und kann keine Geschichte über sich selbst finden, über die sie mit ihrem Freund plaudern kann.

Die Unsicherheit der Erzählerin, die in ihrer Sprache ganz deutlich ausgedrückt wird, ist ein grosses Thema im Text, und deshalb ist der letzte Satz des ausgewählten Zitats („Ich wusste es nicht“) auch wichtig zu bemerken. Ähnliche Beispiele von Unentschlossenheit sind überall im Text zu finden. Am Anfang fragt die Erzählerin rhetorisch, „Ist das die Geschichte, die ich erzählen will?“ (11) Und sie antwortet sich selbst: „Ich bin nicht sicher. Nicht wirklich sicher.“ (11) Die Erzählerin weiss nicht, worüber sie sprechen will, denn alle Geschichten, die sie kennt, handeln von anderen Leuten. Ihr Ausdruck von Unsicherheit, der in dem ausgewählten Absatz zu sehen ist, beweist also noch einmal, dass die Erzählerin keine eigene Geschichte hat, und dass sie sich deshalb immer unentschlossen fühlt.

Auch in dieser Richtung ist es wichtig zu bemerken, wieviel die Erzählerin sich für die Geschichten anderer Leute interessiert. Wie sie selbst erklärt: „Ich kannte die Geschichte meiner Urgrossmutter, konnte im Geist durch die dunkle, dämmerige Wohnung am Malyj-Prospekt gehen“. (22) Hier wird es wieder klar, dass die Erzählerin völlig abhängig von ihrer Urgrossmutter ist—sie lebt sozusagen durch eine andere Person. Die Inbesitznahme (appropriation) der Geschichten anderer Leute, die als Thema des ausgewählten Absatzes schon besprochen wurde, wird hier noch einmal erwähnt.

Zum Thema Geschichten ist es interessant zu bemerken, dass die Erzählerin fast persönlich beleidigt ist, als ihr Liebhaber sagt, „Ich interessiere mich nicht für mich selbst“. (19) Sie sagt verwundert, „Ich fand es erstaunlich, sich nicht für sich selbst zu interessieren. Ich interessierte mich ausschliesslich für mich selbst.“ (20) Dieser Ausdruck ist etwas merkwürdig, denn man weiss schon, dass die Erzählerin eigentlich nichts Interessantes in ihrem Leben hat. Sie ist aber so beunruhigt von der Idee, dass ihr Liebhaber kein Interesse an sich selbst hat, dass sie immer versucht, Gründe für seine anscheinende Gleichgültigkeit herauszufinden. Endlich entscheidet sie, ihm eine Geschichte zu erzählen. Aber die Erzählerin, wie schon besprochen, hat selbst keine Geschichte. Statt etwas über sich selbst zu erzählen muss sie fragen, „Möchtest du nicht doch die Geschichte vom roten Korallenarmband hören?“ (23) Man sieht wieder, dass die Erzählerin eine Geschichte braucht, sie muss aber die Geschichte ihrer Urgrossmutter benutzen.

In dieser Weise könnte man sogar das Armband und die Geschichte der Urgrossmutter gleichstellen, denn das Armband erinnert einen sofort an den fast märchenhaften Vorfall mit der schönen, quasi-gefangenen deutschen Frau, und dem rätselhaften Nikolaij Sergejewitsch. Das heisst, das Armband ist eine physische Darstellung der Geschichte von der Urgrossmutter—etwas

Greifbares das die Erzählerin anfassen kann. Wenn man so denkt, könnte man den ausgewählten Absatz anders sehen. Das Armband, wie die Geschichte der Urgrossmutter, wird durch die Generationen weitergegeben. Und ohne das rote Korallenarmband hat die Erzählerin nichts zu erzählen; ihre Tage sind „still und wie unter dem Wasser“. (22) Anders gesagt, ohne die Kraft der Geschichte wird sie von ihrem eigenen sinnlosen Leben gefangen.

Der Vergleich zwischen dem Armband und der Geschichte der Urgrossmutter ist auch in Beziehung zum Text belehrend zu betrachten. Am Ende der Geschichte geht die Erzählerin zu einem Therapeuten, eine Entscheidung, die selbst ironisch ist, denn normalerweise geht man zu einem Psychoanalytiker, um komplizierte Geschichten aus seinem eigenen Leben zu besprechen, aber die Erzählerin hat natürlich nichts über sich selbst zu sagen. Als sie da ungeschickt sitzt und sich überlegt, worüber sie reden soll, zieht sie „nervös und unsicher an dem Seidenfaden des roten Korallenarmbandes.“ (26) Es ist wieder klar, dass sie sich auf der Geschichte ihrer Urgrossmutter, in der Form des Armbandes, verlassen muss. Auch die Unsicherheit, die in dem ausgewählten Absatz zu sehen ist, und die mit dem Mangel einer Geschichte gleichgestellt wird, wird hier wieder erwähnt.

Endlich reisst das Armband wegen der nervösen Bewegungen der Erzählerin. Wenn man das Armband wieder als Symbol für eine Geschichte betrachtet, sieht man auch, dass die Geschichte der Urgrossmutter von der Prüfung des Therapeuten eigentlich nicht unberührt bleiben kann, und deshalb stürzt sie ein. Die Erzählerin selbst besitzt keine Geschichten, und in Gegenwart des Therapeuten, dessen Arbeit es ist, Geschichten der Patienten anzuhören und in einer brauchbaren Weise zu erklären, wird diese Tatsache ganz deutlich.

Hier sieht man ein neues Thema: ein Zerfall wegen der Entdeckung. Genau wie das Armband wegen des nahen Blickes des Therapeuten zerspringt, gibt es andere Beispiele, die auf diese Art und Weise funktionieren. So zeigt der erste Satz der Geschichte, dass das Leben der Erzählerin eigentlich von ihrem Besuch mit dem Therapeut zerstört wird: „Mein erster und einziger Besuch bei einem Therapeuten kostete mich das rote Korallenarmband und meinen Geliebten.“ (11) Auch erlebt die Urgrossmutter eine Form des Zerfalls, als ihr Mann an dem roten Korallenarmband erkennt, dass sie einen anderen Liebhaber hat. Der Unterschied im Fall der Urgrossmutter aber ist, dass ihr Leben nicht wegen dieser Entdeckung beendet ist, sondern man könnte sogar sagen, dass sie von jenem Punkt an wirklich zu leben anfängt. Das heisst, obwohl die Liebesaffäre von ihrem Mann herausgefunden wird, endet ihr Leben eigentlich nicht, denn ihr Geheimnis gehört wirklich ihr allein. Die Erzählerin andererseits muss die Geschichte ihrer Urgrossmutter benutzen, und ihr ganzes Leben wird zerstört, als ihr Besuch beim Therapeuten stattfindet.

Der ausgewählte Absatz also gibt der Geschichte von Judith Hermann eine ganz neue Bedeutung. Er zeigt, dass der moderne Mensch (in Form der Erzählerin) nichts Geschichtswürdiges im Leben hat. Die Eintönigkeit der grauen, ereignislosen Tagen der Erzählerin werden nur von dem abweichend-roten Korallenarmband unterbrochen. Und wenn man erkennt, wie dicht das Armband mit den Geschichten der Grossmutter verbunden ist, kann man auch sehen, dass die Leute heutzutage Geschichten aus der Vergangenheit gebrauchen müssen, um weiter zu leben. Leider muss diese Strategie auch misslingen, denn man sieht genau, dass die Geschichten eigentlich nicht zu der Erzählerin gehören, und dass ihre Erzählung und ihr Leben, wie der Seidenfaden des Armbands, endlich durch die Entdeckung reisst. Wie die Erzählerin bei sich selbst beim Therapeuten überlegt: „Ich interessierte mich ausschliesslich für mich selbst, und ist es das? dass da nämlich gar nichts ist?“ (26)

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