Justin Chen
German 161—Sammons
11/19/01

Schillers Wilhelm Tell als Christusfigur

Schon früh in Friedrich Schillers Wilhelm Tell wird es dem Leser klar, dass der Hauptkarakter eine besondere Figur ist. Wie Ruodi am Anfang sagt, „Es gibt nicht zwei, wie der ist, im Gebirge“ (10). Tells ausserordentliche Wichtigkeit für das Drama ist nicht nur wegen seines zentralen Teils in der Handlung, sondern befasst sie sich haputsächlich mit der ganz deutlichen symbolischen Rolle, die er durchgehend spielt. Offensichtlich ist der Tell ein vergeistigter Mensch; seine Sprache besteht fast völlig aus Platitüden und moralischen Sprüchen, und häufig nennt er „den Vater“ und die Weisheit Gottes in seinen Gesprächen. Interessanter noch aber sind die Zeichen, dass Tell etwa eine messianische Figur ist. Er wird von Schiller als der Retter eines unterdrückten Landes vorgestellt, und er führt seine Anhänger—man könnte sie sogar „Jünger“ nennen—in einen Kampf gegen die Tyrannei hinein. Die Parallelen zwischen Tell und Christus sind also sehr stark und interessant zu untersuchen.

Die Symbolik der Bibel wird durch den ganzen Roman ziemlich stark betont. Als Tell den Baumgarten zur Sicherheit rudert und dadurch von Schaden rettet, kommen zwei Landesbergischer Reiter in die Szene, dem Mord des Landvogts zu rächen. Als sie aber den Baumgarten nicht finden können, sagen sie boshaft zu den Umstehenden, „Ihr sollt uns büssen—Fallt in ihre Herde!“ (10). Dazu jammert Seppi, der Hirtenknabe, „O meine Lämmer!“ Wichtig zu beobachten ist, dass die bösen Reiter diese schuldlosen, wehrlosen Lämmer schlachten wollen. Diese Szene soll an das Opfer Christi erinnern—das äusserst schuldlose Lamm der Bibel. Hier werden des Königs Reiter ganz deutlich als die Feinde vorgestellt. Es gibt tatsächlich keinen Zweifel in diesem Drama, dass es bestimmte gute und böse Kräfte gibt, die gegeneinander kämpfen müssen. Dazu ist es auch wichtig zu bemerken, dass Ruodi, voller Verzweiflung am Ende der Szene, klagt, „Gerechtigkeit des Himmels, / Wann wird der Retter kommen diesem Land?“ (10). Es ist ganz klar, dass die Leute eine messianische Figur brauchen, die sie aus den Not erlösen kann. Bis jetzt ist es nicht ganz klar, wer diese Figur ist, oder genau was er tun wird, aber der Bedarf ist offensichtlich sehr stark.

Das nächste Beispiel von einer biblischen Anspielung ist der Hut, vor den der König befohlen hatte, dass alle Landleute sich verbeugen müssen. Wie der Ausrufer erklärt, „Dem Hut soll gleiche Ehre wie [dem Kaiser] selbst geschehn, / Man soll ihn mit gebognem Knie und mit / entblösstem Haupt verehren“ (17). Diese fast lächerliche Verordnung soll an die falschen Götzen des alten Testaments erinnern. Interessant ist Tells Reaktion auf diese Situation. Als der Meister Steinmetz sagt, „Seht diese Flanken, diese Strebepfeiler, / Die stehn wie für die Ewigkeit gebaut,“ antwortet Tell, „Was Hände bauten, können Hände stürzen“ (16).

Diese Äußerung von Tell hat gewisse biblische Präzedenzen. Im 3. Buch Mosis 26:1 sagt Gott zu Moses, „Ihr sollt euch keine Götzen machen und euch weder Bild noch Steinmal aufrichten, auch keinen Stein mit Bildwerk setzen in eurem Lande, um davor anzubeten.“ Tatsächlich gibt es auch ein Zitat aus 2 Könige 18, das sagt, „Da ging alles Volk des Landes in das Haus Baals und brach seine Altäre ab, und sie zerschlugen alle seine Götzenbilder.“ Hier ist ein klares Beispiel von einem falschen Götze, der von den Händen der Menschen zerstört wurde. Es ist also leicht zu sehen, dass des Königs Befehl frevelhaft und unfromm ist, und dass die Leute ihm nicht gehorchen sollen. Durch diese Erklärung sieht man, dass Tell wirklich eine heilige Figur ist. Er wird die böse Verordnung des Königs nicht ertragen, und er zitiert die Bibel als Unterstützung.

Auch im neuen Testament gibt es einen passenden Vers: „Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel“ (2 Korinther 5:1). Hier ist jetzt ganz deutlich die Sprache des Christentums. Paul, der Author des Korinther Briefes, beschreibt das versprochene Land im Himmel, wo man mit Gott ewig zusammen leben wird, im Gegensatz zu dem kurzen Leben auf der Erde. Vielleicht meint Schiller mit dieser Anspielung, dass das zeitlich abgegrenzte Leben der Menschen eine Ähnlichkeit mit der flüchtigkeit des Kaisers Hutes ist. Tell, der sich weigert, diesen Hut zu verehren, repräsentiert diese christliche Ansicht des Lebens.

Die Geschichte wird noch stärker „verchristianisiert,“ wenn Tell sich entscheidet, nach Altdorf zu reisen. Seine Frau Hedwig hat Angst davor, dass er dem Landvogt begegnen wird, aber Tell, mit der Selbstsicherheit eines Märtyrers, macht sich keine Sorgen. Hedwig sagt, „Die recht tun, eben die hasst [der Landvogt] am meisten,“ worauf Tell antwortet, „Weil er nicht an sie kommen kann“ (51). Man hört in Tells Sprache einen überzeugenden Glauben an die Kraft der Rechtschaffenheit, vielleicht vergleichbar mit der Haltung Christi, bevor er zum Tode verurteilt wird.

Die wichtigste Parallele zwischen Tell und Jesus, aber, ist dass die zwei Figuren eine Form von der Wiederauferstehung erleben. Es ist ein kritischer Teil der Christusgeschichte, dass drei Tage nachdem er auf dem Kreuz getötet und ins Grab gelegt wird, steht Jesus wieder auf und findet seine Jünger, die kaum glauben können, dass er wirklich wieder lebt. Obwohl er nie getötet wird, ist Tells Geschichte trotzdem etwas ähnlich. Gessler verrät ihn—ein bisschen wie Judas Jesus verraten hat—und will Tell nach einem Land „wo weder Mond noch Sonne [sich] bescheint“ bringen (67). Normalerweise gäbe es keine Hoffnung, mehr von dem armen Tell zu hören. Aber wie schon gesagt, ist Tell kein normaler Mensch. Zu dem Erstaunen seiner Freunden taucht Tell ganz unverletzt von seinem Abenteuer auf. Er erklärt, dass er irgendwie vom Schiff, der fast zugrunde gegangen wäre, hinausgesprungen hatte. Dieser wundertätige Vorfall, den der Fischer und der Knabe richtig ein „Wunder Gottes“ (72) nennen, ist vielleicht sogar mit einer Wiederauferstehung vergleichbar.

Auch interessant ist es zu bemerken, dass der Tell sich auf dem Wasser ein bisschen wie Jesus handelt. Wie die Jünger im Matthäus 8:25 Jesus um Hilfe bitten, („sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir kommen um!“), bitten die Steuerleute und sogar der Vogt Tell, das Schiff zu steuern.

Auch handelt Tell wie Jesus, nachdem er wieder ins Leben gekommen ist. Tell sagt zum Fischer, „Ihr werdet meinen Schwäher bei ihr finden / Und andere, die im Rütli mitgeschworen— / Sie sollen wacker sein und guten Muts: / Der Tell sei frei und seines Armes mächtig / Bald werden sie ein Weitres von mir hören“ (74). Dieses Gespräch soll an Jesus erinnern, nachdem er wiederaufgestanden ist, als er zu den Jüngern sagt, „Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, daß sie nach Galiläa gehen: dort werden sie mich sehen“ (Matthäus 28:10). Jetzt ist die Parallele zwischen Jesus und Tell vollendet—die beide haben eine Form vom Tode erlebt, und jetzt sind sie wieder auferstanden, die Gute Botschaft zu verbreiten.

Tell, denn, kann als eine Christusfigur betrachtet werden. Er ist der Retter eines unterdrückten Volkes, sowie Jesus der Retter eines ungläubigen Volkes ist. Jesus und Tell müssen beide gegen die Behörden kämpfen, und beide führen ihre Folger an eine neue, freie Welt. Jesus zeigt den Christen, dass ein reines Herz und der echte Glaube am wichtigsten vor Allem sind, und dadurch befreit er sie von der Tyrannei der jüdischen Gesetzen. Durch den Geschoss Gesslers befreit Tell die Landleute von der Tyrannei des Kaisers und von seinen uneträglichen Befehlen. Am Ende des Dramas, in einer äusserst fröhlichen Heirat zwischen Berta und Rudenz, wird Tell als „den Schütz und den Erretter“ genannt (104). Er ist eigentlich die messianische Figur „der Freiheit Land“ (104), der dem Volk ein neues Leben gegeben hatte.

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