Die große Suche Der Morgen des Tages, welcher John Silvers Leben von Grund auf verändern sollte, begann wie jeder andere seit seiner Kündigung aus dem staatlichen Observatorium. Er mühte sich mit schweren Kopfschmerzen aus dem Bett. Wie jeden Tag nahm er sich vor, mit dem Trinken aufzuhören. Und wie jeden Tag würde er dies nicht einhalten. Als er im Badezimmer in den Spiegel blickte, sagte er zu seinem Spiegelbild: "Was hast du nur aus dir gemacht?". War er früher ein relativ attraktiver Mann gewesen, der immer eine feste Beziehung hatte, so war er nun schon seit sechs Monaten single, was exakt der Zeit seit seiner Kündigung entsprach. Er hatte dringend eine Rasur nötig und auch die Dienste eines Frisörs sollte er wieder einmal in Anspruch nehmen. Seine Haut, welche immer Grund für Scherze gewesen war, weil viele seiner Freunde meinten, dass sie selbst für eine Frau zu glatt und weich gewesen wäre, war nun die eines alten gebrochenen Mannes geworden. Dabei hatte sich sein Leben so vielversprechend entwickelt. Schon während des Studiums hatte im Sommer im Observatorium gearbeitet. Die Arbeit dort machte ihm so viel Spaß, da ihn die Unendlichkeit des Alls faszinierte. Das wirkte sich natürlich positiv auf seiner Leistungen aus. So stand schon lange, bevor er sein Studium abgeschlossen hatte fest, dass er dort sein Wissen einsetzen würde dürfen. Die ersten drei Jahre im Observatorium waren voll von neuen Erkenntnissen und John machte seinen Weg. Schon bald wurde er zum Assistenten des Leiters Dr. Alec Martin ernannt. Mit diesem Mann verbrachte er viele Stunden am Teleskop, in welchen er seinen Wissensstand immer mehr erweiterte. Dr. Martin war eine Koryphäe auf seinem Gebiet und er wusste das genau. So war er im Laufe der Jahre zu einem egoistischen Menschen geworden, der keinem seiner Mitarbeiter so viel Wissen vermittelte, dass dieser für ihn eine zu ernsthafte Konkurrenz darstellen konnte. Doch da John ein sehr aufmerksamer Zuhörer war, lernte er zwischen den Zeilen zu lesen und auch die geringsten Kleinigkeiten während der Arbeit in sich aufzunehmen. Er hielt aber sein immer schneller wachsendes Wissen so weit zurück, dass Dr. Martin sich in seiner Position bedroht fühlen konnte. So verschaffte er sich ein Vertrauen, welches Dr. Martin noch keinem seiner Assistenten entgegengebracht hatte. John schaffte es einfach, Dr. Martin das Gefühl zu geben, der Größte zu sein, ohne dabei zu heuchlerisch zu wirken. Da Dr. Martin ein sehr gewichtiges Wort bei der Besetzung neuer Stellen mitzureden hatte, war es dann keine Überraschung, dass er John vorschlug, als eine neue Forschungseinrichtung in der Antarktis errichtet wurde. Während eines langen Auswahlverfahrens mussten die zwölf Kandidaten ihr Wissen und ihre Führungsqualitäten unter Beweiß stellen. Hier legte John nun sein ganzes Wissen offen. Die von Dr. Martin - freiwillig, als auch unfreiwillig - erworbenen Kenntnisse, ließen die anderen Bewerber mehr als blass aussehen. Doch auch Führungstechnik und die damit verbundene Fähigkeit Menschen zu motivieren, hatte er mitbekommen. Die Entscheidung fiel so deutlich aus, dass den anderen Anwärtern die erreichten Punktezahlen erst gar nicht mitgeteilt wurden, um sie nicht zu deprimieren. Als John erfuhr, dass die Wahl auf ihn gefallen war, konnte er sich erst gar nicht freuen. Er wusste nun gar nicht, ob er der Aufgabe überhaupt gewachsen sein würde. So tat er etwas, was er nie für möglich gehalten hätte: Er griff zum Telefonhörer und rief Dr. Martin an. Der zeigte das erste Mal, seit er ihn kannte, eine Gefühlsregung. Seine Stimme kam für einige Augenblicke ins Wackeln, aber er schaffte es sehr schnell, wieder die Kontrolle über sich zu gewinnen. Dann kehrte die alte Härte in seine Stimme zurück und er fragte John, wie blöd ein Mann sein müsse, um über so ein Angebot noch nachdenken zu müssen. Darauf konnte John nur antworten, nachdem er tief Luft geholt hatte. Dann sagte er: "Dr. Martin, ich bin ihnen sehr dankbar für alles, was ich von ihnen lernen konnte. Und das ist mehr, als ihnen wahrscheinlich bewusst ist. Deswegen wollte ich nicht weggehen, ohne mich davon zu überzeugen, dass sie mich auch sicher nicht mehr brauchen." Es passierte etwas, was John noch nie gehört hatte: Dr. Martin lachte so herzlich, dass es fast menschlich klang und nicht nach dem Roboter, den er kannte. Als der Dr. sich wieder beruhigt hatte, meinte er: "John, sie überschätzen sich so maßlos, es ist schon fast beschämend. Ich hätte ihre Selbsteinschätzung doch als besser ausgeprägt angenommen, nachdem sie so lange unter mir gearbeitet haben. Ich werde nicht mal merken, dass sie weg sein werden, ob sie das glauben oder nicht." Wieder dauerte es einige Sekunden, bis John antworten konnte: "Dr. sie sind ein eben so großer Versager in Zwischenmenschlichkeit, als sie in ihrem Beruf der Größte sind. Können sie nicht endlich mal ihren blöden, gespielten Panzer wegnehmen und den Menschen in ihnen freilassen. Das Risiko könnte sich lohnen." "John, sie sind ein naives Kleinkind. Sie glauben wirklich, nur weil wie so gut zusammengearbeitet haben, sollte sich auch eine emotionelle Bindung ergeben haben. Aber lassen sie mich ihnen eine letzte Lektion geben: Wenn sie es zu etwas bringen wollen, dann vergessen sie doch endlich ihre Gefühle.", antwortete der Dr. ganz trocken. John hätte den Dr. fast angeschrieen, aber dann erkannte er, dass es doch keinen Sinn hätte. Er sagte nur mit etwas gereizter Stimme: "Dr., sie könnten einem leid tun, wenn man in ihnen ein menschliches Wesen sehen könnte, aber sie haben ihre Menschlichkeit für ihren Erfolg geopfert. Ich werde ihnen beweißen, dass man auch trotz - oder gerade wegen - eines glücklichen Familienlebens, große Erfolge haben kann. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht irgendwann an ihrem harten Herzen zugrunde gehen." Er legte den Hörer nieder, um ihn gleich wieder aufzuheben. Das einzig was noch zwischen ihm und dem neuen Job gestanden hatte, war der Dr. gewesen und da der ja nur mehr Beleidigungen für ihn hatte, stand einer ungewissen Zukunft ja nichts mehr im Wege. Er wählte die Nummer des Personalbüros und gab dort seine Zusage bekannt. Die darauffolgenden Tage waren voll von Besorgungen. Denn man musste sich doch völlig neu einkleiden, wollte man nicht eine schlimme Überraschung erleben. Da es in Kalifornien nie wirklich Winter gab, bedurfte es der Besuche vieler kleinerer und größerer Kleiderhandlungen, bis er nach drei Tagen endlich glaubte, sich zumindest für die erste Zeit genügend gut eingekleidet zu haben. Es galt aber auch, sich von einigen Menschen zu verabschieden. Dabei kam es zu einigen doch sehr emotionellen Abschiedsszenen. Viele Tränen wurden vergossen und viele Küsse und Umarmungen zeigten ihm, wie viele Leute ihn doch vermissen würden. Doch im großen und ganzen konnte er nicht sagen, dass ihn irgend etwas halten konnte. An seinem letzten Tag in Kalifornien ging er am Strand spazieren, er wollte diese Atmosphäre einfach nochmals in sich aufnehmen. Die nächsten Spaziergänge am Meer würden am Rand einer Eisscholle stattfinden. Das würde nicht im geringsten an das Bild herankommen, welches sich einen bot, wenn die Sonne am Horizont unterging. Doch er war der festen Meinung, dass er auch an der antarktischen Landschaft etwas finden würde, was ihn aufbauen konnte. Den Tag beschloss er mit dem Besuch eines Fastfoodrestaurants. Seine Vorliebe für Fastfood, welche seine einzig wirklich große Schwäche war, würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit im ewigen Eis nicht mehr befriedigen können. Während seiner letzten Nacht hatte er Probleme einzuschlafen. Zu groß waren plötzlich die Zweifel, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Stundenlang wog er die Vorteile und Nachteile ab. Doch da er die Entscheidung ja schon getroffen hatte, war es eigentlich nur müßig, diese Überlegungen zu betreiben. So befand er sich bald auf der Reise in seine neue Heimat. Während des Fluges konnte John ganz klar die Veränderungen der Natur erkennen. Schon nach einigen Stunden waren die ersten Eisberge zu erkennen, die gegen das zu warme Wasser ankämpften. Als sich das Flugzeug zur Landung senkte, stieg Johns Anspannung ins Unermessliche. Hatte er einen Fehler gemacht? Sollte dies die größte Fehlentscheidung seines Lebens gewesen sein? Doch schon nachdem er sich sein Gepäck geholt hatte, beruhigte er sich wieder, denn er wurde von seinen Mitarbeitern abgeholt. Diese empfingen ihn mit einer derartigen Herzlichkeit, dass ihm ganz warm ums Herz wurde. Während der Fahrt in das Auffanglager, in welchem die Belegschaft der neuen Forschungsstation auf die übrigen Mitglieder wartete, freundete er sich mit ihnen an. Seine letzten Zweifel verflogen und er freute sich auf die Zusammenarbeit und die Herausforderungen, welche auf sie zukamen. Wie John während dieser Fahrt erfuhr, war er der vorletzte, was hieß, dass die letzte Etappe seiner Reise nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Nach drei sehr angenehmen Tagen im Lager, wo er seine neuen Mitarbeiter noch besser kennenlernte, ging es nun daran, die letzte Etappe zur Forschungsstation zu überwinden. Überwinden traf die, von der achtköpfigen Gruppe zu bewältigende, Strecke sehr gut. Denn obwohl die Forschungsstation nur zirka dreißig Kilometer vom Lager entfernt lag, wurden dafür drei ganze Tagesreisen gerechnet. Es war nicht der harte, gefrorene Boden, der das Weiterkommen so erschwerte. Es war vielmehr die Tatsache, dass die letzten zehn Kilometer über ein Gebiet führten, welches schon auf dem Eis lag, also kein fester Boden mehr unter der Eisschicht zu finden war. Auch das wäre in den meisten Jahren kein Problem gewesen, da die Eisschicht im Normalfall an die fünfzehn Meter maß. In diesem Jahr hatte sich jedoch ein großer Eisberg gelöst und hatte einen Riss erzeugt, welcher an manchen Stellen an die zwei Meter breit war. So hatte die an sich nicht sehr kräftige Sonne das Wasser erwärmt und die Eisschicht war geschrumpft. Es galt nun, die gewählte Strecke im vorhinein immer von einem Ortsansässigen überprüfen zu lassen und unter Umständen waren weite Umwege nötig, um weiter zu kommen. Doch dachte niemand an Aufgabe. Man verließ sich darauf, sollte es auch länger dauern, würde man früher oder später in der Forschungsstation ankommen und sich seiner neuen Verantwortung stellen können. Wie sich zeigen sollte, lagen die Reisenden mit ihrem Optimismus zwar richtig, es dauerte jedoch nicht drei Tage, sondern fast zwei Wochen, bis sie das erste Mal die Forschungsstation sahen, welche für die nächsten drei Jahre ihre Heimat sein würde. Und auch dann konnten sie noch nicht durchatmen, denn die Station lag auf einem Berg, welcher durch überraschend gefallenen Schnee zur Rutschbahn geworden war. Das erschwerte die Sachen deswegen noch zusätzlich, weil sich zwei der Reisenden das Fußgelenk verstauchten und so nicht mehr alle Steigungen in der notwendigen Geschwindigkeit bewältigen konnten. Doch auch diese Schwierigkeiten wurden gemeistert und so schafften sie es, zwar mit dreizehntägiger Verspätung, jedoch im großen und ganzen wohlauf in der Forschungsstation anzukommen. Da sie dem Zeitplan, der ihnen von ihren Geldgebern auferlegt worden war, nun schon sehr beträchtlich hinterher hinkten, mussten sie darauf verzichten, sich einzuleben und ihren Zimmern eine persönliche Note zu geben. Es galt eine große Computeranlage in Betrieb zu nehmen und ein Teleskop einzurichten, mit welchem John noch nie gearbeitet hatte. Die Arbeit mit dem Computer fiel nicht in sein Ressort, aber im Bezug auf das Teleskop war er der Hauptverantwortliche. Seine zwei Assistenten waren zwar sehr fleißige und kluge Mitarbeiter, jedoch hatten sie ihre Ausbildung an der Universität erst ein Jahr vorher abgeschlossen und verfügten so über nur sehr wenig Praxis. Das war John aber nur recht. Denn er hatte sich eine eigene Arbeitsweise angeeignet und seine Assistenten eine solche noch nicht hatten, würde er sie leicht von der Sinnhaftigkeit seiner Methoden überzeugen können. Da John schon mit den verschiedensten Teleskopen gearbeitet hatte und er das seltene Glück hatte, dass einer seiner Studienkollegen an dessen Entwicklung mitgearbeitet hatte, fand er sich auch bald mit der Bedienung dieses neuen Exemplars zurecht. Es war keineswegs der letzte Stand der Technik. Das war für ihre Aufgaben aber auch gar nicht notwendig. Sie sollten lediglich das eigene Sternensystem weiter erforschen. Die Idee für dieses Unternehmen wurde während einer Konferenz der führenden Astronomen geboren. Sie hatte festgestellt, dass man zwar schon in Weiten sehen konnte, welche hundert Jahre zuvor noch nicht im Traum als realisierbar angenommen worden waren, es jedoch noch immer riesige Löcher im Wissen um das eigene Sternensystem gab. John war diese Aufgabe von Anfang an als sehr interessant vorgekommen, obwohl einige seiner früheren Kollegen ihn davor gewarnt hatten, das würde mit der Zeit etwas langweilig werden. Aber John hatte schon immer etwas dagegen gehabt, über ein Gebiet, welches noch nicht fertig erledigt war, hinaus zu arbeiten. Es waren die Feinheiten, welche sie feststellen und zu einen neuen Gesamtbild zusammensetzen würden, welche ihn zuversichtlich stimmten. Die ersten Wochen waren von den verschiedensten Ups und Downs geprägt. Sie hatten anfangs Probleme damit, den Rechner und das Teleskop zu synchronisieren. Beide arbeiteten im Inselbetrieb sehr gut, versuchte man jedoch die Daten vom Teleskop über das Berechnungssystem auszuwerten, dann kamen nur sehr ungenaue Ergebnisse zustande. Das bedeutete, dass sie an die sechzehn Stunden täglich arbeiten mussten, um die Daten händisch einzugeben. So kam ihr Privatleben sehr kurz und sie konnten sich nur während der Arbeit besser kennenlernen. Natürlich kam es aufgrund des Schlafmangels zu Spannungen und so waren es von der persönlichen Seite keine guten Voraussetzungen für einen guten Beginn. Als das Rechnerteam einen Fehler in der Rechneranlage fand, war es nur mehr eine Frage der Zeit, bis sie ein gut laufendes System zur Verfügung hatten und nur mehr einige Performanceverbesserungen vorgenommen werden mussten. Da John als Stationsleiter auch für die Stimmung der Belegschaft zuständig war, beschloss er, ein Einweihungsfest zu veranstalten. Er beschloss aber, sich damit einige Tage Zeit zu lassen, da er selbst merkte, dass einige Nächte mit ergiebigem Schlaf sicherlich wichtiger waren, als sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Als sich die allgemein schon sehr bedenkliche körperliche Verfassung wieder gebessert hatte, bestellte er für eine der wöchentlich ankommenden Hubschrauberlieferungen einige Flaschen Sekt und andere Getränke, welche man für eine kleine Feier braucht. Da es noch keinen Raum gab, welchen man als Freizeitraum bezeichnen konnte, besprach er sich mit den Anderen und sie beschlossen, mehr Ordnung in ihre Geräte und das überall herumstehende Zubehör zu bringen. Hatten sie bisher die benötigten Sachen immer getrennt aufbewahrt, so überlegten sie sich in einigen Stunden, welche voll von hitzigen Diskussionen waren, eine neue Lagerstrategie. Sie schafften es recht gut, ein Lagersystem zu entwerfen welches keiner ablehnte. Jeder musste zwar auf einige Vorteile seiner früheren Aufbewahrungsplätze verzichten, jedoch als sie nach der Umgliederung einen ganzen Raum frei hatten und diesen noch mit Einrichtungsgegenständen aus ihren eigenen Zimmern wohnlich gemacht hatten, war die allgemeine Stimmung so gut, wie sie es zuletzt im Lager vor der Reise gewesen war. So stand auch der Feier nichts mehr im Wege. An einem Freitag als sie das Abendessen beendet hatten und sich schon einige in ihre Zimmer zurückziehen wollten, bat er sie, noch ein wenig zu bleiben und holte die Kiste mit den Getränken herein. Dann erhob er die Stimme und sagte: "Liebe Freunde, ich möchte den heutigen Abend für eine kleine Einweihungsparty für unsere neue Heimat nützen. Ich hoffe auf ein erfolgreiches Leben gemeinsam. Ich darf euch nun bitten, die Kisten zu öffnen und euch zu bedienen." Die Party war der volle Erfolg. Schon nach einer Stunde war die vorher doch sehr formelle Stimmung einer freundschaftlichen Atmosphäre gewichen und es die ersten Freundschaften fanden an diesem Abend ihren Anfang. Der Alkohol tat sein übriges und es entwickelte sich eine wirkliche Party, auf welcher sich ein Assistent und eine Technikerin sehr nahe kamen. Sie zogen sich schon sehr früh zurück und erschienen auch am nächsten Morgen gemeinsam beim Frühstück. Dass sie einige Wochen später auch ihr Quartier teilten, überraschte dann keinen mehr. Gestärkt durch ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, lief die Arbeit ab diesem Zeitpunkt um einiges schneller und machte natürlich auch um einiges mehr Spaß. War John vorher oft als Vermittlungsperson zwischen den einzelnen Gruppe aufgetreten, so fielen diese administrativen Tätigkeiten jetzt von ihm ab. Jetzt koordinierten sich die einzelnen Bereiche selbst und er konnte sich mit voller Kraft seiner eigenen Arbeit widmen. Diese brachte einige wichtige Richtigstellungen über das Gravitationsverhältnis der Planeten unseres Sonnensystems. Diese riefen in der Astronomenwelt große Aufmerksamkeit hervor, da sie einige grundlegende Zusammenhänge über den Haufen warfen und vieles sehr viel verständlicher machten, was früher nicht erklärbar gewesen war. Doch so gut die Arbeit auch verlief, John kam nicht mit der Abgeschiedenheit zurecht. Immer wieder litt er an Anfällen von Platzangst und Depressionen. Nur schwer konnte er seine Probleme vor seinen Mitarbeitern verstecken. Bald wurden diese Anfälle so heftig, dass er während des Besuchs eines Ärzteteams einen Psychologen besuchte. Dieser zeigte keinerlei Befürchtungen, dass sich seine Anfälle auf die Arbeit auswirken würden. Trotzdem verschrieb er ihm ein Medikament, welches seine seelische Verkrampfung lösen sollte. Zusätzlich zeigte er ihm eine spezielle Meditationstechnik, welche schon von Astronauten erfolgreich angewendet worden waren. Das wichtigste aber wäre, sich einen Freund zu suchen, mit welchem er über seine Probleme sprechen konnte. Denn sie in sich hinein zu fressen würde über kurz oder lang in einer Explosion resultieren. John nahm regelmäßig seine Medikamente und meditierte. Damit besserte sich seine Verfassung bald wieder merklich. Doch die Sache mit der Freundschaft war nicht ganz so leicht. Denn als Leiter der Station war es immer wieder notwendig, jemanden zu überstimmen und das wirkte sich nicht gut auf die Beziehung zu seinen Mitarbeitern aus. So wurde er zwar von allen respektiert und es gab auch sehr viele vergnügliche Abende. Doch lag immer der Nebel der Distanz über den Gesprächen und so gab er es mit der Zeit auf, jemanden näher zu kommen. Das wirkte sich jedoch schon einige Monate später negativ aus, als es ziemlichen Stress bei der Arbeit gab. Die langen Nächte, die als Sonderschichten eingeschoben werden mussten, waren eine ziemliche Belastung für alle. Für John jedoch, der keine Freunde hatte, mit denen er seine Probleme besprechen konnte, waren sie nur sehr schwer zu bewältigen. Er wurde immer gereizter und nach einigen Wochen zeigten sich auch die ersten Reaktionen bei den anderen. Sie arbeiteten immer mehr an ihm vorbei und er verlor die Zusammenhänge. So berief er eine Besprechung, um mit ihnen darüber um sprechen. Dabei wurden sehr viele harte Worte gesprochen. Dann aber lenkte John das Gespräch in eine andere Richtung. Da er den Grund für die Handlungsweise seiner Mitbewohner erkannt hatte, sprach er ganz offen über seine Probleme, in der Hoffnung, ihr Verständnis zu erringen. Doch wie die nächsten Tage zeigen sollten, schwenkte ihre Haltung zu ihm nun von Misstrauen in Mitleid um. Hatte er schon unter dem Misstrauen sehr gelitten, so war das Mitleid noch schwerer zu verkraften. Vorher hatte es sich wenigstens hinter seiner Vorgesetztenrolle verstecken können, jetzt aber wusste jeder von seinen Problemen und so war seine Stellung nun noch mehr geschwächt. So kamen seine Depressionen bald in voller Stärke zurück. Er versteckte sie zwar sehr gut, jedoch war dies nun unmöglich, nachdem die anderen wussten, dass er Probleme hatte. So verschlimmerte sich Johns Verfassung immer mehr. Dies wirkte sich anfangs nicht auf die Arbeit aus, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis auch hier die ersten Auswirkungen zu sehen waren. Da John der einzige als kompetent zu bezeichnende Astronom im Team war und er nur mehr sehr schwer die nötige Konzentration aufzubringen, passierten sehr viele schwerwiegende Fehler, welche auch sehr bald von ihren Geldgebern bemerkt wurden, raffte sich John auf und dieser Zustand verbesserte sich plötzlich wieder. Kurzzeitig errangen sie Erkenntnisse, welche der Fachwelt genug Gesprächsstoff für die nächsten Jahre liefern sollten. Trotzdem war John keineswegs glücklich. Es war für ihn zeitweise unerträglich, von den anderen so abgekapselt zu sein und aufgrund der großen Entfernung zur Zivilisation fehlte ihm natürlich auch jegliche Ablenkung von seiner misslichen Lage. So dauerte es nicht lange, bis sich sein apathischer Zustand wieder einstellte und mit dieser Rückkehr auch seine Leistung wieder nachließ. Diesmal schaffte er es auch nicht mehr, seine Probleme unter Kontrolle zu bekommen, als sich die Geldgeber nach den Gründen des Leistungsabfalls erkundigten. Es blieb ihm im Endeffekt nichts anderes mehr übrig, als ihnen von seinen Problemen zu berichten. Sie zeigten gleich vollstes Verständnis dafür und boten ihm an, einen Spezialisten für solche Fälle zu engagieren. Da er sie nicht enttäuschen wollte, nahm er ihr Angebot an, obwohl er nicht glaubte, dass dies etwas an seiner Situation ändern würde. Als das Ärzteteam zu seinem nächsten Planbesuch kam, war unter den bekannten Ärzten ein neuer Arzt, welcher John gleich um eine Unterhaltung unter vier Augen bat. John bot an, diese in seinem Quartier zu führen. Dort angekommen, öffnete er seine Tasche und entnahm dieser einen riesigen Stapel Formulare und fügte noch die Bitte hinzu, dass John sich Zeit bei der Bearbeitung dieser Unterlagen lassen sollte. Wie John gleich feststellte, handelte es sich bei den Unterlagen um psychologische Fragebögen. John beantwortete alle der gestellten Fragen nach bestem Gewissen. Er hatte das Gefühl, dass gekünstelte Antworten sich negativ auf das Ergebnis auswirken würden. Als er nach fast vier Stunden mit allen Fragen fertig war, gab es noch ein kurzes Gespräch mit dem Arzt, der ihm einige sehr seltsame Frage stellte. Es schien so, als wären ihm die Antworten völlig egal, es schienen eher Johns Reaktionen und Gestiken sein Interesse zu erwecken. Als auch dieser Teil der Untersuchung beendet war, bat der Doktor John, sich nun wieder seiner Arbeit zu widmen und sich keine Gedanken zu machen. Er erklärte John, dass es bei den Tests keinesfalls um die Infragestellung von Johns beruflicher Laufbahn gehe, sondern lediglich Wege gefunden werden sollten, um ihm zu helfen. Als er sich verabschiedete, kündigte er die Ergebnisse für den nächsten Besuch an. Das enttäuschte John doch sehr, da er angenommen hatte, noch bei diesem Besuch der Ärzte etwas zu erfahren. So würde er drei Wochen warten müssen und das war doch ein schwerer Schlag für ihn. Trotzdem verbesserte sich Johns Verfassung während der nächsten Tage sehr, da er nun entgegen seiner früheren Meinung doch daran glaubte, dass ihm durch eine gezielte Behandlung doch noch geholfen werden könne. Da er durch einige der Aufgaben aber noch immer überfordert war, berief er eine Besprechung ein und berichtete seinen Kollegen von der Entwicklung seines Zustandes. Er schaffte es, dies mir ein wenig Humor zu tun und so lockerte sich die Stimmung unter den Anwesenden. Dann machte es einen Vorschlag, welchen er noch sehr bereuen sollte. Er schlug zwei der Abteilungsleiter als stellvertretende Stationsleiter vor. Er bat diese beiden, ihm einen Teil seiner administrativen Aufgaben abzunehmen und so die Zeit bis er wieder vollständig gesundet sein würde, zu überbrücken. Die beiden nahmen bereitwillig an. Schon die nächsten Tage zeigten, dass dies ein großer Fehler gewesen war. Die beiden übertrafen sich an Eifer, wenn es darum ging, sich als Johns Nachfolger zu profilieren. Es war sehr schwer für John, seine Enttäuschung zu verbergen. Hatte er nur den Betrieb der Station bis zu seiner Gesundung sicherstellen wollen, so zeigte sich sehr bald, dass die anderen Mitarbeiter mir der Veränderung sehr zufrieden waren. Er machte zwar gute Miene zum bösen Spiel, aber innerlich zeichnete sich ein totaler Zusammenbruch ab. Johns einziger Lichtblick war der nächste Besuch der Ärzte, denn er versprach sich von den Ergebnissen der Teste doch sehr viel und war fest der Meinung, dass es - zwar mit einigen Anstrengungen - eine Heilung für ihn geben musste. Der Besuch der Ärzte verschob sich um eine Woche, da ein schwerer Schneesturm eine Anreise mit dem Hubschrauber unmöglich machte. Das machte die Situation für John sehr unangenehm. Er hatte sich seine Kraft gut eingeteilt und die Verzögerung verlangte ihm sein letztes ab. Als er dann endlich die Nachricht über die Ankunft des Hubschraubers bekam, war er vor Erleichterung den Tränen nahe. Seine Zuversicht wuchs und das erste Mal seit vielen Tagen fühlte er wieder etwas Mut in sich aufsteigen. Als der Psychologe ihn abholte und ihn bat, ihm in sein Quartier zu folgen, wurde er schrecklich nervös, jedoch nicht auf die unangenehme negative Weise sondern es war jene Nervosität, welche Kinder verspüren, wenn sie vor dem Christbaum stehen und nur mehr an das Öffnen der Pakete denken. Nachdem der Arzt die Tür geschlossen hatte, drehte er sich zu John um und warf ihm einen Blick zu, welcher alle Kraft aus dessen Körper schwinden ließ. Er bat John sich nieder zu setzen und begann ihm dann zu erklären, dass die Tests keine guten Ergebnisse gebracht hatten. Sie hätten gezeigt, dass John einen schweren seelischen Schaden erlitten hatte, da er seine Probleme zu lange in sich vergraben hatte. Weiters meinte er, John könne auf längere Dauer geholfen werden, wenn er sich in ärztliche Aufsicht begeben würde. John hatte angenommen, einige Medikamente, gelegentliche Besuche eines Arztes und die Mithilfe seiner Kollegen würden reichen, um seine Krankheit zu besiegen. Die jetzt gehörten Worte ließen eine Welt für ihn zusammenbrechen. Alles, wofür er sein ganzes Leben gearbeitet hatte, war nun in frage gestellt. Er spürte eine Wut ihn sich aufkommen, welche seinen Schädel zu sprengen drohte. Alle seine Muskeln waren in einem solchen Maße angespannt, dass es schmerzte. Er konnte gar keinen klaren Gedanken mehr fassen und jegliche Vernunft war aus ihm gewichen. Er klärte den Arzt darüber auf, dass er diese Entscheidung nicht akzeptieren konnte und sich von niemanden seinen Job streitig machen lassen würde. Dann bat er ihn lautstark, sein Quartier zu verlassen und sich hier nie wieder blicken zu lassen. Der Arzt versuchte noch, ihn zu beruhigen und ihm klar zu machen, dass es nicht aussichtslos war, schien dann aber zu erkennen, dass er nichts mehr ausrichten konnte und ließ John in seinem Elend allein. Als der Arzt das Zimmer verlassen hatte, versperrte er die Tür und legte sich auf sein Bett. Eine Flasche Hochprozentiges hatte er auch dabei und so vergaß er schon nach wenigen Minuten die ganze Sache oder besser, glitt in den fatalsten Vollrausch seinen bisherigen Lebens. Der nächste Morgen war in zweierlei Hinsicht die Hölle für John. Machte ihm schon ein Kater, welcher besser als Gehirntod bezeichnet werden sollte, riesige Schwierigkeiten, so waren die Gedanken an seine ungewisse Zukunft um einiges schmerzhafter. Nach dem er das eben erst zu sich genommene Frühstück wieder von sich gegeben hatte und die Kopfschmerzen mit Schmerztabletten betäubt hatte, war er zumindest körperlich einigermaßen wieder hergestellt. Doch der Kampf, welcher sich hinter seine Stirn abspielte, war nun erst richtig entbrannt. Er begann sich Gedanken über die Diagnose des Arztes zu machen. Konnte das Ergebnis eines so langwierigen Tests bezweifelt werden? John konnte diese Frage für sich nur mit nein beantworten. Diese Erkenntnis machte die ganze Situation für in nur noch aussichtsloser. Seine Reaktion dem Arzt gegenüber war die eines Schweins auf dem Weg zur Schlachtbank gewesen. Er hatte einfach Todesängste empfunden, da seine Arbeit für ihn alles bedeutete und so das drohende Ende seines Aufenthaltes gleichzusetzen war mit einer schweren Krankheit. Da er ein - wie er immer geglaubt hatte - vernünftiger Mensch war, kam er aber doch zur Besinnung und griff schon am gleichen Vormittag zum Telefon, um den Arzt anzurufen. Dieser freute sich sichtlich über die reumütigen Worte Johns, meinte jedoch, dessen Reaktion sei keinesfalls außergewöhnlich gewesen. Es sei im Gegenteil meist eher der Fall, dass er sein Elektroschockgerät anwenden musste, um nicht verletzt zu werden, wenn es Menschen so schwerwiegende Veränderungen in ihren Leben mitteilte. Dann fragte John ihn nochmals, wie groß seine Chancen seinen, seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Dieser antwortete ihm, er müsse sich wohl doch um einen neuen Arbeitsplatz umschauen. Er würde schon bald wieder seine voll Leistung bringen können, jedoch würde jeder Tag, welchen er in einer so abgeschiedenen Gegend verbringen würde, nicht nur eine Gefahr für Johns eigene Gesundheit, sondern auch für die seiner Mitarbeiter darstellen. Da John nun nicht mehr so überrascht war, wie am Vortag, wo der doch mit anderen Erwartungen in das Gespräch gegangen war, reagierte er jetzt sowohl innerlich, als auch äußerlich ganz ruhig. Die Diagnose des Arztes hörte sich jetzt nicht mehr ganz so katastrophal an. Hatte er am Vortag seine ganze Karriere schon als verloren gesehen, so waren seine Möglichkeiten nach neuerlicher Überlegung zwar nicht mehr die selben wie vorher, aber es sollte sich für einen so fähigen Mann auch eine Stelle in einer Stadt finden lassen, wo er seine Fähigkeiten würde einsetzen können. John bat den Arzt, ihm noch einige Stunden zur Verdauung dieser großen Veränderungen zu geben, damit er dann seine weiteren Schritte bekanntgeben konnte. Schon nach nur etwas mehr als einer Stunde berief er eine Stationsversammlung ein, wo er seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekanntgab und seinen vorübergehenden Nachfolger benannte. Diese Entscheidung konnte niemand anzweifeln. Es war John ein großes Vergnügen diese Stelle nicht den beiden Männern zu geben, denen er schon die teilweise Leitung übertragen hatte, sondern einer Technikerin, welcher er um einiges mehr vertraute. Dann zog er sich auf sein Zimmer zurück, um seiner Sachen zu packen. Erst, als er all seine Habseeligkeiten verstaut hatte, griff er zum Telephonhörer und rief den Arzt an. Er wollte einfach so schnell wie möglich nach Bekanntwerdung seines Versagens selbst im Hauptquartier der internationalen Astronomiebehörde sein, um allen zu zeigen, dass sein psychischen Versagen auf der Station nicht einmal im geringsten etwas mit seiner Qualifikation als Wissenschaftler zu tun hatte. Als er den Arzt nach einiger Wartezeit ans Telephon bekam und diesem seine Entscheidung mitteilte, nahm er diesem das Versprechen ab, die ganze Sache noch nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Er wolle erst einmal einen gewissen Grad der Genesung abwarten, bevor er sich dem allgemeinen Spott und der Verachtung stellen wollte. Als er dem Arzt mitteilte, er wolle so schnell wie nur möglich die Station verlassen, antworte dieser mit einen klar hörbaren Gefühl der Erleichterung, er habe schon einen Hubschrauber weggeschickt, da er diese Reaktion Johns vorausgeahnt hatte. John nahm ihm diese Vorhersage nicht ganz ab. Er glaubte vielmehr, dass er auch gegen seinen Willen hätte mitfliegen müssen. Obwohl er sich ein wenig überrumpelt fühlte, war er trotzdem froh, noch soviel Kraft aufgebracht zu haben, um diesen letzten Rest an Selbstachtung zu erhalten. John hatte alle seine Sachen verstaut, als sich eine Gruppe vom Mitarbeitern bei ihm einfand, um ihm eine baldige Genesung und viel Glück in seiner weiteren Berufslaufbahn zu wünschen. Er versuchte, zumindest nach außen einen gefestigten Zustand zu vermitteln, denn innerlich war er ein gebrochener Mann. Der Flug mir dem Hubschrauber würde in seiner Erinnerung immer einen tiefen Riss in seiner Lebenslinie bedeuten. Dieser Flug verkörperte für John das Ende des Lebens, das er bis dahin gekannt hatte. Nie wieder würde er jene - ihm eigene - Selbstsicherheit zurückerlangen, nie wieder mit so viel Mut und ohne zurück zu sehen einen neuen Lebensabschnitt in Angriff nehmen. Das würde sich verheerend auf seine Karriere auswirken, das wusste er, aber zu tief war die seelische Wunde, welche ihm während seines Aufenthalts auf der Forschungsstation zugefügt worden war. Da man ihm den Aufenthalt in der Abgeschiedenheit so kurz, als nur irgendwie möglich gestalten wollte, hatte man den Anschlussflug nach Amerika schon eine Stunde nach Ankunft in der Außenstation gebucht. Er flog mit einigen Touristen, welche eine Wanderung durch die Eiswildnis unternommen hatten in seine Heimatstadt zurück. Schon der Blick aus dem Fenster während des Landeanfluges ließ die letzten Hemmungen in John zusammenbrechen. Ihm war in keinster Weise bewusst gewesen, wie sehr er in der Isolation gelitten hatte. Er musste einen Weinkrampf unterdrücken, um nicht gleich in eine geschlossene Anstalt eingeliefert zu werden. Diese Mühe wäre nicht notwendig gewesen, denn in der Flughafenhalle erwarteten ihn schon der ihm schon bekannte Arzt und drei Pfleger. Als der Arzt sah, dass John sich in einer - an den Umständen gemessen - guten Verfassung befand, gab er diesen ein Zeichen, sich zu entfernen. John machte keine Anstalten, sich zu verstellen und fragte den Arzt gleich, was es denn mit diesen Männern auf sich hätte. Dieser erklärte, dass nicht alle so gefestigt die Rückkehr in die Zivilisation überstanden und meist eine Zwangsjacke die einzige Möglichkeit war, um sie unbeschadet vom Flughafen wegzubringen. John teilte ihm mit, dass er nicht in der Verfassung war, die man seinem Äußeren entnehmen sollte und bat ihn, sich entfernen zu dürfen. Darauf erwiderte der Arzt, das sei nicht möglich, da erst festgestellt werden musste, ob er allein gelassen werden konnte. Dies würde eine Wochen dauern und John würde nicht gleich wieder auf sich allein gestellt sein. John war zwar nicht froh über diese Entwicklung, hatte aber eine ähnliche schon vorausgeahnt und so traf es ihm weniger hart, als es der Arzt vielleicht erwartet hatte. Die nächsten drei Wochen waren dann eher zu den ereignislosesten in Johns Leben zu zählen. Er musste sich lediglich einer ganzen Reihe von Tests unterziehen, war sonst den ganzen Tag ohne besonderer Beschäftigung. Der verwirrenste Aspekt an dieser Zeit war, dass man in von der Forschungsstation abgezogen hatte, um einen bleibenden Schaden durch die Einsamkeit zu verhindern. Dort hatte er aber zumindest Ablenkung in seiner Arbeit gefunden und - wenn auch nur arbeitsbezogen - Gespräche mit seinen Mitarbeitern geführt. Hier war er den ganzen Tag ganz alleine, wenn man von den Untersuchungen absah. Er fühlte sich den ganzen Tag über beobachtet. Dieses Gefühl machte seinen psychischen Zustand in keinster Weise besser. Die Ungewissheit, ob er nun völlig verrückt würde oder wirklich unter Beobachtung stand, machte ihm aber mehr zu schaffen, als das Gefühl an sich. Da er es nach einigen Tagen der Unsicherheit nicht mehr aushielt, brachte er während einer der Sitzungen mit seinem Psychologen die Sprache auf dieses Gefühl. Dieser versuchte erst gar nicht, ihm etwas vorzumachen. Er erklärte John, die Tests, welche er durchlaufen hätte, würden nur einen geringen Anteil an den Ergebnissen liefern, welche aus seinem Aufenthalt gewonnen werden sollten. Den Hauptanteil würden die ganztägigen Beobachtungen beitragen. Diese würden jetzt natürlich ein Ende haben, da sie nur einen Sinn hätten, wenn der zu Beobachtende nichts davon wusste. Der Arzt meinte zu Johns Erleichterung, dass eine sofortige Rückführung in die Gesellschaft kein Problem darstellen sollte. Dies würde zwar nur schrittweise passieren, was hieß, dass John noch nicht aus der Klinik entlassen werden würde. Er würde sich eine Arbeit suchen können, die Freizeit während der ersten Wochen jedoch unter ärztlicher Aufsicht verbringen müssen, um seine Entwicklung zu überwachen. Erst, wenn sichergestellt sein würde, dass keine Gefahr mehr für Johns Seelenzustand gab, würde er vollständig in sein eigenständiges Leben zurückkehren können. Allein der Gedanke, wenn auch nur partiell, wieder unter Menschen zu kommen, versetzte John in einen solchen Glückszustand, dass er sich das erste Mal nach vielen Monaten wieder völlig gesund fühlte. Er teilte diese innerliche Veränderung dem Arzt auch gleich mit. Dieser jedoch warnte ihn vor zu überschwänglicher Euphorie. Er erzählte John von seiner Erfahrung mit Patienten, die in die Gesellschaft zurückgekehrt waren und dort keinen Fuß mehr fassen konnten. Johns Laune verschlechterte sich gleich wieder und er fragte den Arzt, ob seiner Meinung nach, die Gründe eher bei den Patienten oder der Gesellschaft zu suchen seinen. Der Arzt antwortete nach einiger Überlegung, dass es meist die Patienten selber seien, die sich in ihrer schlechten Verfassung ein Bild über das "normale" Leben geschaffen hatte, welchem dieses dann jedoch in keinster Weise entsprach. Viele würden alle Probleme vergessen und so am alltäglichen Leben zerbrechen. Nur in sehr seltenen Fällen - und dies würde auch in Johns Fall eine große Gefahr darstellen - würde auch die Gesellschaft zu Rückfällen beitragen. Dies sei meist bei Menschen der Fall, welche eine gewisse Stellung in ihrem Beruf hätten. John war sehr froh über die Ehrlichkeit des Arztes. So war er vorbereitet auf die zu überwindenden Hürden. Schon am nächsten Morgen verließ er die Klinik das erste Mal alleine. Er hatte an diesem ersten Tag nicht vor, sich gleich auf Arbeitssuche zu begeben. Er wollte erst seine Verwandten und einige Bekannte besuchen. Diese hatten nichts von seinen Problemen erhalten, da es aufgrund der Behandlung nicht als gut erachtet worden war, ihn mit nahestehenden Menschen zusammen zu bringen. Die Besuche verliefen sehr gut. Alle freuten sich über die überraschende Rückkehr Johns und zeigten vollstes Verständnis für seine schwierige Lage. Vor der Rückkehr in die Klinik schaute er noch in seiner Wohnung vorbei, wo sich seit seiner Abreise nichts verändert hatte. Die gewohnte Umgebung ließ die innere Verkrampfung wieder um einiges lockerer werden. Als der den Ärzten bei der abendlichen Untersuchung von dem Besuch in seiner Wohnung erzählte, meinte diese, sie hätten ihm in dieser frühen Phase davon abgeraten so abrupt in einen so intimen Bereich seines Lebens einzutreten. Sie meinten aber, es zeuge von einem guten Genesungsverlauf, dass John es so gut verkraftet hatte. Viele Patienten, welche diesen Fehler gemacht hatte, hatten schwere Rückfälle erlitten oder seien erst durch diese übermächtigen Gefühle wirklich ernsthaft krank geworden. John versicherte ihnen, dass er jetzt ein viel besseres Gefühl habe. Es also in seinem Fall positiv gewesen war, dieses Risiko einzugehen. Da dieses Argument so überzeugend war, gaben die Ärzte nun auch endlich dem Wunsch nach, seinen früheren Arbeitsplatz im Observatorium zu besuchen. Sie rieten ihm aber, den Kontakt mit Dr. Martin so kurz wie nur irgendwie zu gestalten, da dieser mit seinem harten Wesen nicht sehr förderlich für seinen Heilungsprozess sein konnte. Als John am nächsten Tag kurz nach Mittag den Sicherheitsschlüssel in das elektronische Schloss der schweren Eingangstür des Observatoriums steckte, fing sein Herz wie wild zu rasen an. Es war wieder eine Anspannung in seinem Inneren zu spüren, welche ihm angst machte. Er zog den Schlüssel wieder aus dem Schloss und ging schon wieder den langen Weg zum Parkplatz hinunter, als er hinter sich eine Stimme hörte. Als er sich umdrehte, hatte er das Gefühl als wollte sein Herz den Dienst verweigern. Der Mensch, den er da sah, war der einzige, welchen er in seiner jetzt wieder nicht so guten Verfassung, nicht sehen wollte. Es war Dr. Martin, welcher auch gleich mit seinem hinkenden Gang auf ihn zukam. Dann konnte John seinen Augen nicht trauen: Dr. Martin lächelte! Noch nie hatte er eine solche Regung in dem Gesicht des verbitterten Mannes gesehen. Als der Dr. bei ihm angekommen war, schüttelte er ihm fester die Hand, als man es von einem so kalten Menschen erwarten konnte. Dann begrüßte er John mit den Worten: "Ich begrüße sie John. Sie sollten sich aus ihrem Versagen nicht zuviel machen!" John zuckte zusammen. Der Ausdruck "Versagen" gefiel ihm keineswegs. Er erwartete nun, dass Martin ihn nun in der Luft zerreißen würde und er es einfach würde hinnehmen müssen, da er seinem solchem Genie nichts entgegenzusetzen konnte. Martin fuhr fort: "Ich muss ihnen sagen, dass ich schon viele gute Männer gesehen habe, welche an der Einsamkeit zerbrochen sind. Auch ich selbst musste eine Karrierepause einlegen, nachdem ich während einer Forschungsreise zum Mount Everest einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Wenn sie sich wieder in der Lage fühlen, in meinem Team mitzuarbeiten, dann lassen sie es mich wissen. Ich werde ihnen ihren alten Platz als mein Assistent wiedergeben. Natürlich werden sie anfangs nicht die volle Verantwortung tragen müssen, denn es würde einen zu schweren Verlust für die Wissenschaft darstellen, wenn sie durch einen Rückfall entgültig verrückt werden würden." John konnte nicht glauben, was er da hörte. Dr. Martin hatte ihm nicht nur seinen Job wieder angeboten, er zeigte noch dazu soviel Verständnis, wie er es von keinem Vorgesetzten sonst hätte erwarten können. Doch die größte Überraschung war, dass dieser Mann selbst einmal in der gleichen Misere gesteckt war. Hatte er sich deswegen in den Menschen verwandelt, als der er bekannt war? John Einstellung zu seinem Mentor veränderte sich während dieser Minuten von Grund auf. John atmete kurz durch und sagte dann: "Dr. Martin ich möchte mich für ihr Verständnis und ihr Jobangebot bedanken. Ich meine, ich werde in zwei Wochen so weit sein, mich wieder in die Arbeit zu stürzen. Die Ärzte meinten jedoch, ich solle im nächsten halben Jahr noch keinen Fulltimejob anstreben. Dies sollten sie bei der Zuteilung meiner Tätigkeiten vielleicht bedenken. Sollte dies für sie nicht möglich sein, dann werde sich mich um eine Zwischenarbeit umsehen und erst, wenn ich völlig gesund bin, die Arbeit hier antreten." "John, sie werden natürlich in den ersten Monaten nur an Auswertungen mitarbeiten. Erstens sind sie so weder zeitlich, noch im Bezug auf Stress zu stark belastet. Und dann ist da noch die Tatsache, dass sie sich erst wieder in die neuen Projekte einarbeiten müssen.", erwiderte Martin. Daraufhin konnte John den Dr. nur bitten, sich mit ihm auf eine der für Besucher bereitgestellten Parkbänke zu setzen, da er ein leichtes Gefühl des Schwindels verspürte. Dr. Martin gesellte sich gleich bereitwillig zu ihm und John sah plötzlich einen Ausdruck in seinem Gesicht, welches man nur von Vätern gewohnt war, welche ihren Kindern etwas schönes zu Weihnachten geschenkt hatte. Da er es von den Behandlungen gewohnt war, seine Gefühle offenzulegen, sagte er: "Dr. Martin, ich kann nur sagen, dass ich überrascht bin. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass sie ein sehr unnahbarer Mensch sind. Doch jetzt verhalten sie sich wie ein Heiliger. Woher diese plötzliche Wandlung?" Scheinbar hatte er den Tonfall sehr gut erwischt, denn der Doktor verzog zwar erst die Miene, dann aber kam ein weites mal ein so ungewohntes Lächeln in sein Gesicht und er sagte: " John, ich kann schon verstehen, dass sie eine solche Meinung von mir haben müssen, doch ich habe mir dieses Image nur zugelegt, weil ich während meiner Karriere gelernt habe, dass es nicht gut ist, wenn man seinen Mitarbeitern zu nahe kommt. Denn zuviel Nähe führt gezwungener Maßen zu einer Vermischung von Privatleben und Beruf. Doch als ich von ihrem Schicksal erfuhr und mich an meine Zeit, in der es mir fast genau so ging, erinnerte, nahm ich mir vor, sie so weit es geht zu unterstützen. Doch ich muss ihnen gleich sagen, dass ich in dieser Sache keinerlei Rückendeckung von einem meiner Vorgesetzten habe. Sie haben mir nur eine Chance für sie gewährt. Sollten sie wegen ihrer Probleme nicht die gewünschte Leistung erbringen, dann werde ich sie leider wieder entlassen müssen. Doch seien sie sich gewiss, dass ich sie genau beobachten werde und sie sofort, wenn ich eine Veränderung in ihrem Benehmen bemerke, zu ihren Ärzten schicken werde. John sie sind sicher der beste Mitarbeiter, den ich je hatte. Sei es nun beruflich, als auch persönlich." Dann grinste er plötzlich und sagte: "Aber ich warne sie. Sollten sie jemandem von meiner weichen Seite erzählen, dann werde ich sie eigenhändig vor die Tür setzen." "Ich werde mich hüten, die Hand die mich füttert, zu beißen!", antwortete John mit feuchten Augen und einem Lächeln im Gesicht, welches von einem Ohr zum anderen reichte. Nach einem letzten Aufleuchten eines Lächelns in seinem Gesicht schaute Martin auf seine Uhr und teilte John mit, er habe eine Besprechung und er müsse ihn nun entschuldigen. Dann streckte er ihm die Hand entgegen und verabschiedete sich ohne weitere Worte zu verlieren. Als John nun wieder allein war, wurden seine Knie wieder weich. Er ging einem knochenkranken Greis gleichend zu seinem Auto zurück. Wieder in der Klinik angekommen, lies er sich gleich einen Termin bei seinen Ärzten geben. Da diese jedoch sehr beschäftigt waren, hatte er Zeit, sich alleine Gedanken über seine Situation und seine weiteren Ziele zu machen. Dr. Martin hatte ihn mit seinen Angeboten, speziell aber mit den außergewöhnlichen Erleichterungen, die er ihm gewähren wollte, einen derartigen Auftrieb verschafft, welcher ihm jenes Gefühl gegeben hatte, welches Kinder haben, wenn sich vor dem Weihnachtsbaum stehen. Doch schon nach sehr kurzer Zeit kamen auch die Zweifel wieder zurück. Würde er den Ansprüchen Martins genügen? War er überhaupt schon so weit, sich wieder der Verantwortung und dem Druck auszuliefern, welchen er ob seiner Qualifikation ausgesetzt sein würde? Seine größte Sorge jedoch war, sich selbst zu viel Druck auf zu legen. Denn er würde sich nicht gegen seine gewohnte Arbeitswut wehren können. Dessen war es ich voll bewusst. Am darauffolgenden Morgen bekam er einen Termin bei seinen Ärzten. Sie hatten sich extra für ihn freigemacht, da sie an ihm scheinbar ein besonderes Interesse hatten. John wusste, dass es sich bei dieser übertriebenen Anteilnahme keineswegs um Sympathie, sondern vielmehr um rein wissenschaftliche Beweggründe handelte. Denn die Ärzte hatten nicht oft die Chance einen Patienten zu betreuen, der unter führungsbedingten Depressionen litt. Trotzdem war er froh, dass sie sich seiner Entwicklung mit einer solchen Intensität widmeten. So kam er auch um keine Minute zu spät zu dem vereinbarten Termin. Die Ärzte hatte allesamt dicke Berichte vor sich liegen, auf welchen sein Name stand. Erst da wurde ihm der Aufwand bewusst, welchen das Betreuungsteam trieb, um möglichst viele Erkenntnisse aus seinem Schicksal zu gewinnen. Eigentlich hätte er sich wie ein Versuchstier vorkommen müssen, es war aber im Gegenteil so, dass er sich geehrt fühlte, für folgende Fälle Erleichterung zu verschaffen. So musste er auch einen sehr lockeren Zustand vermitteln, denn einer der Ärzte eröffnete das Gespräch mit den Worten: "Guten Morgen alle zusammen. Ich kann nur sagen John, sie sehen sehr viel besser aus, als das letzte Mal, als wir uns sahen. Woher diese plötzliche Veränderung? Haben sie eine Frau kennengelernt oder haben sie den Alkohol entdeckt?". Den Blick, den er John zuwarf, konnte nur als freundschaftlich bezeichnet werden. John hatte zu seinen Ärzten im allgemeinen ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut. Das war bei einer so intensiven Behandlung, wie er sie durchlaufen hatte, meist der Fall. Als auch die anderen Ärzte sich zu Johns Zustand geäußert hatten, forderten sie ihn auf, sie über den Grund des Treffens zu unterrichten. John erhob sich und verteilte ein Schreiben welches er am Vorabend zusammengestellt hatte. Dort hatte er alle Versprechen Dr. Martins aufgezeichnet, um nicht alles erzählen zu müssen. Das war eine Technik, welche er schon in seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit bei Besprechungen immer wieder verwendet hatte, um den Zuhörern die Möglichkeit zu geben, sich nur auf ihn zu konzentrieren. Wenn jemand etwas aufschreiben wollte, musste er dann nur mehr seine Ergänzungen einfügen. Das ersparte sehr viel Zeit und die Möglichkeit von Missverständnissen wurde sehr verringert. Dann erzählte er von seinem Besuch bei Dr. Martin und dessen überraschender Menschlichkeit. Auch das Angebot, wieder langsam in den Stationsapparat eingebunden zu werden, erläuterte er so, dass es jedem klar wurde, dass kein Risiko für einen Rückfall zu sehen war. Als er geendet hatte, baten ihn die Ärzte, es sich kurz in der Kaffeeküche gemütlich zu machen. Das tat er auch und die belebende Wirkung des Kaffees kam John sehr recht, denn er hatte schon lange keine Vorträge mehr gehalten und seine Nervosität war doch schlimmer gewesen, als er angenommen hatte. Da kamen wieder Zweifel auf, ob er jemals wieder seine Stellung in der Forschung einnehmen würden können. Doch er kam zu der Erkenntnis, dass ihm jetzt sowieso keine leitende Stellung mehr wichtig war, sondern er sich eher auf seine Arbeit, als auf die administrativen Tätigkeiten eines Teamleiters, beschränken wollte. Als ihn die Ärzte nach mehr als einer Stunde wieder in das Besprechungszimmer riefen, ging John mit unguten Gefühlen in den Raum. Er befürchtete, dass die Ärzte sich geeinigt hatte, ihm zu diesem Zeitpunkt noch von einer Rückkehr in seine gewohnte Arbeitsumgebung, abzuraten. Doch sie waren überraschend zustimmend überreingekommen, dass es für John wohl das beste war, was ihm passieren hätte können. Sie erklärten ihm, sie wären zwar am Anfang verschiedener Meinung gewesen, doch nach einer gründlichen Auswertung seiner Befunde seien sie zu der Übereinkunft gekommen, dass es wohl doch das beste für ihn sein würde, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. So sprach John schon am nächsten Tag bei der Forschungsleitung vor. Er schaffte es ganz gut, seine Nervosität zu verbergen. Schien er sich äußerlich seiner Sache hundertprozentig sicher zu sein, so waren ihm innerlich doch schon große Zweifel gekommen, ob er schon so weit war, sich wieder dem Druck auszusetzen. Da Johns Qualifikation in der astronomischen Wissenschaftswelt allgemein bekannt war und ja schon zur Bestellung als Stationsleiter geführt hatte, war es keine Überraschung, dass sich die Personalverantwortlichen von dem Plan Dr. Martins überreden ließen, John schrittweise wieder in seine Arbeit zurück zu führen. Da John später nicht als Lügner dastehen wollte, wies er sie auf das hohe Risiko eines Rückfalls hin und den damit zu entstehen drohenden Schaden für die Firma. Doch diese Ehrlichkeit schien die Verantwortlichen noch mehr davon zu überzeugen, dass John bereit sei, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Auch bei der Bezahlung war man sich bald einig, denn John war an Geld noch nie sehr sonderlich interessiert gewesen. Durch die langen Arbeitszeiten und die Tatsache, dass er keine Familie zu verpflegen hatte, benötigte er nicht viel Geld. In den wenigen Jahren, die er bisher gearbeitet hatte, waren seine Ersparnisse zu einem sehr großen Betrag angewachsen. Doch er wollte nicht den Anschein erwecken, dass er mit allem zufrieden war und so verhandelte er in einem gewissen Rahmen. Als er den Vertrag unterschrieben hatte und nun wusste, dass er noch zwei Wochen Zeit hatte, um seine Freizeit zu genießen, beschloss er, seine letzten Verwandten in Europa zu besuchen. Dort angekommen, erwarteten ihn nur Mitleid und übertriebene Freundlichkeit. So brach er diesen Aufenthalt schon nach drei Tagen wieder ab. Mit der Entschuldigung, er müsse sich noch auf seine Arbeit vorbereiten. Dann war es endlich so weit: An einem Montag ging er das erste Mal nach so langer Zeit wieder in die Station, um dort etwas für die astronomische Forschung zu tun. Die ersten Tage liefen noch etwas holprig, doch schon nach einer Woche war er wieder vollständig eingearbeitet und die Zeit in der Isolation und Depression schien ihm nur mehr ein böser Traum gewesen zu sein. Dr. Martin beobachtete seine Entwicklung genau und teilte ihm schon nach einem Monat mit, dass aus seiner Sicht nichts mehr dagegen sprach, John seinen alten Arbeitsplatz, als sein Assistent zurück zu geben. Da John sich wieder vollständig gesundet fühlte, sagte er gleich zu. Er wollte jedoch keinen Unmut aufkommen lassen und fragte Dr. Martin, was mir seinem Vorgänger passieren würde. Martin erklärte ihm, dass dieser zwar eine hervorragende Führungskraft sei, sein Wissen jedoch nicht dazu reichte, um wissenschaftlich viel auszurichten. Deswegen hatte man beschlossen, ihm Johns Platz in der Antarktis anzubieten. Da dieser darin eine riesige Chance sah, war auch dieses Problem für John gelöst und er freute sich darauf, wieder aktiv in die Forschung ein zu greifen. Die Zeit in der statistischen Station hatte ihm zwar sehr viel an Wissen gebracht, er wollte aber das Wissen aus erster Hand gewinnen und nicht die Arbeit anderer auswerten. Die Arbeit mit Dr. Martin war nicht mehr die gleiche, die sie vor Johns Krankheit gewesen war. Da Dr. Martin jetzt von Johns außergewöhnlichem Wissensstand wusste, wurden sie schon nach kurzer Zeit gleichgestellte Partner. Was John daran am meisten überraschte war, dass es dem Dr. in keinster Weise etwas auszumachen schien. Sie erzielten Erfolge, die schon bald in der Fachwelt ein Ansehen erwarben, welches einer von ihnen allein nie gewinnen hätte können. Diese Zusammenarbeit war aber nicht nur für John ein großer Gewinn. Auch Martin, der jetzt einen Partner hatte, welchem er die Station anvertrauen konnte, gönnte sich jetzt etwas mehr Freizeit. John stand immer noch unter ärztlicher Aufsicht. Die Ärzte waren mit Johns Entwicklung sehr zufrieden und sahen keine Gefahr für ihn. Dann passierte etwas, was John aus der Bahn warf. Dr. Martin erkrankte schwer und musste seine Karriere beenden. Obwohl er wusste, dass er hier genügend Freunde unter den Mitarbeitern hatte, war des doch eine schwere Belastung für ihn, die Station so plötzlich allein leiten zu müssen. Er verfiel immer wieder in Depressionszustände und konnte nur sehr schwer seine Arbeitsleistung aufrecht erhalten. Als er seinen Ärzten von dieser negativen Entwicklung berichtete, waren diese nicht sehr beunruhigt. Sie meinten nur, John müsse sich eine oder zwei Wochen Urlaub gönnen und wieder sein inneres Gleichgewicht finden. John tat das auch, wurde aber schon nach zwei Tagen wieder in die Station gerufen, da große Probleme aufgetreten waren. Die darauffolgenden Zeit war die schlimmste in Johns bisheriger Karriere. Hatte er gedacht, der Aufenthalt in der Antarktis wäre hart gewesen, so wurde er jetzt eines besseren belehrt. Tagelange Arbeit ohne genügend Schlaf und der Druck wurden dann zuviel. Eines Abends, als er mit zwei anderen am Teleskop arbeitete, viel er plötzlich in ein Koma, aus welchem er erst nach drei Tagen wieder erwachte. Die Ärzte erklärten John, es sei eine Art Schutzmechanismus seines Körpers gewesen. Er hatte sich die Erholung geholt, welche er ihm nicht gegönnt hatte. Sie meinten aber, es würde nicht weiter schlimm sein, wenn er zurückschalten würde und sich etwas schonen würde. Doch John hatte das Vertrauen in die Ärzte verloren. Für ihn galt es jetzt nur mehr, so schnell wie möglich wieder seine Arbeit auf zu nehmen. So begann er schon sechs Stunden nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wieder mit der Arbeit. Dann machte er den Fehler, der sein Leben veränderte: Er griff zu Drogen, um seine Angstzustände zu unterdrücken. Seine Arbeitsleistung erreichte so Spitzenwerte, sein Körper verfiel aber zusehends. Oft vergaß er zu essen und so zeigten sich schon nach kurzer Zeit die ersten Signale von Unterernährung. War er früher eher etwas mollig gewesen, so erinnerte er nun schon fast an einen KZ-Häftling. Die Leitung der Station sah darüber hinweg, da er Ergebnisse lieferte, von welchen selbst Dr. Martin nur hätte träumen können. Und dieser war des auch, der John in die Realität zurückbrachte. Eines Tages stand er plötzlich neben John, der gerade konzentriert an einem Bericht saß. Plötzlich hörte John seine Stimme hinter sich: "John, was ist nur aus ihnen geworden? Sie sehen so schlecht aus, dass man Angst bekommen muss, wenn man ihnen in der Nacht begegnet. "Dr. Martin!", John sah ihn mit seinen müden Augen an und lächelte, "Ich freue mich, zu sehen. Wollen sie wissen, welche Ergebnisse wir im letzten Monat erzielt haben? Es ist unglaublich, kommen sie mit, ich werden es ihnen zeigen!" Doch der Dr. machte keine Anstalten, ihm zu folgen und sagte: "John, ich werde in ihrem eigenen Interesse die Leitung darum bitten, sie vom Dienst frei zu stellen." "Wenn sie das machen, das zerstören sie die Arbeit, welche ich in den letzten Monaten geschafft habe. Ich werde versuchen, mit den Drogen auf zu hören. Aber machen sie nicht meine Karriere kaputt!" John hatte einen so irrsinnigen Ausdruck in den Augen, dass der Dr. einige Schritte zurückwich. "John, seien sie vernünftig! Sie sehen so schlecht aus, dass man Angst bekommen muss, dass sie verhungern, wenn sie sich nicht zusammenreißen! Wann waren sie das letzte Mal bei ihren Ärzten?" John sah ihn nur verächtlich an und antwortete: "Diese Idioten hätten fast alles zerstört, was wir beiden aufgebaut haben. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, dann würde ich zuhause sitzen und Daumen drehen." Die Reaktion, die Dr. Martin zeigte, war eine, welche John nie von ihm erwartet hatte. Er sagte: "John in den letzten Jahren sind sie fast ein Sohn für mich geworden. Ich gehe daran zugrunde, sie so zu sehen. Sie sind ganz einfach nicht dafür geboren zu leiten. Eine Assistenzposition ist für sie der richtige Boden für ihre wissenschaftliche Saat, aber für mehr sind sie nicht geschaffen. Wenn sie endlich bereit wären, das einzusehen, dann stünde einer großen Karriere nichts mehr im Wege. Ich selbst habe lange gebraucht, um das zu erkennen, doch auch wenn ich es nicht gleich erkannt habe, so bin ich mir dieser Sache jetzt um so sicherer." John saß da mit offenem Mund und spürte die Wut schon in sich aussteigen, bevor sie ausbrach. "Dr. Martin, wenn sie nicht damit fertig werden, dass ich das Leben führe, zu dem sie nie die Möglichkeit hatten, dann tut mir das leid, aber urteilen sie nicht über andere Menschen, deren Schicksal sie nun wirklich nichts abgeht!" Dr. Martin sagte noch "John, wenn sie sich nicht helfen lassen wollen, dann will ich sie nicht weiter belästigen. Entschuldigen sie!" und legte auf. Nun war John mit seinen Gedanken wieder ganz allein. Seine Wut wurde nun von einer Hilflosigkeit abgelöst, welche noch weniger leicht zu ertragen war. Er wusste, dass Dr. Martin völlig recht hatte, wollte es aber nicht einsehen. Immer wieder suchte er nach Ausreden, um sich selbst vorzumachen, dass er mit seinen Problemen alleine fertig werden würde. Doch trotz dieser Versuche wurde ihm nach einiger Zeit klar, dass er am Ende war. Doch welche Möglichkeiten hatte er? Sein Stolz hinderte ihn daran, Dr. Martin um Hilfe zu bitten und auch mit seinen Vorgesetzten wollte er keine Unterstützung verlangen. So entschied er sich, es alleine zu versuchen. Als erstes wollte er die Drogen absetzen und sich dann langsam wieder seine vorher gewonnene Sicherheit zurückerlangen. Seine Pläne waren vom Anfang an zum Scheitern verurteilt. Er schaffte es zwar, seine Sucht zu besiegen und es ging verblüffend leicht. Jedoch als er sich wieder voll seiner Arbeit widmen wollte, kamen seine alten Probleme wieder zu Tage. Er hatte einfach versucht, den Baum seiner Schwierigkeiten an den Ästen zu behandeln. Nun lagen aber die Wurzeln wieder frei. Es war eben die berufliche Überforderung gewesen, welche seine Schwierigkeiten ausgelöst hatten. Die Drogen waren dann nur ein Anzeichen gewesen. Die ganze Sache gipfelte, als ihn einer seiner Mitarbeiter immer wieder berichtigte. Obwohl John wusste, dass dieser bei weitem nicht seine Fähigkeiten besaß, konnte er trotzdem nicht leugnen, dass er ihm zu dieser Zeit fachlich klar überlegen war. Nach reichlicher Überlegung ging er auf einige Kollegen zu und fragte sie nach ihrer Meinung über dieses Thema. Die meisten schienen erleichtert, sich endlich über diese Angelegenheit äußern zu dürfen. John bekam klar vor Augen geführt, dass ihm zwar alle für einen außergewöhnlich guten Wissenschaftler hielten, ihn aber als alleinigen Leiter einer Abteilung als überfordert einschätzten. Was ihn sehr überraschte, war das allgemein positive Bild, welches seine Mitarbeiter von ihm hatten. Das gab ihm den Auftrieb, welchen er gebraucht hatte. Schon am nächsten Morgen kümmerte er sich um einen Termin mit seinen Vorgesetzten, welchen er auch schon für drei Tage später bekam. Das Gespräch mit den Vorstandsmitgliedern verlief für John eher ernüchternd. Hatte er gedacht, er würde seine Vorgesetzen davon überzeugen können, ihm einen Kollegen als gleichgestellten Stationsleiter zu genehmigen, so bekam er doch eine ziemlich direkte Ablehnung zu spüren. Man warf ihm Nachlässigkeit und fehlende Courage vor und setzte ihm eine Zweimonatsfrist. Sollte er in dieser Zeit nicht wieder seine volle Leistung bringen, so würde er seinen Job verlieren. John war sehr überrascht, wie ruhig er blieb. Eigentlich hatten ihm diese Männer all seine Hoffnungen genommen. Doch irgendwie schien es so, als hätte ihn seine Vergangenheit abgehärtet. Er erhob sich langsam und begann zu sprechen: "Meine lieben Herren, ich kann ihre Entscheidung verstehen, da sie auf das Ansehen der Station achten müssen. Ich möchte sie jedoch darauf hinweisen, dass ich während meiner Zusammenarbeit mit Dr. Martin sehr gut gearbeitet habe. Es ist aber so, dass ich nicht in der Lage bin, eine solche Institution allein zu führen. Mit einem gleichgestellten Partner an meiner Seite würde ich sicherlich wieder meine alte Leistungsfähigkeit zurückgewinnen und den Erfolg der Station heben können. Sollten sie jedoch auf ihrer Meinung beharren, so kann ich nicht für meine Leistungsfähigkeit garantieren." Die Stille, welche darauf folgte, war ein Zeichen, dass seine Worte etwas bewirkt hatten. Als er aufgefordert wurde, das Zimmer zu verlassen, war das für John ein Erfolg. Zumindest hatte er die Führung zum Nachdenken angeregt. Während der Wartezeit machte er sich Gedanken über das Leben nach seiner wissenschaftlichen Karriere. Denn er wusste, dass seine Chancen sehr gering waren, am nächsten Tag noch seinen Job ausüben zu können. Es war eine neue Erfahrung für ihn, mit der Tatsache konfrontiert zu sein, sein Leben so radikal umstellen zu müssen. Denn selbst während seiner Zeit in der Klinik hatte er immer noch das Ziel gehabt, danach wieder seine Fähigkeiten einsetzen zu können. So stand er nun vor dem sprichwörtlichen Nichts. Nie hatte er etwas anders gemacht, als das All zu erforschen und der Menschheit Gesetze zu bestätigen oder neue zu entdecken. Er hatte sich auch nie für etwas anderes interessiert. Schon als Junge hatte er alle Sternenkarten auswendig gekannt. Nie hatte er Cowboykostüme getragen. Nie war er mit aufgeschundenen Ellenbogen vom Bäumeklettern nachhause gekommen. Schon immer war sein ganzes Leben von Sternen und Planeten geleitet worden. Diese Gedanken ließen ihn seine Zukunft in keinem sehr guten Licht erscheinen. Doch er war zuversichtlich, auch diese Schwierigkeiten meistern zu können und wieder etwas zu finden, was ihn erfüllen konnte. John war so in seine Gedanken versunken, dass er die leise Stimme aus dem kleinen Lautsprecher erst gar nicht hörte, welche ihn aufforderte, in das Konferenzzimmer zurück zu kommen. Als er das große Zimmer betrat, war er verwirrt, da er den Gesichtern der dort sitzenden Männer nichts entnehmen konnte. Doch dies waren eben steinharte Profis, welche gelernt hatten, keine Gefühlsregungen zu zeigen. Der Vorstandsvorsitzenden erhob begann: "John, wir wissen, welche hervorragenden Fähigkeiten sie besitzen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie ein ernsthaftes Risiko für den Erfolg der Station darstellen. Wir haben über alles hinweggesehen, da und Dr. Martin immer wieder davon überzeugt hatte, dass sie sein Nachfolger werden würden. Nichts hat uns gestört. Weder ihr Zusammenbruch in der Antarktis, noch ihre Drogenprobleme. Doch nun ist der Maß voll, wenn ich mich so hart ausdrücken darf. Wir können nicht riskieren, dass sie jetzt für eine Zeit wieder befriedigend arbeiten und dann die nächsten Probleme auftreten. So leid es uns allen persönlich tut, aber wir haben keine andere Möglichkeit, als ihnen ihre Kündigung mitzuteilen." John bekam weiche Knie und musste sich setzen. Doch da er darauf vorbereitet war, blieb er wieder erstaunlich ruhig. Er richtete sich auf und sagte mit sehr fester Stimme: "Ich kann ihnen diesen Schritt nicht übelnehmen. Denn es ist so, dass sie in einem gewissen Maß recht haben. Ich möchte sie bitten, meine Kündigung fristlos zu akzeptieren, da ich mich jetzt nicht mehr in der Lage sehe, die Motivation aufzubringen, meine Arbeit mit der Konsequenz auszuüben, welche sie verlangt." "John, es freut uns wirklich, dass sie so viel Verständnis aufbringen. Wir werden versuchen, eine anderwärtige Beschäftigung für sie zu suchen, wenn sie das wollen", antwortete der Vorsitzende. Jetzt war John schon den Tränen nahe und das war seiner Stimme sicherlich deutlich zu entnehmen. Er schluckte und sagte dann: "So sehr ich ihnen für dieses Angebot auch danke, doch ich muss es ablehnen. Ich würde dann immer wieder mit meinem alten Arbeitsgebiet in Kontakt kommen und nie den Traum aufgeben, wieder dort zu arbeiten." "Das tut uns sehr leid, ich verstehe sie aber bestens. Dann bleibt mir nur mehr die Pflicht, sie darüber zu unterrichten, dass ihnen von nun an der Zutritt zur Station verwehrt ist und sie weiterhin an ihre Schweigepflicht gebunden sind. Sie dürfen ihre in der Station erworbenen Kenntnisse weder für ihren eigenen, noch den Vorteil einer anderen Institution verwenden.", antwortete der Vorsitzende sichtlich enttäuscht. "Das war mir schon klar. In dieser Hinsicht kann ich sie beruhigen. Ich werde meinen beruflichen Weg sowieso in eine andere Richtung lenken, da ich innerlich mit der Astronomie abgeschlossen habe. Es wird zwar nicht einfach, da sich mein ganzes Leben danach gerichtet hat, aber ich werde es schon schaffen.", erwiderte John. Darauf folgte nur mehr das Unterzeichnen einiger Dokumente, welche teilweise mit seiner Kündigung und teilweise mit Geheimhaltung im Zusammenhang standen. Die darauffolgende Verabschiedung von den Vorstandsmitgliedern, von welchen er die meisten schon seit seinem Studium kannte, waren voll von Glückwünschen für seine Zukunft und Bedauern über den Verlust eines wertvollen Kollegen. VeränderungeN Die ersten Tage nach dem Ende seiner so vielversprechend begonnenen Karriere waren für John erstaunlich einfach. Er suchte sich eine neue Wohnung, da in der alten zu viel Erinnerungen an früher steckten. Da er eine fand, welche auch einrichtungsmäßig seinen Ansprüchen genügte, war dies mit wenig Stress verbunden. Auch finanziell brauchte er sich mittelfristig keine Gedanken zu machen, da er sehr gut verdient hatte und nie viel Geld gebraucht hatte. Er nahm Kontakt zu seinen Verwandten auf, welche sich allen freuten, dass er die Entwicklungen in seinem Leben so gut verkraftete. Auf Besuche ließ er sich nicht ein, da er sich nicht dem Mitleid anderer Menschen aussetzen wollte. Doch schon nach zwei Wochen zeigten sich Veränderungen in seiner Person. Er ließ sich offensichtlich gehen. Er aß nur mehr, weil es notwendig war, achtete nicht mehr auf sein Äußeres und begann immer mehr Alkohol zu trinken. Schon wenige Wochen später war er nur mehr ein Schatten des früheren John. Seine Tage verbrachte er mit Fernsehen und Wetten im Sportkanal, wo er sehr viel Geld verspielte. Als sich sein Vermögen dem Ende neigte, suchte er sich keinen Job, sondern zog in eine kleine Einzimmerwohnung um, was ihn finanziell wieder besser dastehen ließ. Um seine sexuellen Triebe auszuleben, verbrachte er seine Abende in Lokalen, wo immer willige Frauen jeden Alters zu finden waren. Er verfiel sowohl innerlich als auch äußerlich immer mehr. Als sich sein Körper gegen seine immer heftiger werdenden Exzesse zu wehren begann, suchte er einige Ärzte auf, deren Diagnosen er aber keine Bedeutung schenkte, da sie ihn aus seiner Scheinwelt gerissen hätten und das wollte er unterbewusst nicht. Es kam dann aber, wie es kommen musste. Seine finanziellen Mittel waren erschöpft und es gab nichts mehr, was er noch veräußerlichen konnte. So nahm er Gelegenheitsjobs an, um sich über Wasser zu halten. Er arbeitete aber nie länger als zwei oder drei Wochen im gleichen Betrieb, um keine persönlichen Kontakte aufbauen zu können. Für einen Außenstehenden hätte er nur heruntergekommen ausgesehen, es war aber seine alte Krankheit, welche ihn in den drohenden Untergang trieb. Er nahm meist gar nicht bewusst wahr, was er tat. Erst eine Frau, welche er in einem Lokal kennenlernte, veränderte ihn wieder. Sie ging auf ihn ein und machte ihm klar, was er sich antat. Das war auch die Zeit, in der er den ersten Kontakt mit der Polizei hatte. Denn er wollte, obwohl es ihm nun klar war, seine Fehler nicht eingestehen und so passierte es, dass er im Vollrausch so in Rage geriet, dass er seine neue Freundin krankenhausreif schlug. Er verbrachte zwei Nächte in Untersuchungshaft, bevor sie ihn selbst wieder herausholte. Sie machte ihm klar, dass dies das Ende ihrer Freundschaft bedeutete, da sie sich in zu großer Gefahr sah. Sie gab ihm jedoch nicht selbst die Schuld. Nach dem Ende dieser Beziehung begann er langsam über seine Lebensweise nachzudenken. Er änderte sie jedoch kein bisschen. Um seine immer wieder aufkommenden Schuldgefühle zu unterdrücken, trank er immer mehr und so wurden auch seine Jobs zu Eintagsfliegen. Er schaffte es gerade, sich genügend zu essen zu leisten und seinen Alkoholspiegel zu halten. Eines Tages, als er am späten Vormittag aufstand und sich im Spiegel betrachtete, nahm er sich wie fast jeden Tag vor, mit dem Trinken aufzuhören und sich um einen längerfristigen Job umzusehen. Doch sein nächster Griff ging wieder zur Rumflasche. Schon nach einer halben Stunde hatte er seine Gefühle unterdrückt und wollte sich auf den Weg in einen Diskontladen machen, um seinen Zigaretten- und Alkoholvorrat zu ergänzen. Als er die Türe öffnen wollte, klopfte jemand von außen dagegen. Da die Türe keinen Sehschlitz hatte, musste John sie öffnen, um zu sehen, wer da etwas von ihm wollte. Die Personen, welche er sah, als er zwischen der nur einen Spalt geöffneten Tür hinausschaute, waren in teurere Anzüge gekleidet und schienen eher zur oberen Gesellschaftsklasse zu gehören. Einer der beiden eröffnete das Gespräch: "Dr. Silver, ich kann ihnen gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, dass wir sie endlich antreffen. Wir waren sicherlich schon zehnmal hier." John sagte mit einer etwas gereizten Stimme: "Ich war da wahrscheinlich arbeiten. Man muss ja von irgend etwas leben." "Dürfen wir hinein kommen? Zwischen Tür und Angel spricht es sich so schlecht.", fragte ihn der zweite Besucher. "Klar, darf ich ihnen etwas zu trinken anbieten?", lallte John ihnen zu. "Nein, nicht um diese Tageszeit.", antwortete ihm einer der beiden, nachdem er seinem Kollegen einen zweifelnden Blick zugeworfen hatte. John ließ sich nicht anmerken, dass er diesen Blick gesehen hatte und sagte nur: "Jeder wie er glaubt." Als er die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte und die beiden es sich auf der Couch bequem gemacht hatten, fragte einer seiner Besucher ihn: "Dr. Silver, sind sie mit ihrem Leben zufrieden?" John stand auf und sagte etwas heftiger: "Wenn ihr von einer Sekte seit, dann sucht euch ein anderes Opfer für eure irrsinnigen Spielchen!" "Nein, nein!", bekam er zur Antwort, "Beantworten sie nur die Frage, dann werden wir ihnen erklären, warum wir sie aufsuchen" John ging zum Kühlschrank und holte sich die letzte Flasche Bier. Dann sagte er: "Wüsste nicht, was daran auszusetzen wäre!" "Dr. Silver, sie zählten doch einmal zu den aussichtsreichsten Astronomen. Wie können sie jetzt so ein Leben führen?", sagte einer der beiden Besucher. "Würden sie mir bitte ihre Namen sagen, bevor sie mich weiter schlecht machen!", fuhr John die beiden an. "Sicher.", sagte der eine, "mein Name ist Grown und das ist mein Kollege Sulgwen." "Gut Mr. Grown, was sie als ein solches Leben bezeichnen, ist meine Art, mit den Problemen meines Lebens fertig zu werden.", sagte er etwas sarkastisch. Sulgwen meinte: "Dr. Silver, wenn sie sterben wollen, dann geht das doch viel schneller. Sie hängen zu sehr an ihrem Leben, als das sie es so leichtfertig wegwerfen wollen." John begann innerlich zu kochen und schaffte es nur mit Mühe, nicht komplett die Fassung zu verlieren. Um nicht sprachlos dazusitzen, fragte er: "Könnten sie mir jetzt bitte endlich den Grund für ihren Besuch mitteilen?" Grown sah seinen Kollegen an, welcher ihm zunickte. Also begann er: "Wie sie wahrscheinlich wissen, arbeiten die amerikanischen, als auch die russischen Wissenschaftler seit Jahrzehnten an den Plänen für eine bemannte Erkundung unseres Sonnensystems. Vor einigen Jahren wurde man sich auf beiden Seiten klar, dass man allein nicht mehr weiterkommen würde. Also schlossen sich die beiden Institute zusammen, um im Auftrag ihrer beiden Regierungen gemeinsam an der Entwicklung zu arbeiten. Nachdem die jahrzehntelang aufgebaute Distanz abgebaut war, wurde diese Zusammenarbeit mit einem Teilerfolg nach dem anderen gekrönt. Vor zwei Jahren startete eine Versuchskapsel zum Mars und kam nach zwei Wochen wieder zurück." John begann laut zu lachen und sagte unter Tränen: "Sie haben es nicht einmal geschafft, die Kapsel bis zum Mars zu bringen. Das ist nicht das, was man von den Elitewissenschaftlern der Großmächte erwartet." "Sie haben nicht richtig verstanden.", erwiderte Grown, "Die Kapsel ist nach zwei Wochen wieder vom Mars zurück gewesen!" Erst war John sprachlos, dann aber schrie er die beiden an: "Wenn sie glauben, dass ich total verblödet bin, dann sind sie an den falschen geraten. Machen sie, dass sie meine Wohnung verlassen." "Lassen sie mich erklären!", sagte Sulgwen ruhig. "Verlassen sie meine Wohnung oder ich werde sie dazu zwingen!", sagte John jetzt wieder ruhiger und doch mit einem drohenden Ton in der Stimme. "Geben sie uns fünf Minuten. Bitte!", bat ihn Grown mit einem schon fast kindlichen Gesichtsausdruck, welcher John fast zum Lachen gebracht hätte. "Gut, erheitern sie mich, aber treiben sie es nicht zu weit!", stimmte John zu. "Danke.", sagte Sulgwen sichtlich erleichtert und fuhr dann fort: "Die Wissenschaftler erkannten, dass ihre Theorie über die Überlichtgeschwindigkeit einen wahren Kern hat. Sie unternahmen Versuche im Labor und schafften es, nach einigen Berichtigungen, einen Tennisball in weniger als einer Sekunde zum Mond zu schießen. Ihre Ansicht, Dr. Silver, dass sich die Photonen schneller, als die Lichtwellen bewegen bekam immer mehr Bedeutung. Als die Forscher sich endlich von der Lichtwellenforschung gelöst hatten, ging es Schlag auf Schlag. Nach dem Versuch mit der Kapsel wurde das Projekt Silverstar geboren. Dieses Projekt soll die Erforschung des Alls bewerkstelligen und einen Ausweichplanet für uns Menschen finden, falls die Erde unseren verschwenderischen Lebensstil einmal nicht mehr aushalten sollte. Es war jedoch ein langer schwieriger Weg, bis die letzten voll davon überzeugt waren, dass es mehr der Photonenteil der Dualität war, der wirklich befriedigende Geschwindigkeiten ermöglichen konnte." Jetzt war Johns Interesse geweckt. Es gingen ihm so viele Dinge durch den Kopf. Einerseits war er glücklich darüber, dass seine Theorien nun endlich die Anerkennung erfahren hatten, welche ihnen zustand. Andererseits machten ihm die nun auf ihn zukommenden Anforderungen Angst. Denn dass diese Männer ihn für irgendein Projekt anwerben wollten, war ihm klar. Deswegen kam er ohne Umschweife auf diese bedrängenden Gefühle zu sprechen: "Meine Herren, ich nehme einmal an, dass sie über meine Vergangenheit Erkundigungen eingeholt haben. So wird ihnen auch klar sein, dass ich mich noch nicht in der Lage befinde, wieder eine leitende Tätigkeit zu verrichten." "Dr. Silver, dass ist uns ganz klar. Sie sollen auch nicht in einer leitenden Stellung arbeiten, sondern lediglich als technischer und astronomischer Berater fungieren.", erwiderte Sulgwen ganz ruhig. Jetzt waren Johns letzte Zweifel beseitigt und er erhob sich, um den Inhalt der fast vollen Flasche Bier in die Spüle zu entleeren. "Meine Herren, ich kann ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, endlich wieder einen Lichtblick am Ende des Tunnels zu sehen. Wie lange würden sie meine Arbeit denn benötigen?", sagte er mit einer durch eine neue Festigkeit bekräftigte Stimme. "Wir werden sie wahrscheinlich für eine längere Zeit benötigen, als sie es sich vorstellen können.", sagte Sulgwen und warf Grown einen fragenden Blick zu. Nachdem ihm dieser mit einem Nicken seine Zustimmung gab, fuhr er fort: "Dr. Silver, in einigen Monaten startet eine Probemission zum Mars. Dies wird die erste bemannte Reise zum roten Planeten werden. Da dieses Unternehmen nicht vollständig auf der Erde geplant werden kann, wird es nötig sein, während der Reise Korrekturen jeglicher Art vorzunehmen. Und diesen Teil sollen sie übernehmen." "Meine Herren, diese Aufgabe reizt mich sehr. Ich würde dann aber eine Wohnung auf dem Campus der Raumstation brauchen, um im Ernstfall schnell vor ort zu sein. Ich hoffe, dass sie mir eine kleine Wohnung besorgen können.", erklärte John. "Dr. Silver, ich glaube sie haben mich nicht richtig verstanden. Ihre Aufgabe soll nicht in der Überwachung auf der Erde bestehen, sondern in einer beratenden Rolle in der Kapsel.", Grown war die Nervosität anzumerken, als er diesen Satz vollendete. Eigentlich hätte John jetzt ratlos sein sollen, aber er war nun wieder gefestigt genug, um mit einer solchen Wendung zurecht zu kommen. Er war an diesem Morgen mit dem Vorsatz aufgewacht, sein Leben endlich wieder in eine bessere Richtung zu lenken. Doch er hatte dabei nur vorgehabe, weniger zu trinken, wieder etwas mehr auf seine Ernährung zu achten und sich einen Job zu suchen, um nicht die ganze Zeit über seine Lage nachzudenken. Die Wendung, welche sich jetzt in seinem Leben abzeichnete, war nun doch nicht die, welche er sich vorgestellt hatte. Würde er die Aufgabe annehmen, so würde er nicht nur seine schlechten Zeiten hinter sich lassen, sondern gleich seinen gewohnten Planeten. Das war dann doch etwas zuviel für ihn. Er stand auf, deutete mit seiner rechten Hand in Richtung Tür und sagte: "Ich möchte sie dazu auffordern, mich jetzt alleine zu lassen. Ich muss erst über ihr Angebot nachdenken, denn sie werden verstehen, dass ich so eine große Entscheidung nicht übereilt treffen möchte. "Natürlich,", antwortete Sulgwen, "diese Möglichkeit möchten wir ihnen nicht nehmen.", er griff in seine Hosentasche und holte eine Visitenkarte heraus. Bevor er sie an John übergab, kritzelte er noch etwas hinauf. "John, das ist meine Nummer. Falls sie mich im Büro nicht erreichen, dann können sie es auch unter meiner Handynummer versuchen.", meinte er und reichte John die Karte. "Danke,", antwortete John, "ich werde mich sicherlich spätestens morgen mit ihnen treffen wollen. Können sie veranlassen, dass auch einige Spezialisten bei diesem Treffen anwesend sein werden?" Growns Gesicht hatte nun einen Ausdruck der Entspannung angenommen. Er sagte: "Lassen sie sich Zeit mit ihrer Entscheidung. Es will sie niemand drängen. Ich würde sagen, sie melden sich nächste Woche bei uns." John musste sich, als er sich von den beiden Besuchern verabschiedete, zusammenreißen, sie nicht zu umarmen. Zu groß war seine Erleichterung, endlich wieder eine Chance zu haben, einen Sinn für sein Leben zu finden. Als die beiden ihn verlassen hatten, musste sich John erst einmal hinsetzen. Die Entwicklungen, welche sein Leben zu verbessern versprachen, hatten ihn zwar sehr gestärkt, aber seine psychische Krankheit war noch nicht vollständig aus seinem Kopf verschwunden. Und so war diese Wendung der Dinge zu schnell gekommen. Doch John hatte während der vergangenen Monate nicht nur getrunken und sich gehen lassen. Ohne dass es ihm bewusste gewesen war, hatte er sowohl seinem Körper, als auch seiner Psyche die Pause verschafft, welche sie schon so lange verlangt hatten. Nun war er, so paradox es war, stärker als er es seit der Rückkehr aus der Antarktis je gewesen war. So brauchte er auch einige Momente, um sich von seinem Schock zu erholen und sich mit seiner ganzen Aufmerksamkeit den Fragen zu stellen, welche er in den nächsten Tagen für sich selbst würde beantworten müssen. Die einzige Sache, die für ihn vollkommen klar war, war die Gewissheit, dass ihn nichts mehr in dieser Wohnung hielt. Andere Entscheidungen schienen ihm als unumgänglich, aber auch schwierig. So verbrachte er die nächsten Stunden damit, eine wissenschaftliche Methode anzuwenden, welche er von Dr. Martin gelernt hatte. Er schrieb die positiven, als auch die negativen Aspekte, welche zu einer Entscheidung beitragen konnten auf und fügte jedem Gesichtspunkt die zugehörigen Lösungsansätze hinzu. So arbeitete er sich zu einer Lösung vor, welche alle Faktoren berücksichtigte. In diesem Fall war die zu suchende Lösung die Entscheidung, ob er das Angebot, wieder zu arbeiten, annehmen sollte oder nicht. Nachdem er mit seiner Auswertung fertig war, stellte er mit großem Erstaunen fest, wie lange er gebraucht hatte, war aber froh, endlich eine Entscheidung gefunden zu haben. Eigentlich war er sich schon vorher klar darüber gewesen, sich der Aufgabe zu stellen. Doch das Ergebnis der Auswertung war sehr wichtig für ihn. Denn es zeigte, dass alle Zeichen dafür standen, sich für die Anstellung zu entscheiden. Doch er wollte trotzdem noch eine Woche vergehen lassen, um die Entscheidung auch auf der reinen Emotionalebene ohne Zweifel treffen zu können. Während der nächsten Tage brachte John sein Leben in Ordnung. Er trank nicht mehr, rauchte weniger und besuchte alle Leute, denen er noch Geld schuldete, um ihnen zu versichern, dass er seine Schulden in Bälde begleichen würde. Auch sein Äußeres verbesserte sich zusehends. Er hatte sich erträglich aussehende Kleider gesucht und zwei Stunden im Bad verbracht. Als er sich dann im Spiegel betrachtete, glaubte er seinen Augen nicht. Aus dem Halbaffen, den er in den letzten Monaten dargestellt hatte, war wieder ein zivilisierter Mensch geworden. Und diese Veränderung wirkte sich auch auf seine Inneres aus. Er hatte dadurch Gewissheit, dass er sich nicht würde geschlagen geben müssen. Als John Grown anrief, um ihm mitzuteilen, dass er annehmen würde, war diesem die Erleichterung selbst am Telefon deutlich anzumerken. Scheinbar hatte niemand wirklich damit gerechnet, dass er seine Zustimmung geben würde. Grown bat John darum, am nächsten Tag auf das Gebäude der vereinigten Weltraumbehörde zu kommen. Dort würde man in über die weiteren Vorhaben informieren. John informierte sich am Nachmittag in einer Bibliothek über diese Institution. Er hatte noch nie davon gehört und das war für einen Astronomen doch etwas peinlich. Doch er fand heraus, dass diese doch erst kurze Zeit exsistierte und auch nur rein theoretische Aufgaben hatte - offiziell. Doch John kannte solche Täuschungen. Um die Ausgaben für die Forschung nicht rechtfertigen zu müssen, wurden Aufgabenbereiche verzerrt dargestellt und man verschaffte sich so die notwendige Ruhe, um ohne Aufsehen zu erregen zu arbeiten. Als John am nächsten Tag in die U-Bahn einstieg, war es, als würde er seine letzten Monate einfach hinter sich lassen. Er war während der zwanzigminütigen Fahrt dreimal kurz davor, den Zug zu verlassen und die ganze Sache abzublasen. Doch letztlich gewann doch immer wieder der Teil in ihm, der sein Wissen einsetzen und erweitern wollte. Im Basislager der Wissenschaftler angekommen, wurde John auch bald von Sulgwen abgeholt. Dieser begrüße ihn mit den Worten: "Hallo John! Ich darf sie doch John nennen? Mein Name ist Steven. Ich möchte sie nun zu unserem Chef bringen. Dieser wird ein wahrscheinlich nicht sehr angenehmes Gespräch mit ihnen führen. Doch im Grunde seines Herzens ist er ein guter Kerl. John vermutete etwas und sprach es auch gleich aus: "Ihr Chef heißt nicht zufällig Dr. Martin?" "Nein, sein Name ist Dr. Richardson. Er ist der Commander dieser Operation und wird die ganze Mission sowohl auf der Erde, als Organisator, wie auch im Raumschiff als Captain leiten.", antwortete Sulgwen. John dachte kurz nach und sagte dann: "Dr. Richardson? Ich habe schon von ihm gehört. Er ist es doch, der sowohl den Nobelpreis, als auch eine olympische Medaille gewann." "Ja, darauf ist er besonders stolz. Ich würde ihn nicht darauf ansprechen. Er wird dann überheblich, was sonst gar nicht seine Art ist.", erklärte Sulgwen. "Dann bringen sie mich zu ihm.", sagte John, wobei er ein gespielt ehrfürchtiges Gesicht machte, was bewirkte, dass er und Sulgwen loswieherten, wie zwei pubertierende Mädchen. "Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen. Bitte begleiten sie mich jetzt.", beendete Sulgwen die Unterhaltung. Auf dem Weg zum Büro der Missionsleiters wurde John bewusst, dass er drauf und dran war, in Steven Sulgwen einen neuen Freund zu finden. Vor einer Labortür stoppte Sulgwen, um ihm einen letzten Tipp zu geben: "John, machen sie nicht den Fehler, sich zu verstellen. Der Dr. merkt so war. Er scheint einen sechsten Sinn dafür zu haben." "Danke für den Hinweis, aber er wird mich schon nicht fressen!", erwiderte John mit doch schon wachsender Nervosität. Sulgwen, zog einen Sicherheitschip aus der Tasche, zog ihn durch den Erkennungsmechanismus und sagte, nachdem sich die Sicherheitstür geöffnet hatte: "Viel Glück!", und entfernte sich in eine andere Richtung. Nun war John allein und wieder etwas unsicher, ob er wirklich das richtige tat. Doch als sich die Tür schon wieder zu schließen drohte, machte er einen schnellen Schritt und hatte den letzten - für ihn symbolischen - Schritt in seine ungewisse Zukunft gemacht. Als er sich umsah, da er nicht wusste, wohin er musste, kam ein großer, muskulöser Mann auf in zu und begrüßte ihn mit den Worten: "Ich begrüße sie Dr. Silver. Mein Name ist Richardson und ich hoffe, sie bald in meinem Team willkommen zu heißen." John hatte nicht den Eindruck, dass dies der Dr. Richardson war, von dem Sulgwen erzählt hatte. Dies schien eher ein freundlicher Zeitgenosse zu sein. Als hätte dieser seine Gedanken gelesen, begann er: "Dr. Silver, wahrscheinlich haben sie gehört, dass ich ein unangenehmer Vorgesetzter bin. Doch ich bisher der Situation ausgesetzt, dass ich nur drittklassige Mitarbeiter bekam. Erst vor kurzem schienen meine Vorgesetzten das Potential erkannt zu haben, welches in meiner Arbeit steckt. Ich habe den Fehler gemacht, meinen Frust an meinen Mitarbeitern loszuwerden." "Dr. Richardson, die Vergangenheit ist nicht, was zählt. Wir sollten uns auf die Zukunft konzentrieren. Ich hoffe auf eine fruchtbare Zusammenarbeit.", sagte John ernsthaft. Richardsons Reaktion überraschte ihn etwas. Der große Mann bekam einen Lachkrampf, der nahe an das herankam, was man Gackern nennt. "Dr. Silver entschuldigen sie, aber mit genau diesen Worten wurde ich hier eingestellt.", erklärte er die Situation, immer noch mit sich kämpfend. "Wir werden uns schon zusammenraufen, schätze ich. Aber was würden meine Aufgaben sein, wann geht es los, bin ich der einzige Anwärter auf den Posten?", überschüttete John den Dr. mit Fragen. "Navigation, in zwölf Wochen, ja!", antwortete Richardson kurz. Jetzt war es an John, sich vor Lachen zu biegen. Als nächstes zeigte Dr. Richardson ihm sein Quartier. Wie John sofort feststellte, sah es nicht wie ein normales Zimmer aus. John hatte sich auf einen Aufenthalt in einer militärischen Umgebung eingestellt. Doch wie er feststellte, war es sehr klein und ähnelte sehr einer Zweimannzelle aus einem Gefängnis. Er drehte sich um und wollte den Dr. danach fragen, doch dieser kam ihm zuvor: "John, was sie sehen,, wird bis zu ihrer Abreise ihr privater Bereich sein. Sie werden ihn mit einem ihrer Kollegen teilen, welcher auch in der Kapsel ihr Zimmergenosse werden soll. Wir wollen so feststellen, ob man Probleme befürchten muss. Sollte es Spannungen geben, so wird man sich um eine Lösung umschauen müssen, denn man kann zwei wichtige Mitarbeiter nicht dadurch von ihren Aufgaben ablenken, dass sie persönliche Probleme zu lösen haben. Sie werden mit Major Christopher Capper zusammenleben. Er ist der Kapselpilot der Mission und da sie quasi die Navigatorfunktion innehaben, sollten sie sich gut verstehen.", erklärte er. John war verblüfft, wie genau das ganze Unternehmen geplant war. Noch nie hatte er eine solche Planung bis ins Detail erfahren. "Dr. Richardson, ich möchte ihnen ein großes Lob aussprechen. Sie scheinen an alles gedacht zu haben. Von wo haben sie solche Erfahrungen in der Planung von benannten Weltraummissionen?", fragte er. Dr. Richardson lächelte, bat John ihm zu folgen und führte ihn in einen großen Besprechungsraum, wo schon mehrere Dutzend Menschen saßen. "Meine Damen und Herren, ich darf ihnen Dr. John Silver vorstellen. Er wird der wissenschaftliche Leiter und Navigator der Mission sein. Und er ist auch der Mann, der die Grundidee für unseren neuen Antrieb hatte.", sprach er zu der Menge. Diese Worte wurden durch eine Applaus beantwortet, welcher John nicht angenehm war. Er hatte es schon immer gehasst, so im Mittelpunkt zu stehen. Als sich die Menge wieder beruhigt hatte, wandte sich Dr. Richardson wieder John zu und erklärte: "John, das sind die Leute, welche teilweise Tag und Nacht an der Planung der Mission gearbeitet haben. Es sind teils Wissenschaftler und teils Spezialisten für Expeditionen. Wir haben eine Datenbank von über zweitausend Forschungsreisen zusammengestellt und daraus Erkenntnisse gezogen, welche sowohl auf der sozialen, als auch auf der wissenschaftlichen Seite nicht nur für diese Mission entscheidende Hinweise geliefert haben." John wandte sich in Richtung der Wissenschaftler und Forscher und begann: "Meine lieben Damen und Herren, ich habe zwar noch nicht alles gesehen. Was ich jedoch bisher sah, lässt mich stolz sein, an einer so großen Sache teilhaben zu dürfen. Ich möchte sagen, dass ich eine solche Leistung bis jetzt noch an keinem meiner Arbeitsplätze gesehen habe und darf ihnen applaudieren." Er begann zu klatschen, doch ob des großen Raumes war nichts zu hören. Doch schon nach einigen Augenblicken setzten seine zukünftigen Mitarbeiter ein und es war ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu spüren, welches John Tränen in die Augen trieb. Er versuchte erst gar nicht, seine Gefühle zu verbergen. Als er sah, dass es auch vielen anderen Anwesenden, darunter auch Dr. Richardson, so ging, war er gewiss, dass er hier eine Atmosphäre vorfinden würde, in welcher er arbeiten wollte. Nachdem sich die Lage wieder normalisiert hatte, folgte John dem Dr. in dessen Büro. Es war sehr klein und John nahm an, dass es wie sein Quartier eine Nachbildung des Arbeitsraumes in der Raumkapsel sei. "John, ich muss sie nun darüber aufklären, dass sie von nun an keine Chance mehr haben, aus der Mission auszusteigen. Sollten sie sich gegen eine Mitarbeit entscheiden, dann müssen sie ihre Zeit bis zum Start der Mission auf diesem Gebäude verbringen. Aber das werden sie sich sicher schon gedacht haben - oder ?", er sagte das ziemlich ernst und mit einem fragenden Beiklang. John hatte schon viele Arten der Geheimhaltung erlebt. Doch diese Stufe schien ihm etwas übertrieben. Er wusste nicht, ob er dies dem Dr. sagen sollte, beschloss dann aber, es vorsichtiger zu formulieren: "Und was wäre, wenn jemand unbemerkt entkommt?" "Diese Person würde den nächsten Tag nicht überleben!", antwortete Dr. Richardson mit fester Stimme. Als er das Entsetzen in Johns Gesicht sah, fuhr er fort: "Da sie nun so viel über unser Vorhaben wissen und ich davon ausgehe, dass sei unser Angebot annehmen, möchte ich sie nun in eine Sache einweihen, von der auf der Erde nur knapp fünfzig Leute wissen: Unsere Mission ist geheim. Sollte trotzdem jemand unsere Tätigkeiten aufdecken, so würde uns nichts gravierendes passieren. Doch auch dann würde man unser eigentliches Ziel nicht entdeckt haben. Unsere öffentliche Aufgabe ist die Katalogisierung von Sternen und Planeten. Hinter dieser Fassade steckt jedoch die von uns geschaffene Mission der bemannten Raumfahrt im eigenen Sonnensystem. Diese Themen sind zwar von allgemeinem Interesse, aber nicht existenziell wichtig. Unsere wirkliche Aufgabe jedoch würde die Menschheit entsetzen. Denn wir sind auf der Suche nach einem Ersatzplaneten für die Menschheit." John war doch sehr überrascht. Er fragte: "Die Suche nach einem Ersatzplaneten? Schaut es so schlecht um die Erde aus?" "Schlecht schaut es nicht um die Erde, sondern um die Sonne aus.", antwortete Richardson. Dann drehte er sich um, drehte das Licht ab und startete eine Powerpoint-Präsentation. Er begleitete sie mit den Worten: "Wie sie sehen, stößt die Sonne in den letzten Jahren immer mehr feste Masse ab. Wie sie wahrscheinlich wissen, liegt der Durchschnitt bei hundertzehn Millionen Tonnen. In den letzten fünfzehn Jahren jedoch steigerte sich dieser Wert auf das fünfzigfache. Sollte diese Entwicklung so weitergehen, dann wird uns die Sonne in höchstens zweihundert Jahren das Licht ausknipsen. Unsere Aufgabe ist es nun, bis dahin de Fortbestand der Menschheit zu sichern." "Aber, ...", John war überfordert durch das Gehörte. Es war ihn nicht möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Dr. lächelte und sagte dann: "John, kommen sie mit. Ich werde sie auf einen Kaffee einladen. Wenn sie sich wieder gefasst haben, werde ich ihnen etwas mehr erzählen." John kam dem Vorschlag gern nach. Er verbrachte etwas mehr als zwei Stunden mit dem Dr., welcher ihm sehr sympathisch wurde. Er war sich sicher, unter der Leitung dieses Mannes gute Arbeit leisten zu können. Als John den Dr. darum bat, ihm etwas mehr über ihre Pläne zu erzählen, meinte dieser, er hätte nun andere wichtige Dinge zu tun und gab John drei Ordner, zu welchen er den Kommentar: "Lesen sie sich hier ein wenig ein. Dann werden sie morgen während ihrer ersten Mannschaftssitzung genügend Wissen mitbringen, um ihren Wissensstand zu vervollständigen. Außerdem stoßen morgen zwei weitere Besatzungsmitglieder zu uns und ich hoffe sie verstehen, dass ich nicht alles drei mal erklären will. Gehen sie in ihr Quartier, ziehen sie die dort für sie vorbereitete Uniform an und lassen sie ihrem Wissensdrang freien Lauf." John bedankte sich noch für die freundliche Aufnahme, dann verließ ihn Richardson. Als John seine Unterkunft betrat, lag dort eine Uniform, welche sehr der Kleidung ähnelte, wie man sie aus Science Fiction Romanen kennt. Er musste über diesen Hang zum Kitsch lachen, fand es aber nicht peinlich. Es war so, als würde man sich als Captain Picard verkleiden, nur dass er nicht nur spielen würde. Als er die Kleidung anlegte, stellte er fest, dass sie sehr bequem war. Da er sich klar war, dass diese Umgebung für die nächsten Monate, wenn nicht Jahre, sein Privatbereich sein würde, schaute er sich genau um. Das Zimmer bestand aus zwei klar getrennten Bereichen. Man hatte darauf verzichtet, ein Stockbett zu verwenden. So sah der Raum sehr symmetrisch aus. Jeder der Hälften besaß ein geräumiges Bett, drei Schränke, welche genügend Raum für persönliche Dinge enthielten und einen Schreibtisch, auf welchem ein Rechner installiert war. Bei der Besichtigung der Schränke fand John in einem Fach einige Unterlagen über seine Person. Darunter befanden sich ärztliche Atteste, Formulare über seinen Lebenslauf und ein Dienstausweis. Dieser wies ihn als Major Dr. John Silver aus. John war überrascht, dass man ihm einen so hohen militärischen Rang gegeben hatte, da er no nie in der Army gedient hatte. Doch er glaubte, dass dies seine Stellung während der Mission unterstreichen sollte. Denn schließlich war er nicht nur Navigator, sondern auch wissenschaftlicher Leiter des Unternehmens. Um nicht zu viel Zeit durch Nichtigkeiten zu verlieren, machte sich John daran, die Formulare auszufüllen, bei welchen dies noch nicht erledigt war. Nachdem das abgeschlossen war, gönnte sich John wieder eine kurze Pause und suchte seine Schränke nach eventuellen noch nicht entdeckten Dingen, fand jedoch nichts mehr. Als er auf die Uhr blickte, stellte er fest, dass es schon sehr spät geworden war und er noch einiges an Unterlagen zu lesen hatte, wollte er am nächsten Tag einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Wie er sehr schnell feststellte, waren in diesen Unterlagen sehr viele astronomische Begriffe und Grundlagen erläutert. Da dies sein Spezialgebiet war, konnte er fast zwei Drittel des Skriptums überspringen und sich den Dingen zuwenden, welche ihm neu waren. Darunter waren sehr viele militärische Begriffe und ernährungswissenschaftliche Erkenntnisse enthalten. Mit Interesse las er, wobei er feststellte, dass er sich sein ganzes Leben falsch ernährt hatte. Mit den militärischen Themen hatte er kein Problem, da er ein gutes Gedächtnis hatte und es sich dabei nur um Gesetze und Vorschriften handelte. Er war sehr dankbar, dass die militärischen Dienstgrade aufgeführt waren, da er diese nicht beherrschte und niemanden degradieren wollte. Er war lang vor der geschätzten Zeit fertig und bemerkte, dass er über seiner Arbeit total darauf vergessen hatte, sich um etwas essbares umzusehen. Er wollte gerade aufstehen, als die Quartierschleuse aufging und ein Mann das Zimmer betrat. "Dr. Silver, ich darf sie herzlichst in unserem gemeinsamen Domizil willkommen heißen. Mein Name ist Capper und ich hoffe, dass wir eine schöne Zeit miteinander verbringen werden.", begrüßte er John. John bemerkte gleich, dass auch hier die Planung der Mission ihre Wirkung zeigte, denn Capper war John sofort sympathisch. Er erwiderte die Begrüßung: "Ich kann nur sagen, dass ich mich auf die gemeinsame Zusammenarbeit freue und ich hoffe, dass wir auch privat etwas Zeit miteinander verbringen werden." Erst als John diese Worte gesprochen hatte, wurde ihm klar, dass er nicht salutiert hatte, als Capper den Raum betreten hatte. Er entschuldigte sich auch gleich bei Capper, welcher dies aber gleich verstand und sagte: "Sie werden wahrscheinlich während der Mission kein einziges Mal salutieren. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, dann sollten die Dienstgrade keine Rolle mehr spielen!" Er streckte John die Hand entgegen und meinte: "Wenn sie nichts dagegen haben, möchte ich das Sie lassen. Meine Freunde nennen mich Capps." John griff seine Hand, schüttelte sie und erwiderte: "Ich habe keine Freunde, also bleiben wir bei John und ich wäre auch froh darüber, wenn wir das Sie ließen!" Als sie diese Sache besprochen hatten, meinte Capps: "Ich nehme an, es hat sich noch niemand um dich gekümmert. Wollen wir etwas essen gehen?" "Ich sterbe vor Hunger!", antwortete John. Sie verließen ihr gemeinsames Zimmer und gingen einige Meter, dann betraten sie einen Raum, der sehr an ein Vernehmungszimmer in diversen Krimis erinnerte. "Sie sind hier nicht ganz fertig geworden, aber in der Kapsel werden wir es etwas gemütlicher haben.", erklärte Capps. Dann ging er zu einem Gerät, welches wie ein Kaugummiautomat aussah und entnahm zwei, etwas eigroße Behälter, in welchen einige Kapseln lagen. "Du wirst dich daran gewöhnen. Es schmeckt zwar nach nichts, enthält aber alles, was der Mensch braucht! Wir werden zwar einen beschränkten Vorrat an Lebensmitteln mitnehmen, aber nur Süßigkeiten, damit wir unseren Geschmackssinn nicht total verlieren.", erläuterte Capps die Nahrung. "Ich habe noch nie mit sehr viel Genuss gegessen. Dafür habe ich mir nie viel Zeit genommen. Gerade mal eine Pizza neben der Arbeit oder so, nix delikates.", meinte John. Capps begann zu lachen und meinte dann: "Ja ja, das kenne ich. Immer nur arbeiten und das Leben neben sich vergessen." Als sie ihre Mahlzeit beendet hatten, kehrten sie in ihr Zimmer zurück und legten sich hin. Noch mehrere Stunden lang unterhielten sie sich, bis John die Unterhaltung beendete: "Ich glaube, wir sollten zumindest noch einige Stunden schlafen, dann morgen wird ein schwerer Tag für uns werden." "Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Morgen kommen die restlichen drei und dann geht es los mit der letzten Phase der Vorbereitung.", stimmte ihm Capps zu. Wie John von Capps erfahren hatte, war er selbst erst seit einem Monat an der Arbeit für die Mission beteiligt gewesen, bevor John zu ihnen gestoßen war. Auch die sehr kleine Anzahl von Mitgliedern, sie würden nur fünf sein, hatte ihn überrascht. Doch wenn man es genau durchdachte, konnte man, wenn man mehrere Funktionen auf ein Mitglied zusammenlegte trotzdem sehr effizient arbeiten. Am nächsten Morgen wurde John von Dr. Richardson geweckt: "John, nun ist es vorbei mit dem Langschlafen!", meinte er mit einem fast lausbubenhaften Grinsen im Gesicht. "Sie sollten noch frühstücken, denn sie werden heute sehr viel Kraft brauchen." "Ja, ich werden mich beeilen."; erwiderte John und wusch sich das Gesicht. Dann legte er seine Freizeituniform an. Capps hatte ihm erklärt, dass sie nur beim Start und der Landung die Dienstuniform tragen würden. Und natürlich, falls sie auf fremde Lebensformen treffen sollten, was aber so gut wie ausgeschlossen sei. Die Freizeituniform war noch um einiges bequemer, als die Dienstuniform und hatte zusätzlich den Vorteil, dass die Dienstabzeichen sehr unauffällig gehalten waren. Das war John nur recht, da er sich doch sehr unwohl fühlte, mit den so schnell erworbenen Offizierssternen. Nachdem er gemeinsam mit Capps die Frühstückspillen zu sich genommen hatte, machten sie sich auf den Weg in den Besprechungszimmer oder besser gesagt, wie es im militärischen Sprachgebrauch hieß, in den Briefing Raum. Dort angekommen, stellten sie fest, dass sie die ersten waren. Doch gleich sahen sie die dicken Stapel Papiere, welche sich auf den ihnen zugewiesenen Plätzen befanden. "Da geht der Papierkrieg schon los!", lästerte Capps. Wie sich herausstellte, waren es die Personalakten der drei übrigen Besatzungsmitglieder. Scheinbar waren die Führungsaufgaben schon fix vergeben. Capps war der Leiter der Mission in der Kapsel und Richardson auf der Erde. John hatte seine Aufgaben mit Navigation und wissenschaftlicher Leitung schon definiert gesehen, doch er sollte zusätzlich auch noch psychische Unterstützung für eventuell auftretende Probleme leisten. Man glaubte, durch seinen so schlimm verlaufenen Aufenthalt im ewigen Eis hätte er sich die notwendige Sensibilität für solche Fälle geholt. Sie besprachen die anderen Akten und konnten die Aufgaben der anderen so zuteilen: Da war Maj. Dr. Carren Harrows, 29. Sie sollte die Funktion der Ärztin innehaben und zusätzlich den biologischen sowie den chemischen Teil der Aufgaben übernehmen. Als Techniker und Waffenexperte war Maj. Michael Maison, 39, ausgewählt worden. Und letztlich war da noch Maj. Lucille Christenson, welche Computerexpertin war und sich zusätzlich noch durch ihr privates Interesse für Geschichte als Historikerin qualifiziert hatte. Aus den Unterlagen war klar zu ersehen, dass nicht nur die fachlichen Kenntnisse zur Auswahl beigetragen hatte, sondern auch die Persönlichkeitsprofile einen erheblichen Anteil am Selektionsprozess gehabt haben mussten. John und Capps waren sich einig, dass sich hier perfekte Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche Mission zeigten. John und Capps hatten ihre Arbeit an den Unterlagen beendet und so erzählte John von seiner Vergangenheit und ließ dabei auch seine letzten Monate nicht weg. Capps war überrascht, da er John als sehr starke Person eingeschätzt hatte, sagte ihm das aber nicht, da er ihn nicht verärgern wollte. Da noch etwas Zeit blieb, beschlossen sie, einen Kaffee zu sich zu nehmen. Einen Kaffeeautomat hatte Capps durchgesetzt, da er offengelegt hatte, ohne Kaffee würde er eine so lange Zeit nicht überstehen. Da dies keine übertriebene Forderung war und auch im Interesse der anderen Mitglieder war, wurde ihr nachgegeben. Die beiden wollten eben zum Briefing Raum zurückkehren, als Richardson ihnen von hinten zurief: "Maj. Silver, Maj. Capper, würden sie mir bitte folgen?" John und Capps folgten ihm schnellen Schrittes und er erklärte: "Dies wird für eine lange Zeit das letzte Mal sein, dass sie die Erde von außen sehen, denn sie werden bis zu ihrer Abreise nicht mehr herausdürfen - Sicherheitsbestimmungen, sie wissen.! Im Freien angekommen, sahen sie einen dort aufgestellten Konferenztisch. Dort saßen schon vier Leute, welche sich erhoben und salutierten. John erwiderte den ungewohnten Gruß und wartete auf weitere Anweisungen. Soviel hatte er schon begriffen, dass im militärischen Dienstbetrieb nichts so ablief wie im Privatleben. "Ich darf ihnen nun ihre Vorgesetzten vorstellen.", sagte Richardson in Richtung der wartenden Personen. "Dies ist Maj. Christoper Capper. Er wird ihr Commander und Pilot sein." Nach einer Wendung zu John fuhr er fort: "Und dies ist Maj. Dr. John Silver. Er wird die Navigatorposition und die des wissenschaftlichen Leiters innehaben." Dann zeigte er in Richtung der anderen und stellte sie der Reihe nach vor: "Maj. Dr. Carren Harrows, Ärztin, Biologin und Chemikerin der Mission. Maj. Michael Maison, Techniker und Waffenexperte. Und schließlich Maj. Lucille Christenson, Computerexpertin und Historikerin." Als er die Vorstellung abgeschlossen hatte und die fragenden Blicke von John und Capps in Richtung der vierten Person bemerkte, sagte er: "Der Mann, der ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein dürfte, ist Admiral Thomas Greas, der Vater unserer Mission." Alle drehten sich zu dem älteren Mann um, salutierten und begrüßten ihn mit einem Applaus, welchen dieser zu genießen schien. Dann erhob er sich und begann: "Da ich jetzt gesehen habe, dass alles in guten Händen ist, möchte ich mich entfernen." Er ging ohne weitere Worte in Richtung des Haupttores der Anlage und ließ die Gruppe allein. Als der Admiral aus ihrem Blickfeld verschwunden war, kommentierte Richardson dessen Benehmen: "Er arbeitet wie ein Tier, hat aber keinen Bezug zu seinen Mitmenschen." Dann bat er alle, sich hinzusetzen und einige Dinge zu besprechen. Capps und John hörten hier nur Themen, welche sie schon gelesen hatten und so vergingen die nächsten zwei Stunden doch sehr langsam. Endlich kam Richardson zum Ende seiner Ausführungen und stellte John und Capps die Frage: "Was würden sie als Vorgesetzte der Mission nun vorschlagen?" Capps antwortete ohne nachzudenken: "Es wäre sehr schön, wenn wir jetzt ein wenig Zeit hätten, uns besser kennen zu lernen." Richardson lächelte und sagte: "Und genau dieser Aufgabe ist der Rest des Tages gewidmet. Genießen sie diese letzten Stunden unter der Sonne, sie werden sie zwar bald aus der Nähe sehen, dann wird sie aber eher eine Gefahr darstellen, als die Stimmung heben." Er verließ sie mit den Worten: "Morgen 0700 Einsatzbesprechung." Capps und John stellten sich den anderen nochmals vor und Capps machte keinen Hehl daraus, dass er auf das Sie verzichten wollte. Da keiner der anderen etwas dagegen einzuwenden hatte, war diese Barriere gebrochen und sie begannen eine ausgelassene Unterhaltung, zu der die bald gebrachten Getränke ihren Teil beitrugen. Carry, so wollte Maj. Harrows genannt werden, war sehr offen und übernahm schon bald den Part des Gruppenclowns, aber nicht negativ, sondern belebend. Capps und Maj. Maison, welcher Mike genannt wurde, maßen ihre Kräfte beim Armdrücken, welches beide sehr liebten. Maj. Christenson, Spitzname Lucy, hatte ihre Gitarre mitgenommen und spielte bekannte Lieder, zu denen gegrölt wurde. Als die Sonne unterging, waren alle der Meinung, dass es eine gute Zeit in der Kapsel werden würde. So glaubten sie, würde auch der Mission ein guter Erfolg beschieden sein. John schlief, obwohl ihm so viele Dinge durch den Kopf gingen, gleich ein. Nach dem Kennenlernen der anderen Mitglieder der Reise war er sich sicher, dass ihm nicht wieder das gleiche Unglück wie in der Antarktis passieren würde. Dort war er durch seine Vorgesetztenposition allein gewesen. Hier war man ziemlich gleichgestellt und die Chemie passte auch besser. Die nächsten Tage verbrachte das neu gebildete Team mit den verschiedenartigsten Dingen. Sie wurden mit der Raumkapsel vertraut gemacht, so dass jeder von ihnen zumindest die Grundsätze der Technik verstand, welche die Funktion der Kapsel und ihr Überleben gewährleistete. Der Antrieb interessierte John hier besonders, da es ihn interessierte, inwieweit seine Theorien über den Photonenantrieb gestimmt hatten. Wie er feststellte, war er sehr gut gelegen, doch einige Ergänzungen und Korrekturen waren noch dazu gekommen. Um ihre Überlebenschancen zu steigern, wurden immer wieder Alarmübungen durchgeführt. Bald kannte jedes der Mitglieder seinen Platz während eines der vierzehn verschiedenen Notfallszenarien, welche ausgearbeitet worden waren und nach Meinung der Experten über neunzig Prozent der möglichen Notfälle abdeckten. In stundenlangen Vorträgen lernten sie alles, was die Wissenschaftler in den vergangenen Jahrhunderten über die naheliegenden Sonnensysteme herausgefunden hatten. Auch hier war John nicht sehr gefordert, da für ihn die meisten Fakten schon bekannt waren und nur auf das wesentliche eingegangen wurde. Der körperlichen Ausbildung wurde ein besonderes Augenmaß geschenkt. Sie sollten in einer brenzlichen Situation nicht an ihrer Kondition scheitern und so mussten sie ein Programm über sich ergehen lassen, welches sie genau so an ihre körperlichen Grenzen brachte, wie es manche Vorträge mit ihrem Geist taten. Sie wurden auch tätowiert. Man versah ihre Oberarme, Oberschenkel, sowie Bauch und Rücken mit Informationen über die Menschheit, die Lage der Erde und die positive Gesinnung zu anderen Lebensformen. Dann ging es zur Generalprobe. Sie sollten eine Reise zum Mars unternehmen, dort einige Gesteinsproben entnehmen und wieder zur Erde zurückkehren. Jede Zeitspanne, welche John je für ein solches Unternehmen geschätzt hätte, wurde absurdum geführt. Denn sie hatten eine Zeitvorgabe von zweiundsiebzig Stunden bekommen! Während eines Gespräches mit Capps sagte John: "Die können diese Zeit nicht wirklich ernst meinen. Wie sollen wir das nur schaffen?" Capps antwortete mit vollem Ernst: "Ich glaube, die wollen nur schauen, wie schnell es wirklich geht!" Plötzlich stand Richardson hinter ihnen und erklärte: "Lassen sie diese Zweifel bitte keinem der anderen Besatzungsmitglieder spüren. Sie sollten als Führungskräfte Sicherheit ausstrahlen und nicht zum Nachdenken über schlechte Dinge anregen." John sah Capps an und als er sah, dass auch dieser die selbe Frage auf den Lippen hatte, fragte er den Dr.: "Aber wir sollten doch auch für die Gruppe denken. Können sie uns sagen, wie eine solche Zeitvorgabe einhaltbar sein kann? Man soll die Latte hoch anlegen, um die Leute zu motivieren, doch diese Vorgabe ist doch mehr als übertrieben." "John, sie werden mir zwar nicht glauben, aber wir haben unbemannte Probeflüge hinter uns, welche ihre Aufgabe lächerlich aussehen lassen. Wir haben sehr großzügig gerechnet, um ihnen die Zeit zu geben, sich an ihre neue Umgebung zu gewöhnen.", antwortete der Dr. Capps fragte neugierig: "Lächerlich, von welchen Zeitspannen sprechen wir denn da?" Auch John stimmte ihm zu: "Ja, geben sie uns einen Wink, bitte!" Der Dr. lächelte: "Denken sie mal nach: Wenn sie schon zum Mars länger als einen Tag brauchen würden, wie wollen sie dann ein anderes Sonnensystem erreichen?" John ging ein Licht auf und er sah, dass auch Capps erst jetzt diese Tatsache entdeckte. Der Dr. fuhr fort: "Obwohl sie ja nicht so schnell altern werden, wie auf der Erde und sie die meiste Zeit in einem Kältetiefschlaf verbringen werden, der ihren Kreislauf zusätzlich verlangsamen wird, werden sie fast ein Jahr brauchen, um den ersten infrage kommenden Planeten zu erreichen. Und diese Zeitspanne ist nicht in Erdenjahren, sondern in organischen Jahren gemessen. Bei uns auf der Erde werden währenddessen zirka zwölf Jahre vergehen." Er schaute die beiden verblüfften Männer noch mal an und ließ sie dann mit ihren Gedanken allein. John und Capps brauchten erst einmal eine gewisse Zeit, bevor sie die Worte des Doktors verdaut hatten. Ihnen war während der Unterweisungen und Vorträge nicht bewusst gewesen, dass sie wahrscheinlich keinen Menschen mehr kennen würden, wenn sie von ihrer Reise zurückkehren würden. John konnte seine Überraschung nicht so gut verstecken wie Capps und sagte: "Ich habe dich noch gar nicht nach deinem Privatleben gefragt. Von den anderen weis ich, dass sie keinerlei Bindungen auf der Erde haben. Ich selbst kann auch nicht sagen, dass ich die Erde und ihre Bewohner vermissen werden, aber wie schaut es mit dir aus?" "Ich bin genau so ungebunden wie ihr anderen. Ich vermute fast, dass sie bei der Auswahl der Mitglieder sehr darauf geachtet haben, Einzelgänger auszuwählen. Doch das stört mich nicht, ich glaube, ich werde gut mit euch auskommen und wir werden uns schon unser eigenes Heim schaffen." Er sah John an und erkannte, dass dieser einen eigenartigen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. "John, was ist mit dir? Wenn du noch Zweifel hast, so sei beruhigt, die habe wir alle. Aber ich glaube, dass keiner von uns fünf jetzt noch auf die Chance verzichten würde, an dieser großen Suche teilzunehmen.", sagte er, nachdem er seine Hand brüderlich auf Johns Schulter gelegt hatte. Wie Richardson sie gebeten hatte, sprachen sie mit niemanden über die neuen Erkenntnisse über ihre Mission. Sollten die anderen nur glauben, dass man ihnen unmögliche Ziele gesetzt hatte, dann würden sie ihr bestes geben und um so glücklicher sein, wenn sie unter der geforderten Zeit zurückkommen würden. John und Capps waren sich aber einig, dass man einen unbemannten Flug nicht mir einem bemannten vergleichen konnte und sie sicherlich nicht die Zeiten schaffen würden, die schon erzielt worden waren. In der darauffolgenden Nacht wurden sie von einem Alarm geweckt. Man rief Sicherheitsstufe drei aus und das war die für einen Blitzstart. Die Besatzungsmitglieder hatten ihre Plätze in der Kapsel eingenommen und nahmen natürlich an, dass es sich nur um eine abschließende Übung handeln konnte. Als sich jedoch die schwere Einstiegslucke schloss und der Startcountdown begonnen wurde, wurden ihnen klar, dass diese Übung eine sehr realistische sein würde. Plötzlich hörten sie Richardsons Stimme über den Bordlautsprecher: "Mein lieben Kollegen, da diese Mission eine Probemission ist, dachten wir, es wäre gut, sie gleich mit einem Alarm zu beginnen. Die von ihnen gewünschten persönlichen Gegenstände sind in der Nacht an Bord gebracht worden. Doch ich denke, dass sie keine Zeit haben werden, sich diesen zu widmen, wenn sie die gewünschte Zeit schaffen wollen." Capps antwortete ihm: "Ich erbitte Starterlaubnis.", warf John einen belustigten Blick zu und setzte sich in seinen Pilotensitz. "Starterlaubnis erteilt!", kam es aus dem Lautsprecher. "Viel Glück und machen sie uns keine Schande!", fügte Richardson hinzu. "Keine Angst, wir werden euch schon zeigen, was wir können!", schrie Carry von hinten und lockerte so die gespannte Stimmung wieder auf. Die letzten Sekunden vor dem Start waren die wohl längsten in Johns Leben. Es gingen ihm so viele Dinge durch den Kopf. Doch dann wurden ihm seine Pflichten beim Start bewusst und er konzentrierte sich wieder voll auf seine Konsole. Er hatte die Aufgabe, die Neutronenreflektoren so auszurichten, dass die von der Erde reflektierten Sonnenstrahlen genügen sollten, um das Raumschiff zu starten. Noch waren die Reflektorabdeckungen ausgefahren, doch beim Kommando zum Start würde er diese einfahren und so einen blitzartigen Photonenüberfluss bewirken und auf die nächste Lichtwelle aufhüpfen. Diese Aufgabe war die gefährlichste überhaupt, weil eine Falscheinstellung der Reflektoren um nur drei Grad bewirken konnte, dass sich ein derart starkes elektrisches Feld gebildet würde, welches die Kapsel in eine Suppenschüssel verwandeln konnte. Spüren würden sie dann sicherlich nichts mehr, denn es waren dann Temperaturen bis zu dreitausend Grad möglich. Angesichts dieser hohen Verantwortung bekam John nasse Hände. Dies schien ihm klar ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Lucy fragte ihn: "Jonny, du bist ja kreidebleich. Geht es dir gut?" "Ja, ich bin nur etwas nervös. Keine Angst, ich werde uns schon nicht grillen.", antwortete er und scheiterte kläglich bei dem Versuch, ein Lächeln in sein Gesicht zu bekommen. So schaute ihn Lucy noch kritischer an, verbiss sich aber sichtlich einen weiteren Kommentar. John merkte, dass die Verwirrung in seinem Kopf mit jeder Minute abnahm. Er wurde auf eine Weise ruhig, welche schon fast mit Apathie vergleichbar war. Das einzige, was für ihn noch existierte, war die Konsole mit ihren Reglern. Als er sich umsah, bemerkte er, dass die anderen ähnlich fixiert auf ihre Tätigkeiten waren. John fixierte den Zeiger der Uhr, welche sonderbarer Weise nicht, wie man es in einem so modernen Fahrzeug vermutete, mit Flüssigkristallanzeige ausgestattet war. Da musste irgendjemand seiner Vorliebe für alte Uhren Ausdruck verliehen haben. Doch eigentlich war es so auch besser, denn so war die noch verbleibende Zeit körperlich und es wurde ihr der theoretische Aspekt genommen. Die Uhr zeigte zwei Minuten vor vier Uhr und da Starts immer zur vollen Stunde stattfanden, war anzunehmen, dass dies die letzten hundertzwanzig Sekunden vor dem größten Moment in ihrer aller Leben waren. John ging in Gedanken nochmals alle seine Handgriffe und Kontrollen durch, welche beim Start, ohne zu zögern, funktionieren mussten. Die Standartgriffe waren nicht das Problem. Dieses bestand eher aus den Notfallmaßnahen, welche nie geprobt werden konnten. Doch diese würden sowieso nur mehr den letzten verzweifelten Versuch bedeuten, den sicheren Tod abzuwenden. Die letzten zwanzig Sekunden zählte John laut mit herunter und ab zehn setzten auch seine vier Kollegen ein. Sie sprachen wie mit einer Stimme und es klang beinahe wie ein Gebet. Als sie bei zwei angelangt waren, hatte jeder von ihnen die Finger dort, wo sie bebraucht wurden. Dann hörten sie nur noch das Wort "Start" aus dem Bordlautsprecher und die festgefahrene Maschinerie setzte sich in Bewegung. John war der erste, der in Aktion treten musste. Er startete den Einfahrmechanismus der Reflektoren, welcher sich gleich in Bewegung setzte. John musste vom ersten Moment an, in dem die Sonne auf den Schild fiel, darauf achten, die richtige Neigung zu bestimmen und diese laufend zu korrigieren. Anfangs surrte der Antrieb nur ein wenig, doch dann ging ein Rütteln durch die Kapsel. Als die Reflektoren völlig frei lagen, bemerkte John, dass sich ein zu starkes Feld bildete. Er hatte zu langsam nachjustiert und der Winkel, den der Reflektorenwinkel abwich, nur knapp unter drei Grad lag. Er korrigierte vorsichtig, um nicht einen zu schnellen Leistungsabfall zu bewirken. Schon nach einigen Augenblicken beruhigte sich die Lage und John gab Capps die Erlaubnis, mit dem Startmanöver zu beginnen. Capps drehte den Regler, welcher die Antriebskraft bestimmte in die Stellung ´Pre Start´. So wurden die Reflektoren ihrer Bestimmung zugeführt, zugleich Energielieferant, als auch Antriebsmodule zu sein. Als Capps den Regler auf ´Start´ stellte, ging eine abrupte Schwingung durch das Raumfahrzeug. Dann hob sich die Kapsel zirka zwanzig Zentimeter, um jedoch gleich wieder zu Boden zu sacken. Capps verstärkte den Energiestoß, den die Reflektoren brauchten. Beim nächsten Versuch gab es kein Absacken mehr und John lies Capps wissen, dass er den idealen Energielevel erreicht hatte. "Viel Glück", sagte Dr. Richardson noch über den Lautsprecher, dann schob Capps den Schubregler auf ´Full Throttle´. Das nächste, was sie sahen, war der Mond. Mike schrie: "Das ist unmöglich! Wie können wir diese Entfernung in fünfzehn Sekunden geschafft haben?" Capps erklärte: "Denk mal nach. Wie sollen wir einen anderen belebbaren Planeten erreichen, wenn schon zum Mond mehrere Minuten bräuchten?" Hätte John die Zeit dafür gehabt, hätte er sich dem in ihm aufsteigenden Lachkrampf sicher nicht widersetzt. Doch so zeigte sein Gesicht nur eine leichte Regung des Lächelns. Hatten er und Capps erst wenig vorher ungläubig den Erklärungen Dr. Richardsons gelauscht, so war es jetzt Capps, der in die Gesichter der anderen erst das Unvermögen zu Verstehen, dann den Widerwillen zu begreifen und dann den Ausdruck der Faszination zauberte. Doch es gab nicht viel Zeit, diese neuen Erkenntnisse zu überdenken, denn sie waren jetzt gefordert, mit ihren Aufgaben zurecht zu kommen und es dauerte doch einige Minuten, bis die, während des Trainings automatisch gewordenen Abläufe, auch hier in der Kapsel wieder wie von selbst passierten. Erst, als sich alle beruhigt hatten, verlangte Capps einen Lagebericht der einzelnen Stationen. Lucy begann: "Die Computersysteme funktionieren vollständig. Die Displays haben zwar während des Starts etwas gestottert, aber jetzt kann ich nur sagen: OK!" Nachdem Capps dies im Logbuch verzeichnet hatte, bat er John um dessen Bericht. John meinte: "Alles im grünen Bereich. Der Winkelfehler ist unter einem Grad und die Korrektur wird in spätestens fünf Minuten abgeschlossen sein." Carry setzte mit ihrer Ausführung fort: "Eure Körperfunktionen schauen gut aus Johns Sauerstoffsättigung war kurz leicht kritisch, aber jetzt ist alles im Normalbereich. Die Innenatmosphäre ist normal und das Gasverhältnis stimmt." Mike schloss mit den Worten: "Die technischen Abläufe stimmen. Der Notantrieb zeigt keine Anzeichen einer Störung und ich habe mir nicht in die Hosen gemacht." Was darauf folgte, war eine immense Erleichterung für alle. Sie lachten, bis ihnen die Tränen kamen und schimpften Mike wegen seine Albernheit. Ihr Gelächter wurde durch einen dumpfen Ton gestoppt. Alle wandten sich erschreckt ihren Konsolen zu. Doch Capps beruhigte: "Das war nur ein kleiner Stein. Nichts erschreckendes." Trotz dieser Erklärung war es die nächsten Minuten sehr still in der Kommandoeinheit. Der Stein hatte ihnen die Gefährlichkeit ihres Unternehmens auf eine sehr wirksame Weise vor Augen geführt. Als Capps sichergestellt hatte, dass die Flugbahn stimmte, verkündete er das Ende der Startphase. Jetzt hatten sie das erste Mal Zeit, sich der Besonderheit ihrer Situation bewusst zu werden. John sah durch die kleine Luke ins All und als er in Richtung Erde blickte, war er verblüfft, mit welcher Geschwindigkeit sie sich von ihrem Heimatplaneten entfernten. Dann gingen sie in ihre Quartiere, um dort nach dem Rechten zu sehen, wobei immer einer die Instrumente bewachte. So würde es während ihrer ganzen Reise bleiben. John übernahm die erste Wache, da er noch so lange wie möglich auf die Erde zurückblicken wollte. Die nächste Stunde verbrachten sie mit dem Aufräumen ihrer Quartiere, denn der Start hatte ihre Mitbringsel doch etwas durcheinander gebracht. Dann aßen sie, wobei Carry wieder ihre dauernden Scherze über die Pillennahrung schob. "Mich wundert es, dass man unsere Nahrung nicht in Zäpfchenform gepresst hat. Dann hätte man uns jeden Geschmack genommen.", scherzte sie und brachte so die notwendige Auflockerung. Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatten, ging es daran, den Kurs zu kontrollieren. Denn jetzt hatten sie nötige Distanz zur Erde, um verlässliche Ergebnisse zu erhalten. Diese Arbeit fiel zu einem Großteil John und Lucy zu. John lieferte die Daten, welche er aus den Sternen- und Planetenkarten entnahm und Lucy bediente den Navigationscomputer. Sie orientierten sich an fünfundzwanzig, sich konstant verhaltenden Planeten und Sternenkonstellationen. Das Ergebnis, welches sie erhielten, gab keinen Anlass zur Sorge. Lediglich eine Kurskorrektur von vier Grad war notwendig und diese wurde auch gleich von Capps in Angriff genommen. Da dies Capps erste Kurskorrektur unter Realbedingungen war, ruckelte das Schiff ein wenig, doch keinem wurde dadurch unwohl. Mike scherzte: "Vielleicht hätte wir den Alkohol doch zuhause lassen sollen!" Carry konnte sich natürlich auch nicht zurückhalten und meinte: "Nein, seit froh, wenn er was zum Saufen hat. Was glaubt ihr, wie der nüchtern fliegt?" Capps spielte gleich mit: "Ja, dann zittere ich immer so viel. Nicht auszudenken, wie viele Kotztüten wir dann bräuchten!" Lucy gab gespielte Würgetöne von sich und John konnte gar nichts mehr sagen oder tun, weil er schon einen roten Kopf hatte und Atemnot durchs Lachen bekam. Als sich alle wieder beruhigt hatte, überprüften sie den Fortschritt ihrer Reise. Und sie wurden wieder überrascht. Betrug die Entfernung zwischen Erde und Mars zirka hundertfünfzig tausend Kilometer, so hatten sie in nur einer Stunde schon ein Fünftel der Strecke hinter sich gebracht. Da solche wichtigen Messungen an vier verschiedenen Stellen der Kapsel und mit unabhängigen Systemen vorgenommen wurden, blieb ihnen nur mehr, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie in vier Stunden den Mars erreichen würden. Capps meinte: "Wenn wir schon so schnell dort sind, wie viel schneller werden wir dann die Rückreise schafften?" Und an John gewandt: "Jetzt fliegen wir von der Sonne weg. Glaubst du, wird sich die Mithilfe der Sonnenanziehung beim Rückflug auf die Zeit auswirken?" John, der sich endlich wieder von den neugewonnenen Erkenntnissen erholt hatte, antwortete: "Ich weis es wirklich nicht! Aber das werden wir dann schon sehen. Viel Hilfe sollte es aber nicht sein, sonst wird das Bremsen zum Trapezakt." "Keine Angst, diese Metalltrottel werden uns schon waren, sollten wir zu schnell sein!", stichelte Carry und fing sich einen gespielt bösen Blick von Lucy ein. Anfangs hatte es tatsächlich Spannungen zwischen den beiden Frauen gegeben. Lucy war einfach nicht mit Carrys Humor zurecht gekommen. Doch mit der Zeit hatte sie ihre Kollegin ins Herz geschlossen und sie waren Freundinnen geworden. Da der Kurs stimmte und sie die Ankunftszeit am Mars auf zehn Minuten genau bestimmt hatten, schalteten sie die wichtigsten Systeme auf ihre Freizeitkonsolen und zogen sich in ihre Quartiere zurück. Dort legte sich John gleich auf sein Bett, da er endlich den Kopf wieder freibekommen wollte. Schon nach einigen Minuten gab er den Versuch zu schlafen auf. Zu viel Adrenalin hatten die Ereignisse der vergangenen neunzig Minuten in seinen Kreislauf gepumpt. Als er einen Blick auf Capps warf, stellte er fest, dass es dem auch nicht anders ging. "Hast du eine Vorstellung, welche Entfernung wir schaffen können, wenn wir mit dieser Geschwindigkeit zwölf Jahre reisen?", fragte er. Capps wurden die Dimensionen, welche ihre Reise annehmen konnte, sichtbar bewusst und so dauerte es einige Augenblicke, bis er antwortete: "Die Chancen, dass wir einen für Menschen belebbaren Planteten finden werden, steigen nun sicherlich. Aber werden wir auch außerirdisches Leben finden? Wahrscheinlich nicht." "Mir wäre es so auch lieber. Das Risiko, dass wir uns Feinde schaffen, wäre zu groß!", gab John zu verstehen. Capps wollte gerade zu einem Gegenargument ansetzen, als Mike hereinstürmte und aufgeregt sagte: "Das müsst ihr euch ansehen!" Sie folgten ihm in die Kommandozentrale. Dort deutete Mike auf eine der Luken und sie sahen, die Sonne. Diese Perspektive hatte noch nie ein Mensch gesehen. Wurden die meisten Bilder der Sonne sonst von der irdischen Atmosphäre und dem Mond verzerrt, so sahen sie jetzt ihren Mutterstern in seiner vollen Pracht. Die Sonnenwinde waren klar zu erkennen und die Korona schimmerte wie ein Schleier, der vibriert. Sie standen mehrere Minuten da und ließen diese Szene einfach nur auf sich wirken. Dann läutete der Computer die nächste Überprüfung des Schiffes und seiner Insassen ein. Widerwillig rissen sie sich von dem faszinierenden Anblick los und nahmen in ihren Sitzen Platz. Die Überprüfung zeigte, dass alles in Ordnung war. Einzig Lucys Sauerstoffsättigung war zu hoch. Doch das führte Carry auf die Aufregung zurück, gab Lucy aber den Rat, sich ein wenig in die Kälteschlafkammer zu legen, um ihren Zustand wieder zu normalisieren. Lucy folgte dem Rat und auch Mike und Capps folgten ihrem Beispiel. Sie sollten sowieso einen Kurztest des Schlafsystems durchführen und so kam ihnen diese Chance sehr recht. Jetzt waren nur mehr John und Carry im Kommandostand. Sie vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen über ihre weitere Zukunft und stellten zum wiederholten Mal fest, wie gut die Gruppe harmonierte. Dann ging Carry in das medizinische Lager, um die Medikamente zu kontrollieren und John führte einige Korrekturen an diversen Sternenkarten durch. Wie sich herausstellte, lagen die Umlaufbahnen der inneren Planeten Merkur und Venus nicht so, wie man auf der Erde berechnet hatte; die äußeren Planeten jedoch folgten fast exakt diesen Berechnungen. Als er diese Korrekturen fertiggestellt hatte, widmete er sich einigen kleineren Himmelskörpern, welche man noch nicht entdeckt hatte. Sie lagen so nah an der Sonne, dass John annahm, dass sie, als die Sonne die Planeten "ausspuckte", nicht genügend Schwung gehabt hatten und so ähnlich den Monden um die Sonne rotierten. Sie hatten aufgrund der geringen Entfernung zur Sonne ein hohes Drehmoment und waren fast nicht mehr elliptisch, sondern eher schon stabähnlich. Auch waren ihre Umlaufbahnen sehr instabil, was die Theorie einiger Astronomen bekräftigte, dass die Sonne ihrerseits kein gleichmäßiges Kraftfeld hatte. Als John auf die Uhr blickte, bemerke er, dass die neunzig Minuten, welche der Tiefschlaftest dauern sollte, abgelaufen waren und rief Carry über den Bordlautsprecher: "Carry, wir sollten unsere Freunde jetzt wieder aufwecken." "Ja, ich komme schon. Ich hoffe, die wollen jetzt kein Frühstück!", antwortete sie und John dachte sich, dass diese Frau wohl nie eine normale Antwort zu geben im Stande war.