Vampire By Japsi I. Kapitel 1. Dies ist meine Geschichte. Die Geschichte eines von Gott Verdammten und des Menschen Gefürchteten. Es ist eine Geschichte, die von Einsamkeit und ewigem Selbsthaß geprägt ist. Und es ist die Geschichte nach einem Ausweg. 2. Geboren wurde ich als Sohn des Grafen von Cambridge. Meine Eltern gaben mir den Namen Charles Richard. Ich wuchs behütet durch den Reichtum meiner Eltern auf. Unterrichtet wurde ich von den besten Lehrern. Nie mußte ich Träume haben, da ich von meinen Eltern alle Wünsche erfüllt bekam. So wurde ich zu einem herzenskalten Menschen. Bald nach meiner Kindheit entdeckte ich meine Leidenschaft für die Jagd. Ich fühlte das erste Mal in meinem Leben richtige Freude. Diese Vorliebe führte dazu, daß ich den Bestand an Wild in unseren Wäldern so beängstigend dezimierte, daß mein Vater mir die Jagd verbot. Das war das erste Mal, daß ich mich einem Verbot beugen mußte und diese Tatsache machte mich sehr wütend. So begann ich die Verbindungen meines Vaters auszunutzen, um in des Wäldern der umliegenden Grafschaften zu jagen. Es gab für mich nichts erfüllenderes, als einem Tier aufzulauern und es dann zu töten. Doch entwickelte sich meine Leidenschaft bald zur Grausamkeit. Versuchte man sonst, die Tiere schnell und schmerzlos zu töten, so bereitete es mir die größte Freude, meine Opfer langsam und unter langem Todeskampf geradezu in den Tod zu foltern. Diese Grausamkeiten führten aber dazu, daß bald kein Mensch mehr mit mir jagen wollte. Das störte mich nicht sonderlich, als mir jedoch immer mehr Herzöge und Grafen den Zutritt zu ihren Wäldern verboten, begann ich heimlich und des nachts zu jagen. Anfangs verdächtigte mich niemand und man bestrafte duzende Leibeigene, die vorher schon beim Wildern ertappt worden waren. Doch als ich es unterließ, die getöteten Tiere zu vergraben, erkannten einige meines früheren Jagdgefährten meine grausame Art des Tötens. Sie konnten mir jedoch nichts nachweisen und so kam ich ungestraft davon. Als ich eines Nachts wieder einmal auf einem meiner Jagdausflüge war, entdeckte ich eine Rehkuh, welche an einer Lichtung graste. Ich legte meinen Bogen an - Musketen waren mir schon zu langweilig geworden und die Tiere starben mir auch zu schnell - und schoß sie in den Bauch. Dann näherte ich mich dem im Todeskampf auf dem Boden liegenden Tier. Ich verspürte meine eigene Art des Triumphes bei diesem Anblick. Im Rausch der Empfindungen bemerkte ich nicht, daß sich mir von hinten ein großer Hirsch näherte. Erst als das Tier seinen tiefen Klageschrei ausstieß und mich angriff, suchte ich Schutz. Doch ich sah weit und breit keine Möglichkeit, dem Tier zu entkommen. So tat ich das, was alle wilden Tiere tun: Ich griff an. Mein langes Jagdmesser fügte dem angreifenden Hirsch eine tiefe Wunde zu, aber er schaffte es noch, mir sein Geweih in den linken Oberschenkel zu stoßen. Ich verlor sofort das Bewußtsein. Der Hirsch konnte mir jedoch nichts mehr antun. So verblutete er an meiner Seite. Ich hatte schwere Verletzungen davongetragen und wäre mich hoher Wahrscheinlichkeit auch verblutet. Hätte mich nicht ein Obdachloser gefunden und stundenlang durch den Wald getragen. Dank seiner Hilfe kam ich mit dem Leben davon. Er brachte mich in das Herrenhaus des Grafen von Winsborough, da er an meiner Kleidung meine adelige Herkunft erahnt hatte. Der Graf ließ mich verarzten und bald war gesichert, daß ich mit dem Leben davonkommen würde. Mein Lebensretter, der Obdachlose machte einen schweren Fehler. Er hatte mich zum Tor gebracht, die Glocke geläutet und wollte verschwinden, da er Angst vor Adeligen hatte. Er hatte aber nicht damit gerechnet, daß die Nachtwache so schnell das Tor öffnen würde. Er wurde nach einer kurzen Verfolgung gefaßt und schon am nächsten Morgen hingerichtet, da man glaubte, er hätte mich geraubt und schwer verletzt. Ich versuchte die Sache erst gar nicht richtigzustellen, als ich wieder völlig gesund war und glaubte mich in Sicherheit. Ich kehrte auch bald zu meiner Familie zurück und lebte mein früheres Leben weiter. Auch meine nächtlichen Jagdausflüge wurden schon nach kurzer Zeit wieder zur Gewohnheit. Ich hatte absolut nichts aus meinem Unfall gelernt. Im Gegenteil, ich steigerte meine Grausamkeit immer weiter und mein Glücksgefühl stieg mit jedem Goldstück, um welches die Prämie für die Fassung des Wilderers angehoben wurde. Da der Betrag bald das Jahreseinkommen einer ganzen Bürgerfamilie überstieg, lieferte so mancher Mann seinen besten Freund ans Messer. Es wurden innerhalb von nur sechs Monaten siebenundzwanzig mutmaßliche Wilderer hingerichtet. Aber auch die Männer, die für die, sich als falsch herausstellenden, Urteile verantwortlich waren, wurden schwer bestraft. Was ich nicht wußte, war, daß der Graf von Winsborough während meines Aufenthalts bei ihm von dem Hirschen erfahren hatte und er meine Verletzungen bald damit in Verbindung brachte. Es fehlte ihm nur der Beweis, um mich ans Messer zu liefern. Er stellte eine große Gruppe von Wachen zusammen, die jede Nacht seine Wälder bewachten. Wäre ich so klug gewesen, nicht an den Ort meines Unfalls zurückzukehren, dann hätte ich mein Doppelleben wahrscheinlich für immer weiterführen können. So aber passierte, was passieren mußte: Als ich ein Wildschwein geschossen hatte und meine Freude an dessen Leiden hatte, war ich plötzlich von fünf Männern umzingelt, welche mich schmerzhaft wissen ließen, daß jeder Widerstand mit großen Schmerzen verbunden sein würde. Sie brachten mich gleich zu ihrem Herren, welcher mich sofort erkannte und mir seinen nun bestätigten Verdacht mitteilte. Meine Versuch, mich mir einer früheren Jagderlaubnis herauszureden, schlug er mit der Zweitschrift des Verbotes nieder, von denen ich im Laufe der Zeit eine große Anzahl erhalten hatte. Die Tatsache, daß auch meine Pfeile mir denen, die bei dem toten Hirsch gefunden worden waren, übereinstimmten, ließ mir nur noch einen Ausweg: Ich gestand. 3 Nachdem der Graf mein Geständnis hatte und sich dieses auch noch schriftlich geben lies, brachte er mich unter Bewachung in das Haus meiner Eltern zurück. Dort versuchte ich erst, meinem Vater zu erklären, mein Geständnis sei durch Folter erzwungen worden. Mein Vater lies sich von meinen Lügen nicht beeinflussen. Er lies mich wissen, daß ich die Zeit bis zu meinem Prozeß in meinem Gemach verbringen mußte. Ein Fluchtversuch würde mit Strafverschärfung geahndet werden. Da ich ein Adeliger war, hatte ich im Gegensatz zu den Leibeigenen und Bürgern das Recht auf einen Prozeß. Ein Angehöriger der unteren Gesellschaftsschichten wäre in meinem Fall mit dem Tod bestraft worden - ohne Schuldbeweis. Mein Vater schaffte es irgendwie, die Verhandlung auf unserem eigenen Land abhalten zu dürfen. So würde er der Richter sein. Ich wußte zwar, daß er ein sehr gesetzestreuer Mann war und die ihm vom König verliehenen Rechte sehr ernst nahm. Doch ich glaubte nicht, daß er seinen eigenen Sohn mit voller Härte bestrafen würde. Ich schätzte meine Höchststrafe auf höchstens zwei Jahre Jagdverbot und die Erbfolge würde wohl an meinen jüngeren Bruder übergehen. Ersteres würde zwar sehr schwer für mich werden, aber ich dachte schon über Auswege aus dieser Lage nach und kam zu der Überzeugung, daß, wenn ich mich geschickt anstellen würde, mein Vater die Zeit schon nach kurzer Zeit herabsetzen würde. Ich mußte ihn nur davon überzeugen, daß ich mich gebessert hatte. Die Übergabe der Nachfolge meines Vaters machte mir überhaupt nichts aus, da ich mich der Verantwortung nicht stellen wollte, ein ganzes Leben über unwichtige Leute zu herrschen und dem König für alles Rechenschaft ablegen zu müssen. Ich wollte viel lieber das gemütliche Leben des zweiten Mannes in der Grafschaft leben. Der Tag meiner Verhandlung war ein Sonntag. So wie jede Amtshandlung dieser Art wurde sie im Anschluß an die Messe abgehalten, da so keiner der weit angereisten Adeligen auf seinen Gottesdienst verzichten mußte. Der Weg von der Kirche zum großen Saal war nicht sehr weit. Trotzdem kam er mir wie eine Odyssee vor. Hunderte Menschen standen längs des Weges und warfen mir haßerfüllte Blicke zu. Darunter mußten sehr viele Angehörige und Freunde der Männer sein, die durch meine Schuld hingerichtet worden waren. Das erste Mal kam mir das volle Ausmaß meiner Taten zu Bewußtsein. Bis jetzt hatte ich nur an die Tiere gedacht, die durch meine Hand ein grausames Ende gefunden hatten. Die Menschen, an deren Tod ich indirekt schuld war, waren mir bis jetzt noch nicht bewußt gewesen. Ich fühlte ein mir ungekanntes Gefühl, welches ich als Reue erkannte. Jetzt vermutete ich, daß meine Strafe wohl doch höher ausfallen würde. Es würden wohl doch fünf bis zehn Jahre ohne Jagd werden und ich würde wohl als Herzog enden und viel von meinem Einfluß einbüßen. Doch ich glaubte, daß ich mich an ein solches Leben gewöhnen würde und bald wieder ein normales, glückliches Leben würde führen können. Meine Verhandlung dauerte nicht sehr lang. Da alle Beweise gegen mich sprachen, befand mich der Stafsenat, der aus den restlichen Grafen bestand, für schuldig und ich konnte dem Entscheid nur zustimmen. Wie es Tradition war, hatte ich dann die Chance, meine Sicht der Dinge darzulegen. Ich lies die Menschen wissen, daß mir beim Gang von der Kirche zum Saal das volle Ausmaß meiner Taten bewußt geworden war und ich mein Schicksal nun in Gottes Hände legen wollte. Als mein Vater sich zum Schuldspruch erhob, waren seine Augen tränenerfüllt. Er war in den letzten Wochen um Jahre gealtert. Sein Urteil lautete auf Wilderei, Aufhetzerei zum Mord und Meineid. Auf seine Frage, ob ich dieses Urteil annehmen konnte, antwortete ich mit einem lauten und kräftigen "Ja". Daraufhin zogen sich mein Vater und der Senat zur Findung des Strafausmaßes zurück. Als sie wieder zurückkamen, erhob ich mich und trat zum Senatstisch, über welchem ein übergroßes Kreuz hing, um die Urteile unter Gottes Hand zu legen. Mein Vater begann seine Rede mit einer Entschuldigung. Er sagte, er würde es sich nie verzeihen, mir nicht das Leben schwerer gemacht zu haben. Er habe wohl zu viel Liebe und zu wenig Härte walten lassen. Doch er bemerkte auch, daß er mich immer Güte und Gerechtigkeit gelehrt hatte. Dann erhob er seine Stimme auf eine Art, daß offensichtlich war, daß er nun zur Urteilsverkündung kommen würde. Es lautete: Enthebung jeglicher Adelstitel, Verbannung aus England und sofortige Hinrichtung, sollte ich je wieder zurückkehren. Er erklärte, Gott solle ihm gnädig sein, er könne seinen eigenen Sohn nicht mit dem Tod bestrafen. Ich fiel wie vom Blitz getroffen zu Boden. Zu überraschend war das Urteil für mich. Es übertraf bei weitem meine schrecklichsten Befürchtungen. Zwei Wächter hoben mich auf und geleiteten mich zu Richtertisch. Mein Vater sah mich an und sagte, er täte ihm leid, aber so wäre sein Schuldspruch. Ich konnte ihm nicht böse sein. Zuviel haßte ich ihn. Ich hatte nur mehr Haß in meinem Herz und er entnahm dies wohl auch meinen Blicken. So ließ er mich zurücktreten und gab mir eine Besitzurkunde für ein Grundstück in Frankreich. Dort meinte er, sollte ich ein Leben in Ruhe führen können und auch meiner Jagdleidenschaft frönen können. Dann brachten mich die Wärter zum Tor, wo schon die Menschen standen, die mich schon beim Weg zur Verhandlung begleitet und beschimpft hatten. Ich wurde in eine bereitgestellte Kutsche gesetzt, welche von zehn schwer bewaffneten Soldaten bewacht wurde. Als sich die Pferde in Bewegung setzten, sah ich zum letzten Mal meine Eltern. Meine Mutter litt sichtlich, als hätte mein Vater doch das Todesurteil über mich verhängt. Sie starb nur zwei Jahre später an der Pest. Mein Vater war jetzt wieder nur mein Vater, nicht mehr der Richter, der mich verbannt hatte. Ich rief ihm zu, daß ich ihm verzeihen würde und beiden, sie würden immer einen Platz in meinen Herz behalten. Mein Vater hatte das schwere Leid zu tragen, als einziger der Familie die Pest zu überleben. Und das würde auch für mich gelten. II. Kapitel 1. Die Reise zur Fähre, welche mich nach Frankreich bringen sollte, verlief sehr ruhig. Es gab nur einen einzigen Angriff einer Gruppe Bauern, bei dem zwei Bauern und einer der Soldaten leichte Verletzungen davontrugen. Ich war während der Fahrt ein ganz anderer Mensch geworden. War ich früher ein sehr böser Mensch gewesen, so hatte ich aus meinen Fehlern gelernt. Ich freundete mich mit den Soldaten an und hatte so auch Menschen, mit denen ich über meine Probleme sprechen konnte. Unter ihnen war ein junger Mann namens Ringolf, der mich am besten verstand. Er war selbst ein verstoßener Adeligensohn. Er hatte eine Affäre mit seiner Stiefmutter gehabt und so zum Soldaten degradiert worden. Er sollte sich seinen Titel wieder verdienen hatte sein Vater gemeint. Mit Ringolf führte ich des Abends stundenlange Gespräche und bald war er einverstanden, mich nach Frankreich zu begleiten, da er meinte, eine Rückkehr zu seiner Familie wäre sowieso unmöglich, da sein Vater nicht vor hatte, seine Anstrengungen zu honorieren. Die anderen Soldaten verneinten, als ich ihnen das gleiche anbot. Das verstand ich gut. Ich wollte sie nicht von ihren Familien trennen. Zu gut konnte ich mit ihnen mitfühlen. Die schmerzhafte Trennung von meiner Familie war Grund genug, nicht zu versuchen, sie dazu überreden. Mit Ringolf verband mich auch die Tatsache, daß wir beide zu behütet aufgewachsen waren und so durch die Urteile unserer Väter schrecklich aus unserer gewohnten Umgebung gerissen worden waren. So wurde er mein erster richtiger Freund und unsere Freundschaft sollte ein Leben lang halten und darüber hinaus. Als wir die Fähre erreichten, verabschiedeten wir uns von unseren Begleitern und gingen auf unsere Reise in eine unbestimmte Zukunft. Was würde sie uns bringen? 2. Ich war noch nie auf dem Meer gereist und so plagte mich anfangs schwere Seekrankheit. Doch schon bald legte sich dieser Zustand und ich genoß die Reise. Ringolf und ich führten lange Gespräche über Frankreich. Wir wußten nicht, ob unser Ruf uns schon vorausgeeilte oder ob niemand etwas von uns wußte. Würden die Menschen schon von meinen Vergehen wissen, so würde es unmöglich sein, sich eine Existenz aufzubauen. Dann würde mir nichts anderes überbleiben, als das Grundstück zu verkaufen und weiter zu reisen, um einen Ort zu suchen, wo keiner von mir wußte. Wir sprachen auch über unser weiteres Leben. Wir hatten gehört, daß in Europa die Wertvorstellungen weit nicht mehr so streng waren wie in England. Wir hofften, Frauen zu finden, Familien zu gründen und ein normales Leben führen zu können. Ringolf sagte wiederholt, daß er merkbare Veränderungen an meiner Persönlichkeit bemerkte. Er scherzte damit, daß ich wohl endlich erwachsen werden würde. Ich konnte ihm nicht widersprechen. Nie war ich so glücklich gewesen, obwohl ich alles verloren hatte, was mir etwas bedeutet hatte. Ich schrieb meinen Eltern Briefe, in denen ich ihnen von diesen Besserungen und daß es nur richtig gewesen war, mich wegzuschicken. Am vierten Tag unserer Reise sahen wir zum ersten Mal die europäischen Küste. Wir fuhren noch zwei Tage daran entlang, da wir hier nicht anlegen konnten. Dann war es geschafft: Wir waren in Frankreich! Als wir die Fähre verließen hatte ich ein Kribbeln auf der Haut, wie ich es noch nie verspürt hatte. Zu groß war die Nervosität, zu stark die Anspannung vor dem neuen Leben. Wir kauften Pferde. Es war hier nicht so wie in England unpassend, wenn Adelige - die wir jetzt genau genommen wieder waren - auf Pferde ritten. Zu unserem Schutz erwarben wir auch Degen und Musketen. Ringolf bekam von mir eine neue Ausstattung verpaßt, da wir uns einige waren, daß die Soldatenkleidung Englands in Frankreich nicht sehr vorteilhaft sein würde. So machten wir uns, nachdem wir Wegerkundigungen eingeholt hatten, auf den Weg nach Paris, in dessen Nähe mein Besitz lag. Mit der Sprache hatten wir keine Probleme, da wir perfekt französisch sprachen, wie es sich für Angehörige der obersten britischen Schicht gehörte. Die Reise dauerte nur zwei Wochen, da wir wenige Pausen machten und die Pferde sehr oft tauschten. So kamen wir sehr erschöpft in Paris an. Die Schönheit dieser Stadt verblüffte mich. Sie strahlte eine Eleganz aus, die britische Städte nicht erreichten. Dort hatten große Städte immer einen strengen, kalten Beigeschmack. Noch mehr war ich von meinem neuen Anwesen verzaubert, welches wie ein Schloß aussah. Ich brauchte auch nicht auf Paris verzichten, da es nur eine Stunde mit dem Pferd entfernt lag. Als wir uns dem Haus näherten, empfingen uns drei große Männer, die uns nach dem Grund unseres Besuches fragten. Ich überreichte ihnen meine Besitzurkunde und so geleiteten sie uns zu den Ställen, wo sich gleich einer von ihnen um unsere Pferde kümmerte. Ein anderer sorgte für unser, nicht sehr umfangreiches, Gepäck. Nun war noch der dritte Mann übrig, welcher sich um uns kümmerte. Er zeigte uns unsere Zimmer. Diese waren einfach, aber sehr geschmackvoll eingerichtet. Dann fragte er uns, ob uns das Abendmahl eine Stunde später passen würde. 3. Die ersten drei Tage in unserem neuen Heim waren voll von Überraschungen. Das Haus war innen größer, als es von außen schien. Es war verwunderlich, wie viele Kostbarkeiten sich auf das ganze Haus verteilten. Sie waren aber offensichtlich nicht zufällig in ihrer Konstellation angebracht. Es schien eher das Werk eines Künstlers zu sein. Am zweiten Tag wollte wir den Keller erkunden. Was wir dort fanden, war sehr überraschend. Dort war die wohl größte Sammlung an Weinflaschen zu finden, die ich je in meinem Leben gesehen hatte. Ringolf, der sich gut mit edlen Weinen auskannte, schätze, daß der Wein ein vielfaches des ganzen Grundstückes samt Haus wert sein mußte. Mein Vater hatte sich scheinbar, so wie andere Adelige, ein zweites Heim geschaffen. Dort hoffte er wohl Zuflucht zu finden, sollte es zu Aufständen oder Krieg kommen. Unsere drei Diener waren ganz anders als ihre Kollegen in England gewesen waren. Sie waren nicht so distanziert und scheuten sich nicht, gelegentlich auch ein Gespräch mit uns zu führen. Das gefiel mir sehr, da sie so auch offener über alles redeten und so lebten wir uns sehr schnell ein. Von ihnen erfuhren wir sehr viel über das Land und unsere Nachbarn. Es schien, als wäre dies einen Gegend, in der noch viele andere Adeligensöhne lebten, die sich die Ungunst in der Heimat auf sich gezogen hatten. Ich und Ringolf brauchten also nicht mehr zu befürchten, daß man uns hier nicht haben wollte. Sie bereiteten uns darauf vor, daß in naher Zukunft einer der "Besucher", wie man Männer wie uns nannte, zu uns kommen würde, um uns willkommen zu heißen. Es bestand eine sehr spezielle Verbindung zwischen den "Besuchern". Der Begriff "Besucher" kam daher, daß die meisten Adeligen ihre Söhne nur für kurze Zeit nach Frankreich schickten. Dies war aber nur ein Vorwand, um nicht im Haß auseinander zu gehen. Die Verbindung war zwar voll in der Gesellschaft integriert, stellte aber trotzdem auch eigene Unternehmungen an. So wurden in regelmäßigen Intervallen Herrenabende abgehalten, wo englische Kultur gepflegt wurde. Waren ihre Verhaltensmuster im Alltag schon nach kurzer Zeit französisch geworden, so ließen sie sich zu solchen Anlässen wieder als britische Adelige erkennen. Ringolf und ich sprachen stundenlang über diese Vereinigung. Wir waren uns nicht sicher, ob wir uns anschließen, oder unseren eigenen Weg gehen sollten. Ein Anschluß bot uns die Chance, uns schnell einzuleben, da unsere Landmänner gut wußten, welche Probleme man in einer fremdem Kultur hat und welche Dinge man beachten mußte, um nicht schlecht aufzufallen. Die Suche eines eigenen Weges wäre wohl der interessantere Weg gewesen, aber neben der Unabhängigkeit würde sich auch die Gefahr der Isolation ergeben. Wir kamen zu der Entscheidung, daß wir uns das ganze Umfeld noch eine Weile ansehen wollten, bevor wir uns für etwas entscheiden wollten. Das Grundstück, das unser Haus umgab, war wie für die Jagd geschaffen. Die Bäume boten dem Jäger gute Stellen, um den Tieren aufzulauern, boten den Tieren aber nicht zu viel Chance, sich zu verstecken. Trotzdem war meine Leidenschaft vergangen. Zuviel hatte mich meine Liebe zur Jagd gekostet. Auch sonst war ich ein ganz anderer Mensch geworden. Es schien wirklich so, als wäre ich reifer geworden. Hatte ich früher sehr spontan und manchmal unüberlegt gehandelt, so machte ich mir jetzt Gedanken über meine Handlungen und Entscheidungen. Da Ringolf noch nicht so weit war, mußte ich ihn in den verschiedensten Situationen immer wieder bremsen. Dann kam es gelegentlich schon zu Spannungen zwischen uns. Im allgemeinen schafften wir es aber mit den Schwierigkeiten umzugehen. 4. An unserem ersten Sonntag in Frankreich hörten wir, wie einige Reitpferde sich unserem Grundstück näherten. Neugierig, wer den da unsere Gesellschaft suchte, blickten wir aus einem Fenster auf die Zufahrtsstraße. Wir sahen vier gut gekleidete Männer, die auf ihren schwarzen Hengsten sehr viel hergaben. Als sie sich dem Haus genähert hatten und von den Pferden gestiegen waren, machten wir uns bereit, sie willkommen zu heißen. Wir schickten unsere Diener hinaus, um sich um die Pferde zu kümmern. Dann verließen wir das Haus selbst, um unsere Gäste zu begrüßen. Auf unsere französische Begrüßung antworteten sie mit dem Schottengruß. Als sie unsere überraschten Blicke sahen, fingen sie unheimlich zu lachen. Einer der Männer fing an zu sprechen: "Sir Charles von Cambridge, wir wollen euch in der freien Gefangenschaft begrüßen. Ich möchte mich vorstellen: Mein Name ist Christopher. Es ist so, daß jeder seinen Grafschaftsnamen ablegt, um die Distanz zur Heimat zu bekräftigen." Er verneigte sich und trat zurück. Auch die anderen Männer stellten sich vor. Es war schön, wieder Landsleute zu treffen, auch wenn sie nicht mehr rein britisch waren. Es waren Kleinigkeiten, die sie von der französischen Lebensweise aufgenommen hatten und so waren sie interessante Männer geworden. Ich bat sie ins Haus, wo ich ihnen Whiskey anbot. Dieses Getränk lies sie wie kleine Jungen aussehen. Sie meinten, es sei schwer in Frankreich überhaupt Whiskey zu bekommen, aber so guten sei ein Ding der Unmöglichkeit. Sie tranken mit offensichtlichen Genuß, lehnten aber ab, als ich ihnen ein weiteres Glas anbot. Sie rieten mir, ich solle sparsam damit umgehen und ihn nur zu ganz besonderen Anlässen ausschenken. Ich versprach, den Whiskey wie meinen Augapfel zu beschützen, versicherte ihnen aber, mich um Kontakte nach England zu kümmern, um diesem Notstand ein Ende zu setzen. Auf dieses Angebot hin schauten sie mich erschrocken an. Sie fragten mich, ob ich nicht wisse, daß stark alkoholhaltige Getränke in Frankreich verboten waren. In diesem Land drohten bei Besitz und Handel mit solchen Getränken schwere Strafen. Diese Flasche würde kein Problem darstellen, da ich mich mit Unwissenheit würde schützen können, ich sollte sie aber nicht zu offen präsentieren. Sie meinten aber, es würde mir bei den "Besuchern" hohes Ansehen einbringen, wenn ich ab und zu eine Flasche des edlen Getränkes besorgen könnte. Ringolf wollte sofort bejahen, ich aber sagte, daß ich mir die ganze Sache noch etwas durch den Kopf gehen lassen wollte. Schließlich wollte ich nicht schon wieder mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Außerdem würde mir hier, würde ich gefaßt werden, keiner mehr helfen können. Meine Gäste lehnten ab, als ich sie zum Abendessen einlud. Sie luden mich ihrerseits zu einem Treffen der "Besucher" ein. Ich nahm an, da ich dachte, daß ich es mir mit diesen Leuten gutstehen sollte. Da diese Einladung wohl der Hauptgrund für ihr Kommen gewesen war, zeigte sie nach meiner Zusage nur mehr freundliche Aufmerksamkeit an unserer Unterhaltung. Um der Sache ihren Zwang zu nehmen, täuschte ich Müdigkeit vor und meinte, daß ich das Landklima scheinbar noch nicht gewöhnt sei. Die Gäste reagierten darauf sofort mit dem Angebot, sie würden uns nun verlassen, wenn es uns nichts ausmachen würde. Ich entschuldigte mich für meine Müdigkeit. Darauf wandten sei ein, daß es ihnen allen so gegangen war, dieser Zustand würde sich aber bald legen. Obwohl so die unangenehme Situation bereinigt war, war trotzdem klar merkbar, daß die beiderseitigen Vorwände zwar bemerkt, jedoch aus Gründen der Freundlichkeit und Erleichterung darüber hinweggesehen wurde. Als wir sie zu ihren Pferden begleiteten gaben sie uns noch Ort und Termin der Treffens bekannt und meinten, daß ich sicherlich bald keine Träne mehr an die Heimat verschenken würde. Dann verließen sie uns, ohne weitere Worte zu verlieren. 5. Ringolf und ich waren einer Meinung, daß diese Männer klar zu Führungsschicht der "Besucher" gehören mußten. Es schien also nicht die zwanglose Vereinigung zu sein, für die wir sie bis jetzt gehalten hatten. Vielmehr schien es sich um eine streng hierarchische Struktur zu handeln. Scheinbar hatten sie eine Art der eigenen Regierung gebildet. So war zumindest der Eindruck den wir aus den Gesprächen mit unseren Gästen gewonnen hatten. Ringolf war jüngster Sohn und dann niederer Soldat gewesen und war der Sache so eher abgeneigt. Ich wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen und mir die "Besucher" genau ansehen, bevor ich mit eine Meinung bilden wollte. Einer unserer Diener hatte unser Gespräch mitgehört und schaltete sich in die Unterhaltung ein. Er meinte, daß die "Besucher" einem Engländer das Leben in Paris sehr schwer machen würden, sollte er sich ihnen nicht anschließen. Er erzählte von zwei jungen Engländern, die sich gegen einen Beitritt entschieden hatten. Als ein reicher Händler ermordet wurde, mit dem sie sehr viel Zeit verbrachte, wurden sie für dessen Tod verantwortlich gemacht. Während ihres Prozesses wurden die Beweise immer erdrückender und schlußendlich wurden sie zum Tod verurteilt und hingerichtet. Hätten sie den "Besuchern" angehört, so wären sie sicherlich mit dem Leben davongekommen. Es war sogar fraglich, ob sie überhaupt vor Gericht gestellt worden wären. Er berichtete, daß es Gerüchte gegeben hatte, die besagt hatten, der Mord an dem Händler sei von den "Besuchern verübt worden und dann falsche Beweise geschaffen worden. Diese Gerüchte waren zwar nie bestätigt worden, waren aber auch nie ganz verstummt. Deswegen hatte es seit dem keiner mehr gewagt, den Beitritt zu den "Besuchern" abzulehnen. Diese Berichte machten unsere Entscheidung nur noch schwerer. Hatten wir bisher geglaubt, nur zwischen anfänglicher Isolation und leichtem Zugang zur Gesellschaft, entscheiden zu müssen, so erkannten wir jetzt, daß viel mehr davon abhängen würde. Wir beschlossen, sollte uns die Verbindung nicht zusagen, so würden wir das Grundstück samt Haus verkaufen und nach Osteuropa weiter zu reisen, wo Ringolf ein Grundstück besaß, welches er zu seinem achtzehnten Geburtstag von seinen Eltern bekommen hatte. Sollte der Verkauf nicht möglich sein, so hätte wir trotzdem genug Geld, um die Reise zu schaffen. Das Grundstück Ringolfs lag in Ungarn, einem Land, das zwar einen König hatte, aber England nicht feindlich gegenüber stand. Und das war zu dieser Zeit nicht der Normalfall. Im Laufe der nächsten Woche verkauften wir auch einen Teil des Weines aus unserem Weinkeller, um finanziell noch mehr Absicherung zu haben. Um den Verkauf den Grundstückes konnten wir uns nicht kümmern, da dieses Geschäft klar von den "Besuchern" kontrolliert wurde. Unser Vorhaben wäre zu offensichtlich gewesen und so sprachen wir mit unseren Dienern über unserer Pläne. Sie waren gleich gewillt, uns während einer möglichen Fluch zu begleiten. Es würde wirklich eine Flucht werden, sollten wir das Land verlassen müssen. Denn der Einfluß der "Besucher" war noch größer, als wir angenommen hatten. Sie genossen das volle Vertrauen der wichtigsten Berater des Königs und so des Königs selbst. Ich wurde von Tag zu Tag unsicherer, ob eine Flucht auch nur den Hauch einer Chance haben würde, war aber entschlossen, es zu probieren, sollte es notwendig sein. Im Extremfall auch unter Gefährdung meines Lebens. Unsere Vorbereitungen waren so intensiv, daß wir fast auf unser Treffen mit den "Besuchern" vergaßen. Wir mußten von einem der Diener daran erinnert werden. So bereiteten wir uns auf dieses so entscheidende Ereignis vor, während unsere Diener die Reisevorbereitungen abschlossen. Wir hatten schon lange keine so elegante Kleidung getragen. Ich rasierte mir den Vollbart ab, der mir in den letzten Wochen gewachsen war. Zu sehr hatte ich mich der möglichen Flucht gewidmet, so war meine Körperpflege ein wenig kürzer gekommen. Ringolf scherzte, jetzt würden sie mich sicher nicht mehr haben wollen, so jungenhaft ich jetzt wieder aussah. Und er hatte recht. Als ich mich im Spiegel betrachtete, erkannte ich, daß ich stark abgenommen hatte und so wie ein junger Bauernknabe aussah, der durch die harte Feldarbeit stark an seinen Fettreserven gezehrt hatte. Ich entschloß, mich auf eine Grippe auszureden und Ringolf fand diese Idee zwar nicht perfekt aber ausreichend. 6. Während des Rittes von unserem Haus zum Clubhaus der "Besucher" sprachen Ringolf absichtlich nicht über die bevorstehende Herausforderung. Und es würde uns wahrscheinlich unsere volle Verstellungskraft kosten, um unseren Gastgebern den Eindruck zu vermitteln, daß wir locker sein würden und von ihren Vorstellungen überzeugt. Wir sprachen über den Weinkeller, unsere Heimat und unsere Familien. Mit jedem Kilometer, der uns näher an Paris heran brachte, wuchs die Anspannung, welche bei mir bald in Angst ausartete. Ich mußte einige Male kräftig durchatmen, um nicht die Beherrschung zu verlieren und umzudrehen. Doch ich wußte, daß wir heute durchhalten mußten, selbst wenn wir schon bald flüchten sollten. Eine so überstürzte Flucht würde alles, was wir vorbereitet hatten, hinfällig machen. So klammerte ich mich mit aller Kraft an den Gedanken, daß der Abend nichts gefährliches bringen würde. Wir hatten vor, sollte uns die Vereinigung gefährlich erscheinen zwei Nächte später abzureisen, da in dieser Nacht ein großer Ball im Schloß des Königs von statten gehen würde. So hätten wir mindestens eine Stunde Vorsprung auf Verfolger, sollte unsere Flucht erkannt werden. Außerdem wurde der Großteil der Wachen auf dem Ball benötigt und es würde so auch nicht die Gefahr bestehen von jemand anderem erkannt zu werden. Wir erreichten das Clubhaus kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Das Haus strahlte für mich eine Gefängnisaura aus. Es schien mir, als würde die Temperatur immer mehr sinken, je mehr wir uns dem Gebäude näherten. Als wir von den Pferden stiegen, wurden diese gleich von Dienern versorgt, welche in ihrem Verhalten sehr denen in England ähnelten. Doch ich verschwendete nur einen kurzen Gedanken an diese Tatsache, denn schon wurden wir von Christopher herzlich begrüßt. Er zeigte uns den Weg zur Garderobe, wo wir unsere Mäntel und Hüte ablegten. Dann führte er uns in einen großen Raum, wo schon zirka dreißig Männer saßen, die uns intensiv beobachteten. Ich hatte einige Flaschen des Weines mitgebracht. Es waren nicht annähernd die besten Weine, die ich fand. Aber das wollte ich auch nicht. Sie brauchten nicht zu wissen, welcher Schatz sich in meinem Besitz befand. Christopher stellte uns allen vor. Ich konnte nur staunen, wie viel er über mich in Erfahrung gebracht hatte. Es war unseren Gastgebern nicht fremd, weshalb ich hier war. Doch keiner schien empört über meine und Ringolfs Taten zu sein. Es schien eher so, als wären wir Schafe in einem Rudel Wölfe. Jeder hatte zumindest einen Menschen getötet oder Hochverrat begangen. Sprach man jemanden auf den Grund an, warum er hier sei, dann gab jeder Auskunft. In keinem der Gesichter war so etwas wie Reue zu entdecken. Manche schienen sogar stolz auf ihre Taten zu sein. Der Haß, der aufkam, wenn das Gespräch auf England kam, war unübersehbar. Diese Männer waren so haßerfüllt, sie nahmen nicht einmal einen Teil ihrer Schuld auf sich. Dann kam der offizielle Teil. Hier mußten Ringolf und ich uns nochmals vorstellen. Als ich geendet hatte, fragte mich einer der vorne sitzenden Männer, ob wir uns schon überlegt hatte, und der Verbindung anzuschließen. Als ich mit einen zögernden "Ja" antwortete, lachte er. Er nahm scheinbar an, sie würden mir eine Freude machen, würden sie mich aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon einige Augenkontakte mit Ringolf gehabt. Diese kurzen Blicke hatte mich eines wissen lassen: Er wollte genau wie ich so schnell wie möglich aus diesem Raum und unsere Reise vorbereiten. So war es also beschlossene Sache. Wir würde nach Ungarn flüchten. Der Abend war unglaublich langweilig. Hier kam nie der bekannte englische Humor auf, der solche Abende in England so besonders machte. Es wurde ausschließlich über Politik, Wirtschaft und Krieg gesprochen. Welcher Krieg sich hier anbahnte, erkannte ich erst nach längerer Zeit. Die "Besucher" hatten scheinbar die Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland durch zahlreiche Intrigen verschärft. Würde es zum Krieg kommen, dann würde England in eine Zwickmühle kommen, waren doch sowohl Frankreich, als auch Deutschland befreundete Länder. Seit dem letzten großen Krieg hatte es immer gute Beziehungen zu den beiden Ländern gegeben. Im Kriegsfall aber würde England sich einem seiner Partner anschließen müssen, würde es nicht riskieren wollen, nach diesem Krieg beide verloren zu haben. Für mich war aber klar ersichtlich, daß sie darauf bauten, daß England sich Deutschland anschließen würde und in diesem Fall würden sich auch viele andere Reiche an diesem Krieg beteiligen und wenn man alles zusammenrechnete würde England klar als Verlierer aus diesem Konflikt hervorgehen, da es - egal ob Triumph oder Erfolg - viele gute Handelspartner verlieren würde und so in schwere finanzielle Not kommen würde. Diese Männer haßten England so sehr, daß sie halb Europa in den Krieg treiben wollten, um sich an ihren Eltern zu rächen. Das mußte verhindert werden. Doch Ringolf und ich hatten keine Chance, dies von hier zu erledigen. Man wußte ja nicht, ob die "Besucher" nicht auch die Post kontrollierten und vielleicht meine ganze Post nach England kontrollierten. Nach Mitternacht konnten wir uns endlich ohne Verdacht zu erregen, verabschieden. Ich bemerkte, als wir auf unseren Pferden das Clubhaus hinter uns gelassen hatten, daß ich den ganzen Abend wegen der Aufregung und Furcht nicht wirklich geatmet hatte. Ich teilte dies Ringolf auch gleich mit und er erzählte von ähnlichen körperlichen Gefühlen. Ich wäre am liebsten gleich abgereist. Doch diesmal war es Ringolf, der Ruhe bewahrte. Er erinnerte mich an die Adeligen, die zum Ball anreisten und das damit verbundene höhere Aufgebot an Soldaten, die für die Sicherheit der fremden Gäste zu sorgen hatten. Wir waren, da wir neu zugewandert waren, noch sehr bekannt und irgend jemand hätte sich sicherlich an uns erinnert. Es hätte uns zwar niemand aufgehalten, aber es würde uns um einen großen Vorteil bringen. Dieser bestand darin, daß Europa sehr groß ist und unsere Chancen zu verschwinden sehr gut standen. Wenn uns jemand bei unserer Abreise sehen würde, würde unserer Verfolger die Richtung, in die wir reisen würden und das würde unsere Möglichkeiten sehr schmälern. So ritten wir in unser Haus zurück und verbrachten die nächsten zwei Tage damit, unauffällig aber doch rasch die letzten Reisevorbereitungen abzuschließen. Unsere Diener unterstützten uns eifrig dabei. Sie wollten scheinbar auch so schnell wie möglich aus dem Einflußbereich der "Besucher" heraus. So mußte ich also zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit meine Heimat verlassen. Nur das es diesmal noch um einiges gefährlicher werden würde. Denn die Bauern, die mich während meiner Reise in England angegriffen hatten, waren nicht in der Kunst des Kampfes und der Kriegslist ausgebildet worden. Es würde uns sehr viel Kraft und Nervenstärke abverlangen, um die Grenze zu Deutschland zu erreichen. Diese zu überqueren, würde uns noch um einiges mehr fordern. Aber unser Erfolg lag nicht nur in unseren Händen. Es würde schon noch eine Menge Glück nötig sein, um nicht gefaßt zu werden. Aber wir vertrauten auf Gott, der uns sicher und gesund nach Ungarn begleiten würde. 7. Der Tag unserer Abreise war gekommen. Wir verbrachten den Tag damit, uns auszuruhen, da wir während der nächsten Tag nicht sehr viel Möglichkeit zum Schlafen haben würden. Am Nachmittag besuchten uns einige der "Besucher". Sie wollten sich davon überzeugen, daß wir nicht auf den Ball vergessen hatten. Sie meinten, das könne schon passieren, wenn man sich in einer solchen Abgeschiedenheit aufhält. Wir versicherten ihnen, daß wir uns schon sehr darauf freuten, an diesem großen gesellschaftlichen Ereignis teilnehmen zu dürfen. Es war aber offenkundlich, daß dieser Besuch eigentlich ein Kontrollbesuch war und als sie uns wieder verließen, schienen sie sehr zufrieden zu sein. Da wir nicht sicher sein konnten, ob sie nicht vielleicht einen Posten zurücklassen würden, schickten wir einen unserer Diener in die Stadt. Es sah sicher so aus, als wäre der Grund seines Rittes ein Einkauf. Als er drei Stunden später zurückkehrte, mußte er unsere Befürchtungen bestätigen. Auf einem der Bäume hatte sich ein Soldat versteckt und ließ das Haus keinen Moment aus den Augen. Würde sich etwas außergewöhnliches ereignen, so würde er eine seiner Brieftauben zu seinen Vorgesetzten schicken. Ringolf schaute mich an und schüttelte mit dem Kopf, als er meinen Blick sah. "Nein Charles, wir sollten versuchen, unbemerkt zu entkommen. Wenn du das tun willst, was ich vermute, weis ich nicht, ob ich einverstanden sein sollt.", sagte er, immer noch mit dem Kopf schüttelt. Ich antwortete ihm: "Ringolf, auch mit wird es nicht leicht fallen, aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir müssen ihn töten, wenn wir eine, wenn auch noch so kleine Chance, aufrechterhalten wollen, zu entkommen. Es steht hier da Leben eines Mannes gegen das von fünf. Du darfst unsere drei Freunde nicht vergessen. Wir würden wahrscheinlich zumindest die Möglichkeit bekommen, uns zu rechtfertigen und vielleicht würden sie uns sogar eine Bewährungszeit zusagen, aber unsere Diener sind für sie keine vollwertigen Menschen und würde wahrscheinlich einfach getötet werden, sollten wir gefaßt werden." Hatte ich eine längere Unterhaltung erwartet, so drehte ich Ringolf nur um und lies mich einfach stehen. Da ich mich damit nicht abfinden wollte, faßte ich ihn an der Schulter und zwang ihn mich anzusehen. Sein Blick war sehr bedrückt. Er schien auszusagen, daß er sich unserem Schicksal fügen wollte, dies aber nicht mit ganzer Überzeugung machte. Da ich das nicht riskieren wollte, suchte ich kurz nach den richtigen Worten. Da ich nicht in der Lage war, mit irgendwelchen Worten den Mord an einem Menschen zu rechtfertigen, sagte ich nur: "Ich werde versuchen, ihn nur zu verletzen. Dann können wir ihn fesseln und ihn so verstecken, daß er bald gefunden wird." Das war zwar eine Lüge, doch Ringolf schien sie nicht zu erkennen. Seine Laune schien sich erheblich zu steigern. Es würde nicht schwer sein, den Schuß so zu setzen, daß es nach einem versehentlich tödlichen Schuß aussehen würde. So würde ich eben die volle Schuld an dem Tod des Soldaten tragen müssen. Unsere drei Diener machten unser weniges Gepäck fertig und holten den Reiseproviant aus dem Keller. Wir hatten in den letzten Wochen immer ein wenig mehr gekauft, als wir verbraucht hatten. Es war gerade soviel gewesen, daß es nicht auffallen konnte und doch genug, um in den nächsten Tagen nicht gezwungen zu sein, in ein Dorf zu reiten. Ich hatte mich in einem der Kellerräume auf meinen sehr entscheidenden Schuß vorbereitet und war zuversichtlich. Meine Hände waren ruhiger, als man in dieser angespannten Lage annehmen sollte und auch mein Kopf war frei. Die Fähigkeit, alle störenden Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen, hatte ich mir während meiner zahlreichen Nächte als Wilderer angeeignet. Als Position für mein Vorhaben war nur ein Raum in Obergeschoß in Frage gekommen. Der Winkel war zwar nicht besonders gut, aber ich konnte das Haus nicht verlassen, wo es sicherlich bessere Plätze gegeben hätte, da ich dann die Aufmerksamkeit des Mannes auf dem Baum auf mich gezogen hätte. So wäre er wahrscheinlich in der Lage gewesen, eine seiner Tauben loszulassen, bevor ich schießen konnte. So mußte ich mich mit dem zufrieden geben, was mir zur Verfügung stand. Mein zweites Problem war, daß ich nicht mehr jagte und so auch keine Schußwaffen besaß. Ich fand nur eine Armbrust und einen Bogen im Haus, welche aber nur als Zierde an der Wand hängten. Ich vertraute eher auf die moderne Waffe, mußte diesen Ziergegenstand aber erst einsatzfähig machen. Notdürftig schaffte ich es mit einigen Schnüren, die Armbrust zumindest für einen Schuß vertrauenswürdig genug zu machen. Ringolf versicherte sich noch mal, daß mein Ziel noch immer nur eine Verletzung und nicht der Tod des Soldaten war und verließ mich sehr erleichtert, als ich seine letzten Zweifel beseitigt hatte. Diesmal hatte ich ihm aber auch gesagt, daß ich aufgrund des Winkels sehr leicht etwas zu hoch und so den Hals treffen konnte. Das machte ihm nichts aus. Er meinte, nur der Vorsatz zähle und er wäre mir nicht böse, sollte ich nicht erfolgreich sein. Ringolf und unsere drei Diener hatten sich schon am Hauseingang startbereit gemacht. Die Pferde waren im Stall schon gesattelt. Das hatten wir schon vorbereiten können, da unser Bewacher von seinem Posten aus nicht in der Lage war, in den Stall zu sehen und es war nicht auffällig gewesen, daß ein Diener sich um die Pferde gekümmert hatte. Schließlich mußten diese ja in regelmäßigen Abständen gefüttert und gebürstet werden. Ich kontrollierte noch ein letztes Mal meine Waffe und nahm dann meinen Platz am Fenster ein. Es lag nun an mir, mich so kurz wie möglich zu zeigen, um den genauen Standort des Zieles festzustellen. Ich konnte mehr riechen, als spüren, daß mir ein regelrechter Schweißfluß den Oberkörper hinunterfloß. In mir kam der unterdrückte Jägerinstinkt wieder hervor. Dann ging alles sehr schnell. Ich riß die Waffe in Schulterhöhe hinauf und brachte sie in die richtige Position. Dann drehte ich mich in Richtung Fenster und machte eine Schritt, so daß ich nun für mein Opfer klar sichtbar war. Er ließ seinen Blick eben etwas gelangweilt, wie mir schien, über unser Grundstück schwenken. So hatte ich Zeit, mich noch einen Augenblick auf den Schuß vorzubereiten. Plötzlich prallte er erschrocken zurück, da er mich entdeckt hatte und auch gleich die Waffe sah, die auf ihn gerichtet war. Ich ließ ihm keine Zeit zu reagieren. Der Pfeil schnelle mit voller Geschwindigkeit in seine Richtung. Er konnte nicht einmal mit seinem Leben abschließen. Die Pfeilspitze drang in seinen Hals ein und er verlor auch gleich das Gleichgewicht. Wie ein Stein fiel er zu Boden. Ich nehme an, er war schon tot, als er auf dem harten Waldboden aufschlug. Doch selbst, hätte er den Treffer überlebt, so hätte ihm der Aufprall wohl alle Knochen gebrochen. Ich lief so schnell ich konnte ins Erdgeschoß und schloß mich meinen, schon aufbruchbereiten Begleitern an. Wir liefen zum Stall, sattelten und beluden die Pferde in Kurzzeit und machten uns schon wenige Minuten später auf den Weg. Ringolf machte kurz eine Bemerkung über meinen Treffer und ich rechtfertigte den Tod des Mannes mit der Entschuldigung, nicht damit gerechnet zu haben, daß er den Halt verlieren und vom Baum stürzen würde. Er nahm mir diese Rechtfertigung zwar nicht voll ab, dankte mir aber trotzdem So hatte ich also die letzte Verbindung zu meiner Familie verloren. Denn jetzt würde ich ihnen nie wieder schreiben können. Zu groß wäre das Risiko. Wer konnte wissen, welche Beziehungen die "Besucher" nach England hatten. Ich konnte nicht riskieren, daß unsere neue Heimat aufgrund eines von Heimweh geschriebenen Briefes zurückverfolgt werden konnte. Ich versicherte mich, daß meine Begleiter sich dieser Tatsache genauso bewußt waren wie ich und stellte mit Erleichterung fest, daß es in dieser Hinsicht keine Probleme geben würde. Wir wählten den Weg durch die Wälder, welcher klarerweise am sichersten war. Die größte Gefahr bestand darin, von Räubern überfallen zu werden, weshalb wir unsere Waffen immer griffbereit hatten. Wir versuchten auch absolut nicht, sie zu verstecken, da es potentielle Angreifer sicher abgeschreckt hätte, bewaffnete Reisende zu überfallen. Die ersten Stunden unserer Reise verliefen, wie erwartet, sehr ruhig. Das war sicher auf den königlichen Ball zurückzuführen. Selbst die ärmsten Bauern hielten sich auf den Zufahrtsstraßen zur Stadt auf, da sie sich Chancen ausrechneten, dort vielleicht einige ihrer Produkte zu verkaufen. Die meisten würden sehr enttäuscht zurückkehren. Für uns stellte die verlassene Gegend eine sehr willkommene Erleichterung dar. So kamen wir gut voran und bald war den Gesichtern meiner Begleiter anzusehen, daß sie sich entspannten. Einerseits freute ich mich, daß sie nun nicht mehr so verkrampft dreinschauten, doch machte ich mir auch Gedanken darüber, daß sie nicht zu unbekümmert werden sollten, um nicht zu überrascht von plötzlich auftauchenden Verfolgern oder Angreifern zu werden. Ich versuchte auch, ihnen das vorsichtig zu erklären. Als ich ihre Reaktionen bemerkte, hoffte ich, es doch nicht getan zu haben. Denn aus ihren Blicken war eindeutig eine Rückkehr der erst kurz vergangenen Furcht zu sehen. Deswegen mußte ich jetzt versuchen, ihnen wieder Mut zu machen. Das war natürlich nicht leicht, da ich so Gefahr lief, mich in Widersprüche zu verstricken. So bedurfte es der Aufbringung meiner ganzen Überzeugungskraft, die Anspannung und Angst meiner Freunde zu vertreiben. Es gelang mir nicht vollständig, jedoch war eine klar sichtbare Entspannung in ihren Gesichtern zu erkennen. Die Dunkelheit machte uns große Schwierigkeiten, war aber die meiste Zeit erträglich. Nur in einigen wenigen Abschnitten war der Wald so dicht, daß es völlig dunkel war. Ich war dort aber nicht sehr nervös, da unsere Unfähigkeit zu sehen es auch unseren Verfolgern oder potentiellen Angreifern sehr schwer machen würden, uns aufzulauern. Das teilte ich auch meinen Begleitern mit. So verflog die ganze Anspannung wieder und ich wäre lieber gestorben, als wieder den Fehler zu machen, Schwarzmalerei zu betreiben. Trotz des Schutzes der Dunkelheit war hatte der Ritt durch die Finsternis doch etwas Unheimliches an sich. Immer wieder kam der Mond durch die Bäume zum Vorschein. Da es sich um einen sehr alten Wald handelte, waren die Bäume oft sehr deformiert. Sie nahmen dann oft scheinbar die Form von allen möglichen Alptraumgestalten an. Auch die dauernden Geräusche, meist von Tieren hervorgerufen, ließen uns immer wieder aufschrecken. So war ich doch sehr froh, als wir uns wieder in etwas weniger dichtem Wald bewegten. Obwohl die Chance nun wieder größer war, von Räubern überfallen zu werden, konnten wir nun fast völlig ausschließen, von den "Besuchern" eingeholt zu werden. Wir konnten davon ausgehen, mindestens zwei Tage ohne Furcht, reisen zu können. Denn die "Besucher" hatten keine Ahnung, welche Richtung wir eingeschlagen hatten. Und selbst, wenn sie dies bald herausfinden würden, würde es sie einige Zeit kosten, Männer zu finden, die Erfahrung in der Verfolgung von Flüchtlingen hatten. 8. Da wir nun schon mehrere Stunden geritten waren und dies nicht gewöhnt waren, beschlossen wir eine kurze Pause zu machen. Dort tat ich meinen Begleitern auch meinen Plan für die nächste Zeit kund. Mein Vorhaben war, uns in zwei Gruppen zu teilen. Ringolf und ich sollten dabei nicht gemeinsam reisen, da die "Besucher" sicher nicht nach unseren Dienern suchten. Eine Trennung würde die Chancen unserer Verfolger sehr schmälern, denn sie suchten nach zwei adeligen und drei Dienern. Ich hatte aber nicht vor, die gesamte Reise getrennt zu sein. Ich hatte die Reiseruten der beiden Gruppen so angelegt, daß es in regelmäßigen Abständen zu Treffen kommen konnte. Es war mir gut gelungen, die zwei Strecken zwar in gewisser Distanz verlaufen zu lassen und trotzdem die Gesamtreisestrecke nicht zu hohem Maß zu vergrößern. Meine Freunde waren sofort einverstanden, unsere Reisetaktik so anzulegen. Wir waren uns auch einig, sollte eine Gruppe nicht zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Treffpunkt eintreffen, sollte die andere Gruppe keinesfalls zurückreiten, sondern den nächsten Reiseabschnitt langsamer hinter sich bringen. Das würde der verspäteten Gruppe die Chance geben, wieder aufzuholen und die andere Gruppe würde sich nicht zu lange an einem Ort aufhalten müssen. Außerdem wäre es genug, sollten unsere Verfolger unsere Fährte finden, wenn eine Hälfte gefaßt würde. Dies alles hörte sich vielleicht ein wenig hart an, war aber nicht bloß reiner Selbstschutz. Denn sollte ein Teil gefaßt werden und der andere würde versuchen zu helfen, so würde das sicherlich auch für diese Leute das sichere Ende bedeuten. Es würde mir zwar auch nicht leicht fallen, meine Freunde im Stich zu lassen, aber wir waren uns einig, daß wir unser eigenes Wohl über das der anderen stellen würden. So saßen wir also das letzte Mal für eine lange Zeit an einem Tisch und nahmen unser Abendessen zu uns. An diesem Abend fiel auch die letzte Hürde zwischen Ringolf, mir und den drei Dienern. Waren bis jetzt immer noch leichte gesellschaftliche Hemmungen und Klischees merkbar gewesen, so waren wir während dieser letzten, gemeinsamen Stunden zu festen Freunden geworden. Es kam zu sehr offenen Gesprächen zwischen uns und nach einiger Zeit sprachen wir uns mit den Vornamen an. Es war sehr verwunderlich, wieviel wir nicht voneinander wußten. So erfuhr ich erst an diesem Abend, daß die drei Brüder waren und ihr ganzes Leben miteinander verbracht hatten. Diese Nähe hatten sie auch nicht verloren, als sie Familien gegründet hatten. So hatten alle drei Familien in einem Haus gewohnt. Dieses Zusammenleben hatte sehr gut funktioniert. Auch ihre Frauen und Kinder hatten sich gut vertragen. Doch die Tatsache, daß ihre Familien zusammenlebten, wahr auch schuld daran, daß unsere Freunde während eines Feuers ihre gesamten Familien verloren. Die größte Überraschung aber war, daß unser Grundstück früher das ihre gewesen war und sie es nur verkauft hatten, da es nach dem Tod ihrer Familien keinen Grund mehr gab, das ganze Haus für sich allein zu haben. So hatte mein Vater das Haus samt Grundstück gekauft hatte und die drei ehemaligen Eigentümern angeboten, sich um das Haus kümmern und dafür ohne Bezahlung dort weiterleben zu dürfen. Sie waren diesem Vorschlag zuerst etwas abgeneigt gegenübergestanden, da es in dem Haus doch zu viele Erinnerungen an die traurigen Ereignisse gab, doch als mein Vater ihnen sagte, daß er die Einrichtung total verändern wollte, änderten sie ihre Meinung und stimmten seinem Vorschlag zu. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, bedingt durch zu schmerzhafte Erinnerungen, lernten sie mit der Trauer zu leben. Erst jetzt verstand ich, warum sie so schnell bereit gewesen waren, sich mir und Ringolf anzuschließen. Als ich sie darauf ansprach, waren sie einer Meinung, daß sie wohl alle drei im tiefsten Inneren gehofft hatten, diesem Haus und so ihrer Vergangenheit entfliehen zu können. Aber keiner hatte das je offen ausgesprochen und so waren sie eben erst durch unsere Probleme dem Gefängnis, welches sie über so viele Jahre nur mir sehr schlechten Gefühlen bewohnt hatten, entkommen. Ich war froh endlich etwas erfreuliches an unserer Flucht zu erkennen. So glücklich auch ich war, neue Freunde gefunden zu haben und diesen auch noch dazu eine schwere Last von der Schultern genommen zu haben, um so schwerer würde es mir jetzt fallen, die beiden Gruppen einzuteilen. Ich wollte nicht, daß jemand glauben könnte, daß ich ihn nicht mit mir genommen hatte, weil der andere mir lieber war. Es war aber auch schwer für mich abzuwiegen, welcher der Männer mit mir kommen sollte. Denn ich würde ja nur einen mitnehmen und so sollte dieser der kräftigste, aber auch der nervenstärkste sein. Es dauerte lange, bevor ich mich für den jüngsten entschied. Panther, so wurde er von seinen Brüdern wegen seiner galanten Bewegungen genannt, war vielleicht nicht der klügste der drei Brüder, hatte aber sicherlich den größten Mut und es schien so, als würde er nicht diese enge Verbindung zu seinen Brüdern verspüren, welche diese miteinander verband. Erst jetzt bemerkte ich, daß ich Panthers richtigen Namen nicht wußte. Als ich ihn danach fragte, meinte er, er habe seinen richtigen Namen abgelegt, als seine Familie verstarb, da er den von Gott gegebenen Namen nicht mehr tragen wollte, nachdem ihm dieser alles genommen hatte. Auf die Frage, ob er sich Gott abgewandt hatte, meinte er nur, er suche Gott, dieser habe ihm aber kein Zeichen gegeben. Ich wollte nicht länger nachfragen und so beließ ich es bei diesem Wissensstand. 9. Ohne lange Verabschiedungen setzten wir uns am nächsten Morgen auf unsere Pferde und ritten an einer Weggabelung in verschiedene Richtungen weg. Jetzt waren Pan und ich auf uns allein gestellt. Pan, das war die Kurzform, mir der ich Panther ansprach, da ich glaubte, daß Pan wesentlich unauffälliger war, als Panther. Und es sollte nicht ein Spitzname daran schuld sein, falls wir gefaßt werden sollten. Es würden genug andere Schwierigkeiten auf uns zukommen, da mußte es nicht unbedingt eine solche Kleinigkeit sein, welche uns das Leben schwer machen sollte. Da die "Besucher" hauptsächlich mich suchten, hatte ich die leichtere und ungefährlichere Route gewählt. Dafür hatte es einige Beweggründe gegeben. Die zwei entscheidenden aber waren die Tatsache gewesen, daß es auf der anderen Strecke wesentlich mehr Wegelagerer und Räuber gab und sich die drei besser zur Wehr setzen können würden, als das mir und Pan möglich sein würde. Der zweite und für mich noch wichtigere Grund war gewesen, daß es auf der Strecke, die meine Freunde nun ritten, einige Berge gab und es zu zweit sehr schwer wäre, die Pferde über eventuelle Abhänge und Hängebrücken zu bringen. Ich hatte mich eigentlich darauf eingestellt, daß meine Wahl der Reiseruten auf Widerstand stoßen würde, aber meine Freunde schienen mir blind zu vertrauen. Darauf war ich einerseits stolz, andererseits wußte ich nicht, ob ich dem Druck, für die ganze Gruppe verantwortlich zu sein, gewachsen sein würde. Außerdem wären Kritiken sehr wichtig gewesen, da ich dann über meine Ideen länger nachdenken hätte müssen und nicht alles was ich sagte ohne Untersuchung realisiert worden wäre. Das hätte unser weiteres Schicksal vielleicht in eine bessere Richtung gelenkt. - 20 -