Starguide By Japsi I.KAPITEL 1 "Aaaahhhh", das waren die ersten Laute, die Marcus in seinem Leben von sich gab, es waren aber auch die letzten Laute, die seine Mutter der Welt schenkte. Sein Vater saß mit eingefrorener Miene da und seinem Blick war eindeutig anzusehen, daß er keine eindeutigen Gefühle für diese Situation empfinden konnte. Einerseits wurde ihm die seltene Ehre beschert, einen Sternenwächter als Sohn zu haben, andererseits jedoch hatte ihm diese Ehre seine Frau genommen. Doch so stand es doch schon im CHAMEST: "Freue dich nie über ein Geschenk, es wird dir irgendwann etwas dir kostbares rauben." Er hatte sich immer an das CHAMEST gehalten, hatte jedoch im Bezug auf seine Frau mit aller Kraft unterdrückt, was sie wußte: dieses Kind würde ihr das Leben kosten. Doch so war es schon hunderten Frauen vor ihr gegangen. Keine Frau hatte bis jetzt die Geburt eines Sternenwächters überlebt, so sind die Regeln der GROßEN ALTEN und sie wurden seit Äonen eingehalten. In dieser Hinsicht zeigten die ältesten Götter des Universums kein Mitleid. Für das Universum bedeutet natürlich das Leben einer einzelnen Frau nicht viel. ´Aber was nützt das mir.? Ich habe mein halbes Leben mit Dinay verbracht, warum muß ich jetzt die zweite Hälfte ohne ihr verbringen, nur um Menschen, die ich nicht einmal kenne, ein besseres Dasein zu ermöglichen?´. Diese Fragen stellte sich Miclaus wußte aber, daß er dem Universum mit Marcus weitmehr, als nur Lebensqualität, sondern das bloße Bestehen ermöglicht hatte, indem er mit seiner Frau einen Sternenwächter gezeugt hatte. So sah er zu wie sein Sohn und seine Frau in weiße Tücher gewickelt wurden. Sie in ölgetränkte, um sie bis zu Marcus´ Wächterweihe im Zustand der Schönheit zu erhalten. Ihn, um es keinem zu ermöglichen ihn noch vor Erreichen seiner vollen Stärke zu töten Dann wurde Marcus neben einige andere, täuschend ähnlich aussehende Stoffballen gelegt und die Wächterfrauen hereingerufen. Diese jungen Mädchen waren seit ihrer Geburt auf Marcus´ Geburt vorbereitet worden. Sie sollten ihn in den weltlichen Dingen, wie Rhetorik, Sprache, Religion erziehen. Sie hatten aber auch die schwierige Aufgabe ihn auf seinen fünfzehnten Geburtstag vorzubereiten, wo er seine Berufung zum Sternenwächter unter Beweis stellen mußte, was während des Geschlechtsaktes mit der höchsten Priesterin geschehen würde. Deshalb wurden für diese Aufgabe auch nur solche Mädchen herangezogen, die Anzeichen für sehr weibliches Aussehen erahnen ließen. Nur konnte man das bei der Geburt natürlich noch nicht so genau feststellen, deshalb wurden aus hundert ausgebildeten Mädchen nur zehn erwählt, eben jene, welche sich am besten entwickelt hatten. In frühen Zeiten wurden die restlichen Mädchen getötet, doch seit der Zeit des CHAMEST hatte dies ein Ende und diese jungen Frauen wurden als Dienstmädchen eingesetzt, da sie durch ihre Ausbildung gute Voraussetzungen für diesen Beruf mitbrachten. Neben diesen Frauen wurden auch noch sechs Männer in das Geburtszimmer gerufen, die in ihren schwarzen Kutten wie eine Mischung aus Zauberer und Priester aussahen. Dies waren die Totenwächter, welche mit der Bewachung von Diney bis zu ihrer feierlichen Bestattung beauftragt waren. Ihr Kleidung war nicht ohne Grund gewählt worden, denn sie waren genau wie die Wächterfrauen seit ihrer Geburt auf ihre Aufgabe vorbereitet worden, welche nicht nur in der rein materiellen Bewachung, sondern auch in der magischen bestand, da über Diney´s toten Körper ein Weg in Marcus´ Seele bestand, welche viele ob ihrer Macht gerne ihr eigen genannt hätten. Sie hatten ihre Ausbildung zu acht begonnen, es waren aber im Laufe der Zeit zwei erwählt worden, welche die stärksten Kräfte hatten. Diese beiden sollten die Ausbildung der Frauen durch magisches und religiöses Wissen ergänzen. Keine der zehn Frauen ließ sich anmerken, ob sie nun nur Stoff, oder den eingewickelten Marcus trug, was seinem Schutz dienen sollte, denn es waren vor Einführung dieser Schutzvorkehrung neugeborene Sternenwächter getötet worden. Dadurch kam es zu Zeiten ohne Sternenwächter und die ALTEN HERREN konnten ihre geringe Macht auf der Erde ausbauen. Nur durch einen Priesterorden, der sich den GROßEN ALTEN verschrieben hatte, konnte die Zeit bis zur Geburt eines neuen Sternenwächters überbrückt werden. Seit die Anhänger der ALTEN HERREN alle dieser Priester getötet hatten, war es einem Sieg der ALTEN HERREN gleichzusetzen, falls ein Sternenwächter getötet werden sollte. Als Miclaus und die sechs Frauen das große Tor zum Innenhof durchschritten, wurden sie dort schon von hunderten Menschen erwartet, die den neuen Sternenwächter ihre Ehre erweisen wollten. Einzeln traten die Besucher vor um ihre Geschenke zu überreichen. Es waren wenig Kostbarkeiten dabei, doch das war auch nicht der Sinn dieser Geschenke. Vielmehr waren es Dinge, zu denen die Überbringer eine innige persönliche Verbindungen hatten. Damit wollte man dem Sternenwächter einen Teil seiner Kraft geben, denn laut CHAMEST enthalten Dinge an denen man hängt einen Teil der Lebenskraft des Besitzers. Unter den Besuchern waren Adelige, Bürger, aber auch Bauern, denen es nach einer schlechten Ernte nicht gut ging wollten ihren Beitrag leisten. Jeder der Überbringer legte sein Geschenk zu Füßen der sechs Frauen nieder. Als ein Bauer sein Geschenk niederlegte, blitzte plötzlich etwas zwischen seinen Fingern auf. Bevor Miclaus auch nur reagieren konnte, riß er der Frau, vor der er stand, das Bündel aus der Hand und begann mit dem aus seinem Schuh gezogenen Messer auf dieses einzustechen. Er bemerkte aber gleich, das er eines der leeren Bündel erwählt hatte und so setzte er sich das Messer mit der für den Orden der ALTEN HERREN typischen Art an die Kehle und nahm sich das Leben, noch bevor irgend jemand reagieren konnte. Die anderen Frauen warfen sich gleich schützend über die ihnen übergebenen Bündel und zogen lange Messer, mit denen sie sehr gut umzugehen gelernt hatten. Als sich aus der Menge zwei weitere Bauern lösten und noch während der ersten Schritte Messer zogen, konnten zwei der Frauen ihre Messerwurfkunst eindrucksvoll unter Beweis stellen. Beide trafen ihre Gegner genau in den Unterarm der Waffenhand und so war es den Angreifern unmöglich Schaden anzurichten. Es war nicht vorgesehen sie zu töten, da es den Gesetzen der GROßEN ALTEN widersprach, sondern sie wurden nur kampfunfähig gemacht. Doch die ALTEN HERREN hatten seit den letzten Angriffen solcher Art dazugelernt. Beide Angreifer ballten die nicht verletzte Hand zu einer festen Faust und holten weit aus. Jeder der dieses Schauspiel sah, wartete nun auf einen weiteren verzweifelten Angriff, doch den beiden war nicht mehr nach angreifen zu Mute. Ohne Vorwarnung schlugen sie sich gegenseitig mit den Fäusten auf den Kehlkopf und gingen im nächsten Moment mit deutlich hörbaren Gurgellauten in die Knie. Als Miclaus´ Sicherheitsmänner keinen Atemzug später zu ihnen vorgedrungen waren, mußten sie mit Erschrecken feststellen, daß beide nur mehr leblose Hüllen waren. Miclaus´ Sicherheitskräfte, die er verkleidet unter den Besuchern verteilt hatte, begannen nun die ganze Menge zurückzudrängen, wobei sie noch dutzendemale mit Waffen bedroht wurden. In der Zwischenzeit hatten sich die Frauen schnell erhoben und wollten durch den großen Torbogen entfliehen, doch dort wurde ihnen der Weg von drei mit großen Messern bewaffneten Männern versperrt. Diese griffen auch gleich an, aber obwohl sie schon drei Ballen zerstört hatten, war ihr Unternehmen nicht von Erfolg gekrönt. Gerade wollte ein Angreifer sein Messer in Richtung eines verschonten Ballens einsetzen, da ging er mit einem erschrockenen Ausdruck im Gesicht in die Knie. Hinter ihm senkte Miclaus seine Hand, mit der er dem Angreifer das Genick gebrochen hatte. Nun wußten aber auch alle Angreifer, welches der Bündel das Gesuchte war und ließen von der anderen Frau ab, welche sich mit unauffälligen Schritten, aber doch sehr schnell in das schützende Haus begab. Als nun einer der Angreifer einer Hieb in Richtung des vermeintlichen Sternenwächters ausführte, lies ihn die ihn haltenden Frau einfach los und versetzte ihm einen Messerhieb auf den Oberarm. Doch den Schmerz bemerkte er nicht, sein Blick war nur auf das Bündel, das da vor ihm auf dem Boden lag. Er konnte seinen Augen nicht glauben, es war leer. Er schrie: "Diesmal habt ihr ihn vor uns beschützt, doch ich verspreche, daß meine Brüder ihn töten werden, bevor er seine Weihe erhält. Ich spreche im Namen der ALTEN HERREN und freue mich, wenn ich ihnen endlich gegenüberstehen kann.", dann hob er den Kopf, als wollte er einen guten Freund grüßen und lies ihn mit hoher Geschwindigkeit wieder nach vorne schnellen. Das laute Knacken, das man hörte, war der letzte Laut, den dieser Mann in seinem Leben von sich gab. Damit war aber auch der Widerstand der anderen Angreifer gebrochen. Einer nach dem anderen legte seine Waffen nieder und ergab sich. Miclaus gab seinen Männern ein Handzeichen, das ihnen sagen sollte, daß sie die Angreifer freilassen sollten, denn sie hätten sich in Gefangenschaft doch nur umgebracht. Zu ihren Herren würden sich nicht zurückkehren, denn dort würde sie der sichere Tod erwarten, also stellten sie keine Gefahr mehr dar. Nun lenkte er seine Schritte in Richtung Tor, jedoch hob er vorher noch den Ballen auf, der seinem Sohn das Leben gerettet hatte. Hätten die Angreifer anders reagiert und weiter beide Ballen angegriffen, dann wären sie nicht nur selber, sondern auch sein Sohn, tot. Bei den Gedanken daran wurde ihm schwarz vor Augen und er mußte sich sehr anstrengen um nicht das Bewußtsein zu verlieren. 2 Wieder im Haus begab sich Miclaus gleich zum Bett seines Sohnes. Er konnte nicht glauben, daß dieser kleine Körper soviel Kraft in sich tragen konnte und doch steckte in diesem kleinen Junge, wenn auch noch nicht geweckt, eine Kraft, die ihn für die Gegner der GROßEN ALTEN so gefährlich machte, daß sie ihn töten wollten, bevor er überhaupt in der Lage war sich selbst zu verteidigen. Dann bemerkte er die Ähnlichkeiten, die Marcus mit Dinay hatte und das erste Mal wurde ihm der volle Umfang der Auswirkungen auf sein Leben klar. Er hatte seine Frau verloren, um diesem Jungen das Leben zu schenken und auch dieser sollte nur drei Jahre bei ihm leben, bevor er bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr für seine Ausbildung fortgehen würde. Erst bei seiner Weihe sollte er ihn wiedersehen und Beispiele aus der Vergangenheit zeigten, daß viele der Sternenwächter ihre Väter dann als Fremde betrachteten oder sie sogar haßten. Ihre Ausbildung verbat ihnen zwar, diese Gefühle offen zu zeigen, aber meistens mieden ausgebildete Sternenwächter ihre Väter, da sie ihnen die Schuld an ihrem Leben gaben, das ihre ganze Kraft verlangte und ihnen nicht viel Freiraum für ein eigenes Leben gab. Noch dazu kam, daß die meisten die Tatsache, daß ihre Geburt ihrer Mutter das Leben gekostet hatte, nicht verwinden konnten und den Großteil ihres Selbsthasses auf ihre Väter übertrugen. "Aber das gehört zu dem Teil der Last den der Vater eines Sternenwächters zu tragen hat.", pflegte Dinay immer zu sagen, nachdem sie von ihrer Ehre erfuhr, einen Sternenwächter gebären zu werden. Und sie hatte recht, sie mußte ihr Leben lassen, Marcus hatte ein hartes Leben vor sich und seine Aufgabe war es eben auf sein bisheriges Leben zu verzichten und Marcus zu unterstützen. Miclaus kniete sich nieder und begann zu beten. Er bat um Vergebung für seine Zweifel und daß seinem Sohn ein langes und den Umständen entsprechend, glückliches Leben beschert sein solle. 3 Die ersten drei Lebensjahre von Marcus verliefen eigentlich genauso, wie sie das auch für jeden anderen Jungen tun, nur daß er eben besser beschützt wurde. Er durfte alles tun, was anders Jungs tun, da er sich normal entwickeln sollte, um ihn nicht zu einem Halbtoten zu machen, der keine Gefühle wie Freude, Mitleid und all die anderen Gefühle kennt, die einen Menschen ausmachen. Die Wächterfrauen und seine beiden Ausbilder waren stets an seiner Seite, doch nur als Aufpasser, nie als Lehrer, da dies nicht gut für sein kindliches Gemüt gewesen wäre. Er sah in seinen Wächterfrauen Ersatzmütter, was nicht nur erwünscht, sondern auch gefördert wurde. So hatte man den Frauen Kräuter verabreicht, die ihrem Körper glauben machten, daß sie ein Kind zu stillen hatten. Kurz darauf waren ihre Brüste voll mit nahrreicher Muttermilch, von welcher Marcus sich die ersten achtzehn Monate seines Lebens ernährte. Und auch mit zwei Jahren nuckelte er noch öfters an den Brüsten der Frauen, die da zwar keine Milch mehr gaben, aber es förderte die Zuneigung zwischen ihnen und dem Jungen. Es wurde erst dann unmöglich, als sich die Brüste der Frauen wieder im Normalzustand befanden. Dann kam es zu Erregungszuständen bei den Frauen wenn er nuckelte und man wollte einem so jungen Kind noch nicht die Geheimnisse der Sexualität erklären. So stellte man diese Zärtlichkeiten ab, was den Jungen schon nach einigen Tagen nicht mehr störte. Das Problem lag eher bei den Frauen, die selbst noch Jungfrauen, keinen Gefallen daran fanden, daß sie auf die Wonnezustände verzichten sollten. So wurden zwei Frauen dabei erwischt, wie sie sich gegenseitig die Brüste küßten, was aber schon öfter passiert war. Es war kein Problem, daß diese Frauen ihre sexuellen Begierden stillten, solange sie Jungfrauen blieben, denn ein Sternenwächter sollte die ersten Male keine erfahren, sondern unerfahrene Frauen haben, da ihm das die Möglichkeit geben würde seine sexuellen Vorlieben und Stärken zu finden. Das war deswegen notwendig, da er der Priesterin während seiner Bewährungsprobe nicht eingezwängt in vorgegebene Sexpraktiken begegnen sollte, sondern mit klaren Vorstellungen. Das Ergebnis der Probe hing nämlich nicht nur von dem Kraftpotenzial in seinem Samen, sondern auch von seiner sexuellen Leistung ab. So ergab es sich, daß bald alle Wächterfrauen lesbische Neigungen zeigten und bei ihren Kolleginnen fanden sie auch die gewünschte Erwiderung. Bei allen war Marcus als kluger und für sein Alter ungewöhnlich erwachsener Junge bekannt, was wohl aus der Kraft resultierte, die er zwar noch nicht einsetzen konnte, welche aber von sensiblen Menschen gefühlt werden konnte. Körperlich war er etwas unterdurchschnittlich entwickelt, aber das größte Wachstum erfolgte bei Sternenwächtern erst ab dem zehnten Lebensjahr, dann würde aus dem vorher kleinen Jungen ein stämmiger, muskulöser Mann werden, der mit seiner Erscheinung überall Aufsehen erregen würde. Auch seine Augen hatten noch nicht die blau-gelbe Färbung angenommen, die für Sternenwächter charakteristisch war. Diese Augen waren das größte Problem für Sternenwächter, da sie so sehr schnell erkannt werden konnten. Es hatten in der Vergangenheit viele Versuche stattgefunden, um dieses Problem zu lösen. So waren Farbstoffe in die Augen der Sternenwächter gebracht worden, was zwar gut funktionierte, jedoch nur kurze Zeit wirkte. Als versucht wurde, die Wirkungsdauer zu erhöhen, führte das zu Sehbehinderungen, die in einigen Fällen bis zur Erblindung führten. Andere Sternenwächter hatten ihre Augen immer nur einen schmalen Spalt geöffnet gehabt, aber das war nach zwei Generationen schon zum zusätzlichen Erkennungsmerkmal geworden. So mußten Sternenwächter eben damit leben, daß ihre Augen ein dauernd zu berücksichtigendes Hindernis darstellten und sie sich spontan Lösungen suchen mußten, die sie ganz an die momentane Situation anpassen mußten. Für Marcus´ Zeit gab es keine eindeutige Lösung, da sich eine gewaltige Wanderung von Westen nach Osten abzeichnete, für welche die Priester des Ordens der ALTEN HERREN verantwortlich waren, welche nur die ihnen blind untergebenen Menschen in ihrem Territorium leben ließen. Wer nicht von selbst ging, wurde getötet, weshalb sich riesige Mengen von Bauern und Bürgern in Richtung Küste bewegten, wo reger Handel herrschte woraus sich eine hohe Wahrscheinlichkeit ergab sich das Notwendigste zum Überleben zu verdienen. Da unter diesen Menschen auch viele Verletzte waren, lag Marcus´ größte Chance, seine auffälligen Augen zu verstecken, in einer vorgetäuschten Verletzung der Augen oder des Schädels. Doch dieses Problem war nicht eines, welches wirklich schnell gelöst werden mußte, da Marcus´ Augen erst ab dem zwölften Lebensjahr ihre Farbe ändern würden. Viel größer war das Problem, ihm beizubringen, daß er nur mehr wenige Wochen bei seinem Vater verbringen würde. Miclaus hatte den Fehler gemacht, den jeder Sternenwächtervater macht: er hatte zu viel Zeit mit seinem Sohn verbracht und so war ihre Bindung stark geworden, aber er nahm an, daß das zum Werdegang eines Wächters gehörte und er da nichts an alten Gesetzen und Regeln ändern sollte, wollte er nicht das Schicksal der ganzen Welt aufs Spiel setzen. So verbrachte er lange, schlaflose Nächte damit, sich auf seine schwierige Unterredung mit Marcus vorzubereiten. Er wollte nicht die harte Variante wählen, die schwache Väter wählten, Marcus ganz ohne Vorbereitung wegbringen zu lassen. 4 Miclaus saß schon einige Zeit da und beobachtete Marcus, der im Innenhof des Schlosses mit seinen Wächterfrauen spielte. Fröhlich tollte der kleine Junge herum, ohne auch nur im Ansatz zu erahnen, daß sich sein Leben in nächster Zukunft so drastisch ändern würde. Auch die Wächterfrauen hatten keine Ahnung, wann Marcus weg mußte, sie wußten nur, daß er wegmußte, ob nun schon mit drei oder mit zehn Jahren, das hatte man ihnen nicht gesagt. Dies wurde ihnen deswegen nicht gesagt, damit Marcus nicht durch ihre Stimmungsveränderung auf seine großen Veränderungen aufmerksam werden konnte. 5 Marcus spielte gerade Bockhüpfen mit den Frauen, als Miclaus kam. Er gab ihnen mit einer strengen Geste zu verstehen, daß sie sich entfernen sollten. Sie kamen dem Befehl ohne Zögern nach und machten sich auf den Weg in ihre Unterkunft. Jetzt, da Miclaus und Marcus allein waren, entstand eine gespannte Stimmung, Miclaus mußte sich erst innerlich auf seine schwierige Aufgabe einstellen. Marcus hatte erst ein schlechtes Gefühl, da er dachte, daß sein Vater ihn wegen irgend etwas, das er angestellt hatte, zurechtweisen wollte. Doch es fiel ihm nichts ein, was seinen Vater dazu verlassen konnte. Dann aber ließen ihn seine Kräfte spüren, daß sein Vater etwas auf dem Herzen hatte. "Vater, warum bist du so traurig?", fragte der Junge mit einem mitleidigen Ausdruck in den Augen, der Miclaus das Herz zerreißen wollte. Das machte die ganze Sache für ihn nur noch schwerer. "Marcus setze dich zu mir!", sagte er. Obwohl er es nicht so streng sagen wollte, bemerkte er trotzdem, daß Marcus zusammenzuckte, aber vielleicht spürte der Jungen auch nur, daß sein Vater eine schlechte Nachricht für ihn hatte. Der Junge näherte sich seinem Vater mit langsamen Schritten, welche auf eine innere Anspannung hinwiesen. Der Junge setzte sich nicht neben Miclaus, was diesen sehr verwirrte. Hatte der Junge angst? Oder wollte er seinem Vater bei dessen Erklärungen in die Augen blicken. Als ihm der Junge nun Auge in Auge gegenübersaß, mußte sich Miclaus noch ein weiteres Mal überwinden. Marcus saß dort so angespannt, wie ihn sein Vater noch nie gesehen hatte. Doch dann dachte er sich, daß es doch keinen Ausweg gab und schaute seinem Sohn fest in die Augen, welcher diesem Blick ohne mit den Wimpern zu zittern standhielt. Das zeigte, daß er seinem Sohn schon genügend Stärke mitgeben konnte, was ihn die harte Ausbildung sicher leichter ertragen helfen würde. Natürlich wußte er, daß ein großer Anteil dieser Kraft von den Wächterfrauen und ihren männlichen Kollegen kam, aber diese wurden darauf seit ihrer Geburt vorbereitet, während er erst vier Monate vor Marcus´ Geburt erfuhr, welches entscheidende Schicksal ihn ereilen sollte. Marcus schaute seinen Vater fragend an, als erahne er, daß ihn eine wichtige Neuigkeit erwarten würde. Doch dachte er dabei sicherlich nicht an das Ende des Lebens wie er es bis dahin gekannt hatte. So begann Miclaus endlich zu sprechen. "Marcus, dir wird sicher schon aufgefallen sein, daß du oft Sachen spürst, wie zum Beispiel, was Leute fühlen oder du ein Gewitter vorhersagst, bevor es auch nur annähernd erahnt werden kann. Das kommt davon, daß du kein normaler Junge bist. Auch dein unterdurchschnittlicher Körperbau resultiert daraus, genauso wie deine für dein Alter überdurchschnittliche Intelligenz. Die Geschichte von Jungen wie die geht schon in die Zeit vor dem CHAMEST zurück und wird hoffentlich noch lange andauern. Marcus, du hast sicher schon hunderte Sagen über Sternenwächter gehört und sie im Reich der Fantasie geglaubt. Doch es ist viel realistischer, als du glaubst. Da du jetzt so weit bist, will ich dir die ganze Wahrheit erzählen. Als deine Mutter erfuhr, daß sie schwanger war, war sie überglücklich, denn es hatte so ausgesehen, als würde sie nach den Jahren der Gebete und der Hoffnung kein Kind mehr zur Welt bringen können. So freute sie sich darauf, ein Kind erst in sich wachsen zu spüren und dann durch sich aufwachsen zu sehen. Es war nun so, daß die Geburt eines Sternenwächters notwendig wurde, da der letzte schon sehr alt war für einen für seine Aufgabe. So wurden alle schwangeren Frauen untersucht, da man nicht wußte, welche Frau de zukünftigen Sternenwächter austragen sollte. Es wurden erst die Bauern- und Bürgerfrauen untersucht, da es schon seit dreißig Generationen keinen adeligen Sternenwächter mehr gegeben hatte. So kam es, daß deine Mutter erst untersucht wurde, als sie schon im vierten Schwangerschaftsmonat war. Nach der Untersuchung wird nicht gleich eine Entscheidung getroffen, da es vorher öfter zu Fehlentscheidungen gekommen war und so die Eltern des falschen Jungen mit den notwendigen Vorbereitungen begannen, während die Eltern des richtigen Jungen erst spät oder gar nicht damit beginnen konnten. Wir hatten zwar den Gesichtern der untersuchenden Priester und Ärzte schon einiges entnehmen können, aber die endgültige positive Nachricht erhielten wir erst zwei Wochen später. Deine Mutter freute sich nun noch mehr, doch dann erinnerte sie sich, daß sie einmal gehört hatte, eine Sternenwächtermutter würde bei der Geburt sterben. Doch ihre darauffolgenden Zweifel verflüchtigten sich schnell. Sie erkannte, daß sie keine Wahl hatte. Mit der Zeit wurde sie immer glücklicher, als wäre es immer so ihr Wunsch gewesen und als hätte sie nun ihre Erfüllung gefunden. Auch als die Geburt näherrückte, wurde sie noch etwas fröhlicher. Mir ging es bis kurz vor der Geburt nicht besonders gut, da ich meine Frau nicht verlieren wollte, mich aber trotzdem meiner Verantwortung als Vater nicht entziehen wollte, es aber auch nicht gekonnt hätte. Mit der Zeit fand ich mich damit ab, ließ aber nicht unversucht, um vielleicht doch noch dich und deine Mutter zu behalten. Ich sprach mit Gelehrten, Priestern und auch mit dem alten Sternenwächter, um klären, ob nicht doch eine Möglichkeit bestünde, die Bestimmung von dir zu nehmen. Es gab keine, aber es wäre auch das Ende der Sternenwächtertradition und so das Ende der Welt wie wir sie kennen gewesen, falls jeder Vater seinen Sohn von dessen Schicksal hätte befreien können. So wurdest du geboren und deine Mutter opferte ihr Leben den Menschen auf unserem Planeten. Sie wollte, daß ich dir sage, daß du nicht ihr Tod warst, sondern daß sie aus freien Stücken gegangen ist. Sie wollte auch, daß du weißt, wieviel es ihr bedeutet hat, nicht als alte Frau ohne entscheidende Verbesserungen bewirkt zu haben, sondern als junge Frau mit der besonderen Ehre einer Sternenwächtergeburt, gestorben zu sein. Deshalb hoffe ich, daß du nicht mir oder dir die Schuld an ihren Tod gibst, sondern mit der Zeit damit zu leben lernst." Obwohl sich Miclaus´ Augen mit Tränen füllten, als er die Qualen sah, die Marcus zu schaffen machten, fuhr er mit seinen Erklärungen fort. "Dein Leben wird von deiner Bestimmung erfüllt sein, eine eigene Familie wird für dich nur sehr schwer zu gründen sein. Um deinen schweren Aufgaben gewachsen zu sein, mußt du eine lange und schwere Ausbildung auf dich nehmen. Das wird für dich ein schwerer Schock sein, aber in drei Tagen werden deine Erzieher und du auf eine weite Reisen an einen Ort gehen, von dem ihr erst an deinem fünfzehnten Geburtstag wieder zurückkehren werdet. So werden wir uns lange nicht sehen. Ich hoffe nur, daß du mich bei deiner Rückkunft nicht zu sehr haßt und in mir dann noch immer einen Vater siehst und nicht den Mann, der für dein hartes Leben verantwortlich ist. Laß mich nur noch sagen, daß mir das alles nicht leicht fällt, du wirst irgendwann feststellen, daß wir es nicht ändern können, wollen wir nicht das Ende der GROßEN ALTEN besiegeln, was den Machtübergang an die ALTEN HERREN bedeuten würde, welche die Menschen, die sie am Leben lassen zu Sklaven machen, kein Mitleid kennen und welchen Gefühle wie Liebe oder Schmerz nicht nur fremd sind, sondern welche diese mit allen Kräften bekämpfen." Marcus zeigte eine Reaktion, die wohl keiner erwartet hätte, er nahm seinen Vater bei der Hand und sagte: "Vater, ich verstehe nicht alles, was du da sagst, aber ich werde dich für immer lieb haben." Miclaus konnte nur mit Mühe die aufsteigenden Tränen unterdrücken, so gerührt war er von Marcus´ Reaktion, aber auch genau so überrascht von Marcus erwachsener Einstellung. Da jetzt alles gesagt war, schickte Miclaus Marcus zu seinen Freunden, um sich von diesen zu verabschieden, er würde sie lange nicht mehr sehen, manche gar nicht mehr. Als Miclaus Marcus nachblickte, bemerkte er, daß dessen Schritte schwer waren. So als würde er einen Fels mit sich herumschleppen. Auch schüttelten Tränen den armen Jungen und nun wollte auch Miclaus seine Tränen nicht mehr halten und weinte leise, um Marcus nicht noch mehr aufzuwühlen. 6 Miclaus stand an diesem Tag früh auf, um noch einmal mit den Wächterfrauen zu sprechen. Er wollte, daß sie Marcus in seiner schweren ersten Zeit seiner Ausbildung über das geforderte Maß hinaus unterstützen sollten. Das war zwar nicht notwendig, denn die Frauen würden, falls es notwendig wäre, ihr Leben für Marcus lassen. Auch den zwei Ausbildern, welche Marcus von nun an nur noch Nokos nennen würde, stattete er noch einen Besuch ab, denn diese Männer würden Marcus während seiner Ausbildung hart zusetzen müssen. Miclaus wollte aber, daß sie ihm trotzdem auch Freunde sein sollten, damit er nicht negative Gefühle gegen sie entwickeln würde, denn er würde jede Unterstützung benötigen, um diese zwölf Jahre zu überstehen. Es bestand zwar kein Zweifel an Marcus´ Erfolg, denn die Sternenwächter wurden so früh in ihre Ausbildung geschickt, um sie in dieser frühen Entwicklungsphase an die Härte und die Entbehrungen zu gewöhnen, doch brauchten einige Lehrlinge etwas länger, da sie zeitweise etwas überfordert wurden, dann wurde das Tempo etwas reduziert und ein Gehilfe ausgebildet, der den Rest seines Lebens jene Dinge für den Sternenwächter erledigen mußte, die dieser nicht gelernt hatte. Das waren aber nur Dinge, die keine der besonderen Gaben der Sternenwächter erforderten, sondern nur körperliche Aufgaben. Als Miclaus seine letzten, ihn etwas beruhigenden Besuche beendet hatte, ließ er Marcus aufwecken und bat ihn zu sich. Als der Junge den Raum betrat, war Miclaus überrascht. Hatte er erwartet, da einen kleinen Jungen zu sehen, der die ganze Nacht durchgeweint hatte, so mußte er feststellen, daß Marcus ganz ausgeschlafen und ganz und gar keine Spuren von Tränen zeigte. Er sah zwar etwas bedrückt aus, aber auch das war eher zu vermuten, als festzustellen. Marcus war schon völlig eingekleidet, was darauf hinwies, daß er schon früh aufgestanden war. Miclaus war fast ein wenig erleichtert, da das den ganzen Abschied für ihn leichter gestalten würde. Er gab Marcus zu verstehen, daß dieser sich niedersetzen sollte und diesmal folgte der Junge dieser Anweisung mit sicheren Schritten und setzte sich neben Miclaus der sich über diese letzte Nähe freute. Deswegen legte er seinem Sohn den Arm um die Schulter und drückte ihn an sich. Er sagte zittriger Stimme: "Nun mein Sohn, jetzt ist der Augenblick des Abschieds gekommen. Ich habe jetzt nicht vor, den ganzen Vortrag von gestern zu wiederholen, es ist aber so, daß ich dich nochmal zum Überlegen anregen will. Du solltest alle Fragen stellen, die sich für dich ergeben, denn deshalb wurde so viele Ausbilder für dich ausgebildet. Jeder ist auf einem anderen Gebiet belehrt, zusammen werden sie die dir alle Fragen beantworten können. Natürlich wirst du in ein Alter kommen, wo reine Ausbildung den Lehrern auch nicht mehr helfen wird, doch dann werden sie dich mit persönlicher Erfahrung und nach Gefühl beraten. Laß uns hoffen, daß die nächsten fünfzehn Jahre schnell vergehen und daß wir uns dann wiedersehen." "Vater, warum sollen wir hoffen, daß wir uns wiedersehen? Du bist doch noch nicht so alt, daß du sterben mußt.", fragte Marcus mit einem erschrockenen Ausdruck in den Augen. "Es könnte eine schwere Krankheit, ein Unfall oder ein Krieg meinem Leben ein Ende setzen. Du würdest das nicht erfahren, da dich das von deiner Ausbildung ablenken würde. Aber über solche unwahrscheinliche Dinge brauchen wir uns keine Gedanken zu machen, wichtiger ist, daß wir unsere letzten gemeinsamen Minuten nicht unter den Schatten von schlechten Ahnungen stellen, sondern unsere Zeit zum Spielen und Reden verwenden!" "Gut Vater, laß uns zu meiner Kletterwand gehen, die werde ich mit fünfzehn nicht mehr benutzen können und sie war immer meine liebste Beschäftigung.", meinte Marcus und nahm Miclaus bei der Hand und so gingen sie das letzte Mal für lange Zeit gemeinsam spielen...... II.KAPITEL 1 Nachdem Marcus und Miclaus ihre letzten Minuten geteilt hatten, waren Marcus, die sechs Wächterfrauen und die zwei Ausbilder ohne lange Verabschiedung auf ihre Pferde gestiegen und losgeritten. Eine lange rührselige Verabschiedung wäre nicht im Interesse der Beteiligten gelegen. Es wurden deshalb Pferde verwendet, da alle anderen Fortbewegungsarten nicht sinnvoll gewesen wären. Das lag an den teilweise schwierig zu überwindenden Hindernissen, die es zu bewältigen galt. Zusätzlich konnte man eventuellen Angreifern mit Pferden gut entkommen, besonders wenn diese schon lange mit ihren Reitern gelebt hatten und sie so gewohnt waren. Marcus´ hatte sein Pferd schon mit zwei Jahren bekommen, als dieses noch ein Fohlen war, deshalb verband die beiden das gemeinsame Aufwachsen. Nach dem ältesten der GROßEN HERREN wurde es Xypho genannt und war ein weißes Pferd mit schwarzen Flecken, was ihm ein etwas unpassenden bauernhaftes Aussehen verlieh, was aber gar nicht so schlecht war, wenn man an den ablenkenden Effekt dachte. Die Kleidung der Reisenden war eher schlicht gewählt, da man so nicht so schnell auffallen würde, obwohl der Bestand der Pferde seit einer großen Pferdeseuche auf ein Viertel der ursprüngliche Population geschrumpft war und so Reiter doch etwas nicht ganz alltägliches waren. Den Anblick den die Landschaft in der Nähe der neuen Sternenwächterburg bot war, wenn man ihn das erste Mal sah, atemberaubend. Beim Blick zurück konnte Marcus die vertraute Verschmelzung der Burg mit der Landschaft sehen, welche den sie erbauenden Baumeister hohes Ansehen eingebracht hatte, er beachtete das aber nicht, da ihn jetzt schon sehr starkes Heimweh plagte. Die umliegende Landschaft zog wegen ihrer verblüffenden Schönheit Leute aus dem ganzen Königreich an, sogar der König hatte schon einige Tage hier verbracht. Die Bäume schienen alle ausgesucht zu sein, es war aber so, daß das Wasser einer nahen Quelle so gesund für Pflanzen und Tiere war, daß sich Fauna und Flora hier in ihrer Vollkommenheit zeigten. Bald war die Burg hinter dem ersten Hügel verschwunden und der Blick der acht Reisenden war, genau so wie ihre Gedanken, nach vorne gerichtet, wo sie viel neues erwarten würde. Marcus hatte sich auf Xypho nach vorne gelehnt und redete dem Pferd gut zu, da es sich erst an den Marsch im freien Gelände gewöhnen mußte, das zeigte es, indem es langsam ging und immer wieder laut wieherte. Die anderen Pferde waren hier etwas reiseerfahrener und so gab es mit ihnen keine Probleme. Doch schon nach wenigen Kilometern hatte sich Xypho auch an die ungewohnte Reise gewöhnt und so kamen sie recht zügig voran. Marcus konnte schon von weitem erkennen, daß sich hinter einem Baum jemand versteckte. Er machte seine Begleiter darauf aufmerksam. Er bekam die Anweisung, sich nichts anmerken zu lassen. So verhielt er sich so unaufällig, wie es einem Dreijährigen möglich ist. Die Erwachsenen bereiteten sich mit geschickten Bewegungen auf einen eventuellen Angriff vor. Die Frauen, indem sie die Seitentaschen ihrer Sättel und Beinkleider öffneten, wo sich ihre Dolche und Wurfmesser befanden, mit denen sie ihre Sicherheit schon unter Beweis gestellt hatten und die Männer, indem sie Verschlußlaschen der langen Schwerter, die sie kreuzförmig auf dem Rücken trugen öffneten. Marcus, der noch keine Waffenausbildung hatte, aber mit der Steinschleuder recht gut umgehen konnte, weshalb ihm sein Vater eine erstklassige Holzschleuder mit harten Metallkugeln anfertigen hatte lassen, bereitete diese auf ihren ersten Kampfeinsatz vor. Als es nicht mehr glaubhaft sein konnte, den mutmaßlichen Angreifer nicht gesehen zu haben, hoben Marcus und zwei der Frauen die Hände zum Gruß, woraufhin sich ein Mann vor den Baum bewegte und den Gruß erwiderte. Damit war die erste Anspannungen bei den Reisenden verflogen, sie blieben aber trotzdem aufmerksam. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, fuhren die Reisenden mit den Vorbereitungen auf einen eventuellen Kampf fort. Der Bauer hatte ein breites Grinsen aufgesetzt und war unter den schattenspendenden Baum zurückgekehrt. Einer der Ausbilder meinte, es sei besser, keine unnötigen Gespräche zu führen, um Verfolgern ihre Jagd nicht allzu leicht zu machen. Früher oder später würden sie einem Kampf nicht mehr aus dem Weg gehen können, doch sie konnten es hinauszögern, wenn sie aufpaßten und nicht zuviel auffielen. 2 Marcus würde schon in kurzer Zeit mehr zu ihrer Verteidigung beitragen können, denn die Reisezeit wurde ausgenutzt, um ihm die ersten Grundlagen beizubringen. Die Frauen begannen ihn in die Kunst der Konversation einzuführen, da er während der Reise oft Gespräche mit Fremden würde führen müssen. Um dabei keine Fehler zu begehen, was in Streit oder Kampf resultieren könnte, mußte er lernen, mit Menschen der verschiedensten Kulturkreise zu sprechen, sie nicht durch Gesten oder Wörter zu beleidigen und, was ganz wichtig war, er durfte niemanden auf die Besonderheit seiner Person aufmerksam machen. Die Männer zeigten Marcus, wie er seine Schleudertechnik verbessern konnte, welche er bald bis zur Perfektion beherrschte. Zusätzlich wurde er in die Theorie des Kampfes mit einem oder mehreren Gegner eingeführt. Auch in verschiedenen Bewegungsarten, ob nun zu Pferd oder auf seine eigenen Füße angewiesen, wiesen sie ihn ein. Der Unterricht mit dem Pferd schritt hier natürlich sehr schnell fort, weil hier die ganze Zeit während der Reise zur Verfügung stand. Marcus ritt, um nicht zu speziell auf sein Pferd eingehen zu können, auf allen neun Pferden. Marcus stellte sich während dieser ersten Unterweisungen sehr klug und geschickt an, er zeigte nur Zurückhaltung, wenn es darum ging tödliche Techniken zu beschreiben oder vorzuzeigen. Das war deshalb ein Problem, da ihm in seinem Leben hunderte Male feindlich gesinnte Menschen begegnen würden und er davon Dutzende töten würde. Würde er in einer solchen Situation zögern, könnte ihn das sein Leben kosten. So beschlossen die Männer ihn absichtlich in eine Situation zu bringen, in der er feststellen sollte, daß er sich nicht nur durch Betäubung des Gegners retten konnte. 3 Eines Tages kam der Sternenkreis, wie man eine Gruppe von Reisenden nannte, in der ein Sternenwächter mitreist, an einem kleinen Dorf vorbei, welches von den ALTEN HERREN beherrscht wurde. Das wußte Marcus nicht, er machte zwar einige Male auf ein gefährliches Gefühl aufmerksam, dieses schrieben die Ausbilder aber einem nahenden Gewitter zu. Die Ausbilder wußten genau, welcher Gefahr sie sich näherten, sie gingen das Risiko aber bewußt ein und schlugen sogar ihr Nachtlager in der Nähe des Dorfes auf. Nach dem Abendmahl, die Sonne war schon untergegangen, meinten die Ausbilder, es sei Zeit sich schlafen zulegen, da der folgende Tag sehr anstrengend werden würde. So legte Marcus sich in seinen ledernen Schlafsack, betete zu den Göttern und dachte wie jeden Abend über die Dinge nach, die er am vergangenen Tag gelernt hatte. Marcus erwachte erschrocken aus seinem nie sehr tiefen Schlaf. Da war doch etwas, dachte er. Seine Begleiter konnten es nicht gewesen sein, diese gaben während der Nacht nie ein Geräusch von sich. Er hörte angestrengt hin. Da war es wieder, er schätzte, daß sich etwa fünfzehn Männer dem Zeltlager auf fünfzig Meter genähert hatten. Er begann seinen Schlafsack zu öffnen und griff nach seiner Steinschleuder und den Metallkugeln. Dann kroch er zum Zelt der Männer und weckte diese auf. Sie waren schnell wach und er flüsterte ihnen zu, daß er eine Gruppe Angreifer gehört hatte. Die Männer reagierten sehr schnell. Einer bewegte sich vorsichtig zum Frauenzelt. Schon nach einigen Sekunden kam er mit den schon bewaffneten Frauen heraus. Dann standen sie alle einige Augenblicke da, horchten auf Geräusche und bildeten sich ein Bild über die Lage. Durch Handzeichen gab einer der Männer zu verstehen, daß sich der Rest der Gruppe verstecken sollte. Nur er und Marcus sollten von den mutmaßlichen Angreifern gesehen werden und ihnen so ein Gefühl der Überlegenheit vermitteln. Was Marcus nicht wußte war, daß die anderen, um ihn zum Handeln zu zwingen, nur im äußersten Notfall eingreifen würden. Marcus, der durch seine Gabe extrem empfindliche Sinne hatte, wußte schon, daß die Angreifer auf Angriffsnähe vorgestoßen waren, bevor diese es selber wußten. So konnte er schon vorher einschätzen, welcher der Gegner als erster Blickkontakt und so Chance zum Angriff bekommen würde. Es war eine Frau, die sich hinter der Baumreihe zeigte und gleich einen Bogen zu spannen begann. Sie kam nicht dazu, einen Pfeil abzuschießen, denn Marcus spannte seine Schleuder um einiges schneller und ließ eine der Metallkugeln durch die Luft in ihre Richtung schnellen. Er hatte aber nur auf ihre Hand gezielt und so war sie nur kurz außer Gefecht gesetzt. Wenige Sekunden später griff sie, obwohl sie eine klaffende Wunde auf dem Handrücken hatte, wieder zu ihrem Bogen und spannte ihn erneut. Marcus spannte die Schleuder, wollte sie wieder nur kampfunfähig machen, dachte dann aber an seine Lektionen. Er hatte gelernt, daß ein verletzter Gegner oft noch gefährlicher wird und man nur mehr mit entschlossenen Handlungen überleben konnte. So ließ er die Schleuder los und seine Kugel traf die Frau mit voller Wucht an der Stirn, wo sich eine gräßliche Wunde auftat. Sie ging mit einem langen, markerschütternden Schrei in die Knie, fiel nach vorne und blieb regungslos liegen. Das alles hatte nur einige Augenblicke gedauert, doch Marcus war es wie eine Stunde vorgekommen, wie eben die Zeit während eines Kampfes nicht in Normalgeschwindigkeit verläuft, sondern scheinbar endlos werden zu schien. Bevor Marcus Zeit hatte über seine eben gesetzten Taten nachzudenken, kamen drei Männer aus den Büschen und begannen mit Schwertern auf ihn loszulaufen. Doch sie kamen nicht sehr weit. Marcus ließ die Kugeln in einer Folge, die er selbst nie für möglich gehalten hätte in Richtung der Angreifer fliegen, keiner hatte noch genug Zeit, sich der Scham bewußt zu werden, von einem kleinen Jungen besiegt worden zu sein. Die Schreie, die genau so erschrocken wie schmerzerfüllt waren, verklungen schnell und dann herrschte wieder Stille in dem Wald, der für einen kleinen Jungen zum Ort seiner ersten schrecklichen Erfahrungen mit seiner Bestimmung geworden war. Marcus stand da und begann zu weinen. Er sank auf die Knie und schrie: "Ich erbitte die Vergebung der GROßEN ALTEN, aller anderen Götter und verspreche nie wieder solche schrecklichen Dinge zu tun." Im gleichen Moment waren seine Begleiter wieder bei ihm und fingen an ihn zu mit der Tatsache vertraut zu machen, daß er in seinem Leben noch viele Menschen würde töten müssen, wollte er nicht selber sterben und daß es zu seiner Aufgabe gehöre, die Welt vor den Anhängern der ALTEN HERREN zu beschützen, welche nur durch den Tod von ihrem grausamen Wunsch, die Welt zu unterjochen, abzubringen waren. Bis spät in die Nacht saßen sie da und versuchen den Jungen zu beruhigen, obwohl sie wußten, daß er einige Zeit brauchen würde, um dieses schreckliche Erlebnis zu verkraften. Marcus´ Gefühl hatte ihn nicht getäuscht, es waren nicht nur die fünf Angreifer da gewesen, die er getötet hatte, sondern noch ein Mann. Es war der Anführer der Gruppe gewesen, doch Anführer einer Gruppe griffen nie in einen Kampf ein, daß war eine alte Regel der ALTEN HERREN. Doch er würde seine Gruppe nicht lange überleben, denn er mußte mit dem Tod rechnen, wenn er seinem Herren von ihrem Mißerfolg berichtete. Und so kam es, daß Marcus bald den langen Sterbeschrei des Mannes aus der Nähe des Dorfes hörte. Am nächsten Morgen sah Marcus´ Gesicht um Jahre älter aus und es hatte sich einen Ausdruck von Härte erworben. Von da an war es Marcus, der die Tiere jagte, von denen sie sich ernährten und er war es auch, der das Kommando über den Sternenkreis übernahm. Das war in einer gewissen Weise ein großer Erfolg für seine Ausbilder, denn als Sternenwächter würde er später zur herrschenden Schicht gehören und so war es nicht schlecht, wenn er so früh wie möglich damit begann eine Gruppe zu führen. Das wurde ihm die Chance geben nicht nur mit der Macht über eine Gruppe, sondern auch mit der Verantwortung gegenüber einer Gruppe zu umzugehen. Aber war auch die Last von den Männern genommen das Kommando zu haben, denn keiner von ihnen hatte jemals gelernt zu führen, die Ausbildung in Führung einer Gruppe und wie sich der Herrscher über ein Königreich zu benehmen hatte, wäre einem anderen von ihnen zugekommen, doch dieser war kurz vor Marcus´ Geburt von einem Bären getötet worden. So hatten sie gefühlsmäßigen Unterricht in diese Richtung betrieben, doch wie sich zeigte, hatte Marcus genug Führungsgefühl und so konnten sie Anstrengungen in diesem Gebiet unterlassen. 4 Mit der Zeit wurden Marcus´ theoretische Waffenkenntnisse immer besser. Auf praktische Übungen konnte noch nicht eingegangen werden, da dies die Reisegeschwindigkeit beeinträchtigt hätte und so wurde Marcus nur so weit in die Waffenlehre eingewiesen, daß er bewaffnete Angreifer und ihre Handlungen besser einschätzen konnte. Von den Frauen bekam er Geschichts- und Gesellschaftsunterricht, welcher ihnen bei einigen Rasten in Gasthöfen sehr gelegen kam, da Marcus sehr redegewandt war für sein Alter und er so von jedem gleich ins Herz geschlossen wurde. So kam es zu keinen größeren Problemen mit den Einwohnern der auf dem Weg liegenden Ortschaften, nur wenige Leute schienen zu ahnen, welch wichtiger Junge da unter den Reisenden war. Bei den Frauen war Marcus besonders beliebt, da er einen angeborenen Charme hatte, dem keine der Frauen widerstehen konnte. Aufgrund seines Alters waren es eher mütterliche Gefühle, die er in den Frauen hervorrief, doch seine Begleiter waren sich einig, daß dieser Junge in seinem Leben noch so einigen Frauen das Herz brechen würde, wenn er erst das den Sternenwächtern eigene Aussehen erreicht haben würde. Aber auch mit den Männern hatte er keine Probleme, da er einen ausgeprägten Sinn für Humor hatte und sich auch sehr gut als kleiner Junge verstellen konnte. So machte er alle glauben, daß er auch innerlich der dreijährige Knabe war, den man aus seiner äußerlichen Erscheinung zu erkennen glaubte. Daß sie ihn schon wenige Jahre später nicht mehr gern in der Nähe ihrer Frauen gesehen hätten, war von ihnen nicht vorherzusehen. 5 Da die Pferde sich besser als man vorhersehen konnte auf die ungewohnt anstrengende Reise eingestellt hatten, waren sie ihrem Wegplan um einiges voraus, aber das konnte nur gut sein, da sie damit, wenn es keine unvorhergesehenen Schwierigkeiten geben würde, ihre Reise abgeschlossen haben würden, bevor der härteste Teil des Winters beginnen würde. Marcus´ Vorausahnungen waren eine große Hilfe für sie, da er Gewitter schon sehr früh spürte und sie so schon einen Unterstand hatten, bevor es begann. Auch konnten sie so mehrere Male Kämpfen aus dem Weg gehen, was zwar Marcus´ Ausbildung förderlich gewesen wäre, aber es hätte auch sein Leben in Gefahr gebracht. 6 In einer etwas kühleren Nacht nach einem Regen saß der Sternenkreis am Feuer und die Männer erzählten von ihrer Ausbildung. Beide hatten nie ihre Familien kennengelernt, da diese von den Heerscharen der ALTEN HERREN kurz nach ihrer Geburt getötet worden waren. Jeder wußte zwar, daß man ihre Rachegefühle ausgenutzt hatte. Ihre Dankbarkeit, daß man sie aufgezogen und ihnen eine Ausbildung gegeben hatte, welche ihnen die Möglichkeit geben würde den ALTEN HERREN zu schaden, überwog aber sehr. Sie hatten beide gelernt, ihre Rachewünsche zu kontrollieren, da sie wußten, daß sie selbst nicht sehr viel bewirken konnten. So steckten sie all ihre Kraft in die Ausbildung eines Menschen, der das bewirken konnte, was sie selbst nicht konnten. Jetzt verstand Marcus auch, weshalb die Männer so verbissen arbeiteten. Das verstärkte seine Motivation so sehr, daß es in den darauf folgenden Tagen vorkam, daß er in seinem Eifer gebremst werden mußte, um sich nicht zu sehr zu verausgaben oder sich im schlimmsten Fall zu verletzen. Auch die Frauen erzählten von ihrer Ausbildung und Marcus bekam den Eindruck, daß sie eine ebenso harte Ausbildung wie die Männer bekommen hatten. Am härtesten aber fand er das Auswahlverfahren, welches sich über mehrere Jahre erstreckte. Nach der ersten Hälfte der Ausbildung hatte sich die Anzahl der Mädchen auf die Hälfte reduziert. Hier wurden Mädchen aus der Ausbildung genommen, welche nicht genug Einsatz zeigten, nicht die Begabung zur Ausbilderin hatten, aber die Ausbildung hatte auch für Mädchen, welche sich nicht wünschenswert entwickelt hatten, ein Ende. Nicht selten nahmen Eltern ihre Töchter aus enttäuschtem Stolz nicht mehr zurück und verdammten diese so zu einem Leben auf der Straße, denn nur Mädchen, die den ersten Abschnitt hinter sich gebracht hatten konnten in der Funktion als Hausmädchen verwendet werden. Erst am Ende dieses Abschnittes, der erste Einsätze als Kindermädchen und Lehrerin beinhaltete, vermochten die Mädchen den in sie gestellten Ansprüchen zu genügen. Eine der Frauen erzählte, daß sie selbst auch in einer Phase des Selektion fast aus der Ausbildung ausgeschieden worden war, da sie nicht weiblich genug entwickelt war und auch ihr Verständnis für Kinder hatte nicht das Ausmaß, welches man sich erwartete. Doch dann zeigten sich die ersten Veränderungen in Richtung weibliche Formen und die Kinder reagierten plötzlich auch viel besser als vorher. Marcus kam zu der Überzeugung, daß es viele Frauen geben mußte, die jetzt Hausmädchen oder Straßenfrauen waren und eigentlich nur durch einen späteren Beginn der körperlichen Entwicklung keine Sternenwächterfrauen geworden waren. Es war für ihn sehr hart, zu erfahren, daß seine Geburt für viele junge Frauen Armut und Einsamkeit bedeutete. Er sprach auch die Frauen darauf an und diese meinten, daß er sich keine Schuld geben solle, seine Geburt habe diese Tatsache nicht entschieden, sondern nur die Region, in der sie auftrat. Das war sehr wichtig für Marcus, da er so erkannte, das alles, was seine Berufung bedeutete, nicht seine Schuld, sondern eben Schicksal war und nicht abgewendet werden hätte können. Im Laufe des Gespräches, es war eine sternenlose Nacht, weshalb er die Zeit nicht schätzen konnte, forderten ihn seine Begleiter auf, ihnen von seinen Vorstellungen, Wünschen und Ängsten zu erzählen. Nach kurzem Zögern begann er zu sprechen: "Als mir mein Vater von meinem Schicksal erzählte, war ich anfangs sehr traurig und wütend auf mich selbst. Ich gab mir die Schuld am Tod meiner Mutter, gab aber meinem Vater keine Schuld an dem was aus mir werden sollte. Ich dachte sehr lange über das nach, was er mir erzählt hatte und kam zu dem Entschluß, daß es keinen Sinn hatte, gegen meine Pflichten anzukämpfen. Trotzdem ich wußte, daß ich sehr gefährlich für die Menschen bin, die mit mir leben, mußte ich doch einsehen, daß ich, wenn ich meine Gabe richtig einzusetzen lernen würde, doch sehr entscheidend an der Bekämpfung der ALTEN HERREN beteiligt sein konnte und so die Westlands mit den Eastlands wieder zu vereinigen mithelfen versuchen könnte. Mein größter Wunsch aber ist es, der letzte der Sternenwächter zu sein, damit nie wieder so viele Leute wegen einem kleinen Jungen ihr Leben verändern oder verlieren würden müssen. Doch ich glaube, daß das ein Kampf ist, der vorbereitet werden muß und so sehe ich es als meine Lebensaufgabe an, die Welt für den nächsten Sternenwächter vorzubereiten, damit dieser mein Werk vollenden kann und so der Welt ihr früheres Aussehen zurückgeben kann. Das heißt nicht, daß ich nicht auch kämpfen werde, aber ich werde keine Familie gründen, sondern einen Weg suchen, wie man die Geburt eines Sternenwächters steuern kann und so den perfekten Menschen für den letzten entscheidenden Kampf bekommt. Er sollte keine besonderen Merkmale haben, so daß er die Anhänger der ALTEN HERREN von innen auslöschen oder bekehren kann. Diese meine Ziele werde ich mit allen meinen Kräften verfolgen und es wird mir gelingen, daß schwöre ich bei den GROßEN ALTEN." Die Ausbilder sprachen noch wochenlang von Marcus´ überaus wünschenswerten Zielen, hofften aber, daß er nicht daran zerbrechen würde, sollte er sie nicht verwirklichen können. Sie waren sich aber einig, ihm mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Kräften zu unterstützen. 7 Die Reisegruppe machte sich gerade Gedanken, wie sie einen See überwinden sollten, den sie am nächsten Tag erreichen sollten und dessen Größe ein Vorbeireiten aus Zeitgründen nicht in Frage kommen ließ, als sich am Horizont eine große Menschenmenge zeigte. Marcus hatte sie nicht gespürt, doch das führte er auf die doch sehr große Entfernung zurück. Nur das sehr ebene Gelände hatte es ihnen möglich gemacht, sie so früh zu sehen. Doch diese Ebene machte es ihnen - auch ob ihrer kargen Flora unmöglich - sich zu verstecken. "Schaut euch nach Mulden oder Straüchern um, diese Leute schauen mir nicht sehr vertrauenserweckend aus. Es könnte eine Gruppe der ALTEN HERREN sein. Wenn das so ist, dann kommen wir in eine Situation, auf die wir nicht vorbereitet sind. Warum nur habe ich sie nicht gespürt. Kann es sein, daß sie eine Möglichkeit gefunden haben, nahe an uns heranzukommen, ohne daß ich euch davor warnen kann?", Markus konnte die ganze Situation nicht wirklich einschätzen und so mußte er schnell entscheiden, wozu er bis dahin noch nicht gezwungen gewesen war. Die Fremden ritten ohne Änderung der Richtung und der Geschwindigkeit weiter und ließen sich, falls sie den Sternenkreis schon gesehen hatten, nichts anmerken. Als sie auf Marcus´ Schußweite herangekommen waren, gab er den Befehl, die Waffen bereit zu machen, einer der Männer sollte ein Gespräch beginnen. Er wollte nicht das Risiko eingehen, sich preiszugeben. So ritt einer der Männer langsam und ohne offensichtlich bewaffnet zu sein auf die Menschenmenge los, welche Marcus auf vierzig Mann schätzte. Alle waren schwer bewaffnet. Das wies nicht auf die ALTEN HERREN hin, da ihre Heerscharen normalerweise ohne schwere Bewaffnung auszukommen gelernt hatten. Sie erdrückten ihre Gegner für gewöhnlich durch ihre Mannesstärke und nicht durch schwere Waffen. Trotzdem spürte Marcus jetzt, daß diese Männer ihnen nicht friedlich gesinnt waren. Er setzte seine ganze ihm zur Verfügung stehende mentale Kraft ein. Plötzlich hatte er das Gefühl eine Mauer durchbrochen zu haben. "Auf die Pferde, reitet so schnell es eure Pferde zulassen. Das ist eine Falle, diese Leute sind keine Angreifer, sondern nur ein Ablenkungsmanöver. Die wahren Angreifer haben sich hinter diesem Hügel da versteckt.", Marcus sagte das sehr leise. Die Ausbilder kamen seinem Befehl nicht nach. Erst jetzt verstand er. Er mußte noch den zum Gespräch geschickten Mann warnen. Doch wie sollte er das machen. Dann kam ihm eine Idee. Er konzentrierte sich auf das Pferd des Mannes und befahl ihm, mit voller Kraft zurückzureiten. Den Mann glaubte er nicht erreichen zu können, da er noch nicht die Stärke erreicht hatte, sich mit Menschen telephatisch in Verbindung setzen zu können, geschweige denn sie kontrollieren zu können. Doch auch der Mann zeigte eine Reaktion, wenn auch nur eine überraschte. Das Pferd machte eine Wendung und preschte dann plötzlich ohne Vorzeichen in Richtung des Sternenkreises zurück. Der Rest der Gruppe wartete nur, bis sie nahe genug herangekommen waren, um dann selbst ihre Pferde in Bewegung zu setzen. Als sie es fast geschafft hatten, hinter einem Hügel Schutz zu finden, schrie einer der Männer schmerzverzerrt auf. Marcus sah, daß sich ein großer roter Fleck auf seinem Oberkörper ausbreitete. Der Mann versuchte mit aller Kraft im Sattel zu bleiben, schwankte aber schon sehr. Marcus drehte sich in Richtung der Angreifer und sah, daß die zuerst als Gegner angesehene Gruppe sich schon zurückgezogen hatte. Jetzt sah er die wahren Feinde. Es waren fünfzehn Männer, die schon auf den ersten Blick als Anhänger der ALTEN HERREN erkannt werden konnten, da sie den leblosen Blick und den auffallenden Haarschnitt, den nur die schwarzen Männer hatten. Diese schwarzen Männer stellten die Elite der Streitkräfte der ALTEN HERREN dar. Sie waren das Gegenstück der Sternenwächter und wurden genau wie diese schon als kleine Kinder zur Ausbildung ausgewählt. Sie waren während ihrer Kindheit jeder Menschlichkeit beraubt worden und waren so die gefährlichsten Gegner der Sternenwächter. Sie konnten nicht in Gespräche verwickelt werden, waren nicht durch Bestechung zu gewinnen. Doch das Schlimmste war, daß sie von Sternenwächtern oft nicht oder erst sehr spät gespürt wurden. So hatten schon viele Sternenwächter durch die schwarzen Männer ihr Leben verloren. Durch ihre Kenntnisse in Magie und Telepathie waren sie im Laufe der Jahre zum Inbegriff des Schreckens geworden. Sie hatten gelernt ohne Schlaf tagelang voller Kraft zu verfolgen, um ihre Opfer dann mit ihren langen Schwertern zu bekämpfen und sie dann langsam zu töten. Sie töteten nicht schnell, da ihre einzige Freude am Leben darin bestand, den Schmerz und die Furcht sterbender Menschen zu genießen. Die schwarzen Männer kamen schnell näher und so blieb dem Sternenkreis nichts übrig, als sich dem Kampf zu stellen, da sie während der Flucht dem Gegner den Rücken zuwenden und so ein zu gutes Ziel für die Messerwürfe der Angreifer darstellen würden. Marcus blieb zurück, da sein Tod das Ziel war, das die Schwarzen - wie man die schwarzen Männer kurz nannte - verfolgten. Der Rest des Sternenkreises bildete einen Halbkreis, ließ aber eine Schneise offen, durch die Marcus mit seiner Steinschleuder wirken konnte. Als die ersten zwei Schwarzen angriffen, wurde sie von Wurfmessern und Metallkugeln so zerfetzt, daß sie ihre eigene Mutter nicht mehr erkannt hätte. Da schrie Marcus: "Laßt uns etwas sparsamer mit den Waffen umgehen, wir wissen nicht, was uns noch erwartet!". Doch als der Rest der Schwarzen angriff, war die zahlenmäßige Übermacht so groß, daß ihnen nichts übrigblieb, als sich ziellos in alle Richtungen zu verteidigen. Sie hatten die Gegner schon sehr geschwächt, doch fünf hatten sich schon sehr nahe zu ihnen durchgeschlagen, deswegen bereiteten sich die Frauen auf einen Schwertkampf vor, während Marcus sich auf die Köpfe der fünf Männer konzentrierte. Und es gelang ihm auch zwei zu töten, doch die anderen hieben schon mit aller Kraft auf die Frauen ein. Die Frauen zeigten vollen Einsatz, doch gegen die sehr viel stärker gebauten und kräftigeren Männer hatten sie sehr viel Mühe das Gleichgewicht zu halten. Marcus hatte da schon mehr Erfolg. Er hatte den restlichen Angreifer so zugesetzt, daß diese den Rückzug antreten mußten. Er tötete sie trotzdem, da er wußte, daß sie, sobald sie sich neu organisiert hätten, einen neuerlichen, dann auf die Lage angepaßten und so tödlichen Angriff starten würden. Als der letzte sich im Todeskampf krümmte, begann er die Gegner der Frauen zu bekämpfen. Einer nach dem anderen fiel mit einem Loch in der Stirn zu Boden. So war der Kampf nach einigen Minuten gewonnen und sie begannen die Toden zu untersuchen, was nicht Leichenflederei, sondern Informationssuche war. Sie fanden zwar keine großartigen Neuigkeiten, konnten aber ihr Waffenarsenal verbessern, da die Waffenkundigen der ALTEN HERREN sehr viel bessere Waffen herstellte, als ihre eigenen. Als sie mit der Durchsuchung fertig waren, stapelten sie die zwanzig Toten zu einem Haufen und zündeten sie an. Das sollte ihre Seelen retten, hatte aber auch eine Mitteilungswirkung für die ALTEN HERREN, so daß diese gewarnt sein sollten, diese Gruppe nochmal anzugreifen. Der Zustand des verletzten Ausbilders war kritisch, er würde die Nacht nicht überleben, doch Marcus setzte alle seine ihm schon zur Verfügung stehenden Kräfte, um ihm seine letzten Stunden so schmerzfrei wie nur irgendwie möglich zu machen. Daß er sterben würde, wußte er und so gab er die Informationen, die nur er bekommen hatte an die Frauen weiter, damit nicht zuviel von Marcus´ Ausbildung gefährdet wurde, dann sprach er noch stundenlang mit Marcus, der zwar todmüde war, aber sich das nicht anmerken ließ. Marcus hatte sich damit abgefunden, daß er im Laufe seines Lebens viele Menschen würde sterben sehen, aber es war für ihn trotzdem hart, daß es so früh und mit einem für ihn so wichtigen und liebgewonnen, passieren mußte. Als sich die Sonne gerade am Horizont zu zeigen begann, rief der Ausbilder Marcus zu sich und teilte diesem mit, daß es nun so weit sei, er würde den langen Weg ins Reich der Toten antreten, er wisse aber, daß er durch sein Leben nicht in das Totenreich der ALTEN HERREN, sondern in das Reich der GROßEN ALTEN kommen würde, von wo er mit aller Kraft den Kampf auf der nächsten Ebene weiterführen würde, der auch sehr verbittert geführt wurde, jedoch keine großen Auswirkungen auf das Leben auf dieser Welt hatte. Dann meinte er noch, daß er glücklich sei, noch einen Sonnenaufgang erlebt zu haben und schloß die Augen. Marcus war überrascht, wie leicht dieser Mann in den Tod gegangen war und hoffte, daß er ihm seine letzten Stunden angenehmer hatte gestalten können. Jetzt war es an den Überlebenden ihn seinem Stand entsprechend zu beerdigen und dann ihre Reise fortzusetzen. Die Beerdigung mußte schnell von statten gehen, da nicht ausgeschlossen werden durfte, daß schon ein neuerlicher Angriff vorbereitet wurde. So gruben sie ein Loch, legten den Leichnam hinein und häuften Steine darüber. Jeder sprach noch einige Worte, dann war es an ihnen, mit dem Verlust fertig zu werden. Für einen Außenstehenden hätte es vielleicht ein wenig hart ausgesehen, aber ihre Gespräche waren nicht auf den menschlichen Verlust gerichtet, sondern, wie sie den Teil der Ausbildung, den der Mann hätte vornehmen sollen, ausgleichen konnten. Ihre einzige Sorge galt der Bekämpfung der ALTEN HERREN, wobei Verluste eingerechnet werden mußten, ohne deswegen gleich aufzugeben. 8 Nach einigen Tagen hatten sie das Gefühl, eine schützende Entfernung zu den Schwarzen geschaffen zu haben. Doch nicht diese Entfernung war der größte Sicherheitsgewinn, sondern die Tatsache, daß Marcus durch den Kontakt mit den Schwarzen gelernt hatte, sie genauso zu spüren, wie es ihm bei allen anderen Menschen möglich war. Er hatte jetzt gelernt, auch noch die letzten Gefahren vorher zu spüren, was aber nicht bedeuten durfte, daß sie jetzt sorglos werden durften, nur weil sie die Gefahr schon vorher erkennen konnten. Sie mußten trotzdem beachten, daß Marcus´ Gabe ihnen zwar Zeit gab sich vorzubereiten, seine anderen - körperlichen und magischen - Kräfte sich aber noch nicht zu entwickeln begonnen hatten. Diese Entwicklung mußte erst angereizt werden und das würde die Hilfe einiger freundlich gesonnener Magier erfordern, die sie erst in einigen Wochen erreichen würden. Ihr Wegfortschritt lag zwar etwas unter dem vorgegebenen Maß, war aber, ob der Schwierigkeit der Reise, sehr gut. Marcus hatte sein Pferd jetzt schon voll unter Kontrolle und auch die anderen Pferde konnte er ohne Probleme - ohne Verwendung der Suggestion - lenken. Es wurde nun Zeit, andere Pferde zu kaufen, um Marcus´ Fähigkeit, sich auf andere Pferde schnell einzustellen, zu schulen. Um diesen Einkauf zu ermöglichen, mußten sie einen Markt besuchen. Ihre Absicht war, Pferde mit schwierigem Wesen zu kaufen, deswegen kam für den Erwerb nur eine größere Stadt infrage. Der Umweg in eine solche Stadt war in ihren Reiseplänen berücksichtigt. Sie hatten die größte Stadt der Region erwählt. Dort fand gerade zu dieser Zeit ein großer Markt statt. Solch ein großer Markt bot ihnen neben dem großen Angebot aber noch einen großen Vorteil. Dort waren sie anonym. Viele Reiter kamen zu einem solchen Ereignis, während sie in kleineren Ortschaften mit Pferden sehr aufgefallen wären. 9 Ihre Reise in Richtung der Stadt Norcyk verlief sehr ruhig. Sie hatten keine Probleme, sie holten im Gegenteil durch das, ihnen gut gesonnene, Wetter einen Tag ihrer Verspätung wieder auf. Daran hatte in einem Gewissen Maß wahrscheinlich der verstorbene Ausbilder Anteil, da es - dem CHAMEST zufolge - jedem im Krieg gegen die ALTEN HERREN gefallenen Soldaten gewährt wurde, eine Bitte zu äußern. Glaubte man an solche Legenden, so war anzunehmen, daß es im Falle des Ausbilders wahrscheinlich der Wunsch nach gutem Wetter oder großen Reisefortschritt gewesen war. Die Stadt war schon aus sehr großer Entfernung zu erkennen. Das war für Marcus etwas Neues, denn er hatte bisher nur sein Heimatdorf und die Dörfer auf ihrer Reise gesehen. Eine Ansiedlung dieser Größe raubte ihm den Atem. Er mußte einige Minuten stillstehen, bevor er zu sprechen begann: "Bei den GROSSEN ALTEN, wie können so viele Menschen nur auf so engem Raum beisammenleben?" Eine der Frauen antwortete ihm in einem sehr lehrerhaften Ton: "Die Menschen, die in so großen Städten leben, haben sich daran gewöhnt, daß es nie wirklich ruhig ist und daß auch in der Nacht reges Treiben in einigen Teilen der Stadt gibt." "Aber was ist, wenn dort ein Brand oder eine Seuche ausbricht? Dann muß es doch tausende Tote geben. Ich erinnere mich, daß ich von einem kleinen Dorf hörte, das von Räubern belästigt wurde. So bauten sie eine Mauer um das Dorf, was die Abwehr der Räuber ermöglichte. Als dann aber ein Brand ausbrach, wurden dreiviertel der Einwohner getötet. Welche Katastrophe, wurde das bei solch einer großen Stadt bedeuten?", fragte Marcus sehr interessiert. "Ich kenne die Geschichte dieses Dorfes, aber dieser Vergleich kann nicht verwendet werden. Diese Dorf hatte nur ein Tor, während die Stadt viele Tore besitzt. Zusätzlich haben die Häuser dieser Stadt Keller, welche im Fall eines Großbrandes den Menschen, die nicht aus der Stadt entkommen können, Schutz bieten können. Deine Bedenken wegen einer Seuche sind grundsätzlich berechtigt. Es ist auch so, daß die hygienische und ärztliche Versorgung in einer so großen Stadt viel besser ist, als in einem kleinen Dorf. Es gibt dort Ärzte und Apotheker, die sich um die Gesundheit der Menschen kümmern. In solchen Städten werden die Fäkalien und das Abwasser nicht so sorglos weggeschüttet, sondern es wurden Kanalanlagen entwickelt, sodaß Seuchen in diesen Städten schnell unter Kontrolle gebracht werden können, falls sie überhaupt ausbrechen.", erklärte eine der Frauen. "Das Leben in einer solchen Stadt würde nicht erträglich für mich sein!" "Dann kommen schwere Zeiten auf dich zu, denn die wirst oft gezwungen sein, monatelang in Städten zu leben, die noch ein vielfaches größer sind, als diese hier, denn dort suchen die Anhänger der ALTEN HERREN neue Mitglieder. Es ist dort aber auch leichter für dich, deine Pläne vorzubereiten, da du dort nicht so leicht erkannt wirst. Was aber das wichtigste ist, du kannst dort deine Suche nach Mitgliedern für den Ordnen der GROßEN ALTEN betreiben, da unter den vielen Menschen viele sind, deren Glaube nur erst geweckt werden muß.", sagte der übriggebliebene Mann mit einem mitleidigen Ausdruck in den Augen. "Doch laßt uns jetzt weiterreiten, bevor wir zuviel auffallen!", Marcus sagte das mit einem Ton, der soviel Selbstsicherheit aufwies, daß sogar die Pferde zusammenzuckten. So ritten sie der Stadt entgegen, die im Schein der untergehenden Sonne zusätzlich bedrohend aussah. 10 Am Tor wurde die Gruppe von zwei Wächtern befragt. Einer der Wächter, ein großer brutal aussehender Mann, bemerkte die Waffen und fragte den Ausbilder: "Was wollt ihr mit all diesen Waffen? Sieht aus, als wollt ihr in den Krieg ziehen." "Nein, wir haben nur eine lange Reise zu bewältigen und es sind sehr viele Schwarze unterwegs, die doch davor zurückschrecken, eine bewaffnete Gruppe anzugreifen.!", antwortete der Ausbilder. Der andere Wächter sah Marcus genau an und fragte ihn. "Na Kleiner, fürchtest du dich gar nicht, mit nur einem Mann und so wunderschönen Frauen durch die öde Landschaft zu reiten?" Marcus sah ihn so kindlich an, wie es ihm möglich war, dann antwortete er. "Manchmal schon, aber die meiste Zeit gibt es gar nichts, vor dem man sich fürchten müßte." Nachdem alle Fragen beantwortet waren, gaben die Wachen den Weg frei. Als sie die dicke Stadtmauer druchschritten hatten, sah Marcus zum ersten Mal mehr als zweihundert Leute auf einmal. Dieser Erlebnis war aber nicht das einzige, das er an diesem Tag hatte. Die Stadt hätte für Marcus eine ganze Woche neuer Entdeckungen bedeutet, hätte er die Zeit dafür gehabt. Seine Neugierde konnte durch das Vorbeigehen nur sehr unbefriedigend gesättigt werden. Seine größte Aufmerksam galt aber den überall herumstehenden schwer bewaffneten Soldaten, welche der Stadt ein wenig Gefängnisathmosphäre verliehen. Marcus konnte die Männer nur sehr schwer einordnen. Deswegen fragte er seine Begleiter, was es mit diesen Männern auf sich hatte. Eine der Frauen erklärte: "Diese Stadt ist die einzige, die seit Jahrzehnten von den ALTEN HERREN verschont blieb. Das hat sie der sehr guten Bewachnung zu verdanken, die ihr durch die Kämpfer des Ordens des Xypho beschert wird." Marcus Pferd schaute auf, da es sich angesprochen fühlte. Die Frau lächelte, als sie die Reaktion des Pferdes bemerkte und erklärte dann weiter: "Dieser Schutz hat der Stadt zu übermäßigem Wachstum und glücklichen Menschen verholfen. Und glückliche Menschen kommen nicht in Versuchung, den ALTEN HERREN zu verfallen. Das etwas bedrückende Gefühl, das die Wache die erste Zeit hervorruft, ist nur kurzweilig. Schon nach sehr kurzer Zeit weicht dieses Gefühl einer Art der Geborgenheit, wie man sie so nahe den Armeen der ALTEN HERREN nie vermuten würde. Diese Männer wären zwar nie in der Lage, einen ernsthaften Angriff der ALTEN HERREN zurückzuschlagen, aber diese muten ihren Kämpfern weniger zu, als diese zu bewirken in der Lage sind. Diese Unterschätzung ist es aber auch, welche die ganze Welt vor zu gezielten Übergriffen bewahrt hat. Die ALTEN HERREN greifen bevorzugt kleine Städte und Dörfer an, da sie der Meinung sind, so würde auch Städten, wie dieser, im Endeffekt der Lebensnerv abgeschnitten. Es hat sich aber gezeigt, daß solche Städte im Notfall in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Es werden aber auch laufend Verbesserungen an der Autarkie vorgenommen. So kann diese Stadt im Kriegsfall ihre dreifache Einwohnerzahl aufnehmen und diese über längere Sicht gesehen auch ernähren." Marcus war fasziniert von den Erzählungen. Sie ließen ihn die Wache viel freundlicher sehen und die Stimmung kam ihm auch gleich viel lockerer vor. Erst jetzt bemerkte er, daß er noch nie so viele glückliche Gesichter gesehen hatte. Plötzlich kam ihm ein schrecklicher Gedanke und er teilte ihn seinen Begleitern auch gleich mit: "Aber was ist mit der Wasserversorgung? Die ALTEN HERREN könnten dich ganz einfach das Wasser vergiften und so die Menschen dazu zwingen, die Stadt zu verlassen." Der Ausbilder antwortete mit einem, durch Marcus´ Scharfsinn, überraschten Gesicht: "Die Erbauer dieser Stadt hatten hier Glück. Durch einen Zufall fanden sie bei den Bauarbeiten eine Tiefenquelle, die sich im Keller eines der Häuser befindet. Diese Wasserquelle kann nicht vergiftet werden, da ihr Wasser Jahrhunderte durch verschiedene Gesteinsschichten aufsteigt. So ist es sehr sauber und noch dazu sehr gesund." Damit waren Marcus´ Zweifel beseitigt und er erhöhte seine Geschwindigkeit wieder, um zum Markt zu kommen. 11 Der Marktplatz übertraf alles, was Markus erwartet hatte. Er hatte noch nie so reges Handeln erlebt. Überall waren Händler in Geschäftverhandlungen vertieft. "Wundere dich nicht.", erklärte eine der Frauen, "Es ist als eiserne Regel anzusehen, daß die Verkäufer den Preis vorerst viel zu hoch ansetzen. Das sieht niemand als Betrug, sondern es gefällt den Leuten, bei einem Krug Tee zu verhandeln. Es ist nicht immer so, daß für die Käufer der Erwerb einer Sache im Vordergrund steht. Oft ist ihnen der Unterhaltungswert viel wichtiger. Nun gibt es aber immer wieder Leute, denen diese Tradition nicht bekannt ist. Solche Menschen werden im Normalfall nicht ausgenommen, sondern sie werden zum Feilschen aufgefordert. Meist entstehen so lange Freundschaften. Du wirst aber auch bemerkt haben, daß einige der Handelnden sehr kühl bleiben. Dies sind die Ein- und Verkäufer der reichen Händler. Mit diesen Profis zu verhandeln ist nicht immer leicht, da ihr Preis schon zu Verhandlungsbeginn feststeht und sie nur kurz verhandeln. Deswegen sind sie auch etwas abseits der übrigen Ständen angeordnet. Großteils werden dort ganze Schiffsladungen von Handelsgütern und wertvolle Textilien angeboten. Zu ihren Kunden zählen daher Könige, Bürgermeister und reiche Bürger, Aber auch andere Händler erwerben dort ihre Waren. Es schließen sich immer öfter dutzende kleinere Händler zusammen, kaufen große Mengen zu günstigen Preisen, um sie dann mit hohem Gewinn an ihren Ständen zu verkaufen." "Diese Stadt bietet mir viele Neuigkeiten. Hier kann ich viel lernen, was mir bei Erfüllung meiner Pflicht helfen wird. Hier könnte man wichtige Verbündete finden.", meinte Marcus aufgeregt. "Schon möglich, gib dich aber noch nicht zu erkennen, dafür ist es noch zu früh.", meinte sein Ausbilder. Marcus schaute sich gründlich um, machte ein entschlossenes Gesicht und sagte: "Ich glaube nicht, daß ich oft in solchen Städten sein werde. Hier gibt es nichts für mich zu tun. Vorbereitungen werden wahrscheinlich die einzigen Anlässe für mich sein, in solch geschützter Atmosphäre zu sein." Er zeigte zum Boden, wo dem Glauben seines Volkes nicht nur der Kriegsgott, sondern auch die ALTEN HERREN beheimatet waren. Dann sagte er mit sehr viel Kraft in der Stimme: "Ich werde dafür sorgen, daß dies nicht die einzige befreite Stadt sein wird, wenn ich mein Amt weitergebe. Meine Absicht ist es, eine ganze Kette solcher Städte zu hinterlassen, hinter deren so geschaffener Mauer der Kampf gut vorbereitet werden kann." "Deine Ideen sind immer wieder verwunderlich. Woher bekommst du sie nur? Mußt du noch denken, oder sind es Eingeben?", der Ausbilder machte ein Gesicht, das an einen fünfjährigen Knaben erinnerte, der das erste Mal eine Sternschnuppe sieht. "Das kann ich nicht beantworten. Es ist so, daß ich die Ansätze intuitiv spüre, der Rest ist mir selber schleierhaft!", sagte Markus. "Du wirst lernen, mit dieser Gabe umzugehen. Andernfalls würdest die verrückt werden. Das ist in früheren Zeiten oft vorgekommen. Kein Mensch wird damit fertig, den ganzen Tag - und teilweise auch nachts - Eingebungen zu empfangen. Das würde anfangs zu Konzentrationsstörungen führen und dann in totaler Apathie enden. Frühere Sternenwächter, die keine oder nur eine schlechte Ausbildung erhielten, endeten dann in irgendeinem Kloster der GROßEN ALTEN, wo sie den ganzen Tag mit ihren inneren Stimmen diskutierten. Man mußte sie behandeln wie Kleinkinder: Sie mußten gefüttert, gewickelt und - um sie zum Schlafen zu bringen - mit Kräutern betäubt werden. Deswegen wird seit vielen Generationen ein großer Teil der Ausbildung für die Kontrolle dieser Gabe verwendet. Momentan sind die Intuitionen noch kein Problem. Voll entwickelt werden sie deine mächtigste Waffe sein. Du wirst dann auch die Gedanken anderer Menschen lesen können.", die Ausbilderin schaute sehr ernst aus, weshalb Marcus seinen Blick senkte, um dann zu erwidern: "Das kann ich jetzt schon. Und ich kann es lenken!" "Dann wird es kein Problem für dich werden, mit deinen anderen telepathischen Gaben umgehen zu lernen.", sagte die Ausbilderin sehr erfreut und drückte Marcus einen Kuß auf die Stirn. Als sie den von ihnen angestrebten Teil des Marktes - den Pferdemarkt - erreichten, war Markus überrascht von der Vielzahl der verschiedenen Rassen. Es wurden Pferde aus allen Gebieten der Welt angeboten. Darunter waren auch Nachkommen der Einhörner, die - abgesehen von einem kleinen Stummel auf der Stirn - genauso wie ihre eigenen Pferde aussahen. Andere zeigen merkwürdig kurze Beine, das waren die Pferde, welche aus den Pferden kamen, wo im Winter nur Höhlen Schutz boten. So hatten sich im Laufe der Jahrmillionen ihre Beine verkürzt, da nur kurzbeinige Pferde in die Höhlen soweit vordringen konnten, um nicht zu erfrieren, weshalb sie sich bei der Fortpflanzung durchsetzten. Jetzt sahen sie wie eine Kreuzung aus Eidechse und Pferd aus. So boten sie den kleingewachsenen Völkern die beste Fortbewegungsmöglichkeit. Sie sahen noch viele andere Rassen, viele relativ normal, aber auch viele, die nur sehr entfernt an Pferde erinnerten. Es dauerte eine Weile, bis sie den Händler fanden, der Pferde nicht als Reittiere, sondern zur Fleischherstellung anbot. Dort fand man zwar Großteils Tiere, die nicht mehr fähig waren, schneller als Schritttempo zu gehen, es waren aber auch völlig gesunde Pferde darunter. Diese erkannte man an den schweren Ketten, mit denen sie an dicke Balken gekettet waren. Das waren die Tiere, die sie suchten, denn sie waren von ihren Besitzern aufgrund ihres aggressiven Wesens aufgegeben worden. Die Händler versuchten dann noch eine Zeit lang sie als Reitpferde zu verkaufen. Schlug dieser Versuch fehl, dann boten sie die Tiere dem Zirkus an. Doch auch dort wird nur eine geringe Anzahl solcher Pferde benötigt. Dann bleibt der letzte Weg, nämlich der Verkauf an Fleischpferdehändler. Hier sind dann aber die Preise sehr niedrig und die Pferde sehr aggressiv, da sie ihr Schicksal spüren. Jetzt war es an ihnen, die richtigen Pferde zu finden. Das blieb den Ausbildern überlassen. Marcus half ihnen, indem er seine Gaben dafür einsetzte, den Zustand der Pferde von der telepathischen Seite zu überprüfen. So warnte er sie aber vor aggressiven Tieren. Es blieb ihnen nur ein Ausweg: Trotz seiner für sein Alter sehr erwachsenen Persönlichkeit, war er doch ein Junge mit ganz normalen Bedürfnissen. Diese nutzen sie aus, indem eine der Frauen mit ihm zu den Süssigkeitshändlern ging. Das ließ ihn die Pferde vergessen und sie konnten ihr Vorhaben verwirklichen. Als Marcus mit seiner Begleiterin nach zwei Stunden zurückkehrte, wartete der Rest der Gruppe schon mit vier, wunderbar aussehenden Pferden auf sie. Marcus spürte sofort, daß mit den Pferden etwas nicht in Ordnung war und teilte dies seinen Reisegefährten auch mit: "Es wäre besser gewesen, wenn ich da geblieben wäre. Ich hätte euch sagen können, daß diese Pferde zwar sehr kräftig und widerstandsfähig sind, als Reitpferde sind sie ob ihrer Aggressivität nicht zu verwenden. Selbst als Lasttiere werden sie uns nur Probleme machen. Können wir sie nicht umtauschen?" "Nein, ein Umtausch ist nicht möglich. Es hat seine Gründe, warum wir Pferde dieser Art gekauft haben. Du solltest deine Gaben trainieren. Die Tiere sollten, wenn du schon weit genug bist, in vier Wochen brave Tiere sein. Aber das wirst du bald selbst merken.", erwiderte eine der Frauen. "Laßt uns jetzt die Stadt verlassen. Vorher sollten wir aber noch unsere Vorräte ergänzen!", meinte der Ausbilder. Bei er Auswahl ihrer Vorräte achteten sie sehr darauf, daß sie Nahrung kauften, die sie schon lange nicht mehr bekommen hatten oder lange nicht mehr bekommen würden. Aber auch lokale Spezialitäten waren unter ihren Einkäufen zu entdecken. Das war für sie sehr wichtig, da sie schon sehr unter der relativ eintönigen Nahrung gelitten hatten. Nachdem sie alle Vorrate verstaut hatten- wobei die neuen Pferde nicht verwendet wurden - gingen sie auf die Suche nach einem Kleiderhändler. Das war sehr wichtig, da Marcus während ihrer bisherigen Reise um einiges gewachsen war. Aber auch die übrigen Mitglieder des Sternenkreises brauchten neue Kleider, da sie aufgrund der anstrengenden Reise sehr an Gewicht verloren hatten. So fand sich dann auch ein freundlicher, etwas dicklicher Mann, der sowohl Stoffe als auch Kleidung für alle Alters- und Gesellschaftsschichten anbot. Dort erwarben sie die benötigten Textilien. Die dort erworbenen Stoffe sollten es ihnen ermöglichen, Marcus´ Wachstumsschübe auch in der Wildnis ohne Kleidungsnot zu überbrücken. Unter ihren Einkäufen waren dicke Stoffbahnen zu finden, welche im immer näherkommenden Winter stark an Bedeutung gewinnen würden. Sie würden die Schäden an ihren Zelten ausbessern können, sich in besonders kalten Nächten aber auch in sie einwickeln können. Der Händler wurde von ihnen aber auch gewählt, da er auch alte Kleidungsstücke in Zahlung nahm, die er dann an Leute verkaufte, die sich keine neuen leisten konnten. Das machte die Einkäufe um einiges billiger, als sie berechnet hatten, denn sie hatten noch nie von solch einer Möglichkeit gehört. Es eröffnete sich so die Möglichkeit, das ersparte Geld für Sachen wie neue Bücher und einen Besuch beim Arzt auszugeben. Der Arzt stellte bei allen gute Gesundheit fest und prophezeite ihnen allen ein langes Leben. Als Marcus diese Diagnose hörte, spürte er daß der Arzt nicht recht hatte. Bis auf ihn und ein anderes Mitglied des Sternenkreises würde keiner den Winter überleben. Das kam für ihn so überraschend, daß er sich plötzlich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Er fiel ohne Vorzeichen plötzlich um. 12 "Marcus, Marcus!", er hörte die Stimmen nur aus der Ferne. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf die kleine, scheinbar augenlose Frau gerichtet, die ihn mit Gesten aufforderte, ihm zu folgen. Sie trug Kleidung, die er nicht einordnen konnte, trotzdem wußte er, daß er sie nicht zu fürchten brauchte. So folgte er ihr in einem gewissen Abstand. Er wollte diesen Abstand verkleinern, war aber nicht in der Lage dazu. Er erhöhte die Schrittfolge, doch so sehr er sich auch anstrengte, er holte keinen Meter auf. Dabei schien es, daß die Frau sich nicht schneller, als es für alte gebrechliche Menschen typisch ist, bewegte. Ihre Fortbewegung hatte aber doch eine Besonderheit. Marcus wußte nicht, ob er es sich einbildete, oder ob es an ihrem weiten Kleid lag. Aber es hatte den Anschein, als würde sie schweben! Als er ihr schon nicht mehr folgen wollte, hielt sie plötzlich an. Und Marcus mußte das auch, denn er schaffte es auch jetzt, da sie stand, nicht die Distanz zwischen ihnen zu verkleinern. Es war nicht so, daß er einen Widerstand spürte, oder nicht von der Stelle kommen würde, es war nur so, daß er eben nicht näher an sie herankam. So blieb er stehen und wartete, was auf weitere, sicher nicht gewöhnliche, Ereignisse. Die Frau, stand einige Minuten ganz ruhig stehen. Marcus hatte das Gefühl, als müsse sie sich sammeln oder sich nach dem langen Marsch erst mal ausruhen. Dann hob sie plötzlich die rechte Hand und beschrieb einen Kreis in der Luft damit. Er konnte diese Geste nicht deuten, deswegen wartete er auf eine Erklärung ihrerseits. Doch diese blieb aus. Wie nur sollte er sie verstehen, wenn sie kein Wort sagte? Er verfolgte konzentriert ihre Bewegungen, wurde aber nicht klug daraus. Sie beschrieb alle möglichen Figuren in der Luft. Er bemerkte, daß sie immer ungeduldiger wurde. Es wirkte schon beinahe so, als würde sie in Wut geraten. Marcus beschloß, daß es jetzt an der Zeit wäre, die Initiative zu übernehmen. Doch gleich beim ersten Versuch stoß er an die erste Hürde; als er den Mund öffnete, um zu sprechen, kamen dabei nur Laute heraus, die eher einem Grunzen, als Worten entsprach. Es dauerte wieder einige Minuten, bis er einen weiteren Versuch startete; er versuchte sich jetzt in der Art der Verständigung, die sie schon die ganze Zeit praktizierte: Er begann seinerseits mit Gesten den Kontakt mit ihr aufzunehmen. Doch auch dieser Versuch schlug fehl, da er nicht bedachte, daß sie keine Augen hatte. An Stelle der Augen waren nur zwei vernarbte Gruben zu erkennen. So war sie also blind. Wie sollte er sich nur mit ihr verständigen. Sie hob ganz überraschend mit einem Lächeln die Hand und zeigte mit den Fingern auf ihre Stirn. Dann zeigte sie ihn seine Richtung und dann auf ihren Mund, dann wieder in seine Richtung. Beim ersten Mal verstand er sie noch nicht, aber als sie diese Bewegungen zum dritten Mal wiederholte, wußte er plötzlich, was sie meinte. Er war einen Moment richtig böse auf sich selbst. Er hatte ganz auf seine mächtigste Gabe vergessen: Gedankenlesen. So schob er die gewohnten Verständigungsmittel auf die Seite und sendete einen Gedanken in ihre Richtung: "Kannst du mich verstehen?". Ihr Gesicht verzog sich in einer Weise, die Marcus als glücklich erkannte, dann hörte er zum ersten Mal in seinem Leben einen gezielten Gedanken in seinem Kopf den er nicht zu fordern brauchte: "Ja, ich dachte schon, ich kann dir gar nicht mehr verständlich machen, daß hier Gespräche nur via Telepathie möglich sind. Marcus der Sternenwächter, es ist mir eine Ehre, daß ich die Möglichkeit habe, dir gegenüberzustehen. Doch nun komm doch näher." Marcus wollte schon einwerfen, daß dies doch nicht möglich sei, doch dann versuchte er es doch und er konnte sich ihr plötzlich nähern. "Die Distanz war eine der Vorkehrungen, die ich getroffen habe, um dir die Angst vor mir zu nehmen. Ich weiß, ich bin keine Schönheit, aber ich habe meine Schönheit der Freiheit der Menschheit geopfert.", ließ sie ihn wissen. Plötzlich sah er eine ganz andere Umgebung, nur konnte er dort nur als Zuschauer die Vorgänge dort verfolgen. 13 Er sah eine junge schöne Frau, die mit acht anderen Menschen in einem Wald ritt. Er konnte auch die Geräusche des Waldes wahrnehmen. Die Reisegruppe erinnerte ihn sehr an seine eigene und er war sich bald sicher, daß er hier einen früheren Sternenkreis sah. Nur konnte er keinen kleinen Jungen ausmachen, der als zukünftiger Sternenwächter infrage kam. Er kam zu der Überzeugung, daß diese Menschen wohl erst auf dem Weg zu ihm waren. Die junge Frau sagte: "Laßt uns dort vorne unser Nachtlager aufschlagen; bis zur nächsten Lichtung werden wir es heute nicht mehr schaffen und ich will nicht wieder zwischen Büschen mit Dornen schlafen, auch wenn wir dort geschützter sind." "Jawohl, das ist eine gute Entscheidung. Ich werde für das Abendessen sorgen.", sagte einer ihrer Begleiter. Marcus bemerkte, daß die Leute Kleidung trugen, die sehr alt sein mußte. Sie bestand nicht aus Leder wie der Hauptteil der Kleidung, die er trug, sondern aus einer Art fein gewobener Wolle, nur war sie so engmaschig, daß es Monate dauern mußte, ein Kleidungsstück anzufertigen. Es mußten wohl sehr gute Zeiten sein, wenn man es sich leisten konnte beim Reisen solche Sachen zu tragen. Ihre Frisuren waren auch sehr außergewöhnlich. Die Frauen, aber auch die Männer hatten ihre Haar zu feinen Zöpfen geflochten, die dann zu einem dicken verbunden waren. Ihre Pferde waren bis auf ihre Sättel nicht verschieden von ihren eigenen. Doch diese Sättel waren die wohl schönsten, die er je gesehen hatte. War sein Sattel aus dickem Stoff und nicht sehr gemütlich auf der langen Reise, so bestanden diese Sättel aus Leder auf welches eine dicke Schicht Stoff aufgebracht war. So spürte man wohl die Körper der Pferde nicht so und es wurde ein langer Ritt sicher nicht so ermüdend, wie mit seinem eigenen. Als Marcus seine Aufmerksam wieder mehr auf das Verhalten des Sternenkreises richtete, bemerkte er, daß die junge Frau wohl eine sehr wichtige Person sein mußte, da alle sie erst um Erlaubnis fragten, bevor sie etwas machten. Ihr Lager war bald aufgebaut und Marcus war überrascht, wie groß die Zelte waren. Sonst unterschieden sie sich kaum von denen, die er kannte. Es war nur so, daß die Zelte, die er kannte eher Flächen aus hunderten kleinen Flecken waren, diese aber aus höchstens fünf nahezu gleich großen Flecken bestanden, wodurch sie sehr Witterungsschutz bieten mußten. Das größte Problem, das sie selbst hatten war, die Löcher, die an den Überlappungsstellen auftraten abzudichten. Hier würde das nicht sehr schwer sein. Das bedeutete einen großen Zeitgewinn in der kalten Jahreszeit, da so nicht erst alle Zeltteile auf Löcher überprüft werden mußten, bevor man mit dem Aufbau beginnen konnte. Es verging keine Minute, in der er nicht etwas neues - interessantes entdeckte. Ihr Verhalten war schon etwas sonderbar. Das Benehmen der Gruppen gegenüber der Frau konnte man ohne Übertreibung als Vergötterung bezeichnen. Es war aber nicht so, daß sie keine Arbeit übernahm, im Gegenteil, sie arbeitete sehr engagiert an den Vorbereitungen am Lagerplatz und dem Essen mit. Die Blicke, die ihr die anderen zuwarfen waren aber sehr vielsagend. Diese Blicke waren die herzlichsten, die er je gesehen hatte und er wünschte sich, daß ihm nur einmal im Leben jemand einen solchen Blick schenken würde. Es zeigte sich mit der Zeit aber auch eine bestimmte Art von Furcht vor ihr. Jeder vermied es, sie zu berühren, als würde sie an einer ansteckenden Krankheit leiden. Marcus konnte aber keine Anzeichen für eine Erkrankung feststellen. Im Gegenteil, sie wirkte außergewöhnlich gesund. Er kam zu der Überzeugung, daß er wohl noch nie einen Menschen mit solch einer kraftvollen Ausstrahlung gesehen hatte. Bis jetzt hatte sich Marcus in einer relativ großen Entfernung zur Gruppe aufgehalten. Er dachte aber, daß dieses Erlebnis nur eine Illusion oder ein Traum war und deshalb würde er von den Figuren, die darin mitspielten nicht wahrgenommen werden, auch wenn er sich in ihrer unmittelbaren Umgebung aufhalten würde. Trotzdem wollte er kein unnötiges Risiko eingehen, denn er wußte, was passieren konnte, wenn man sich einem Sternenkreis ohne Vorwarnung näherte. Es war zwar nicht so, daß einem Sternenkreis grausame oder brutale Menschen angehörten, aber es war das Ziel der Begleiter eines Sternenwächters dessen Leben mit allen Mitteln zu verteidigen. So war es schon einige Male passiert, daß ein Mensch sein Leben lassen mußte, obwohl er nichts böses im Sinn hatte. Er dachte kurz nach, wie er, würde er für den Sternenkreis sichtbar sein, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, ohne sich in Gefahr zu bringen. Dann dachte er, es wäre wahrscheinlich das beste, zu rufen und dabei einen Gedankenstoß in Richtung der Gruppe zu senden. So dachte er, würde es keine Unsicherheiten geben. So holte er kräftig Luft, um einen lauten Schrei zustande zu bringen. Dann ließ er mit aller Kraft die Worte. "Hallo, darf ich näherkommen!" aus seinem Mund schnell. Gleichzeitig sendete er mit aller Kraft einen telepathischen Impuls in Richtung er Gruppe. Er erkannte keine Regung in den Gesichtern der Gruppenmitglieder. Also war nicht vorgesehen, daß er aktiv am Geschehen teilnahm, sondern er sollte wohl irgendwas aus dieser Ilusion lernen, was er später brauchen würde. Er bewegte sich jetzt mit vorsichtigen Schritten in Richtung des Sternenkreises, wobei er darauf achtete, immer gut sichtbar zu sein, falls sein Versuch sich von seiner Unsichtbarkeit zu überzeugen, fehlgeschlagen sein sollte. Die Gruppe zeigte keinerlei Anzeichen ihn zu sehen. Um sicher zu gehen, wiederholte er seinen Zuruf. Als er auch jetzt keine Reaktion erkannte, war er sicher, nur passiv am Geschehen teilnehmen zu können. Diese Erkenntnis verunsicherte ihn sehr, da er es gewohnt war immer im Mittelpunkt zu stehen. Bisher war er immer der Mensch gewesen, der die Handlungen der ihn umgebenden Personen gelenkt hatte. Jetzt sollte er nicht nur auf dieses Privileg verzichten müssen, sondern auch noch dazu alles was passierte als unveränderbar anerkennen. Diese für ihn neue Situation lies ihn das erste Mal bemerken, daß er sich zu sehr an seine Machte gewöhnt hatte. Das wollte er ändern. Er nahm sich vor sich fortan wieder öfter zu bedanken und die Handlungen seiner Reisebegleiter nicht immer als selbstverständlich anzusehen. Obwohl er sich immer der Tatsache bewußt sein mußte, daß seine Begleiter ihre Dienste nicht für ihn als Person, sondern eigentlich für die Menschheit leisteten. Als er sich der Reisegruppe soweit genähert hatte, daß er die Gesichter genau sehen konnte, bemerkte er eine große Ähnlichkeit zwischen der dominanten Frau und der augenlosen Frau. Doch er kam zu der Überzeugung, daß jetzt nicht die Zeit war, über solche Dinge nachzudenken. Er spürte, daß sich alle seine Fragen - und das waren viele - bald aufklären würden. Die Gruppe war jetzt beim Essen und dabei wurde viel gesprochen. Die Themen reichten von Gespräche über ihre Reise bis zu Erinnerungen an ihre Heimat. Marcus stellte fest, daß ihre Sprache sich von der seinen sehr unterschied, war aber ohne Probleme in der Lage alles zu verstehen. Während er den Gesprächen lauschte bemerkte er eine große Ähnlichkeit zu den Gesprächen, die er und seine Reisebegleiter führten, wenn sie nach dem Essen noch nicht schlafen gehen wollten. Daß diese Leute auch während des Essens sprachen war für ihn sehr ungewöhnlich, da es seiner Erziehung widersprach. Doch er führte es auf die frühere Zeit zurück, von der er gehört hatte, daß es damals nicht sehr viel Unterschiede zwischen der herrschenden Schicht und den Bürger und Bauern gegeben hatte. Er war aber der festen Überzeugung, daß der Sternenwächter, wenn er erst mit der Gruppe reisen würde, sicher etwas an diesen Mißständen ändern würde. Aus den Gesprächen entnahm er, daß sie sich ihrem Reiseziel schon auf zwei Tagesritte genähert hatten. Das brachte ihn in eine Zwickmühle. Denn einerseits wollte er einmal einen anderen kleinen Sternenwächter sehen, andererseits konnte er sich nicht vorstellen, zwei Tage in diesem Zustand der Unsichtbarkeit zu verbringen. Um seine körperliche Verfassung machte er sich keine Sorgen, denn er nahm an, daß er sich in einer Art Traumzustand befand und so nicht an Hunger und Durst leiden würde. Doch dann wurde ihm klar, daß er die Zeit, die er hier verbringen mußte, nicht beeinflussen würde können. Er war der festen Überzeugung, daß diese Illusion ihm von den GROßEN ALTEN geschickt wurde und diese würden ihn sicherlich nicht länger als unbedingt notwendig einer so beklemmenden Lage aussetzen. Er nahm sich vor, sich voll auf die Gruppe zu konzentrieren, da er nichts versäumen wollte, was ihm irgendwann helfen konnte. Eben als er seinen Blick wieder in Richtung des Sternenkreises lenkte erhob sich die schöne Frau und entfernte sich in Richtung einiges nahen Gebüsches. Was sie dort zu tun hatte, war nicht schwer zu erraten, trotzdem fiel ihm auf, daß die Gruppe ihr nachschaute, als würde sie etwas besonderes machen. Während sie weg war hatte immer zumindest eines der Sternenkreismitglieder den Blick auf die Büsche gerichtet. Erst als sie wieder zurückkam verging die vorher doch sehr angespannte Stimmung. Einer der Männer erhob sich und fragte sie: "Linea, was hat den da so lange gedauert? Wir sollten dich nicht alleine weggehen lassen, auch wenn es nur für die kleinsten ist." Sie erwiderte etwas forsch: "Ihr solltet euch nicht immer solche Sorgen um mich machen. Ich kann gut genug auf mich selber achten. Und im Fall der Fälle seit ihr ja doch nicht so weit weg, daß man sagen kann, ich bin ungeschützt. Und ich würde mich doch sehr unwohl fühlen, wenn ich nicht mal mehr alleine die Büsche gießen könnte." Den letzten Satz sagte sie mit einer derart gespielten Scham, daß die ganze Gruppe sich vor Lachen bog. Dieses Gelächter ließ ihn an ähnliche Momente mit seiner Gruppe denken und das erste Mal wurde ihm bewußt, daß seine Freude sich große Sorgen machen mußten und das erfüllte ihn mit Trauer. Er hoffte nur, daß er in seiner Welt Lebenszeichen von sich gab und sie so nicht annehmen mußten, er sei tot. Doch sich darüber Gedanken zu machen, hatte keine Sinn. Als sich die Gruppe wieder einigermaßen beruhigt hatte erhob eine der Frauen die Stimme: "Du hast schon recht, daß dich selbst gut verteidigen kannst, aber was willst du mit all deinen Kräften machen, wenn du von einer Gruppe der Schwarzen angegriffen wirst? "Die Schwarzen haben nicht genug Intelligenz, um auf eine so leichte Möglichkeit zu hoffen.", sagte sie sehr überzeugend. "Da käme dann eher ich in die Verlegenheit euch helfen zu müssen, da sie sicherlich die Gruppe angreifen würden, da sie mich dort vermuten würden. Ihr seht also, ich bin eher in Gefahr, wenn ich bei euch bin." "Du hast ja recht, aber beeile dich das nächste Mal bitte etwas mehr. Jedesmal, wenn du in die Büsche gehst, leiden wir Todesängste.", bat eine der Frauen. Sie antwortet mit einem kleinen Lächeln: "Ich werde ab jetzt mehr Druck machen, das verspreche ich." Das brachte die Gruppe wieder zum Lachen. Diese Linea faszinierte Marcus. Sie überzeugte durch ihre Intelligenz und geistigen Stärke, schaffte es aber trotzdem der Gruppe durch ihre Scherze die Ängste zu nehmen. Was sie wohl für eine Rolle im Sternenkreis einnahm? Er hatte gehört, daß in früheren Zeiten in jedem Sternenkreis eine Frau die Rolle des Sternenwächters einnahm, bis dieser zu Gruppe stieß, um die Gruppe auf einen Menschen vorzubereiten, der das Sagen haben würde und ihre ganze Aufmerkamkeit verlangen würde. Doch er schätzte, daß dieser Sternenkreis nicht aus einer so frühen Zeit stammen konnte. Diesen Schluß zog er aus den doch sehr modernen Waffen und den Kleidungsstücken. So blieb nur mehr die Möglichkeit, daß dies eine junge Zauberin sein mußte, die Ausbilder des Sternenwächters unterstützen sollte. Doch wie sollte eine so junge Frau schon die Kraft und Erfahrung haben, um eine so verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen? Doch auch im Bezug auf diese Frage mußte er sich auf den Sinn dieser Illusion verlassen. Er dachte, sollte die Rolle dieser Frau für ihn wichtig sein, so würde er schon noch eine Antwort bekommen. So blieb ihm nur die Möglichkeit, sich in Geduld zu üben und endlich zu begreifen, daß er nicht bestimmen konnte, was passierte. Als die Gruppe plötzlich ruhiger wurde, lenkte Marcus wieder seine volle Aufmerksamkeit auf das was passieren würde. Die junge Frau erhob sich - etwas schwermütig, wie nicht schwer zu erraten war - und begann langsam und bedrückt zu sprechen: "Meine Freunde, da wir uns nun unserem Ziel schon sehr genähert haben und in den nächsten Tagen nicht mehr viel Zeit für mich da sein wird, mit euch zu sprechen, will ich diesen Abend dafür benützen, euch über meine Pläne für die nächste Zeit aufzuklären. Vieles davon wird euch nicht gefallen, ja sogar Angst machen. Doch seht die ganze Sache so wie ich: Wer eine solche Aufgabe hat wie wir, muß ein großes Maß an Risiko auf sich nehmen." Diese Worte bekräftigten Marcus in seiner Meinung, daß diese Gruppe einen Sternenwächter würde ausbilden müssen und das war kein einfaches Los, da nicht jeder für eine solch schwere, gefährliche und verantwortungsvolle Aufgabe geschaffen war. Er hatte das immer schon gewußt, aber erst als neutraler Beobachter kam ihm die ganze Tragweite dieser Tatsache zu Bewußtsein. Seine eigenen Begleiter waren wohl die wahren Helden, nicht er, der Sternenwächter, der für seine Aufgabe geboren war, sondern die Menschen um ihm herum, die ihre Aufgabe freiwillig erfüllten. Linea sprach ruhig, wenn auch etwas abgespannt weiter: "Aber wenn man unseren Auftrag sieht, so vergißt man diese persönliche Aufopferung oft. Zu wichtig ist unser Erfolg für die Menschen, als daß sie sich um den Weg kümmern könnten. Deswegen ist der Ausgang einer Schlacht, den wir als Erfolg sehen, für das Volk eine schwere Niederlage. Während wir die Sache langfristig sehen, zählt für das Volk der momentane Verlust für sie. Und das ist auch wichtig, denn würden die Menschen einen Todesfall in ihrer Familie nicht mit Trauer sehen, sondern wie wir an den Schaden denken würden, der an den Heerscharen der ALTEN HERREN verursacht wurde, dann würden ihre Herzen für die Schwarzen ein leichtes Ziel sein und das würde den sicheren Sieg der dunklen Seite bedeuten! Deswegen müssen wir damit leben lernen, daß sich unsere Sicht der Dinge vom Blickwinkel der anderen Menschen unterscheidet. Das sollte aber nie zum Gegenstand von Problemen werden. Hier liegt die Verantwortung bei uns, nach Erfolgen nicht gleich zuviel Emotionen zu zeigen, sondern das erst im geschlossenen Rahmen zu tun. Das wird oft zu Spannungen führen, die wir aber nicht zeigen dürfen. Es sollte uns aber gelingen, da wir mit der Zeit lernen werden diese Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Doch das sollte nicht unser Hauptproblem für die nächste Zeit sein. Was ich euch jetzt sage ist nur eine Vermutung: Mir ist durch mehrere Quellen zu Ohren gekommen, daß der Stadthalter der Stadt Vinaev Murcios mit den ALTEN HERREN zusammenarbeitet. Die Besonderheit ist, daß die dunklen Götter im Normalfall ihre Erfolge und die Städte, die sie unter ihren Einfluß bekommen nicht verheimlichen, sondern diese offen zeigen, ja sogar teilweise übertreiben, um die Furcht die ihnen die Leute entgegenbringen, noch zu fördern. In diesem Fall steht diese Stadt unter dem Ruf, von widerstandsstarken Bürgern bewohnt und von einem resistenten Stadthalter verwaltet zu werden. Das macht die Sache so schwierig. Haben die ALTEN HERREN beschlossen, doch mehr im Hintergrund zu arbeiten? Oder ist das ganze nur ein Ablenkungsmanöver, um an einem anderen Ort zuzuschlagen? Wir werden uns deswegen nicht offen zeigen, sondern als Aussätzige am Marktplatz auftreten, wo wir vielleicht Klarheit bekommen. Sollte sich die ganze Sache bewahrheiten, würde ich die Stadt unter die Herrschaft eines neuen Stadthalters stellen, bis die Priester hier sind, welche schon auf dem Weg sind. Die Lage in der Stadt ist folgende: Murcios ist ein relativ junger Stadthalter, der sich dadurch auszeichnet, daß er mit beiden Beinen auf dem Boden steht. Als sein erklärtes Ziel galt immer, seine Mitbürger in Wohlstand und Frieden zu wissen. Das hört sich sehr ehrhaft an, macht ihn aber für die verführerischen Lügen der Schwarzen sehr empfänglich. Andererseits kann ich nicht glauben, daß ein so gutherziger und immer rational denkender Mann mit den Einstellungen der ALTEN HERREN leben kann. Seine Gefolgschaft besteht zu einem Teil aus seinen dreizehn Geschwistern und zum anderen Teil aus Priestern der GROßEN ALTEN. Daß Priester unter der Gefolgschaft sind, macht es für mich noch schwieriger zu glauben, die ALTEN HERREN hätten die Herrschaft über Vinaev gewonnen. Die Stimmung in der Stadt war immer als sehr gut und friedlich bekannt. Was aber nicht heißt, daß sie sich nicht verteidigen könnte. Ganz im Gegenteil, die Armee, über die Murcios verfügt, zählt zu den am besten ausgebildeten, da dort ein Mann das Kommando hat, der bis zu seinem zwölften Lebensjahr als Sternenwächter ausgebildet worden war, was in dieser schwierigen Zeit als Ablenkungsmanöver galt. So hatte er eine so umfassende Ausbildung in allen Belangen, daß er seine Untergebenen gut ausbilden und führen konnte. Dieser Mann heißt Riuggys und hat anfangs sehr darunter gelitten, daß man ihn benutzt hat, aber dann begriff er, daß er der Menschheit einen großen Dienst erwiesen hatte. Das machte ihn zu einem der stärksten Beschützer der alten Ordnung. Doch man kann nicht ganz ausschließen, daß er im Unterbewußtsein doch einen tiefen Schmerz mit sich trägt, der ihn zu einer gefährlichen Waffe der ALTEN HERREN machen könnte. Riuggys wird nach Murcios der zweite sein, den wir genau unter die Lupe nehmen werden. So, das waren nun meine Neuigkeiten, habt ihr irgendwas dazu zu sagen?" Linea schloß ihre Erläuterungen damit, daß sie ihren Blick über die Gruppe schweifen ließ. Was sie sah und was sie dabei empfand war Marcus nur zu bekannt. Man war den anderen Mitgliedern der Gruppe ausgeliefert. Sie konnten einen unterstützen oder mit Kritik in der Luft zerreißen. Die Gruppe übte faire Kritik, es wurden einige Einwände vorgebracht, doch gesamt gesehen kam man zu einer Lösung, die alle unterstützen wollten. Da die Gruppe nun Reisevorbereitungen traf hatte Marcus Zeit, nochmals über Linea nachzudenken. Was war sie nur für eine unglaubliche Führungspersönlichkeit. Sie würde - abgesehen, daß sie eine Frau war - die besten Voraussetzungen für einen Sternenwächter mitbringen. Er fühlte sich so unheimlich hilflos, denn es machte ihn krank, nicht zu wissen, was für eine Position diese junge Frau einnahm. Die Lösung sollte Marcus bald bekommen, ja eigentlich hätte er sie selbst schon erkennen sollen, wäre er nicht so engstirnig gewesen. Als die Gruppe ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatte, zogen sie sich in ihre Zelte zurück, wobei einer der Männer mit Linea in ihr Zelt kam. Bald waren aus dem Zelt lusterfüllte Laute zu hören und Marcus ging zum Eingang des Zeltes. Was er da sah war ihm schon aus einigen Geschichten bekannt. Linea saß nackt auf ihrem Begleiter. Sie bewegte sich mit langsamen Stößen auf und ab. Dabei ließ sie den Penis des Mannes in sich eindringen. So fiel eine Möglichkeit weg. Linea konnte keine Wächterfrau sein, da diese ihr Jungfrauenhäutchen bis zur Zusammenkunft mit dem Sternenwächter mit dem Leben verteidigten. Linea verteidigte nichts und damit wurde es für Marcus immer schwerer sie einzuordnen. Marcus entfernte sich vom Zelt, da er dachte, das war ja wohl doch eine zu intime Sache, als daß sie ein Fremder mitansehen sollte. Als er sich vom Zelt schon einige Schritte entfernt hatte, hörte er wie Linea in einem Ausbruch von Lust schrie: "Ja, das ist fast so gut, wie bei meiner Prüfung mit dem alten Zauberer, nur daß der die Sache mit seiner Magie noch um einiges interessanter machte. Doch er konnte auch trotz seiner Ablenkungsmanöver nichts gegen den ersten weiblichen Sternenwächter machen." Marcus konnte, trotzdem er sich in einer Illusion befand kaum auf den Beinen bleiben. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie hatte er nur so blind sein können. Es war wirklich fast unmöglich gewesen, die Tatsache, daß Linea ein Sternenwächter war zu übersehen. Ihre ganze Handlungsweise, das Benehmen des Sternenkreises ihr gegenüber und die Furcht, als sie allein in den Büschen war, hätten ihm genug sein sollen. Damit hatte er also eine Lücke in der Geschichte aufgedeckt. Es gab also doch auch weibliche Sternenwächter. Doch, wann traten solche auf? Wann schickten die GROßEN ALTEN ein Mädchen, statt eines Jungen, um die Welt vor den ALTEN HERREN zu beschützen. War es ein Ablenkungsmanöver, ein Versehen oder gar eine Schwäche? Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, da das seine ganze Existenz veränderte. Hatte er bis jetzt geglaubt, er wäre in eine Linie geboren worden, die nur Männer enthielt, so mußte er seinen Horizont nun erweitern und den Frauen dort auch einen Platz einräumen. Zu viele Fragen blieben für ihn unbeantwortet und wo sollte er Antworten erwarten, seine Begleiter hätten ihm eine solche Tatsache wohl kaum vorenthalten, hätte sie davon gewußt. Mit dieser neuen Erkenntnis umzugehen war sehr schwer für den kleinen Jungen und er brauchte einige Zeit, um sich wieder zu fangen. Während dieser Zeit hatten Linea und ihr Beischläfer den Geschlechtsakt abgeschlossen und nun war nur mehr leises Atmen aus dem Zelt zu hören. Als Marcus wieder einen Blick in das Zelt warf sah er, daß sie schliefen. Marcus sah Linea jetzt in einem ganz anderen Licht. War sie vorher nur eine bemerkenswerte Frau gewesen, so stellte sie nun eine Seelenverwandte dar. Da kam ihm der Gedanke, daß es doch möglich sein müßte in ihre Träume einzudringen. Es war zwar sehr wahrscheinlich, daß es nicht funktionieren würde, da er sich in einer Illusion befand und auch seine telepathischen Fähigkeiten noch nicht so weit ausgebildet waren, als daß die Sache Hoffnung auf Erfolg haben würde, doch er fand, daß es einen Versuch wert war. Doch wie sollte er Verbindung zu ihr aufnehmen. Würde es vielleicht helfen, wenn er sie berühren würde? Er ging langsam und etwas angespannt wegen der Unvorhersehbarkeit seiner Handlungen auf Linea zu, die schlafend noch um einiges hübscher als wach aussah. Jetzt sah Marcus auch die vielen Narben, die ihrem Körper eine bestimmte Art von Ewigkeit gaben. Linea erinnerte Marcus an eine der schönen Statuen, die in einem der alten Tempel seiner Heimat standen und schön über tausend Jahre ihre Schönheit bewahrt hatten. Diese Narben zeigten ihm aber auch, daß das Leben eines Sternenwächters nicht ohne Gefahr war und wenn schon einer Frau solche Wunden zugefügt wurden, wie sollte dann erst ein männlicher Sternenwächter im gleichen Alter aussehen. Er legte seine Hände auf ihre Schläfen, da er dachte, dort würde sich wahrscheinlich am besten Verbindung herstellen lassen. Er stellt mit Überraschung und Freude fest, daß er eine gewisse Wärme spürte. Doch er bemerkte gleich, daß es nicht ihr Kopf war, der die Verbindungsstelle darstellte, sondern der Punkt tiefer lag. Marcus hob die Hände etwas ab und begann langsam ihren Körper hinunter zu gleiten. Über dem Herzen bemerkte er eine enorme Steigerung der Wärme. Er hatte den Verbindungspunkt gefunden. Doch nun kam sein kindlicher Scham zum Trage. Sein Gewissen sagte ihm, daß es nicht richtig sein konnte, einer fremden, schlafenden Frau auf die Brust zu greifen. So überlegte er kurz und fand auch gleich eine Lösung. Er setzte seine Hände an ihrem Bauch an und ließ sie an ihrem Brustkorb hinaufwandern, bis seine linke Hand unter ihrer linken Brust zum Liegen kam. Die rechte Hand brauchte er dann nur mehr unter die linke zu schieben. Es kam ihm etwas sonderbar vor, eine Frau auf diese Weise zu berühren, aber er glaubte, daß ihn wohl keiner tadeln würde, dafür war die Sache viel zu wichtig. Doch trotzdem war es ein ungewohntes Gefühl. Sicher, er hatte seine Begleiterinnen schon hunderte Male berührt, aber nie hatte er ein solches Gefühl der Verbundenheit verspürt. Es ging eine sonderbare Wärme von diesem schönen Körper aus. Linea war auch nicht wärmer, als alle anderen Menschen, es war eher eine Wärme, die man im Herz spürte, nicht mit den Sinnen. Doch trotz dieser besonderen Gefühlsregungen kam es zu keiner geistigen Verbindung. Doch die Wärme hatte Marcus gezeigt, daß er auf dem richtigen Weg war. Er überlegte, was er wohl außer den Händen auf das Herz zu legen noch machen mußte. Er dachte einige Momente nach. Dann dachte er sich, daß eine Verbindung immer etwas mit einem Kreislauf zu tun hat. Das war eine immer wiederkommende Regel im Chamest. Also überlegte er, was er wohl tun mußte, um diesen Kreis zu schließen. Doch so sehr er auch überlegte, er kam zu keiner Lösung. Er wollte schon aufgeben, da er keine Chance sah, doch als er seine Hände schon von Linea´s Brustkorb nehmen wollte sah er seine Arme nochmals an und dann die der Frau. Ja, das war es. Er mußte nur ihre Hände an seinen Brustkorb legen und schon würde sich der Kreislauf schließen. Doch wie sollte er das machen. Er mußte doch seine Hände auf ihrem Brustkorb lassen, deswegen schien es ihm unmöglich ihre Hände auf an seinem Brustkorb zu legen. Dann kam ihm eine Idee. Er riß zwei Schlitze in sein Hemd und steckte dort Linea´s Hände durch, streckte ihre Ellenbogen voll durch, um Druck zu erzeugen und spürte an seiner Brust gleich die selbe Wärme, die er vorher auf seinen Hände gespürt hatte. Dann legte er seine Hände wieder an ihr Herz, wobei er jetzt nicht mehr auf eine flüchtige Berührung ihrer Rundungen achtete. Zu sehr hatte er sich auf sein Vorhaben konzentriert. Doch auch jetzt spürte er zwar diese eigenartige Wärme, aber die Verbindung blieb aus. Er war der Verzweiflung nahe, als ihm wie aus dem Nichts eine Passage aus dem Chamest einfiel: "Euer Herz soll wie eines schlagen, die selbe Luft sollt ihr atmen.". Die Verbindung ihrer Herzen war ja schon gewährleistet, die gleiche Luft atmeten sie auch schon, also mußte es doch funktionieren. Demnach mußte doch noch etwas fehlen. Er ging alles, was er über das Chamest wußte - und das war viel - durch, kam aber zu keiner Stelle, die auf diese Situation zutraf. Dann dachte er daran, daß er einmal gesehen hatte, wie einige Männer einem Verunglückten das Leben retteten. Sie hatten sein Herz massiert und ihm dabei Luft in den Mund geblasen. Das mußte es sein. Er beugte sich vorsichtig vor, um die Verbindung zwischen den Herzen nicht zu unterbrechen und schaffte es nach einige fehlgeschlagenen Versuchen sich ihrem Mund zu nähern. Er holte tief Luft und ließ dann seine ganze Luft in die Richtung ihres Mundes strömen. Er spürte für einen kurzen Moment ein Schwindelgefühl, doch das war auch schon alles. Er verstand: Er hatte zwar die Luft an sie weitergegeben, aber er hatte keine Luft von ihr erhalten. Es blieb ihm also nur eine Chance: Er mußte sie auf den Mund küssen, um auch ihre Luft zu atmen. Das würde den Kreislauf schließen. Er lehnte sich wieder nach vorne bis sich ihre Lippen berührten und öffnete seine Lippen, wodurch sich auch ihre mitöffneten. Dann begann er zu auszuatmen. Als er wieder einatmete spürte er, wie sich irgend etwas bewegte. Dann fiel er wieder in den ihm schon bekannten komatösen Zustand. 14 "Ay Marcus, du kannst mich jetzt wieder loslassen. Du hast es wirklich geschafft eine Verbindung zwischen uns herzustellen.", sagte Linea. Markus nahm vorsichtig die Hände von Lineas Brustkorb und entfernte sich zwei Schritte von ihr, da er dachte, eine solche Entfernung würde angebracht sein. Dann schaute er sich um. Er befand sich in der gleichen Leere, in der er vor seiner Illusion die verstümmelte alte Frau gesehen hatte. Er wollte etwas sagen, wußte aber nicht, wie er die Unterhaltung beginnen sollte. "Mach dir keine Sorgen, ich kann deine Gedanken lesen.",begann Linea plötzlich, " Du brauchst nicht ängstlich zu sein. Ich kenne deine Situation, da ich selbst ein Leben als Sternenwächter geführt habe. Ich möchte dich jetzt bitten, dich mit mir auf den Boden zu setzen." Er folgte ihrer Bitte und ging in die Knie. Er hatte so viele Fragen zu stellen. Würde sie ihm alle beantworten können? Doch Linea ließ ihn gar nicht dazu kommen, Fragen zu stellen. Sie schaute ihn an und sagte: "Was bist du doch für ein Prachtstück von einem Sternenwächter. Du wirst sicher einiges bewirken können. Doch nun schaue mich genau an, was du sehen wirst wird nicht einfach für dich sein, sei nur einfach ehrlich. Es ist nur so, daß ich, um in dieser Erscheinung zu verbleiben, zuviel Kraft brauche und die will ich doch anders nutzen." Sie erhob sich und sah ihm tief in die Augen. Dann begann die Verwandlung. Ihre Haare wurden länger, dann immer weniger, bis sie nur mehr in langen Strähnen herabhingen. In ihrem Gesicht entstanden Narben. Ihre Haltung verlor an Kraft, bald stand sie gebückt, wie eine alte Frau da. Dann sah Marcus, wie sich ihre Lippen verzogen und die Zähne verschwanden. Schlußendlich waren an den Stellen, wo sich vorher ihre Augen nur mehr zwei Höhlen zu sehen. Linea hatte sich in die alte, verkrüppelte Frau verwandelt. "Aber,.....", wollte Marcus beginnen. Doch Linea unterbrach ihn: "Ja, ich bin Linea, früher ob meiner Schönheit bekannt, jetzt nur mehr eine Figur, wie sie in Alpträumen vorkommt." Sie setzte sich zu ihm auf den Boden und fuhr fort: "Ich wollte die den Schock ersparen, mit meinem Anblick in den Augen und den Lippen auf meinen zu erwachen. Darum diese Täuschung." "Wer hat dir das angetan? Waren es die Schwarzen oder wer sonst hat die Macht einem Sternenwächter so etwas anzutun?", Marcus hatte sich in kampfbereiter Pose erhoben. "Beruhige dich, jetzt ist nicht die Zeit für Taten. Jetzt ist die Zeit, dir eine Geschichte zu erzählen.", besänftigte Linea ihn. 15 Linea deutete Marcus, er sollte sich niedersetzen. Er kam dieser Aufforderung gerne nach. Die Verwandlung von Linea hatte ihm doch sehr zugesetzt und dazu kam noch die Wut, daß es Menschen gab, die solche Grausamkeiten vollbrachten. Als Marcus es sich gemütlich gemacht hatte, begann Linea mit ihrer Erzählung: "Du hast gesehen, daß mein Sternenkreis auf dem Weg zu einer schwierigen Aufgabe war. Die Reise zu der Stadt Vinaev war nicht sehr aufregend. Außer einem heftigen Gewitter gab es keine Zwischenfälle. In der Stadt angekommen mischten wir uns unter die Aussätzigen am Marktplatz. Wir mußten uns nicht einmal verkleiden, da in der Stadt eine Krankheit umging, die einen sehr schnell tötete, so starben die Leute meist in Kleidern, die noch relativ sauber waren. Während eines Gesprächs von zwei Stadtwachen hatten wir die Bestätigung für unsere Vermutungen. Die beiden Soldaten sprachen von einer Veränderung ihres Heerführers Riuggys und des Stadthalters Murcios. Sie waren sich einig, daß die beiden wichtigsten Männer der Stadt deutlich brutaler geworden waren. So gab es für Soldaten, die zu spät in die Kaserne zurückkamen schwere Strafen. Bei der Bestrafung waren einige ihrer Kameraden nur sehr schwer verletzt mit dem Leben davon gekommen. Aber auch der König, der früher für seine Weisheit und Bodenständigkeit bekannt gewesen war hatte unangenehme Gewohnheiten angenommen. So ließ er sich in der letzten Zeit immer öfter junge Frauen auf sein Zimmer bringen, welche dann tränenüberströmt wieder zurückkamen. Von seiner Weisheit schien auch nicht mehr viel übrig zu sein. So hatte er während des wöchentlichen Gerichtstages zwei Männer freigesprochen, die einen Gruppe Nonne überfallen und dann mißhandelt hatte und ein Mann, der nur sein Kind vor zwei betrunkenen Wächtern beschützt hatte, mußte für mehrere Jahre in den Kerker. Aber das wahrscheinlich schrecklichste für uns war, daß sich die Priester des Ordens der GROßEN ALTEN nicht trauten einzugreifen, da Murcios ein Gesetz erlassen hatte, wodurch ein Einmischen in die Politik der Stadt als Hochverrat galt. So hatten wir also wenigstens den Trost, daß die ALTEN HERREN die Priester noch nicht in ihrer Gewalt hatten. Doch es war trotzdem unglaublich, daß der Orden noch nicht mehr unternommen hatte. Notfalls hätten sie den Stadthalter und alle anderen, welche nun den ALTEN HERREN dienten töten müssen. Es kam einzig die Möglichkeit in Frage, daß die dunklen Götter ihren neugewonnenen Helfern starke Kräfte gegeben hatten, was es den Priestern sicher unmöglich gemacht hätte sie zu besiegen. Doch schon bald erkannten wir den wahren Grund für die Zurückhaltung der Anhänger der GROßEN ALTEN. Es war an unserem dritten Tag, als wir es endlich geschafft hatten in den Tempel vordringen konnten. Ich spürte gleich, daß hier etwas nicht stimmen konnte, konnte aber nicht gleich feststellen, was es war. Erst als ich mich auf dieses Gefühl konzentrierte, bemerkte ich, daß hier etwas fehlte. Es traf mich wie ein Blitz: Dieser Tempel war seiner Urne beraubt worden. Diese Urne trägt einen Teil der Asche von verstorbenen Sternenwächtern und Schwarzen der ersten Generationen und hat so eine starke Macht, da sie die Verbindung von Himmel und Hölle. Sie liefert den Priestern Kraft und Mut. In den meisten anderen Klöstern hatte sie schon lange nicht mehr diesen Stellenwert, da sie eigentlich nur ein Sinnbild war, aber diese Priester hatten das noch nicht erkannt und waren so durch den Diebstahl aller Kraft und allen Mutes beraubt worden. So lag es also an mir ihnen diese für sie sehr schwer zu verstehende Tatsache klar zu machen. Und es sehr schwer einem Priester so eine Sache zu erklären. Da betet er sein ganzes Leben zu dieser Verkörperung der GROßEN ALTEN und soll plötzlich darauf verzichten. Es dauerte lange und - das kannst du mir glauben - schwierige drei Tage, bis ich sie überzeugt hatte. Als diese schwere Hürde überwunden war, kam die Zeit einen Plan zu schmieden, um die Stadt aus der Gewalt der ALTEN HERREN zu befreien. Dabei zeigten die Priester endlich den Einsatz, den wir schon von Anfang an erwartet hatten. Da die Stadt um das Kloster herum gebaut worden war, also schon vor der Stadt existiert hatte, kannten die Priester die Stadt besser als jeder anderer. So konnten wir einen Weg in den Palast Murcios´ finden, auf dem die Wahrscheinlichkeit erwischt zu werden als unmöglich angesehen werden konnte. Mein Beschluß Murcios und Riuggys gleich zu töten, um kein Risiko einzugehen, stieß auf anfänglichen Widerstand, da die Priester ihr ganzes Leben nur den Erhalt des Lebens als Ziel angesehen hatten. Doch als ich ihnen eine genaue Einschätzung der Auswirkungen einer Herrschaft der ALTEN HERREN darlegte, war ihr Widerstand gebrochen und sie waren bereit alles zu tun, um die Feinde abzulenken. Nach einiger Zeit war ich überzeugt, daß keiner der Priester davor zurückschrecken würde selbst die Hand gegen Murcios und Riuggys erheben, wenn es nötig sein sollte. Wir wählten absichtlich keinen Festtag für unser Vorhaben, da an solchen Tagen natürlich auch die Bewachung um einiges stärker war. Dazu kam noch die Tatsache, daß wir Murcios und Riuggys getrennt erwischen wollten, da wir nicht wußten, welche Gaben ihnen die ALTEN HERREN für ihre Unterwerfung geschenkt hatten. Daher war ein Angriff nur in den frühen Morgenstunden sinnvoll, da abends nie genau gesagt werden konnte, wann die beiden getrennt sein würden. Am Morgen hatten die beiden einen sehr genauen Plan. Murcios nahm hier seine Pflichten als Stadthalter wahr, während Riuggys mit der Ausbildung seiner Armee beschäftigt war. 15 Es war ein etwas nebliger Tag, an dem wir uns sehr früh aus unseren Betten erhoben. Wir hatten alle unsere Waffen am Vorabend nochmals genau überprüft. Meine Lieblingswaffe war, genau wie deine, die Schleuder, nur daß ich nicht mit runden, sondern mit spitzenversehenen, Kugeln schoß. Durch die Spitzen waren sie noch um einiges tödlicher als deine Geschosse. Ich hatte den traditionellen Kampfanzug der Sternenwächter angezogen, das war zwar etwas gefährlich, da meine Gruppe so leichter erkannt werden konnte, aber ich baute auch sehr auf den Schreckenseffekt, wenn unsere Gegner einen Sternenwächter unter uns erkennen würden. Wir hatten zwei Gruppen gebildet, da wir unsere Angriffe auf Murcios und Riuggys gleichzeitig starten mußten, um bei beiden den Überraschungseffekt auf unserer Seite zu haben. Ich und die eine Hälfte meiner Begleiter bildeten verstärkt durch fünf Priester die Gruppe, welche Riuggys töten sollte. Ich wollte beim Anschlag auf Riuggys anwesend sein, da dieser über Fähigkeiten verfügte, die sonst nur einem Sternenwächter beigebracht werden. So würde er für die anderen Kämpfer vielleicht ein zu starker Gegner sein. Meine Freunde wußten nicht, daß ich Zweifel hatte, ob ich ihn überhaupt besiegen würde können, da er die kämpferischen Fähigkeiten eines Sternenwächters hatte und durch die Kräfte, die ihm die ALTEN HERREN gegeben hatten würde er vielleicht einen mir ebenbürtigen Gegner darstellen. Doch von diesen Zweifeln erzählte ich meinen Begleitern natürlich nichts, sonst hätten sie wahrscheinlich gleich aufgegeben. Die andere Hälfte setzte sich aus sieben Priestern und dem Rest meines Sternenkreises zusammen. Diese Gruppe würde die wahrscheinlich leichtere Aufgabe haben, Murcios zu töten. Ihre einzige große Schwierigkeit lag darin, an dessen Leibwache vorbeizukommen, doch diese würde keine Zeit haben, sich zu wehren. Voll gerüstet schlichen wir uns in der Morgendämmerung durch die Stadt. Einige Menschen sahen uns, aber es kam keiner auf die Idee uns zu verraten, da sie wohl wußten, daß wir ihnen ihre Freiheit wiedergeben würden. Kurz vor dem Palast trennten wir uns von der anderen Gruppe. Die Mitglieder meines Sternenkreises drehten sich noch ein Mal um. Jeder spürte, daß nicht alle unser Vorhaben überleben würden. Meine Gruppe ging - geführt durch einen der ortskundigen Priester - in Richtung der Soldatenunterkünfte. Diese würden, bis auf einige ledige Männer leer sein. Riuggys, der nie eine Familie gegründet hatte, da er sich zu sehr seiner Aufgabe gewidmet hatte, war einer der Soldaten, die immer in der Unterkünften schliefen. Er hatte aufgrund seiner Position einen eigenen Raum, dessen Lage uns aber einen großen Vorteil lieferte, da er etwas abgelegen von den anderen war. Je näher wir uns dem großen Armeegebäude näherten, desto stärker waren die Gefühle, die ich von meinen Begleitern spürte. Sie wußten, daß sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Leben einsetzen würden müssen, um unser Ziel zu erreichen. Aber ich spürte auch, daß alle - auch die Priester - mein Leben mit dem ihrigen beschützen würden, sollte es notwendig werden. Diese Tatsache überraschte mich doch sehr, da sie keinerlei Beweis dafür hatten, daß ich wirklich ein Sternenwächter war. Das fiel mir erst jetzt auf und es beunruhigte mich doch sehr. Erstens ängstigte mich ihre Leichtgläubigkeit, dann was wäre, wenn das nur eine Falle der ALTEN HERREN war, um einen Vorwand zu haben, um das Kloster zu zerstören? Zweitens wunderte ich mich über meine Leichtsinnigkeit, denn was wäre, wenn das gar keine Priester, sondern nur Gehilfen der Schwarzen, die mich in eine Falle locken wollten. Doch dann beschloß ich, daß diese Sache ein gewisses Maß an Vertrauen und - damit eng verbunden - Mut bedurfte, sollte sie Erfolg haben. Endlich waren wir bei den Unterkünften angekommen, da kam es auch schon zu den ersten Schwierigkeiten, die darin bestanden, daß die Tür von innen versperrt war und es keine Chance gab sie zu öffnen. Obwohl ich eigentlich vorgehabt hatte, meine Kräfte erst im direkten Kampf mit Riuggys einzusetzen, mußte ich sie hier doch einsetzen. So betrachtete ich die Tür genau und schaute durch das Schlüsselloch. Da ich den Schlüssel sah wußte ich, daß es keiner großen Anstrengung bedürfen würde, diesen zu drehen, schlecht wäre ein Schloß mit zwei Kammern gewesen, wie sie aus Sicherheitsgründen bei solchen wichtigen Gebäuden oft eingesetzt wurden. Meine Begleiter schauten mich fragend an, sagten aber kein Wort. Ich schloß kurz die Augen und sendete einen Impuls in Richtung des Schlosses. Gleich drehte sich der Schlüssel. Dann war ein metallisches Geräusch zu hören, welches ich nicht einordnen konnte. Doch als einer der Priester die - jetzt unversperrte - Tür öffnete sah ich, daß der Schlüssel abgebrochen war. Das war sehr erschreckend für mich, da es sich um einen sehr stabilen Schlüssel zu handeln schien. Ich mußte meine Kräfte mit mehr Gefühl einsetze. Es passierte mir öfter, daß ich, wenn ich aufgeregt war oder zuviel Eifer zeigte, die Dosierung nicht mehr richtig zustande brachte. Ich ließ die anderen wissen, daß sie etwas warten sollten, damit ich überprüfen konnte, ob jemand im Gebäude das Fallen des Schlüssels gehört hatte. Meine eigentliche Angst war aber, daß Riuggys den Einsatz meiner Kräfte bemerkt haben könnte und so seine Männer gewarnt haben konnte. Als ich mich vergewissert hatte, daß das nicht der Fall war gab ich das Signal zum Angriff. Riuggys´ Zimmer lag am Ende des Ganges. Ich hatte es beinahe erreicht, als aus den Zimmern, die am anderen Ende des Ganges lagen, einige Männer kamen, die wohl eben ihren Dienst antreten wollten. Ich ließ ihnen nicht einmal die Zeit, sich mit der Tatsache abzufinden, daß ihr Leben ein so schnelles Ende finden sollte. Meine Schleuder ließ einige Metallkugeln in ihre Richtung schnellen. Sie sanken zu Boden, ohne einen Laut, geschweige denn einen Schrei von sich zu geben. Ich ließ meine Begleiter durch zwei kurze Gesten wissen, daß sie nicht nachkommen sollten. Ich hatte sie nur als Unterstützung für den äußersten Notfall mitgenommen, im Normalfall würden sie nicht zu Waffen greifen brauchen. Ich horchte kurz, ob aus Riuggys´ Zimmer irgendein Anzeichen dafür zu hören war, daß er mich schon gehört hatte, stellte aber zu meiner Beruhigung fest, daß dem nicht so war. So zog ich mein Kurzschwert, da ich dachte, ein früher so tapferer Mann hätte es nicht verdient zu sterben, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu verteidigen und trat seine Tür auf. Riuggys hatte sich aus seinem Bett erhoben, bevor die Tür ganz offen war. Schon nach dem Bruchteil einer Sekunde hatte er sein Schwert, welches sehr an das eines Sternenwächters erinnerte, in seiner Hand. "Was soll das? Wer seit ihr, daß ihr es wagt, mich anzugreifen? Ich werde eurem Leben ein schnelles Ende setzen Weib.", sagte er, noch etwas überrascht von der Frechheit, die ich mir herausnahm. Er hatte nicht damit gerechnet, daß jemand den Mut aufbringen würde, sich ihm entgegen zustellen und das stellte für ihn das wohl größte Verständnisproblem dar. "Mein Name ist Linea und ich bin gekommen, deinen dunklen Machenschaften ein Ende zu bereiten. Wie konntest du so tief sinken und dich mit den ALTEN HERREN verbünden, nur um die Stelle einnehmen zu können, die dir die GROßEN ALTEN vorenthalten haben?", meine Frage überraschte ihn sosehr, daß er plötzlich sein Schwert auf mich herunterfallen ließ. In seiner Bewegung war klar die Kampfweise der Sternenwächter zu sehen. Das änderte aber nichts daran, daß ich seinen Schlag parierte und ihm eine kleine Wunde am Oberarm verpaßte. "Linea ist also dein Name und du scheinst gut mit dem Schwert umgehen zu können. Doch dein Treffer ist nur auf meine Unterschätzung deiner Kampfkunst zurückzuführen. Noch einen Treffen wirst du nicht verzählen können. Denn ich habe die Kampfausbildung eines Sternenwächters und dagegen dürfte dich kein irdischer Lehrer vorbereitet haben.", sagte er plötzlich wieder völlig selbstbewußt. "Deine Ausbildung hatte aber den Sinn, die Menschheit vor den Schwarzen zu beschützen und nicht, sie zu unterstützen. Dieser Frevel wird dir das Leben kosten!", diese Worte sagte ich in einem Tonfall, der schon sehr dem des Lehrers glich, der seinen Schüler zurechtweist. Ich fuhr fort, wobei ich jetzt das Schwert in Richtung Himmel erhob: "Ihr ältesten der Götter, ihr habt diesem Sterblichen zum Sternenwächter ausgebildet, ohne seine harte Ausbildung mit den Pflichten, die sie sonst mit sich bringen, zu belohnen. Das machte ihn erst zu einem starken Verbündeten! Doch nun seht, was aus ihm geworden ist. Er hat sich die Anerkennung bei den ALTEN HERREN geholt, die er von uns nie erhalten hat. Deswegen möchte ich euch bitten, seiner Seele gnädig zu sein und ihn zu euch zu holen. Darum bitte ich euch, Linea Sternenwächterin, Beschützerin der Erde und des ewigen Reiches." "Sternenwächterin, daß kann nicht sein, sind die GROßEN ALTEN schon so verzweifelt, daß sie das wichtigste aller Ämter in die Hände einer Frau legen. Doch nun nimm mein Leben, ich will eher durch die Hände einer Sternenwächterin sterben, als noch länger mit diesem schlechten Gewissen zu leben, mich verkauft zu haben.", er sagte das mit gesenktem Haupt. Dann legte er sein Schwert zu Boden und kniete sich hin. Ich wollte ihn noch auffordern, sich zu erheben und seine schlechten Taten wieder gut zu manchen, aber ich spürte, daß seine Seele schon zu verdorben war und er immer wieder in den Bann der Schwarzen zurückkehren würde. So hob ich mein Schwert und ließ es niederfallen. Er sagte noch danke, bevor das Schwert seinen Kopf vom Rest seines Körpers trennte. Ich war froh, daß der Kampf nicht schwerer gewesen war und Riuggys´ Reue war doch eine große Erleichterung gewesen, da ich nicht gerne einen früher so mutigen Mann im Totenreich der ALTEN HERREN gewußt hätte. Auch meine Begleiter, die ja gar nicht zum Handeln gezwungen gewesen waren, teilten mit ihre Erleichterung über das schnelle Ende Riuggys´ mit. Plötzlich hatte ich eine böse Ahnung. Wenn Riuggys nicht der Mann mit der Macht gewesen war, dann mußte es Murcios sein. Ich unterrichtete die Gruppe über diese Vorahnung und keiner konnte mir widersprechen. So hatte ich mich also falsch entschieden, als ich mich der Gruppe anschloß, die Riuggys angreifen sollte. Das konnte ein schwerer Fehler gewesen sein, denn erstens würden meine Helfer jetzt wahrscheinlich schon tot sein und der Stadthalter würde sich von mehr Soldaten als vorher beschützen lassen. Doch ich faßte doch schnell den Entschluß, daß es besser sein würde gleich anzugreifen, bevor er sich ganz auf die neue Lage eingestellt haben würde. Den Rest der Gruppe schickte ich ins Kloster zurück, da ich jetzt alleine sicher leichter in den Palast kommen würde. Ich hatte mir aber noch von einem der Priester eine Kutte geliehen, welche ich durch einige Schnitte in ein Kleid verwandelte, wie es die Dienerinnen der ALTEN HERREN tragen. Es war zumindest eine Chance, so an Murcios heranzukommen. Der Weg zum Palast war ziemlich ungefährlich für mich, da Murcios den Großteil seiner Soldaten um sich versammelt hatte, um auf weitere Angriffe vorbereitet zu sein. Als ich den Palast fast erreicht hatte, sprachen mich zwei Soldaten an. Sie wollten wissen, was ich hier machte und wer ich war. Ich gab ihnen bereitwillig Auskunft, da ich spürte, daß ihnen auch nicht gefiel, was in dieser Stadt vorging. Sie meinten auch gleich, daß bis auf höchstens vier ihrer Kameraden alle für die GROßEN ALTEN kämpfen würden, sollte es zum Kampf kommen. Ich versprach ihnen, daß ich alles in meiner Macht stehende tun würde, um ihnen diesen Kampf zu ersparen. So ließen sie mich weitergehen und meine Hoffnungen wuchsen wieder. Kurz vor dem Palast spürte ich, daß dort wirklich ein sehr starker Mensch sein mußte. Und ich meine nicht körperlich, sondern geistig, nein sagen wir übermächtig. Das erste Mal in meinem Leben hatte ich richtige Angst. Die ALTEN HERREN hatten Murcios offenbar mit einer Macht ausgestattet, die weit über allem lag, was ich bis dahin erlebt hatte. Gut, ich hatte gegen Schwarze gekämpft. Auch andere starke Gegner waren mir nicht fremd. Doch noch nie hatte ich Zweifel daran gehabt, eine Mission nicht erfolgreich abschließen zu können. Immer wieder spürte ich eine Art von Macht auf mich einhämmern, die mit nichts zu vergleichen war, was ich bis dahin gekannt hatte. Sollte ich meinen Tod gefunden haben? Es war einzig meiner Ausbildung zu verdanken, daß ich nicht aufgab. Diese gab mir die Kraft, an mich zu glauben und den Mut, es trotzdem zu versuchen. Ich schritt nun um einiges vorsichtiger in Richtung des großen Gebäudes weiter. Es war mir nun egal, ob ich erkannt wurde. Als mich die Wachen am Eingang nicht aufhielten, wußte ich, daß Murcios den Kampf mir nicht nur erwartete, sondern suchte. Er sollte ihn bekommen und sollte es mein Leben kosten. Ich würde es gerne für die Sache hergeben, für die ich mein ganzes Leben gearbeitet hatte. Murcios erwartete mich schon, genau so wie ich es erwartet hatte, mit abschätzendem Gesicht, Er begrüßte mich mit den Worten: "Sei gegrüßt, Tochter der Sterne. So willst du also den Kampf mit mir suchen und dein Leben lassen. Du bist so kleingeistig, ich könnte dir soviel bieten. Reichtum, Macht und immerwährendes Leben könnte ich die schenken, würdest du vernünftig werden und dich mir anschließen." Ich mußte erst einmal stehenbleiben, da mich seine Fehleinschätzung der Lage verwunderte. Doch dann antwortete ich ihm: "Glaubst du wirklich, daß die ALTEN HERREN ihre Helfer mit diesen Vorzügen ausstatten, sollten sie die Macht über die Welt an sich reißen können? Du glaubst, dein eigener Herr zu sein. Laß dir sagen, daß du nur ein Werkzeug bist, das man wegwirft, wenn es ausgedient hat." Er schaute mich nur abwertend an und deutete seinen immer näherkommenden Soldaten, sie sollten sich zurückziehen. Doch diese kamen immer näher. Er schaute sie etwas erzürnt an, ließ sie aber trotzdem weitergehen. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf mich gelenkt hatte sagte ich: "Mach es wie Riuggys. Er hat sich am Ende wieder der richtigen Seite zugewandt. Wie er warst auch du früher ein großer Mann des Friedens. Laß dich nicht von der schwarzen Magie verführen und so dein Andenken zerstören." Er antwortete nur: "Du bist nicht wert mit mir zu reden. Nie hätten die GROßEN ALTEN den Fehler machen sollen, einer Frau das wichtigste Amt in ihren Reihen zu geben. Frauen haben für den Haushalt zu sorgen und ihre Körper saftig für die Männer zu halten. Schau dich an, dein Körper ist nicht der einer Frau, du gleichst eher einer Lesbe, der das Schwert mehr wert ist, als das Wohlbefinden ihres Mannes. Was hat dich zu dem gemacht was du bist? Hat man vergessen, für deine Prüfung einen Zauberer zu suchen? Mußtest du das Bett mit einer Frau teilen? Du tust mir leid. Nie wirst du erfahren, was es für eine Frau bedeutet, sich einem Mann unterwürfig hinzugeben. Du solltest mir dankbar sein, daß ich diesem Zustand, den ich nicht als Leben, sondern nur als Dahinsiechen, bezeichnen kann, ein Ende setzten werde." Er hielt mich wohl für dumm. Seine Anspielungen sollten mich nur wütend machen und so erwiderte ich ihm: "Du bist nicht gut unterrichtet. Meine Prüfung habe ich bei einem Sternenwächter der Vergangenheit abgelegt. Du siehst also, ich bin eine ganz normale Frau. Nur daß ich eben nicht für den Haushalt sorge, sondern die Welt vor Menschen wie dir beschütze. Ich glaube, du kannst bei meinem Anblick kaum ruhig stehen und läßt deswegen solche unsinnigen Beleidigungen über deine lustverzerrten Lippen kommen." Ich hatte mich jetzt besonders weiblich, aber abweisend hingestellt, um ihm ein wenig von seiner Sicherheit zu nehmen. Doch das schien ihn aber nicht zu beeindrucken. Er wurde nur noch wütender, aber seine Selbstsicherheit schien noch zu wachsen. Die ALTEN HERREN hatten ihn scheinbar auf die besondere Herausforderung, eine Frau als Gegner zu haben, besonders vorbereitet. So konnte ich meine weiblichen Reize also nicht bei ihm abwenden. Das hatte ich aber auch nicht anders erwartet. Doch ich hätte mich diesem Mann sicherlich nicht hingegeben. Das Risiko, daß ich von ihm schwanger werden konnte war viel zu groß. Obwohl ich gerade nicht empfänglich war, bestand doch die Möglichkeit, daß die ALTEN HERREN seinen Samen resistent gegen die Zeit gemacht haben konnten und ich so den gefährlichsten aller Menschen gebären würde. Dieses Kind würde die Verbindung zwischen den ALTEN HERREN und der Welt bedeuten, auf die sie schon so lange warteten. Denn die ALTEN HERREN wurden nach einem Kampf mit den GROßEN ALTEN in ihr Reich verbannt und können nur durch eine Art dunklen Sternenwächter wieder hier her zurückkehren. Doch so weit würde ich es nicht kommen lassen. Lieber würde ich die Welt ohne Sternenwächter zurücklassen, als mir selbst den stärksten Gegner zu schaffen. Der Gedanke an diese Bedrohung ließ mich aber erkennen, daß Murcios gar kein so starker Gegner war, wie ich bis dahin gedacht hatte. Das gab mir wieder Auftrieb und so beschloß ich, mit dem Reden aufzuhören und Handlungen zu setzen. Ich sagte mit sicherer Stimme: "Überlege es dir nochmal gut, ob du den Kampf mit mir willst. Ich werde keinen Moment zögern dich zu töten. Also, deine Entscheidung? Und versuche nicht, mich noch länger hinzuhalten." Er sagte nur: "Soldaten tötet sie, aber zerstört nicht ihren Körper, er soll noch gut aussehen, wenn ich sie als Mahnmal für alle meine Feinde ausstellen werde!" Seine Soldaten griffen an, aber nicht mich, sondern ihn. Der Kommandant der Gruppe schrie: "Wir haben nur auf die nötige Unterstützung gewartet, um dich zu töten. Nie werden wir zulassen, daß du die Stadt den ALTEN HERREN opferst, nur um dein Leben zu verlängern!" Das waren die letzten Laute, die dieser Mann in seinem Leben von sich gab, denn im nächsten Moment lag er tot am Boden mit einer großen Wunde am Kopf. Murcios hatte sein Gehirn explodieren lassen. Das hielt seine Kameraden aber nicht auf. Sie stürmten auf ihren ehemals geliebten Stadtherren zu, um ihn zu töten, aber einer nach dem anderen starb, bevor er sich Murcios auf zwei Schritte genähert hatte. So standen plötzlich nur mehr Murcios und ich in der großen Halle, die für so viele tapfere Männer den Tod bedeutet hatte. Doch wir waren nicht lange allein, denn es kamen zwanzig schwer bewaffnete Männer herein. Ich hatte noch nie so viele Schwarze auf einem Platz gesehen. Und zum ersten Mal sah ich die Höllenhunde, von denen ich schon gehört hatte. Sie waren von den Schwarzen gezüchtet worden. Diese Tiere besaßen keine Seele hieß es und waren so für meine telepathischen Kräfte nicht empfänglich. Gleich gab Murcios den Befehl zum Angriff. Die Schwarzen ließen ihre Hunde los und diese griffen mich gierig an. Sicher hatten sie schon seit Tagen nur wenig zu fressen bekommen, um jetzt besonders aggressiv zu sein. Ich konnte die Tiere lange auf Distanz halten und durch meine Schleuder konnte ich sie auch bis auf drei reduzieren. Diese drei Tiere hätte ich auch noch bezwungen, doch leider waren die Hunde nicht das einzige gewesen, was ich an diesem Tag kennenlernen sollte. Plötzlich war der Raum von hunderten schrillen Schreien erfüllt. Ich konnte erst nicht zuordnen, wo diese herkamen. Doch bald sah ich die Quelle der schrecklichen Laute. Aus den drei Gängen kamen tausende schrecklich aussehender Fledermäuse. Ich erkannte sofort, daß es sich um jene Art von Tieren handelte, denen auch die Hunden angehört hatten. Die Fledermäuse hatten mich so abgelenkt, daß es einer der Hunde schaffte, auf Bißdistanz heranzukommen. Ich konnte ihn zwar noch wegschlagen, doch einer der beiden anderen Hunde war hinter mich gekommen und plötzlich sprang er mich von hinten an. Er biß gar nicht mehr zu, sondern zerrte mich zu Boden. Aufzustehen war unmöglich, doch es hätte auch gar keinen Sinn mehr gehabt. Denn die Fledermäuse hatten nun mit ihrem Angriff begonnen. Bald spürte ich hunderte kleine Wunden. Auch die Hunde hatten mich jetzt voll zur Verfügung. Einer riß mir ein großes Stück Fleisch aus meinem Oberschenkel. Doch das spürte ich nicht mehr, denn ich wollte nicht so sterben, auf dem Boden und durch Tiere, deren Seele gestohlen worden war. Ich sammelte meine ganze Energie, verkrampfte meinen ganzen Körper und ließ die ganze angesammelte Kraft im einem Schub hinaus. Die Tiere merkten wahrscheinlich gar nicht, daß sie starben. Von einem Moment auf den anderen wurde es still in der großen Halle. Ich glaubte, Murcios würde noch einige Tierchen für mich haben, aber er gab den Schwarzen nur den Befehl mich zu töten. Und diese Kämpfer waren es, die als nächstes starben. Ich wollte nicht mehr kämpfen, also fanden sie das gleiche Ende, daß auch ihre Hunde gefunden hatten. Es dauerte nur eine Sekunde, dann war es wieder still. Eigentlich hätte jetzt jedes Lebewesen im Umkreis von hundert Schritten tot sein sollen, doch Murcios stand immer noch, jetzt aber sehr verändert. Er schien jetzt eher wieder wie ein Mensch zu wirken, als das Wesen, das er vorher dargestellt hatte. Ich glaubte erst, daß ich mir diese Tatsache nur einbildete, aber als ich seine Gedanken las hatte ich die Bestätigung. Er war von seiner dunklen Befangenheit befreit. So war er also nicht so wie Riuggys durch persönliche Beweggründe den ALTEN HERREN verfallen. Es war bei ihm wirklich eine gewaltige Inbesitznahme seiner Gedanken gewesen. Murcios sah sich um. Was er sah, konnte er erst gar nicht glauben. Er sah aus, als sei er aus einem schlechten Traum erwacht. Das war nicht gespielt, das hätte ich gespürt. Er war total orientierungslos, wußte nicht, wie er mit den Geschehnissen umgehen sollte. Als er mich sah fiel schaute er plötzlich wie ein alter Mann aus. Er sagte zu mir mit gebrochener Stimme: "Linea, es tut mir so leid, doch ich konnte nichts dafür. Ich war todkrank, als Riuggys mich heilte und ich dachte nicht darüber nach, was der Preis dafür sein sollte. Wäre die Veränderung langsam gekommen, so hätte ich mich dagegen wehren können, doch ich kann jetzt sagen, daß sie so langsam kam, daß ich meine teilweise sehr harten Entscheidungen zu rechtfertigen versuchte. Dann übernahm plötzlich einer der ALTEN HERREN die Macht über mich. Ja, wer vorher mit dir gesprochen hat, das war nicht ich, sondern ein dunkler Gott. Riuggys hatte nie Macht, doch er war schuld an meiner Verwandlung. Ich bin aber trotzdem froh, daß er am Ende noch zu seinem guten Glauben zurückfand. Daß ich dir das Leben nahm, tut mir leid, doch ich habe nicht alle meine Macht verloren und werde so für eine gewisse Zeit deine Rolle übernehmen. Darum quäle dich nicht und gehe in Frieden Linea." Erst jetzt schaute ich mich genau an. Ich sah aus, wie ein Tier, daß in ein Mühlrad gekommen war. Mein linker Oberschenkel bestand nur mehr aus Knochen, den Rest hatte der Hund von mir gefressen. Mein restlicher Körper war von den Fledermäusen durch hunderte kleiner Wunden entstellt worden. Dann bemerkte ich das schrecklichste: Ich sah diese Sachen nicht wirklich, sondern hatte nur Bilder im Kopf, wie ich aussehen mußte. Denn die Tiere hatten mir beide Augen geraubt. So sagte ich zu Murcios: "Nimm dieses Versprechen nicht leicht. Du wirst für sicher zwölf Jahre dein privates Leben vergessen können. Ich wünsche dir und der Welt, daß du nicht wieder in die Gewalt der ALTEN HERREN gerätst, da das das sichere Ende bedeuten würde. Ich kann dir nichts mitgeben auf deinen schweren Weg, doch ich glaube, du wirst der Sache gewachsen sein. Leb wohl." 16 Marcus sah auf Linea hinab und sah, wie sich ihr Brustkorb noch einige Male hob und senkte. Dann war da plötzlich keine Bewegung mehr zu sehen. So endete auch seine Reise in die Vergangenheit. Plötzlich befand er sich wieder in der körperlosen Umgebung und sah auch Linea wieder vor sich. Diesmal erschreckte ihn ihr Anblick nicht mehr, da er sie erst vor wenigen Augenblicken gesehen hatte. Und da hatte sie um einiges schlechter ausgesehen, als jetzt. Dazu kam noch, daß er ihrem Aussehen jetzt nur mehr Bewunderung entgegenbrachte. Sie hatte ihr Leben und ihre Schönheit für die Welt geopfert. Er sah sie an, als würde sie die schönste Frau auf Erden sein. Sie lächelte nur uns sagte: "So hat mich schon seit Ewigkeiten kein Mensch mehr angesehen. Würde durch meine Adern noch Blut fließen, so würde ich jetzt rot werden. Es tut gut, daß du mich so ansiehst. Du hast gesehen, was passiert ist. Murcios hielt sein Versprechen, die Welt bis zum Einsatz eines neuen Sternenwächters vor den ALTEN HERREN zu beschützen. Er verlor zwar bald seine besonderen Gaben, aber das wußten nur sehr wenige Menschen. Seine Aufopferung war nicht von der eines Sternenwächters zu unterscheiden. Er kompensierte das Fehlen der Magie mit besonderem Einsatz im Kampf, sodaß diese Zeit als eine der friedlichsten in die Geschichte einging. Daß er die Unterstützung der GROßEN ALTEN auf seiner Seite hatte, war nicht zu verleugnen. Denn er spürte Angriffe schon sehr früh, sodaß man sagen kann, er hatte doch eine bestimmte Art von Gabe. Er verlor sein Leben, als er gegen einige Schwarze kämpfte. Sie hatten ihn umzingelt und er hätte keine Chance mehr gehabt. So warf er sein Schwert auf eine Wankelstein, welcher dann sowohl die Schwarzen, als auch leider ihn tötete. Da hatte der neue Sternenwächter zwar schon seine Pflichten übernommen, aber es war trotzdem ein schwerer Verlust. Er ist als der einige normal sterbliche in die Reihe der Sternenwächter aufgenommen worden. Über seine Taten konnte nicht einmal die Tatsache, daß er für eine Zeit ein Diener der ALTEN HERREN gewesen war, hinwegtäuschen. Marcus hörte ihr die ganze Zeit angestrengt zu, obwohl einige Fragen in ihm brannten. Er dachte, könnte er sie nicht bald stellen, so würde er an ihnen zerplatzen. Als er sah, daß sie geendet hatte, wartete noch einige Minuten, da er sah, daß die Erinnerung sie doch noch sehr schmerzte. Als sie sich wieder gefangen hatte, begann er zu sprechen: "Ich möchte dir sagen, daß dies die wohl bemerkenswerteste Heldengeschichte ist, die ich je gehört habe. Warum habe ich noch nie davon gehört? Auch habe ich noch nie von einem weiblichen Sternenwächter gehört. Auch die anderen Namen, wie Riuggys und Murcios sind mir fremd. Diese Menschen sind doch zu wichtig für die Welt, als daß sie totgeschwiegen oder im Laufe der Zeit vergessen werden konnten. Von Leuten, die unter dem Bann der ALTEN HERREN standen habe ich auch noch nie gehört. Erkläre mir, warum ich nichts von all diesen einzigartigen Begebenheiten gehört habe." "Es gibt dafür eine kurze Erklärung, die für dich nicht leicht zu verstehen sein wird: Ich bin nach dir geboren worden. Schon seit Anbeginn der Zeit habe alle Sternenwächter diese Illusion, doch erst seit einigen Generationen kann ich die Geschichte mit allen ihren Einzelheiten erklären, da früher die Sternenwächter schon allein das Alltagsleben nicht verstehen konnten. Diese Illusion wird erst ihr Ende haben, wenn ich selbst wirklich geboren werde, denn ich kann mir ja wohl kaum selbst von meinem Ende erzählen. Das würde mir wahrscheinlich den Mut nehmen. Und ich würde in vielen Situationen anders reagieren, was unserer Sache bestimmt nicht dienlich wäre." "Aber.....", Marcus mußte sich erst fangen. Diese Sache verwirrte ihn jetzt aber wirklich. "Wie kannst du mir helfen, wenn du selbst noch gar nicht geboren wurdest?" "Hör auf, über solche Dinge nachzudenken. Ich habe das schon vor - oder sagen wir in - langer Zeit aufgegeben. Die GROßEN ALTEN haben wahrscheinlich nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit unter ihrer Kontrolle. Aber das ist nur eine Vermutung. Doch beschränken wir uns auf das Wichtigste: Du solltest immer das Ziel vor dir haben, mir meine Taten einmal zu ermöglichen. Ich glaube nämlich, daß sich meine Geschichte nicht so abspielen muß. Sollte ein Sternenwächter versagen, so könnte ich mich vielleicht anders entscheiden und mich den ALTEN HERREN anschließen.", Linea schaute ihn an und Marcus sah, daß sie sehr beunruhigt war. "Ich nehme an, ich darf keinem erzählen, was ich hier erfahren habe. So werde ich also das erste Mal in meinem Leben ein Geheimnis für mich allein haben. Doch was soll ich meinen Begleitern erzählen, wenn ich wieder aufwache. Sie werden sich Sorgen machen, wenn ich so lange bewußtlos bin.", Marcus blickte sie ratsuchend an. Linea lächelte nur und erwiderte dann: "Sie werden gar nicht gemerkt haben, daß du bewußtlos warst. Für sie wirst du nur hingefallen sein. Deswegen solltest du, wenn du in deine Welt zurückkehrst vortäuschen, daß es nur ein Mißgeschick war. Es ist jetzt die Zeit gekommen, mich von dir zu verabschieden. Es bleibt mir nur mehr zu sagen, daß du alles tun mußt, was in deiner Macht steht, um die ALTEN HERREN endgültig aus unserer Welt zu vertreiben. Glaube nie, daß du sie auslöschen kannst, sie können nicht getötet werden. Vergiß nicht, sie sind Götter. Das Ziel kann nur sein, sie in ihrem Reich einzusperren." "Ich möchte dir danken für das was du für mich und die Welt getan hast und werde dich nie vergessen.", Marcus beugte sich vor und küßte sich auf das kalte, narbenentstellte Gesicht. Linea erwiderte seinen Kuß und sagte nur mehr: "Viel Glück Sternenwächter!", drehte sich um und verschwand in einer Nebelwand. III.KAPITEL 1 "Marcus, Marcus!!", er reagierte sehr schnell, stand auf und lachte. "Was bin ich doch ungeschickt. Ich habe diesen Korb übersehen." Das Gelächter, daß dann losbrach bestätigte ihm, daß er seine Rolle gut gespielt hatte. "Trödle nicht herum. Wir haben jetzt genug Zeit hier verbracht.", sagte eine der Frauen mit einem letzten Rest ihres Lachanfalles in der Stimme. "Ja, laßt uns weiter reiten, wir habe eine Welt zu beschützen.", sagte Marcus und bemerkte sofort die Blicke, die ihm seine Begleiter dafür schenkten. Nachdem sie alle Einkäufe fertig auf den Pferden verstaut hatten ritten sie aus der Stadt. Marcus hatte das sichere Gefühl, daß dies für lange Zeit der letzte Ort gewesen sein sollte, wo er sich in absoluter Sicherheit wiegen konnte. Jetzt hatten sie den schwersten Teil ihrer Reise vor sich. Nur noch ein Tagesritt und sie würden in den Machtbereich der ALTEN HERREN kommen. Dieser war zwar nicht sehr groß, aber dort konnte man keinem Menschen vertrauen, da es die dunklen Götter dort geschafft hatten, sogar die ärmsten Bauern auf ihre Seite zu ziehen. Das war der schwerste Rückschlag gewesen, den die Diener der GROßEN ALTEN jemals erlitten hatten, da die Schwarzen so die nötige Zeit und auch die nötige Auswahl an Soldaten hatten, die sie für ihre Angriffe brauchten. Dort würde es für Marcus und seine Begleiter unmöglich sein, unerkannt zu bleiben, da er seine Magie noch nicht verbergen konnte und so von seinen Gegnern sehr leicht gefunden werden konnte. Deswegen mußten sie den Ritt, für den man normal drei Tage brauchte in höchstens zwei Tagen hinter sich bringen, um den Feinden möglichst wenig Zeit zum Vorbereiten eines Großangriffes zu geben. Marcus´ Laune fiel und fiel, da er spürte, daß diesen Weg nur er und zwei seiner Begleiter schaffen würden. Er konnte Fragen seiner Freunde nur sehr schwer abwehren, da ihn diese Tatsache doch sehr bedrückte. Der erste Angriff kam so schnell, daß die zwei Angreifer schon tot waren, bevor die anderen überhaupt bemerkten, daß er stattfand. Marcus spürte einen Stich an der Schläfe und schon hatte er seine Schleuder das erste Mal abgeschossen. Die zweite Kugel fand ihr Ziel genauso präzise, wie die erste und so konnte die zwei Schwarzen nur mehr tot erreicht werden. Marcus sah sich die zwei an und nach kurzer Überlegung sagte er: "Diese beiden Männer sind noch gar keine Schwarzen. Sie sind wohl nur als Warnung geschickt worden. Sie hätten für jeden auch nur etwas besseren Soldaten keine allzu guten Gegner abgegeben." Dem konnten seine Lehrer nur zustimmen, denn schon alleine, daß sie so nahe beieinander gelauert hatten, war sehr dumm gewesen. Hätten sie sich rechts und links vom Weg versteckt, so hätten sie zumindest einige Verwundungen anrichten können. Doch so hatten sie ihr Leben sinnlos geopfert. Doch eigentlich hatte es doch keinen Sinn gehabt. Die ALTEN HERREN konnten doch nicht wirklich glauben, daß sich der Sternenkreis von einem so offenbaren Plan abhalten lassen würden. Warum sollten sie eine so lange Reise auf uns genommen haben und nun wegen einem für sie so unbedeutenden Ereignisses den Rückzug antreten? Doch obwohl dieser Angriff nicht wirklich gefährlich gewesen war, so hatte er doch aufgezeigt, daß sich einem Angreifer hier gute Hinterhalte boten, da die Landschaft sehr hügelig und bewaldet war. Dazu kam noch die Tatsache, daß Marcus davon ausgegangen war, daß sie erst viel später mir einem Angriff zu rechnen hatten. Sie hatten so also doch bessere Vorkehrungen zu treffen. Diese Gedanken hätten zwar wichtig für Marcus sein sollen, aber er erledigte die Führung der Gruppe in den letzten Tag eher automatisch. Zu sehr hatte er ihn die Illusion mit Linea verunsichert. Würde er versagen, dann würde diese Frau nicht geboren werden oder würde unter anderen Umständen aufwachsen. Er hatte schon immer gewußt, daß seine Handlungen wichtig waren, aber erst jetzt wurde ihm bewußt, daß er nicht nur für die Zeit, die er lebte, verantwortlich war, sondern seine Hauptverantwortung in der Zukunft lag. Er hatte die Aufgabe, die Welt für seine Nachfolger vorzubereiten. Diese Überlegungen waren sehr schmerzhaft für Marcus, da er geglaubt hatte, sein Aufgabengebiet Großteils schon begriffen zu haben. Daß dieses Gebiet so unbedeutend war, machte ihm doch zu schaffen. Erst während eines Gespräches mit seinen Begleitern wurde ihm klar, daß er die Chancen seiner Nachfolger dadurch verbessern würde, daß er in seiner Zeit die bestmögliche Leistung brachte. Gestärkt durch diese Erkenntnis konnte er sich wieder mehr seiner Aufgabe als Anführer einer Gruppe widmen. Und er wahr bald sehr mit sich zufrieden. Er bemerkte, daß ihn seine Freunde ganz besonders behandelten. Einerseits war er ein kleiner Junge und mußte oft auch so behandelt werden. Andererseits stellte er einen mächtigen Kämpfer da. Das machte es für sie nicht unbedingt einfach, immer richtig zu reagieren. Das führte bald zu sehr offenkundigen Spannungen. Marcus wurde oft nicht damit fertig, daß er plötzlich so viel Verantwortung übernehmen mußte. Die Männer mußten damit umgehen lernen, daß ein kleiner unscheinbarer Junge die Kämpfe zu entscheiden hatte und nicht sie, die sie schon jahrelange Kampferfahrung hatten. Aber vielleicht war eben diese Spannung wichtig, da sie einen stillen Wettkampf erzeugte. Nicht nur Marcus wurde immer besser, auch seine männlichen Begleiter zeigten bald beachtliche Steigerungen in ihrer Kampfstärke. So stellte der Sternenkreis bald eine unglaublich starke Truppe dar, die keinen Vergleich zu scheuen hatte. 2 Marcus erwachte und hatte das Gefühl, daß dieser Tag ein sehr schöner werden würde. Er bemühte sich, leise aus seinem Zelt zu schleichen, aber eine der Frauen schaute bald aus ihrem Zelt und kam mit ihm zu einem nahegelegenen Fluß, um sich dort zu waschen. Sie sagte: "Wasche dich gut Marcus, es wird bald so kalt werden, daß dir das Wasser in den Händen gefrieren würde, falls du dich im Freien zu waschen versuchen würdest." "Jetzt halt mich bitte nicht für blöd, aber wie soll so etwas gehen? So schnell kann Wasser gar nicht frieren!", erwiderte Marcus mit ungläubigen Gesicht. Das Gesicht der Frau verzerrte sich zu einer Fratze, dann begann sie zu lachen. "Natürlich ist das nur ein Sprichwort. Entschuldige meinen Lachanfall, aber dein Blick war so überraschend für mich, daß ich mich nicht mehr zusammenreißen konnte. Was die Kälte angeht: Du solltest dich wirklich gut waschen, denn bei Temperaturen, wie sie ab morgen herrschen werden, kann ein Bad schon sehr unangenehm werden!", sagte sie. "Und so manch starker Krieger ist schon gestorben. Denn auch bei dieser Kälte bekommt man Würmer und andere Parasiten. Nur spürt man das Jucken bei den tiefen Temperaturen nicht und so fressen sie einen im wahrsten Sinne des Wortes von innen auf. Es ist ein sehr schmerzhafter Tod und es gibt keine Heilungschance. Also wasche dich gut, so wirst du diesem Risiko nicht so ausgesetzt sein. Doch vergiß nie, daß du dich in den nächsten Wochen gut reinigst. Du wirst dich an das kalte Wasser gewöhnen, auch wenn du das anfangs nicht glaubst. Ich weis das, denn ich habe drei Monate an einem Ort verbracht, an dem es noch um einiges kälter war, als im Land er ALTEN HERREN. Und es ist nicht schwer, diese Kälte zu besiegen, wenn man weis, daß sie gar nicht so gefährlich ist.", sagte einer der Männer, der aus einem Busch kam. Die Tatsache, daß ihm eine der Frauen folgte ließ nicht gerade darauf schließen, daß sie Wache gehalten hatten. Es wäre gut, wenn wir diese letzten Sonnenstrahlen nützen würden, um auch unsere Kleidung und die Pferde gründlich reinigen würden. Aber auch unsere Ausrüstung könnte eine letzte Säuberung vertragen.", sagte die Ausbilderin, die mit dem Mann aus dem Gebüsch gekommen war. Sie verbrachten den Großteil des Vormittags damit, eben diese wichtigen Vorbereitungen zu erledigen. Es galt aber auch die Waffen zu überprüfen und so wurden auch an diesen Reparaturen und Verbesserungen vorgenommen. Sie hätten diese Tätigkeiten um einiges schneller erledigen können, aber Marcus hatte die Gruppe in zwei Hälften geteilt. Abwechselnd arbeitete der ein Teil, während der andere sich um die Bewachung kümmerte. Als die Sonne sich ihrem Höchststand näherte und sie noch ein wenig gegessen hatten, machten sie sich auf den Weg. Marcus fragte kurz nach dem Aufbruch: "Warum habt ihr solche Angst vor der Kälte? Es ist doch sehr warm, wie sollen die Temperaturen so plötzlich eiskalt werden?" Eine der Frauen antwortete ihm: "Siehst du diese Berge dort vorne? Das ist die Grenze zum Reich der ALTEN HERREN. Von hier sehen diese Berge grün aus. Sie sind dies aber nur auf dieser Seite. Auf der anderen Seite liegt das ganze Jahr Schnee. Es ist eben die Grenze zwischen den Einflußbereichen zweier rivalisierender Göttergruppen. Während die GROßEN ALTEN die Hitze des Sommers und die Kälte des Winters lieben, ist den ALTEN HERREN die Wärme sehr unangenehm. Deswegen steigt die Temperatur in ihrem Reich nie über den Gefrierpunkt." "Für mich ist des verwunderlich, daß sich die Menschen dort zu den ALTEN HERREN bekennen. Sie können sich doch nicht wohl fühlen. Die andauernde Kälte müßte doch Abneigung erzeugen.", meinte Marcus ungläubig. Einer der Ausbilder schaute ihn nachdenklich an und frage ihn dann: Was würdest du machen, wenn es bei dir plötzlich eiskalt wird und jemand des ALTEN HERREN die Schuld daran gibt?"" Natürlich würde ich sie noch angestrengter bekämpfen. Doch die Menschen müssen doch nach Gründen suchen. Man kann es doch nicht ohne Frage hinnehmen, daß uns so gut geht und in ihrer Heimat nur Kälte und Hunger herrschen.", meinte Marcus. "Natürlich haben die ALTEN HERREN auch viel Magie angewendet, um ihre Untertanen von diesen Lügen zu überzeugen.", sagte einer der Frauen. "Ja, sie verwenden Illusionen, um den Menschen vorzugaukeln, daß es im Machtbereich der GROßEN ALTEN noch trostloser ausschaut.", ergänzte der Ausbilder. Marcus dachte kurz über diese Sache nach und fragte dann: "Wird meine Kraft irgendwann so stark sein, um diesen Fluch von diesen Menschen zu nehmen?". Die Blicke seiner Begleiter machten jede Antwort unnötig. Er erkannte in ihnen, daß nichts etwas an diesen Zuständen ändern würde. So hatte er also eine Weitere Grenze seiner Möglichkeiten gefunden, faßte aber sofort den Entschluß, sich nicht damit abzufinden. Er hob seinen vorher gesenkten Blick wieder und sagte: "Wenn ich nicht hier direkt wirken kann, dann werde ich es eben indirekt machen. Nur die totale Niederlage der ALTEN HERREN wird diesen Menschen ein lebenswertes Dasein wiedergeben!" 3 Nachdem sie ihr Gepäck fertig verstaut hatten, bestiegen sie die Pferde, wobei Marcus eines der neuen Pferde nahm. Anfangs hatte er noch Probleme nicht abgeworfen zu werden, aber bald hatte er es geschafft, sich in die Gedanken des Pferdes einzufühlen und so wurde das Tier zahm, als wäre es schon immer ein Reitpferd gewesen. Das verblüffte Marcus und seine Begleiter sehr, da sie gedacht hatten, daß ein so von Zorn geblendetes Lebewesen eine schwere Hürde sein mußte, doch Marcus hatte dem Pferd positive und freundliche Gefühle gesendet und so seine angeborene Angst vor den Menschen verschwinden lassen. Schon nach wenigen Stunden hatte er alle neuen Pferde zu Reitpferden gemacht und bald versuchten auch die anderen Mitglieder des Sternenkreises auf den Pferden zu reiten. Und sie hatten keine Probleme die Tiere zu bändigen. Marcus machte sie nur darauf aufmerksam, daß sie nie jemand anderen auf die Pferde lassen sollten, da er nicht wußte, ob die Pferde nicht seine Bestätigung brauchten, um einen Menschen auf ihrem Rücken reiten zu lassen. Sie kamen gut voran, spürten aber, daß die Temperatur schon merkbar gesunken war. Auch die Pferde mußten sich erst an den härter gewordenen Boden gewöhnen und so verringerten sie das Reisetempo, was aber nicht sehr tragisch war, da sie durch die gestiegene Anzahl an reitbaren Tieren später um einiges schneller vorankommen würden. Marcus´ Laune sank immer tiefer, da er jetzt erkannt hatte, daß seine früheren Eingebungen sich nicht auf den gesamten Winter bezogen hatten, sondern nur auf die wenigen Reisetage im "Land der Alten". Er hatte aber auch erkannt, daß er sich nicht gegen das Schicksal wehren durfte. Das war wohl die wichtigste Erkenntnis, die er aus der Begegnung mit Linea gewonnen hatte. Das war sehr schwer für ihn gewesen, da er immer geglaubt hatte, seine Illusionen zum Vorteil für seinen Kampf nutzen zu können. Doch er konnte nicht riskieren, daß er durch Veränderung der Zeitlinie die Existenz der folgenden Sternenwächter verändern oder sogar verhindern könnte. Als sie an einer Gruppe von Bäumen vorbeikamen sagte eine der Frauen: "Marcus, schau dir diese Bäume an. Was siehst du?" Der junge Sternenwächter stoppte sein Pferd und inspizierte die Bäume genau. Dann antwortete er: "Diese Bäume kämpfen scheinbar um ihre Existenz. Doch sie schauen nicht so aus, als würde sie