Inhalt:
Die Geschichte spielt während der 4. Staffel; kurz vor "Yeah, Baby". Harm hat einen kleinen Unfall und verliert aufgrund dessen sein Gedächtnis der letzten drei Jahre. Als er Mac sieht, hält er sie sofort für seine Akademie-Freundin Diane Schonke – und um ihn nicht mit deren Tod konfrontieren zu müssen, ist Mac gezwungen, die Rolle zu spielen ...
Episoden:
Dianes Geist (Death Watch), Der Herr der Drogen (The Game of Go), Amerika wird erpreßt (We, the people); Verschollen im Bermuda-Dreieck (Vanished); Liebesgrüße nach Moskau (To Russia with Love) und etliche andere
Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
19. März 1999
0107 Z-Zeit (20:07 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Lt. Cmd. Harmon Rabb junior, Militäranwalt des Judge Advocate General, ging mit langen Schritten über den Gang und in Richtung Aufzug. Trotz seiner 1,93m und entsprechend langer Beine hörte er nur noch das Geräusch der Lifttüren, die sich praktisch vor seiner Nase schlossen, als er um die Ecke bog. <Heute ist wohl nicht mein Tag.> dachte er, grinste ein wenig selbstironisch und machte sich mit ungebrochenem Optimismus auf den Weg zur Treppe.
Er hatte gerade einige Daten für einen Fall, an dem er zur Zeit arbeitete, im Archiv im Obergeschoß des JAG-Hauptgebäudes nachgesehen, und als er an die Arbeit dachte, die noch vor ihm lag, beschloß er für den heutigen Tag Schluß zu machen. Was er jetzt noch nicht geschafft hatte, konnte bis morgen warten. Die meisten anderen JAG-Mitarbeiter waren bereits vor einer ganzen Weile zu dieser Erkenntnis gelangt. Sogar seine Kollegin, Major Sarah MacKenzie, von allen nur "Mac" genannt, war schon vor einer Stunde gegangen, obwohl sie für gewöhnlich eine der letzten war, die das Büro verließen. Anscheinend hatte sie ihre Schreibarbeit schneller erledigt als er die seine – Marines müssen eben immer überall die ersten sein, dachte Harm mit gutmütigem Spott. Andererseits konnte sich Harm des Verdachts nicht ganz erwehren, daß sie in Wirklichkeit nur vor ihrem berüchtigten Ablage-System kapituliert hatte. Sobald man eine Akte auf Macs Schreibtisch deponierte, war das entsprechende Schriftstück praktisch unauffindbar. <Tja, Tarnung ist alles,> dachte Harm amüsiert und grinste breit.
In Gedanken versunken bog er um die Ecke und bemerkte die andere Person vor der Treppe erst, als er heftig gegen sie prallte. Heute war wirklich nicht sein Tag! Er kämpfte um sein Gleichgewicht und packte automatisch den Arm seines Gegenüber, um auch ihn vor einem Fall zu bewahren.
"Harriet!" rief er aus, sobald er wieder einigermaßen sicher stand. "Was machen Sie noch hier, Ensign? Sollten Sie beide nicht längst zuhause sein?" Er ließ sie langsam los und betrachtete die blonde – und hochschwangere Frau – mit freundschaftlicher Fürsorge.
"Ja, Sir, ich bin praktisch schon auf dem Weg dorthin, aber ich hatte noch einige Dinge zu erledigen. Schließlich möchte ich meiner Vertretung kein Chaos hinterlassen." erklärte Ensign Harriet Sims-Roberts und erwiderte Harms Lächeln. Sie setzte ihren Weg zur Treppe fort.
"Ensign ... Harriet... wäre es nicht besser, Sie würden den Aufzug nehmen?" schlug Harm vor.
Harriet seufzte unmerklich. "Sir, was glauben Sie, wie sich ein Wal in einer Sardinen-Büchse fühlen würde??"
"Oh! Guter Hinweis," stimmte Harm zu, "Obwohl Sie wirklich nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit einem Wal haben, Ensign, im Gegenteil." Grinsend beobachtete er, wie Harriet leicht errötete. "Aber wenn Sie darauf bestehen, dann betrachten Sie mich als Greenpeace-Mitglied – ich werde Sie hinausbegleiten, wenn Sie eine Sekunde warten, bis ich meinen Koffer geholt habe."
Harriet nickte dankbar. "Ich habe nicht vor, wegzulaufen, Sir." versicherte sie lächelnd.
Harm eilte die Treppe herunter, kam jedoch nicht sehr weit. Auf der dritten Stufe stolperte er, prallte mit dem Ellenbogen an das Geländer und krachte mit vollem Schwung mit dem Kopf voran ungebremst gegen die Wand. <Heute ist DEFINITIV nicht mein Tag!> schoß ihm noch durch den mitgenommenen Kopf, bevor es um ihn herum schwarz wurde.
20. März 1999
1311 Z-Zeit (08:11 Uhr EST)
KRANKENHAUS
Washington D.C.
Das erste, was Harm bemerkte, als er wieder zu sich kam, waren seine fürchterlichen Kopfschmerzen. Das zweite war ein unangenehmer Geruch nach ... Krankenhaus??
"Was zum Teufel??" Er wollte sich ruckartig aufsetzen, aber ein stechender Schmerz in seinem Kopf ließ ihn dann doch von diesem Vorhaben Abstand nehmen. Stattdessen öffnete er lediglich die Augen. Es war heller Morgen und ein rascher Blick durchs Zimmer sagte ihm, daß er sich tatsächlich in einem Krankenhaus befand. Das war aber auch schon alles, was er ohne Zweifel sagen konnte, ansonsten wußte er weder, wie er hier hingekommen sein mochte, noch wer der Mann war, der gerade den Raum betrat.
Einen Moment lang hielt er ihn für einen Arzt, doch fast im selben Augenblick bemerkte er seinen Irrtum. Der Fremde war zwar in Weiß gekleidet, aber nicht in einen Arztkittel, sondern in eine Navy-Uniform – die eines Admirals, um genauer zu sein. Harm kannte den Mann nicht, aber er spürte die natürliche Autorität, die ihn wie eine zweite Haut umgab. Beunruhigt fragte sich Harm, was er wohl angestellt haben mochte, was ihm den Besuch eines 2-Sterne-Admirals einbrachte.
"Ah, Sie sind wieder wach, Rabb! Wie fühlen Sie sich, Commander?" erkundigte sich der Offizier mit etwas rauher Kommandostimme.
"Als wäre ich aus einer Tomcat ausgestiegen – ohne Fallschirm, Sir!" antwortete Harm automatisch, bevor ihm etwas auffiel. Er kniff die Augen zusammen, was seine noch immer rasenden Kopfschmerzen nicht gerade linderte. "Commander?" wiederholte er und lächelte verwirrt. "Danke für die Beförderung, Sir, aber das Schild da muß verwechselt worden sein." Er deutete auf das Namensschild an seinem Bettende. "Ich bin leider erst Lieutenant s.g."
Der kahlköpfige, drahtige Admiral mit dem Seal-Abzeichen auf der Brust sah ihn an als zweifle er an seinem eigenen Verstand – oder an Harms.
Harm begann sich immer unwohler zu fühlen und rutschte unruhig in seinem Bett herum. "Sir, e-hm, darf ich fragen, was mit mir geschehen ist und ... wer Sie sind?" fragte er langsam.
Der Admiral gab einen Laut von sich, der wie das Knurren eines Grizzlys klang – eines hungrigen Grizzlys. Prüfend sah er Harm an, ob dieser sich einen seiner Scherze erlaubte, aber ein rascher Blick in Harms verwirrtes Gesicht unter den Verbänden sagte ihm, daß es nicht so war. Admiral Albert Jethro Chegwidden unterdrückte einen Fluch. "Ich bin Konter-Admiral Chegwidden." stellte er sich vor. "Und Sie sind...?"
"Lieutenant Harmon Rabb junior, Sir!" antwortete Harm und seine Verwunderung nahm immer mehr zu. Eben hatte der Admiral ihn noch mit seinem Namen angesprochen und jetzt hatte er ihn plötzlich vergessen??
"Und heute ist der...?" fragte A.J. Chegwidden weiter.
"Der vierzehnte, nein, der fünfzehnte März, Sir, wieso fragen Sie mich das?" erkundigte Harm sich mißtrauisch.
Chegwidden ging nicht darauf ein. "Der fünfzehnte März von was, Comma... Lieutenant?" wollte er wissen.
Harm sah ihn befremdet an. "1996, natürlich, Sir." antwortete er kopfschüttelnd – und stöhnte, als der Schmerz in seinem Kopf aufgrund dieser Bewegung explodierte.
A.J. Chegwidden kniff die Augen zusammen und fixierte ihn scharf. "Wo sind Sie stationiert und wer ist ihr C.O., Lieutenant?" fragte er gepreßt.
"Ich bin Anwalt, Sir, beim JAG, unter Admiral Al Brovo, dem Judge Advocate General." gab Harm Auskunft und fragte sich, was dieses seltsame Verhör sollte – all die Informationen konnte der Admiral doch ohne Weiteres in seiner Dienstakte nachlesen und brauchte ihn in seinem Zustand nicht mit solchen Formalien zu belästigen.
Jetzt konnte Admiral Chegwidden nicht länger schweigen. "Commander, ICH bin der amtierende Judge Advocate General!!" betonte er barsch. "Und heute ist der 20. März ... 1999!!"
1346 Z-Zeit (08:46 Uhr EST)
KRANKENHAUS
Washington D.C.
Fünfzehn Minuten und einige Fragen später stand die Diagnose des zuständigen Arztes fest: "Es handelt sich in der Tat um eine retrograde Amnesie, Mister Rabb. Haben Sie sowas schonmal gehabt?"
"Nicht, daß ich mich erinnern würde." brummte Harm und verzog das Gesicht, als ihm klar wurde, wie zweideutig seine Antwort in dieser Situation war.
Doch der Arzt ließ sich davon nicht irritieren und fuhr fort: "Nach dem, was Sie sagen, scheint das Langzeitgedächtnis der letzten drei Jahre betroffen zu sein, während das Kurzzeitgedächtnis intakt ist."
"Und das bedeutet, Doktor?" verlangte Chegwidden ungeduldig zu wissen.
"Daß Mister Rabb sich an alles erinnern kann, was nach seinem Sturz passiert ist und an alles, was länger als 3 Jahre zurückliegt, aber an nichts, was dazwischen geschehen ist." erklärte der Arzt.
Harms Gedanken rasten, aber die Kopfschmerzen, die er noch immer hatte, ließen ihn einfach nicht klar denken. "Wie lange wird es dauern, bis ich mich wieder an alles erinnern kann?" wollte er wissen.
Der Mediziner sah ihn ernst an. "5 Minuten, 5 Tage, 5 Wochen ... oder nie, das kann man nie so genau sagen, Commander. Versuchen Sie nicht, irgendetwas zu erzwingen. Schonen Sie sich und ersparen Sie sich jeden psychischen Streß. Mehr kann man unglücklicherweise momentan nicht tun." meinte er bedauernd. "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden; ich muß zur Visite. Admiral, wenn Sie noch eine Sekunde Zeit für mich hätten...?"
Chegwidden nickte und folgte ihm zur Türe. Dort angelangt drehte er sich nochmal um und sagte über die Schulter zurück: "Sie haben den Doktor gehört, Mr. Rabb – betrachten Sie seine Anweisungen als Befehl!"
"Aye, Sir." murmelte Harm wenig überzeugend und man merkte, daß seine Gedanken sich um ganz andere Dinge drehten.
A.J. verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Arzt auffordernd an. "Ist Mr. Rabb verheiratet; hat er Angehörige, Sir?" wollte der Mediziner, dessen Namensschild ihn als Dr. Delgado auswies, wissen.
"Verheiratet, Rabb? Gott bewah ... nein, ist er nicht. Ich werde seine Mutter und seinen Stiefvater umgehend benachrichtigen." erklärte Chegwidden.
"Sehen Sie bitte zu, daß alle, die mit dem Patienten zu tun haben, über seine momentane Lage Bescheid wissen und ihn nicht unter Druck setzen. Wenn Amnestiker unter psychischem Streß stehen, kann das dazu führen, daß das Gedächtnis praktisch als Schutzfunktion ausgeschaltet wird. Also bitte möglichst keine plötzlichen negativen Offenbarungen, bringen Sie ihm alles möglichst langsam und schonend bei. Bedenken Sie, daß Mr. Rabb plötzlich mitten in einem Leben steckt, das ihm fast völlig fremd ist. Kann ich mit Ihrer Unterstützung rechnen?" vergewisserte sich Dr. Delgado.
Der Blick des Admirals durchbohrte den Arzt fast, so daß er unwillkürlich einen Schritt zurück machte. "Doktor, ich habe als SEAL gelernt, nie einen Kameraden im Stich zu lassen und ich habe nicht vor, das jetzt zu ändern!" sagte er fest und würdevoll.
"Gut. Dann verabschiede ich mich jetzt." Dr. Delgado eilte davon, fast als habe das Wort "Seal" einen Fluchtinstinkt ausgelöst. Chegwidden schüttelte den Kopf und rieb sich unbewußt die kleine Narbe auf seiner Nase. "Ärzte!"
Harm hielt die Augen geschlossen, obwohl das Chaos, das hinter seiner Stirn herrschte, jeden Gedanken an Schlaf verhinderte. Wie in einer Endlos-Schleife kreiste immer wieder der eine Gedanke durch seinen Geist: <Drei Jahre!> Was mochte in diesen drei Jahren alles geschehen sein; was hatte sich verändert; wie hatte er sich verändert? Ihm war, als wäre er in einem völlig falschen Leben aufgewacht. Er kannte sich selbst nicht mehr; hatte keine Ahnung, was aus ihm geworden war. Er arbeitete noch immer bei JAG und war offensichtlich befördert worden, doch wie sah es mit seinem Privatleben aus? Hatte er geheiratet und hatte womöglich sogar Kinder?
Seine Kopfschmerzen wurden – falls eine Steigerung überhaupt noch möglich war – noch schlimmer, als er sich diesem Gedanken stellte.
In diesem Moment ging die Türe auf, ohne daß jemand angeklopft hätte. Harm öffnete die Augen und erwartete, den Admiral zu sehen, aber stattdessen stürzte eine blonde, hochschwangere Frau auf ihn zu, fiel ihm ohne ein Wort um den Hals und begann zu schluchzen. Harm erstarrte. Nicht, daß er etwas dagegen hatte, von einer jungen, hübschen Frau umarmt zu werden ... aber er wußte einfach nicht, was er von der Situation halten sollte. War die Fremde seine Frau? Die Art, wie sie verzweifelt die Arme um ihn schlang und völlig am Boden zerstört wegen seines Unfalls war, schien darauf hinzudeuten. Und ihr vorgewölbter Leib, über dem sich die Navy-Uniform spannte, ließ nur einen Schluß zu ... Harm seufzte abgrundtief. So sehr er sich auch bemühte, er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, eine Beziehung mit dieser Fremden gehabt zu haben ... er kannte sie nichtmal.
Ihr Schluchzen ließ jetzt etwas nach und als sie ihr Gesicht von Harms Schulter hob, konnte er auch ein verzweifelt klingendes: "Es tut mir ja so leid, Sir!" erkennen.
Fast unmerklich atmete Harm auf. "Heißt das, Sie sind nicht meine Frau?" erkundigte er sich fast erleichtert.
Sofort begann die Frau wieder stärker zu weinen und erst nach einigen Sekunden schniefte sie: "Der Admiral hat mir schon gesagt, daß Sie an Amnesie leiden ... Es tut mir ja so leid, Sir, es ist alles meine Schuld. Wenn ich nicht ..." Dann folgte eine wirre Erklärung, von der Harm nur die Worte: Wal, Greenpeace und Treppe aufschnappte und er fragte sich, warum die Navy ihm, einen leitenden Anwalt, einen Fall von Tierschutz zugewiesen hatte. Endlich wischte die blonde Frau sich die Tränen aus dem Gesicht und wirkte von einer Sekunde zur anderen viel ruhiger. "Tut mir leid, Sir, ich nehme an, das sind die Hormone." Meinte sie auf ihren Bauch zeigend und gab endlich Auskunft: "Nein, wir sind nicht verheiratet."
Die Türe öffnete sich erneut und ein weiterer Mann in der weißen Feld-Uniform der Navy kam herein, zwei Kaffeebecher konzentriert in den Händen balancierend. Er schnappte den letzten Satz der Unterhaltung auf. "Harriet???" fragte er irritiert.
"Oh, Bud, ich meine nicht uns beide, ich meine den Commander und mich." versicherte die blonde Frau.
"Den Commander und dich? Wieso solltet ihr auch verheiratet sein. Du hast doch ...."
"...dich." beendete die Fremde den Satz mit einem Lächeln, das sie Harm sofort sympathisch machte. "Hat der Admiral nicht mit dir gesprochen?"
"Oh, doch, jetzt verstehe ich." antwortete der braunhaarige, stämmige junge Mann, näherte sich dem Krankenbett und streckte Harm unsicher einen Kaffeebecher entgegen.
Harm nahm ihn entgegen und erkannte den Lieutenant mit den fast kindlich naiv blickenden Augen fast sofort wieder. "Mr. Roberts!" rief er aus, erfreut, ein bekanntes Gesicht unter all den Fremden zu sehen – er hatte den Public-Relations-Offizier der Seahawk bei einer Ermittlung kennengelernt, bei der es um das Verschwinden einer Tomcat-Pilotin ging. "Sind Sie nicht mehr auf der Seahawk?"
"Äh, nein, Sir, ich bin jetzt bei JAG; ich arbeite als Anwalt." erklärte Bud Roberts und seine Augen leuchteten in offensichtlicher Begeisterung über seine neue Karriere – obwohl sie, wie Harm dachte, so neu vielleicht gar nicht mehr war.
Harm zeigte einen Schatten seines üblichen breiten Grinsens – er mochte den jungen Offizier, auch wenn er manchmal recht anstrengend sein konnte. "Heißt das, Sie arbeiten jetzt mit Meg und mir zusammen?"
Nervös zupfte Bud an seinen Uniformärmeln. "Ähm..." Hilfesuchend sah er sich um, aber Harriet zuckte ebenfalls nur ratlos die Schultern. "Nein, Sir, nicht mit Ihnen und Meg – mit Ihnen und Mac."
Harm seufzte. Gab es etwas, was sich nicht verändert hatte, fragte er sich resigniert. "Sollte ich den Kerl kennen? Und was ist mit Meg passiert?" fragte er ungehalten.
Bud scharrte mit dem Fuß über den Boden und betrachtete mit plötzlichem Interesse seine Fingernägel. "Lt. Austin wurde versetzt, Sir, schon vor über 2 ½ Jahren." antwortete er, indem er sich an die zweite Frage hielt und die erste möglichst ignorierte.
Doch Harm war ein zu guter Anwalt, um auf ein solches Ablenkungsmanöver hereinzufallen. "Und dieser Mac?" hakte er nach.
Buds Augen flehten geradezu um Gnade. Chegwidden, der gerade mit einem weiteren Becher Kaffee zurückkehrte, konnte als Ex-Seal seinen Kameraden natürlich nicht im Stich lassen und sprang wohl oder übel in die Bresche. "Mac ist Ihre neue Partnerin, Commander." erklärte er und beobachtete Harms Reaktion. Würde er sich an irgendetwas erinnern?
"Partnerin?" echote Harm mit einem Anflug seines alten Humors. "Wie komme ich zu einer Partnerin mit einem Männernamen?"
Bevor jemand antworten konnte – oder mußte – öffnete sich die Türe und eine schlanke, dunkelhaarige Frau mit großen, ausdrucksvollen braunen Augen kam herein. Sie trug Jeans und ein T-Shirt, ein ungewohnter Anblick, der Chegwidden etwas schmunzeln ließ. "Ihr Timing war schon immer gut." dachte er dankbar, daß ihm die Antwort auf Rabbs Frage jetzt erspart blieb. Dieses Gefühl währte jedoch nicht sehr lange.
Harms Augen weiteten sich ungläubig, dann breitete sich sein berüchtigtes Flieger-Lächeln über seinem Gesicht aus und er rief erleichtert: "Diane!"
1409 Z-Zeit (09:09 Uhr EST)
KRANKENHAUS
Washington D.C.
"Diane!" ... Harms Stimme spiegelte eine ganze Palette von Emotionen wider: Überraschung, Sorge, Freude und Erleichterung vibrierten in diesem einen Wort. "Ich dachte schon, ich bekomme gar kein vertrautes Gesicht mehr zu sehen!" scherzte er und nun überwog die Erleichterung.
Die dunkelhaarige junge Frau hatte den Raum schon halb durchquert, aber bei Harms unerwarteter Begrüßung blieb sie plötzlich so abrupt stehen, als sei sie gegen eine Glaswand gelaufen und sah ihn merkwürdig an.
Harm erwiderte den Blick und stellte fest, daß sie noch ebenso gut aussah, wie früher, als sie gemeinsam die Akademie besucht hatten – <mindestens so gut>, fügte er in Gedanken hinzu und sein Lächeln wuchs in die Breite.
Sarah "Mac" MacKenzie, Major des United States Marine Corps, sah ihren verletzten Partner irritiert an und kam sich ziemlich blöd vor – etwa ebenso blöd, wie damals, im Rosengarten des Weißen Hauses, als sie mit ausgestreckter Hand dagestanden und darauf gewartet hatte, daß Harm sie endlich begrüßte. Stattdessen hatte er sie nur angestarrt als sehe er einen Geist ... heute wußte Mac, daß dies in gewisser Weise tatsächlich der Fall gewesen war: Sie ähnelte Lt. Diane Schonke, Harms Freundin von der Akademie, die während ihrer Dienstzeit auf der USS Seahawk ermordet worden war. Wieso nannte Harm sie jetzt also Diane?
"Ha-Ha, Harm, ich finde das nicht besonders witzig!" sagte sie verstimmt, "Sie wissen genau, daß ich nicht ..."
Eilig trat A.J. Chegwidden vor und unterbrach sie. "Maj... Mac," verbesserte er sich schnell.
"Mac??" echote Harm verwirrt, doch niemand beachtete ihn.
"Ich möchte Sie für einen Moment draußen sprechen!" Chegwidden wies zur Tür.
Mac hob die Augenbrauen und sah ihn fragend an. "Aber, Sir..." begann sie verwundert.
Chegwidden beschloß, daß dies nicht der richtige Ort für diese Diskussion war. "Draußen!" befahl er strenger und diesmal nickte Mac. "Ja, Sir." Mit einem letzten fragenden Blick zu Harm folgte sie ihrem Vorgesetzten nach draußen.
"Was ist hier los, Sir?" verlangte sie zu wissen, kaum hatte sie die Türe hinter sich geschlossen. "Harriet ruft mich heute morgen in Tränen aufgelöst an und nach einer halben Stunde bekomme ich endlich genug sinnvolle Sätze am Stück aus ihr raus, daß ich endlich verstehe, daß Harm ... der Commander gestern gestürzt ist und ins Krankenhaus eingeliefert wurde... ich hetze zum Krankenhaus," Sie deutete auf ihre legere Zivilkleidung; offensichtlich hatte sie sich nichtmal die Zeit genommen, sich umzuziehen, denn normalerweise kannte Chegwidden sie nicht anders als in vorbildlicher Uniform. "Und was treffe ich an..."
"Major!" unterbrach Chegwidden sie mit Nachdruck. "Ich weiß, daß die Situation Sie überrascht hat ... Commander Rabb leidet an Amnesie."
"Amnesie?" wiederholte Mac und nagte für einen Moment nachdenklich an ihrer Unterlippe.
Chegwidden nickte bestätigend. "Er kann sich nicht an die letzten drei Jahre erinnern. In Rabbs Realität ist Admiral Brovo noch der JAG und Lt. Austin seine Partnerin." berichtete er.
"Das erklärt, warum er mich für Diane hält; Lt. Schonke, sie war..." setzte Mac an, aber der Admiral winkte ab.
"Major, ich bin der JAG und meine Verbindungen zum CIA sind auch nicht die schlechtesten; ich weiß, wer Lt. Schonke war." unterbrach er sie mit einem grimmigen Lächeln.
Mac sah kurz zu Boden. "Ja, Sir, aber mir ist nicht klar, warum Sie mich davon abgehalten haben, den Irrtum aufzuklären." Sie blickte ihn fragend aus ihren großen dunklen Augen forschend an und der Admiral begann zu verstehen, warum ihre Kreuzverhöre berüchtigt waren.
"Der behandelnde Arzt hält es für das beste, wenn wir Commander Rabb nicht mit plötzlichen Offenbarungen überrumpeln, sondern es langsam angehen lassen. Er muß sich erstmal wieder in seinem Leben zurechtfinden und das kann er nicht, wenn wir ihm sofort wieder den Boden unter den Füßen wegziehen, sobald ihm etwas vertraut ist." argumentierte der Judge Advocate General.
Mac begann zu verstehen, warum er als Gegner vor Gericht gefürchtet war; der Logik seiner Erklärungen konnte sie sich nicht entziehen. "Und was bedeutet das, Sir?" wollte sie schließlich wissen.
"Daß Sie jetzt Lt. Diane Schonke, US-Navy, sind ... zumindest für eine Weile. Oder vielleicht wäre Lt. Cmd. besser? Schließlich sind drei Jahre vergangen und Sie sind eine überaus fähige Funkoffizierin, die bei der Beförderung sicher nicht übergangen wurde." entgegnete Chegwidden und seine Augenwinkel zeigten ein verräterisches Schmunzeln.
"Das gefällt mir nicht besonders, Admiral." sagte Mac offen – A.J. Chegwidden war weit mehr für sie als nur ihr kommandierender Offizier; es hatte sogar eine Zeit gegeben, in der sie eine gewisse ... Anziehung ihm gegenüber empfunden hatte, aber schließlich hatte sie festgestellt, daß ihre Gefühle für den JAG am ehesten mit denen gegenüber einem väterlichen Freund zu vergleichen waren. Er hatte also ihre Offenheit verdient und dasselbe galt für Harm ... wenn auch nicht unbedingt der Teil mit dem "väterlichen Freund", dachte Mac und rief sich dann selbst zur Ordnung: <Das ist jetzt nicht das Thema, Marine!>
"Mir gefällt es auch nicht unbedingt, Major, ich belüge meine Leute nicht gerne, aber es ist nur zu Harms Bestem." entgegnete Chegwidden und offenbarte zum ersten Mal soetwas wie freundschaftliche Sorge.
"Und wie erkläre ich Harm das hier?" wollte Mac wissen und deutete auf ihr graues T-Shirt, auf dem in großen Buchstaben "USMC" zu lesen war – im Gegensatz zu Diane Schonke gehörte Mac nicht zur Navy, sondern zum Marine Corps.
"Ich vertraue auf Ihren Einfallsreichtum, Major." meinte Chegwidden ungerührt und wies auf die Tür des Krankenzimmers. Mac straffte sich und marschierte mit einem Gesichtsausdruck, den Harm heimlich mit "Achtung, hier kommt ein Marine!" bezeichnete, zurück in den Raum.
Harm konnte nicht anders als zu lächeln, als er sie eintreten sah; es tat zu gut, Diane nach all der Zeit wieder zu sehen. Es war fast ein halbes Jahr her, seit sie recht plötzlich auf die Seahawk versetzt worden war und seitdem ... nein, unterbrach sich Harm, vermutlich hatte er sie seither sehr wohl gesehen, nur erinnerte er sich nicht daran. "Bud ist hier, du bist hier..." wandte er sich grinsend an die vermeintliche Diane. "Die Seahawk ist doch nicht etwa gesunken, oder?"
"Nein, Sir, die Seahawk ist momentan..." begann Bud eifrig zu erklären.
Mac rollte die Augen. "Bud, die Frage war nicht ernst gemeint, es war nur ein Scherz, ja?" unterbrach sie ihn und Harm bemerkte sofort, daß sie Bud schon eine ganze Weile kennen mußte: Sie brachte das Kunststück fertig, den manchmal auf fast schon naive Weise enthusiastischen Junior-Offizier zu zügeln, ohne ihn dabei zu verletzen.
<Diane konnte schon immer gut mit Leuten umgehen> dachte Harm und grinste ihr verschwörerisch zu. Mac reagierte mit einem Lächeln, das recht gezwungen aussah. "Nein, im Ernst, was tust du hier, Diane?" erkundigte sich der dunkelhaarige Commander.
"Ich arbeite hier." antwortete Mac.
"Im Krankenhaus?" spottete Harm freundschaftlich.
Mac verdrehte die Augen. "Bei JAG, Harm!" entgegnete sie etwas ungehalten.
"Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, waren Funkoffiziere noch nicht sehr gefragt bei JAG." wandte Harm verwundert ein.
"Ich bin Anwältin." entgegnete Mac, die beschlossen hatte, sich möglichst dicht an der Wahrheit zu halten – die Vergangenheit hatte ihr gezeigt, daß sie keine besonders gute Lügnerin war.
"Anwältin, du?" Harm grinste ungläubig.
<Dieses Grinsen wird ihn eines Tages in böse Schwierigkeiten bringen und wenn er nicht bald aufhört, dann ist dieser Tag HEUTE!> dachte Mac grimmig. "Für eine Funkoffizierin ist es auch kein größerer Karrieresprung zum JAG-Anwalt als für einen Tomcat-Piloten." meinte sie mit einem betont gleichmütigen Schulternzucken.
Harm lächelte und schien diesen Hinweis zu akzeptieren. "Dann sehen wir uns jetzt also öfter, was?"
"Läßt sich nicht vermeiden, wenn man als Partner zusammenarbeitet." murmelte Mac und unterdrückte ein Seufzen. Die ganze Geschichte wurde immer verwickelter.
"Partner?" Harm sah fragend vom einen zum anderen. Mac wünschte, er würde endlich aufhören, immer ihre letzten Worte zu wiederholen. "Das ist ein Scherz, oder? Ich dachte, ich arbeite mit jemandem Namens Mac zusammen?" wunderte er sich. <Moment, hat der Admiral Diane nicht vorhin ’Mac‘ genannt oder bringen mich diese verdammten Kopfschmerzen jetzt schon um den Verstand?>
"Das Scherzen ist das Privileg eines Admirals, Rabb, nicht das eines Maj... Lieutenant Commanders. Sie scherzt keineswegs." warf A.J. Chegwidden ein.
"Mac ist mein Spitzname, Harm." erklärte Dianes Doppelgängerin.
"Ach ja? Davon hab ich aber nie zuvor gehört." wandte Harm ein.
Jetzt war es an Mac zu grinsen. "Eines meiner vielen Mysterien. Sie... du weißt längst noch nicht alles über mich." erwiderte sie schelmisch.
Bud verschluckte sich an seinem Kaffee und mußte husten, bis er rot anlief.
"Ich hab dir gesagt, du sollst deinen Kaffee nicht so schnell trinken, Bud!" mahnte Harriet und bemühte sich, ein ernstes Gesicht zu machen, während sie ihrem Ehemann auf den Rücken klopfte.
Ein junger Arzt streckte den Kopf zur Türe herein. "Tut mir leid, ich muß Sie jetzt rauswerfen, der Patient braucht seine Ruhe." meinte er entschuldigend. Mit einer gewissen Erleichterung verabschiedeten sich Harms Besucher und gingen zur Türe.
"Diane..." setzte Harm an.
Mac biß sich leicht auf die Lippe. "Später, Harm." versprach sie und beeilte sich, zu den anderen aufzuschließen.
21. März 1999
2248 Z-Zeit (17:48 Uhr EST)
KRANKENHAUS
Washington D.C.
"Kommt nicht in Frage, Mr. Rabb, es ist und bleibt meine Verantwortung!" sagte der Arzt entschlossen.
"Und es ist mein Leben!" entgegnete Harm unbeeindruckt.
"Das Sie aber nicht leichtfertig gefährden sollten." wandte der Mediziner ernst ein.
"Doktor, ich will ja nicht den Mount Everest besteigen, alles was ich möchte, ist nach Hause gehen." versuchte es Harm etwas versöhnlicher.
Es klopfte und auf Harms "Herein!" trat Mac ein. Sie war erneut in Zivil und diesmal zierten keine Marine-Corps-Insignien ihr T-Shirt. "Was macht unser Patient?" fragte sie den Arzt, doch ihre Augen ruhten auf Harm.
"Er treibt mich in den Wahnsinn!" stöhnte der Doktor.
"Das läßt sich ändern, Dr. Delgado: Entlassen Sie mich und Sie haben Ruhe." forderte Harm und grinste in Macs Richtung.
"Unter einer Bedingung," gab der Oberarzt schließlich entnervt nach, "es muß rund um die Uhr jemand bei Ihnen sein. Sie haben eine Kopfverletzung und deshalb sollte man lieber Vorsicht walten lassen."
"Doktor, ich brauche keinen Babysitter! Ich habe Tomcats im Wert von mehreren Millionen Dollar geflogen, da kann ich doch wohl noch auf mich selbst aufpassen!" protestierte Harm scharf.
"In diesem Zustand würde man dir nichtmal ein Papierflugzeug anvertrauen, Fliegerheld! Betrachte dich als unter Arrest stehend." erklärte Mac fast vergnügt und stellte fest, daß sie sich erst noch daran gewöhnen mußte, Harm zu duzen. Obwohl sie seit nunmehr 3 Jahren zusammenarbeiteten, sich fast täglich sahen und längst mehr als nur Arbeitskollegen waren, waren sie aus irgendeinem Grund nie zum "Du" übergegangen; nichteinmal außerhalb des Büros. "Ich übernehme die erste Wache." bot Mac sich an.
Ohne große Verwunderung stellte der Arzt fest, daß sein störrischer Patient plötzlich jeden Protest aufgegeben hatte. <Na ja, wer würde sich schon gegen eine solche Krankenpflegerin wehren!> dachte er sich nachsichtig lächelnd.
<Fliegerheld,> überlegte Harm in der Zwischenzeit amüsiert, <Wo kommt das denn plötzlich her?> Er war sicher, daß Diane ihn nie zuvor so genannt hatte und dennoch... irgendwie kam ihm der Ausdruck vertraut vor. Mit einem Schulterzucken wischte er das seltsame Gefühl beiseite und schwang die langen Beine über die Bettkante. "Dann mußt du mich jetzt entschuldigen," meinte er und deutete grinsend zur Tür, "Es sei denn natürlich, du bestehst darauf, mich so mitzunehmen..." Er wies auf das Krankenhaus-Nachthemd, das er trug.
"Verzichte dankend." wehrte Mac ab und ging mit dem Arzt zur Tür, damit Harm sich umziehen konnte.
2303 Z-Zeit (18:03 Uhr EST)
KRANKENHAUS
Washington D.C.
"Aah, Freiheit!" meinte Harm begeistert, als sie das Krankenhaus verließen und in Richtung Parkplatz gingen.
"Von wegen, Sie ... du stehst unter Arrest, schon vergessen?" Mac fiel fast von selbst in den neckischen Tonfall zurück, der die meiste Zeit über zwischen ihnen herrschte.
Harm sah zu ihr hinunter. "Wieso siezt du mich eigentlich die ganze Zeit?" fragte er ernst werdend.
"Tu ich das?" fragte Mac unschuldig. "Hängt wohl damit zusammen, daß wir zusammen arbeiten; im Büro siezen wir uns natürlich."
Harm lächelte als er sich vorstellte, wie es wohl sein mußte, mit Diane zu arbeiten. "Wie kommt es, daß du jetzt für JAG arbeitest? Ich meine, in nur drei Jahren kannst du ja wohl kaum zur Anwältin geworden sein, oder?" wollte Harm wissen.
<Ich hätte wissen müssen, daß Harm zu clever ist, um sich so leicht hereinlegen zu lassen.> sagte sich Mac. "Wenn man sich ranhält, ist die Anwaltsschule durchaus in 3 Jahren zu schaffen. Außerdem habe ich schon auf der Seahawk begonnen, einen Fernkurs zu belegen." behauptete sie und war selbst etwas erstaunt, wie glatt ihr diese Lügen über die Zunge gingen. "Frag mich was, wenn du mir nicht glaubst."
Das ließ Harm sich natürlich nicht zweimal fragen. "Hm, mal sehen... was steht im JAG-Handbuch, Kapitel 2 unter B, Absatz 0235?" wollte Harm wissen und grinste triumphierend.
"Anweisungen bei Überflutung eines Schiffes." antwortete Mac wie aus der Pistole geschossen.
Harms selbstzufriedenes Lächeln war wie weggewischt, dafür grinste nun Mac: "Tja, man sollte eben niemals den Fehler begehen, einen Mar... Navy-Anwalt zu unterschätzen."
Inzwischen hatten sie den Parkplatz erreicht und Mac steuerte zielstrebig auf eine rote Corvette zu. Harm stutzte. "Wie kommt mein Auto hierher?" erkundigte er sich verwundert.
"MEIN Auto ist mit MIR hierhergekommen." verbesserte Mac.
"Dein Auto? Willst du damit sagen... ich hätte mich doch nie im Leben von meiner ‘Vette getrennt, Diane!" rief er im Brustton der Überzeugung.
Mac zuckte leicht zusammen, als er sie erneut mir Lt. Schonkes Namen ansprach, ließ sich aber nichts anmerken. "Nicht freiwillig, das steht fest." räumte sie lächelnd ein, wurde dann aber ernst und erklärte mit einem gewissen Mitgefühl: "Deine Corvette ist vor kurzem gestohlen worden und da du immer so von deinem Auto geschwärmt hast, dachte ich, ich probiere es auch mal mit einem Zweisitzer."
Harm nickte nur und stieg etwas betäubt ein. Mac wußte, wie sehr er an dem Auto gehangen hatte – die Corvette hatte einst seinem Vater gehört. Sie startete den Motor und steuerte den Sportwagen vom Parkplatz. Harm beobachtete sie aus den Augenwinkeln und stellte fest, daß sie gut fuhr. Trotzdem war es einfach nicht dasselbe... "Ich weiß, du magst es nicht, als ’Co-Pilot‘ daneben zu sitzen." sagte Mac in dem Moment, als hätte sie seine Gedanken erraten.
Harm fand es erstaunlich, wie gut sie ihn kannte. Vermutlich hatten sie in den letzten drei Jahren so einiges zusammen erlebt. "Es könnte natürlich auch daran liegen, daß eine Corvette keinen Schleudersitz hat." schlug er scherzhaft vor.
"Ihre ... deine Fliegerwitze sind auch nicht mehr die neuesten." beschwerte sich Mac und dann schwiegen sie beide eine Weile.
"Fahren wir zu dir?" wollte Harm wissen, als sie den Beltway verließen.
"Hm?" Mac war in Gedanken vertieft gewesen und sah etwas erstaunt zu ihm hinüber. "Nein, meine Wohnung ist ... momentan nicht gerade sehr aufgeräumt."
Harm sah sie skeptisch an. "Lieutenant ... pardon, Lt. Cmd. Diane Schonke, das Musterbild eines ordentlichen Navy-Offiziers, hat eine unaufgeräumte Wohnung?!" spöttelte er gutmütig.
"Das letzte Mal, als du einen Blick auf meinen Schreibtisch geworfen hast, hast du etwas anderes gesagt." warf Mac lachend ein.
"So? Wo fahren wir im übrigen dann hin, wenn nicht in deine Wohnung? Wenn du zu meinem Apartment wolltest, dann hast du die richtige Ausfahrt längst verpaßt." meinte Harm stirnrunzelnd.
Mac seufzte. Daran hatte sie nicht mehr gedacht. "Harm, du bist umgezogen." erklärte sie ihm.
"Oh-oh, jetzt sag mir nicht, wir haben ein riesiges Haus mit einem halben Dutzend Kinder..." Unsicher sah er sie an.
"Na ja, ein halbes Dutzend sind es nicht gerade, aber ..." konnte Mac nicht widerstehen ihn zu necken. "Nein, im Ernst wir haben weder ein riesiges Haus noch ein halbes Dutzend Kinder."
"Ähm, und ... ich?" hakte Harm nach.
"Keine von denen ich wüßte, obwohl man bei euch Fliegern ja nie so genau weiß..." Mac begann langsam Gefallen an der Sache zu finden; sie genoß es zu sehr, Harm aufzuziehen, um die Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.
Harm warf ihr einen treuherzigen Hundeblick zu. "Hey, das verletzt mich aber!" scherzte er, aber seine blauen Augen beobachteten Mac ernst.
Irgendwo nördlich der Union-Station bog Mac in eine Seitenstraße ab, die Harm völlig unbekannt war und parkte vor einem mehrstöckigen Haus. "Endstation, Commander! Wir sind da." verkündete sie.
"Brauchst du nicht ... ein paar Sachen, eine frische Uniform, einen Pyjama und so?" fragte Harm unsicher als er neben der Corvette verharrte.
Beim Wort "Pyjama" begann Mac leise in sich hineinzulachen, obwohl der Grund für ihre Belustigung Harm ein Rätsel blieb. "Ich weiß, du hast Golfschläger im Auto, aber ich habe immer eine gepackte Tasche im Kofferraum." erklärte Mac und nahm tatsächlich eine kleine Reisetasche aus dem Wagen. Harm hatte ein Gefühl, als müßte er die Bedeutung ihrer Worte kennen, aber er erinnerte sich nicht daran, in welchem Zusammenhang sie früher erwähnt worden waren.
Mac führte ihn ins Haus und betrat den Lift. Schließlich standen sie vor Harms Apartmenttüre. Harm durchsuchte die Taschen seiner Uniform, die er nun wieder trug, konnte jedoch keinen Schlüssel finden. "Tja, ich glaube, wir haben da ein Problem..." Er begutachtete das Schloß, um abzuschätzen, ob er es knacken konnte.
Doch Mac machte sich am Briefkasten zu schaffen und förderte einen Schlüssel zutage. "Probieren wir es doch mal hiermit." schlug sie keck vor und schloß die Wohnungstüre auf.
Harm trat ein und sah sich um. Was er sah gefiel ihm. Die Wohnung war groß und hell; mit Parkettboden und einer geräumigen Küche mit einem Tresen. Einige Stufen führten hinüber ins Schlafzimmer und zum Bad. "Wow, scheinbar hab ich Geschmack." meinte er lächelnd, als er seine Begutachtung beendet hatte.
0112 Z-Zeit (20:12 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Harm hatte den Kleiderschrank im Schlafzimmer durchsucht und war sich dabei fast wie ein Einbrecher vorgekommen, der die Wohnung eines Fremden plündert. Als er nun in den Wohnraum zurückkehrte, trug er nicht mehr seine Uniform, sondern Jeans und ein olivgrünes T-Shirt mit V-förmigem Ausschnitt. Mac hatte die Schuhe ausgezogen und saß mit untergeschlagenen Beinen auf der Couch. Ihre Haltung kam Harm vertraut vor, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, Diane je so gesehen zu haben. Harm setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel und fuhr sich unbewußt über die leere Stelle an seinem rechten Handgelenk. "Das Armband..." fiel ihm plötzlich auf. "Das MIA-Armband meines Vaters! Es muß noch im Krankenhaus sein!"
Das war der Punkt, an dem die ganze Sache begann, Mac eindeutig KEINEN Spaß mehr zu machen. Sie sah zu Boden und suchte nach Worten – was bei der wortgewandten Anwältin nicht gerade oft vorkam. Sie wußte, was Harm sein Vater bedeutete; er hatte praktisch sein ganzes Leben mit der Suche nach ihm verbracht und nachdem er vor etwa 1 ½ Jahren erfahren hatte, daß sein Vater nach Rußland gebracht worden und dort gestorben war, war Harm für eine Weile in ein tiefes Loch gefallen. Wie sollte sie ihm das alles beibringen? "Harm..." begann sie sanft, "Du hast in den letzten 3 Jahren mehr über das Schicksal deines Vaters erfahren... Es begann damit, daß wir auf der Hornet ein kleines Buch mit Namen von US-Soldaten gefunden wurde, die in Vietnam gefangengenommen und dann nach Rußland gebracht wurden – der Name deines Vaters befand sich darunter. Leider wurde das Buch von einem russischen Spion, Sokol, gestohlen. Schließlich wurde dir jedoch ein Foto zugespielt, das deinen Vater in Rußland zeigte. Daraufhin sind wir nach Moskau geflogen und nach einer etwas längeren Odysee fanden wir heraus, daß ..." Mac atmete tief durch.
"Ja?" fragte Harm mit großen Augen.
"Dein Vater... er... ist bei dem Versuch gestorben, eine russische Frau vor Soldaten zu beschützen." beendete Mac ihren Bericht. Harm schluckte und sagte eine ganze Weile lang überhaupt nichts. Mac brauchte nicht zu ihm hinüber zu sehen, um zu wissen, daß ihm Tränen in den Augen standen. "Harm, ich ... es tut mir leid." war alles, was Mac zu sagen einfiel. Sie wußte, daß sie nichts tun konnte, nicht wirklich.
Harm räusperte sich. "Weiß es Mum, ich meine, meine Mutter ..." fragte er mit belegter Stimme.
Mac nickte. "Ja, natürlich. Ich denke, sie hat es nun geschafft, einen Schlußstrich zu ziehen und das solltest du auch tun. Dein Vater hätte es so gewollt; er wollte, daß du dein Leben weiterlebst." sagte sie eindringlich.
Harm lächelte schwach. "Du klingst wie meine Mutter." murmelte er.
"Trish ist eine tolle Frau." meinte Mac.
Plötzlich hatte Harm erneut das Gefühl eines Déjà Vu. Wo hatte er diesen Satz schonmal gehört? Er atmete tief durch und versuchte, sich wieder zu entspannen. Suchend sah er sich in seiner Wohnung um, erhob sich schließlich und zog die Schublade seines Nachttisches auf. "Wo zum Teufel habe ich..." Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und sah Mac fragend an. "Du weißt nicht zufällig, wo ich meine Zigarren aufbewahre? Ich könnte jetzt wirklich eine gebrauchen!"
Mac dämmerte langsam, wieviel sich in den letzten drei Jahren in Harms Leben verändert hatte. "Harm, du rauchst nicht mehr." teilte sie ihm mit.
Harm sah sie skeptisch an. "Das ist ein Scherz, oder?" fragte er ungläubig.
Mac lachte. "Du hast doch gehört, daß das Scherzen das Privileg eines Admirals ist. Siehst du hier irgendwo zwei Sterne?"
"Gibt es auch etwas, was sich nicht geändert hat in meinem Leben? Vegetarier bin ich doch noch, oder?" wollte er wissen.
"Vegetarier? Nicht mehr, seitdem du mal einen Beltway Burger probiert hast ... nein, im Ernst: Ja, du bist noch Vegetarier, obwohl ich jetzt schon jahrelang versuche, dich zu überzeugen, daß man von Kaninchenfutter allein nicht überleben kann." berichtete Mac schließlich. "Ehm, ich will ja nicht zu verwegen sein, aber wo wir gerade vom Essen sprechen ... seit dem Frühstück ist es schon eine Weile her und ich könnte wirklich einen Bissen vertragen..." Sie rechnete fast mit einer scherzhaften Bemerkung über Marines und ihren berüchtigten Appetit, aber natürlich kam keine – Harm hielt sie ja für Diane, eine Navy-Angehörige.
Harm erhob sich und ging zum Kühlschrank hinüber. Mac folgte ihm und sah ihm über die Schulter, als er die Kühlschranktüre öffnete. Ihr Magen knurrte laut, als sie Harms Vorräte sah: drei Dosen Cola light, ein paar Flaschen Bier, zwei Naturjoghurts, Eier, Milch, Obst und Reste einer vegetarischen Lasagne.
Harm kratzte sich am Kopf. "Tja, sieht nicht nach den Zutaten für ein großes Bankett aus, oder?" mußte er zugeben. Er ging zum Telefon hinüber, das hinter dem Herd an der Wand hing und tatsächlich war dort ein Zettel mit Telefonnummern. "Pizza?" fragte er und legte den Kopf schief. Als Mac nickte, nahm er wortlos den Hörer ab und wählte eine Nummer. "Würdest du bitte mal in meiner Aktenmappe nachsehen, ob ich dort irgendwo Geld habe?" bat er Mac.
Sie wollte protestieren und sagen, daß sie bezahlen könne, aber Harm legte den Zeigefinger an die Lippen, als er in den Hörer lauschte. Mac gab nach und ging gehorsam zum Aktenkoffer hinüber, um nachzusehen.
Harm sah ihr nach und als sich am anderen Ende der Telefonleitung jemand meldete, bestellte er automatisch, eine extragroße Pizza, halb vegetarisch und zur Hälfte mit allem. Irgendwie hatte er das Gefühl, das nicht zum ersten Mal zu tun.
Als Mac zurückkehrte, legte er gerade den Hörer auf. Sie schüttelte den Kopf. "Nichts. Aber du solltest mal in deiner schwarzen Flieger-Jacke nachsehen, in der Innentasche..." schlug Mac vor und deutete zur Garderobe. Harm tat es und tatsächlich fand er seine schwarze Brieftasche. Erneut erstaunt darüber, wie gut Diane ihn kannte, hob er eine Braue. Als er die Brieftasche aufklappte, um sein Geld zu zählen, fiel sein Blick auf das Foto, das ihn mit seinem Vater im Cockpit einer F-4 Phantom zeigte. Er schluckte und fuhr behutsam mit dem Finger darüber.
0208 Z-Zeit (21:08 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Harm sah auf, als es an der Türe klingelte.
"Das war schnell – 12 Minuten." kommentierte Mac, ohne auf die Uhr zu sehen.
Harm warf einen Blick auf seine Uhr und zwinkerte verblüfft, als er feststellte, daß seit seiner Bestellung wirklich exakt 12 Minuten vergangen waren. Er sah sich im Zimmer um, aber die einzige Uhr an der Wand befand sich hinter "Diane". Er schüttelte verwundert den Kopf und ging, um die Türe zu öffnen.
<Idiotin!> schimpfte Mac mit sich selbst, als sie Harms Blick bemerkte. <Sag ihm doch gleich, daß du nicht Diane bist!>
Harm kehrte mit einer großen, flachen Pappschachtel zurück. "So, jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wo ich Teller und Besteck aufbewahre und schon kann’s losgehen." verkündete er.
"Üblicherweise wird Geschirr im Küchenschrank aufbewahrt, Harm!" belehrte ihn Mac spöttisch und ging zielstrebig auf einen bestimmten Schrank zu. Die Art und Weise, wie sie sich durch sein Apartment bewegte, sagte Harm, daß sie sicher nicht zum ersten Mal hier war. Vielleicht hätte er vorhin seinen Kleiderschrank etwas besser durchsuchen sollen, langsam kam ihm der Verdacht, daß er vielleicht auch das eine oder andere Stück Frauenkleidung gefunden hätte.
Sie setzten sich an den Wohnzimmertisch und Mac teilte die Pizza in zwei Hälften. Harm holte die Flasche, die er ebenfalls geordert hatte, hinter dem Rücken vor und schenkte Mac sein bestes Flieger-Grinsen. Doch statt Dianes üblicher Reaktion erntete er etwas ganz anderes. Seine Begleiterin sah nicht sonderlich erfreut aus, ganz im Gegenteil; sie schien eher aufgebracht zu sein und Harm konnte sich nicht den geringsten Grund dafür denken.
"Harm, was zum ... was soll das, Harm?!" verlangte sie zu wissen und ihr Blick war kalt und fest.
Harm zwinkerte verblüfft. "Jetzt sag mir nicht, du hättest deinen geliebten Rotwein aufgegeben! Daß ich nicht mehr rauche, fällt mir schwer genug zu glauben, aber daß du dem Rotwein abgeschworen hast, ist einfach unmöglich!" Er lachte unsicher und sah sie fragend an.
Mac entspannte sich wieder und schalt sich erneut eine Idiotin. Woher sollte Harm denn auch wissen, daß sie eine ehemalige Alkoholikerin war, schließlich hatte Diane nie derartige Probleme gehabt. "Ich trinke nicht – ich meine, keinen Alkohol." sagte sie leise, aber fest.
Harm erkannte sofort, daß es besser war, jetzt nicht weiter nachzufragen und akzeptierte ihre Worte einfach stillschweigend. "Okay, was darf ich dir dann anbieten?" erkundigte er sich behutsam, weil er fühlte, daß dieses Thema plötzlich eine heikle Bedeutung für Diane hatte.
Mac zuckte die Schultern. "Mineralwasser?" schlug sie vor. Harm ging erneut zum Kühlschrank und kurz darauf brachte er ihr das Gewünschte. Mit einem leichten Lächeln bemerkte Mac die Zitronenscheibe, die in ihrem Getränk schwamm.
Sie teilten die Pizza in ihre jeweiligen Hälften und begannen zu essen. Sie schwiegen, auch noch während sie später das Geschirr abwuschen. Noch immer wortlos setzten sie sich auf die Couch. Keiner von beiden hatte das Gefühl, unbedingt etwas sagen zu müssen; so war es nie zwischen ihnen gewesen. Mac bemerkte jedoch, daß Harms Schweigen im Moment irgendwie anders war, grüblerischer als dies gewöhnlich bei dem charmanten Ex-Piloten der Fall war. Seine Stirn war leicht in Falten gelegt und sie spürte, wie er sie prüfend ansah, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Zweimal öffnete er den Mund, schloß ihn aber jedesmal wieder, ohne auch nur eine Ton von sich zu geben.
Nach einer Weile hatte Mac genug davon. "Okay, raus mit der Sprache!" kommandierte sie streng.
Harm zuckte leicht zusammen. "Diane ... ehm, ich möchte nicht, daß du dich in irgendeiner Weise bedrängt fühlst oder so, aber ich wüßte gerne ... ich bin mir über den Stand unserer Beziehung nicht so ganz im Klaren. Ich meine, an der Akademie waren wir Freunde..."
"Das sind wir noch, Harm." wandte Mac schnell ein.
"Ja, aber ich meine, damals waren wir rein platonische Freunde. Die Vorschriften verboten alles andere und eine ganze Zeit lang dachte ich, daß wir über jenen Punkt, an dem mehr zwischen uns sein könnte, schon längst hinaus wären ... aber irgendwann war ich mir nicht mehr so sicher. Ich hatte mir an dem Tag, an dem du zur Seahawk versetzt wurdest, vorgenommen, die Möglichkeit zumindest nicht ganz auszuschließen. Und jetzt ... nun ja, wir scheinen uns recht nahe zu sein, oder?" Unsicher sah er sie an.
Mac räusperte sich. "Ja, sicher." räumte Mac ein und überlegte fieberhaft, wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte, ohne zu verraten, daß sie nicht Diane war oder sich völlig zum Narren zu machen. "Aber ..."
Es klingelte und Mac sprang erleichtert auf. <Wer immer das auch sein mag, er hat das Marine Corps Achievement Ribbon verdient!> dachte sie aufatmend. <Das waren mit Sicherheit die längsten 6 ½ Minuten meines Lebens!> "Es ist 22:02 Uhr," überlegte sie laut, "Wer kann das um diese Uhrzeit sein?"
"Wie machst du das?" fragte Harm und sah sie seltsam an. "Lernt man das jetzt auf der Anwaltsschule?"
Mac warf ihm einen tadelnden Blick zu und ging, um die Türe zu öffnen. Harm folgte ihr und wurde ein bißchen überrumpelt, als seine Mutter, Patricia "Trish" Burnett eintrat und erst Diane und schließlich – länger – ihn umarmte. "Schön dich zu sehen, Mum!" versicherte er ihr ehrlich und beobachtete über ihre Schulter hinweg, wie sein Stiefvater, Frank Burnett, "Diane" auf die Wange küßte. Fragend hob er eine Augenbraue. Doch damit nicht genug. Eine ältere, elegante Dame mit silbergrauem Haar und tiefblauen Augen trat hinter Frank ein und schloß "Diane" sofort herzlich in die Arme. Harm wußte, daß seine Großmutter, Sarah Rabb, eine warmherzige Frau war, aber so herzlich verhielt sie sich normalerweise nicht gegenüber Personen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte ... oder kannte sie Diane?
"Hallo, Sarah." grüßte die alte Dame.
"Granny, ihr Name ist Diane." erinnerte sie Harm.
"Hältst du mich für senil, junger Mann? Glaubst du, ich kann meinen Namen nicht mehr von ihrem unterscheiden? Wußtest du nicht, daß Dianes zweiter Name Sarah lautet?"
Mac atmete auf. Der Admiral hatte Harms Familie also in ihre kleine Intrige eingeweiht. Sarah Rabb bedachte ihren Enkel mit einem Lächeln und spätestens jetzt erinnerte Mac sich wieder daran, woher Harm sein unwiderstehliches "Flyboy"-Grinsen hatte.
Harm erwiderte das Lächeln und umarmte seine Großmutter, die fast 1 ½ Köpfe kleiner als er war. Dann reichte er seinem Stiefvater die Hand. "Frank." begrüßte er den großen, grauhaarigen Mann mit den tiefen Linien im Gesicht. Frank Burnett war Vize-Präsident von Chrysler – nicht gerade der Traumberuf in den Augen eines Jungen, der schon immer gewußt hatte, daß er einmal Pilot werden wollte und niemand je den Platz seines Vaters einnehmen konnte. Das mochte der Grund sein, daß ihr Verhältnis nie so gut gewesen war, wie es hätte sein können.
"Was macht die Galerie, Mum?" wandte er sich an seine Mutter.
"Wir sind hier, um nach dir zu sehen und nicht, um über die Galerie zu reden, Harmon." sagte Trish ernst.
"Es geht mir gut, Mum," versicherte Harm, "nur daß ich mich eben an die letzten drei Jahre nicht erinnern kann."
"Wir bleiben hier, solange wie du uns brauchst." versicherte seine Mutter.
"Das ist nicht nötig, Mum, du wirst in der Galerie gebraucht und Frank kann auch nicht einfach so lange wegbleiben." wandte Harm ein.
"Ich kann und ich werde." entgegnete Frank ruhig.
Mac dachte, daß sie diesen freundlichen Mann, der in jedem nur erdenklichen Sinne das genaue Gegenteil ihres eignen Vaters war, sehr gerne mochte. Überhaupt beneidete sie Harm manchmal fast um seine Familie.
"Und du mit deinem Zoo, Granny, wer versorgt den?" fuhr Harm fort, "Nein, nein, ihr fliegt wieder nach Hause, ich komm‘ hier schon zurecht. Und wenn nötig, dann kümmert Diane sich schon um mich, oder?" Hilfesuchend sah er Mac an.
"Ich würde niemandem raten, mich davon abhalten zu wollen, Sailor." stimmte sie lächelnd zu.
"Das kann ich mir vorstellen, lebhaft sogar!" kommentierte Sarah Rabb und in ihren Augen funkelte der Schalk.
"Granny...!" warnte Harm streng.
Ihr Lächeln wuchs in die Breite. "Schon gut, Harm, deine alte Großmutter scherzt nur." beruhigte sie ihn.
Die ganze Familie ließ sich schließlich im Wohnzimmer nieder und für den Rest des Abends unterhielt man sich gut. Mac genoß das Gefühl, Teil dieser kleinen Gemeinschaft zu sein und bedauerte es fast, als Trish und die anderen sich schließlich erhoben, um zurück zu ihrem Hotel zu fahren.
Harm zog seine Mutter beiseite, als Mac sich gerade von Granny verabschiedete. "Mum, das hört sich jetzt vielleicht seltsam an, aber ... wie stehe ich zu Diane?" erkundigte er sich so leise, daß nur er und seine Mutter die Worte verstanden.
"Wie soll ich das wissen, wenn du es selbst nicht weißt, Harm?" wehrte Trish lächelnd ab.
"Ich habe mein Gedächtnis verloren." erinnerte Harm.
"Ja, dein Gedächtnis, richtig, aber nicht dein Herz, oder? Du mußt doch selbst wissen, was du fühlst oder nicht fühlst. Außerdem werde ich mich hüten, dich in irgendeine Richtung beeinflussen zu wollen ... das letzte Mal, als ich es versucht hatte, wolltest du plötzlich ’lieber das Thema wechseln‘. Hast du auch vergessen, ich weiß." Trish seufzte und legte ihrem Sohn eine Hand auf die Wange. "Paß auf dich auf, Harm."
Harm berührte leicht ihre Hand. "Versprochen, Mum."
0531 Z-Zeit (00:31 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
"Du weißt gar nicht, wieviel Glück du mit einer solchen Familie hast, Harm." seufzte Mac als die Türe sich hinter den späten Besuchern geschlossen hatte. "Weißt du eigentlich, daß Frank dir bei der Suche nach deinem Vater geholfen hat? Er hat dir ziemlich viel Geld geliehen, ohne je einen Pfennig davon zurückzuverlangen. Er wäre gerne ein Vater für dich gewesen, Harm. Wenn ich da an meinen Vater denke..." fügte sie wie zu sich selbst hinzu.
Verwundert runzelte Harm die Stirn. "Ist in den letzten drei Jahren irgendetwas mit dem Chief passiert, was ich nicht mehr weiß?" erkundigte er sich besorgt.
Mac brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, daß er von Dianes Vater sprach. Leider wußte sie von Dianes Familie nur, daß sie eine lange Navy-Tradition hatte "Salzwasser im Blut", hatte es Diane auf einer Karte an Harm ausgedrückt. "Oh, nein, nein, keine Sorge, ich meinte nur, daß mein Vater und Frank ziemlich verschieden sind."
"Ich glaube, niemand ist wie Frank. Manchmal denke ich, daß er noch nie in seinem Leben einen Fremden getroffen hat; ich habe noch nie erlebt, daß er jemanden wirklich unfreundlich behandelt hat." murmelte Harm.
Mac sah ihn fast etwas überrascht an. "Das ist das Netteste, was du je über Frank gesagt hast, Harm."
Harm senkte den Kopf vor dem Blick der dunklen Augen, die ihn viel zu gut kannten. "Ich weiß." sagte er leise.
0552 Z-Zeit (00:52 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Mac lehnte sich zurück und gähnte verstohlen. Harm bemerkte, daß auch er hundemüde war. Sein Kopf pochte wieder etwas. Er reckte seinen langen Körper, erhob sich schließlich und ging ins Schlafzimmer hinüber, um eine Decke und ein zweites Kissen zu holen. Nach einer kurzen Suchaktion hatte er beides gefunden und ging damit zurück ins Wohnzimmer.
"Ich hoffe, mein Bett ist okay für dich? Leider hab ich keine Ahnung, ob es bequem ist." Er lächelte ’Diane‘ zu.
Mac verschränkte die Arme. "Dann hast du jetzt Gelegenheit, es herauszufinden, denn ich schlafe auf der Couch!" teilte sie ihm entschlossen mit.
"Kommt nicht in Frage!" protestierte Harm erwartungsgemäß. "ICH nehme die Couch!"
Mac dachte, daß ihrem Flyboy dieses gentlemanlike Benehmen schon in Fleisch und Blut übergegangen war. <Mein Flyboy?> tadelte sie sich selbst in Gedanken, <Wo zum Teufel kommt dieses Possessivpronomen plötzlich her?>
"In deinen Träumen, Fliegerheld!" sagte sie laut. Sie winkte ab, als sie sah, wie Harm breit grinste und zu einer Entgegnung ansetzte. Sie wußte genau, was er sagen wollte.1 "Harm, du hast eine Gehirnerschütterung erlitten, glaubst du es ist vernünftig, wenn du dann auch noch auf einer Couch schläfst, die gut..." Sie kniff etwas die Augen zusammen, als sie Maß nahm. "...34 Zentimeter kürzer ist als du?"
Harm schüttelte etwas verwundert den Kopf. Auf der Akademie hatte Diane in Mathematik nicht gerade nobelpreisverdächtige Leistungen erbracht und jetzt jonglierte sie plötzlich mit Zahlen und Uhrzeiten nur so herum? "Es geht mir blendend – und das Sofa ist höchstens ... 32 Zentimeter zu kurz." entgegnete er mit einem entwaffnenden Zwinkern und legte eine Extraportion Charme in sein Lächeln, doch "Diane" schien relativ immun dagegen zu sein.
"Und was ist mit deinen Kopfschmerzen?" fragte sie streng und bedachte ihn mit einem wissenden Blick.
Harm blinzelte erstaunt. "Woher...?" setzte er an.
"Ich kenne dich schon eine Weile, vergiß das nicht. Außerdem habe ich die <Es geht mir blendend>-Rede schon oft genug verwendet – zu oft, um sie zu glauben. Du hast jetzt also die Wahl: dein eigenes Bett oder eines im Krankenhaus." erklärte sie resolut.
Harm gab nach und drückte ihr das Kissen in die Hand. "Warst du eigentlich früher auch schon so dickköpfig?" stöhnte er amüsiert.
Seltsamerweise verdunkelte sich Dianes Gesicht und sie zuckte nur die Schultern, statt wie erwartet mit einer witzigen Bemerkung zu antworten. Harm stellte fest, daß seine Freundin – oder was immer auch der Status ihrer Beziehung war – sich verändert hatte. Die Diane, die er kannte; Diane, wie sie vor 3 Jahren gewesen war, lachte gerne und oft; ihre Augen blickten warm und neugierig auf das, was das Leben zu bieten hatte. Diane hatte immer Optimismus ausgestrahlt; sie hatte ihr Leben genossen. Die Diane, die er jetzt vor sich sah, war ... irgendwie anders, obwohl Harm nichteinmal genau hätte sagen können, worauf sich dieser Eindruck begründete. Diane erschien noch genauso klug und schlagfertig wie früher und auch ihr Sinn für Humor war noch vorhanden, ganz offensichtlich genoß sie es noch mehr als während ihrer Zeit an der Akademie, ihn zu necken – was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Harm fühlte noch immer eine gewisse Verbundenheit zwischen ihnen, aber ... Diane wirkte zurückhaltender, ihre dunklen Augen bildeten eine Schranke. Von ihr ging etwas aus, was Harm fast für vorsichtiges Mißtrauen hätte halten können, wenn er nicht genau gewußt hätte, daß die Worte DIANE und MIßTRAUEN praktisch unvereinbar waren ... Es sei denn natürlich, es war Diane irgendetwas zugestoßen in jenen drei Jahren, an die er sich nicht erinnern konnte. Hatte sie auf der Seahawk schlechte Erfahrungen gemacht und war deshalb zu JAG gewechselt?
Harm schüttelte den Kopf, als er einsehen mußte, daß er mit diesen Überlegungen heute ganz sicher nicht mehr weiterkommen würde. Er gab sich einen Ruck und ging zum Schlafzimmer hinüber.
"Gute Nacht, Harm." rief Mac ihm nach.
"Gute Nacht, Diane." erwiderte Harm und lächelte über die Schulter zurück. Im Halbdunkel entging ihm, wie Mac leicht zusammenzuckte und ihre Hand sich fester um die Decke schloß, als er sie erneut mit Lt. Schonkes Namen ansprach.
1100 Z-Zeit (06:00 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Harm schlug auf den "AUS"-Knopf seines Radioweckers und rollte sich herum. Sein Kopf schmerzte als hätte er wie früher die ganze Nacht mit Keeter gefeiert. Als er die Augen öffnete, blickte er einen Moment verwirrt in dem ihm fremden Raum umher, doch dann erinnerte er sich an die Ereignisse der letzten Tage. Er streifte sich ein T-Shirt über und ging in den Nebenraum hinüber. Einen Moment lang verharrte er neben der Couch und sah auf die schlafende Diane hinab. <Meine Güte, sie ist wirklich...> Noch bevor er den Satz zu Ende denken konnte, schlug sie ihre dunklen Augen auf und sah ihn an.
"Hey, Harm." grüßte sie noch etwas schläfrig.
"Hi," Harm lächelte ihr zu, "Zeit zum Aufstehen, es ist ..."
"6 Uhr und 4 ½ Minuten, danke, ich weiß." fiel sie ihm ins Wort.
Harm sah sie groß an. "Würdest du mir jetzt mal erklären, wie du das machst?" verlangte er und zeigte ihr sein überzeugendstes Lächeln.
"Das hab ich doch bereits, mehrmals sogar." entgegnete Mac und rügte sich innerlich selbst dafür, daß sie diese Zeitangaben, zu denen Diane ganz sicher nicht fähig gewesen war, einfach nicht lassen konnte. Sie war einfach zu gewöhnt daran und ebenso an Harms Reaktionen darauf – sie verpaßte nur selten eine Gelegenheit, ein "Wie machen Sie das?" aus ihm heraus zu bekommen.
"Tut mir leid, aber daran erinnere ich mich nicht, Diane." Harm sah sie bittend an.
"Wie bedauerlich," meinte Mac, klang aber ganz und gar nicht so, als ob sie es bedauern würde. Sie machte keine Anstalten, Harm eine Erklärung zu liefern und blickte stattdessen in Richtung Küche. "Gibt es in diesem Hotel keinen Zimmerservice? Ich könnte ein Frühstück vertragen, bevor ich mich auf den Weg ins Büro mache."
Harm salutierte scherzhaft. "Frühstück, aye, Ma’am, wird sofort serviert." erwiderte er zackig und machte sich grinsend auf den Weg zum Kühlschrank hinüber.
"3 ½ Minuten!" rief Mac ihn im besten Kasernenton hinterher.
"Wie bitte?" Harm drehte sich fragend um und glaubte einen Moment lang, sie würde wieder eine dieser seltsamen Zeitangaben machen, bevor sie erklärend hinzufügte: "Mein Frühstücksei, Harm! Es sollte 3 ½ Minuten gekocht sein."
"Irgendwer muß dich ziemlich verwöhnt haben!" meinte Harm mit einem amüsierten Kopfschütteln. "Kenne ich denjenigen?" Nutzte er die Gelegenheit zu fragen.
<Billiger Anwaltstrick> dachte Mac schmunzelnd.
"3 ½ Minuten, Harm!" erinnerte sie ihren Partner als hätte sie die Bemerkung nicht gehört und schlug die Decke zurück, um ins Badezimmer zu gehen. Als sie 10 Minuten später wieder zum Vorschein kam, roch es nach Frühstücksspeck und Toast. Harm machte eine einladende Handbewegung. Mac setzte sich ihm gegenüber und nahm sich einen Toast. "So lasse ich mir das gefallen," meinte sie zufrieden, "Ich soll auf dich aufpassen und stattdessen bist du es, der mir das Frühstück macht."
Harm grinste. "Oh, du weißt doch, was man über die Träger von weißen Navy-Uniformen sagt..." meinte er schelmisch. "Daß sie praktisch alles bekommen, was sie haben wollen ... oder so ähnlich."
Mac sah ihn skeptisch an. "Erstens gilt das nur für weiße GALA-Uniformen, zweitens auch das nur in Kombination mit goldenen Fliegerabzeichen und drittens, Harm, ich bin nichteinmal in Uniform." wandte sie ein. Tatsächlich trug sie Jeans und einen weißen Body.
"Ist mir schon aufgefallen." Das war die Untertreibung des Tages. In den letzten fünf Minuten war ihm mindestens ebensooft durch den Kopf gegangen, wie gut Diane in Zivilkleidung aussah. "Sag nicht, du hast Urlaub genommen, um mich zu verhätscheln?" wollte Harm wissen und zog fragend eine Augenbraue hoch.
"Urlaub?" Mac sah ihn in gespieltem Schock an. "Was bitte ist das? Wer glaubst du muß deine ganze Arbeit machen, während du hier den kranken Mann spielst? Nein, Harm, im Ernst, ich fahre gleich nach Hause, um mich umzuziehen, bevor mich auf den Weg ins HQ mache."
Jetzt war es an Harm, skeptisch dreinzublicken. "Und was war in der gepackten Tasche, die die allzeit bereite Diane immer im Kofferraum deponiert hat?" erkundigte er sich grinsend.
"Schuhe," behauptete Mac, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, "Ein ganzer Berg bequemer Schuhe." Natürlich hatte sie eine saubere und frisch gebügelte Uniform in der Tasche, aber die hatte leider die falsche Farbe – das Grün der Marines, nicht weiß, wie Dianes Uniformen es gewesen waren. Wenn sie dieses Versteckspiel also noch weiter durchhalten wollte – und es sah so aus, als hätte sie keine andere Wahl – dann mußte sie unter allen Umständen vermeiden, daß Harm sie in dieser Uniform zu sehen bekam. "Harm," sagte sie plötzlich, "was riecht hier so verbr..."
"Mist!" Harm sprang auf und eilte zum Herd hinüber, um die Pfanne vom Herd zu ziehen. "Gerade nochmal gut gegangen, sie sehen noch eßbar aus." meldete er dann. Er kehrte mit der Pfanne zum Tisch zurück und hielt sie Mac einladend hin. "Pfannkuchen." erklärte er mit einem Augenzwinkern.
Mac mußte lachen. "Dinosaurier-Pfannkuchen?" gluckste sie belustigt.
Harm zuckte die breiten Schultern. "Na ja, mir war irgendwie dinosauriermäßig zumute heute morgen." meinte er mit einem jungenhaften Grinsen.
"Und das muß man sich von einem Vegetarier sagen lassen." neckte ihn Mac.
"Hey, die Viecher sind längst ausgestorben!" protestierte Harm.
"Eben," antwortete Mac trocken, "und jetzt weiß ich endlich auch warum." Mit diesen Worten nahm sie sich einen Carnopoden aus der Pfanne.
1302 Z-Zeit (08:02 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Es klopfte zaghaft an der Türe. Verärgert sah Mac von ihrem Schreibtisch auf und unterbrach die Suche nach ihrem Kugelschreiber, der wieder einmal in ein schwarzes Loch gefallen zu sein schien, nachdem sie ihn nur für eine Sekunde irgendwo abgelegt hatte. Seufzend gab sie das erfolglose Bemühen auf und griff nach einem Bleistift. "Kommen Sie rein, Bud." rief sie ohne auch nur einen Blick zur Türe werfen zu müssen.
Lt. Bud Roberts trat ein und sah seine Vorgesetzte, Mentorin und ... ja, fast soetwas wie eine Freundin, mit großen Augen an. "Ma’am? Woher wußten Sie, daß ich es bin?" fragte er staunend.
"Wer sonst klopft im Takt des Titelsongs von "Kevin allein zuhaus‘" an, Bud?" gab Mac amüsiert zurück. Buds Kiefer klappte herunter. Mac lachte. "Schon gut, Bud, das war nur ein Scherz. Ich habe sie aus dem Kopierraum kommen sehen."
"Oh!" Bud schien erleichtert zu sein. "Wie geht es dem Commander, Ma’am? Und wie ist es, Lt. Schonke zu sein?" Er grinste auf fast schon törichte Weise von einem Ohr zum anderen, ohne Macs warnenden Blick zu bemerken.
"Tun Sie mir einen Gefallen, Bud?" fragte sie verstimmt und ohne auf seine Frage einzugehen.
Bud Roberts nickte eifrig. "Natürlich, Ma’am" versicherte er.
"Dann warten Sie draußen, bis mein Wutanfall vorbei ist, ja?" Bud war nicht ganz sicher, ob sie wieder scherzte oder es ernst meinte. Ganz offensichtlich mochte der Major es nicht sonderlich, mit Diane Schonke verglichen zu werden. Vorsichtshalber zog Bud sich zurück.
1441 Z-Zeit (09:41 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Nachdem Mac gegangen war, hatte Harm den CD-Player eingeschaltet und sich auf die Couch gesetzt. Er hatte es "Diane" gegenüber nicht zugeben wollen, doch er war noch nicht wieder ganz hergestellt, fühlte sich noch immer etwas schlapp. Als es an der Türe klingelte, schreckte er aus seinem Halbschlaf hoch. Er ging zur Tür und warf einen Blick durch den Spion. Eine blonde junge Frau stand draußen und Harm wußte, daß nicht nur das runde Glas in dem Kuckloch ihren Körper etwas unförmig erscheinen ließ. Ein wenig erstaunt, sie hier zu sehen, öffnete er die Türe.
"Ensign?" fragte er mit einem Blick auf ihre Rangabzeichen.
"Sir, ich bin die Ablösung." erklärte Harriet lächelnd.
"Ablösung? Ablösung von was, Ensign?" verlangte Harm zu wissen.
"Die Ablösung von Maj ... Lt. Cmd. Schonke, Sir. Sie hat mich gebeten, Ihnen heute Gesellschaft zu leisten, um sicher zu gehen, daß sie Ihre Kopfverletzung gut überstanden haben. Oh, übrigens, Sir, ich bin Ensign Harriet Sims-Roberts."
"Sims-Roberts?" wiederholte Harm. "Dann hab ich das vor ein paar Tagen im Krankenhaus wohl doch richtig verstanden, daß der gute Bud jetzt verheiratet ist ... und offensichtlich Vater wird. Glücklicher Mann, der Lieutenant." Harm lächelte aufrichtig.
Der blonde Fähnrich errötete ein wenig. "Oh, danke, Sir. Bud ist ein guter Ehemann und ich weiß, daß er ein ebenso guter Vater sein wird." Sie sagte es mit einer Sicherheit und Liebe, die Harm halb bewundernd und halb neiderfüllt den Kopf schütteln ließen. Nachdenklich sah er zum Fenster hinaus.
Harriet Sims-Roberts schien ihn besser zu kennen, als er angenommen hatte, denn sie fing seinen Blick ein und sagte sanft: "Sir, ich bin sicher, daß Sie eines Tages auch eine solche Beziehung haben werden."
Harm schüttelte den Anflug von Melancholie so schnell ab wie er gekommen war und fragte grinsend: "Eine Beziehung zu Bud, meinen Sie?"
"Oh, nein, Sir, ich meine, nicht mit Bud, sondern..." begann Harriet, sprach den Satz aber nicht zuende.
"Sondern?" hakte Harm interessiert nach.
Harriet sah ihn unsicher an. "Nun ja, Sir, ich ... habe immer geglaubt, daß Sie und ..." Bevor sie den Satz zu ende sprechen konnte, klingelte es erneut an der Türe.
<Meine Güte, hier geht’s ja schlimmer zu als auf dem Landedeck eines Carriers2 am Ende eines Einsatzes!> Er marschierte erneut zur Türe und öffnete sie. Eine große, schlanke junge Frau mit hellbraunen, zu einem Zopf zusammengebundenen Haaren und blauen Augen stand vor ihm. Harm musterte sie von oben bis unten und grinste sie dann fragend an: "Was kann ich für Sie tun?"
"Gute Frage, mein Lieber!" sagte die Fremde und schien ein wenig verärgert. "Zuerst könntest du mich mal rein lassen und dann kannst du anfangen, mir zu erklären, warum du mich seit vier Tagen weder angerufen, noch dich sonstwie bei mir gemeldet hast. Immerhin bin ich deine Verlobte, falls du das vergessen haben solltest!"
1
siehe "Rendezvouz mit dem Tod": "Träumen tu‘ ich etwas Schöneres..."2
Flugzeugträger1556 Z-Zeit (09:56 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Harm starrte die Fremde nur an, unfähig etwas Sinnvolles zu sagen. Sie stand ihm gegenüber und hielt seinem Blick verärgert stand. Harriet hustete von innen. Die attraktive Frau sah jetzt noch ein Spur ärgerlicher aus und versuchte, an Harms breiten Schultern vorbei einen Blick in die Wohnung zu werfen. "SIE ist hier, nicht wahr?!" fragte sie scharf.
"Sie?" wiederholte Harm verständnislos.
"Harm, daß du mich jetzt auch noch für blöd verkaufen willst, hab ich mit Sicherheit nicht verdient; es reicht mir so langsam! Ich rede von Sarah MacKenzie und das weißt du ganz genau!" hielt ihm die Fremde aufgebracht entgegen.
"Ich kenne keine Sarah MacKenzie..." begann Harm und wollte hinzufügen <Und Sie kenne ich genauso wenig!>, aber sein Gegenüber ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.
"Streitest du jetzt sogar schon ab, sie auch nur zu kennen?! Harm, das ist krank!" warf sie ihm an den Kopf.
Harriet hatte eigentlich vorgehabt, sich aus der Sache rauszuhalten, denn das ging nur den Commander und Jordan Parker, seine Freundin, etwas an, aber jetzt beschloß sie doch, zu Harms Gunsten einzugreifen, bevor die Situation völlig außer Kontrolle geriet. Sie trat an Harm vorbei, so daß Jordan sehen konnte, daß es nicht etwa Sarah MacKenzie war, die Harm da bei sich hatte, sondern nur ein schwangerer Ensign. "Richtig, Ma’am, Commander Rabb ist tatsächlich krank – er hat vor ein paar Tagen eine Gehirnerschütterung erlitten und leidet jetzt unter Amnesie." erklärte sie beschwichtigend.
"Was?" entfuhr es Lt. Cmd. Jordan Parker. Sie war selbst Psychologin und wußte daher, wovon Harriet da sprach. "Und wie weit reicht es zurück?"
"Drei Jahre, Ma’am." teilte Harriet ihr mit.
"Drei Jahre?" wiederholte Jordan Parker mehr zu sich selbst. "Das bedeutet, er ... Harm, du kannst dich nicht an mich erinnern, oder?" wandte sie sich dann an Harm, der noch immer schweigend im Türrahmen stand.
"Nein," brummte Harm und gab endlich die Türe frei, so daß sie eintreten konnte, "ich habe keine Ahnung, wer Sie sind. Sagten Sie wirklich Verlobte?" Eine gewisse Ungläubigkeit klang in seiner Stimme mit – natürlich wollte er eines Tages Kinder, aber er hätte nicht gedacht, daß er sich so schnell so fest binden würde. Oder hatte er nur nicht gedacht, daß es mit jemandem wie ... dieser Fremden geschehen würde? Er konnte es selbst nicht sagen.
Harriet räusperte sich vernehmlich. "Ehm, Sir, ich glaube, ich gehe jetzt lieber. Lt. Cmd. Parker wird ja sicherlich auf Sie aufpassen, bis ... Diane wieder da ist." meinte sie und hatte es ziemlich eilig, Harms Wohnung zu verlassen.
Harm musterte seine "Verlobte". Sie war attraktiv, daran gab es keinen Zweifel. Sicherlich war sie auch klug und soweit er das sagen konnte war sie vermutlich auch eine angenehme Gesellschaft, aber ... <Aber was?> fragte er sich selbst ein wenig verärgert. <Mehr hast du doch früher auch nie von einer Frau verlangt!> <Ich hab mich früher auch nie mit einer Frau verlobt!> diskutierte er mit sich selbst. Erneut sah er die Frau an, die Harriet als Lt. Cmd. Parker bezeichnet hatte. "Tut mir leid, daß ich mich nicht an Sie ... dich erinnern kann." Er lächelte sie mit seinem charmanten Lächeln an.
Jordan Parker erwiderte das Lächeln. "Oh, wir werden uns schon wieder neu kennenlernen, da bin ich sicher." versicherte sie ihm. "Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen: Ich bin Jordan Parker. Ich bin Psychologin in Bethesda."
"Harmon Rabb junior von JAG." erwiderte Harm automatisch.
Seine "Verlobte" lachte kurz auf. "Harm, ich weiß noch sehr gut, wer du bist. Du bist derjenige, der sich manchmal tage- oder gar wochenlang nicht an meine Existenz zu erinnern scheint.... Oh, Entschuldigung, ich schätze, diese Diskussion sollten wir nicht gerade dann führen, wenn du wirklich einmal gar nicht weißt, was du falsch gemacht hast." Sie schien mit der Situation einigermaßen umgehen zu können, vielleicht hatte ihr Beruf sie auf derartiges vorbereitet? Harm wußte es nicht.
Harm mochte die dunkelblonde Frau auf Anhieb, doch eine wirklich enge Beziehung; eine Familie, Kinder, konnte er sich nicht so recht mit ihr vorstellen. "Wir sind tatsächlich verlobt?" vergewisserte er sich.
Jordan sah ihn ernst an. Einen Moment lang erwog sie, ihm von ihrer großen, absoluten und einzigartigen Liebe vorzuschwärmen, die keinen Platz für andere Personen in seinem Leben ließ ... schließlich, wenn er sich nicht an die letzten drei Jahre erinnerte, dann auch nicht an seine Partnerin, Mac, die immer irgendwo im Hintergrund ihrer Beziehung zu lauern schien. Jordan hatte sie von Anfang an als Konkurrenz für sich gesehen; sie spürte, daß Mac etwas mit Harm teilte, daß zwischen ihnen eine Art Band bestand, das zwischen ihr und Harm nie existiert hatte. Der Gedanke, Harm nun völlig für sich allein zu gewinnen, war verlockend, aber wenn sie ehrlich zu sich war ... sie war sich nicht sicher, ob es wirklich funktionieren würde. Manchmal glaubte sie, daß niemand diese Verbindung zu Mac durchtrennen konnte, nicht sie, auch räumliche Trennung, nicht einmal Harm selbst, hätte er es denn gewollt. Außerdem brachte sie Harm wirklich Gefühle entgegen, wenn sie auch hatte einsehen müssen, daß er nicht wirklich ihre große Liebe war. Dennoch hatte er ein Anrecht auf eine ehrliche Antwort. "Nein, Harm, nicht wirklich."
Harm grinste sein berühmtes Fliegerlächeln. "Ach, kann man auch unwirklich verlobt sein?" erkundigte er sich neckisch. Als er den Ausdruck in ihren Augen sah, wurde er jedoch rasch wieder ernst. "Entschuldige, ich weiß, das ist kein Spiel für dich, es ist nur ... ich kann mich eben nicht erinnern und daher hat das alles für mich nicht dieselbe Bedeutung, wie für dich."
"Ja, ich weiß, Harm, ich weiß es schon lange." entgegnete Jordan ruhig und ein wenig traurig. Als sie Harms fragenden Blick bemerkte, fügte sie hinzu: "Nein, wir sind nicht verlobt; das hab ich vorhin im Zorn nur so gesagt. Unsere Beziehung ... nun ja, um ehrlich zu sein, ich bin mir nicht sicher, ob man überhaupt noch von einer Beziehung zwischen uns beiden sprechen kann ... oder jemals sprechen konnte."
Harm sah sie mitfühlend an, obwohl er nicht ganz verstand und Jordan Parker, tat es ihm doch leid, daß ihre Beziehung gescheitert war, denn er hatte keinen Grund, dieser Frau etwas Schlechtes zu wünschen. "Woran lag es?" wollte er ernst wissen.
Jordans erster Reflex war es, anklagend einen gewissen Namen hinauszuschreien, doch dann besann sie sich eines Besseren. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann wußte sie, daß es daran nicht gelegen hatte – jedenfalls nicht nur. "Wir mögen uns, du genießt meine Gesellschaft und ich denke, du findest mich auch attraktiv, aber ... die große Liebe ist es nunmal nicht." antwortete sie bedächtig und noch während sie es sagte, wurde ihr klar, daß es die Wahrheit war und sie dieses Kapitel in ihrem Leben abschließen konnte. "Ich denke, ich gehe jetzt besser." murmelte sie. "Ist es okay, wenn ich dich alleine lasse?" Sie deutete auf das große Pflaster, das auf Harms Stirn klebte.
Harm nickte. "Na klar, wie ich sie kenne..." <Kenne?> kommentierte er in Gedanken selbstironisch. <Ich kenne sie doch gar nicht!> "... wird Diane hier sein, sobald sie aus dem Büro entwischen kann."
"Diane?" fragte Jordy.
Harm wunderte sich etwas. Hier stand die Frau, mit der er – vermutlich über Monate – eine Beziehung geführt hatte und sie wußte nichts von seiner ... besten Freundin? "Meine ... eine Freundin von der Akademie." erklärte er Jordan. Sie nickte und ging zur Tür.
"Jordan?" Sie drehte sich nochmal um, als sie Harms Stimme hörte. Mit einem warmen Lächeln umarmte Harm die etwas überrumpelte Psychologin und beide wußten, daß dies ein Abschied war.
1937 Z-Zeit (14:37 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Petty Officer 2nd Class Jason Tiner durchquerte das offene Großraumbüro und klopfte an Macs Türe. "Ma’am, der Admiral möchte Sie in seinem Büro sehen – umgehend." meldete er.
Leichte Falten bildeten sich auf Macs Stirn und sie biß sich kurz auf die Unterlippe, als sie Chegwiddens "Schreibtischhengst" zum Büro des Admirals folgte. Seit ihrer Artikel 32-Anhörung verspürte sie eine gewisse ... Beunruhigung, wann immer sie unerwartet ins "Allerheiligste" des JAG gerufen wurde – und momentan war es unerwartet. Es gab wirklich keinen Grund, weshalb der Admiral sie in sein Büro beordern sollte; der Fall, an dem sie gerade arbeitete, war so gut wie abgeschlossen und alles lief zu Chegwiddens Zufriedenheit.
"Ist Mr. Webb beim Admiral?" erkundigte sie sich bei Tiner.
Der braunhaarige junge Mann sah sie erstaunt an. "Er hatte jedenfalls keinen Termin und falls er nicht durchs Fenster geklettert ist ..."
Mac winkte ab. Sie wußte, daß es so gut wie unmöglich war, in Chegwiddens Büro zu gelangen, ohne von Tiner gesehen zu werden. "Schon gut, war nur so ein Gedanke." Unbehaglich setzte sie ihren Weg fort und traf vor der Türe des Admirals auf Bud, der ebenfalls herbeizitiert worden war. Mac klopfte an.
"Eintreten!" bellte Chegwiddens Stimme von innen.
Mac glättete mit den Händen ihren Uniformrock und trat rasch ein. Bud folgte ihr hinein. "Major MacKenzie und Lieutenant j.g. Roberts melden sich wie befohlen zur Stelle, Sir!" erklärte sie und nahm Haltung an, als sie vor dem großen Schreibtisch verharrte.
"Stehen Sie bequem, Major, Lieutenant. Oder besser noch: Nehmen Sie Platz." wies A.J. Chegwidden sie an.
Mac tat wie befohlen und sah ihn erwartungsvoll an, während Bud sich im Hintergrund hielt.
Der 2-Sterne-Admiral registrierte die Spannung in den Schultern des Marine-Majors und versteckte ein leichtes Schmunzeln, indem er den Kiefer vorschob, was ihm ein besonders grimmiges Aussehen verlieh. "Nur keine Sorge, Major, diesmal geht es nicht um Sie, sondern um Commander Rabb."
"Sir?" Mac zog fragend die Augenbrauen zusammen.
"Dr. Delgado hab mich eben angerufen und mir mitgeteilt, daß Rabb nach der letzten Untersuchung heute wieder diensttauglich geschrieben wurde." verkündete das Oberhaupt der militärischen Ermittlungsbehörde.
Mac preßte die Lippen zusammen. "Aber, Admiral, Sir, wie soll das funktionieren? Ein falsches Wort von irgendjemandem hier..."
"Major, Sie reden hier von den besten Anwälten der US-Streitkräfte, nicht von einem Haufen pubertierender Teenager, die ihre Zunge nicht hüten können. Es wird eben niemand ein falsches Wort sagen!" beschloß er einfach.
"Wenn aber doch, Sir?" Mac schien nicht sehr überzeugt zu sein.
Der Admiral zuckte die Schultern. "Strafversetzung nach Alaska." erklärte er nüchtern und verzog keine Miene dabei.
"Sir, das wird trotzdem nicht funktionieren. Harm ist nicht dumm, er wird früher oder später merken, daß hier etwas nicht stimmt. Was machen wir z.B. mit meiner Uniform, Sir? Harm wird es Diane vermutlich kaum abnehmen, daß sie plötzlich zu den Marines gewechselt ist."
"Oh, Ma’am, das ist kein Problem, ich bin sicher, Harriet würde Ihnen gerne wieder eine ihrer Uniformen leihen – im Moment kann sie sie ohnehin nicht gebrauchen." versicherte Bud treuherzig.
Mac rollte mit den Augen. "Danke, Bud, aber nein danke - ich denke, einmal war mehr als genug." entgegnete sie mit einem gewissen Sarkasmus. "Admiral, mit allem gebührlichen Respekt, Sir, aber ich denke, wir sollten diese Maskerade so langsam beenden, bevor die Sache Ausmaße annimmt, die wir nicht mehr kontrollieren können. Wir verstricken uns da immer tiefer in ein Netz von Lügen und Halbwahrheiten."
Chegwidden lächelte schief. "Heißt das, die Sache wächst Ihnen über den Kopf, Major?" fragte er herausfordernd.
Mac straffte sich. "Nein, Sir, natürlich nicht; ich bin ein Marine, Sir!" protestierte sie stolz. "Das ist es nicht, nur..."
Der springende Punkt war, daß sie Harm eigentlich nicht belügen wollte. Sie hatte es einmal getan – nun ja, nicht wirklich belogen eigentlich, nur die Wahrheit verschwiegen; die Wahrheit darüber, daß sie als naiver, alkoholabhängiger Teenager geheiratet und dies später so sehr verdrängt hatte, daß sie es sogar versäumt hatte, sich scheiden zu lassen. Als Chris, ihr Ex, nach all den Jahren wieder bei ihr aufgetaucht war und sie erpreßt hatte, war es zu einem Kampf gekommen, in dessen Verlauf sie Chris versehentlich getötet hatte. Harm war ihr Verteidiger in der darauffolgenden Gerichtsverhandlung gewesen und ganz entgegen seiner sonstigen, fast schon besessenen Suche nach der Wahrheit, war er diesmal bereit gewesen, nicht zu allzusehr nachzuhaken, um sie zu schützen. Dennoch war die Wahrheit schließlich ans Licht gekommen und Harm hatte erfahren, daß sie ihm all die Jahre verschwiegen hatte, daß sie verheiratet war. Aber damit nicht genug, die Gerichtsverhandlung hatte auch ans Licht gebracht, daß sie einst eine Affäre mit ihrem damaligen C.O. John Farrow gehabt hatte. Damit war das Chaos, das sich ihr Privatleben nannte, perfekt. Sie mußte sich in einer Artikel 32-Anhörung verantworten, ihre anstehende Beförderung wurde gestrichen und sie war beim Admiral eine ganze Zeit lang auf dünnem Eis gewandelt. Und das alles nur, weil ... Mac seufzte. Sie wußte nicht warum, aber irgendwie schaffte sie es immer wieder, an die falschen Männer zu geraten, jedesmal: Chris, John, Dalton ... Na gut, John vielleicht ausgenommen; er war ein wirklich ehrenhafter Mann, der erste, der sie je mit Respekt behandelt hatte und das war vermutlich auch der Grund, warum sie sich auf diese Affäre mit ihm eingelassen hatte. Aber sie wußten beide, daß sie ihn nicht liebte, nicht wirklich, nicht auf diese Art. Mac seufzte erneut. Keine der Beziehungen in ihrem Leben war von Dauer gewesen, ausgenommen die zu ihrem Onkel Matt und ... die zu Harm.
Obwohl der Beginn ihrer Bekanntschaft wenig vielversprechend gewesen war – die Erinnerung an Diane auf Harms Seite und ihre familiäre Vergangenheit, die sie nur sehr zögernd Vertrauen zu jemanden fassen ließ – hatte sich sehr schnell professioneller Respekt zwischen ihnen entwickelt, gefolgt von Vertrauen, dann von Freundschaft und schließlich ... war Mac an einem Punkt angelangt, an dem sie Harm als ihren besten Freund bezeichnete. Diese Freundschaft war die anstrengendste und oft auch schwierigste, aber mit Sicherheit auch die lohnendste ihres Lebens und sie hätte sie um nichts auf der Welt geopfert.
"Major!" holte Chegwiddens mahnende Stimme sie in die Gegenwart zurück. "Hören Sie mir zu oder sind Sie schon auf halbem Weg nach Alaska?" fragte er streng.
"Ich höre zu, Sir, aber ich bin immer noch der Meinung, das es an der Zeit ist, Harm die Wahrheit über Diane zu sagen. Wir können ihn nicht ewig davor beschützen." sagte sie ernst.
<Wenn es etwas gibt, was dickköpfiger ist als ein SEAL, dann muß das wohl ein Marine sein.> dachte A.J. Chegwidden mit gelinder Belustigung. "Da bin ich völlig Ihrer Meinung, Major, aber ich möchte zumindest noch warten, bis Rabb sich einigermaßen hier eingearbeitet hat, bevor ich ihm praktisch den Boden unter den Füßen wegziehe. Ein paar Tage müssen Sie schon noch durchhalten. Hab ich mich klar ausgedrückt?"
Mac dachte, daß der Admiral, wenn er auch nach außen hin betont rauh tat, in Wirklichkeit einen weichen Kern hatte; ihm lag das Wohlergehen seiner Leute sehr am Herzen. Sie nickte widerstrebend. "Kristallklar, Sir."
"Mr. Roberts?" wandte Chegwidden sich an Bud, der das Gespräch zwischen seiner Mentorin und dem JAG mit großen Augen und offenem Mund verfolgt hatte.
"Uh, ja, Sir, kristallklar, Sir." versicherte er eilig.
"Gut. Wegtreten." kommandierte der Admiral und wandte sich schon wieder der Akte zu, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
"Sieht so aus, als müßte ich doch noch auf Ihr Angebot bezüglich der Uniform zurückgreifen, Bud." seufzte Mac, als sie nach draußen traten.
24. März 1999
1332 Z-Zeit (08:32 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm ging die Stufen zum JAG-HQ hinauf und erwiderte auf seinem Weg ins sein Büro hin und wieder Grüße von Leuten, die ihn zu kennen schienen, während er keine Ahnung hatte, wer sie waren. Auch das Gebäude war Harm nur vage vertraut, er war an das alte Hauptquartier in Washington D.C. gewöhnt. Als er endlich die Tür mit der Aufschrift "Rear-Admiral A.J. Chegwidden" erspähte, ging er zielstrebig darauf zu.
Ein junger Petty Officer sah von seinem Schreibtisch auf. "Guten Morgen, Sir, Sie sollen gleich reingehen." meinte er und zeigte auf die Türe zu Admiral Chegwiddens Büro.
Harm nickte und klopfte kurz an, bevor er eintrat. Er verharrte in vorbildlicher militärischer Haltung vor dem Schreibtisch des Judge Advocate General und wartete, bis dieser einige Schriftstücke unterzeichnet hatte. "Ah, Commander Rabb," sagte Chegwidden, als er schließlich aufsah, "schön Sie wieder hier zu haben – es gibt jede Menge Arbeit zu tun. Ich hoffe, Ihr getrübtes Erinnerungsvermögen beeinträchtigt nicht Ihre Fähigkeiten als Anwalt; ich habe da nämlich einen Fall für Sie, bei dem Sie alle Ihre Fähigkeiten brauchen werden."
Harm grinste mit unerschütterlichem Selbstvertrauen, während er seinen Blick noch immer auf einen imaginären Punkt über der Schulter des Admirals fixiert hielt. "Ich bin mehr als bereit, es herauszufinden, Admiral. Um was geht es bei diesem Fall?" erkundigte er sich interessiert.
"Sie sollen die Verteidigung von Lieutenant Susan Mitchell übernehmen. Ihr wird vorgeworfen, ihren Vater getötet zu haben." teilte ihm Chegwidden mit.
"Wer hat die Anklage? Ich habe gehört, eine gewisse Carolyn Almes sei recht gut in Mordfällen." Erwartungsvoll sah Harm seinen C.O. an.
Chegwidden konnte sein breites Lachen nicht ganz hinter der wie zum Gähnen erhobenen Hand verstecken. "Imes, ihr Name ist Carolyn IMES. Aber Lt. Cmd. Imes wird in dieser Sache nicht die Anklage übernehmen. Sie haben es mit einem weitaus furchterregenderen Gegner zu tun..."
Harm kam die ganze Situation beinahe bekannt vor. "Sie, Sir?" fragte er, ohne zu wissen, wie er darauf kam.
Der Admiral kniff die Augen zusammen und musterte Harm. Erinnerte er sich an jene Konversation, die sie geführt hatten, bevor er, Chegwidden, die Verteidigung von Colonel John Farrow übernommen hatte? "Nein, Commander, diesmal nicht. Sie werden es mit Mac zu tun haben."
"Mit Mac?" vergewisserte sich Harm und sah seinen Vorgesetzten etwas ungläubig an. Ihm fiel auf, wie schnell er sich an diesen Spitznamen gewöhnt hatte, obwohl es zugegebenermaßen etwas seltsam war, eine so .... unglaubliche Frau mit einem Männernamen anzusprechen. Harm bemerkte noch etwas Anderes und es rief ein merkwürdiges Gefühl der Sorge in ihm wach: Admiral Chegwidden sprach erneut von "Mac", nicht etwa von "Lt. Cmd. Schonke" und diese vertraute Anrede ließ Harm argwöhnen, daß Chegwidden und Diane mehr waren als nur C.O. und Untergebene. Wenn das der Fall war, dann mußte der Admiral Diane wirklich viel bedeuten, denn sie hatte sich immer streng an die Vorschriften gehalten, die besagten, daß Militärangehörige, die unter dem selben Kommando dienten oder auch ein Offizier mit den Soldaten unter seinem Kommando keine Beziehung haben durften.
Harm musterte den ehemaligen Seal aus den Augenwinkeln heraus und kam zu dem Schluß, daß er eigentlich nichts dagegen haben konnte – der Admiral war ein hervorragender Offizier, ein Vorgesetzter, zu dem man aufsehen konnte und ein Freund, auf den man sich hundertprozentig verlassen konnte. Diane hätte sicherlich eine schlechtere Wahl treffen können. Und dennoch ... das vage Gefühl der Besorgnis blieb.
"Commander!" rief Chegwidden und der ungeduldige Ton in seiner Stimme ließ Harm vermuten, daß er ihn wohl schon öfter angesprochen hatte, ohne daß er reagierte. <Mein bestes Team scheint in letzter Zeit reichlich ... abgelenkt zu sein.> dachte der Admiral kopfschüttelnd.
"Entschuldigung, Sir, ich muß wohl für einen Moment in Gedanken gewesen sein." Harm straffte seine Schultern und konzentrierte sich wieder auf den Fall.
"Scheint mir auch so, Commander! Ich schlage vor, Sie richten Ihre Aufmerksamkeit wieder hierauf," Chegwidden pochte auf die blaue Akte, die vor ihm lag, "sonst wird Ihre Partnerin Sie im Gerichtssaal schneller an die Wand nageln, als Sie das Wort GNADE buchstabieren können!" mahnte er grimmig.
Harm grinste vorsichtig und nahm die Akte entgegen. "Dieses Wort gehört gar nicht zu meinem Wortschatz, Admiral." versicherte Harm und freute sich bereits darauf, Diane vor Gericht gegenüberzustehen.
"Dann sorgen Sie dafür, daß Mac es Ihnen nicht Buchstabe für Buchstabe beibringt. Machen Sie nicht den Fehler, Sie für unerfahren zu halten." warnte A.J. Chegwidden. Er wußte bereits jetzt, daß er lieber das Baseball-Endspiel verpassen würde, als es sich nehmen zu lassen, als Zuschauer bei dieser Verhandlung dabei zu sein.
Harms Lächeln wuchs in die Breite. "Würde mir nie einfallen, Sir. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, niemals einen ..." Plötzlich wußte er nicht mehr, was er hatte sagen wollen, "... Offizier der Navy zu unterschätzen." beendete er etwas irritiert seinen Satz. Er hatte das unbestimmte Gefühl, daß er eigentlich ein ganz anderes Wort hatte benutzen wollen, nur konnte er sich nicht erinnern, welches.
"Gut, dann an die Arbeit, Commander. Sie haben nur wenig Zeit, die Anklageverlesung beginnt schon morgen. Mr. Roberts wird Ihnen assistieren." entließ ihn der Admiral.
1344 Z-Zeit (08:44 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac wickelte das Telefonkabel gedankenverloren um ihren Finger und lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. "Gut, mir geht’s gut." sprach sie in den Hörer.
"Und was macht dein gutaussehender Partner?" fragte am anderen Ende der Leitung Chloe Madison, Macs 11jährige "Little Sister" in dem Projekt für vernachlässigte Jugendliche, an dem Mac teilnahm.
"Chloe..." warnte Mac gedehnt.
"Na schön, na schön ... was macht Harm?" verbesserte sich Chloe und Mac konnte ihr freches Lächeln beinahe bildlich vor sich sehen.
"Nicht so gut, er ist vor ein paar Tagen gestürzt und hat sein Gedächtnis verloren." antwortete sie ernst.
"Was? Soll das heißen, er weiß nicht, wer du bist?" vergewisserte sich die Macs Zögling.
"Er hält mich für Diane." erklärte Mac und seufzte unterdrückt.
Einen Moment war Schweigen am anderen Ende der Verbindung, dann fragte Chloe: "Hast du ihm denn nicht erklärt, daß Diane..."
"Nein! Die Ärzte halten es für besser, wenn wir größere Schocks vermeiden." entgegnete Mac und versuchte, neutral zu klingen.
"Heißt das, ihr habt Harm belogen?" wollte die altkluge 11 Jährige wissen.
"Nein, wir..."
"...haben bloß nicht die Wahrheit gesagt?" unterbrach Chloe.
Mac dachte daran, wie Chloe ihr vor kurzem erzählt hatte, sie wolle Anwältin werden und sie hatte nicht die geringsten Zweifel mehr daran, daß Chloe eine große Karriere bevorstand.
"Hey, du hast mir beigebracht, daß eine Frau niemals lügt, es sei denn, es geht um ihr Gewicht, ihr Alter oder den Ehemann ihrer besten Freundin..." Chloe tat geschockt.
"Stop, stop, stop, junge Lady! Das hab ich nie gesagt!" widersprach Mac energisch.
"Na ja, vielleicht nicht in exakt diesen Worten..." räumte Chloe ein und kicherte unterdrückt.
"Nicht in diesen und auch in keinen anderen Worten. Chloe, mir fallen auf Anhieb etwa 1 Millionen Dinge ein, die ich lieber täte, als Harm zu belügen." sagte Mac und es war ihr Ernst.
"Nämlich?" Chloe grinste keck. "Hey, Mac, wenn du jetzt Diane bist oder Harm das zumindest glaubt, dann könntest du ..."
Mac seufzte. Egal, was sie auch tat oder sagte, aus irgendeinem ihr schleierhaften Grund wollte sich Chloe niemals davon abbringen lassen, daß sie und Harm unsterblich ineinander verliebt waren. Mac hatte keine Ahnung, wie sie auf diesen absurden Gedanken gekommen war – als sie in Chloes Alter gewesen war, hatte sie bedauerlicherweise nicht die Gelegenheit gehabt, irgendwelchen Phantasien nachzuhängen. "Ich glaube, es ist besser, wir hören jetzt auf, bevor ich die Geduld verliere und Bud losschicke, um mit einem gewissen Schulschwarm namens Billy Cohan zu sprechen oder bevor deine Großmutter mir eure Telefonrechnung schickt." drohte sie scherzhaft.
Chloe lachte. "Okay, okay. Hoffentlich kannst du bald mal herkommen; ich vermisse dich, Mac."
Sarah MacKenzie lächelte sanft. "Ich dich auch, Schatz. Wir sehen uns bald, versprochen."
1351 Z-Zeit (08:51 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm kehrte mit einer Tasse Kaffee zu seinem Büro zurück und kam dabei an Macs Büro vorbei, das direkt neben seinem lag. Die Türe war offen und er sah, wie sie an ihrem Schreibtisch lehnte und telefonierte. Sie lächelte und ihre Augen, die in den letzten Tagen immer irgendetwas von ihr zurückzuhalten schienen, waren warm. Harm bemerkte erst, daß er automatisch angehalten hatte, als etwas heißer Kaffee auf seine Finger tropfte. Er unterdrückte ein "Autsch!" und hielt seinen Blick auch weiterhin auf "Diane" gerichtet.
Sie lächelte und die Art, wie sie das tat, sagte Harm, daß dies ganz sicher kein Dienstgespräch war. "Ich dich auch, Schatz. Wir sehen uns bald, versprochen." sagte sie liebevoll in den Hörer.
<Schatz?!> Nur mit Mühe gelang es Harm, nicht auch noch den Rest seines Kaffees zu verschütten. War Diane in einer festen Beziehung?! Verlobt?!! Verheiratet?!!!
Mac legte den Hörer auf und als sie aufblickte, sah sie Harm im Türrahmen stehen und sie beobachten. "Schatz?" fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und seinem üblichen Grinsen.
"Hey, rotes Licht, Commander!" warnte ihn Mac und lächelte ebenfalls.
"Wenn du das für eine Anrede hältst, dann sollte ich dir wohl ein rotes Licht geben – ich hab‘ es als Frage gemeint." Wie so oft in den letzten Tagen, hatte Harm, während er diese Worte sprach, ein starkes Gefühl eines Déjà Vu.
"Ich beantworte grundsätzlich niemals solche Fragen vor 12 Uhr mittags und jetzt ist es 08 Uhr 53."
Harm sah auf seine Armbanduhr, nur um natürlich zu bemerken, daß sie – wie immer – recht hatte.
"Kenne ich deinen Freund?" fragte er behutsam und hoffte, daß er damit nicht seine Kompetenzen überschritt.
Mac warf ihm einen raschen Blick zu. Sie wußte, daß Harm - obwohl sie ihm öfter als sie zählen konnte gesagt hatte, daß sie auf sich selbst aufpassen könne - von Anfang an eine beschützende Haltung ihr gegenüber eingenommen hatte und das galt besonders, wenn es um ihre Verabredungen ging. Na ja, sagte sie sich, schließlich war es das Recht eines Freundes, sich Sorgen zu machen; auch sie hatte sich um Harm gesorgt, als Annie ihn verlassen hatte oder in letzter Zeit, seit die Beziehung mit Jordan immer unbefriedigender für Harm wurde.
"Harm, das war meine kleine Schwester." klärte sie ihn auf.
"Ha-ha, sehr witzig, Diane, als ob ich nicht genau wüßte, daß du nur drei Brüder hast." wandte Harm ein und beobachtete ein wenig nachdenklich, wie Mac leicht zusammenzuckte – etwas, was sie öfter getan hatte in den letzten Tagen.
"Chloe ist nicht meine leibliche Schwester; ich nehme an einem Projekt teil, bei dem ich sozusagen die Patenschaft für Chloe übernommen habe." erklärte Mac.
Harm grinste. "Klingt gut. Ich würde mich für den Posten deines ‘großen Bruders‘ freiwillig melden, falls die Stelle noch nicht besetzt ist." Er hätte sich ohrfeigen können, sobald er es gesagt hatte. Vermutlich hatte er sich zu lange, während ihrer ganzen Akademiezeit, eingeredet, daß sie für ihn nichts weiter als eine Schwester sei.
Doch Mac schien nichts weiter zu dabei zu finden. "Ich setze dich auf die Warteliste." versprach sie mit einem schelmischen Lächeln.
Harm räusperte sich etwas. "Worüber habt ihr gesprochen?" wollte er wissen.
"Ooch, nichts besonderes," behauptete Mac, "worüber man eben so mit einer 11jährigen spricht .... Boygroups, Pop-Konzerte und Make-up-Tips." Ihre Lippen kräuselten sich amüsiert.
Harm sah sie aufmerksam an. "Kann es sein, daß du mir irgendetwas verheimlichst? Deine Mundwinkel ziehen sich irgendwie so komisch nach oben..."
Mac konnte es nicht fassen, wie gut er sie kannte – obwohl er nichtmal wußte, wer sie war. Sie beglückwünschte sich insgeheim zu ihrer langjährigen Erfahrung als Anwältin, die sie befähigte, sich auf nahezu jede Frage innerhalb von Sekunden eine Antwort einfallen zu lassen.
"Du hast Recht," gab sie offen zu, "wir haben auch noch über Brad Pitt gesprochen." Mit diesen Worten schloß sie lächelnd die Türe vor Harms Nase.
Harm ging zu seinem Büro, setzte sich hinter den Schreibtisch und begann, die Akte von Lieutenant Susan Mitchell zu lesen. Er war erst bis zur zweiten Zeile gekommen, als er sah, wie Mac ihr Büro verließ und in Richtung des Raumes von Admiral Chegwidden ging – vermutlich hatte der JAG sie zu sich gerufen, um ihr die Anklage in diesem Fall zuzuweisen. Harm sah zurück auf das Schriftstück in seiner Hand, doch nach einer Weile mußte er sich eingestehen, daß er nur daraufstarrte, ohne wirklich zu erfassen, was da stand. Seine Gedanken drehten sich um Diane und irgendetwas ... störte ihn. Zwischen ihm und Diane war plötzlich eine Schranke, die nie zuvor dagewesen war; er spürte, daß sie ihm etwas verheimlichte. Und nicht nur sie, jeder hier schien sich in seiner Anwesenheit etwas unbehaglich zu fühlen und schlich praktisch wie auf rohen Eiern um ihn herum. Selbst der Admiral schien ihm in gewissen Dingen auszuweichen. Harm konnte sich in immer weniger des Eindrucks erwehren, daß dies alles irgendetwas mit Diane zu tun hatte. Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, auch wenn sie sich bemühte, ihn das Gegenteil glauben zu lassen. War sie in Schwierigkeiten? Wollte sie ihn vor etwas schützen? Oder war irgendetwas zwischen ihnen geschehen, was er nicht wissen sollte?
Harm legte die Akte beiseite und erhob sich. Eine der Eigenschaften, die ihn zu einem so guten Anwalt machten, war seine ständige Suche nach der Wahrheit – er würde sich auch jetzt nicht mit weniger zufriedengeben.
Als er schwungvoll die Türe öffnete, spürte er, wie sie gegen irgendetwas stieß ... oder besser: gegen irgendjemanden. Ein großer, dunkelhaariger Offizier rieb sich mit leisem Stöhnen die Stirn. "Uh, Rabb, ich hätte es wissen sollen!" murmelte er als er aufsah. "Noch einer von unseren Zusammenstößen."
"Noch einer?" fragte Harm nach, "was soll das heißen?"
Der andere Mann sah ihn geringschätzig an. "Commander, Sie wissen genau, was das heißen soll." sagte er kühl und wollte sich abwenden.
Harm vertrat ihm schnell den Weg. "Nein, das weiß ich nicht. Ich hatte ... einen kleinen Unfall und habe einen Teil meines Gedächtnisses verloren. Sollte ich Sie kennen?"
"Allerdings. Ich bin Lt. Cmd. Mic Brumby, Royal Australian Navy. Ich nehme hier an einem Austauschprogramm der Navy teil." informierte der dunkelhaarige Offizier ihn in selbstbewußtem Tonfall.
Harm nickte ihm zu. "Ich schätze, meinen Namen kennen Sie bereits, Cmd. Brumby, was?"
"In der Tat." Der ziemlich von sich eingenommene Australier nickte. "Ich bin übrigens erfreut, daß Sie meinen ebenfalls kennen – und ihn sogar korrekt aussprechen können. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden..."
Harm hielt sich nicht damit auf, darüber nachzudenken, was der RAN-Offizier mit jenen rätselhaften Worten meinte, sondern hielt ihn erneut zurück. "Ich möchte ja nicht in Ihren Luftraum eindringen, Cmd. Brumby..."
<Fliegermethaphern!> stöhnte der innerlich und genoß es gleichzeitig, seinen Namen in unverstümmelter Form von Rabb zu hören. Er beschloß, freundlich zu sein und nickte Harm aufmunternd zu. "Nur zu, Cmd. Rabb, ich werde schon nicht gleich k.o. gehen."
<Boxermethaphern!> dachte Harm kopfschüttelnd. "Cmd, sie arbeiten schon eine Weile hier und ... na ja, ich würde wirklich gerne wissen, wie die Beziehung zwischen mir und ... Ihr ist." Er deutete auf "Diane", die gerade aus Chegwiddens Büro kam und wieder in ihrem eigenen verschwand.
Diese Frage war etwas, was in den letzten Tagen einen Großteil seiner Aufmerksamkeit beanspruchte und es ließ ihm keine Ruhe, bis er sie nicht ein für alle mal geklärt hatte.
Brumby sah ihn scharf an, schien plötzlich eine abwehrende Haltung einzunehmen. "Sie sind nur Freunde." antwortete er kühler als zuvor.
"Sind Sie sicher?" hakte Harm nach.
<Ich wünschte, das wäre ich.> dachte Brumby für sich, doch laut sagte er: "Sie haben mir selbst versichert, daß Sie Mac nicht als Frau sehen, sondern sie nur eine Schwester für sie ist. Sie haben es mehrmals abgestritten, in Mac verliebt zu sein, als ich sie dessen beschuldigt habe. Sie haben mir versichert, daß Mac soweit es Sie betrifft, noch frei ist."
Harm runzelte die Stirn und hatte plötzlich das Gefühl, daß er den australischen Offizier nicht mochte. "Das klingt, als hätten Sie selbst ein gewisses ... Interesse an ihr." Wenn er ehrlich war, könnte er es Brumby nichteinmal verdenken.
"Und wenn es so wäre, Commander?" fragte Brumby herausfordernd. "Was würden Sie dagegen unternehmen?"
"Nichts. Sie ist ein freier Mensch und trifft selbst ihre Entscheidungen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte." Harm grüßte und ging zurück in sein Büro, als er feststellte, daß er mit diesem "Dingo-Boy" auch nicht weiterkam. Aus ihm war sicherlich kein objektives Wort über Diane herauszubekommen. Er gab sein Vorhaben vorerst auf und vertiefte sich wieder in Susan Mitchells Akte. Schließlich wollte er vermeiden, daß das Objekt seiner Gedanken ihn vor Gericht in kleine, handliche Stücke zerlegte, wie der Admiral es ihm angekündigt hatte.
1638 Z-Zeit (11:38 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac sah auf, als jemand eine dampfende Tasse vor ihr abstellte. "Hmm, Cappuchino, danke, Bud." Sie schob die Akte, an der sie gerade gearbeitet hatte, beiseite und zog die Tasse zu sich heran. "Ich hoffe, er ist stark genug."
Bud nickte. "Ich hab‘ die doppelte Menge genommen, Ma’am. Geht es Ihnen gut?" fügte er besorgt hinzu.
Mac rührte gedankenverloren in ihrem Cappuchino. "Wie? Oh, ja, Bud, alles in Ordnung. Ich bin es nur leid, Harm ständig anlügen zu müssen. Sie haben mir doch selbst erzählt, daß Diane und ich so verschieden sind. Harm kennt mich recht gut – noch immer – und früher oder später wird er Verdacht schöpfen." Mac nippte vorsichtig an dem heißen Getränk und fand, daß es genau das war, was sie jetzt brauchte. "Und was ist mit Ihnen, Bud? Alles okay?" Über den Rand der Kaffeetasse hinweg sah sie ihren "Zögling" an.
"Ja, Ma’am, alles klar ... das heißt, seit wir schwanger ... ich meine, seit Harriet schwanger ist ..." Bud machte eine wirre Handbewegung und wußte nicht, wie er es ausdrücken sollte.
Mac lächelte ihm beruhigend zu. "Schon gut, Bud, ich denke, ich weiß, was Sie meinen. Machen Sie sich keine Sorgen; ich bin mir sicher, daß sie ein wundervoller Vater sein werden."
"Sie sind sich sicher, Ma’am?" fragte Bud hoffnungsvoll und sah sie mit großen Augen erwartungsvoll an.
Mac nickte. "Hundertprozentig, Bud." versicherte sie ihm und sie meinte es ernst.
"Ma’am, daß Sie das sagen, das ... bedeutet mir viel. Ähm, Harriet und ich... wir würden Sie morgen abend gerne einladen ... zum Essen, Ma’am. Es, ähm, geht um ... wir möchten Sie etwas fragen." brachte Bud schließlich etwas verlegen heraus.
1944 Z-Zeit (14:44 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm klappte die Akte zu und lehnte sich zurück. Langsam nahm die Verteidigungsstrategie in seinem Kopf konkrete Züge an. Susan Mitchell war 28 Jahre alt und diente als Lieutenant auf der USS Kitty Hawk, einem Flugzeugträger der US-Navy. Sie arbeitete im technischen Bereich und ihre Leistungen ließen nichts zu wünschen übrig. Sie war bei ihren Vorgesetzten angesehen und bei ihren Kollegen beliebt – an Leumundszeugen würde es ihm ganz sicher nicht mangeln. Ihre Dienstakte war tadellos und auch im Zivilleben hatte sie sich nie etwas zu Schulden kommen lassen – bis jetzt. Erstaunlich, wenn man ihren familiären Hintergrund in Betracht zog. Ihr Vater war Alkoholiker und hatte sie von Kindheit an mißhandelt, wenn er betrunken war. Susans Mutter hatte die Familie verlassen, als sie 12 Jahre alt gewesen war, und niemand wußte, wo sie sich jetzt aufhielt.
Harm stutzte ... etwas an dieser ganzen Geschichte kam ihm bekannt vor und machte ihn betroffen. Sicher, es war nicht das erste Mal, daß er in seiner Karriere als Anwalt auf einen solchen Fall stieß und er war noch nicht an einem Punkt angelangt – und würde es hoffentlich auch nie – an dem ihm das Schicksal seiner Mandanten gleichgültig war, aber das seltsame Gefühl, das ihn bedrückte, seit er die Akte gelesen hatte, war etwas anderes, als nur Mitleid mit einer jungen Frau, die er noch nicht persönlich kannte. Erneut wünschte er, er könnte sich endlich wieder an alles erinnern. Zu viele Dinge ergaben in den letzten Tagen einfach keinen Sinn.
Harm ermahnte sich selbst und wandte sich wieder den Fakten zu. Susan Mitchell wurde vorgeworfen, ihren Vater während eines Landurlaubs ermordet zu haben. Die Indizien sprachen gegen sie: Ihre Fingerabdrücke waren auf der "Tatwaffe", einer schweren Bodenvase, und sie war gesehen worden, als sie eine halbe Stunde vor dem Todeszeitpunkt die Wohnung ihres Vaters betreten hatte. Dennoch glaubte Harm, daß er genügend auf der Hand hatte, um begründete Zweifel an der Schuld seiner Mandantin wecken zu können. Zwar wußte er, daß Diane ein ernstzunehmender Gegner vor Gericht war, doch das war es nicht, was ihm Sorgen machte ... er machte sich eher Sorgen um Diane selbst.
<Moment, wieso sollte ich mir Sorgen um sie machen? Niemand hat irgendetwas gesagt, das auch nur im entferntesten darauf hindeuten würde, daß dieser Fall nicht einer wie jeder andere für sie ist...> erinnerte er sich selbst. Und dennoch: Irgendetwas beunruhigte ihn und er erhob sich, um hinüber in Dianes Büro zu gehen und sich zu vergewissern, daß mit ihr alles in Ordnung war.
Er war erst zwei Schritte weit gekommen, als es an der Türe klopfte. "Ja?" rief er und blieb stehen.
Harriet Sims-Roberts trat ein. Harm lächelte ihr automatisch zu. Er hatte inzwischen festgestellt, daß er den blonden Ensign – wie jeder hier – mochte; nicht einmal der Admiral konnte ihr einen Wunsch abschlagen. "Was kann ich für Sie tun, Ensign?"
"Sir, es ist eine private Bitte." begann Harriet zögernd.
Harm nickte ihr aufmunternd zu; er hatte bereits festgestellt, daß hier bei JAG in gewissem Sinn eine fast familiäre Atmosphäre herrschte. "Um was geht es, Harriet?" erkundigte er sich offen.
"Bud und ich, wir haben uns gefragt, ob Sie und der Ma ... Mac morgen abend mit uns essen gehen würden. Wir haben etwas mit Ihnen zu besprechen." erklärte Harriet und sah ihn fragend an.
Harm lächelte warm. "Das klingt aber geheimnisvoll – und ich konnte mir ein Geheimnis noch nie entgehen lassen; ich werde kommen. Wann und wo – und sagen Sie mir jetzt nicht, wir essen Beltway Burger!?" Er hatte heute morgen erneut zusehen müssen, wie Diane genüßlich einen dieser ungesunden Burger verdrückte. Er lächelte, als er sich an ihre Unterhaltung erinnerte. <Was ist DAS denn?> hatte er skeptisch gefragt. <Hey, das sind die vier Hauptnahrungsquellen.> hatte Diane grinsend erwiderte und ihn dann belehrt: <Stärke, Fett, Ketchup und totes Tier.>
Harriet lachte, auch sie kannte Macs Ernährungsgewohnheiten. "Keine Angst, Sir, wir dachten da eher an etwas Italienisches."
"Wunderbar. Ähm, Harriet, ich weiß, Sie assistieren Diane im Mitchell-Fall und dürfen eigentlich nicht darüber reden, aber ... geht es ihr gut?" erkundigte er sich vorsichtig.
Harriet sah ihn aufmerksam an. "Nun ja, Sir, Sie wissen ja, was solche Fälle Mac bedeuten ..."
"Nein, tut mir leid, das weiß ich nicht, aber ich hätte nichts gegen eine kleine Erklärung einzuwenden." meinte Harm und zwinkerte ihr lächelnd zu.
Harriet erwiderte diesmal das Lächeln nicht. "Na ja, ich meine, ihr familiärer Hintergrund, Sir..." stammelte sie und verwünschte sich selbst, daß sie nicht den Mund gehalten hatte. <Langsam bin ich ja schlimmer als Bud.> sagte sie sich selbst.
"Harriet, ich kenne ihren ’familiären Hintergrund‘, was hat das mit dem Mitchell-Fall zu tun?" fragte Harm verständnislos.
"Nichts, Sir, nur denke ich, daß Alkoholismus und Kindesmißhandlung recht ... heikle Themen für sie sind." versuchte Harriet, sich aus der Affäre zu ziehen.
"Sind sie das nicht für jeden, Ensign?" fragte Harm stirnrunzelnd.
"Oh, ja, natürlich, Sir... ähm, würden Sie mich bitte entschuldigen, ich müßte einmal dringend ... der Kleine hier drückt auf meine Blase." Sie errötete leicht und flüchtete aus dem Büro.
Harm warf einen Blick auf die Uhr an der Wand und stellte fest, daß er sich auf den Weg machen mußte. In zwanzig Minuten sollte er sich mit Susan Mitchell treffen, die bis zum Verhandlungsbeginn in Untersuchungshaft saß.
1721 Z-Zeit (12:21 Uhr EST)
Gerichtssaal des JAG-Hauptquartiers
Falls Church, Virginia
Mac verharrte vor der Türe des Gerichtssaales, als sie Harm und Bud um die Ecke biegen sah. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich beherrschen, nicht die Hymne des Marine Corps zu pfeifen. "Na, bereit für die nächste niederschmetternde Runde, Herr Anwalt?" fragte sie stattdessen keck.
Harm grinste breit, ohne sich auch nur im Geringsten verunsichern zu lassen. "Niederschmetternd für wen, verehrteste Kollegin?" wollte er wissen.
"Laß dich einfach überraschen, Fliegerheld ... aber sag‘ nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt." Mit diesen Worten verschwand Mac im Inneren des Gerichtssaales. Harm folgte ihr grinsend. Sie hatten sich schon den ganzen Morgen vor Gericht gegenübergestanden und er mußte ehrlich zugeben, daß er beeindruckt war, sehr beeindruckt sogar, obwohl er das nie offen eingestanden hätte. Diane war einfach ... brilliant. So wie die Verhandlung jetzt stand, würde seine Mandantin mit Sicherheit schuldig gesprochen werden, aber Harm hatte nicht vor, einfach kampflos aufzugeben. Jetzt, nach Ende der Mittagspause, war er an der Reihe, einige Zeugen zu befragen und er hatte vor, jetzt eine Wende herbeizuführen.
"Lieutenant Burke, Sie sind die Zimmergenossin von Lt. Mitchell auf der Kitty Hawk, ist das richtig?" Harm ging vor dem Zeugenstand auf und ab und blieb stehen, um der Zeugin einen fragenden Blick zuzuwerfen.
"Ja, Sir, wir teilen uns eine Kabine." antwortete die junge Offizierin.
"Hat Lt. Mitchell mit Ihnen über den bevorstehenden Urlaub gesprochen, bevor sie an Land gegangen ist?" fragte Harm weiter.
"Ja, Sir. Sie hat erwähnt, daß sie in Washington einige Dinge erledigen und bei der Gelegenheit auch ihren Vater besuchen wollte." erzählte die Zeugin.
"War Lt. Mitchell dabei aufgeregt oder wütend?"
"Einspruch, Euer Ehren!" kam es von der Anklagebank. "Die Zeugin kann die Gefühle der Angeklagten nicht kennen!"
Der Richter nickte. "Stattgegeben."
"Na schön, dann werde ich die Frage anders formulieren. Welchen Eindruck machte Lt. Mitchell vor dem Besuch bei ihrem Vater auf Sie?" wollte Harm wissen.
"Nun, sie schien sich nicht zu freuen, wenn Sie das meinen, Sir, das Verhältnis zu ihrem Vater war nie besonders gut, aber sie war auch nicht wütend oder nervös." erklärte Lt. Burke. "Sie wirkte nicht wie jemand, der vorhat, einen Mord zu begehen, Sir."
Harm nickte. "Keine weiteren Fragen an die Zeugin, Euer Ehren." Er ging zurück zu seinem Tisch und war gespannt, was Mac zu sagen hatte.
Mac erhob sich langsam und ging zum Zeugenstand hinüber. "Lt. Burke ... würden Sie sagen, daß Lt. Mitchell ein besonders ausgeglichener Mensch ist?" begann sie, die Zeugin zu befragen.
"Ma’am, sie hatte eine schwierige Kindheit und ..."
"Beantworten Sie bitte meine Frage, Lieutenant!" forderte Mac sie eindringlich auf.
"Nein, Ma’am, das ist sie nicht." gab Lia Burke zu.
"Lt. Mitchell wurde – wie wir vorhin von Zeuge Czerny gehört haben – gesehen, wie sie gegen 18.30 Uhr die Wohnung des Opfers betrat, eine halbe Stunde vor dem vermutlichen Todeszeitpunkt. Außer ihr wurde niemand in der Nähe des Tatortes gesehen. Könnte Lt. Mitchell nicht ihren Vater besucht haben, in einen Streit mit ihm geraten sein und ihn mit der aufgestauten Wut vieler Jahre erschlagen haben?"
"Einspruch, Euer Ehren!" Harm sprang auf. "Das ist reine Spekulation!"
"Stattgegeben. Verzichten Sie bitte auf derartige Fragen, ... Lt. Cmd." bat Richter Morris streng. Mac grinste ein wenig bei dem Gedanken an das Gespräch zwischen ihr, Morris und Admiral Chegwidden, bei dem der Admiral dem Richter die Situation erklärt und ihn gebeten hatte, Mac nicht mit "Major MacKenzie", sondern mit "Lt. Cmd. Schonke" anzusprechen und nicht darauf zu achten, daß Mac für einen Marine eigentlich nicht die richtige Uniform trug. Morris hatte es erstaunlich ruhig hingenommen – seit der Sache mit dem Maschinengewehr konnte ihn vermutlich nichts mehr schocken, was mit Harmon Rabb und Sarah MacKenzie zu tun hatte. Seufzend sah Mac an sich hinunter; diese dunkelblaue Navy-Uniform trug sich einfach nicht so gut wie ihr Marine-Grün. Sie ging zu ihrem Tisch zurück. "Ich habe keine weiteren Fragen."
Harm wußte, daß das auch gar nicht nötig war. Sie hatte die Geschworenen soweit, sich die Frage selbst zu beantworten – und vermutlich lautete die Antwort "Ja". Er erhob sich und atmete tief durch. "Ich rufe Detective Buchanan in den Zeugenstand."
"Detective, Sie waren der erste, der den Tatort betreten hat." begann er, sobald der Zeuge vereidigt worden war. "Und Sie haben auch die Beweismittel sichergestellt. Dazu gehörte auch eine Bodenvase, richtig?"
"Ja, das ist korrekt – beziehungsweise das, was davon übrig war; eigentlich sind es nur noch Scherben." antwortete der Polizist.
"Konnten Sie Fingerspuren darauf entdecken, Detective?" wollte Harm wissen.
"Ja, die des Opfers, Paul Mitchell und die der Angeklagten." gab der Zeuge Auskunft.
"Sonst nichts?"
"Nein, obwohl man sich da nicht ganz sicher sein kann, denn wie gesagt, es sind nur noch Scherben." räumte Buchanan ein.
"Also könnten durchaus auch noch Fingerabdrücke anderer Personen auf der Tatwaffe gewesen sein?"
"Es ist nicht auszuschließen." bestätigte der Detective.
"Wie sieht es mit der Wohnung aus? Der Nachbar, Mr. Czerny, hat ausgesagt, daß er außer meiner Mandantin keine weiteren Personen im Treppenhaus gesehen hat. Könnte jemand auf anderem Wege in die Wohnung gelangt sein?" erkundigte sich Harm und schielte zu Mac hinüber.
"Einspruch!" kam es auch schon erwartungsgemäß von ihr. "Die Verteidigung versucht dem Zeugen eine bestimmte Antwort zu suggerieren!"
"Euer Ehren, ich versuche lediglich, alle Möglichkeiten aufzuzeigen. Die eine Möglichkeit, daß meine Mandantin die Täterin sein könnte, hat die Anklagevertretung ja schon zur Genüge dargelegt." widersprach Harm.
"Einspruch zurückgewiesen. Fahren Sie mit dem Verhör fort, Commander. Der Zeuge wird die Frage beantworten." entschied Richter Morris.
"Danke, Euer Ehren. Also, Detective, gab es noch andere Möglichkeiten außer dem Treppenhaus, in die Wohnung des Opfers zu gelangen?" wiederholte Harm die Frage.
"Ja, die gab es. Die Wohnung liegt in der 1. Etage, über die Feuerleiter hätte man sehr leicht auf den Balkon gelangen können und von dort ins Haus." berichtete der Polizist. "Die Balkontüre war offen, als man den Toten fand."
"Keine weiteren Fragen." Harm setzte sich zufrieden. Er wußte, daß er den Fall jetzt dort hatte, wo er ihn haben wollte. Es war ihm gelungen, Zweifel an der Schuld seiner Mandantin zu wecken.
1841 Z-Zeit (13:41 Uhr EST)
Gerichtssaal des JAG-Hauptquartiers
Falls Church, Virginia
"Mister Jamison, Sie haben die Obduktion der Leiche durchgeführt. Was würden Sie sagen, woran das Opfer gestorben ist?" Harm sah den Pathologen fragend an.
"Stumpfe Gewalteinwirkung, Sir." antwortete der Mediziner. "Ein Gegenstand – vermutlich die Vase, die von der Polizei als Mordwaffe identifiziert wurde – hat ihn recht unglücklich rechts am Hinterkopf getroffen."
"Das Opfer wurde also von hinten erschlagen?" vergewisserte sich Harm.
"Es hat den Anschein." stimmte der Pathologe zu.
"Es ist also möglich, daß er von hinten überrascht wurde und den Täter gar nicht kannte?" wollte Harm wissen.
"Euer Ehren, Einspruch!" protestierte Mac. "Der Zeuge ist Pathologe, er kann keine Aussagen zum Tathergang machen!"
"Stattgegeben." antwortete Richter Morris sofort. "Commander Rabb, bitte beschränken Sie Ihre Fragen auf das Fachgebiet Ihres Zeugen."
"Jawohl, Euer Ehren. Mr. Jamison, Sie sagten eben, das Opfer wurde auf der rechten Seite des Kopfes getroffen. Bedeutete das, daß der Täter vermutlich Rechtshänder war?" fragte Harm.
"Das kann man vermuten, ja, Sir." meinte Jamison.
Harm nickte. "Nur für die Akten: Lt. Mitchell ist Linkshänderin." Er setzte sich. "Ihr Zeuge, Lt. Cmd. Schonke." sagte er grinsend zu Mac. Seine Mandantin, eine junge rothaarige Frau, sah jetzt recht siegesgewiß aus und sie hatte auch allen Grund dazu.
"Ich habe keine Fragen an diesen Zeugen, Euer Ehren." erklärte Mac überraschenderweise. "Aber ich würde gerne Lt. Mitchell in den Zeugenstand rufen – falls die Verteidigung nichts dagegen einzuwenden hat."
Harm runzelte die Stirn und beugte sich zu Susan Mitchell hinüber. "Sie müssen das nicht tun, Lieutenant." erklärter er ihr. "Es ist zwar ein kleiner Pluspunkt für die Anklage, wenn sie es so hinstellen kann, als hätten sie Angst, in den Zeugenstand zu treten, doch das ist nichts gegen den großen Pluspunkt, den sie hätte, wenn sie Sie ersteinmal da oben hat und Sie auseinandernehmen kann."
Doch Susan Mitchell lächelte nur. "Ich lasse mich nicht so leicht auseinandernehmen, Sir." versicherte sie und nickte dem Richter zu. "Ich bin bereit, auszusagen, Sir."
"Lt. Mitchell, wie würden Sie die Beziehung zu Ihrem Vater beschreiben?" fragte Mac und sah die Angeklagte ernst an. Ihr Gesicht zeigte nur Professionalität und nur, wer sie so gut kannte wie Harm oder Chegwidden, der unter den Zuschauern war, wußte, daß dies harte Arbeit für sie war.
"Wir sahen uns nicht sehr häufig, Ma’am." antwortete Susan Mitchell knapp.
"Wieso nicht?" hakte Mac sofort nach.
"Wir standen uns nicht so nahe, Ma’am. Mein Vater ... war alkoholabhängig und kein sehr liebevoller Vater." Die junge Offizierin sagte es mit gesenktem Blick.
Mac schluckte kaum merklich, sie wußte genau, wie es in der jungen Frau aussehen mußte. Aber sie war über diese Gefühle von Schuld, Liebe, Haß und Wut hinausgewachsen und hatte gelernt, ihre Arbeit zu tun. "Was meinen Sie konkret damit, Lieutenant?" fragte sie. <Als wüßte ich das nicht zu genau!> dachte sie ironisch.
"Er ... schlug mich immer, wenn er getrunken hatte, Ma’am." kam die leise Aussage. Harm sah, wie "Diane" sich auf die Lippen biß.
"Haben Sie ihn gehaßt, Lt. Mitchell?" forschte Mac weiter und ihre Augen ruhten in denen der Angeklagten.
"Er war mein Vater, Ma’am." erwiderte Susan Mitchell und niemand verstand besser als Mac, was sie damit sagen wollte.
"Ist das der Grund, wieso Sie ihn besucht haben, obwohl er Sie so oft geschlagen und Sie verletzt hatte? Ist das der Grund, warum Sie hingingen, obwohl Sie wußten, daß es wieder Ärger geben konnte?"
"Ma’am, ich wollte ihm noch eine Chance geben." sagte die Angeklagte leise.
"Und er hat sie nicht genutzt ... er wollte Sie wieder schlagen, hab ich Recht? Aber diesmal haben Sie sich gewehrt, denn Sie sind jetzt bei der Navy und kein hilfloses Kind mehr. Als er die Hand gegen Sie erhob, da haben Sie in Panik zum nächstbesten Gegenstand gegriffen und damit zugeschlagen. Wenn Ihr Vater sich zu diesem Zeitpunkt ein wenig gedreht hatte, weil sein Schlag Sie verfehlt hatte, dann hätten Sie ihn an der rechten Seite des Hinterkopfes getroffen." Mac demonstrierte den Vorgang, indem sie mit der linken Hand ihre leere Kaffeetasse schwang. "Habe ich Recht, Lieutenant? Habe ich Recht?" Ihre Stimme war nicht hart, nur professionell – und ein wenig traurig.
Harm sprang auf und umrundete den Tisch. "Ich erhebe Einspruch, Euer Ehren! Die Anklage pflegt Umgang mit unbewiesenen Tatsachen und versucht, meine Mandantin einzuschüchtern!" Er brauchte nicht auf die Antwort des Richters zu warten, denn das Schweigen seiner Mandantin sagte ihm genug – und den Geschworenen würde es ebenfalls etwas sagen.
"Na schön, ich ziehe die letzte Frage zurück, Euer Ehren. Ich denke, sie ist ohnehin nicht mehr nötig – wir wissen genug. Keine weiteren Fragen."
"Commander, wenn Sie die Angeklagte befragen möchten..." Richter Morris machte eine einladende Handbewegung in Richtung Zeugenstand.
Harm sah seine Mandantin fragend an, noch immer bereit zu kämpfen, aber Susan Mitchell schüttelte nur stumm den Kopf. "Keine Fragen, Euer Ehren." erklärte Harm.
Richter Morris ließ den kleinen Holzhammer auf den Tisch niedersausen. "Die Geschworenen ziehen sich jetzt bis zur Urteilsverkündung zurück." rief er, um den Lärm, der im Zuschauerbereich entstand, zu übertönen.
Zwei Marines führten Lt. Mitchell in Handschellen hinaus und Harm folgte langsamer. "Na, Commander?" fragte Admiral Chegwidden, als er an ihm vorbeikam. Harm grinste schwach. "Tja, Sir, ich glaube, ich weiß jetzt, wie GNADE buchstabiert wird." meinte er lächelnd.
1958 Z-Zeit (14:58 Uhr EST)
Hinterhof des JAG-Hauptquartiers
Falls Church, Virginia
Harm wußte genau, daß er sie hier finden würde; ihm war nicht klar, woher, aber er wußte es. Tatsächlich saß sie auf einer Bank, als er aus dem Gebäude kam. Leise trat er näher und räusperte sich behutsam, um sie nicht unnötig zu erschrecken.
Mac sah auf. "Harm." grüßte sie ernst.
"Diane." erwiderte Harm, berührte flüchtig ihre Schulter und lächelte warm. Seltsamerweise schien dies nicht als die Aufmunterung zu wirken, als die es gedacht war, sondern es schien Mac nur noch mehr zu deprimieren. "Ich gratuliere, Frau Anwältin."
"Das Urteil ist noch nicht verkündet worden." Widersprach Mac, ohne aufzusehen.
"Hey, wir wissen doch beide, daß das nur noch eine reine Formsache ist. Es geht jetzt höchstens noch um das Strafmaß. Du hast schon gewonnen." Mac sah dennoch kein bißchen glücklich darüber aus. "Diane, was ist los? Alles in Ordnung mit dir? Du kamst mir vor Gericht heute so vor, als belaste dich etwas. Du weißt, daß du jederzeit mit mir darüber reden kannst, ganz egal was es ist." sagte Harm sanft.
Mac biß sich auf die Lippe. Wieso zum Teufel mußte er so nett sein, das machte alles noch viel schlimmer! Diane und die Wahrheit über ihre Identität lasteten schwer auf ihren Schultern ... und auf ihrem Gewissen. "Harm, ich ..." Sie wußte nicht, wie sie diesen Satz beenden sollte. Unglücklicherweise <Wohl eher glücklicherweise, um ehrlich zu sein, Marine!> signalisierte ihnen in diesem Moment ihr Pieper, daß die Geschworenen nun zur Urteilsverkündung bereit waren.
Mac erhob sich mit mehr Schwung, als tatsächlich in ihr steckte. "Okay, Flyboy, laß uns gehen."
Harm ließ ihr den Vortritt, als sie zurück zum Gerichtssaal gingen und Mac spürte, wie sein besorgter Blick auf ihr ruhte.
2134 Z-Zeit (16:34 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac kehrte langsam und nicht eben enthusiastisch in ihr Büro zurück. Sie schloß die Türe hinter sich und schloß die Blenden davor. Dann ließ sie sich in ihren Schreibtischsessel sinken und schloß für einen winzigen Moment die Augen. So schlecht hatte sie sich noch nie nach einem Sieg gefühlt, das war sicher! <Hey, verdammt, Marine, du bist ein Devil Dog, schon vergessen? Reiß dich zusammen!> ermahnte sie sich selbst und richtete sich wieder auf. Als sie aufsah, fiel ihr Blick auf die einzelne Blume, die mitten auf ihrem Schreibtisch lag. <Eine Rose. Eine gelbe Rose.> Zuerst dachte sie, es wäre eine kleine Aufmerksamkeit von Harm, um sie aufzumuntern, aber nein, so schnell konnte er nicht in sein Büro zurückkehren und Blumen bestellen. Außerdem wußte er nicht mehr, welche besondere Bedeutung Rosen für sie hatten. Verwundert nahm sie die Rose zwischen zwei Finger und roch daran. Momentan gab es nicht gerade viele Männer in ihrem Leben, die ihr Rosen schenken würden.
Da entdeckte sie die Karte, die unter der Rose gelegen hatte.
To a Marine
Pride means a security in who you are, a confidence in your skill,
in your brothers and in your uniform.Courage means acting in spite of your fear.
Honor means being above reproach, at all times, no matter who’s watching.
Commitment means never quit, never die.
Discipline means that thing your D.I. drilled into you ...
the thing that comes out when you’re in a fight-or-flight-situation.Brotherhood means you love another Marine, just because he or she’s a Marine.
Equality means a Marine is a Marine is a Marine.
Duty means obeying every lawful order
and having the courage to not obey the unlawful ones.Semper means always. You always bring your buddies home.
Fidelis means faithful. You never leave your own behind;
you never abandon your country.Semper Fi, Marine!!
John
Mac blinzelte gerührt. <Ich hätte es wissen sollen,> dachte sie mit einem Blick auf den Kalender. Heute vor 10 Jahren war sie dem Corps beigetreten.
Es klopfte vorsichtig an der Tür und Harm streckte den Kopf herein. "Mac?" fragte er behutsam.
Sie war froh, daß er sie gerade jetzt nicht "Diane" nannte. "Hm?"
"Alles in Ordnung mit dir?" erkundigte er sich fürsorglich.
"Oh ja, mir geht’s bestens, alles okay." murmelte Mac und fühlte sich auch wirklich schon besser – gleich zwei Freunde, die an sie dachten, wie konnte es ihr da schlecht gehen?
Harm entdeckte jetzt die Rose, die sie noch immer zwischen den Fingern hin und her drehte. "Rosen?" fragte er überrascht. Tief in ihm rührte sich etwas wie ... Eifersucht? Schnell unterdrückte er diesen Gedanken; er sorgte sich nur um Diane, das war alles. Er dachte lediglich, daß sie etwas besseres verdient hatte als einen Kerl, der ihr nur eine einzige Rose schenkte. <Oh man, ich hab wirklich noch nie jemanden getroffen, der einen so schlechten Geschmack hat, was Männer betrifft.> dachte er und erstarrte dann. <Moment mal, wo kam das denn her? Ich hab doch noch nie einen von Dianes Freunden kennengelernt...>
"EINE Rose, Harm." verbesserte Mac und unterbrach damit Harms Gedanken. "Eine GELBE Rose."
Harms Gesicht erhellte sich wieder und sein Lächeln zog sich in die Breite. "Von einem Freund, hm?" schloß er messerscharf. <Nur ein Freund.> dachte er irgendwie beruhigt.
Mac grinste. "Na ja, eher von meinem ... ähm, Ex-Geliebten." Sie sah ihn nur aus den Augenwinkeln heraus an, wollte aber trotzdem seine Reaktion nicht verpassen. Dafür wurde sie auch umgehend belohnt.
Harm steckte sich den Zeigefinger ins Ohr und schüttelte kräftig, als habe er Wasser im Gehörgang und habe deshalb etwas falsch verstanden. "Deinem ... WAS, bitte?"
Mac wußte, daß es nicht unbedingt fair war; Harm hielt sie für Diane, seine Freundin seit Akademietagen, in die er wohl ein wenig verliebt gewesen war, vielleicht war sie sogar seine große Liebe gewesen und – wer wußte das schon – heute Mrs. Rabb, wenn sie noch leben würde. Es war nicht fair, ihn mit dem Gedanken zu quälen, daß "seine" Diane Rosen von ihrem "Ex-Liebhaber" bekam, aber sie hatte einfach nicht widerstehen können, sie neckte Harm viel zu gerne. Lächelnd winkte sie ab. "Schon gut, Harm, ich hab nur Spaß gemacht. Die Rose ist von meinem ehemaligen C.O. Er will mich damit an den Jahrestag meines Eintritts ins ... in die Navy erinnern." gab sie schließlich zu.
Harm zog skeptisch eine Augenbraue hoch. "Bist du sicher, daß da nicht mehr dahintersteckt?" vergewisserte er sich. <Nicht, daß ich es ihrem C.O verdenken könnte...> dachte er so für sich und fügte laut hinzu: "Ich meine, Captain Hockhausen schickt mir keine Rosen, um mir zu meinem Jahrestag zu gratulieren."
"Nein, Harm, nach eurer letzten Begegnung sicher nicht. Und ja, ich bin sicher, daß es nicht mehr ist als eine Geste unter Freunden und Offizieren, die sich respektieren." Sie brauchte nicht einmal zu lügen, denn zwischen ihr und John Farrow war längst nicht mehr mehr als nur Freundschaft.
Während der nächsten halben Stunde waren sie in ein Gespräch über Captain Hockhausen und die Gerichtsverhandlung vertieft, in der Harm bewiesen hatte, daß sein ehemaliger Fluglehrer an einer Sehschwäche litt und deshalb einen Unfall verursacht hatte. Erst als bereits die ersten Offiziere begannen, sich auf den nach Hause-Weg zu machen, erinnerte sich Harm pflichtschuldig daran, daß in seinem Büro noch Papierarbeit auf ihn wartete.
"Wir sehen uns ja heute abend, Diane." meint er, als er zur Türe ging und lächelte voller Vorfreude.
Mac war weniger zum Lächeln zumute, als sie dieses Flyboy-Grinsen sah, das die seltsamsten Wirkungen auf sie haben konnte. <Harriet und Bud, ein Abendessen im LaTour, Harm und ich – als Diane. Eine tödliche Kombination!> dachte sie sorgenvoll. Sie mußte sich anstrengen, um sich nicht zu verraten und Bud und Harriet damit den Tag zu verderben.
Sie riß sich zusammen. <Hey, ich bin ein Marine und habe schon Kampfeinsätze mit Bravour bestanden, da werde ich ja wohl noch einige dieser Flieger-Lächeln aushalten können!> "Wie wär’s, wenn ich dich heute abend abhole? Ich schätze, wo das LaTour ist, hast du auch vergessen, oder?"
Harm nickte. "Richtig geraten. Ich hoffe, das hat nichts mit der Qualität des Essens dort zu tun..." Sie lachten beide. "Sieben Uhr?"
Mac nickte. "Okay, sieben Uhr, pünktlich." stimmte sie zu.
Harm grinste. "Pünktlich, was auch sonst."
2359 Z-Zeit (18:59 Uhr EST)
NÖRDLICH DER UNION-STATION
Washington D.C.
Harm schlüpfte gerade in sein Hemd als es klingelte. Er hüpfte einen Moment lang auf einem Bein durch die Wohnung, bis er endlich auch den anderen Schuh angezogen hatte und öffnete dann die Türe. "Hey, pünktlich wie immer." sagte er grinsend und betrachtete sie von oben bis unten. Sie trug ein weinrotes, eigentlich recht schlichtes Kleid, das knöchellang war und einen geschwungenen, aber nicht zu tiefen Ausschnitt hatte. <Als könnte je etwas schlicht sein, was Diane trägt.> dachte Harm und schmunzelte.
"Ich bin sogar 24 Sekunden zu früh dran, um ganz genau zu sein." erwiderte Mac und sah zu, wie Harm die letzten Knöpfe seines hellgrauen eleganten Hemdes schloß. <Wer braucht schon Gala-Uniformen, wenn man in Jeans und Hemd SO gut aussieht.> dachte sie und ein wenig seufzend: <Das wird wohl wirklich ein langer Abend.>
"Aber eine Minute gibst du mir schon noch, oder?" fragte Harm lächelnd.
"Du hast noch 11 Sekunden, Seemann, nicht eine mehr oder weniger. Harriet und Bud scheinen irgendetwas vorzuhaben, das Ihnen viel bedeutet und da kann ich doch nicht zulassen, daß ihr brillianter Lehrer sich verspätet."
"Uh! Ein Kompliment von Lt. Cmd. Diane Schonke und das so früh am Abend – ich bin geschockt." Harm faßte sich in einer dramatischen Geste ans Herz und mimte einen Infarkt.
Mac lächelte schelmisch und beschloß für diesen einen Abend zu ignorieren, daß er sie Diane nannte – leider war das aber leichter gesagt als getan. "Piloten-Egos! Ich hab mich gemeint, nicht dich, Fliegerheld!"
Harm schnappte sich Schlüssel und Jacke und schob seine Begleiterin zur Türe hinaus. "Na bitte, ich bin doch pünktlich." triumphierte er.
"Du weißt nichtmal wie das Wort pünktlich geschrieben wird, Harmon Rabb junior – im Übrigen bist du 32 Sekunden zu spät dran." widersprach Mac nüchtern.
"Du solltest mir wirklich mal verraten, ob sie dieses Uhrwerk jetzt serienmäßig in die Jura-Absolventen einbauen." meinte Harm mit seinem breiten Flieger-Grinsen.
"Sorry, Flyboy, ich bin eine Einzelanfertigung." entgegnete Mac betont würdevoll.
Harm lachte. Er hatte sich seit auf diesen Abend gefreut, seit er Harriets Einladung erhalten hatte, und nun wußte er auch, warum – und daß die Vorfreude berechtigt gewesen war.
0014 Z-Zeit (19:14 Uhr EST)
Vor dem Restaurant LaTour
Washington D.C.
Bud winkte mit beiden Armen, als er Macs rote Corvette um die Ecke biegen sah. "Harriet, da sind sie!" rief er aufgeregt und mit einem Blick auf die Uhr: "Sie sind pünktlich."
"Natürlich sind sie pünktlich, Bud, der Major ist gefahren!" meinte Harriet. Sie begrüßten ihre Kollegen und dann meinte Harriet, auf den Eingang vom LaTour zeigend: "Sollen wir?"
Die anderen nickten und machten sich auf den Weg. Bud eilte seiner Frau zwei Schritte voraus, um ihr die Türe aufzuhalten.
Mac spürte, wie Harm ihr fast automatisch die rechte Hand federleicht auf den Rücken legte und sie zuerst eintreten ließ. Als der Kellner sie zum Tisch führte, schob Harm ihr fürsorglich den Stuhl zurück, bevor er sich selbst setzte. Mac lächelte in sich hinein. Es fühlte sich gut an, so ritterlich von Harm behandelt zu werden.
Der Ober kam zum Tisch. "Was möchten die Herrschaften trinken?" erkundigte er sich.
Bud sah die anderen fragend an.
"Alles, nur nichts mit Schirm, das wissen Sie doch, Bud." meinte Mac verschmitzt. Es war ein persönlicher Scherz zwischen ihnen. Als Bud einmal mit Harm und Mac auf einem Außeneinsatz gewesen war, hatte er seinen Kummer darüber, von Harriet getrennt zu sein, solange in Ananascocktails ertränkt, bis er aufgestanden war, um "Delilah" zu singen.
"Wein?" schlug Bud eilig vor.
"Nicht für mich, Bud, es sei denn du möchtest, daß dein Sohn bereits als Alkoholiker zur Welt kommt." erhob Harriet Einspruch. Dann wurde ihr bewußt, was sie da eben gesagt hatte und sie hob erschrocken die Hand zum Mund. "Oh, Entschuldigung, Maj ... Ma’am, ich wollte das nicht sagen!"
Mac lächelte milde. "Schon gut, Harriet, das ist ein ganz normales Wort, nur keine Aufregung meinetwegen." Und zum Kellner gewandt fügte sie hinzu: "Für mich Tonic Water mit einem Stück Zitrone, bitte."
"Tomatensaft." entschied Harriet spontan. Der Kellner sah sie irritiert an, sagte aber nichts und schrieb ihre Bestellung gewissenhaft auf.
Bud sah zwischen Mac und Harriet hin und her. "Ist es okay, wenn ich...?"
"Bud!" mahnten die beiden Frauen gleichzeitig.
"Okay, ich nehme einen Rotwein. Commander?"
"Oh, nein, danke, Bud, keinen Wein für mich." Wehrte Harm ab.
"Wir haben auch einige ausgezeichnete Biere oder ..." begann der Kellner.
"Nein, schon okay, ich schließe mich der Lady an, denke ich." Beschloß Harm, obwohl er eigentlich auch nichts gegen ein kühles Bier einzuwenden gehabt hätte. Aber irgendwie schien es ihm nicht ... richtig zu sein.
"Tomatensaft, Sir?" staunte Bud.
"Tonic Water!" erklärte Harm kopfschüttelnd.
"Harm, es ist nicht nötig, daß du..." begann Mac, doch Harm unterbrach sie sofort.
"Bevor du diese Diskussion beginnst, solltest du es dir gut überlegen. Könnte sein, daß ich mich daran erinnere und mich entscheide, dir den ernährungsmäßigen Wert von Beltway Burger zu erläutern, wenn du dir das nächste Mal einen bestellst." warnte Harm lächelnd.
"Na schön, zwei Tonic Water also." sagte Mac zu dem Kellner, der mit wachsender Verwirrung zuhörte. Wenn diese Vier schon für die Wahl der Getränke so lange diskutieren mußten, wie lange würden sie dann erst fürs Essen brauchen?
Kurze Zeit später hatte er Gelegenheit, es herauszufinden. "Haben Sie keine Sardinen?" fragte Harriet den Ober und blätterte suchend in der Speisekarte.
"Sardinen? Nein, ich bedaure. Aber ich kann Ihnen das Risotto mit Thunfisch empfehlen." entgegnete der Kellner. Harriet nickte und der Ober wandte sich fragend an Bud.
"Die Forelle blau klingt gut." meinte der junge Lieutenant.
"Und ich nehme das Rumpsteak." entschied Mac.
Harm warf ihr einen skeptischen Blick zu und bestellte: "Den Seehecht auf Kaiserinnen-Gemüse und einen Salatteller, bitte."
Jetzt war es an Mac, skeptisch zu blicken. "Du würdest ein gutes Essen nichtmal dann erkennen, wenn es dich anspringt und beißt, Sailor!" meinte sie kopfschüttelnd.
"Hey, ich bin nicht derjenige, der sich Sorgen darum machen sollte, von seinem Essen gebissen zu werden." widersprach Harm.
Eine Weile ging es so zwischen den beiden hin und her. Bud und Harriet sahen sich an und genossen das vertraute neckische Streitgespräch ihrer beiden Vorgesetzten. "Ma’am, Commander," begann Harriet, nachdem der Ober die leeren Teller abgeräumt hatte, "Bud und ich wollten Sie heute abend etwas fragen ... Sie um etwas bitten..." Sie sah zu Bud hinüber, der den Faden sofort aufnahm und fortfuhr: "Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie bereit wären, die Paten unseres kleinen A.J. zu werden."
Einen Moment lang herrschte völliges Schweigen am Tisch. Mac war so ergriffen, daß sie im ersten Moment nicht einen Ton hinausbringen konnte. Nie zuvor hatte sie jemand um soetwas gebeten. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll." gestand sie gerührt.
"Dann sagen Sie ja, Ma’am." meinte Harriet lächelnd. Mac war für sie beinahe wie die große Schwester, die sie nie gehabt hatte, und sie konnte sich keine bessere Patin für ihr Kind vorstellen.
"Sind Sie wirklich sicher, daß Sie ausgerechnet mich fragen möchten? Ich meine, ich habe nicht sehr viel Erfahrung mit Kindern und meine eigenen Erlebnisse ... nun ja, ich schätze, ich bin nicht gerade das, was ein Kind sich als Vorbild nehmen sollte." wandte Mac ein und sah auf ihre Serviette hinab.
"Unsinn, Ma’am, ich hab gesehen, wie Sie mit Chloe umgehen; Sie machen das ganz wundervoll." widersprach Harriet energisch.
"Und ich denke, Sie sind das beste Vorbild, das mein Kind nur haben könnte – Sie sind mein Vorbild, Ma’am ... im Gerichtssaal mein‘ ich, und ich habe viel von Ihnen gelernt." Bud brach ab und bekam rote Ohren. Harm grinste ein wenig und beglückwünschte Bud im Stillen. Diesmal hatte er genau das Richtige zur richtigen Zeit gesagt.
Mac sah einen Moment ziemlich überrascht aus, dann lächelte sie. "Oh, danke, Bud. Wenn das so ist, dann habe ich nichts dagegen, A.J.‘s Patentante zu sein. "
"Und was ist mit Ihnen, Commander?" wollte Harriet wissen und sah ihn bittend an.
"Onkel Harm und Tante Diane... das klingt gut." meinte Harm grinsend. Um ein Haar hätte er <das klingt seltsam> gesagt, ohne zu wissen warum. Er hob sein Glas <mit Mineralwasser> dachte er lächelnd, und prostete dem jungverheirateten Paar zu. "Auf unseren Patensohn!"
"Danke, Commander." Sagten Bud und Harriet gleichzeitig.
Harm rollte mit den Augen. "Hey, jetzt wo ich der Patenonkel Ihres Sohnes werde, sollten Sie langsam dazu übergehen, mich Harm zu nennen." Forderte er die beiden auf.
Mac stubste ihn mit dem Ellenbogen an und schüttelte den Kopf. "Gib’s auf, Harm, das ist verlorene Liebesmüh‘. Die beiden wirst du in 100 Jahren nicht dazu bringen, uns anders als Sir und Ma’am zu nennen."
0239 Z-Zeit (21:39 Uhr EST)
Vor dem Restaurant LaTour
Washington D.C.
Bud drehte unschlüssig den Autoschlüssel in der Hand herum. "Ma’am, Sir, ich möchte Sie ja zu nichts zwingen und wenn Sie keine Lust haben und lieber nach Hause möchten oder ..."
Harriet verdrehte die Augen. "Was Bud zu sagen versucht, ist, daß es ganz in der Nähe von hier eine kleine Bar gibt, in der wir schon öfters gewesen sind. Sehr gemütlich, genau das richtige, um diesen wundervollen Abend ausklingen zu lassen. Wie wäre es?" fragte sie hoffnungsvoll.
Harm und Mac wechselten einen einvernehmenden Blick und sagten im selben Augenblick: "Worauf warten wir noch?"
Die Kneipe war so, wie Harriet sie beschrieben hatte: klein und gemütlich. Sie setzten sich an einen der kleinen, runden Tische. Mac stellte fest, daß Harm erneut auf ein Bier verzichtete und stattdessen "Cola light" bestellte. Und das, obwohl er nichteinmal genau wußte, was es mit ihr – also Diane – und dem Alkohol auf sich hatte. Semper Fi! Einen solchen Freund gab es wohl nur einmal.
Mac sah auf, als an der hinteren Wand der Bar Musik ertönte jemand begann, ein Lied anzustimmen, das wohl "My heart will go on" sein sollte – so genau war das nicht zu erkennen, denn der Sänger hatte wohl was den Alkohol betraf weniger Zurückhaltung geübt als Harm.
Bud erhob sich, sobald das Lied geendet hatte. "Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment." bat er und ging zur Bühne hinüber.
Mac ahnte, was kam und beugte sich zu Harm hinüber. "Machen Sie sich auf eine Überraschung gefaßt – Bud kann singen." raunte sie ihm zu.
"Eines seiner vielen Mysterien?" vermutete Harm und bedauerte es fast, als sie ihre Hand wieder von seinem Unterarm löste. Doch dann wurde er abgelenkt, denn Bud hatte sich jetzt scheinbar für ein Lied entschieden, nahm das Mikrophon und trat zögernd vor.
Er räusperte sich vernehmlich und das Mikrophon übertrug den Ton in unangenehmer Lautstärke. Ein kollektiver Protestschrei ging durch die Bar. Bud senkte das Mikrophon ein Stückchen. "Tut mir leid, ich mache soetwas nicht sehr oft. Aber heute abend möchte ich ein Lied für die wichtigste Frau in meinem Leben singen." Er sah zu Harriet hinüber und diese lief vor Freude rot an.
Bud räusperte sich erneut – wobei er diesmal das Mikro zuhielt – und dann, als die Musik einsetzte, begann er zu singen.
Thank god I found you I was lost without you My every wish and every dream Somehow became reality When you brought the sunlight Completed my whole life I’m overwhelmed with gratitude My Baby, I’m so thankful I found you. I don’t know what you see in me, Girl, you bring out the best in me And I realize when I look into your eyes There’s nothing that I can’t do. Since I met you I feel I can rule the world When I’m with you I can do anything And it’s just because of you
Applaus erklang, als das Lied geendet hatte. Bud verbeugte sich ein bißchen linkisch, kletterte von der Bühne hinunter und kam zurück an den Tisch. Harriet gab ihm sofort einen Kuß auf die Wange. "Das war wirklich süß, Bud, danke." Sie sah ihm tief in die Augen und für eine kurze Weile hatten die beiden Vermählten nur Augen füreinander.
Mac hatte die ganze Zeit über nichts gesagt und nur vor sich hin gelächelt. Fast wäre Harm bereit gewesen, Bud um eine Zugabe zu bitten, um dieses Lächeln von ihr erneut zu sehen.
"Commander, als Mutter Ihres zukünftigen Patensohnes habe ich doch sicher einen Wunsch frei, oder?" unterbrach Harriet seine Gedanken.
Harm wandte seine Augen von Mac ab und drehte sich zu Harriet um. "Lassen Sie mich raten: Sie sind pleite und jetzt soll ich spülen gehen?" fragte er grinsend.
Mac schlug ihn spielerisch auf den Oberarm. "Bring sie nicht auf dumme Gedanken, Harm." warnte sie scherzhaft.
Erneut wandte sich Harm Harriet zu und sah sie fragend an. "Ich habe gehört, Sie spielen Gitarre und sind ein recht guter Sänger ..." begann Harriet vorsichtig.
"Woher haben Sie das gehört?" wunderte sich Harm. War er etwa mitten im JAG-HQ aufgetreten?
"Oh, Annie hat es erwähnt." Erklärte Harriet.
"Annie? Moment, von welcher Annie sprechen wir hier?" erkundigte er sich stirnrunzelnd.
"Annie Pendry, Sir, sie war Ihre Freundin." antwortete Bud zögernd.
"Sie war meine Freundin?" echote Harm mit großen Augen. "Sie war? Was ist mit ihr geschehen?"
Harriet und Bud warfen Mac einen hilfesuchenden Blick zu, denn sie wußten, daß der Major besser über die Sache mit Annie Bescheid wußte. "Ihr wart eine Weile zusammen, aber ich denke, es war eine recht komplizierte Beziehung. Annie ... ich glaube, sie ist nie so richtig über den Tod ihres Mannes hinweggekommen. Sie konnte nicht besonders gut mit deinem aufregenden Job als JAG-Ermittler umgehen und wollte mit allen Mitteln verhindern, daß Josh in die Fußstapfen seines Vaters tritt und zur Navy geht, um zu fliegen. Als du Josh mit auf einen Kreuzer genommen hast, ohne es ihr zu sagen und das Schiff von kubanischen Terroristen übernommen wurde, hat sie die Konsequenzen gezogen und die Beziehung abgebrochen. Es tut mir leid, Harm..." <Die neurotische Annie ...> hallte es wie ein Echo in ihrem Kopf und sie hätte sich noch jetzt für diese in betrunkenem Zustand gesprochenen Worte ohrfeigen können. <Na ja,> dachte sie seufzend, <Harms Worte haben diese Funktion eigentlich ganz gut erfüllt ... Sie sind nicht nur eine Trinkerin; Sie sind eine fiese Trinkerin...> Das hatte sie fast schlagartig nüchtern werden lassen.
Harriet bemerkte, daß ein ziemlich unangenehmes Schweigen entstand und der Major sich nicht sonderlich wohl zu fühlen schien. "Würden Sie etwas für uns singen, Sir?" bat sie Harm.
Dieser stellte wieder fest, daß es schwer war, dem blonden Ensign etwas abzuschlagen. "Na schön, aber Sie tragen die Verantwortung, wenn wir hier rausgeworfen werden." warnte Harm. Er ging zur Bühne und noch bevor er oben war, wußte er, was er singen wollte. Ein richtiges Liebeslied kam nicht in Frage, und auch nichts, was die Zuhörer traurig stimmen würde – er hatte bemerkt, in welcher Stimmung Diane war, seit sie ihm von Annie erzählt hatte. Er wehrte ab, als ihn jemand fragte, ob er ein Textblatt brauche und ließ sich stattdessen eine Gitarre geben. Er fühlte Macs Blick auf sich ruhen, als er zu singen begann.
I know how you’re feeling cause I’ve been there too the world falls apart and then you don’t know what to do Remember the promise Of souls intertwined When we’re having problems Then mine are yours and yours are mine Time and space get in the way But they can never seperate Never let them get you down Any time your world is cold and empty And you don’t know what you can do Even when you don’t know how to face it Remember I’ll be there for you Don’t forget that time is still the healer Love is still the glue So anytime you’re down and feeling troubled Remember I’ll be there for you.
<Singt er das für mich?> fragte sich Mac, während sie keinen Blick von dem dunkelhaarigen Offizier auf der Bühne ließ. Es traf jedenfalls genau auf ihre Situation zu. Sie hatte sich in den vergangenen Jahren mehr als einmal kalt und leer gefühlt und fast nicht mehr weitergewußt, und wie jetzt war Harm dagewesen, mit seinem unaufdringlichen Angebot: When we’re having problems then mine are yours and yours are mine ... So anytime you’re down and feeling troubled, remember I’ll be there for you.
I’m more than your lover – and more than your friend Whenever you need me is when I’ll be there till the end I’ll be there to see you through When the sky falls down on you Oh, you need a friend till the bitter end Call on me and I’ll be there for you.
Harms Lied heißt "I’ll be there for you" (Judith)
Für einen Moment stockte Mac fast der Atem. <I’m more than your lover – and more than your friend.> Diese Zeilen berührten etwas in ihr, vielleicht weil es genau ausdrückte, was sie empfand. Harm war mehr als ein Freund und auch mehr als ein Liebhaber für sie. Es ging weit über das hinaus; sie teilten eine Verbundenheit ... Mac konnte es einfach nicht in Worte fassen. <Ist es ein Zufall, daß er gerade dieses Lied gewählt hat oder ... > Dann traf es sie plötzlich wie ein Schlag: selbst wenn Harm ihr mit diesem Lied irgendetwas sagen wollte, so war diese Botschaft nicht an sie, Mac, gerichtet, sondern an Diane.
Harms sonore Stimme verklang langsam und überall brach begeisterter Applaus los. Harm verbeugte sich und lächelte etwas ironisch.
Er kehrte an den Tisch zurück und fragte grinsend: "Na, so schlecht war es wohl doch nicht, oder?"
Mac bemühte sich, ihre Stimme wieder in den Griff zu bekommen und möglichst locker zu klingen. "Na ja, nicht übel ... für einen alten, abgehalfterten Ex-Piloten."
Harm bewarf sie mit seiner Serviette und sah sie so warm an, daß Macs Herz schmerzte – denn sie wußte, daß dieser Blick, diese Wärme einzig und allein Diane Schonke galten, nicht wirklich ihr. <Er mag mich ... als Diane. Es ist nur mein Aussehen, mehr nicht. Wenn er sich an alles erinnern kann, bin ich wieder nur seine Kollegin Mac für ihn.> Aber das hätte sie mit Freuden in Kauf genommen, wenn sie dafür einen Harm mit kompletter Erinnerung zurückbekommen hätte, einen, vor dem sie sich nicht ständig verstellen und in Acht nehmen mußte, was sie sagte.
Ihr fiel plötzlich auf, wie sehr sie Harm vertraute; sie hatte es praktisch vom ersten Tag an getan und dieses Vertrauen war ständig gewachsen. Das war ungewöhnlich für Sarah MacKenzie, denn normalerweise achtete sie darauf, zu allen Menschen eine gewisse Distanz zu halten und niemanden wirklich nahe an sich heranzulassen, so daß niemand sie verletzten konnte. Sie wunderte sich selbst ein wenig darüber, was mit Harm so anders war. Natürlich erzählte sie auch ihm nicht alles, in ihrer Vergangenheit gab es Dinge, über die sie mit niemandem sprechen wollte, auch aus Angst, Harm könne dann eine schlechte Meinung von ihr haben. Aber vermutlich wußte Harm mehr von ihr, als jeder andere Mensch auf der Welt. Sie hatte ihm von ihrem Alkoholismus erzählt, von Eddies Tod und von ihrer Beziehung zu ihrem Onkel Matt, dem sie es verdankte, endlich von dieser Sucht loszukommen und ein neues Leben zu beginnen. Harm wußte auch über ihren alkoholabhängigen Vater und die Mißhandlungen, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt war, Bescheid; er wußte von ihrer Mutter, die verlassen hatte und von den Schuldgefühlen, die sich nach Daltons Tod empfunden hatte. Er wußte auch als einziger, daß sie rückfällig geworden war und er hatte nie wieder ein Wort darüber verloren, obwohl sie ihm damals einige wirklich fiese Worte an den Kopf geworfen hatte.
Und dann waren da noch all die kleinen Dinge, die sie verbanden: Harm kannte ihre Ernährungsgewohnheiten, ihre Fähigkeit, zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit genau die Uhrzeit anzugeben oder zu sagen, wieviel Zeit vergangen war, und ihr chaotisches Aktenablage-System. Er kannte ihre Angewohnheit, früh aufzustehen und 15 Meilen zu laufen und ihre Vorliebe, Schreibarbeiten zuhause auf ihrem Bett zu erledigen, anstatt den Schreibtisch im Wohnzimmer zu benutzen. Er wußte, wie stolz sie darauf war, ein Marine zu sein, der mit allem fertig wurde – na ja, zumindest mit alles außer dem Flug in einer Tomcat. Harm wußte sogar Dinge über sie, die nichteinmal ihr selbst je aufgefallen waren, so wie diese seltsame Sache mit den "Mundwinkeln". Sie wußte immer noch nicht so genau, ob sich ihre Mundwinkel tatsächlich nach oben zogen, wenn sie etwas verheimlichte, oder ob Harm sie nur hatte aufziehen wollen. Jedenfalls bemerkte Harm so gut wie immer, wenn mit ihr irgendetwas nicht stimmte.
"Hey, alles in Ordnung, Diane?" fragte er wie auf dieses Stichwort hin und beugte sich mit besorgter Mine zu ihr hinüber.
Da war es wieder: <Diane!> Mac seufzte innerlich und nickte. "Sicher, Harm, ich bin nur ein bißchen müde. Es war ein langer Tag und es ist anstrengend, vor Gericht irgendwelche Verteidiger fertigzumachen."
"Ich nehme das als Kompliment." beschloß Harm und grinste sie an.
"Bitte nicht, dein Flieger-Ego paßt sonst nicht mehr in meine Corvette!" neckte ihn Mac.
Alle vier lachten und Harm, der Diane unablässig aus den Augenwinkeln beobachtete, fragte sich, ob er der einzige war, dem auffiel, daß Dianes Lachen nicht aus tiefstem Herzen kam; sie schien sich heute abend einfach nicht richtig entspannen zu können. Wenn er sich recht besann, so hatte er Diane, seit er im Krankenhaus zu sich gekommen war, überhaupt noch nicht so völlig entspannt und sorglos wie früher gesehen. Er hätte wirklich etwas darum gegeben, endlich zu wissen, was mit ihr los war.
0441 Z-Zeit (23:41 Uhr EST)
Auf dem Beltway
Washington D.C.
Mac konzentrierte sich auf die Straße und gab vor, Harms Blick, der die ganze Zeit über auf ihr ruhte, nicht zu bemerken. Vor einigen Minuten hatten sie sich von Bud und Harriet, die aufgrund ihrer Schwangerschaft doch etwas müde geworden war, verabschiedet. Alle waren sich einig, daß es ein schöner Abend gewesen war. <Wenn auch nicht ganz so schön, wie er hätte sein können, wenn ich mich nicht die ganze Zeit hätte darauf konzentrieren müssen, Diane zu sein.> dachte Mac.
Harm beobachtete sie und kniff die Augen zusammen. Sollte er sie fragen, was mit ihr nicht stimmte? Aber er hatte sie bereits mehrmals darauf angesprochen und sie hatte immer abgelehnt und versichert, alles sei in bester Ordnung – ganz offensichtlich sprach sie nicht gerne über ihre Probleme. Sie war in den letzten drei Jahren um einiges verschlossener geworden, stellte Harm erneut fest. <Unglaublich, wie ein Mensch sich in so kurzer Zeit so radikal verändern kann!> dachte er kopfschüttelnd.
Mac lenkte den Wagen sicher durch die Nacht und kurz darauf erreichten sie den Parkplatz vor Harms Haus. Mac stellte den Motor aus und sah Harm im Halbdunkel abschätzend an. Sie wußte, daß sie es Harm endlich sagen mußte, mochte der Admiral auch denken, was er wollte, sie wußte es besser. <Aber nicht heute abend,> sagte sie sich, <es war Harriets und Buds Abend und ich möchte ihn nicht mit einer Katastrophe beenden.> Außerdem ... obwohl sie sich vor Chegwidden energisch dafür einsetzte, Harm endlich die Wahrheit zu sagen, hatte sie noch immer keine Ahnung, wie sie ihm die ganze Sache erklären sollte – und das auch noch, ohne daß es ihre Freundschaft zerstörte.
Harm spürte ihren Blick intensiv auf sich ruhen. Er wußte, daß er jetzt eigentlich aussteigen und sich verabschieden sollte, aber er zögerte. "Kommst du noch mit hoch, Diane? Nur auf einen Kaffee oder so." lud er sie ein.
"Was hast du vor, Fliegerheld? Mir deine Briefmarkensammlung zu zeigen?" Mac lächelte ein wenig spöttisch.
"Hey, ich bin Pilot und habe meine goldenen Fliegerabzeichen – ich brauche keine Briefmarkensammlung!" scherzte Harm und grinste breit. "Nein, mal im Ernst, Diane, ich denke, wir sollten uns mal unterhalten."
Mac schluckte. "Na schön, wenn du meinst."
Der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer und ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie die Treppe zu Harms Wohnung hinaufgingen. <Er ahnt etwas... Oder über was will er sonst um diese Uhrzeit mit mir reden?> fragte sie sich unruhig.
Harm schloß die Türe auf, legte seine Jacke ab und fragte: "Kaffee?"
"Uh, nein, danke." wehrte Mac ab – sie war schon nervös genug. Sie setzte sich auf "ihren" Platz auf dem Sofa und nahm eine gerahmte Fotografie vom Couchtisch. Das Bild war auf einer Party aufgenommen worden und zeigte einige Mitarbeiter des JAG-Büros; Alan Mattoni, Carolyn Imes und Harm – zwischen ihr und Jordan Parker. Ihr fiel auf, daß Harm Jordan seit seinem Gedächtnisverlust kaum erwähnt hatte, außer daß er sie "kennengelernt" hatte als sie in seine Wohnung kam.
"Harm, wie ... läuft es eigentlich zwischen dir und Jordan? Alles in Ordnung?" erkundigte sie sich behutsam.
Harm zuckte die Schultern. Eigentlich war Jordan nicht das Thema, über das er sprechen wollte. "Wie man’s nimmt. Ich denke nicht, daß unsere Beziehung eine Zukunft hat. Wir haben uns getrennt."
Überrascht sah Harm, mit welchem Entsetzen Mac ihn ansah. "Oh, Harm, nein, tu das bitte nicht! Du solltest jetzt keine Entscheidung treffen, die du dann später, wenn du dein Gedächtnis wieder hast, bereuen könntest. Jordan ist Psychologin und sie versteht deine Situation sicherlich; sie wird dir alle Zeit geben, die du brauchst, da bin ich mir sicher. Ihr werdet die Sache gemeinsam durchstehen." redete sie auf ihn ein.
Harm schüttelte den Kopf. "Ich glaube nicht, daß ich anders entschieden hätte, wenn ich noch alle meine Erinnerungen gehabt hätte. Schön, es hat die Sache ziemlich beschleunigt, aber das ist auch alles. Jordan ist sympathisch und sie ist intelligent. Ich finde sie interessant und sie ist auch attraktiv und alles ..." Er grinste etwas, "Aber mehr nicht." <Mehr?> fragte er sich selbst, <was kann man denn noch mehr von einer Frau erwarten?> Dennoch war er sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. "Ich denke nicht, daß ich diese Entscheidung bereuen werde." erklärte er Mac.
Die sah ihn jedoch zweifelnd an. "Wie kannst du das wissen, Harm?" fragte sie ernst. Sie wollte nicht, daß Harm unglücklich war. "Wie kannst du wissen, ob Jordan nicht doch deine große Liebe ist, wenn du dein Gedächtnis verloren hast?"
Harm sah sie seltsam an. "Ich habe mein Gedächtnis verloren, richtig, aber nicht mein Herz. Ich würde es fühlen, wenn Jordan die richtige wäre." antwortete er dann ernst. Es gab auch noch einen anderen Grund, doch Harm fürchtete, diese wundervolle Freundschaft zwischen ihm und Diane zu zerstören, wenn er laut aussprach, was ihm durch den Kopf ging.
Mac sah ihn abschätzend an, aber in seinen Augen war nicht der geringste Zweifel, also ließ sie es darauf bewenden und hoffte für ihn, daß er sich nicht irrte. Alles was sie wollte, war, daß Harm glücklich war, auch wenn das bedeuten sollte, ihn für sich selbst zu verlieren.
Harm setzte sich ihr gegenüber und sah sie ernst an. "Eigentlich wollte ich aber nicht mit dir über Jordan sprechen – obwohl ich deinen Rat immer zu schätzen weiß."
"Sondern?" fragte Mac und spürte, wie der Kloß in ihrem Hals erneut größer wurde.
"Über dich." Harm lächelte diesmal nicht und das war es, was Mac nur noch mehr beunruhigte.
"Über mich?!" wiederholte sie irritiert und wäre am liebsten im Erdboden versunken. "Was soll das heißen?"
"Diane ... Mac ... ich weiß, du willst mich schonen, weil du denkst, daß ich noch nicht ganz wiederhergestellt bin, aber ich merke doch, daß mit dir irgendetwas nicht stimmt. Du warst traurig, den ganzen Abend lang. Irgendetwas belastet dich und das nicht erst seit heute. Diese seltsamen Anspielungen auf deine Kindheit, deine plötzliche Abneigung gegen Alkohol ... da stimmt doch was nicht mit dir, Diane. Also los, was ist es? Spuck’s schon aus!" forderte er sie auf. "Was ist in deinem Leben passiert in den letzten Jahren?"
Mac biß die Zähne zusammen und antwortete nicht.
Das war einfach nicht mehr die Diane, die er gekannt hatte; in den Augen dieser jungen Frau, die ihm gerade gegenübersaß, lag ein Ausdruck, als hätte sie Dinge gesehen und durchgemacht, die sich die alte Diane nichteinmal hätte vorstellen wollen.
"Harm, es ist nichts passiert in den letzten drei Jahren, nichts bestimmtes. Ich habe nur ... ein paar Erfahrungen gemacht, das ist alles. Ich bin nicht mehr die naive junge Frau, die ich mal war. Du weißt doch, daß man als Anwalt so einiges zu sehen bekommt und das wenigste davon ist schön ... Mord, Vergewaltigung, kaputte Familien, Korruption, Gewalt ... du kennst das doch selbst." wich Mac aus. Was sie sagte, war nicht gelogen – wenn sie ihm auch die Wahrheit verschwieg.
Harm sah sie an und sie wußte sofort, daß er ihr nicht glaubte. Er spürte einfach, daß das noch nicht alles war. Bevor er aber etwas sagen konnte, erhob sich Mac und ging zur Tür. "Ich sollte jetzt besser gehen, es ist spät. Im Moment möchte ich nicht darüber sprechen, aber wir reden ein anderes Mal darüber, versprochen." versicherte sie ihm.
Sie wußte, daß Harm das respektieren würde, das hatte er immer getan. Er hatte sie nie zu etwas gedrängt, sondern immer gewartet, bis sie bereit war, es von sich aus zu erzählen. Auch diesmal nickte er ergeben, wenn auch bedauernd. Er wußte, sie würde ihm sagen, was immer sie auch so bedrückte – wenn sie dazu bereit war. "I’ll be there for you." versprach er lächelnd.
0517 Z-Zeit (00: 17 Uhr EST)
Nördlich der Union Station,
Washington D.C.
Nachdem Diane gegangen war, warf Harm sich rücklings auf die Couch, verschränkte die Arme hinter den Kopf, starrte an die Decke und dachte nach ... über dasselbe Thema, das ihn in letzter Zeit in fast jeder Minute seiner Freizeit – und oft genug auch während des Dienstes – beschäftigt hatte: Diane. Und wie jedesmal in den letzten Tagen, wenn er darüber nachdachte, kam er zum selben Ergebnis: Diane hatte sich verändert und zwar auf fast unglaubliche Art und Weise. Er konnte zwar beim besten Willen nicht entscheiden, ob es eine Veränderung zum Besseren oder zum Schlechteren war und er konnte auch nicht sagen, worin genau diese Veränderung lag – aber sie hatte sich definitiv gewaltig verändert.
Die lebenslustige, fast ausgelassene Diane, die für ihre humorvolle, mitreißende Art bekannt gewesen war, war dieser ziemlich disziplinierten und zurückhaltenden Frau gewichen. Das war einfach nicht mehr die Diane, die er gekannt hatte.
Harm erstarrte und zuckte dann so heftig zusammen, daß er fast ein Glas vom Couchtisch gestoßen hätte, als ihm ganz plötzlich aus heiterem Himmel die Erkenntnis kam: Das war nicht Diane! Wer immer diese Frau auch war – sie war nicht Diane! Er hatte die ganze Zeit über gefühlt, daß sie anders war, es aber zunächst auf die drei Jahre, an die er sich nicht erinnern konnte, geschoben. Doch jetzt mußte er sich der Erkenntnis stellen, daß es mehr war als nur das. Alles setzte sich plötzlich wie ein Puzzle zusammen. Diese "Mac" – falls das überhaupt ihr Name war – war eine Fremde. Er hatte keine Ahnung, wer sie wirklich war, aber eines war ihm eben klar geworden: Sie war nicht Diane. Diese Worte drangen schmerzhaft in sein Bewußtsein, bis er an nichts anderes mehr denken konnte. Er hatte ihr vertraut, hatte geglaubt, sie sei eine alte Bekannte, eine alte Freundin ... vielleicht auch mehr. Diese Beziehung, auch wenn sie Harm nicht immer ganz klar gewesen war, war etwas ganz Besonderes für ihn gewesen. Und nun das. Sie hatte ihn verraten, betrogen und belogen. Dieses Band des Vertrauens, das er zwischen ihnen gespürt hatte, war nur eine einzige Illusion gewesen.
Eine ganze Weile spürte Harm nichts als Schmerz. Dann kam Wut hinzu – Wut auf sie - <Wie immer sie auch tatsächlich heißt!> dachte er und knirschte mit den Zähnen – und auch Wut auf sich selbst, denn seltsamerweise fühlte er sich ihr noch immer sehr nahe. Schließlich setzte sich dann Entschlossenheit durch. "Okay, Baroness Münchhausen! Wir werden ja sehen, wer sich besser verstellen kann!" sprach er herausfordernd in die Dunkelheit.
Drei Tage später:
1537 Z-Zeit (10:37 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac steuerte zielstrebig auf Chegwiddens Büro zu, klopfte kurz und noch bevor Tiner sie daran hindern oder der Admiral "Herein" sagen konnte, trat sie eilig ein. Sie arbeitete gerade mit Harm an einem Fall und sie wollte nicht, daß er sah, daß sie in Chegwiddens Büro ging. Dann würde er sie nämlich unwillkürlich fragen, wieso er nicht zu dieser "Besprechung" dazugeholt worden war.
A.J. Chegwidden sah ärgerlich auf, als jemand unangemeldet in sein Büro platzte, doch als er Mac und ihren recht mitgenommenen Gesichtsausdruck sah, glätteten sich seine Zornesfalten etwas. "Was gibt es, Major?" forderte er zu wissen.
"Einen argwöhnischen und irritierten Navy-Officer und einen völlig entnervten Marine, Sir!" platzte es aus Mac heraus. "Entschuldigung, Sir," fügte sie etwas kontrollierter hinzu, "aber ich denke, wir sollten Harm jetzt endlich die Wahrheit sagen. Er ist soweit wiederhergestellt und beginnt, sich wieder in seinem Leben zurechtzufinden. Der Punkt, an dem die Folgen, die es hätte, ihm zu sagen, daß seine Freundin Diane tot ist, schwerer wiegen als die Konsequenzen weiter eine Maskerade aufrecht zu erhalten, ist längst überschritten." Sie atmete tief durch. "Admiral, es geht hier jetzt gar nicht darum, daß ich es leid bin, Harm anlügen zu müssen und ich mich nicht mein ganzes Leben lang als jemand ausgeben will, der ich nun mal nicht bin, nie sein werde und sein kann ... es geht mir um Harm. Sir, niemand kann garantieren, ob Harm überhaupt jemals wieder sein Gedächtnis zurückerlangen wird. Wir haben gehofft, daß er sich wieder erinnert, wenn wir ihn eine Weile in seiner vertrauten Umgebung lassen und ihn von allen Schocks fernhalten, aber es hat nicht funktioniert. Und wenn es bis jetzt nicht geklappt hat, so gibt es auch keinen Grund anzunehmen, daß es in nächster Zukunft funktionieren wird. Wenn Harms Gedächtnis wirklich nicht wiederkehrt, dann sollte er seine Energie darauf verwenden, sich in seinem jetztigen Leben zu arrangieren und etwas Neues aufzubauen, und nicht etwas, was nur auf Lügen und Illusionen beruht." Sie brach ab und sah ihren C.O. gespannt an.
Chegwidden hatte sich ihre leidenschaftliche Rede ruhig angehört und sie nicht einmal unterbrochen. Einmal mehr war er froh, einen so engagierten Offizier unter seinem Kommando zu haben – die Streitkräfte brauchten Leute wie sie.
"Sir?" fragte Mac, die noch immer nervös darauf wartete, was der Judge Advocate General sagen würde.
"Tja, Major, ich schätze, ich habe dem nichts hinzuzufügen – Sie haben völlig Recht. Wie sollen wir das regeln? Soll ich Commander Rabb in mein Büro rufen und ..."
"Nein, Sir!" unterbrach ihn Mac fast entsetzt und dann etwas gemäßigter: "Nein, wenn Sie erlauben, dann möchte ich es Harm lieber selbst sagen, schließlich war ich die Hauptdarstellerin dieser kleinen Inszenierung."
Chegwidden nickte und stellte erneut fest, welch guter Offizier sie war – sie hätte sich leicht vor dieser Angelegenheit drücken können, doch stattdessen beschloß sie, sich der Verantwortung zu stellen. "Sie können gehen, Major, aber lassen Sie es mich wissen, falls Sie Hilfe brauchen."
"Danke, Sir, aber ich bin ..."
Chegwiddens Mundwinkel zuckten amüsiert. " ... ein Marine, ich weiß – aber soweit ich mich entsinne, sind Marines keine Einzelkämpfer."
Mac lächelte und war einmal dankbar dafür, unter dem Kommando eines so wundervollen Vorgesetzten dienen zu dürfen. Sie salutierte, machte eine Kehrtwendung und marschierte aus dem Büro.
2218 Z-Zeit (17:18 Uhr EST)
Teeküche im JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac betrat gedankenverloren die kleine Teeküche des HQ und wäre beinahe mit Harm zusammengeprallt, der den Raum gerade mit einer Tasse Kaffee in der Hand verlassen wollte.
<Jetzt oder nie, Marine!> befahl sie sich selbst. Sie wußte: Wenn sie es nicht bald hinter sich brachte, dann würde sie jeden Mut verlieren. "Harm, hast du mal eine Minute Zeit für mich?" fragte sie und wagte es nicht, ihn dabei anzusehen. Ihr Gesicht war so weiß wie die Wand neben ihr.
Harm erkannte am Tonfall ihrer Stimme, daß es ernst war. "Natürlich, für dich doch immer." entgegnete er liebenswürdig und Mac konnte es einfach nicht länger ertragen, zu wissen, daß er zwar sie ansah, wenn er so nette Dinge sagte, aber eigentlich Diane meinte.
"Harm, ich ... ich muß dir was sagen. Weißt du, ich..." Sie brach ab und suchte nach den richtigen Worten – falls es die überhaupt gab. Noch immer konnte sie ihm nicht in die Augen sehen. "Harm, ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll ..."
<Wenn es nicht um diese Riesen-Täuschung gehen würde, wäre das Gestammel, das sie da von sich gibt, wahrscheinlich sogar amüsant. So ratlos kenne ich sie gar nicht.> dachte sich Harm, doch dann runzelte er verärgert über sich selbst die Stirn. <Verdammt, ich kenne sie ÜBERHAUPT nicht!>
"Wie soll ich dir das nur erklären?" sagte Mac mehr zu sich selbst und nagte an ihrer Unterlippe.
"Wie wäre es damit: Harmon, ich bin nicht Diane Schonke." schlug Harm sarkastisch vor.
Macs Kopf ruckte herum und sie starrte ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen, unfähig etwas zu sagen oder auch nur etwas anderes als <Oh Gott, er weiß es!> zu denken. "Du weißt es? Wieso hast du nichts gesagt?" brach es schließlich aus ihr heraus.
Sie zuckte zusammen, als sie in Harms Gesicht sah. Es war wie aus Stein gemeiselt, nicht der Hauch eines Lächelns war zu sehen und sein Blick war nicht warm und humorvoll wie sonst, sondern kalt und hart. "Dasselbe könnte ich dich fragen!" erwiderte er anklagend.
"Harm, laß uns in Ruhe darüber reden." bat Mac leise.
"Ach, reden, ja? Damit du mir wieder versichern kannst, daß ich mich irre, daß alles in Ordnung ist, hm? Hat ja auch bisher so gut geklappt!" Harms Augen funkelten gefährlich.
"Harm, es steckte keine böse Absicht dahinter; wir haben nur versucht, das zu tun, was wir für das Beste für dich gehalten haben." versicherte ihm Mac.
"Das Beste für mich sind also Lügen und Betrug – vielen Dank!" hielt Harm ihr voller Hohn und Bitterkeit entgegen. "Ich entdecke gerade, daß mein Leben nur ein einziger Schwindel ist, aber natürlich – alles zu meinem Besten!"
Sein Spott verletzte Mac. "Würdest du bitte diesen Sarkasmus beiseite lassen!" forderte sie ihn auf.
"Oh, tut mir leid, aber das ist alles, was mir geblieben ist." entgegnete Harm hart.
"Ach, du gefällst dir wohl sehr in der Opferrolle, Harm, aber ich will dir mal was sagen: Ich habe dieses Theater nicht gerade genossen!" erklärte Mac ärgerlich.
"Den Eindruck hatte ich aber ganz und gar nicht." warf Harm ihr an den Kopf.
"Glaubst du, es war leicht für mich, jedes Wort genau überlegen zu müssen, bevor ich es ausspreche, jede Geste und jede Handlung genau planen zu müssen, damit ich mich nicht verrate? Ständig fürchten zu müssen, daß niemand sich verplappert? Glaubst du, es war schön, zu wissen, daß ich eigentlich gar nicht existiere für dich, daß du nur Diane siehst, wenn immer du mich anblickst? Denkst du, es war schön, die Rolle einer Frau zu spielen, die ..." <tot ist...> dachte sie, aber sie schluckte die letzten Worte gerade noch hinunter, bevor sie sie unbedacht aussprechen konnte. Trotz ihres Zornes wollte sie Harm nicht verletzen.
"Ha! Ich werde hier wochenlang belogen und du jammerst mir vor, wie schlimm es für DICH war?!" Harms Stimme wurde immer lauter. "Du bist ..."
Auch Mac war nun wirklich aufgebracht. "Was?" schnappte sie, "Was bin ich, Harm? Na los, sag’s schon! Eine fiese Trinkerin, ist es das, was du sagen willst?!" Ihre dunklen Augen schleuderten Blitze.
Harm öffnete den Mund zu einer scharfen Antwort, aber da donnerte eine strenge Stimme: "Was zum Teufel ist hier los?" Admiral Chegwidden stand vor ihnen, die Hände in die Hüften gestemmt und den Blick eisern auf die beiden Offiziere gerichtet, die im Eingang der Küche standen und sich lautstark stritten. "Hab ich die Meldung verpaßt, daß der dritte Weltkrieg ausgebrochen ist?! Sollte das nicht so sein, dann wünsche ich hier draußen keinen Mucks mehr zu hören, klar?!"
Mac stand stramm, während Harm zu einem "Aber, Sir..." ansetzte. Chegwidden drehte sich zu ihm hin, fixierte ihn scharf und knurrte mit zornesrotem Kopf: "Commander Rabb, sofort in mein Büro! Auf der Stelle! Und Sie gehen für heute nach Hause, Major, um sich abzukühlen!" Sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
Harm folgte ihm in sein Büro, während Mac mit gesenktem Kopf in ihr Büro ging und die Türe hinter sich zuzog.
"Mac hat es Ihnen gesagt, richtig?" sagte der Admiral, sobald Harm die Türe geschlossen hatte. "Ja, ich bin auch ein Teil dieser kleinen Verschwörung." Fügte er hinzu, als er Harms verwunderten Blick sah.
"Na toll." murmelte Harm leise und starrte etwas trotzig hinter Chegwidden an die Wand.
"Ich würde vorschlagen, Sie ersparen uns beiden diesen Sarkasmus und hören mir zu! Ich kann mir denken, wie Sie sich jetzt fühlen..." Tatsächlich hatte Chegwidden ihn selten zuvor in einem solchen Zustand gesehen. Er sah aus, als wäre sein bester Freund gerade gestorben – und vermutlich fühlte er sich auch so.
"Nein, Commander, ich sagte, Sie hören mir jetzt zu!" donnerte er als Harm zu einem Einwand ansetzte. "Wenn Sie es vorziehen, kann ich auch einen Befehl daraus machen!"
Er wartete einen Moment, aber jetzt schwieg Harm gehorsam. Nur seine Zähne knirschten leise aufeinander. "Sie denken, daß alles, was Mac je zu ihnen gesagt und was sie getan hat, alles nur eine Lüge gewesen sei. Sie meinen, sie habe sich die ganze Zeit über nur verstellt. Aber das ist nicht so. Mac besitzt alle jene Eigenschaften und Denkweisen, die Sie in den letzten Wochen an Diane kennengelernt haben."
Seine Worte waren wie ein Messer, das man in Harms Inneren herumdrehte. Ein Teil von ihm wollte dem Admiral nur zu gerne glauben. <Vielleicht war ja wirklich nicht alles eine Lüge. Wirf dieses wunderbare Gefühl der Verbundenheit nicht einfach weg.> sagte eine hoffnungsvolle Stimme in ihm. Er vermißte sie – obwohl er gar nicht erst darüber nachdenken wollte, wen genau er mit "sie" eigentlich meinte, Diane oder ... wer immer sie auch war. Er wußte nichteinmal, wie sie hieß und hatte auch nicht die geringste Lust, sie danach zu fragen – in Moment wollte er sie nichtmal sehen.
"Mac hat Sie nur angelogen, um Sie zu schützen. Glauben Sie ja nicht, daß sie es gerne getan hat. Ich hab es ihr quasi befehlen müssen. Es gibt niemanden, der Ihnen ein treuerer Freund war als Mac. Sie ist mit Ihnen nach Rußland geflogen, um Ihren Vater zu suchen, ohne einen Gedanken an ihre eigene Sicherheit. Sie hat Sie vor Gericht verteidigt, als Sie des Mordes angeklagt wurden, und hat nicht eine Sekunde an Ihrer Unschuld gezweifelt. Sie hat Ihre Karriere gerettet und dabei ihre eigene aufs Spiel gesetzt, als Sie Cmd. Holbarth umbringen wollten. Wollen Sie eine solche Loyalität damit entlohnen, daß Sie ihr nichteinmal in Ruhe zuhören? Zählt das alles nicht mehr, nur weil sie nicht Diane ist? Ändert sich alles, nur weil Sie jetzt wissen, wer sie ist? Dann, Commander, sind Sie der Heuchler, Lügner und Betrüger und gar nicht wert, solche Freunde wie Mac zu haben!"
Harm starrte den Admiral erstaunt und fast ein wenig bewundernd an. Dies war die längste und leidenschaftlichste Rede, die er seit langem von ihm gehört hatte. Er sprang wie immer für seine Offiziere in die Bresche und gab Mac Rückendeckung, betonte, daß er die Verantwortung trug. Die meisten Menschen dachten von Harm, er strebe es an, eines Tages Chegwiddens Posten als JAG zu übernehmen, aber im Moment wäre er schon glücklich gewesen, ein ebenso guter Offizier und Vorgesetzter zu werden wie er.
"So, Commander, jetzt können Sie meinetwegen gehen, falls Sie nicht noch eine Frage haben."
Harm schluckte. "Nur eine, Sir. Alles, was ich brauche, ist eine Adresse."
2334 Z-Zeit (18:34 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Es klingelte. Zum dritten Mal schon. Mac rührte sich nicht. Sie lag zusammengerollt in einer Ecke der Couch, in eine Decke gewickelt und starrte seit einer halben Stunde – seit sie nach Hause gekommen war - die Wand an. Die Katastrophe war passiert – sie hatte Harms Freundschaft verloren, ein für alle mal. Sie hatten sich schon zuvor gestritten, aber nicht auf diese Weise. Wäre sie kein Marine gewesen, dann hätte Mac jetzt weinen können vor Verzweiflung. Und dann war da auch noch dieser aufdringliche Besucher, der jetzt schon wieder Sturm läutete. Sie hoffte, daß wer immer es war, aufgeben und weggehen würde, wenn sie ihn weiterhin ignorierte. Sie war jetzt absolut nicht in der Stimmung, Besuch zu empfangen.
Harm drückte erneut den Klingelknopf, wieder ohne Antwort zu erhalten. Langsam fragte er sich, ob Chegwidden ihm die richtige Adresse gegeben hatte. Er warf einen Blick auf das Schild an der Türe – dies hier war jedenfalls Nummer 201 und unten auf dem Parkplatz stand Macs rote Corvette. Schräg gegenüber öffnete sich eine Türe und eine alte Frau mit einem Dackel kam heraus. "Guten Abend, Ma’am," nutzte Harm die Gelegenheit, "können Sie mir sagen, ob hier ..." Plötzlich fiel ihm auf, daß er nichteinmal ihren Namen wußte. "... ein Major der Marines wohnt?" Soviel hatte er aus Chegwiddens Worten schon entnommen.
Die alte Dame sah ihn etwas entrüstet an. "Natürlich wohnt sie hier, das wissen Sie doch! Sind Sie etwa betrunken?" fragte sie mißtrauisch.
Offensichtlich hatte sie ihn schon öfter hier gesehen, dachte sich Harm. "Oh, nein, Ma’am, ich bin vollkommen nüchtern, ich bin nur ein wenig vergeßlich, das ist alles." versicherte er Macs Nachbarin und lächelte sein bestes Flieger-Grinsen. Das ließ selbst die alte Dame nicht ganz unbeeinflußt, sie nickte ihm freundlich zu und zeigte auf die Tür. "Sie stehen genau davor; Apartment Nummer 201." erklärte sie ihm.
Harm wartete, bis sie um die Ecke verschwunden war, dann klingelte er erneut. Wieder keine Reaktion. "MAC!" rief er laut. <Falls du wirklich so heißt.>
Mac zuckte innen heftig zusammen, als sie die Stimme erkannte. Hektisch sah sie sich um, als suche sie einen Fluchtweg.
"Mac, mach die Türe auf, ich bin’s, Harm." Nichts rührte sich. "Mac, mach auf, bitte – wir müssen reden!" Harms Stimme wurde eindringlicher. "MAC! Ich kann es auch befehlen!"
Die Türe öffnete sich langsam und eine ziemlich bleiche Sarah MacKenzie sagte leise: "Ja – aber nur, wenn du im Rang über mir stehen würdest."
Harm stand im Türrahmen und eine nie gekannte Verlegenheit ergriff ihn plötzlich. "Ich ... ehm, ich muß mich entschuldigen, ich hätte vorhin nicht so rumbrüllen sollen." Sagte er schließlich.
Mac schluckte ihren Kloß im Hals mühsam herunter. "Du hattest allen Grund zum Brüllen. Ich bin diejenige, die sich entschuldigen muß. Ich habe wiedermal einen blöden Fehler gemacht." gestand sie leise.
Harm warf einen Blick an ihr vorbei in die Wohnung. "Können wir das vielleicht auch drinnen besprechen? Bevor deine Nachbarin zurückkommt, meine ich." Fragte er etwas unbehaglich und lächelte schwach.
Mac räumte den Türrahmen und ließ ihn eintreten. Harm sah sich um. Die Wohnung kam ihm vage vertraut vor, obwohl er sich nicht direkt daran entsinnen konnte, je hier gewesen zu sein. Er folgte ihr ins Wohnzimmer.
"Harm, ich muß mich wirklich bei dir entschuldigen. Ich hätte dir schon längst sagen müssen, daß ich nicht Diane bin. Ich habe mich irgendwie in diese Sache verrannt, schätze ich. Nachdem du mich im Krankenhaus gesehen und sofort mit Diane angesprochen hast und der Arzt meinte, wir sollten den Irrtum lieber noch nicht aufklären ... Irgendwie hat die Sache ein Eigenleben entwickelt und ich konnte nicht mehr raus. Ich weiß, du kommst dir nun belogen und verraten vor, aber ich bin noch dieselbe, die ich gestern war; ich habe mich doch nicht verändert, nur weil du jetzt die Wahrheit weißt. Was sich verändert hat, bin nicht ich, sondern nur dein Bild von mir. Ich hab das nicht gern getan, das kannst du mir glauben. Ich war mehr als einmal dicht davor, dir die Wahrheit zu sagen. Es war ziemlich ... unangenehm, mit Dianes Namen angesprochen zu werden und gleichzeitig zu wünschen, daß ..." Sie brach ab und Harm wunderte sich, was sie hatte sagen wollen. "Nun ja, es war eben schwer, genau zu wissen, daß du dich nicht an mich erinnern kannst und ich dir nichts bedeutet hätte, hättest du mich nicht für Diane gehalten."
Harm sah sie eine Weile nur an und versuchte, seine eigenen Gefühle zu ergründen. Im Moment war sein Inneres so aufgewühlt wie ein Haifischbecken während der Fütterung. "Ich ... bin wirklich verwirrt." sagte er schließlich kopfschüttelnd. Das war die Untertreibung des Jahrhunderts.
Er hatte die ganze Zeit über geglaubt, daß diese Frau Diane, seine alte Freundin, war. Gut, er hatte schon seit einer ganzen Weile gespürt, daß etwas anders war, daß sie anders war und dieses Gefühl war immer stärker geworden. Dennoch war es ein heftiger Schock, nun zu erfahren, daß sie nicht die war, für die er sie gehalten hatte. Sie sah Diane einfach zu ähnlich; sie hätten wahrhaftig Zwillinge sein können. Nein, das stimmte nicht ganz. Rein äußerlich glichen sie sich zwar fast wie ein Ei dem anderen, aber ihre Persönlichkeit unterschied sich deutlich voneinander. Wo Diane optimistisch und unternehmungslustig war, verhielt sich Mac vorsichtig und distanziert. Sie war offen und direkt, scheute sich nicht, ihre Meinung zu sagen und konnte diese auch durchsetzen, wenn es darauf ankam. Tja, jedenfalls hatte Harm sie bisher für offen und ehrlich gehalten. Jetzt wußte er einfach nicht mehr, was er von der ganzen Angelegenheit halten sollte.
Er mochte die "neue Diane", die er in den letzten Wochen kennengelernt hatte; er schätze sie nicht nur, weil sie Diane ähnelte, sondern mochte Dinge an ihr, die Diane nie besessen hatte. Doch jetzt fragte er sich, ob diese Frau überhaupt existierte oder ob es nicht nur die Rolle einer Schauspielerin gewesen war, die versucht hatte, Diane zu spielen und es nicht ganz geschafft hatte. Wie war diese Mac wirklich? Wer war sie? Aß sie wirklich Beltway Burger zum Frühstück? War sie tatsächlich Cappuchino-süchtig? Und gehörten die unzähligen Schuhe in ihrer Wohnung wirklich alle ihr? Waren die 32 verschiedenen Arten zu lächeln oder zu lachen, die Harm bisher gezählt hatte, echt; dieser schlitzohrige Humor, die ständige Neckerei zwischen ihnen? Oder war alles nur Theater und Fassade? Konnte er je eine Freundschaft zu dieser "Mac" aufbauen, die so tief und voller Vertrauen war, wie die zu Diane – beziehungsweise zu der Frau, die er für Diane gehalten hatte? <Meine Güte, ist das verwirrend!> Harm schmerzte der Kopf.
"Harm?" fragte Mac in die bedrückende Stille. "Kannst du mir das jemals verzeihen?"
"Das kommt darauf an, was Sie zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben, Angeklagte." Entgegnete er mit einem schwachen Lächeln. Langsam fand er seinen Humor wieder. "Wie bist du auf die Idee gekommen, dich so problemlos als Diane ausgeben zu können?"
Mac atmete insgeheim auf. Harm war bereit, mit ihr zu sprechen – das war immerhin ein Anfang. "Weil du mich schon zweimal für Diane gehalten hast, obwohl du hättest wissen müssen, daß das nicht sein kann." erklärte sie.
"Zweimal?" fragte Harm nach.
"Ja, als der Admiral uns einander vorgestellt hat, da hast du mich nur angestarrt, anstatt mich ordentlich zu begrüßen."
"Du ... Sie sagten gerade zweimal." Täuschte er sich, oder bekam sie jetzt rote Ohren?
"Oh, das zweite mal war als ich eine Navy-Uniform getragen habe." erklärte sie vage.
"Aber Ihnen muß doch klar gewesen sein, daß die Sache irgendwann auffliegen mußte. Spätestens wenn sich Diane mal bei mir gemeldet hätte..."
Mac senkte den Kopf. "Harm, das ist ja der Grund, warum wir dich belogen haben. Ich habe mich nicht einfach nur so zum Spaß als Diane ausgegeben, sondern, um dich ... um Sie zu schützen."
Harm sah sie nur stumm an, er wußte, daß er ihr Zeit geben mußte, damit sie das sagen konnte, was sie zu sagen hatte. Er wartete geduldig.
"Harm, Diane ... sie ist tot!" <So, jetzt ist es draußen!> Beinahe ängstlich sah sie Harm an. Wie würde er es verkraften?
Harm starrte sie an. Er wußte, daß sie ihn nie belügen würde, nicht, wenn es um soetwas ging. "Diane ist ..." Ihm versagte fast die Stimme. "Was ist passiert?"
"Sie hat an Bord der Seahawk als Funkoffizier gedient. Der XO, Cmd. Holbarth, hat sie belästigt und als sie ihm drohte, es zu melden, hat er sie getötet." faßte Mac die ganze tragische Geschichte knapp zusammen. Sie wollte Harm nicht unnötig quälen. "Es tut mir leid, Harm."
Harm nickte betäubt und alles, was er von der Außenwelt mitbekam, war das Gefühl ihrer schlanken, warmen Hand auf seinem Arm. Jetzt verstand er, daß Mac ihn wirklich hatte schützen wollen, indem sie sich als Diane ausgab. Sie hatte es ihm ersparen wollen, in einem so schwachen Zustand mit Dianes Tod konfrontiert zu werden.
<Diane...> Ihr Tod schmerzte, natürlich, aber nicht so sehr, wie er geglaubt hatte. Vielleicht, weil er bereits getrauert hatte und sich nur nicht erinnern konnte, vielleicht aber z.T. auch, weil er nun andere Menschen hatte, die nun einen Platz in seinem Herzen beanspruchten ... seine Familie in Kalifornien und seine "Familie" bei JAG: der Admiral, der wie ein Vater für ihn war, Bud und Harriet, so eine Art jüngere Geschwister, die einen manchmal nerven konnten, andererseits aber auch viel Freude bereiteten und Harm stolz machten, und Mac ... welche Rolle sie in dieser Familienanalogie einnahm, darüber wollte Harm jetzt lieber nicht nachdenken.
"Harm, geht’s dir gut?" erkundigte sich Mac vorsichtig.
"Gut? Das wäre wohl übertrieben, aber ich werd’s schon überstehen." antwortete Harm mit einem Schatten seines berühmten Flyboy-Grinsens und bemerkte, daß sie zwischen dem formellen "Sie" und dem vertraulichen "Du" hin und her schwankte. Auch er wußte nicht, wie er sie jetzt ansprechen sollte; er wußte überhaupt gar nicht, wie er sie jetzt behandeln sollte. Sie war nicht Diane, er erinnerte sich nicht an die letzten drei Jahre, die er – anscheinend – als ihr Partner verbracht hatte. Und dennoch war sie keine Fremde für ihn.
"Harm, kann ich Sie etwas fragen? Was hat mich verraten? Ich meine, woran haben Sie gemerkt, daß ich nicht Diane bin?" wollte sie wissen. "Es war der Alkohol, nicht wahr? Ich ... ich war ... Alkoholikerin, deshalb trinke ich nicht." Sie brachte ihm erneut dieses einmalige Vertrauen entgegen, ganz automatisch und natürlich.
"Nein, es war nicht der Alkohol." widersprach Harm. <Alkoholikerin? Diese Frau? Unglaublich!> ging es ihm durch den Kopf. Sie schien so ... stark, daß dies schwer zu glauben war. Trotzdem war er sonderbarerweise nicht allzu überrascht über dieses Geständnis.
"Nein? Was dann? Meine ständigen Zeitangaben, oder? Ich kann’s einfach nicht lassen!" seufzte Mac.
Harm lächelte. Das war eines der Dinge, die er so an ihr mochte. "Nein, das war es auch nicht."
"Die Beltway Burger? Mein Schreibtisch?" fragte Mac in wachsender Verzweiflung als Harm nur jedesmal den Kopf schüttelte. "Was war es dann?"
"Die Frühstückseier." erklärte Harm und grinste breit.
Als Mac dieses Flieger-Grinsen sah, da wußte sie, daß alles wieder in Ordnung kommen würde. Sie hätte schreien können vor Erleichterung, aber natürlich ... Marines schrien nicht einfach so herum. "Wie bitte?" fragte sie verwirrt nach.
"Diane mochte ihr Frühstücksei als Spiegelei, nicht 3 ½ Minuten gekocht." erläuterte Harm belustigt.
"Im Ernst?" Mac konnte es kaum glauben, daß etwas so banales sie verraten haben sollte.
"Was ist so ungewöhnlich daran, Spiegeleier zu mögen?" erkundigte sich Harm und tat unschuldig, als wisse er nicht ganz genau, was sie meinte.
"Das meine ich nicht, ich meine, bist du wirklich wegen der Art, wie ich meine Frühstückseier mag, auf die Idee gekommen, ich sei nicht Diane?" wollte Mac wissen.
Harm grinste noch eine Spur breiter. "Nein. Es war alles zusammen, all die kleinen Details ... zuallererst dieser Spitzname, Mac ... niemand spricht dich je mit Diane oder mit Lieutenant Commander an. Dann diese plötzliche Karriere als Anwältin ..." <Niemand kann in nur drei Jahren so verdammt gut werden, nichteinmal Diane.> überlegte er. "Und dann all diese neuen Angewohnheiten: Du ... Sie sind Frühaufsteher, während Diane nicht vor dem Mittagessen aus dem Bett zu kriegen war, wenn sie nicht gerade Dienst hatte; du bist immer überpünktlich und kannst die Zeit genauer angeben als eine Schweizer Präzisionsuhr – Gott allein weiß, wie du das machst. Diane nahm gelegentlich schon mal ihr akademisches Viertelstündchen in Anspruch. Dann war Diane außergewöhnlich ordentlich, während Sie ..."
"... kreativ!" schlug Mac vor und grinste.
"... chaotisch sind." beendete Harm unbeeindruckt den Satz. "Außerdem besaß Diane höchstens vier Paar Schuhe und Sie haben wahrscheinlich einen Liefervertrag mit irgendeiner großen Schuhfabrik."
Mac lachte: "Hey, gute Schuhe sind eines der drei wichtigsten Dinge im Leben!"
Sie genoß es, daß wieder der alte, scherzhafte Ton zwischen ihnen herrschte, wenn die Basis ihrer neuen Beziehung auch noch recht wackelig und unsicher war. Sie hatten einmal eine Freundschaft aufgebaut und sie war sicher, daß sie es wieder tun konnten.
"Ach ja? Und warum sitzen Sie dann barfuß da?" fragte Harm spöttisch.
"Ach, ich denke, die anderen beiden Dinge sind wichtiger..." meinte Mac und tat harmlos. Einen guten Beruf hatte sie, soviel war sicher. An alles andere wagte sie momentan lieber nicht zu denken.
Harm begann, das Gespräch zu genießen. Es war wohl tatsächlich so, wie der Admiral in seinem Büro so eindrücklich gesagt hatte: Sie war seine Freundin und der Gedanke, wie nahe er daran gewesen war, diese einmalige Beziehung zu verlieren, erschreckte ihn. Plötzlich zuckte Harm zusammen und begann dann zu lachen, daß ihm fast die Tränen kamen.
Mac sah ihn befremdet an. "Harm, alles in Ordnung?" fragte sie besorgt.
"Oh, ja, mir ist nur eben aufgefallen, daß ich nicht einmal weiß, wie Sie überhaupt heißen."
Mac mußte lachen und der Rest ihrer Anspannung fiel von ihr ab. "Tut mir leid, ich vergesse dauernd, daß wir uns nicht kennen." sagte sie und Harm war fast, als hätte er diesen Satz schonmal irgendwo gehört. Sie salutierte scherzhaft. "Major Sarah Catherine MacKenzie, United States Marines Corps." <Oh, man, tut es gut, das wieder sagen zu können!>
Der Name klang vertraut. <Ein schöner Name für eine schöne Frau.> dachte er und belächelte sich selbst. "Mac wie in ’MacKenzie‘, wie?" vermutete er.
Mac nickte. "Kaum jemand nennt mich Sarah."
Harm fiel plötzlich etwas auf. "Meine Mutter, Frank, Granny .... waren sie eingeweiht?" fragte er staunend.
Mac nickte fast ein wenig schuldbewußt. "Ja, sie wußten alle Bescheid: Ihre Familie, Bud, Harriet, der Admiral, Carolyn und Mattoni ..."
"Gibt es überhaupt jemanden, der nicht eingeweiht war?" erkundigte sich Harm skeptisch.
Macs Augen funkelten schelmisch. "Nein, ich denke nicht. Oh, halt, doch, Moment, ich glaube, da gibt es einen Wächter in der Tiefgarage, der nichts wußte." Plötzlich fiel ihr etwas ein. "Und Cmd. Brumby... wir haben vergessen, Brumby einzuweihen!" kam ihr schlagartig die Erkenntnis.
"Ach? Und dabei habe ich mich so lange und so nett mit ihm unterhalten." meinte Harm grinsend.
"Was? Harm, jetzt ist es eindeutig, daß Sie Ihr Gedächtnis verloren haben! Sie sich nett unterhalten mit Brumby? Über was, bitte?"
"Über Sie." sagte er ruhig lächelnd und beobachtete ihre Reaktion.
Mac verschluckte sich. "Was??!" entfuhr es ihr geschockt.
"Bei näherer Betrachtung ... wir haben keine konkreten Namen genannt und ich schätze, wir haben irgendwie aneinander vorbei geredet. Er dachte, ich meine Sie und ich redete von Diane ... oder doch von Ihnen?" <Oh, man, mir schwirrt der Kopf, ich weiß nicht mehr, wen ich eigentlich gemeint habe.>
"Schon gut, Harm, ich kann das nachvollziehen. Ich mochte das Gefühl auch nicht, als sie einen Doppelgänger hatten." <Ein Harmon Rabb in meinem Leben ist genug.> erinnerte sie sich.
Harm wußte nicht genau, was sie damit meinte; sie bezog sich sicher auf eines der vielen Ereignisse der letzten drei Jahre, an die er keine Erinnerung mehr hatte. Aber jetzt war er soweit, sich darauf zu freuen, nach und nach von ihnen zu erfahren – solange es Mac war, die ihm davon erzählte.
29. März 1999
1358 Z-Zeit (08: 58 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Guten Morgen, Bud!" grüßte Mac munter, pfiff vor sich hin als sie auf ihr Büro zusteuerte und war ganz offensichtlich blendender Laune.
"Guten Morgen, Major," erwiderte Bud ein wenig erstaunt von seinem Laptop aufsehend, "Oh, Entschuldigung, ich meinte natürlich: Guten Morgen, Lieutenant Commander. Tut mir leid, Ma’am." Er seufzte ein wenig. Bud mochte es nicht, jemanden zu belügen und schon gar nicht einen Freund wie Commander Rabb.
Doch der Major schien in einer Stimmung zu sein, die ihr nichts und niemand verderben konnte, stellte Bud überrascht fest. Dabei war es ihr in den letzten zwei Wochen nicht besonders gut gegangen.
"Verrenken Sie sich bloß nicht die Zunge, Bud, das ist nicht mehr notwendig – Harm weiß alles." erklärte sie dem jungen Anwalt.
"Der Commander weiß es? Er weiß, daß Sie nicht Diane sind? Und er ist nicht wütend?" Bud konnte es nicht fassen.
"Oh, er war sogar SEHR wütend." Um ehrlich zu sein hatte sie den stets gutgelaunten, ausgeglichenen Harm selten zuvor so zornig erlebt. "Es wundert mich, daß Sie unser Geschrei gestern nicht gehört haben."
"Ich hatte da leider weniger Glück als Lt. Roberts!" sagte eine Stimme hinter ihnen. Mac wirbelte etwas erschrocken herum, sie hatte geglaubt, alleine mit Bud im Raum zu sein. Der Admiral stand mitten im Büro und um seine Augenwinkel spielte ein Lächeln. "Guten Morgen, Major. Wo ist Cmd. Rabb?"
Mac straffte sich ein wenig. In Anwesenheit des Admirals konnte sie manchmal den Reflex, Haltung annehmen zu wollen, nicht ganz unterdrücken. "Keine Ahnung, Sir, er ist wohl etwas zu spät dran." <So wie immer.> dachte sie und lächelte insgeheim. "Ich schätze, in 8 oder 9 Minuten ist er hier."
Chegwidden sah sie aufmerksam an. "Dann kann ich davon ausgehen, daß Sie sich ausgesprochen haben?" erkundigte er sich.
Mac nickte. "Ja, Sir."
"Gut. Es hätte doch das ... Arbeitsklima hier empfindlich gestört, wenn mein bestes Team sich plötzlich nur noch angefeindet hätte." meinte der 2-Sterne-Admiral und ging zu seinem Büro zurück. Bud und Mac wußten beide, daß hinter seinem strengen und manchmal sogar barschen Gebaren viel mehr steckte. Es ging dem JAG nicht nur um das Arbeitsklima, soviel war sicher, ihm lag auch persönlich etwas an seinen Leuten – und an diesen beiden ganz besonders.
Mac ging in ihr Büro und schaltete ihren Computer an. Eine Weile arbeitete sie konzentriert, aber nach 9 Minuten begann sie, immer öfter zur Türe zu blicken. Von Harm war noch immer nichts zu sehen. Mac begann sich zu wundern. Harm kam öfters mal einige Minuten zu spät, aber wenn er länger aufgehalten wurde, dann rief er immer an. Es war einfach nicht Harms Art, sie hier alleine mit der ganzen Arbeit sitzen zu lassen.
Nach weiteren 15 Minuten <und 43 Sekunden> fügte sie in Gedanken hinzu, wählte sie Harms Nummer – niemand meldete sich am anderen Ende der Leitung, also war Harm nicht mehr zuhause. Sie wußte selbst nicht, wieso sie so beunruhigt war – schließlich war es nicht das erste Mal, daß Harm sich verspätete. Vielleicht steckte er irgendwo auf dem Beltway im Verkehr fest. Drei Minuten später rief sie Harms Handy an, doch auch hier ohne Erfolg. Jetzt machte sie sich ernsthafte Sorgen.
2 ½ Minuten später – Mac stellte fest, daß sie unter Hochspannung stand und ihre innere Uhr laut tickte, ohne daß sie es abstellen konnte – klopfte der Admiral an ihre Türe. "Wo zum Teufel steckt Rabb?" knurrte er ungeduldig – Harm sollte ihm heute morgen einen Zwischenbericht über ihren Fall geben.
"Ich weiß es nicht, Sir." war alles, was Mac sagen konnte. Das beunruhigende Gefühl in ihrem Inneren wurde immer stärker. <Harm, wo bist du?>
"Mister Roberts, rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, wenn er sein Heck nicht sofort hierherbewegt, besteht der Rest seiner Navy-Karriere darin, Pinguine am Südpol zu zählen!" rief Chegwidden über seine Schulter hinweg nach draußen, wo Bud stand.
"Sir, ich habe ihn bereits dreimal angerufen. Commander Rabb meldet sich weder zuhause, noch über sein Handy. Bud hat ihn auch schon mehrmals angepiept und eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter hinterlassen, aber er reagiert nicht." teilte Mac ihrem Vorgesetzten mit und schaffte es mit viel Mühe, die Sorge aus ihrer Stimme fernzuhalten – fast jedenfalls.
Chegwidden runzelte die Stirn und zog die Brauen zusammen. Was immer hier vor sich ging - es gefiel ihm ganz und gar nicht. "Major, was zum Teufel haben Sie gestern zu Cmd. Rabb gesagt?" wollte er wissen.
Mac schluckte. "Nichts was erklären würde, warum er plötzlich verschwunden ist." versicherte sie ihm.
Chegwidden glaubte ihr sofort. "Lieutenant, treiben Sie Webb auf und sagen Sie ihm, er soll herausfinden, ob Palmer noch hinter Schloß und Riegel in Leavenworth ist. Und das schnell, am besten gestern, sagen sie ihm das!"
Bud eilte davon.
1 ½ Stunden zuvor:
1315 Z-Zeit (08: 15 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station, Harms Wohnung,
Washington D.C.
Harm griff schwungvoll nach seinem Aktenkoffer, schloß die Türe seines Apartments hinter sich ab und ging pfeifend zum Lift. So scheußlich, wie er sich gestern noch gefühlt hatte, so gut fühlte er sich heute. Er war froh, daß er mit Mac gesprochen hatte. <Major Sarah MacKenzie.> Er lächelte vor sich hin. Zwar sah ihm der Schock noch immer ein wenig in den Knochen und natürlich konnte er auch das Gefühl, die ganze Zeit über nur getäuscht worden zu sein, nicht einfach so abschütteln, doch er wußte, daß er auf dem besten Weg dazu war. Er wußte jetzt, daß Mac tatsächlich nur sein Bestes im Sinn gehabt hatte und sich nicht nur einfach so einen dummen Scherz erlaubt hatte.
Er würde sie ein wenig beobachten in den nächsten Tagen, um herauszufinden, ob sie tatsächlich so war, wie die "Diane", die er seit seinem Erwachen im Krankenhaus kennengelernt hatte, oder ob sie ihm nur etwas vorgespielt hatte. Er war neugierig und freute sich schon darauf, diese Frau, die Diane so ähnlich und doch so grundverschieden war, besser kennenzulernen.
Er würde damit anfangen, überpünktlich im Büro zu erscheinen, denn er wußte, daß sie das einigermaßen verblüffen würde. <Dieser Marine und sein Timing...> dachte er amüsiert. Er war so in Gedanken versunken, daß er die Anwesenheit eines anderen Menschen im Fahrstuhl erst bemerkte, als sich die Lifttüren hinter ihm schlossen. Er sah auf, in der Erwartung, einen seiner "neuen" Nachbarn zu sehen, doch stattdessen traf ihn etwas am Kopf und ihm wurde schwarz vor Augen. Er spürte schon nicht mehr, wie am Boden landete.
1512 Z-Zeit (10: 12 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Bud ließ den Telefonhörer sinken und legte auf. Er sah auf, schluckte und schüttelte den Kopf. "Nichts, Sir, Ma’am," sagte er zu Mac und Chegwidden, die noch immer in Macs Büro standen und ungeduldig gewartet hatten, bis er das Gespräch beendete, "Mr. Webb hat sich selbst davon überzeugt, daß Palmer noch in Leavenworth ist."
"Na schön. Dann werde ich jetzt also seine unerlaubte Abwesenheit von der Truppe melden." beschloß der Admiral.
Mac sah ihn entsetzt an. "Admiral, Sir, bitte warten Sie noch damit; wir wissen ja nicht, was mit Harm geschehen ist. Vielleicht ist er ganz unverschuldet in irgendeine Situation geraten ..."
"Sie brauchen Ihren Partner nicht zu verteidigen, Major. Es geht mir nicht darum, Harm zu bestrafen – aber das ist die einzige Möglichkeit, wie wir jetzt schon eine offizielle Suche nach ihm einleiten können."
Mac wußte, daß er Recht hatte. "Entschuldigung, Sir." murmelte sie. Sie wußte doch eigentlich, daß Chegwidden nicht zu den Offizieren gehörte, die nur darauf achteten, ihre Leute bei der Stange zu halten, um bei seinen eigenen Vorgesetzten nicht den Eindruck zu erwecken, er habe seine Untergebenen nicht unter Kontrolle.
Chegwidden nickte nachsichtig. "Schon gut, Major, ich weiß, wie sie sich fühlen. Ich war auch schonmal ... besorgt."
Unbekannte Zeit,
unbekannter Ort
Harm erwachte und setzte sich stöhnend auf. <Autsch!> Er wollte die Beule, die sich sicher an seinem Hinterkopf gebildet hatte, betasten, aber er mußte feststellen, daß ihm die Hände auf den Rücken gefesselt worden waren.
Um ihn herum war es fast völlig dunkel und erst nach einigen Sekunden hatten sich seine Augen soweit an die Lichtverhältnisse angepaßt, daß er überhaupt etwas erkennen konnte. Er befand sich in einer Art Halle, nein, verbesserte er sich, es war eher ein Gewölbe. Es war jedenfalls ziemlich groß und die Decke befand sich so weit über ihm, daß er sie mehr erahnen als sehen konnte. Es war ziemlich kühl und von nirgendwo drang auch nur ein Schimmer Licht herein. Harm vermutete, daß dieser Raum unterirdisch lag. Er erhob sich etwas mühsam aufgrund seiner gefesselten Hände und sah sich um. In der Nähe rauschte Wasser und um ein Haar wäre er in eine Art Becken gefallen. Jetzt erkannte Harm, daß überall um ihn herum Wasser war. Er vermutete, daß diese Kammer zu einer Abwasseranlage oder einem Auffangbecken gehörte.
Er begann, sich auf die Suche nach einem Weg nach draußen zu machen, doch irgendwann sah er ein, daß er keinen finden würde. Es gab hier nichts, außer Beton und einigen Rohren, die jedoch zu schmal waren, als daß ein Mensch sich hätte hindurchzwängen können. Selbst falls oben an der Decke Lüftungsschächte verliefen, was er nicht sicher wußte, so waren sie viel zuweit entfernt, als daß er sie je erreichen konnte. Es führte nur eine einzige Türe nach draußen, doch sie war aus massivem Stahl und von außen verriegelt, wie eine Tresortüre. Wie es aussah, war er gefangen.
Er ließ sich an der Wand nach unten rutschen und versuchte, den Kopf und seine gefesselten Hände soweit zu drehen, daß er im Dunkeln die Zeiger seiner Armbanduhr entziffern konnte, aber die Stricke waren zu fest – vermutlich hätte er in der Finsternis ohnehin nur undeutliche Umrisse erkennen können. Er mußte an Mac denken. <Sie wüßte jetzt genau, wie spät es ist.> dachte er und wünschte fast, sie wäre hier. Andererseits jedoch war er froh, daß sie nicht hier, sondern in Sicherheit war.
Er zerbrach sich den Kopf darüber, wer ihn niedergeschlagen, gefesselt und hierhergebracht haben könnte. Sicher, durch seinen Beruf hatte er sich wahrscheinlich mehr als nur einen Feind gemacht, aber ihm fiel keiner ein, der Grund hatte, sich auf diese Weise zu rächen. Oder war Rache nicht das, was der Unbekannte wollte? Ging es um Geld? In den vergangenen drei Jahren konnte alles mögliche geschehen sein; er hatte keine Ahnung, wem er so alles auf die Zehen getreten war und dieses Gefühl der Hilflosigkeit machte ihn wütend.
Ein leises Scharren ertönte irgendwo rechts von ihm. <Ratten. Na, wenigstens hab ich Gesellschaft.> sagte sich Harm ironisch.
Dann ein lauteres Geräusch von der Türe her – das war mit Sicherheit keine Ratte. Die massive Stahltüre schwang auf und eine dunkle Gestalt erschien in der entstehenden Öffnung. Von draußen drang kaum mehr Licht herein, was Harms Annahme bestätigte, daß sie sich in einem unterirdischen Komplex befanden.
Eine Taschenlampe leuchtete plötzlich auf und blendete Harms an die Dunkelheit gewöhnte Augen. Erst nach einer Weile erkannte er mehr von dem Mann, der die Lampe auf ihn gerichtet hielt. Er war von durchschnittlicher Größe und Statur und auch sonst war kaum etwas wirklich Auffälliges an ihm. Er hatte dunkle, mit viel Grau durchsetzte, schüttere Haare und einen sorgfältig gestutzten Schnurrbart. Das Licht der Taschenlampe glitzerte auf Goldketten um seinen Hals und die Handgelenke und auf einem schweren Ring. Er wirkte irgendwie südländisch, vielleicht ein Hispano-Amerikaner. In seiner rechten Hand ruhte eine Pistole, deren Lauf direkt auf Harm gerichtet war. Der Südamerikaner sah nicht aus, als hielt e er zum ersten Mal eine Waffe in der Hand oder hätte irgendwelche Skrupel, sie auch zu benutzen. Harm konnte sich nicht erinnern, ihn je zuvor gesehen zu haben.
"Ah, Commander Rabb, Sie sind wach! Es freut mich, daß Sie sich entschlossen haben, mir wieder Gesellschaft zu leisten." Sein ausgeprägter Akzent bestätigte Harms Vermutung – er mußte Südamerikaner sein. Offensichtlich gab er sich Mühe, wie ein kultivierter Mann zu erscheinen. "Ich habe Ihnen doch gesagt, daß es immer ein neues Spiel gibt!" erklärte er Harm triumphierend.
"Wovon reden Sie? Ich kenne Sie nicht." sagte Harm und versuchte verzweifelt, sich zu erinnern.
"Sie verletzen meine Gefühle, Commander. Es ist gerade mal zwei Jahre her – und nicht 20, wie Sie mir prophezeiht haben. Ich jedenfalls habe mich auf dieses Wiedersehen gefreut. Vor allem, weil ich damit <zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen> kann, wie es in Ihrer Sprache heißt."
"Wovon sprechen Sie?" Harm wußte noch immer nicht, wer der Verbrecher war und was er wollte.
"Denken Sie in Ruhe nach, Commander." Meinte der Südamerikaner und schlug die Türe hinter sich zu. Harm warf sich dagegen, aber es war zu spät, sein Entführer hatte sie bereits wieder von draußen verriegelt.
1618 Z-Zeit (11:18 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Admiral A.J. Chegwidden sah auf, als jemand unangemeldet hereinkam. Gab es endlich etwas neues von Rabb? Erstaunt erkannte er den großen braunhaarigen Mann mit dem zweireihigen Anzug. "Webb?! Was gibt es?" fragte er überrascht.
"Das frage ich Sie, Admiral." gab Clayton Webb zurück. "Ihr ... Musketier," er wies auf Bud, "ruft mich aus einer Besprechung mit ... einem wichtigen Politiker, um mich zu fragen, ob ich etwas von Rabbs Verbleib wisse oder Palmer ausgebrochen ist. Geht hier irgendetwas vor, von dem ich wissen sollte?"
Chegwidden und ihn verband eine seltsame Haß-Freundschaft. Der Konteradmiral setzte zu einer barschen Antwort an, aber Mac war schneller: "Harm ist verschwunden, Clay."
Webb runzelte die Stirn und sein Blick wurde vorsichtig. Etwas war im Busch, wenn Mac ihn plötzlich nicht einfach "Webb", sondern "Clay" nannte.
"Schön, daß Sie gekommen sind, wir könnten Ihre Hilfe gut gebrauchen." fuhr Mac fort.
Es war definitiv etwas im Busch. Webb hatte es geahnt. Aber er war ein Meister, wenn es darum ging, irgendwelche politischen Ausflüchte zu finden und sich auf nichts Verbindliches festzulegen. Sein Beruf brachte das so mit sich. "Major, ich fürchte, das lassen meine gegenwärtigen Pflichten als Sonderbeauftragter des Außenministeriums momentan nicht zu. Mein Terminplan ist übervoll, tut mir leid."
"Ersparen Sie mir diesen Unsinn, Webb! Jeder weiß, daß Sie für den CIA arbeiten!" fauchte Mac ihn aufgebracht an.
<Aha! Da ist sie ja doch noch; ich hab mich schon gewundert, wo der kratzbürstige Marine-Major geblieben ist.> "Wie auch immer, Major, ich muß jetzt gehen, ich wollte nur mal nach dem Rechten sehen."
"Oh, nein, Webb, so leicht kommen Sie nicht davon. Harm ist ihr Freund, oder nicht? Er könnte in Gefahr sein!" Macs Stimme war scharf und ihr Blick durchbohrte ihn fast.
Webb zuckte ungerührt die Schultern. "Er könnte auch irgendwo mit diesem gelben Flugzeug und einer attraktiven Frau unterwegs sein." entgegnete er unbeeindruckt.
Mac ignorierte diese Bemerkung. "Was kostet es Sie schon, doch nur ein paar Anrufe! Kommen Sie schon, bringen Sie Ihre Leute mal ein bißchen in Gang, das ist doch wohl nicht zuviel verlangt, nach allem, was Harm für Sie getan hat!" versuchte Mac weiterhin beharrlich, ihn zu überzeugen.
Webb wußte, daß er drauf und dran war, seinem Vorsatz, seine Nase nicht in Angelegenheiten anderer Leute zu stecken, untreu zu werden. "Ich habe Rabb mal aus dem Gefängnis geholt; ich bin ihm keinen Gefallen mehr schuldig." <Wen versuche ich da zu überzeugen? Die beiden oder mich?> fragte er sich selbst sarkastisch.
"Wenn nicht ihm, dann tun Sie sich selbst einen Gefallen, Webb. Wenn Rabb etwas passiert und Sie hätten es verhindern können, dann kann die gesamte CIA – oh, Verzeihung, das gesamte Außenministerium – Ihren Arsch nicht mehr retten, klar?!" sagte Chegwidden unmißverständlich.
Webb zuckte mit keiner Wimper, denn er kannte Chegwidden. "Sie haben wirklich eine nette Art, Bitte zu sagen, A.J. Aber gut, ich helfe Ihnen - aber nur, weil meine Nase immer ganz fürchterlich zu jucken beginnt, wann immer Sie dieses Gesicht machen." Er holte sein Funktelefon aus der Innentasche seines Anzugs und bedeutete den JAG-Offizieren, ihn alleine zu lassen, als er seufzend eine Nummer eintippte.
1829 Z-Zeit (13:29 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Zwei Stunden, 11 Minuten und 15 Sekunden später hatten sie immer noch nichts Neues von Harm gehört. Webb hatte eine Suche organisiert, eine Marine-Streife versuchte, den "fahnenflüchtigen" Harm aufzuspüren und Mac und Harm riefen jedes Krankenhaus, jede Arztpraxis – und jedes Leichenschauhaus – im Umkreis von Washington an – ohne jede Spur von Harm. Mac war sogar zu Harms Wohnung gefahren. Dort sah alles so aus, als wäre Harm in aller Ruhe aufgebrochen; das Geschirr war gewaschen, das Bett gemacht und nichts deutete darauf hin, daß dem Besitzer des Apartments irgendetwas zugestoßen sein konnte. Seltsamerweise stand jedoch Harms Jeep vor dem Haus. Ratlos machte sie sich auf den Rückweg zum Hauptquartier und hoffte, daß man dort inzwischen etwas von Harm gehört hatte. <Harm, wo bist du?> fragte Mac zum hunderteinundfünfzigsten Mal.
Bud kam ihr entgegen, als sie das Büro betrat. Mac sah seinen Blick und wußte sofort, daß etwas geschehen war. <Nein, bitte, nein! Alles nur das nicht!> flehte sie im Stillen. Sie riß sich zusammen. "Sie haben ihn gefunden, nicht wahr?" fragte sie tonlos.
"Äh ... nein, aber es ist etwas für Sie gekommen, Ma’am." erklärte Bud bedrückt.
Der Admiral kam aus seinem Büro und Webb folgte ihm. Trotz seines anfänglichen Protests würde er sich – das wußte Mac – nicht hier wegbewegen, bevor sie Harm nicht gefunden hatten. Schweigend reichte Chegwidden ihr einen Brief.
Verehrteste Ms. MacKenzie,
Ich vermute, Sie vermissen Ihren Commander bereits, doch Sie können sich die Suche sparen – er leistet mir liebenswürdigerweise bei einer weiteren Partie Go Gesellschaft.
Falls Sie Interesse daran haben sollten, Ihren Freund in einem Stück zurückzuerhalten, dann sorgen Sie besser dafür, daß mein Bruder Umberto aus dem Gefängnis freikommt. Ich schlage vor, Sie verzichten auf alle Tricks – Sie erinnern sich sicherlich, was mit Corporal Silva passiert ist.
Leiten Sie alles in die Wege; ich melde mich wieder.
Herzlichst, Ihr
Carlos Estruga
"Estruga!" entfuhr es Mac. "Estruga hat ihn!"
Webb stöhnte. Er erinnerte sich noch lebhaft daran, wie der kolumbianische Drogenbaron ihn vor 2 Jahren gefangengenommen hatte, um seinen Bruder freizubekommen. Damals hatten Harm und Mac es vereitelt und dafür gesorgt, daß auch Estruga selbst hinter Gitter wanderte. Wie es schien, war er jedoch freigekommen – Webb zweifelte allerdings daran, daß es auf legalem Weg geschehen war. Jedenfalls schien Estruga entschlossen zu sein, seinen Bruder zu befreien und er würde mit Sicherheit nicht zögern, seinen alten "Gegner im Go-Spiel" dabei aus dem Weg zu räumen, wenn es nötig sein sollte.
Webb schüttelte den Kopf. "Die Regierung wird Umberto Estruga auf keinen Fall freilassen."
"Ach nein?" zischte Mac. "Als Sie es waren, den Estruga gefangen hatte, waren Sie aber ganz anderer Meinung."
"Major, Major!" mahnte Chegwidden. "Ich schlage vor, wir konzentrieren uns darauf, uns etwas auszudenken, wie Rabb heil aus dieser Sache rauskommt, anstatt uns gegenseitig an die Kehle zu gehen!"
Mac und Webb nickten. "Was schlagen Sie vor?" wollte der CIA-Agent wissen.
"Wir werden genau das tun, was Estruga verlangt..." meinte der Admiral.
"Doch sicher nicht GENAU das, oder, Sir?" fragte Mac und sah ihn erwartungsvoll an.
Einen Tag später:
Unbekannte Zeit,
unbekannter Ort
Die schwere Stahltüre öffnete sich erneut. Harm spannte die Muskeln an, aber sosehr er auch zerrte, die Stricke um seine Handgelenke waren zu fest und schnitten nur noch schmerzhafter in seine Haut.
Carlos Estruga lachte herablassend. "Bemühen Sie sich nicht, Commander, genießen Sie Ihren Aufenthalt hier, solange er noch dauert. Sobald mein Bruder frei ist, sind Sie es auch. Wenn etwas schief geht – sind Sie tot." Er nickte Harm mit dem liebenswürdigsten Gesichtsausdruck zu und schob ihm einen Teller hin. "Ich schulde Ihnen noch ein Abendessen, auch wenn es keine gegrillte Ziege ist." erklärte er.
Harm ignorierte das Essen – er hätte es nicht angerührt, auch wenn seine Hände nicht gefesselt gewesen wären. "Ich weiß immer noch nicht, von was Sie da reden!" knurrte Harm.
"Stellen Sie sich nicht blöd, Commander!"
"Er braucht sich nicht blöd zu stellen." sagte Mac und trat näher. Sie schüttelte den Regen von ihrer schwarzen Lack-Jacke.
Zwei erstaunte Augenpaare ruhten auf ihr. Estruga war überrascht, mit einem derartigen Seitenhieb auf ihren Partner hatte er nicht gerechnet. Oder war es ein Trick? Harm hingegen war entsetzt. Er hatte sie sicher im HQ geglaubt und nun war sie hier, er hatte sie auch geschnappt! <Oh, verdammt!>
"... er hat sein Gedächtnis verloren." beendete Mac ihren Satz. Regen tropfte von ihrem dunklen Haar.
Estruga sah sie abschätzend an. Er wußte, wie raffiniert diese beiden Anwälte waren. "Aber Sie das Ihre doch nicht, nehme ich an? Dann werde ich mit Ihnen verhandeln. Schön, daß Sie hergefunden haben. Lassen Sie mich Ihnen meine Gastfreundschaft anbieten." Er zog eine Pistole und richtete sie auf ihren Kopf.
Mac rührte sich nicht, versuchte nicht, wegzulaufen. Sie hatte sich denken können, was kommen würde. So hatte Estruga es schon bei ihrer letzten Begegnung gehalten: ein lebender CIA-Agent war besser als ein toter Marine und zwei gefangene JAG-Offiziere waren besser als einer.
Estruga näherte sich Mac vorsichtig und fesselte auch ihr die Hände auf den Rücken. Dann durchsuchte er sie – schnell, aber gründlich. Harm biß die Zähne zusammen. Estruga förderte ein Messer aus Macs Stiefel zutage. Mac hatte gewußt, daß er es finden würde, es sollte ihn in Sicherheit wiegen. Ansonsten war sie unbewaffnet und auch nicht mit einem Sender oder Wanzen versehen. Sie wußten, daß Estruga zu clever war. Wenn er sie gefunden hätte, wäre er gewarnt. Also war sie gezwungen, ohne jedes Hilfsmittel "in die Höhle des Löwen" zu gehen.
"Wenn ich bitten darf?" Estruga winkte mit der Waffe und deutete auf die gepanzerte Türe. Schwer schlug die Tür hinter ihnen zu und jetzt umgab sie fast völlige Dunkelheit.
Mac versuchte in der Finsternis Harms Gesicht zu erkennen. "Harm, geht es dir gut?" erkundigte sie sich besorgt. Jetzt, in diesem Moment der Gefahr, ging sie ohne zu überlegen wieder zum "Du" über.
"Ich bin nicht verletzt, wenn du das meinst, aber sonst hab ich mich schon besser amüsiert. Wer ist der Kerl?" wollte Harm wissen.
"Ein kolumbianischer Drogenbaron. Er hat vor 2 Jahren versucht, seinen Bruder, der irgendwo in Miami im Gefängnis sitzt, freizubekommen, indem er Webb als Geisel genommen hat, aber wir konnten es verhindern. Ich schätze, er versucht jetzt dasselbe nochmal und rächt sich ganz nebenbei auch noch an uns." erläuterte Mac.
"Webb?" wiederholte Harm fragend. "Noch jemand, den ich kennen sollte?"
Mac seufzte. Es stimmte sie immer wieder traurig, daß Harm sich nicht an all ihre gemeinsamen Erlebnisse erinnern konnte. "Ich glaube, das ist jetzt nicht der passende Moment, um dir das zu erklären." Sie war nicht sicher, ob Estruga nicht irgendwo Wanzen angebracht hatte und ihr Gespräch mithörte. Deshalb konnte sie ihm auch nichts von ihrem Plan erzählen.
"Tut mir leid, daß er dich auch gekidnappt hat. Du bist hoffentlich nicht verletzt, oder?" Er musterte sie prüfend von oben bis unten.
"Nein, bin ich nicht, und Estruga hat mich auch nicht gekidnappt – ich bin selbst hergekommen." stellte Mac richtig.
"Du bist freiwillig hier?"
"Wenn man einen Drohbrief freiwillig nennt... er hat mir eindrücklich nahegelegt, seinen Forderungen genau nachzukommen, wenn ich dich in einem Stück wiedersehen will – und weißt du, ich bin auch nicht gerade begeistert von der Aussicht, einen neuen Partner einweisen zu müssen..."
Harm brauchte ihr Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, daß sie lächelte. "Estruga hat also eine nette kleine Nachricht hinterlassen... Und dann? Wie bist du hierhergekommen?" erkundigte sich Harm.
"Er hat mich zuhause angerufen. Er wußte genau, daß ich von meiner Wohnung aus keine Mittel in der Hand habe und völlig unvorbereitet bin." Ihre Worte waren an Estruga gerichtet – falls er wirklich zuhörte – und sie hoffte, daß sie Harm damit nicht allzusehr entmutigte. "Er hat mich quer durch die Stadt dirigiert, so daß mir niemand folgen konnte. Ich glaube, wir sind hier in irgendeiner Kläranlage in einem Vorort von Washington." Mac zerrte heftig an ihren Fesseln.
"Vergiß es, du wirst dich nur verletzen. Estruga ist kein Amateur." wandte Harm warnend ein.
Mac hielt inne und sah sich um. Das Rauschen neben ihr hatte irgendwie eine bedrohliche Qualität. "Harm, fließt das Wasser hier die ganze Zeit so stark?" wollte sie wissen.
Harm preßte die Lippen zusammen. "Verdammt, nein. Es regnet draußen, nicht?"
Mac nickte. "Regnen ist gut. Es SCHÜTTET in Strömen! Und es sieht nicht aus, als ob es bald wieder aufhören würde." entgegnete sie und nickte mit dem Kopf in Richtung ihrer durchnäßten Kleidung.
"Dann sind wir in ernsthaften Schwierigkeiten. Siehst du die beiden Rohre da? Sie leiten das Wasser von den Abwasserkanälen in diese Auffangbecken hier. Wenn es regnet, beginnt das Wasser zu steigen ... bis der ganze Raum gefüllt ist. Deshalb auch die Stahltüren."
Mac sah sich gehetzt um. Harm hatte Recht; sie saßen in der Falle! Und nach der Geschwindigkeit zu schließen, mit der das Wasser stieg, würde niemals rechtzeitig Hilfe eintreffen – wenn überhaupt!
"Hey, das steht nicht in meinem Rekrutierungsvertrag!" beschwerte sich Harm mit einem schiefen Grinsen, als das Wasser seine Knie erreichte.
Beide zerrten erneut an ihren Fesseln. "Glaubst du, die Stricke werden lockerer, wenn ich sie ins Wasser tauche?" fragte Mac hoffnungsvoll.
Harm nickte bitter. "Ja, für einen kurzen Moment – und dann ziehen sie sich noch viel enger zusammen, so daß es dir das Blut abstellen würde. Die Stricke sind aus Leder; Estruga hat scheinbar an alles gedacht. Sie würden sich nicht weit genug lockern, daß du sie hinausschlüpfen könntest. Es sei denn, du würdest dir vorher die Handgelenke brechen." meinte er nüchtern.
Mac begann stumm, ihre Hände ins Wasser zu tauchen – das war mittlerweile so hoch, daß sie sich dazu nicht mehr zu bücken brauchte.
"Mac, was tust du da?" protestierte Harm.
"Ich habe keine Lust, zu ertrinken, Harm, und genau das wird passieren, wenn das Wasser noch höher steigt und wir hier gefesselt rumsitzen." erklärte Mac entschlossen. Dann knackte es kurz und trocken und Mac unterdrückte einen kurzen Aufschrei.
Harm starrte sie an. "Himmel, Mac! Du hast doch nicht wirklich ...?" Geschockt sah er sie an.
"Was? Mir die Hände gebrochen? Nein, seit mein Vater mir mal das Handgelenk ausgekugelt hat, kann ich es ausrenken – es tut weh, aber es geht ohne größeren Schaden." Mac biß die Zähne zusammen und schaffte es, die Hand aus den Stricken zu befreien. Rasch lief sie zu Harm hinüber und mühte sich mit seinen Fesseln ab, bis sie sie endlich lösen konnte. Ihre linke Hand würde einige Tage zu nichts zu gebrauchen sein, das wußte sie. <Wenn du nicht bald hier rauskommst, brauchst du dir darüber keine Sorgen mehr zu machen.> sagte sie sich ernst.
Das Wasser strömte unaufhörlich in die Klärkammer und stieg immer weiter, ging Harm jetzt bis zur Brust und Mac – sprichwörtlich – bis zum Hals. Mac schnappte nach Luft. Das Wasser war kalt.
"Okay, Harm, was tun wir jetzt?" fragte Mac und sah sich nach irgendeinem Ausweg um.
Harm war stolz darauf, daß sie so ruhig blieb. "Uns bleibt nur eins: wir lassen uns vom Wasser hinauf an die Decke heben und hoffen, daß oben irgendwo ein Lüftungsschacht oder etwas ist, durch das wir entkommen können." erklärte er kaltblütig.
Das Wasser floß jetzt nicht mehr aus den beiden Rohren, sondern es STÜRZTE geradezu aus ihnen und toste gegen die Wände der Kammer. Kleine Öffnungen, die irgendwo unter ihnen sein mußten, genügten nicht, um das Wasser abfließen zu lassen, erzeugten jedoch starke Strömungen und Strudel. Innerhalb weniger Sekunden waren sie gezwungen, zu schwimmen.
Harm ergriff Macs Hand und hielt sie fest in seiner. "Nicht loslassen!" warnte er.
"Würde mir im Traum nicht einfallen." Entgegnete Mac, aber noch während sie es sagte, entstand ein heftiger Sog, der sie auseinanderzureißen drohte. Sie wurden unter Wasser gerissen, schluckten Wasser und kamen keuchend wieder hoch. Verzweifelt umklammerte Mac Harms Hand.
Irgendwo hinter ihnen traf die gewaltige Wasserfront ein Metallgerüst und ließ es zusammenbrechen. Eine der Streben wurde von der Strömung mitgerissen. Harm ging wieder unter, kämpfte verzweifelt und spürte, wie Macs Hand aus seiner rutschte, als irgendetwas gegen sie prallte. Er tastete wild um sich, doch in der absoluten Dunkelheit fand er Mac nicht.
Mac wurde unter Wasser gerissen und schrie lautlos auf, als die Metallstrebe mit voller Wucht gegen sie prallte. Ihr wurde schwarz vor Augen und um ein Haar hätte sie das Bewußtsein verloren, aber die Disziplin vieler Drillstunden – und nicht zuletzt der heftige Schmerz, der durch ihren Körper raste – ließen nicht zu, daß sie einfach in Ohnmacht fiel. Harms Hand war nicht mehr in ihrer; sie hatte ihn verloren. Sie konnte nichts sehen; sie konnte nicht atmen. Sie konnte nichteinmal oben von unten unterscheiden. Die Kälte lähmte sie; ihre Hände und Füße waren bereits taub. Außerdem wurde ihr bewußt, daß sie ziemlich schwer verletzt sein mußte. Der Druck auf ihren Lungen wuchs ins Unerträgliche und nur mühsam widerstand sie der Versuchung, einzuatmen. Nur noch wenige Sekunden und es war aus.
Harm kämpfte wie wild, um an die Wasseroberfläche zu kommen, tauchte auf, schnappte kurz nach Luft, schrie laut nach Mac und als sie nicht antwortete, ließ er sich in das tosende Wasser zurückfallen, um erneut nach ihr zu tauchen. Dreimal, viermal, fünfmal ... er wußte nicht mehr, wie oft er in die schwarze Tiefe unter ihm vorgedrungen war, um nach ihr zu suchen. Er keuchte und seine Arme und Beine waren schwer wie Blei, dennoch gönnte er sich nicht eine Sekunde der Ruhe, sondern tauchte jedesmal sofort wieder ab, sobald er kurz Atem geholt hatte.
Der Gedanke, sie verloren zu haben, machte ihn wahnsinnig. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so verzweifelt gewesen zu sein, nicht einmal als Hodge sie auf der USS Waterton solange gewürgt hatte, bis sie bewußtlos geworden war und ohne zu atmen in seinem Armen lag. Harm erstarrte, so daß die Strömung ihn einige Meter weit fortriß. Die Waterton, ihr blödsinniger Streit damals ... Er erinnerte sich!! An alles, an Mac, daran, was sie für ihn bedeutete ... Er durfte sie nicht verlieren, nicht jetzt! Eine heftige Welle ließ ihn gegen einen Gegenstand im Wasser stoßen und er griff automatisch zu. Es war ein Arm. Mac!!
Irgendwie schaffte er es, sich mit ihr zurück an die Wasseroberfläche zu arbeiten, die sich momentan nur noch einen Meter von der Decke entfernt befand. Ein rascher Blick zeigte ihm, daß sie bewußtlos war. Keuchend mühte er sich ab, ihren Kopf über Wasser zu halten, als eine weitere Welle sie erfaßte und in einen kleinen Hohlraum spülte. Hastig hielt Harm sich mit der anderen Harm irgendwo fest und zog sich ganz hinauf. Es war kein Lüftungsschacht, wie er zuerst gehofft hatte, sondern mußte eine Art Wartungsluke sein, die noch vom Bau der Anlage übriggeblieben war. Aber zumindest bot sie die Luke ihnen für den Moment Schutz vor den Wassermassen. Kaum 80 cm trennten sie von der Decke, so daß kein Platz war, um sich auch nur aufrecht hinzusetzen und so lag Harm mit Mac auf einem schmalen Beton-Sims.
<Mac, oh Gott!> Mit fliegenden Fingern tastete er nach ihrem Puls, fand aber zunächst keinen. "Verdammt, Marine, tu mir das nicht an, atme, hörst du?!" rief er gegen das laute Tosen des Wassers um sie herum an. Endlich ertasteten seine zitternden Finger einen Puls ... er schlug langsam und schwach, aber er war vorhanden. Erleichterung durchrieselte Harm. Er zog sich etwas mehr auf den Felssims und versuchte, Macs Zustand festzustellen.
Sie war bewußtlos, ihr Gesicht war bleich, ihre Lippen bläulich und sie atmete nur sehr flach. Ihr linkes Handgelenk stand in einem seltsamen Winkel und ihre rechte Schulter blutete heftig. Außerdem quoll Blut aus einer Kopfwunde und Harm war sicher, daß auch einige Rippen gebrochen waren. Die Metallstütze mußte sie getroffen haben. Er betete insgeheim, daß sie keine Inneren Verletzungen erlitten hatte. Er wußte, daß er sie irgendwie wach bekommen mußte, bevor ihre Körperfunktionen noch weiter absanken.
"Mac, MAC! Hey, Sarah MacKenzie, aufwachen!" Er schlug ihr leicht auf die Wange.
Ihre Augenlider flatterten und öffneten sich dann. Harm atmete auf. "Harm!" hauchte sie fast unhörbar, "was ist passiert?"
Harm lächelte mühsam. "Du bist verletzt worden. Es ist jetzt ganz wichtig, daß du durchhältst, bis Hilfe kommt, ja?" <Hilfe? Welche Hilfe, denn?> fragte er sich selbst verzweifelt.
Mac stöhnte unterdrückt. Die Schmerzen in ihrer Brust, in ihrer Schulter ... in ihrem ganzen Körper waren fast unerträglich. "Wo sind wir?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
"In einer Luftblase. Muß so eine Art Wartungsluke sein. Ich denke, wir sind hier sicher." <Jedenfalls, bis uns die Luft ausgeht oder das Wasser noch höher steigt.>
Besorgt sah er auf sie hinab. Ihre blasse Gesichtsfarbe ängstigte ihn und ihre Zähne klapperten unkontrolliert aufeinander. Der Schock, die Verletzung, der Blutverlust und das kalte Wasser mußten sie völlig unterkühlt haben. "Harm, mir ist so kalt." murmelte sie und Harm verstand sie kaum vor lauter Zähneklappern.
"Sorry, ich glaube, im Moment gibt es da nur eine Maßnahme: wir müssen unsere Körperwärme teilen. Komm her." Er schob sich auf Ellenbogen und Knien dichter an sie heran, schlang ganz behutsam die Arme um sie und hüllte sie in einen Kokon der Wärme. Mac ließ alles stumm mit sich geschehen. "Was, keine Ampelsignale?!" versuchte Harm zu scherzen.
"Es tut zu sehr weh, wenn ich lache." gab Mac tapfer zurück und verzog das Gesicht zu etwas, was wohl ein Grinsen darstellen sollte. Sie legte den Kopf in Harms Armbeuge und schloß erschöpft die Augen. Dunkelheit wogte heran.
"Hey, Marine, wach bleiben!" befahl Harm.
Mac reagierte nicht.
"Mac, tu mir das nicht an, du weißt doch, wie sehr ich es hasse, einen neuen Partner einarbeiten zu müssen." Er schüttelte sie sachte. "Major Sarah MacKenzie! Ich befehle Ihnen, wach zu bleiben und durchzuhalten, klar?!"
Sie öffnete müde die Augen. "Sie sind offiziell fahnenflüchtig und deshalb nicht in der Position, mir Befehle zu erteilen." erklärte sie ihm schwach. Die wundervollen braunen Augen drohten sich wieder zu schließen.
"Hiergeblieben, Marine! Sie werden mir jetzt etwas erzählen, klar?" wies Harm sie an.
"Ich kann nicht, Harm." stöhnte Mac. Sie hatte Durst, was seltsam genug war, denn schließlich war sie von lauter Wasser umgeben, sie fror noch immer erbärmlich und wirre Gedanken gingen ihr durch den Kopf, ohne daß sie einen davon festhalten konnte.
"Gut, dann werde ich reden und Sie hören mir zu, ja?" Harm schloß sie noch etwas fester in die Arme, so daß ihr Kopf nun an seiner Brust ruhte. "Oh verdammt, du hättest nie hierherkommen dürfen!" entfuhr es Harm. Er hätte nicht gewollt, daß sie sich seinetwegen in Gefahr begab.
Mac öffnete die Augen einen Spalt weit und setzte zu einer Antwort an.
"Spar deine Kräfte, ich weiß, was du sagen willst. Ich kenne die ’Ich bin ein Marine, Harm, und ich kann auf mich selbst achtgeben‘-Rede bereits."
"Merk sie dir gut ... ich weiß nicht, ob du sie noch so oft hören wirst." keuchte Mac. Ihr ganzer Körper brannte jetzt wie Feuer. Sie bekam kaum Luft, so als sei ihr ganzer Brustkorb eingedrückt worden und der Blutverlust drohte langsam kritisch zu werden. Sie wußte, daß sie nicht mehr sehr lange durchhalten konnte; nicht in dieser nassen Kälte.
"Natürlich werde ich das. Dieser verdammte Marines-Stolz wird mich noch so manches Mal in den Wahnsinn treiben, da bin ich sicher. Und dann ... stellen Sie sich vor, welche einmalige Gelegenheit Sie haben, mich vor allen bloßzustellen..."
Harm versuchte, sich in einen seiner Scherze zu retten.
"Bloßzustellen?" wiederholte Mac atemlos.
Harm grinste schwach. "Na ja, allein, eine schöne Frau in den Armen ... wenn jemand herausfindet, daß ich nur mit Ihnen geredet habe, ist mein Image ruiniert."
"Welches Image?" fragte Mac leise und lächelte. "Ich dachte immer, Harmon Rabb junior wäre so rechtschaffen und makellos."
Sie spürte eine Bewegung in ihrem Nacken, als er lächelte. "So ist es gut, braves Mädchen." Plötzlich erstarrte er. "Haben Sie das gehört?" fragte er alarmiert und lauschte erneut.
"Was?" fragte Mac reichlich schläfrig.
Die Stahltür öffnete sich und wie eine Sturzflut ergoß sich ein großer Teil der Wassermassen sofort nach außen.
Es dauerte einige Minuten, bevor jemand eintreten konnte – es war Estruga, nicht Chegwidden, wie Harm insgeheim gehofft hatte. "Oh, wie unachtsam von mir..." Trotz seines kultivierten Gehabes war er völlig mitleidslos.
"Kommen Sie da runter, bevor das Wasser ganz abfließt und Sie da festsitzen!" befahl er und winkte mit seiner Pistole.
"Meine Partnerin ist verletzt!" schrie Harm wütend zurück.
"Sie haben die Wahl: Sie kommen runter – mit ihr oder ohne sie, ganz wie Sie wollen." Entgegnete Estruga mitleidslos.
Harm beugte sich zu Mac hinunter. "Ich fürchte, das wird jetzt ziemlich weh tun. Wir müssen da runterspringen, bevor der Wasserpegel zu sehr fällt."
Die Wasseroberfläche befand sich bereits über zwei Meter unter ihnen.
"Ist okay, ich denke, ich werd’s überleben." Versicherte ihm Mac. Harm war sich da nicht so sicher. Er ließ sich fallen und zog Mac mit sich, so daß er ihren Sturz etwas abfangen konnte. Dennoch spürte er, wie sie beim Aufprall schmerzhaft zusammenzuckte und für einige Sekunden das Bewußtsein verlor. Er zog sie aus dem Wasser und trug sie vorsichtig zur Tür. Estruga zielte mit der Waffe auf sie, aber Harm ignorierte ihn.
"Hey, ich dachte immer, Marines fallen nicht in Ohnmacht!" begrüßte er sie, als sie die Augen wieder öffnete.
"Davon weiß ich nichts, es steht nicht in meinem Handbuch." erwiderte Mac und versuchte tapfer, auf eigenen Beinen zu stehen.
"Lassen Sie sie los, Commander!" befahl Estruga.
Harm starrte ihn an. "Hey, sind Sie blind? Sie kann nicht alleine stehen!"
Estruga hob drohend die Waffe. Mac kam mühsam auf die Beine und krallte sich nur noch mit einer Hand an Harms Hemd fest. Estruga hielt ihn sein Funktelefon hin. "Ich glaube, jetzt werden Sie überzeugend genug sein, um Umbertos Freilassung zu erreichen." meinte er grinsend.
Mac schwankte leicht, wehrte aber ab, als Harm besorgt zugreifen wollte. Trotzig starrte sie das Handy an.
"Na los, machen Sie schon!" wies Estruga sie an und preßte ihr die Mündung seiner Pistole an den Kopf.
Harm war so wütend, wie noch nie in seinem Leben ... und auch so ängstlich – wenn Estruga jetzt den Kopf verlor und abdrückte, verlor er Mac, ohne daß sie je erfuhr, daß er nun wieder wußte, wer sie wirklich war – und was sie, nicht Diane, ihm bedeutete. "Sarah, bitte, gib nach, ich möchte nicht, daß wieder sowas passiert wie damals, in den Appalachen." bat er sie eindringlich und hoffte, daß ihre Vernunft größer als ihr verdammter Marine-Stolz war. In diesem schwerverletzten und unbewaffneten Zustand hatte sie in einem Kampf keine Chance gegen den Drogenkönig.
<Appalachen?> Mac sah ihn groß an – gab Harm ihr da etwas zu verstehen, daß er sein Gedächtnis wiederhatte oder war sie schon so verwirrt?
Doch Harm nickte ihr zu und sah ihr fest in die Augen. <Er weiß es wieder. Alles.>
Draußen bellte ein Hund. Mußte ein ziemlich großes Tier sein. "Na schön," meinte Mac nachgebend, "dann sollten wir jetzt vielleicht das tun, was Marines – wie ich dir erklärt habe – niemals tun. Aufgeben." fügte sie in Estrugas Richtung hinzu, aber Harm wußte ganz genau, daß es dabei nicht ums Aufgeben gegangen war.
Es dauerte nur eine Sekunde, bevor er begriff – sie waren ein eingespieltes Team und manchmal war es fast, als könnten sie die Gedanken des jeweils anderen lesen. Harm verstand fast sofort, was Mac ihm da mitteilen wollte, warf sich zu Boden und riß Mac mit sich, versuchte, sie mit seinem Körper vor der Kugel aus Estrugas Pistole zu schützen. Sie hatte von Anfang an klar gemacht, daß sie weder seinen Schutz noch den irgendeines anderen brauchte, aber Harm konnte dennoch nicht verhindern, daß er so fühlte. Er würde nicht zulassen, daß sie noch schwerer verletzt wurde, nicht seinetwegen. Mac war etwas ganz besonderes für ihn. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so verbunden mit jemandem gefühlt, noch nichteinmal mit Diane. Es war, als wären sie Seelengefährten. Er hätte es nicht ertragen, wenn ihr etwas zugestoßen wäre.
Noch im Fall traf Mac mit der Handkante Estrugas Waffe, so daß der losgehende Schuß nicht sie, sondern nur die Decke des Gebäudes traf.
Die harte Landung am Boden ließ den Schmerz in Macs ganzem Körper explodieren und sie mußte gegen die drohende Ohnmacht ankämpfen.
Estruga riß die Waffe herum und richtete sie auf Harm, der sich schützend über Macs Körper geworfen hatte. Harm sah alles fast wie in Zeitlupe: Estruga krümmte kaltblütig den Finger um den Abzug. Harm erwartete den Einschlag der Kugel und schlang trotzig die Arme noch etwas fester um Mac. Der Schuß, der in unmittelbarer Nähe losging – aus dieser Distanz konnte Estruga ihn gar nicht verfehlen – ließ Harms Trommelfell fast taub werden, aber vermutlich war das in Sekundenbruchteilen sein geringstes Problem. Pulverteilchen und Rauch quollen aus der Mündung der Waffe. Dann ... wurde Estruga unsanft zurückgeschleudert und prallte gegen die nächste Wand, an der er zu Boden rutschte. Auf seiner rechten Schulter breitete sich ein großer Blutfleck aus. Harm erstarrte einen Moment, konnte fast nicht glauben, daß er tatsächlich noch lebte.
Dann besann er sich und rollte sich sofort von Mac herunter. Müde öffnete sie die Augen, sah aber an Harm vorbei. "Nicht schlecht für jemanden, der nur im taktischen Beraterstab gedient hat, Webb." murmelte sie schwach, aber ihre Augen funkelten. "Nur Ihr Hund ... bedarf noch etwas der Übung."
"Vorsicht, Major, Sie sprechen von Ihrem C.O." wandte Chegwidden scheinbar warnend ein. Dabei warf er Harm jedoch einen fragenden Blick zu, der voller Sorge um Mac war. Harm signalisierte ihm wortlos, daß es nicht besonders gut um sie stand.
Webb sah es ebenfalls. "Sie sollten in einer solchen Situation nicht scherzen, Major – sieht so aus, als ob Ihr Arsch – pardon, aber ich zitiere Sie nur – über einem ziemlich tiefen Abgrund hängt."
"Halten Sie ihr keine Predigt, Webb, gehen Sie lieber und rufen Sie einen Notarzt." befahl Harm dem CIA-Agent drängend.
Webb griff zu seinem Handy und als er es nach kurzer Zeit wieder sinken ließ, meldete er: "Ein Rettungswagen ist unterwegs." Er ging zu Estruga hinüber, der mehr tot als lebendig an der Wand lehnte und aus einer Schulterwunde heftig blutete. Niemand von den Anwesenden zeigte besonders viel Mitleid mit ihm. Webb zog mit einer fast theatralischen Geste Handschellen aus seiner Tasche und ließ sie um Estrugas Handgelenke zuschnappen. "Sie haben einen Fehler gemacht. Sie hätten daran denken sollen, daß wir Major MacKenzies Auto mit einem Sender ausstatten konnten, auch wenn Sie sie durchsucht haben. So, und jetzt etwas, was ich schon immer mal tun wollte: Carlos Estruga, ich verhafte Sie wegen Kidnapping, Körperverletzung, versuchten Mordes und Drogenhandel. Sie haben das Recht auf einen Anwalt. Sie haben das Recht zu schweigen. Wenn Sie nicht von diesem Recht Gebrauch machen, kann alles, was Sie sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden... Habe ich etwas vergessen?" Webb sah lächelnd auf.
"Es heißt Freiheitsberaubung, Webb, nicht Kidnapping – und ich bezweifle, daß einer der anwesenden Anwälte sich bereiterklären wird, Estruga zu verteidigen." warf Chegwidden grimmig ein.
Harm bekam nicht sonderlich viel von dem mit, wovon sie sprachen. Er wandte sich wieder Mac zu. "Ist es okay, wenn wir dich hier rausbringen?" erkundigte er sich sanft.
"Je schneller ich hier wegkomme, desto besser!" entgegnete Mac gepreßt.
"Okay, dein Wunsch ist mir Befehl, oh großer Jarhead." Harm konnte mit seiner wachsenden Sorge um Mac nur fertigwerden, indem er sich durch Scherze ablenkte und sie wußte das. Behutsam, denn er wußte, daß es ihr Schmerzen bereiten würde, hob Harm sie hoch <Wie leicht sie ist!> und trug sie nach außen, wo der Regen inzwischen nachgelassen hatte. Ihr Atem, den er an seiner Wange spürte, ging flach und unregelmäßig und ihre Haut fühlte sich unterkühlt an. Harm hatte schon zu viele Schwerverletzte gesehen, um sich vormachen zu können, es wäre alles ganz harmlos.
Harm war nie ein besonders religiöser Mensch gewesen, aber jetzt, als er mit seiner blutenden Partnerin <und soviel mehr> im Dunkeln stand und verzweifelt auf den Rettungswagen wartete, begann er zu beten. Als er zu Chegwidden hinübersah, bemerkte er, daß sich dessen Lippen lautlos bewegten.
31. März 1999
0407 Z-Zeit (23:07 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus,
Bethesda, Maryland
Harm ging ungeduldig auf dem Gang auf und ab. Drei Schritte nach links, drei Schritte nach rechts – und das seit einer halben Stunde. Dabei zerknüllte er einen leeren Kaffeebecher in seinen großen Händen, ohne es überhaupt zu bemerken.
"Commander, bitte, setzen Sie sich, Sie machen mich noch seekrank!" beschwerte sich Admiral Chegwidden barsch, doch kannte ihn Harm <jetzt wieder> gut genug, um zu wissen, daß er ebenso unruhig war wie Harm auch.
Harm wirbelte herum, als – endlich – die Türe mit der Aufschrift "OP" sich öffnete und eine Schwester im grünen Kittel herauskam. "Wie geht es ihr?" wollte Harm sofort wissen, aber sie schüttelte nur den Kopf.
"Tut mir leid, Sie müssen auf den Doktor warten, ich kann Ihnen nichts sagen." erklärte sie und ging weiter.
Das Warten begann von neuem. Drei Schritte nach links, ... Harm war erst zwei Schritte weit nach rechts gekommen, als die OP-Türe erneut aufging und er fast mit dem Arzt kollidierte.
"Wie geht es ihr?" wiederholte Harm drängend seine Frage.
Der Arzt schob ihn erstmal auf Armlänge von sich. "Gehören Sie zur Familie der Patientin?" fragte er distanziert.
Harm sah ihn fast verblüfft an. "Ja, ich meine ... Nein, aber ..."
Der Mediziner zuckte bedauernd die Schultern. "Tut mir leid, dann darf ich Ihnen keine Auskünfte geben."
Harm sah ihn nur fassungslos an und setzte zu einem scharfen Protest an, doch Admiral Chegwidden trat schnell hinzu und zog den Arzt beiseite. "Hören Sie, der Commander ist der Verlobte von Major MacKenzie. Sie wollten in drei Tagen heiraten, Sie verstehen?" zog er ihn ins ’Vertrauen‘.
Harm sah ihn ziemlich überrascht an. Er hatte den Admiral noch nie bei einer so offensichtlichen Lüge ertappt.
Der Arzt sah Harm mitleidig an. "Wenn das so ist ... Miss MacKenzie geht es den Umständen entsprechend gut – tut mir leid, daß ich dieses Klischee verwende."
Harm tat es ganz und gar nicht leid; dies war das schönste Klischee, das er je in seinem Leben gehört hatte.
"Sie hat drei gebrochene Rippen; einen Bänderriß und eine recht tiefe Fleischwunde an der Schulter, sowie eine leichte Gehirnerschütterung. Ihr linkes Handgelenk war ausgekugelt und wir mußten es ruhigstellen. Dazu kommen natürlich unzählige Prellungen und Abschürfungen. Der Blutverlust und die Unterkühlung haben sie ziemlich geschwächt, aber sie ist jung, gesund und stark, sie wird es schon überstehen." Der Arzt lächelte Harm zu.
Harm atmete erleichtert auf. Eine Riesenlast wurde von seinen Schultern genommen.
Der Arzt räusperte sich. "Nur ..." begann er.
"Nur? Was?" Harm sah ihn aus großen Augen besorgt an.
"Nur fürchte ich, Sie werden Ihre Hochzeit verschieben müssen." meinte der Arzt und klopfte Harm väterlich auf die Schulter.
Harm grinste erleichtert. "Ja, ich schätze, das müssen wir." stimmte er zu und lächelte noch eine Spur breiter.
"Wenn Sie sie sehen wollen ..." Der Arzt hob schnell die Hand, denn er sah Harm an, daß er praktisch sofort losstürmen wollte. "Ich lasse Sie rufen, wenn sie in den Aufwachraum gebracht wird."
Harm nickte. "Ich bin hier und rühre mich nicht von der Stelle." versicherte er dem dem Arzt. Der Mediziner dachte, daß es dieser Erklärung nicht bedurft hätte; er sah dem jungen Mann an, daß er sich nicht um einen Milimeter wegbewegen würde, bevor er die Patientin nicht gesehen hatte. Der Doktor nickte ihm nochmal zu und ging.
Harm ging zu der Bank hinüber und jetzt war er auch ruhig genug, um mehr als 2 Sekunden lang sitzen zu bleiben. Langsam ließ das Gefühl, unter 1000 Volt Wechselstrom zu stehen, nach, obwohl er noch weit davon entfernt war, sich wirklich zu entspannen. Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte den Kopf gegen die Wand – er war zugegebenermaßen selbst ziemlich erschöpft. "Sieht so aus, als müßten wir wieder warten, Admiral." meinte er zu Chegwidden gewandt. <Oh, man, schade, daß ich das Rauchen aufgegeben habe. Ich könnte jetzt wirklich eine Zigarre gebrauchen!> dachte er müde und zugleich ungeduldig.
A.J. warf einen raschen Blick auf seine Armbanduhr und schüttelte dann den Kopf. "Sie werden hier alleine die Stellung halten müssen, Commander; ich muß gehen, ich habe noch ... etwas zu erledigen." Etwas recht Kniffliges, um genau zu sein. Er hatte soetwas schon einmal getan und hatte gehört, daß das JAG-Personal sogar eine bestimmte Bezeichnung dafür hatte ...
Harm nickte. "Ist schon okay, Sir, ich bleibe hier bei Mac."
Chegwidden hätte dieses Hinweises nicht bedurft. "In Ordnung. Aber, Commander, denken Sie daran, daß auch Sie Ruhe brauchen."
Harm nickte, jedoch nicht überzeugend genug für den Admiral.
"Lassen Sie sich von den Ärzten hier durchchecken; schließlich sind Sie gerade erst von einem Gedächtnisverlust wieder genesen. Und dann melden Sie sich übermorgen früh pünktlich zu Dienstbeginn bei mir. Und zwar will ich Sie geduscht, rasiert, ausgeschlafen und in frischer Uniform sehen, klar?!" betonte Chegwidden.
Harm salutierte müde. "Aye, Sir."
Chegwidden ging davon, drehte sich dann aber nochmal um und sagte mit einem kaum merklichen Schmunzeln: "Commander, noch ein gutgemeinter Ratschlag: Wenn Sie jemanden von der Militärpolizei sehen ... ducken Sie sich."
0442 Z-Zeit (23:42 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus,
Bethesda, Maryland
Harm saß noch immer im Gang des Krankenhauses auf der Bank und starrte auf seine Hände hinab. Es waren Blutspuren darauf zu sehen – Macs Blut. Harm schluckte und der Gedanke, daß er sie um ein Haar verloren hatte, überkam ihn erneut mit beunruhigender Intensität. Wenn sie schwerer verletzt worden wäre, wenn sie ...
"Mr. MacKenzie?"
Harm sah überrascht auf. Eine Krankenschwester stand vor ihm.
"Rabb, nicht MacKenzie – sie ist ... meine Verlobte." Harm mußte insgeheim ein Grinsen unterdrücken. <Wenn Mac das erfährt bin ich ein toter Mann.>
Die junge Krankenschwester nickte. <Zu dumm, daß er schon vergeben ist. Wirklich zu dumm.> Sein Blick sagte ihr, daß er im Moment nichts Anderes im Sinn hatte, als zu seiner Verlobten zu gelangen. "Ihre Verlobte ist jetzt im Aufwachraum. Sie ist noch unter Narkose und schläft. Selbst wenn sie in den nächsten Minuten aufwachen sollte, so wird sie vermutlich noch nicht voll ansprechbar sein. Also bitte, nur fünf Minuten." erklärte sie ihm.
Harm nickte. Alles was er wollte, war, sich selbst davon zu überzeugen, daß es ihr gutging. Er folgte der Schwester, die ihm einen grünen Kittel reichte.
Harm sah sie sofort, als er den Aufwachraum betrat. Sie lag in einem Krankenhausbett, bis zu den Schultern zugedeckt, doch ihre nackten Arme und ein Stück eines dicken Verbandes um ihre Brust ragte unter der Decke hervor. Ein dünner Infusionsschlauch führte zu ihrem rechten Unterarm, während der linke geschient war und ein Gerät zeigte ihren Herzschlag an. Harm warf der Krankenschwester einen verunsicherten Blick zu.
"Nur zur Sicherheit, Mr. Rabb. Wir entfernen die Elektroden, sobald sie aufwacht." erklärte sie beruhigend. "Fünf Minuten." erinnerte sie nochmal und ging.
Zögernd näherte sich Harm dem Bett, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Stumm blickte er sie an. Mac sah bleich aus. Sie so schwach zu sehen war mehr als ungewohnt. Für gewöhnlich war sie energisch und voller Tatkraft, sie haßte es, Schwächen zu zeigen und bestand stets darauf, ihre Angelegenheiten selbst erledigen zu können und keine Hilfe zu brauchen. Aber jetzt ... jetzt brauchte sie Hilfe. Zögernd griff Harm nach ihrer Hand und drückte sie leicht. Er hoffte, daß sie seine Anwesenheit trotz ihres ohnmachtähnlichen Schlafes spüren würde. Harm rutschte etwas näher zum Bett und beobachtete mit einem Auge ihr Gesicht und mit dem anderen die Anzeige des EKG. Endlich begann er, sich zu entspannen. Er spürte, wie die Müdigkeit sich wie ein bleierner Mantel auf ihn herabsenkte, denn er hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Das leise, monotone Piepsen des Gerätes machte ihn schläfrig. Macs Hand ruhte warm und beruhigend in seiner. Harm rutschte noch etwas näher zum Bett.
Als die Krankenschwester fünf Minuten später hereinkam, fand sie ihn schlafend, mit dem Kopf neben Mac auf dem Bett.
Harm erwachte und schreckte hoch. Einen Moment wußte er nicht, wo er sich befand und was geschehen war. Dann jedoch fiel ihm wieder alles ein: sein Sturz, der Gedächtnisverlust, Diane, Estruga und ... Mac! Dieser Gedanke weckte ihn nun vollständig und er sah sich um. Er saß noch immer im Stuhl neben Macs Bett und ihre Hand ruhte noch in der seinen. Sein erster Blick galt Mac – sie schlief tief und fest -, dann dem EKG-Gerät. Es gab nach wie vor auf beruhigende Weise konstante Töne von sich. Dann erst sah Harm, was ihn geweckt hatte. "Bud, Harriet!" begrüßte seine beiden Kollegen erfreut und zog dann fast verlegen seine Hand unter Macs hervor. "Was machen Sie hier? Es ist ..." Harm warf einen Blick auf seine Uhr.
"... 0 Uhr 29." sagte eine leise Stimme vom Bett her, bevor Harm den Satz beenden konnte.
"Major!"
"Ma’am!"
"Mac!"
Die drei JAG-Offiziere drängten sich um das Bett.
"Ma’am, wir sind sofort gekommen, als wir gehört haben, daß der Admiral und Mr. Webb Sie und den Commander endlich gefunden haben. Wie fühlen Sie sich, Ma’am?" erkundigte sich Harriet besorgt.
"Ganz gut," erwiderte Mac beruhigend und lächelte schwach, "aber ich habe den Eindruck, ich sollte in nächster Zeit auf solche Navy-Partys verzichten!"
"Hey, das war keine Navy-Party, sondern eine kolumbianische Fiesta!" protestierte Harm. Sein Blick war unentwandt auf Mac gerichtet.
Der Arzt kam herein und hatte scheinbar den letzten Satz gehört. "Was auch immer das hier für eine Party ist, ich muß sie jetzt leider unterbrechen – die Patientin braucht Ruhe."
Harm nickte Bud und Harriet zu. "Gehen Sie nur, ich werde hierbleiben."
Der Mediziner schüttelte den Kopf. "Die einzige, die hierbleibt, ist Miss MacKenzie," beschloß er energisch, "Sie fahren nach Hause. Morgen früh können Sie wieder herkommen, dann wird die Patientin auch nicht mehr so unter Narkose-Einfluß stehen."
Harm gab widerwillig nach. Er drückte noch einmal ermutigend Macs Hand und ließ dann los. "Gute Nacht, Marine." Er lächelte ihr zu und folgte Bud und Harriet nach draußen.
1.April 1999
1258 Z-Zeit (07:58 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus
Bethesda, Maryland
Harmon Rabb stieg aus dem Aufzug und ging den leeren Krankenhaus-Flur entlang. Zu dieser frühen Stunde war außer ihm noch kein Besucher zu sehen. Die Besuchszeit begann in zwei Minuten und er hatte nicht vor, "seine" Patientin auch nur eine Sekunde davon alleine verbringen zu lassen. Er hatte trotz seiner Erschöpfung kaum geschlafen in der letzten Nacht. Nachdem Bud und Harriet ihn zuhause abgesetzt hatten, hatte er geduscht und sich aufs Bett geworfen, ohne jedoch Schlaf zu finden – zuviel ging ihm im Kopf herum.
Jetzt, wo er Mac wieder kannte – auch schon bevor sie sich als Diane ausgegeben hatte – sah er die ganze Sache aus einem völlig anderen Blickwinkel. Er konnte nicht mehr böse auf sie sein, wenn er es überhaupt je wirklich gewesen war, denn er wußte, daß sie nur seinetwegen so gehandelt hatte.
Sie wußte, was ihm Diane bedeutet hatte; das letzte Mal, als er von ihrem Tod und von der Identität ihres Mörders erfahren hatte, war er bewaffnet losgefahren, um den Schuldigen zu erschießen – und hatte Mac dabei, im wahrsten Sinn des Wortes, im Regen stehen lassen. Statt jedoch deswegen wütend auf ihn zu sein, hatte sie selbst Nachforschungen angestellt und war ihm gefolgt, um ihn vor einem katastrophalen Fehler zu bewahren, der ihn ins Gefängnis bringen und seine Karriere beenden würde. Und danach hatte sie ... <Halt, halt, halt, Rabb!> befahl er sich selbst, <ihr seid Kollegen, Partner, Freunde – mehr nicht, okay?> Er wußte, daß sie schon genügend gescheiterte Beziehungen hinter sich hatte und sie hatte in letzter Zeit mehrmals gesagt, daß sie erstmal genug von den Männern hatte – das letzte, was er wollte, war, sie zu verletzen oder ihre ihm sehr wertvolle Freundschaft zu zerstören. Erneut rief er sich zur Ordnung, bevor er an die Türe des Schwesternzimmers klopfte.
"Guten Morgen, ich suche nach Major MacKenzie." grüßte er, als eine Schwester öffnete.
Die Krankenschwester lächelte insgeheim. Ihre Kollegin hatte sie bereits gewarnt, daß dieser gutaussehende Offizier früher oder später hier auftauchen würde – vermutlich eher früher als später. SO früh hatte sie allerdings nicht mit ihm gerechnet. "Oh, ich vermute, sie schläft noch. Sie wurde gestern nacht noch vom Aufwachraum in eines der Krankenzimmer verlegt. Es ist Zimmer Nummer 0316. Aber ich weiß nicht, ob ich Sie jetzt schon zu ihr lassen darf."
"Danke sehr. Ich bin leise und wecke sie nicht, versprochen." Harm lächelte ihr entwaffnend zu. Sein Charme verfehlte seine Wirkung wie üblich nicht.
"Na schön." gab die Schwester nach und ließ ihn gehen.
Vorsichtig öffnete Harm die Türe und spähte ins Zimmer. Mac lag dort in dem einzigen Bett, die Augen geschlossen und den Arm noch immer an eine Infusion angeschlossen, doch vom EKG fehlte heute jede Spur. Ihre Wangen hatten etwas mehr Farbe als gestern Nacht, stellte Harm erleichtert fest. Er trat geräuschlos ein und schlich sich neben ihr Bett, wo er sich wie gestern wieder auf einen Stuhl setzte. Jetzt, wo sie nicht mehr unter Betäubungsmitteln stand, wagte er jedoch nicht, so einfach und selbstverständlich ihre Hand zu nehmen. So beschränkte er sich darauf, einfach nur dazusitzen und über ihren Schlaf zu wachen.
Dreimal kam eine der Krankenschwestern herein, nickte ihm aber nur zu, als sie sah, daß Mac noch schlief und sonst alles in Ordnung war. Gegen 10 Uhr stattete Harriet, die selbst zu einer Untersuchung hier war, einen Besuch ab und Bud kam in seiner Mittagspause vorbei. Selbst der Admiral nahm sich trotz seines vollen Terminplanes eine halbe Stunde lang Zeit, nach Mac zu sehen. Am meisten staunte Harm jedoch über Clayton Webbs Besuch. Der CIA-Agent hatte ihr sogar Blumen mitgebracht – Rosen, stellte Harm argwöhnisch fest. Nun ja, es waren gelbe Rosen gewesen, immerhin – sie bedeuteten lediglich Freundschaft, wie Mac ihm erklärt hatte.
Jedenfalls war es beeindruckend zu sehen, daß jeder an Mac dachte. Sie war einfach etwas ganz Besonderes und Harm war froh, sie zu kennen und Teil ihres Lebens sein zu dürfen. <Rabb, jetzt wirst du wirklich sentimental, nicht zu fassen!> ermahnte er sich selbst und schüttelte den Kopf.
"Wie spät ist es?" kam plötzlich Macs etwas rauhe Stimme vom Bett her.
Harm erschrak ein bißchen, als er so plötzlich aus seinen Gedanken gerissen wurde, faßte sich aber schnell wieder. "Sie wissen nicht, wieviel Uhr es ist?" fragte er alarmiert. Es fühlte sich seltsam an, sie plötzlich wieder zu siezen, aber so hatten sie es vor seinem Gedächtnisverlust gehalten und vermutlich erwartete sie, daß sie dieselbe Art von Beziehung wie früher wieder aufnahmen. Er nahm sich vor, ihrem Wunsch gemäß zu handeln.
Mac lächelte. "Doch, natürlich, es ist 15. 12 Uhr – ich wollte Sie nur ein wenig erschrecken." erklärte sie amüsiert. Ihr unglaubliches Lächeln hatte noch nicht die alte Kraft, aber das Funkeln in ihren Augen war dasselbe, das Harm nur zu gut kannte. <Aha, jetzt sind wir also wieder beim alten ’Sie‘ zurück und sind wieder nichts als gute Kollegen.> bemerkte sie so ganz nebenbei ein wenig traurig. Das vertraute ’Du‘ würde ihr fehlen.
"Das haben Sie bereits gestern nacht getan." versicherte Harm ihr ernst. "Viel hat nicht gefehlt und ich hätte Sie ... und Sie wären dort nicht mehr lebend rausgekommen."
"Wenn ich’s nicht getan hätte, dann wären SIE da nicht mehr lebend rausgekommen!" widersprach Mac.
Harm nickte ernst. "Ja, ich weiß. Und ich bedanke mich hiermit ganz offiziell dafür, daß Sie mir das Leben gerettet haben." Harm lächelte anerkennend.
Mac winkte schwach ab – ihre schmerzende Schulter erinnerte sie nachdrücklich daran, daß größere Bewegungen keine besonders gute Idee waren. "Hey, Sie hätten doch dasselbe für mich getan – wenn Sie etwas schneller gewesen wären."
Harm grinste und genoß es, wieder eines ihrer neckischen Gespräche mit ihr zu führen. "Ach ja? Wer von uns beiden war denn zu langsam, um diesem Stahlgerüst auszuweichen?" spottete er.
"Und wer war zu langsam, um Estrugas Kugel auszuweichen?" gab Mac schlagfertig zurück. "Wenn Webb nicht geschossen hätte..." Sie durfte gar nicht daran denken!
Harms Grinsen wuchs in die Breite. "Ja, scheinbar hat er inzwischen gelernt, daß man eine Waffe erst entsichern muß, bevor man feuert." meinte er.
"Er hatte ja auch eine gute Lehrerin." erwiderte Mac und lächelte schelmisch.
"Ja, ja, besonders, was seinen Wortschatz angeht. ‘Ärsche über Abgründe hängen‘! Also wirklich, Major!" tadelte Harm spielerisch.
"Hey, der Ausdruck stammt von Webb, nicht von mir – ich habe bessere!" widersprach Mac.
Harm grinste sie herausfordernd an. "Ach ja? Darf ich fragen, welche?"
Mac sah ihn toternst an und schüttelte den Kopf. "Erstens, Commander, ist das streng geheim und zweitens glaube ich nicht, daß das so eine gute Idee wäre – Sie haben mir doch erzählt, daß Sie im Gegensatz zu mir so leicht rot werden; wir kennen ja das zarte Gemüt von euch Fliegerjungs."
<Oh, man, wie hab ich das vermißt!> dachte Harm grinsend. Er liebte ihre Schlagfertigkeit - <und nicht nur die, um ehrlich zu sein.> Und scheinbar erinnerte sie sich noch immer an alles, was er irgendwann einmal gesagt hatte.
Bevor Harm zu einer Antwort ansetzen konnte, kam ein Arzt herein. "Sie sind ja immer noch da!" sagte er etwas verwundert zu Harm. "Wenn Sie jetzt bitte einen Moment draußen warten würden; ich würde Ihre Verlobte gerne nochmal durchchecken."
Harm machte, daß er nach draußen kam, bevor Mac irgendeine dumme Frage stellen und ihn damit verraten konnte.
Schon nach wenigen Minuten trat der Arzt wieder auf den Gang.
"Und?" fragte Harm gespannt. "Wie geht es ihr?"
"Erstaunlich gut. Wenn das so weitergeht, können wir sie in zwei Wochen entlassen." meinte der Mann im weißen Kittel.
"Wie ich Mac ... äh, meine Verlobte kenne, können Sie froh sein, wenn Sie sie eine Woche im Bett halten können."
Der Arzt grinste. "Ich schätze, Sie haben diese Probleme nicht, oder?"
Fast ein wenig verwundert sah er, wie Harms Gesicht rot anlief. <Jungverheiratet müßte man nochmal sein!> dachte er seufzend.
Harm antwortete nicht, sondern klopfte stattdessen an und kehrte ins Zimmer zurück. Leider kam er hier jedoch vom Regen in die Traufe.
"Verlobte?!" begrüßte ihn Mac mit einem skeptischen Blick. "Habe ich irgendetwas verpaßt, während ich weggetreten war, soll das ein Aprilscherz sein oder leide ICH jetzt unter Gedächtnisverlust?" erkundigte sie sich spöttisch.
Etwas verlegen grinste Harm ihr zu. "Tut mir leid; die Ärzte wollten mir nicht sagen, wie es Ihnen ging und da ..." Er hob vielsagend die Hände. "Ich hoffe, Sie nehmen nicht zu großen Anstoß daran, als meine Verlobte bezeichnet zu werden. Ignorieren Sie die Ärzte einfach."
Mac verzichtete darauf, ihm zu sagen, daß es sie keinesfalls sonderlich störte, für seine Verlobte gehalten zu werden. In gespielter Geringschätzung zuckte sie die Schultern. "Na ja, notfalls verklage ich Sie eben wegen Rufschädigung."
"Hey!" protestierte Harm. "Es kann dem Ruf einer Frau nur dienlich sein, wenn sie mit einem schmucken Navy-Piloten gesehen wird." Er schenkte ihr sein strahlendstes Flyboy-Grinsen.
"Richtig, richtig. Schicken Sie ihn mir bitte vorbei, wenn Sie mal einem begegnen." entgegnete Mac liebenswürdig.
"Vor oder nach den bequemen Schuhen und der guten Karriere?" erkundigte Harm und legte fragend den Kopf schief.
Mac wurde ernst. "Harm, haben Sie wirklich Ihr ganzes Gedächtnis wieder?"
Harm nickte. "Komplett, vollständig und ganz und gar. Keine Chance mehr, mir irgendeinen Ihrer vielen Fehler, Laster und schlechten Seiten vorzuenthalten."
"Welche schlechten Seiten, bitte? Marines sind praktisch perfekt. Mein einziger Fehler ist mein Partner." entgegnete Mac überlegen.
"Daran würde ich mich erinnern. Ich erinnere mich an alles. Fragen Sie mich etwas, wenn Sie mir nicht glauben." forderte Harm sie auf.
Mac erinnerte sich, daß sie ihm das gesagt hatte, als er daran gezweifelt hatte, daß sie, Diane, Anwältin war. "Also schön: Was steht im JAG-Handbuch unter Kapitel 2 B, Absatz 0235?"
Harm grinste: "Ah, der Kraftkeks-Artikel!" Er war froh, daß sie auf seinen scherzhaften Tonfall einging, denn er wußte nicht, wohin ein ernstes Gespräch sie geführt hätte. Einen erneuten Schock wollte er ihr in diesem Zustand nun wirklich nicht zumuten. Er näherte sich dem Bett und setzte sich wieder in seinen Stuhl. "Mac, Sie sollten nun etwas schlafen – ich möchte hier nicht rausgeworfen werden, weil ich Sie nicht zur Ruhe kommen lasse. Ich werde hier sein, wenn Sie aufwachen."
"Harm, gehen Sie nach Hause!" forderte Mac ihn auf. "Sie sehen selbst nicht gerade aus wie das blühende Leben!"
"Herrlich, wie Sie mit einem Kompliment vernichten können!" meinte Harm ironisch.
"Ich hatte einen guten Lehrer!" bemerkte Mac frech, konnte aber ein erschöpftes Gähnen nicht verhindern.
"Schlafenszeit, Marine!" kommandierte Harm.
Diesmal schloß Mac gehorsam die Augen. Es war schön zu wissen, daß Harm da war und auf sie aufpaßte - <auch wenn ich niemanden brauche, der auf mich aufpaßt.> Über diesem Gedanken schlief sie ein.
2.April 1999
1354 Z-Zeit (08:54 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus
Bethesda, Maryland
Noch bevor Mac die Augen öffnete, spürte sie, daß Harm nicht mehr da war. <Spürte?> fragte sie sich selbst ironisch. Noch etwas benommen hob sie die Lider und tatsächlich, Harm war gegangen.
Die Türe öffnete sich und fast erwartete sie, Harm zu sehen, aber leider war es nur die Krankenschwester. <Leider? Langsam sollte ich aufhören, so zu denken, schließlich kann ich es bald nicht mehr auf die Narkosemittel schieben.>
Die Schwester lächelte ihr zu als sie sah, daß Mac wach war. "Guten Morgen, Miss MacKenzie, wie fühlen Sie sich?" Sie trat näher, um Macs Puls, Blutdruck und Temperatur zu kontrollieren und den Verband um ihre Schulter zu erneuern.
"Oh, gut, danke. Wann darf ich denn nach Hause?" wollte Mac sofort wissen.
Die Krankenschwester lachte. "Diese Frage hat mir Ihr Verlobter schon prophezeiht, aber ich fürchte, nicht so bald, Miss. Oh, wo ich gerade von Ihrem Verlobten spreche: Mister Rabb hat mir eine Nachricht für Sie hinterlassen, denn er wollte Sie nicht wecken, als er ging." <Junge Liebe...> Die Schwester verdrehte träumerisch die Augen, seufzte etwas und gab Mac ein zusammengefaltetes Blatt Papier.
Guten Morgen, Ninja Girl!
(Ich nehme doch an, daß es noch Morgen ist, wie ich Sie kenne, werden Sie wohl kaum bis Mittag schlafen...)
Ich muß mich heute morgen pünktlich zu Dienstbeginn bei Admiral Chegwidden melden, schließlich muß jemand ja die ganze Arbeit machen, während Sie faul in einem Krankenhausbett herumliegen ...
Sobald ich hier alles erledigt habe, komme ich wieder, um zu sehen, ob Sie die Anweisungen der Ärzte auch brav befolgen – und wehe, wenn nicht! Ich würde mich gezwungen sehen, Ihren – pardon, aber was ein CIA-Agent darf, dürfen Tomcat-Piloten schon lange – Arsch bis zu den ‘shores of Tripoli‘, wie es in Ihrer Marine-Corps-Hymne heißt, zu treten. Also machen Sie bitte schön keinen Unsinn!
Harm
1401 Z-Zeit (09:01 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm war praktisch bis zur letzten Sekunde im Krankenhaus geblieben. Die freundlichen Schwestern dort hatten ein Auge zugedrückt und ihn ausnahmsweise, wie sie betonten, im Stuhl neben Mac übernachten lassen. Er hatte die Zeit, die er brauchen würde, um zu seinem Apartment zu fahren, sich umzuziehen und dann pünktlich das Hauptquartier zu erreichen, genau einkalkuliert und hatte das Krankenhaus nicht eine Minute früher verlassen als unbedingt nötig. Jetzt stellte er fest, daß er sich um eine Minute verrechnet hatte <Vermutlich sogar eine Minute und so-und-soviel Sekunden, wie Mac mir jetzt vorhalten würde...> und hastete die Treppen hinauf. Auf dem Gang zu den Büros stieß er fast mit Harriet zusammen.
"Vorsicht, Commander, Sie wissen doch, wie böse Stürze enden können!" warnte die Schwangere ihn lächelnd. Dann wurde sie ernster. "Wie geht es Major MacKenzie, Sir?"
Harm warf einen gehetzten Blick auf seine Armbanduhr. "Tut mir leid, Ensign, nachher werde ich Ihnen gerne ausführlich Bericht erstatten, aber der Admiral erwartet mich und ich bin schon zwei Minuten zu spät dran." erklärte er bedauernd.
"Sagen Sie einfach, Sie mußten einer werdenden Mutter die Treppe hochhelfen." riet ihm Harriet lächelnd.
Harm lachte, nickte ihr grinsend zu und eilte weiter. Tiner bedeutete ihm, gleich einzutreten.
"2 ½ Minuten zu spät, Commander!" knurrte Admiral Chegwidden, ohne von seinen Unterlagen aufzusehen. Dann warf er Harm doch einen schnellen, prüfenden Blick zu und meinte in seinem gewohnt ruppigen Tonfall: "Rasiert und umgezogen sind Sie ja, aber ich bezweifle, ob Sie auch meine dritte Bedingung erfüllen!"
"Dritte Bedingung?" wiederholte Harm verständnislos.
"Ja, Commander – ich wollte Sie hier pünktlich um 9 Uhr rasiert, umgezogen und ausgeschlafen sehen!" erklärte Chegwidden. "Sie sehen jedoch nicht so aus, als hätten Sie auch nur ein Auge zugetan."
"Oh, doch, Sir, das habe ich." versicherte Harm.
"Ah ja? Ich hätte nicht gedacht, daß jemand Sie dazu bringen würde, das Krankenhaus zu verlassen." Meinte der Admiral.
Harm blieb stumm, aber dafür sagte plötzlich eine andere Stimme von der gegenüberliegenden Wand des Büros: "Hat er nicht, Admiral. Er hat in Major MacKenzies Krankenzimmer übernachtet und ist erst heute morgen nach Hause gefahren, um sich in aller Eile umzuziehen. Rasiert hat er sich auf der Fahrt hierher."
Harm wirbelte herum und entdeckte Clayton Webb, der an der Rückwand des Zimmers in einem Stuhl saß. Wie üblich trug er einen seriösen Anzug mit Krawatte.
"Woher wissen Sie das?" fragte Harm geschockt.
"Ich bin beim CIA, schon vergessen?" erinnerte ihn Webb liebenswürdig lächelnd.
"Sieh da, Sie geben es also zu! Soll das heißen, der CIA spioniert mir hinterher?" Harm konnte es nicht fassen.
Diesmal war es an Webb zu grinsen. "Ich habe nur Spaß gemacht, Commander – es war wirklich nicht schwer zu erraten, womit sie die letzten 48 Stunden verbracht haben."
"Sieht wohl so aus." murmelte Harm halblaut. Auch Harriet schien sofort gewußt zu haben, daß er gerade von Mac gekommen war. <Wissen die etwas, was ich nicht weiß?> fragte er sich mit einer gewissen Verwunderung.
"Wie geht es dem Major?" erkundigte sich Chegwidden und half Harm damit aus seiner Verlegenheit.
"Erstaunlich gut, Sir. Zwar hat sie so einige Verletzungen davongetragen, aber es sieht so aus, als ob sie sich innerhalb von wenigen Wochen vollständig davon erholen wird." berichtete Harm erleichtert. "Würde mich nicht wundern, wenn sie bereits heute die Ärzte fragt, wann sie endlich nach Hause darf."
Die drei Männer lachten; sie kannten Mac.
Webb verabschiedete sich und der Admiral wandte sich an Harm. "Na schön, Commander, machen Sie sich wieder an die Arbeit."
Harm salutierte und drehte sich um.
"Ach, und Commander ..." holte Chegwiddens Stimme ihn ein, als er die Türe fast erreicht hatte.
"Ja, Sir?"
"Bitte sorgen Sie dafür, daß ich nicht als Lügner da stehe." befahl der Konteradmiral.
"Sir?" Harms Gesicht war ein einziges Fragezeichen.
"Haben Sie schon vergessen, was ich dem Arzt im Krankenhaus erzählt habe? Also bitte, sprechen Sie mit dem Major, ja?"
Harm konnte ihn nur geschockt ansehen. Sagte der Admiral da gerade das, was er dachte, daß er sagte? "Sir? Was genau soll ich mit dem Major besprechen, Sir?" fragte Harm vorsichtig nach, bevor er sich unter Umständen völlig zum Narren machte, falls Chegwidden etwas ganz Anderes als er damit gemeint hatte.
"Commander, das müssen Sie schon selbst wissen! Oder sehe ich etwa aus wie Cyrano de Bergerac?" erkundigte sich der Ex-Seal grimmig.
"Äh, nein, Sir, natürlich nicht." Harm geriet fast ins Stottern. Er war es einfach nicht gewöhnt, mit dem Admiral über derartige Themen zu sprechen, obwohl er immer noch nicht so ganz sicher war, WOVON sie da eigentlich sprachen. <Moment ... Cyrano de Bergerac ... ist das nicht der Typ mit der langen Nase, der für einen anderen den Liebessouffleur spielt und Gedichte schreibt?> "Ehm, Admiral, Sie meinen, ich soll mit Major MacKenzie über ... den Major und ..."
"Himmel Herrgott, ja! Ich stehe vor dem Marineminister ziemlich dumm da, wenn mein ganzer Einsatz völlig umsonst gewesen sein sollte, also bewegen Sie Ihr Heck, Commander!" knurrte Chegwidden ihn ungeduldig an.
Harm kam sich vor, als wäre sein Gehirn mit Kaugummi verklebt worden – irgendwie dachte er einfach zu langsam ... oder der Admiral zu schnell. Redeten sie wirklich über dieselbe Sache? "Marineminister? Einsatz? Sir, mir scheint ich verstehe nicht ganz." Harm runzelte die Stirn.
"Ja, das scheint mir auch so, Commander." seufzte der JAG. "Ich habe mich beim Marineminister ein bißchen für Sie und den Major eingesetzt, schließlich ist es nur in meinem Interesse, mein bestes Team zu erhalten."
Harm glaubte noch immer zu träumen – ein reichlich bizarrer Traum allerdings. Er schüttelte sich um seinen Kopf klar zu bekommen. "Was genau haben Sie getan, Sir?" vergewisserte er sich. Irgendwie glaubte er noch immer, seinen Vorgesetzten einfach nur falsch verstanden zu haben.
"Ich glaube, jemand von Ihnen hat es einmal als das ’Harriet-Manöver‘ bezeichnet." erklärte Chegwidden seelenruhig.
Harm starrte ihn an. Jetzt war klar, daß Chegwidden tatsächlich DAVON sprach!
Chegwidden runzelte die Stirn, als er Harms befremdeten Blick bemerkte. Sein Senior-Anwalt schien beinahe entsetzt zu sein. "Ich weiß, es war ein Eingriff in Ihr Privatleben, Commander, und in das des Majors und normalerweise pflege ich mich in solche Dinge nicht einzumischen, aber ich hatte den Eindruck ..." Jetzt war es der Admiral, der sich etwas unbehaglich zu fühlen schien. <Habe ich mich etwa geirrt und diese ’Wir-sind-nur-gute-Freunde‘-Ausrede stimmt tatsächlich...?> fragte er sich und eine steile Falte bildete sich über seiner Nasenwurzel.
"Oh, keine Sorge, Sir, Sie haben ja Recht ... jedenfalls, was mich betrifft." gestand Harm. A.J. Chegwidden war mehr als nur sein Vorgesetzter und er brachte ihm Vertrauen und Respekt entgegen. "Ich dachte nur ... "
"Raus mit der Sprache, Commander! Was dachten Sie?" verlangte Chegwidden zu wissen.
"Nun ja, ich hatte manchmal ein wenig den Eindruck, daß Sie und Mac ..."
"Daß ich und Mac was, Commander? Eine Affäre haben, ist es das, was Sie meinen?" fragte der Admiral scharf und verstand es meisterhaft, seine Belustigung zu verbergen.
Harm wurde rot wie ein Teenager. "Oh, nein, Admiral, das ganz sicher nicht!" versicherte er hastig. <Jetzt weiß ich, wie Bud sich immer fühlt, wenn er mal wieder in ein Fettnäpfchen getreten ist.> "Was ich sagen wollte ist, daß es mir ein wenig so vorkam, als ob ... Ihnen Major MacKenzie selbst nicht ganz gleichgültig wäre, Sir." Er hoffte, sich damit nicht zuweit vorgewagt zu haben, schließlich sprach er noch immer mit seinem C.O.
Chegwidden zuckte mit keiner Wimper. "Richtig, Commander, das ist auch so."
Harm sah zu Boden. Dies war der Punkt, an dem er das Gespräch am liebsten abgebrochen hätte. Dalton Lowne, Chris Raggle ... ja, damit hatte er notfalls noch fertigwerden können, doch den Admiral respektierte er und er konnte keinen berechtigten Grund finden, Mac von einer Beziehung mit Chegwidden abzuraten – außer vielleicht, daß er ihr Vorgesetzter war, was man jedoch ändern konnte. Jetzt konnte er sich nicht mehr damit herausreden, er sei eben nur der Meinung, sie habe etwas Besseres verdient, denn der Admiral war mit Sicherheit "etwas Besseres".
"Commander, der einzige, der in meinem Büro ein solch grimmiges Gesicht machen darf, bin ich!" unterbrach Chegwidden Harms trübe Gedanken. "Außerdem können Sie sich das ohnehin sparen – mir ist Mac nicht gleichgültig, ja, aber das heißt nicht, daß ich ihr irgendwelche romantischen Gefühle entgegenbringe, klar?" Nicht mehr jedenfalls; sie hatten es beide noch rechtzeitig eingesehen. "Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich nicht Cyrano de Bergerac bin."
Harm fand sein Lächeln wieder und erinnerte sich: Cyrano de Bergerac hatte diese Liebesbriefe für einen anderen an eine Frau geschrieben, in die er selbst ebenfalls verliebt gewesen war. "Soll das heißen, ich hätte Ihre Billigung, Sir? Ich meine, Sie haben von Anfang an klar gemacht, daß Sie nicht wünschen ... ich glaube Ihre Worte waren: ‘Nicht so vertraut, Sie werden zusammen arbeiten.‘..."
Chegwidden brummte vor sich hin. "Ich habe von Anfang an geahnt, daß Sie sich nicht daran halten werden, Commander – und wie ich sehe, hatte ich mal wieder Recht."
Harm erhob keinen Einspruch.
12. April 1999
1738 Z-Zeit (12:38 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus
Bethesda, Maryland
Vergnügt pfeifend ging Harm den Gang hinunter. Den Weg kannte er inzwischen im Schlaf, denn er war in den vergangenen 10 Tagen täglich hiergewesen, manchmal sogar zweimal. Eine Krankenschwester kam aus der entgegengesetzten Richtung und lächelte, als sie das bekannte Gesicht sah. "Hallo, Commander Rabb. Gut daß Sie kommen, Ihre Verlobte probt eben wieder den Aufstand." warnte sie ihn. Harm schnitt eine Grimasse. Er wünschte, sie würden endlich aufhören, Mac so zu bezeichnen, denn es erinnerte ihn jedesmal an das Gespräch mit dem Admiral und daran, daß er bisher nicht den Mut gefunden hatte, auch nur ein Wort in diese Richtung zu Mac zu sagen.
Diese wunderbare Freundschaft, die sie jetzt hatten, hatten sie sich zu schwer erkämpfen müssen, um sie jetzt zu gefährden: Er hatte zuerst einmal einsehen müssen, daß sie ganz anders war als Diane und sie hatte einsehen müssen, daß er ganz anders war als ihr Vater, daß man ihm vertrauen konnte. Schließlich war eine Freundschaft entstanden, wie Harm sie nie zuvor mit jemanden geteilt hatte. Nicht wie die kumpelhafte Männerfreundschaft, die ihn mit Luke Pendry oder Jack Keeter verband, sondern eine Seelenfreundschaft voller Vertrauen und Anteilnahme füreinander. Jetzt, nachdem er sein Gedächtnis wiedergewonnen hatte, war ihm klar geworden, was diese Freundschaft ihm bedeutete und er wollte nicht riskieren, sie aufs Spiel zu setzen. Wenn er dieses Gespräch, wie der Admiral ihm nahegelegt hatte, mit Mac führte und sie seine Gefühle nicht erwiderte, dann würde sein Geständnis ihre Freundschaft zerstören und er würde selbst das verlieren. Selbst wenn sie ebenso wie er empfand – und das wagte Harm nach all dem Chaos, das die Sache mit Diane angerichtete hatte, allerdings nicht zu hoffen – dann gab es keine Garantie dafür, daß irgendetwas Dauerhaftes daraus entstehen würde. Vielleicht stellten sie fest, daß sie gar nicht zueinander paßten, vielleicht stritten sie sich nur oder vielleicht würden sie sich nach einer Weile einfach nur noch auf die Nerven gehen... <Eine gute Freundschaft ist immer noch besser als eine schlechte Beziehung.> sagte sich Harm möglichst überzeugend, doch eine andere Stimme in seinem Kopf wandte ein: <Und wer sagt, daß es eine schlechte Beziehung sein würde?>
Harm rief sich selbst zur Ordnung. Mac war noch immer nicht vollkommen gesund und es würde zumindest noch zwei oder drei Wochen dauern, bis sie ihren Dienst wieder antreten durfte, und sie brauchte ihn jetzt – als Freund und das war er. Das war endlich etwas, worin er sich sicher war. Mit einem sabbernden, liebeskranken Idioten konnte sie sicher wenig anfangen. Harm blieb einen Moment vor der Zimmertüre Nr. 0316 stehen und grinste über sich selbst. <Oh man, sowas Bescheuertes hab ich nicht mehr gehört, seit Bud und Harriet verheiratet sind!> Er lachte, drängte alle derartigen Gedanken in eine Ecke seines Bewußtseins und trat nach einem kurzen Klopfzeichen ein.
Die "aufständische" Mac sah aufrecht in ihrem Bett und stocherte mit einer Gabel lustlos in ihrem Salat herum.
"Hey, Mac, hat der Arzt Ihnen nicht gesagt, Sie sollten sich schonen? Was Sie da mit Ihrem Salat machen, sieht ziemlich anstrengend aus." meinte Harm lächelnd.
"Mit einem Beltway Burger hätte ich sicher weniger Mühe. Sie haben nicht zufällig einen dabei, oder?" seufzte Mac. Krankenhausnahrung war nicht unbedingt ihr Fall.
Harm tat als sehe er in der Innentasche seiner Uniformjacke nach. "Nein, sieht wohl nicht so aus, tut mir leid." Mac hatte auch gar nichts Anderes erwartet. <Vielleicht sollte ich sie eines Tages schocken und wirklich einen mitbringen.> dachte Harm grinsend.
Mac schob ihm den Salatteller hin und er begann wie immer gehorsam, ihn zu essen – in der letzten Woche hatte er ziemlich viel Salat zu Mittag gehabt.
Zehn Minuten später verabschiedete er sich wieder, denn seine Mittagspause war bald zu Ende. Mit Grüßen an die Leute bei JAG machte er sich auf den Rückweg.
12. April 1999
2321 Z-Zeit (18:21 Uhr EST)
Bethesda Navy-Krankenhaus
Bethesda, Maryland
Harm hatte beschlossen, noch einmal bei Mac im Krankenhaus vorbeizuschauen. Er genoß es, nach einem langen Arbeitstag den aktuellen Stand des Falles, an dem er arbeitete, mit ihr zu diskutieren. Gewöhnlich brachten ihn 10 Minuten heftiger Diskussion mit Mac weiter als eine Stunde alleine über den Unterlagen zu brüten, denn sie waren ein eingespieltes Team und ergänzten sich bestens. Ein wenig würde er es bedauern, wenn Mac nach Hause entlassen werden würde, denn jetzt, während sie im Krankenhaus war, konnte er sie besuchen, wann immer er Lust dazu hatte, ohne sich großartig rechtfertigen zu müssen.
Er bog um die letzte Ecke und grüßte im Vorübergehen zwei Ärzte – inzwischen konnte er fast jeden Arzt und jede Schwester mit ihrem Namen ansprechen. Schon von draußen hörte er Stimmen aus Macs Zimmer – recht laute Stimmen.
"Nein, Miss MacKenzie; in drei oder vier Tagen vielleicht." Harm erkannte die Stimme von Dr. Murray, einem Militärarzt.
"Jetzt!" forderte Mac unnachgiebig.
Harm, der Mitleid mit dem Arzt hatte, klopfte und trat rasch ein.
"Commander, sprechen Sie bitte ein Machtwort, dieser störrische Marine hier will einfach nicht auf mich hören!" beschwerte sich der Arzt sofort bei ihm.
Harm breitete in gespielter Verzweiflung die Arme aus. "Ein Machtwort könnte ich sprechen, wenn ich irgendwelche Macht über sie hätte, Doktor – und das ist nicht der Fall. Marines sind nun einmal die dickköpfigste Spezies der Welt."
"Direkt nach ehemaligen Tomcat-Piloten, Flyboy!" fiel Mac sofort ein. "Aber halt, ich sollte besser etwas freundlicher zu Ihnen sein, denn ich brauche ein Taxi, das mich nach Hause bringt." Herausfordernd sah sie zwischen Harm und dem Militärarzt hin und her.
Doktor Murray seufzte resigniert. "Ich geb’s auf, na schön, ich unterschreibe Ihre Entlassungspapiere. Aber," betonte er und hob mahnend den Zeigefinger, "sie werden es sich zuhause bequem machen und sich schonen, klar? Keine anstrengende körperliche Arbeit in den nächsten zwei Wochen!"
Mac nickte ungeduldig und Harm nahm sich vor, darauf zu achten, daß Murrays Anweisungen auch befolgt wurden. Harm folgte dem Arzt zur Türe, als Mac Anstalten machte, vorsichtig die Beine auf den Boden zu setzen.
Schon drei Minuten später stand sie neben ihm auf dem Gang und grinste – sie konnte es kaum erwarten, endlich aus dem Krankenhaus wegzukommen. Harm sah sie prüfend an. Sie trug Jeans und ein lockeres T-Shirt, da ihre Schulter noch immer verbunden war. Ihren Bewegungen fehlte noch ein wenig die übliche Spannkraft, aber andererseits sah sie auch keineswegs so aus, als könne sie sich kaum auf den Beinen halten. Harm überkam plötzlich eine riesige Erleichterung darüber, daß für Mac alles so glimpflich ausgegangen war. Spontan schloß er sie in eine freundschaftliche Umarmung, ganz vorsichtig, um keinen Druck auf ihre noch immer nicht völlig verheilten Rippen auszuüben. Mac war ein wenig überrascht, zögerte aber nur kurz und lehnte dann ihren Kopf vertrauensvoll gegen seine breite Brust. Harms Kinn ruhte auf ihrem Kopf und so standen sie einen Moment lang schweigend, beide einfach nur froh, daß alles so gut ausgegangen war und niemand bleibende Schäden davongetragen hatte.
Harriet Sims-Roberts kam den Gang entlang und erhaschte gerade noch einen Blick auf diese Szene, bevor die beiden Partner sich wieder voneinander lösten. Harriet stieß Bud, der neben ihr herging, mit dem Ellenbogen an: "Bud, hast du das gesehen?!"
"Habe ich WAS gesehen?" fragte Bud verständnislos.
"Den Commander und Major MacKenzie, du Dummerchen!" erklärte Harriet liebevoll.
"Was ist mit dem Commander und dem Major, Harriet? Etwas nicht in Ordnung?"
Harriet stöhnte. "Oh, Bud, es ist doch so offensichtlich! Jeder außer ihnen kann es sehen – na schön, jeder außer ihnen und dir." Sie kicherte.
"Oh, DAS meinst du. Doch, doch, das hab ich bemerkt. Schon vor drei Jahren, als der Commander diesen Orden im Weißen Haus verliehen bekam und ..."
Harriet starrte ihren Mann groß an. "Manchmal bist du wirklich erstaunlich, Bud Roberts!" stellte sie kopfschüttelnd fest.
"Nicht halb so erstaunlich wie du, Mrs. Harriet Sims-Roberts." entgegnete Bud und lehnte sich zu ihr hinüber, um sie rasch zu küssen.
Mac stieß Harm, der neben ihr herging, mit dem Ellenbogen an. "Hey, haben Sie das gesehen? Die beiden sind so verliebt wie am ersten Tag."
"Ja, damals als sie sich auf der Seahawk trafen. Wir haben uns Sorgen um ihre Kinder gemacht, wissen Sie noch?" Harm grinste.
Mac grinste zurück. "Jetzt werden wir ja bald sehen, ob diese Sorge berechtigt war." meinte sie auf Harriet deutend.
"Welche Sorge?" wiederholte Harriet beunruhigt als die vier einander erreicht hatten. "Etwas nicht in Ordnung mit Ihnen, Major?"
"Alles in allerbester Ordnung, Harriet – ich habe alles hinter mir und fahre nach Hause." beruhigte Mac und lächelte voller Vorfreude, endlich nach Hause zu dürfen.
Harriet seufzte ein wenig. "Ich wünschte, das könnte ich von mir sagen. Ich habe die Sache erst noch vor mir." Sie wies auf ihren Bauch.
Mac legte ihr die Hand auf den Arm. "Dafür ist aber ein Kind eine sehr viel erfreulichere Sache als drei gebrochene Rippen und eine halb zertrümmerte Schulter."
Alle vier lachten und machten sich auf den Weg zum Parkplatz. Harm öffnete die Beifahrertüre seines Jeeps für Mac und ließ sie einsteigen. Dann schlug er die Türe hinter ihr zu und stieg selbst ein. "Geht es mit der Schulter?" fragte er besorgt, als sie den Sicherheitsgurt einrasten ließ.
"Alles okay." versicherte Mac lächelnd. Obwohl sie stets betonte, niemanden zu brauchen, der sich um sie kümmerte, war es trotzdem schön, daß Harm da war und sich so fürsorglich verhielt.
Harm sah sie erwartungsvoll an und zwinkerte leicht. "Fahren wir zu mir oder zu dir?"
Macs Mundwinkel zuckten. "Harmon David Rabb junior! Rotes Licht!" In gespielter Strenge hob sie eine Augenbraue.
"Und Ihnen ein dunkelrotes Licht, Major! Ich spreche lediglich davon, wo ich Sie hinbringen und dann auf Sie achtgeben werde." Harm grinste.
"Sie werden mich nach Hause bringen, aber sie werden nicht auf mich achtgeben!" protestierte Mac ernst werdend. "Ich kann schon ganz gut auf mich selbst aufpassen."
Harm sah sie tadelnd an. "Was sind das denn schon wieder für Marine-Allüren? Quit pro quo, Major Dickkopf. Sie haben auf mich aufgepasst und jetzt leiste ich Ihnen Gesellschaft, das ist nur fair."
Mac gab seufzend nach. "Okay, dann fahren wir zu mir – Ihr Kühlschrank ist mir etwas zu ... vegetarisch."
0034 Z-Zeit (19:34 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Harm lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah zufrieden zu, wie Mac die letzten Reste der Gnocchi verspeiste, die er gemacht hatte. "Bobbi hatte Recht, ihr Navy-Offiziere gebt wirklich gute Ehefrauen ab." kommentierte sie als sie Messer und Gabel weglegte.
"Sie hat von einem Marine-Corps-Captain gesprochen, nicht von einem Navy-Angehörigen," widersprach Harm, "aber trotzdem danke für das Kompliment mit der Ehefrau. Leider muß ich zögern, es zurückzugeben – nicht, wenn Sie Ihrem Mann Beltway Burger servieren würden." Um der Wahrheit die Ehre zu geben, er hätte das Kompliment nur zu gerne erwidert, Beltway Burger hin oder her, doch er wollte vermeiden, sich aufs Glatteis zu begeben.
Nach etwa 10minütiger Diskussion – daß es nicht länger dauerte, führte Harm auf ihren doch recht angeschlagenen Zustand zurück – hatte er Mac endlich überredet, sich etwas auf die Couch zu legen und sich auszuruhen, während er das Geschirr abwusch und die Küche aufräumte. Als er dann den Herd auf Hochglanz gebracht hatte und ins Wohnzimmer hinüber ging, stellte er fest, daß Mac auf der Couch eingeschlafen war. Einige Sekunden lang sah er einfach nur auf sie hinab, dann gab er sich einen Ruck. Wenn er sie so liegen ließ, dann würden ihre angeknacksten Rippen sie morgen mit Sicherheit noch mehr schmerzen. Er hoffte also, daß sie nicht aufwachen und ihn mit ihren Marine-Reflexen zu Boden schicken würde, während er sie behutsam hochnahm und ins Schlafzimmer hinübertrug. Sanft legte er sie auf ihr Bett und deckte sie fürsorglich zu. Einen Moment blieb er auf der Bettkante sitzen und konnte nicht widerstehen, ihr eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen, doch dann erhob er sich und kehrte leise ins Wohnzimmer zurück.
0517 Z-Zeit (00:17 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Es war vollkommen dunkel im Zimmer und ebenso vollkommen ruhig. Mac lag in ihrem Bett und konnte nicht schlafen, erstens weil sie seit 10 Tagen kaum etwas anderes getan hatte als im Bett zu liegen und sich vom Nichtstun auszuruhen und zweitens, weil das unangenehme Kratzen und Jucken ihrer langsam heilenden Schulter sie wach hielt. Eine Weile lag sie einfach nur da und lauschte ins Wohnzimmer hinüber, wo, wie sie wußte, Harm auf dem Sofa schlief. Das trug auch nicht gerade dazu bei, sie schläfrig zu machen, also gab sie nach einigen weiteren Minuten auf und ging in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Sie kam jedoch erst gar nicht bis zum Kühlschrank.
"Nein! Diane, nein! Maaaac!" rief Harm und wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her.
Mac war fast sofort neben ihm und schüttelte ihn sanft. "Harm! Harm, Sie träumen nur, wachen Sie auf!"
Harm schreckte hoch. Als er sie sah ließ er sich fast erleichtert zurücksinken. "Ich habe geträumt..." Der Traum war nicht sehr angenehm gewesen und saß ihm jetzt noch in den Knochen. "Diane lag vor mir, auf dieser Bahre – tot. Aber ich wußte plötzlich, daß es nicht Diane war, sondern Sie und dann ..."
<Diane.> Da war der Name also schon wieder. Mac wirkte wenig begeistert.
"Ist schon okay, Harm, es war nur ein Traum und bedeutet nichts weiter." beruhigte sie ihn.
Harm wußte, daß der Traum sehr wohl etwas bedeutete. Er hatte im Traum Mac so vor sich gesehen, wie damals Diane; erschossen und blutüberströmt. Er hatte genau gewußt, daß es nicht Diane, sondern Mac war und daß er sie nie wieder in seinem Leben würde verwechseln können. Diane und Mac waren zu unterschiedlich und seine Gefühle ihnen gegenüber waren es auch. "Mac, dieser Traum ... ich denke, er hat schon etwas zu bedeuten. Diese ganze Sache mit Estruga ... Sie haben mich zu Tode erschreckt! Für eine Weile dachte ich wirklich, ich würde Sie verlieren." erklärte er ernst.
"Keine Angst – erstens ist es gegen die Vorschriften für einen Marine, so einfach ohne Erlaubnis zu sterben und zweitens weiß ich ja, wie sehr Sie es hassen, einen neuen Partner einzuweisen." scherzte Mac.
Harm verzog ein wenig das Gesicht. Vermutlich hatte er es sich selbst zuzuschreiben, daß sie das Ganze nun ins Humorvolle zog, denn er hatte sich in solchen Situationen, die mit Emotionen zu tun hatten, oft genug in einen Scherz geflüchtet.
"Mac, wir müssen reden!"
"Harm, wir müssen reden!"
Sie sagten es genau gleichzeitig und mußten lachen. "Große Geister denken ähnlich." meinten sie wieder genau simultan. Ihr Lachen wurde noch etwas lauter. <Wohl kaum – leider. Du ahnst noch nicht mal, was ich denke.> dachten sie beide, ohne es zu ahnen erneut gleichzeitig.
"Harm, ich stelle Ihnen jetzt eine Frage und ich möchte bitte eine ehrliche Antwort." begann Mac ernst.
"Okay." Harm tat so lässig wie immer, doch innerlich erstarrte er. <Was für eine Frage kann das sein?> Er mußte eine Weile warten, um es zu erfahren, denn Mac suchte scheinbar nach Worten – das machte Harm noch nervöser, denn normalerweise wußte Mac immer ganz genau, was sie sagen wollte und wie.
"Jetzt wo Sie wieder wissen, was Sie in den letzten drei Jahren getan haben, wer ich bin und daß ich Sie belogen und getäuscht habe ..."
"Das weiß ich doch jetzt schon eine ganze Weile." meinte Harm.
"Ja, aber da wußten Sie noch nicht, daß wir Freunde sind." wandte Mac ernst ein.
"Sie meinen, weil ein Freund einen Freund nie hereinlegt?" Harm lächelte.
"Ja." Mac sah ihn nachdenklich an und nagte an ihrer Unterlippe.
"Hey, ich stamme nicht aus Ohio, sondern aus Kalifornien." erinnerte Harm sanft.
Doch Mac war jetzt nicht in der Stimmung, auf seinen neckischen Tonfall einzugehen. Harm auch nicht, um genau zu sein, doch er wollte Mac damit zu verstehen geben, daß alles okay war zwischen ihnen und er nicht böse auf sie war. Aber sie wollte es diesmal ganz genau wissen. "Ernsthaft Harm, können Sie mir das jemals verzeihen?"
Harm schlug die Decke, in die er eingewickelt gewesen war, zurück, setzte sich auf und dirigierte Mac am Ellenbogen neben sich auf das Sofa. Ernst sah er sie an. "Okay, Mac, ernsthaft."
Mac erwiderte den Blick und schluckte.
"Es gibt nichts, was ich Ihnen verzeihen müßte, nicht wirklich. Ich weiß, daß Sie das nicht einfach so aus Spaß getan haben, sondern weil Sie mir helfen wollten."
Mac sah ihn fragend an. Meinte er das wirklich oder wollte er sie nur beruhigen? "Hat es Sie gar nicht verletzt, daß ich mich als Ihre große Liebe ausgegeben habe?"
<Ausgegeben? Was heißt hier AUSGEGEBEN?> fragte sich Harm ironisch. "Mac, ich weiß nicht, ob Diane meine große Liebe war. Vielleicht wäre sie es geworden, wer weiß, aber vielleicht hätten wir auch festgestellt, daß wir nicht zueinander passen. Ich muß mich damit abfinden, daß ich es nie herausfinden werde. Und damit Sie endlich beruhigt sind: Nein, ich bin nicht sauer auf Sie und ich bin nicht verletzt, denn wenn ich ehrlich bin, hätte ich, wenn es umgekehrt gewesen wäre, vermutlich dasselbe getan. Obwohl ich vermutlich nicht als Dalton durchgegangen wäre, oder?" Harm grinste.
Endlich war Mac beruhigt und erwiderte das Lächeln. "Danke, Harm. Und danke auch dafür, daß Sie sich während meiner Genesung so um mich gekümmert haben." sagte sie dankbar und glaubte zu wissen, was Harm erwidern würde: <Hey, dafür sind Freunde schließlich da.> Aber diesmal schienen ihre Gedanken nicht mehr so ganz synchron zu sein.
"Hey, ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich da sein werde, wann immer Sie mich brauchen. I’ll be there for you, erinnern Sie sich?" Er lächelte.
Mac schloß ihre Hand unbewußt fester um den Zipfel der Decke. "Das haben Sie zu DIANE gesagt, nicht zu mir." wandte sie ein und konnte nur mit Mühe die Traurigkeit in ihren dunklen Augen verbergen.
"Bilden Sie sich etwa ein, Gedanken lesen zu können, Major Sarah MacKenzie? Noch eines Ihrer vielen Mysterien? Sie wissen doch gar nicht, wen ich gemeint habe!" widersprach Harm.
"Und Sie wissen es?" erkundigte sich Mac skeptisch.
"Ja," antwortete Harm und es war nicht der Hauch eines Zweifels in seiner Stimme, "es mag eine Weile gedauert haben, aber jetzt weiß ich es. Ja – ich glaubte, Sie seien Diane, aber ich spürte, daß diese Diane nicht mehr die alte war, sondern eine ganz neue, andere Person. Jemand, der mir vertraut war. Ich dachte, Sie heißen Diane, aber ich habe Sie gemeint, Mac, Ihre Persönlichkeit, schließlich ist ein Name nur ein Etikett."
Mac starrte ihn einen Augenblick lang nur an. "Mag sein, daß ich wie Bud klinge, aber: WOW! Eine solche Rede von Ihnen, ich bin beeindruckt, Commander Shakespeare!"
Harm war selbst ziemlich beeindruckt, daß er das wirklich gesagt hatte. Noch ein kleiner Schritt mehr und ... "Hm, Mac, könnte gut sein, daß ich auch bald Ihre Hilfe brauche, sobald Sie wieder bei JAG zurück sind." sagte er, ohne sie anzusehen.
"Macht der Lewis-Fall Probleme?" wollte Mac wissen.
"Nein, mit dem Lewis-Fall hat alles seine Ordnung, aber ich habe momentan ein paar Schwierigkeiten mit dem Admiral ..." <Schlechter Anfang, schlechter Anfang, Herr Anwalt – das ist das erste, was man im Jura-Studium lernt: Fange niemals eine Argumentation an, von der du nicht weißt, wie du sie zu Ende bringen willst.> Aber jetzt hatte er leider den Mund aufgemacht und konnte nicht mehr zurück.
"Schwierigkeiten mit dem Admiral?" wiederholte Mac stirnrunzelnd. Sie wußte, daß Chegwidden nicht gerade DAS Sinnbild für Herzlichkeit war, aber jeder im Büro wußte, daß sich unter seiner ruppigen Art ein Vorgesetzter verbarg, der Anteil am Leben seiner Untergebenen nahm und ihnen jederzeit nach außen den Rücken stärkte. Harm wußte es auch und respektierte seine Art, also warum gab es jetzt Schwierigkeiten zwischen ihnen? "Was ist passiert? Was sind das für Schwierigkeiten?" wollte Mac beunruhigt wissen.
"Nun, der Admiral hat mir da einen Befehl gegeben, oder besser einen Ratschlag, der mir einiges Kopfzerbrechen bereitet..." begann Harm.
"Soll das heißen, Sie haben einen Befehl verweigert?" fragte Mac entsetzt.
"Ich habe ihn bisher noch nicht befolgt und ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, es zu tun." entgegnete Harm ernst.
"Wie bitte? Glauben Sie vielleicht, es wäre eine gute Idee, einen Befehl des Admirals NICHT zu befolgen?! Harm, tun Sie sich einen Gefallen und befolgen Sie diese Anweisung, so schlimm kann sie doch nicht sein, oder?"
"Schlimm? Nein, so würde ich das mit Sicherheit nicht bezeichnen." Harm grinste, wenn auch etwas schwächer als gewöhnlich.
"Na also," Mac schien zufrieden, "Der Admiral verlangt in der Regel nichts von seinen Leuten, was er nicht auch selbst tun würde."
Jetzt mußte Harm doch lachen. "In diesem Fall aber schon." antwortete er rätselhaft.
"Sie werden den Befehl also befolgen?" vergewisserte sich Mac streng.
"Wenn Sie darauf bestehen ... ich bin sozusagen gerade dabei. Was ist mit Ihnen?"
"Wie, was ist mit mir?" fragte Mac verständnislos.
"Der Befehl betrifft Sie genauso." erklärte Harm.
"Harm, Sie müssen mir schon sagen, wie dieser Befehl genau lautete, denn wie Sie eben schon sagten: Ich kann nicht Gedanken lesen." tadelte Mac und fragte sich, was genau hier vorging.
Harm atmete tief durch. "Die Ärzte dachten, ich wäre Ihr Verlobter, wissen Sie noch?"
<Als ob ich das je vergessen könnte!> "Sehe ich aus, als litte ich unter Amnesie, Flyboy?" fragte sie spöttisch. "Was hat das mit diesem Befehl zu tun?"
"Der Admiral war derjenige, der diese Lüge von dem Verlobten in die Welt gesetzt hat und natürlich möchte er jetzt nicht als Lügner dastehen... Deshalb soll ich mit Ihnen sprechen."
"Sprechen? Sie sollen behaupten, daß Sie das erfunden haben?" vergewisserte sich Mac.
"Nein, ich denke, der Admiral hat eher daran gedacht, die Wahrheit etwas an diese Lüge anzugleichen." Jetzt hatte er es gesagt!
Mac war nicht blöd, sie verstand sofort, was er damit meinte. "Kommen Sie schon, Harm, ich dachte, dies hier sei ein ernsthaftes Gespräch! Wir sollen uns verloben, nur damit der Admiral nicht als Lügner dasteht?" Mac lachte, doch wer sie kannte, hörte einen nervösen Ton heraus.
"Ich glaube nicht, daß das der eigentliche Grund war; Sie kennen doch den Admiral, er spricht nicht gerne über Gefühle und dergleichen." <Was ich nur zu gut verstehe!> dachte Harm und starrte an die gegenüberliegende Wand, um Mac nicht ansehen zu müssen. "Er hat geglaubt, daß Sie und ich ... daß wir ... mehr als nur Freundschaft füreinander empfinden und hat sich beim Marine-Minister dafür eingesetzt, daß wir weiterhin beide unter seinem Kommando dienen dürfen, wenn ... falls ... nun ja, ein Harriet-Manöver eben!"
"Er hat WAS? Das hat der Admiral tatsächlich zu Ihnen gesagt? Unser Admiral A.J. Chegwidden?" Mac konnte es nicht fassen. "Wie kommt er auf eine solche Idee? Sie haben ihm doch nicht etwa gesagt, Sie hätten ... sich auf einmal in mich verliebt, oder?" fragte sie und lachte erneut nervös.
"Nein, das hab ich dem Admiral natürlich nicht gesagt." Harm kratzte sich verlegen am Kinn. "Es würde auch nicht der Wahrheit entsprechen..."
"Natürlich nicht!" unterbrach ihn Mac. <Damit hab ich mich schon länger abgefunden.> Sie seufzte unterdrückt.
"Würden Sie mich bitte mal aussprechen lassen?" fragte Harm energisch. Er wußte: Wenn er es jetzt nicht schaffte, endlich zu sagen, was er schon so lange mit sich herumtrug, dann würde er es vermutlich nie mehr tun. "Es würde nicht der Wahrheit entsprechen, weil ich mich nicht ’auf einmal‘ in Sie verliebt habe, sondern schon eine ganze Weile lang."
<Was?> Mac fragte sich, ob sie noch immer in ihrem Bett lag und träumte oder Harm gleich lachen und erklären würde, er hätte sie für einen Moment wirklich reingelegt.
Aber Harm sprach weiter und lachte nicht im geringsten, sogar sein Fliegerhelden-Grinsen war ihm vergangen, so angespannt war er. "Man kann auch nicht sagen, daß ich mich ’einmal‘ in Sie verliebt hätte ... es waren dreimal, um genau zu sein: Einmal, als ich Sie nach und nach kennenlernte, nachdem der Admiral Sie zu meiner Partnerin gemacht hatte, dann als ich Sie für Diane hielt, und schließlich, als ich dann erfuhr, daß Sie Sarah MacKenzie heißen, aber mich nicht erinnern konnte, daß ich Sie schon drei Jahre lang kannte. Wenn man ganz genau sein will, dann stimmt es nicht einmal, daß ich in Sie verliebt bin ... verliebt war ich in Maria Elena Carmelita Romero Guttierez," Harm grinste ein wenig als er den Namen aufzählte, "oder in Jordan."
Mac nickte; sie hatte es gewußt. Er bereute, daß er die Beziehung zu Jordan beendet hatte.
"Mac, Sie sollen mich doch aussprechen lassen!" verlangte Harm, als wisse er ganz genau, was sie dachte. "In Jordan und einige andere Frauen war ich verliebt. Aber ... dich liebe ich, Sarah MacKenzie." Er drehte vorsichtig den Kopf und sah sie an, darauf gefaßt gleich eine kräftige Ohrfeige oder zumindest doch ein rotes Licht von "seinem" Marine zu bekommen.
Mac starrte ihn jedoch nur an und nagte wieder einmal an ihrer Unterlippe. Sie sagte kein Wort. Langsam wurde es Harm etwas unheimlich und fast hätte er eine Ohrfeige vorgezogen. Allerdings nur einen Augenblick lang. Der Wunsch verging sofort, als Mac wortlos etwas näherrutschte.
Ebenso wortlos beugte Harm sich zu ihr hinab und küßte sie, kurz und sanft. Dann ließ er sie sofort wieder los, um ihr Gelegenheit zu geben, auf Distanz zu gehen, falls sie es wollte. Aber sie wich nicht zurück. "Hey, Flyboy." Sie strahlte ihn an.
Harm überbot ihr Grinsen noch an Intensität. "Hi, D.."
"HARM!" <Nicht erneut IHR Name!>
"Du solltest wirklich endlich lernen, mich aussprechen zu lassen – es sei denn, du hättest etwas dagegen, Darling genannt zu werden." Harm grinste sein berühmtes Lächeln.
"Uh, ehm, nein, kein Einspruch, Euer Ehren." Mac war überrascht, aber glücklich.
Harm grinste erneut – er konnte nicht anders, selbst wenn er gewollt hätte, er war einfach zu glücklich. "Wäre auch abgewiesen worden, Frau Anwältin."
Mac rutschte noch ein Stückchen näher, bis ihr Kopf geborgen an seiner Schulter ruhte. "Ah, jetzt geht’s mir richtig gut!" Sie schien sich tatsächlich ziemlich wohl zu fühlen. "Zwei der drei wirklich wichtigen Dinge im Leben zu haben – das ist doch erstmal nicht schlecht."
"Zwei?" fragte Harm mit soetwas wie Sorge in den Augen. Sie hatte nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie ihren Beruf liebte und wenn er an ihre riesige Schuhsammlung dachte ... Harms Grinsen verblasste etwas.
Mac lachte und diesmal war sie es, die ihn küßte. "Ich bin barfuß, Harm!" sagte sie, als sie wieder zu Atem kam.
Diesmal lachten sie beide – lange und laut und nichteinmal Mac dachte daran, daß es mittlerweile 0 Uhr 36 Uhr war.