Inhalt:
Harm plant anläßlich einer Hochzeit eine Überraschung, aber natürlich kommt alles ganz anders, als er es sich gedacht hat.
Episoden: "Hochzeitsblues"; "Boomerang";
Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
FEEDBACK BITTE!!!!!!!!
2110 Z-Zeit (16:10 Uhr EST)
Übungs-Schießstand im Gebäude-Komplex der US-Navy
Norfolk, Virginia
Marine-Corps-Offzierin Lieutenant Colonel Sarah "Mac" MacKenzie stand hinter den dicken, schalldichten Plexiglas-Trennwänden des Schießstandes und sah auf die Waffe in ihrer Hand hinab. Im Gegensatz zu Harm, ihrem Partner, bevorzugte sie nicht 15mm-Vollmantel-Geschosse, sondern die 9mm-Baretta.
Mac streckte die Hand aus und nahm die Ohrenschützer von ihrem Haken. Jeder Angehörige der Streitkräfte mußte sich regelmäßig bei Fitness- und Schießübungen neu qualifizieren und obwohl Mac erst in zwei Monaten an der Reihe war, so hatte sie es sich doch zur Angewohnheit gemacht, einmal in der Woche hierherzukommen und zu üben. Es gab ihr nicht nur ein Gefühl der Sicherheit, sondern erinnerte auch immer wieder wohltuend daran, daß sie nicht nur Anwältin mit einem Schreibtisch-Job war, sondern ein Offizier der US-Streitkräfte.
Mac trat einen Schritt vor und schob das 15-Patronen-Magazin in ihre Waffe. In der Kammer befand sich bereits eine Extra-Patrone. Sie beugte sich nach links und gab einen Code in die Computertastatur neben sich ein. Die schwarze, auf einem Drahtseil laufende Silhouetten-Zielscheibe entfernte sich, bis sie in 20 Meter Entfernung zum Stillstand kam.
Mac rückte die Ohrenschützer zurecht und ging in Schußposition. Ihre Bewegungen waren zügig, aber nicht zu schnell, sondern vollkommen kontrolliert. Ihre braunen Augen blickten konzentriert. Sie nahm die Linke nach vorne, um ihre Schußhand zu stützen, kniff leicht die Augen zusammen und feuerte den ersten Schuß ab. Dann korrigierte sie leicht ihre Position, zielte erneut und leerte das ganze Magazin, ohne erneut zu zögern.
Patronenhülsen fielen klirrend zu Boden. Der Geruch von verbranntem Schwarzpulver lag in der Luft.
Schließlich nahm Mac die Ohrenschützer ab und holte die einem Menschen nachgestaltete Zielscheibe per Knopfdruck zu sich heran. Zufrieden sah sie, daß alle 15 Kugeln die Mitte der Silhouette durchschlagen hatten.
"Hey, John Wayne." sagte unerwartet eine Stimme hinter ihr.
Mac wirbelte herum.
Es war Harm, Commander Harmon Rabb, ihr Partner wer auch sonst.
"Wenn ich John Wayne bin, sind Sie dann Claire Trevor?" fragte sie ihn schelmisch lächelnd.
"Wenn Sie nicht bewaffnet wären, würde ich Ihnen jetzt ein rotes Licht geben, Colonel! Es entspricht nicht gerade der political correctness, ihren Partner mit einem Freudenmädchen zu vergleichen, oder?" engegnete Harm mit einem breiten Flyboy-Grinsen.
"Hey, erstens sprach ich von der Schauspielerin Claire Trevor, nicht von ihrer Rolle, und zweitens habe ich, wie Sie ja eben sagten, die Waffe und entscheide, was politisch korrekt ist und was nicht." antwortete Mac spielerisch.
"Eine Waffe, ja, aber keine Patronen dazu." widersprach Harm lächelnd. Er sah zu der kugeldurchsiebten Zielscheibe hinüber und wurde ernst. Er wußte, daß sie öfter als nötig herkam, meistens allein. Er vermutete, daß es sie daran erinnerte, daß sie ein Marine war, daß sie sich und ihr Leben im Griff hatte wie die Pistole.
Harm stellte keine Fragen und Mac war dankbar dafür.
"Sie sind doch nicht hier, um meine Schießkünste zu bewundern, oder?" erkundigte sie sich.
"Nein, jedenfalls nicht nur," gab Harm zu, "ich hab schon den ganzen Tag versucht, endlich mal eine ruhige Minute Ihrer Zeit zu erhaschen, aber an Sie ist ja schwerer ranzukommen als an den Papst! Ich muß wirklich mal dringend mit Ihnen sprechen." Ernst und intensiv war Harms Blick auf sie gerichtet.
Mac sah ihn fragend an. "Also, jetzt haben Sie praktisch eine Privat-Audienz, um was geht es denn?" wollte sie wissen.
Harm verlagerte sein Gewicht vom linken auf den rechten Fuß. "Tja, also, die Sache ist die ..." begann er zögernd.
Sein Herumgedruckse sagte Mac, daß das Thema nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben konnte, denn wenn es um einen Fall ging, dann pflegte Harm sich direkt und wortgewandt auszudrücken.
Sie befürchtete plötzlich, daß er morgen, an dem großen Tag, verhindert sein könnte oder etwas in dieser Art. "Bitte nicht!" dachte sie beschwörend. Sie hätte diesen Tag nur ungern ohne Harm verbracht. Ganz abgesehen davon, daß sie ihn wieder einmal in seiner Service Dress White Uniform sehen würde. Mac lächelte ein wenig in sich hinein.
"Mac, es geht um die ..." setzte Harm endlich an, aber dann unterbrach er sich abermals und sah auf einen Punkt hinter Macs Schulter. "Ach, schon gut, Mac, wir bereden das später, okay?"
Mac nickte und reichte Harm die Ohrenschützer. "Tun Sie mal was für Ihre Treffsicherheit, Claire!" befahl sie scherzhaft.
Harm salutierte grinsend und Mac ging hinaus. Als sie über die Schulter zurücksah, bemerkte sie, daß in der Übungskabine neben ihnen Mic Brumby stand. Hatte Harm seinetwegen ihr Gespräch verschoben? Mic lächelte als er sie sah und winkte ihr erfreut zu. Mac lächelte und winkte zurück, steckte ihre Waffe ein und ging. Sie würde Mic heute abend oder spätestens morgen sehen.
2129 Z-Zeit (16:29 Uhr EST)
Übungs-Schießstand im Gebäude-Komplex der US-Navy
Norfolk, Virginia
Harm trat einen Schritt zurück und betrachtete die von seinen Kugeln durchsiebte Zielscheibe. "Na also, Claire Trevor, es geht doch." murmelte er grinsend.
"Hey, Sportsfreund, verausgaben Sie sich nicht, ja?" erklang plötzlich eine Stimme hinter ihm. Harm brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, daß Mic Brumby an der Plexiglaswand lehnte, "Sie werden morgen noch gebraucht. My darling pretty wäre ziemlich betrübt, wenn ihr Trauzeuge ausfallen würde."
"Nur keine Angst, Bu.. Brumby, ich werde Ihre Hochzeit schon nicht platzen lassen." entgegnete Harm ironisch.
"Das hab ich auch nicht befürchtet. Also, Mate, wir sehen uns später. Sie kommen doch?" vergewisserte sich der dunkelhaarige Australier. Heute abend sollte sein Junggesellen-Abend stattfinden.
"Klar solange es keine Oben-Ohne-Tanzbar ist." erwiderte Harm. Er konnte sich noch zu gut daran erinnern, wie Buds Junggesellenabend in einer solchen Bar geendet hatte und vor allem wo, im Gefängnis nämlich.
Mic Brumby lachte. "Keine Angst, ich weiß doch, daß Sie ein Problem mit ... ähm, leichtbekleideten Frauen haben." meinte er ein wenig spöttisch.
Harm biß die Zähne zusammen. Er wußte genau, worauf Brumby da anspielte. Er ließ sich nichts anmerken und grinste. "Tja, so bin ich nun mal rechtschaffen und makellos," Das hatte Mac einmal zu ihm gesagt, "der reinste Pfadfinder eben."
Mic lachte erneut. Er war blendender Laune kein Wunder, denn in nicht einmal 24 Stunden würde er heiraten. "Okay, dann kennen Sie ja Ihre gute Tat für heute kommen Sie einfach um 18 Uhr in den Shamrock-Club."
Harm nickte und drehte sich erneut zur Zielscheibe um.
2300 Z-Zeit (18:00 Uhr EST)
In der Nähe des Clubs "The Shamrock"
Washington D.C.
Mac bog vom Beltway ab und lenkte ihre rote Corvette durch eine Seitenstraße. Sie war guter Stimmung und sang oder pfiff ab und zu einige Takte eines Liedes im Radio mit.
Als sie sich dem Club näherte, wo der Junggesellenabend stattfinden sollte, begannen gerade die stündlichen Nachrichten auf dem Sender.
Schon wieder wurde vor dem Einbrecher gewarnt, der in Washingtoner Vorstädten wie Arlington und Georgetown Häuser aufbrach. Mac nahm sich vor, ihr Türschloß zu überprüfen.
Mac schloß das Verdeck ihres Sportwagens und überquerte den Parkplatz. Sie wollte sich hier mit Harriet, Renee, Sydney Walden und einigen anderen Frauen, die sie zum Teil gar nicht kannte, treffen, um von hier aus zum Mädchenabend zu starten.
Sie erinnerte sich noch daran, wie gut sie sich beim letzten Mal amüsiert hatte weniger aufgrund des Strippers auf der Bühne als über Harriets Gesicht, als ihre Mutter Lydia dem Stripper etwas Geld "zugesteckt" hatte.
Zumindest brauchte sie sich heute abend nicht unbehaglich zu fühlen, wenn sie keinen Alkohol trank. Erfahrungsgemäß hielten sich die meisten der Frauen zurück, weil sie wußten, daß sie später ihre nicht mehr ganz so nüchternen Männer abholen mußten.
Mac sah, daß Chegwiddens Ford und der Van der Roberts bereits auf dem Parkplatz standen und trat ein.
2310 Z-Zeit (18:10 Uhr EST)
Club "The Shamrock"
Washington D.C.
Harm trat ein und stellte fest, daß die Party bereits in vollem Gange war. Scheinbar hatte Mic Brumby vor, seinen letzten Abend als "freier Mann" in vollen Zügen zu genießen.
Harm steckte die Autoschlüssel ein und wehrte erst einmal ab, als jemand ihm kaum daß er eingetreten war, ein Bier reichen wollte. Er hatte noch etwas wichtiges vor heute abend und durfte nicht zuviel trinken.
Er ließ seinen Blick suchend über die Menge gleiten. Bud, der sich eben von Harriet verabschiedete, winkte ihm zu. Harm winkte kurz zurück und hielt weiterhin Ausschau nach Mac. Er hatte gesehen, daß ihre Corvette auf dem Parkplatz stand. Natürlich Mac war immer pünktlich.
Die Braut und ihre Freundinnen kamen aus dem Nebenzimmer und Harriet schloß sich ihnen an, um zum Mädchenabend aufzubrechen. Harm erhaschte einen schnellen Blick auf Mac. Sie sah so gut aus wie immer. Harm setzte sich in Bewegung, aber plötzlich herrschte überall ein Gedränge und es war unmöglich, zu ihr aufzuschließen.
"Hey, Mac!" rief er ihr nach, "Moment, ich muß mit Ihnen reden!" Mac ging weiter, ohne ihn zu hören. Harm machte Anstalten, ihr zu folgen.
Eine kräftige, etwas schwielige Hand mit einem Navy-Akademie-Ring am Finger legte sich auf seinen Arm. "Was denn, Commander, jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Geschäftsbesprechung." meinte Admiral A.J. Chegwidden. Er trug legere Zivilkleidung, ein Anblick, an den Harm sich wohl nie so richtig gewöhnen würde, und hielt eine Flasche Bier in der Hand.
Harm sah Mac nach, blieb aber stehen. "Es ist nichts Berufliches, was ich mit Colonel MacKenzie besprechen möchte, Sir." erklärte Harm.
Chegwidden lachte sein rauhes SEAL-Lachen und nahm einen Schluck aus der Flasche. "Kommen Sie, Harm, Sie werden doch mal einen Abend ohne Ihre Partnerin auskommen, oder? Oder haben Sie schon wieder Probleme mit Ihrer Uniform?"
"Nein, diesmal habe ich Sie schon vor einer Woche reinigen lassen." berichtete Harm mit einem abwesenden Grinsen. Langsam wurde die Zeit knapp. Die Hochzeit war schon morgen und er mußte dringend mit Mac sprechen. Aber wie sollte er das noch rechtzeitig vor der Hochzeit schaffen? Es war schon fast zu spät.
"Hey, Harm!" rief Mattoni aus dem Nebenzimmer, "Kommen Sie mal rüber; Ihre Meinung ist gefragt schließlich kennen Sie unsere zukünftige Mrs. Brumby doch am besten!"
Tief durchatmend machte Harm sich auf den Weg.
0620 Z-Zeit (01:20 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mac schloß die Türe hinter sich und warf die Autoschlüssel auf den niedrigen Glastisch. Dann kickte sie die Schuhe von sich und ging barfuß in die Küche hinüber, um sich ein Glas Mineralwasser zu holen.
Es war ein lustiger Abend gewesen. Mac mußte lachen, als sie daran dachte, wie Harriet ihnen eben auf dem Weg zu den Autos eine Szene aus "Hamlet" vorgespielt hatte. Harriet hatte sich daran erinnert, als Kind in einer Schulaufführung mitgespielt zu haben in der Rolle des Geistes. "Da hat sie in Bud doch genau den richtigen Mann gefunden er glaubt grundsätzlich an alles Übernatürliche, von Aliens bis hin zu Werwölfen und Flaschengeistern," dachte Mac amüsiert, "Oh, apropos Flaschengeist ..."
Der zweite Höhepunkt des Abends war wohl gewesen, als Renee einen Verehrer, der sie nicht wissend, daß sie bereits in festen Händen war zu einem Drink einladen wollte, schließlich unter den Tisch getrunken hatte. Mac hatte nicht gewußt, daß die "Video-Queen" soviel Alkohol vertragen konnte. "Na ja, vermutlich eine Grundvoraussetzung in ihrem Job." überlegte sich Mac und mußte zugeben, daß sie ohnehin nicht viel von Renee wußte.
Nach der peinlichen Unterhaltung beim Dartspielen mit Jordan Parker, Renees "Vorgängerin", hatte Mac gut darauf verzichten können, Harms Freundinnen näher kennenzulernen. Umgekehrt hatte auch Harm nie viel für Mic Brumby übrig gehabt.
"Das erledigt sich wohl morgen." dachte Mac und mußte ein bißchen lächeln. Wenn ihr jemand vor ein paar Monaten gesagt hätte, daß DAS passieren würde, sie hätte ihn ausgelacht.
Sie war noch nicht sonderlich müde, denn sie war es gewohnt, lange aufzubleiben, also beschloß sie, noch eine halbe Stunde an dem Glücksbringer herumzubasteln, den sie heute morgen von Chloe zugesandt bekommen hatte. Sie wollte, daß er bis morgen fertig war. Sie griff nach der silbernen Farbe, als sie von draußen ein seltsames Geräusch hörte.
Sie stellte den Pinsel ins Glas zurück und lauschte. Da war das Geräusch wieder, ein Tasten und Schaben vor der Türe. Etwas kratzte über das Holz.
Mac war sofort alarmiert und dachte wieder an den Einbrecher, den die Polizei seit Wochen erfolglos jagte. Diesmal hatte er sich jedoch den Falschen ausgesucht, beschloß sie grimmig. "Nicht mit einem Marine!" Sie hatte schonmal einem Mann die Nase gebrochen, der in ihre Wohnung eingedrungen war und hatte kein Problem damit, es wieder zu tun, wenn es denn nötig sein sollte.
Wieder ein kratzendes Geräusch an der Türe. Mac griff sich den nächstbesten Gegenstand, riß schwungvoll die Türe auf und versetzte der dunkelgekleideten Gestalt, die draußen das Ohr an die Tür gepreßt hatte, einen heftigen Kinnhaken.
Der Mann ging zu Boden und stöhnte überrascht auf. Mac setzte sofort nach, warf sich rittlings auf seinen Brustkasten und holte erneut mit dem Gegenstand aus.
Der Mann mühte sich, einen Arm schützend hochzunehmen, aber beide Ärme wurden ihm von Macs Gewicht an den Körper gepreßt. "Hey, Gnade, Marine, Gnade!" rief der Dunkelgekleidete eilig, "Ich bins nur, Harm."
Mac ließ die Faust sinken. Tatsächlich, es war Harm.
"Was zum Teufel tun Sie hier? Um diese Zeit? Mit dem Ohr an meiner Tür?" verlangte sie ärgerlich zu wissen.
"Ähm, Mac, dürfte ich vielleicht aufstehen, bevor ich das erkläre? Es läßt sich so schlecht reden mit 120 Pfund Marine-Colonel auf dem Brustkasten." Harm lächelte etwas verzerrt.
Mac erhob sich ein wenig verlegen.
Mit einem unterdrückten Stöhnen richtete Harm seine athletisch gebauten 193 Zentimeter in eine sitzende Position auf und rieb sich den schmerzenden Kiefer. "Womit zum Teufel haben Sie mich geschlagen?" erkundigte er sich, während er probeweise den Mund auf und zu klappte. Er wußte, daß Mac ein Devil-Dog, ein Marine und zudem eine gute Kickboxerin war, aber kein Marine der Welt konnte mit der Faust allein so eisenhart zuschlagen, nicht einmal Mac. "Nicht einmal Mike Tyson!" fügte er in Gedanken hinzu.
Macs Lächeln schwankte zwischen Schadenfreude und Schuldbewußtsein. "Damit." erklärte sie und hielt ein Hufeisen in die Höhe.
Harm sah sie skeptisch an. "Sind Sie sicher, daß da nicht noch das Pferd drangehangen hat? Und sollen Hufeisen nicht Glück bringen?" Er grinste unter Schmerzen.
Mac zuckte die Schultern, während sie in die Küche ging, um ihm einen Beutel Eiswürfel zum Kühlen zu holen. "Wieso, es hat Ihnen doch Glück gebracht der Kiefer ist nicht gebrochen, oder?" rief sie von dort.
Sie kehrte zurück und drückte Harm ein Handtuch, in das das Eis eingewickelt war, in die Hand. "Wenn Sie nachts um ein Uhr einundzwanzig in dunkler Kleidung vor der Türe von anderen Leuten herumlungern, brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn man Sie für einen Einbrecher hält."
"Ich habe nur an der Türe gelauscht, um sicherzugehen, daß Renee, Harriet und die anderen nicht mitgekommen sind. Hatten Sie etwa Angst, ich lasse Ihren Fernseher mitgehen?" fragte Harm lächelnd.
"Ich mache mir eher um meinen Kühlschrank Sorgen vielleicht herrscht in Ihrem bis auf zwei Cola light mal wieder Ebbe und Sie haben beschlossen, einen armen Marine-Corps-Officer zu überfallen." entgegnete Mac schlagfertig.
"Danke, ich schätze, nach dieser Behandlung werde ich mich für die nächsten zwei Tage mit Flüssignahrung und Brei begnügen." meinte Harm und deutete auf seinen Kiefer, der langsam anzuschwellen begann.
Mac runzelte besorgt die Stirn, streckte die Hand aus und berührte mit zwei Fingern vorsichtig sein Kinn. "Ich habe Ihnen doch hoffentlich nichts gebrochen? Soll ich Sie ins Krankenhaus fahren?" fragte sie ernst.
Harm winkte ab. "Halb so schlimm, ich habe schon ..."
"... härtere Landungen hinter sich, ich weiß," beendete Mac den Satz, "Aber noch keine so enge Bekanntschaft mit einem Hufeisen."
Harm legte das Handtuch weg. "Wozu benötigen Sie überhaupt das Hufeisen? Für Jingo wohl kaum, oder?" Er grinste erneut.
"Wie Sie schon sagten: Es ist ein Glücksbringer. Für die Hochzeit morgen." erläuterte Mac.
"Genau deswegen muß ich mit Ihnen sprechen." sagte Harm.
Mac sah ihn ein wenig mißtrauisch an. "Sie haben doch nicht etwa vor, die Hochzeit zu verhindern oder etwas in der Art?" fragte sie ihn streng.
Harm hob abwehrend die Hand. "Würde mir nie einfallen. Ich hege keinerlei Groll gegen Bugme und mißgönne niemandem sein Glück." versicherte er.
"Um was geht es dann?" wollte Mac wissen.
"Na ja, eine kleine Überraschung hat Bu... Brumby doch schon verdient." meinte Harm harmlos grinsend.
Mac sah ihn abschätzend an. "Und da kommen Sie ausgerechnet zu mir?"
"Sie haben doch noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Und wie ich sehe," Harm deutete auf das silbern bemalte Hufeisen, "können Sie gut mit Farbe umgehen. Es ist auch wirklich eine positive Überraschung, keine Angst." Harm versuchte, möglichst überzeugend zu klingen und wandte das volle Potential seines Flyboy-Lächelns auf sie an. "Pfadfinderehrenwort!" Er versuchte den Pfadfindergruß.
Mac schlug ihn leicht auf die Schulter. "Man benutzt die andere Hand, das überzeugt mich also nicht sonderlich. Was ist es für eine Überraschung?"
"Ach, nichts weiter ... nur ein kleines harmloses Krokodil in Crocodil-Dundees Badewanne ..." Harm grinste, "Nein, im Ernst es soll ein Graffiti werden. Also, machen Sie mit? Kommen Sie schon, Sie haben keine Ahnung, was allein die Farben gekostet haben!" Harms Augen bettelten.
"Welche Farben? Tomcat-Grau und Tarnfarben-Grün?" spottete Mac, nickte dann aber widerstrebend. Besser sie ging mit und sorgte dafür, daß es wirklich eine ANGENEHME Überraschung für Mic wurde. "Na schön. Ich hoffe, Sie wissen, was Sie da tun, nicht daß Sie Ärger mit der Braut bekommen." Mac zwinkerte ihm belustigt zu.
Harm lachte und zwinkerte zurück. "Keine Sorge, ich habe ein ziemlich gutes Verhältnis zur Braut, sie würde mir nie etwas antun." versicherte er grinsend.
"Ein halb zertrümmerter Kiefer reicht ja vorerst auch, oder?" gab Mac trocken zurück.
Harm nickte. "Vorerst bin ich bedient, danke. Also, ziehen Sie sich an und dann gehts los." sagte Harm unternehmungslustig.
"Rotes Licht, Commander!" warnte ihn Mac scherzhaft, "Ich bin bereits angezogen, falls es Ihnen nicht aufgefallen sein sollten."
"Oh, jetzt wo Sie es sagen, sehe ich es auch," gab Harm grinsend zurück, "Nein, im Ernst, Mac, SO wollen Sie doch nicht mit Farbe hantieren. Ziehen Sie irgendetwas Dunkles an, dann sieht man uns nicht so leicht."
Mac seufzte. "Okay, ich bin gleich wieder da," Sie ging zum Schlafzimmer hinüber und rief von dort, "Und Hände weg vom Fernseher, der ist nicht diebstahlversichert!"
Harm lachte.
0642 Z-Zeit (01:42 Uhr EST)
Vor dem Apartment von Mic Brumby
Washington D.C.
Zwei dunkel gekleidete Gestalten huschten über die Straße und preßten sich gegen eine Mauer, um nicht gesehen zu werden.
"Ich muß wirklich verrückt gewesen sein, mich auf sowas einzulassen!" zischte die kleinere der beiden Gestalten Mac. Erst auf dem Weg zu Mics Apartment war ihr eingefallen, daß sie zwar einen Schlüssel für die Wohnungstüre besaß, aber keinen für das Tor in der Mauer, die das ganze Gebäude umgab. Vor dem massiven Schloß des Tors kapitulierten sogar Harms Fähigkeiten im Schlösser knacken. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als über die Mauer zu klettern.
"Okay, ich helfe Ihnen hoch," sagte Harm, "Bereit?"
Mac sah sich um. Es war niemand zu sehen. "Mir bleibt wohl nichts anderes übrig."
Harm bildete mit den Händen eine Trittleiter und hob sie hoch. Geschmeidig zog Mac sich auf die Mauer und streckte dann den Arm aus, um auch Harm hinaufzuhelfen. Nebeneinander landeten sie auf der anderen Seite.
"Mir kommt fast der Verdacht, Sie haben das schon öfter gemacht." flüsterte Harm ihr zu und seine Zähne blitzten in der Dunkelheit, als er lächelte.
Leise gingen sie zum Haus hinüber und Mac versuchte in der Dunkelheit das Schloß zu finden. Die Schlüssel klirrten leise.
"Halt, bleiben Sie stehen!" bellte hinter ihnen plötzlich eine Stimme. Eine Taschenlampe flammte auf.
Harm und Mac drehten sich um. Ein alter Mann im Schlafanzug und mit einem vorsintflutlichen Gewehr in der Hand stand vor ihnen. "Aha! Haben Sie sich so gedacht, hier einzubrechen! Ich rufe jetzt sofort die Polizei!"
Mac seufzte. "Mister Czerny, nehme ich an?" Das mußte der alte Mann sein, der neben Mic wohnte. Mac hatte ihn nie gesehen, aber immer, wenn Mic das Radio etwas lauter drehte, begann er sofort mit einem Besen gegen die Wand zu klopfen, "Hören Sie, wir wollen hier nicht einbrechen, wir sind Freunde von Mic Brumby."
Sie sah sofort, daß Czerny ihnen nicht glaubte. "Freunde, die mitten in der Nacht über die Mauer klettern und versuchen, die Türe aufzubrechen? Das können Sie der Polizei erzählen!" schnaubte er und fuchtelte mit dem Gewehr.
"Wir haben nicht versucht, die Tür aufzubrechen. Wir haben einen Schlüssel." widersprach Harm.
"Hatten," verbesserte Mac, "Er ist mir runtergefallen, als Mister Czerny so unvermutet mit einem Gewehr hinter uns auftauchte." Sie sah suchend zu Boden, aber in der Dunkelheit konnte sie den Schlüssel nicht finden.
"Selten eine so blöde Ausrede gehört." meinte der alte Mann kopfschüttelnd. Die Einbrecher wurden auch immer raffinierter!
Mac hob beschwichtigend die Hände. "Mister Czerny, woher sollte denn ein Einbrecher Ihren Namen kennen?" versuchte sie ihn zu überzeugen.
Czerny sah sie nur weiterhin mißtrauisch an. "Vermutlich haben Sie die Gegend hier ausspioniert und meine Wohnung ist die nächste, in die Sie einbrechen wollten. Aber daraus wird nichts, los marsch. Ich rufe jetzt die Polizei. Und keine Dummheiten, ich habe im zweiten Weltkrieg gedient!" warnte er.
Mac und Harm ließen sich in seine Wohnung dirigieren und warteten, während er zum Telefon griff nicht aus Angst vor dem alten Mann oder dem Gewehr, sondern weil sie glaubten, die Police-Officers, die sicher nicht so verbohrt wie Mics alter Nachbar sein würden, leichter über das ganze Mißverständnis aufklären zu können.
"Nur keine Aufregung," sagte Harm zuversichtlich zu Mac, als sie auf die Polizei warteten, "wir werden die Sache in Null Komma Nichts geklärt haben und vielleicht helfen unsere Freunde und Helfer uns sogar beim Schlüssel suchen."
0711 Z-Zeit (02:11 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
Harms Handschellen rasselten, als er den Gang hinunterging. "Hey, hören Sie," wandte er sich wiederholt beschwörend an die beiden Cops, die sie verhaftet hatten, "warum lassen Sie uns das Ganze nicht ..."
Der größere der beiden Polizisten schüttelte energisch den Kopf. "Ich sage es jetzt zum letzten Mal: Erzählen Sie das Morgen früh unseren Kollegen. Wir sind nur zur Streife eingeteilt und haben nicht darüber zu entscheiden, ob Sie freigelassen werden oder nicht. Solange es keinen trifftigen Grund dafür gibt ..."
"Aber es gibt einen trifftigen Grund ..." protestierte Mac, aber der Polizist unterbrach sie sofort ungeduldig.
"Hören Sie, Lady, wenn Sie nachts in schwarzer Kleidung über eine Mauer klettern und sich an einem Schloß zu schaffen machen, dann gibt es ganz sicher KEINEN trifftigen Grund zu glauben, Sie seien etwas anderes als Einbrecher. Was glauben Sie, was für dumme Ausreden wir uns schon anhören mußten! Die Sache mit der Hochzeit ist zwar ganz originell, aber ein Grund, Sie freizulassen ist es nicht."
Die beiden Polizisten waren müde und ungeduldig, man sah, daß sie in dieser Nacht schon zuviel Kaffee getrunken und zuviele Zigaretten geraucht hatten, um bis zum Morgen durchzuhalten. Es war ihre Gewohnheit, sich auf keine großen Diskussionen einzulassen und wenn immer möglich Probleme an die Kollegen der Tages-Schicht zu delegieren.
"Aber wir sind wirklich Anwälte." beteuerte Harm und verfluchte den Umstand, daß keiner von ihnen beiden einen Ausweis dabei hatte, um das zu beweisen.
Die Cops hörten gar nicht zu, sondern schlossen eine Zellentüre auf.
"Das sollten Sie nicht tun," warnte Harm, "Es könnte Sie in Schwierigkeiten bringen. Sind Sie schonmal von zwei Anwälten verklagt worden? Colonel MacKenzie verhält sich vor Gericht wie ein Bullterrier, ich warne Sie."
Mac nickte zustimmend. "Und habe ich schon erwähnt, daß Commander Rabb sich nicht scheut, im Gerichtssaal zu schießen?"
Der größere der Streifenpolizisten verschränkte die Arme vor der Brust, während der andere ihre Handschellen aufschloß und sie in die Zelle dirigierte. "Vorsicht! Das klingt gefährlich nach Bedrohung eines US-Beamten im Dienst und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Wenn Sie wirklich Anwälte wären, müßte da was bei Ihnen klingeln."
Er begann, die Zellentüre hinter ihnen zuzuschieben.
"Hey, halt! Wir haben zumindest das Recht, jemanden anzurufen." protestierte Harm.
Der Cop rollte mit den Augen, führte sie aber wieder den Gang zurück bis zu einem Telefon.
"Okay, ein Anruf. Ich warte."
Harm nahm den Hörer ab und wählte Chegwiddens Nummer. Der Admiral würde sie hier schnellstens rausholen er hatte Harm schon einmal mitten in der Nacht aus dem Gefängnis holen lassen. Jedoch sprang nur der Anrufbeantworter an und Harm sprach eine Nachricht aufs Band.
"Sieht so aus als wäre der Admiral immer noch auf Brumbys Party." sagte er zu Mac, als er auflegte.
"Okay, dann wieder ab in die Zelle." befahl der große Polizist.
Mac schüttelte den Kopf. "Wir haben JEDER einen Anruf." widersprach sie.
Sie und Harm wechselten einen ratlosen Blick. Fast alle ihrer Freunde, jeder, der sie noch vor dem Morgen hier herausholen konnte, war auf Brumbys Junggesellenparty. Wen sollte also sollte Mac anrufen?
0718 Z-Zeit (02:18 Uhr EST)
Alexandria, Virginia
Das Telefon klingelte.
Mit einem verärgerten Knurren setzte Clayton Webb sich im Bett auf. Er war sofort hellwach, denn als CIA-Agent war er es gewohnt, zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten angerufen zu werden.
"Webb." bellte er in den Telefonhörer.
<Ähm, tut mir leid Sie zu wecken, Clay ...>
"Colonel MacKenzie, sind Sie das?" fragte Webb stirnrunzelnd. Es geschah nicht gerade oft, daß Mac ihn mitten in der Nacht oder überhaupt - anrief. Scheinbar steckte sie in Schwierigkeiten und benötigte seine Hilfe, sonst hätte sie ihn nicht Clay genannt.
<Ja. Hören Sie, ich kann nicht lange reden. Sie müssen uns helfen.>
"Uns?" fragte der Geheimdienst-Agent, "Lassen Sie mich raten, Ihr Verzeihung Arsch und der von Commander Rabb hängt mal wieder über irgendeinem Abgrund, richtig?"
<Sieht so aus. Wir wurden eben wegen Einbruchs verhaftet.>
"Oh. Ich wußte nicht, daß die Bezahlung bei JAG so schlecht ist. Sie hätten sich doch an mich wenden können, das Außenministerium kann gute Leute immer ..."
<Ich bin nicht in der Stimmung für Scherze, Webb!>
"Aha, das hört sich doch schon eher nach Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie an!" dachte Webb amüsiert. "Okay, was kann ich tun?" erkundigte er sich.
<Es ging nur um eine Überraschung für Mic, Mic Brumby. Aber jetzt stehe ich hier vor zwei freundlichen Polizisten, die sich weigern, unsere Geschichte noch heute zu überprüfen. Sie müssen uns sofort hier rausholen.>
"Wieso, das klärt sich morgen früh schon von selbst." meinte Webb.
<Morgen früh ist es zu spät! Morgen früh ist eine Hochzeit, die ohne mich und ohne Harm nicht stattfinden kann! Und die Überraschung, wegen der wir in Mics Wohnung "eingebrochen" sind sollte heute Nacht vorbereitet werden, nicht erst morgen! Also, wenn es irgendeinen Weg gibt, uns hier rauszuholen, ohne gleich den Polizeipräsidenten oder sonst jemanden aus dem Bett zu klingeln, dann tun Sies!>
Mac durfte gar nicht daran denken, was passieren mochte, wenn der Marine-Minister von dieser Sache erfuhr. Seit ihrem "Urlaub" in Rußland hatte er immer ein besonders wachsames Auge auf sie und Harm.
Webb grinste ironisch. "Oh, wenn Sie mich so nett darum bitten, kann ich kaum nein sagen. Ich sehe, was ich tun kann, aber ich kann nichts versprechen. Ohne einen Repräsentanten der Stadt oder einen Ihrer Vorgesetzten hinzuzuziehen dürfte es seine Zeit dauern. Weiß A.J. Bescheid?"
<Wir haben versucht, ihn zu erreichen, aber er ist immer noch im Shamrock, auf Mics Junggesellenfeier.>
"Na schön, ich werde sehen, was ich für Sie tun kann. Aber lassen Sie sich mal von Ihrem Komplizen erzählen, was ein Gedeck im Lieblingsrestaurant meiner Mutter kostet." Mit einem leicht arroganten Agenten-Lächeln legte Webb den Hörer auf.
0747 Z-Zeit (02:47 Uhr EST)
Club "The Shamrock"
Washington D.C.
"Wie bitte?" explodierte A.J. Chegwidden und funkelte den CIA-Agent wütend an, "Wenn das einer Ihrer billigen Agentenscherze sein sollte, dann rate ich Ihnen, sich gleich ein Jahresabo bei der nächsten Unfallstation zu kaufen!"
"Kein Grund, gleich aggressiv zu werden, A.J. Diesmal haben sich Ihre Leute ganz alleine in diese Schwierigkeiten manövriert." versicherte Webb kühl, trat aber vorsichtshalber doch einen Schritt zurück. Er hatte das heftige Temperament und die kräftige Faust des Konteradmirals bereits kennengelernt und wollte diese Bekanntschaft nicht unbedingt erneuern.
"Reden Sie keinen Unsinn, Webb! Rabb und MacKenzie würden niemals einen Einbruch begehen!" grollte Chegwidden. Wie immer glaubte er an die Unschuld seiner Leute.
"Soweit ich verstanden habe, geht es um irgendeine Hochzeits-Überraschung für Mic Brumby." meinte Clayton Webb.
"Überraschung? Oh ja, das ist allerdings eine Überraschung! Fragt sich nur für wen!" schnaubte Chegwidden grimmig.
Mic Brumby kam mit einer Flasche Bier zu ihnen herüber. "Mister Webb, richtig? Kommen Sie, trinken Sie einen mit."
Webb schüttelte den Kopf Bier aus einer Flasche zu trinken war ohnehin nicht sein Stil. "Ich hab noch was zu erledigen." erklärte er.
"Etwas nicht in Ordnung?" fragte Mic den Admiral.
Chegwidden schüttelte den Kopf. Er konnte dem Australier schlecht sagen, daß Mac und sein Trauzeuge hinter Gittern saßen, weil sie versucht hatten, in sein Apartment einzudringen. "Alles okay außer daß dieser alte SEAL hier nicht mehr soviel verträgt wie früher und jetzt besser nach Hause gehen wird." erklärte Chegwidden mit einem halben Grinsen.
Er und Webb gingen zur Türe.
Bud Roberts kam ihnen nachgelaufen. "Admiral? Sir? Etwas nicht in Ordnung?" fragte er argwöhnisch, als er Webb sah.
"Ihre beiden Mentoren haben ein bißchen Ärger, aber wir regeln das schon." meinte Chegwidden.
Bud stellte seine Bierflasche weg. "Dann komme ich mit, Sir." erklärte er sofort.
"Guter Mann!" dachte A.J. Er wußte, daß Bud niemals einen Kollegen im Stich lassen würde. "Nein, Sie bleiben hier, Lieutenant." widersprach er jedoch.
"Aber, Sir..." setzte Bud zu einem Protest an.
"Mir hat mal jemand erzählt, daß es vier Musketiere sind, Mister Roberts nicht fünf. Harm, Mac, A.J. und ich. Das Quartett ist komplett, wie Sie sehen." stellte Webb fest.
Bud sah fragend zu seinem kommandierenden Offizier. "Sir?"
Chegwidden seufzte und deutete auf eine Stelle seines kahlen Schädels. "Sehen Sie diese Narbe?" Bud nickte. "Und diese da? Ich möchte vermeiden, daß eine dritte dazukommt, wenn Ihre Frau erfährt, daß Sie schon wieder im Gefängnis gelandet sind."
Bud starrte den beiden nach, als sie davon gingen. "Welches Gefängnis?" fragte er verwirrt.
0828 Z-Zeit (03:28 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
Mac ging mit zornigen Schritten in der Zelle auf und ab. Harm kannte jetzt schon die genauen Maße ihrer Zelle: drei Mac-Schritte lang und vier Mac-Schritte breit. "Toll, wirklich toll!" schnaubte sie, "Wieso bin ich immer wieder so blöd, auf Ihre Vorschläge einzugehen? Man könnte meinen, ich wüßte langsam, auf was es hinausläuft!"
Harm, der lang ausgestreckt auf einer Pritsche lag, stützte sich auf dem Ellenbogen auf. "Hey, was soll das heißen? Wann sind Sie je wegen eines Vorschlags von mir in Schwierigkeiten geraten?"
"Na, zum Beispiel in den Appalachen. Wissen Sie noch, Sie hatten mir einen erholsamen Ausflug versprochen!" erinnerte Mac, aber es tat ihr sofort leid, als sie es gesagt hatte. Sie wußte, daß sich Harm noch eine ganze Weile nach diesem Vorfall Vorwürfe gemacht hatte. Mac seufzte. "Sorry, Harm, tut mir leid. Das war ungerecht. Aber Sie wissen ja, was passiert, wenn ich nicht rechtzeitig zur Hochzeit erscheine."
Harm nickte. "Ja. Die Hochzeit findet nicht statt. Dasselbe passiert auch, wenn ich nicht auftauche ich bin der Trauzeuge, wenn Sie sich erinnern." antwortete er.
"Glauben Sie, Webb schafft es, uns hier rechtzeitig rauszuholen?" fragte Mac resigniert und setzte sich endlich auf den Rand ihrer Pritsche.
"Ohne sich an irgendwelche offiziellen Stellen zu wenden? Vielleicht rechtzeitig zur Trauung, aber niemals rechtzeitig um unser kleines Kunstwerk anzufertigen." meinte Harm.
"Haben Sie eine Ahnung, was der Admiral sagen wird, wenn er von der Sache erfährt!" überlegte Mac stöhnend, "ich glaube kaum, daß er diesmal soviel Verständnis aufbringen wird wie das letzte Mal, als Sie im Gefängnis gelandet sind."
"Von mir aus braucht der Admiral unser kleines Abenteuer erst gar nicht zu erfahren." meinte Harm.
"Von mir aus auch nicht, aber Sie haben ihm ja eine nette kleine Botschaft auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Außerdem fürchte ich, Webb wird zuallererst mal zum Admiral laufen." entgegnete Mac.
"Zumindest steigen dann unsere Chancen, hier rauszukommen. Ein SEAL und ein Spion es gibt nicht viele Dinge, die ein solches Team aufhalten könnten." antwortete Harm mit einem hoffnungsvollen Grinsen.
"Und wenn der Admiral uns erstmal draußen hat, wird er uns wahrscheinlich eine solche Standpauke halten, daß wir uns in diese stille, gemütliche Zelle zurückwünschen!" erwiderte Mac sarkastisch, "Sie können zumindest behaupten, angetrunken gewesen zu sein, aber der Admiral weiß leider nur zu gut, daß ich nicht trinke!"
0858 Z-Zeit (03:58 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Nein, das kann ich wirklich nicht tun!" beharrte der dicke Polizeibeamte hinter dem Schreibtisch zum mindestens zehnten Mal in der letzten Viertel Stunde.
"Herrgott nochmal, es kann doch wirklich nicht so schwer sein. Alles, was Sie tun müssen, ist diese Schlüssel dort zu nehmen und die Zelle aufzuschließen, fertig!" meinte Chegwidden ärgerlich, "Das sind zwei meiner Offiziere dort drinnen; Topanwälte, verstehen Sie? Sie könnten in einem zivilen Job leicht 500 Dollar die Stunde verdienen! Glauben Sie im Ernst, solche Leute brechen nachts in Häuser ein, um einer alten Oma ihre letzten Groschen unter der Matratze zu klauen?" Langsam redete sich der Admiral in Rage. Er konnte einfach nicht glauben, was man seinen Leuten da allen Ernstes vorwarf. Und er konnte nicht glauben, wie Rabb und MacKenzie sich mal wieder in so eine Lage gebracht hatten.
"Die beiden haben sich verdächtig gemacht und bleiben bis morgen früh in Haft. Mehr kann ich dazu nicht sagen." Der Polizist zuckte gleichgültig die Schultern und ließ die Knöchel seiner Finger knacken.
Chegwidden hätte am liebsten andere Gelenke im Körper des sturen Beamten zum Knacken gebracht, aber natürlich hielt er sich zurück. Dafür fixierte er den Mann mit einem Blick, der jeden normalen, mit einem gesunden Überlebensinstinkt ausgestatteten Menschen dazu gebracht hätte, Chegwiddens liebenswürdigen Vorschlag sofort nochmal zu überdenken. Der Polizist jedoch starrte nur schläfrig und gelangweilt in seinen Kaffee.
Chegwidden atmete tief durch. "Diese beiden Offiziere werden morgen bei einer ... wichtigen Zeremonie erwartet." sagte er gepreßt.
"Wenn Sie Glück haben, sind sie bis dorthin schon wieder draußen falls sie wirklich so unbescholten sind." meinte der Vollzugsbeamte unbeeindruckt. An ihm hatten sich schon ganz andere Leute die Zähne ausgebissen und es erstaunte ihn wirklich, wie beharrlich dieser Chegwidden für seine Offiziere eintrat.
Chegwidden nickte Webb, der sich im Hintergrund hielt, kaum merklich zu und baute sich dicht vor dem Schreibtisch auf. "Hören Sie mal her, ich bin nicht irgendein Drogenboss von der Straße, ja? Und meine Leute sind keine Kriminellen! Wenn ich es darauf anlege, verteilen Sie ab morgen Strafzettel an Rentner, deren Zwergpinscher auf den Rasen gepinkelt haben, klar?"
"Sie sind wirklich der Boss von den zwei da drinnen, was? Man sagte mir, daß die beiden auch ziemlich gerne drohen." kommentierte der Polizist trocken.
"Ja, aber im Gegensatz zu ihnen kann ICH meine Drohungen auch wahr machen!" knurrte Chegwidden und warf einen unauffälligen Blick über die Schulter. "Machen Sie schon, Webb!"
0901 Z-Zeit (04:01 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Harm? Mac?" flüsterte Webb fragend.
"Na, endlich, Webb," sagte Harm erleichtert, "holen Sie uns schon raus." Er trat an die Gitterstäbe und nun konnte er Webb auch im Halbdunkel des Ganges erkennen. Der CIA-Agent wirkte in seinem Anzug völlig fehl am Platze.
Webb schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, aber es gibt da noch ein paar Schwierigkeiten."
"Schwierigkeiten?" echoten Harm und Mac.
"Psst!" zischte Webb, "Wenn Sie nicht leiser sind, lande ich gleich neben Ihnen in der Zelle!"
"Was soll das heißen, Webb? Sind Sie etwa hier, um uns bei einem Ausbruch zu helfen?" Mac sah ihn mit großen Augen an.
Webb hob geringschätzig die Augenbrauen. "Colonel, bitte! Das glauben Sie doch wohl nicht im Ernst. Ich wollte Ihnen nur mal kurz Hallo sagen, während A.J. sich mit der Wache herumärgert." stellte er klar.
"Dann sagen Sie Hallo und verschwinden Sie, Webb!" forderte Mac böse.
"Danke, ich wünsche Ihnen auch eine gute Nacht, Colonel!" entgegnete Clay mit einem ironischen Grinsen und drehte sich um.
"Nicht so schnell!" wandte Harm ein und reichte den Rucksack, den er noch immer bei sich trug, durch die Gitterstäbe durch, "Ich weiß, Sie können kaum mit einer Waffe umgehen, aber wie gut sind Ihre künstlerischen Fähigkeiten?"
0915 Z-Zeit (04:15 Uhr EST)
Vor dem Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Sie haben den Verstand verloren, Webb!" knurrte A.J. Chegwidden und sah den CIA-Agent ungläubig an.
"Wieso ich? Es sind doch Ihre Leute!" widersprach Webb.
"Daß die beiden nicht recht bei Trost sind, habe ich schon länger befürchtet," murmelte Chegwidden so leise, daß nur er es hörte und dann erheblich lauter: "Das bedeutet nicht, daß ich automatisch tue, was sie glauben, daß ich tun sollte! Zum Teufel, ich bin ihr CO und nicht umgekehrt!"
"Tja, schade um die gute Idee mit diesem Bild und schade um das ganze Geld, das Rabb dafür ausgegeben hat." meinte Webb mit gespieltem Bedauern.
"Ich bin der Judge Advocate General, Mister Webb! Ich steige nicht nachts in fremde Wohnungen ein und beschmiere die Wände!" grollte der Admiral.
"Ganz so fremd dürfte Mic Brumby Ihnen doch nicht sein, nachdem Sie schätzungsweise einen Kasten Bier mit ihm geleert haben. Und von beschmieren war auch nicht die Rede. Aber gut, wenn Sie Angst haben ..." Webb zuckte die Schultern und drehte sich um, um zu seinem Wagen zu gehen. Er zählte in Gedanken bis drei. Eins, zwei ...
Chegwidden hatte ihn mit zwei schnellen Schritten eingeholt und nahm ihm den Rucksack aus der Hand. "Okay, fahren Sie schon, aber ein Wort darüber zu irgendjemandem und Sie werden sich wünschen, Sie würden mit Harm und Mac in der Zelle sitzen!"
0942 Z-Zeit (04:42 Uhr EST)
Vor dem Apartment von Mic Brumby
Washington D.C.
"Machen Sie die Türe auf! Sofort öffnen! Hier spricht Special Agent Clayton Webb von der
CIA! Öffnen Sie die Türe!" schrie Webb und hämmerte gegen das Holz.
Von innen hörte man Schritte. "Sagen Sie mir, A.J., welche Strafe steht auf Amtsmißbrauch?" fragte Webb sarkastisch.
Die Türe öffnete sich einen Spaltbreit und Webb zeigte seinen Ausweis vor. Dann wurde die Türe völlig geöffnet und ein alter Mann im Nachthemd stand vor ihnen, ein uraltes Gewehr in der Hand, das er jetzt jedoch sinken ließ. Das mußte der "nette Nachbar" sein, von dem Harm Webb erzählt hatte.
"Guten Morgen. CIA. Es geht um den versuchten Einbruch in das Apartment neben Ihrem. Wir haben Grund zu der Annahme, daß die beiden verdächtigen Subjekte dort illegale Waren suchen wollten," erklärte Webb, ohne eine Miene zu verziehen, "Besitzen Sie einen Schlüssel zu der Wohnung?"
Der alte Mann nickte verwirrt. "Ja, sicher. Ich hab mir gleich gedacht, daß diese beiden Ganoven etwas vorhatten. Deshalb habe ich ja auch sofort die Polizei gerufen. Nicht mit John Czerny, habe ich gesagt wissen Sie, ich habe im zweiten Weltkrieg gedient."
"Oh, tatsächlich." murmelte Chegwidden. Anhand des Gewehres hätte er eher auf den ersten Weltkrieg getippt.
Webb nahm den Schlüssel entgegen. "Dank Ihrer Mithilfe sind die beiden Ganoven jetzt genau dort, wo sie hingehören hinter Schloß und Riegel." Er grinste spöttisch zu Chegwidden hinüber.
Eine Minute später schloß Webb die Türe des gegenüberliegenden Apartments auf. Der alte Mann wollte ihnen folgen, aber Webb wehrte ab. "Es ist besser für Sie, Sie sehen nichts von den Dingen da drin. Geheime CIA-Operation, Sie verstehen?" Er nickte Czerny ernsthaft zu und dieser verschwand mit großen Augen in seiner Wohnung.
Chegwidden sagte sich, daß sich Brumby in den nächsten Tagen wahrscheinlich ziemlich über das seltsame Verhalten seiner Nachbarn wundern würde.
Webb ging ins Schlafzimmer hinüber und nahm eine der Spraydosen aus dem Rucksack. "Picasso oder Van Gogh?" fragte er spöttisch.
"Ich bin schon mit einem Strichmännchen zufrieden, Hauptsache wir sind hier in fünf Minuten wieder draußen!" knurrte Chegwidden.
1033 Z-Zeit (05:33 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Mac?" fragte Harm in die Dunkelheit. Sie lagen beide auf ihren Pritschen, ohne jedoch schlafen zu können.
"Hm?"
Es klang, als wäre sie nicht mehr wütend auf ihn, also beschloß er, sie auf das Thema anzusprechen, das ihm schon den ganzen Tag im Kopf herumging. "Mac, haben Sie schonmal wirklich übers Heiraten nachgedacht? Wirklich nachgedacht, meine ich?"
Mac sah ihn überrascht an. "Sehr witzig, Harm. Soll das ein Scherz sein? Das ist ja wohl offensichtlich oder? Man verlobt sich nicht, ohne übers Heiraten nachzudenken!" entgegnete sie.
Harm brauchte ihr Gesicht nicht zu sehen, er konnte sich den Ausdruck darauf ganz genau vorstellen. Niemand beherrschte diesen leicht überlegenen, sanft tadelnden und zugleich neckischen Blick so gut wie Mac.
"Tja, ich bin ein witziger Mann," grinste Harm, wurde dann aber wieder ernst, "nein, Mac, ich meine, haben Sie jemals über die Ehe nachgedacht? Ich meine, Bud hat mir mal erzählt, was Sie ihm kurz vor seiner Hochzeit gesagt haben ..."
"So? Was hab ich denn gesagt?" erkundigte sich Mac, noch immer verwundert, auf was Harm hinauswollte. Warum fing er ausgerechnet jetzt und hier mit diesem Thema an?
"Na ja, daß verheiratet zu sein nicht bedeutet, seine Träume aufgeben zu müssen, sondern sie mit jemandem zu teilen," erklärte Harm, "Das hat mich etwas überascht. Ich meine, nach all Ihren Erfahrungen haben Sie noch immer eine so ... ideale Vorstellung von der Ehe?"
Mac zuckte mit den Schultern. "Reine Sentimentalität, nehme ich an. Außerdem könnte ich wohl ohne ein paar Illusionen gerade wegen meiner früheren Erfahrungen niemals erneut eine Ehe eingehen." antwortete sie und versuchte, es so klingen zu lassen, als nehme sie ihre Antwort selbst nicht ganz ernst.
Harm tat es jedoch. Nachdenklich starrte er in die Dunkelheit.
1045 Z-Zeit (05:45 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Mac, kann ich Sie mal was fragen?" erklang Harms Stimme nach ein paar Minuten.
Mac hatte schon geahnt, daß das Thema für Harm noch nicht beendet war und brummte zustimmend.
"Was ist schiefgegangen in Ihrer Ehe?" fragte Harm fast zaghaft.
Mac suchte in der Dunkelheit nach seinem Gesicht. Es war so ernst wie ihr eigenes. Sie seufzte und zuckte die Schultern. "Chris hat einen Überfall begangen und ich habe ihn verlassen." erwiderte sie knapp, als sei es eine ganz einfache Sache gewesen.
Harm konnte sich denken, daß nichts daran einfach gewesen war, nicht für Mac. "Haben Sie ... ihn geliebt?" fragte Harm zögernd. Sie hatten sich noch nie über Chris und diese Ehe unterhalten, selbst nicht nachdem Harm sie vor Gericht wegen des Mordes an ihrem Mann verteidigt hatte.
"Hätte ich ihn dann verlassen?" gab Mac die Frage zurück, "Auf eine Art habe ich ihn geliebt, ja. Chris war gutaussehend und witzig. Er konnte sehr charmant sein. Er war unternehmungslustig und spontan. Mit ihm machte alles Spaß," Mac zuckte erneut die Schultern, "ich war eben jung damals und ich hatte eine Menge nachzuholen."
Harm wußte, daß sie damit auf ihre traurige Kindheit, den alkoholabhängigen Vater, die Mutter, die sie verlassen hatte, und ihren eigenen Alkoholismus anspielte.
"Und wann hat es aufgehört, spaßig zu sein?" erkundigte sich Harm. Seine Stimme war behutsam.
"An dem Tag, als ich ihn einmal nicht mit einer rosaroten Brille oder über den Hals einer Wodka-Flasche hinweg ansah. Ich habe mein Leben vor mir gesehen, so wie es sein würde, wenn ich mit Chris zusammenblieb. Chris hatte keinen Ehrgeiz, nichts, für das er arbeitete, auf das er zustrebte. Nichts, mit dem er sich verbunden fühlte. Nichts, was er aus sich machen wollte. Und ich las in seinen Augen, wenn er mich ansah, daß er dort nichts sah, was aus mir hätte werden können. Er sah nichts von dem Potential, das in mir steckte. Ich meine, Sie hätten ihn mal sehen sollen, als er mich nach 12 Jahren wiedertraf. Obwohl er mich die ganze Zeit über im Auge behalten hatte, war er noch immer erstaunt darüber, was ich geworden war. An dem Tag, an dem Chris verhaftet wurde, wurde mir klar, daß sein Weg nicht der meine ist."
Harm hatte geduldig zugehört und jetzt nickte er. "Ich verstehe, was Sie meinen," murmelte er ernst und dann mit einem Grinsen: "Sie machen sich nicht besonders gut hinter Gittern."
1101 Z-Zeit (06:01 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Und Dalton Lowne? Hätten Sie ihn geheiratet?" fragte Harm nach einigen Minuten der Stille.
Mac sah ihn an und runzelte die Stirn. Hatte Harm vor, sie über sämtliche ihrer Beziehungen auszufragen? Normalerweise sprachen sie nicht über solche Dinge, aber andererseits langweilte Mac sich in der Zelle zu Tode. Harm ging es vermutlich nicht anders. "Ich weiß nicht," erwiderte sie ehrlich, "Jedenfalls nicht, nachdem er meine Unterlagen kopiert hatte. Er hat mein Vertrauen mißbraucht und ich habe die Konsequenzen gezogen. Eine Beziehung oder eine Ehe funktioniert nicht ohne Vertrauen."
Wieder nickte Harm. Er wußte, wie wichtig Vertrauen gerade für Mac war. Sie tat sich schwer damit, jemandem zu vertrauen und obwohl sie ein freundlicher, aufgeschlossener Mensch war, ließ sie nur wenige Leute wirklich nahe an sich heran. Harm konnte sich noch gut daran erinnern, daß er selbst unter Einsatz seines ganzen Flyboy-Charmes einen vollen Tag gebraucht hatte, bevor sie auch nur gelächelt hatte.
"Sieht so aus, als müßten wir Ihre Liste mit den drei wichtigsten Dingen im Leben etwas erweitern, hm?" meinte Harm lächelnd, "Einen guten Job, einen Haufen bequemer Schuhe und einen Mann, der Ihnen vertraut, dem Sie vertrauen und der Ihre Fähigkeiten und Ihr Potential erkennt."
"Das wäre immerhin schonmal ein Anfang, ja." stimmte Mac lächelnd zu.
1112 Z-Zeit (06:12 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Und was ist mit Bug ... Verzeihung, Brumby?" erkundigte Harm sich zögernd.
Natürlich, diese Frage mußte ja kommen! Langsam begann Mac zu verstehen, wie sich ein Verdächtiger fühlen mußte, der von Harm befragt wurde. "Mic erfüllt jedenfalls alle Punkte der eben genannten Liste bis auf die bequemen Schuhe, vielleicht. Aber was soll diese ganze Fragerei überhaupt, Harm?" forderte Mac zu wissen, "Das hat nicht zufällig mit der Hochzeit zu tun, oder? Hey, Harm, Sie tragen sich doch nicht etwa selbst mit dem Gedanken zu heiraten? Falls doch, wüßte ich eine geübte Trauzeugin fragen Sie Harriet, wie gut ich das gemacht habe." Mac grinste schelmisch.
Mac als TRAUZEUGIN war nicht unbedingt das Bild von seiner Hochzeit, das Harm vor Augen hatte, aber es war sicherlich der denkbar schlechteste Ort und der schlechteste Zeitpunkt, ihr das zu sagen. Er sah auf die Uhr. Noch zwei-einhalb Stunden bis zur Trauung. "Mist."
"Haaaarm! Sie haben meine Frage nicht beantwortet! Was sollte diese Fragerei?" erkundigte Mac sich hartnäckig.
"Ach, nicht so wichtig." wehrte Harm eilig ab.
"Nicht so wichtig? Sie quetschen mich 46 Minuten und 18 Sekunden lang über etwas aus, was nicht so wichtig ist? Harm, ich bin Anwältin, ich habe schon bessere Ausreden gehört!" meinte Mac mißbilligend, "Also?"
"Das ist eine lange Geschichte, Mac." versuchte Harm erneut, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
"Ja, und es ist eine lange Nacht." erwiderte Mac und lächelte.
Okay, sie hatte es ja so gewollt! Harm öffnete den Mund, um zu antworten.
Die Türe zum Gang wurde geöffnet und das erste Tageslicht fiel in die Zelle. Schritte näherten sich und ein Schlüssel rasselte. Harm und Mac sprangen auf.
1131 Z-Zeit (06:31 Uhr EST)
Stadtgefängnis des Columbia-Distrikts
Washington D.C.
"Ah, da sind ja unsere beiden Einbrecher!" meinte der Gefängnisaufseher grinsend.
Neben ihm standen die beiden Streifenpolizisten, die sie verhaftet hatten und jetzt, wo ihre Schicht fast beendet war, besser gelaunt schienen.
Hinter ihnen tauchte Admiral A.J. Chegwidden auf. Seine Laune schien nicht die allerbeste zu sein. Er trug noch immer dieselbe Kleidung wie gestern auf der Party und es war unschwer zu sehen, daß er seither nicht zum Schlafen gekommen war.
"Guten Morgen, Admiral." grüßte Harm vorsichtig.
"Können Sie mir sagen, was an diesem Morgen so gut sein soll?" grollte Chegwidden erwartungsgemäß. Dann sah er zu Mac hinüber, "Jetzt muß ich mich wohl dafür revanchieren, daß Sie mich nach Mister Roberts Junggesellenabend aus dem Gefängnis geholt haben, was? Sieht ja so aus, als könne ich Sie nicht einfach hier schmoren lassen nicht heute, jedenfalls." Er machte ein Gesicht als hätte er ansonsten kein Problem damit gehabt, sie zur Strafe den Rest des Tages im Gefängnis verbringen zu lassen.
Der dicke Polizist schloß die Zellentüre auf. Harm und Mac traten erleichtert auf den Gang hinaus.
"Nächstes Mal, wenn Sie eine Überraschung planen, vergessen Sie nicht, die Nachbarn einzuweihen!" rief ihnen der größere der beiden Streifenpolizisten nach, als sie davongingen.
Chegwidden drehte sich nochmal um. "Es wird kein nächstes Mal geben!" brüllte er zurück und zu Harm und Mac gewandt knurrte er: "Jedenfalls hoffe ich das oder die nächsten, die überrascht werden, sind Sie beide. Ich denke jedenfalls, daß es Sie überraschen wird, wie lange man braucht, um den Parkplatz vor dem JAG-Hauptquartier mit einer Zahnbürste zu schrubben!"
Langjährige Erfahrung mit ihrem C.O. hatte Harm und Mac gelehrt, daß es Momente gab, in denen es sogar für einen wortgewandten Anwalt besser sein konnte, den Mund zu halten und zu schweigen. Jetzt war definitiv einer dieser Momente.
Zu dritt verließen sie das Gebäude.
1202 Z-Zeit (07:02 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
A.J. Chegwidden hielt seinen blauen Ford Expedition vor Harms Haus an.
"Okay, Flyboy, wir sehen uns in einer Stunde und 58 Minuten. Und wehe, Sie kommen auch nur eine Sekunde zu spät!" drohte Mac scherzhaft.
Harm legte die Hand aufs Herz und sah sie treuherzig an. "Würde ich das meinem Kumpel Brumby antun?"
"Steigen Sie besser aus, bevor ICH IHNEN etwas antue!" knurrte Chegwidden vom Fahrersitz.
"Aye, Sir. Entschuldigung." Harm machte, daß er aus dem Wagen kam.
1226 Z-Zeit (07:26 Uhr EST)
Vor dem Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mac löste den Sicherheitsgurt. Sie mußte sich beeilen. Sie hatte nur noch eine Stunde und 34 Minuten Zeit, um zu duschen, das herrliche Kleid, das sie zusammen mit Harriet ausgesucht hatte, anzuziehen, sich um ihre Frisur und das Make-up zu kümmern und zur Kirche zu fahren. Sie öffnete die Türe und nickte ihrem Vorgesetzten zu. "Sir, wir sehen uns in der Kirche. Und, Sir ..."
"... ja, ich weiß, ich werde pünktlich sein." Chegwidden schmunzelte fast ein wenig.
Mac lachte. "Nein, das meinte ich nicht. Ich wollte nur danke sagen."
Chegwidden setzte ein grimmiges Gesicht auf, aber wer ihn kannte, wußte, daß es nicht halb so böse gemeint war, wie es aussah. "Warten Sie bis morgen, bevor Sie Danke sagen, Colonel."
Mac nickte und schlug die Autotüre zu.
1400 Z-Zeit (09:00 Uhr EST)
Kirche der Engel
Georgetown, Washington D.C.
Harm war sogar 10 Minuten zu früh bei der Kirche angekommen, aber es war ihm nicht gelungen, nochmal ein Wort mit Mac zu wechseln. Nun stand er in seiner weißen Gala-Uniform hinter Mic Brumby am Altar und lauschte nur mit halbem Ohr auf das, was der Priester zu sagen hatte. Er hatte nur Augen für Mac, die nur drei Meter entfernt stand, ihrerseits aber völlig auf die Zeremonie konzentriert war. Sie sah einfach unglaublich aus in diesem Kleid, die hellen Spitzen betonten ihre braunen, leuchtenden Augen.
Harm stellte fest, daß er mühelos all ihr Potential und alle Fähigkeiten, alles was sie war und was sie sein konnte, in ihren Augen entdecken konnte. Fast hätte er den Moment verpaßt, in dem er Mic die Ringe reichen mußte.
A.J. Chegwidden saß in seiner weißen Uniform und der Brust voller Orden in der zweiten Reihe. Er gehörte zwar nicht zur Familie, aber er war Vorgesetzter und ein Freund und weder Braut noch Bräutigam hatten viele Angehörige. Er warf einen Blick auf Bud Roberts, der neben ihm saß, ziemlich aufgeregt schien und ausgerechnet diesen Moment wählte, seiner Frau von einem Mann zu erzählen, der ... "Moment mal!" Chegwidden spitzte die Ohren.
" ... wohnt auf derselben Etage wie Commander Brumby. Er kam heute morgen aus dem Urlaub zurück und stell dir vor, in seinem Schlafzimmer war ein riesiges, wunderschönes Graffiti, ein Känguru und ein Weißkopfseeadler vor einer Mond- und Fluß-Landschaft!" erzählte Bud begeistert.
Chegwidden stöhnte dumpf auf und hinter ihnen zischte jemand "Pssst!"
A.J. drehte sich um und suchte mit flammendem Blick nach Webb, der irgendwo weiter hinten saß, aber er konnte ihn nicht entdecken also konzentrierte er sich wieder auf die Predigt des Pfarrers, der gerade sagte: "Michael Zacharias Brumby nehmen Sie ..."
Chegwiddens Konzentration wurde schon wieder unterbrochen, als Bud bei der Erwähnung von Brumbys zweitem Vornamen erst zu lachen und dann zu husten begann.
"Ja, das tue ich." sagte Mic Brumby fest, den Blick lächelnd auf seine beinahe Ehe-Frau gerichtet.
Harriet tätschelte Bud abwesend den Rücken und wischte sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel.
Harm sah noch immer zu Mac hinüber, prüfend und fast ein wenig ängstlich wartete er auf ihre Reaktion.
Der Priester wandte sich nun der Braut zu. "Und Sie, Renee Cindy Peterson, nehmen Sie den hier anwesenden Michael Zacharias Brumby zum Manne, schwören Sie ihn zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis daß der Tod euch scheide, dann antworten Sie mit ja."
"Ja, das tue ich." sagte Renee und strahlte Mic an.
Der Priester lächelte väterlich. "Dann erkläre ich Sie hiermit zu Mann und Frau. Sie dürfen Sie die Braut jetzt küssen." Er nickte Mic zu, der sich das natürlich nicht zweimal sagen ließ.
Die Hochzeitsgäste applaudierten. Harm und Mac lächelten sich über die Köpfe der Brautleute hinweg zu. Harm atmete erleichtert auf. Scheinbar hatte Mac die Trennung von Mic gut verkraftet und es verletzte sie nicht, ihn mit einer anderen Frau vor dem Altar zu sehen.
1502 Z-Zeit (10:02 Uhr EST)
Vor der Kirche der Engel
Georgetown, Washington D.C.
Harm und Mac hatten eben den beiden Frischvermählten gratuliert und unterhielten sich ruhig miteinander, als sie Chegwidden und Webb näherkommen sahen. Der Admiral warf Webb den einen oder anderen mörderischen Blick zu.
"Was hat Webb jetzt schon wieder angestellt?" raunte Mac Harm zu, "Er sollte doch langsam wissen, daß es besser ist, einen Ex-SEAL und amtierenden JAG nicht zu verärgern!"
"Ooch, ich habe nichts dagegen, wenn er auf Webb zornig ist vielleicht vergißt der Admiral dann, daß er uns eigentlich noch eine Standpauke halten wollte." grinste Harm.
"Können Sie mir mal sagen, wieso Sie für die Central INTELLIGENCE Agency arbeiten?" knurrte der Admiral Webb an, "Es zeugt nicht gerade von Intelligenz, nach all dem Aufwand in die Wohnung des falschen Mannes einzudringen!"
"Ja, natürlich, jetzt schieben Sie die Schuld wieder auf mich. Typisch Anwalt! Sie waren doch mal ein Seal. Wenn Sie so gut vorbereitet gewesen wären, wie man es von den Seals sagt, dann wären Sie mir nicht in das falsche Apartment nachgelaufen!" gab Webb bissig zurück.
Harm und Mac sahen sich fragend an und verstanden nicht ganz, von was ihr kommandierender Offizier und der CIA-Agent da sprachen.
"Eines kann ich Ihnen sagen," knurrte Chegwidden, als er sie erreicht hatte, ohne jede Begrüßung, "Wenn Sie beide heiraten, gibt es keine Überraschungen, Sie bekommen ein Kochtopf-Set!"
- ENDE -
FEEDBACK bitte, an: