Inhalt: Harm führt ein aufschlußreiches Gespräch auf einer Hochzeit.
Episoden: "Boomerang". "Gypsy Eyes". Spielt am Ende der 5. Staffel.
Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren
gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS
und Paramount.
Harmon Rabb bahnte sich etwas mühsam einen Weg durch den Saal voller lachender Menschen. Als er das andere Ende des Raumes erreicht hatte, wo gerade eine Kapelle zu spielen begann, blieb er stehen und sah sich suchend um. Die meisten der anwesenden Gäste trugen Uniform, so wie er selbst, obwohl es alles andere als ein militärischer Anlaß war, oder aber elegante Abendkleidung. An einigen Tischen wurde Champagner ausgeschenkt und zwei kleine Mädchen in weißen Kleidern schlitterten lachend über den Parkettboden, bevor sie von ihren Eltern eingefangen wurden.
Harm reckte suchend den Kopf. Überall entdeckte er vertraute Gesichter, zum Teil von Personen, die er länger nicht mehr gesehen hatte und so schaffte er es erst jetzt, endlich ein paar Worte mit seinem alten Freund zu wechseln.
"Puh, Keeter, alter Junge, zu Dir ist ja schwer durchzukommen! Wenn ich gewußt hätte, daß verheiratete Männer so beliebt sind, hätte ich es selbst vielleicht doch mal gewagt!" scherzte Harm, als er Jack Keeter endlich erreichte. Innerlich jedoch war er nicht ganz so unbeschwert, wie er sich gab. Wer hätte gedacht, daß Keeter, ausgerechnet Keeter, so schnell heiraten würde und er selbst noch immer solo war? Schließlich war es Keeter gewesen, der immer beteuert hatte, niemals auch nur ans Heiraten zu denken, während Harm keinen Zweifel daran gelassen hatte, daß er irgendwann heiraten und eine Familie gründen wollte. Tja, aber vor sechs Monaten hatte Keeter dann seine jetztige Braut näher kennengelernt, eine Computer- und Waffensystem-Spezialistin, die an demselben Projekt arbeitete, für das er als Testpilot flog, und seitdem hatte sich Keeters Meinung über die Ehe gründlich geändert. Harm erinnerte sich daran, daß er die beiden einander selbst vor einigen Jahren vorgestellt hatte. Er riß sich zusammen und umarmte den grinsenden Keeter, seinen ehemaligen Zimmergenossen von der Akademie.
"Noch ist es nicht zu spät, Harm," meinte der Navy-Pilot, der heute geheiratet hatte, amüsiert, "ich kann dir ja jetzt Maria Elena ..."
" ... Carmelita Moreno Guttierez überlassen?" beendete Harm lachend den Satz, "Nein Danke, Jack." Er beugte sich zu Keeters frischgebackener Ehefrau hinüber, "Sehen Sie ... äh ... siehst du," er mußte sich erstmal daran gewöhnen, daß er sie nun duzte, auch wenn er heute ihr Trauzeuge gewesen war, "wie ich es dir gesagt habe: Wenn man mal mit einem Piloten geht..." Er lächelte sanft und fügte herzlich hinzu: "Alles Gute, Meg."
Die blonde Navy-Offizierin umarmte ihn warm und küßte ihn leicht auf die Wange. "Danke, Harm. Ich schätze, ich habe einfach zu lange mit Ihnen ... Dir zusammengearbeitet, am Schluß hab ich wohl selbst geglaubt, was du immer über weiße Galauniformen und goldene Fliegerabzeichen gesagt hast." Sie trat zurück in Keeters Arme und fuhr die Konturen der Aviator Wings auf seiner Uniform mit dem Finger nach.
Harm lachte. "Hey, hey, nur nicht lästern! Wie man sieht, funktioniert es ja immer noch, oder?" Alle drei lachten.
Colonel Oliver North, ein alter Freund von Megs Vater, trat zu dem Brautpaar und Harm verabschiedete sich, um sich an der Bar etwas zu trinken zu besorgen. Mit einem Glas Rotwein zog er sich in eine stillere Ecke zurück, froh, dem ganzen Trubel mal für eine Sekunde entkommen zu können. Bud Roberts stand ganz in der Nähe, mit zwei Gläsern in der Hand, und schien auf Harriet zu warten, aber glücklicherweise kam er nicht zu Harm herüber.
Ein Lachen vom anderen Ende des Saales ließ Harm aufsehen. Dieses Lachen hätte er unter allen anderen sofort erkannt. So lachte nur Mac - Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie, seine Partnerin. Er hatte den ganzen Tag noch nicht mit ihr gesprochen, seine Pflichten als Trauzeuge hatten ihn zu sehr beschäftigt und wenn er ehrlich war, so hatte er es bewußt vermieden, mit ihr allein zu sein. Nicht, daß er ihre Gesellschaft nicht genossen hätte, aber er wußte einfach nicht so recht, wie er ihr begegnen sollte.
Vor zwei Wochen hatte sie Mic Brumby ihren Ring zurückgesandt und seitdem war ihm etwas unbehaglich zumute. Mac verhielt sich eigentlich wie immer ihm gegenüber; professionell und mit einem gelegentlichen freundschaftlichen Necken. Harm war natürlich froh, daß ihre ständigen Streitereien und die gespannte Atmosphäre zwischen ihnen bereinigt zu sein schienen, aber obwohl er Mac immer so gut gekannt hatte, wußte er plötzlich nicht mehr, was sie dachte. Noch vor 3 Monaten hatte sie ihm auf jener Fähre in Australien zu verstehen gegeben, daß sie mehr als nur einen Freund in ihm sah und war sichtlich verletzt gewesen, als er signalisiert hatte, daß er noch nicht zu einer Beziehung mit ihr bereit war. Daraufhin hatte sie Brumbys Ring akzeptiert. Was bedeutete es nun, daß sie ihn zurückgesandt hatte? Harm war - obwohl ihm manche ein reichlich aufgeblasenes Flieger-Ego nachsagten - nicht so vermessen anzunehmen, sie hätte die Beziehung zu Brumby seinetwegen abgebrochen. Er hatte sie selbst sagen gehört, daß sie noch rechtzeitig eingesehen habe, daß sie Mic zwar sehr gerne mochte, aber nicht liebte und daß es falsch und unfair ihm gegenüber war, ihn nur zu heiraten, weil er ihr Stabilität und eine Familie bieten konnte. Harm wußte, daß sie das ernst meinte. Trotzdem war er einfach unsicher ... gab sie ihm irgendeine Schuld daran, daß es zwischen ihr und Brumby nicht geklappt hatte? Oder erwartete sie jetzt, wo Bugme praktisch "aus dem Weg" war, einen Zug von seiner Seite? Harm schüttelte zu beidem den Kopf. Vermutlich nicht. Sie hatte sich in den letzten Tagen so verhalten, als habe sie sich mit seiner Bindungsscheu abgefunden und sei mit einer rein freundschaftlichen Beziehung zu ihm völlig zufrieden.
"Selbst schuld, Rabb, selbst schuld!" sagte er zu sich selbst. Er sah erneut zu Mac hinüber, die mit Francesca Paretti, der Tochter des Admirals, und Lieutenant Elizabeth "Skates" Hawkes, Harms ehemaliger Jägerleitoffizierin, beisammenstand und über irgendetwas lachte, was Senatorin Bobbi Latham gerade gesagt hatte. Mac trug ein ärmelloses bordeauxrotes Kleid, das ihre gute Figur betonte. Das Kleid war eigentlich relativ schlicht, ebenso wie die Kette, die sie dazu trug, doch Harm war der Meinung, daß sie besser aussah als Francesca, die Mode-Journalistin, in ihrem Designerkleid. "Teufel, Sie ist wirklich ..."
"... wunderschön, ja, das ist sie." sagte der schlanke Mann in dem eleganten dunklen Anzug, der unvermutet neben Harm auftauchte.
"Webb, was machen Sie denn hier?" fragte Harm überrascht, weniger über Webbs plötzliches Auftauchen - bei einem CIA-Spion mußte man schließlich mit allem rechnen - als vielmehr über den unvermuteten Kommentar über Mac. Er hatte doch nicht laut gedacht, oder?
"Keine Angst, Harm, Gedankenlesen können selbst die Mitarbeiter des Außenministeriums noch nicht. Ich habe lediglich dasselbe bemerkt." erklärte Webb mit einem leicht arroganten Lächeln.
Harm verzichtete diesmal auf eine Bemerkung über Webbs Brötchengeber - jeder wußte, daß er für die CIA arbeitete, auch wenn er das nur selten zugab.
Webb sah wieder zu den vier lachenden Frauen hinüber und kommentierte ruhig: "Sie ist hübsch, sie ist ... nun ja, exotisch, sie ist..."
Hinter ihnen räusperte sich jemand. "Um was geht es, meine Herren?" fragte Admiral A.J. Chegwidden, der sich mit einem Sektglas genähert hatte.
Harm blieb stumm, denn er wollte das Aussehen seiner Partnerin nicht unbedingt mit seinem Commanding Officer diskutieren. Immerhin dienten Mac und er beide unter Chegwiddens Kommando und die Militärvorschriften verboten eine Beziehung zwischen ihnen. Er wollte den Admiral nicht zu falschen Schlußfolgerungen veranlassen.
Webb hatte keine solchen Bedenken. "Oh, wir haben nur eben festgestellt, wie gut sie heute abend aussieht." erklärte er und deutete auf das andere Ende des Saales.
"Er hat ja auch nichts zu befürchten," dachte Harm, "Das Schlimmste, was ihm vom Admiral drohen kann, hat er schon hinter sich gebracht - eine gebrochene Nase."
"Ja, ist mir auch schon aufgefallen." brummte Chegwidden zwischen zwei Schluck Sekt.
Harm starrte ihn an. "Sir?"
"Was denn, Rabb, glauben Sie, nur weil ich zwei Sterne und 'ne Glatze habe, laufe ich blind durch die Gegend?" fragte Chegwidden unbeeindruckt und in seiner Stimme war ein leichtes Grollen.
"Nein, Sir, natürlich nicht!" antwortete Harm automatisch. Er hatte schon vor einiger Zeit die Anziehung bemerkt, die zwischen Mac und ihrem Vorgesetzten herrschte, aber er war sicher gewesen, daß sie beide zu pflichtbewußt waren, um dem nachzugeben. Nun ja, aber andererseits galten dieselben Vorschriften auch für ihn und trotzdem war Mac mehr für ihn als nur eine Kollegin.
"Na also, Commander," meinte der Admiral sachlich, "es ist schließlich eine objektive Tatsache, an der es nichts zu rütteln gibt. Und sie ist nicht nur schön, sie hat auch Humor, Ehrgeiz und Mut. Und was für Mut! Sie läßt sich durch nichts so schnell einschüchtern und kann sich überall durchsetzen, kommt wohl durch die Umstände, unter denen sie aufgewachsen ist."
"Oh, ja! Das mit dem Mut kann ich bestätigen!" dachte Harm, "Wer außer Mac würde sonst einfach mit mir ins Flugzeug nach Rußland steigen, ohne zu wissen, was sie dort erwarten würde!" Mac war stolz darauf, ein Marine zu sein und er, Harm, war fast ebenso stolz auf sie, gerade wenn man ihre traurige Familiengeschichte bedachte. Harm dachte das alles nur, denn ansonsten war er praktisch sprachlos. Selten hatte er den Admiral jemanden so loben hören; er schwärmte ja geradezu von Mac! Er fragte sich plötzlich, wieviel Gläser Sekt Chegwidden bereits getrunken hatte.
Webb schien über Chegwiddens Lobrede jedoch keineswegs erstaunt zu sein; er fand Chegwiddens übermäßigen Stolz auf Mac anscheinend ganz normal. Harm war langsam sicher, daß etwas mit dem Sekt nicht stimmen konnte.
"Humor und Mut, schön und gut, aber ihre Haare und ihre Figur ..." meinte Webb mit einem James-Bond-Lächeln, schielte aber aus den Augenwinkeln, ob Chegwidden es ihm gestatten würde, so über sie zu sprechen. Er hatte keine Lust, sich schon wieder die Nase richten zu lassen.
Aber der ehemalige SEAL brummte nur zustimmend. Harm sagte schon seit einer ganzen Weile gar nichts mehr, er konnte es nicht glauben, daß die beiden hier öffentlich Macs Figur diskutierten.
"Ich mag ihre dunklen Augen!" warf Gunnery Sergeant Victor Galindez ein, sah ebenfalls zu den Frauen hinüber und trat grinsend näher.
Harm stöhnte innerlich auf. "Gibt es eigentlich im ganzen Saal auch nur einen einzigen Mann, der heute abend nicht von Mac schwärmt? Nicht, daß ich ihnen das vorwerfen würde..." sagte er sich.
"Tut mir leid, Sir, ich konnte nicht umhin, das Gespräch mitanzuhören." sagte der Gunny zu Chegwidden, doch man sah, daß es ihm nicht im Geringsten leid tat - Galindez hatte keinerlei Scheu vor dem Admiral.
Und der Blick, den der Gunny hinüber zu Mac warf, gefiel Harm auch nicht besonders. "Sie sind beide Marines, das verbindet," erinnerte sich Harm mit einem Anflug von Eifersucht, "außerdem war es Mac, die den Admiral davon überzeugt hat, Galindez für JAG zu engagieren."
"Harm, Sie sind so still, so kennt man Sie ja gar nicht!" feixte Webb etwas spöttisch, schien Harms Unbehagen zu genießen, "Sagen Sie nicht, Sie haben keine Meinung dazu!"
Harm nahm hastig einen Schluck Rotwein. "Na ja, wissen Sie, Webb, so einfach ist das nicht..."
"Kommen Sie, Commander, ich weiß genau, daß Sie sie mögen!" Webb sah ihn herausfordernd an.
"Und ich weiß genau, daß sie Sie mag." warf A.J. ein.
Harm hatte plötzlich das Bedürfnis, den taktischen Rückzug anzutreten. "Ja, mag," brummte er so leise, daß nur er selbst es hörte, "aber alles darüber hinaus hab ich mir gründlich versaut."
"Natürlich, Sie ist ja sogar mit Ihnen geflogen!" stimmte Galindez dem Admiral zu.
"Eben!" grollte Chegwidden. "Mit Ihnen in einer Tomcat, bei 10 g - wenn das keine Zuneigung ist!"
Webb hob fragend die Augenbrauen und Harm meinte: "Sie hatte damals kaum eine andere Wahl."
Webb hatte inzwischen sein Glas geleert und nickte seinen Gesprächspartnern zu. "Dann will ich mal gehen und der Dame, von der wir gerade sprechen, ein Glas Sekt holen."
Harm nickte etwas benommen und erst als Webb bereits gegangen war, fiel ihm auf, daß der CIA-Agent eben davon gesprochen hatte, Mac ein Glas Sekt zu holen. Mac verheimlichte zwar nicht gerade, daß sie früher Alkoholikerin gewesen war, aber ihr lag natürlich auch nichts daran, es an die große Glocke zu hängen. Harm war damals sehr überrascht gewesen, als die selbstbewußte Marine-Offizierin ihm damals ganz unbefangen gesagt hatte, daß sie alkoholabhängig gewesen war - und im nachhinein war er stolz, daß sie ihm genügend Vertrauen entgegenbrachte, um ihm davon zu erzählen. "Aber sie trinkt doch keinen Alkohol!" protestierte Harm viel zu spät.
"Ach, das wüßte ich aber!" knurrte Chegwidden und zeigte das für ihn so typische Halblächeln, "Sie liebt es, nach dem Essen einen doppelten Cognac zu trinken!"
"Sir?" Harm fragte sich langsam wirklich, ob hier alles mit rechten Dingen zuging.
Bud tauchte plötzlich neben ihm auf und grinste von einem Ohr zum anderen. "Sir, ich glaube, ich kann Ihnen das erklären."
"Ich bitte darum, Bud." sagte Harm irritiert.
"Sir, Sie sprechen von Colonel MacKenzie, richtig, Sir?" vergewisserte sich Bud.
Harm rollte mit den Augen; Bud schien mal wieder einmal gar nichts zu verstehen. "Natürlich, Bud, von wem sonst?"
Chegwidden lachte und Gunny Galindez sah ihn einen Moment lang verblüfft an, bevor auch er zu lachen begann.
Harm sah nur verständnislos von einem zum anderen. "Bud, ich warte noch immer auf eine Erklärung!" forderte er ungeduldig.
"Oh, Sir, ich bin verheiratet und will nichts Falsches sagen, aber..."
"Bud, raus mit der Sprache!" befahl Harm.
"Ja, Sir. Ist Ihnen schon aufgefallen, daß dort drüben vier gutaussehende Frauen stehen?" Bud grinste breiter als die Katze aus "Alice im Wunderland".
Harm sah erneut zu Mac hinüber, die sich noch immer mit Bobbi Latham, Skates und Francesca unterhielt. Er hatte nur Augen für Mac gehabt. "Admiral, und ich habe immer gedacht, Sie mögen keine Politiker!" sagte Harm und grinste erleichtert.
Chegwidden schob angriffslustig das Kinn vor. "Wenn ich eines als SEAL gelernt habe, dann ist das, daß man nie nie sagen soll, Commander." belehrte er seinen Untergebenen.
"Dann nehme ich an, Sie haben von Skates gesprochen, Gunny." wandte sich Harm an den jüngeren Marine.
"Eine Frau mit einem solchen Spitznamen mußte ich einfach kennenlernen." meinte Galindez mit einem entwaffnenden Lächeln.
"Ich habe nichts dagegen." meinte Harm und schlug Bud auf die Schulter, etwas überrascht, daß dieser der einzige gewesen war, der in diesem ganzen Durcheinander den Überblick behalten hatte. "Bud, wie kommt es, daß Sie plötzlich so scharfsichtig sind?" fragte er ihn neckisch.
"Muß wohl die Ehe sein, Sir." erwiderte Bud und winkte zu Harriet hinüber, die gerade die Damentoilette verließ.
"Commander, Admiral," grüßte Harriet Robert-Sims, "mein Ehemann hat Ihnen doch keinen Ärger gemacht?" fragte sie mit einem süßen Schmunzeln, sah Bud dabei aber liebevoll an.
"Im Gegenteil, Harriet, im Gegenteil, Bud hat mir mal wieder den vollen Durchblick verschafft!" versicherte Harm mit einem seiner Flieger-Lächeln. "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden ... ich glaube, diesen Moment der Klarheit muß man ausnutzen." murmelte er dann mehr zu sich.
Admiral A.J. Chegwidden nickte nur beiläufig und schien mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Seine Stirn runzelte sich verärgert. "Mister Roberts, da Sie einen strategischen Überblick über die Lage der Dinge zu haben scheinen, könnten Sie mir bitte erklären, von wem Webb die ganze Zeit gesprochen hat?"
Bud wurde rot. "Äh, Sir..."
"Oh, da bist du ja, Papa," Francescas Stimme enthob den armen Bud einer Antwort. Sie hängte sich mit dem linken Arm bei ihrem Vater ein und flötete zuckersüß: "Ich glaube, du kennst Clayton bereits."
Jetzt war es Chegwidden, der rot anlief, als er sah, daß seine einzige Tochter die Hand auf Webbs Arm gelegt hatte. Seine Wangenmuskeln traten hervor, als er die Zähne zusammenbiß, und seine Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.
"Wenn du ihm nochmal die Nase brichst, bin ich sehr, sehr böse, Papa." warnte ihn Francesca.
Chegwiddens Finger öffneten sich fast widerwillig.
"Hey, ich dachte, Sie wüßten das, A.J. ..." begann Webb beinahe zaghaft.
"Nennen Sie mich nicht A.J. und nein, ich wußte nicht, daß Sie James-Bond-Imitat sich an meine Tochter heranmachen!" knurrte Chegwidden zornig.
"Aber vor ein paar Minuten hatten Sie doch noch nichts dagegen, daß ich Francesca ... Ah, verstehe, Sie haben gar nicht von Francesca geredet ..." Webb grinste und fügte hinzu: "... Schwiegerpapa."
Chegwidden stöhnte. "Francesca, nein! Ein Mafioso, schön; der Papst, auch in Ordnung - aber nicht WEBB!"
Clayton Webb lächelte unbeeindruckt. "Sie sollten sich vielleicht schonmal an den Namen gewöhnen." Er drückte sanft Francescas Hand.
Chegwidden leerte den Rest seines Glases in einem Zug.
Harm bahnte sich mit zwei Gläsern Tonic Water mit Zitrone einen Weg durch die Hochzeitsgäste. "Hey, Mac." grüßte er.
Sarah MacKenzie drehte sich zu ihm um und lächelte leicht, als sie ihn sah. "Hi, Harm." Dankbar nahm sie das Glas entgegen und registrierte, daß Harm wie meistens in ihrer Anwesenheit auf Alkohol verzichtete.
Bobbi löste sich von der Gruppe. "Ich glaube, ich gehe mal nach Ihrem Boss sehen, er sieht ziemlich fertig aus." meinte sie mit einem schelmischen Lächeln.
"Wie hat der Admiral es aufgenommen?" wollte Mac wissen.
Harm sah sie groß an. "Sie wußten von Webb und Francesca? Und Sie haben mir kein Wort gesagt?"
Mac zuckte die Schultern und schien etwas verlegen. "Na ja, die beiden sehen sich erst seit ein paar Wochen und ich habe selbst auch erst vor einigen Tagen davon erfahren. Und wir sprechen nicht mehr soviel miteinander wie früher, Harm." stellte sie etwas traurig fest.
"Dann sollten wir das ändern. Ich habe fast eine Herzattacke bekommen, als ich Webb mit Francesca gesehen habe." Harm grinste jedoch.
"Dann wissen Sie ja ungefähr, wie es dem Admiral ging, Sie Fliegerheld," meinte Mac neckisch, "Worum ging es da drüben? Sie haben sich mit Webb, dem Admiral und dem Gunny unterhalten, nicht?"
"Hab ich Ihnen schon gesagt, wie gut Sie heute Abend aussehen?" sagte Harm statt einer Antwort. "Und das nicht nur heute Abend."
"Ha-arm!" mahnte sie lächelnd, "ich habe Sie gefragt, worum es bei Ihrer Unterhaltung ging, also wechseln Sie nicht das Thema, Flyboy!"
"Das tu ich doch gar nicht." behauptete Harm unschuldig.
"Harm, im Ernst; Sie können mir doch nicht weismachen, daß Sie über mein Aussehen gesprochen haben!" Mac sah ihn tadelnd an.
"Ich bin vollkommen ernst," versicherte Harm lächelnd, "ernster war ich noch nie in meinem ganzen Leben, ich hab den ganzen Abend von nichts anderem als von Ihnen gesprochen ... Sarah."
Mac verschluckte sich an ihrem Tonic Water und bekam einen Hustenanfall. "Harm! Das ist nicht komisch!" keuchte sie, als sie wieder halbwegs zu Atem gekommen war. Harms sanfte Hände, die ihr leicht den Rücken klopften, machten alles nur noch schlimmer.
"Ich weiß ja, daß manche Leute einfach nicht für Schnelligkeit gebaut sind, also nochmal langsam, zum Mitschreiben: Ich bin vollkommen ernst!" wiederholte Harm lächelnd und langsamer fügte er hinzu: "Mir kam eben die Erkenntnis, daß es gar nicht so schwer ist, einfach mal ... loszulassen."
Mac sah ihn staunend an. "Diese Erkenntnis haben Sie nicht zufällig einigen geistigen Getränken zu verdanken, oder?" fragte sie mit großen Augen.
Harm lachte. "Diese Erkenntnis verdanke ich einem ganz anderen guten Geist: Bud." gestand er und wartete noch immer auf ihre Reaktion. War es zu spät?
Mac atmete tief durch und erholte sich langsam von ihrer Überraschung. Damit hatte sie nicht mehr gerechnet; nicht hier und heute. "Die Ewigkeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war." kommentierte sie lächelnd.
Harm atmete auf, verstand, was sie ihm damit sagte. "Vielleicht ist Ihre innere Uhr doch mal durcheinandergekommen." meinte er und schenkte ihr sein breitestes Fliegergrinsen.
Mac grinste zurück und hängte sich bei ihm ein, als sie einvernehmlich hinüber zu den anderen gingen. "Passen Sie nur auf, daß ich Sie nicht durcheinanderbringe!" warnte sie in ihrer besten Marine-Stimme.
"Schon geschehen." dachte Harm und erwiderte laut: "Hauptsache Bud behält den Überblick!"
ENDE.