Sequel zu:
"Rentner & Regenbogen", "Hochwasser & Hausgenossen",
"Gäste & Geburtstagswünsche" und "Amor & Anchovis".
Inhalt:
Als über Harms Apartment erneut eine Naturkatastrophe
hereinbricht,
beschließt er, Mac einen ‚Antrag’ zu machen.
Außerdem erklingen in diesem 5. Teil der Granny-Reihe
endlich Hochzeitsglocken!
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich ERBETEN!!!!!!!!
0215 Z-Zeit (21:15 Uhr EST)
Georgetown, Washington D.C.
Harmon Rabb warf einen letzten Blick in den Rückspiegel seines Subaru-Jeeps, bevor er den Wagen wendete und sich wieder auf den Weg zurück nach Hause machte.
<Nach Hause...> Harms sonst so sonniges Flyboy-Lächeln verblasste ein wenig, als er daran dachte, was ihn zuhause erwarten würde - und was nicht.
Eben hatte er Mac nach Hause gefahren. <Da ist das Wort schon wieder: Nach Hause.> Harm rang sich ein Lächeln ab und fragte sich, ob Mac sich nach den 6 Wochen, in denen sie ununterbrochen zusammengewesen waren, während Macs gebrochener Arm heilte, genauso seltsam vorkam wie er. Irgendwie fühlte sich sein Haus einfach nicht richtig wie ein Zuhause an, wenn sie nicht da war.
<Ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich schon über ihre zwanzig Paar Schuhe gestolpert bin, die mitten im Flur lagen. Ich habe Schokolade und Fleisch im Kühlschrank wegen ihr. Und ich habe Nutella gekauft. NUTELLA!> erklärte Harm seinem Spiegelbild und schüttelte den Kopf. <Ich finde Hundekekse auf meiner Couch und die eine Hälfte meines Schreibtischs ist mit Macs Chaos belagert. Sie benutzt meine Lieblingskaffeetasse und schnüffelt durch meine CDs, wobei sie meinen Musikgeschmack veraltet nennt. Aber das Witzigste ist ... ich würde nichts davon ändern wollen. Ich würde mir sogar Sorgen machen, wenn sie mal nicht nachts um zwölf mit einer Pizza und der Hundeleine in der Hand vor der Türe stehen würde.>
Harm grinste und schaltete das Autoradio an. Er zuckte zusammen als plötzlich sein Handy klingelte. Mit einem schnellen Blick über die Schulter lenkte er den Wagen in eine Nebenstraße und hielt an.
<Sollte das etwa Mac sein?> fragte er sich beunruhigt und dachte an ihren gerade erst verheilten Arm. <Wehe, wenn dieser Marine mal wieder nicht die Finger von der Leiter lassen konnte...> Schnell griff er nach dem Handy. "Rabb."
"Ebenfalls," erklang die muntere Stimme seiner Großmutter, Sarah Rabb.
Harm rollte amüsiert mit den Augen. In den letzten Wochen hatten Granny und Will, Macs Großvater, fast täglich angerufen, um sich zu erkundigen, wie es ihm und Mac ging.
"Wie geht es...?" setzte Granny zu ihrer üblichen Einstiegsfrage an.
"Mir und Mac geht es gut und um dir Zeit und Mühe zu ersparen: Ja, unserem Privatzoo geht es ebenfalls gut und nein, Mac und ich haben uns weder verlobt noch sonst irgendetwas in diese Richtung unternommen." kam Harm ihren nächsten Fragen gleich zuvor.
Die 85jährige kicherte. "Nicht dass ich etwas in der Art fragen wollte, aber jetzt wo du das Thema aufbringst..."
"Graaaaany!" Harm trommelte ungeduldig mit der freien Hand auf dem Lenkrad herum, "Sieh’s doch endlich ein. Manche Leute sind eben einfach nicht dafür geschaffen, zusammengebracht zu werden; sie können einfach nicht verkuppelt werden."
Kurze Stille.
"Sooooo? Meinst du?" kam es dann vom anderen Ende der Telefonleitung.
Harm musste schlucken. Diesen Tonfall kannte er. So klang er selbst immer, wenn jemand ein Flugmanöver oder einen Fall als unmöglich bezeichnete und der Ehrgeiz ihn packte, das Gegenteil zu beweisen. <Mist!> Er hatte es tatsächlich geschafft, Granny herauszufordern. Jetzt konnten Mac und er sich vermutlich auf etwas gefasst machen...
"Granny, hör mal, ich sitze gerade im Auto, rufst du aus einem bestimmten Grund an oder willst du deinen armen Enkel nur mal wieder quälen, hm?"
"Ah, kommt jetzt wieder die Mitleidstour?" neckte ihn Granny, "Okay, im Ernst, ich rufe an, um euch an den Hochzeitstermin zu erinnern..."
"Ich weiß, ich weiß. In zwölf Tagen..." Harm warf lächelnd einen Blick auf die Uhr im Armaturenbrett, "...elf Stunden und so-und-soviel Minuten. Glaubst du, mit einem menschlichen Uhrwerk wie Mac in meiner Nähe würde ich die Hochzeit von Hazel und John verpassen?"
"Wie nah ist denn ‚Nähe’ genau?" erkundigte sich Granny mit einem amüsierten Lauern in der Stimme.
Harm kontrollierte den Kilometerzähler. "1100 Meter. Und die Entfernung wäre noch größer, wenn dein Anruf mich nicht von der Straße geholt hätte." entgegnete er triumphierend und konnte nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, ein schadenfrohes "Ätsch!" hinzuzufügen. Er wusste genau, dass Granny eine Angabe im Millimeter-Bereich am liebsten gewesen wäre.
"Soll das heißen, Sarah ist ganz alleine in ihrer halbgestrichenen Wohnung? Harmon Rabb junior!" Granny klang wie damals als sie den vierjährigen Harm dabei ertappt hatte, wie er eine Ausgabe von "Krieg und Frieden" systematisch in Papierflugzeuge zerlegte, "Ich dachte, sie wollte bei dir wohnen bleiben, zumindest bis Gypsie etwas größer ist..."
"Was soll das Biest werden? Noch größer?" wehrte Harm lachend ab, "Granny, dann wäre sie King Kong und würde mir die restlichen Haare auch noch vom Kopf fressen! Mit einem Vorbild wie Mac im Haus würde sich ihr Essverhalten..."
"Keine Lästereien über Sarah!" unterbrach Granny mit jener Autorität, die nur Militärausbilder und Großmütter aufwiesen.
"Oh, ’Tschuldigung," Harm grinste breit, "ich muss wohl für eine Sekunde den Sarah-Verteidigungspakt vergessen haben."
"Ich brauche keinen Pakt, um meine zukünftig angeheiratete Enkelin zu verteidigen, Harmon." belehrte Granny, "Aber wo ich gerade beim Thema zukünftige, angeheiratete Enkelin bin... Will und ich werden Sarah und dich nächste Woche besuchen kommen, um noch ein paar Dinge mit euch zu besprechen."
"So wie du zur Zeit zwischen Belleville, Oklahoma und Washington hin und her fliegst, würde es sich langsam lohnen, wenn du einen Privatpiloten anstellen würdest." meinte Harm mit dem für ihn typischen Rabb-Grinsen auf den Lippen.
Granny lachte eine volle Minute lang, ohne zu antworten. "Hmmm, gute Idee," sagte sie dann, "ich arbeite daran."
0232 Z-Zeit (21:32 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
"Jingo, pssst!" zischte Lieutenant Colonel Sarah "Mac" MacKenzie und versuchte ihren großen, laut bellenden Hund am Halsband hinter sich her aus der Küche zu ziehen, "Das sind keine Drogen, das ist mein Abendessen!" erklärte sie mit einem Blick zum Ofen, wo ihre Tiefkühlpizza gerade aufzutauen begann.
Macs hundefeindlicher Nachbar klopfte laut gegen die Wand und brüllte etwas von "Ruhestörung" und "Anklage". Mac ließ Jingos Halsband trotzdem los. Erstens schmerzte ihr rechter Arm nach dem Ringkampf mit ihrem oregano-schnüffelnden Vierbeiner, zweitens kannte sie den einen oder anderen guten Anwalt und drittens ... klingelte gerade das Telefon.
Mac umrundete einen im Flur aufgetürmten Stapel Küchengeräte und eilte zum Telefon. "MacKenzie." meldete sie sich etwas atemlos.
"Eine gutgemeinte Warnung, Marine. Du hast fünf Tage Zeit, um den Weg zum Unionsbahnhof zu vergessen, deine Haare zu färben, deinen Namen zu ändern und nach Argentinien zu ziehen – kann sein, dass sie dich dann nicht aufspüren kann."
Mac musste lachen. "Dir auch einen schönen Abend, Harm. Falls das kein anonymer Anruf sein soll, könntest du dich das nächste Mal erst mit deinem Namen melden, wie wär’s, Flyboy?"
"Wieso? Offensichtlich weißt du doch ganz genau, wer dran ist, oder?" Mac konnte sein Grinsen geradezu vor sich sehen.
"Hoffnungslos," meinte Mac kopfschüttelnd, "du bist wirklich HOFF-NUNGS-LOS!"
"Hoffnungslos was, Mac?" erkundigte sich Harm spielerisch, "Hoffnungslos talentiert, hoffnungslos charmant..."
Macs Mundwinkel kräuselten sich, aber sie bemühte sich um eine strenge Stimme. "Hoffnungslos hoffnungslos! Also, welchem Umstand verdanke ich den Anruf, kaum dass du zuhause bist?"
"Ich bin noch gar nicht zuhause, Mac. Ich war gerade erst bis um die nächste Ecke gekommen, als mich das Schicksal ereilt hat." erklärte Harm betont dramatisch.
Mac rollte mit den Augen und warf Jingo einen bedeutsamen Blick zu. "Das Schicksal, hm? In Form einer jungen Blondine am Straßenrand, oder was?"
Harms Grinsen wuchs in die Breite. Zwar achtete er immer darauf, dem Image von Gold Wings und Dress Whites nachzukommen, aber wenn er ehrlich war, so hatte er in den letzten Monaten beinahe vergessen, dass es so etwas wie Blondinen überhaupt gab. "In Form einer älteren Silberhaarigen am Rand von Belleville," verbesserte er amüsiert, "daher auch die Warnung: Die zwei biblischen Plagen haben sich für nächste Woche angekündigt!"
Mac wickelte sich spielerisch lächelnd das Telefonkabel um den Finger und packte mit der anderen Hand Jingo, der gerade versuchte, an ihr vorbei unauffällig in die Küche zu schlüpfen. "Dürre und Flut?"
"Amor und Aphrodite," antwortete Harm trocken, "obwohl… das mit der Flut haben mein Apartment und ich ja auch schon hinter uns." Im Hintergrund hörte er plötzlich ein Bellen und Jaulen, das sogar den Straßenlärm um ihn herum übertönte. "Was ist das, Mac?"
Mac zog bedeutsam einen Mundwinkel nach oben. "Das ist Jingo – und wenn er nicht bald ruhig ist, gibt es die dritte Plage. Hungersnot."
Harm lachte. "Also, du musst zugeben, während ihr bei mir gewohnt habt, hat Jingo sich mustergültig verhalten."
"Könnte das unter Umständen damit zusammenhängen, dass es bei dir nichts zu essen gibt, das einen Hund interessieren könnte?" neckte Mac.
"Hey, was ist mit meinen fleischlosen Fleischklößen?" verteidigte sich Harm.
"Ich sagte interessieren, nicht zu Tode erschrecken, Flyboy." Es klopfte erneut gegen die Wand. "Tut mir leid, Harm, ich muss auflegen, sonst ist der nächste, der bei mir anklopft, ein Polizist oder ein Tierfänger."
"Okay, dann will ich mal wieder, bevor Gypsie zuhause die Couch in handliche Zahnstocher zerlegt. Gute Nacht, Ninjagirl."
"Gute Nacht, Harm." antwortete Mac sanft und blickte aus dem Fenster in Richtung Beltway.
Als Harm auflegte, hörte er noch ein scharfes: "Zum tausendsten Mal, Jingo, das ist kein Marihuana!" Lachend startete er den Motor.
0345 Z-Zeit (22:45 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mac streckte sich zufrieden auf dem Bett aus. Dies war genaugenommen der einzige Ort in ihrem im Umbau begriffenen Apartment, der genug Platz zum Ausstrecken bot. Überall um sie herum türmten sich Berge von Geschirr, Büchern und Schuhen.
Nach einem letzten Blick auf ihr "wohlorganisiertes Chaos" schloss Mac die Augen und lehnte sich zurück. Endlich hatte Jingo – und damit auch ihr Nachbar – Ruhe gegeben. Ruhe. Fast ein bisschen viel Ruhe in ihrem einsamen Apartment.
Das Klingeln des Telefons unterbrach plötzlich die Stille. Mac grinste erwartungsvoll und streckte schnell den Arm nach dem Telefonhörer aus. Das konnte eigentlich nur Harm sein! Streng unterdrückte sie ihre übereifrige Reaktion und murmelte vor sich hin: "Gott im Himmel, Sarah MacKenzie, reiß dich zusammen! Sprich mir deutlich nach: Ich bin nicht mehr in der High School! Ich bin nicht mehr in der High School."
Mit angemessenem Ernst sagte sie in den Telefonhörer: "MacKenzie."
"Commander Harmon Rabb junior, US Navy." meldete sich Harm wie zuvor befohlen.
Mac stellte fest, dass er irgendwie merkwürdig klang. Kein Flyboy-Grinsen schwang in seiner Stimme mit. "Nicht dass ich mich über soviel Aufmerksamkeit beschweren möchte, aber hast du Anteile am Umsatz der Telefongesellschaft oder was verdanke ich diesen erneuten Anruf?"
"Ähm, also, Mac..."
Das hörte sich nicht sonderlich erfreulich an. Mac hob abwehrend die freie Hand. "Will ich überhaupt wissen, was los ist?"
"Na ja, das kommt ganz darauf an." antwortete Harm unbestimmt.
"Auf was?" wollte Mac misstrauisch wissen.
"Darauf, wie sehr du deinen Partner magst." Diesmal lag der vertraute Flieger-Charme in Harms Stimme.
"Ich mag dich eigentlich ganz gerne, es sei denn, du rufst an, um mir zu sagen, dass ich zehn Minuten habe, um alles einzupacken, was ich für einen drei Wochen langen U-Boot-Aufenthalt brauche – in diesem Fall kenne ich dich nicht einmal."
Am anderen Ende der Leitung war einen Moment lang nur Schweigen.
Mac begann besorgt an ihrer Lippe zu nagen. "Harm? Harm, wo bist du überhaupt?"
"Vor deiner Türe."
"Was...?" Mit ein paar langen Schritten durchquerte Mac den Flur und riss die Türe auf. Harm stand vor ihr; ein zerzaustes rotes Fellbündel unterm Arm, die Gitarre über der Schulter, Ruß und ein Halblächeln im Gesicht.
Macs Mund und die Türe der Nachbarwohnung öffneten sich gleichzeitig.
"Könnten Sie sich mit Ihrem Männerbesuch vielleicht drinnen unterhalten?" giftete Macs Nachbarin, während ihr Mann zustimmend gegen die Wand klopfte.
"Määäh!" beschwerte sich Gypsie unter Harms Arm.
Mac schob Katze und Ex-Pilot vor sich her in ihre Wohnung und schlug die Türe hinter sich zu. Jingo begann freudig zu bellen, als er die Neuankömmlinge sah und Gypsie warf auf dem Weg zu Jingos Fressnapf einen Stapel Unterteller um. Das laute Klirren wurde durch ein Klopfen auf der anderen Seite der Wand beantwortet.
Mac seufzte. "Willkommen in der wundervollen Welt des Chaos, ansonsten bekannt als Sarah MacKenzies Apartment." Sie winkte einladend.
Harm wischte sich einen Rußfleck aus dem Gesicht. "Du hast wenigstens noch ein Apartment, in dem sich das Chaos ausbreiten könnte." Sein Flyboy-Lächeln war nicht einmal halbherzig.
Mac starrte ihren Partner an. "Was soll das heißen? Was ist passiert?" Ihre Hände umklammerten Harms Arm, ohne es zu bemerken.
Harm zuckte die breiten Schultern. "War eine der biblischen Plagen nicht auch Feuer? Na ja, jedenfalls ist es über mein Apartment hereingebrochen. Muss ein Kurzschluss gewesen sein, ich vermute es war der Kühlschrank. Und dabei war er zum ersten Mal seit Wochen, wenn man von ein paar Büchsen Cola Light absieht, so gut wie leer."
"Heißt das, deine Wohnung ist...?" Mac wollte den Satz lieber nicht zuende denken.
"... so unbewohnbar wie die Wüste Gobi, ja." gestand Harm mit einem schiefen Grinsen.
Unbewusst ging Macs Griff um Harms Arm in ein tröstendes Streicheln über. Sie wusste, wie viel Zeit und Mühe Harm in die Renovierung seines Apartments gesteckt hatte und wie stolz er darauf war. Er hing sehr viel mehr an seiner Wohnung als sie an der ihren.
"Und jetzt?" fragte sie nach einer Weile betroffen.
Harm lächelte fast zaghaft. "Ich hab gehofft, ich könnte dich überzeugen, dass du mich nicht gleich vor die Türe setzt. Weißt du, ich habe eine Pistole und weiß, wie man sie benutzt."
Mac erwiderte das Lächeln ganz automatisch. "Nun ja, unter Androhung von Gewalt könnte ich dir einen Platz zwischen dem Gewürzregal und dem Toaster auf der Couch anbieten..." Hilflos deutete sie auf ihr Wohnzimmer, das die Einrichtungsgegenstände ihrer ausgeräumten Küche enthielt.
"Damit ich die ganze Nacht damit beschäftigt bin, Jingo vom Oregano im Gewürzregal fernzuhalten und mit deinen Nachbarn Klopfzeichen auszutauschen, hast du dir so gedacht!" protestierte Harm scherzhaft.
"Falls es dir nicht gelingt, eine Hängematte zwischen meine Zimmerpalmen zu spannen, gibt es da nur noch einen Platz, wo du schlafen könntest..." Mac wies auf ihr breites Bett.
Harm sah sie unsicher an.
"Kalte Füße, Commander?" spöttelte Mac.
Harm lachte laut. Die hatte er nur, wenn er alleine in seinem Bett schlafen musste, ohne Mac und Jingo, die ihn wärmten. "Du vergisst wohl, dass du mit einem Piloten sprichst, Marine! Meine Goldflügel mögen im Moment zwar etwas rußgeschwärzt sein..."
"... aber sie flattern noch immer heftig. Pass nur auf, dass sie nicht in meine Richtung flattern, okay, Flyboy?"
Harm zwinkerte seiner Partnerin zu. "Hey, ich bin ein Offizier und Gentleman, Marine."
Mac nickte und lachte. Sie wusste, dass ihre Einschlafprobleme für mindestens eine weitere Nacht gelöst waren. "Okay, Richard Gere, dann lass uns mal nachsehen, ob wir einen Pyjama oder so was Ähnliches für dich finden."
Einträchtig gingen sie ins Schlafzimmer hinüber und Mac kramte eine Minute in ihrem Kleiderschrank. "Hier," sagte sie dann und drückte Harm ihr größtes T-Shirt in die Hand, "wird vielleicht ein bisschen kurz sein, aber es ist wenigstens sauber."
Harm beäugte skeptisch das angebotene T-Shirt und schnaubte. "Kurz? Mac, wenn das Ding mir bis zum Hals geht, kann ich schon von Glück sagen."
Mac schmunzelte. "Ja, das T-Shirt hat so seine Vorteile."
Das besagte T-Shirt schnellte blitzschnell vor und traf Mac am Arm. "Hmmh, Vorteile. Ich beginne zu sehen, was du meinst," Harm grinste triumphierend, "aber lass mich mal selber sehen, ob ich nicht was anderes finde." Er begann, sich in Macs Kleiderschrank umzusehen.
Nach einer Weile drehte er sich zu Mac um und hielt anklagend ein T-Shirt mit der Aufschrift "USS Patrick Henry" in die Höhe. "Ich hab mich schon gefragt, wo das T-Shirt hingekommen ist," tadelte er vorwurfsvoll und drehte sich wieder um, um weiter durch Macs Kleiderschrank zu schnüffeln, "Hey, und meine Ski-Socken sind auch da! Du kleine Diebin, du! Kannst du nicht Handtücher und Seife stehlen, wie jeder andere auch?"
"Du solltest froh sein, anstatt hier rumzujammern, Flyboy! Wenn ich wie jeder andere wäre, müsstest du heute Nacht in einem Handtuch und Seife schlafen. Und jetzt nimm mein ... dein ... unser T-Shirt und ab unter die Dusche!" befahl Mac in ihrem Marine-Ton.
"Siehst du? Dazu wären Handtuch und Seife doch ganz nützli..."
"Abmarsch!"
Harm wich dem Paar Socken aus, das in seine Richtung geflogen kam, und verschwand im Badezimmer. Schon eine halbe Minute später kam er wieder zum Vorschein, mit einer Topfpflanze in der Hand. "Das hier hab ich in der Dusche gefunden. Wenn ich jetzt noch die zweite Palme und die Hängematte entdecke..." Rasch wich er ins Badezimmer zurück, bevor Mac noch auf die Idee kam, den Socken die passenden Joggingschuhe nachzusenden.
1046 Z-Zeit (05:46 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Die aufgehende Sonne warf Lichtstreifen ins Schlafzimmer, die über die beiden eng aneinandergekuschelten Gestalten im großen Bett spielten.
Die größere der beiden Gestalten bewegte sich zuerst, blinzelte und schielte zu seiner Bettgenossin hinab. Er streckte sich vorsichtig, dehnte seine starren Muskeln und wollte die Füße über die Bettkante schwingen. Die kleinere Person warf einen Arm quer über seinen Bauch und hielt ihn besitzergreifend fest. Eine dunkle Augenbraue hob sich. Gefangen.
Harm versuchte, den unkooperativen Arm zu lösen, ohne seine Besitzerin zu wecken. Ohne Erfolg. Der Arm schlang sich nur noch enger um ihn. "Du gehst nirgendwo hin." murmelte eine verschlafene Stimme gegen seine Schulter.
Harm grinste und genoss es, einmal vor Mac wach zu sein. "Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Mac. Könnte ich vielleicht mal kurz aufstehen?"
"Hmmpf."
Nach Macs unveränderter Haltung zu urteilen war das ein "Nein", schlussfolgerte Harm. "Okay, lass es mich so sagen. Wenn du mich jetzt nicht aufstehen lässt, könnte es hier einen kleinen Unfall geben." betonte der Ex-Pilot vielsagend.
<Unfall?> Ein tiefbraunes Auge öffnete sich und begutachtete die Situation. <Oh!> Der schlanke Arm wurde weggenommen. "Geh nur, ich bin ja nicht grausam." gestattete sie gnädig.
"Zu gütig, Colonel." Harm warf einen letzten Blick auf den zerwuschelten braunen Haarschopf, bevor er sich erhob und ins Badezimmer ging. Ein paar Minuten später kam er wieder zurück und glitt wieder unter die Decke, um noch mal einzuschlafen. Als er anfing zu frösteln, bemerkte er, dass Mac nicht mehr neben ihm lag.
Seine verschwundene Fußwärmerin kam eben auf der Suche nach ihrem zweiten Joggingschuh ins Schlafzimmer.
Harm öffnete schläfrig ein Auge und sah sie ungläubig an. "Maaac, es ist Sonntag morgen – was sage ich, es ist praktisch noch mitten in der Nacht! Was willst du um diese unchristliche Zeit schon auf den Beinen? Marsch, zurück ins Bett!"
"Hey, rotes Licht, Commander!" entgegnete Mac erstaunlich munter für jemanden, der noch vor ein paar Minuten nur ein "Hmmpf!" herausbekommen hatte.
Harm reagierte nicht, sondern vergrub nur den Kopf unterm Kissen.
"Komm schon, du Navy-Faultier! Wir joggen runter zum Markt. Der Letzte, der wieder hier ankommt, muss das Frühstück machen." meinte Mac herausfordernd und zupfte an der Bettdecke.
Harm hob das Kissen. "Und wo bitte schön ist da der Anreiz für mich? Dann verliere ich ja auf jeden Fall, selbst wenn ich gewinne." meinte er, auf Macs kulinarischen Fähigkeiten anspielend.
"Hey, mein Rührei ist gar nicht mal so schlecht, ja?" verteidigte Mac ihre Kochkünste, "Aber dazu müssen wir jetzt los, um die Sachen frisch vom Markt zu bekommen."
Harm gähnte theatralisch. "Frische Eier sind ja schön und gut, Mac, aber das bedeutet nicht, dass ich so früh aufstehen möchte, dass ich noch zusehen kann, wie sie gelegt werden."
"Okay, okay, alter Morgenmuffel, dann geh ich eben alleine," behauptete Mac.
Seufzend schlug Harm die Decke zurück und setzte sich auf. "Das ist Erpressung, Frau Anwältin! Aber schön ... gib mir fünf Minuten, ja?"
Mac verschränkte grinsend die Arme. "Ich zähle..."
1150 Z-Zeit (06:50 Uhr EST)
Vor dem Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
"Ha, gewonnen, gewonnen!" Mac tanzte mit der Brötchentüte in der Hand vor ihrer Haustüre auf und ab.
Harm war ihr dicht auf den Fersen. "Du Betrügerin!"
"Ich hab nicht betrogen!"
"Oh doch, du hast eine Abkürzung genommen – das ist Betrug."
Mac zuckte mit den Schultern und schloss die Wohnungstüre auf, bevor ihre Nachbarn wieder begannen, sich über Ruhestörung zu beschweren. "Okay, vielleicht hab ich ja ein bisschen geschummelt, aber wenigstens wurde ICH nicht von einem Auto überfahren!"
Harm schnitt ihr den Weg zur Küche ab. "Ein bisschen geschummelt, hm?" fragte er mit kritisch gehobener Augenbraue, "Na, dann muss ich dich jetzt auch ein bisschen bestrafen..."
"Tu nichts, was du später bereuen wirst, Commander!" warnte Mac, während sie langsam in Richtung Schlafzimmer zurückwich.
"Oh, kann sein, dass du es bereuen wirst, aber ich ganz sicher nicht." meinte Harm mit einem raubtierhaften Grinsen.
Macs taktischer Rückzug fand ein Ende, als sie mit den Kniekehlen gegen die Bettkante stieß und das Gleichgewicht verlor. Rückwärts krabbelte sie in Richtung Kopfende. "Was hast du vor?" fragte sie argwöhnisch.
"Oach, ich dachte, ich würde dich kitzeln, bis du um Gnade bettelst," erklärte Harm, während er ihr auf allen Vieren quer über das Bett folgte.
"Das kannst du nicht tun. Das ist unmenschlich." protestierte Mac, als sie mit dem Rücken gegen das Kopfende des Bettes stieß und sich in die Enge getrieben sah. Mit großen, flehenden Augen sah sie ihren Partner an.
"Der Bambi-Blick nützt dir überhaupt nichts, Marine, ich bin immun dagegen." Harm ging zum Angriff über und hatte innerhalb von Sekunden die kitzligste Stelle unter Macs Rippen gefunden.
"Stop, Harm, Stop!" keuchte Mac atemlos, "Es sei denn, du möchtest die Reste einer Tiefkühlpizza vom Kopfkissen kratzen!"
Harm ließ von seinem Opfer ab und erhob sich. "Nein Danke, mir genügt es schon, wie dein Essen in seiner Originalform aussieht!"
Mac warf ein Kissen in seine Richtung und verschwand schnell im Badezimmer, während Harm hinüber in die Küche ging. Nachdem er die Abdeckfolie vom Herd entfernt und im Wohnzimmer eine Pfanne gefunden hatte, machte er Rührei mit Speck für Mac und Vollkorn-Pfannkuchen für sich.
"Wenn du irgendetwas anderes möchtest, bedien dich ruhig am Kühlschrank!" rief Mac aus dem Badezimmer.
"Vorausgesetzt, ich kann es fangen und totschlagen, hm?" antwortete Harm amüsiert.
Wenn er gedacht hatte, Mac hätte ihn nicht gehört, so hatte er sich gründlich geirrt. "Sagen wir mal so: Wenn irgendetwas im Kühlschrank wie ein wissenschaftliches Experiment aussieht und nach dir schnappt, wenn du es berührst, wäre es weise, es in Ruhe zu lassen."
<Wenn es um ihren Kühlschrank geht, hat sie ein Gehör wie Superwoman!> dachte Harm belustigt. Er öffnete den Kühlschrank und hielt nach seiner Lieblingsform von Koffein Ausschau. <Aha, so sieht also ein wohlgefüllter Kühlschrank aus!> Harms Einschätzung nach hatte Mac von jedem ungesunden Nahrungsmittel zwischen Washington und der Westküste mindestens einen Artikel im Kühlschrank. Zwischen einer Stangensalami und einem Stapel Schokolade fand er eine Cola light, nahm sie und schloss den Kühlschrank wieder.
Er brachte das Tablett ins Wohnzimmer und hatte eben den Tisch abgeräumt und gedeckt, als Mac hereinkam. Sie rubbelte sich die Haare trocken und reckte den Hals, um zu sehen, was Harm da auf ihren Teller getan hatte.
"Findet das deine Zustimmung, oh eifrige Verfechterin eines herzhaften Frühstücks?" fragte Harm, auf Rührei mit Speck, Croissants und Butter deutend.
Mac begutachtete das Essen ernsthaft. "Hm, mal sehen. Es enthält jedenfalls die meisten der Hauptnahrungsquellen. Außer Ketchup vielleicht," Sie grinste, "aber das wichtigste fehlt noch..." Mac verschwand in der Küche und kehrte mit einem großen Glas Nutella und einem Löffel zurück.
"Du und deine Schokoladensucht!" beschwerte sich Harm kopfschüttelnd.
Mac tänzelte zur Seite und rettete das Nutellaglas, das Harm ihr aus der Hand nehmen wollte. "Hey, ich brauche das Magnesium!"
"Magnesium?" Harm hob skeptisch beide Brauen, "Mac, nicht dass ich dein Weltbild zum Einsturz bringen möchte, aber das Zeug da rangiert irgendwo zwischen purem Zucker und einem Pfund Butter auf dem Gesundheitsbarometer!"
Unbeirrt schraubte Mac das Glas auf.
Harm murmelte etwas von "kulinarischem Selbstmord" und begann, Magerjoghurt und Heidelbeeren auf seinen Vollkorn-Pfannkuchen zu häufen.
2244 Z-Zeit (17:44 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harmon Rabb lehnte sich gegen den Türrahmen von Macs Büro und sah zu, wie seine Kollegin eifrig auf die Tasten ihres PCs einhämmerte. Von Zeit zu Zeit warf sie einen prüfenden Blick auf den Bildschirm und nagte nachdenklich an ihrer Lippe. Harm schmunzelte vor sich hin. "Bist du bereit, Marine?" verkündete er seine Gegenwart.
Mac sah auf. "Du bist zu früh dran, du musst noch ein wenig warten." sagte sie ohne einen Blick auf die Uhr.
"Du meinst, du bist noch nicht fertig?"
Mac nickte und ihre Mundwinkel kräuselten sich kaum merklich. "Das ist die allgemeine Übersetzung, ja."
"Du solltest kürzere Mittagspausen machen." schlug Harm hilfreich vor.
"Ich hatte heute gar keine Mittagspause." entgegnete Mac, erneut über die Tastatur gebeugt.
"Du meinst, deine Kaffeepausen haben so lange gedauert, dass du keine Mittagspause mehr dazwischenquetschen konntest?" kommentierte Harm neckisch.
Mac schob die Tastatur zurück und speicherte das Dokument. "Noch so eine Bemerkung, Flyboy, und du kannst dem Admiral erklären, wie es kommen konnte, dass du von einer fliegenden PC-Maus am Kopf getroffen wurdest," drohte Mac und erhob sich, um ihrem Partner zur Türe zu folgen, "Wohin geht es überhaupt?"
"Ach, nur eine kleine, nette Spritztour." meinte Harm nichtssagend.
"Danke für die ausführliche Erklärung, dagegen wirkt Webb wie ein offenes Buch." schnaubte Mac.
Kaum saß sie neben Harm in dessen Subaru, als sie wieder anfing. "Also?"
"Also was, Mac?"
"Also, wohin fahren wir?" wollte Mac wissen.
Harm grinste. "Hat dir schon mal jemand gesagt, dass Geduld eine Tugend ist?"
"Oh, ich kann sehr geduldig sein, wenn ich weiß, worauf ich mich gedulde. Also?" Mac legte den Kopf schief und sah ihren besten Freund mit ihrem treuherzigsten Lächeln an.
Harm lachte nur und schüttelte den Kopf, ohne weitere Auskünfte zu geben.
"Zuerst kidnappst du mich, lockst mich mit dem vagen Versprechen, einen interessanten Abend zu verbringen, aus dem Büro und dann willst du mir nicht mal sagen, wohin wir fahren?" Mac warf dem Navy-Anwalt einen ungläubigen Blick zu.
"Ich habe dich nicht gekidnappt. Wenn ich mich recht erinnere, bist du ziemlich willig mitgekommen, als ich ein Abendessen erwähnt habe." erwiderte Harm mit einem selbstzufriedenen Grinsen.
"Ich bin nur willig mitgekommen, weil ich es nicht aushalten konnte, wie du gebettelt hast." behauptete Mac ungerührt. Betont gelangweilt sah sie sich um und entdeckte ein Stück Papier, das aus dem Handschuhfach ragte. Sie zog daran und das Handschuhfach öffnete sich. Eine Zeitung, mehrere Kassetten, Straßenkarten und ein Paar lederne Fliegerhandschuhe kamen ihr entgegen. "Dein Glück, dass ich kein Drill-Sergeant bei einer Spint-Kontrolle bin, Commander! Was sich hier drin so alles tummelt..." meinte sie kopfschüttelnd.
"Ha, du musst ja reden! Aus dem Inhalt jeder beliebigen Damenhandtasche könnte man einen nuklearen Sprengkopf konstruieren!" entgegnete der Ex-Pilot mit männlicher Überlegenheit.
"Bring mich nicht auf dumme Gedanken!" murmelte Mac, war aber schon halb in die Zeitung vertieft. Sie betrachtete die Zeitungsannoncen, die Harm mit einem Rotstift markiert hatte.
Gerade als sie fragend aufsah, hielt der Jeep. "Harm, was hat das zu bedeuten?" Kleine Fältchen entstanden über Macs Nasenwurzel. Sie fuchtelte mit der Zeitung.
"Ich spiele mit dem Gedanken, umzuziehen," gab Harm zu, "Es würde mich einiges an Zeit, Geld und Mühe kosten, mein Apartment wieder in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Und du weißt ja selbst, dass die Wohngegend nicht unbedingt die beste ist." Harm seufzte ein wenig, als er an seine Corvette und deren Überreste dachte. "Also hab ich gedacht, ich seh mich wenigstens mal in der Gegend um..." Er wies auf ein Haus. "Das ist der erste von drei Besichtigungsterminen, den ich heute habe. Ich dachte, du könntest mich ja begleiten und dann spendiere ich dir zum Dank ein Abendessen. Wie hört sich das an?" Er legte eine Extraportion Charme in sein Lächeln.
"Und ich kann bestimmen, wohin du mich einlädst?" fragte Mac mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
"Hm, ich hätte ja eines dieser preisgünstigen Restaurants mit Büffet vorgeschlagen, aber unglücklicherweise hast du in jedem dieser Lokale in der Stadt Hausverbot. Das letzte Mal, als du da warst, mussten sie danach das ‚All-you-can-eat’-Konzept neu definieren." behauptete Harm grinsend.
"Na warte! Für diese nette Bemerkung werde ich mir das teuerste Restaurant in Washington aussuchen. Und dir werde ich die schäbigste Hundehütte empfehlen, die der Vermieter nur anzubieten hat." drohte Mac scherzhaft.
Harm lächelte nur und öffnete ihr galant die Autotüre.
0102 Z-Zeit (20:02 Uhr EST)
Im Stadtteil Anacostia
Washington D.C.
Harm und seine Begleiterin bei der Wohnungsjagd kehrten schon zum zweiten Mal erfolglos zum Auto zurück. Die erste Wohnung, in Arlington, war Harm zu düster gewesen und die zweite, am Anacostia, hatte nicht die passende Umgebung. Außerdem, wenn er ehrlich war ... beides war ein bisschen weit von Georgetown – und einer gewissen Bewohnerin dieses Stadtteils - entfernt. So richtig motiviert, bei Mac eilig auszuziehen, war er nun wirklich nicht.
Harm wirbelte die Autoschlüssel spielerisch um den Finger, warf einen raschen Blick auf die Uhr und sah Mac dann über das Dach des Subaru hinweg fragend an. "Sehen wir uns die dritte Wohnung noch an?"
Mac begegnete seinem Blick herausfordernd. "Unter einer Bedingung."
"Kommt nicht in Frage, in diese Stätte des Rinderopferkults und des alten Frittierfetts schleppst du mich nicht!" Harm schüttelte heftig den Kopf.
"Nur keine Sorge – so billig hätte ich dich ohnehin nicht davonkommen lassen. Die Bedingung ist, dass ich fahren darf." verlangte Mac. Auf der Suche nach dem abgelegenen Haus in Anacostia hatte Harm sich dreimal verfahren.
"Immer diese Marines, die sich einbilden, dass eine M16, GPS und ein Schweizer Uhrwerk automatisch in ihr Erbgut integriert sind." beschwerte sich Harm neckisch.
"Du hast das Russisch-Lexikon und den Nahrungs-Detektor vergessen, Harm." gab Mac seelenruhig zurück und nahm ihm die Autoschlüssel aus der Hand.
0134 Z-Zeit (20:34 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Zum dritten Mal an diesem Abend sah Mac sich nach einem "Zu Vermieten"-Schild um und entdeckte schließlich ein kleines Haus mit Grünfläche und Garten. "Fehlt nur noch der weiße Zaun und ein halbes Dutzend Kinder, dann ist die Idylle perfekt," meinte sie lächelnd zu Harm gewandt. "Ich hoffe, die Wohnung sagt dir mehr zu als die anderen, denn jede vergehende Minute reißt ein tieferes Loch in meinen Magen – und deinen Geldbeutel. Und im Übrigen... du gibst wirklich sehr gute Wegbeschreibungen. Ich habe mich nur zweimal verirrt."
Harm brauchte nicht ihre hochgezogene Lippe zu sehen, um die Ironie zu erkennen. "Oh, bitte. Und nur zu deiner Information, es war nicht meine Wegbeschreibung, wegen der du dich verirrt hast. Wenn du dich mal erinnern würdest, habe ich dir ausdrücklich gesagt, dass das eine Einbahnstraße ist, lange bevor du in die Straße eingebogen bist – in die falsche Richtung, wenn ich das hinzufügen darf." gab er höflich lächelnd zurück.
"Also, wenn der Richtungs-Anweiser dem Richtungs-Angewiesenen von Anfang an ein wenig mehr Informationen gegeben hätte, dann wäre der Richtungs-Angewiesene nicht falsch herum in die Einbahnstraße eingebogen."
Harm hob die Brauen und schaffte es trotz seiner 1,93m irgendwie, seine Partnerin von unten herauf anzusehen. "Mac, ein guter Tipp: Melde dich nie zu ‚Was bin ich’ – man merkt dir deinen Beruf auf einen Kilometer Entfernung an, sobald du auch nur den Mund öffnest." Dann sagte er nichts mehr, denn er war jetzt zu sehr damit beschäftigt, das Haus kritisch zu beäugen.
"Sieht doch wirklich ganz nett aus, oder?" meinte Mac, während sie über den geplättelten Weg zum Haus gingen, "Hier hätte Gypsie genügend Platz und im Garten könntest du dieses grüne Zeug anpflanzen, das du so magst."
"Grünes Zeug? Mac, dieses ‚grüne Zeug’ wird von Leuten, deren Lieblingsrestaurant nicht wie ein schottischer Name klingt, Salat genannt." belehrte Harm amüsiert.
Sie überquerten eine breite, weiße Veranda und klingelten. Eine ältere Frau öffnete die Türe.
"Harmon Rabb," stellte Harm sich vor, "Wir hatten gestern telefoniert."
"Ja, richtig, kommen Sie doch bitte rein, Mister Rabb, Mrs. Rabb." Die Dame räumte den Türrahmen, um sie hereinzulassen.
"Äh-hem!" Mac räusperte sich und warf Harm einen auffordernden Blick zu.
Harm lächelte und hatte es nicht sonderlich eilig, den Irrtum aufzuklären. Um ehrlich zu sein, fühlte er sich ein wenig geschmeichelt. "Ähm, wir sind nicht verheiratet, Mrs. Thornton."
"Oh, aber Sie und Ihre ... Freundin?... werden hier doch gemeinsam einziehen, oder?" Mrs. Thornton sah fragend vom einen zum anderen.
"Na ja, also, eigentlich ist die Wohnung nur für mich." stellte Harm mit einem unterdrückten Grinsen richtig. <Wieso glauben eigentlich alle Menschen jenseits von 60 automatisch, dass Mac und ich ein Paar sind? Jemand sollte wirklich mal untersuchen, was auf diesen Kaffeefahrten so alles mit den Rentnern angestellt wird...>
Sie gingen durch die Räume, die groß und hell waren. Es gab eine geräumige Küche, ein riesiges Wohnzimmer mit Kamin, zwei Schlafzimmer mit je einem eigenen Badezimmer, einen Balkon, ein Gäste- und ein Arbeitszimmer. Eine Holzwendeltreppe führte hinauf zum zweiten Stockwerk, von dem aus man bis zum Potomac sehen konnte, dessen Wasser in der Ferne schimmerte.
"Was sagen Sie? Wie gefällt Ihnen das Haus?" Mrs. Thornton sah sie erwartungsvoll an.
Harm kratzte sich etwas ratlos den Nacken. "Tja, ich weiß nicht..."
Mac sah ihren Partner etwas ungläubig an. Das Haus war praktisch perfekt. Okay, zugegeben, es war ein Haus und keine Wohnung und daher vermutlich etwas zu groß für einen alleinstehenden Mann, aber dennoch...
Harm sah sich noch einmal um. Der Grundriss und die Lage des Hauses waren ja wirklich fabelhaft und für einen Hobby-Heimwerker wie ihn war das Haus einfach ein Traum. Tiere waren willkommen und das Grundstück war groß genug, so dass es keinen Nachbarn stören würde, wenn er nachts Gitarre spielte. Und allzu weit entfernt von Georgetown war es auch nicht. Aber dennoch... "Ich hatte keine Ahnung, dass das Haus so groß sein würde. Ich hatte mir eher so etwas wie ein Apartment vorgestellt. Für einen alleinstehenden Mann mit Katze ist das Haus wohl ein bisschen zu groß und zu teuer."
"Schade," meinte Mrs. Thornton bedauernd, "aber Sie können es sich ja noch mal überlegen. Es würde mir reichen, wenn Sie mir in zwei Tagen Bescheid geben würden, ob Sie das Haus nehmen oder nicht."
Harm wechselte einen schnellen Blick mit Mac und nickte dann. "Einverstanden." So blieb ihm noch genügend Zeit, sich noch ein paar andere Wohnungen anzusehen.
"Und jetzt?" fragte er, als sie wieder in den Subaru stiegen, "Hast du Hunger?"
Macs Augen funkelten verschmitzt. "Haben Fische Flossen?"
Harm lachte. "Okay, okay, ich ziehe die Frage zurück, Euer Ehren. Der Ruf der Angeklagten spricht ohnehin für sich." Er drehte den Schlüssel im Zündschloss um und lenkte den Wagen auf die Straße zurück, "Also, wohin darf’s denn gehen?"
"Ich weiß nicht, da gibt es so viele Möglichkeiten. Mit Rücksicht auf dein zartes Navy-Gemüt lieber kein Fastfood, soviel ist sicher. Ich mag das Riverside, aber das ist am anderen Ende der Stadt. Hm, aber sie haben diese großartigen Filets in Buttersoße... Dann gibt es da noch dieses Steakhaus ein paar Ecken von hier..." Mac begann, sich richtig für das Thema zu erwärmen, wurde aber unhöflichst unterbrochen, als Harm seine Aufmerksamkeit zurück auf die Straße lenkte und in Richtung des besagten Steakhauses fuhr.
Am nächsten Stopschild begann Mac aber schon wieder zu sprechen. "Wie wäre es mit dem neuen Chinesen in der Nähe des Einkaufszentrums?"
Harm warf ihr einen Blick zu wie einem Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es ein Pokemon-Set oder ein Tamagotschi zu Weihnachten haben möchte, bog aber gehorsam links ab – obwohl er sich eigentlich bereits auf der rechten Seite in Richtung Steakhaus eingeordnet hatte.
Er stoppte an einer Ampel und schon argumentierte Mac weiter. "... er soll ziemlich teuer sein, also könnten wir auch einfach nur eine Pizza essen gehen."
Harm schüttelte nur noch den Kopf und fuhr los, als die Ampel auf grün schaltete. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, dass Mac schon wieder in eine ganz andere Richtung sah, als die, in die er gerade fuhr. "Irgendwo in der Nähe soll auch dieses thailändische Restaurant sein..." redete sie munter weiter.
Als Harm ein paar Minuten später vor einem Restaurant einparkte, runzelte sie die Stirn und sah ihren Partner anklagend an. "Hey, ich habe nie etwas von Italienisch gesagt!"
"Das war das einzige Restaurant in der ganzen Stadt, das du nicht erwähnt hast!"
0210 Z-Zeit (21:10 Uhr EST)
La Vigna
Washington D.C.
Harm schloss seine Speisekarte und sah seine Tischgenossin erwartungsvoll an.
Mac enttäuschte ihn natürlich nicht. "Hm, ich denke, ich nehme den gemischten italienischen Vorspeisenteller, die Pommes Frites und das Rumpsteak."
"Der Vorspeisenteller hört sich ja noch ganz gut an, den nehme ich auch, aber..." Harm hob beide Brauen und öffnete den Mund für eine weitere Lektion über gesunde Ernährung.
Mac fixierte ihn mit ihrem strengsten Anwalts-Blick. "Kein Wort, Commander, KEIN EINZIGES WORT, ja? Du arbeitest fürs JAG-Corps und nicht für die WHO."
Harm hob lächelnd beide Hände und machte mit der rechten eine abschließende Bewegung vor seinen Lippen. Wortlos überreichte er Mac den unsichtbaren Schlüssel, die ihn prompt in Richtung Nebentisch warf.
Der Kellner trat an den Tisch. "Was darf ich Ihnen bringen?" erkundigte er sich höflich.
"Zweimal den gemischten Vorspeisenteller, bitte..." begann Mac für sie beide zu bestellen.
"Oh, für mich bitte auch einen," warf Harm grinsend ein.
Er konnte gerade noch sein Mineralwasser retten, als Mac schwungvoll mit der Hand ausholte und ihn einen Schlag auf den Arm verpasste.
"Also, zwei Vorspeisenteller," wiederholte Mac für den Kellner und sah Harm warnend an, "einmal das Rumpsteak mit Pommes Frites und...?"
"Die Shrimps in Anchovi-Sauce, bitte." bestellte Harm und reichte dem Kellner die Speisekarten.
"Und, was sagst du zum Bilderbuch-Haus?" fragte Mac, sobald sie alleine waren, "Es war doch bisher wirklich das beste, was wir gesehen haben, oder? Fast wie im Märchen."
Harm grinste. "Märchen, ja, genau, Mac. Ich habe fast darauf erwartet, dass jeden Moment die sieben Zwerge reinkommen würden. ‚Wer hat von meinem Tellerchen gegessen...’"
Mac schnaubte und versuchte ihr Lachen zu unterdrücken. "Ich bezweifle, dass selbst Märchengestalten deine widerlich gesunde Ernährungsweise teilen."
"Da muss ich dir recht geben, Frau Kollegin. Ausnahmsweise. Vermutlich teilen sie eher deine einseitigen Ernährungsgewohnheiten, das erklärt auch, warum sie so klein geblieben sind." Harm grinste selbstzufrieden ob dieser plausiblen Erklärung.
"Nur zu deiner Information, Flyboy, meine Ernährungsgewohnheiten sind nicht im geringsten einseitig." verteidigte sich Mac energisch.
Harm neigte den Kopf zur Seite und verschränkte herausfordernd die Arme vor der Brust. "Mac, nur weil dein Lieblingsschnellimbiss jeden Tag die Farbe der Papierservietten ändert, gilt das noch lange nicht als abwechslungsreiches Essen."
Mac kam glücklicherweise nicht zu einer Antwort, da der Kellner mit ihrem Essen wiederkehrte.
"Gütiger Himmel!" Harm beäugte kopfschüttelnd Macs Steak. "Die Kuh muss die Größe eines Elefanten gehabt haben! Bist du sicher, dass du das alles essen kannst?"
Mac kaute bereits an einem Pommes und sah unschuldig auf ihren Teller hinab. "Ich habe gerade erst begonnen – kann sein, dass ich mir noch eine zweite Portion bestelle." erklärte sie verschwörerisch.
Harm sah sie nur skeptisch an. "Du und welche Armee?"
Mac wirbelte spielerisch das Messer in den Fingern herum. "Hey, ich bin doch schon ein großer Marine, ich schaff das schon ganz alleine." versicherte sie und ihre Mundwinkel zuckten amüsiert.
"Na, deine klopffreudigen Nachbarn werden sich freuen, wenn ich dich unter Ächzen und Stöhnen die Treppe raufrollen muss." meinte Harm trocken und spießte eine einzelne Krabbe mit der Gabel auf.
"Hör auf zu jammern, Flyboy, das hab ich mir redlich verdient."
"Hm, wo du Recht hast, hast du Recht, Marine. Aber wenn ich es mir so überlege... nach der Größe dieses Steak bemessen, müsste da die Begleitung zur morgigen Wohnungsjagd im Preis noch inbegriffen sein. Obwohl ich irgendwie bezweifle, dass ich auf die Schnelle etwas finde, was an das Haus herankommt, nur eben im Ausmaß für eine Person gedacht."
"Hm-mh," Mac schluckte einen Bissen Fleisch und nickte eifrig, "Das Haus liegt schon ziemlich ideal. Näher am Hauptquartier als dein altes Apartment."
"Außerdem auch näher am Flughafen – ziemlich praktisch, wenn Granny auch weiterhin so oft zu Besuch kommt." stimmte Harm zu.
<Und näher an Georgetown.> fügten beide in Gedanken hinzu.
0140 Z-Zeit (20:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mac sah verwundert auf, als es an der Türe klingelte. Schnell legte sie das von Harm stibitzte ‚MacBeth’ weg und ging, um die Türe zu öffnen. Vor ihr stand ein pickelgesichtiger Pizzabote. "Pizza für MacKenzie." verkündete er und streckte ihr die Schachteln entgegen.
Mac schüttelte verwirrt den Kopf. Sie hatte keine Pizza bestellt. "Moment bitte... Harm?"
Harm kam aus dem Wohnzimmer. "Oh, das ging ja schnell. Danke." Er nahm die Pizza entgegen und gab dem Boten Geld.
"Hmmm, ich wusste doch, dass ich dich nicht völlig grundlos bei mir aufgenommen habe," meinte Mac zufrieden, als sie Harm und der Pizza ins Wohnzimmer folge.
Harm zog zwei Teller aus dem Karton auf der Couch und öffnete die erste Pizzaschachtel.
Mac machte große Augen. "Okay, Sie bleiben jetzt sofort hier stehen und rühren sich nicht von der Stelle. Ich rufe die Militärpolizei, das muss ein Doppelgänger sein – auf der Pizza ist Schinken und eine Extraportion Mozzarella!"
"Das ist deine Pizza, nicht meine, Mac. Und außerdem war die Pizza nur ein Notbehelf. Eigentlich wollte ich eine Kleinigkeit kochen, aber mit dem, was ich bei dir im Schrank gefunden habe..."
"Hey, in meinem Kühlschrank findet sich mehr als üblicherweise in deinem!" protestierte Mac.
"Mac, aus vier Tafeln Schokolade, einem Glas Erdnussbutter, einem Jahresvorrat Nutella, etwas Salami, einer Flasche Ketchup und zwei alten Käsesandwichs kann man nicht gerade ein fünfgängiges Menü zaubern – es sei denn natürlich, man hat auch noch ein Schweizer Taschenmesser und heißt MacGyver. Aber ich als Anwalt hab’ kapituliert und den Pizzaexpress angerufen." Harm nahm seine Pizza aus der Schachtel.
Mac reckte den Hals. "Was ist da drauf?" fragte sie und piekste mit der Gabel in Richtung Harms Pizza.
"Shrimps und Brokkoli." antwortete Harm und nahm sich das erste Stück.
Mac sah ihn zweifelnd an. "Auf einer Pizza?" Sie schüttelte sich. "Also, raus mit der Sprache: Was hat es mit dir und diesen Shrimps auf sich?" Ihr Blick war der einer Anwältin, die einen Zeugen ins Kreuzverhör nahm.
Harm zuckte unschuldig die Schultern. "Gar nichts, Mac, und jetzt beeil dich lieber, wir müssen in Kürze los, sonst kommen wir zu spät."
"Zu spät zu was?" Mac konnte nicht so ganz nachvollziehen, wovon ihr zeitweiliger Untermieter da sprach.
"Was hat man dir auf der Offiziersschule über Geduld beigebracht?" erinnerte Harm.
"Dass das was für Navy-Leute ist," gab Mac ungerührt zurück, "Also?"
0231 Z-Zeit (21:31 Uhr EST)
Georgetown, Washington D.C.
"Ach, komm schon, Harm!" versuchte Mac es noch immer, während sie zum Auto gingen, "Ich könnte auch fahren, aber dazu müsstest du mir natürlich sagen, wohin es geht." Sie klimperte einladend mit ihren Autoschlüsseln.
"Du könntest auch fahren, wenn ich dir immer nur sage, wo du abbiegen musst." widersprach Harm und bemühte sich, nicht über das Betteln seiner Kollegin zu lachen.
Mac sah ihn kritisch an. "Du mir Richtungsanweisungen geben? Ich dachte, diese kläglichen Versuche hätten wir bereits aufgegeben?"
"Ich glaube fest daran, dass selbst Marines lernfähig sind." Harm grinste überlegen und steuerte auf sein Auto zu.
"Marines?" entrüstete sich Mac, "Ja, klar, nur immer schön auf uns schieben, wenn ihr von der Navy keine Karten lesen könnt! Wir Marines dagegen..."
"Ich weiß, ich weiß, Mac. Ihr seid die Experten für Karten ... für Speisekarten," Harm setzte sich hinters Steuer, "Was ist? Kommst du oder soll ich alleine fahren?"
"Ha, du glaubst wohl, du könntest mich mit Billigpizza abspeisen, mich dann loswerden und ins nächste Restaurant fahren, um dir wieder dieses Shrimpszeug reinzuziehen, hm?"
Harm lachte. "Mac, den kleinen Tipp kann ich dir geben: Da wo wir hinfahren, gibt es garantiert keine Shrimps!"
0258 Z-Zeit (21:58 Uhr EST)
Stadion an der Amerikanischen Universität
Washington D.C.
Mac machte ein ungläubiges Gesicht, als sie neben Harm das mit Zuschauern gefüllte Baseball-Stadion betrat. "Baseball? Um diese Uhrzeit? Wer ist so blöd, jetzt noch zu spielen?"
Harm grinste sein breitestes Flyboy-Lächeln. "Die Marines, wer sonst?"
Mac warf ihm einen tadelnden Blick zu. "Ha, ha, zu witzig, Harm!" Natürlich glaubte sie ihrem Partner kein Wort.
"Ich bin eben ein witziger Mann," erinnerte Harm. Sein Grinsen reichte jetzt fast von Ohr zu Ohr, so breit war es, "Nein, im Ernst, Mac, das ist wirklich ein Team der Marines aus Quantico."
"Und gegen welche armen Teufel tritt die Siegermannschaft an?" fragte Mac siegessicher.
"Ich wage es kaum zu sagen... gegen ein Navy-Team aus Norfolk – das das Spiel natürlich gewinnen wird." behauptete Harm ebenso zuversichtlich.
"Tagträumst du nur oder sind das schon Halluzinationen? Wir Marines werden euch Squids vom Platz gefegt haben, ehe ihr auch nur auf drei zählen könnt!" prophezeite Mac.
"Finde ich ja wirklich schön, dass heutzutage noch jemand an Wunder glaubt," gab Harm zurück und grinste zufrieden. Wenn das Baseballmatch nur halb so spannend wurde wie ihre Wortgefechte, war es das Geld wert gewesen.
Mac warf Harm einen Blick zu, der ihm absolute Unwissenheit bescheinigte, sagte aber nichts mehr dazu. "In welcher Reihe sind unsere Sitzplätze?" erkundigte sie sich stattdessen.
"Siehst du die zwei Sitze ganz da oben?" Harm zeigte mit dem Finger auf das andere Ende des Stadions.
Macs braune Augen wurden noch ein bisschen größer, als sie es ohnehin schon waren. "Das ist ein Witz, oder? Wir sitzen da ganz, ganz, ganz, ganz oben?" Sie stöhnte.
Harm zeigte sein charakteristisches Flyboy-Grinsen. "Nein, das hab ich nie behauptet. Ich hab dich nur gefragt, ob du diese Sitze siehst. Wir sind ganz, ganz, ganz weit da vorne." Er zeigte auf eine der vorderen Reihen ganz in ihrer Nähe.
Sie nahmen ihre Plätze ein und kurz darauf begann das Spiel. Der Schlagmann der Marines schlug den ersten Ball weit ins rechte Außenfeld und rettete sich bis zur dritten Base, was Mac natürlich mit lauten Anfeuerungsrufen verfolgte.
Harms Nachbar drehte sich amüsiert zu ihm um und meinte: "Ihre Frau ist wohl ein Fan der Marines, was?"
"Meine... Kollegin IST ein Marine." stellte Harm mit einem gewissen Stolz richtig. <Langsam sollte es mich eigentlich nicht mehr überraschen, wenn Mac ständig als meine Frau bezeichnet wird.> dachte er kopfschüttelnd als der Mann sich wieder dem Spiel zuwandte, <Wenn sie es wäre, dann hätte ich jetzt jedenfalls mit Sicherheit nicht das Problem, ein tolles und auch noch relativ preiswertes Haus ausschlagen zu müssen, nur weil es für einen allein zu groß ist. Obwohl Mac ja vermutlich ohnehin die halbe Zeit bei mir oder ich bei ihr sein werde...>
Harm erstarrte für einen Moment und drehte sich zu Mac um, die neben ihm vor Ärger fast von ihrem Sitz hopste. "Waaas? Nie im Leben war das ein Strike, nie im Leben! Hast du das gesehen, Harm?"
"Nein, hab ich nicht, Mac. Hör mal..."
"Harm, das war doch kein Strike! Aber du bist natürlich mit selektiver Blindheit gesegnet, wenn der Schiedsrichter zugunsten deines Teams entscheidet. Jemand sollte wirklich mal den Fliegerarzt auf deine Sehschwäche aufmerksam machen, Flyboy!" drohte Mac scherzhaft, ohne die Augen vom Spielfeld abzuwenden.
"Ähm, Mac, ich... mir kam da gerade eine Idee. Also... wie wäre es..."
"Hmm, gute Idee, Harm. Für mich einen mit Ketchup, bitte." murmelte Mac, erneut ohne ihn anzusehen.
Einen Moment lang starrte Harm sie nur verdutzt an. <Ketchup?> "Mac, meine Idee hat ausnahmsweise nichts mit Essen zu tun. Obwohl ... ich hab dir ja schon immer gesagt, dass du viel Zeit und Geld sparen könntest, wenn du dir einen Mann suchst, der kochen kann."
"Hmm-mmm." kam die geistesabwesende Antwort von Mac.
<Wenn man diesen Konsonantensalat überhaupt Antwort nennen kann.> dachte Harm ein wenig frustriert über die Unaufmerksamkeit seiner Kollegin. "Mac, hörst du mir überhaupt zu?"
"Hmm-mmm."
"Weißt du, Mac, mir ist eben eingefallen, dass es für uns beide..." begann Harm, stellte aber mit einem raschen Blick fest, dass Mac ein Spielfeld mit 18 Männern in engen weißen Hosen interessanter fand als einen Ex-Flyboy in legerer Zivilkleidung, "... und so aß der große rosarote Dinosaurier das kleine gescheckte Meerschweinchen, während die Außerirdischen..."
Das weckte dann doch Macs Aufmerksamkeit. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn misstrauisch an. "Außerirdische? Erzähl mir jetzt nicht, du hättest dieses Buch von Bud ausgeliehen!"
"Wäre gar keine schlechte Idee, dann hätte ich wenigstens was zu lesen, wenn du mir immer meine Shakespeare-Stücke klaust, Marine!" gab Harm mit gespielter Strenge zurück, "Nein, mal im Ernst, Mac, ich wollte nur sichergehen, dass du mir auch wirklich zuhörst."
"Klar höre ich zu, ich bin ja nicht taub." murmelte Mac, schielte mit einem Auge aber schon wieder zum Spielfeld, wo jetzt erneut ein Marine zum Schlagmal trat und prüfend seinen Schläger schwang.
"Also, weißt du, Mac, ich habe eben darüber nachgedacht, dass ich mich morgen wegen dem Haus entscheiden muss und nach dem heutigen Streifzug durch die Welt von Washingtons Blechhütten kommt mir langsam der Verdacht, dass ich nichts besseres finden werde..."
"Mmm." brummte Mac zustimmend.
Harm seufzte innerlich und sah Mac tadelnd an. "Also, Mac, wie wäre es denn, wenn... wenn wir zusammenziehen würden?"
"Sicher, Harm," murmelte Mac geistesabwesend und noch immer dem Spiel zugewandt, "wir... wie bitte?!" Jetzt hatten Harms Worte endlich Macs Gehirn erreicht und jeden Gedanken an Baseball verdrängt. Sie wirbelte herum und starrte Harm an als hätte er ihr eben vorgeschlagen, sie könnten gemeinsam nach Tansania auswandern und afrikanische Wühlmäuse züchten.
"Wie wäre es, wenn wir zusammenziehen würden?" wiederholte Harm und sah fast amüsiert zu, wie die überraschte Mac versuchte, einen Goldfisch zu imitieren.
Ein Ehepaar in der Reihe vor ihnen drehte sich um. "Oh, wie romantisch!" meinte die Frau begeistert.
"Jetzt sagen Sie schon ja, junge Dame!" ermunterte ihr Mann.
Harm grinste. "Also, was sagst du zu meinem ‚Antrag’?" Er zwinkerte Mac zu.
Misstrauisch starrte Mac ihren Partner an und streckte die Hand aus, um sie kurz auf seine Stirn zu legen. "Du fühlst dich nicht heiß an," urteilte sie dann sachlich, "also muss wohl Granny dahinterstecken. Harm, was soll denn das, reicht es nicht, wenn unsere Großeltern sich wie die Reinkarnation von Amor und Aphrodite aufführen, musst du jetzt auch noch damit anfangen? Sei doch vernünftig." sagte Mac als spräche sie zu einem Kind. Einem sehr kleinen Kind.
Harm lachte. "Oh, ich bin vollkommen vernünftig. Mein Vorschlag ist die vernünftigste Lösung für unsere Probleme. Ich würde das Haus gerne nehmen, aber für mich allein ist es zu groß. Und du hast Nachbarn, die ihren Lebensabend damit verbringen, bei dir gegen die Wand zu klopfen. In einem eigenen Haus könntest du soviel Pizza mit Oregano essen wie du möchtest und der einzige, der anklopft, ist der Pizzabote," Harm lächelte überzeugend, <Essen ins Spiel zu bringen ist immer eine gute Strategie, wenn man Mac zu etwas überreden möchte.> "Und du könntest der Baustelle, die du deine Wohnung nennst, entkommen. Deine Sachen sind ja ohnehin schon in Kisten verpackt, der Umzug wäre also keine große Arbeit. Das Haus ist wirklich groß genug für zwei. Na, was sagst du?"
"Ich sehe da ein klitzekleines Problemchen vorher." prophezeite Mac.
Harm wölbte eine Braue. "Vorhersehen, hm? Und welches klitzekleine Problemchen zeigt dir deine Glaskugel?"
"Genauer gesagt sind es sogar zwei klitzekleine Problemchen. Ich gebe dir einen Tipp: Sie kommen aus Oklahoma beziehungsweise Pennsylvania und sind mit uns verwandt."
"Was denn, du befürchtest doch nicht im Ernst, Granny und Will könnten etwas dagegen haben, dass wir eine Wohngemeinschaft bilden, oder?"
"Im Gegenteil, ich befürchte, dass die beiden begeistert sein werden... allerdings werden sie die Wohn- eher als Lebensgemeinschaft interpretieren." wandte Mac ein.
"Ach komm schon, Mac, das ist doch nichts Neues. Die zwei glauben doch jetzt schon, dass wir dein Apartment nur als Gerümpelkammer verwenden und heimlich in wilder Ehe hausen. Also, was meinst du?" versuchte Harm erneut, seine Partnerin zu überzeugen.
Mac sah ihn zweifelnd an. "Ich weiß nicht, Harm, das gibt doch nur Ärger bei der Arbeit. Was glaubst du, was der Admiral dazu sagen wird, wenn er hört, dass wir zusammenziehen wollen?"
"Hey, der Admiral ist doch derjenige, der immer Kosteneinsparung und Teamarbeit predigt, oder nicht? Wir teilen uns die Miete für das Haus. Wir können über einen Fall sprechen, wann immer wir es wollen. Wir reduzieren den Umsatz der Telefongesellschaft um die Hälfte. Wir teilen uns das Putzen und das Kochen... obwohl, wenn ich mir das so recht überlege ... streich den letzten Satz, ich melde mich freiwillig fürs Kochen." Harm grinste einladend.
"Und was willst du deinen Verabredungen sagen, wenn du mal eine mit nach Hause bringen willst?" warf Mac noch immer skeptisch ein.
<Verabredungen?> Um ein Haar hätte Harm darauf hingewiesen, dass seine letzte richtige Verabredung ungefähr so lange zurückliegen musste wie Macs letzter Fastentag. "Hm, noch ein Punkt, der für eine WG spricht, Mac. Wenn ich wieder mal eine meiner vielen allzu aufdringlichen Verehrerinnen loswerden möchte, sage ich ihnen einfach, dass ich mit einer wahnsinnig eifersüchtigen Marine-Corps-Offizierin zusammenlebe, die einen schwarzen Gürtel hat..."
"Und den passenden Bademantel dazu..." murmelte Mac halblaut, musste aber zugeben, dass die Idee, mit Harm eine Wohngemeinschaft zu gründen, ihr immer besser gefiel, "Na schön, Harm, vielleicht ist es ja wirklich einen Versuch wert. Glaubst du, wir könnten erst mal eine Art Probewohnen machen? Wir müssen zuerst einmal sehen, ob wir unter einem Dach zusammenleben können, ohne uns gegenseitig in den Wahnsinn zu treiben."
"Das glaube ich kaum. Ich bin schon an deine kleinen Verrücktheiten und Schrullen gewöhnt," meinte Harm mit einem lässigen Schulterzucken.
"Schrullen? Ich?" Mac blickte so unschuldig wie ein neugeborenes Rehkitz drein.
"Schrullen. Du," Harm nickte unbeirrt, "Es kann ja schon sein, dass Marines den Rekord für die kürzeste Zeit unter der Dusche halten, aber dafür setzt du damit auch jedes Mal das halbe Bad unter Wasser."
"Was beklagst du dich, Flyboy? Ich dachte, ihr von der Navy wärt nicht wasserscheu? Sonst noch was?"
"Na ja, von deinen Eßgewohnheiten wollen wir gar nicht erst anfangen..."
"Ha, das sagt der Mann, der Nutella für eine italienische Mafiafamilie hält und sich Orangensaft über seine Cornflakes gießt." spottete Mac neckisch.
"Ich halte Nutella NICHT für eine Mafiafamilie, Mac, aber ich bilde mir auch nicht ein, dass es die größte Errungenschaft des Menschen seit der Erfindung des Rades ist! NUTELLA ist die Abkürzung für Nicht essbar, Ungesund, Tonnen von Fettpolstern verursachend, Ekelhaft, Löcher in den Zähnen erzeugend, Labbrig, Ab in den Ausguss damit!"
Mac verschränkte die Arme und maß Harm mit einem herausfordernden Blick. "Ich muss mir noch schwer überlegen, ob ich mit jemandem Tisch und B... ähm, ich meine ... die Wohnung teilen will, der den therapeutischen Wert von Nutella nicht zu schätzen weiß, Fliegerheld! Ich verlange eine Nutella-Klausel im Mietvertrag!"
Harm lachte so laut, dass sich die komplette Reihe vor ihnen nach ihnen umdrehte. "Nutella-Klausel? Damit bin ich absolut einverstanden, solange die Klausel lautet: Es kommt kein Nutella ins Haus."
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Entweder ziehe ich mit Nutella ein oder gar nicht! Sieht wohl so aus, als müssten wir einen Kompromiss schließen und mir meinen Willen lassen, was?" Sie grinste schelmisch.
Harm nickte ergeben. <Ich merke schon, wer in dieser WG das Sagen haben wird...> "Also, was ist jetzt, Mac? Sind wir jetzt Mitbewohner oder nicht?" Seine blau-grauen Augen funkelten erwartungsvoll.
Mac seufzte als müsse sie sich zu einem großen Opfer durchringen. "Na schön. Aber ich stelle drei Bedingungen," fügte sie schnell hinzu als Harm triumphierend grinste, "Erstens..."
"Nutella, ich weiß, ich weiß," unterbrach Harm und versuchte, tolerant zu wirken, "ich denke, damit kann ich leben."
"Zweitens: Ich bekomme das Schlafzimmer im zweiten Stock."
"Ja, ja, hab ich mir schon gedacht... das mit dem großen Wandschrank. Ist auch okay, ICH habe schließlich keine 52 Paar Schuhe!" bemerkte Harm mit sanftem Spott.
"Und drittens: die Klobrille!" fuhr Mac fort, ohne auf Harms Kommentar zu reagieren.
"Klobrille?" Harm sah seine Kollegin verdutzt an.
"Die Klobrille, jawohl, Commander!" Mac nickte heftig, "Und du putzt dein Badezimmer selbst! Ich musste auf dem College auf die harte Tour lernen, niemals die Toilette eines alleinstehenden Mannes zu benutzen." Sie schüttelte sich.
Harm versuchte erst gar nicht, sein Grinsen zu verbergen. "Mac, DU wirst in unserer Beziehung ... ich meine: Wohngemeinschaft ... ganz sicher nicht derjenige sein, der ständig hinter dem anderen herräumen muss!"
"Bietest du mir hiermit deine Putzdienste an, Flyboy?" fragte Mac listig.
Harm warf ihr einen kritischen Blick zu. "Hey, ich bin ein Flyboy, kein Wischboy!" beschwerte er sich lautstark.
Macs Mundwinkel zuckten amüsiert. "Ach, so viele Unterschiede gibt es da doch gar nicht... stell dir einfach vor, der Staubwedel wäre ein Steuerknüppel." riet sie weise.
"Oh Gott!" Harm verbarg für einen Moment theatralisch das Gesicht in den Händen, "Wieso hab ich plötzlich das Gefühl, das ich das noch bereuen werde?"
Mac antwortete nicht auf die – ohnehin nur rhetorisch gemeinte – Frage, denn sie war plötzlich damit beschäftigt, zusammen mit den anderen Marine-Corps-Fans lautstark "Hoooomerun!" zu schreien.
0415 Z-Zeit (23:15 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Harm warf die Autoschlüssel auf den niedrigen Glastisch und ließ sich neben das Gewürzregal aufs Sofa fallen. "Na, Mac, war das Spiel die kleine Entführung wert?" rief er in Richtung Küche.
Mac kam herein, Katze und Hund dicht auf den Fersen, stellte das Gewürzregal mit dem Oregano auf den höchsten Schrank im Zimmer und setzte sich neben Harm. "Ich geb’s nicht gerne zu, aber ... ja. Vor allem der Ausdruck auf den Gesichtern von neun Navy-Spielern, als sie geschlagen vom Spielfeld schlichen!" stichelte Mac gutmütig.
"Ja, es hat wirklich so ausgesehen, als ob du das Spiel genossen hättest." meinte Harm grinsend.
"Was soll das schon wieder bedeuten?" Mit einem unterdrückten Stöhnen streifte Mac die Schuhe von den Füßen.
"Oh, nichts, nichts. Nur ... hast du das gesamte Stadion mit dieser kleinen Tanzeinlage unterhalten, als dein Team den Homerun geschafft hat." Harm lachte laut.
Mac setzte ihren finstersten Blick auf. "Ich habe meine Mannschaft nur ein wenig angefeuert!"
"Aha, anfeuern nennt man das jetzt also?" Harm grinste vielsagend, "Sah für mich eher wie ein Hula-Tanz, komplett mit Arm- und Hüftbewegungen aus."
Mac schlug ihrem Mitbewohner ein Kissen gegen den Kopf und grinste schadenfroh als Gypsie es sich mit ausgefahrenen Krallen auf Harms Schoß bequem machte. "Du musst gerade reden, Mister Ich-war-Baseball-Trainer-im-vorigen-Leben! Du hast mit den Armen gefuchtelt als wolltest du die Spieler höchstpersönlich auf ihre Positionen dirigieren!" Jetzt war Mac an der Reihe zu lachen, "Ein paar Mal hast du mich fast im Gesicht getroffen. Kaum zu glauben, dass ich noch stand als das Spiel vorbei war!"
"Oh, du warst zu beschäftigt damit, zwischen den Reihen auf und ab zu tanzen als dass ich dich hätte treffen können," behauptete Harm unbeeindruckt, "Nachdem du dem armen Kerl vor dir im vierten Inning mit diesem Schrei fast einen Herzinfarkt versetzt hast, hattest du ja auch genügend Platz um dich herum."
"Ich kann nichts dafür, ich bin nun mal ein leidenschaftlicher Fan," verteidigte sich Mac entschuldigend, "Und wenn ich leidenschaftlich bin, dann tendiere ich eben dazu, ein bisschen laut zu werden." Sie lächelte etwas verlegen, bis sie plötzlich bemerkte, welche andere, unbeabsichtigte Bedeutung ihre Aussage haben konnte. Sie errötete und schielte in Harms Richtung, in der Hoffnung, dass er den kleinen Faux Pas nicht bemerkt hatte.
Harm saß auf dem Sofa und starrte sie an, beide Augenbrauen ungläubig angehoben. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Ein bisschen laut wirst du, ach ja?" Harm lachte, "Noch was außer Baseball, das dich so laut werden lässt?"
"Oh Gott!" stöhnte Mac und verbarg ihr Gesicht für einen Moment in der Armbeuge, bevor sie sich wieder fasste und Harm einen Stoß mit dem Ellenbogen verpasste, "So hab ich das nicht gemeint, das weißt du ganz genau!"
Harm lachte nur noch mehr und Gypsie sprang von der schaukelnden Oberfläche, um sich lieber in Macs Schoß niederzulassen.
1646 Z-Zeit (11:46 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Sir, Ma’am..." Ein leicht nervöser Petty Officer Tiner fing Harm und Mac auf ihrem Weg zur Küche im JAG-Hauptquartier ab, "Der Admiral möchte Sie sehen, jetzt sofort."
Harm drückte dem verdutzten jungen Mann seine leere Kaffee-Tasse in die Hand und nickte Mac zu. "Na, dann lassen Sie uns mal nachsehen was es gibt, Colonel." meinte er, mit einiger Mühe zum dienstlichen "Sie" zurückkehrend.
Seite an Seite bauten sie sich in militärischer Haltung vor Admiral A.J. Chegwiddens Schreibtisch auf. "MacKenzie und Rabb melden sich zur Stelle, Sir."
Der JAG sah nicht von den Unterlagen auf, die er gerade unterzeichnete und gab nur mit einem kurzen Brummen zu erkennen, dass er ihre Anwesenheit überhaupt bemerkt hatte. Das war Chegwiddens Methode, seine beiden Offiziere, die keine Ahnung hatten, wieso er sie in sein "Allerheiligstes" beordert hatte, noch ein wenig zappeln zu lassen.
Nach einer Weile sah er auf, warf den Stift hin und lehnte sich so weit zurück, dass er die Arme vor der Brust verschränken konnte. Sein Gesicht war ruhig, aber seine leicht zusammengezogenen Augenbrauen wirkten wie dunkle Wolken, die ein Gewitter ankündigten. "Was ist das hier?" verlangte er zu wissen und wedelte ungeduldig mit ein paar Blättern.
Harm beugte sich vor, um die Schrift auf den Dokumenten besser lesen zu können. "Ah, Sir, das ist meine Mitteilung bezüglich einer Adressenänderung."
"Und das hier?" Chegwidden hielt Mac das zweite Dokument vor die Nase.
"Sir, das ist mein Antrag auf Adressenänderung," erklärte Mac, noch immer in militärisch vorbildlicher Haltung, "Der Commander und ich ..." Mac schluckte, "...ziehen nächste Woche um."
"Schon wieder eine Naturkatastrophe?" fragte Chegwidden ironisch, "Ich möchte gar nicht wissen, wer hier wessen Blatt kopiert hat, aber wenn Sie schon zu bequem sind, zwei Dokumente aufzusetzen, hätten Sie sich wenigstens die Mühe machen können, die entscheidenden Stellen entsprechend abzuändern – hier ist zweimal dieselbe Adresse angegeben."
Harm räusperte sich. "Ähm, Sir, die Anträge sind schon korrekt. Colonel MacKenzie und ich ... wir ziehen in dasselbe Haus." erläuterte der Ex-Pilot und widerstand nur mit Mühe der Versuchung, unruhig vor dem Schreibtisch hin- und herzurutschen.
"IN DASSELBE HAUS?!!" knurrte ihr Vorgesetzter, "Was zum Teufel hat das schon wieder zu bedeuten?" Misstrauisch ließ er seinen Blick zwischen seinen beiden Top-Anwälten hin und herwandern.
"Sir, es ist nicht so wie es aussieht," beeilte sich Mac zu versichern, "Wir sind nicht etwa ein Paar oder so etwas..."
"Es ist nur einfach kostengünstiger, gemeinsam ein Haus zu mieten als zwei getrennte Wohnungen, Sir." stimmte Harm sofort zu.
"Und das sagt ausgerechnet der Mann, dem ich schon seit Jahren vergebens predige, etwas mehr auf das Budget zu achten!" murmelte Chegwidden halblaut.
"Sir?"
"Nichts, Commander. Aber eines sage ich Ihnen beiden," Chegwidden sah streng zwischen Harm und Mac hin und her, "Ihre Streitgespräche über nicht ausgedrückte Zahnpastatuben fechten Sie zuhause aus, ist das klar?"
2115 Z-Zeit (16:15 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
"Lass sofort die Kiste stehen, Mac!" rief Harm quer durch das ganze Treppenhaus, "Das kann ich doch machen!"
"Bin schon unten, Flyboy!" brüllte Mac von der Haustüre her laut, um das allgegenwärtige Klopfen ihrer Nachbarn zu übertönen.
Kopfschüttelnd schloss Harm mit zwei von Macs Stühlen zu ihr auf. "Mac, wirklich, du hättest doch warten können, bis ich..."
"Harmon Rabb junior!" Mac funkelte ihn warnend aus ihren tiefbraunen Augen an, "Ich habe die Ausbildung des Corps hinter mir, glaubst du im Ernst, ich könnte nicht mal eine Kiste Gesetzbücher nach unten tragen?"
"Klar, kannst du das, Mac, aber ..."
Über ihnen öffnete sich ein Fenster und Macs ältere Nachbarin lehnte sich hinaus. "Da hat Ihr Freund recht, Miss MacKenzie, wenn Sie schwanger sind sollten Sie keine Kisten mehr schleppen. Im Übrigen möchten Theodor und ich um ein bisschen Rücksichtnahme und Ruhe bitten!" Das Fenster wurde mit Nachdruck geschlossen.
Mac starrte sprachlos erst nach oben und dann zu Harm.
Dieser grinste breit. "Sieh mich nicht so an, Marine, ich hab sie nicht auf den Gedanken gebracht. Ich meinte nur, du solltest mit deinem kaum verheilten Arm noch keine solchen Schwerstarbeiten vollbringen... auch wenn du ein tätowierter Marine bist."
Mac warf ihm einen bösen Blick zu und lud die Kiste in Harms Jeep. Eine halbe Stunde später hatten sie ihre dritte Fahrt zum neuen Haus beendet. Die beiden Anwälte hatten sich den Tag freigenommen, um schon einmal einige Dinge inklusive einem neuen Wohnzimmerschrank in ihre neue Behausung zu bringen.
"Und jetzt?" fragte Harm und lehnte sich gegen den Türrahmen, "Fahren wir wieder nach Hause... ich meine: zu dir?"
Mac bückte sich geschmeidig unter Harms muskulösem Arm durch, mit dem er die Türe blockierte und nahm ihrem Partner ganz nebenbei mit einem frechen Grinsen die Autoschlüssel aus der Hand. "Das wirst du schon sehen!" Sie begann, Harm vor sich her aus dem Haus und zum Jeep zu schieben.
Harm ließ sich widerstrebend im Beifahrersitz nieder und Mac startete den Motor. "Hey, das ist aber nicht der Weg nach Georgetown!" protestierte Harm nach einer Weile. Anklagend deutete er auf die entsprechende Ausfahrt, an der sie gerade vorbeifuhren.
"Ich habe ja auch nicht behauptet, dass wir nach Georgetown fahren würden, oder?" gab Mac zurück, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.
"Wohin dann?" erkundigte Harm sich möglichst beiläufig.
Mac schüttelte amüsiert den Kopf. "Oh nein, Flyboy, das verrate ich dir nicht. Kleine Revanche dafür, dass du mich gekidnappt hast. Bisher sind es zwei Entführungen für dich und nur eine für mich. Es wird Zeit, unseren Kidnapping-Plan ein wenig zu korrigieren."
Eine dunkle Augenbraue hob sich skeptisch. "Kidnapping-Plan?" wiederholte Harm und musterte Mac von der Seite, "Ich wusste gar nicht, dass wir so etwas wie einen Kidnapping-Plan überhaupt haben."
"Klar, haben wir den. Du hast mich letztes Mal gekidnappt, also bin ich jetzt dran, dich zu kidnappen." erläuterte Mac geduldig.
"Du sagst also folgendes: Der Kidnapper kann den Gekidnappten nicht kidnappen, wenn der Kidnapper den Gekidnappten beim letzten Mal schon gekidnappt hat." vermutete Harm grinsend.
Mac musste einen Moment darüber nachdenken. "Korrekt." <Glaube ich wenigstens.>
Langsam durchquerten sie das Stadtzentrum und fuhren an einer ausgedehnten Grünanlage vorbei.
"Das Einkaufszentrum?" fragte Harm ahnungsvoll, "Mac, entführst du mich ins Einkaufszentrum?"
"Irgendwelche Einwände, Seemann?"
"Na ja, das kommt darauf an, was wir dort machen." erwiderte Harm zögernd.
"Wenn ich nicht deine Mutter und Großmutter kennen würde, kämen mir jetzt ernsthafte Zweifel an deiner Sozialisation. Was macht man denn in einem Einkaufszentrum, Harm? Einkaufen, natürlich!" Mac rollte mit den Augen.
"Und was kaufen wir ein?" wollte Harm wissen.
"Das wissen wir erst, wenn wir es sehen," erklärte Mac ihrem ahnungslosen Partner, "Das ist doch der halbe Spaß daran. Man geht hin, ohne genau zu wissen, was man finden wird, und wenn man dann etwas findet, dann ... macht das Spaß."
Harm hob die Brauen. "Wenn ich einkaufen gehe, weiß ich genau was ich will. Ich betrete das Geschäft, kaufe es und gehe wieder. Ende der Geschichte. Ist doch wohl praktisch, oder?"
Mac fand eine freie Parklücke und parkte den Jeep ein. Sie zog die Handbremse an und drehte sich zu Harm um. "Einkaufen soll ja auch nicht praktisch sein, Harm, es soll..."
"Spaß machen." unterbrach Harm.
"Genau," Mac grinste, "Ich wusste, dass du mir zustimmen würdest."
2220 Z-Zeit (17:20 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
"Harm, was hältst du von diesen Schuhen?" Mac stand in der Mitte des vierten Schuhgeschäftes, durch die die beiden mit mehr oder weniger großem Enthusiasmus mittlerweile gebummelt waren.
Harm lehnte sich auf dem Hocker zurück und spielte mit einem Schuhlöffel. "Mmh, sie sehen ... bequem aus."
Mac nickte und ging zur Kasse hinüber.
"Lass uns da auch mal einen Blick reinwerfen." schlug Mac vor, als sie den Schuhladen verließen und an einem Möbelgeschäft vorbeikamen.
Harm, den nach vier Schuhgeschäften mittlerweile nichts mehr schrecken konnte, nickte ergeben und folgte seiner Partnerin.
"Was meinst du dazu, Mac?" fragte er und nickte in Richtung eines breiten Bettes, "Ich glaube nicht, dass ich mein altes Bett aus der Räucherkammer, die mal meine Wohnung war, retten kann, also brauche ich ein neues."
Mac beäugte das Möbelstück kritisch. "Ich weiß nicht, ist vielleicht ein bisschen... zu sperrig, oder?"
"Sperrig? Du meinst breit?"
"Ich meine sperrig. Wenn du nicht vorhast, in der nächsten Zeit 100 Kilo zuzunehmen... das da wäre doch besser, oder?" Mac deutete auf das Bett daneben.
Harm schüttelte den Kopf. "Mac, da ist Gypsies Körbchen ja noch breiter!"
Ein Verkäufer hatte ihre Diskussion ruhig mitangehört und trat jetzt höflich lächelnd vor. "Darf ich Ihnen helfen, Ma’am, Sir? Sieht so aus, als könnten Sie sich nicht einigen, was für ein Bett Sie haben möchten..."
Harm und Mac wechselten einen verlegenen Blick. "Wir müssen uns nicht ‚einigen’," erklärte Harm mit einem fast unmerklichen Schmunzeln, "Das Bett ist für mich gedacht. NUR für mich."
"Oh!" Der Verkäufer schluckte, "Dann vielleicht etwas schmäleres?"
Mac lachte. "Siehst du?"
Harm verschränkte die Arme. <Ich hatte eigentlich mehr an ein 2-Personen-2-Tiere-Bett gedacht, aber vermutlich ist das nicht der geeignete Zeitpunkt, darauf hinzuweisen.> Er ging weiter. "Hey, das wäre doch was!" Er klopfte mit der Hand auf ein breites Wasserbett, das bei dieser Berührung sanfte Wellen schlug.
"Ein Wasserbett, was sollte ein Navy-Flyboy auch sonst wollen!" kommentierte Mac lächelnd und als Harm den Mund öffnete, fügte sie schnell hinzu: "Ist schon okay, ich kann mit allem leben, solange es nicht die Schallmauer durchbricht!"
Harm führte ein kurzes Gespräch mit dem Verkäufer und vereinbarte, dass das Bett am Wochenende in die neue Wohnung geliefert werden sollte, bevor sie das Geschäft wieder verließen.
"Und, welchen Laden sollen wir uns als nächstes ansehen?" fragte Mac und sah sich um.
"Ich habe eine bessere Idee," erklärte Harm begeistert grinsend, "Lass uns eine Runde mit dem Zug fahren!"
"Der Zug?" Mac sah ihren Partner mit dem schon zur Gewohnheit gewordenen ‚Das-kann-doch-nicht-dein-Ernst-sein’-Blick an.
"Natürlich ist das mein Ernst – du hast doch gesagt, dass einkaufen Spaß machen soll." Harm grinste wohl wissend, dass er Mac damit in die Enge getrieben hatte.
"Haaarm! Der Zug ist für Kinder gedacht. Der fährt gar nirgends hin, nur immer im Kreis um dieses Restaurant herum!" mahnte Mac vernünftig.
Harm zuckte unbeirrt die Schultern. "Macht doch nichts, ich fahre trotzdem gerne Zug. Ich verspreche dir auch, dass er nicht die Schallmauer durchbrechen wird." Er lächelte Mac gewinnend an.
Mac seufzte. "Okay, na schön. Dann lass uns Zug fahren gehen, du großes Kind."
Sie gingen zu dem kleinen Zug hinüber und fuhren eine Runde – drei sogar, um ganz genau zu sein, bis Mac dem Zugfahren schließlich ein Ende setzte, vor allem deshalb, weil es sie hungrig gemacht hatte, ständig um ein Restaurant herumzufahren.
Sie beschlossen, einen Happen zu essen, bevor sie zu Macs Wohnung zurückfahren wollten.
Harm warf einen Blick in die Speisekarte des kleinen Restaurants. "Hmmm, sie haben Krabbencocktail! Eine meiner Lieblingsspeisen!"
Mac schüttelte stumm den Kopf.
"Was ist?"
"Langsam glaube ich wirklich, dass du eine heimliche Besessenheit mit Shrimps hast!" warf Mac ihrem Kollegen vor.
"Sagte das Sandkorn zur Wüste," entgegnete Harm trocken, "DU bist doch diejenige, die an keinem Restaurant vorbeigehen kann!"
"Hey, du und deine Idee vom Zugfahren seid schuld, dass ich hungrig geworden bin, ja?" verteidigte sich Mac vehement.
"Du bist ja nur eifersüchtig, weil ich vorne sitzen und die Glocke läuten durfte!" behauptete Harm grinsend.
"Richtig, Harm," antwortete Mac ironisch, "Ich bin eifersüchtig, weil du die Glocke läuten durftest – was du im übrigen sehr laut getan hast, wenn ich das mal hinzufügen darf." Mac lächelte zuckersüß.
Harm lehnte sich über den Tisch zu Mac hinüber. "Ich bin eben ein sehr leidenschaftlicher Zugfahrer, Mac. Und wenn ich leidenschaftlich mit etwas beschäftigt bin, dann tendiere ich dazu, sehr laut zu sein." Er lehnte sich wieder zurück und grinste breit.
Mac vergrub ihr Gesicht in der Speisekarte, ohne zu antworten.
"Wie wäre es mit einem Dessert? Wir könnten uns ja irgendetwas teilen." schlug Mac eine halbe Stunde später vor und schob sich das letzte Tortelloni in den Mund.
"Teilen?" wiederholte Harm skeptisch.
Mac nickte eifrig.
"Mac, ich würde gerne zumindest ein bisschen was von dem Dessert versuchen, wenn ich schon eines bestelle."
"Was willst du damit andeuten, Flyboy?" fragte Mac und hob drohend das Messer.
"Dass dein Löffel sich immer doppelt so schnell und mit doppelt soviel Inhalt zu bewegen scheint als meiner." erklärte Harm grimmig.
Mac winkte unbeirrt dem Kellner. "Was kann ich dafür, wenn ihr Ex-Piloten schwach und langsam seid?"
"Kommt wahrscheinlich daher, dass ihr Marines uns das Essen vor der Nase wegschnappt." urteilte Harm trocken.
"Wo wir gerade hier im Einkaufszentrum sind, Harm..." sagte Mac ein paar Minuten später, während sie sich wie von Harm vorhergesagt in Windeseile über das Schokoladeneis hermachte, "... du hast in zwei Wochen Geburtstag. Irgendeine Idee, was ich dir schenken könnte?"
Harm ließ den Löffel sinken und grinste wie ein kleiner Junge. "Oh, wo du gerade fragst, einen bescheidenen Wunsch hätte ich da schon... da ist dieser sportliche, großartig aussehende BMW, auf den ich schon seit langem ein Auge geworfen habe..."
"Bevor ich dir ein Auto kaufe, darfst du mich Cinderella nennen!" schnaubte Mac kopfschüttelnd, ohne in ihrer beharrlichen Attacke in Richtung Eis innezuhalten.
"Okay, dann iss mal auf und lass uns gehen.... Cindy!"
0430 Z-Zeit (23:30 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Harm streckte sich im Bett aus und suchte vor sich hin brummend nach der Stelle im "MacBeth", an der er zuletzt gelesen hatte. Jedes Mal, wenn er das Buch aus der Hand legte, schien das Buchzeichen auf magische Weise an eine Stelle zu wandern, zu der er noch gar nicht gekommen war. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass diese Buchzeichen bewegende "Zauberhand" an Macs Arm angewachsen war.
Als er nach ein paar Minuten die Seite endlich gefunden hatte und zu lesen begann, wurde er erneut unsanft unterbrochen, als Jingo mit einem lauten ‚Plumps’ aufs Bett sprang, so dass Harm die Füße einziehen musste, wollte er nicht für den Rest der Nacht unter einem schnarchenden alten Drogenhund begraben sein.
Erneut suchte er seine Stelle im Buch, aber bevor er zwei Zeilen weit gekommen war, spazierte seine rote Katze quer über ihn, um sich dann auf dem Buch zusammenzurollen. "Määäh!" verkündete sie triumphierend.
Harm zog das Buch unter der roten Katze hervor und wollte sich herumrollen, prallte aber gegen Mac, die mittlerweile mehr auf seiner Seite des Bettes lag als auf ihrer.
<Ich habe schon mehrere U-Boot-Aufenthalte hinter mir, aber erst hier in diesem Bett beginne ich die Bedeutung von Klaustrophobie zu verstehen!> dachte er kopfschüttelnd und klappte das Buch zu.
"Ich nehme nicht an, dass du zur Abwechslung mal auf deiner Seite des Bettes bleiben könntest, oder?" erkundigte er sich bei Mac, obwohl er in Wirklichkeit meilenweit davon entfernt war, sich ernsthaft darüber zu beschweren.
"Natürlich kann ich das." behauptete Mac schon etwas schläfrig und zog sich ein bisschen widerstrebend auf ihre Seite zurück.
Ein paar Minuten später schlief sie tief und fest und nach kurzer Zeit rollte sie herum, war wie von Zauberhand plötzlich wieder in Harms Teil des Bettes und kuschelte sich im Schlaf dicht an seine Seite. <Abra-kadabra! Sim-sala-bim! Dreimal … roter Kater.>
Harm grinste und begann zu zählen. "Fünf, vier, drei, zwei, ..." Bei "Eins" warf Mac einen Arm quer über Harms Gesicht. Harm legte das Buch weg und entfernte vorsichtig das störende Körperteil von seinem Gesicht. Sofort schlang es sich um seine Hüfte.
Harm seufzte gespielt. Irgendwie war es mathematisch-geometrisch nicht ganz nachzuvollziehen, wieso die kleinere, schlanke Mac fast das ganze Bett belagerte. Oder wieso es immer damit endete, dass sie beide Decken hatte.
Aber wer mit Sarah MacKenzie Tisch und Bett teilte – und sei es auch nur im rein freundschaftlichen Sinne – der lernte schnell, dass das Leben nicht immer mathematischen Formeln folgte. Mit dieser Erkenntnis vollkommen zufrieden schaltete Harm das Licht aus und schlief ein.
1340 Z-Zeit (08:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mit feuchtem Haar und barfuss, aber ansonsten angezogen und bereit für einen neuen Tag, tappte Mac in die noch immer halb mit Folie bedeckte Küche hinaus. <Samstag,> dachte Mac stöhnend und erinnerte sich an die Liste von Aktionen, die für diesen Tag geplant war. Um 11 Uhr sollte Harms Wasserbett geliefert werden, außerdem wollten sie einen Großteil von Macs Möbeln ins neue Haus schaffen, um in der nächsten Woche umziehen zu können. Das eigentliche Problem aber...
<...kommt heute um 1130 Uhr am Flughafen an!> Mac freute sich, ihren Großvater und Granny wiederzusehen, aber bisher hatten weder sie noch Harm eine Idee, wie sie den beiden kuppelwütigen Rentnern beibringen sollten, dass sie zwar vorhatten zusammenzuziehen, die einzigen Ringe, die sie austauschten, aber Schlüsselringe sein würden.
Mac lächelte, als sie spürte, wie warme Katzenpfoten sich auf ihre nackten Füße stellten. "Määäh!"
"Ja, ja, ich weiß, das sagt dein Herrchen auch immer – dass ich nicht barfuss auf den kalten Fließen herumlaufen soll. Wie wäre es, wenn ich den alten Langschläfer zur Abwechslung mal mit einem Frühstück überrasche?"
Gypsie sah zu ihr auf, legte den Kopf schief und ließ ein skeptisches "Määäääh!" hören.
"Okay, okay, das letzte Mal, als ich Harm auf diese Weise überraschen wollte... na ja, du musst doch zugeben, dass er wirklich überrascht war, als plötzlich der Rauchmelder losging," redete Mac auf die Katze ein, "Ich bin vielleicht nicht Johann Lafer, aber ich kann doch wohl ein einfaches Frühstück machen, oder? Ich bin sicher, dass ich es kann. Ich bestreite komplizierte Fälle vor Gericht, da werde ich doch noch einen Toaster bedienen können!"
Mac öffnete den Kühlschrank und nahm Butter und Milch heraus. "Glaubt ihr, ich kann Pfannkuchen machen?" Fragend blickte Mac zwischen Gypsie und Jingo, der jetzt ebenfalls neben ihr aufgetaucht war, hin und her.
"Wrrrrau! Wuuufff!"
"Määäääähhhh!"
Mac stellte die Pfannkuchen-Zutaten in den Kühlschrank zurück. "Ihr habt vermutlich recht, ich sollte mich lieber an etwas Einfaches halten."
Eine Viertel Stunde später balancierte sie vorsichtig das Tablett ins Schlafzimmer und musste lachen, als sie Harm bis zum Hals mit beiden Decken zugedeckt vorfand. Als Mac aufgestanden war, hatten sich die Decken noch auf ihrer Seite befunden.
Harm erwachte, als sich neben ihm das Bett leicht senkte, am Fußende des Bettes etwas leise klirrte und eine kalte Hundenase über seine Füße in Richtung des Klirrens schnüffelte.
Er schlug die Augen auf und wurde mit dem Anblick seiner lächelnden Partnerin belohnt, die ihn mit einem munteren "Guten Morgen, Langschläfer!" begrüßte.
"Guten Morgen," Harm streckte sich, "Du wachst aber auch immer vor mir auf." beschwerte er sich gähnend.
Mac grinste ihr freches Marine-Lächeln. "Das ist deshalb, weil du schnarchst und mich damit aufweckst." behauptete sie.
"ICH? Das sagt ausgerechnet die Frau, die..."
"Vorsicht, Fliegerheld! Ein heimatloser Flyboy sollte nicht die Hand beißen, die ihn füttert!" warnte Mac, "Apropos füttern... ich hab sogar was für dich gekocht!" Stolz wies die Anwältin auf das Tablett zu Harms Füßen.
Harm setzte sich auf, um dieses Weltwunder zu bestaunen. "Ähm, Mac, ich will ja nicht überkritisch klingen, aber .... gekocht? Was hast du bitte sehr gekocht? Keines dieser Nahrungsmittel muss gekocht werden!" Er deutete mit einem nur halb verborgenen Grinsen auf das Tablett mit Müsli, Toast mit Marmelade, Croissants und ein Glas Nutella.
Mac stemmte die Hände in die Hüften und warf sich mit einer energischen Bewegung die Haare aus der Stirn. "Hey, ich musste den Toast rösten!" verteidigte sie sich.
Harm verschluckte sich fast an seinem ersten Schluck Kaffee und brach sich hustend ein Stück Croissant ab, während er das Nutella und das nicht zuckerfreie Müsli verschmähte.
"Du isst ja gar nicht!" bemerkte Mac zwischen zwei Bissen Toast und schraubte – vorsichtshalber außerhalb von Harms Reichweite – das Nutella-Glas auf.
Harm hob die Brauen. "Natürlich esse ich, Mac," beruhigte er, "meine Eßgewohnheiten verblassen nur im Vergleich zu deinen."
"Harm, es gibt Witze, die wurden schon beim Bau der Pyramiden als veraltet zurückgewiesen," belehrte Mac überlegen, "Und wo wir gerade beim Verblassen sind... anstatt auf den Gefühlen deiner Wohltäterin rumzutrampeln, solltest du dir lieber mal überlegen, was wir Granny und Will erzählen, ohne gleich blass auszusehen!"
"Wie wäre es mit der Wahrheit, oh Schutzpatronin aller hungerleidenden Ex-Piloten?" schlug Harm vor.
"Die Wahrheit?" Mac sah skeptisch drein.
"Hm, ja, die Wahrheit. Du weißt schon: Die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe!" Harm bedachte seine Kollegin mit einem seiner typischen Flyboy-Grinsen.
"Dir ist nicht zu helfen, du bist HOFFNUNGSLOS!" meinte Mac kopfschüttelnd und schnipste ein paar Croissant-Reste in Harms Richtung.
"Höre ich in letzter Zeit öfter," gab Harm unbeeindruckt zurück, "So langsam solltest du wissen, dass das ein liebenswerter Charakterzug von mir ist."
"Darüber hat die Jury noch keine Entscheidung getroffen. Und jetzt raus aus dem Bett, Flyboy, oder DU darfst unseren Großeltern erklären, wie es kommt, dass du dich mitten am Tag in meinem Bett räkelst!"
1630 Z-Zeit (11:30 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.
Der große, indianisch wirkende Mann mit den tiefbraunen Augen bahnte sich vorsichtig mit zwei Koffern einen Weg durch die Menschenmenge am Flughafen, während er versuchte, nach seiner Enkelin und ihrem Kollegen Ausschau zu halten und gleichzeitig seine silberhaarige Reisegefährtin nicht aus den Augen zu verlieren.
Als die Rentnergruppe vor ihnen endlich in die Halle strömte und den Weg freigab, erblickte Will MacKenzie schließlich seine Enkelin Sarah. Er blieb stehen und musterte sie, als hätte er sie zwei Jahre anstatt zwei Wochen lang nicht mehr gesehen.
Sarah MacKenzie lehnte in Jeans und T-Shirt gekleidet wartend an der Wand neben der Gepäckausgabe. Ihre großen braunen Augen glitten suchend über die Menschenmenge, während sie sich immer wieder eine Haarsträhne hinters Ohr zurückstrich. Sie war wunderschön, stellte Will einmal mehr fest, außerdem war sie humorvoll, intelligent und eine wunderbare Anwältin.
Natürlich war er nicht im Geringsten voreingenommen. Will lächelte über sich selbst.
"Ich bringe ihn um!" sagte hinter Will plötzlich seine Begleiterin.
Der 85jährige Halb-Cherokee drehte sich verwundert um. "Du bringst wen um, Sarah?"
"Meinen Herrn Enkel!" erklärte Sarah Elizabeth Rabb energisch.
"Sarah, er ist noch nicht einmal hier," versuchte Will die alte Dame zu beruhigen.
"Eben!" schnaubte Granny, "Er weiß die Mühe, die ich... die wir uns damit gegeben haben, die zwei Turteltäubchen endlich zusammenzubringen, wirklich nicht zu schätzen, sonst würde er Sarah keinen Schritt alleine aus dem Haus tun lassen! Unser Freund und Komplize Amor hat die beiden mit so vielen Pfeilen beschossen, dass die zwei inzwischen wie ein Nadelkissen aussehen müssten, aber nein, sie sträuben sich immer noch..."
"Vielleicht ist Harmon ja beruflich unterwegs," verteidigte Will, der Ex-Pilot, seinen ‚Kollegen’, "Du weißt schon, die Welt retten oder so etwas."
Die silberhaarige Dame mit den strahlendblauen Augen nickte grimmig. "Ich will’s für ihn hoffen. Und diesmal kommen die beiden mir nicht so leicht davon. Es wäre ja gelacht, wenn wir die beiden nicht endlich zusammenbringen könnten, schließlich haben wir Erfahrung und Weisheit auf unserer Seite."
Will lachte. "Du meinst, wir sind alt und langsam." meinte er trocken.
"Hey, sprich nur für dich selbst!" entgegnete Granny verschmitzt. Sie war mit ihren gerade mal 85 Jahren natürlich noch längst nicht alt.
Jetzt hatten sie Mac erreicht und umarmten sie jeweils herzlich. "Wo ist Harmon?" fragte Granny sofort, nachdem sie Mac aus ihrem großmütterlichen Ringergriff entlassen hatte.
<Oh-oh!> "Harm ist im Moment noch..." <In unserem neuen Haus? Keine besonders gute Idee, ihnen das hier und jetzt zu sagen, Marine!> "Also, das ist so... Harm kümmert sich noch um..." <Ein Bett? Sehr originell, wirklich! Was glaubst du, wie die beiden kupplerischen Hyänen sich gleich auf eine solche Bemerkung stürzen würden?> Mac räusperte sich und versuchte es noch mal. "Harm überwacht noch den Transport von... so einer Art ... Wasserbehälter." Mac wirkte fast erleichtert, als sie das letzte Wort endlich herausbrachte.
Granny und Will wechselten einen zweifelnden Blick, sagten aber nichts. Vermutlich dachten sie, Harm würde mal wieder an seiner Stearman herumbasteln und Mac war vollkommen zufrieden damit, sie in dem Glauben zu lassen.
Mac manövrierte Harms Subaru geschickt durch den Wochenendverkehr auf Washingtons Straßen, während sie zuhörte, wie sich Will über Zivilpiloten und den Kaffee in der Touristenklasse beschwerte und sie Granny zum zehnten Mal versicherte, dass Harm ihr während der Genesung ihres Armes praktisch jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatte.
"Fahren wir nicht zu Harmons Apartment?" erkundigte sich Will, sobald er erkannt hatte, dass Mac in Richtung Georgetown fuhr.
<Oh, Mist. Das musste ja kommen. Wie sage ich ihnen das am besten?> Mac nagte an ihrer Lippe und ihre Finger trommelten nervös auf dem Lenkrad herum. "Ähm, also, wisst ihr... das ist so..."
Granny legte ihr von der Rückbank her rasch die Hand auf die Schulter. "Lass nur, Liebes, du bist uns doch keine Erklärung schuldig. Wenn Harm bei dir übernachtet hat, so haben wir überhaupt nichts dagegen." <Ganz im Gegenteil!> Mac brauchte nicht in den Rückspiegel zu sehen, um zu wissen, dass die alte Dame jetzt ein breites Rabb-Grinsen auf den Lippen hatte.
"Granny... Will...," Mac seufzte, "Es ist nicht so wie ihr denkt, wirklich nicht!" beteuerte sie. Ihre braunen Augen blickten aufrichtig und bettelten geradezu darum, dass man ihr glaubte.
"Und was denken wir denn?" fragte Will mit seiner ganz eigenen Version eines Flyboy-Lächelns.
Mac spürte wie die Röte ihre Wangen hinaufwanderte und erst an den Ohrenspitzen stoppte. "Ihr wollt doch sicher nicht, dass euer Aufenthalt in Washington damit endet, dass wir im Straßengraben landen, oder?" gab sie die Frage mit zusammengebissenen Zähnen zurück.
Granny lächelte und ihre blauen Augen funkelten vergnügt. "Gut, dann lass es uns in der entschärften Fassung für unter 80jährige formulieren: Wenn Harmon und du mehr teilen würdet, als die Tiefkühlpizza, die du so magst, dann hätte kein Mitglied der Familie Rabb..."
"... oder der Familie MacKenzie..." warf Will zur Unterstützung seiner Komplizin ein.
"... auch nur das geringste dagegen!" beendete Granny ihr überzeugendes Plädoyer.
"Oh, zwei Mitglieder der eben genannten Familien könnten da aber schon noch ein Wörtchen einzuwenden haben!" widersprach Mac energisch. Sie parkte das Auto vor ihrem Apartment und stieg aus. Eilig ging um den Wagen herum, um allen Fragen zu entkommen und Granny stattdessen mit ihrem Gepäck zu helfen.
Als sie den Koffer gerade angehoben hatte, kamen ihnen zwei stämmige Möbelpacker entgegen, die einen Bettrahmen über den Parkplatz zu einem kleinen LKW trugen, wo schon die Matratze wartete. Mac sah ihnen verwundert nach. Sie hätte beinahe schwören können, dass da gerade ihr eigenes Bett an ihr vorbeigewandert war. <Aber natürlich ist das vollkommen unmögli...>
Mac brach ab, als zwei weitere Möbelpacker etwas an ihr vorbeischleppten, das ganz eindeutig ihr Kühlschrank war – inklusive des Einkaufszettels, den sie heute morgen an dessen Türe gepinnt hatte.
Dann erschien Harm, der die Mikrowelle hinter Kühlschrank und Bett hertrug, und wie angewurzelt stehen blieb, als er Mac und die beiden Rentner früher als erwartet auf dem Parkplatz stehen sah.
Will sah neugierig zwischen dem vollgepackten LKW, seiner Enkelin und Harm hin und her. "Harmon, ich bin ja auch der Meinung, dass du an Sarahs Ernährungsgewohnheiten arbeiten solltest, aber ... ist das nicht ein wenig übertrieben?" Er deutete mit einem etwas ratlosen Lächeln auf den Kühlschrank.
Harm reagierte nicht auf die Frage, sondern sah nur in Macs Richtung. Irgendwie fühlte er sich plötzlich, als hätte er seine Partnerin, Freundin und Kampfgefährtin in diesem ‚Liebe-versus-Freundschaft’-Krieg in einen Hinterhalt laufen lassen. Die Chance, ihre Großeltern in aller Ruhe davon zu überzeugen, dass der gemeinsame Umzug allein praktische Gründe hatte, hatten sie jetzt vermutlich vertan. "Ich weiß, das ist jetzt vielleicht nicht der günstigste aller Momente... aber ich dachte, wenn sie schon mal in der Gegend sind..." Hilflos deutete der Navy-Anwalt auf die Männer, die gerade den Möbelwagen verriegelten. Er zuckte mit den Schultern und lächelte fast zaghaft, in der Hoffnung, dass Mac ihm den spontanen Entschluss verzeihen würde.
Mac reagierte nicht wie üblich auf dieses Flyboy-Lächeln. "Nicht der günstigste aller Momente?!" wiederholte sie ungläubig, "Harm, das zu behaupten ist so als würde ich sagen, minus 40 °C wäre ‚ein bisschen kühl’!" <Nicht dass ich mich im Moment darüber beklagen müsste, dass mir kühl ist – im Gegenteil!> Ihre Wangen weigerten sich beharrlich, ihre normale Hautfarbe wieder anzunehmen.
Sarah Rabb sah zwischen ihrem Enkel und seiner Partnerin hin und her. "Was genau ist hier eigentlich los?" verlangte sie zu wissen und Will baute sich als unterstützende Rückendeckung hinter ihr auf.
Mac nahm den Koffer, der ihr bei ihrer plötzlichen Begegnung mit ihrem Kühlschrank entglitten war, wieder auf. "Können wir das vielleicht in Ruhe drinnen besprechen?" schlug sie vor.
Harm streckte schnell den Arm aus und hielt sie sanft fest. "Ähm, Mac, ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist... Es sei denn, wir setzen uns alle um die Couch und das Gewürzregal herum – denn das ist so ziemlich alles, was noch an Möbeln da drin ist." Er deutete mit dem Daumen auf Macs Apartment.
Mac verzog das Gesicht. "Ich glaube nicht, dass ich wissen möchte, wie sich das Klopfen meiner Nachbarn mit Echo anhört, also nein danke!"
Harm grinste. "Ex-Nachbarn, Mac. Ab heute sind sie nur noch deine Ex-Nachbarn."
Jetzt endlich erwiderte Mac das Lächeln. "Ich weiß, ich wiederhole mich, aber du bist wirklich hoffnungslos, Flyboy!" meinte sie kopfschüttelnd, aber in ihren braunen Augen lag keine Kritik, sondern nur Zuneigung.
"Und ich bin hoffnungslos verwirrt," warf Will ein, "Wie wäre es, wenn ihr zwei alten Leuten mal erklärt, was ihr los ist, bevor wir noch annehmen müssen, ihr wolltet angesichts unserer Anreise nach Rio de Janeiro flüchten."
Mac lachte und schüttelte den Kopf. "Doch nicht Rio – Harm hat Argentinien vorgeschlagen." Sie zwinkerte ihrem Partner verschmitzt zu und gab ihm einen Stups mit dem Ellenbogen, der ihm bedeuten sollte: Du hast uns das mit diesem Möbel-Exodus eingebrockt, nun löffle die Suppe auch aus!
Harm gab widerstrebend nach. "Also, Granny, Will... ähm… Mac und ich haben euch etwas zu sagen…"
Granny ließ sich mit dem Rücken gegen das Auto fallen, drückte die Hand in die Herzgegend und schlug dann erfreut die Hände zusammen. "Ihr wollt heiraten!" Sie strahlte.
Will begann, dem überrumpelten Harm überschwänglich die Hand zu schütteln.
"Nein!" entfuhr es Harm und Mac gleichzeitig.
"Nein? Dann wollt ihr also sozusagen in wilder Ehe zusammenleben?" Granny zwinkerte ihren beiden Enkeln zu. Die junggebliebene 85jährige war in dieser Hinsicht ziemlich modern eingestellt. Sie war schon damit zufrieden, dass Harm und Mac jetzt endlich ein Paar waren.
Harm hob die Brauen und sah seine geliebte Großmutter strafend an. "Granny, wir ziehen in ein gemeinsames Haus, ja, aber das einzige, was bei uns wild sein wird, sind Macs Eßgewohnheiten und das Chaos in ihrem Schuhschrank!"
"Ah ja? Und was ist mit eurem berühmten, wilden hemmungslosen S..."
"Granny!" wurde sie eilig von den beiden Offizieren unterbrochen, die sich umsahen, als befürchteten sie, dass jeden Moment Admiral Chegwidden oder der Marineminister auftauchen und das Gespräch mitanhören würden.
"Damit das ein für alle mal klar ist, ihr zwei: In meiner Wohnung gab es einen Brand und es hätte ewig gedauert, bis das Apartment wieder bewohnbar gewesen wäre," berichtete Harm und Mac, die spürte, dass er den Verlust seines Apartments noch immer ein wenig betrauerte, legte ihm mitfühlend die Hand auf den Arm, , "Ich habe mir ein paar Wohnungen angesehen..."
"Alleine?" warf Will ein und in seine Augen funkelten wie die seiner indianischen Vorfahren, wenn sie ihren Gegnern einen Hinterhalt gelegt hatten und genau wussten, dass es kein Entkommen gab.
Harm stöhnte. "Nein, nicht alleine."
Aller Augen richteten sich auf Mac, die sofort abwehrend die Hände hob. "Hey, er hat mich mit Essen bestochen, was sollte ich denn machen?" verteidigte sie sich.
Granny lachte und tätschelte ihrem Enkel liebevoll die Wange. "Du bist gewitzter als ich dachte, Harmon!" lobte sie anerkennend.
Harm reagierte nicht darauf. "Jedenfalls war da dieses Haus am Potomac und es war praktisch perfekt, nur dass es eben ein bisschen groß für mich alleine war..."
Mac nickte und kam ihrem Partner zu Hilfe. "Und da ich in letzter Zeit ein paar Mieterhöhungen und Ärger mit meinen Nachbarn hatte und meine Wohnung sich praktisch in eine Baustelle verwandelt hatte..."
"Da hat Harmon dich während einem netten Essen in einem tollen Restaurant dazu überredet, seine Frau zu werden... hups, Entschuldigung, ich meine natürlich Hausfrau!" verbesserte sich Granny listig.
"Mac und Hausfrau? Granny, du musst wohl am Jet-Lag leiden, oder hast du schon vergessen, dass sie aus zwei Kochkursen rausgeworfen wurde und der dritte sie erst gar nicht aufnehmen wollte, aus Angst, sie könnte irgendjemanden vergiften?" neckte Harm und piekste Mac fast liebevoll mit dem Finger in die Rippen.
"Mach so weiter, Flyboy, und ich vergifte wirklich jemanden! Wenn man so haushälterisch ungeschickt ist wie ich, kann es eben schon mal passieren, dass einem etwas Zyankali in den Kaffee rutscht!" drohte Mac und grinste Harm vielsagend an, "Und außerdem muss ich gar nicht kochen können ... was glaubst du, wieso ich mit dir zusammenziehe?"
Granny kicherte als hätte sie eben erst die Highschool verlassen. Anerkennend sah sie Mac an. "Du bist eine heimtückische, teuflisch listige Frau, Sarah – du erinnerst mich an mich! Aber jetzt noch mal ganz langsam zum Mitschreiben," bat die alte Dame mit einem Blick wie eine Lehrerin, die gleich jemanden zum Nachsitzen verdonnern würde, "Ihr beide zieht zusammen, weil Harmon nicht in der Lage ist, in der Hauptstadt der USA eine einfache Wohnung aufzutreiben und Sarahs Küche immer noch nicht gestrichen ist? Ihr seid also nicht...?"
Harm und Mac schüttelten die Köpfe. "Nein, Granny, wir sind nicht ‚zusammen’ und wir haben auch nicht vor, das zu ändern." bestätigten sie wie aus einem Munde.
"Ja, ja, und der Papst ist nicht katholisch!" murmelte die silberhaarige Rentnerin. Sie und Will wechselten einen Blick, der eindeutig sagte, dass sie sich damit nicht abfinden würden.
0102 Z-Zeit (20:02 Uhr EST)
Restaurant "St. Louis"
In der Nähe des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm Rabb lehnte sich zurück und sah sich in dem Restaurant um, das sie ganz in der Nähe ihrer neuen Heimat entdeckt hatten, während sie die erste Runde mit Jingo Spazieren gegangen waren. Als er sich wieder nach vorne lehnte, um die Speisekarte aufzuschlagen, fiel ihm plötzlich auf, dass er den Arm um die Lehne von Macs Stuhl gelegt hatte und zog eilig den Arm weg, in der Hoffnung, dass die altersschwachen Augen der beiden Rentner die Geste nicht bemerkt hatten.
Diese Illusion löste sich in Luft auf, als er die identischen Grinsen in den Gesichtern der beiden alten Leute ihm gegenüber sah. <Wäre ja auch zu schön gewesen!>
"Also, ich muss zugeben, dass mir diese ganze Umzieherei – und vor allem das Auspacken von ungefähr tausend Paar Schuhen - ein bisschen Appetit gemacht hat," versuchte er eilig abzulenken, "Und wenn ich Appetit habe, dann muss Mac hungrig wie ein Rudel Wölfe sein, oder?"
"Hungrig?" echote Mac, "Ich war hungrig, als wir hier ankamen. Der Geruch, der da aus der Küche kommt, hat mich in eine völlig neue Kategorie von Hunger versetzt. Ich stehe praktisch kurz vorm Hungertod!" Sie setzte eine entsprechend ernste Miene auf.
Harm lachte und wandte sich an den Kellner, der wartend mit Zettel und Stift neben dem Tisch stand. "Für mich bitte die Shrimps nach Kreolischer Art."
"Wieso hab ich das nur gewusst?" kommentierte Mac ironisch.
"Weil du einen Blick in deine Glaskugel geworfen hast?" meinte Harm grinsend und widerstand nur mit Mühe der Versuchung, Mac kameradschaftlich durchs Haar zu wuscheln.
Mac entschied sich für ein Gericht mit kleinen, scharfen Hackfleischbällchen und schüttelte den Kopf. "Die ist noch in irgendeiner Umzugskiste verpackt." antwortete sie trocken.
"Ähm, wo wir gerade beim Zukunft vorhersagen sind..." begann Will, der wie Granny die ganze Zeit über schon verdächtig ruhig gewesen war.
"Ja?" Mac und Harm hielten sofort mit ihren Neckereien inne, um ihre Aufmerksamkeit ihren Großeltern zu schenken.
Will MacKenzie räusperte sich vernehmlich. "Harmon, ich möchte dich hiermit ganz offiziell um die Hand deiner Großmutter bitten." brachte er schließlich heraus, sah Granny tief in die Augen und errötete wie ein Schuljunge.
Harm starrte ihn an, als hätte Will ihn gebeten, ihm die Hand in einem Schuhkarton zuzusenden. Benommen schüttelte er den Kopf, während seine Gedanken Purzelbäume schlugen. "Hä?" fasste er die Summe seiner Gedanken effizient zusammen.
"Will und ich haben beschlossen zu heiraten." erklärte Granny als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt und griff nach der gebräunten Hand ihres ‚Zukünftigen’.
Mac schloss den Mund wieder und räusperte sich. "Granny... Will..." Sie schüttelte den Kopf als könne sie nicht fassen, was sie da eben gehört hatte, "... wie lange kennt ihr euch jetzt schon?" Beschwörend sah sie die beiden Rentner an.
Will warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. "Kann es sein, dass irgendetwas ... oder irgendjemand," Er sah zu Harm hinüber, "deine innere Uhr durcheinandergebracht hat?" neckte er sanft.
Mac verdrehte die Augen. "Okay, schön, ihr kennt euch also seit vier Wochen, sechs Tagen und neun Stunden..."
"Und vierundzwanzig Minuten." warf Will mit einem würdigen Nicken ein.
"Keine Sekunden?" fragte Harm spöttisch.
Will zuckte schmunzelnd die Schultern. "Ich wollte euch nicht mit Details nerven. Fakt ist, dass deine Großmutter und ich uns nach vier Wochen, sechs Tagen, neun Stunden und vierundzwanzig Minuten so sicher sind, dass wir den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen wollen, wie gewisse andere Personen es nicht einmal nach drei Jahren, elf Monaten und 27 Tagen sind!"
Harm überwand langsam seinen Schock und grinste die beiden wild entschlossenen Senioren belustigt an. "Ihr MÜSST doch nicht etwa heiraten, oder?"
Macs Mundwinkel kräuselten sich und sie nickte Harm verschwörerisch zu. "Werden wir etwa ... tja, was werden wir dann eigentlich ... Nichte und Neffe?"
Granny setzte ihren strengsten Großmutter-Blick auf. "Sehr witzig, ihr beiden, ich würde ja mal kräftig lachen, aber ich habe Angst, dass meine Zähne sich selbständig machen..."
"Also, was ist jetzt?" fragte Will zu Harm gewandt und nickte in Richtung der schmalen Hand, die er in seiner eigenen hielt.
"Meinen Segen habt ihr," versicherte Harm lächelnd. Wenn es die beiden Rentner glücklich machen würde, war er gewiss nicht derjenige, der da im Wege stehen wollte. Und außerdem hatte er eine ziemlich hohe Meinung von Macs Großvater, "Ich hab’s ja ohnehin schon immer gesagt: Wer sich einmal mit einem Piloten verabredet..." Das Lächeln wurde zu einem vielsagenden Grinsen.
Mac schnaubte abfällig. "Das kommt nur daher, dass ihr Kerle so aufdringlich seid. Euch bekommt man kaum noch los – wie Kaugummi unter der Schuhsohle!"
Granny schüttelte den Kopf. "Oh, welch romantische Ausdrucksweise! Von wem sie das wohl hat?"
"Sieh mich nicht so an!" protestierte Will.
Seine Zukünftige schmunzelte voller Zuneigung. "Würde mir nie einfallen, Will – dein Antrag war schließlich sehr romantisch."
Harm stöhnte. "Lasst mich raten... ihr habt wieder einmal über euren Schlachtplänen gebrütet, wie ihr uns verkuppeln könnt und da hatte Will die Idee, dass ihr heiraten und Mac dann den Brautstrauß zuwerfen könntet?"
"Oder dir das Strumpfband!" warf Granny ein und dann in Macs Richtung gewandt: "Eigentlich wollte ich ja DEINEN Brautstrauß fangen und nicht umgekehrt, aber wenn ich auf eure Hochzeit warten würde, dann könnte ich inzwischen alt und grau werden."
Harm versuchte, sein Grinsen hinter seinem Mineralwasserglas zu verstecken – das aber leider durchsichtig war. "Granny, du BIST..."
"Immer noch deine Großmutter und deshalb wäre es besser für dich und dein Ohrläppchen, jetzt nicht weiterzusprechen!" unterbrach ihn Sarah Rabb warnend.
Harm verstummte gehorsam und rieb sich das besagte Körperteil.
Mac erhob sich, um die beiden Jung... pardon ... Frischverlobten zu umarmen. "Und wann soll der Hochzeitstermin sein?"
"Nächsten Samstag, eine Doppelhochzeit zusammen mit Hazel und John – obwohl es auch nett wäre, eine Dreifach-Hochzeit zu feiern!" meinte Will bedeutsam.
Harm und Mac wechselten erneut einen überraschten Blick. Wie immer verschwendeten ihre Großeltern weder Zeit noch eine Gelegenheit, ihre Enkel miteinander zu verkuppeln.
"Nein, danke!" widersprach Mac sofort, "Denk doch mal an die Verwirrung, die das für den armen Priester bedeuten würde... Rabb heiratet MacKenzie; MacKenzie heiratet Rabb..."
"Oh, ich bin sicher, wenn man ihm das gaaaanz geduldig erklären würde..." begann Granny, um sofort mit einem zweistimmigen "GRANNY!" unterbrochen zu werden, "Na schön, Hauptsache ihr kommt zur Hochzeit."
Noch ein schneller Blick zwischen Harm und Mac. "Gott, wieso habe ich plötzlich das Gefühl, dass das alles Teil eines Plans gegen uns ist?" stöhnte die Marine-Corps-Anwältin.
"Sarah, wir heiraten nicht wegen eines Plans," versicherte Granny ernsthaft, "es sei denn natürlich, du meinst vielleicht einen ‚höheren Plan’, aber zugegeben, es ist ganz nett ein bisschen ..."
"... Verstärkung für die eigenen Truppen zu bekommen." beendete Will ihren Satz.
Harm stöhnte als ihm einfiel, dass seine Mutter bei der Hochzeit anwesend und vermutlich in bester Kuppellaune sein würde. <Weiß jemand, wie um diese Jahreszeit das Wetter in Rio sein soll?>
0344 Z-Zeit (22:44 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm pflückte mit einer Hand Gypsie von einigen im Wohnzimmer ihres neuen Hauses aufgestapelten Umzugkartons, während er mit der anderen Hand einen seiner Turnschuhe vor Jingos Zähnen rettete.
Granny und Will kehrten Arm in Arm von ihrer Besichtigungstour durch das Haus zurück. "Oben auf dem Balkon ist es wirklich romantisch um diese Uhrzeit," bemerkte Will vielsagend, "das solltet ihr wirklich mal ausprobieren."
"Und er führt direkt zu Sarahs Schlafzimmer." fügte Granny betont unschuldig hinzu.
Harm zog es vor, nicht darauf zu antworten und wühlte stattdessen auf der Suche nach seinem Zahnputzbecher in einem der Umzugkartons.
"Wo sollen wir eigentlich schlafen?" erkundigte sich Will nach einer Weile.
Harm richtete sich auf. "Da die ausziehbare Couch noch bei Mac im Apartment ist, dachte ich, für die eine Nacht könnten wir zwei Männer hier unten im Wasserbett schlafen und Granny und Mac..."
"Kommt nicht in Frage!" unterbrach ihn Will energisch und auch Granny schüttelte den Kopf. Die beiden Rentner hielten sich an den Händen, als seien sie dort mit Sekundenkleber zusammengeklebt worden.
"Ähm... was?" Harm sah den sonst so ruhigen und sanften Halb-Indianer überrascht an.
"Ich schlafe nicht in einem Wasserbett – ich bin Ex-Pilot und kein Bademeister!" erklärte Will resolut.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Und ich? Seh’ ich vielleicht aus wie David Hasselhoff?" fragte er kopfschüttelnd.
Will grinste. "Zum Glück nicht. Ich glaube nicht, dass deine Sarah es sonderlich gerne sehen würde, wenn du jeden Tag mit blonden, attraktiven, vollbus..."
"William MacKenzie!" unterbrach Granny ihren Zukünftigen scharf und stemmte die Hände in die Hüften, "Deine Sarah sieht es auch nicht gerne, wenn du solche Reden schwingst!"
Will hob abwehrend die Hände. "Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass es weder mir noch Harmon je in den Sinn käme, irgendwelche Blondinen auch nur anzusehen." versicherte er treuherzig.
"Hey, sprich nur für dich, Will – ich bin noch auf dem Markt der freien, ungebundenen Junggesellen zu haben!" Harms Zähne blitzten, als er sein Flyboy-Grinsen zeigte.
Grannys blaue Augen funkelten amüsiert. "Träum’ weiter, lieber Enkel! Selbst zwei halbblinde Rentner können sehen, dass du längst gebunden bist an..."
"Harm?" rief in diesem Moment Mac, die gerade die Treppe herunterkam.
"Aufs Stichwort!" stellte Will zufrieden fest, "Das Timing von uns MacKenzies war schon immer gut!"
Harm ignorierte die Bemerkung und drehte sich zu Mac um. "Hm?"
"Du weißt nicht zufällig, welcher der Kartons der mit meinen Pyjamas ist?" Mac deutete fragend auf die überall im Wohnzimmer verteilten Umzugskartons.
"Gute Frage..." Harm schüttelte ratlos den Kopf.
"Nur keine Umstände wegen uns," meinte Granny schmunzelnd, "Und ich bin sicher, Harm hätte nichts dagegen, wenn das einzige, das du im Bett tragen würdest, ein Lächeln wäre."
Mac bemühte sich vergebens, nicht zu erröten. "Granny!"
Harm durchbohrte seine Großmutter mit einem warnenden Blick, während er sich fragte, in welchen der Kartons sie die Geschirrtücher gepackt hatten – oder irgend etwas anderes, aus dem sich ein Knebel herstellen ließ.
"Ich weiß gar nicht was ihr habt," fuhr Granny unbeeindruckt fort, "Sarah hat doch ein sehr schönes Lächeln – und schließlich ist lächeln das zweitschönste, was man mit den Lippen tun kann."
Mac rollte mit den Augen. "Granny!" mahnte sie verzweifelt.
"Was denn?" Die alte Dame tat unschuldig, "Ich dachte immer, du isst so gerne. Was ist so schlimm daran?"
Auf der Suche nach dem Geschirrtuch fand Harm den Karton mit Macs Pyjamas und reichte seiner Mitbewohnern einen.
Will nahm noch immer grinsend seine Reisetasche in die eine Hand und Grannys Hand in die andere und ging in Richtung Treppe. "Also, gute Nacht ihr beiden, wir schlafen oben."
Granny folgte ihm ohne zu zögern. "Und tut nichts, was wir nicht auch tun würden..."
"... wenn wir fünfzig Jahre jünger wären!" beendete Will lachend den Satz.
Sie stiegen die Treppe hinauf und zurück blieben zwei Anwälte, die sich hilflos ansahen. Dann wanderte ihr Blick durch die offene Schlafzimmertüre hinüber zu Harms Bett.
"Tut mir leid, Mac," begann Harm nach einer Weile, "Ich hatte mir das eigentlich so gedacht, dass Will und ich..." Er deutete auf das Wasserbett.
"Schon gut, Harm," Mac legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, "Ich kann mir schon vorstellen, wie das abgelaufen ist. Die beiden schrecken vor nichts zurück, um uns zusammen ins Bett zu kriegen ... äh, ich meine..." Mac errötete erneut und brach verlegen ab.
Harm unterdrückte ein Grinsen. "Ich weiß, was du meinst, Marine – schließlich bin ich nicht derjenige, der in jeden Satz, jedes Wort, jeden Buchstaben und jeden Atemzug, den wir tun, irgendetwas hineininterpretieren muss!"
Mac nickte und sie sahen wieder beide in Richtung Schlafzimmer. Macs Hand strich unbewusst über das seidige Material ihres Pyjamas und spielte unschlüssig mit einem Knopf.
Harm räusperte sich. "Mac, ich kann gerne auch in der Badewanne..."
"Das ist doch Unsinn, Flyboy!" wehrte Mac sofort ab, "Du bist ein Flieger und kein Taucher! Wir wollen doch nicht, dass deine Goldflügel zu rosten beginnen. Und außerdem ist es so langsam doch wirklich nichts Neues mehr, im selben Bett zu übernachten, oder?"
"Hey, wenn da eine gewisse Langeweile in deiner Stimme mitschwingen sollte, so will ich das nicht gehört haben! Mit einem Flyboy das Bett zu teilen hat aufregend und prickelnd zu sein – jedenfalls steht es so im Flieger-Handbuch." behauptete Harm lächelnd.
Mac zuckte betont gelangweilt die Schultern. "Papier ist ja bekanntlich geduldig, Commander. Und das einzige, was prickeln würde, wäre, wenn das Wasserbett ein Leck hätte." Sie grinste frech.
"Ein Leck?" wiederholte Harm skeptisch, "Ich wusste doch, ich hätte dich nicht zum x-ten Mal in ‚Titanic’ gehen lassen sollen!"
Mac neigte den Kopf und sah ihren Kollegen und Freund herausfordernd an. "Du mich nicht gehen lassen?"
"Oh, richtig, ist ja nicht so, als hätte ich dich zurückhalten können, wo doch dieser Leonardo Was-Weiß-denn-ich-wie-er-heißt mitgespielt hat!" Harm nickte verstehend.
"Er heißt DiCaprio, Flyboy, das weißt du ganz genau! Und im Übrigen habe ich mir den Film nicht seinetwegen angesehen – arrogante Kerle, die glauben, sie bräuchten nur ihre ‚Schwingen’ auszubreiten und schon wären sie die Herren der Welt, kenne ich selbst genügend!" spöttelte Mac, aber der sanfte Glanz in ihren braunen Augen nahm ihren Worten die Schärfe.
Harm grinste nur. "Ah, ich verstehe. Du bist deshalb in den Film gegangen, weil er lange genug war, um dir die Zeit zu geben, das ganze Popcorn aufzuessen!"
"In den Genuss, das ganze Popcorn alleine zu essen, bin ich nur deshalb gekommen, weil ein bestimmter Ex-Pilot zu beschäftigt damit war, drei Stunden lang Kate Winslet anzustarren!" behauptete Mac.
"Kate Wer?" Harm sah seine Partnerin unschuldig an, "War das die alte Dame? Mac, also wirklich, was glaubst du denn von mir? Gegen sie wirkt ja Granny noch jugendlich!"
"Hey, Vorsicht, Flyboy!" warnte Mac scherzhaft, "Du sprichst über die Zukünftige meines Großvaters!"
Harm wurde plötzlich ernst und sah Mac prüfend in die Augen. "Mac, bist du damit...," Er deutete in Richtung der Treppe, die hinauf in den zweiten Stock führte, "... einverstanden?"
Mac erwiderte seinen Blick und trat einen Schritt näher an ihn heran, um ihm sanft die Hand auf den Arm zu legen. "Ja, das bin ich, Harm," entgegnete sie ernsthaft, "Ich weiß, es ist ein wenig ungewöhnlich, in dem Alter noch mal heiraten zu wollen, aber Granny und Will haben beide ihr Leben alleine verbracht und wenn sie jetzt einander haben, um ihren Lebensabend nicht einsam verbringen zu müssen, dann gönne ich ihnen das von ganzem Herzen. Und wie ... hast du es aufgenommen?" Macs große braune Augen blickten fast besorgt in Harms blau-graue.
Harm legte beruhigend seine Hand über Macs. "Ein Pilot mehr in der Familie ist mir jederzeit willkommen," antwortete er grinsend und dann ernster: "Ich weiß, dass es nichts daran ändern wird, dass mein Großvater für immer einen besonderen Platz in Granny Herz haben wird. Ihr Herz ist groß genug."
<Genau wie deines, Harm.> dachte Mac schluckend.
Harm stupste seine Mitbewohnerin auffordernd an. "Was ist jetzt, Marine? Da drüben wartet ein Wasserbett auf uns!"
Zehn Minuten später lag Harm in Boxershorts und einem Navy-T-Shirt im Bett und wartete darauf, dass Mac aus dem Badezimmer kam und er das Licht löschen konnte. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah durch die offene Türe zu, wie Gypsie über den Parkett-Boden im Wohnzimmer schlidderte und dabei fast ihren gemächlicheren Hunde-Freund umrannte. "Hey, nicht so wild! Komm her, Süße!" forderte er die Katze auf.
Granny, die plötzlich im weißen Großmutter-Nachthemd um die Ecke bog, grinste ihr breitestes Rabb-Grinsen als sie diese Worte hörte. "Oh, ich dachte, du redest mit Sarah." behauptete sie schmunzelnd als Gypsie aufs Bett sprang und erst mal erschrocken fauchte, als die scheinbar feste Unterlage zu schaukeln begann. "Määääh!" protestierte die rote Katze lautstark, während sie über das wackelnde Wasserbett auf Harm zutapste.
Harm verschränkte die muskulösen Arme und sah seine Großmutter tadelnd an.
Granny grinste und hob abwehrend die Hände. "Schon gut, schon gut, Harmon, ich wollte euch nicht etwa bei irgendetwas stören..." Vielsagend hob sie eine Braue, "Nur haben wir oben keinen Wecker, das wollte ich euch nur sagen, damit ihr euch nicht wundert, wenn wir nicht so pünktlich aufstehen."
Harm sah die alte Dame skeptisch an. "Granny, du hast doch ein Original cherokesisches Uhrwerk neben dir im Bett, warum solltet ihr verschlafen?"
"Oh, weißt du, Harmon, wenn alte Leute sich körperlich verausgabt haben, schlafen sie eben tief und fest..."
"Granny!" Harm schüttelte in stummem Tadel den Kopf.
"Was denn?" Granny tat unschuldig, "Ich rede vom Kofferschleppen, du solltest wirklich aufhören, ständig von dir und Sarah auf uns zu schließen!"
Harm brummte etwas und Granny kicherte. "Gute Nacht, Harmon. Und träumt was Romantisches – du weißt doch: Das was man in der ersten Nacht in einem neuen Haus träumt, geht in Erfüllung."
"Ach ja?" Harm grinste, "Dann werde ich beim Einschlafen immer ganz fest ‚Lotto’, ‚Lotto’, ‚Lotto’ denken!" kündigte er an.
Jetzt war es an Granny, tadelnd den Kopf zu schütteln und sie machte sich auf den Weg in ihr eigenes Schlafzimmer.
Harm beobachtete eine Weile, wie Jingo und Gypsie sich mit dem Wasserbett anfreundeten, bevor die Badezimmertüre aufging und Mac im Seidenpyjama zum Vorschein kam.
Als sie um das Bett herumkam und die beiden Tiere am Fußende möglichst unauffällig etwas mehr auf Harms Seite schob, erhaschte Harm einen Blick auf ihre Füße und er runzelte kritisch die Stirn. "Also, wenn du darauf bestehst, diese Dinger da zu tragen, dann mach mich bitte nicht für mangelnde Gelassenheit verantwortlich!" meinte er und zeigte laut lachend auf ihre Bugs-Bunny-Hausschuhe.
Mac richtete sich zu ihren vollen 1,75m auf und stemmte die Hände in die Hüften. "Du beleidigst meine Hausschuhe, Flyboy?" fragte sie drohend.
"Oh nein, ich würde es nie wagen, die Wahl deines Schuhwerkes in Frage zu stellen, Marine!" versicherte Harm treuherzig.
Mac sah auf ihre Hausschuhe hinab und wackelte provozierend mit den Zehen, so dass die Hasenohren wippten. "Gib’s doch zu, in Wirklichkeit wünscht du dir heimlich selbst ein Paar."
"Oh klar, Mac, ich wollte schon immer mal Walt Disney als Schuhmacher engagieren!" stichelte Harm.
Mac ignorierte ihn und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. Sie zog an den Bugs-Bunny-Ohren, um die Hausschuhe von den Füßen zu streifen, und ließ sich dann langsam auf das Wasserbett sinken. "Hmmmm!" kommentierte sie begeistert, als sie sich ausstreckte und das beruhigende, leichte Schaukeln um sie herum bemerkte, "Wow! Himmlisch! Das fühlt sich toll an!"
"Pssst, Mac!" zischte Harm, während seine Mundwinkeln amüsiert zuckten, "Wenn das Will und Granny hören, legen sie dein enthusiastisches Probeliegen sicher weniger jugendfrei aus!"
Mac war fest entschlossen, nicht zu erröten, und grinste stattdessen herausfordernd. "Ich hab dir doch gesagt, dass ich ziemlich laut werde, wenn ich leidenschaftlich mit etwas beschäftigt bin!"
Harm starrte sie einen Moment lang nur überrascht an, dann schüttelte er lächelnd den Kopf und knipste das Licht aus. Er legte den Kopfs aufs Kissen und schloss die Augen, bemerkte aber sofort, dass er so nicht würde schlafen können. Er zupfte an seiner Decke, die zur Hälfte unter Mac begraben war. "Hey, Mac!" beschwerte er sich, "würde es dir etwas ausmachen, deinen tätowierten Marine-Luxus-Körper von meiner Decke zu hieven?"
Mac rollte sich etwas zur Seite. "War das etwa ein Kompliment, Commander?" erkundigte sie sich neckisch.
Harm schnaubte als wäre das das letzte, was ihm in den Sinn kommen würde, während er mit seiner attraktiven Kollegin das Bett teilte. "Obwohl ... ich könnte vielleicht dazu überzeugt werden, mir ein Kompliment abzuringen, wenn du es schaffen würdest, wenigstens eines der beiden Monster da von meiner Seite des Bettes wegzukriegen – die beiden nehmen mir soviel Platz weg, dass ich die Knie praktisch bis an die Ohren anziehen muss, um überhaupt noch aufs Bett zu passen!"
"Määääh!" beklagte sich Gypsie und vom Fußende her leuchteten zwei empörte Katzenaugen in der Dunkelheit.
"Ganz meine Meinung, Gypsie," stimmte Mac schadenfroh zu, "Man sollte doch wirklich meinen, ihr Flieger wärt ein bisschen Enge von euren Cockpits her gewöhnt... oder sollte es dein Piloten-Ego sein, das da soviel Platz im Bett wegnimmt?"
"Hey, Vorsicht, Marine! In MEINEM Bett kann sich mein Ego entfalten, soviel es möchte!" verteidigte sich Harm und streckte die Zehen aus – langsam und vorsichtig, damit Gypsie es nicht als Einladung zum Spiel wertete.
Mac hatte Erbarmen, streckte die Hand aus und schob Gypsie auf ihre Seite des Bettes hinüber. "Wo bleibt mein Kompliment?" erkundigte sie sich sofort fordernd.
"Ich bin derjenige, der ein Kompliment verdient hat, schließlich hast du dir gerade bequemerweise eine kleine, sanft schnurrende Katze geschnappt, während ich es heldenhaft die ganze Nacht mit einem großen, schnarchenden alten Hund mit Mundgeruch aushalten muss!" protestierte Harm.
Mac musste zugeben, dass er nicht ganz unrecht hatte. "Hmmm, Kompliment ... lass mich mal überlegen...," Sie starrte einige Sekunden lang überlegend in die Dunkelheit, die das neue Schlafzimmer umgab, "Okay, du kannst kochen, dafür bekommst du schon mal zwei Punkte."
Mac brauchte Harm nicht zu sehen, um zu wissen, dass er jetzt eine kritische Miene aufsetzte und fragend eine Braue hob. "Oh, wie großzügig! Erzähl mir mehr über dieses mysteriöse Punktesystem, das du da hast. Bekomme ich für alles Punkte oder nur für bestimmte Dinge?"
"Nur für bestimmte Dinge und auch nur dann, wenn du sehr, sehr gut darin bist." erklärte Mac bestimmt.
"Und wer entscheidet, was diese bestimmten Dinge sind und ob ich sehr, sehr gut darin bin?" wollte Harm wissen und musste schmunzeln. Er liebte es, wenn Mac es ihrer humorvollen, spielerischen Seite erlaubte, in Erscheinung zu treten.
"Da es mein Punktesystem ist, liegt die Entscheidungsgewalt bei mir." verriet Mac selbstbewusst.
"Mm-hm. Also, welche meiner vielen einmaligen und liebenswerten Talente und Fähigkeiten sind denn in diesem Punktesystem preisverdächtig?" wollte der Navy-Anwalt wissen.
"Mal sehen..." Mac tat, als müsse sie wirklich angestrengt überlegen, damit ihr überhaupt eine lobenswerte Eigenschaft einfiel, "Wie gesagt, da sind deine kulinarischen Talente und deine Richtungsweisungsfähigkeiten. Obwohl ... wenn ich es recht bedenke, die sollten wir vielleicht lieber nicht miteinschließen, sonst verlagert sich dein Punktestand noch ins Negative."
"Was ist mit meinen Zugfahr-Talenten? Dafür müsste ich doch auch ein paar Punkte bekommen, oder?" begann Harm zu handeln.
"Dafür gäbe es drei Punkte... wenn du dreißig Jahre jünger wärst, Flyboy!" entgegnete Mac unbarmherzig.
"Und...?" begann Harm hoffnungsvoll.
"Nein, für das Glockeläuten gibt’s auch keine Punkte!"
"Hey, aber..."
"Ist mir ganz egal, wie laut es war, Harm!" Mac blieb eisern, musste aber schmunzeln.
"Ich muss ja schon sagen, Mac, du bist strenger als mein Fluglehrer, mein Beichtvater und meine Grundschullehrerin zusammen!" beschwerte sich Harm und für sich selbst fügte er hinzu <Okay, sie ist auch schöner und witziger, als die drei zusammen!> "Ich hoffe, der Preis ist den Strapazen angemessen. Was bekomme ich, wenn ich genügend Punkte gesammelt habe? Das hat nicht zufällig was mit meinem Geburtstag zu tun, oder?" Seine Zähne blitzten in der Dunkelheit, als er sein überzeugendstes Fliegerlächeln auf Mac anwandte.
"Geburtstag?" Mac spielte die Ahnungslose.
"Ja, Geburtstag!" Harm nickte heftig, obwohl Mac diese Geste überhaupt nicht sehen konnte, "Also sag schon, was bekomme ich von dir?"
"Ich weiß wirklich nicht, wovon du da sprichst, Harmon!" Mac sprach jetzt in einem Tonfall wie die Grundschullehrerin, die Harm eben erwähnt hatte.
Harm ließ sich davon jedoch nicht beirren. Er wusste, wie sehr Mac Geschenke liebte, auch wenn sie nicht diejenige war, die sie auspacken durfte. "Du hast mir doch sicher schon etwas besorgt, oder?"
"Wenn ich dir etwas gekauft haben sollte – und ich sage nicht, dass ich es getan habe – aber falls ich es getan hätte, dann würde ich dir das sicherlich nicht erzählen."
"Also, falls du bisher nicht dazugekommen bist – und ich sage nicht, dass es so ist – aber nur falls ... hab ich schon erwähnt, dass ich da diesen wirklich tollen BMW gesehen habe und dass er..." Harm verstummte als ein Kissen gegen sein Gesicht gedrückt wurde und für eine Minute hörte man nur noch gedämpftes Lachen.
Mac nahm das Kissen weg und legte sich wieder hin. "Gute Nacht, Harm." sagte sie sanft.
Harm versuchte, ihr Gesicht in der Dunkelheit zu erkennen. "Gute Nacht, Mac, träum was Schönes." erwiderte er, sich an Grannys Hinweis erinnernd. Er schloss die Augen und lauschte Macs gleichmäßigen, ruhigen Atemzügen, die ihn in den letzten Wochen immer in den Schlaf gelullt hatten. Er stellte sich bereits darauf ein, dass er, sobald Granny und Will abgereist waren und Mac wieder ihr eigenes Bett hatte, wieder Düsenjets zählen musste, um einschlafen zu können.
Drei Minuten später war er fast eingeschlafen als er spürte, wie sich das Wasserbett ein wenig neigte und Macs Wärme näher rückte. Er grinste schläfrig in die Dunkelheit, bevor auch er einschlief.
1304 Z-Zeit (08:04 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Ein leichtes Schaukeln weckte Mac. Der Geruch von Kiefern und frischer Meeresluft drang in ihr Bewusstsein und sie presste die Nase gegen das Kissen, um den angenehmen Geruch tief einzuatmen. <Kissen...?> Mac schlug langsam ein Auge auf, dann abrupt das zweite und stellte fest, dass sie eng an Harm gekuschelt war und die Nase gerade gegen seinen Nacken drückte.
Eilig nahm sie die Nase weg, aber nicht bevor sie ein letztes Mal tief eingeatmet und sich vorgenommen hatte, sich im Badezimmer nach der Marke seines Aftershaves umzusehen – schließlich stand es nirgends geschrieben, dass man sich mit einem Geburtstagsgeschenk für seinen besten Freund nicht auch ein wenig selbst belohnen durfte.
Über diesen Gedanken schlief sie noch mal ein und als sie erwachte, war es halb zehn und ihr knurrte der Magen. Vorsichtig schälte sie sich aus dem Wasserbett und tapste erst ins Bad und dann in die Küche, zum Kühlschrank hinüber. Die Küche war groß, mit mehreren Kochplatten, hübschen dunklen Einbauschränken und einem Tresen, der dem in Harms alter Wohnung ähnelte. Durch eine Glastüre, die in den Garten führte, fiel Sonnenlicht in den Raum.
Mac öffnete die Kühlschranktüre, nur um sie gleich wieder zuzuschlagen – im Kühlschrank herrschte dieselbe Leere wie in ihrem Magen. Kritisch beäugte Mac den Einkaufszettel am Kühlschrank. Sie hätte gar nicht Harms Schrift zu erkennen brauchen, um zu wissen, dass er dieses Stück Literatur verfasst hatte. <Salat, Milch, Krabben, Cola light.> Sie schüttelte sich und suchte nach einem Kugelschreiber. <Pizza, Käsekuchen, Nutella.> fügte sie hinzu, <Richtiges Essen!>
Harm tauchte neben ihr auf, in T-Shirt und Boxershorts und mit Jingo und Gypsie auf den Fersen.
"Guten Morgen, Flyboy, gut geschlafen, ab ins Bad, zieh dich an, wir gehen einkaufen!" sagte Mac alles in einem Atemzug und schon rauschte sie auf der Suche nach dem Autoschlüssel an ihm vorbei.
Harm stand noch immer etwas schläfrig mitten in der Küche und sah kopfschüttelnd auf die beiden Tiere zu seinen Füßen hinab. "Dieser Marine ist noch mal mein Tod!"
1528 Z-Zeit (10:28 Uhr EST)
Supermarkt
Washington D.C.
Harmon Rabb schob sich auf der Suche nach seiner Partnerin zwischen zwei Stapeln Konservenbüchsen hindurch. Irgendwo zwischen den Cornflakes und der Getränkeabteilung war ihm Mac abhanden gekommen – höchstwahrscheinlich bei den Süßwaren, wie Harm vermutete.
Als er eine Palette mit Ketchupflaschen umrundete, entdeckte er Mac endlich. Sie kam gerade mit einem schwerbeladenen Einkaufswagen um die Ecke. "Gott, Mac, ich hoffe, das ist für den nächsten Monat und nicht nur für eine Woche!" begrüßte er seine Mitbewohnerin, die daraufhin nur grinste, "Wohin bist du denn überhaupt so schnell verschwunden?"
"Schnell?"
"Ja, schnell, Mac. Ich bin sicher, ein paar Abschnitte der Straßenverkehrsordnung gelten auch für Supermärkte – jedenfalls sollten sie das für Supermärkte, die in deinem Umfeld liegen!" Harm schüttelte den Kopf und reckte den Hals als wolle er feststellen, ob die Räder des Einkaufswagens qualmten.
"Okay, vielleicht war ich ja ein bisschen schnell..." gab Mac zu.
"Ein bisschen, Mac? Du bist auf zwei Rädern in den dritten Gang eingebogen und wenn nicht zufällig eines dieser Räder blockiert und dich so abgebremst hätte, hättest du engere Bekanntschaft mit einem Stapel Sellerie gemacht!" mahnte Harm und übernahm vorsichtshalber die Steuerung des Einkaufswagens als sie weitergingen. "Ich dachte, wir könnten heute Abend mal selbst kochen. Irgendwelche besonderen Wünsche?" fragte er über die Schulter zurück.
"Nein," antwortete Mac, auf die Wursttheke zustrebend, "das Abendessen hat nur einer Anforderung zu genügen."
Harm stoppte vor dem Kühlregal mit Fisch und Meeresfrüchten. "Und zwar?"
Mac deutete anklagend auf den Artikel, nach dem Harm gerade unauffällig die Hand ausstreckte. "Keine..."
"Shrimps," beendete Harm seufzend ihren Satz, "Tut mir leid, ich kann nichts versprechen."
Eine halbe Stunde später waren sie endlich auf dem Weg nach Hause. Mac stellte fest, dass sich ein Kloß in ihrem Hals bildete und sie heftig schlucken musste, als ihr neues Zuhause in Sicht kam und Harm schließlich seinen Jeep in der Garage neben ihrer Corvette parkte. Nach all der langen Zeit, die sie alleine gelebt hatte, war es schon irgendwie ein seltsames Gefühl, dass zuhause jemand auf einen wartete. Als sie die Türe aufschloss und gefolgt von Harm das Haus betrat, stellte sie fest, dass es ein angenehmes seltsames Gefühl war.
Obwohl es jetzt fast zwölf Uhr war, war von Granny und Will weit und breit nichts zu sehen. "Die vergangenen Jahre haben mich gelehrt, dass man drei Dinge nicht wecken sollte," erklärte Harm weise, während er die Einkaufstüten in der Küche abstellte, "den Zorn eines Admirals, den Appetit eines Marines und Kuppler, die schlafen und uns deshalb eine Pause gönnen."
Mac nickte zustimmend und begann möglichst unauffällig den Inhalt der Einkaufstüten zu beäugen.
"Also, Marine, wie wäre es heute Abend mit..." Harm wurde vom Knistern der Papiertüte unterbrochen. "Suchst du nach irgendetwas Bestimmtem?" fragte er mit gespielter Strenge.
Mac sah mit einem charmanten Lächeln von den Einkäufen auf. "Ich wollte nur mal sehen, was es zum Dessert gibt."
"Wenn du nicht so damit beschäftigt gewesen wärst, ständig irgendwelche Lebensmittel wieder in die Regale zurückzutun, dann hättest du mitbekommen, was ich als Dessert gekauft habe." erklärte Harm mit stummem Vorwurf.
"Nicht IRGENDWELCHE Lebensmittel, Commander, sondern SHRIMPS!" betonte Mac.
Sie hatten gerade begonnen, den Kühlschrank einzuräumen, als Granny und Will Hand in Hand die Treppe hinunterkamen.
"Guten Morgen, ihr zwei," begrüßte Granny sie heiter, "schließt lieber die Kühlschranktüre, bevor die kombinierte Körperwärme, die ihr ausstrahlt, alles dort drin zum Schmelzen bringt!"
Harm und Mac rückten unwillkürlich ein Stück auseinander. "Ha-ha!" machte Harm, während er sich fragte, wie gut sich das Glas Nutella, das er gerade in der Hand hatte, als Wurfgeschoss eignete. <Aber wenn ich Macs Heiligtum durch die Gegend werfe, erschlägt sie mich wahrscheinlich mit einer Stange Sellerie...> sagte er sich dann und stellte das Glas brav in den Schrank.
"Hast du was Schönes geträumt, Liebes?" wandte sich Sarah Rabb an ihre Namensgefährtin.
Mac lachte und wer sie gut kannte, der sah, dass es ein Lachen war, das über ihre Verlegenheit hinwegtäuschen sollte. "Na ja, schön? Ich hab von der Hochzeit geträumt ... und dass ich dort in blauen Turnschuhen aufgetaucht bin." <Ist wohl besser ich lasse unerwähnt, dass ich ein Brautkleid dazu getragen habe...> fügte sie in Gedanken hinzu.
"Und ihr, gut geschlafen? Eigentlich solltet ihr ja vor der Hochzeit nicht das Bett teilen, aber..." ging Harm grinsend zum Gegenangriff über.
"Harmon Rabb junior!" Granny schüttelte mit schlecht versteckter Belustigung den Kopf, bevor sie ihrem Bräutigam einen zarten Kuss auf die Wange hauchte, "Ich will dir ja nicht deine Illusionen rauben, aber … du kommst in etwa 60 Jährchen zu spät, geliebter Enkel."
Harm schluckte und wechselte einen schnellen Blick mit Mac. "Schon gut, Granny, war nur ein Scherz." <Es gibt Dinge, die will man über seine Großeltern beim besten Willen nicht wissen!>
1920 Z-Zeit (14:20 Uhr EST)
Etwas außerhalb von Washington D.C.
Harm warf einen Blick in den Rückspiegel seines Autos, das er gerade über den Beltway lenkte. "Hey, ihr zwei, ihr seid verdächtig still da hinten! Was heckt ihr schon wieder aus, hm?"
"Wiiir?" Granny und Will boten ein Bild der Unschuld.
Mac drehte sich um und verdrehte die Augen, als sie die unschuldigen Mienen der beiden Rentner sah. "Nein, Mahatma Ghandi und Mutter Theresa! Natürlich ihr!"
"Ist Paranoia eine Grundvoraussetzung, wenn man Anwalt werden will, oder kommt das automatisch nach ein paar Jahren Berufserfahrung?" erkundigte sich Will, noch immer mit einem Ausdruck, als könne er kein Wässerchen trüben.
"Nein, das kommt ausschließlich davon, wenn man Großeltern hat, die mit einem Extra-Koffer anreisen müssen, nur damit ihre seitenlangen Schlachtpläne, wie sie uns zusammenbringen können, noch ins Gepäck passen!" entgegnete Mac trocken.
"Hey, also wirklich, jetzt tut ihr uns aber Unrecht!" versicherte Will und Granny nickte heftig, "Wie könnte wohl ein harmloses Minigolf-Spiel dazu beitragen, euch zusammenzubringen?"
"Außer wir würden ihnen die Schläger so lange über den Kopf schlagen, bis sie endlich zur Vernunft kommen," murmelte Granny halblaut.
Harm räusperte sich. "Ähm, hab ich schon erwähnt, dass ich – mit aller Bescheidenheit gesagt, natürlich – ziemlich gut im Golfspielen bin? Vielleicht sollte ich mich damit begnügen, euch zuzusehen ... es ist zwar ein Opfer, aber ich will ja mal nicht so unfair sein und euch auch eine Chance lassen." Er grinste großzügig.
"Oh, nur keine Sorge, Harmon," wehrte Granny mit einem breiten Rabb-Lächeln ab, "Uns macht es nichts aus zu verlieren – du weißt ja: Pech im Spiel, Glück in der Liebe!" Sie zwinkerte Mac listig zu.
Sie erreichten die Minigolfanlage und gingen zum Häuschen des Verwalters hinüber. "Zwei Erwachsene und zwei Kinder, bitte!" verlangte Harm grinsend.
Mac stieß ihm mahnend den Ellenbogen in die Seite. "Hier wird das biologische Alter berechnet, nicht das intellektuelle, Flyboy!" meinte sie mit einem Blick zu den beiden Rentnern hinüber.
Sie nahmen ihre Minigolfschläger, Bälle und einen kleinen Block für die Spielergebnisse entgegen und machten sich auf die Suche nach Loch Eins. Die kurze Golfbahn führte durch ein Rohr, bog dann um eine Ecke und mündete schließlich in das Zielloch.
"Wie wäre es mit einem Generationenspiel? Ihr zwei Kids gegen uns Rentner?" schlug Granny vor, während sie den Golfclub fester fasste und sich am Abschlag aufstellte. Sie wartete, bis alle anderen nickten, dann fasste sie die Öffnung der Röhre ins Auge und schwang den Schläger mit der Geschmeidigkeit einer sehr viel jüngeren Frau. "Drei!" verkündete sie nach einer Weile zufrieden und wurde von Will prompt mit einem Küsschen belohnt, bevor dieser an der Reihe war.
Will lochte den kleinen Ball in zwei Schlägen ein. "Muss an der guten Hand-Augen-Koordination von uns Piloten liegen." meinte er mit seiner Version eines Flyboy-Lächelns.
"Ihr seid dran." Granny nickte den beiden Anwälten zu.
Harm machte eine galante Handbewegung in Macs Richtung. "Ladies first!"
Mac zögerte. "Also, ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann – ich hab noch nie Minigolf gespielt." gestand sie, während sie ihren Ball auf dem Abschlagspunkt platzierte.
"Gar kein Problem, Liebes, Harmon zeigt dir das sicher gerne, wo er doch so ein Experte ist!" versicherte Granny über das ganze Gesicht grinsend.
Harm faltete seine 1,93 m, die er lässig gegen einen Baum gelehnt hatte, auseinander und ging zu seiner Partnerin hinüber. "Also, du hältst den Schläger ganz locker und dann..."
"Ich sagte zeigen, Harmon, nicht erklären!" unterbrach Granny tadelnd.
Harm warf der Unterbrecherin seiner wertvollen Instruktion einen strengen Blick zu, stellte sich aber doch neben dem Ball auf und schwang den Schläger.
"Doch nicht so!" Granny klang, als wäre sie am Ende ihrer Geduld, "Sarah hat bei uns schon gesehen, wie es geht, jetzt muss sie es mal selbst ausprobieren und du hilfst ihr dabei!"
"Helfen?" echote Harm.
"Gott! Hör dir meinen Enkel an, Will! Man könnte wirklich meinen, Liebe macht nicht nur blind, sondern auch dumm!" Granny schüttelte den Kopf, "Ja, Harmon, HELFEN! Du legst jetzt deine starken Piloten-Arme um Sarahs liebliche Figur..."
"Stop, Stop, das genügt! Ich bin schon voll im Bilde!" beeilte sich Harm zu versichern. Mit einem uncharakteristischen Zögern trat er hinter Mac, die sich neben ihrem Ball aufgestellt hatte, und legte leicht die Arme um sie. Augenblicklich nahm er den vertrauten Duft ihres Parfüms und des Shampoos, das sie benutzte, wahr und atmete einmal tief ein, bevor er sich zur Ordnung rief.
Mac sah auf ihre Hände hinab, als sich Harms größere Hände über ihre Finger legten und ihr halfen, den richtigen Griff um den Golfschläger zu finden. "Locker halten, Marine, das ist keine M-16. Entspann dich einfach."
<Oh, sicher! Locker... entspannt… kein Problem! Du bist ja auch ganze zwei Millimeter von mir entfernt!> dachte Mac ironisch und zwang sich, sich ausschließlich auf Golfschläger und Ball zu konzentrieren.
"Die Füße ein bisschen mehr auseinander," kommandierte Harm und schob mit seiner Schuhspitze Macs Füße in die richtige Position, wozu er noch ein wenig näher rücken musste, wie Will und Granny zufrieden feststellten. "Sieh nicht auf den Ball, sondern dahin, wohin der Ball soll, okay? Bereit?"
Mac nickte und Harm musste hastig den Kopf zur Seite neigen, um nicht getroffen zu werden. "Hey, Marine, eine verbale Antwort wäre mir lieber, bevor es mich noch einen meiner blendendweißen Zähne kostet!" Er grinste als wolle er beweisen, dass sein Zahnwerk wirklich so strahlendweiß war wie behauptet, dann führte er Macs Hände mit dem Schläger in einem kleinen Bogen zurück. Kurz bevor der Kopf des Golfclubs den Ball berührte, bremste er die Bewegung ab und löste sich von Mac. "Jetzt versuch’s mal alleine."
Er trat zurück und hielt seinen Blick konzentriert auf Mac gerichtet, so dass er die Verschwörerblicke, die Granny und Will austauschten, nicht mitbekam.
Mac korrigierte ihre Fußstellung ein wenig, sah kurz auf den Ball hinab und richtete den Blick dann nach vorne. Der sanfte Schwung, mit dem sie den Schläger führte, sah ziemlich elegant aus, stellte Harm mit einigem Stolz fest.
Der kleine Ball strebte genau auf das Rohr zu, schoss hindurch, auf der anderen Seite wieder hinaus und verschwand dann im Loch. Vier Augenpaare zwinkerten verblüfft, aber am überraschtesten war wohl Mac selbst.
Rasch fing sie sich wieder und erlaubte sich ein selbstbewusstes Grinsen. "Habe ich vergessen zu erwähnen, dass mein zweiter Vorname ‚Tiger’ ist?" fragte sie schelmisch.
Harm schnitt eine Grimasse. "Also, bei DEM Lehrer ist das nun wirklich keine Kunst, Mac!" meinte er, auf sich deutend.
"Bitte sehr, großer Meister, die Bühne gehört dir!" Mac trat zur Seite.
"Ich will keinen entmutigen," warnte Harm, "Ich bin bereit, den Caddy zu spielen... für ein kleines Honorar."
"Der Caddy bekommt 10% vom Gewinn seines Spielers und da wir ohne Einsatz spielen – bekommst du 10% von Nichts," erinnerte ihn Will, "Also mach schon!"
"Okay, sagt nicht, ich habe euch nicht gewarnt!" Harm marschierte zum Abschlagpunkt.
Granny sah Mac herausfordernd an. "Wie wäre es mit einem Kuss, der ihm Glück bringen soll?"
Mac, die sich an solche Kommentare fast schon gewöhnt hatte, rollte nur mit den Augen. "Oh, nur zu, Granny. Lass dich nicht aufhalten." Einladend deutete sie auf Harm.
"Dürfte ich vielleicht mal um Ruhe bitten? Ich versuche hier gerade, Golf zu spielen!"
"Versuch du erst mal, den Schläger ruhig zu halten bei dem Gedanken, von Sarah geküsst zu werden!" gab Granny unbeeindruckt zurück.
Harm knurrte, als wäre sein zweiter Vorname ebenfalls ‚Tiger’, gab es aber auf zu antworten und schwang stattdessen den Schläger. Der Ball landete im hohen Bogen genau im Loch – der zweiten Bahn, allerdings.
"Was sage ich? Liebe macht doch blind!" Granny kicherte.
"Vielleicht sollte Sarah dir das besser noch mal aus nächster Nähe zeigen?" schlug Will grinsend vor.
"Ich spiele eben vorausschauend!" verteidigte sich Harm würdevoll.
Mac verbiss sich einen Kommentar und ging den Ball zurückholen. "Keine Angst, Flyboy, ich hab ihm gut zugeredet." flüsterte sie Harm zu, als sie ihm den Ball in die Hand drückte.
Mit finsterem Blick stellte sich Harm auf und zielte erneut.
Einige Minuten später bückte sich Harm endlich, um den Ball aus dem Loch zu fischen. "Sieben." murmelte er in Grannys Richtung, die den Block mit dem Punktestand verwaltete.
"Wie viel?" fragte Granny grinsend, obwohl sie ganz genau wusste, wie viel Schläge Harm gebraucht hatte, "Harmon, du musst schon etwas lauter reden, du weißt doch: Alte Leute hören nicht mehr so gut."
"Sieben!"
"Hey, Flyboy, ist ja nett von dir, uns nicht entmutigen zu wollen, aber sollte man vergessen haben dir zu sagen, dass nicht derjenige mit dem HÖCHSTEN Punktestand gewinnt?" neckte Mac mit sanftem Spott.
"Anfängerglück!" behauptete Harm und schubste Mac spielerisch in Richtung nächste Bahn.
Am fünfzehnten Loch schnappte sich Harm den Ergebnisblock und kalkulierte schnell den Punktestand. So unglaublich es war, Mac führte mit Abstand, gefolgt von Granny und Will und dann kam ... na ja... Commander Harmon Rabb junior. Er sah zu, wie Granny ihrem indianischen Freund zum fünfzehnten Mal einen Kuss gab und dieser daraufhin prompt den Ball mit einem Schlag einlochte.
"Marine?" Harm winkte mit dem Finger, als er sich zu seinem nächsten Schlag aufstellte.
Mac tauchte gehorsam neben ihm auf. "Hm?"
"Also, ich will ja nicht kleinlich klingen... aber irgendwie haben die beiden Frischverlobten da drüben doch schon einen Vorteil, oder findest du nicht?"
"Ach ja? Und zwar welchen?"
"Sie haben da dieses Glücksritual..." erklärte Harm vielsagend und neigte den Kopf, um ihr die Wange hinzuhalten.
Mac musste schmunzeln, als sie endlich verstand. "Wenn’s weiter nichts ist... wir wollen ja nicht, dass du Ärmster unfairerweise benachteiligt wirst!" <Und ich küsse ja auch reihenweise attraktive Ex-Piloten... gar kein Problem! Du hättest Schauspielerin werden sollen, Sarah MacKenzie!>
Harm hielt ganz still und suchte Macs braune Augen, als sich ihre schlanken Hände leicht auf seine Oberarme legten, um zu verhindern, dass sie das Gleichgewicht verlor, als sie sich vorbeugte und mit den Lippen kurz und sanft seine Wange berührte.
Granny und Will fielen sich hinter ihnen grinsend in die Arme, als hätten sie gerade sechs Richtige im Lotto gehabt.
<Mit Superzahl!> dachte Harm mit gelindem Ärger, weigerte sich aber, von Mac weg und zu den beiden hinüber zu schauen.
"So," sagte Mac als sie sich von den Zehenspitzen zurücksinken ließ, "dein Nachteil ist ausgeglichen, also keine Ausreden mehr, Flyboy!"
"Ausreden? Hey, du kränkst meinen Stolz, Marine!" Harm fasste sich an die Herzgegend.
"Gut! Ich hatte schon Angst, wir müssen die Türen in unserem Haus vergrößern, um ein bisschen mehr Platz für dein Flieger-Ego zu schaffen." Mit diesen Worten schritt sie lächelnd davon.
Harm, der jetzt seine Pilotenehre verteidigen musste, benötigte diesmal nur zwei Schläge, um den Ball einzulochen.
"Wow!" Will nickte anerkennend – nicht in Harms, sondern in Macs Richtung, "Ich wage mir kaum vorzustellen, wie gut er spielen würde, wenn du ihn richtig geküsst hättest, u-we-tsi!"
Schließlich waren sie am achtzehnten und letzten Loch angekommen. Granny trat an ihren Enkel heran, während sie zusahen wie Will versuchte, seinen Ball über eine Rampe ins Verwaltungshaus zurückzuschlagen. "Vielleicht könnten wir noch ein Eis essen gehen? Da drüben gibt es Softeis mit Schokoladen-Überzug ... glaubst du, Sarah hätte etwas dagegen?"
"Etwas dagegen?" Harm sah seine Großmutter an als hätte er noch nie so etwas Abwegiges gehört, "Granny, wenn man die Worte Eis und Schokolade im selben Satz erwähnt, muss man Mac mit Gewalt zurückhalten!"
Die beiden Rabbs grinsten sich zu.
Mac, die gerade ihr Spiel beendet hatte, tauchte neben ihnen auf. "Eis? Hat jemand was von Eis gesagt?" erkundigte sie sich verschmitzt und grinste Harm an, "Ich würde sagen, der Verlierer bezahlt!"
2304 Z-Zeit (18:04 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Ich wage gar nicht, das Ergebnis laut zu verkünden," stöhnte Will und schüttelte den Spielblock als sie das Haus betraten und von Jingo und Gypsie begrüßt wurden, "es könnte dem Ruf von uns Piloten beträchtlich schaden!" Anklagend sah er Harm an.
"Ich habe lediglich versucht, höflich zu sein," verteidigte sich Harm treuherzig, "Alte Leute und schöne Frauen soll man gewinnen lassen."
"Gewinnen lassen ist gut!" Will hielt ihm den Punktestand unter die Nase, "Meine Enkelin hat mit fast 20 Punkten Abstand zu dir gewonnen."
<Besonders schöne Frauen soll man mit besonders großem Abstand gewinnen lassen.> dachte Harm grinsend, konnte aber im letzten Moment verhindern, dass er den Gedanken laut äußerte. Es hätte nur Öl ins Feuer der beiden Möchtegern-Ehestifter gegossen.
Mac schob sich an ihnen vorbei in die Küche und stürzte beinahe zum Kühlschrank.
"Hungrig?" Harm grinste und sein Blick drückte Zuneigung aus.
"Ich hab gehofft, dass du meinen Magen nicht knurren hörst," entgegnete Mac ohne von ihrer gründlichen Durchsuchung aufzusehen.
"Ach so, Magenknurren! Das war das. Ich hab schon befürchtet, wir hätten hier defekte Wasserleitungen!"
"Ha! Du hast noch gar nichts gehört! Ich schnarche auch!" behauptete Mac, griff sich die Milch und schlug die Kühlschranktüre wieder zu.
"Was?" grollte Harm in gespielter Verärgerung, "Das stand aber nicht im Mietvertrag, Marine!" Er hob warnend eine Augenbraue als Mac den Milchkarton anhob. "Nimm ein Glas, Mac!"
Mac, die die Öffnung schon fast am Mund hatte, ließ die Milch wieder sinken. "Ja, Mama!"
Harm grinste, als seine Mitbewohnerin gehorsam ein Glas aus dem Schrank nahm. Skeptisch studierte er das Bild von Kermit-dem-Frosch, der das Glas zierte. "Woher haben wir denn das Ding?"
"Das ist Kermit," sagte Mac als erkläre das alles.
"Oh. Na dann." Harm lächelte ihr zu.
Granny und Will betraten Arm in Arm die Küche.
"Ich mache Reis-Salat zum Abendessen," verkündete Mac, "Jemand interessiert?" Sie sah von einem skeptischen Gesicht zum nächsten, "Hey, es ist Wills Rezept."
Harm tat als atme er erleichtert auf. "Ach so, okay. Dann bin ich mit von der Partie. Solange es Wills Rezept ist – und Will es kocht!"
Das brachte ihm einen Schlag von Mac und Gelächter von den beiden Rentnern ein. "Wie wäre es, wenn ihr zwei jungen Leute heute kocht und wir kochen morgen?" schlug Will vor.
Harm nickte.
"Okay," stimmte auch Mac zu, "wenn du wirklich entschlossen bist, gemeinsam mit mir eine Küche zu betreten, bist du mutiger als ich dachte, Flyboy. Aber nur zu deiner Information: Es gibt trotzdem keine Shrimps!"
"Ach komm schon, Mac! Nur ein paar, mehr verlange ich ja gar nicht! Vier? Drei?"
"Ich sage für die Kinder der beiden einen schrecklichen Hungertod vorher," meinte Granny kopfschüttelnd, "Bis die sich geeinigt haben, was es zu essen gibt, sind unsere Urenkel verhungert!"
2342 Z-Zeit (18:42 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Sarah MacKenzie schob sich die letzte Gabel Reis in den Mund und kaute zufrieden. "Gar nicht mal so schlecht das Essen, das ich gekocht habe, oder?"
"Das DU gekocht hast?" echote Harm spöttisch, "Seltsam, ich kann mich an jemanden erinnern, der die ganze Zeit nur wie eine Hyäne um die Töpfe geschlichen ist und gequengelt hat: ‚Wie lange dauert es noch, bis wir essen können?’."
"Du hättest sie eben besser ablenken sollen." meinte Will und schob zufrieden seinen leeren Teller zurück.
"Ablenken?" Harm spießte die letzte seiner Krabben auf und schnaubte, "Offensichtlich weißt du noch nicht, dass nichts und niemand Sarah MacKenzie von Essen ablenken kann! Wie bitte schön hätte ich das anstellen sollen? Feueralarm auslösen?"
"Ach, ich dachte da an... andere orale Genüsse," entgegnete der Cherokee unverblümt und demonstrierte mit Grannys Hilfe einen Kuss.
Mac sandte ihrem Großvater einen bösen Blick zu. "Komm, Harm, wir überlassen die beiden ihren Rentner-Phantasien und gehen das Geschirr waschen."
Sie hörten noch wie Granny etwas von ‚Wasserspielchen’ sagte, bevor sie die Türe hinter sich zuzogen.
2224 Z-Zeit (17:24 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac streckte den Kopf ins Wohnzimmer, das inzwischen – es war Dienstag – einigermaßen eingeräumt war. "Wie wär’s mit einem kleinen Ausflug, Flyboy?" Herausfordernd neigte sie den Kopf und sah ihn aus blitzenden braunen Augen an.
Harm, der seine langen Beine auf der Couch ausgestreckt hatte, sah kaum auf. "Ausflug? Mac, wir sind ja kaum zuhause und ich bin gerade mitten in einem Kreuzworträtsel." Er hielt das Heft hoch.
Mac kam näher und wischte den Einwand lachend beiseite. "Harm, das machst du doch jetzt schon seit fünfzehn Minuten und hast gerade mal fünf Antworten gefunden," sie beugte sich zu ihm hinunter und besah sich kurz das Blatt Papier, "Von denen zwei falsch sind."
Harm sah auf und versuchte sie mit einem strengen Blick einzuschüchtern. Mac lachte nur, also gab er auf und erhob sich. "Unter einer Bedingung."
"Okay, schön, du sollst sie haben. Du bist wirklich süchtig nach den Dingern!"
"Sie? Dinger?" Harm sah seine Partnerin irritiert an, "Mac, du weißt doch noch gar nicht, was ich sagen wollte!"
"Natürlich weiß ich das, Harm, du denkst ja immer nur an das eine," gab Mac überlegen zurück.
"Ah ja?" rief Granny amüsiert aus der Küche.
Mac schüttelte missbilligend den Kopf. "Nicht DIESES eine, Granny, daran denkt ihr ja schon genügend! Ich rede von Shrimps."
Harm erhob sich sofort von der Couch, als Mac seine Lieblingsspeise erwähnte, und angelte seine Schuhe aus Jingos Hundekorb.
Mac schnappte den Autoschlüssel und schon waren sie unterwegs.
"Um deinen ausgeklügelten Kidnapping-Plan nicht durcheinander zu bringen, solltest du mir aber besser verraten, wohin wir fahren." Harm schmollte fast ein bisschen als er neben Mac im Beifahrersitz der Corvette saß.
"Guter Versuch, Harm, aber ich handle sehr wohl im Einklang mit unserem Kidnapping-Plan, denn du hast mich auch zweimal hintereinander gekidnappt – ich sorge also nur für einen Ausgleich. Und wenn du weiterhin so ungeduldig bist, muss ich deinem Konto ein paar Punkte abziehen!" drohte Mac, aber ihre Mundwinkel hoben sich und deuteten ein Grinsen an.
Harm gab eine Weile Ruhe und begnügte sich damit, die Schilder, an denen sie vorbeikamen, zu studieren, um herauszufinden, wohin sie unterwegs waren. "Sag nicht, wir fahren schon wieder Schuhe einkaufen?" fragte er als er die Richtung erkannte, die Mac eingeschlagen hatte, "Hattest du letztens noch nicht genug Spaß?"
Mac hielt den Blick auf die Straße gerichtet. "Wir gehen keine Schuhe einkaufen, also sei ruhig."
Harm grinste. "Kann ich wieder Zug fahren?"
"Wir kaufen keine Schuhe und wir fahren nicht Zug!"
"Ich lasse dich auch vorne sitzen." Harm schenkte seiner Partnerin ein gewinnendes Flyboy-Lächeln.
"Keine Schuhe und kein Zug!" wiederholte Mac eisern.
"Und ich kaufe dir ein Eis." fügte Harm unbeirrt hinzu.
Mac drehte jetzt doch den Kopf. "Keine Schuhe, kein Zug und kein Eis ... okay, meinetwegen, Eis ist in Ordnung."
Harm öffnete den Mund.
"Zwing mich nicht, rechts ranzufahren, Quengelboy!" drohte sie und versuchte das Schmunzeln zu verstecken.
"Ich dachte, wir gehen nicht einkaufen?" fragte Harm anklagend als sie vor dem Einkaufszentrum einparkten.
"Man sollte wirklich meinen, ein Anwalt würde ein wenig auf den Wortlaut achten, Flyboy. Ich sagte lediglich, wir gehen keine Schuhe kaufen. Wir suchen nach einem Hochzeitsgeschenk für Will und Granny, schließlich ist die Hochzeit in drei Tagen."
Harm nickte bedächtig. "Uh, drei Tage Zeit für eine Lebensaufgabe? Sarah Elizabeth Rabb ist ohne Zweifel die Frau, für die man am meisten Mühe hat, ein Geschenk zu finden!" Er passte seine langen Schritte an Macs an, als sie nebeneinander an verschiedenen Geschäften vorbeigingen. "Hey, ich hab’s! Wie wäre es mit einer Kreuzfahrt?"
Mac neigte den Kopf. "Würde Granny das gefallen?"
"UNS wird das gefallen, Mac," antwortete Harm mit einem spitzbübischen Grinsen, "Eine schöne, laaaaaange Kreuzfahrt. Am besten eine dieser Um-die-ganze-Welt-Fahrten. Du weißt schon, vielleicht so sechs, acht Monate lang..."
Mac lachte. "Glaub mir, Flyboy, die beiden würden auch dann noch einen Weg finden, um uns zusammenzubringen ... beziehungsweise, es zu versuchen. Sie würden uns sicher säckeweise Postkarten mit lauter romantischen Orten schreiben ... oder sie würden im letzten Moment krank werden und wir müssten die Reise antreten." Mac sah sich um und deutete auf ein Elektro-Geschäft. "Sollen wir da mal reingehen?"
"Harmon Rabb junior, der dir um die ganze Welt wie ein Hündchen folgen würde..."
Mac schlug ihm leicht auf den Oberarm. "Komm schon, Bello!"
2349 Z-Zeit (18:49 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac schloss die Haustüre auf, während Harm die Einkäufe auf den Armen balancierte und fast von dem übereifrigen Jingo umgerannt wurde.
Granny und Will kamen aus dem Wohnzimmer. "Na?"
Harm setzte die Pakete ab und wischte sich mit dem Handrücken imaginären Schweiß von der Stirn. "Ich habe nicht geahnt, dass Einkaufen so anstrengend sein kann! Irgendwie erscheinen einem hundert Liegestütze bei 40°C im Schatten dann plötzlich sehr einladend." beklagte er sich.
Mac durchquerte das Wohnzimmer. "Ich gehe duschen, kannst du dich solange um das Essen kümmern, Harm? Wir können auch gerne was aus einem Restaurant besorgen."
Harm nickte und begann eines der Pakete auszupacken. "Gypsie! Hey, komm her, du Pelzknäuel, ich hab hier Spielzeug für dich!" Er kniete sich hin und nahm die verschiedenen Gegenstände aus dem Paket.
Die rote Katze sprang von der Couch, um zu sehen, was der große Mensch vorhatte. Sie setzte sich, neigte interessiert den Kopf und sah aus gelben Katzenaugen zu, wie Gummimäuse, bunte Kugeln und ein Wollknäuel vor ihr aufgetürmt wurden.
"Hier," sagte Harm und lehnte sich zufrieden zurück. Hoffentlich ein Tier weniger, das seine Turnschuhe für geeignetes Spielmaterial hielt.
Gypsie betrachtete die Spielzeugartikel einen Moment, bevor sie tat, was jede Katze typischerweise tun würde: Sie raste an Harm und dem Spielzeug vorbei und stürzte sich begeistert auf das zusammengeknüllte Papier der Verpackung.
Harm sah ihr verdutzt zu. "Hey, das Spielzeug ist da drüben!" Er nahm einen Ball, in dem ein Glöckchen versteckt war, und schüttelte ihn, um die Aufmerksamkeit der Katze zu erlangen. "Siehst du? Das da ist nur Müll."
Gypsie sah zwischen dem Ball und der Papiertüte hin und her und begann dann wieder mit der Verpackung zu spielen.
<Katzen! Eines der drei Dinge, die kein Mann je verstehen wird: Katzen, Frauen und Steuererklärungen!> Harm erhob sich seufzend, um das Riesen-Paket für Granny und Will in sein Zimmer zu bringen und sich um das Abendessen zu kümmern.
Als er zwanzig Minuten später ins Haus zurückkam, betrat Mac gerade das Wohnzimmer. "Mmmh, das riecht großartig!"
"Oh, oh, Granny, Will, beeilt euch lieber, wenn ihr noch etwas zu essen haben wollt. Dieser Marine isst alles, was man ihr vorsetzt. Sogar die Verpackung, wenn man nicht aufpasst." Harm tänzelte mit dem mitgebrachten Essen schnell aus Macs Reichweite und zum Esstisch hinüber.
"Was hast du mitgebracht?" Mac begann, die verschiedenen Behälter zu öffnen, kaum dass alle am Tisch saßen.
"Chinesisch. Vegetarisches Bami Goreng und Won Ton-Suppe."
"Und?" Mac sah ihren besten Freund erwartungsvoll an.
"Süßsaures Schweinefleisch."
"Okay. Und was noch?"
"Ein bisschen Chow Mein." Harm schob Mac die entsprechende Box hin.
"Hm." Mac öffnete einen weiteren Behälter und stieß auf Frühlingsrollen. Sie schob sie beiseite und fuhr mit ihrer Suche fort. "Ich war mir sicher, dass sie irgendwo sein müssen." murmelte sie vor sich hin.
"Was denn? Glückskekse? Die sind hier." Harm nahm das betreffende Gebäck aus der Tüte.
Mac gab die Suche auf und erhob sich, um die Getränke aus der Küche zu holen. "Ist Eistee okay?"
"Natürlich," riefen Granny und Will gleichzeitig.
Zwei Minuten später kehrte Mac mit Gläsern und einer Karaffe Eistee aus der Küche zurück. Sie nahm sich Reis und griff nach der Mu Shu-Sauce als ihr Blick auf Harms Teller fiel. Ihre Bewegung stoppte abrupt und sie starrte Harm nur an. <Ich wusste es!> "Haaarm," Ihre braunen Augen verengten sich argwöhnisch, "Was ist das?"
Harm hielt im Kauen inne und sah unschuldig auf. "Was ist was?"
Mac deutete auf Harms Essen. "Das da. Auf deinem Teller."
"Chinesisches Essen, Mac." Er begann wieder zu kauen.
"Hm-mm. Was für chinesisches Essen genau?"
"Das, was ich dir vorhin schon aufgezählt habe: Bami Goreng, Frühlingsrollen und..."
"Shrimps! Du dachtest, du könntest sie an mir vorbeischmuggeln, hm?" Mac drohte ihrem Partner mit ihren Essstäbchen.
"Na ja, Mac, ich hatte einen guten Grund, sie mitzubringen," versuchte Harm sich zu rechtfertigen.
"Einen guten Grund?"
Harm ließ die Stäbchen sinken und sah Mac treuherzig in die Augen. "Also, das war so. Ich stand da wartend in dem chinesischen Restaurant und dachte an nichts Böses und da sah ich sie plötzlich."
"Sie?"
"Ja." Harm nahm einen weiteren Bissen.
"Die Shrimps?"
"Ja." Noch ein Biss von den Meeresfrüchten, während Granny und Will der Interaktion ihrer Enkel amüsiert folgten. Ihre Köpfe ruckten hin und her wie bei einem Tennismatch.
"Und deshalb hast du beschlossen, auch ein paar mitzunehmen?"
"Ja."
"Aha." Mac trommelte mit den Stäbchen auf dem Tisch. "Wird das langsam zum Problem für dich?" In ihren Augen funkelte es, aber ihr Gesicht blieb ernst.
Harm bemühte sich, nicht zu lächeln und mitzuspielen. "Es gibt da allerdings ein Problem."
"Zuzugeben, dass man ein Problem hat ist der erste Schritt zur Besserung." meinte Mac zufrieden.
"Oh, es ist nicht wirklich MEIN Problem," Harm häufte noch ein paar Krabben auf seinen Teller, "Es gibt da eine bestimmte Person, die – so absurd es klingt – tatsächlich glaubt, dass meine Vorliebe für bestimmte Meeresfrüchte eine Art ... Fetisch ist." Er wedelte mit einem Shrimps vor Macs Nase herum. "Was ich natürlich nicht glaube. Geduldig wie ich bin versuche ich natürlich, mit dem Problem tolerant umzugehen, das diese Person mit meiner völlig normalen, vollkommen sozial akzeptierten und absolut vernünftigen Vorliebe für jenes Nahrungsmittel hat."
Will und Granny brachen in schallendes Gelächter aus und nach einer Sekunde stimmten auch Harm und Mac ein.
0058 Z-Zeit (19:58 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm saß auf dem Wohnzimmerfußboden, den Videorecorder, den sie heute gekauft hatten, einen Haufen Kabel und verschiedene Gebrauchsanweisungen um sich herum verteilt. "Also, ich weiß nicht, aber irgendwie...," Er hielt hilflos die Kabel hoch, "... ist das hier ein einziges Ratespiel." Ehrlich gesagt hatte er noch nie in seinem Leben einen Videorecorder anschließen müssen, er besaß ja noch nicht einmal einen Fernseher.
"Wirf doch mal einen Blick in die Anleitung," riet Will von seiner Zeitung aufsehend.
Harm schnitt eine Grimasse. "In welche? Die Türkische, die Chinesische oder die Japanische?"
"Oh," Der Rentner musste lachen, "Dann hast du ein Problem."
"Harmon?" rief Granny aus dem Flur, "Hier ist ein Petty Officer Tiny oder so ähnlich für dich am Telefon."
Harm legte die Kabel weg und erhob sich rasch. Als er fünf Minuten später von seinem Telefonat mit Tiner zurückkam, stand der Videorecorder fertig angeschlossen unter dem Fernseher.
"Ist was, Flyboy?" Mac, die jetzt auf der langen Couch saß, während Granny und Will die kleinere besetzten, lächelte ihren Mitbewohner unschuldig an.
Harm starrte die Marine-Corps-Anwältin überrascht an. "Warst du das? Wie hast du das so schnell geschafft?" Er warf einen schnellen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass er nur fünf Minuten weg gewesen war.
"Vier Minuten und 57 Sekunden!" verkündete Mac triumphierend, "War ganz einfach, ich weiß nicht, was du hast. Tja, Männer und Technik!" Mac grinste als wäre Harm ganz einfach nur zu blöd, um einen einfachen Videorecorder mit einem Fernseher zu verbinden.
"Ich hätte wohl doch besser aufpassen sollen, als Bud diesen Vortrag über ‚Sex, lies and videorape’ hielt, was? Ich war damals wohl zu beschäftigt damit, einen bestimmten damaligen Major von Unsinn abzuhalten," entschuldigte sich Harm bis sein Blick auf die aufgeschlagene japanische Gebrauchsanweisung neben Mac fiel, "Ooooh, du hinterhältiges, kleines Biest..."
Granny sah ihren Enkel tadelnd an. "Harmon, wenn das deine Vorstellung von einem Kosenamen ist..."
"Ich weiß nicht, was du hast, Granny. Angesichts der Tatsache, dass dieser Marine mich so hinterhältig reingelegt hat, ist ‚Biest’ doch wirklich geradezu liebevoll!"
Harm legte die erstandene Videokassette ein und nahm auf dem Sofa Platz, während Mac in die Küche ging, um das Popcorn zu holen. Als sie zurückkehrte zögerte sie und sah zwischen ihrem Platz auf der langen Couch, der jetzt von Harm eingenommen wurde, und dem kleinen Sessel in der Ecke hin und her.
Mit einem unmerklichen Lächeln klopfte Harm auf das Sofapolster neben ihm und wartete, bis Mac es sich bequem gemacht hatte, bevor er das Licht dimmte und das Video laufen ließ.
Mac hielt die ganze Zeitspanne über durch, während der die Namen der Schauspieler, Produzenten und Regisseure von "Frequencies" über den Bildschirm liefen, bevor sie näher in Harms Richtung rutschte und sich müde von einem harten Arbeitstag und anstrengenden Einkäufen gegen seine Schulter lehnte.
Harms Grinsen verstärkte sich und er schlang leicht einen Arm um sie. Mit einem zufriedenen Seufzen stellte Mac die Popcornschale halb auf ihren, halb auf Harms Schoß, so dass sie sich den Inhalt teilen konnten.
Granny und Will wechselten einen raschen Blick, bevor sie sich lächelnd erhoben. "Wir gehen dann mal ins Bett..."
"Jetzt schon? Es ist gerade mal 20.12 Uhr!" wunderte sich Mac, ohne bei der Zeitangabe auf die Uhr sehen zu müssen.
"Lasst mich raten... alte Menschen brauchen viel Schlaf, richtig?" Harm kannte die Ausreden ihrer Großeltern so langsam.
"Von Schlaf hat niemand gesprochen, wir haben nur gesagt, wir gehen jetzt ins Bett." widersprach Will mit einem MacKenzie-Flyboy-Lächeln.
Mac schüttelte den Kopf und warf ein Popcorn in die Richtung ihres Großvaters, der sich lachend zur Türe hinaus duckte und Granny mit sich zog.
Mac ließ sich wieder zurücksinken und lehnte sich immer mehr an Harms Schulter, während sie sich bemühte, sich auf den Film zu konzentrieren. Zehn Minuten später bemerkte Harm, dass sie trotz ihrer Proteste, es sei noch so früh, tief und fest schlief. Lächelnd stellte er die Popcornschale auf den Tisch, was ein schwieriges Unterfangen war, wenn man nur einen Arm benutzen konnte, der noch dazu viel zu weit vom Tisch entfernt war. Dann streckte er die Füße auf dem niedrigen Kaffeetisch aus und drehte Mac behutsam, so dass sie schließlich mit dem Kopf auf einem Kissen in seinem Schoß ruhte. Erst dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Film zu.
Als er neunzig Minuten später den Videorecorder ausschaltete, schlief Mac noch immer. Eine Weile sah er nur auf ihr Gesicht hinab, dann lehnte er sich lächelnd über sie und flüsterte ihr zu, aufzuwachen.
Mac wälzte sich herum und brummte etwas, wachte jedoch nicht auf.
"Maac!" Harm strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Mac brummte erneut und fuchtelte mit den Armen, als wäre Harm ein lästiges Insekt, das es zu vertreiben galt. Ihr Handrücken traf Harm auf die Nase.
"Au!" knurrte Harm überrascht und zuckte zurück.
Das unerwartete Knurren des Insekts in ihren Träumen weckte Mac und sie setzte sich langsam auf. Benommen sah sie Harm an, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte und seine Nase umklammerte. "Harm? Was tust du da?"
"Ich versuche, nicht auf meiner eigenen Couch zu Tode zu bluten. Dein rechter Haken ist wirklich nicht übel." Es klang sanft, nicht verärgert.
Mac errötete bis an die Haarwurzeln. "Oh Gott, Harm, tut mir ja so leid! Ich habe geträumt. Ich dachte, du wärst eine Wanze."
Harm lachte, was sich wegen der Stellung seines Kopfes jedoch wie ein Gurgeln anhörte. "Oh, vielen Dank, Mac, jetzt fühle ich mich gleich besser. Bist du jetzt wenigstens wach?"
Mac nickte mit einem verlegenen Lächeln. "Ich glaube, ich habe das Ende des Filmes verpasst."
Harm ließ seine Nase los und nickte lächelnd. "Und den Anfang und die Mitte." Lachend reichte er Mac die Hand und zog sie hoch. "Ab ins Bett, Marine!"
1057 Z-Zeit (05:57 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm erwachte drei Minuten bevor sein Wecker klingeln würde, was ein wenig ungewöhnlich war. Er fühlte sich so ausgeruht und behaglich wie selten so früh am morgen. Es dauerte einige Sekunden, bis ihm der Grund für beides bewusst wurde – jemand atmete gegen seine Schulter. Jemand mit einem dunklen, zerzausten Haarschopf und wunderschönen braunen Augen natürlich, auch wenn diese jetzt noch geschlossen waren.
Harm stellte fest, dass er einen Arm leicht um ihre Taille geschlungen hatte, während ihr Kopf an seiner Schulter ruhte – dies schien ihre bevorzugte Schlafposition zu sein. Er schaltete den Wecker aus, bevor er klingeln konnte, drehte ein wenig den Kopf, so dass sein Mund direkt neben Macs Ohr war und begann zu singen: "From the Halls of Montezuma..."
In der Mitte der ersten Strophe entschied sich Mac, ihre noch leicht verschlafene Stimme seiner hinzuzufügen – immerhin hatte sie ihm das Lied beigebracht.
"Guten Morgen, Marine," sagte Harm nach der zweiten Strophe, "möchtest du zuerst ins Bad, dann mache ich schon mal Frühstück."
"Morgen, Harm, wenn du mich so lieb bittest..." Jetzt schon hellwach grinste sie ihn an.
Harm zupfte spielerisch an ihrem zerzausten Haar, bevor er die Decke zurückschob und sich auf den Weg in die Küche machte. Im Wohnzimmer traf er zu seiner Überraschung auf Granny, die sich mit einer Lesebrille auf der Nasenspitze über sein Kreuzworträtsel hergemacht hatte. "Guten Morgen, liebe Granny." Er küsste sie auf dem Weg in die Küche auf die Wange.
"Uh, guten Morgen, Harmon," sie sah ihm verwundert nach, "ist irgendetwas passiert, was dich so fröhlich macht?"
"Kein bestimmter Grund." rief Harm aus der Küche, während er vor sich hinpfiff und Pfannkuchenteig zubereitete.
"Morgen, Granny," Mac kam aus dem Badezimmer und hauchte Granny einen Kuss auf die andere Wange.
"Ah, wie ich sehe ist dein ‚kein bestimmter Grund’ auch schon wach!" rief Granny zu Harm hinüber.
In ihrem olivgrünen Uniformrock und der Khaki-farbenen Bluse betrat Mac die Küche. "Sieh dir meine Füße an." verlangte sie von Harm.
Harm sah von der Pfanne auf. "Was?"
"Du hast mich sehr gut verstanden, Flyboy! Ich sagte: Sieh dir meine Füße an."
Harm befolgte den ungewöhnlichen Befehl. "Okaaay. Ich sehe deine Füße."
Und was siehst du da?" Mac baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf.
"Ähm ... Füße? Nackte Füße? Dass du barfuss bist?" Harm gab seiner Beobachtung den Klang von Fragen.
"Richtig, barfuss – also, gib sie zurück." Mac streckte auffordernd die Hand aus.
"Ich habe absolut, definitiv keine Ahnung, von was du da sprichst," behauptete Harm.
"Du hast absolut, definitiv mehr als nur eine Ahnung, von was ich spreche, Harmon Rabb. Gestern Abend habe ich sie an ihren üblichen Platz gestellt und heute morgen – sind sie verschwunden. Ich weiß, dass du sie hast, also: Gib sie zurück."
Harm zuckte die breiten Schultern. "Redest du von den pelzigen, hasenartigen Dingern, die du deine Hausschuhe nennst? Mac, wenn du deine Hausschuhe verloren hast, ist das deine Schuld, nicht meine." Er drehte sich wieder zum Herd um.
"Aha," Mac trat einen Schritt näher und streckte drohend den Zeigefinger aus, "Du gibst also zu, dass du weißt, was mit ihnen passiert ist."
Harm wandte sich ihr wieder zu und setzte einen gelangweilten Blick auf. "Ohne meinen Anwalt gebe ich gar nichts zu."
"Harm, deine Anwältin ist anwesend, also würde ich dir raten, mit ihr zu kooperieren. Du hast absolut kein Recht, meine Hausschuhe als Geisel zu nehmen," Sie setzte Harm den Finger auf die Brust, als wäre es ihr Dienstrevolver, "Gib – sie – zurück!"
"Hey, du kennst die Hausregeln, Mac," Harm grinste spielerisch, "Regel Nummer eins besagt: Keine Bugs-Bunny-Schuhe!"
"Okay, lass mich das klar ausdrücken: Meine Füße sind kalt. Ich brauche meine Hausschuhe. Wenn ich sie nicht in einer Minute habe, bin ich gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen."
<Drastische Maßnahmen?> "Was genau meinst du damit?" erkundigte sich Harm vorsichtig.
"Ich könnte zum Beispiel persönlich dafür sorgen, dass jede einzelne Krabbenzucht des Landes schließt und der Importzoll in die Höhe schießt..."
"Oh, das wäre in der Tat drastisch," Harm seufzte theatralisch, drückte Mac den Pfannkuchenwender in die Hand und verließ die Küche. Eine Minute später kehrte er mit zwei hasenohrigen Hausschuhen zurück. "Glücklich?"
"Sagen wir es so: Du hast mir einen Anruf bei meinem Freund dem Wirtschaftsminister erspart." Mac schlüpfte zufrieden in ihre Bugs-Bunny-Kuschelschuhe und folgte Harm zum Esstisch hinüber. Sie setzte sich und goss sich eine großzügige Menge Sirup über ihren Pfannkuchen.
"Warum nimmst du nicht ein bisschen Pfannkuchen zu deinem Sirup, Mac?" schlug Harm mit sanftem Spott vor. Wenn er ehrlich war, machte es ihm mehr Spaß, Mac morgens beim Frühstück zuzusehen als selbst zu frühstücken. <Und wenn ich ganz ehrlich bin, macht es mir nicht nur beim Frühstück Spaß, Mac zuzusehen.>
"Hey," Mac bemerkte den nachdenklichen Blick, mit dem Harm sein Frühstück betrachtete, "Ist mit dem Pfannkuchen alles in Ordnung?" Sie legte dem Navy-Anwalt die Hand auf den Arm.
"Oh!" Harm schreckte aus seinem Tagtraum hoch, "Ja, klar. Der Pfannkuchen ist großartig." Er begann wieder zu essen. <Obwohl ein paar Krabben noch besser wären...>
Mac schüttelte tadelnd den Kopf, als wisse genau, was er dachte. "Nicht zum Frühstück, Harm!"
2020 Z-Zeit (15:20 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harmon Rabb saß hinter seinem Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm seines Computers, ohne wirklich zu sehen, was dort geschrieben stand. Ermittlungsberichte zu schreiben war keine besonders aufregende Tätigkeit, doch diesmal konnte Harm sich fast glücklich schätzen, dass er noch hier zu tun hatte, jedenfalls sagte er sich das. Mac hatte sich den Nachmittag frei genommen und war mit Granny losgezogen, um ein Brautkleid für Granny und ein Kleid für Mac zu kaufen, während Harm und Will Uniform tragen würden.
<Na ja, vielleicht bin ich doch nicht ganz so glücklich.> Wie eine 85jährige ein Brautkleid anprobierte hätte er doch gerne gesehen. <Und Mac...>
Harm rief sich zur Ordnung und wandte sich wieder seinem Bericht zu.
2220 Z-Zeit (15:25 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
Granny und Mac betraten das zweite Brautmoden-Geschäft an diesem Nachmittag. Die ältere Verkäuferin hinter dem Tresen eilte sofort auf sie zu. "Wie kann ich Ihnen helfen?" erkundigte sie sich freundlich und sah zwischen ihren beiden potentiellen Kundinnen hin und her.
"Wir suchen nach einem Brautkleid," erklärte Granny.
Die Verkäuferin nickte freudig und ließ ihren Blick an Mac hoch und runter wandern. "Da hab’ ich genau das Richtige für Sie!"
Mac spürte wie sie errötete. <Nicht schon wieder! Sehe ich wirklich so heiratswillig aus?>
Granny räusperte sich. "Das Kleid ist nicht für meine Enkelin, sondern für mich," erklärte sie mit einem liebenswürdigen Schmunzeln.
Jetzt war es an der Verkäuferin zu erröten. Sie bemühte sich, ihre Überraschung zu verbergen und stammelte: "Oh, ja, natürlich. Bitte folgen Sie mir doch."
Granny und Mac folgten ihr und sahen sich einige Brautkleider an. "Was sagst du zu dem hier? Weiß finde ich nicht so passend und dieses cremefarbene sieht hübsch aus, oder?" meinte Granny und als sie aufsah, bemerkte sie, wie Mac gedankenverloren mit den Fingerspitzen über den spitzenbesetzten Ausschnitt eines Brautkleides fuhr.
Mac sah auf das weiße Kleid hinab. <Ich dachte nicht, dass ich es je vermissen würde, aber eigentlich schade, dass ich nie so etwas getragen habe, als ich Chris geheiratet hab’...>
"Sarah, alles in Ordnung?" Granny legte ihr besorgt die Hand auf den Arm.
Mac drehte sich um und lächelte, um zu zeigen, dass alles okay war. "Natürlich, alles in Ordnung," beruhigte sie, "und du hast recht, das cremefarbenen Kleid ist wirklich hübsch."
Granny neigte den Kopf ein wenig zur Seite und hob die Brauen, so wie Harm das manchmal tat. "Das Kleid da scheint dir aber auch zu gefallen," meinte sie mit Blick auf das weiße Brautkleid, das Mac eben betrachtet hatte, "und es wäre auch perfekt für dich. Kann ich dich vielleicht doch noch zu einer Dreifach-Hochzeit überreden?"
Mac lachte, aber es schwang nicht nur Humor, sondern auch ein wenig Bedauern mit. "Glaubst du nicht, mir fehlt dazu eine Kleinigkeit?" fragte sie mit sanfter Ironie.
Granny warf einen Blick aufs Preisschild. "Na ja, so teuer ist das Kleid auch wieder nicht. Man heiratet ja schließlich nur zweimal im Leben," sie blinzelte Mac zu, "und ich zahle auch gerne einen Teil von dem Kleid."
Mac winkte ab. "Granny, ich meinte eigentlich einen Mann."
"Also, ich weiß ja nicht, was man euch Marines im Biologie-Unterricht beibringt, aber das Exemplar Mensch, das jede Nacht neben dir im Bett liegt, sieht mir doch eindeutig männlich aus, oder?" neckte Granny.
"Ich rede von einem heiratswilligen Mann, Mrs. Sarah Elizabeth Rabb!" Mac sah ihre ‚Adoptiv-Großmutter’ tadelnd an.
"Mm-hm, ich auch. Harmon hat schon immer gesagt, dass er mal heiraten will."
Mac seufzte ein wenig entnervt. "Ja, aber doch nicht mich!" Sie warf die Hände in die Luft.
"Ach, wen denn dann, bitte sehr? Ihr seid die besten Freunde, ihr kennt euch so gut, dass es selbst mich manchmal verblüfft; du verstehst seinen Beruf, ihr teilt viele Interessen und habt denselben Humor," Granny hob schnell die Hand als Mac den Mund öffnete, um sie zu unterbrechen, "und wenn du jetzt behauptest, du magst ihn nur als Freund und fändest ihn nicht attraktiv, dann wächst deine Nase sicher auf Pinocchio-Länge an!"
Mac schloss den Mund wieder. "Komm schon, Granny, wir sollten uns beeilen, wenn wir auch noch die passenden Schuhe kaufen wollen."
Granny lachte. "Schuhe ... davor hat Harmon mich gewarnt!"
2215 Z-Zeit (17:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm packte gerade ein paar Akten in seine Tasche und fuhr seinen Computer hinunter, um Feierabend zu machen, als Petty Officer Tiner im Türrahmen auftauchte. "Sir? Der Admiral möchte Sie noch sehen, bevor Sie gehen."
Harm stöhnte innerlich auf. Hoffentlich war nicht noch im letzten Moment ein dringender Fall hinzugekommen, der es verlangte, dass er sofort zum Ermittlungsort abreiste. Er hatte sich wirklich schon auf den Abend mit Mac, Granny und Will gefreut und außerdem hatte er versprochen, die beiden Rentner um 21 Uhr zum Flughafen zu fahren, damit sie in Oklahoma die letzten Hochzeitsvorbereitungen treffen konnten.
Harm schlug seinen Aktenkoffer zu. "Ich komme, Tiner." Er folgte dem Petty Officer und klopfte an Chegwiddens Bürotüre.
"Herein!" Es klang wie das Bellen eines Hundes – eines wütenden Hundes.
<Oh-oh!> Harm trat vorsichtig ein und verharrte in militärischer Haltung vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten. "Sir, Sie wollten mich sprechen?"
A.J. Chegwidden sah langsam von seinen Unterlagen auf, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Harm kannte diese Taktik – der JAG benutzte sie, um seine Anwälte ein wenig zappeln zu lassen. "Richtig, Commander!" Die Stimme des Ex-Seal klang wie ein fernes Donnergrollen, "Wo zum Teufel waren Sie mit Ihren Gedanken, als Sie das hier geschrieben haben? ... Nein, eigentlich möchte ich es gar nicht wissen, ich kann es mir ja denken." Er hielt Harm ohne weitere Erklärung den Ermittlungsbericht unter die Nase, den er heute Mittag geschrieben hatte.
"Sir? Ist etwas nicht in Ordnung mit dem Bericht?" Harm hob verwundert die Brauen.
"Das kann man so sagen – es sei denn, Sie wollen mir wirklich weismachen, dass der Täter die Waffe nach dem Petty Officer geworfen hat!"
Harm nahm stirnrunzelnd den Bericht entgegen und las den entsprechenden Abschnitt nach. Tatsächlich, so hatte er das geschrieben. <... ist zu vermuten, dass die Waffe Petty Officer Spence aus nächster Nähe in die Brust traf...> "Sir, ich meinte natürlich nicht, dass die Waffe ihn getroffen hat, ich meine selbstverständlich die Kugel!" versicherte Harm eilig.
"Dann schreiben Sie das doch auch so, Commander!" schlug Chegwidden grimmig vor.
Harm stand noch ein wenig straffer. "Ja, Sir. Ich werde das sofort ändern."
"Ich bitte darum, Commander. Wegtreten!" Chegwidden wandte sich kopfschüttelnd wieder seinen Akten zu. Als Harm die Türe hinter sich zuzog, glaubte er noch ein gemurmeltes "Bevor ich SIE mit einer Waffe treffe!" zu hören.
0110 Z-Zeit (21:10 Uhr EST)
In der Nähe des Dulles International Airport
Washington D.C.
"Huuu!" Harm tat als wische er sich erleichtert mit einer Hand den Schweiß von der Stirn, während er mit der anderen den Jeep vom Flughafen, wo sie eben ihre Großeltern abgesetzt hatten, zurück zu ihrer neuen Heimat lenkte, "Für zwei Tage haben wir erst mal Ruhe! Sollen wir an einer Kirche halten und eine Kerze spenden?"
Mac lehnte sich lächelnd im Beifahrersitz zurück. "Wenn du einen Schutzheiligen kennst, der Leute vor Kupplern beschützt?"
"Vielleicht sollten wir besser alle nur existierenden Schutzheiligen um Beistand bitten – sobald sie in Oklahoma landen, fängt Granny sicher gleich damit an, weitere Ehestifter zu rekrutieren." <Nicht, dass sie da besonders lange suchen müsste ... nicht, wenn Mum und der Rest meiner Sippschaft anreisen...> Harm wusste, wie begeistert seine Familie von Mac war. <Nicht, dass ich diesen Enthusiasmus nicht verstehen könnte!>
Sie erreichten ihr neues Heim und Harm warf mit einem geübten Schwung die Autoschlüssel auf den Wohnzimmertisch, bevor er sich auf alle Viere niederließ, um mit Gypsie und Jingo zu raufen.
Mac stakste vorsichtig über sie hinweg. "Wie wäre es, wenn ihr eure zehn Füße mal aus dem Weg nehmt und euch ins Bad begebt? Zumindest einer von euch," fügte sie mit Blick auf die zwei Tiere hinzu.
"Wieso fühle ich mich plötzlich, als wäre ich wieder 15 Jahre alt und würde zuhause bei meiner Mutter wohnen?" fragte Harm während er sich mit einem gespielten Seufzen erhob und gehorsam zum Badezimmer hinüberging.
"Vielleicht weil du dich wie ein 15jähriger verhältst?" schlug Mac schelmisch vor. Als Harm die Badezimmertüre öffnete, fügte sie betont beiläufig hinzu: "Während du dein Gummi-Entchen Gassi führst, werde ich eine Kleinigkeit kochen."
Harm bekam einen wilden Hustenanfall und musste feststellen, dass es nicht besonders klug war, gleichzeitig einen dicken Kloß im Hals herunterschlucken und laut protestieren zu wollen. "Uuh, Mac, weißt du, wenn ich es recht bedenke... habe ich eigentlich gar keinen Hunger. Und außerdem ist es ja auch schon so spät, da musst du dir wirklich nicht mehr die Mühe machen, jetzt noch zu kochen. Wir können auch einfach nur eine Pizza bestellen, meinetwegen auch mit einer Extra-Portion Käse." Harm setzte sein ‚rücksichtsvoller-Mitbewohner’-Gesicht auf.
Leider jedoch kannte ihn Mac viel zu gut, um noch darauf hereinzufallen. "Damit du mir danach wieder meinen Cholesterin- und Blutzucker-Spiegel ausrechnest? Kommt nicht in Frage! Und jetzt verschwinde sofort im Bad oder ich mache Nutella-Suppe!" drohte sie.
"Bin schon unterwegs!" Harm schloss eilig die Türe.
Zehn Minuten später wagte er sich vorsichtig aus dem Badezimmer und blieb lauschend im Gang stehen. Es klang als wäre in der Küche ein Krieg im Gange. <Komplett mit Minenfeldern, Panzern und Luftangriffen!> Zögernd näherte er sich dem Klappern und Klirren und schob vorsichtig den Kopf um die Ecke.
Zu Harms Erleichterung sah die Küche aus, als wäre sie mit mäßigem Aufwand wieder in eine bewohnbare Zone verwandelbar. "Ich wusste gar nicht, dass wir soviel Geschirr haben," kommentierte der Navy-Anwalt mit einem belustigten Blick auf die sich auftürmenden Stapel schmutzigen Geschirrs in der Spüle.
Mac sah nicht von dem Topf auf, in dem sie wie eine Wilde rührte, begrüßte ihn aber als sie das Tapsen nackter Füße über Fließen hörte mit einem gutgelaunten: "Wow, Flyboy, das ging aber schnell! Willst du den Rekord der Marines für die kürzeste Zeit unter der Dusche brechen?"
"Sagen wir einfach, ich hatte die richtige Motivation – du hier draußen ganz allein mit allen unseren Lebensmittelvorräten...," Harm grinste vielsagend.
Mac hob jetzt doch den Blick und öffnete den Mund für eine witzige Entgegnung, aber als sie ihren Partner sah, machte sie stattdessen einen überraschten, keuchenden Atemzug. <Ufff!>
Commander Harmon Rabb junior stand in schwarzen Shorts mitten in der Küche, aber ansonsten unbekleidet, barfuss und mit feuchtem Haar. Seine muskulösen Arme waren vor einer ebenso gutgebauten Brust verschränkt, auf der noch einige Wassertropfen glänzten. "Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, hatte ich noch ein passendes T-Shirt dazu," Er zupfte anklagend am Bund der kurzen Hose, "Also?"
"Also was?" fragte Mac geistesabwesend. Sie brauchte ihre ganze Aufmerksamkeit, um sich darauf zu konzentrieren, ihn nicht anzustarren. Außerdem hatte sie nicht vor, das T-Shirt wieder rauszurücken und stellte sich deshalb lieber blöd.
Harm ließ sich nicht täuschen. "Wo ist es?"
"Tut mir leid, aber es passte einfach zu gut zu meiner Lieblingsjeans," gestand Mac mit einem entwaffnenden Lächeln.
Wenn sie ein solches Gesicht machte und ihn mit ihren großen braunen Augen ansah, dann musste Harm sich zurückhalten, um ihr nicht seinen gesamten Kleiderschrank zu überlassen. "Das hast du über meine letzten drei T-Shirts auch gesagt. Langsam wird es eine teure Angelegenheit, dich zur Mitbewohnerin zu haben! Mein Schrank ist absolute Flugverbotszone für dich, verstanden, Marine?"
"Ach, komm schon, Harm, unter alliierten Piloten ist es doch okay, sich mal mit ein paar Litern Treibstoff, dem einen oder anderen Fallschirm oder einer Flieger-Kluft auszuhelfen, oder nicht?" versuchte Mac, die Analogie raffiniert für sich auszunutzen, "Du kannst dir auch jederzeit etwas aus meinem Schrank leihen." In ihren Mundwinkeln zuckte es verräterisch.
Harm sandte ihr einen gespielt bösen Blick zu. "Deine T-Shirts sind nicht so ganz meine Größe, wenn du dich erinnerst, deine Uniform-Jacken haben nicht die richtige Farbe und für die Röcke müsste ich mir die Beine rasieren – also nein danke!"
"Selbst Schuld, wenn du so verwöhnt bist," meinte Mac achselnzuckend, "Ich bin da nicht so empfindlich. Deine T-Shirts sind genau die richtige Wohlfühl-Größe. Deine Uniform-Jacken kannst du meinetwegen behalten, aber deinen Rasierapparat leihe ich mir gerne einmal aus."
Harm stöhnte und beschloss, lieber das Thema zu wechseln, während ihm hier im Haushalt noch ein paar Gegenstände gehörten. "Also, sag schon, was gibt es zum Abendessen?" Hoffnungsvoll reckte er den Hals und hielt nach einem bestimmten Produkt Ausschau.
Mac verkniff sich ein Lachen. "Nudeln mit Tomatensoße und Kuchen."
"Oh," Harm schwieg eine Weile, "Ist das alles?"
"Könnte sein, dass es auch noch etwas Anderes gibt." meinte Mac unverbindlich.
"Ah ja? Wie wäre es dann mit einem kleinen Tipp?" Harm legte jedes Gramm seines Flyboy-Charmes in sein Lächeln und sah seine Partnerin erwartungsvoll an.
"Okay, ich bin ja kein Unmensch. Es beginnt mit ‚S’."
"Wirklich?" Harm grinste begeistert, "Ist es etwas, was ich mag?" fragte er unschuldig, obwohl er eine recht genaue Vorstellung davon hatte, was dieses Nahrungsmittel mit ‚S’ war.
Mac zuckte die Schultern. "Hm, das kommt ganz darauf an ob du Suppe magst." Sie schmunzelte spitzbübisch vor sich hin.
Harm versuchte, einen Schmollmund zu machen, was nicht leicht war, da Macs spielerische Seite ihn wie immer zum Lachen brachte.
Mac lachte auf und boxte Harm leicht in die Seite. "Mach dich lieber mal nützlich, Matrose, damit ich mich noch schnell in was Bequemeres umziehen kann."
Harm salutierte zackig. "Was soll ich tun? Das Deck schrubben? Den Anker lichten?" Er zwinkerte seiner Mitbewohnerin grinsend zu.
Mac schüttelte den Kopf und drückte ihm den Kochlöffel in die Hand. "Nein, du sollst die Kombüse übernehmen. Und wenn du meine mühsam gekochten Spaghetti ruinierst, dann starte ich eine Meuterei."
Harm rührte in dem kleinen Topf, ohne auch nur einen Blick auf dessen Inhalt zu werfen. "Mac, nicht dass ich dich unbedingt auf deine berufliche Überlegenheit stoßen möchte, aber wenn man’s genau nimmt wurdest du vor mir befördert und bist damit der ranghöhere Offizier von uns beiden ... gegen wen willst du also meutern?"
"Hm, guter Hinweis. In diesem Fall werde ich dich über die Planke laufen lassen... ab zu den Haien." Mac machte schmatzende Essgeräusche, grinste liebenswürdig und verschwand im Badezimmer.
Harm legte für einen Moment den Kochlöffel weg und schüttete erst einmal die Nudeln in das Sieb. Dann stellte er die Soße und den Parmesan-Käse auf den Tisch und wandte sich wieder dem Herd zu, um die Suppe noch mal umzurühren. Zum ersten Mal blickte er dabei so richtig in den Topf und kniff sofort die Augen zusammen, als hätte ihn eine plötzliche Weitsichtigkeit befallen. <Das ist doch nicht etwa...?> Eilig nahm er einen Löffel aus der Schublade und probierte von der Suppe. "Hmmmmmm!" Harm suchte nach einer Gabel, um bestimmte Zutaten besser aus der Suppe fischen zu können.
"Harmon Rabb junior!" Mac kam aus dem Badezimmer, war mit drei schnellen Schritten neben ihm und nahm ihm Löffel und Gabel ab. Als Harm daraufhin nach dem Nudelsieb schielte als wolle er den Topf darin abschütten, gab sie ihm einen kräftigen Klaps auf die Hand, "Das soll eine Krabbensuppe sein, also bitte, lass die Viecher auch da drin, ja?"
"Oaach, Mac!" Maulend folgte Harm der geizigen Köchin zum Esstisch. Er griff nach dem Suppentopf, sobald Mac ihn auf dem Tisch abgestellt hatte, und füllte seinen Teller, während Mac sich zuerst den Spaghetti zuwandte.
"Ein bisschen Zurückhaltung, Flyboy," beschwerte sich Mac, während sie eine dicke Schicht Käse über ihre Nudeln löffelte, "Ich weiß, es gibt Kulturen, in denen es als ein Zeichen von Höflichkeit gilt, beim Suppeessen zu schlürfen, aber die USA gehören nicht dazu." Um ihrem Argument den nötigen Nachdruck zu verleihen, spießte sie mit ihrer Gabel eine Krabbe auf, die sie in Harms Teller erspäht hatte.
Harm schüttelte tadelnd den Kopf. <Sie fährt mein Auto, klaut meine Klamotten aus meinem Schrank und das Essen von meinem Teller... nicht, dass ich es anders hätte haben wollen...>
"Hey, nimm einem hungrigen Mann..."
"Nicht auch noch den letzten Krümel weg?" beendete Mac seinen Satz, pickte sich aber unbeeindruckt noch eine Krabbe aus seinem Teller.
"Mac, Krabben krümeln nicht," belehrte Harm empört über soviel Shrimps-Unkenntnis.
"Wenn sie ausreichend Angst haben vielleicht doch." beharrte Mac.
"Angst?" Harm starrte die zwei Krabben auf seinem Löffel skeptisch an, bevor er sie in den Mund schob, "Mac, Nahrungsmittel haben üblicherweise keine Angst. Kann es sein, dass dein Problem mit Shrimps langsam zur Wahnvorstellung wird?"
"MEIN Problem? ICH bin nicht derjenige, die drauf und dran war, den ganzen Topf an den Mund zu setzen und die Suppe samt Krabben in einem Zug..."
"Hey, an der Suppe war ich ja gar nicht interessiert, aber du hast mir ja verboten, die Gabel zu nehmen!" verteidigte sich Harm vehement, "Vermutlich bist du das Löffeln von dieser braunen, widerlich süßen Masse gewöhnt."
Macs Kopf ruckte hoch und sie ließ ihr Besteck sinken. "Du willst doch nicht im Ernst einen Grundstein der Ernährungspyramide wie Nutella mit diesen kleinen, klitschigen madenartigen..."
"Mac!"
"Oh, ja, richtig," Mac nickte betont ernsthaft in Richtung der Krabben auf Harms Löffel, "Ich darf ja ihre Gefühle nicht verletzten!"
"Maaac!" Harm fischte im Suppentopf nach weiteren Shrimps.
"Ist ja schon gut, ich hör ja auf..." Mac drehte für einen Moment die Spaghetti auf ihrer Gabel auf, aber dann konnte sie es doch nicht lassen und fragte mit schelmischem Blick"... wie teuer ist eigentlich Psychotherapie für Shrimps?"
0410 Z-Zeit (23:10 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm nahm die Füße vom Wohnzimmertisch als der Film endete. Der Raum lag – abgesehen vom Licht, das der Bildschirm ausstrahlte – in Dunkelheit, aber Harm brauchte seine Mitbewohnerin gar nicht zu sehen, um zu wissen, dass Mac eingeschlafen war. Mal wieder. Langsam fragte Harm sich wirklich, ob es an seiner Gesellschaft lag oder ob der neue Videorecorder irgendwelche hypnotischen Wellen ausstrahlte, die Mac einschlafen ließen, kaum hatte der Film begonnen. <Na prima, jetzt klinge ich schon wie der Sonnenblumenkerne verspeisende Kerl aus dieser Serie, die sich Bud ständig ansieht.>
Harm stützte mit einer Hand Macs Kopf, der wie immer auf seiner Schulter zu ruhen gekommen war, während er mit der anderen im Halbdunkeln nach der Fernbedienung angelte und den Fernseher ausschaltete. In der völligen Dunkelheit, die plötzlich herrschte, hörte er Mac langsam und ruhig atmen. Harm lächelte vor sich hin.
Mit Rücksicht auf seine Nase, die den letzten nächtlichen Weckversuch gerade noch mal in einem Stück überstanden hatte, beschloss er, Mac nicht zu wecken. Behutsam schob er die Arme unter ihre Knie und Schulterblätter und hob sie hoch. Sie drehte sich ein wenig und vergrub den Kopf in seiner Schulter. Harm stand einen Moment lang still und atmete nur den Duft ihres Shampoos ein. Dann setzte er sich in Richtung Treppe in Bewegung.
Als Harm mit ihr den Kaffeetisch umrundete, begann Mac sich zu rühren und ihre Augenlider flatterten sanft. Harm verharrte. "Hoch in dein Zimmer?"
Harm spürte mehr als dass er sah, wie sie den Kopf schüttelte. "Wasserbett," murmelte sie schläfrig, ohne jedoch die Augen zu öffnen.
"Wasserbett, aye aye, Ma’am!" Mit einem zufriedenen Grinsen trug Harm seine Mitbewohnerin in sein Zimmer hinüber.
1225 Z-Zeit (07:25 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac erwachte. Sie hielt die Augen weiterhin geschlossen und versuchte mit ihren anderen Sinnen, die Geschehnisse in der Umgebung zu ergründen. Über sich spürte sie zwei Bettdecken – ungeachtet der Tatsache, dass es Sommer war – und an ihren Füßen ruhte ein bepelztes Wesen, das sanfte Putzbewegungen machte. Im Raum war es noch vollkommen still und das, obwohl es bereits ...
<0727 Uhr! Oh Mist! Wieso hat dieser blöde Wecker nicht geklingelt?> Mac war drauf und dran, panisch aus dem Bett zu springen, um nach unten zu laufen und Harm zu wecken, als sie zwei Dinge bemerkte: Erstens hatte sie heute frei, weil sie mittags nach Oklahoma fliegen würden und zweitens war es nicht nötig, die Treppe hinab nach unten zu laufen. Das sanfte Schaukeln, als sie sich aufsetzte, besagte eindeutig, dass sie sich in Harms Wasserbett befand.
Neben ihr schlug Harm die Augen auf und sah sich suchend nach seiner Decke um. "Guten Morgen!" grüßte er als er sie auf Macs Seite fand. <Wo auch sonst.>
"Morgen, Harm," erwiderte Mac und versuchte sich zu erinnern, wie sie gestern Abend hierher gekommen war, "Musstest du mich etwa schon wieder ins Bett tragen?" Sie nagte verlegen an ihrer Unterlippe.
"Schon wieder," bestätigte Harm, "Ich denke, ich werde dir das Schlafwandeln beibringen, das ist auf Dauer gesünder für meinen Rücken," Harm grinste breit, "Aber immerhin bestätigt sich das alte Sprichwort mal wieder."
"Wie man sich bettet so liegt man?"
Harm schüttelte würdevoll den Kopf. "Ich dachte eher an das Sprichwort über das Talent von Piloten, jede Frau ins Bett zu kriegen." Sein Flyboy-Grinsen reichte jetzt fast von Ohr zu Ohr.
Mac rollte mit den Augen. "Ja, klar, mit der Neandertaler-Methode vielleicht! Knüppel über den Kopf schlagen, über die Schulter werfen und in die heimische Höhle schleppen!"
"Grrrwrrrr!" Harm stieß ein Neandertaler-Knurren aus und rollte sich über Mac und die beiden Decken, um sie aufs Bett zu pinnen. Er schnappte sich ein Kopfkissen und schlug es ihr spielerisch um die Ohren. "Über den Kopf schlagen, hm?"
Mac bäumte sich auf und es gelang ihr, einen Arm aus der Falle frei zu bekommen. Sie versuchte blindlings, Harm das Kissen zu entwinden, bekam aber stattdessen eine Handvoll schwarzen Haares zu fassen. Sofort lockerte sich der Griff ihrer Hand und sie vergaß für einen Moment Ringkampf und Kissen. Sanft ließ sie ihre Finger durch das dichte, vom Schlaf etwas zerwühlte Haar gleiten.
Harm ließ das Kissen sinken und starrte auf Mac hinab. Durch das Kissengefecht war ihr Pyjama-Oberteil ein wenig zur Seite gerutscht und gab den Blick auf ein Stückchen glatte, weiche Haut auf ihrer Schulter frei.
"Määäh!" beschwerte sich Gypsie vom Fußende her und aus der Küche hörte man, wie Jingo den Fressnapf quer über den ganzen Fußboden schob, um dagegen zu protestieren, dass er noch immer leer war.
Mac ließ die Hand sinken und Harm rollte sich von seinem Opfer und dem Bett herunter. Auf dem Weg ins Badezimmer stolperte er beinahe über Macs Hausschuhe. "Hast du eigentlich einen Waffenschein für die Dinger?" Anklagend zeigte er auf vier lange Hasenohren.
Mac schüttelte in gespieltem Unverständnis den Kopf und rief ihm hinterher: "Ich weiß wirklich nicht, was du gegen meine Hausschuhe hast, Harmon Rabb! Ich dachte immer, ihr Grünzeugesser würdet zusammenhalten?"
1302 Z-Zeit (08:02 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac umrundete mit der Kaffee-Kanne den Küchentresen und schenkte sich und Harm jeweils eine Tasse des heißen Gebräus ein.
Harm kam vom Herd hinüber und stellte einen Teller mit Pfannkuchen vor seiner Mitbewohnerin ab, bevor auch er sich setzte.
"Ähm... Harm?" Mac starrte ihren Teller an, "Was stellt das dar?" Sie fuchtelte mit dem Kaffeelöffel in Richtung Pfannkuchen.
Völlig unschuldige blau-graue Augen sahen auf. "Was denn?"
Mac deutete auf die Pfannkuchen. "Die da."
"Das sind Pfannkuchen, Mac," Harm grinste breit, "Wieso? Schmecken sie nicht?"
"Oh, ich bin sicher, dass sie köstlich sind, ich hab mich nur gefragt, wie es kommt, dass sie eine so seltsame Form haben." Anklagend drehte sie ihren Teller in den Händen herum.
Harm schien sich nicht an der Form zu stören, sondern nahm den ersten herzhaften Bissen. "Was ist daran seltsam?"
"Sie sehen verdächtig wie ein bestimmtes meeresfruchtartiges Luxusgut aus. Wir wissen beide, von was ich spreche," entgegnete Mac bedeutungsvoll.
Harm zuckte lässig die Schultern. "Ich dachte nur, dass etwas Abwechslung nett wäre, nicht immer nur diese alten runden Formen. Das ist alles."
Mac kniff die Augen zusammen und fixierte Harm mit besorgter Miene. "Es ist ernster als ich dachte – falls das überhaupt noch möglich ist. Pfannkuchen haben rund zu sein, nicht wie eine Krabbe geformt!"
Harm ließ die Gabel sinken und verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust. "Ach ja? Und wo steht das? Ich kann mich an kein Gesetz erinnern, das besagt..."
"In den Hausregeln, Harm," warf Mac eilig ein, "Es steht in den Hausregeln, die du immer so betonst, wenn es um meine Hausschuhe geht."
Bei diesem Stichwort schien Harm etwas einzufallen. Er schob ein weiteres Stück Shrimps-Pfannkuchen in den Mund und sagte kauend: "Wie wäääre ’s, wennn wir die letschten Schtunden nutschen, um einkauf’n su gäh’n?"
"Und wie wäre es, wenn du erst mal dein Frühstück vom Mund in den Magen beförderst, bevor du das Wort ergreifst?"
Harm schluckte den Bissen hinunter. "Jawohl, Frau Erzieherin!" Er salutierte, "Ich habe nur vorgeschlagen, die Zeit bis zum Abflug für einen Einkaufsbummel zu nutzen."
Mac starrte ihn an. "Du willst einkaufen gehen? Freiwillig?" Sie sah ihren Partner an, als suche sie nach den verdächtigen grünen Fühlern, die ihn als außerirdischen Doppelgänger entlarven würden.
Harm nickte heiter.
Mac blieb misstrauisch. "Wir reden hier aber von Einkaufen, nicht von Zugfahren, oder?"
"Ja, ja, natürlich," beeilte sich Harm zu versichern, "... jedenfalls größtenteils. Ich dachte mir, vielleicht brauchst du ja noch ein paar Sachen für die Hochzeit und das Wochenende in Oklahoma."
Mac trank ihren Kaffee aus, schnappte sich einen Pfannkuchen und rollte ihn zusammen, während sie schon zur Türe ging. "Okay, Flyboy, dann aber los!" Mit einem Blick über die Schulter zurück auf die beiden Tiere rief sie ein letztes: "Seid brav und keine Partys, ja?" bevor sie Harm vor sich her aus der Türe schob.
1520 Z-Zeit (10:20 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
Mac wechselte die Tüte mit den neuen Boxhandschuhen und dem Seidentuch in die andere Hand und griff mit der Rechten nach Harms Arm. "Du hättest das wirklich nicht für mich tun müssen, das weißt du aber, oder?"
Harm legte für einen Moment lächelnd seine große Hand über ihre schlankere. "Ich weiß, Mac – und ich wusste es auch schon die drei anderen Male, als du das gesagt hast." Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen.
"Ich kann es einfach nicht glauben, dass du wirklich freiwillig mit mir einkaufen gehst. Bin ich gestorben und im Paradies? Oder handelt es sich mal wieder um einen Doppelgänger?"
"Weder, noch. Ich hatte zugegebenermaßen aber einen kleinen Hintergedanken," gab Harm spitzbübisch zu.
"Hintergedanken?" Mac wölbte die Brauen.
"Mmmh. Du musst mir etwas kaufen!" Harm machte ein Gesicht wie ein Kind, das ein Überraschungs-Ei haben möchte.
"Okay, was kauf ich dir denn... lass mich mal überlegen..." Mac rieb sich das Kinn und tat als überlege sie angestrengt, "Ah, ich hab's! Ich kaufe dir einen Kaugummi!" Mit einem erwartungsvollen Strahlen sah sie ihren Partner an.
"Oh, du bist ja wirklich großzügig, geradezu verschwenderisch! Bist du sicher, dass du dir das leisten kannst? Nicht, dass du dein Bankkonto überziehst!" spöttelte Harm und steuerte geradewegs auf ein Schuhgeschäft zu, "Hey, lass uns noch in deinem Stammladen vorbeisehen."
Mac hatte die Schwelle des Schuhgeschäftes kaum überschritten als ein schlanker, hochgewachsener Verkäufer auch schon neben ihr auftauchte und sie strahlend begrüßte, während er Harm völlig ignorierte. "Einen wunderschönen guten Morgen! Womit kann ich Ihnen helfen?"
Er verschwand mit Mac zwischen zwei Schuhregalen. Harm kniff leicht die Augen zusammen, bevor er den beiden folgte. Gegen einen großen Wandspiegel gelehnt sah er zu, wie der übereifrige Verkäufer ein Paar Schuhe nach dem anderen aus dem Regal zerrte und Mac mit einer eleganten Verbeugung präsentierte.
Harm spürte, wie sich seine Nackenhaare förmlich aufrichteten. Er drehte einen Schuhlöffel zwischen den Fingern hin und her, während er brockenweise die Versicherungen des Verkäufers mitbekam: "...Sie können das tragen... mit diesen Beinen, wirklich!"
Der blonde Mann kniete sich neben Mac hin und ergriff ihren schlanken Fuß, um ihr in einen Schuh zu helfen. Harm visierte die störenden Finger des Verkäufers an und fragte sich, wie gut sich ein Schuhlöffel als Wurfobjekt eignete. Betont gelangweilt ließ er seinen Blick über die Schuhregale gleiten.
"Hey, Mac!" Er schob sich zwischen die Anwältin und den Schuhverkäufer, "Wie wäre es mit denen da? Weißt du was, ich schenke sie dir!" Strahlend hielt er Mac ein Paar schlichter brauner Filzhausschuhe hin.
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Das funktioniert nicht."
"Was funktioniert nicht?" fragte Harm unschuldig.
"Ich kenne dich. Du denkst, wenn du mir neue Hausschuhe kaufst, würde ich sie anstatt meiner alten tragen. Aber das funktioniert nicht." Mac verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
"Ich dachte nur, wenn du deine erneut verlierst, hättest du diese hier gleich als Ersatz," behauptete Harm hilfsbereit wie ein Pfadfinder.
"Hey, so wie ich mich erinnere, habe ich sie nicht verloren, du hast sie entführt!"
"Aber ich habe sie zurückgegeben. Außerdem verstößt du gegen die Hausregeln," beharrte Harm.
"Ich lege Einspruch gegen diese Hausregel ein, ich habe dieser Hausregel nie zugestimmt und ich reiche Klage gegen den Erlass dieser Hausregel ein!" protestierte Mac in bester Anwalts-Manier.
Harm zuckte unbeeindruckt die Schultern. "Einspruch abgelehnt! Aber wenn du ein Gegengeschenk suchen solltest... wie gesagt, ich habe da diesen BMW beim Autohändler gesehen..."
"Und da wird der BMW auch bleiben!" unterbrach ihn Mac kopfschüttelnd.
Sie machten sich auf den Weg zur Kasse, wo Harm zehn Minuten ungeduldig darauf wartete, dass der Schuhverkäufer endlich aufhörte, mit Mac zu flirten. Endlich hatten sie es nach draußen geschafft und Harm sah seine Partnerin anklagend an. "Also weißt du, Mac, du solltest wirklich nicht so vertrauensselig sein, diesem Al Bundy junior einfach so deine Telefonnummer zu geben!"
"Eifersüchtig?" Mac zwinkerte belustigt.
"Maaac, bitte!" Harm machte ein Gesicht, als wäre das das letzte, was ihm je in den Sinn kommen würde, "Ich möchte nur nicht, dass er dich hinterher womöglich belästigt."
"Er wird mich nicht belästigen," verkündete Mac mit absoluter Sicherheit.
"Wenn ein Mann die Telefonnummer einer ... ähm... na ja, attraktiven – wenn auch tätowierten - Frau bekommt, dann wird er sie ganz sicher anrufen und zwar solange, bis er sie zu einem Treffen überredet hat," erklärte Harm aus jahrelanger Erfahrung, <Sogar Al Bundy wäre nicht blöd genug, es bei einer Frau wie Mac nicht zu versuchen, und wenn sein Monatsgehalt für die Telefongebühren draufgeht!> "Es würde mich überraschen, wenn er bis morgen wartet, bevor er dich anruft!"
"Kann schon sein, dass er anruft, aber nicht mich. Ich hab ihm nämlich die Telefonnummer einer Single-Hotline statt meiner eigenen aufgeschrieben," erklärte Mac mit einem schelmischen Grinsen.
Harm starrte sie einen Moment lang nur an, bevor er laut zu lachen begann.
1615 Z-Zeit (11:15 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm trug seine fertig gepackte Reisetasche ins Wohnzimmer, schlängelte sich dabei an dem mitten im Raum schlafenden Jingo vorbei und versuchte gleichzeitig, nicht über Gypsie zu stolpern, die wild hinter dem herabhängenden Trageriemen der Tasche herjagte.
Er setzte die Tasche neben der Ausgangstüre ab und sah auf, als im oberen Stockwerk jemand einen ärgerlichen russischen Satz ausstieß. Harm hob eine Braue und lauschte. Nach ein paar Sekunden kam noch ein Brummen - diesmal klang es nach Farsi -, das übertönt wurde als ein Gegenstand dumpf gegen die Wand knallte.
<Oh-oh!> Immer zwei Stufen auf einmal nehmend eilte Harm die Wendeltreppe hinauf. Im Türrahmen schlitterte er zu einem Halt und wurde fast von einem einzelnen Turnschuh am Kopf getroffen. Er duckte sich hastig und sah sich im Raum um. Macs Schlafzimmer, das bisher kaum einmal benutzt worden war, sah aus als hätte ein Geschwader Tomcats ihre sämtlichen Explosivgeschosse darauf abgefeuert. Mac stand mit dem Rücken zur Tür über ihre Reisetasche gebeugt da und warf ab und zu ohne aufzusehen einen Gegenstand über die Schulter. Harm räusperte sich, um seine Anwesenheit kundzutun. "Ähm... Mac?"
Mac richtete sich ruckartig auf und wirbelte herum. "Was ist?" Es klang ein bisschen entnervt und ungeduldig.
"Was ... tust du da?" erkundigte sich Harm vorsichtig und bückte sich, um ein davongesegeltes T-Shirt aufzuheben und ordentlich zusammenzulegen.
"Ich packe!" erklärte Mac, drehte sich wieder um und versuchte erneut, den Reißverschluss der übervollen Reisetasche zu schließen, "Aber irgendwie geht das dumme Ding hier nicht zu!" Sie kaute ratlos an ihrer Unterlippe.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust und sah tadelnd auf seine chaotische Partnerin hinab. "Könnte das unter Umständen daran liegen, dass du zuviel da reingestopft hast?" fragte er neckisch, "Soll ich mal?"
"Bitte sehr." Mac trat zur Seite und deutete einladend auf ihre Tasche.
"Mac, wir bleiben zweieinhalb TAGE, nicht JAHRE!" Harm ließ sich auf der Bettkante nieder und begann, die prallvolle Tasche wieder auszupacken. Als erstes stieß er auf die hasenohrigen Hausschuhe, gefolgt von einem Paar Turnschuhen und zwei Paar Sandalen. "Mac, glaubst du nicht, dass es ein klitzekleines bisschen übertrieben ist, sieben Paar Schuhe mitzunehmen?" meinte er, als er das letzte Paar Pumps neben den anderen Schuhen abstellte.
"Ich hab schon ein Paar wieder ausgepackt!" verteidigte sich Mac.
"Ich weiß – Schuh Nummer acht hat mich fast am Kopf getroffen!" Harm überließ es Mac, sich für vier Paar Schuhe zu entscheiden und wandte sich wieder der Reisetasche zu, "Maaaac! Das da brauchst du nun wirklich nicht mitzunehmen. Ich bin sicher, dass Will und Granny dich nicht verhungern lassen werden!" Kopfschüttelnd hielt er ein Glas Nutella in die Höhe.
"Es ist ein kleines Glas," verteidigte sich Mac und nahm Harm das Glas aus der Hand, um es wieder in die Tasche zu packen.
Harm schüttelte nur den Kopf und kümmerte sich um den restlichen Inhalt der Tasche. "Hmm, schönes Pyjama-Oberteil – kommt mir fast ein wenig vertraut vor!" Der Navy-Anwalt bedachte seine Mitbewohnerin mit einem gespielt anklagenden Blick.
Mac schnappte sich das Kleidungsstück und stopfte es rasch in die Tasche zurück. "Du bist doch derjenige, der immer verlangt, ich solle die Reizwäsche zuhause lassen, also beschwer dich gefälligst nicht, wenn ich mir etwas anderes ‚organisiere’!"
Harm setzte sein breitestes Flyboy-Grinsen auf und öffnete den Mund, um seine Meinung über Mac in "Reizwäsche" kundzutun, aber dann entschied er, dass sie solche Kommentare am Wochenende noch zu genüge hören würden und er schloss den Mund wieder. Kopfschüttelnd durchsuchte er die Reisetasche weiter, bekam rote Ohren wie ein Teenager als er auf Macs Unterwäsche stieß und wandte sich eilig einer anderen Ecke der Tasche zu.
Zehn Minuten später hatte er die Tasche endlich soweit entrümpelt, dass er den Reißverschluss schließen konnte. "Halleluja!" Harm wischte sich erleichtert imaginären Schweiß von der Stirn, "Und das muss ich mit einer Frau erleben, die behauptet, ständig eine fertig gepackte Tasche im Auto zu haben!"
Mac zuckte nur die Achseln, ohne sich von der neckischen Bemerkung aus der Ruhe bringen zu lassen. "Wo du ja ein solcher Meister im Packen und Verpacken bist... du könntest Gypsie schon mal in den Transportkorb setzen, während ich Jingos Leine hole." Die beiden Tiere sollten das Wochenende bei den Roberts verbringen.
Harm trug den Katzenkorb ins Wohnzimmer, wo er Gypsie zuletzt im Ringkampf mit dem Trageband seiner Reisetasche gesehen hatte. Die rote Katze warf einen Blick auf den Transportkorb und war schneller unter der Couch verschwunden als Harm die Wörter "liebe Katze" und "leckere Belohnung" aussprechen konnte. Seufzend ließ sich Harm auf Hände und Knie nieder und tastete unter dem Sofa nach seinem Haustier.
"Autsch! Gypsie! Das ist kein Spiel und ich bin keine Gummimaus!" Harm zog hastig die Hand unter dem Sofa hervor und besah sich den roten Kratzer, der quer über seinen Handrücken verlief.
Mac kam mit Jingo an der Leine ins Wohnzimmer und warf einen fragenden Blick auf den noch immer leeren Katzenkorb. "Eben wollte ich deinem Konto eine großzügige Anzahl von Punkten für deine Pack- und Verstau-Künste hinzufügen, aber wenn ich mir deine Tierfänger-Talente so ansehe, werde ich mich da wohl doch zurückhalten."
Harm kam eilig auf die Füße und trat neben seine Partnerin, um ihr demonstrativ die Hand hinzustrecken. "Maaac, ich bin VERLETZT!" Anklagend sah er sie an.
"Hey, das war DEINE Katze, also sieh mich nicht so an, ja?" Ihre schlanken Finger schlossen sich um sein Handgelenk und sie zog seine Hand dichter zu sich heran, um die "Verletzung" zu untersuchen. Mit kaum verhohlener Belustigung betrachtete sie die drei Tröpfchen Blut, die sich in dem kleinen Kratzer gebildet hatten, "Ich glaube nicht, dass es lebensgefährlich ist, Flyboy, aber wenn du so schwer VERLETZT bist, rufe ich trotzdem gerne den Notarzt und erkläre ihm, dass du von einem Raubtier angefallen wurdest!" Sie lächelte zuckersüß.
"Ha-ha, Mac!" Harm versuchte seine Hand aus ihrem Griff zu befreien, aber Mac schüttelte den Kopf und zog ihn hinter sich her ins Badezimmer. Sie säuberte den Kratzer und platzierte mit geschickten Fingern ein Pflaster darüber. Sie zwinkerte ihrem Patienten zu und hauchte ihm scherzhaft einen leichten Kuss auf den verarzteten Handrücken. "Voilà, deine zarten Fliegerhände sind gerettet!"
Harm sah für einen Moment verblüfft über Macs Gesund-Küss-Methode auf seine Hand hinab und blinzelte überrascht, bevor er sich einen Ruck gab und sagte: "Wir müssen so langsam los, Mac – aber diesmal versuchst du, Dracula unter der Couch vorzuholen!"
Luftraum irgendwo über Missouri
2139 Z-Zeit (15:39 Uhr CST / Central Standard Time)
Harmon Rabb hatte seit einer halben Stunde seine Fliegerzeitschrift mit der selben Seite nach oben auf dem Schoß, ohne auch nur einmal umzublättern, und runzelte unwillig die Stirn wann immer das Flugzeug von einer Luftschicht in eine andere wechselte und daher auch nur in die kleinste Turbulenz geriet. Nicht etwa, dass er Flugangst hatte – Harm grinste bei diesem Gedanken – und diesmal war seine Grimasse nicht einmal als Kommentar über die Flugkünste seiner zivilen Kollegen gedacht.
Der Grund für sein besorgtes Stirnrunzeln war der braune Haarschopf, der auf seiner Schulter ruhte. Mac war wenige Minuten nachdem sie die Flughöhe erreicht hatten friedlich eingeschlafen und Harm wachte seither sorgsam über ihren Schlaf. Erst als seine Augen anfingen zu brennen, bemerkte er, dass er zu schielen begonnen hatte, um das Gesicht seiner Partnerin in ihrem Schlaf beobachten zu können.
Harm schreckte auf, als sich neben ihm jemand vernehmlich räusperte. Er drehte den Kopf und erblickte die Flugbegleiterin, die ihn freundlich anlächelte. "Entschuldigung, Sir, darf ich Ihnen irgendetwas bringen? Ein Sandwich? Kaffee?"
Harm schüttelte den Kopf. "Nein, danke," erwiderte er höflich.
"Und Ihre Frau?" Die Stewardess deutete auf Mac, die eben ihre Wange dichter an Harms Schulter kuschelte und im Schlaf zufrieden seufzte, "Wissen Sie, ob Ihre Frau etwas möchte?"
Harm zuckte trotz der falschen Schlussfolgerung mit keiner Wimper. Wenn er für jedes mal, wenn jemand Mac als seine Frau, Verlobte oder zumindest Freundin bezeichnete, einen Dollar bekäme, hätte er damit locker den Flug für sie beide bezahlen können. <Ach, was sage ich, vermutlich könnte ich dann den ganzen Vogel samt Stewardessen kaufen!> Harm warf einen Blick auf den Servierwagen der Flugbegleiterin. "Der Kuchen sieht aus als könnte er ... meiner Frau schmecken," meinte er mit einem Grinsen, dessen Bedeutung nur er kannte, "und vielleicht noch eines dieser kleinen Dinger da." Harm deutete auf ein goldverpacktes, kugelförmiges Stück Schokolade.
Die Stewardess nickte und überreichte ihm das Gewünschte lächelnd. Harm erwiderte das Lächeln – höflich, mehr aber nicht. Als die Stewardess davonging, fiel ihm plötzlich auf, dass er keinen Versuch gemacht hatte, mit der hübschen Flugbegleiterin zu flirten, wie er es früher mit Sicherheit getan hätte. <Maria Elena Carmelita Moreno Guttierez...> erinnerte Harm sich schmunzelnd, <Gott, ist das lange her!> Er warf einen Blick auf Mac und achtete sorgsam darauf, dass er ihren Schlaf nicht durch eine rasche Bewegung störte. <Kein Wunder, dass die Leute dich für verheiratet halten, Rabb, du verhältst dich auch so!>
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Mac begann sich zu rühren und schließlich noch ein wenig benommen den Kopf von seiner Schulter nahm. Mit einem schläfrigen Quieken, das Harms Lächeln in die Breite wachsen ließ, streckte sie sich genüsslich.
"Guten Morgen, Mac." Harms Finger zuckten als er gegen den spontanen Impuls ankämpfte, seiner Partnerin durch das zerstrubbelte Haar zu fahren und sanft die Strähnen zu glätten.
"Guten MITTAG, Harm," verbesserte Mac, jetzt bereits hellwach, "Wenn meine innere Uhr mich nicht im Stich lässt und die Erde ihre Achse nicht plötzlich geändert hat, ist es 15:57 Uhr Ortszeit."
Harm lächelte. "Du hast trotzdem ganz gut geschlafen, hm?"
"Geschlafen? Ich bin nur mal kurz eingenickt!" verteidigte sich Mac, obwohl sie nach dem Start nicht mehr viel mitbekommen hatte.
"Eingenickt? Kurz?" Harm grinste spöttisch, "Mac, du hast tiefer geschlafen als Dornröschen und dazu auch noch laut geschnarcht! Ich hab schon befürchtet, dass du mit deinem Schnarchen der alten Dame vor uns die Perücke vom Kopf saugen würdest!"
Mac rollte mit den Augen. "Witzbold!" Sie streckte sich erneut und ihr Blick fiel auf das kleine Tablett auf dem Klapptisch vor ihr. "Kuchen? Hast du mir den bestellt?" Ihre großen braunen Augen weiteten sich ungläubig.
Harm nickte vergnügt. "Ausnahmsweise."
"Hmmm, danke," Mac biss heißhungrig in den Schokolade-Krokant-Kuchen, "Woher wusstest du, welchen ich gerne mag?"
Harm reichte ihr eine Serviette. "Oh, das war leicht. Ich hab einfach den ungesündesten genommen, den ich entdecken konnte. Da ist genug Zucker drin, um das Space Shuttle aufzutanken."
Mac ging nicht auf die bereits gewohnten Kommentare über ihre Ernährungsgewohnheiten ein, sondern schluckte unbeirrt den letzten Bissen des Kuchens hinunter und machte sich daran, das Goldpapier von der runden Schokoladenkugel zu entfernen. "Und woher wusstest du, dass ich diese Roche-Kugeln hier liebe?" Sie schob die schokoladenumhüllte Kugel in den Mund und genoss den Nougatgeschmack.
"Lass mich das mal so sagen... die fünf Riesengläser Nutella in unserem Küchenschrank waren ein untrüglicher Hinweis darauf, dass du die Firma nicht gerade boykottierst. Ganz im Gegenteil, Mac. Ich glaube, du besitzt die Mehrheit der Aktien dieser Gesellschaft!"
"Schön wär’s," grummelte Mac mit halbvollem Mund. Sie schluckte genüsslich und lehnte sich wieder in ihrem Sitz zurück. Einen Moment lang saßen sie beide bewegungslos und in stummer Eintracht nebeneinander, dann beugte sich Mac zu ihrem besten Freund hinüber und pickte fürsorglich und mit einem leicht verlegenen Lächeln einige braune Frauenhaare von seiner Schulter.
2320 Z-Zeit (17:20 Uhr CST / Central Standard Time)
Tulsa, Oklahoma
"Die Schlüssel, Flyboy!" Mac winkte mit den Fingern ihrer Rechten, während sie mit der anderen Hand ihre Reisetasche schulterte und zielstrebig auf die Fahrertüre des Mietwagens zustrebte.
"Moment!" Harm blieb stehen und verschränkte die Arme vor der Brust, "Wer hat gesagt, dass du fahren darfst?"
"Ich sage das," gab Mac unbeeindruckt zurück, "Ich fahre und du weist mir den Weg. Ich denke, deine richtungsweisenden Fähigkeiten benötigen dringend noch ein wenig Training, wenn du deinen kläglichen Punktestand aufbessern willst."
"Kläglich? Aufbessern? Ich dachte, mit dem Kuchen hätte ich den Jackpot geknackt und den maximalen Punktestand erreicht?"
Mac gab sich entrüstet. "Hey, ich bin Anwältin, so leicht lasse ich mich nicht bestechen! Also, was ist jetzt? Oder müssen Granny und Will morgen ohne ihre Trauzeugen heiraten?" Die Marine-Corps-Offizierin streckte fordernd die Hand aus.
Harm überreichte ihr die Autoschlüssel. "Okay, auf deine Verantwortung. Dir ist sicher bewusst, dass es ein paar Wochen dauern kann, bevor wir wieder auftauchen?" scherzte er als Anspielung auf Macs Meinung über seine richtungsweisenden Fähigkeiten.
"Ich weiß, ich weiß – ihr Piloten fragt niemals nach dem Weg, nicht mal, wenn ihr auf der Suche nach einem Supermarkt die Staatsgrenze überschreitet, obwohl ihr nur mal eben ein bisschen Milch kaufen wolltet," neckte Mac. Sie schloss die Türe des Ford auf und stieg ein.
Während Harm noch den Sitz verstellte, um genügend Platz für seine langen Beine zu schaffen, und nach dem Gurt angelte, ließ sie den Motor an und lenkte den Wagen in Richtung Highway 51. "Finger weg vom Radio, Flyboy!" warnte sie, noch bevor Harms Hand sich richtig gehoben hatte, "Es wird kein Oldie-Sender gehört!"
"Oldie-Sender?" Harm warf Mac einen Blick zu, der eindeutig ‚Banause’ sagte, "Mac, ich suche lediglich nach einem Sender, der ein paar der Lieder spielt, die ich in meiner Pilotenzeit gehört habe."
Macs Mundwinkel kräuselten sich. "Wie ich sagte: Oldies."
"Wieso komme ich mir plötzlich wie Methusalems älterer Bruder vor?" beklagte sich Harm und sie mussten beide lachen.
Nach einer knappen Stunde Fahrt näherten sie sich Tahlequah, Hauptstadt des Cherokee-County in Oklahoma und zugleich der Cherokee Nation, jenem verfassungsmäßig organisierten Stamm, dem Will angehörte.
Die 11.000-Einwohner-Stadt lag umgeben von Wäldern und Hügeln in den östlichen Ausläufern der Ozark Mountains. Ohne größere Orientierungsprobleme fanden Harm und Mac den Weg durch den alten Stadtteil, in dem die Verwaltungs- und das Gerichtsgebäude der Cherokee lagen. Schließlich parkte Mac den Mietwagen neben Wills ehrwürdigem, zweistöckigem Haus am Rande der Altstadt.
Sie stiegen aus und gingen die drei Stufen, die zur Haustüre führten, hinauf. Harm streckte die Hand nach der Klingel aus. "Bereit für die Inquisition, Marine?" Sie wussten beide, dass sie das ganze Wochenende über vermutlich unzähligen Kuppelversuchen und Fragen über ihr Zusammenleben ausgesetzt sein würden.
Bevor Mac antworten konnte, räusperte sich neben ihnen ein Mann in der schwarzen Kleidung und dem weißen Kragen eines Pfarrers. Der Geistliche war hochgewachsen und hager und hatte dünnes, grau-blondes Haar und einen hervorstehenden Adamsapfel. Eine Drahtgestell-Brille thronte auf seiner scharfrückigen Nase. Einen Moment lang richtete er einen verwirrten Blick aus blassblauen Augen auf Harm, dessen letzten Satz er gehört hatte, bevor er lächelte und höflich fragte: "Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo ich das Haus der MacKenzies finde?"
"Sie stehen direkt davor, Pater," erklärte Mac freundlich, "Ich bin Sarah MacKenzie und das ist mein Partner, Harm Rabb."
Der Priester sah verunsichert zwischen den beiden jungen Leuten hin und her und dann schließlich auf den Zettel in seiner mageren Hand hinab. "Ich bin Pater Michael O’Flaherty." Er nickte den beiden Anwälten höflich zu.
<Ach, nicht Ichabod Crane?> Harm lächelte ein wenig vor sich hin.
Der Pater winkte mit seinem Zettel. "Irgendwie habe ich mir hier scheinbar etwas Falsches notiert. Ich dachte, die Braut hieße Rabb und der Bräutigam MacKenzie. Ich muss das verwechselt haben." Er machte Anstalten, die Namen auf der Liste durchzustreichen und zu verbessern.
"Nein, nein, das hat schon seine Richtigkeit!" sagte Harm eilig, "wir sind nur die Enkel der beiden."
"Die Enkel?" Der Geistliche starrte sie an und rechnete sich in Gedanken wohl gerade aus, wie alt das Brautpaar sein musste. "Und Sie sind nicht...? Ich meine, Sie wollen nicht...?" Er deutete zwischen ihnen hin und her in einer Geste, die ihren Familienstand erfragte.
"Wir arbeiten zusammen," wehrte Harm schnell ab.
Die Haustüre öffnete sich und Grannys schlanke Gestalt erschien im Türrahmen. "Hoffentlich an unseren Urenkeln!" sagte sie mit Nachdruck.
Harm setzte seine Tasche ab und umarmte seine Großmutter eilig, um weitere Kommentare ihrerseits zu verhindern. "Man sagt ja, die Ehe ließe die Leute ruhiger werden... ich hoffe, dass das auch in deinem Fall stimmt," sagte er leise neben ihrem Ohr.
Will, Macs Großvater, tauchte neben seiner Zukünftigen im Türrahmen auf und dahinter traten Wills Neffe John Ross und seine Verlobte Hazel Bearpaw sowie Trish und Frank näher. Innerhalb von Sekunden entstand ein unübersichtliches Durcheinander von Begrüßungen, das der Priester verwirrt beobachtete.
Hazel Bearpaw, eine zierliche, temperamentvolle Frau Ende 20, der man ihre indianische Abstammung kaum ansah, umarmte Harm kurz und hauchte ihm spontan einen Kuss auf die Wange.
Über den Kopf der kleineren Frau hinweg begegnete Mac dem Blick von John Sorell Ross’ sanften, aber wachsam blickenden Silberaugen. Sorry, wie der Cherokee-Anwalt und Wills Großneffe genannt wurde, war 13 Jahre älter als seine zukünftige Frau und war lange Zeit ihr Vorgesetzter gewesen. Die ganze Zeit über hatte er versucht sich einzureden, dass er, ein kleiner und – mit einem Harmon Rabb verglichen – nicht gerade sonderlich attraktiver Mann, nur der Mentor und väterliche Freund dieser bezaubernden jungen Frau sein konnte, bis Hazel dann endlich die Geduld verloren und ihn vom Gegenteil überzeugt hatte.
Mac konnte erkennen, dass Sorrys Selbstvertrauen und seine Beziehung zu Hazel in den letzten Monaten stärker geworden waren. Der winzige Rest von wachsamer Eifersucht, der für einen Sekundenbruchteil in seinen silbergrauen Augen aufglomm als er Harm und Hazel beobachtete, war mit Sicherheit von jedem außer Mac gar nicht wahrgenommen worden. Mac hätte nie zugegeben, dass sie den Blick nur deshalb bemerkte, weil sie selbst auch manchmal mit ähnlicher Aufmerksamkeit über Harm wachte.
"Kommt rein, kommt rein, Sie auch, Pater," Will führte die Besucher ins Wohnzimmer, wo bereits weitere Gäste um eine lange Tafel herumsaßen, "Setzt euch."
Mac hielt sich an Harms Seite, als sie die Runde um den Tisch machten, um alle zu begrüßen. Bis auf Hazels Eltern, ihren Onkel und dessen Tochter waren die meisten Gäste aus Grannys und Harms Verwandtschaft und Mac kannte einen Großteil davon schon vom 85. Geburtstag der alten Dame.
"Hallo Sarah!" Ein großer blonder Mann tauchte plötzlich neben Mac auf und strahlte sie an, "Wirklich schön, Sie wiederzusehen."
"Hallo Jason," Mac nickte Harms Cousin lächelnd zu, "wie geht es Ihrem Knöchel?"
Der gutaussehende Architekt lachte. Jason war während des letzten Aufenthalts bei Granny in Pennsylvania beim Joggen mit Mac über eine Wurzel gestolpert und hatte sich den Knöchel verstaucht, so dass Mac ihn hatte zurückschleppen müssen, "Oh, gut, danke."
Harm tauchte unvermittelt neben Mac auf und schob sich wie zufällig zwischen sie und Jason, um seinen Cousin zu begrüßen. "Gut, dann verzichtest du wohl diesmal besser auf Joggingausflüge mit einem bestimmten Marine, was?"
Granny, die gerade einen Salat hereintrug, stupste ihren zukünftigen Ehemann mit dem Ellenbogen an und deutete unauffällig auf die drei jungen Menschen.
"Hmm?" Will sah ein wenig verständnislos von der Quiche Lorraine auf, die er gerade auf dem Tisch abgestellt hatte.
Granny rollte mit gutmütigem Spott die Augen. "Plan S!" erinnerte sie eindringlich.
"Oh, Plan S – S wie Scheinangriff," Will nickte verstehend. Einer ihrer zuvor festgelegten möglichen Schlachtpläne bestand darin, so zu tun, als wollten sie Harm und Mac mit jeweils anderen Partnern verkuppeln, so dass die beiden eifersüchtig wurden.
"Jetzt müssen wir nur noch jemanden finden, der es wagt, unter den Augen eines kampferprobten Marines mit deren Begleiter zu flirten!" Granny sah sich ratlos um.
Will grinste und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. "Hört sich nach einem Job für einen Cherokee an." Er steuerte auf Hazels Cousine Ayita Bearpaw zu, eine junge, langbeinige und bezaubernde Frau, die gerade mit einer gemischten Fischplatte aus der Küche kam. "Ayita, würdest du das bitte bei Sarahs Enkel abstellen? Harmon isst nämlich kein Fleisch. Ich kann euch auch gleich mal vorstellen." Er führte die junge Frau zu den Neuankömmlingen hinüber.
"Jason, Sarah, Harmon – das ist Ayita Bearpaw, Hazels Cousine," übernahm Will die Vorstellung, "Und das ist meine Enkelin Sarah, Sarahs – Grannys – Enkel Harmon und sein Cousin Jason."
Harm gab der jungen Cherokee höflich die Hand und lächelte freundlich. Er stellte fest, dass sie größer war als ihre Cousine Hazel, in etwa so groß wie Mac, sie hatte – wie Mac - dunkles Haar und ein sympathisches Lächeln, aber statt der braunen Augen, die Harm fast erwartet hatte, begegnete ihm ein helles Grau. Für eine Sekunde fühlte Harm sich irritiert, obwohl er nicht sagen konnte warum.
"Sie sind Anwalt, richtig?" erkundigte Ayita sich lächelnd, "NOCH ein Anwalt mehr in der Familie!"
"Zwei Anwälte mehr, um genau zu sein," Harm deutete grinsend zu Mac hinüber, die eben eine Unterhaltung mit Jason begann, "Und was arbeiten Sie?"
"Ich bin Landschaftsarchitektin, allerdings nicht hier in Oklahoma, sondern an der Westküste," erklärte Ayita.
"Meine Mutter und die Reeds," Harm nickte in Richtung Jason, seiner Schwester Elizabeth und deren Eltern, "leben an der Westküste. Vielleicht kennen sie eines Ihrer Projekte?" Er hörte Ayitas Antwort nur noch mit halbem Ohr zu, denn er war gleichzeitig bemüht, das Gespräch von Jason und Mac im Auge zu behalten und eben hatte Jasons Frage nach dem Leben in Georgetown seine Aufmerksamkeit erregt.
"Ähm, eigentlich ... lebe ich nicht mehr in Georgetown," erklärte Mac mit einem kaum merklichen Zögern.
"Wirklich? Sie sind weggezogen? Wieso das denn? Ich dachte immer, Ihnen gefalle die Nachbarschaft dort," wunderte sich der Architekt.
"Oh, ja, das ist immer noch der Fall. Georgetown ist einer der schönsten Vororte Washingtons, aber ich hatte ein paar Probleme mit meinen Nachbarn und zwei Mieterhöhungen innerhalb kurzer Zeit. Als Harm mich dann gefragt hat, ob ich..."
Jason starrte sie einen Moment lang nur fassungslos an. "Sie sind mit Harm zusammengezogen?!"
Harm verschränkte die Arme vor der Brust und kniff die Brauen zusammen. Er konnte nicht entscheiden, ob Jason entsetzt, enttäuscht oder einfach nur überrascht klang. <Na ja, ein wenig Enttäuschung muss man einem Mann schon zubilligen, wenn er erfährt, dass eine Frau wie Mac mit einem anderen zusammengezogen ist.> überlegte sich Harm grinsend und hatte es gar nicht eilig damit, seinem Cousin zu erklären, dass er und Mac nur eine Zweck-WG und keine Lebensgemeinschaft im eigentlichen Sinn bildeten.
Ayita trat einen Schritt von Harm weg, so als wolle sie der "Beziehung" zwischen dem Anwalt und Mac nicht im Weg stehen, und ging stattdessen auf Jason zu. "Ich hörte, Sie sind Architekt?"
Will und Granny wechselten einen bedeutsamen Blick. "Noch ein gescheiterter Plan!" stöhnte Granny, "Was müssen wir denn noch tun, um die beiden endlich zusammenzubringen?"
"Wie wäre es, wenn wir stattdessen eine der zwölf Herkulesarbeiten in Angriff nehmen? Dürfte leichter sein!" meinte Will mit einem selbstironischen Grinsen.
0125 Z-Zeit (19:25 Uhr CST / Central Standard Time)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Das Abendessen war schon eine Weile beendet, aber die versammelten Gäste saßen noch um die lange Tafel herum und unterhielten sich.
Granny beobachtete, dass Harm während er sich mit Mac und seiner Cousine Eli unterhielt systematisch die Krabben von der Garnierung der Fischplatte pickte. "Hast du immer noch diese Angewohnheit, ständig kleine Häppchen zu stibitzen, anstatt eine ordentliche Portion auf den Teller zu nehmen?" Neckisch kniff sie ihren Enkel in die Wange.
"Hey, ich habe kochen gelernt, indem ich Essen aus deiner Küche stibitzte," verteidigte sich Harm.
"Wenigstens jemand, der kochen kann," warf Will mit einem unschuldigen Blick in Macs Richtung ein, "Es gibt Leute, denen würde sogar Wasser anbrennen, wenn man sie in die Nähe der Küche lassen würde."
Harm grinste. "Wie kommt es eigentlich, dass du nur einen Schritt von einem 3-Sterne-Koch entfernt bist," Er deutete auf die von Will zubereiteten Speisen, "und deine Enkelin nicht mal Frühstück machen kann?"
"Ich kann sehr wohl Frühstück machen, Harmon Rabb!" protestierte Mac lautstark.
"Mac, ich spreche von einem richtigen, vollwertigen Frühstück, nicht davon, ein Glas Nutella aufzuschrauben! Wir wissen alle, dass deine Art zu kochen die Benutzung eines Telefons erfordert." spottete Harm erbarmungslos, aber in seinem Blick lag Zuneigung.
"Du bist ja nur sauer, weil ich versuche, dich von deiner Shrimps-Sucht zu heilen!" gab Mac schlagfertig zurück.
Harm ließ eilig die Gabel sinken, mit der er eben eine weitere Krabbe hatte aufspießen wollen. "Shrimps-Sucht? Ich? Wie kommst du denn da drauf, Mac?!"
"Ich habe sie in der letzten halben Stunde dreimal dabei ertappt, wie sie dir fasziniert beim Kauen zugesehen hat," behauptete Will grinsend und Granny fügte mit einem schwärmerischen Seufzen hinzu: "Ah, junge Liebe!"
Grannys Cousine Esther beugte sich zu Mac hinüber. "Warte erst mal zwanzig oder dreißig Jahre, dann würdest du am liebsten die Scheidung einreichen nur für die Art, wie er die Suppe schlürft!" prognostizierte die alte Dame pessimistisch.
Mac holte tief Luft für eine Erklärung, dass sie und Harm Arbeitskollegen und Freunde waren, weiter nichts, <Wir sollten das auf Visitenkarten drucken und an jeden verteilen, den wir treffen!> "Harm und ich, wir..."
"...ihr solltet euch jetzt besser rasch umziehen, damit wir zu unserem Junggesellen- bzw. Junggesellinnen-Abend starten können," unterbrach ihr Großvater sie, noch bevor sie die Sache richtig stellen konnte.
"Junggesellen-Abend?" wiederholte Harm skeptisch.
"Du willst doch wohl nicht etwa sagen, dass wir für einen JUNGgesellenabend zu alt sind, oder?" Grannys Augen funkelten belustigt.
"Natürlich nicht, aber...," Harm winkte ab, "Okay, wir sind schon unterwegs. Sind wir wieder oben untergebracht?" Harm erhob sich und steuerte noch während er es fragte mit seiner Reisetasche über der Schulter auf die Treppe zu. Als sie zu einer Ermittlung hier in Tahlequah gewesen waren, hatten er und Mac gemeinsam in einem großen Gästezimmer im Obergeschoss übernachtet, in dem sie eine Trennwand aufgestellt hatten.
"Oh, nein," Granny hielt ihn am Ärmel fest, "Frank und Trish schlafen schon im Gästezimmer. Du wirst in Johns altem Zimmer einquartiert."
Harm hob unwillkürlich eine Braue. Fast traf es ihn ein wenig unerwartet, dass Granny in der zweiten Person sprach, anstatt den Plural zu verwenden. Er hoffte nur, dass man Mac nicht in der Nähe seines attraktiven, erfolgreichen Cousins Jason untergebracht hatte. "Und Mac? Wo soll Mac übernachten?"
"Sehe ich aus als wäre ich so grausam, euch zwei Turteltäubchen zu trennen? Sarah und du werdet euch das Zimmer teilen müssen." Granny schob Mac, die gerade aus der Küche zurückkam, hinter Harm her in Richtung ihres zeitweiligen Quartiers.
Harm öffnete gehorsam die Zimmertüre und begutachtete ihre Unterkunft für die kommenden zwei Tage. John Ross’ altes Zimmer war fast spartanisch eingerichtet. Unter dem Fenster stand ein großer Schreibtisch mit einem Ledersessel, ein Schrank und eine Kommode verliefen entlang der Seitenwände und im hinteren Teil des Raumes befand sich ein relativ schmales Bett.
Harm blieb bei diesem Anblick auf der Türschwelle stehen und Mac musste sich unter seinem Arm hindurchbücken, um auch einen Blick in das Zimmer werfen zu können. "Wer hat eigentlich das Gerücht aufgebracht, dass auch alte Leute noch lernfähig sind? Unserer Großeltern haben scheinbar immer noch nicht begriffen, dass wir nur Freunde sind!" Mac schüttelte in halb gespielter, halb echter Verzweiflung den Kopf. Sie sah sich nach Granny um, die eben noch neben ihnen gestanden hatte, aber die Rentnerin war mit einer Geschwindigkeit davongeeilt, die ihre 85 Jahre Lügen strafte.
"Dann werden diese kupplerischen Biester es jetzt eben ein für alle Mal lernen! So geht das nicht!" Harm machte auf dem Absatz kehrt, um nach ihren plötzlich spurlos verschwundenen Großeltern zu suchen.
"Harm!" Eine warme Hand legte sich sofort auf Harms Unterarm und hielt ihn zurück, "Lassen wir es noch einmal durchgehen, okay? Schließlich ist morgen ihre Hochzeit, vielleicht ist ihr Bedarf an Romantik damit dann gedeckt. Und außerdem ist es ja nicht so als ob wir noch nie das Bett geteilt hätten – in einem rein platonischen Sinne, versteht sich."
Harm schnaubte. "Ein Bett ja, aber keine Sardinenbüchse!" Er warf einen skeptischen Blick auf das Bett, das zumindest zehn Zentimeter zu kurz für seine 1,93 m war.
Mac musste lachen. "Sieht so aus als wäre es Zeit, dass du was von deiner Katze lernst, Harm. Gypsie rollt sich zum Schlafen meist in ein handliches Format zusammen."
"Sarah würde dir dann sicher auch den Bauch kraulen!" bemerkte Granny, die an der offenen Türe vorbeihuschte, frech.
Harm schloss mit Nachdruck die Türe und deutete auf das kleine angrenzende Badezimmer. "Ladies first."
Mac nahm ihre Reisetasche und verschwand im Badezimmer.
Harm setzte sein Gepäck auf dem wirklich nicht gerade breiten Bett ab und suchte sich eine schwarze Hose und ein passendes Hemd heraus.
"Harm? Kannst du mal einen Moment herkommen?" hörte er ein paar Minuten später aus dem Bad. Harm durchquerte mit zwei schnellen Schritten den kleinen Raum und öffnete die Türe. Mac stand vor dem Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild mit einer Skepsis, für die es absolut keinen Anlass gab.
<Oh-oh!> Harm stöhnte unterdrückt auf. Er kannte sich gut genug mit Frauen aus, um zu ahnen, was gleich kommen würde: Eine der drei Fragen einer Frau, denen man(n) besser aus dem Weg gehen sollte: Sehe ich darin dick aus? Siehst du irgendwelche Falten? Magst du meine Mutter?
"Ähm, Harm..." Mac suchte seinen Blick im Spiegel, "... glaubst du ... denkst du, deine Mutter ist damit einverstanden, dass wir zusammenleben... in einer Wohnung, meine ich? Sie weiß doch davon, oder?"
Harm schluckte und verlängerte in Gedanken seine Liste gefährlicher Fragen auf vier. "Nicht von mir, aber ich bin sicher, dass Granny das nicht lange für sich behalten kann. Mac, meine ganze Familie inklusive Mum ist ein ziemlich großer Fan von dir, also entspann dich. Du hast nichts zu befürchten."
"Vielleicht könnte mir Trish sogar ein paar Tipps geben, schließlich hat sie lange genug mit dir unter einem Dach gelebt," meinte Mac schmunzelnd.
"Untersteh dich, Marine, oder ich trete in einen Koch-Streik!" Nachdem dies nun geklärt war, schloss Harm die Türe wieder hinter sich und wartete draußen.
"Was meinst du?" fragte Mac als sie schließlich wieder zum Vorschein kam, auf das dunkelblaue Kleid, das sie trug, deutend.
Harm konnte sich ein breites Flyboy-Grinsen nicht verkneifen. "Mac, du siehst wundervoll aus," antwortete er ehrlich und fügte neckisch hinzu: "Genau wie in dem Sommerkleid und dem Hosenanzug, die du zuvor anhattest!"
Mac versetzte ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm, als er an ihr vorbei ins Badezimmer ging. "Mach so weiter mit diesen Komplimenten und mein Ego ist bald größer als deins, Flyboy!"
0200 Z-Zeit (20:00 Uhr CST / Central Standard Time)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Mac wartete neben der Fahrertüre, bis Granny, Trish und Cousine Esther in den Mietwagen gestiegen waren, während neben ihr Harm auf die Beifahrertüre von Sorrys Jeep zustrebte. "Versuch diesmal doch, nicht gleich wieder verhaftet zu werden und in einer Zelle zu landen, ja, Flyboy?" Sie zwinkerte Harm auf eine Weise zu, die ihr eine verwundert gehobene Augenbraue von Granny einbrachte, "Und wohin gehen wir Damen? Ich gehe überall mit hin, aber wenn ihr in ein Striplokal wollt, streike ich." Sie musste an Harriet und deren Mutter denken als sie es sagte.
Granny entging nicht, dass Harm und Mac wieder einen schnellen Blick wechselten.
Trotz des "Gehe überall mit hin"-Kommentars wusste Harm, dass es Mac nicht immer ganz leicht fiel, sich inmitten von Menschen aufzuhalten, die den ganzen Abend lang Alkohol konsumierten und ein Dutzend Mal erklären zu müssen, warum sie sich die ganze Zeit über nur an einem Glas Tonic Water mit Zitrone festhielt. Er schenkte ihr ein besonders warmes Lächeln. "Viel Spaß, Mac, und dass mir keine Klagen kommen!" Sorry rief seinen Namen und Harm stieg hastig ein.
0308 Z-Zeit (21:08 Uhr CST / Central Standard Time)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
"Baseball? Ihr wollt Baseball spielen?" Harm starrte John Sorell Ross ungläubig an, "Jetzt? Auf eurer Junggesellenparty? In diesen Kleidern?" Harm deutete auf sein schwarzes Seidenhemd und die feinsäuberlich gebügelte Hose.
"Angst zu verlieren, großer Fliegerheld?" erkundigte sich der kleine, grauäugige John Ross grinsend.
"Oder Angst, mit ramponierter Kleidung vor Sarah – Mac - erscheinen zu müssen?" fügte Will schmunzelnd hinzu.
Harm kniff entschlossen die Augen zusammen und streckte die Hand aus. "Schläger her!"
John Ross schüttelte den Kopf. "Unser Team spielt zuerst im Feld. Welche Position möchtest du? Ich spiele Shortstop – und jetzt bitte keine blöden Witze über meine Größe!" Der silberäugige Cherokee grinste und Harm stellte fest, dass er sehr viel gelassener und mit sich selbst im Reinen war, seit er und Hazel zusammen waren.
"Rechtes Außenfeld," entschied Harm und betrat das Spielfeld.
1 ½ Stunden später befand sich das Spiel im neunten und letzten Durchgang. Harm stand am Rand des Spielfeldes und sah zu, wie Will sich am Schlagmal aufstellte.
Frank Burnett, Harms Stiefvater und Werfer der gegnerischen Mannschaft, bezog Stellung auf dem Wurfhügel in der Mitte des Innenfeldes und fasste Will fest ins Auge. Der Ball kam in einem Bogenwurf auf Will zu, kollidierte hart mit dem Schläger und flog über den Kopf des zweiten Basemannes ins Außenfeld. Will schaffte es sicher bis zur ersten Base, bevor der mittlere Außenfeldspieler dem ersten Basemann den Ball zuwerfen und Will "aus" machen konnte.
Harm musste die Kraft und Ausdauer bewundern, die der 85jährige noch immer besaß. Er erhob sich von der Bank und ging zum Schlagmal hinüber. Er stellte sich auf, fasste den Schläger fester und schwang ihn probehalber über die rechte Schulter. Er warf einen schnellen Blick auf die Bases, die jetzt alle mit ihren Spielern besetzt waren, bevor er wieder den nächsten Werfer, Jason, im Auge behielt. Harm wusste, dass sein Schlag der spielentscheidende sein konnte.
Die Zuschauer, die auf das Spiel aufmerksam geworden und sich am Rande des Feldes eingefunden hatten, schrieen Anfeuerungsrufe. Harm musste automatisch an Mac und ihre Tanzeinlage denken, mit der sie beim letzten Baseballspiel das Marine-Team angefeuert hatte. Er fand es schade, dass sie jetzt nicht dabei war.
Der Gedanke an Mac lenkte ihn für einen Moment ab und fast hätte er verpasst, wie Jason zum Wurf ausholte. Ein schneller Ball, gerade noch in der Strike-Zone, die sich von seinen Schultern bis zu seinen Knien erstreckte, kam auf ihn zugerast. Harm schwang den Schläger, spürte, wie er den Ball traf und rannte los. Als er die erste Base passierte, sah er wie der weiße Ball über den Zaun, der das Außenfeld begrenzte, segelte und joggte gemütlich den restlichen Weg bis zur Homebase, während seine Teamkameraden vor ihm ebenfalls die Gelegenheit nutzten und so das Spiel beendeten.
Frank Burnett tauchte hinter Harm auf und obwohl er sonst zurückhaltend mit solchen väterlichen Gesten war, klopfte er Harm leicht auf die Schulter. "Gutes Spiel," lobte er und lächelte freimütig, obwohl Harms Homerun bedeutete, dass seine Mannschaft verloren hatte.
Harm und sein Stiefvater gingen nebeneinander am Rand des Spielfeldes entlang in Richtung Parkplatz. "Ich bin bisher nicht dazu gekommen, aber ich möchte dir noch sagen, wie sehr ich mich für dich freue."
Harm runzelte die Stirn. <Ich vermute, er redet jetzt nicht über das Spiel, oder?> "Und wieso genau freust du dich für mich?" erkundigte er sich mit zusammengekniffenen Augen.
Frank starrte ihn einen Moment nur an. "Harm... ich weiß ja, dass es zwischen uns in der Vergangenheit so manche Differenzen gab, aber du bist der einzige Sohn, den ich je hatte. Natürlich freue ich mich, wenn du endlich dein Glück findest!" versicherte der Vizepräsident von Chrysler herzlich.
"Mein Glück?" fragte Harm nach, ahnte aber bereits, was kommen würde.
"Na, Mac! Wenn sie kein Glücksfall ist..."
Harm lächelte vor sich hin. "Frank... ich weiß ja nicht, wer dir gesagt hat, dass Mac und ich jetzt zusammen leben – obwohl ich es mir fast denken kann – aber offensichtlich hat derjenige es versäumt dir zu sagen, dass wir nur Wohn- und keine Bettgenossen sind," erklärte Harm unumwunden.
Frank stöhnte. "Das hat sie allerdings versäumt," murmelte er mehr zu sich selbst als zu Harm und fügte dann lauter hinzu: "Harm, du weißt, dass ich es normalerweise vermeide, Schlussfolgerungen irgendwelcher Art über eure Beziehung anzustellen. Tut mir leid, dass ich mich diesmal dazu habe hinreißen lassen."
Harm gab ihm einen beruhigenden Klaps auf den Arm und nickte knapp. "Schon okay, Frank."
Will tauchte breit grinsend hinter den beiden jüngeren Männern auf. "Wow, mein Schwiegerenkel ist die Reinkarnation von Joe Dimaggio!" kommentierte er den Ausgang des Spieles grinsend, "Das hätten unsere Sarahs sehen sollen!"
<Unsere Sarahs?> "Mach nur weiter mit solchen Sprüchen, Will, vielleicht entpuppe ich mich dann als Reinkarnation von Jack the Ripper!" knurrte Harm grimmig, seine beste Admiral-Chegwidden-Imitation ausprobierend.
0333 Z-Zeit (21:33 Uhr CST / Central Standard Time)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
"Genug ist genug, Granny!" Energisch zog Mac ihre ältere Freundin vom Kartenhäuschen der Achterbahn weg, mit der Granny schon zum vierten Mal gefahren war, seit sie den Rummelplatz betreten hatten, "Euch Rabbs kann auch nichts wild und schnell genug sein, oder?"
"Wild und schnell?" wiederholte Granny mit einem breiten Grinsen, "Ich hoffe doch sehr für dich, dass mein Enkel nicht alles wild und SCHNELL mag." Sie zwinkerte Mac zu und brachte diese damit prompt zum Erröten.
"Granny!" protestierte sie und gestikulierte hilflos, "Es wird wirklich Zeit, dass mein Großvater eine ehrbare Frau aus dir macht, dann vergehen dir vielleicht solche üblen Verdächtigungen über das Privatleben anderer Menschen!" Mac verrenkte den Kopf nach einem Zerrspiegel, an dem sie eben vorbeikamen, um zu sehen, ob sie ihre Gesichtsfarbe wieder unter Kontrolle hatte.
Granny lachte und hakte sich bei Mac ein, während Hazel, Trish und die anderen ihnen folgten. "Wie wäre es mit einer Zuckerwatte?" fragte Granny versöhnlich, um dann nach einer Sekunde doch noch neckisch auf die rosarote Süßspeise zu zeigen und hinzuzufügen: "Sie würde gut zu deiner Gesichtsfarbe passen!"
"Nein, danke," wehrte Mac ab. Ohne Harm an ihrer Seite, der sie die ganze Zeit über daran erinnern würde, welche Wirkung die Zuckerwatte auf ihren Blutzuckerspiegel, ihre Zähne und ihre Figur hatte, machte es nur halb soviel Spaß, sich das klebrige Etwas zu gönnen.
"Mum?" erklang hinter ihnen plötzlich Trishs Stimme, "Kann ich dir Mac mal einen Moment entführen?"
"Oh, sicher, Trish," Granny löste ihre Hand von Macs Ellenbogen, "Ich wollte ohnehin noch mit Hazel über die Strumpfbänder reden, die wir morgen tragen werden." Mit einem typischen Rabb-Grinsen ging sie davon.
Mac schluckte unmerklich und drehte sich zu Harms Mutter um. "Mrs. Burnett..." Sie nickte ihr zu.
Die schlanke, elegante Frau rollte mit den Augen. "Trish, Mac! Du sollst mich doch Trish nennen, schon vergessen?"
Mac nickte erneut. "Trish..." Sie wartete ein wenig nervös darauf, was Harms Mutter zu sagen hatte.
"Und? Wie ist es, mit Harm zusammenzuleben?" fragte Trish ohne Umschweife.
Mac war froh, dass sie sich gegen eine Zuckerwatte entschieden hatte – jetzt hätte sie sich vermutlich verschluckt und wäre daran erstickt. "Uh, ähm... woher wissen Sie... weißt du davon?"
Trish lächelte milde. "Lass uns einfach sagen, ein kleines Vögelchen hat es mir ins Ohr gezwitschert..."
Mac schnaubte. "Ich kann mir schon denken, welche Spottdrossel das gewesen ist!" Sie lachten beide und Macs Angespanntheit legte sich etwas, "Trish, ich ... Harm und ich, wir leben zwar zusammen, aber wir sind nicht ... wir SIND nicht zusammen. Es war nur einfach am praktischsten, zusammenzuziehen, nachdem Harms Wohnung abgebrannt ist und ich immer mehr Ärger mit meinen Nachbarn hatte."
"Und wie klappt es, das Zusammenleben?" wiederholte Trish ihre Frage.
Mac lächelte. "Ich schicke täglich ein Dankesgebet an denjenigen, der Harm so gut erzogen hat. Kochen, spülen, putzen... Harm ist die perfekte Hausfrau!" scherzte sie lachend, wurde dann aber wieder ernst und suchte nach einem Satz, der ihr Zusammenleben mit Harm am besten erklärte, "Es ist einfach schön, nicht nur zu einem alten Hund und einem Mikrowellen-Essen nach Hause zu kommen."
Die Galeristin sah Mac ernst, fast prüfend an. "Mac, ich weiß, es geht mich eigentlich nichts an, aber als Mutter macht man sich eben so seine Gedanken... und versteh das jetzt bitte nicht falsch, aber ... bist du sicher, dass ihr nicht an eurem Glück vorbeilauft?"
Mac atmete tief durch. "Trish, bitte, fang du nicht auch noch an!" stöhnte sie, "Granny und Will versuchen schon ständig, Harm und mich in den Hafen der Ehe zu treiben!"
Trish berührte kurz Macs Arm und fing ihren Blick ein. "Nein, Mac, so hab ich das nicht gemeint," <Jedenfalls nicht nur.> "Ich würde mich sicherlich nicht dagegen sträuben, wenn ich eines Tages erfahren würde, dass du meine Schwiegertochter wirst – ganz im Gegenteil – aber das ist eure Sache. Ich meinte etwas Anderes: Wenn du und Harm zusammen lebt, dann verbringt ihr sicher 16 Stunden am Tag zusammen..."
<Eher vierundzwanzig, wenn man bedenkt, wie oft ich in Harms Wasserbett übernachte,> dachte Mac, hielt es aber für unklug, Trish auch noch darauf hinzuweisen, dass sie das Bett mit ihrem Sohn teilte, deshalb nickte sie nur stumm und wartete ab, auf was Trish hinauswollte.
"Habt ihr überhaupt noch Zeit für jemand anderen in eurem Leben? Und schreckt es nicht möglicherweise Interessierte ab, wenn er oder sie erfährt, dass ihr schon mit jemandem zusammenlebt? Nicht jeder versteht die Art eurer Freundschaft." <Weiß Gott, ich verstehe sie manchmal selbst nicht!> "Bist du wirklich glücklich oder begnügst du dich nur mit dem, was du jetzt hast?" Es lag kein Vorwurf und keine Anklage gegen Mac in Trishs Stimme, sondern nur aufrichtige Sorge und Anteilnahme am Leben der jüngeren Frau.
Mac musste schlucken und räusperte sich. "Ich bin glücklich, Trish. Und wer deinen Sohn kennt, der weiß, dass Harmon Rabb junior niemand ist, mit dem man sich nur ‚begnügt’. Harm ist kein Ersatz für eine ‚richtige Beziehung’, einen Lebensgefährten, für mich, sondern etwas ganz Besonderes. Und ich hoffe, dass ich ihn und seine Freundschaft noch sehr, sehr lange in meinem Leben habe."
Trish blinzelte gerührt und legte ihre feingliedrige Hand für einen Moment über Macs. "Das hoffe ich auch, Mac."
"Trish, entlasse Sarah mal für einen Moment aus dem Blick deiner wachsamen Schwiegermutter-Augen, hier wird ein Marine gebraucht!" rief Granny vom Schießstand her und unterbrach damit den Moment.
Trish lächelte und ließ ihre Hand sinken. Gemeinsam mit Mac ging sie zu Granny und den anderen Frauen hinüber.
Mac nahm das Gewehr entgegen, das Granny ihr reichte, während die anderen ein wenig zurücktraten. Sie wog das Gewehr prüfend in der Hand und bemerkte sofort, dass es nicht sonderlich gut ausbalanciert war. Sie würde das beim Zielen berücksichtigen müssen.
Mac begegnete kühl dem Blick des grinsenden Budenbesitzers, der offensichtlich glaubte, die Augen-Hand-Koordination der jungen Frau reiche allenfalls für die Bedienung eines Staubsaugers, legte die Waffe an und presste den Kolben fest gegen die Schulter, bevor sie abdrückte.
"Treffer!" jauchzte Granny, während Mac sich ruhig zu ihr umdrehte und die alte Frau näherwinkte.
"Ach, und Granny, nur zu deiner Information," Mac grinste schelmisch, "Es gibt durchaus auch LANGSAME Dinge, die Harm laut und enthusiastisch werden lassen." <Zugfahren, zum Beispiel!>
Granny starrte sie sprachlos an, während Mac sich seelenruhig zu ihrem nächsten Schuss umdrehte.
0434 Z-Zeit (22:34 Uhr CST)
Restaurant "A-wi e-qua at-li" / "Rennender Elch"
Tahlequah, Oklahoma
Will, Sorry, Frank, Harm und der Rest der Junggesellen-Party betraten das Nebenzimmer des cherokesischen Restaurants und setzten sich an einen langen Tisch. Eine alte Cherokee-Frau, die eben aus der Küche gekommen war, schlenderte ohne die geringste Eile zu ihnen hinüber. "O-si-yo," grüßte sie freundlich, "Was darf ich euch bringen? Morgen ist der große Tag, was, Sorry?" Sie lächelte dem kleinen Mann zu.
John "Sorry" Ross nickte lächelnd und seine Silberaugen leuchteten voller Vorfreude.
"Bring uns doch erst mal was zu trinken, die Speisekarte kann warten," entschied Will.
Harm lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah sich in dem Nebenzimmer des kleinen Restaurants um, in dem die Junggesellen-Party nach dem Baseballspiel gelandet war. Das cherokesische Lokal lag nur zwei Straßen von Wills Haus entfernt und war so leicht zu Fuß erreichbar.
Nichts im "Rennenden Elch" erinnerte Harm an die Pubs und Restaurants, die er von Washington her kannte. Hier dröhnte keine laute Musik, es gab keine gestressten Bedienungen und keine Neonlichter. Der Raum mit all seinen indianischen Kultur- und Kunstgegenständen strahlte eine behagliche Ruhe aus. Der "Rennende Elch" war ein Familien-Betrieb und Will kannte sowohl die Wirtin als auch jeden der Gäste mit Namen.
Harm musste unwillkürlich daran denken, wie er vor einem Jahr, während sie in Tahlequah ermittelt hatten, mit Mac hier gewesen war. Die Wirtin hatte ihm damals nahegelegt, er solle seiner ‚Freundin’ ihre ungesunde Ernährungsweise ausreden. Harm grinste vor sich hin. Ganz abgesehen davon, dass Mac nicht seine ‚Freundin’ in dem Sinne war, hatte er es immer noch nicht geschafft, sie zu Salat und Meeresfrüchten zu bekehren. Er wusste genau, dass Mac, wenn sie jetzt hier gewesen wäre, wieder wie damals ein saftiges Steak und Pommes Frites bestellt hätte. <Aber sie ist ja nicht hier.> sagte sich Harm fast mit Bedauern. Er fragte sich, ob Mac ebenfalls einen ebenso ungewöhnlichen Junggesellen- bzw. Junggesellinnen-Abend wie er erlebt hatte.
Einem Impuls folgend schob er den Stuhl zurück und erhob sich. "Wenn ihr mich bitte einen Moment entschuldigen würdet..." Harm nickte den anderen Männern zu, durchquerte das Hinterzimmer und den Raum mit der Bar und trat in den Hof hinaus.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Nur der Halbmond und eine Straßenlaterne spendeten ein wenig Licht. Neben den drei Treppenstufen, die zum "Rennenden Elch" hinaufführten, stand eine vertraute Gestalt in einem blauen Sommerkleid. Als er sich näherte, drehte sie sich zu ihm um und er war seltsamerweise kaum überrascht, Mac vor sich zu sehen.
Auch Mac lächelte nur als sie ihn sah. "Aha, ihr seid also auch hier gelandet. Und? Was habt ihr so den ganzen Abend lang gemacht?" Sie neigte den Kopf zur Seite und sah ihn neugierig an.
Harm setzte sich auf die unterste Treppenstufe, legte den Kopf in den Nacken, um ihr ins Gesicht sehen zu können, und grinste seine Partnerin an. "Wenn ich jetzt sage, wir waren in einem Striplokal, in dem leichtbekleidete Frauen auf den Tischen tanzen, wirst du mir vermutlich nicht glauben, oder?"
Mac setzte sich neben ihn und knuffte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. "Richtig, Flyboy, das glaube ich dir nicht. Will möchte deine Aufmerksamkeit auf mich lenken, nicht auf irgendwelche Stripperinnen, die vermutlich halb so alt sind wie ich."
<Und halb so klug, halb so hübsch und halb so humorvoll...> Harm stellte fest, dass er den ganzen Abend über den Wortwitz, die Schlagfertigkeit und die braunen Augen seiner WG-Gefährtin vermisst hatte. "Okay, ich geb’s zu – wir waren lediglich Baseball spielen."
"Baseball? Ihr habt Baseball gespielt am Abend vor der Hochzeit?" Mac lachte laut auf.
"Ja, Baseball – wo steht denn geschrieben, dass jeder Junggesellen-Abend clichémäßig in einer Bar enden muss?" verteidigte Harm seine Würde, "Außerdem hatte ich noch ein interessantes Gespräch mit Frank. Er dachte, du und ich, wir wären jetzt zusammen."
"Wie kommt er denn auf die Idee?" fragte Mac ohne wirkliches Erstaunen. Es war inzwischen einfach schon zu oft passiert, um noch überraschend zu sein.
"Ich schätze, er hat gehört, dass wir zusammengezogen sind und hat einfach angenommen, dass du es schließlich aufgegeben hättest, meinem Charme widerstehen zu wollen," erläuterte Harm mit seinem typischen verwegenen Flieger-Lächeln, das ihm auch prompt einen Klaps von seiner Gesprächspartnerin einbrachte, "Und was haben die werten Damen den ganzen Abend lang gemacht? Hmmm?" fragte er, sich theatralisch den Arm reibend.
"Tja, also... wir waren auf einem Rummelplatz," gestand Mac und hob schnell die Hand, bevor Harm triumphierend lachen oder eine dumme Bemerkung machen konnte, "Hey, spar dir die Witze, Mr. Zugfahrer! Ich hab dir sogar was mitgebracht!" Sie zog ein kleines Stofftier hinter dem Rücken hervor.
"Eine Schildkröte?" Harm hob skeptisch die Brauen, "Du hast mir eine Schildkröte mitgebracht?"
Mac nickte schelmisch. "Keine Angst, das soll keine Anspielung sein."
Harm nahm das Plüschtier entgegen und begutachtete es von allen Seiten, bevor er es auf sein Knie setzte und sich wieder Mac zuwandte. "Und? Ist außer dem Gewinn dieses umwerfenden Hauptpreises sonst noch was Aufregendes passiert?" Seine Zähne blitzten im Mondlicht als er lächelte.
"Mm-hmm," Mac nickte und tat beiläufig, "Ich hatte ebenfalls ein sehr interessantes Gespräch – mit deiner Mutter."
"Mit Mum?" Kleine Fältchen bildeten sich auf Harms Stirn und er musterte die verstohlen grinsende Mac argwöhnisch, "Das sagst du jetzt nicht nur, um dich für meine Bemerkung über mein Gespräch mit Frank zu rächen, oder?" Er hoffte, dass es so war, denn seit Trishs ‚Mac-ist-eine-tolle-Frau’-Rede wusste er, dass kupplerische Tendenzen sich nicht auf seine Verwandtschaft väterlicherseits beschränkte.
"Nein, wie kommst du denn auf die Idee?" Lächelnd schüttelte Mac den Kopf.
"Weil du grinst wie ein Honigkuchenpferd," meinte Harm anklagend.
"Ach, ich hab nur gerade überlegt, was ich mir gleich zum Essen bestellen soll, wenn ich wieder rein gehe," behauptete Mac unschuldig. Sie genoss es, sich mit Harm zu necken, nachdem sie es den ganzen Abend lang vermisst hatte.
Harm schüttelte wissend den Kopf. "Das war kein Essen-Lächeln. Deine Mundwinkel ziehen sich auch mal wieder so verräterisch nach oben. Was geht da in diesem Marine-Gehirn schon wieder vor, hm?"
"Erstens: du hast recht, es war kein Essen-Lächeln. Und zweitens: wenn eine Frau so lächelt, sollte man sie nie danach fragen, was sie gerade denkt," Schalk glitzerte in Macs braunen Augen und ihre Mundwinkel zuckten amüsiert, "Nein, im Ernst, ich habe wirklich eine Unterhaltung mit Trish gehabt."
"Worüber? Über mich?" argwöhnte Harm.
Mac schüttelte tadelnd den Kopf und gab mit ihrem Knie seinem einen Schubs, so dass die Stoff-Schildkröte fast auf dem Boden landete. "Nicht, dass mir das neu wäre, aber ihr Flyboys seid wirklich arrogante, egozentrische, selbstverliebte..."
"... genug der Lobreden," unterbrach Harm mit einem jungenhaften Grinsen, "Komm schon, Mac, sag mir was sie wollte!"
"Sieh an, jetzt verlegt sich der große Fliegerheld und Star des Gerichtssaals also aufs Betteln!" spöttelte Mac und knuffte ihren Partner freundschaftlich in die Seite, "Na schön. Trish hat versucht mich zu warnen und mir klarzumachen, wie schwer es ist, mit dir unter einem Dach zu leben," Mac schmunzelte und Harm war klar, dass sie nur scherzte und dass das nicht wirklich der Inhalt des Gesprächs gewesen war.
"Und? Hast du dieser Einschätzung zugestimmt?" ging er trotzdem auf das Spiel ein. Seine blaugrauen Augen blickten Mac gespannt an.
"Na ja, ich hab sie beruhigt und gesagt, dass du abgesehen von deiner Besessenheit mit einem bestimmten Nahrungsmittel und ein paar Problemen mit tierischen Hausschuhen ganz erträglich bist," meinte Mac mit einer edelmütigen Handbewegung.
"Na, da bin ich aber froh, dass du meiner Mutter nicht sämtliche Illusionen über ihre Erziehungserfolge geraubt hast!" Harm tätschelte Mac in gespielter Dankbarkeit die Schulter, "Aber nun mal raus mit der Sprache: Was hat Mum wirklich gesagt?"
"Sie wollte wissen, ob wir glücklich miteinander sind."
Harm ließ die Schildkröte fallen, deren Plüschfell er unbewusste gestreichelt hatte. "Was? Das hat sie dich wirklich gefragt?" Er ließ scharf den Atem entweichen, "So etwas hätte ich von Granny erwartet, aber doch nicht von Mum..."
"So hat sie es nicht gemeint, Harm," beruhigte Mac sofort, "das sollte kein Verkupplungsversuch sein. Trish hat einfach nur befürchtet, dass wir zwei Solo-Flieger in dieser WG nur ein praktikables Mittel gegen Einsamkeit sehen und darüber völlig vergessen, dass Außenstehende unsere Wohngemeinschaft möglicherweise für etwas Dauerhafteres... etwas ... Intimeres halten, in das sie sich lieber nicht hineindrängen wollen. Trish wollte einfach nur, dass wir nicht an unserem Lebensglück vorbeilaufen."
Harms Stirn glättete sich etwas und seine Augenbrauen senkten sich wieder, dennoch stimmte ihn Macs Erklärung nachdenklich. Sicher, es stimmte, dass viele Leute die Beziehung zwischen ihm und Mac missverstanden und sie für ein Paar hielten, aber das war auch schon früher so gewesen und er hatte trotzdem nie Probleme gehabt, Frauen kennen zu lernen, wenn er es wollte. Vielleicht war genau das das Problem: In letzter Zeit hatte er gar nicht gewollt, sondern war ziemlich... häuslich geworden. <Vermutlich werde ich alt!> sagte er sich ironisch. Und was das ‚praktikable Mittel gegen Einsamkeit’ betrat... natürlich, es stimmte ohne Frage, dass in Macs Gesellschaft weder Langeweile noch Einsamkeit aufkam, aber wenn er einfach nur nicht alleine hätte sein wollen, dann hätte er dazu keine WG gründen müssen. Es ging ihm nicht um Gesellschaft, es ging ihm um Macs Gesellschaft. Mac Andeutung, dass ihr Zusammenleben nichts Dauerhaftes sein würde, traf ihn etwas unerwartet. Darüber hatte er sich noch nie Gedanken gemacht. <Was hast du dann gedacht, Rabb? Dass ihr in vierzig Jahren mal zusammen ein Zimmer im Altersheim beziehen würdet?> schalt er sich in Gedanken.
"Haaarm!"
"Was?" Harm schreckte plötzlich aus seinen Überlegungen hoch als ihm bewusst wurde, dass Mac ihn vermutlich schon zum wiederholten Mal ansprach.
"Ich hab gefragt, ob wir nicht besser zu unseren jeweiligen Partys zurückgehen sollen," schlug Mac vor, "Sie warten sicher schon mit dem Essen auf uns."
Harm nickte und wechselte sein Stofftier in die linke Hand, um mit der Rechten Mac hochzuziehen.
"Und denk daran, dass du auf Entzug bist, Flyboy – du kannst alles bestellen, aber keine Shrimps. Nichts, was auch nur im Entferntesten einer Krabbe ähnelt, klar?" ermahnte Mac ihren Mitbewohner auf dem Weg nach innen, "Bekommst du das hin?"
Harm drehte sich um und sah sie zweifelnd an. "Also, ich denke nicht, dass..."
"Wenn auf dich eine Belohnung wartet?"
"Eine Belohnung?" Harm grinste erwartungsvoll wie ein Kind unterm Tannenbaum. Mac nickte und daraufhin wurde Harms Grinsen noch breiter. "Was für eine Belohnung?"
Mac gab sich geheimnisvoll. "Wird erst nach bestandener Prüfung verraten."
"Komm schon! Sag’s mir!" Der Anwalt wandte sein volles Flyboy-Potential auf seine Kollegin an.
"Oh nein. Erst Krabben-Abstinenz, dann Belohnung," erklärte Mac streng.
Harm gab vor zu trotzen. "Das ist gemein."
"Ich bin sicher, du wirst es überleben," versicherte Mac ironisch und gab ihm einen Schubser in Richtung Nebenzimmer, bevor sie zur neugierig zu ihnen hinüber blickenden Granny und den anderen Frauen im Hauptraum des Restaurants zurückkehrte.
0720 Z-Zeit (01:20 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Harm drehte sich zum zehnten Mal auf die andere Seite und zog die Bettdecke höher. Ein paar Sekunden später strampelte er sich wieder frei, knautschte das Kopfkissen zusammen und rollte sich wieder herum. Er war müde, aber er konnte nicht schlafen. Er horchte auf, als auf dem Gang leise Schritte erklangen und sich schließlich vorsichtig die Türe öffnete. Er brauchte kein Licht, um zu wissen, dass es Mac war, die sich auf Zehenspitzen durch das dunkle Zimmer schlich.
"Harm?" wisperte sie.
"Ja," meldete er sich und stützte sich auf dem Ellenbogen auf, "Ich und mein Freund, die Schildkröte sind schon seit einer halben Stunde im Bett."
Mac tastete sich durch die Dunkelheit in Richtung Bett, bis ihre Hand plötzlich warme Haut berührte. Eilig nahm sie die Hand wieder weg und tastete stattdessen nach dem Schalter der Leselampe über dem Bett.
Harm brummte und schirmte seine Augen mit der Hand ab, als es plötzlich hell wurde.
"Entschuldige." Mac fand ihren Pyjama, schaltete das Licht wieder aus und verschwand im Badezimmer.
Harm verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lauschte den gurgelnden Lauten, die aus dem Badezimmer drangen, während Mac sich die Zähne putzte. Irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl, dass er jetzt problemlos würde einschlafen können.
Fünf Minuten später kam Mac aus dem Badezimmer und tastete sich erneut durch das in fast völliger Dunkelheit liegende Zimmer in Richtung Bett. "Achtung, Marine im Anmarsch!" warnte sie, "Bring alle unverzichtbaren Körperteile in Sicherheit!"
Harm lachte und Mac war sicher, dass er jetzt mehrdeutig die Augenbraue hob. Sie zielte blindlings mit der flachen Hand nach seiner Schulter. "Ich spreche von deiner Schreibhand, Flyboy!"
Harm rutschte noch immer lachend zur Seite. Mac quetschte sich neben ihm in das schmale Bett und nahm sofort ¾ der Bettdecke in Beschlag. "Dagegen war meine Koje auf der Watertown breit wie der Grand Canyon!" beschwerte sie sich.
Harm stieß sich die Schulter an der Wand. "Das kannst du laut sagen... oder besser nicht – wenn wir zu laut sind, beschuldigt uns Granny morgen wieder, ‚wilden hemmungslosen Sex’ gehabt zu haben!"
"Das ist wirklich der perfekte Ort und die perfekte Zeit, um über so was zu sprechen, Harm!" beschwerte sich Mac.
Man hörte das Grinsen förmlich in Harms Stimme, als er antwortete: "Ach, sag bloß mein Flyboy-Charme hat diesen toughen Marine doch nicht ganz unbeeinflusst gelassen..."
Mac schnaubte. "In deinen Träumen!"
"Oh, guter Vorschlag!" scherzte Harm weiter, "Nacht, Mac."
"Gute Nacht, Harm." Mac drehte sich herum und zog Harm damit auch den letzten Rest der Bettdecke weg.
Harm fand sich kommentarlos damit ab und schloss die Augen.
Eine Viertel Stunde lang herrschte völlige Ruhe.
"Harm?" Macs Stimme durchdrang plötzlich die Dunkelheit.
"Hmmm?" Harm war viel zu schläfrig und zu träge, um sich umzudrehen oder die Augen zu öffnen.
"Haaarm!"
Harm seufzte, ergab sich in sein Schicksal und wälzte sich herum. "Ja? Stimmt was nicht, Mac?" In plötzlicher Sorge öffnete er die Augen und versuchte in der Dunkelheit ihr Gesicht zu erkennen.
"Ich kann nicht schlafen," erklärte Mac.
"Und deshalb weckst du mich?" Harm schüttelte ungläubig den Kopf, obwohl Mac diese Geste in der Dunkelheit gar nicht sehen konnte.
"Du hast doch noch gar nicht geschlafen, Flyboy," wandte Mac sofort ein.
"Ach ja?" Harm hob die Brauen, einmal mehr erstaunt darüber, wie gut seine Partnerin ihn kannte, "Und woher willst du das wissen?"
Macs Lippen teilten sich und gaben den Blick auf weiße Zähne frei, die im Halbdunkel leuchteten als sie lächelte. "Ganz einfach: Sobald du einschläfst, streckst du die Eisklumpen, die du Füße nennst, zu mir hinüber."
"Nein, nein, nein, Mac, das ist ganz anders," protestierte Harm spielerisch, "Sobald DU einschläfst, klaust du mir die Decke, so dass meine Füße kalt werden und ich gar keine andere Wahl habe als ein bisschen näher zu rutschen." Er tastete im Dunkeln über Macs Kopfkissen, bis er ihr Gesicht fand und ihr einige wirre Haarsträhnen aus der Stirn strich, "Und jetzt versuch zu schlafen, Marine."
Mac schloss gehorsam die Augen und legte behaglich den Kopf gegen Harms Schulter. Einige Minuten lang herrschte Ruhe. "Harm?" störte Mac schon wieder Harms Schönheitsschlaf, "Kommst du mit?"
"Mitkommen? Wohin? Sag mir nicht, du willst jetzt joggen gehen?! Mac, es ist... du weißt besser als ich, wie viel Uhr es ist!"
"Keine Angst, Faulboy," neckte Mac, "wir gehen nicht joggen." Munter schwang die Offizierin die Beine aus dem Bett und zog den protestierenden Harm hinter sich her in Richtung Küche.
"Mac, wohin..."
"Pssst!" Harm spürte, wie Mac in der Dunkelheit näher an ihn heranrutschte und sich ihre warme Hand kurz über seinen Mund legte. "Die anderen schlafen!"
Harm grinste und fragte sich, ob Mac bewusst war, dass sie mit ihrem "Pssst" mehr Lärm machte als er mit seiner geflüsterten Frage.
Mac schob ihren größeren Partner vor sich her in die Küche, schloss die Türe und knipste das Licht an.
Harm blinzelte in die plötzliche Helligkeit. Nach einigen Sekunden wurde er sich der Hand bewusst, die noch immer auf seinem Rücken ruhte, dann trat Mac einen Schritt von ihm weg und tapste barfuss zum Kühlschrank. Als sie sich wieder umdrehte, hatte sie ein breites Grinsen im Gesicht und zwei Schachteln Eiscreme in den Händen. "Schokolade und Karamel!" verkündete sie mit leuchtenden Augen.
"Blutzucker und Cholesterin!" hielt Harm ihr entgegen, so als wären das die korrekten Bezeichnungen auf den Eisbehältern.
Mac setzte die Eisboxen ab und suchte in der Schublade nach zwei Löffeln, ohne sich von Harms Kommentaren beeindrucken zu lassen. Dann öffnete sie die Plastikdeckel der Schachteln und schob die Eiscreme zwischen sich und Harm.
Harm nahm seinen Löffel entgegen als handle es sich dabei um eine Giftschlange und weigerte sich, Gebrauch davon zu machen.
Ganz anders jedoch Mac. Sie schob den ersten Riesen-Löffel Eiscreme in den Mund und schloss genießerisch die Augen. "Mmmmmhmm! Himmlisch!" Sie tauchte den Löffel erneut in die Box, kaum dass sie die erste Portion geschluckt hatte.
Harm konnte seinen strengen Gesichtsausdruck einfach nicht beibehalten als er Mac beim Essen beobachtete. Erstaunlich, wie sehr sie solche kleinen Dinge genießen konnte. Er legte seinen Löffel weg – inzwischen waren die Eisboxen ohnehin so weit auf Macs Seite hinüber gewandert, dass er sie selbst mit seinen langen Armen nur mit Mühe hätte erreichen können. Harm sah – und hörte - Mac eine Weile lächelnd zu und als sie den Löffel für einen Moment sinken ließ, beugte er sich zu ihr hinüber und wischte ihr mit dem Finger sanft etwas Eiscreme vom Mundwinkel.
Mac sah auf und ihre Blicke trafen sich. Stumm und jetzt ohne zu lächeln sahen sie einander an. Harm zog die Hand nicht zurück, sondern drehte sie, um leicht Macs Wange zu berühren, aber bevor er die Aktion ausführen konnte unterbrach sie ein Räuspern von der Türe her.
Granny, von Macs genießerischem Stöhnen und Seufzen beim Eisessen zur Küche gelockt, stand im Türrahmen und sah neugierig zwischen ihren beiden Enkeln hin und her. "Was ist das hier?" wollte sie wissen, "Eine nächtliche Orgie? Sex auf unserem Küchentisch?" Die alte Dame grinste frech.
"Nichts dergleichen!" Mac rollte mit den Augen, "Ich nehme nur ein Schlafmittel!"
Harm nahm Mac die Eisboxen aus der Hand und stellte sie in das Gefrierfach zurück. Dann legte er den Löffel in die Spüle und griff nach Macs Hand, um sie vom Stuhl hochzuziehen. "Wir gehen wieder ins Bett!" verkündete er und um Grannys nächstem Kommentar gleich zuvorzukommen, fügte er hinzu: "Zum Schlafen!"
Granny sah ihnen lächelnd nach, bis sich die Türe hinter ihnen schloss.
Harm kroch wieder unter die Decke und rutschte, um Platz für Mac zu machen.
Mac schüttelte den Kopf. "Diesmal liege ich an der Wand," erklärte sie und kletterte kurzerhand über Harm hinweg. Sie streckte sich der Länge nach aus und eine Weile hörte Harm, wie sie sich neben ihm unruhig hin und herwarf.
"Maaac!" mahnte Harm, "Ich glaube nicht, dass Granny und Will sich sonderlich freuen würden, wenn ihre Trauzeugen morgen im Stehen vor dem Altar einschlafen, weil sie die ganze Nacht kein Auge zugetan haben!" Er schlang ihr einen Arm um die Hüfte, um sie von ihrem unruhigen Herumgewälze abzuhalten.
Mac rollte sich automatisch in Richtung der Wärme, so dass ihr Kopf schließlich auf Harms rechter Schulter ruhte, während sein linker Arm sie leicht umfasste.
"Bequem?" erkundigte sich Harm und versuchte, es ironisch klingen zu lassen.
"Mm-hm, sehr," murmelte Mac gegen seine Schulter, "Ich glaube, wir sollten Kuscheln und Umarmungen der Liste deiner Fähigkeiten hinzufügen." Mac dachte zurück an die Umarmungen, die sie im Laufe der Jahre mit Harm geteilt hatte. Auch wenn es oft traurige Momente gewesen waren, so hatte sie sich doch immer sicher gefühlt. Harms Arme hielten sie mit genau der richtigen Mischung aus Festigkeit und Sanftheit, so dass sie sich weder bedrängt noch kühl abgehandelt vorkam.
"Hm, ja, und vergiss nicht, mir dafür auch Punkte zu geben. Ich brauche alle Punkte, die ich kriegen kann," murmelte Harm, sich plötzlich auch ohne Decke warm und behaglich fühlend.
"Ah ja? Und warum brauchst du so viele Punkte?"
"Na, damit ich meinen Preis bekomme!" erklärte Harm und zupfte leicht an Macs Haaren.
"Du weißt doch gar nicht, was das für ein Preis ist. Eines kann ich dir sagen, wenn du hoffst, dass es dieser BMW ist, mit dem du mich dauernd nervst, das kannst du dir abschminken!" sagte Mac unmissverständlich.
"Es gibt auch noch andere schöne Preise. Ich verlasse mich einfach auf dein Gerechtigkeitsgefühl, Frau Anwältin," meinte Harm ruhig.
Von Mac kam keine Antwort mehr.
"Mac?" wisperte Harm probehalber. Keine Antwort. Harm schloss lächelnd die Augen.
1315 Z-Zeit (07:15 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Mac erwachte, ohne sofort zu wissen, was sie geweckt hatte. Sie hielt die Augen geschlossen und dämmerte noch ein wenig vor sich hin, aber nach ein paar Sekunden trat das seltsame Gefühl wieder auf. Als sie sich ihrer Umgebung etwas bewusster wurde, bemerkte Mac, dass sie auf dem Bauch lag und ein leichter Druck auf ihrem Rücken lastete. Das Seltsame daran war, dass dieser Druck begann, den Rücken hinabwanderte und dann wieder aufhörte, nur um nach einigen Sekunden wieder anzufangen.
Mac öffnete ein Auge, blinzelte im Licht der frühen Morgensonne und versuchte, die Quelle der seltsamen Wahrnehmung zu lokalisieren. Sie öffnete auch das andere Auge und begegnete einem amüsiert dreinblickenden, blaugrauen Augenpaar.
Harm lehnte auf einem Ellenbogen aufgestützt neben ihr und grinste sein übliches Flyboy-Grinsen. "Guten Morgen, Schlafmütze."
"Morgen. Und was heißt hier Schlafmütze – die Tage, an denen du vor mir aufstehst, sind ungefähr so häufig wie der 29. Februar," stellte Mac die Sache richtig.
Der sanfte Druck auf ihrem Rücken begann wieder und Mac bemerkte, dass Harms Arm sich in direktem Verhältnis dazu bewegte. "Äh-em... Harm, was machst du da?"
Die Kreisbewegung auf ihrem Rücken stoppte. "Wer ich?" fragte Harm und setzte sein unschuldigstes Gesicht auf – was im Moment wirklich nicht sonderlich unschuldig war.
"Ja, du, es sei denn, in dieser Sardinenbüchse von Bett versteckt sich noch eine dritte Person! Also, was machst du?"
"Gar nichts," wehrte Harm ab.
"Das war definitiv nicht ‚gar nichts’, was ich da eben auf meinem Rücken gespürt habe, Harm!" Mac setzte ihren strengen Marine-Corps-Offizier-Blick auf.
"Ach, das." Der spielerische Druck begann wieder.
"Ja, genau das," bestätigte Mac und versuchte ohne Erfolg, ein Lächeln zu unterdrücken, "Also, was tust du da Geheimnisvolles?"
"Ich zeichne."
"Du zeichnest?" wiederholte Mac skeptisch.
"Mm-hmm. Rate mal, was das ist..." Harm zeichnete mit der Fingerspitze Konturen auf Macs Pyjama-gekleideten Rücken.
"Uuuh... ein Auto? Wenn das wieder eine Anspielung auf diesen BMW sein soll..."
"Das ist kein Auto, Mac – und du bist doch diejenige, die ständig von dem BMW anfängt, nicht ich!" behauptete Harm grinsend, "Also, noch mal, streng dich an!" Er zeichnete das Bild noch mal auf Macs Rücken.
"Ein Flugzeug?" Mac zuckte ratlos mit den Achseln.
"Schon wieder falsch, du musst dich konzentrieren!" forderte Harm seine Kollegin auf und zeichnete die Umrisse ein weiteres Mal, "Ich geb dir mal eine kleine Hilfestellung." Er schrieb Buchstaben auf Macs Rücken.
"Tsch-tsch-tsch-tsch...?" Mac musste lachen als sie plötzlich verstand, "Du zeichnest Züge auf meinen Rücken, während ich schlafe? Du leidest an multiplen Besessenheiten, Commander: Züge, Shrimps..."
"Hm, wo du gerade Shrimps erwähnst... wie wäre es mit Frühstück?" Harm grinste sie hoffnungsvoll an.
"Das kommt ganz darauf an," meinte Mac und setzte sich auf.
"Auf was?"
"Darauf, wer von uns beiden das Frühstück machen muss," erklärte die Anwältin unumwunden.
"Hey, würde ich das Granny und Will an ihrem Hochzeitstag antun? Natürlich mache ich das Frühstück!"
Mac gab Harm einen Schubs, der ihn fast aus dem schmalen Bett beförderte. "Nette Andeutung, wirklich, sehr charmant!" beschwerte sie sich.
Harm zuckte die Schultern und schwang die Beine aus dem Bett. "Ich bin eben zu Ehrlichkeit erzogen worden," entgegnete er grinsend, angelte nach seinen Hausschuhen und verschwand im Badezimmer.
1330 Z-Zeit (07:30 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Harm nahm die kleine Auflaufform aus dem Ofen und schloss die Ofentüre wieder. Mit einem raschen Blick sah er, dass alles soweit fertig war, legte die Topflappen an ihren Platz zurück und drehte sich um, um Mac zum Essen zu rufen. Noch bevor er den Mund öffnen konnte, prallte er gegen sie, da Mac bereits hinter ihm gestanden und über seine Schulter gelinst hatte.
"Bin schon zur Stelle," verkündete sie, sich noch immer den Hals verrenkend, um um Harm herum sehen und einen Blick auf das Frühstück werfen zu können.
Harm schüttelte amüsiert den Kopf. "Ich hätte mir in meiner Zeit als Pilot ein so zuverlässiges Radar gewünscht – deines schlägt Alarm, sobald irgendeine Art von Essen innerhalb eines 200m-Radius kommt."
Mac schnappte sich das Geschirrtuch, das über der Stuhllehne hing. "Sag das noch mal, Flyboy – aber denk dran: Ich bin jetzt bewaffnet!"
Harm hob die Hände und wich langsam zurück, möglichst unauffällig in Richtung des zweiten Geschirrtuchs, das an der gegenüberliegenden Wand an einem Haken hing.
"Oh nein, so leicht überrumpelst du mich nicht!" Mac schnitt ihm mit zwei schnellen Schritten den Weg ab und ließ das feuchte Geschirrtuch vorschnellen.
Harm fing das Stück Stoff ab und ein heftiges tauziehartiges Gerangel entstand, das schließlich damit endete, dass Mac das Geschirrtuch umklammerte und Harm sie im Schwitzkasten hatte.
Granny tauchte – wie immer im allerbesten Moment – im Nachthemd im Türrahmen auf. "Seht euch das an," rief sie über die Schulter zurück zu wem immer sich auch im Flur aufhielt, "Unsere zwei platonischen Wunderkinder kleben mal wieder so dicht aufeinander wie Tapete an der Wand!"
Harm ließ Mac sofort los, aber bevor er etwas erwidern konnte, war die kichernde Granny schon wieder verschwunden. "Ich liebe Granny ja heiß und innig, aber wenn man unter ‘Klatsch und Tratsch’ im Lexikon nachsieht, findet man dort ein signiertes Foto von ihr!" murmelte Harm kopfschüttelnd. Dann erinnerte er sich an Macs Frühstück, das noch immer dampfend neben dem Ofen stand, "Setz dich, Marine, wenn Granny so weitermacht, wirst du dein Frühstück heute dringend brauchen."
Mac setzte sich gehorsam und schnupperte als Harm die kleine Auflaufform und ein Schälchen mit Sauerkirschen vor ihr abstellte.
"Vanille-Soufflé," erklärte Harm, "Kein Vollkorn, kein Soja, kein Magerprodukt, dafür jede Menge Zucker und Sahne," Er setzte eine Miene auf, als hätte er ‚E 605’ gesagt, "Aber glaub ja nicht, dass das jetzt zur Gewohnheit wird! Dies ist eine einmalige Ausnahme!"
Mac nickte flüchtig und begann zu essen. "Mmmh! Ich geb’s nicht gerne zu, aber das ist fast besser als Eiscreme! Und nur wenig schlechter als Nutella," lobte sie zwischen zwei Bissen, "Ich muss wirklich sagen, du bist einer der besten Frühstücks-Zubereiter in der Gegend."
Harm schwellte die Brust. "Der Beste, wolltest du sagen. Also bitte, ich will volle Punktzahl!"
"Oh, ja, ich vergaß: Du bist Pilot. Du hast kein Problem mit deinem Ego, oder? Gehst du seitlich durch Türen?" neckte Mac. Weitere Kommentare ersparte sie sich, weil sie zu sehr mit dem köstlichen Soufflé beschäftigt war. "Hast du das je für jemand anderen gemacht?" fragte sie nach einer Weile möglichst beiläufig.
"M-hmm," Harm versuchte eine der Sauerkirschen, die wunderbar zum Vanille-Geschmack passten, "Für eine wirklich gutaussehende Frau, mit der ich sehr lange Zeit zusammengelebt habe." erklärte Harm und beobachtete amüsiert, wie Macs Gesicht sich verfinsterte. Er lehnte sich über den Tisch und flüsterte verschwörerisch: "Meine Mutter."
Mac warf ihm einen tadelnden Blick zu, ohne recht zu wissen, warum es sie kümmern sollte, für wen Harm das Soufflé gemacht hatte oder nicht.
Harm erhob sich und ging um den Tisch, um sich Kaffee nachzuschenken und plötzlich bemerkte Mac etwas, was ihr zuvor nicht aufgefallen war. Sie starrte ihren Mitbewohner an, mit großen Augen und offenem Mund und brach dann in unkontrolliertes Gelächter aus, wobei sie fast ihren Kaffee verschüttete.
Harm kehrte mit seiner Tasse an den Tisch zurück und sah die kichernde Anwältin fragend an. "Hab ich was verpasst?"
Mac fasste ihre Tasse mit beiden Händen, um nichts zu verschütten, und versuchte, sich wieder zu beruhigen. "Nein, ich habe nur gerade deine ... Hausschuhe bewundert." Sie lachte erneut und wackelte mit ihren Bugs-Bunny-Slippern.
"Irgendetwas nicht in Ordnung mit meinen Hausschuhen?" Harm sah auf seine Füße hinab.
"Oh, doch, sie sind toll. Sie sind nur so..." Mac suchte nach dem passenden Ausdruck, "... so ... gelb." Sie lachte wieder laut auf.
Harm besah sich erneut seine Schuhe, die verdächtig nach einem Kanarienvogel aussahen. "Hey, sie waren ein Geschenk von unserem Patensohn! Wie hätte ich AJ beibringen sollen, dass Tweetie nicht jedermanns erste Wahl in Sachen Fußbekleidung ist?"
"Ja, ja, ja, red du dich nur heraus! Derselbe Mann, der mir wegen meiner Hausschuhe das Gefühl gibt, ich wäre ein Fall für die Psychiatrie oder die Sesamstraße hat heimlich ein Paar Tweety-Bird-Schuhe im Gepäck!"
"Ich stolpere beim Laufen wenigstens nicht jeden zweiten Meter über irgendwelche Hasenohren!" verteidigte Harm sein Schuhwerk.
"Nein, du stolperst, weil deine Hausschuhe so grellgelb sind, dass du die Augen schließen musst, um nicht zu erblinden!" gab Mac schlagfertig zurück.
Harm fasste sich theatralisch ans Herz. "Oaaah, du hast mich beleidigt, ich denke, ich muss dir den Fehde-Handschuh hinwerfen!"
"Du meinst wohl den Fehde-Hausschuh!" gab Mac gutgelaunt zurück.
"Guten Morgen!" Will kam Arm in Arm mit Granny in die Küche, "Habt ihr schon gefrühstückt?" erkundigte er sich mit einem Blick auf den leeren Teller vor Mac.
"Sogar zweimal, wenn man Eiscreme nachts um zwei Uhr als Frühstück bezeichnen kann," antwortete Harm mit einem tadelnden Blick zu Mac.
Granny wandte sich Mac zu und lächelte nachsichtig. "Eiscreme nachts um zwei? Das hab ich auch immer gegessen, als ich mit Harm senior schwanger war. Hast du uns was zu beichten?" Ihr Lächeln verbreiterte sich zu einem listigen Grinsen.
"Hey, wenn du nicht nett bist, überlegen Harm und ich uns die Sache mit dem Trauzeugen noch mal anders!" drohte Mac scherzhaft.
"Komm schon, Hasenfuß, lassen wir die zwei Beinahe-Verheirateten alleine," meinte Harm und schob Mac vor sich her zur Türe.
2000 Z-Zeit (14:00 Uhr CST)
Kirche von Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Seite an Seite gingen Harm und Mac den schmalen Gang hinab, der von den voll besetzten Kirchenbänken rechts und links von ihnen frei gelassen wurde. Will, der trotz seiner 85 Jahre Lebenserfahrung etwas nervös an den Ärmeln seiner dunkelblauen Marine-Corps-Galauniform zupfte, stoppte vor dem Altar und Harm und Mac trennten sich wie auf ein stummes Signal hin, um links und rechts von ihm ihre Plätze einzunehmen.
Während sie warteten, betrachtete Mac ihre Umgebung. Die Kirche von Tahlequah war nicht besonders groß und daher bis zur letzten Reihe mit Hochzeitsgästen gefüllt. Zwei Marmorstufen führten zum Altar empor, hinter dem Pater O’Flaherty gerade letzte Vorbereitungen traf. Durch die großen, bogenförmigen Fenster fiel helles Sonnenlicht in die Kirche und auf die festlich geschmückten Bänke.
Mac lächelte ihrem Großvater aufmunternd zu, bevor ihr Blick weiter wanderte und sich mit dem von Harm traf. Beide lächelten unwillkürlich. Im Gegensatz zu Mac, die ein schwarzes, schulterloses Kleid anhatte, trug Harm Uniform. <Weiße Ausgehuniform und goldene Fliegerabzeichen...> dachte Mac versonnen.
Will warf seinem Großneffen, John "Sorry" Ross, der ein paar Schritte rechts von ihm ebenfalls auf seine Braut wartete, aus den Augenwinkeln einen raschen Blick zu. Der sonst so ruhige, silberäugige Mann schien dieselbe Mischung aus Vorfreude und Nervosität zu empfinden wie Will. Nur der Priester, der Harm noch immer an eine Karikatur von Ichabod Crane erinnerte, lächelte ruhig.
Orgelmusik begann. Harm sah, dass Frank am anderen Ende des Ganges noch einmal die weiße Nelke im Knopfloch seines eleganten Smokings zurechtrückte, bevor er Granny den Arm darbot und sie den Gang zum Altar hinabführte. Grannys Kleid war cremefarben und kein typisches Brautkleid, ganz im Gegenteil zu dem weißen Traum, den Hazel trug. Die schlanke junge Frau, die am Arm ihres Vaters ein paar Schritte hinter Frank und Granny folgte, sah mit Schleier, Brautstrauß und Schleppe einfach bezaubernd aus.
Die beiden Bräute hatten nun den Altar erreicht und der Priester räusperte sich, während er darauf wartete, dass die Unterhaltungen und das gerührte Weinen der Hochzeitsgäste sich legten. "Liebe Gemeinde, liebe Hochzeitsgäste, liebe Brautpaare," begann Pater O’Flaherty, "wir sind heute hier erschienen, um dabei zu sein, wie diese beiden Paare den heiligen Bund der Ehe schließen. Bevor ich mit der Trauung beginne, frage ich alle Anwesenden, ob sie einen Grund vorbringen können, warum eines dieser Paare nicht getraut werden sollte – er möge jetzt sprechen oder für immer schweigen," sprach der Priester die traditionellen Worte und wartete pro Forma ein paar Sekunden.
"Wehe!" hörte man Granny murmeln und die Gäste in den vorderen Reihen, die nahe genug saßen, um den Kommentar der alten Dame zu hören, lachten.
Der Priester lächelte ebenfalls. "Als ich gestern das ältere dieser beiden Brautpaare kennenlernte, gab es eine kleine Verwechslung – ich hielt ihre Enkel für diejenigen, die ich trauen sollte..." Wieder Gelächter in der Kirche, während Harm und Mac nur verlegen dreinblickten und halbherzig mitlachten, "aber ich habe recht schnell bemerkt, dass Liebe nicht auf Dinge wie das Alter oder Altersunterschiede achtet." Pater O’Flaherty lächelte in Sorrys Richtung, schob seine Brille ein Stück höher und nahm dann die Bibel vom Altar, um ein ausgewähltes Stück vorzulesen.
"Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf."
[Das Hohelied der Liebe; Korinther 13]
Michael O’Flaherty wartete einen Moment, um seine Worte wirken zu lassen, bevor er fortfuhr und sich zunächst Granny und Will zuwandte – "Wir sind nicht mehr so jung wie ihr und haben nicht mehr soviel Zeit!" hatte Granny gestern Abend grinsend erklärt. "Willst du, William MacKenzie, diese Frau zu deiner dir rechtmäßig angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?"
Will sah nur seine Sarah, nicht den Priester an, als er antwortete: "Ja, ich will."
"Und willst du, Sarah Elizabeth Rabb, diesen Mann zu deinem dir rechtmäßig angetrauten Ehemann nehmen, ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?"
"Ja, ich will," sagte Granny ohne zu zögern.
Pater O’Flaherty nickte lächelnd – natürlich hatte er nichts anderes erwartet – und drehte sich zu Sorry und Hazel um. "Nimmst du, John Sorell Ross, diese Frau zu deiner Ehefrau, um sie von diesem Tage an, in guten wie in schlechten Zeiten, zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod euch scheidet?"
Der kleine Mann nickte und seine Silberaugen schimmerten. "Ja, das tue ich."
"Nimmst du, Hazel Bearpaw, diesen Mann zu deinem Ehemann, um ihn von diesem Tage an, in guten wie in schlechten Zeiten, zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod euch scheidet?"
Hazel fasste Sorrys Hand fester. "Ja, das tue ich," antwortete sie fest.
Der Priester gab Cindy, der fünfjährigen Tochter von Harms Cousine Elizabeth, ein Zeichen. Das Mädchen trat stolz vor und übergab den zukünftigen Ehemännern die Ringe.
Die Eheringe wurden getauscht und ein paar alte Damen mit großen Hüten schluchzten gerührt. Erneut trafen sich Harms und Macs Blicke über die Köpfe ihrer Großeltern hinweg.
"Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut – die Bräute - jetzt küssen," erklärte Pater O’Flaherty.
"Als bräuchten wir dazu in unserem Alter noch eine Erlaubnis," murmelte Will, bevor er genau das tat.
Harm nickte Mac lächelnd zu, bevor er sich den anderen Offizieren anschloss, die Granny und Will zum Portal der Kirche eskortierten. Auf einer Seite des Brautpaares hatten sich Navy-Angehörige aufgestellt, während sich auf der anderen Seite Marines formiert hatten, die sich in ihren dunklen Ausgeh-Uniformen deutlich vom Weiß der Navy abhoben.
"Zieht Säbel!" befahl Harm, als sie die Treppe erreichten und stehen blieben, "Präsentiert Säbel!" Ein Bogen aus Säbeln wurde zwischen Navy und Marines gebildet. "Wir präsentieren zum ersten Mal Mister und Misses William MacKenzie!"
Das Brautpaar schritt unter den Säbeln hindurch und als sie den Marine, der Harm gegenüber stand, passierten, schwang dieser seinen Säbel herum und schlug Granny damit leicht auf den Allerwertesten. "Willkommen im Marine Corps!" verkündete er laut und Harm brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Mac jetzt breit grinste.
"Achtung!" kommandierte Harm, "Wegtreten!"
Die Offiziere steckten ihre Säbel weg, machten eine Kehrtwendung und marschierten davon.
Am Fuße der Kirchentreppe entstand ein Gedränge, als alle Hochzeitsgäste gleichzeitig versuchten, zu den beiden Brautpaaren zu gelangen, um ihnen zu gratulieren.
Mac tauchte neben Harm auf. Seite an Seite warteten sie, bis das Gedränge sich etwas lichtete. "Das war nicht zufällig deine Idee, Marine, oder?" erkundigte sich Harm, ohne zu erklären, wovon er eigentlich sprach – Mac wusste es ganz genau.
"Meine Idee?" Mac tat unschuldig, "Harm, wie kann eine uralte Tradition bei Militärhochzeiten meine Idee gewesen sein? Aber zugegeben... der Gedanke, dass die Großmutter des großen Harmon Rabb jetzt gar nicht mehr Rabb heißt, sondern MacKenzie und eben sozusagen ins Marine Corps aufgenommen wurde... der Gedanke ersetzt praktisch die Glückshormone, die mir durch das Nutella-freie Frühstück heute morgen fehlen."
"Ich will dein Glück ja auch gar nicht stören," warf Harm ironisch ein, "aber Granny und Will stehen da eben ganz enkelseelenallein da – wir sollten die Chance nutzen, um ihnen endlich zu gratulieren."
"Deine Ablenkungsmanöver waren auch schon besser, Flyboy!" meinte Mac kopfschüttelnd, setzte sich aber in Bewegung.
Mac umarmte die alte Dame, während Harm Will die Hand schüttelte. "Willkommen in der Familie, Granny," sagte sie herzlich. Sie küsste ihren Großvater auf die Wange und beglückwünschte auch ihn, während sie mit halbem Ohr hörte, wie Granny ihren Enkel aufforderte, das ursprüngliche Zahlenverhältnis zwischen MacKenzies und Rabbs wieder herzustellen.
"Alle aufstellen zum Brautstrauß-Werfen!" rief Hazel Bearpaw, noch bevor Harm oder Mac Granny eine passende Antwort geben konnten.
Mac stöhnte. "Schnell weg hier," sie zerrte an Harms Uniformärmel, "wie ich unsere Großeltern kennen, haben sie Hazel instruiert, mir den Blumenstrauß notfalls an den Kopf zu werfen und Granny wird sicher dasselbe tun!"
Harm und Mac stellten sich unauffällig an den Rand des Platzes, während die unverheirateten Frauen sich um Granny und Hazel drängten. Hazel warf ihren Strauß als erste und alle lachten als Grannys betagte Cousine Esther ihn fing.
Granny suchte in der Menge nach Mac, sah sie aber nirgendwo, drehte sich nach einer Minute des vergeblichen Suchens um und warf den Brautstrauß. Die aprikotfarbenen Rosen segelten im hohen Bogen durch die Luft, an den bereitstehenden Frauen vorbei, prallten gegen Harms breite Schultern und fielen der überraschten Mac praktisch in die Hände. Harm und Mac sahen sich einen Moment lang nur verdutzt an, bevor Harm die Brauen hob und Mac unsicher lachte.
"Also, eines muss ich euch MacKenzies lassen," meinte Granny lächelnd und hängte sich bei ihrem frischgebackenen Ehemann ein, "ihr angelt euch immer die besten Sachen."
"UNS MacKenzies," verbesserte Mac schmunzelnd, "du musst jetzt ‚uns’ MacKenzies sagen."
Die zwei Brautpaare gingen zu zwei blumengeschmückten Limousinen hinüber, die Frank organisiert hatte, um zum Gemeindesaal zu fahren, in dem die Feier stattfinden sollte. Mac deutete anklagend auf die davonfahrende, weiße Limousine. "Harm, was ist das da?" fragte sie streng.
Harm gab sich ahnungslos. "Was ist was, Mac?"
Mac deutete erneut. "Die Dinger da an der Stoßstange," erläuterte sie mit gespielter Ungeduld.
"Mac, das sind Konservenbüchsen – noch ein alter Brauch, mit dem diesmal ich überhaupt nichts zu tun habe!"
"Ach ja? Du willst also behaupten, es sei ein reiner Zufall, dass die Etiketten auf diesen Konservenbüchsen verschiedene Arten von Meeresfrüchten als Aufschrift tragen?" vergewisserte sich Mac skeptisch.
"Kann ich etwas dafür, wenn die Leute in Tahlequah sich etwas gesundheitsbewusster ernähren als gewisse Personen aus Washington D.C.? Eine kleine Warnung im Voraus: Nutella-Gläser eignen sich nicht zum Hinterherziehen!" spöttelte Harm grinsend.
"Scherben bringen Glück," widersprach Mac und genoss einmal mehr ihr Wortgefecht.
Harm warf ihr einen seiner besserwisserischen Piloten-Blicke zu. "Nur, wenn es Porzellan ist – und auch dann nur, wenn man nicht derjenige ist, der den Teller bei einem Ehekrach an den Kopf geworfen bekommt." Er grinste breit.
"Wirklich sehr romantisch!" schnaubte Mac, "Und das am Hochzeitstag deiner Großmutter!"
"Gerade deshalb, Mac!" verteidigte sich Harm betont ernst, "Ich garantiere dir, noch bevor der Tag zuende ist, hat sie uns so mit ihren kupplerischen Tricks und Kommentaren genervt, dass du dir wünschen wirst, das Geschirr samt Tafelsilber nach ihr zu werfen!"
Pater O’Flaherty hielt auf dem Weg zu seinem Auto neben ihnen an. "Etwas nicht in Ordnung?" fragte er, denn mittlerweile waren die beiden Offiziere die einzigen Gäste, die noch immer vor der Kirche standen.
Harm sah auf und bemerkte erst jetzt, dass sie alleine waren. "Oh, nein, alles okay, wir haben nur gerade..."
Der hochgewachsene, dürre Priester hob lächelnd die Hände. "Keine Erklärung nötig, ich bin Priester, aber ich bin nicht völlig naiv. Wir sehen uns im Gemeindesaal." Er nickte ihnen nachsichtig zu, bevor er weiterging.
Mac sah ihm mit großen Augen nach. "Was soll das denn bedeuten?"
Harm schüttelte den Kopf und ging in Richtung Mietwagen. "Ich glaube, das solltest du besser Granny fragen. Scheinbar hat sie entschieden, dass ihre Kuppelversuche ein wenig Hilfe von oben gebrauchen könnten." Der Ex-Pilot deutete zum Himmel, wo nach einem kurzen Regenschauer vom Mittag noch ein Regenbogen zu sehen war.
2045 Z-Zeit (14:45 Uhr CST)
Gemeindehaus von Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Harm stand einen Meter neben dem Eingang des überfüllten Gemeindesaales, den Granny und Will für ihre Feier gemietet hatten – er war nur diesen einen Meter weit gekommen ehe Grannys Cousine Esther ihn ansprach.
"Harmon!" rief sie und zupfte an ihren riesigen Ohrringen, "Meine Güte, bist du groß geworden!"
Harm hob nur die Brauen. Er wusste mit Gewissheit, dass er nicht mehr gewachsen war, seit sie ihn vor ein paar Jahren das letzte Mal gesehen hatte. "Hallo, Tante Esther." Harm versuchte über den Kopf der alten Frau nach Mac Ausschau zu halten, die irgendwo in der Menschenmenge verschwunden war. Überall in der Halle wurde Sekt und Champagner verteilt und eigentlich wäre Harm jetzt gerne an Macs Seite gewesen, weil er wusste, wie unangenehm es für sie sein konnte, alleine inmitten einer mit Sekt anstoßenden Feiergesellschaft zu stehen.
"Wo ist denn deine hübsche Begleiterin?" erkundigte sich Esther als hätte sie seine Gedanken erraten, "Ich habe gehört, ihr seid zusammengezogen? Ich hatte bisher keine Gelegenheit, sie näher kennen zu lernen."
"Irgendwo da drüben hab ich sie zuletzt gesehen," Harm deutete in Richtung der größten Gruppe von Menschen und verrenkte sich erneut fast den Hals bei seiner Suche.
"Wie sieht sie denn aus?" erkundigte sich Esther neugierig, "Ist sie hübsch?"
Harm nickte geistesabwesend. "Sehr hübsch. Sie ist 1,75m groß, schlank, aber sehr durchtrainiert, hat braunes Haar und tiefbraune Augen und wenn sie versucht, etwas zu verbergen, dann ziehen sich ihre Mundwinkel..."
"Schon gut, schon gut," Tante Esther lachte und hielt abwehrend die Hände hoch, "Wenn sie jemals entführt wird, hoffe ich, die Polizei fragt dich nach ihrer Beschreibung."
Harm spürte wie seine Ohren sich rot färbten. Er hatte sich in seiner Begeisterung wohl etwas mitreißen lassen. Er ließ seinen Blick über die Menge wandern und diesmal entdeckte er Mac: Sie stand zwischen Jason, Pater O’Flaherty und einem weiteren jungen Mann, den Harm nicht kannte, und sah so aus als müsse sie dringend gerettet werden – jedenfalls sagte Harm sich das.
"Entschuldigst du mich bitte einen Moment, Tante Esther?" sagte er höflich und als sie nachsichtig nickte, bahnte er sich eilig einen Weg zu Mac und ihren zwei Verehrern.
Mac sah auf als er plötzlich neben ihr auftauchte und leicht einen Arm um sie schlang. <Hu? Was ist das denn?> Kleine Fältchen entstanden über Macs Nasenwurzel als sie ihren Partner aus den Augenwinkeln musterte.
"Hey, Mac," grüßte er dicht neben ihrem Ohr, "Na, amüsierst du dich?"
Mac nickte und als ihre beiden Verehrer ein wenig Abstand nahmen, verstand sie langsam Harms besitzergreifende Geste mit dem Arm um ihre Schulter.
Granny und Will kamen mit einem älteren Ehepaar zu der kleinen Gruppe hinüber. Harm zog eilig den Arm zurück, um die beiden frischgetrauten Rentner nicht schon wieder auf falsche Gedanken zu bringen.
"Ah, da seid ihr ja!" rief Granny, als sie neben ihnen stehen blieb, "Also, Mattie, Ron, das sind Harry und Sally ... äh, Harmon und Sarah, meine ich natürlich," Die frischverheiratete alte Dame grinste, "Mathilda und Ronald sind Nachbarn von mir aus Pennsylvania."
"Ach, Sie sind die beiden, die der Pater glaubte, unbedingt trauen zu müssen," meinte Ron, als er der errötenden Mac die Hand schüttelte, "Sind Sie nicht vor kurzem zusammengezogen?"
Pater O’Flaherty klopfte der verlegenen Anwältin tröstend auf die Schulter. "Junge Lady, ich muss Ihnen sagen, wenn ich nicht befürchten müsste, von einem bestimmten Ex-Piloten k.o. geschlagen und dann von Gottes Blitz getroffen zu werden, würde ich Sie glatt selbst um Ihre Hand bitten," scherzte er und zwinkerte mit seinen blassblauen Augen, so dass ihm fast die Brille von der Nase rutschte.
Harm verschluckte sich an dem Orangensaft, den ihm jemand beim Betreten des Saales in die Hand gedrückt hatte, und zog Granny am Arm mit sich. "Weiß hier eigentlich jeder, dass ich mit Mac zusammengezogen bin?" fragte er vorwurfsvoll sobald sie außer Hörweite waren.
"Kann sein, dass ich es einmal erwähnt habe," meinte Granny achselnzuckend.
Harm hob die Brauen. "Einmal?"
"Vielleicht auch zweimal."
"Zweimal?" Die Augenbrauen wanderten noch höher.
"Oder ein paar tausend Mal," gab Granny mit einem Grinsen zu.
Will kam auf der Suche nach seiner Braut vorbei und blieb dicht neben ihr stehen, als er sie endlich entdeckte. "Eine gutgemeinte Warnung, Harm: Deine Sarah hat sich gerade auf den Weg zum Büffet gemacht – falls du also auch noch etwas möchtest..."
Harm ertappte sich dabei, wie er ‚seine Sarah’ verteidigen wollte, aber als Granny zu einem Kommentar über ‚Luft und Liebe’, von denen Mac sich eigentlich ernähren sollte, ansetzte, trat er dann doch lieber den taktischen Rückzug in Richtung Büffet an. Er schlängelte sich zwischen ein paar alten Damen von Grannys Pokerrunde hindurch und schloss zu Mac auf, als diese gerade begann, die Deckel verschiedener Behälter auf dem Büffettisch hochzuheben.
Harm schüttelte den Kopf und tat als wolle er Mac am Ohr zurückzerren. "Man kann dich aber auch nicht einen Moment aus den Augen lassen, Marine!" beschwerte er sich.
Mac grinste verschmitzt. "Nicht wenn ich hungrig bin."
Harm tat sich kleine Mengen von verschiedenen Speisen auf seinen Teller und setzte sich an den Platz an der langen Tafel, an dem sein Namensschild stand.
"Lebt ihr, du und Mac, beide so spartanisch?" erkundigte sich Sorry, der mit Hazel und dem älteren Brautpaar gegenüber von Harm saß, auf Harms Teller deutend.
Harm sah auf sein Vollkornbrot, den Salat und die Shrimps hinab und schüttelte grinsend den Kopf. "Mac kommt hier gleich mit einer dicken Scheibe Schweinefleisch, Kartoffelsalat und einem unter viel Mayonnaise begrabenen Ei an," prophezeite er.
Kaum hatte er ausgesprochen als Mac zurückkehrte. Außer der Petersilie auf dem Kartoffelsalat und ein bisschen von dem traditionellen Cherokee-Gericht Connuche hatte Harm den Inhalt ihres Tellers korrekt vorhergesagt.
"Woher hast du das gewusst?" fragte Hazel verwundert.
Harm zuckte die Schultern und grinste lässig. "Ich kenne doch Mac."
Granny, die sich eben erst gesetzt hatte, lehnte sich über den Tisch. "Im biblischen Sinne?" erkundigte sie sich augenzwinkernd.
"In einem rein freundschaftlichen, platonischen, nicht-sexuellen Sinn!" betonte Harm so laut, dass einige Köpfe am Tisch herumruckten.
Trish kam mit Frank vom Büffet zurück und ließ sich neben ihrem Sohn nieder. "Und du bist wirklich sicher, dass du und Mac euch dieselbe Wohnung teilt?" erkundigte sie sich nach einem Blick auf ihre Essenswahl lächelnd.
Harm sah zu wie Mac enthusiastisch ein Stück Fleisch in den Mund schob. "Im Moment bin ich mir nicht mal sicher, dass wir zur selben Spezies gehören!" scherzte er kopfschüttelnd.
2305 Z-Zeit (17:05 Uhr CST)
Gemeindehaus von Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Pater Michael O’Flaherty stand geduldig in der Warteschlange am Kuchen-Büffet und beobachtete interessiert die Hochzeitsgäste. Vor ihm machte eine alte Frau schon seit zehn Minuten Bemerkungen über die Scheidung irgendeines Bekannten. "Zwei Jahre gebe ich ihnen," prognostizierte sie bissig, mit dem Tortenschaufel auf Hazel und Sorry zeigend, "dann stehen auch sie vor dem Scheidungsrichter."
Der Mann vor ihr zuckte nur mit den Schultern, er schien die pessimistische Einstellung seiner Begleiterin gegenüber der Ehe schon gewohnt zu sein.
Die 85jährige Braut, die der Pater heute getraut hatte, tauchte plötzlich neben der Pessimistin auf und O’Flaherty fürchtete schon, sie würde einen Streit beginnen oder die Prognose für sich und Will erfragen. Er wusste inzwischen, dass die alte Dame nicht auf den Mund gefallen war und keine Konfrontation scheute, deshalb hielt er seinen Teller fest und sandte ein Stoßgebet zum Himmel.
"Und wie lange gibst du ihnen, Mary-Louise?" fragte Granny liebenswürdig und deutete zu ihren beiden Enkelkindern hinüber.
Mary-Louise folgte ihrem Blick und sah zu, wie Harm sich die Muscheln aus Macs Connuche pickte und ihr dafür großzügig eine seiner Krabben anbot. Sie runzelte die Stirn. "Ich gebe es nur ungern zu, aber ich glaube, das könnte eine Weile halten."
Granny grinste zufrieden. <Sieh an! Ich frage mich, was unsere Unke sagen würde, wenn sie wüsste, dass die zwei noch nicht mal zusammen sind – aber das wird schon noch, so wahr ich Rabb ... äh, MacKenzie heiße!>
Trish erschien neben Granny. "Mum, weißt du zufällig, wo noch Kuchengabeln sind?" Sarah Rabb-MacKenzie gab keine Antwort, schien ihre Schwiegertochter gar nicht wahrzunehmen. "Mum?" Wieder keine Reaktion, die alte Dame starrte weiterhin an ihr vorbei. "Muuum! Hörst du mir überhaupt zu?!"
Granny wurde aus ihren Gedanken gerissen. "Was? Oh, entschuldige bitte, Trish, aber ich plane gerade die zukünftige Generation der Rabb-MacKenzies."
Trish starrte ihre Schwiegermutter an. "Äh-em, Mum, ich finde es ja wirklich toll, dass du noch mal geheiratet hast und ich mag Will sehr, aber glaubst du nicht, dass ihr beide schon ein bisschen alt seid für..."
"... Urenkel?" beendete Granny grinsend den Satz.
"Oh! Ach so," Trish schmunzelte beruhigt, "und ich nehme an, diese Pläne beziehen meinen noch immer ledigen Sohn mit ein, hm?"
Granny zuckte mit den Achseln. "Da Harmon mein einziger Enkel ist, lässt sich das wohl kaum vermeiden."
"Oh, ich weiß nicht, jetzt wo du eine Stief-Enkelin hast..."
"Wer sagt denn, dass ich Sarah nicht bereits in die Pläne miteinbezogen habe?" Granny grinste listig.
Trish schüttelte in stummem Tadel den Kopf. "Du hast es noch immer nicht aufgegeben, oder?"
Die alte Dame zwinkerte belustigt. "Du etwa?"
Die beiden Frauen mussten lachen und drehten sich um, um nach den Hauptpersonen in Grannys Zukunftsplänen Ausschau zu halten.
Harm erhob sich gerade und sah hinüber zum Kuchen-Büffet. "Soll ich dir irgendetwas mitbringen, Mac?" erkundigte er sich zuvorkommend.
"Nein, danke, ich mach das schon selber," wehrte Mac ab, nahm ihren Teller und erhob sich.
"Hey, vertraust du mir etwa nicht?" Harm gab sich gekränkt.
"Nicht, wenn es um mein Essen geht. Ich sehe dich vor meinem inneren Auge schon mit einem winzigen Stück trockenen Obstkuchens zurückkommen..." Mac schüttelte sich.
Gemeinsam gingen sie zum Kuchen-Büffet hinüber. Eine lange Reihe niedriger Tische war mit Kuchen, Torten und Gebäck völlig zugestellt. Harm sah mit einem Blick, dass die Auswahlprozedur bei Mac vermutlich länger dauern würde. "Soll ich dich zur Silberhochzeit wieder hier abholen?" erkundigte er sich scherzhaft.
"Sehr witzig, Harm! Ich weiß genau, was ich haben möchte," verteidigte sich Mac, "ein Stück von der Torte da."
Harm folgte ihrem deutenden Finger. Neben der vierstöckigen Hochzeitstorte, auf deren Spitze zwei Brautpaare – eines davon mit grauen Haaren – angebracht worden waren, stand eine Cremetorte, die über und über mit den verschiedensten Zuckerguss-Flugzeugen verziert war, darunter eine Stearman, eine Tomcat, eine Wildcat wie Will sie im zweiten Weltkrieg geflogen hatte und die Boing 747, in der Will und Granny sich kennengelernt hatten.
Harm trug sein Stück Obstkuchen hinter Mac zum Tisch zurück, setzte sich wieder und sah zu, wie Mac genüsslich ihr Stück Torte mit einer halben Tomcat obendrauf verspeiste. "Ich dachte, von Tomcats würde dir schlecht werden?"
"Nur von denen mit einem Strahltriebwerk und einem dieser aufgeblasenen Piloten an Bord," entgegnete Mac zwischen zwei Bissen Torte.
Noch bevor Harm seinen Obstkuchen ohne Schlagsahne hatte essen können, hatte Mac sich ein zweites Mal am Büffet angestellt.
Trish beugte sich zu Harm hinüber. "Ich verstehe nicht, wie Mac soviel essen kann, ohne auch nur ein Gramm Fett anzusetzen! Ich habe schon zwei Kilo einfach nur dadurch zugenommen, dass ich ihr zugesehen habe! Das ist einfach nicht menschlich!" beschwerte sich sehr auf ihre Linie achtende Trish und setzte eine verschwörerische Miene auf, "Hast du Mac je bluten sehen? Oder schlafen? Ich glaube, sie muss so eine Art Alien sein!"
"Hm, jetzt da du es erwähnst, fällt es mir wieder ein: Mac atmet unter Wasser."
Mac kehrte mit einem zufriedenen Grinsen und einem großen Stück Bienenstich zurück.
"Sag mal, Mac, was hast du heute nur mit fliegenden Nahrungsmitteln? Tomcats, Bienen..." neckte Harm.
Mac setzte sich und schob zwei vom Kuchen gefallene Mandeln in den Mund. "Pass nur auf, dass sie nicht gleich in deine Richtung fliegen, Mister trockener-langweiliger-Obstkuchen."
Harms Lächeln wurde zum Grinsen. "Nur zu deiner Information, Marine: Diesen ‚trockenen, langweiligen’ Obstkuchen hat Mum gemacht."
Mac errötete und ließ die Gabel sinken. Verlegen sah sie Trish an. "Mrs. Rabb... Trish, ich ... so war das nicht gemeint, ich wollte Harm doch nur..."
Trish winkte lachend ab. "Der Obstkuchen IST trocken und langweilig – ich hab ihn nur wegen Harm gemacht."
Harm schnaubte in einer schlechten Darth-Vader-Imitation. "Soll das heißen, ich sei trocken und langweilig?" Er sah zwischen den beiden Frauen hin und her.
"Ich bin nicht verpflichtet, eine Aussage zu machen, die mich selbst belasten könnte!" belehrte ihn Mac.
Hazel Bearpaw, die zweite Braut des Tages, kam zu ihnen herüber. "Sarah, Mrs. Rabb, wir brauchen Sie für ein Spiel."
Harm wölbte eine Braue. "Glück gehabt, Marine." Er ging mit den drei Frauen zu den anderen Gästen hinüber, die sich um zwei mitten in der Halle stehende Stuhlreihen herum aufgestellt hatten. Hazel dirigierte weibliche Gäste auf die Stühle, bis alle Plätze außer zweien besetzt waren, dann holte sie Granny hinzu und setzte sich auch selbst.
"Wenn ihr jetzt bitte alle ein Bein frei machen könntet," rief Hazel, "und dann soll jemand Sorry und Will reinholen – sie müssen ihre Bräute an ihrem Bein erkennen."
Die beiden Männer wurden mit verbundenen Augen wieder hereingeholt. "Na, da hast du aber einen unfairen Vorteil!" beschwerte sich Sorry bei seinem Leidensgenossen, nachdem ihnen die Aufgabe erklärt worden war.
"Willst du damit sagen, dass meine Sarah runzelige Beine hat?" erkundigte sich Will mit einem scherzhaft-drohenden Knurren.
Der ganze Saal lachte, während Sorrys Wangen rot anliefen. "Ich wollte damit sagen, dass du älter bist und daher mehr Erfahrung mit Frauenbeinen hast als ich, Onkel Will!" beeilte er sich zu sagen.
Will nickte halbwegs zufrieden und ließ sich zu den beiden Stuhlreihen führen. Das dritte der Frauenbeine war Grannys und er erkannte es ohne Probleme, wofür er Applaus von den Gästen und einen dicken Kuss von Granny bekam.
John "Sorry" Ross wurde ans andere Ende der Stuhlreihe geführt. Er ertastete Tante Esthers Bein und schüttelte lächelnd den Kopf. Dann kam Jasons Schwester Eli an die Reihe und er zögerte einen Moment, bevor er erneut den Kopf schüttelte.
<Die nächste ist Mac.> ging Harm durch den Kopf und er trat automatisch einen Schritt näher an die Stuhlreihen heran. Nicht halb so unbeschwert wie zuvor, bei Eli und Esther, wo er mit allen anderen mitgelacht hatte, sah Harm zu wie Sorrys Hände sich auf Macs Knie legten und nach unten tasteten. Als er ihren Fuß erreichte, hörte man ein unterdrücktes Quieken von Mac und Harm musste lachen und seine Anspannung löste sich etwas. Er wusste aus eigener Erfahrung wie kitzelig Macs Füße waren.
Sorry zögerte mit seiner Entscheidung. Harm sah zwischen Mac und Hazel, die als nächste kam, hin und her. Beide hatten schlanke, glatte Beine und waren auch in etwa gleich groß, aber während Hazel eher zierlich war, besaß Mac die geschmeidigen Muskeln einer Frau, die regelmäßig Kickbox-Training machte. <Und die zehn Stunden täglich in Pumps herumlaufen muss.> fügte Harm in Gedanken lächelnd hinzu.
Schließlich schüttelte Sorry erneut den Kopf und wurde weiter zu Hazel geführt, bei der er endlich nickte und wie zuvor Will von seiner Braut entsprechend belohnt wurde.
Die Hochzeitsgesellschaft kehrte zu den Tischen zurück und Hazels Vater erhob sich, um eine kurze Rede zu halten, die von den Gästen mit Applaus quittiert wurde. Sorry nickte seinem frischgebackenen Schwiegervater dankbar zu als dieser sich wieder setzte.
"Ich bin dankbar und glücklich, Hazel in meinem Leben zu haben. Sie hat mir beigebracht, dass man seinem eigenen Glück nicht im Weg stehen darf. Ausreden wie ‚Ich bin zu alt für sie’ oder ‚Wir arbeiten zusammen’ zählen nicht, wenn es um Liebe geht," Sorry warf einen kurzen Blick zu Harm und Mac hinüber, die daraufhin ungemütlich wegsahen, "Es hat eine Weile gedauert, bis ich alter Esel das begriffen hatte."
Hazel ergriff seine Hand. "Vorsicht, du sprichst zufällig über den Mann, den ich liebe, also etwas mehr Respekt, bitte!" Die Hochzeitsgäste lachten.
Trish und Grannys jüngerer Bruder Leroy balancierten jeweils einen großen Stapel Geschenke vom Nebentisch herüber.
Will nahm das erste Geschenk und schüttelte es prüfend, um erraten zu können, was sich unter dem Papier versteckte. Dann begann er, das Papier aufzureißen, ohne sich erst lange mit dem Tesafilm oder der Schleife abzugeben.
"Ich hoffe, das war keine Vase, sonst können wir jetzt die Einzelteile zusammensetzen," kommentierte Granny den Übereifer ihres Mannes beim Geschenkauspacken.
Harm lachte und stupste Mac mit dem Ellenbogen an. "Jetzt weiß ich also, von wem du das hast."
"Ich weiß nicht, von was du überhaupt sprichst," behauptete Mac würdevoll.
"Ich kann mich an einen Marine erinnern, den ich mal gebeten habe, ein Geschenk in mein Büro zu tragen, und bevor ich mich versehe, schüttelt dieser gewisse Marine das Geschenk und hält es sich ans Ohr als sei eine Bombe darin versteckt!" Harm setzte den strengen Blick auf, den er normalerweise für schlampige Junior-Offiziere und ungeständige Verdächtige reservierte.
"Schon mal was von Sicherheitsüberprüfungen gehört?" gab Mac zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Großeltern zu, die gerade einen Eierkocher auspackten.
"Seht mich nicht so an!" protestierte Mac, als sich der Blick der beiden Senioren auf sie richtete, "Der ist nicht von mir! Und nur zu eurer Information: Ich kann durchaus Eier kochen!"
Harm lachte mit allen übrigen und lehnte sich im Stuhl zurück. Ein Gefühl der Zufriedenheit überkam ihn und erst nach ein paar Sekunden bemerkte er, dass er seinen Arm um Macs Stuhllehne gelegt hatte und seine Hand auf ihrer Schulter ruhte. Zögernd zog er den Arm zurück.
Mac drehte den Kopf und lächelte ihn an.
"Was ist das denn?" Granny starrte auf den Gutschein, den sie in Händen hielt, "Ein Gutschein für zwei Fallschirmsprünge?"
"Zwei TANDEM-Fallschirmsprünge," betonte Harm grinsend, "und diesmal WAR es Macs Idee."
"Meine Idee?" Mac sah ihn ungläubig an, "Und du hattest natürlich rein gar nichts damit zu tun, Mister Unschuldig?" Sie kniff ihren Partner spielerisch in den Arm, der sich – scheinbar ohne Harms Zutun und Wissen – schon wieder auf Macs Stuhllehne gelegt hatte.
"Na gut, ich geb’s zu, es war meine Idee – aber immer noch besser als den beiden - wie du es wolltest - dieses Buch zu schenken, dessen Titel ich hier und um diese Uhrzeit nicht wiederholen möchte." Harm bedachte die sprachlose Mac mit einem seiner Flyboy-Lächeln.
"Welches Buch?" wollte Harms Cousine, Elizabeth Torley, wissen und hielt ihrer 5jährigen Tochter die Ohren zu.
"Sex über Sechzig," behauptete Harm grinsend, "Der Untertitel fällt der Zensur zum Opfer."
Mac starrte ihn ungläubig an. "Granny, dein Enkel ist wirklich verlogen, hinterlistig..."
"Und genau deshalb liebst du ihn so," unterbrach Granny mit einem charmanten Grinsen.
Harm und Mac sahen sich an. "Wie einen Löffel Schmierseife im Kaffee," antworteten sie beide gleichzeitig und erneut lachten alle.
Hazel wedelte mit einem zweiten Gutschein. "Das soll nicht zufällig eine Anspielung sein, oder?" Anklagend sah sie zwischen Harm und Mac hin und her.
"Was haben die beiden sich für euch ausgedacht? Eine Trekking-Tour im Himalaja?" erkundigte sich Will belustigt.
Hazel schüttelte den Kopf. "Einen Wickelkurs."
Sorry verschluckte sich an dem Wein, den er gerade trank, und begann wild zu husten. "Ihr schenkt uns einen Wickelkurs?" fragte er Harm und Mac, als er wieder einigermaßen zu Atem gekommen war.
"Praktisch wie immer, die beiden," lobte Granny ihre Enkel, "dann könnt ihr euch bei Hazel und Sorry Wickeltipps holen und spart das Geld für einen eigenen Kurs."
Mac lehnte sich zu Harm hinüber. "Wenn wir jetzt einen Mord begehen würden, bekämen wir sicher mildernde Umstände, oder?" flüsterte sie ihm zu.
Harm nickte. "Wir könnten es auf all die Chemikalien in der Luft schieben," Er deutete auf die alten Damen von Grannys Pokerrunde, die mit ihren Frisuren der Haarspray-Industrie sicherlich zu einer Umsatzsteigerung verholfen hatten.
Mac warf Harm einen skeptischen Blick zu. "Klingt wie eine Verschwörungstheorie. Kuckst du dir heimlich Buds Akte X-Videos an, wenn ich mal vor dir auf der Couch einschlafe?"
"Ist das diese Serie mit den UFOs und den kleinen grünen Männchen, mit der Bud mich schon mehrmals fast in den Wahnsinn getrieben hat?" wollte Harm wissen.
"Grau," warf Mac ein.
"Hmmm?"
"Ich sagte: Grau, Harm. Kleine GRAUE Männchen," verbesserte Mac schelmisch.
Harm stöhnte. "Hilfe, meine Mitbewohnerin ist ein Alien-Fan!"
"Ich bin kein Alien-Fan!" protestierte Mac, "Ich bin nur nicht ignorant wie gewisse Leute – ICH habe schon mitbekommen, dass die Zeit der Schwarz-Weiß-Filme vorbei ist!"
"Ah ja? Und warum sind diese Aliens dann ausgerechnet GRAU?" erkundigte sich Harm herausfordernd.
Mac stöhnte. "Ich geb’s auf!"
0315 Z-Zeit (21:15 Uhr CST)
Gemeindehaus von Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Granny lehnte sich gegen Wills Schulter und sah sich im Saal um. Seit die Mütter mit den herumtobenden Kindern gegangen waren, war es etwas ruhiger geworden. Das Kuchen-Büffet war inzwischen abgeräumt worden, stattdessen aßen die letzten Gäste gerade die letzten Reste ihres Desserts. Granny hörte, wie ihr gegenüber Mac Harm wegen seines Orangen-Garnelen-Soufflé neckte. Im Hintergrund spielte sich gerade die dreiköpfige Band ein.
Will warf Granny einen fragenden Blick zu und sie nickte in stummem Verstehen. Sie erhoben sich und sprachen kurz mit Hazel und Sorry, bevor die vier Frischverheirateten hinüber zur Band gingen.
Die ersten Klänge eines Walzers erklangen, mit denen das Brautpaar traditionell den Tanzabend eröffnete.
Harm sah zu, wie seine Mutter und Frank, Eli und ihr Mann Ben, Trishs Bruder Jeff Reed und seine Frau Alice und sogar Tante Esther aufstanden, um zu tanzen. Ein paar Lieder später hatte sich die Tanzfläche gefüllt. Er beobachtete, wie Granny und Will, die während des gesamten letzten Liedes miteinander getuschelt hatten, die Tanzfläche verließen und sich trennten. Granny ging zu Jason hinüber und Will sprach mit Ayita Bearpaw, aber Harm konnte nicht verstehen, was sie sagten.
Es wurde ihm klar, als kaum eine Minute später Jason neben Macs Stuhl auftauchte. "Hallo, Sarah," begrüßte er sie lächelnd, "würden Sie einem Architekten einen Tanz gönnen oder ist Ihre Tanzkarte für die werte Anwaltschaft reserviert?" Er warf seinem Cousin Harm einen Blick zu, der halb Spaß und halb ernst gemeint war.
Harm ertappte sich dabei, wie er zu einer barschen Antwort ansetzte, aber dann hielt er sich zurück. Er war nur Macs Mitbewohner, erinnerte er sich, und sie ganz alleine entschied, mit wem sie tanzen wollte und mit wem nicht. Bevor er irgendetwas sagen konnte, legte sich eine Hand auf seinen Arm. Er wusste sofort, wie durch einen untrüglichen siebten Sinn, dass es nicht Macs Hand war und drehte sich um.
Ayita Bearpaw, Hazels hübsche Cousine, stand vor ihm. "Tanzen Sie?" erkundigte sie sich und hängte sich bereits bei Harm ein. Als Offizier und Gentleman konnte er natürlich nicht nein sagen, aber eigentlich hatte er nicht viel Lust zu tanzen – jedenfalls nicht mit Ayita.
Auch Mac wirkte nicht sonderlich erfreut und sie taxierte Ayita vorsichtig von oben bis unten, so als wäre sie eine Anstandsdame und Harm ihr jungfräulicher Schützling.
Das nächste Lied begann und die beiden Paare schritten zur Tanzfläche, wobei Harm immer Mac und seinen blonden, charmesprühenden Cousin im Auge behielt. Nach der Hälfte des Tanzes spürte Mac plötzlich, wie ihr jemand von hinten auf die Schulter klopfte. Sie entzog sich ein wenig Jasons Griff, um sich umzudrehen. "Partnerwechsel!" verkündete die vor ihr stehende Ayita. Sie ließ den verdutzten Harm los und griff stattdessen nach Jasons Hand. Als sie davontanzten, hörte Mac noch wie Ayita etwas von einem "Piloten mit Sehfehler" und "schielen" sagte und Jason laut lachte.
"Was hast du getan, Flyboy, ihr ein wenig zu tief in den Ausschnitt gekuckt?" neckte Mac kopfschüttelnd.
"Maaac!"
Die Angesprochene hatte fast den Eindruck als ob Harms Entrüstung zumindest teilweise echt und nicht nur scherzhaft, gespielt war. Sie runzelte verwundert die Stirn – normalerweise rühmte sich der Flyboy doch immer seiner Wirkung auf Frauen – und legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm. "Harm, selbst wenn, dann wäre das doch okay. Schließlich bist du im Moment nicht in einer festen Beziehung." <Und du, Sarah MacKenzie, hast deshalb absolut kein Recht, irgendwelche Eifersuchtsgefühle zu entwickeln!>
Harm nickte langsam, beschloss aber, lieber darauf zu verzichten zu erklären, dass sein "Sehfehler" derjenige war, ständig zu Mac zu schielen als sie mit Jason getanzt hatte. Er stellte plötzlich fest, dass sie einander schon seit ein paar Minuten bewegungslos auf der Tanzfläche gegenüberstanden und die anderen Paaren um sie herumtanzen mussten. Er streckte die Hand aus. "Mac?"
Mehr brauchte er nicht zu sagen. Vertrauensvoll legte Mac ihre schlanke Hand in seine größere und ganz automatisch zog er sie etwas näher, legte die andere Hand leicht auf ihren Rücken. Sie begannen zu tanzen und Harm, der nie von sich geglaubt hatte, ein besonders guter Tänzer zu sein, genoss die Musik und die Bewegungen. Von Anfang an, seit am Beginn ihrer Zusammenarbeit, hatten er und Mac einfach den richtigen Rhythmus zusammen gefunden.
Das Lied endete und die Band verkündete, dass sie jetzt eine kurze Pause machen würden.
Fast ein wenig bedauernd nahm Mac ihre Hand von Harms Schulter, aber ihre Rechte ließ seine Hand nicht los, als sie zurück zum Tisch gingen.
Granny stupste ihren Ehemann an und deutete in Richtung ihrer sich nähernden Enkel. "Sieh dir das an... wenigstens sind sie jetzt auf der Händchenhalten-Stufe."
Will nickte grinsend. "Und das nach nur drei Jahren, elf Monaten und drei Tagen! Gib ihnen noch mal vier Jahre und es wäre möglich, dass sie sich sogar küssen!" spöttelte der Halbcherokee sanft.
Harm und Mac erreichten ihre Plätze und setzten sich. Mit einem raschen Blick auf ihre Großeltern, öffnete Mac ihre Finger, die sie mit Harms verflochten hatte, und zog ihre Hand sanft zurück.
Grannys Argus-Augen war das nicht entgangen. "Na? Habt ihr den Tanz genossen?" Sie versuchte erst gar nicht, es wie eine unschuldige Frage klingen zu lassen.
Mac wurde einer Antwort enthoben, als Ron Shaine, der junge Mann, den Harm zuvor schon mit Jason bei Mac gesehen hatte, plötzlich vor ihr stand und sich höflich verbeugte. "Darf ich bitten?"
Automatisch blickte Mac zu Harm, doch der zuckte nur die Schultern und bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck.
Mac nickte lächelnd und ließ sich zur Tanzfläche führen.
Harm spielte mit dem Bierdeckel unter seinem Mineralwasser-Glas, entschlossen, nicht in die Richtung von Mac und ihrem Tanzpartner zu blicken.
Trish kam von der Tanzfläche und näherte sich lächelnd ihrem frischgebackenen ‚Schwiegervater’. "Dieser untrainierte Gebrauchtwagenhändler da drüben," sie deutete liebevoll lächelnd zu Frank, der gerade an seinen Platz zurückkehrte, "hat seine Kondition bereits aufgebraucht und da dachte ich, ich versuch es mal mit einem Marine."
Der Halb-Cherokee schmunzelte das Lächeln, das Harm so gut von Mac kannte und erhob sich. "Eine Schwiegertochter mit Köpfchen!" lobte er und bot Trish den Arm dar.
Granny sah zu Harm hinüber. "Jetzt wo deine Mutter meinen Mann entführt hat, musst du wohl mit mir tanzen."
Harm zuckte die Schultern. "Na klar, da Mac ohnehin mit diesem John Wayne unterwegs ist..." brummte er mehr zu sich selbst als zu Granny.
Granny hatte es trotzdem gehört. "Ron Shaine, nicht John Wayne, Harm, das weißt du ganz genau!" verbesserte sie kopfschüttelnd, "Ist dir schon mal aufgefallen, dass du eine sehr seltsame Form der Rechtschreib- bzw. sprich-Schwäche hast, was Macs Verehrer angeht?"
Harms Gesichtsausdruck besagte, dass er im Gegensatz dazu der Meinung war, dass seine Großmutter diejenige war, die Unsinn redete. "Ach was, nur weil ich einmal einen Namen verwechsle... das hat überhaupt nichts mit Mac zu tun!" verteidigte er sich vehement.
"Einmal?" echote Granny mit einem wissenden Lächeln, während ihr Enkel sie zur Tanzfläche führte, "Ich erinnere mich da an einen Dalton Lone und einen Mic Bugme oder Burnby..."
Harm hob den Blick zur Decke und betete lautlos um eine göttliche Intervention. "Granny... wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten, ja, aber das hatte nichts mit Mac zu tun!"
Granny zog eine Schnute und nickte. "Oh ja, klar!" Man sah ihr an, dass sie ihm nicht ein Wort glaubte. Sie ersparte sich weitere Worte und genoss stattdessen den Tanz mit ihrem Enkel, bevor sie zurück in Wills Arme wechselte und Harm seiner Mutter überließ.
"Weißt du was, Will?" murmelte sie und ließ den Kopf an der Schulter ihres hochgewachsenen Ehemannes ruhen.
"Hmm?" Der Halb-Cherokee lächelte auf sie hinab.
Granny hob den Kopf und nickte in Richtung Harm und dann zu Mac hinüber, die an verschiedenen Enden der Tanzfläche tanzten. "Langsam glaube ich wirklich, dass unsere kupplerischen Fähigkeiten sich nach all unserer Mühe mit den beiden ein bisschen abgenutzt haben und nichts mehr taugen!"
Will schüttelte grinsend den Kopf. "Nichts mehr taugen? Das würde ich aber nicht sagen." Er deutete auf Ayita und Jason, die sie für ihren ‚Plan S’ gebeten hatten, mit Harm beziehungsweise Mac zu flirten, um den jeweils anderen eifersüchtig zu machen. Der blonde Architekt und die indianische Landschaftsgestalterin tanzten miteinander, zu vertieft in die Augen des jeweils anderen, um zu bemerkten, dass das Lied, das mittlerweile gespielt wurde, zu schnell war um zu ihrem Tempo zu passen.
Granny musste lachen. "Sieht so aus als würde das Alter auch an Amor nicht spurlos vorbeigehen, was? Da hat er doch prompt die Falschen erwischt!"
0832 Z-Zeit (02:32 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
"Oaaah, meine Füße!" stöhnte Mac , streifet ihre hochhackigen Pumps von den schmerzenden Füßen und ließ sich rückwärts aufs Bett fallen, "Der Mann, der diese Stöckelschuhe erfunden hat, muss ein Frauenhasser gewesen sein!" Sie wackelte mit den Zehen als würde das ihr Argument unterstützen.
Harm setzte sich neben ihr auf die Bettkante und lächelte aus etwas müden Augen auf sie hinab. "Woher willst du wissen, dass der Erfinder ein Mann war?"
"Keine Frau könnte sich etwas derartig Grausames ausdenken," entgegnete Mac mit Überzeugung.
"Aha." Harm hob skeptisch die Brauen, lächelte aber nachsichtig als er die mit geschlossenen Augen daliegende Anwältin beobachtete.
Mac öffnete die Augen als sich plötzlich zwei warme Hände um ihren Knöchel schlossen. Harms Finger begannen eine sanfte Massage, glitten über die glatte Haut ihres Fußrückens und umkreisten vorsichtig die Zehen, während die Daumen etwas kräftiger den Fußballen bearbeiteten und die schmerzenden Muskeln lockerten.
Mac ließ sich tiefer in die Kissen sinken und übergab sich vertrauensvoll Harms Händen. "Mmmmmh," murmelte sie nach einer Weile mit erneut geschlossenen Augen, "Erinnere mich daran, dass ich dir eine großzügige Anzahl von Punkten für deine Fußmassagen gebe."
Harm grinste. "Wird gemacht, Cinderella."
"Cinderella?" Mac öffnete fragend ein Auge.
"Na ja, du hast die ganze Nacht durchgetanzt und bist dann mit dem Märchenprinzen auf und davon," meinte Harm mit der pilotentypischen Bescheidenheit.
"So geht das in dem Märchen aber nicht! Cinderella läuft alleine davon!" protestierte Mac ohne allzu energisch dabei zu wirken. Im Moment war sie viel zu entspannt dafür.
"Und deshalb hat sie auch nie eine so herrliche Fußmassage bekommen," bemerkte Harm selbstbewusst.
Mac musste lachen. "Ganz wie du meinst, Froschkönig."
"DAS ist ein anderes Märchen," erinnerte Harm naseweis.
Mac öffnete die Augen. "Ach ja?" Sie stemmte die Fäuste in die Matratze und arbeitete sich in eine sitzende Position hoch, ohne Harm dabei jedoch ihren Fuß zu entziehen. Spontan küsste sie ihren Partner, Froschkönig und Chefmasseur auf die Wange.
Harm blinzelte überrascht und seine Finger schlossen sich für einen Moment reflexartig fester um Macs Fuß, bevor er grinste, an sich hinunterblickte und sagte: "Hat nicht funktioniert, ich bin immer noch ein Frosch."
"Sooo?" Mac rutschte noch etwas näher und machte Anstalten, Harm einen zweiten Kuss auf die Wange zu hauchen.
Es klopfte und noch bevor Harm oder Mac ‚Herein’ rufen oder sonst wie reagieren konnten, öffnete sich die Türe und Granny streckte den Kopf herein. Überrascht, aber hocherfreut betrachtete sie die Szene, die sich ihr da darbot.
Harm saß auf dem Rand und Mac in der Mitte des schmalen Bettes. <Jedenfalls der Teil von ihr, der nicht in Harms Schoß ruht!> Mac hatte sich mit beiden Händen am Bett abgestützt, ihr Oberkörper neigte sich Harm entgegen und ihre Lippen waren kaum einen Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Der Saum von Macs Kleid war ihr bis zu den Knien hochgerutscht und eine von Harms Händen ruhte auf ihrer Wade, während die andere ihren nackten Fuß umschloss.
"Oh, Entschuldigung!" war alles, was der sonst so wortgewandten Granny bei diesem Anblick einfiel, "ich wollte nicht..."
Mac ließ sich rasch zurück in die Kissen fallen und Harm rutschte auf der Bettkante ein Stück nach vorne, um mehr Raum zwischen sich und Mac zu schaffen. Eilig ließ er Macs Fuß los und hob abwehrend die Hand. "Mac hat mir nur gerade ... ein Märchen erzählt." Er versuchte überzeugend zu grinsen.
"Das Märchen stammt nicht zufällig aus dem Sex-Buch, das ihr uns schenken wolltet, oder?" fragte sie mit einem verschmitzten Grinsen.
Harm stöhnte. "Graaaanny, hast du in deiner Hochzeitsnacht nichts Besseres zu tun als..."
"... euch von euren eigenen Vergnügungen abzuhalten? Oh doch, seid beruhigt. Da ihr ja den Montag noch frei genommen habt, wollten Will und ich ... wir wollten euch nur fragen, ob ihr noch einen Tag länger mit euren alten Großeltern verbringen wollt."
Harm hob die Brauen und wechselte einen skeptischen Blick mit Mac. "Granny, wenn du anfängst, dich selbst als alt zu bezeichnen, steckt da mit Sicherheit irgendein Trick dahinter," warf der Anwalt seiner Großmutter vor, "Ihr braucht nicht zufällig noch jemanden, der euch hilft, das ganze Hochzeitschaos nach der Feier wieder aufzuräumen?"
"Meldest du dich etwa freiwillig?" erkundigte sich Granny mit einem betont lauernden Blick, winkte dann aber lachend ab, "Nein, im Ernst, wir wollten euch nach New Orleans einladen. Wir würden morgen den 11 Uhr-Flug nehmen. Was sagt ihr?"
"New Orleans?" wiederholte Mac ungläubig.
"Für einen Tag?" fügte Harm im selben Tonfall hinzu.
"Wieso nicht?" meinte Granny unbeschwert wie ein junges Mädchen, "Ich kann morgen früh gleich die Roberts für euch anrufen und sie fragen, ob sie euren Privatzoo noch einen Tag länger behalten können."
"Nein!" riefen Harm und Mac gleichzeitig.
"Das machen wir lieber selbst, sonst sind wir nachher wieder verheiratet, verlobt oder sonst wie liiert, wenn wir nachhause kommen!" erklärte Mac, die sich noch gut daran erinnerte, was dabei herauskam, wenn man Granny allzu lange mit der jüngeren, aber ebenso romantik-süchtigen Harriet reden ließ.
"Wieso wollt ihr uns eigentlich unbedingt nach New Orleans einladen? Erst Paris, jetzt New Orleans…" überlegte Harm ein wenig misstrauisch, "Ich meine, schließlich sind das doch eure Flitterwochen und da braucht ihr wohl kaum zwei Anstands-Wauwaus, oder?"
"Wohl kaum," Granny grinste verschmitzt.
"Reine Berechnung," stimmte Will, der plötzlich hinter Granny auftauchte, mit seinem wissenden Cherokee-Lächeln zu, "wir haben uns gedacht, wenn ihr zwei erst mal all die großen Städte der Welt gesehen habt, wird es euch langweilig werden und ihr werdet merken, dass es doch immer da am schönsten ist, wo ihr zusammen seid."
Harms Zähne blitzten als er sein verwegenes Flyboy-Grinsen zeigte. "Tja, aber was ist, wenn ich in New Orleans eine hübsche, feurige Südstaatlerin kennen lerne?"
"Oder ich einen stattlichen Südstaaten-Gentlemen?" ergänzte Mac schelmisch das Argument ihres Partners.
Granny gab ihnen jeweils einen Stups mit dem Ellenbogen. "Ach, kommt schon, ihr zwei, gebt es doch zu – wer könnte stattlicher sein als ein Rabb..."
"... oder hübscher als eine MacKenzie?" beendete Will den Satz.
Harm und Mac tauschten einen hilflosen Blick.
"Okay, dann ist es also ausgemacht – ihr fliegt mit!" freute sich Granny, als ihre Enkel nicht länger protestierten, und ging zur Türe, wo sie sich noch mal umdrehte und grinsend riet: "Und verausgabt euch heute Nacht nicht zu sehr, in New Orleans gibt es viel zu sehen!"
Die Tür schloss sich genau in dem Moment hinter den beiden Rentnern, in dem ein Kissen gegen das Holz klatschte.
1300 Z-Zeit (07:00 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
"Harm? Haaarm! Hee-ey!" Die Stimme dicht neben Harms rechtem Ohr wurde immer lauter, so dass der friedlich schlummernde Anwalt sich schließlich trotz der angenehmen Wärme, die aus dieser Richtung kam, herumrollte und sich die Decke über die Ohren zog.
"Harm, aufwachen," die Stimme – natürlich Macs, denn wer sonst hätte es gewagt, ihn nach nur vier Stunden Schlaf aufzuwecken – folgte ihm, "wir wollten doch..."
"Oaach, Mac, keine Unterhaltungen um diese Uhrzeit, bitte. Ich schlafe noch, es ist praktisch mitten in der Nacht!" stöhnte Harm.
"Mitten in der Nacht?" wiederholte Mac und Harm brauchte nicht die Augen zu öffnen, um zu wissen, dass sich ihre Mundwinkel jetzt amüsiert hoben, "Harm, glaube jemandem, der heute schon ein Auge aufgemacht hat - es ist definitiv nicht mitten in der Nacht. Die Sonne scheint und die Vögel singen bereits..."
"Mmmmpf!" Harm stöhnte erneut, eigentlich aber mehr um sich und Mac die Freude an ihrem allmorgendlichen Weck-Spiel nicht zu verderben, als dass er wirklich ein solcher Morgenmuffel gewesen wäre, "Ist ja toll, die Vöglein singen im Sonnenschein ... aber wenn du jetzt auch noch anfängst, Gedichte zu zitieren, schreie ich laut um Hilfe!"
Mac grinste und rückte ein Stück von ihm ab, als er die Augen öffnete und sich langsam aufsetzte, "Nicht, dass jemand zu deiner Rettung eilen würde. Apropos eilen... du solltest dich beeilen, es sei denn du möchtest irgendwo eine Tomcat entführen, um damit nach New Orleans zu fliegen. Unser Flugzeug startet um 11 Uhr."
Harm schwang die Beine aus dem Bett und stellte fest, dass seine Zimmergenossin bereits angezogen und fein säuberlich gekämmt war. "Schon gut, schon gut, ich muss nur erst mal meine Hausschuhe finden." Suchend sah er sich nach den auffallend-gelben Tweetie-Hausschuhen um, die er zuletzt ordentlich neben dem Bett abgestellt gesehen hatte.
"Das sollte doch eigentlich ganz einfach sein – sie leuchten sogar im Dunkeln," kommentierte Mac spöttisch.
Harm fand seine kanarie-gelben Hausschuhe unter dem Bett und schlüpfte rasch hinein. "Ich wäre vorsichtig, wenn ich dich wäre – ICH kann meine Hausschuhe wenigstens finden." Er strubbelte spielerisch durch Macs Haar und trat dann hastig den Rückzug ins Badezimmer an.
Mac sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach. <Wehe, er hat meine Hausschuhe schon wieder gestohlen! > "Haaa-aarm!"
Harm drehte sich kurz um, grinste breit und schloss die Badezimmertüre hinter sich.
Mac erhob sich von der Bettkante, auf der sie sich niedergelassen hatte, um Harm zu wecken und begann ihre Sieben-Sachen im Zimmer zusammenzusuchen und zu ihrer Reisetasche zu tragen.
Es klopfte an der Türe.
Mac sah von ihren vier Paar Schuhen auf. "Ja?"
Granny und Will standen im Türrahmen, Arm in Arm, und beide blendender Laune. "Guten Morgen!" grüßte die alte Dame munter, "Harmon ist gerade erst aufgestanden, oder?"
Mac nickte, ein wenig verwundert und widerstand nur mit Mühe dem paranoiden Drang, sich suchend nach Überwachungskameras im Zimmer umzusehen. "Mmmhm, und woher weißt du das?"
Granny sah sich im Zimmer um, deutete auf Macs Kleid vom gestrigen Abend, das nicht sehr ordentlich über der Stuhllehne hing, die Pumps, die an zwei gegenüberliegenden Seiten des Zimmers gegen die Wand gelandet waren und auf Macs zerknittertes Schlaf-T-Shirt am Fußende des Bettes. "Ich kenne meinen Enkel, der ist so ordentlich wie eine englische Zofe. Ich hab den Verdacht, dass er manchmal ein bisschen hinter dir herräumt." Granny setzte ein charmantes Lächeln auf.
Mac stemmte die Fäuste in die Hüften. "Willst du damit sagen, dass ich unordentlich bin?"
Granny hob in einer Unschuldsgeste die Hände, aber eine Stimme aus dem Badezimmer rief lachend: "Du bist nicht unordentlich, du bist chaotisch, Mac!"
"Verteil nur weiter solche Komplimente, Flyboy," entgegnete Mac laut, "dein Punktestand sinkt dabei natürlich dem absoluten Nullpunkt entgegen, aber ..."
"Punktestand?" echoten Granny und Will interessiert, "Noch so ein Trick aus diesem Buch, das ihr uns bedauerlicherweise nicht geschenkt habt?"
Mac ignorierte die beiden Rentner und stopfte das letzte Paar Schuhe in die Tasche.
Ein paar Minuten später kam Harm aus dem Badezimmer und packte seinen feinsäuberlich zusammengelegten Pyjama und sein Rasierzeug ordentlich in die Reisetasche, bevor er sich auf den Weg in die Küche machte. <Erst mal eine Tasse Kaffee.>
Das Schaben eines Plastikgegenstands über etwas, das nach Teflon klang, brachte ihn in Windeseile hinaus in den Flur. <Pfanne? Kochlöffel? Mac? Alles in einem Zimmer? Ich beeile mich besser!>
Er joggte in die Küche hinaus, um gerade noch zu sehen, wie Mac mit dicken Schutzhandschuhen bewaffnet Spiegeleier auf zwei Teller verteilte.
"Ich hoffe, das da ist essbar," sagte er misstrauisch und fühlte sich ein wenig wie eine Mutter, die keine Ahnung hatte, ob ihre Kinder am Muttertag das Ei wirklich 3 Minuten gekocht oder nur solange ins Wasser gelegt hatten, "ich bin nämlich praktisch am Verhungern."
"Immer klaust du meine Sprüche," beklagte sich Mac neckisch über seinen letzten Satz, "Du solltest dir wirklich mal was Eigenes einfallen lassen."
"Möchten Granny und Will kein Frühstück?" erkundigte sich Harm als er sich setzte und von den zwei Senioren noch immer nichts zu sehen war.
Mac zuckte die Schultern. "Ich hab’s ihnen angeboten, aber sie sagen, sie essen dann im Flugzeug eine Kleinigkeit. Ein bestimmter Mitbewohner von mir scheint meine Kochkünste ein wenig in Verruf gebracht zu haben!"
"Oh, DAS schaffst du schon ganz alleine, Marine," widersprach Harm und fischte mit der Gabel ein Stückchen Eierschale aus seinem Essen, "aber zugegebenermaßen, deine Spiegeleier sind nicht mal schlecht," lobte er die Frühstückmach-Versuche seiner Partnerin und pickte beiläufig noch ein Stück Schale aus dem Eiweiß.
Ein wenig in Eile beendeten sie ihr Frühstück, dann ging Mac, um die Roberts anzurufen und die Versorgung ihrer Tiere abzuklären, während Harm es übernahm, ihr restliches Gepäck zu verstauen.
Harm sah von seiner Reisetasche auf, als Mac zurückkehrte. "Damit das klar ist, ich gehe hier nicht weg, bevor du sie mir nicht zurückgibst," erklärte er entschlossen.
Mac hielt seinem anklagenden Blick ungerührt stand. "Ich nehme mal an, du redest schon wieder über diese scheußlichen Neon-gelben Tweety-der-Kanarienvogel-Hausschuhe, die du nur trägst, um es mir zurückzuzahlen."
"Nur zu deiner Information, Mac, ich trage diese Hausschuhe, weil sie bequem sind und weil unser Patensohn sie mir geschenkt hat. Das hat mit Sicherheit nichts mit deinen übergroßen hasenohrigen Kaninchen-Hausschuhen zu tun."
"Bugs Bunny ist ein Hase, kein Kaninchen, und die Schuhe sind nicht übergroß!" verteidigte Mac ihr bevorzugtes Schuhwerk, "Und du kannst ruhig zugeben, dass du diese gelben Dinger nur trägst, um dich an mir zu rächen."
"Ich gebe gar nichts zu – nicht ohne meinen Anwalt," Harm grinste, "Und im Übrigen brauchst du nicht zu glauben, dass ich nicht bemerkte, wie geschickt du vom Schicksal meiner Hausschuhe abzulenken versuchst. Also, letzte Chance: Gib sie zurück! Wenn du mir nicht sagst, wo sie sind, werde ich leider drastische Maßnahmen ergreifen müssen," warnte Harm und setzte einen betont ernsten Blick auf.
"Drastische Maßnahmen?" wiederholte Mac mit einem unbeeindruckten Grinsen, "Was für drastische Maßnahmen denn?
Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Sagen wir mal so, die drastischen Maßnahmen beinhalten den Vorratsschrank, in dem du dein Nutella lagerst, und ein dickes Vorhängeschloss!"
"Na schön, Flyboy, das ist zwar Erpressung, aber...," Mac zuckte grummelnd die Schultern, "... deine gelben Leisetreter sind in der Besenkammer versteckt."
"Besenkammer?" wiederholte Harm und zog die Brauen in die Höhe, "Du sperrst meine Hausschuhe, die ich von unserem gemeinsamen Patensohnes geschenkt bekommen habe, in eine Be-sen-kam-mer?" Er dehnte das Wort um die Ungeheuerlichkeit ihres Tuns zu verdeutlichen.
Mac rollte mit den Augen und murmelte etwas über ‚Rückfall in frühkindliches Verhalten’.
"Frühkindliches Verhalten?" echote Harm, "Das musst du gerade sagen, Hasenfuß – ich bin schließlich nicht derjenige, dessen Schuhschrank wie das Schaufenster eines Walt-Disney-Ladens aussieht!"
Granny und Will kamen, noch immer Arm in Arm, herein und hörten ein paar Sekunden lang dem Gespräch ihrer Enkel schweigend zu.
"Kinder, Kinder!" mahnte Granny und hob besänftigend die Hände.
"Lass sie doch, Sarah," meinte Will milde lächelnd, "Andere Paare streiten sich über die nicht ausgedrückte Zahnpastatube oder das Fernsehprogramm und sie streiten sich eben über Hausschuhe."
Granny hauchte ihrem Ehemann einen Kuss auf die Wange. "Du hast recht – ein kleiner Streit hin und wieder belebt das Sexleben."
Mac maß ihre Großeltern mit einem vernichtenden Blick. "Wir streiten uns nicht, wir stellen lediglich sachlich unsere Argumente dar!" stellte sie klar.
"Und wir sind auch kein Paar!" fügte Harm hinzu.
"Und unser Sex-Leben," <Oder dessen Nicht-Existenz,> "geht euch zwei neugierige Rentner nun wirklich nichts an," erklärte Mac energisch und schaffte es diesmal, unter dem neugierigen Blick der zwei Rentner nicht zu erröten.
2220 Z-Zeit (16:20 Uhr CST)
New Orleans
Louisiana
Sie bummelten durch die engen Gassen des französischen Viertels, das die Altstadt von New Orleans bildete, Granny und Will händchenhaltend voraus, Harm und Mac miteinander scherzend und ihren freien Tag genießend drei Schritte hinterher. Sie schlenderten vorbei an Antiquitätenläden und bewunderten die historischen Gebäude, die verzierten Balkone und die versteckten Hinterhöfe, die noch aus der Bürgerkriegszeit stammten.
Die malerischen Häuser, die die Gassen der Altstadt säumten, waren in einem Stil erbaut, der französische und spanische Einflüsse miteinander vereinte und die bunte Vergangenheit der Stadt widerspiegelte.
Die 1718 von Franzosen im Mississippidelta errichtete Siedlung war schon bald zur Hauptstadt der französischen Kolonie Louisiana und nach der Aufteilung Louisianas unter England und Spanien 1767 dann zur Hauptstadt von Spanisch-Louisiana geworden. 1803 hatten die USA Louisiana gekauft und 1812 war New Orleans schließlich Hauptstadt des neuen Bundesstaates geworden.
Die beiden Senioren und ihre Enkel verließen die gemütliche Enge der kleinen Gässchen und erreichten den Jackson Square im Herzen des französischen Viertels. Hier befand sich die gewaltige Saint-Louis-Kathedrale, das Cabildo und das Presbytère, ehemalige Regierungsgebäude aus dem 19. Jahrhundert.
Will stoppte und drehte sich zu beiden jüngeren Begleitern um. "Wie wäre es mit einer Kleinigkeit zu essen?" Sie hatten sich nicht lange im Hotel aufgehalten, sondern hatten nur ihr Gepäck an der Rezeption abgegeben und waren sofort zu ihrer ersten Erkundungstour aufgebrochen.
"Die Frage ist natürlich rein rhetorisch gemeint, wenn man Mac dabeihat," kommentierte Harm grinsend und steppte in Erwartung eines Schlages gegen die Schulter schnell einen Schritt zur Seite.
Mac folgte seinem erwarteten Ausweichmanöver und knuffte ihn spielerisch in die Seite. "Ha-ha, Flyboy! Für diesen Scherz darfst du jetzt auch die Rechnung übernehmen!" Sie steuerte ohne weitere Diskussion ein kleines Restaurant in einer der Gassen, die von der Bourbon Street abzweigten, an und Harm folgte ihr ebenso diskussionslos.
"Ich muss schon sagen, Harmon, du stehst ganz schön unter dem Pantoffel!" stellte Granny fest und tätschelte Mac lobend die Schulter.
"Iiiich? Unter diesem hasenohrigen Plüschungeheuer stehen?" entsetzte sich Harm.
Sie setzten sich an einen der Tische auf dem kleinen Platz vor dem Restaurant und beobachteten die vorbeigehenden Leute. Straßenkünstler zeichneten Portraits, Karikaturen und Szenen der Altstadt oder des Mississippi. Im Hinterhof plätscherte ein Springbrunnen und aus der Basin Street und der Bourbon Street hörte man die Klänge von Dixieland-Jazz. Das würzige Aroma der kreolischen Küche lag in der Luft.
Der Kellner des Restaurants tauchte an ihrem Tisch auf, verbeugte sich galant und begrüßte sie freundlich in seinem Cajun-Englisch, das klang als wäre es mit französischen Brocken durchsetzt. "Was darf ich Ihnen bringen, belle?" wandte sich der junge Mann mit einem charmanten Lächeln an Mac und zuckte dienstfertig Block und Stift.
Harm kniff die Augen zusammen und beobachtete Mac und den flirtenden Kellner mit einer Mischung aus Amüsiertheit, Irritation und Groll.
Mac sah von ihrem Studium der Speisekarte auf und hob den Blick. Das Lächeln des Kellners und Harms Stirnrunzeln verstärkten sich, als Mac freundlich lächelte. "Ich hätte gerne die Zwiebelsuppe, das Filet mignon – aber mit den Pommes Frites, nicht mit den Nudeln, bitte – und als Dessert das Vanille-Eis mit Apfelkuchen." Sie schielte aus den Augenwinkeln zu Harm hinüber, doch der hielt sich diesmal bescheiden zurück, was Kommentare über ihre Essenswahl betraf.
Der Kellner lächelte Mac ein weiteres Mal zu, bevor er sich zu Harm umwandte. "Und was hätten Sie gerne?"
"Den gemischten Salat mit Oliven und einmal Shrimp Jambalaya, bitte," sagte Harm und schloss die Speisekarte. <Und einen Kellner, der mindestens 80 Jahre alt, blind, homosexuell, glücklich verheiratet oder eine Frau ist!> fügte er in Gedanken ironisch hinzu.
Granny und Will entschieden sich für die gemischte Grillplatte für zwei Personen und der Kellner ging wieder, was Harm keineswegs bedauerte.
Mac drehte sich zu Harm um und betrachtete für einen Moment prüfend, fast ein wenig sorgenvoll sein Gesicht, aber Harm hatte sich lässig in seinem Stuhl zurückgelehnt und zeigte keinerlei Spuren von Anspannung. <Vermutlich habe ich mich getäuscht.> sagte sie sich und veränderte ihre Mimik zu einem anklagenden Blick. "Schon wieder ein Rückfall?!" Sie verschränkte demonstrativ die Arme.
Granny und Will sahen der Interaktion interessiert, aber etwas ahnungslos zu.
"Rückfall?" Harm wusste sofort, was sie meinte und ging ohne zu zögern auf den gewohnten, spielerischen Tonfall ein, "Im Vergleich zu dem, was du da bestellt hast, ist mein Essen ein FORTSCHRITT, kein Rückfall, also von was redest du da?"
"Ich rede davon, dass du – mal wieder – unsere Hausregel Nummer zwei verletzt hast!" warf ihm Mac mit gespielter Empörung vor.
Harm zog die Füße unter dem Tisch hervor, besah sich skeptisch seine schwarzen Lederschuhe und streckte sie dann Mac hin, um zu beweisen, dass er nicht etwa hasenohriges Schuhwerk trug.
"Nicht DIE Regel, Harm!" Mac boxte ihn gegen den Oberschenkel, "Das ist Hausregel Nummer eins – der ich übrigens nie zugestimmt habe und die deshalb keine Gültigkeit besitzt. Ich spreche von Hausregel Nummer zwei, die mit einem bestimmten Nahrungsmittel zu tun hat, nach dem bestimmte Bewohner unserer Wohngemeinschaft süchtig sind!"
"Ah, Nutella!" Harm nickte verstehend, "Ich finde es ja wirklich gut, dass du bereit bist, deine Sucht durch eine Hausregel zu bekämpfen, Mac, aber ich habe nichts bestellt, was auch nur im Entferntesten an Nutella erinnern könnte." Harm gab sich unschuldig.
Noch ein Schlag auf den Oberschenkel. "Ich spreche nicht von Nutella, Spargeltarzan, sondern von diesen kleinen, madenartigen Krustentieren, die du bei jeder noch so passenden oder unpassenden Gelegenheit verspeist!"
Der Kellner kam mit Salat und Suppe wieder, stellte das Gebrachte rasch ab und trat etwas enttäuscht den Rückzug an, als er Macs Hand auf Harms Oberschenkel sah.
Harm grinste zufrieden vor sich hin, schwieg aber. Was konnte er schließlich dafür, wenn der ‚Südstaaten-Gentleman’ falsche Schlussfolgerungen aus Macs Klaps zog?
0014 Z-Zeit (18:14 Uhr CST)
New Orleans
Louisiana
"Ah, ich laufe keinen einzigen Meter mehr!" Mac legte die Kuchengabel auf ihren leeren Teller, lehnte sich stöhnend in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Hände über dem vollen Magen.
Harm nickte. "Das brauchst du auch nicht – nach den Mengen, die du eben verdrückt hast, kannst du zurück zum Hotel rollen!" Er lachte frech.
"Ich hätte kein zweites Stück Kuchen bestellen müssen, wenn eine bestimmte, hoffnungslose Person, deren Name besser ungenannt bleiben sollte, mir nicht wie eine diebische Elster die Äpfel aus dem Kuchen gepickt hätte!" verteidigte sich Mac.
"Immer wieder schön, wie alte Sprichwörter sich bewahrheiten," kommentierte Will vom anderen Ende des Tisches, " – was sich liebt, das neckt sich."
"Und Alter schützt vor Torheit nicht," fügte Mac schlagfertig hinzu.
"Liebe geht durch den Magen," behielt Granny wie immer das letzte Wort, beglich die Rechnung und erhob sich, "Kommt schon! Ich verspreche auch, dass du nicht viel weiter laufen musst, Sarah!" Die alte Dame führte ihre drei Begleiter zurück zum Jackson Square, wo zweispännige Pferdekutschen warteten. "Wie wäre es mit einer kleinen Tour?" Granny strebte mit Will auf die erste Kutsche zu, so als hätten sie das schon lange so geplant, ohne auch nur auf die Antwort ihrer Enkel zu warten.
Der Kutscher eines zweiten Gespanns schwang sich vom Kutschbock, um Harm und Mac beim Einsteigen zu helfen. "Hochzeitsreise?" erkundigte er sich lächelnd. Nach dreißig Jahren in diesem Beruf hatte er ein Gespür für frisch verliebte Paare.
Harm schüttelte den Kopf, während Mac mit einem Wink zur Kutsche vor ihnen zerstreut nickte. Ein wenig verwirrt über diese widersprüchliche Auskunft kletterte der Kutscher auf seinen Sitz zurück und nahm die Zügel auf. Der Zweispänner setzte sich hinter dem von Granny und Will in Bewegung.
Mac lehnte sich zurück und nahm die Eindrücke um sich herum in sich auf: Das Klacken der Pferdehufe über das Pflaster der Nebenstraßen, die kundigen Erklärungen des Kutschers über die historischen Gebäude, an denen sie vorbeikamen, die verspielten Verzierungen an einigen der Balkone, kleine Grüppchen von Touristen, die in Richtung der Bars und Jazz-Kneipen der Bourbon-Street unterwegs waren, der Klang einer Trompete und eines Basses aus der Ferne und Harms Knie, das in der relativ engen Kutsche das ihre berührte. "Romantisch, hm?"
"Was?" Harm, der ebenso in Gedanken versunken gewesen war wie sie, blickte mit einem leichten Stirnrunzeln auf und sah Mac ein wenig verwundert über ihren Kommentar an.
"Ich meine, dass das hier wieder einmal einer der romantischen Pläne von Will und Granny ist," erklärte Mac mit einer Handbewegung, die die Kutsche und die Gasse, durch die sie sich bewegte, mit einschloss.
Harm nickte. "Was uns aber nicht daran hindert, es trotzdem zu genießen, oder?"
Mac grinste und ihre Finger legten sich kurz bestätigend auf Harms. "Nicht im Geringsten, Flyboy. Nicht im Geringsten."
Sie genossen den Rest der Fahrt schweigend. Die warme Abendluft brachte Düfte von kreolischen und Cajun-Gerichten mit sich. Die Häuser, an denen sie vorbeikamen, wichen immer mehr auseinander, die schmalen Gassen gingen allmählich in Straßen über, bis die zwei Kutschen schließlich am Ufer des Mississippi ankamen und stoppten.
Will bezahlte die Kutscher und dirigierte die beiden überraschten Anwälte zur Anlegestelle am Flussufer hinüber, wo gerade ein Schaufelraddampfer Passagiere aufnahm. "Es lebe die Navy!" kommentierte er und drückte ihnen Fahrkarten für die "Mississippi Queen" in die Hand.
Harm und Mac wechselten einen Blick, während Granny und Will bereits über den Landungssteg gingen. "Noch so eine romantische Idee der beiden!" stöhnte Mac.
Harm musste lachen als er ihr Augenrollen sah. "Hey, wir sollten froh sein, dass sie uns nicht nach Las Vegas und auf schnellstem Wege zu einer Hochzeitskapelle schleppen!" munterte er seine Kollegin auf und dirigierte sie mit einer Hand auf ihrer Schulter vor sich her.
Sie betraten den schneeweißen Schaufelraddampfer und wurden zu einem Tisch unter Deck geführt. Das Schaufelrad am Heck pflügte durch das Wasser und der Dampfer begann seine Reise stromaufwärts, während über dem Mississippi langsam die Sonne unterging. Durch die großen Glasfenster des Speisedecks sahen sie die flackernden Lichter, die entlang des Ufers langsam erwachten.
Eine Jazz Band spielte und ein Kellner, der sich – wie Harm zufrieden feststellte – rein professionell verhielt, brachte ihnen Getränke. An den anderen Tischen wurde Essen serviert und als die Mahlzeit nach einer Stunde schließlich beendet war, wechselte die Band zu flotterem Dixieland Jazz und ein Tanzboden wurde eröffnet.
"Wie sieht’s aus, ihr Zwei?" Granny zwinkerte ihren Enkeln zu und deutete zur Tanzfläche, "Könnt ihr eure alten Großeltern in Grund und Boden tanzen?"
Harm drehte sich zu Mac um. Sie wussten beide, dass Granny lediglich die Gelegenheit nutzen wollte, damit Mac und Harm sich in den Armen hielten. "Möchtest du hier unten tanzen oder lieber für eine Weile hoch an Deck gehen?"
"Ich denke, ein wenig Luft zu schnappen wäre nicht schlecht," ergriff Mac die von Harm dargebotene Fluchtmöglichkeit und schlang sich den dünnen Pullover, den sie mitgebracht hatte, um die Taille, "Und dann kommen wir zu einem der berühmten New Orleans Milchkaffees zurück."
Es war fast ganz dunkel geworden als die beiden Anwälte den Saal verließen, die schmale Treppe zum Oberdeck hinaufgingen und über die weißlackierten Planken bis zur Reling am Heck des Schiffes schlenderten.
Mac legte beide Hände aufs Geländer und atmete die klare Nachtluft tief ein. Jetzt, nach Sonnenuntergang, war es draußen auf dem mächtigen Mississippi ein wenig kühl geworden und ein leichter Wind war aufgekommen, fuhr leicht durch Macs dunkles Haar. Sie sah auf den Fluss hinaus; das schwarz wirkende, bewegte Wasser; die Lichter vom Ufer und der Halbmond, die auf den Wellen schimmerten. Die Schaufeln des großen Rades am Heck pflügten rhythmisch durchs Wasser und schufen eine sanfte, beruhigende Geräuschkulisse im Hintergrund.
"Das ist wirklich ... wunderschön," Mac flüsterte, ohne genau zu wissen warum, und ließ ihren Blick erneut über das aufgewühlte Wasser gleiten, das die "Mississippi Queen" hinter sich zurückließ. Ein einzelnes Licht flackerte stromabwärts auf und Mac trat noch näher an die Reling heran, um im Mondlicht besser erkennen zu können, um was es sich bei der Lichtquelle handelte. "Harm? Was ist das?" erkundigte sie sich interessiert und deutete mit ausgestrecktem Arm flussabwärts.
Noch während sie sprach, spürte sie wie die große Gestalt in ihrem Rücken näher kam und diese Seite ihres Körpers vom kühlen Nachtwind schützte. "Wo?" fragte Harms ruhige Stimme dicht an ihrem Ohr und sie spürte seine Wärme, obwohl er sie nicht direkt berührte.
"Da, da drüben." Mac streckte erneut den Arm aus, um auf das Licht zu deuten.
Die Wärme in ihrem Rücken nahm zu als Harm sich vorbeugte und über Macs Schulter sah, um ihrem ausgestreckten Finger hin zu dem Objekt auf dem Fluss zu folgen. "Hmm, ich bin mir nicht ganz sicher, aber es könnte ein anderes Boot sein. Der Mississippi ist eine vielgenutzte Handelsroute zu den Staaten im Mittelwesten, weißt du?"
Warmer Atem strich an Macs Ohr vorbei als Harm sprach und sie drehte unwillkürlich den Kopf, um seinen Blick einzufangen. "Ach so." Um ehrlich zu sein hatte sie nicht besonders viel von seiner Erklärung mitbekommen. Sie fühlte sich plötzlich wie in einem Kokon, umgeben von Harms Wärme und abgeschnitten von der Außenwelt. <Was soll das denn, Marine, reiß dich zusammen!> ermahnte sie sich, irritiert über sich selbst und ihre seltsamen Gedanken.
Einige Minuten lang sahen sie schweigend auf den Fluss hinaus, in dem sich die bunten Lichter, die den Schaufelraddampfer schmückten, widerspiegelten, dann setzte Mac plötzlich einen Fuß auf die unterste Querstange der Metallreling und lehnte den Oberkörper ein wenig über Bord, um dann neugierig dem Schiffsrumpf entlang nach unten zu starren.
Zwei starke Arme schlangen sich plötzlich schützend von hinten um ihre Taille, Hände umfassten ihre Mitte und hoben sie hoch, weg von der Reling.
"Hey!" japste Mac überrascht.
"Nichts hey! Komm da runter!" befahl Harm alarmiert, während er Mac auch schon sanft auf dem Deck abstellte, "Ich möchte nicht, dass du über Bord gehst."
"Ich wäre nicht über Bord gegangen, ich wollte nur das Schaufelrad sehen, das ist alles," beruhigte Mac.
"Ja, ja," Harm ließ sich nicht beirren, "Ich kann mich schon vor mir sehen, wie ich in Admiral Chegwiddens Büro stehe und versuche zu erklären, wie ich seine beste Anwältin irgendwo mitten auf dem Mississippi verloren habe!"
"Ich wäre nicht gefallen!" protestierte Mac.
Harm schien ihren Einwand gar nicht gehört zu haben. "Du hast ‚Titanic’ wohl wirklich einmal zuviel gesehen; es ist nicht immer ein blonder Jüngling zur Stelle, der dich wieder hochzieht!" warnte er grinsend.
Mac rollte mit den Augen und betrachtete Harm dann schmunzelnd. <Wer will schon blonde Jünglinge, wenn...>
"Harmon? Sarah?" unterbrach Grannys Stimme von der Treppe zum Unterdeck her Macs Gedanken.
"Hier!" Harm stellte fest, dass er die Hände noch immer fürsorglich um Macs Taille geschlossen hatte und ließ sie eilig los, als sich die beiden Senioren näherten.
Der Schaufelraddampfer wendete, gerade als Will und Granny zu ihnen aufgeschlossen hatten.
"Siehst du?" Harm sah Mac wie ein strenger Lehrmeister an, "Wärst du jetzt noch da oben gestanden..."
Mac stöhnte. "Ich wäre nicht gefallen," versicherte sie zum wiederholten Male, "ich wollte nur das Schaufelrad sehen. Und das will ich immer noch, also wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, darfst du mich gerne hochheben, damit ich besser sehen kann." Sie lächelte zuckersüß.
Harm hob ironisch eine Braue, verschränkte die Arme und schüttelte den Kopf. "Kommt nicht in Frage."
"Oh, ich bin sicher, der nette junge Mann da drüben wird dir gerne behilflich sein, Sarah," mischte sich Granny listig in das Gespräch ein.
Mac drehte den Kopf, um sich den ‚netten jungen Mann’ anzusehen und grinste dann als sie sich an Harms frühere Bemerkung über ‚Titanic’ erinnerte. "Ah, du meinst den blonden Jüngling da drüben." Ihre Mundwinkel kräuselten sich als sie Harm triumphierend ansah.
Jetzt war es an Harm, mit den Augen zu rollen. "Na schön, du sollst deinen Holzkopf mal wieder durchsetzen, komm her!" Er umfasste erneut Macs Taille und hob sie fast mühelos hoch, "Aber beschwer dich nachher nicht, falls du engere Bekanntschaft mit dem Mississippi schließt, als du eigentlich wolltest."
Mac umfasste mit den Händen die Reling und beugte sich in Harms sicherem Griff weit nach vorne, bis sie endlich das sich drehende Schaufelrad am Heck des Schiffes betrachten konnte.
"Na, jetzt endlich zufrieden?" Harm stellte sie wieder auf den Schiffsplanken ab.
"Mm-hm," Mac nickte und grinste wie eine Katze, die endlich an den Sahnetopf gelangt war. Sie schob mit der einen Hand die zwei Rentner und mit der anderen Harm in Richtung der Treppe zum Unterdeck, "Wie wäre es jetzt mit einem Milchkaffee, Leonardo?"
0431 Z-Zeit (22:31 Uhr CST)
Hotel "Ella Fitzgerald"
New Orleans
Louisiana
Harm lehnte sich müde gegen den Tresen der Rezeption und wartete, bis Will und Mac je einen Schlüssel erhalten hatten. Fast ein wenig erstaunt hob er die Brauen, als der Hotelier auch ihm einen eigenen Schlüssel überreichte. "Mac und ich haben getrennte Zimmer?" neckte er seine Großeltern auf dem Weg zum Aufzug, "Ich muss schon sagen, ihr lasst aber schwer nach!"
"Keine Sorge," Granny tätschelte ihm beruhigend den Arm und zwinkerte, "eure Zimmer sind nur durch eine Verbindungstüre getrennt, einem nächtlichen Besuch steht also nichts im Wege."
"Das einzige, was Mac nachts sucht ist der Weg zum Kühlschrank," zog Harm seine Partnerin mit gutmütigem Spott auf.
Mac stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf schief, um Harm herausfordernd anzusehen. "Und wer steht jedes Mal mit auf und begleitet mich?"
Harm gab sich unschuldig. "Jingo?"
Die Lifttüren öffneten sich und die vier Touristen trennten sich; Harm und Mac gingen nach links den Gang hinab, während Granny und Will nach rechts abbogen. Harm warf einen Blick auf den Anhänger seines Zimmerschlüssels, um die aufgestanzte Nummer mit den Zahlen auf den Türen zu vergleichen. Nach ein paar weiteren Schritten hatte er die richtigen gefunden und blieb stehen. "120 und 121 – Home, sweat home." Er schob den Schlüssel ins Türschloß, zögerte aber und drehte sich nochmal zu Mac um. Irgendwie war es ein seltsames Gefühl, jetzt plötzlich getrennter Wege zu gehen. "Gute Nacht, Mac."
"Gute Nacht, Harm." Mac nickte ihm zu, aber für ein paar weitere Sekunden machte keiner von beiden Anstalten, seine Türe aufzuschließen und das Zimmer zu betreten.
Schließlich gab Harm sich einen Ruck und drehte den Schlüssel im Schloss. Schon beim Eintreten bemerkte er seine Reisetasche neben dem Bett – sie war unschwer zu übersehen, denn das Zimmer war geradezu winzig. An den Wänden hingen zwar ein paar Haken, aber keine Bilder und außer dem schmalen Bett und einer niedrigen Kommode gab es keine Einrichtungsgegenstände. Harm war beinahe versucht, die Türe noch mal zu öffnen und nachzusehen, dass er sich hier wirklich in Zimmer 121 eines Drei-Sterne-Hotels und nicht in der Besenkammer befand. <Na ja,> sagte er sich großzügig, <ist ja nur für eine Nacht. Solange das Bett einigermaßen bequem ist ... ich bin so hundemüde, dass ich praktisch überall schlafen könnte.>
Er nahm Pyjama und Waschbeutel aus der Reisetasche und ging ins Badezimmer hinüber. Der Raum war genauso winzig wie das Schlafzimmer, aber Harm vertröstete sich mit der Aussicht auf ein Bett und acht Stunden ungestörten Schlaf.
Er zog die Badezimmertüre hinter sich zu und tapste in seinen Tweety-Bird-Hausschuhen zum Bett, in das er sich mit einem müden Seufzen rückwärts fallen ließ.
"Autsch!" Harm schnellte wieder in die Höhe und rieb sich den Rücken, "Was zum Teufel ist das denn?" Er ließ sich – diesmal vorsichtiger – auf dem Bett nieder und tastete mit der Hand. "Ist das ein Minenfeld oder eine Matratze?" murmelte er verärgert vor sich hin.
Es klopfte an der Verbindungstüre. "Ja?" Harm sah auf, in der Erwartung, dass gleich eine über ihr Zimmer ebenso verärgerte Mac hineinstürmen würde.
Mac jedoch lächelte zwar etwas müde, aber durchaus zufrieden nach dem langen Tag als sie den Kopf zur Türe hereinstreckte. "Hi, ich habe vorhin ganz vergessen dich zu fragen, wann ich dich morgen wecken soll."
Harm verzog das Gesicht und blickte unwillkürlich zu seinem Luxus-Bett. "Wird vermutlich gar nicht nötig sein, in diesem Bett werde ich ohnehin kein Auge zutun," murmelte er kopfschüttelnd.
Mac antwortete nicht, vermutlich hatte sie Harms Bemerkung nicht einmal gehört, denn sie war damit beschäftigt, einzutreten und Harms Kopfkissen näher zu untersuchen.
Harm runzelte die Stirn. "Mac? Darf ich mal fragen, was du da tust?"
Mac legte das Kopfkissen zurück und sah mit einem verlegenen Lächeln auf. "Ich suche nach deinem Betthupferl – du weißt schon, ein Stückchen Schokolade oder eine Praline, die einem aufs Kopfkissen gelegt wird."
"Betthupferl?" wiederholte Harm skeptisch, "Ich hatte kein Betthupferl... obwohl... ich bin ziemlich hoch ‚gehupft’ als ich mich aufs Bett legen wollte. Zählt das?" Er grinste ironisch.
Mac runzelte verständnislos die Stirn.
Harm, der keine Lust auf lange Erklärungen hatte, nahm die erstaunte Mac an der Hand und zog sie hinter sich her zum Bett.
"Haaarm? Was genau tust du da?" fragte Mac unsicher.
Harm musste lachen. "Nur keine Panik, Marine, wenn ich darauf aus wäre, dich zu verführen, dann würden hier Kerzen stehen und nicht diese kahle Glühbirne an der Decke." Er bedeutete ihr, sich zu setzen.
"Kerzen, hm?" Mac erwiderte das Flyboy-Lächeln ihres Mitbewohners und setzte sich, nur um gleich wieder in die Höhe zu schnellen. "Was ist das denn?"
"Ich nehme an, du hast soeben die Bekanntschaft von einer der ungefähr zweitausend Sprungfedern in meiner Matratze gemacht," erklärte Harm trocken.
Mac sah sich kopfschüttelnd in seinem winzigen Zimmer um, dann nahm sie Harms Hand und zog ihn zur Verbindungstüre. "Komm schon, Flyboy, ich gewähre dir Asyl."
"Was? Und diese luxuriöse Umgebung so einfach aufgeben?" Harm gab sich entsetzt.
"Nur keine Angst... ich bin nicht darauf aus, dich zu verführen," gab Mac Harms neckischen Kommentar von vorhin zurück.
Harm griff sich seine Reisetasche und folgte ihr ins Zimmer 120 hinüber. Anstelle des kleinen Raumes, den er erwartet hatte, erwartete ihn ein geräumiges, helles Zimmer mit Portraits an den Wänden, einem breiten Bett, Schrank, Spiegel und Fernseher. Ein schneller Blick ins Badezimmer zeigte, dass es außer einer Dusche auch noch eine kreisrunde Badewanne mit goldenen Armaturen enthielt, die groß genug erschien, um die halbe Navy darin schwimmen zu lassen. Harm verschränkte die Arme, als er die Inspektion beendet hatte. "Warum bekommst du das Taj Mahal, während ich in dieser 30-Cent-pro-Nacht-Absteige mit einer durchgelegenen Matratze hausen muss?" fragte er vorwurfsvoll.
"Reiner Charme," erklärte Mac mit einem Lächeln, das ihre Aussage fast glaubhaft machte.
Harm streifte die gelben Hausschuhe von den Füßen und drehte sich zum Bett um. Mac saß, die beiden Kopfkissen unter ihren Rücken gestopft, aufrecht im Bett und aß vergnügt das Stück Schokolade, das sie auf dem Kissen vorgefunden hatte.
"Wenn ich das Prinzip eines ‚Betthupferls’ richtig verstehe, dann ist es etwas, was einem zum Vernaschen aufs Kopfkissen gelegt wird, richtig?" erkundigte sich Harm während er barfuss zu seiner Seite des Bettes tappte.
Mac schluckte das letzte Stückchen Schokolade hinunter. "Richt..," sie brach ab, als sie Harms Grinsen sah und die Bedeutung seiner Worte erfasste, "Witzig, wie immer, Harm!" Sie zog Harms Kissen unter ihrem Rücken hervor und warf es ihm an den Kopf.
1338 Z-Zeit (07:38 Uhr CST)
Hotel "Ella Fitzgerald"
New Orleans
Louisiana
Mac erwachte und schlug die Augen auf, als sie die feste Unterlage des Hotelbetts anstelle des sanften Schaukelns von Harms vertrautem Wasserbett spürte. Sie stellte fest, dass sie in der Mitte des breiten Bettes lag und sich beide Decken auf ihrer Seite befanden. Eines der beiden Kissen war irgendwann in der Nacht zu Boden gefallen und Macs Kopf ruhte jetzt auf dem Kissen, das eigentlich Harm gehörte.
Harm lag zusammengerollt und Mac zugewandt auf seiner Seite und schaffte es, erstaunlich wenig Platz einzunehmen, wenn man seine 1,94 m bedachte. Seine Hand ruhte leicht auf ihrem Rücken und Mac fühlte, wie sein warmer Atem an ihrer Schulter vorbeistrich. Sie stellte fest, dass sie im selben Rhythmus atmeten. Mac lächelte.
"Harm? Hey, Harm, aufwachen!" Mac schüttelte ihren Partner leicht an der Schulter.
"Uuuuh, Maaaac!" protestierte Harm noch etwas schläfrig, "nur noch fünf Minuten!"
Mac schüttelte unbarmherzig den Kopf und zog ihm den kümmerlichen Rest der Decke auch noch weg. "Nichts da, deine fünf Minuten kenne ich – die dauern bis kurz vorm Mittagessen!"
Harm öffnete die Augen und setzte sich groggy auf. "Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wirklich grausam bist, Marine?"
"Grausam? Hey, mein zweiter Vorname ist Barmherzigkeit, ja?!" verteidigte sich Mac mit einem Schmunzeln, "Hätte ich dich gestern nacht nicht bei mir aufgenommen, würdest du jetzt jede einzelne Bettfeder mit Vornamen kennen!"
"Hm, da ist was dran." Harm schwang mit einem letzten Blick auf den Radiowecker auf dem Nachttisch gehorsam die Beine aus dem Bett und tapste barfuss zum Badezimmer hinüber. Zehn Minuten später stand er in Jeans, mit nacktem Oberkörper und feuchtem Haar vor dem Spiegel und war gerade dabei, Rasierschaum auf Wangen und Kinn zu verteilen als Mac hereinkam.
"Kann ich helfen?" fragte sie mit leuchtenden Augen als sie sah, womit Harm gerade beschäftigt war, und streckte verlangend die Hand nach dem Rasiermesser aus.
Harm hob skeptisch eine Braue. "Hast du so was schon mal gemacht?" erkundigte er sich unruhig zwischen der scharfen Klinge und Mac hin und her blickend.
Mac nickte beruhigend. "Ich habe Onkel Matt manchmal geholfen als ich noch klein war," verkündete sie selbstbewusst.
Harm sah sie ungläubig an. "Er hat einem Kind ein Rasiermesser gegeben?"
Macs Mundwinkel kräuselten sich. "Na ja, .... eigentlich... war ich eher für Rasierschaum und –pinsel zuständig," gab sie verschmitzt zu und nahm dem sprachlosen Harm das Rasiermesser aus der Hand.
"Aber sei vorsichtig, Marine, wäre doch wirklich schade, wenn diesem unwiderstehlichen Flieger-Gesicht etwas passieren würde, oder?" warnte er mit einem halben Grinsen. Er lehnte sich gegen das Waschbecken als Mac näher rückte.
Mac drehte mit der linken Harms Kopf und setzte mit der rechten das Rasiermesser an.
Harm sah aus nächster Nähe, wie konzentriert ihre braunen Augen blickten, während sie arbeitete, und er spürte wie ruhig und warm ihre Hände waren. Obwohl diese Aufgabe noch nie zuvor jemand für ihn übernommen hatte und die Vertraulichkeit der Prozedur ein seltsames Gefühl in ihm hervorrief, das er selbst nicht so recht identifizieren konnte, hatte er nicht die geringste Angst, dass Mac ihn schneiden könnte. Vertrauensvoll hielt er still.
Schließlich legte Mac das Rasiermesser weg, wischte Harm mit einem Handtuch die Reste des Rasierschaums aus dem Gesicht und trat dann einen Schritt zurück, um ihr Werk zu bewundern. "Perfekt," stellte sie zufrieden fest.
Harm grinste. "Danke schön."
Mac verpasste ihm kopfschüttelnd einen Klaps auf den Arm. "Ich meinte die Rasur, nicht dein Gesicht an sich, Egoboy!"
Harms Grinsen wuchs noch ein wenig in die Breite. "Und ich meinte Danke für die Rasur, nicht für das Kompliment."
"Oh, nichts zu danken." Mit einem Lächeln streckte Mac die Hand aus und wischte Harm etwas Rasierschaum von der Nase.
1502 Z-Zeit (09:02 Uhr CST)
Café du Monde
New Orleans
Louisiana
Mac lehnte sich bequem im Stuhl zurück, löffelte den Milchschaum von ihrem zweiten Cappuccino und genoss die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Sie saß mit Harm und den zwei Rentnern an einem kleinen Tisch vor dem Café du Monde in der Altstadt.
Schatten zeichneten lange Muster auf dem Kopfsteinpflaster als die Sonne langsam höher wanderte und sich im Wasser des nahen Mississippi spiegelte. Gelegentlich arbeitete sich einer der alten Schaufelraddampfer oder ein Frachter stromaufwärts, um seine Ladung zu irgendeinem unbekannten Hafen zu bringen.
Mac musste an die nächtliche Fahrt auf der "Mississippi Queen" denken, an die Lichter auf dem Wasser und an Harms Hände um ihre Taille, als er sie vor dem eingebildeten Fall ins Wasser bewahrt hatte.
"Saaarah!" Granny fuchtelte mit der Hand vor Macs Gesicht herum, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
Mac schreckte aus ihren Gedanken hoch und ließ dabei fast ihre inzwischen leergetrunkene Tasse fallen. "Was?" Sie sah verwirrt vom einen zum anderen.
Granny lachte. "Ich wette, du hast mal wieder mit offenen Augen von meinem gutaussehenden Enkel geträumt, hm?"
"Graaany!" mahnte Harm, während Mac damit beschäftigt war, gegen die aufsteigende Röte in ihren Wangen anzukämpfen, da Granny diesmal gar nicht so unrecht gehabt hatte. "Danke für das ‚gutaussehend’," sagte Harm mit einem jungenhaften Grinsen, "aber wie ich Mac kenne, hat sie eher von einem zweiten Frühstück geträumt."
"Dann kennst du sie vielleicht nicht so gut wie du denkst," warf Will ein, "Wenn du dich mit Frauen wirklich so gut auskennen würdest, wie du immer behauptest, dann wüsstest du, dass das nie im Leben ein Essens-Lächeln war."
Mac verschränkte die Arme. "Wenn ihr BEIDE euch mit Frauen auskennen würdet, dann wüsstet ihr, dass man eine Frau unter keinen Umständen unterbrechen oder danach fragen sollte, woran sie denkt, wenn sie ein solches Lächeln auf den Lippen hat, das hab ich dir doch schon mal erklärt, Harm."
Will und Harm wechselten einen Blick, der irgendwo zwischen beeindruckt und belustigt lag.
"Aha!" machte Granny, die ihre These von Macs Tagträumerei damit bestätigt sah, triumphierend.
Mac stöhnte übertrieben und stützte den Kopf in die Hände. "Und wieso habt ihr mich denn jetzt überhaupt beim Denken unterbrochen?"
"Wir haben eben beratschlagt, was wir die restlichen vier Stunden, bis unser Flieger geht, unternehmen sollen," erklärte Will.
"Beratschlagt?" Harm schnaubte, "Ihr zwei habt den ganzen Aufenthalt hier doch bereits von Anfang bis Ende durchgeplant, oder? Es steht bereits fest, wo wir die letzten vier Stunden verbringen, Mac."
"Ah ja? Lass mich raten – irgendwo, wo es ruhig und romantisch ist, hab ich Recht?" Nach der Kutschfahrt, dem Abendessen im Französischen Viertel und dem nächtlichen Ausflug mit dem Schaufelraddampfer war es offensichtlich, dass die zwei Senioren ihre Enkel in eine romantische Stimmung versetzen wollten.
"Ich tue das deinem zarten Marine-Ego nur ungern an, aber – nein, du hast ausnahmsweise einmal nicht Recht," widersprach Harm, "es sei denn natürlich, du hältst einen Zoobesuch für sonderlich romantisch."
"Zoobesuch?" Mac sah ihren Freund und Kollegen prüfend an, um zu ergründen, ob das sein Ernst war.
"Sieh MICH nicht so an," wehrte Harm ab, "ich weiß auch nicht, wie sie ausgerechnet auf diese Idee kommen. Nicht, dass ich was gegen Zoos hätte, aber..."
"...gut, es ist also beschlossen," entschied Granny zufrieden, "machen wir uns auf den Weg!"
1528 Z-Zeit (09:28 Uhr CST)
New Orleans
Louisiana
Die drei Rabbs und Sarah MacKenzie ließen die Gassen um den Jackson Square hinter sich, um zurück zum Hotel und dem Taxistand zu gelangen.
"Entschuldigung," ein sommersprossiger Tourist mit einer Kamera um den Hals hielt sie an, "können Sie mir erklären, wie ich zur Saint-Louis-Kathedrale komme?" wandte er sich hilfesuchend an die kleine Gruppe.
"Oh, sicher," antwortete Mac, die ihm am nächsten stand, "Also, Sie biegen hier rechts ab und folgen der Straße zwei Minuten und dreißig Sekunden lang. Dann wenden Sie sich nach links und nach einer Minute und zehn Sekunden noch mal nach links und dann..."
"Und dann fragen Sie am besten noch mal jemanden, der kein Marine ist," unterbrach Harm grinsend.
Der Mann sah mit großen Augen zwischen Harm und Mac hin und her und warf dann einen verwirrten Blick auf seine Armbanduhr, die ihm laut Mac den Weg weisen sollte. "Ähm... danke." Er setzte sich in Bewegung, den Blick noch immer auf seine Uhr gerichtet.
"Was ist?" Mac drehte sich zu Harm um, der sie mit amüsiertem Tadel musterte, "Wenn er meinen Anweisungen folgt, dann landet er genau da, wo er hin will – und das ist mehr als man von den richtungsweisenden Fähigkeiten mancher anderer hier anwesender Personen sagen kann."
"Kommt schon ihr zwei, tragt eure vorehelichen Streitigkeiten später aus, der Zoo wartet!" rief Granny vom Taxistand her.
Das Taxi brachte sie zum nördlichen Ende der Stadt, wo New Orleans großer Zoo lag.
"Wohin zuerst?" erkundigte sich Mac als sie das Drehkreuz am Eingang passierten und an einem Eisstand vorbei in Richtung der ersten Gehege schlenderten. Langsam fand sie Gefallen an diesem Zoobesuch.
"Wie wäre es mit dem Streichelzoo?" schlug Granny mit einem zweideutigen Grinsen vor.
Die beiden Anwälte zogen es vor, die Bemerkung zu ignorieren. "Wie wäre es mit den Raubtieren?" Harm deutete auf ein Schild, auf dem zu lesen war, dass in wenigen Minuten die Wölfe gefüttert werden würden.
Sie näherten sich der Mauer und dem Graben, die um das weitläufige Gehege des Wolfsrudels herum verliefen, gerade als der Wärter mit zwei großen Eimern das Gelände betrat. Die sechs Wölfe machten sich in Windeseile über das Fleisch her und schlangen es hinunter. "Wieso kommt mir der Anblick bloß so vertraut vor?" wandte sich Harm, der als einziger nicht den Hals recken musste, um über die anderen Zoobesucher hinwegsehen zu können, an seine Mitbewohnerin.
Mac ignorierte den Kommentar gutmütig und ging voraus zum nächsten Gehege, in dem zwei Giraffen umherwanderten und Blätter von Baumwipfeln zupften.
"Siehst du," fing Harm wieder an, " das kommt dabei heraus, wenn man so gierig hinter seinem Essen her ist." Er zeigte mit gespielt ernster Miene auf die langen Hälse.
Mac fixierte ihn mit einem strengen Blick. "Hey, ich würde aufpassen, was du zum Gebieter über dein Punktekonto sagst! Ich könnte sonst beschließen, dir eine massive Zahl von Punkten abzuziehen. Im übrigen solltest du mal darauf achten, nach was sie sich so verrenken: Nach Grünzeug – Steaks wachsen nicht auf Bäumen!"
Mac wanderte weiter zum nächsten Gehege, in dem sich gerade ein Nilpferd über seinen Futtertrog hermachte. Mac grinste triumphierend. "So sieht man aus, wenn man sich die ganze Zeit über nur von Salat ernährt. Der Prachtkerl da drüben ist hingegen ein Fleischfresser." Sie deutete auf einen Panther, unter dessen schimmerndem, schwarzem Fell deutlich die Muskeln spielten.
"Dafür endet unser Happy Hippo aber auch nicht als Pelzmantel oder Fußbekleidung," argumentierte Harm schlagfertig. Er genoss wie immer das Wortgefecht und das Funkeln, das dabei in Macs Augen war.
"Hey, wenn das eine Anspielung auf meine Hausschuhe sein soll..."
"Huuhu!" Granny winkte von einem Zaun ein paar Meter entfernt und sie unterbrachen ihre Argumentationen, um zu ihren Großeltern aufzuschließen.
Als sie näher kam, erkannte Mac, dass hinter dem Zaun eine gemischte Herde aus Kamelen und Lamas weidete. Sie drehte sich zu Harm um und sah, dass er wie erwartet breit grinste. "Sag kein Wort, kein einziges Wort, ja?" warnte sie.
Harm nickte und hielt sich symbolisch die Hand vor den Mund, aber sein Grinsen war zu breit, um dahinter versteckt werden zu können.
"Aaah, Eisbären!" Granny war mit Will im Schlepptau schon voraus zum nächsten Gehege geeilt.
Mac schloss enthusiastisch zu ihnen auf und stellte sich auf die Zehenspitzen, um der Mauer entlang nach unten zu blicken.
In einem breiten Wassergraben schwamm ein Eisbär. Er paddelte mit seinen Tatzen auf einen flachen Felsen zu, auf dem ein kleinerer Artgenosse, offenbar das Weibchen, stand und versuchte sie dazu zu bewegen, ihm Gesellschaft im Wasser zu leisten. Die Eisbär-Dame drehte sich jedoch uninteressiert um und zeigte ihm die kalte Schulter.
Diesmal war es Mac, die sich einen Kommentar in Harms Richtung nicht verkneifen konnte. "Siehst du, genau was ich immer sage: Die Wirkung von Dress Whites wird hoffnungslos überschätzt." Sie wies auf das weiß-gelbliche Fell des schwimmenden Eisbären.
Das konnte Harm natürlich nicht auf sich und seinen Fliegerkollegen sitzen lassen. "Das würde ich aber nicht sagen. Im Gegensatz zu den zivilen Frackträgern da drüben," Harm zeigte in Richtung des Gebäudes, in dem die Pinguine untergebracht waren, "haben die zwei hier nämlich Nachwuchs." Er zeigte auf den kleinen Eisbären, der jetzt an der Seite seiner Mutter eine schräge Rampe zum Wasser hinunter tapste.
Die vier Zoobesucher folgten einem schmalen Weg hinüber zum Affenhaus, wo die Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans untergebracht waren. Ein Pfauenpaar, das bläulich-grün gefiederte Männchen und das braune Weibchen, spazierten vor ihnen den Weg entlang. Die großen Vögel liefen überall im Zoo frei herum. "Die einzigen Lebewesen, die noch eitler als Piloten sind," kommentierte Mac mit einem frechen Grinsen.
"Warte nur bis wir zu den Elefanten kommen!" drohte Harm, "Dann werde ICH ein paar Vergleiche mit einer gewissen Militärbranche anstellen!"
Sie betraten das Affenhaus und blieben vor der Glasscheibe stehen, die sie von der Behausung der Gorillas trennte. Das größte und älteste der Tiere lehnte mit der Schulter gegen die Scheibe und ließ sich den silbergrauen Rückenpelz lausen.
"Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Männer mit dem Alter attraktiver und interessanter werden," meinte Harm, während er selbstzufrieden zusah.
Mac schüttelte den Kopf. "Das ist nur die Gorilla-Version von Altenpflege."
Die beiden Rentner kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus, während sie über eine schmale Brücke erst zu den Krokodilen und dann ins Aquarienhaus kamen. Sie wanderten durch zum Teil abgedunkelte Korridore, entlang an Aquarien mit Aufschriften wie ‚Afrikanischer Buntbarsch’, aber auch an Tigerhaien und Seepferdchen.
"Sarah?" rief Granny, die immer ein Aquarium vor Mac war, "weißt du jetzt schon, was du Harm zum Geburtstag nächste Woche schenkst?"
Harm sah von den Rochen auf, die er Seite an Seite mit Mac betrachtet hatte. "Mac spielt mit dem Gedanken, mir diesen BMW..."
"Wenn ich überhaupt mit irgendwelchen Gedanken spiele, dann mit Mordgedanken, Flyboy!" korrigierte Mac und hielt Harm den Mund zu.
"Hm, ich hätte da nämlich einen Vorschlag," Granny deutete auf die Glasscheibe, vor der sie und Will standen und las vor: "Helostomatidae."
Harm und Mac traten neben die beiden Rentner und blickten durch das Glas. Eine Alge bewegte sich ein Stück zur Seite und enthüllte...
"... auch küssende Guramis genannt," fuhr Granny fort, "Wie wäre es mit einem Paar, zur Inspiration, meine ich?"
"Der einzige in unserem Haushalt, der sich davon inspiriert fühlen würde, ist Gypsie – und zwar zum Fischen," stellte Harm klar, "und ich denke, als Mitternachtssnack sind diese Guramis ein bisschen teuer, oder?" Er ging weiter, ohne auf eine Antwort zu warten.
Mac prallte fast gegen Harm, als er vor dem nächsten Glasfenster abrupt stehen blieb und wie gebannt die Tiere dahinter anstarrte. Sie schob Harm ein Stück zur Seite, um einen Blick auf das zu werfen, was ihn da so faszinierte. "Ich hätte es mir denken sollen!" Mac schüttelte den Kopf, während Harms Blick weiterhin auf die große Languste gerichtet war, "Haaaarm! Also wirklich, wir haben vorhin erst gegessen, du kannst unmöglich schon wieder Hunger haben!" <Und dann auch noch darauf!>
Harm sah auf und grinste. "Hey, das ist mein Text!"
"Hey, ihr zwei!" rief Granny vom Ausgang des Aquarienhauses her, "Flirtet später weiter! Wir möchten hier nicht warten, bis wir graue Haare haben."
Harm setzte sich in Bewegung und grinste sein typisches Rabb’sches Flyboy-Lächeln als er näher kam. "Granny, ihr HABT ..."
"...einen Enkel, der ziemlich unhöflich ist!" unterbrach Granny, bevor er seinen Satz beenden konnte.
"Noch 22 Minuten bis wir von hier wegmüssen," sagte Mac ohne auf die Uhr zu sehen, "was sehen wir uns jetzt noch an?"
"Den Streichelzoo?" schlug Granny vor und sah hinüber zu den Kaninchen und Ziegen, die sich gerade von ein paar Kindern füttern ließen.
Harm nickte. "Einverstanden."
"Moment mal," Mac hielt ihn am Arm fest, "Du willst da nur hin, um wieder blöde Witze über meine Hausschuhe machen zu können. Schau mal da rüber," Sie deutete enthusiastisch auf ein großes, felsenumgebenes Natur-Wasserbecken, um das sich zunehmend mehr Besucher drängten, "Laßt uns zu den Seehunden gehen!"
Bevor Harm widersprechen konnte, schnappte sie ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her.
"Geht ihr nur," rief Will hinter ihnen her, "Wir setzen uns solange da drüben auf die Bank."
Mac nickte und steuerte, Harm immer hinter sich herziehend, durch die sich versammelnde Menschenmenge, bis sie einen freien Platz direkt vor dem Becken fand, wo sie stehen blieben.
Der Wärter, ein Mann in hohen Gummistiefeln, war gerade dabei, die Seehunde mit Fischen näher an den Rand des Beckens und die Besucher zu locken.
"Schau mal, da drüben," Mac zeigte aufgeregt auf einen dunklen Schatten, der am Beckenboden dahinglitt, "Er kommt hier her!"
Harm sah auf ihre noch immer ineinander verflochtenen Hände hinab. "Hm?"
"Ich hätte nicht gedacht, dass sie so schnell sind." Mac ließ endlich Harms Hand los und kletterte die letzte Stufe nach unten. Sie beugte sich über den Rand des Beckens und versuchte, die von den Fischen angelockten Seehunde zu berühren, aber alles was sie erreichte, war, dass ihre Bluse bis zum Ellenbogen nass wurde.
Harm sah noch immer auf seine Hand hinab. Sie fühlte sich leer an ohne Macs.
"Harm?" Macs Blick löste sich von den Seehunden und wandte sich Harm zu, der still an ihrer Seite stand, "Alles okay?"
Harm schüttelte das merkwürdige Gefühl, das ihn eben überkommen hatte, ab. "Alles bestens!" bestätigte er mit einem beruhigenden Lächeln.
Er fühlte sich erneut an der Hand gefasst und wurde noch näher an den Beckenrand gezogen. Auf Macs wiederholte Aufforderung hin lehnte er sich vor und streckte die Hand aus, während die Seehunde auf ihrer Runde um das Becken vorbeischwammen. Eines der Tiere trieb ein cleveres Spielchen mit den Zoobesuchern, kam nahe an den Beckenrand heran, jedoch immer nur so nahe, dass er gerade noch außer Reichweite war und nicht berührt werden konnte.
Harm streckte seinen langen Arm noch ein wenig weiter als sich die Seehunde erneut näherten. Der clevere Seehund wich plötzlich von seinem Kurs ab, hob unerwartet die Nase aus dem Wasser und verpasste Harms Hand einen neugierigen Stups. Harm streichelte für einen kurzen Moment die dunkle Schnauze, aber als weitere Zoobesucher näherrückten und versuchten, ihn ebenfalls zu berühren, schwamm der Seehund eilig davon.
"Wow, das war... erstaunlich!" Macs braune Augen funkelten wie die eines Kindes unter dem Weihnachtsbaum, wenn es Zeit für die Bescherung war, "Er kam geradewegs auf dich zu; er ist zu dir gekommen!"
Harm zuckte betont lässig die Schultern und lächelte, während er Macs Enthusiasmus mit gutmütiger Belustigung registrierte, sich wenn er ehrlich war aber vor allem über Macs Freude und Begeisterung freute. "Jahrelange Erfahrung im Umgang mit Seals," erklärte er ruhig.
"Wie hat er sich angefühlt?" wollte Mac wissen. Ihre dunklen Augen blickten ihn mit intensiver Aufmerksamkeit an, zeigten dieselbe vollständige Konzentration wie er sie aus dem Gerichtssaal kannte.
"Kühl und glatt. Angenehm. Fast ein bisschen wie menschliche Haut," versuchte Harm das Erlebnis zu beschreiben.
"Ich hab schon immer einmal wissen wollen, wie sich das anfühlt," meinte Mac, während sie sich wieder dem Becken zuwandte und zusah, wie das Wasser über die dunkle Haut des Seehundes glitt.
"Komm mal her, Marine." Harm winkte mit dem Finger und bedeutete Mac, seinen Platz am Beckenrand einzunehmen.
"Warum?"
Harm rollte mit den Augen. "Vertrau mir einfach, okay?"
Er steppte zur Seite und dirigierte Mac an eine Stelle direkt vor dem Becken. Sie fühlte seine Wärme in ihrem Rücken, als Harm hinter sie trat. Ein Moment des Zögerns verging, dann nahm er wortlos Macs Hand, verschränkte die Finger seiner Hand mit ihrer und streckte beide Hände waagerecht über dem Wasser aus.
Der clevere Seehund schwamm vorbei, tauchte aber kurz vor ihnen ab und bespritzte sie mit Wasser. "Mist! Vielen Dank, Harm!" rief Mac und strich sich mit der freien Hand die nassen, in die Augen hängenden Haare aus dem Gesicht.
Sie fühlte, wie Harms Körper hinter ihr sachte bebte als er lachte – er war hinter ihr relativ trocken geblieben. "ICH hab dich nicht nassgespritzt – aber offenbar dachte unser Freund da, dass du mal eine kleine Abkühlung gebrauchen könntest!" sagte er dicht neben ihrem Ohr.
Der Seehund kam erneut vorbei und wieder streckte Harm einladend ihre Hände aus. Diesmal streifte die Schnauze des Tieres Macs Hand, bevor er wieder abtauchte und mit einem übermütigen Flossenschlag Wasser aufspritzen ließ.
Mac war diesmal gewarnt und steppte zur Seite, so dass Harm den Großteil der unfreiwilligen Dusche abbekam. "Ja!" jubelte Mac schadenfroh, "Diesmal hab ich dich erwischt!"
"Ach ja?" Harm war mit einem schnellen Schritt neben Mac, packte sie mit beiden Händen um die Hüften und hob sie hoch, bis sie über dem Becken schwebte.
Mac strampelte, hielt dann aber abrupt inne, als ihr bewusst wurde, dass sie die Seehunde näher als gewollt kennen lernen würde, wenn Harm sie jetzt losließ. Sie blickte in die funkelnden blaugrauen Augen ihres Partners und dann zurück auf die Wasseroberfläche, über der sie baumelte. "Das würdest du nicht wagen..."
Harm hob die Brauen. "Oh doch, ich würde." Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran.
Mac schluckte ihren Marine-Stolz hinunter. "Bitte nicht."
Harm lächelte nur. "Mac, das kannst du doch sicher besser, oder?"
"Bitte, bitte?" Mac bedachte ihn mit einem gewinnenden Lächeln.
Harm hob sie noch etwas höher. "Nicht gut genug, bedaure."
"Ich bessere deinen Punktestand auf?" Macs Vorschlag klang fragend.
Harm schüttelte nur den Kopf und streckte Mac noch ein Stückchen weiter über das Becken.
"Ich schlafe mit dir?"
Harm verschluckte sich als er überrascht einatmete und ließ Mac beinahe versehentlich ins Wasser fallen. "Zuerst mal schläfst du mit den Fischen, Marine!" sagte er als er sich wieder von seiner Überraschung über Macs gewagte Worte erholt hatte.
"Hey! Lassen Sie sie sofort da runter!" schrie der Wärter und eilte, um Macs Sicherheit besorgt, von der anderen Seite des Becken zu ihnen hinüber.
Harm ließ Mac langsam sinken, bis ihre Füße sanft den Boden berührten. Sie traten beide vom Beckenrand zurück und hörten eine Weile zu, wie der Wärter sie wie ungezogene Kinder schollt. Als der Wärter schließlich an seine Arbeit zurückkehrte, sahen sie sich an und begannen wie auf ein stummes Kommando hin gleichzeitig zu lachen.
Mac musste noch immer lächeln, als sie sich auf den Weg zum Treffpunkt mit Will und Granny machten. Sie drehte sich zu Harm um, der in feuchter Kleidung und mit einem Lächeln auf den Lippen einen halben Schritt hinter ihr ging. "Du hättest mich nicht wirklich da reingeworfen, oder?"
"Hättest du wirklich mit mir geschlafen, wenn ich es nicht getan hätte?" Harms Gesicht war lässig und ruhig, aber seine Augen verrieten ein gewisses Interesse an Macs Antwort.
"Sicher, Harm," Mac versuchte, wie die Ruhe in Person zu erscheinen, "Ich schlafe fast jede Nacht mit dir... in einem Zimmer."
Ihre Unterhaltung verstummte, als sie die Bank erreichten, auf denen die beiden Rentner in der Sonne saßen.
1801 Z-Zeit (12:01 Uhr CST)
Hotel "Ella Fitzgerald"
New Orleans
Louisiana
Harm lehnte seine lange Gestalt gegen die Wand, an der sie ihr Gepäck in der Hotelhalle abgestellt hatten, und diskutierte mit Mac über den ernährungsmäßigen Wert von Flugzeug-Essen, während er mit halbem Ohr zuhörte, wie Will die Rechnung bezahlte und ein paar letzte Worte mit dem Hotelier wechselte.
"Ich hoffe, die Zimmer waren zu Ihrer Zufriedenheit?" erkundigte sich der vornehme Mann und sah fragend von einem zum anderen, ohne wirklich eine negative Antwort zu erwarten.
Harm biss sich auf die Lippen und schluckte den Kommentar, der ihm auf der Zunge lag, hinunter.
"Glücklicherweise konnten wir sogar Ihren etwas ... ungewöhnlichen Extrawunsch berücksichtigen," fuhr der Hotelbesitzer fort und nickte Harm zu.
"Entschuldigung, Extrawunsch?" Harm löste sich von der Wand und legte die Hand ans Ohr als hätte er nicht richtig verstanden.
Der Hotelier nickte eifrig. "Wir sind immer bemüht, auch auf religiöse und kulturelle Besonderheiten unserer Gäste einzugehen," erklärte er mit einer stolzen Handbewegung, die das ganze Hotel einschloss, "und als man uns informierte, dass Sie als Anhänger einer fernöstlichen Religion jeden weltlichen Komfort strikt ablehnen, haben wir keine Mühen gescheut und sofort einen Abstellraum umgeräumt."
Harm bekam große Augen. "Fernöstliche Religion?" echote er und richtete sofort einen vorwurfsvollen Blick auf Granny und Will, die sich plötzlich ungeheuer für das Tapetenmuster interessierten.
"Ist doch wirklich nett, dass man sich hier so um dein Seelenheil kümmert," meinte Mac und unterdrückte mühsam ihr Kichern, "schließlich wollen wir doch nicht, dass dir wegen einer zu bequemen Matratze ein Platz im Himmel – pardon, Nirwana – verwehrt bleibt!"
"Oh, nein, das wollen wir natürlich nicht," stimmte Harm ironisch zu, während er Will und Granny durchbohrende Blicke zuwarf, "und bei diesem Zimmer kann mir wirklich keiner meiner Glaubensbrüder vorwerfen, im Luxus geschwelgt zu haben!"
Der Hotelier lächelte. "Wir tun, was wir können," meinte er großzügig.
Mac lachte auf dem ganzen Weg zum Flughafen.
2344 Z-Zeit (18:44 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Eigentlich schade, dass unser Kurztrip schon vorbei ist, oder?" meinte Mac als sie die Türe ihres Hauses aufschloss, "Ich gerne ein bisschen mehr Zeit gehabt, um das französische Viertel zu erkunden. Es gibt da soviel, was wir noch nicht gesehen haben."
"Wenn du dir die Bourbon Street ein wenig näher hättest ansehen wollen, hättest du das doch nur zu sagen brauchen," meinte Harm grinsend. Einige Teile der Bourbon Street waren berühmt – oder besser berüchtigt – für ihre Etablissements.
Mac stellte ihre Reisetasche im Wohnzimmer ab und verpasste Harm mit der nun freien Hand einen Schlag auf den Arm. "So hab ich das nicht gemeint und das weißt du auch ganz genau! Ich meinte, dass ich gerne noch etwas mehr Zeit dafür gehabt hätte, eine Plantage zu besichtigen, ein paar Antiquitäten anzusehen und eine Fahrt zum Lake Pontchartrain zu machen. Obwohl es im Zoo natürlich auch sehr witzig war. Apropos Zoo..." Mac nahm Harms Autoschlüssel vom Schlüsselbrett und winkte damit, "Sollen wir gleich los und unseren Privatzoo abholen?"
Harm nickte und nahm ihr den Schlüssel ab. "Ist wohl besser – ich bin sicher, dein Hund braucht inzwischen wieder dringend ein paar erzieherische Maßnahmen."
"Mein Hund?" echote Mac betont ungläubig, "MEIN Hund klettert nicht auf Küchenschränke wie die Katze GEWISSER anderer Leute!"
"Aber nur, weil er Arthritis hat, nicht weil er so gut erzogen ist!" konterte Harm, während sie um das Haus herum zur Garage gingen.
"Ich dachte, du wärst Anwalt und nicht Tierarzt? Wie kannst du dann die Gebrechen meines Hundes diagnostizieren? Ah, ich verstehe... vertrauliche Gespräche von einem Arthritis-Patienten zum anderen!" Mac grinste frech.
"Arthritis-Patient?" Harm hob überlegen eine Braue, "Falls du gewöhnliche Sterbliche das noch nicht gewusst hast: Die weiße Ausgehuniform und die Goldflügel verleihen ewige Jugend! Wir wissen doch beide, dass ich schneller bin als du!"
"Schneller außer Atem vielleicht!" gab Mac schlagfertig zurück, "Und nur zu deiner Erinnerung, die anscheinend auch langsam nachlässt: Das letzte Mal, als wir diese Diskussion hatten, bist du im Krankenhaus gelandet, komplett mit weißem Nachthemd und Urinflasche." Macs Schmunzeln wuchs in die Breite.
Harm setzte einen bitterbösen Blick auf. "Na warte, Marine!" Er jagte Mac wie ein übermütiges Kind quer über den Rasen und dreimal um sein Auto vor der Garage herum, bevor er sie dank seiner längeren Beine endlich einholte und ihr den Fluchtweg abschnitt. Mac wich langsam zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Beifahrertüre stieß. Ohne den Blick von ihrem sich nähernden Mitbewohner zu nehmen, tastete sie nach dem Türgriff und zog daran, aber die Türe war verschlossen.
"Suchst du den hier?" Harm ließ den Autoschlüssel für einen Moment vor ihrer Nase auf und ab baumeln, bevor er ihn schnell in die Tasche seiner Jeans steckte. Er trat noch einen Schritt näher an sein in die Enge getriebenes Opfer heran und legte die Hände rechts und links von Mac gegen das Autodach, so dass Mac gefangen war. "Wer ist hier jetzt alt und langsam, hm?" Er neigte fragend den Kopf zur Seite und blickte aus nächster Nähe in ihre braunen Augen.
Mac erwiderte den Blick und spürte, wie sein Atem leicht ihre Wange streifte. Der sonst so schlagfertigen Mac fiel plötzlich nicht das geringste mehr ein, was sie hätte sagen können. In ihrem Kopf herrschte schlagartige Leere. Sie sah Harm nur wortlos an und entdeckte plötzlich, dass ihre Hand auf Harms Arm ruhte, ohne dass sie sich daran erinnern konnte, überhaupt eine entsprechende Bewegung gemacht zu haben.
Harm stand ein paar weitere Sekunden bewegungslos da, bevor er blinzelte als sei er gerade aus einem Traum aufgewacht und die Arme sinken ließ, um Mac freizugeben. Er fühlte wie Macs Hand aufgrund der Bewegung über seinen Oberarm glitt, dann den Ellenbogen streifte und sich von seinem Arm löste. Noch immer ohne wegzublicken, trat er hastig einen Schritt zurück.
"Wir sollten uns besser auf den Weg machen," sagte Mac nach einigen weiteren Sekunden. Nichts von dem spielerischen Übermut von vorhin war mehr in ihren Augen zu entdecken; beide waren plötzlich ernst geworden.
"Ja, sicher." Harm nickte und unterbrach auf diese Weise den Blickkontakt. Er gab sich einen Ruck und schloss ihr die Autotüre auf, bevor er um den Jeep herum zur Fahrerseite ging und ebenfalls einstieg.
<Was in Dreiteufels Namen war das denn, Marine?> fragte sich Mac irritiert, während sie nach dem Sicherheitsgurt angelte und verärgert feststellte, wie nervös und unstet ihre Finger waren.
Harm war so bemüht, sich ausschließlich auf die Straße zu konzentrieren, dass er nicht bemerkte, dass Mac ebenso aus dem Gleichgewicht geraten war wie er selbst. <Was sollte das werden, Rabb? Wird wohl wirklich langsam Zeit, dass ich Grannys kupplerischem Einfluss entkomme, bevor ich noch anfange, ihren sentimentalen Blödsinn noch selbst zu glauben!>
Die Fahrt verlief ungewöhnlich ruhig und ohne die scherzhaften Streitgespräche und Neckereien, die sonst zwischen ihnen herrschten. Harm verfluchte sich und Grannys ständige Verkuppelungsversuche. Jetzt war genau das passiert, was er immer hatte vermeiden wollen: Mac war angespannt in seiner Gegenwart; der lockere, freundschaftliche Umgang miteinander war gestört worden. <Toll, Rabb, wirklich tolle Leistung!>
Sie atmeten beide auf, als sie vor dem Haus der Roberts ausstiegen und an der Türe klingelten.
Hinter der Türe waren Stimmen und Schritte zu hören, dann öffnete sie sich und sie sahen einen Bud Roberts, der verzweifelt versuchte, Jingo am Halsband festzuhalten, damit er nicht in den Garten entwischte.
Harm und Mac mussten lachen und die Spannung, die sie beide empfunden hatten, löste sich etwas.
Jingo bellte und vollführte einen Freudentanz, als er "seine" beiden Menschen erkannte. Er leckte Mac in überschwänglicher Freude die Hände und als sie sich niederbeugte um ihn zu streicheln auch noch das Gesicht, bevor er sich auf den Rücken fallen ließ, so dass Mac ihm den Bauch kraulen konnte.
"Guten Abend, Sir," grüßte Bud.
Harm hatte es schon vor längerer Zeit aufgegeben, den Lieutenant immer wieder daran zu erinnern, ihn doch Harm zu nennen, wenn sie nicht im Dienst waren. "Hallo, Bud," erwiderte er und für einen Moment standen die beiden Männer im Gang und sahen Mac und ihrem Hund bei ihrem freudigen Wiedersehen zu, "Erstaunlich, wie sehr manche Leute ihren Hunden ähneln," kommentierte Harm und erinnerte sich lächelnd daran, wie sehr Mac jedes Mal eine Fußmassage genoss.
Harriet tauchte neben ihrem Mann auf. "Ich nehme aber nicht an, dass der Colonel Ihnen auch so freudig das Gesicht ableckt, oder, Sir?" fragte sie mit einem zuckersüßen Lächeln, bevor ihr bewusst wurde, was sie da gerade sagte – und zu wem.
Bud sah seine Frau aus großen Augen vollkommen entsetzt an. "Harriet!" Er drehte sich zu Harm um, bereit eine Entschuldigung zu stammeln.
"Schon gut, Bud, uns wurde schon Schlimmeres nachgesagt," beruhigte Harm den nervösen Junganwalt, "Ich werde Harriet deshalb sicher nicht gleich vors Militärgericht bringen." Er grinste aufmunternd.
"Wo ist Gypsie?" erkundigte sich Mac als sie sich wieder von den Knien erhob.
Harm blickte automatisch im Wohnzimmer umher, als erwarte er, seine Katze dort bei einer kleinen Klettertour auf den Wohnzimmerschränken zu ertappen.
"Oh, sie ist im Kinderzimmer und spielt dort mit A.J.," erklärte Harriet lächelnd.
Harm und Mac machten sich auf den Weg zum Zimmer ihres Patensohnes, doch statt der Gummimaus und des Wollknäuels, das sie dort erwartet hatten, erblickten sie die Modelleisenbahn, die Harm dem kleinen A.J. vor längerer Zeit geschenkt hatte.
Der Dreijährige saß inmitten der Gleise und sah zwischen dem Zug und der roten Katze hin und her, die wild hinter der Modelleisenbahn herraste.
"Onkel Haaammm! Tante Maaac!" Der kleine Junge sprang auf als er seine Paten bemerkte.
"Wenigstens jemand in diesem Haushalt, der uns nicht 'Sir' und 'Ma’am' nennt," meinte Mac lächelnd, während sie den auf sie zuspringenden A.J. auffing und herumwirbelte, "Ufff! Du bist groß und schwer geworden!" Sie reichten den Jungen an Harm weiter und machte sich daran, sie flinke rotgetigerte Zugjägerin einzufangen.
Eine halbe Stunde später traten sie mit Katzenkorb, Hund und – in Macs Fall – einem Pflaster auf der Hand den Rückweg an. "Ist es eigentlich möglich, den Besitzer eines Haustieres für dessen tätlichen Angriff auf Schmerzensgeld zu verklagen?" erkundigte sich Mac, während Harm den Motor startete.
Harm zuckte lässig die Schultern. "Ich glaube schon, aber der Betrag, den man dir zuerkennen würde, würde wohl nicht einmal deine Anwaltskosten decken."
"Harm, ich bin selbst Anwältin, schon vergessen? Ich hätte gar keine Anwaltskosten," erinnerte Mac.
"Ach ja? Du hast mich doch eben um meinen juristischen Rat gefragt, den ich dir auch erteilt habe – natürlich nicht ganz kostenlos." Harm grinste listig.
"Hmm," Mac tat als denke sie darüber nach, wie sie die Rechnung begleichen konnte, "wie wäre es, wenn ich statt Bezahlung deines wertvollen Rates heute Abend das Kochen übernehme?"
"Uuuh, ähm, wenn ich es recht bedenke... der Rat geht auf Kosten des Hauses," gab Harm aufgrund dieser Bedrohung für Leib und Leben dann doch nach.
"Ich wusste, dass ein edler Kern in dir steckt, Flyboy," lobte Mac grinsend, "und es ist sehr nett von dir, dass du die Pizzen bezahlst, die wir gleich bestellen werden."
Harm kniff in gespieltem Ärger die Brauen zusammen, war aber insgeheim froh, dass der altgewohnte Ton wieder zwischen ihnen herrschte. "Lernt man solche heimtückischen Manipulationen automatisch in der Grundausbildung des Marine Corps?"
Mac schüttelte den Kopf. "Ein bisschen angeborenes Talent gehört schon auch dazu," erklärte sie schelmisch.
"Oh, das kann ich dir aus Erfahrung ohne zu zögern bescheinigen!" meinte Harm.
Einige Minuten später erreichten sie ihr Haus und Harm ging zum Telefon, während Mac Gypsie aus ihrem Gefängnis befreite. Mit der nun schnurrenden Katze auf dem Arm ging sie hinüber ins Wohnzimmer und setzte sich neben Harm auf die Couch.
"... ja," sprach Harm gerade in den Telefonhörer, "ich hätte gerne zwei kleine..."
Ein Ellenbogen traf ihn in die Rippen.
"... Entschuldigung, ich meine zwei große Pizzen, eine mit vegetarischem Belag und ein paar Krabben und die andere mit..." er bedachte Mac mit einem vorwurfsvollen Blick, "... Schinken, Salami und Oliven." Er wich Macs Ellenbogen aus und seufzte. "Und eine Extraportion Käse auf der zweiten Pizza, bitte."
Mac nickte zufrieden und Harm legte den Hörer auf.
0512 Z-Zeit (00:12 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm lag in seinem bequemen Wasserbett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Er war müde nach diesem langen Tag, der in New Orleans begonnen und viel Bewegung und einen mehrstündigen Flug beinhaltet hatte, aber dennoch konnte er nicht einschlafen.
Und das, obwohl er mehr als genug Platz im Bett und die ganze Decke für sich allein hatte.
Er hatte bereits alles, was man im Zimmer nur zählen konnte, gezählt – zweimal. Er hatte die Muster der Tapete verfolgt, bis seine Augen im Halbdunkel zu brennen begannen. Er hatte sogar vor sich hin gesummt und war noch immer hellwach. Harm warf zum wiederholten Mal einen Blick auf den Radiowecker und kraulte gedankenverloren Gypsie, die sich an seiner Seite zusammengerollt hatte und friedlich schlief. <Die hat’s gut!>
Harms Hand verharrte auf dem Rücken der roten Katze als er plötzlich ein ungewohntes Geräusch wahrnahm. Einen Moment lang versuchte er, die Quelle des Geräusches zu lokalisieren. Erneut knarrte Holz. Es klang als wäre jemand auf der Treppe ins Obergeschoss.
Leise Schritte kamen über den Gang, ertönten dann im Wohnzimmer und verharrten dann aus irgendeinem Grund. <Mac.> Ein Lächeln umspielte Harms Lippen als er sich fragte, ob sie möglicherweise dasselbe Problem hatte wie er.
"Harm?" flüsterte es von seiner halboffenen Tür her.
Harm setzte sich auf und entdeckte jetzt den dunklen Umriss seiner WG-Genossin. "Ja?"
"Ich kann nicht schlafen."
"Und es ist keine Eiscreme im Kühlschrank?" fragte er nach, sich an Macs übliches Schlafmittel erinnernd.
"Doch, das hab ich auch schon probiert, aber ich kann trotzdem nicht schlafen," beklagte sich Mac und verharrte noch immer unschlüssig im Türrahmen.
Harm schaltete das Licht ein und für einen Moment blinzelten sie beide in der plötzlichen Helligkeit, bis ihre Augen sich daran angepasst hatten. "Sollen wir uns für ein Weilchen unterhalten?" schlug Harm vor. Er rutschte zur Seite und schlug einladend die Bettdecke zurück.
Mac nickte, kam zu ihm hinüber und kuschelte sich in das bequeme Wasserbett. Zwei Hände wurden gleichzeitig ausgestreckt, um die rote Katze zwischen ihnen zu streicheln und ein paar Momente später sprang auch noch Jingo ans Fußende des Bettes.
"Nur für ein Weilchen," murmelte Mac, bevor sie sich zurücksinken ließ und die Augen schloss.
1058 Z-Zeit (05:58 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
<05:58> Mac schlug die Augen auf und blinzelte noch etwas schläfrig in die Morgensonne, die durch die Ritzen der Jalousien hereinfiel und Muster auf die Tapete zeichnete. In Macs Blickfeld lag die Türe, die zum Wohnzimmer führte – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie nicht in ihr eigenes Bett zurückgekehrt war, sondern – mal wieder – Harms Wasserbett vorgezogen hatte.
<Was bist du, ein Marine oder ein kleines Kind, das Angst alleine im Dunkeln hat?> rügte sie sich im Stillen, aber das änderte nichts an dem Wohlbehagen, das sie jetzt und hier empfand und das sie noch ein wenig länger im Bett verharren ließ.
Ein flauschiger Pelz ruhte unter ihrer linken Hand und sie begann mit erneut geschlossenen Augen ihn zu kraulen. Als das vertraute Schnurren ausblieb, öffnete sie die Augen wieder und stellte fest, dass ihre Finger die Plüsch-Schildkröte, die sie Harm in Oklahoma geschenkt hatte, streichelten. Sie musste lachen und das Wasserbett begann leicht zu schaukeln.
Harm, der zwischen Mac und der Stoff-Schildkröte auf der einen und den beiden lebensechten Tieren auf der anderen Seite lag und so in eine wohlige Wärme gehüllt wurde, öffnete mit einem protestierenden Laut die Augen. Er lächelte als er Macs braunen Haarschopf an seiner Schulter ruhen sah und sich an ihr ‚Weilchen’ erinnerte, das sie lediglich im Wasserbett hatte bleiben wollen. <Nicht, dass ich mich beschweren will...> Nachdem Mac schlafend neben ihm lag, war auch sein Einschlafproblem gelöst gewesen. <Du bist besser als Eiscreme, Marine!> Harm grinste vor sich hin.
Mac setzte sich auf und sah mit einem Blick, dass mal wieder der gesamte Rabb-MacKenzie-Haushalt in Harms Bett versammelt war. "Harm, ich... ich muss wohl eingeschlafen sein..."
"Ach, tatsächlich?" Harm hob ironisch die Brauen, aber in seinen Augen lag Wärme.
Mac rollte mit den Augen. "Ja, tatsächlich," entgegnete sie fest, um dann sanfter hinzuzufügen: "Tut mir leid, wenn ich ... wir ... schon wieder..."
Harm schüttelte beruhigend den Kopf. "Hey, Mac, nur keine Aufregung, mir ist schon Schlimmeres passiert als die Nacht mit einer attraktiven, intelligenten – wenn auch tätowierten – Frau zu verbringen." Er zeigte sein berühmtes Flyboy-Lächeln.
"Hm, ich könnte dir ein paar Punkte dafür geben, dass ich in deinem Wasserbett übernachten durfte," bot Mac an.
"Das will ich aber auch schwer hoffen!" schnaubte Harm und verschränkte die Arme vor der Brust – der nackten, muskulösen Brust, wie Mac feststellte.
<Wie alt bist du, Marine? 33 oder 13?> rügte sie sich, zwang sich ihre Augen stattdessen auf ihre Hausschuhe zu richten und schwang die Beine über die Bettkante. "Wer zuletzt im Badezimmer ist, muss das Frühstück machen!" verkündete sie und spurtete los.
Harm verzichtete darauf, aus dem Bett zu springen und hinter ihr her zu jagen – erstens zog er es vor zu verlieren, wenn das Gewinnen bedeutete, dass Mac das Frühstück machte und zweitens wollte er vermeiden, dass das spielerische Gefecht wieder zu einem so seltsamen Zwischenfall führte wie gestern. Und drittens hatte er nichts dagegen, hier noch einen Moment faul auf dem Bett zu liegen, wo er den besten Blick auf zwei davonsprintende, wohlgeformte Frauenbeine hatte.
"Määäh?" Gypsie war vom Bett gesprungen und rief jetzt aus dem Gang nach jemandem, der bereits wach genug war, um eine Dose öffnen zu können.
Harm erhob sich. "Spielverderber!"
2308 Z-Zeit (18:08 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac ließ die Haustüre hinter sich zufallen, warf den Autoschlüssel auf die niedrige Kommode im Flur und stellte die Aktentasche ab. Sie verharrte kurz, um sich nach einem langen Arbeitstag zu recken, und bemerkte, dass wohlriechende Düfte aus Richtung Küche kamen.
Auf dem Weg dorthin streifte sie die Schuhe von den schmerzenden Füßen und nahm sich einen Moment, um fast erleichtert mit den Zehen zu wackeln, bevor sie ihren Weg fortsetzte.
Sie bog um die Ecke, riss die Augen auf und verharrte in der Küchentüre, als sie sah, dass der Tisch festlich gedeckt war, inklusive Kerzen und frischem italienischem Brot.
Harm stand mit dem Rücken zur Türe neben dem Herd und war gerade dabei, geschickt eine Paprika zu zerkleinern.
"Warum hab ich das Gefühl, als sollte ich wieder rausgehen, noch mal reinkommen und dabei rufen: ‚Liebling, ich bin zuhause!’?"
Harm legte das Messer weg und drehte sich zu ihr um, nahm mit einem raschen Blick die fehlenden Schuhe und die Uniformbluse mit zwei offenen Knöpfen wahr.
Einen Moment lang sahen sie sich nur stumm an, während das flackernde Licht der Kerzen Muster an die Wand zeichnete. Dann setzte sich Mac in Bewegung und steuerte auf die Töpfe zu, um einen neugierigen Blick hineinzuwerfen, und schielte dabei bereits nach einer Gabel.
"Ah, ah, ah!" Harm stellte sich schützend vor dem Herd auf, "Zivilisierte Menschen essen am Tisch und fischen nicht im Stehen mit der nächstbesten Gabel Dinge aus Töpfen! Marsch, Marine, umziehen, Essen fassen in fünf Minuten!"
Vier Minuten später stand Mac in Jeans, einem T-Shirt, auf dem in großen Buchstaben "USS Patrick Henry" stand, und ihren Bugs-Bunny-Hausschuhen wieder in der Küche. "Was gibt’s zu essen?" fragte sie, während sie sich setzte.
Harm begann, Behälter vom Herd auf den Tisch zu stellen. "Also, da haben wir..." er wies auf die verschiedenen Töpfe und Schüsseln, "... Krabbencocktail, Scampispieße, Riesengarnelen in Dillsauce, Ananas-Shrimps-Salat und ein paar in Knoblauch gedünstete Langusten." Harm grinste stolz.
"Das ist ein totaler Rückfall, Harm!" Mac schüttelte mit Nachdruck den Kopf, "Und dabei lief die Therapie so gut! Ich glaube, deine Therapeutin muss deinen Punktestand um ein großes Stück nach unten korrigieren!"
"Okay, okay," gab Harm lachend nach, "Im Ernst, es gibt meine berühmte vegetarische Lasagne, griechischen Salat mit Schafskäse, Paprika und Oliven und – gegen ein kleines Punkte-Entgeld – sogar Banana-Split zum Dessert."
"Schon besser," meinte Mac rundum zufrieden und nahm erwartungsvoll ihr Besteck auf.
"Und Shrimps."
"Oh, du bist soooo hoffnungslos!" Mac blies sich eine braune Haarsträhne aus der Stirn, die ihr bei ihrem heftigen Kopfschütteln in die Augen gefallen war.
Harm grinste nur und überreichte ihr einen Teller mit einer großen Portion Lasagne. "Wie sieht es denn überhaupt mit meinem Punktestand aus?" erkundigte er sich mit einem gewinnenden Flyboy-Lächeln.
Mac ließ noch mal ihr Besteck sinken. "Oh, wenn ich die Punkte für das Banana-Split schon im Voraus dazuzähle, schaffst du es gerade..."
"Ja?"
"... wieder auf null zu kommen!"
"Wie bitte?" Harm verschluckte sich beinahe an seinem ersten Biss Lasagne.
Mac lachte und ihre braunen Augen funkelten vergnügt. "Na schön, den einen oder anderen Punkt konntest du schon ergattern." Sie wurde plötzlich ernst und ließ die Gabel sinken, um Harm anzusehen, "Harm?"
"Hmmm?" Ihr Mitbewohner sah von seinem Salatteller auf, ließ Oliven Oliven sein und sah nur Mac an, gespannt darauf, was jetzt kommen würde. In letzter Zeit hatte er öfter das Gefühl, auf etwas zu warten, ohne zu wissen worauf.
"Hab ich dir schon mal gesagt, dass es ... angenehm ist, mit dir zusammen zu leben?" Mac drehte die Gabel in der Hand herum und fuhr nach einem Moment des Schweigens in lockererem Tonfall fort: "Auch wenn du einen seltsamen Fetisch bezüglich bestimmten Krustentieren hast und meine Hausschuhe stiehlst."
Graublaue Augen verengten sich. "Beschuldigst du mich etwa des Hausschuh-Nappings?" ging Harm auf Macs spielerischen Tonfall ein, der die allzu ernste, emotionale Stimmung nach ihrem ‚Geständnis’ durchbrechen sollte.
"Du hattest die Gelegenheit, du hast ein Motiv und es gibt Augenzeugen – an deiner Stelle würde ich ein volles Geständnis ablegen," riet Mac zwischen zwei Bissen Lasagne.
"Augenzeugen?" Harm schob ihr den Brotkorb hin, "Mac, zwei hasenohrige Leisetreter können nicht als Augenzeugen gewertet werden!"
"Aha, du gibst also zu, dass du weißt, um welche Augenzeugen es sich handelt!" Mac wackelte unter dem Tisch mit besagten Zeugen.
"Ich sage jetzt besser gar nichts mehr – bevor du mir wieder ungerechtfertigterweise Punkte abziehst."
"Nicht dass da besonders viel da wäre, wovon ich etwas abziehen könnte!"
Ein paar Minuten lang aßen sie beide schweigend, nur das Kratzen von Besteck über Teller und das Flackern der Kerzen war zu hören.
Schließlich legte Harm sein Besteck weg und schob den leeren Teller zurück. "Mac?"
Die Angesprochene sah von ihrer zweiten Portion Lasagne auf.
"Ich lebe auch gerne mit dir zusammen," erklärte Harm und sah ihr offen in die Augen, "ich meine... es ist einfach schön, nicht nur für sich alleine zu kochen, abends nicht in ein leeres Haus heimzukommen und morgens, wenn man die Augen aufschlägt, gleich jemanden neben sich zu sehen. Ich will mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass sich das jemals ändern könnte."
Einen Moment lang sahen sie sich nur an, stumm, reglos. Dann schob Mac ihre schlanke Hand über Harms und verschränkte ihre Finger mit seinen. Sie musste den Kloß in ihrem Hals hinunterschlucken, bevor sie sanft sagte: "Dann tu’s einfach nicht, Flyboy."
1115 Z-Zeit (06:15 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac schlidderte in Socken über den Küchenfußboden. Das Porzellan, das sie auf einem Tablett balancierte, klirrte als sie vor dem Küchentresen zum Halt kam, und der Kaffee schwappte dabei ein wenig über den Rand der Kermit-der-Frosch-Tasse. <Das hat er jetzt davon, dass er ständig meine Hausschuhe stibitzt – eine halbvolle Tasse Kaffee!>
Mac erreichte einigermaßen unversehrt die gegenüberliegende Seite der Küche, wo der Toaster gerade seinen Inhalt ausspuckte. Sie nahm die zwei Scheiben Toast und räumte hastig einen Platz auf dem Tablett dafür frei. "Autsch!" Sie ließ den Toast fallen – beinahe in den Orangensaft – und rieb sich die geröteten Finger.
Sie nahm die Croissants aus der Tüte, legte sie ebenfalls auf das Tablett und knüllte die leere Papiertüte zu einem handlichen Knäuel zusammen. Auf dem Weg zu der Schublade, in der sie die Kerzen vermutete, warf sie das Knäuel in Richtung Papierkorb. Das Geschoss prallte am Rand des Korbes ab und blieb auf dem Fußboden liegen.
Mac, die mit Kerze und Feuerzeug zurück zum Tablett hastete, nahm sich nicht die Zeit, hinter sich aufzuräumen, weil sie wusste, dass sonst der Toast und das Frühstücksei kalt werden würden. Sie trug das Tablett zur Türe und warf einen kurzen Blick über die Schulter zurück. Das Chaos in der Küche ließ sie froh darüber sein, dass jeder Mensch – selbst Ex-Piloten – nur einmal im Jahr Geburtstag hatten.
Sie drückte mit dem Ellenbogen die Türklinke von Harms Schlafzimmer hinunter und schob sich in den noch im Dunkeln liegenden Raum. Sie stolperte über Gypsie, die bereits hinter der Türe gewartet hatte, und rettete sich zum Bett, wo sie erleichtert das Tablett abstellte.
Harm, den der Lärm geweckt hatte, setzte sich auf und sah mit einem gewissen Erstaunen zwischen Mac und dem vollbeladenen Tablett hin und her.
"Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Flyboy!" Mac zögerte einen Moment lang, beugte sich dann über das Tablett zwischen ihnen und hauchte Harm einen blitzschnellen Kuss auf die Wange.
"Wow, danke," war alles, was das überrumpelte ‚Geburtstagskind’ herausbrachte, während seine Finger automatisch über seine Wange tasteten.
Mac setzte sich auf die Bettkante und deutete einladend auf die Nahrungsmittel auf dem Tablett.
"Wage ich zu fragen, wie die Küche aussieht?" erkundigte sich Harm, während er das Croissant in zwei Stücke teilte und Mac eines gab.
"Wo gehobelt wird, da fallen Späne," hielt ihm Mac unbeeindruckt entgegen, während sie das Nutella-Glas vom Tablett stibitzte.
Harm schob den Rest seines Croissants in den Mund und begann fachmännisch, sein 3 ½-Minuten-Ei zu ‚enthaupten’. "Mmm, isch gönnde misch d’ran g’wööhnän, b’dient zu werdän!" erklärte er enthusiastisch und mit vollem Mund.
"Bloß nicht!"
Harm lachte. "Keine Sorge, Marine, ich habe nicht vor, mein Glück derart auf die Probe zu stellen." Er gab der Versuchung nach, ihr kurz durch das leicht zerzauste Haar zu wuscheln.
Mac ersparte sich eine Antwort auf diesen erneuten Angriff auf ihre Koch-Künste. Von jemandem, der Nutella für eine der sieben Todsünden hielt, konnte man wohl einfach nicht erwarten, dass er ein gutes Frühstück erkannte, wenn es vor ihm stand. "Dein Geschenk..."
"Ja?" Harm hielt im Kauen inne und sah erwartungsvoll auf.
"... bekommst du heute Abend."
"Hm." Harm nickte und begann wieder zu essen. "Du brauchst ihn übrigens nicht extra einzupacken."
"Ihn?"
"Mm-hm. Den BMW," erklärte Harm als sei dies bereits eine abgemachte Sache.
Mac schüttelte tadelnd den Kopf. "Hast du irgendwelche Halluzinationen oder ist das bereits Altersdemenz? Ich habe nie gesagt, dass ich dir einen BMW schenke."
"Du hast auch nie gesagt, dass du mir keinen BMW schenkst," entgegnete Harm ohne die geringste Verzögerung, "du hast gesagt, dass mein Punktepreis etwas sein wird, worüber ich mich sehr freuen werde."
"Ja, wie du schon sagst: Dein Punktepreis, nicht dein Geburtstagsgeschenk. Wobei ich erneut bemerken möchte, dass das wiederholte Erwähnen einer gewissen deutschen Automobilmarke deinen Punktestand nicht gerade erhöht!"
"Oh. Okay, wie wäre es mit einer Corvette? Oder einem Lamborghini? Keine deutschen Automobile, ganz wie du wolltest."
Mac nahm sich einen der Toasts. "Harm, das gilt für jedes Auto, das nicht gerade von Matchbox hergestellt wird!"
Harm gab vor zu schmollen, konnte aber ein Flyboy-Grinsen nicht ganz unterdrücken. "Aha, ich dachte mir schon, dass das ‚Mac’ in deinem Nachnamen nicht ganz zufällig ist – wir sind nicht zufällig ein wenig geizig, hm?"
Mac senkte Harms Kaffeetasse, an der sie gerade genippt hatte. "Und ‚wir’ sind nicht zufällig ein wenig größenwahnsinnig? Ein Auto zum Geburtstag, wo gibt’s denn so was!"
"Beim Autohändler, Mac, beim Autohändler," erklärte Harm mit einem naseweisen Grinsen.
Mac stöhnte, reichte ihrem Mitbewohner den letzten Toast und erhob sich, um das Tablett in die Küche zu bringen. "Kommst du?" fragte sie über die Schulter zurück.
"Wohin? Ich soll doch nicht etwa an meinem Geburtstag die Küche aufräumen?" Harm verschränkte die Arme vor der Brust.
Mac rollte mit den Augen. "Das schaffe ich schon alleine. Nein, ich brauche dich, um das Wohnzimmer zu dekorieren."
"Dekorieren?" wiederholte Harm alarmiert, "Mac, wenn du irgendwelche Überraschungspartys planst... lass dich gewarnt sein. Ich kann mich da an eine Party erinnern, die damit endete, dass ein gewisser Marine mitten in der Nacht eine gewisse Feiergesellschaft aus dem Stadtgefängnis holen musste."
"Wer spricht von einer Party? Wo steht denn geschrieben, dass wir das Wohnzimmer nicht nur für uns zwei dekorieren können? Und lass dich gewarnt sein: Wenn du eine Schlägerei mit mir beginnst, werde ich dich bestimmt nicht aus dem Gefängnis holen!" rief Mac aus dem Flur.
1202 Z-Zeit (07:02 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Ein bisschen höher."
Der Befehl wurde mit einem theatralischen Seufzen kommentiert.
"Nein, nicht ganz so hoch."
Ein Laut, der nach einem Grollen klang.
"Jetzt ist es ein bisschen zu nahe am Fenster, rück ein Stück nach rechts!"
Harm, der auf einer kleinen Trittleiter stand, gehorchte mit einem erneuten Seufzen, und platzierte die Girlande ein wenig weiter rechts.
"Stop! Gut."
Harm atmete erleichtert und zufrieden aus und kletterte von der dreistufigen Leiter.
"... aber jetzt musst du die andere Girlande etwas weiter rüber hängen, sonst sind sie sich zu nahe."
Harm stöhnte. "Höher, niedriger, nach links, nach rechts, nicht weit genug, zu weit... Befehle, Befehle, Befehle! Du bist nicht zufällig beim Militär, oder?" murmelte er in gespieltem Ärger, "Wieso kommst du nicht her und hängst diese Girlanden selbst auf?" Er deutete einladend auf die Trittleiter.
"Ganz einfach: Weil ich diejenige bin, die mit der Gabe guten Stils gesegnet wurde und du derjenige, der die langen Arme mitbekommen hat!" verkündete Mac grinsend.
Harm verschränkte besagte Arme. "Wie wäre es mit einer großzügigen Anzahl von Punkten für meine Girlanden-aufhäng-Talente?"
"Kapitalist!" warf Mac ihm vor, "Lass uns das auf dem Weg zum Auto diskutieren, wir müssen los."
0040 Z-Zeit (19:40 Uhr EST)
Irgendwo in Washington D.C.
"Bist du wirklich sicher, dass du an der Reihe bist, mich zu kidnappen?" zweifelte Harm, während er Äste zur Seite bog und Mac einen schmalen Waldweg hinab folgte.
"Hausregel Nummer drei, Unterabschnitt b: Entführungen an Geburtstagen fallen nicht unter den allgemeinen Kidnapping-Plan."
"Aha. Könntest du mir dann vielleicht mal erklären, wohin du mich entführst?" fragte Harm und fasste den Korb, den Mac ihm zum Tragen gegeben hatte, fester als der Weg begann, steiler bergab zu führen.
"Dann wäre es ja keine Entführung mehr, Harm," belehrte Mac. Sie bog nach links ab und folgte einem weiteren Trampelpfad, der neben einem kleinen Bach verlief. Nach ein paar Metern wich der Wald links und rechts des Weges zurück und sie betraten eine Lichtung.
Mac nahm ihrem Partner den Korb ab und förderte eine Decke zutage, die sie im Gras ausbreitete. "Nimm Platz, Flyboy."
Harm ließ sich neben Mac auf der Decke nieder. "Und jetzt?"
"Jetzt widmen wir uns dem Geburtstags-Picknick." Mac begann, Lebensmittel aus dem Korb zu holen und vor Harm auszubreiten.
"Kein Wunder, dass der Korb so schwer war! Aber ich bin sicher," Harm beobachtete wie Mac ein großes Stück Käse in den Mund schob, "dass wir dieses Problem auf dem Rückweg nicht mehr haben werden."
Mac stützte die Hände in die Hüften. "Was willst du damit sagen?"
"Oach, nichts," behauptete Harm unschuldig, "Hab ich dir schon erzählt, dass ich mal mit Will bei seinen Pferden war und..."
"Ich esse NICHT wie ein Pferd!" verteidigte sich Mac, noch ehe Harm seinen Satz beenden konnte, "Ich... ich habe lediglich einen gesunden Appetit."
"Du meinst, einen UNGESUNDEN Appetit?" neckte Harm.
"Noch ein Wort und ich überwinde mich und esse diese glibberigen Dinger, die ich für dich besorgt habe, selbst!"
Harm klappte sofort den Mund wieder zu und spähte stattdessen in den Picknick-Korb. "Aaaah!" Begeistert förderte einen Behälter mit frischen Krabben zutage und begann zu essen, "Hmmm. Ich vermute, das fällt unter Hausregel zwei, Unterabschnitt b: Das Shrimps-Verbot gilt nicht an Geburtstagen."
"An meinem schon," betonte Mac mit mahnend gehobenem Zeigefinger.
Eine halbe Stunde später stellte sie den leeren Picknickkorb beiseite, um mehr Platz auf der Decke zu haben, und ließ sich zufrieden zurücksinken. Träge schloss sie die Augen und ließ sich die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen. Eine Weile rutschte sie unruhig hin und her in dem Versuch, auf dem rauen Boden einen bequemen Platz für ihren Kopf zu finden.
Harm, der sie lächelnd beobachtete, rutschte zurück bis er mit dem Rücken gegen den nächsten Baum lehnte, und klopfte leicht auf seinen Oberschenkel. "Komm her, Dornröschen, Zeit für dein Nickerchen."
Mac gehorchte freudig, krabbelte auf allen Vieren über die Decke hinüber zu Harm und ließ sich neben ihm auf den Rücken sinken. Harm rutschte etwas näher und steuerte sanft Macs Kopf, bis er auf seinem Bein ruhte. Eine seiner Hände blieb auf Macs dunklem Haar liegen und er begann, seine Finger durch die seidigen Strähnen gleiten zu lassen.
Mac schloss genüsslich die Augen. Nur ein paar Meter entfernt hörte sie das stete Rauschen des Baches und über sich das Rascheln der Blätter im Wind, von dem sie hier, im Schutze ihres menschlichen Kissens, nichts spürte. Ein Gefühl der Wärme und der Ruhe umgab sie. "Es ist dein Geburtstag und ich werde verwöhnt," murmelte sie, bevor sie einnickte.
Harm lächelte nur und ließ seine Hand weiterhin beruhigend über ihr Haar gleiten.
0120 Z-Zeit (20:20 Uhr EST)
Irgendwo in Washington D.C.
Mac erwachte. Ein mentaler Check ihrer inneren Uhr sagte ihr, dass sie fünfzehn Minuten geschlafen hatte. Sie sah sich um und stellte fest, dass die Sonne in Kürze untergehen würde. <Wir sollten langsam aufbrechen.>
Trotz der Kühle, die langsam vom Bach her die Lichtung hinaufkroch, war ihr nicht kalt; sie spürte den warmen Stoff von Harms Jeans unter ihrer Wange. Ganz in ihrer Nähe hörte sie Harms rhythmisches Atmen und hob leicht den Kopf, um sich zu ihm umzudrehen.
Harm war nach hinten gegen den Baumstamm gesunken und schlief, eine Hand leicht auf ihrer Schulter, die andere weit von sich gestreckt im Gras ruhend. Auf seinem Gesicht war ein entspannter und friedlicher Ausdruck.
Mac wusste, dass es bald Zeit wurde zu gehen, aber sie brachte es einfach nicht fertig, ihren schlummernden Freund zu wecken. Stattdessen lag sie einfach nur weiter in Harms Schoß und ließ sich von einem Gefühl von Frieden und Zufriedenheit einhüllen.
Ein paar Minuten später schreckte sie aus ihrem Schlummer hoch als ein Grashalm über ihre Wange und ihren Hals hinab tanzte. "Hey, es ist nicht fair, mich wach zu kitzeln!" beschwerte sie sich.
"Ach, wie würdest du denn gerne aufgeweckt werden, Prinzessin?" erkundigte sich der jetzt hellwache Harm grinsend.
Mac sah zu ihm auf und in die blauen Augen, in denen sich der klare Abendhimmel und das Licht der untergehenden Sonne spiegelten.
"Vielleicht so?" Harm überraschte Mac und vor allem sich selbst, indem er sich über sie beugte und ihre Lippen sanft mit den seinen berührte.
Mac starrte zu ihm empor, sprach- und reglos.
Harm zuckte zurück. <Großer Gott, Rabb, hast du den Verstand verloren?! Willst du Mac unbedingt zu Tode erschrecken? Was hast du dir dabei gedacht, sie einfach so zu küssen?> Genau das war das Problem: Er hatte nicht darüber nachgedacht, sondern war einfach einem spontanen Gefühl gefolgt. "Mac, ich... tut mir leid... ich wollte nicht..."
Mac setzte sich auf und lächelte milde, nun völlig ruhig und gelassen wirkend. Ihre schlanke, warme Hand legte sich federleicht auf seinen Arm und streichelte ihn beruhigend. "Ssssch, ist schon okay, Flyboy. Das ist völlig okay unter guten Freunden." Gleichzeitig fragte sie sich, wen sie eigentlich zu überzeugen versuchte: Harm oder sich selbst? "Wir sollten gehen, es wird bald dunkel."
Harm nickte und half Mac, die Decke zusammenzufalten. Als er Mac den Waldpfad hinauf folgte, entdeckte er einen Grashalm in ihren Haaren und er ging automatisch schneller, um zu ihr aufzuschließen und den Halm zu entfernen. Nach zwei Schritten bremste er sich. <Du hältst besser ein wenig Abstand, solange du dich aufführst wie ein frischverliebter Teenager!>
Mac drehte sich zu ihm um und musterte ihn prüfend, so als spüre sie seine untypische Unruhe. Als Harm ihr halbherzig zulächelte, streckte sie einfach die Hand aus und wartete vertrauensvoll, bis Harm seine Hand in ihre legte. Wortlos drückte sie seine Finger, während sie sich wieder in Bewegung setzte.
0215 Z-Zeit (21:15 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm lag rücklings auf dem Sofa, betrachtete die farbenfrohen Girlanden an der Decke und kraulte Gypsie, die quer über seiner Brust lag. Er sah auf, als Mac mit einem Tablett hereinkam.
"Kaum lässt man dich aus den Augen, werfen sich dir schöne weibliche Wesen an den Hals!" stellte sie kopfschüttelnd fest und nahm die protestierende Gypsie hoch, damit Harm sich aufsetzen konnte.
"Tiere, kleine Kinder und Frauen fanden mich schon immer unwiderstehlich," behauptete Harm mit seinem typischen Flieger-Lächeln.
Mac seufzte übertrieben. "Die einzigen, die mich so unwiderstehlich finden, dass sie ständig mit mir zu tun haben wollen, sind Zahnärzte, Politessen und Finanzbeamte."
"Und Anwälte," murmelte Harm fast unhörbar.
"Was?" Mac, die ihn – wie von ihm beabsichtigt – nicht verstanden hatte, sah ihren Mitbewohner fragend an.
<Mist!> Harm sah auf, bereit mit einem ablenkenden ‚Nichts’ zu antworten. <Wieso eigentlich, hm? Wieso sollte ich mich vor meiner besten Freundin verstellen müssen?> sagte er sich dann plötzlich und wiederholte lauter: "Anwälte."
"Anwälte?" Mac konnte das Wort nicht sofort in ihre vorige Unterhaltung einordnen.
"Anwälte finden dich auch unwiderstehlich," erläuterte Harm und grinste dabei – so konnte Mac die Bemerkung auch einfach nur als Scherz interpretieren, wenn sie wollte.
"Oh." Mac sah ihn unsicher an. Bezog er sich auf Dalton Lowne und Mic Brumby oder...? "Anwesende Anwälte eingeschlossen?" erkundigte sie sich neckisch, so als zöge sie Harm nur ein wenig auf.
Harm fiel nicht darauf herein. Er sah, dass ihre Schultern und der Rücken gestrafft waren, ihr der Kopf ein wenig auf die Seite gelegt und ihr Blick hellwach. Über der Nasenwurzel waren ein paar kleine Fältchen entstanden. Sie meinte die Frage ernst. Harm zuckte lässig die Schultern. "Hm, möglicherweise," antwortete er spielerisch.
Harms Gesicht war ruhig, aber Mac wusste, dass es oftmals seine Augen waren, die seine wahren Emotionen verrieten. <Harmon Rabb junior! Ich kenne dich jetzt seit 1471 Tagen, 7 Stunden und 51 Minuten – ich erkenne ein ‚ja’ von dir, wenn ich eines höre! Was geht hier vor ... zwischen uns?> Sie beschloss, was immer es auch war, für heute auf sich beruhen zu lassen. "Mach mal die Augen zu, Flyboy!"
Harm hob stattdessen die Brauen und sah sie verwundert an. "Wieso?"
"Jetzt frag nicht lange, mach’s einfach!" forderte Mac ihn streng auf, "Oder willst du dein Geschenk nicht?"
Harm grinste. "Oh, natürlich. Soll ich mit raus zur Garage kommen?"
Mac verschränkte die Arme. "Was soll dein Geschenk bitte mit der Garage zu tun haben?"
"Oh nein, Mac, darauf falle ich nicht herein," Harm lachte, "wenn ich jetzt den Namen eines bestimmten fahrbaren Untersatzes nenne, ziehst du mir wieder Punkte ab." Er lehnte sich auf der Couch zurück und schloss wie gefordert die Augen.
"Wehe du spickst!" warnte Mac, während sie aus dem Zimmer huschte, um schnell das Geschenk und den Kuchen zu holen.
Harm wartete ein paar Sekunden ab. "Darf ich jetzt endlich...?" Er begann, die Augen zu öffnen.
"Augen zu!" rief Mac aus der Küche, hektisch nach einem Feuerzeug suchend, "Okay, jetzt kannst du sie wieder aufmachen!"
Harm hob vorsichtig die Lider.
Mac kam gerade herein, eine Hand hinter dem Rücken versteckt, auf der anderen einen Teller mit einem winzigen Kuchen mit einer einzelnen Kerze balancierend. Sie stellte den Kuchen vor ihm auf dem niedrigen Wohnzimmertisch ab und erklärte mit einer verlegenen Geste: "Selbstgebacken," Sie lächelte beinahe schüchtern, bevor sie sich wieder fing, "Na los, blas die Kerze aus und wünsch dir was!"
Harm beugte sich vor und holte Luft als ginge es darum, ein Bündel von Fackeln und nicht nur eine einzelne Kerze auszupusten. Er schloss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen als er darüber nachdachte, was er sich wünschen sollte. <Was wünscht sich jemand, der im Moment so zufrieden ist, dass man es kaum noch verbessern könnte?> Er blickte ein letztes Mal hoch zu Mac und blies dann die Kerze aus. "So, vollbracht!" Er lächelte.
Mac schob den Kuchen mit der rauchenden Kerze ein Stückchen zurück, setzte sich neben Harm auf die Couch und förderte ein kleines, in buntes Papier gehülltes Päckchen hinter ihrem Rücken zutage. Sie schob es Harm hin und nickte ihm einladend zu.
Lächelnd löste Harm die Schleife und entfernte sorgfältig das Papier, während Mac fast ein wenig ungeduldig zusah. Sie konnte einem Geschenk nie derartig lange widerstehen. Schließlich hielt Harm einen Schlüsselanhänger in Händen, der orange und shrimpsförmig war. Er lachte laut auf. "Ich muss sagen," Harm ließ den Anhänger von seinen Finger baumeln, "du hast einen ausgezeichneten Geschmack."
"Danke sehr," kam die erfreute Antwort.
Harm sah auf und grinste sie an. "Ich habe mit der Krabbe geredet."
"Haha!" Mac rollte mit den Augen.
Harm klimperte mit dem Schlüssel, der an dem metallenen Ring hing und kniff ein wenig die Augen zusammen. "Mac, das ist doch nicht etwa wirklich... du hast doch nicht..." Fast entsetzt blickte er sie an. Sie hatte doch gewusst, dass das mit dem BMW nur ein Scherz gewesen war und er nicht wirklich ein so teures Geschenk von ihr erwartete, oder?
Mac lächelte. "Nein, habe ich nicht – der Schlüssel gehört zu deinem zweiten Geschenk." Sie drückte Harm ein weiteres Päckchen in die Hand, das etwas größer als das erste und viereckig war.
Harm löste das Geschenkpapier und enthüllte eine Box mit einem kleinen Vorhängeschloss. Er warf Mac einen raschen Blick zu, bevor er den Schlüssel ins Schloss schob und herumdrehte.
Die Box war gefüllt mit runden, silbern glänzenden Metallstücken. Harm starrte sie einen Moment nur verständnislos an, dann begriff er plötzlich, was er da vor sich hatte. <Chips, das sind Fahrchips.>
"Tschuuu-tschuu!" machte Mac und lachte.
Harm schüttelte grinsend den Kopf. "Ein solches Geschenk hab ich noch nie bekommen; du bist wirklich einmalig, Mac," er legte einen Arm um seine WG-Genossin und zog sie kurz an sich, "Danke."
"Oh, keine Ursache," Mac lehnte sich wieder gegen die Rückenlehne der Couch zurück, "wenn du mich mal mitfahren lässt, bezahle ich danach sogar das Essen."
"Auch Shrimps?" fragte Harm listig.
Mac überlegte kurz. "Na ja, da Hausregel zwei, Unterabschnitt b, Absatz II besagt, dass das Shrimpsverbot auch nicht für die Einlösung von Geburtstagsgeschenken gilt – meinetwegen."
Harm lehnte sich zufrieden zurück. "Und was machen wir jetzt?"
"Wie wäre es, wenn wir den Tag gemütlich mit einem Video, Popcorn und alkoholfreiem Champagner ausklingen lassen?" schlug Mac vor.
"Gute Idee," Harm machte sich auf den Weg in die Küche, "Ich übernehme den Champagner und du kümmerst dich um das Popcorn, okay?"
Mac nickte und folgte ihm. Sie stellte die Mikrowelle an und beobachtete, wie Harm begann, den Draht um den Korken herum zu lösen. "Brauchst du Hilfe?"
"Nein." Harm drehte weiter.
Mac sah etwas kritisch zu. "Wie wäre es, wenn ich ein Handtuch hole, nur falls ein bisschen was übersprudelt?"
Harm rüttelte ein wenig ungeduldig an dem störrischen Draht. "Nein."
"Oder wie wäre es, wenn du zur Sicherheit die Flasche übers Waschbecken hältst?"
"Nein."
Mac trat ein paar Schritte von Harm und dem Champagner zurück. "Bist du sicher?"
Harm warf ihr einen strengen Blick zu und begann, den Korken aus der Flasche zu ziehen. "Ich bin für den Champagner verantwortlich, du kümmerst dich um das Popcorn."
"Okay," Mac streute großzügig Zucker über das Popcorn, "Aber sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."
"Ja, ja," murmelte Harm völlig auf den Champagner konzentriert.
"Und könntest du in diese Richtung zielen?" Mac deutete von sich weg, stellte die Popcornschüssel ab und ging hinter dem Küchentresen in Deckung.
In diesem Moment knallte es und der Korken segelte im hohen Bogen durch die Luft. Mac drehte sich um und bedachte Harm mit einem ‚Hab ich’s dir nicht gesagt’-Blick.
"Hey, es ist kaum ein Tropfen übergelaufen," verteidigte sich Harm.
"Ja, aber nach dem Korken werden wir vermutlich noch an deinem nächsten Geburtstag suchen."
Das brachte ihr ein Popcorn gegen den Kopf ein. Dann noch eines. "Hey!" Ein weiteres Popcorn traf sie. "Harm, lass das!"
Mehr Popcorn segelte durch die Luft.
Mac schüttelte sich. "Hey, ich will das Zeug essen und nicht aus meinem Haar klauben müssen! Was soll das?"
"Du wolltest doch meinen Geburtstag feiern und hast sogar auf Girlanden bestanden. Und das hier ist Popcorn-Konfetti!"
"Her damit, fürs Popcorn bin ich verantwortlich!" Mac schnappte sich die Schüssel und ging ins Wohnzimmer hinüber.
"Und? Was sehen wir uns an?" erkundigte sich Harm, während er es sich auf der Couch gemütlich machte.
Mac kam mit der Fernbedienung und dem Popcorn zu ihm herüber und ließ sich neben ihn aufs Sofa sinken. "Forrest Gump."
"Ah," Harm grinste, "der Film mit den Krabben-Fängern!"
"Der Film mit den Pralinen!" widersprach Mac spitzbübisch und nahm ihr Champagnerglas von ihm entgegen. Sie drehte sich ein wenig, so dass ihre Schulter neben Harms am Polster der Couch lehnte. Sie hob ihr Glas, während ihr Blick Harms suchte.
Harm lehnte sich etwas nach vorne, um ihr Glas mit dem seinen zu berühren.
"Nochmals alles Gute zum Geburtstag." Mac rutschte noch etwas näher, um ihm einen Gratulations-Kuss auf die Wange zu geben. Die Champagnergläser zwischen ihnen gerieten in den Weg und beide drehten den Kopf, jedoch in entgegengesetzte Richtungen. Sie lachten. Es klang ein wenig unsicher. Erneut ein linkisches Drehen des Kopfes und ein Näherrutschen, das etwas Champagner überschwappen ließ.
Mac hatte genug. Sie stellte ihr Glas weg und küsste Harm auf die nächstbeste verfügbare Gesichtspartie – welche zufälligerweise aus Harms Lippen bestand.
Harm ließ fast sein Glas fallen als er den sanften Druck ihrer Lippen für einen Moment erwiderte.
Sie lösten sich voneinander, ohne jedoch den Blickkontakt zu beenden. Ihre Augen tauschten Fragen aus, deren Antworten beiden ein Rätsel blieben. Harm räusperte sich und unterbrach damit den tranceartigen Moment.
Mac streckte ihre etwas unruhige Hand nach der Popcornschüssel aus, stellte sie zwischen sich und Harm und startete den Film. Auf dem Bildschirm segelte eine Feder zu sanften Tönen durch die Luft.
0540 Z-Zeit (00:40 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Im Schlafzimmer und um das Wasserbett herum herrschte Dunkelheit und Stille. Jedenfalls bis...
"Harm?"
Harm rollte sich zur Seite, so dass er jetzt Mac zugewandt war. "Probleme mit dem Einschlafen? Im Kühlschrank ist noch Vanilleeis und wenn du es noch nicht aufgegessen hast auch noch ein bisschen Stracciatella."
"Ich will keine Eiscreme." Macs Stimme war leise, aber fest.
"Was willst du dann?" murmelte Harm, an die nächtlichen Ausflüge seiner Mitbewohnerin zum Kühlschrank gewöhnt.
Ein tiefer Atemzug auf der anderen Seite des Bettes, aber die Antwort ließ auf sich warten.
Harm runzelte die Stirn. "Mac?" Er streckte den Arm aus und schaltete das Licht ein. Mac lag auf dem Rücken, mit offenen Augen und starrte zur Decke hinauf. Zunehmend besorgt rutschte Harm etwas näher und legte eine Hand sanft auf ihre Schulter. "Mac?"
Mac rollte herum und sah ihn an. "Ich will... wissen, was da vor sich geht."
Harm hob irritiert die Brauen. "Da?" Er deutete fragend zu der Ermittlungsakte auf seinem Nachttisch.
Mac schüttelte den Kopf und kaute kurz auf ihrer Unterlippe. "Nein – da. Da drin," Sie streckte die Hand aus und legte sie Harm behutsam auf die Brust, dorthin, wo sein Herz – jetzt rascher als gewöhnlich – schlug, "und hier." Sie tippte sich selbst auf die Brust.
Harm lag still und sah sie nur aufmerksam an, nicht ganz sicher, ob Mac tatsächlich das meinte, was er glaubte.
"Weißt du, ich habe nachgedacht... irgendwas... irgendwie... hat sich doch etwas verändert... zwischen uns, oder nicht?" Unsicher sah sie Harm an.
Harm nickte, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen.
"Vielleicht bilden wir uns das alles aber auch nur ein; vielleicht reden wir uns das lediglich ein, weil Granny und Will..." Sie sah Harm fragend an und er nickte zum Zeichen, dass er verstand, was sie meinte, "und dann diese WG... Harm, wir kennen uns jetzt schon so lange, wir arbeiten zusammen; wir haben gekämpft, miteinander und gegeneinander. Wir haben die guten und schlechten Zeiten einer Freundschaft durchgemacht. Wir stehen uns näher als andere Freunde und ...," Ihre Stimme brach und sie musste sich räuspern, "vielleicht haben wir einfach nur Angst, einander zu verlieren, solche Angst, dass wir nun mit aller Kraft versuchen, unsere .. Beziehung zu vertiefen," Unsicher, voller Zweifel sah sie Harm an, der wiederum sie schweigend ansah, "Harm, bitte, sag was."
Harm schluckte. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, obwohl er keine Ahnung hatte, was. Dann schloss er den Mund wieder und schüttelte leicht, wie zu sich selbst, den Kopf. Stattdessen schlang er einen Arm um Macs Schultern, lehnte sich zu ihr hinüber und küsste sie. Sanft, liebevoll aber unmissverständlich un-freundschaftlich.
Ein Herzschlag, zwei, vergingen, während Mac regungslos vor Überraschung in Harms Armen lag. Harm wollte sie eben hastig loslassen und sich für das Missverständnis entschuldigen, als er spürte wie ihre Lippen sich fester gegen seine pressten und ihre warmen Finger seinen Rücken hinauf wanderten, bis sie seinen Nacken erreichten und ihn näher zogen.
Seide glitt über Haut, Finger vergruben sich in Haarsträhnen, bis sich schließlich ihre Lippen atemlos voneinander lösen mussten.
"Ich glaube, dass du Unrecht hast," sagte Harm nach ein paar Sekunden benommenen Atemholens, "das hier fühlt sich nicht nach Angst an und auch nicht nach etwas, was mir unsere Großeltern eingeredet haben."
Mac spürte sein charakteristisches Flyboy-Grinsen an ihrer Wange. Sie lächelte zurück, während sie sich weigerte, Harms Umarmung, die sich wundervoll vertraut und aufregend neu zugleich anfühlte, zu verlassen. "Und jetzt?"
"Jetzt," sagte Harm und küsste sie liebevoll-neckisch auf Mundwinkel und Nasenspitze, "jetzt schlafen wir erst einmal."
"Okay," murmelte Mac, wiederholte das Ritual und platzierte ihren Kopf auf Harms Schulter, bevor sie die Augen schloss.
Sie wussten beide, dass sie nicht würden schlafen können.
1120 Z-Zeit (06:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Das Telefon klingelte. Schon seit vier Minuten. Harm fühlte sich, als wäre er eben erst eingeschlafen und vermutlich war das auch so. Eine bunte Mischung aus Zufriedenheit, Liebe, ungläubiger Überraschung, dem Wunsch, Mac erneut zu küssen und einem sich ausbreitenden Taubheitsgefühl in seinem linken Arm hatte ihn wachgehalten.
"Es ist Sonnnntaaaag!" stöhnte Harm in das braune Haar dicht neben seiner Wange, "kann ein hart arbeitender Mann nicht mal am Sonntag Morgen faul mit seiner ... ähm, Freundin?... im Bett liegen?"
Das Telefon klingelte erneut.
"Du gehst dran," murmelte Mac an Harms Schulter.
"Ich? Wieso immer ich?" Harm gähnte.
"Weil du keine Bettdecke hast, aus der du dich erst rausnesteln müsstest," erklärte Mac, die gemütlich von beiden Decken und Harms Armen umschlossen, dalag. Sie küsste flüchtig Harms Schulter, bevor sie den Kopf wieder darauf sinken ließ.
So motiviert rollte Harm sich folgsam zur Seite und griff nach dem Telefonhörer auf dem Nachttisch. "Rabb."
"MacKenzie," kam eine heitere weibliche Stimme aus dem Telefonhörer.
Der erst kürzlich erwachte Harm hob die Brauen und sah automatisch zu Mac hinüber, die ihre pyjamabekleideten Arme jetzt hinter dem Kopf verschränkt hatte und ihn neugierig ansah. Dann dämmerte es Harm. "Ah, Granny... guten Morgen."
"Guten Morgen, lieber Enkel, und herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" trötete Granny heiter.
Harm räusperte sich. "Ähm, der war gestern, Granny," erinnerte er dezent.
"Das weiß ich doch, Harmon. Glaubst du, ich bin schon so senil, dass ich nicht mehr weiß, wann mein einziger Enkel Geburtstag hat? Aber gestern waren wir in Las Vegas und ich musste Will davon abhalten, unsere Reisekasse beim Black Jack zu verspielen," behauptete Sarah Elizabeth MacKenzie-Rabb. Im Hintergrund hörte man eine Männerstimme protestieren.
Harm sah fasziniert zu, wie Mac mit den Fingerspitzen Kreise auf seine Schulter und den Oberarm zeichnete. Erst nach einigen Sekunden der Stille in der Leitung bemerkte er, dass Granny vermutlich eine Antwort erwartete. "Und wo seid ihr jetzt?"
"Wir sind eben in unserem Hotel in San Francisco angekommen."
Harm rechnete kurz nach. "Granny, in San Francisco ist es jetzt ungefähr..."
"... 03:26 Uhr Ortszeit," informierte ihn Mac mit einem Lächeln.
"03:26 Uhr," wiederholte Harm für Granny und zu Mac gewandt leise: "Danke schön." Er streichelte ihre Wange und Mac legte ihre Finger über seine.
"Oh, das stört uns nicht," antwortete Granny unbeeindruckt.
Harm schüttelte den Kopf, musste aber grinsen. Er legte die Hand über den Telefonhörer, den er zwischen Wange und Schulter geklemmt hatte, um Mac die andere Hand nicht entziehen zu müssen. "Deine Großeltern sind unmöglich!"
"MEINE Großeltern?" echote Mac, "Wieso sind es jetzt plötzlich nur noch meine Großeltern?" <Meine Güte, Marine, kaum seid ihr 5 Stunden und 42 Minuten ‚zusammen’, schon klingt ihr wie ein verheiratetes Paar!> "Langsam glaube ich, du hast an dem übriggebliebenen Champagner genippt!"
"Nur zu deiner Information, Mac: Erstens war der Champagner alkoholfrei und zweitens war da gar kein übriggebliebener Champagner mehr. Du hast gestern Abend den letzten Schluck getrunken, nachdem du unter dem Sofa vorgekrochen warst." Harm grinste und kniff Mac liebevoll in die Wange.
"Ich habe nach dem Korken gesucht, der praktisch in den nächsten Bundesstaat segelte, nachdem jemand, der hier nicht genannt werden will, aber sehr hoffnungslos ist, versuchte, den besagten Champagner auf korrekte Weise zu öffnen und ganz offensichtlich dabei versagte," Mac nickte bedeutungsvoll in seine Richtung, "Wenn die Person, die für den Champagner verantwortlich war, von Anfang an auf die Person, die für das Popcorn verantwortlich war, gehört hätte, dann hätte die Person, die für das Popcorn verantwortlich war, nicht unter das Sofa zu kriechen brauchen."
Harm rollte mit den Augen und gab sich gelangweilt, obwohl er in Wirklichkeit nur mit Mühe der Versuchung widerstehen konnte, sie für diese entzückende Erklärung zu küssen. "Wir werden den Korken schon noch finden," meinte er mit lässiger Überlegenheit, "Im Übrigen haben wir es immer noch nicht geschafft, das ganze Popcorn aus der Küche zu entfernen."
"Moment mal!" protestierte Mac energisch, "Ich war nicht derjenige, der plötzlich die Idee hatte, Popcorn als Konfetti zu benutzen."
"Das tut nichts zur Sache, Mac, weil die Person, die für das Popcorn verantwortlich war, für alles, was mit dem besagten Nahrungsmittel zu tun hat, die Verantwortung trägt. Gib mir nicht die Schuld, wenn du es versäumst, deinen Verantwortungen nachzukommen," neckte Harm lächelnd.
Mac schnaubte und gab ihm einen Klaps aufs Bein, aber ihr Blick war liebevoll. "Du bist unmöglich."
"Ich bin hoffnungslos," korrigierte Harm grinsend. <Hoffnungslos verliebt!>
"Na endlich etwas, worüber wir uns einig sind!"
<Na hoffentlich.> Harm blickte lächelnd in ausdrucksvolle, braune Augen und wurde sich erst nach einer ganzen Weile einer Stimme bewusst, die aus dem Telefonhörer kam, den er noch immer am Ohr hatte. "Oh, Granny, tut mir leid, was hast du gerade gesagt?"
"Störe ich vielleicht bei irgendetwas?" erkundigte sich die silberhaarige Dame. Ihre Betonung machte klar, welches ‚Irgendetwas’ sie zu stören glaubte.
"Jetzt bin ich ohnehin schon wach, also sprich nur weiter," meinte Harm ausweichend.
"Ich hab da eben etwas von Champagner gehört," sagte Granny und Harm wusste genau, dass ihre Augen jetzt leuchteten wie die eines Spürhundes, der die Witterung seiner Beute aufnahm, "Was gab es denn zu feiern?"
"Meinen Geburtstag. Ich dachte, du wärst nicht so senil, um..."
"Ich bin nicht senil genug, um nicht mehr zu wissen, wie man einen ungezogenen Bengel beim Ohr nimmt, junger Mann!" drohte Granny.
Mac, die sich eng gegen Harm presste, um mithören zu können, lachte und kniff ihn spielerisch ins Ohr.
"Und ich bin auch nicht so senil, dass ich nicht wüsste, dass du deinen Geburtstag nie mit Champagner feierst," fuhr Granny fort.
"Den hab ich gekauft," rief Mac so laut, dass auch Granny es hören konnte.
"Uuuh," Granny lachte, "eine Orgie!"
"Granny!"
Mac vergrub ihr Gesicht in einem der Kissen und Harm spürte, wie seine Ohrläppchen auch ohne Grannys Griff leuchtend rot wurden.
"Jetzt seid mal nicht so prüde, ihr beiden!" meinte Granny als könne sie die Reaktion ihrer Enkel sehen.
"Wir sind keineswegs prüde!" widersprach Harm energisch, "ganz im Gegenteil," seine Lippen teilten sich zu einem Flyboy-Grinsen, "Im Übrigen haben wir euch noch eine Kleinigkeit zu sagen... Also, Granny... ähm... es ist so, dass wir... sind... wir haben..."
"Und dir bezahlt man viel Geld für deine brillanten Argumente?" unterbrach Granny das Gestammel mit gutmütigem Spott, "Rück schon raus mit dieser ‚Kleinigkeit’!"
"Na ja, bitte bleib jetzt ganz ruhig, Granny. Also, Mac und ich, wir..."
"Ist das … soll das heißen ... seid ihr …" Jetzt war es an Granny zu stottern.
"Ja, ja und ja," antwortete Harm mit einem breiten Grinsen.
Am anderen Ende der Telefonleitung hörte es sich an als scharre ein Stuhl über den Boden, als Granny sich erst einmal setzen musste. "Aber ihr habt doch immer behauptet, dass all unsere mit militärischer Präzision geplanten und klug ausgeführten Aktionen nichts an eurer Beziehung geändert hätten!"
"Das ist auch die Wahrheit – die Menschen haben sich auch schon verliebt, als es dich und Will noch nicht gab, stell dir diese Ungeheuerlichkeit mal vor!" spottete Harm liebevoll, "Aber ich muss zugeben, dass die eine oder andere eurer Aktionen," er dachte an angesägte Betten, überflutete Wohnungen und zugeworfene Brautsträuße, "durchaus nicht schlecht war. Ihr könnt euch ja schon mal überlegen, ob ihr euer Denkmal aus Granit oder aus Marmor haben wollt."
"Ach, Kleinigkeit," meinte Granny wegwerfend, aber man hörte den Stolz in ihrer Stimme, "Ich verzichte auf ein Denkmal – du weißt schon: Die Tauben."
Harm lachte. "Na, wenn das so ist, dann verabschiede ich mich jetzt mal so langsam."
"Tu das, Harmon, und küss Sarah von mir," sagte Granny mit Wärme.
"Werd’ ich," bestätigte Harm und zum ersten Mal beabsichtigte er, den Auftrag auch auszuführen, anstatt sich darüber zu ärgern, "Wiederhören, Granny." Er legte auf und ließ sich aufs Bett zurücksinken.
"Und?" fragte Mac, die vom letzten Teil des Gesprächs nur noch Harms Seite mitbekommen hatte.
Harm grinste breit. "Ich wette, sie begann, etwa eine Sekunde nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, wie ein Banshee zu schreien. Ach, ich soll dir was ausrichten." Er rollte sich herum, so dass er halb über Mac lag, stützte sich auf einem Ellenbogen auf und küsste sie.
Der Kuss dauerte genau 6 Sekunden, dann löste Harm sich wieder und sah lächelnd auf sie hinab.
Mac nahm ihre Hand von seinem Rücken und verschränkte die Arme. "Es gibt da etwas, was ich dir vielleicht sagen sollte, bevor du dich wirklich ernsthaft mit mir einlässt." In ihren Augen funkelte es schelmisch.
Harm grinste. "Lass mich raten: Du hast 500.000 Dollar Schulden bei einem Mafia-Boss?"
Mac erwiderte das Lächeln. "Rate noch mal."
"Hmm, dein Tattoo stellt eine nicht ganz jugendfreie Szene dar?"
Mac schüttelte amüsiert den Kopf. "Nicht ganz."
"Ah, jetzt hab ich’s: Du gehörst in Wirklichkeit zur Air Force und bist auf eine Geheimmission geschickt worden, um zu beweisen, dass die weißen Ausgehuniformen und goldenen Fliegerabzeichen von uns Navy-Piloten wirkungslos sind?" Das Grinsen wuchs in die Breite.
Mac lachte. "Falsch, falsch, falsch! Du solltest wissen, wie anspruchsvoll ich manchmal sein kann," klärte sie Harm auf.
"Oh, anspruchsvoll!" Harm unterdrückte ein Grinsen und nickte betont ernst, "Und welche Ansprüche hättest du zum Beispiel?"
"Nun, zuerst einmal erwarte ich jeden Morgen einen richtigen Guten-Morgen-Kuss – und zwar nicht nur einen flüchtigen, ich stoppe die Zeit!"
Harm kratzte sich am Kinn. "Ist das Hausregel Nummer vier? Ich kriege doch sicher eine zweite Chance, oder?"
"Nun ja, Hausregel vier, Unterabschnitt b..." begann Mac.
"Mac, es ist Sonntag, da werden in meinem... unserem Bett keine Gesetze zitiert!" warnte Harm.
"... Absatz I besagt, dass bei einem Versäumnis..." fuhr Mac ungerührt fort. Weiter kam sie nicht, bevor Harms Lippen auf ihren sie unterbrachen und sie jegliche Argumentation vergaß.
- ENDE –
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