Die "Granny"-Serie II

Hochwasser & Hausgenossen


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: Oktober 2000

Inhalt: Sequel zu "Rentner & Regenbogen"

Episoden:
Geringe Bezüge zu "Geister der Vergangenheit", "Amok", "In der Falle"

Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

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2230 Z-Zeit (17:30 Uhr EST)
In 200 Meter Entfernung vom Dulles International Airport
Washington D.C.

"Also, wohin fahren wir, Flyboy?" fragte Mac vom Rücksitz von Harms Auto.

Harm faßte sie im Rückspiegel fest ins Auge. "Also, eines ist sicher, ich lasse nicht zu, daß Sie meine Großmutter zu Beltways schleppen." antwortete er gespielt streng.

"Ich hatte eher gedacht, Ihre Großmutter würde gerne in dem Restaurant essen, in dem Webbs Mutter immer die ersten Krabben der Saison verspeist." erwiderte Mac mit einem neckischen Lächeln.

"Nur, wenn Sie uns einladen – wissen Sie noch: das Gedeck kostet 500 Dollar in diesem Restaurant. Scheinbar bezahlt das Marine-Corps seine Offiziere großzügig, aber meine Großmutter ist nur eine arme Rentnerin und ich als Navy-Commander bin praktisch mittellos." meinte Harm.

"Hey, ihr beiden, könntet ihr bitte aufhören, so von mir zu sprechen, als wäre ich ein Haustier? Ich bin anwesend, bei vollem Verstand und kann immer noch selbst entscheiden, wo ich essen möchte, auch wenn ich Gebißträger bin!" griff Sarah Rabb in das Gespräch ein, "Wie wäre es mit diesem netten kleinen Restaurant, in dem wir bei meinem letzten Besuch waren?"

"Okay." Harm nickte und konnte bereits jetzt vorhersagen, was Mac bestellen würde.


2252 Z-Zeit (17:52 Uhr EST)
Restaurant "Riverside"
Washington D.C.

Harm studierte die Speisekarte, während Mac und seine Großmutter die Karte bereits zugeklappt hatten und aus dem Fenster sahen. Draußen schimmerte das Wasser des Potomac in der Abendsonne.

"Es sollen ja schon Leute in einem Restaurant verhungert sein," kommentierte Mac nach einer Weile und dann an Granny gewandt: "Jetzt weiß ich auch, warum Ihr Enkel so dürr ist." Sie bezog sich auf eine Bemerkung, die die alte Dame im Flugzeug über ihren Enkelsohn gemacht hatte. "Na ja, aber eigentlich gibt es nicht viel an Harms Figur auszusetzen." dachte Mac so bei sich.

Harm sah von einem zum anderen. "Ich habe das untrügliche Gefühl, daß es ein Fehler ist, euch beide alleine zu lassen. Vermutlich habt ihr die übelsten Klatschgeschichten über mich erzählt, oder?" Er lächelte, aber in seinem Blick lag auch Neugierde.

"Damit wollte ich eigentlich bis nach dem Essen warten ... falls du dich heute noch entscheiden kannst." bemerkte Sarah Rabb mit liebevollem Spott.

"Vielleicht sollte ich Ihnen die Karte vorlesen?" bot Mac grinsend an.

"Es ist DEFINITIV ein Fehler, euch allein zu lassen. Ihr scheint euch ja gut zu verstehen!" beschwerte Harm sich. In Wirklichkeit war er jedoch erfreut und zufrieden, daß Mac und seine Großmutter so gut miteinander auskamen. Er schloß die Speisekarte und winkte dem Kellner.

"Halleluja!" kommentierte die vitale 80jährige.

Wie Harm vorhergesehen hatte, bestellte Mac die gemischte Grillplatte und ein Tonic Water und Granny schloß sich ihr an.

"Ich hätte gerne eine Cola light, die Seezunge mit Reis und den Salatteller, bitte." entschied Harm.

"Den Salat aber bitte ohne Öl, nur mit Joghurt-Dressing," fügte Mac hinzu, denn sie kannte ihren Partner, "und den Reis natur, nicht in Butter gewendet. Geht das?"

"Wie immer Ihr Mann es haben möchte, Ma’am." erwiderte der Kellner höflich.

Granny lächelte das typische breite Rabb-Lächeln, während Harm und Mac etwas verlegen dreinsahen, das Mißverständnis aber nicht aufklärten.

"Ich hätte euch warnen sollen," sagte Harm nach einer Weile, "die Grill-Platte ist ziemlich groß."

"Ich habe lediglich vorausschauend bestellt," wandte Mac ein und in Grannys Richtung erklärte sie, "Harm hat die Angewohnheit, mehr von anderer Leute Teller zu essen als von seinem eigenen."

"Hey, nur, weil ich einmal ein paar Oliven aus Ihrem Salat gegessen habe, als ein absoluter finanzieller Notstand bei JAG herrschte..." verteidigte sich Harm, "Ich konnte nur nicht zusehen, wie Sie in dem armen Salat herumgestochert haben, als würden ein paar Vitamine ab und zu Sie umbringen. Weißt du, Granny, Mac ist ein Marine – die essen praktisch alles, es sei denn, es ist gesund."

"Dann sollten Sie aufpassen, ich könnte eines Tages entscheiden, zum Menschenfresser zu werden." drohte Mac scherzhaft.

"Und dich vernaschen, Harm?" Sarah Rabb kicherte als wäre sie 14 und nicht 84 Jahre alt.

Harm sah fast schockiert aus. "Granny!"

Seine Großmutter lächelte und genoß es wie immer zu versuchen, ihren ruhigen, selbstbewußten Enkel in Verlegenheit zu bringen. "Entschuldige, ich vergaß, du hast ja Renee Patterson."

"Petersen, Oma, das weißt du ganz genau! Und du weißt sicher auch, daß wir uns getrennt haben. Wie ich Mum kenne, hält sie dich ständig auf dem Laufenden." meinte Harm.

"Kann schon sein," gab Granny zu, "aber Trish hat mir nicht gesagt, mit wem du jetzt zusammen bist." Die alte Dame lächelte liebenswürdig, so als würde sie nicht gerade so ganz nebenbei vor dem Abendessen Harms Privatleben auseinandernehmen – und das auch noch vor Mac.

Macs Gesichtsausdruck schwankte zwischen Mitleid, Schadenfreude, Neugierde und Verlegenheit und endete dann bei Belustigung.

Harm hob streng beide Brauen. "Themawechsel, okay?"

"Harmon Rabb! Mir kannst du das doch erzählen; ich bin deine Großmutter! Dieselbe, die dich davon abgehalten hat, mit diesen Pappflügeln von der Scheune zu springen, die dir beigestanden hat, als Frank dich überreden wollte einen Chrysler-Minivan zu kaufen und die dich vor Victoria Riley gerettet hat!"

"Und dieselbe, die es schon immer liebte, mich vor meinen Freunden zu blamieren!" murmelte Harm und hoffte, daß der Kellner bald das Essen bringen würde, so daß seine Großmutter etwas anderes zu tun bekam, als ihn in Verlegenheit zu bringen, "Ich bin sicher, es gibt irgendein Gesetz, das das verbietet." Hilfesuchend wandte er sich an Mac.

Aber Sarah MacKenzie dachte gar nicht daran, für ihn und gegen Granny Partei zu ergreifen – Sarahs hielten nun einmal zusammen. "Ich wüßte es, wenn es so etwas gäbe, glauben Sie mir." versicherte sie Harm amüsiert grinsend.

"Dann muß es wohl unter die Menschenrechte fallen," beharrte Harm, "unter Artikel 5 vermutlich: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung unterworfen werden." Er setzte eine betont leidende Miene auf.

"Dem steht jedoch Artikel 19 gegenüber, das Recht Ihrer Großmutter auf freie Meinungsäußerung." wandte Mac mitleidslos ein.

Granny schwieg, lehnte sich entspannt zurück und stellte amüsiert fest, wie es aussah, wenn zwei Anwälte sich stritten.

"Oh, danke, Sie sind Ihrem Partner ja wirklich eine große Hilfe!" beschwerte sich Harm, mußte aber ein Lächeln unterdrücken, "Das muß die berühmte Loyalität der Marines sein!"

"Tja, Sie sind kein Marine, es sei denn, Sie haben in den drei Tagen, in denen ich in Kalifornien war, die Branche gewechselt."

"Gott bewahre, EIN Holzkopf bei JAG ist mehr als genug!" entgegnete Harm in gespieltem Entsetzen, "Jedenfalls sollte man eine großmütterliche Schweigepflicht einführen."

"Dazu erhebe ich mein Veto, der Antrag ist abgelehnt." sagte Mac sofort und als Granny nickte: "Sieht mir nach einer klassischen 2/3-Mehrheit aus."

"Granny, erinnere mich bitte daran, daß ich dein Gepäck durchsuche, bevor ich dir das JAG-HQ zeige – ich möchte nicht, daß nachher irgendwelche peinlichen Kinderfotos von mir in Umlauf sind!" meinte Harm.

"Die werde ich Sarah dann schon per Post zuschicken," entgegnete Granny lächelnd und erhob sich, "Ihr entschuldigt mich ... diese Senioren haben im Flugzeug die ganze Zeit über die Toilette belegt." Sie sagte es, als wäre sie selbst noch längst nicht alt genug, um zu den Senioren gerechnet zu werden.

Harm sah ihr kopfschüttelnd nach. "Tut mir wirklich leid, Mac," wandte er sich entschuldigend an seine Kollegin, "meine Großmutter ist manchmal ..."

Mac wehrte sofort ab. "Es gibt nichts, wofür Sie sich entschuldigen müßten, Harm, Ihre Großmutter ist wirklich ganz reizend zu mir." versicherte sie und meinte es auch so.

Harm grinste. "Ja, zu Ihnen schon, aber zu ihrem eigenen Fleisch und Blut..."

"Ich bedaure Sie nach dem Essen, okay?" meinte Mac frech.

"Marines! Ohne Essen seid ihr nichtmal in der Lage, euch die Schuhe zuzubinden!" kommentierte Harm und sein Grinsen wuchs in die Breite.

Granny verließ gerade die Damentoilette und ging in Richtung ihres Tisches. Prompt wurde sie mit einem der Anblicke belohnt, die sie schon den ganzen Abend über beobachtet hatte: Harm und Mac einander gegenüber, ein wenig über den Tisch gebeugt, redend, lachend und mit funkelnden Augen. Gerade beugte sich Mac noch etwas näher und versetzte Harm einen Schlag auf die Schulter.

Harm erhob sich, als seine Großmutter sich näherte und rückte ihr höflich den Stuhl zurecht. Granny lächelte ihn an. Manchmal war er seinem Vater und Großvater so ähnlich, daß es ihr den Atem raubte. "Na, Sarah," wandte sie sich an Mac, "hat Harm sich mal wieder für mich entschuldigt?" Amüsiert sah sie zwischen den beiden ertappten Offizieren hin und her und kniff Harm liebevoll in die Wange.

Mac mußte lachen, sie hatte noch nie gesehen, daß jemand den 1,93m großen Ex-Piloten und jetztigen Militäranwalt wie einen ungezogenen Jungen behandelte. "Woher wissen Sie das?" erkundigte sie sich.

Granny kniff Harm ein zweites Mal in die Wange. "Ich kenne doch meinen einzigen Enkel! Harm hat das früher bei allen seinen Freundinnen gemacht." erklärte Sarah Rabb.

Der Kellner brachte das Essen und rettete Harm. Er nahm sich vor, später einmal ein ernstes Wörtchen mit seiner Großmutter zu reden und ihr klarzumachen, daß Mac nicht "eine seiner Freundinnen" war.

Sarah Rabb bemerkte, daß ihr Enkel auf ein Bier verzichtet hatte und den ganzen Abend über nur Cola light trank. Harm hatte ihr erzählt, daß Mac einst alkoholabhängig gewesen war und er deshalb in ihrer Anwesenheit möglichst wenig Alkohol trank, obwohl sie ihm mehrmals versichert hatte, das würde ihr nichts ausmachen. Granny war stolz auf ihren Enkel.

Während des Essens unterhielten die beiden Rabbs und Mac sich gut. Die vertrauliche Art, mit der Sarah Rabb Mac sofort behandelte, ließ eine fast familiäre Atmosphäre aufkommen.

Schließlich winkte Harm dem Kellner und bat um die Rechnung.

Mac schüttelte energisch den Kopf. "Getrennte Rechnungen, bitte." wandte sie sich an den Kellner, der nickte und gehen wollte.

"Nein, ich bezahle. Setzen Sie bitte alles auf eine Rechnung." hielt Harm ihn zurück.

"Kommt nicht in Frage!" protestierte Mac und nickte dem Kellner zu, "Getrennte Rechnungen."

Der Kellner stand etwas hilflos da und wußte nicht, auf wen er nun hören sollte.

"Eine Rechnung, bitte," sprach Granny ein Machtwort und der Kellner ging schnell, bevor die drei es sich noch anders überlegen konnten, "Zu meiner Zeit war es noch Sitte, daß der Mann das Rendezvous bezahlt."

"Das war aber gar kein Rendezvous, Mrs. Rabb." verbesserte Mac.

"Sie sollen mich doch Sarah nennen, Liebes," erinnerte die alte Dame, "und wieso soll es kein Rendezvous gewesen sein? Nur weil eine alte Anstandsdame dabeigewesen ist?"

Harm verdrehte die Augen und stellte sich vor, wie er seine Großmutter gefesselt und geknebelt zum Auto trug. Wenn sie nicht mit diesen völlig aus der Luft gegriffenen Bemerkungen über ihn und Mac aufhörte, dann hatte sie ihn bald soweit.

Bevor Mac antworten konnte, kam der Kellner mit der Rechnung wieder und sofort streckten sowohl Harm als auch Mac die Hand danach aus.

"Kinder!" sagte Granny kopfschüttelnd zum Kellner, nahm ihm die Rechnung ab und bezahlte sie.

Als sie zur Türe gingen, öffnete diese sich gerade und zwei grauhaarige Männer traten ein, sich heftig über den Ausgang eines Pokerspiels streitend. Mac und Granny sahen sich an und lachten, während Harm, der den Grund für das Gelächter nicht kannte, sich wieder ein wenig wie ein Außenseiter vorkam. Er nahm es mit Gelassenheit.

"Kommen Sie noch mit auf einen Kaffee?" fragte Harm Mac, als sie zum Auto gingen.

"Ja, kommen Sie mit, Sarah, Sie haben ja eine Anstandsdame dabei." meinte auch Granny lächelnd.

"Granny, Mac und ich trinken seit 4 Jahren Kaffee miteinander – völlig ohne Anstandsdame." tadelte Harm.

"Und außerdem muß ich jetzt wirklich nach Hause." sagte Mac.

Die alte Dame grinste. "Ach, richtig: Zu Ihrem Mann und den vier Kindern."

Mac lachte, während Harm verwirrt zwischen den beiden Frauen hin und her sah. "Sollte ich da was verpaßt haben, Mac?" fragte er grinsend, "Sie haben vier Kinder und ich bin bei keinem Patenonkel geworden?"

Granny lächelte vor sich hin. Patenonkel war nicht unbedingt die Rolle, die sie Harm bezüglich Macs Kinder zugedacht hatte, aber natürlich hütete sie sich, das laut zu sagen.

"Ich habe gesehen, wie Sie A.J. verwöhnen und das soll bei meinen vier Kleinen nicht passieren." wandte Mac ein, als hätte sie wirklich vier Kinder, die zuhause auf sie warteten.

Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Ach, und wer hat A.J. an Weihnachten so mit Geschenken überhäuft, hm? Und wer mußte den Transport übernehmen, weil dieser riesige Bär nicht in Ihre Corvette gepaßt hat?" fragte er triumphierend.

"Und wer hat ihm dieses ferngesteuerte Auto gekauft, für das A.J. noch viel zu klein ist?" konterte Mac.

"A.J. Roberts vielleicht, aber A.J. Chegwidden schien ziemlich begeistert davon zu sein." grinste Harm.

Sie lachten beide und Granny stellte zum wiederholten Mal fest, wie die beiden sich über etwas amüsieren konnten, was niemand sonst verstand.

"Also, was ist jetzt mit Kaffee, Mac?" lud Harm sie nochmal ein, "Ich habe sogar Cappuchino zuhause. Meinetwegen so stark und mit soviel Zucker, daß Sie im Koma landen."

Mac schüttelte fast bedauernd den Kopf. "Könnte mich fast überzeugen, aber ich muß morgen früh dem Admiral Bericht erstatten. Ein anderes Mal, okay?"

"Okay, dann fahr ich Sie jetzt also nach Hause." meinte Harm. Sie standen seit mittlerweile zwei Minuten vor Harms Wagen.

"Ach was, ich kann mir genausogut ein Taxi rufen, sehen Sie zu, daß Sie mit Ihrer Großmutter gut nach Hause kommen."

"Maaac! Das ist nicht mal ein Umweg, Georgetown liegt praktisch auf dem Weg." versicherte Harm und dachte sich, daß das mal wieder typisch für Mac war: Sie wollte einfach niemandem Umstände machen. Er konnte die Gelegenheiten, bei denen sie ihn um etwas gebeten hatte, an einer Hand abzählen.

"Wir fahren Sie jetzt nach Hause, Punkt," entschied Granny und bevor Mac den Mund zu einem Protest öffnen konnte, fügte sie hinzu: "Älteren Menschen soll man nicht widersprechen."

Mac fügte sich lächelnd.

"Gute Nacht und bis morgen," sagte Mac eine Viertel Stunde später beim Aussteigen, "Oder nehmen Sie sich ein paar Tage frei?" Sie sah Harm fragend an.

"Sagen wir’s mal so: Ich stehe noch in Verhandlungen mit dem Admiral." entgegnete Harm lächelnd.

"Sie meinen, Sie nerven den Admiral so lange, bis er nachgibt." vermutete Mac schelmisch. Sie wußten beide, daß man mit ihrem C.O. nicht so einfach über etwas "verhandelte".

"Nein, würde mir nie einfallen," behauptete Harm, "das ist eine Marines-Taktik."

"Ha-Ha, Flyboy, glauben Sie, ich würde morgen zum Dienst kommen, wenn das eine Taktik von uns Marines wäre?"

"Na ja, eine Taktik muß natürlich auch richtig angewandt werden, damit sie erfolgreich ist. Das kann eben nicht jeder." meinte Harm mit einem seiner kühnen Flieger-Grinsen.

Das forderte Macs Marine-Stolz heraus. Sie verschränkte die Arme und sah Harm herausfordernd an. "Wetten, daß ich es vor Ihnen schaffe, einen Tag frei zu bekommen?"

"Okay, Wette angenommen. Wer zuerst einen Tag frei bekommt, gewinnt." stimmte Harm sofort zu und drehte sich um, um Mac die Hand zu schütteln.

"Und was gewinne ich?" erkundigte sich Mac mit einem siegessicheren Marines-Lächeln.

"Wenn ich gewinne – und das werde ich – dann essen Sie eine Woche lang nur Gemüse, Salat, GESUNDE Nahrung. Beltway Burger und Donuts sind gestrichen." Harm grinste.

"Oh, das ist hart. Aber einverstanden, Sie werden ohnehin nicht gewinnen. Und wenn ich gewinne, werden Sie eine Woche lang jeden Morgen in einem T-Shirt mit der Aufschrift ’Marine-Corps‘ joggen gehen." Jetzt grinste Mac.

"Autsch, das ist gut, darauf hätte ich kommen müssen." meinte Harm und nickte ihr anerkennend zu.

Mac öffnete die Türe und stieg aus. "Sie wissen doch noch, daß Sie bei unserer letzten Wette 20 Dollar verloren haben, oder?"

"Daran erinnere ich mich sogar noch lebhaft. Vor allem an Buds Gesicht, als Sie ihn ins Verhör genommen haben." antwortete Harm grinsend.

Sie lachten beide und dann verabschiedete sich Mac von Granny, die mit einem nachsichtigen Lächeln zugehört hatte, und schloß die Türe.


0234 Z-Zeit (21:34 Uhr EST)
Irgendwo in Georgetown
Washington D.C.

"Ich hoffe, sie gewinnt." sagte Granny, sobald Harm den Wagen wieder gestartet hatte.

"Hey, Granny, wo bleibt deine Loyalität zur Navy und zu deinem Enkel?" wollte Harm wissen.

"Ich bin absolut loyal dir gegenüber, Harm. Du solltest eines bedenken: Wenn Sarah die Wette gewinnt, muß sie eine Woche lang jeden Tag mit dir joggen, um sicherzugehen, daß du das T-Shirt auch wirklich trägst." Sarah Rabb zeigte ein Lächeln, das dem ihres Enkels in nichts nachstand.

"Hör mal, Granny, das wollte ich schon den ganzen Abend klarstellen: Mac und ich sind kein Paar, ja?" betonte Harm und sah seine Großmutter schnell mahnend an, bevor er den Blick wieder auf die Straße richtete.

"Noch nicht." dachte die alte Dame lächelnd.

"Glaub nicht, ich hätte deine ständigen Anspielungen beim Essen nicht bemerkt und Mac sind sie ganz sicher auch nicht entgangen. Ich möchte nicht, daß du sie in Verlegenheit bringst." mahnte Harm.

"Oh, was ist denn mit deinem Flieger-Ego passiert? Seit wann ist es ein Grund für Verlegenheit, mit dir eine Beziehung zu führen?" fragte Sarah Rabb mit liebevollem Spott.

Harm schüttelte resignierend den Kopf und hatte immer mehr das Gefühl, daß seine Großmutter ihn heute nicht so ganz ernst nahm. "Davon spreche ich die ganze Zeit: Mac und ich führen keine Beziehung!"

"Was nicht ist, kann ja noch werden," meinte Granny unbeeindruckt, "Sarah MacKenzie ist wirklich eine tolle Frau!"

"Ich merke schon, du hast ein bißchen zuviel Zeit bei Mum verbracht!" sagte Harm kopfschüttelnd, "Ich wünschte, du hättest ein bißchen dieser Begeisterung für eine meiner anderen Freundinnen gezeigt."

"Aha!" Granny grinste triumphierend, "ANDERE Freundinnen! Freud läßt grüßen!"

Harm stöhnte. Was er auch sagte oder tat, seine Großmutter ließ sich einfach nicht davon abbringen, daß er und Mac das neue Traumpaar waren. "Granny, im Ernst, wir arbeiten zusammen, wir haben beide gerade erst eine Trennung hinter uns und wir sind Freunde. Das letzte, was wir jetzt gebrauchen können, ist, eine flüchtige Romanze zu beginnen." sprach Harm Klartext.

Granny zuckte unbeirrt die Schultern. "Wenn ich es nicht schon gewußt hätte, dann wäre ich spätestens jetzt überzeugt davon, daß du ein wahrer Rabb bist, Harmon. Auf deinen Vater mußte ich 6 Wochen lang einreden, bevor er sich endlich getraut hat, Trish einen Heiratsantrag zu machen und wenn ich darauf gewartet hätte, daß dein Großvater den ersten Schritt macht, dann würdest du heute mit Sicherheit nicht existieren."

"Ich bin dir ja auch äußerst dankbar für meine Existenz, aber mit Mac und mir ist das etwas völlig anderes." betonte Harm.

"Ich glaube nicht, daß meine Urenkel dir da zustimmen würden." meinte die alte Dame.

Harm hob eine Augenbraue und wandte mit einem nachsichtigen Lächeln ein: "Granny, du hast überhaupt keine Urenkel."

Auch dieser Einwand beeindruckte seine Großmutter wenig. "Eben." murmelte sie lächelnd.


1400 Z-Zeit (09:00 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Lt. Colonel Sarah MacKenzie stellte ihre Aktentasche in ihrem Büro ab und warf einen Blick zum benachbarten Raum, der noch dunkel war. Wie nicht anders erwartet war sie vor Harm im Büro.

Mac lächelte stumm in sich hinein, als sie sich auf dem Weg zum Büro des Admirals machte. "Tja, Commander, der frühe Vogel fängt den Wurm!" murmelte sie triumphierend vor sich hin.


1422 Z-Zeit (09:22 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm stand vor dem Schreibtisch seines Vorgesetzten und beendete eben seinen kurzen Bericht über den Fall, den er vor kurzem abgeschlossen hatte. Es ging nur um eine Unterschlagung, nichts weiter Aufregendes – einer der Fälle, die Chegwidden ihm wahrscheinlich nur deshalb zuwies, damit er sich auf seine Stellung als "leitender Anwalt" nicht allzuviel einbildete.

Chegwidden nickte knapp und unterzeichnete den Bericht. "Gut, Commander, Sie können wegtreten."

Harm zögerte und beschloß, gleich jetzt die erstbeste Gelegenheit zu nutzen, bevor Mac ihm zuvorkommen konnte. "Sir, ich hätte noch eine Bitte." begann er vorsichtig.

Chegwiddens Wangenmuskeln mahlten und dann schob er leicht das Kinn vor, was dem Ex-Seal ein noch grimmigeres Aussehen verlieh. "Was für eine Bitte, Rabb?" erkundigte er sich wenig begeistert.

"Keine große Sache, Sir, ich wollte nur mal anfragen, ob es möglich wäre, daß ich morgen frei bekomme." antwortete Harm möglichst beiläufig.

Chegwidden schüttelte den Kopf. "Anfrage abgelehnt." Schon senkte er wieder den Blick auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch.

Harm beschloß, es nochmal zu versuchen – schließlich ging es um die Ehre der Navy. "Sir, ich wüßte es aber wirklich sehr zu schätzen. Ich habe Besuch von einem Familienmitglied." erklärte er und sah den Admiral erwartungsvoll an.

"Tut mir leid, Commander, aber es bleibt dabei. Ich kann nicht meine beiden Top-Anwälte gleichzeitig ermangeln. Major MacKenzie war leider schneller als Sie." Chegwidden zuckte ohne großes Bedauern die Schultern, doch zu seiner Verwunderung verharrte Harm noch immer vor seinem Schreibtisch.

"Verdammt, ich hätte es wissen müssen! Dieser Marine muß immer überall die Erste sein!" dachte Harm kopfschüttelnd und dann bittend zu Chegwidden: "Dann ist es noch wichtiger, daß ich morgen frei bekomme, Sir."

Chegwidden runzelte die Stirn und maß seinen Untergebenen mit einem scharfen Blick.

Schon Mac hatte sich ungewohnt hartnäckig um einen freien Tag bemüht und angesichts ihrer guten Arbeit in Kalifornien hatte er ihrer Bitte auch nachgegeben. Und nun kam Harm und versuchte ebenfalls, um jeden Preis morgen frei zu bekommen? Rein zufällig am selben Tag? Chegwidden fragte sich, ob die beiden an diesem Tag etwas Besonderes vorhaben mochten – ein gemeinsames Vorhaben? Wenn das so weiter ging, mußte er bald einmal eine kleine Unterhaltung mit dem Marine-Minister führen, die seine beiden Offiziere und ihre Beziehung betraf.

"Gibt es irgendetwas, das Sie mir sagen möchten, Commander?" fragte er streng.

Harm schüttelte den Kopf. "Nein, Sir." Er konnte dem Admiral wohl kaum erklären, daß es sich um eine Wette handelte, bei der er in einem Marine-Corps T-Shirt joggen mußte, wenn er verlor. Wenn er allerdings gewußte hätte, welche Überlegungen Chegwidden anstellte, hätte er es vermutlich doch getan.


1805 Z-Zeit (13:05 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harriet Robert-Sims stand im Großraumbüro und wartete auf ihren Mann, Bud Roberts, mit dem sie sich zum Lunch verabredet hatte. Harriet arbeitete seit der Geburt ihres Kindes nur noch aushilfweise bei JAG, kam aber noch immer regelmäßig her, um ihre Freunde zu besuchen.

Eine grauhaarige alte Dame kam herein und sah sich suchend um. Harriet ging sofort hilfsbereit auf sie zu und erkundigte sich freundlich: "Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Ma’am? Suchen Sie jemanden?"

"Ja. Ich bin Sarah Rabb und suche meinen Enkel, Commander Harmon Rabb." erwiderte Granny.

"Oh, Sie sind die Großmutter des Commanders!" Begeistert schüttelte Harriet ihr die Hand, "Ich bin Harriet Sims-Roberts, ich und mein Mann Bud – da drüben kommt er übrigens – haben mit Commander Rabb gearbeitet."

Bud gesellte sich zu ihnen und begrüßte Harms Großmutter ebenfalls.

"Bud, hast du Commander Rabb gesehen? In seinem Büro ist er nicht, oder?" erkundigte sich Harriet bei ihrem Mann.

"Ich glaube, er ist gerade bei Major MacKenzie drüben. Er sagte irgendetwas von einer Ehrenschuld, über die er verhandeln müsse." antwortete Bud und sah etwas verständnislos drein.

Granny, die als einzige wußte, um was es ging, sah in die Richtung, in die Bud zeigte. Die großen Glasfenster des Büros zeigten Mac, die hinter ihrem Schreibtisch saß und sich breit grinsend mit Harm unterhielt.

Hingerissen sah Granny den beiden eine Weile zu. Als sie sich dann wieder Harriet zuwandte, bemerkte sie, daß die jüngere Frau Harm und Mac mit demselben Gesichtsausdruck beobachtete.

"Es ist wirklich erstaunlich, wie blöd zwei ansonsten so kluge Menschen manchmal sein können." seufzte Harriet halblaut und als ihr bewußt wurde, was sie da gerade gesagt hatte, fügte sie eilig hinzu: "Entschuldigung, Ma’am, ich wollte nicht sagen, daß Commander Rabb ... daß Ihr Enkel ..."

Granny winkte schmunzelnd ab. "Schon gut, ich habe gestern den ganzen Abend über nichts anderes gedacht. Harmon ist eben ein echter Rabb, die sind manchmal einfach etwas schwer von Begriff."

Harriet mußte lachen. Es geschah nicht gerade oft, daß jemand so respektlos vom Commander sprach. "Die beiden bräuchten einfach mal einen kleinen Schubser." meinte Harriet, die hoffnungslose Romantikerin.

"Ich glaube, der Schubser müßte schon etwas größer sein." wandte Granny lächelnd ein.

Harriet kicherte. "Sie meinen soetwas, wie die beiden im Aktenraum einzuschließen?"

Bud sah seine Frau entsetzt an. "Oh nein, Harriet, das wirst du auf keinen Fall tun!" protestierte er, "Denke mal daran, was das letzte Mal passiert ist, als du ein Paar, das du verkuppeln wolltest, eingeschlossen hast."

"Ich konnte ja wirklich nicht ahnen, daß die beiden versuchen würden, aus dem Fenster zu klettern," verteidigte sich Harriet, "und wie hätte ich wissen können, daß dieser Baum vor dem Fenster morsche Äste hat. Wie wäre es, wenn wir stattdessen den Aufzug eine Weile anhalten?" Verschwörerisch sah Harriet Harms Großmutter an.

Granny schüttelte zu Buds Erleichterung den Kopf. "Kinder, ihr müßt noch viel lernen. Diese Tricks wurden schon beim Bau der Pyramiden als veraltet zurückgewiesen!" Die alte Dame schmunzelte. "Wie ich Harm und Sarah kenne, würden sie im Aufzug sitzen und irgendeinen Fall diskutieren. Nein, da müßte man sich schon etwas Besseres einfallen lassen."

Die Türe von Macs Büro öffnete sich und die beiden Anwälte traten hinaus. "Dann muß ich eben so schnell laufen, daß niemand die Aufschrift lesen kann." sagte Harm gerade.

"Dann nehmen Sie sich aber vor Autos in acht. Ich will Sie nicht wieder im Krankenhaus besuchen müssen." erwiderte Mac neckisch.

"Hey, ich bin nicht vor das Auto gelaufen, das waren Sie! Ich habe Sie lediglich aus dem Weg geschubst." korrigierte Harm

"Was nur dadurch möglich war, da ich Sie überholt hatte. Also weiß ich nicht, ob das mit dem schnellen Laufen klappen wird." meinte Mac mit einem schelmischen Lächeln.

Harm entdeckte jetzt seine Großmutter und kam zu ihr herüber. "Hallo, Granny, was tust du denn schon hier? Hatten wir nicht ausgemacht, daß du erst heute abend herkommst, wenn hier nicht mehr soviel los ist?"

Sarah Rabb warf Bud und Harriet einen "Passen-Sie-gut-auf-und-lernen-Sie"-Blick zu, bevor sie sich Harm zuwandte und ihm ein nervöses Lächeln schenkte. "Ja, richtig, Harm, aber in deiner Wohnung konnte ich nicht mehr bleiben."

Harm hob verwirrt eine Braue. "Was soll das heißen? Was ist denn so grauenhaft mit meiner Wohnung, daß du nicht dort bleiben wolltest?"

Granny setzte eine schuldbewußte Miene auf. "Na ja, ich hab das Geschirr gewaschen und dann hab ich ein bißchen Staub gewischt und als ich eine Stunde später wieder in den Küchenbereich kam ... na ja ... ich hab wohl vergessen, das Wasser abzustellen. Sowas passiert schon mal, wenn man alt ist." Sie sah ihren Enkel bedauernd an.

Harm schüttelte langsam den Kopf, so als würde er seinen Ohren nicht recht trauen. "Was genau ist passiert? Der Boden ist ein wenig naß geworden ..."

Granny zog den Kopf ein. "Ein wenig trifft es wohl nicht so ganz, fürchte ich," gestand sie schuldbewußt, "In einer Stunde fließt eine ganze Menge Wasser über. Der Feuerwehr- Hauptmann meinte ..."

"Feuerwehr-Hauptmann?" echote Harm, "SO schlimm ist es, daß man die Feuerwehr rufen mußte?"

Granny nickte stumm.

Harm fischte seine Autoschlüssel aus der Tasche. "Mac, würden Sie dem Admiral alles erklären, wenn er fragt, wo ich bin? Danke." Schon war er weg.

Mac legte Granny aufmunternd eine Hand auf den Arm. "Jetzt kommen Sie erstmal mit, ich mache Ihnen einen Kaffee. Es wird schon nicht so schlimm sein." meinte sie tröstend.

Granny sah sie mit ihren blauen Augen traurig an. "Ich fürchte aber doch."


1834 Z-Zeit (13:34 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.

Harm hielt sich nicht damit auf, auf den Aufzug zu warten, sondern lief die Treppe zu seiner Wohnung hoch, immer drei Stufen auf einmal nehmend.

Vor seiner Wohnungstüre stoppte ihn ein Feuerwehrmann, der kniehohe Gummistiefel trug, wie Harm resigniert feststellte. "Tut mir leid, hier können Sie nicht rein." sagte er, indem er Harm den Weg versperrte.

"Aber das ist meine Wohnung!" protestierte Harm.

"Die in frühestens einer Woche wieder bewohnbar sein wird." entgegnete der ältere Feuerwehr-Hauptmann, "Tut mir leid, aber ich kann Sie wirklich nicht reinlassen, meine Leute sind gerade dabei, den Boden trockenzulegen. Geben Sie mir einfach eine Liste der Gegenstände, die Sie brauchen, und ich werde zusehen, daß wir es rausschaffen und Ihnen zusenden. Geben Sie mir einfach die Adresse oder das Hotel an."

Harm schüttelte fassungslos den Kopf und sah noch immer zu seiner Wohnungstüre hinüber. Wie es aussah, blieb ihm wirklich nichts anderes übrig, als das Angebot des Feuerwehrmannes anzunehmen und für die nächste Woche ins Hotel zu ziehen.


1901 Z-Zeit (14:01 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Mac sah auf, als Harm ihr Büro betrat, in dem es sich Granny bei einer Tasse Kaffee bequem gemacht hatte. Sie sah sofort, daß seine Bewegungen den üblichen Schwung vermissen ließen. Sie wußte, wieviel Zeit und Mühe Harm in die Renovierung seines Apartments gesteckt hatte und wie stolz er darauf war. "Ist es so schlimm?" fragte sie mitfühlend und legte ihm kurz die Hand auf den Arm.

Harm sah eine Sekunde lang auf ihre Hand hinab, zuckte dann die Schultern und zeigte ein noch etwas halbherziges Flyboy-Grinsen. "Sagen wir es mal so: Gestern habe ich noch gedacht, daß es nicht übel wäre, einen eigenen Swimming-Pool zu haben – und heute habe ich einen!" Dann grinste er nochmal und diesmal wirkte es heiterer. Harm war niemand, der lange über verschüttete Milch jammerte – er machte für gewöhnlich einen Witz und holte einen Lappen, um das Verschüttete aufzuwischen.

Harm ging zu seiner Großmutter hinüber. "Hey, mach kein solches Gesicht, Granny, es ist nichts passiert, was man nicht wieder in Ordnung bringen könnte. Wir werden eben für ein paar Tage ins Hotel ziehen." Er schien nicht böse auf Granny zu sein.

Sarah Rabb schüttelte jedoch energisch den Kopf. "Harmon Rabb junior! Ich bin 84 Jahre alt und habe in diesen Jahren nie auch nur eine einzige Nacht in einem Hotel verbracht! Und ich habe nicht vor, jetzt damit anzufangen!" erklärte sie entschlossen.

Harm zuckt bedauernd die Schultern. "Tut mir leid, Granny, dann werde ich zusehen, daß Bud ... Lt. Roberts, den nächsten Flug nach Pennsylvania für dich bucht." Es tat ihm leid, daß der Besuch seiner Großmutter abgebrochen wurde, noch bevor er überhaupt richtig begonnen hatte, aber er wußte, daß die alte Dame nicht von ihrem Entschluß abweichen würde. Trish behauptete immer, er hätte seine Sturheit von Granny geerbt.

Granny schüttelte abermals energisch das grauhaarige Haupt. "Ich reise nicht ab, bevor ich nicht alles gesehen habe, was es in Washington zu sehen gibt. Außerdem glaubst du doch nicht im Ernst, daß ich dich jetzt alleine lasse, nachdem ich dich in diese Lage gebracht habe!"

Harm sah seine Großmutter verständnislos an. "Du willst in kein Hotel, du willst nicht nach Hause fliegen und in dem Swimming-Pool, der mal meine Wohnung war, willst du sicher auch nicht bleiben ... was hast du dann vor? Wartest du vielleicht darauf, daß der Präsident dich ins Weiße Haus einlädt?" wollte er ein wenig spöttisch wissen.

"Ähm, ich bin zwar nicht der Präsident und mit dem Weißen Haus kann ich auch nicht dienen, aber vielleicht täte es ja auch die bescheidene Wohnung eines Lieutenant Colonel des Marine-Corps?" bot Mac zurückhaltend an, "Ich versichere auch eidesstattlich, daß mein Kühlschrank im Gegensatz zu Harms immer voll ist." Sie lächelte fast schüchtern.

Granny umarmte sie spontan. "Das wäre einfach wundervoll, danke, Sarah!" jubelte sie und zwinkerte Harriet und Bud, die noch immer draußen im Großraumbüro standen, über Macs Schultern hinweg zu.

"Die Einladung gilt natürlich auch für Sie, Fliegerheld, schließlich ist Ihre Großmutter hier, um Sie zu sehen und nicht, um mit mir Kochrezepte auszutauschen." Mac lächelte.

"Mac, Sie können doch gar nicht kochen." murmelte Harm, dem die ganze Sache nicht so recht gefiel.

"Ach ja? Jetzt haben Sie die einmalige Gelegenheit, rauszufinden, ob das wirklich so ist. Also, wie sieht’s aus? Muß ich mir einen dritten Teller kaufen oder nicht?" erkundigte sie sich in scherzhaftem Tonfall, um es Harm nicht unnötig schwer zu machen, auf das Angebot einzugehen. Sie wußte, daß Harm Bedenken hatte und befürchtete, er und seine Großmutter würden ihr zur Last fallen. Vermutlich hätte sie im umgekehrten Fall ebenso empfunden.

Harm sah seine Großmutter, die so vorschnell und ohne es mit ihm abzusprechen zugesagt hatte, streng an. "Granny, könnte ich dich bitte einen Moment sprechen?" Sie gingen in Harms Büro hinüber.

"Granny, wir werden auf keinen Fall zu Mac ziehen!" stellte Harm klar, sobald er die Türe geschlossen hatte.

"Es hat ja auch niemand davon geredet, zu Mac zu ziehen, schließlich habt ihr ja nicht vor, zu heiraten," Granny gelang es nur mit viel Mühe, ihr Grinsen zu verbergen, "wir werden lediglich für ein paar Tage bei Sarah wohnen, das ist alles."

"Das geht nicht, Granny." widersprach Harm erneut.

"Ach, wieso nicht? Sie hat es doch selbst angeboten. Wieso sträubst du dich so, Harm? Das schlimmste, was uns passieren könnte, ist, daß sie uns wieder rauswirft." meinte die alte Dame lächelnd.

"Das ist vielleicht das Schlimmste, was dir passieren kann, aber ich muß mit Mac noch etwas länger arbeiten." entgegnete Harm ernst.

"Muß? Ich hatte immer den Eindruck, du arbeitest gerne mit ihr zusammen." neckte Granny und schmunzelte.

Harm hob die Brauen und sah sie mahnend an. "Granny, du weißt wie ich es gemeint habe! Ich will Mac nicht zur Last fallen."

"Glaubst du, dein Marine könnte sich nicht wehren, wenn ihr jemand zur Last fallen würde?" fragte Harms Großmutter amüsiert.

"GRANNY! Sie ist nicht ‚mein‘ Marine! Und sie würde nichts sagen, auch wenn wir ihr zur Last fallen, denn sie ist eine treue Seele und absolut loyal gegenüber ihren Freunden."

"Treue Seele? Na ja, immerhin ein Anfang, aber daran müssen wir noch arbeiten." dachte sich Sarah Rabb. "Genau wie du, Harmon Rabb, und würdest du es als Last empfinden, Sarah bei dir aufzunehmen, wenn ihre Wohnung überflutet wäre?"

Langsam begann Harm zu ahnen, woher er seine Fähigkeit, andere in Grund und Boden zu argumentieren, geerbt hatte. "Natürlich nicht." erwiderte er fest.

"Na also." Granny grinste zufrieden.

Harm gab auf. Großmütter mußten immer das letzte Wort haben. "Schlimmer als Marines!" sagte sich Harm, während sie zurück in Macs Büro gingen.

Mac sah von einer Akte auf. "Und?"

Harm drückte ihr grinsend einen 10 Dollar-Schein in die Hand.

Mac starrte verwirrt erst die Banknote und dann Harm an. "Für was ist das?" fragte sie verwundert.

Harms Grinsen wuchs in die Breite. "Für den dritten Teller."

Sie lachten alle drei.


2330 Z-Zeit (18:30 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac schloß ihre Wohnungstüre auf und stellte die kleine Reisetasche ab, die der Feuerwehrhauptmann bei JAG abgegeben hatte. "Rechts geht es zur Küche, links ist das Schlafzimmer und geradeaus das Wohnzimmer." erklärte sie an Granny gewandt.

Im Wohnzimmer bellte es freudig, als Macs Stimme ertönte und Jingo, Macs Hund, kam schwanzwedelnd angetrottet. Mac hielt ihn rasch am Halsband fest, da sie nicht wußte, wie die alte Dame auf den großen Hund reagieren würde. Aber Granny zeigte keine Angst, sie ging sofort einen Schritt auf Jingo zu und hielt ihm die Hand hin, bevor sie begann, ihn hinter den Ohren zu kraulen. Mac ließ das Halsband los, erleichtert, daß es damit keine Probleme geben würde.

"Den Hund hätten Sie ja schonmal, jetzt fehlen nur noch der Mann und die vier Kinder." meinte Granny schmunzelnd.

"Darf ich vorstellen, das ist Jingo," erklärte Mac lächelnd, "nicht mehr der Jüngste, aber dafür weiß er sich zu benehmen."

"Ich hoffe, das trifft auch auf andere Leute hier zu." wandte sich Harm grinsend an seine Großmutter.

Dann begrüßte Jingo Harm, den er von gemeinsamen Joggingausflügen und den Arbeitssitzungen in Macs Wohnung her kannte. "Hey, Kumpel," Harm klopfte dem Hund freundlich den Rücken, "füttert sie dich auch richtig?"

"Tut mir leid, Flyboy, Jingo hält von vegetarischer Nahrung genausoviel wie sein Frauchen." erklärte Mac neckisch.

Sie führte ihre Gäste ins Wohnzimmer hinüber. Sarah Rabb sah sich neugierig um. Direkt vor ihr befand sich ein Sofa mit einem niedrigen Tisch und ein paar Korbsesseln davor. Links war ein Kaminsims und weiter hinten im Raum stand ein Schreibtisch – wie Granny feststellte, war das der einzige Ort im Apartment, der nicht aufgeräumt war.

Mac trug Grannys Tasche ins Schlafzimmer hinüber. "Ich schlage vor, Sie teilen sich das Bett mit Harm oder mit mir, ganz wie Sie wollen." sagte sie zu der alten Dame.

Granny blieb in der Türe stehen und blickte sich um. Das Schlafzimmer enthielt ein breites Bett mit zwei Nachttischen, und einen halbhohen Schrank. In der Ecke stand ein weißer Sessel. Gegenüber des Bettes befand sich eine Kommode mit einem großen Spiegel und daneben führte eine weitere Türe vermutlich ins Badezimmer hinüber.

Granny durchquerte den Raum und prüfte mit einer Hand die Matratze des Bettes. Dann schüttelte sie den Kopf. "Tut mir leid, aber hier kann ich nicht schlafen." erklärte sie entschieden.

Harm, der gerade eine zweite Tasche hereinbrachte, sah seine Großmutter streng an. "Granny, Bittsteller können nicht gerade wählerisch sein!" ermahnte er sie, "Was ist denn mit dem Bett nicht in Ordnung? Sieht doch ganz bequem aus, oder?" Er fragte sich, wann seine Großmutter nicht nur vergeßlich, sondern auch noch anspruchsvoll geworden war.

"ZU bequem," erläuterte Granny, "Mein alter Rücken ist eine so weiche Matratze einfach nicht gewöhnt. Wenn ich hier schlafe, werde ich morgen fürchterliche Rückenschmerzen haben. Die Couch sieht besser aus."

"Granny, ich kann dich doch nicht auf der Couch schlafen lassen!" widersprach Harm und Mac protestierte gleichzeitig: "Ich kann Sie doch nicht auf der Couch schlafen lassen, Mrs. Rabb!"

"Sie können mich Sarah nennen und Sie können mich auf der Couch schlafen lassen." entgegnete die alte Dame lächelnd, "oder gibt es ein Problem damit, wenn Sie sich das Bett mit Harm teilen müssen?" Ihr listiger Blick sah zwischen Harm und Mac hin und her.

Harm und Mac sahen sich an. "Wir sind beide erwachsene Leute." signalisierten Harms blaue Augen. "Und wir haben schonmal ein Zimmer geteilt." fügten Macs braune Augen hinzu.

"Kein Problem, solange Sie nicht schnarchen." sagte Mac laut.

"Und solange Sie dieses Negligé im Schrank lassen." fügte Harm grinsend hinzu.

"Aha!" bemerkte Granny sofort und sah ihren Enkel interessiert an, "Welches Negligé, bitte? Zu meiner Zeit hat man seine rein platonischen Freunde nicht in Unterwäsche bewundert!"

Harm lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Das war rein dienstlich, Granny." beteuerte er.

"Dienstlich?" wiederholte Granny spötttisch, "Seit wann gehören Negligés zur Dienstunifom der Marines?"

"Ähm, ich glaube, ich gehe dann mal Teewasser aufsetzen. Viel Spaß beim Erklären." sagte Mac zu Harm und schlüpfte an ihm vorbei zur Türe hinaus.

Granny lachte. "Und ich dachte immer, Marines werden nicht rot."

Harm mußte grinsen. "Dieser hier schon. Aber bitte hör jetzt wirklich auf damit, uns ständig zu verdächtigen, ja? Wir mußten uns in Rußland ein Zimmer teilen, das war alles, okay?" Beschwörend sah er seine Großmutter an, bis diese nickte.


0025 Z-Zeit (19:25 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

"Tut mir leid, aber heute werden Sie nicht mehr rausfinden, ob ich kochen kann oder nicht," meinte Mac, nachdem ihre beiden Gäste ausgepackt hatten, "Ich bin ziemlich erledigt. Weil ich morgen frei nehme, mußte ich heute noch so einiges zuende bringen."

"Ich könnte eine Kleinigkeit kochen." bot Harm an.

"Nur keinen Aufwand meinetwegen," sagte Granny, "was würdet ihr jetzt tun, wenn ich nicht hier wäre?"

"Pizza bestellen und an einem Fall arbeiten!" erklärten Harm und Mac synchron. Sie lachten.

"Gearbeitet wird heute abend nicht, aber mit der Pizza kann ich leben." meinte Sarah Rabb.

"Okay," Mac ging zum Telefon, "Eine Familienpizza, ein Drittel vegetarisch mit doppelter Menge Oliven und Sardellen; ein Drittel Schinken, Champignons und Mozarella und ein Drittel ..." Sie sah Granny fragend an.

"Ich denke, ich schließe mich heute mal Harm an, aber bitte ohne die Oliven." beschloß Granny und stellte fest, daß Mac und ihr Enkel die Angewohnheiten und Vorlieben des jeweils anderen wirklich gut kannten. Außerdem fand sich Harm auf eine Weise in Macs Wohnung zurecht, die deutlich zeigte, daß er nicht zum ersten Mal hier war.

"Keine Sorge, die hätte Ihnen sowieso Harm von der Pizza gepickt." meinte Mac amüsiert.

"Ich habe eben beschlossen, Ihnen vorerst nicht zu widersprechen, Mac," erklärte Harm tolerant, "aber nur, weil ich heute Nacht nicht auf der Straße schlafen will."


0210 Z-Zeit (21:10 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

"Was steht denn morgen so auf dem Programm?" erkundigte sich Granny nach dem Essen, "Wann kommt ihr vom Joggen zurück?"

"Wieso fragst du?" wollte Harm mißtrauisch wissen.

"Ich möchte diesen unvergeßlichen Moment auf einem Foto verewigen." antwortete die alte Dame schelmisch.

Mac lachte und Harm setzte eine Märtyrermiene auf. "Ich schlage vor, wir starten um vier Uhr." sagte er zu Mac.

"Ach, plötzlich unter die Frühaufsteher gegangen, Commander? Wie kommt denn dieser plötzliche Wandel?" erkundigte sich Mac spöttisch.

"Um vier Uhr ist es noch dunkel und niemand kann sehen, was auf meinem T-Shirt steht." erwiderte Harm grinsend.

"Oh nein, so läuft das nicht, ich habe die Wette gewonnen und deshalb bestimme ich auch die Bedingungen. Wir starten um 6 Uhr." entschied Mac. Dann wandte sie sich an Granny. "Ich habe ja morgen frei und könnte Sie ein wenig durch die Stadt führen, wenn Sie Lust haben."

"Nein, das können wir nun wirklich nicht auch noch von Ihnen verlangen, Mac." widersprach Harm, bevor Granny antworten konnte.

"Sie haben ja auch nichts verlangt, Harm, ich tue es freiwillig. Es ist ja nicht so, daß ich ein ausgefülltes Sozialleben habe." fügte Mac leise hinzu.

Granny und Harm wechselten einen schnellen Blick. "Hey, Sie haben einen Ex-Piloten, eine Ex-Farmerin und einen Ex-Drogenhund auf dem Hals, wenn das kein ausgefülltes Sozialleben ist, dann weiß ich auch nicht!" Harm legte eine Extraportion Charme in sein Lächeln und es funktionierte, wie meist: Mac mußte ebenfalls lächeln.

0349 Z-Zeit (22:49 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Harm und Mac hatten den kleinen Tisch im Wohnzimmer beiseite geschoben und die ausziehbare Couch hergerichtet, auf der Granny nun in einem altmodischen Nachthemd lag und sich wohlzufühlen schien. "Gute Nacht, ihr beiden," rief sie Harm und Mac nach, "und denkt daran: Ich bin eine alte Frau; ich habe schlechte Ohren und einen guten Schlaf." Sie grinste das breite Rabb-Lächeln.

"Misses Sarah Elizabeth Rabb!" sagte Harm streng, "ICH habe gute Ohren und das hab ich gehört!"

"Was denn, ich habe lediglich davon gesprochen, daß es mich nicht stört, wenn du ein wenig schnarchst." behauptete Granny unschuldig.

Harm und Mac gingen ins Schlafzimmer hinüber und Mac verschwand im Badezimmer. Als sie kurz darauf wieder zum Vorschein kam, trug sie einen Seiden-Pyjama.

"Sieh an, Sie haben ja doch einen Pyjama, wer hätte das gedacht!" witzelte Harm, wurde dann jedoch ernst, "Mac, ich kann auch genausogut zwei Sessel zusammenschieben und ..."

"Harm, das ist doch lächerlich. Wir kennen uns seit vier Jahren, sehen uns fast täglich und haben viel zusammen durchgemacht, was ist schon dabei, wenn wir im selben Bett übernachten?" argumentierte Mac vernünftig. "Ach ja, Marine? Wieso klopft dann dein Herz so, wenn überhaupt nichts dabei ist?" fragte sie sich selbst spöttisch.

Harm grinste Mac verschwörerisch zu. "Wissen Sie, ich muß eben auf meinen Ruf achten." erklärte er.

"Welchen Ruf meinen Sie?" neckte ihn Mac, "Den Ruf als arroganter, sturer Ex-Pilot oder ..."

"Den Ruf als unwiderstehlicher, charmanter Flyboy. Sie wissen schon: Dress White und Gold Wings. Wenn rauskäme, daß wir uns nur unterhalten haben..." Harms Lächeln wurde noch etwas breiter.

Mac grinste zurück. "Ich habe Ihnen doch schonmal gesagt, daß diese Goldwings und die Ausgeh-Uniform völlig überbewertet werden." meinte sie und versuchte, abwertend zu klingen, was aber schwer war, wenn man Harm einmal in seiner Gala-Uniform gesehen hatte.

"Ach ja?" dehnte Harm, "Und was ist das da?" Er deutete triumphierend zum Bett.

"Ah, nun verstehe ich, wie dieses Sprichwort über Piloten und ihre Wirkung auf Frauen zustande gekommen ist: Die Mitleidstour. Man muß sich nur als armer, heimatloser Flieger ausgeben und schon lassen die Frauen Sie bei sich übernachten!" Mac lachte wissend.

"Ich weiß gar nicht, was Sie haben, es funktioniert doch offensichtlich." entgegnete Harm belustigt.

"Na ja, wenn ich einen alten, zahnlosen Hund aufnehme, kann ich einen streunenden Navy-Commander schlecht vor die Türe setzen. Wo bliebe da die Gerechtigkeit." Mac schmunzelte.

Harm lachte und sah sie dann voll an. "Mac, Sie sind wirklich schwer in Ordnung."

Wie immer überraschte Harm sie mit diesem plötzlichen Kompliment und sie blinzelte einen Moment lang verwirrt, bevor sie "Danke" murmelte.

Sie schlüpften beide unter ihre jeweiligen Decken und Mac schaltete das Licht aus.

"Harm..." sagte Mac ein paar Minuten später leise.

Harm drehte sich zu ihr um und versuchte, ihr Gesicht in der Dunkelheit zu erkennen. "Hm?"

"Harm, ich hoffe, daß ich nichts falsch mache, morgen und überhaupt, mit Ihrer Großmutter ... ich habe meine Großeltern nie kennengelernt und hatte auch sonst nicht gerade viel mit alten Menschen zu tun." bekannte Mac ein wenig verunsichert.

Harms Zähne blitzten in der Dunkelheit, als er lachte. "Tut mir leid, aber Granny wurde ohne Gebrauchsanweisung geliefert," scherzte er, wurde dann aber sofort wieder ernst, "Mac, Sie machen überhaupt nichts falsch. Granny hat Sie ja praktisch schon adoptiert, haben Sie das nicht bemerkt?" fragte er sanft.

"Vielleicht wollte sie nur höflich zu mir sein." meinte Mac.

Harm schüttelte stumm den Kopf. Manchmal konnte Mac einfach nicht glauben, daß die Menschen sie einfach gerne hatten und ohne jeden Hintergedanken nett zu ihr waren. Er erinnerte sich noch daran, daß er einmal vor dem Gerichtssaal auf sie gewartet hatte, um sich zu vergewissern, daß es ihr gut ging. Auch damals hatte sie kaum glauben können, daß er einfach nur so auf sie gewartet hatte. "Granny tut vieles, aus den verschiedensten Gründen, aber sie tut nichts einfach nur so aus Höflichkeit." erklärte Harm.

"Okay, ich schätze, ich muß Ihnen das wohl glauben, schließlich kennen Sie sie länger als ich." meinte Mac lächelnd.

"Schlafen Sie gut, Mac." sagte Harm.

"Mhm, Sie auch, Harm," antwortete Mac, "und erschrecken Sie nicht, wenn Jingo zu Ihnen aufs Bett springen sollte."


0850 Z-Zeit (03:50 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Harm erwachte und einen Moment lang starrte er in die Dunkelheit, ohne zu wissen, wo er war oder was ihn geweckt hatte. Dann fiel ihm wieder alles ein: Der Besuch seiner Großmutter, das kleine Malheur mit seiner Wohnung und Macs Angebot, bei ihr zu wohnen.

Ihm war etwas kalt, denn die Decke war zu Boden gerutscht, nur auf seiner Brust und auf den Füßen spürte er einen warmen, unvertrauten Druck. Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, daß sich Jingo – gemäß Macs Vorhersage – an seinen Füßen zusammengerollt hatte. Dann ließ er seinen Blick weiter wandern und erkannte, daß es Macs Arm war, der auf seiner Brust ruhte.

Er hob die Decke wieder auf, zog sein rechtes Bein unter Jingo hervor und schlief wieder ein.


1030 Z-Zeit (05:30 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Harm erwachte erneut, diesmal, weil jemand ihn an der Schulter schüttelte. Stöhnend öffnete Harm die Augen.

Mac stand vor ihm, bereits in ihrer Jogging-Kleidung und in bester Laune. Harm war nicht gerade ein Morgenmuffel, aber Macs Munterkeit zu dieser Stunde war einfach unglaublich. "Na los, raus aus den Federn, Flyboy, es geht um die Ehre der Navy!" forderte sie ihn heraus. Ihre braunen Augen funkelten übermütig.

Harm rollte sich aus dem Bett. "Okay, geben Sie mir fünf Minuten, okay?"

Mac gab den Weg zum Badezimmer frei. "Sie haben vier Minuten und 59 Sekunden, keine Sekunde mehr." billigte sie ihm grinsend zu und warf ihm etwas an den Kopf.

Kritisch besah sich Harm das graue T-Shirt mit der Aufschrift "US-Marine-Corps". Seine Mundwinkel zuckten belustigt. "Ähm, Mac, glauben Sie nicht, daß mir das ein klitzekleines Bißchen zu klein ist?"

"Wieso, Sie waren doch derjenige, der behauptet hat, daß Frauen 10% mehr Körperfett als Männer haben, also müßte mein größtes T-Shirt doch perfekt passen," meinte Mac unbeeindruckt, "Übrigens haben Sie noch genau 3 Minuten und 48 Sekunden."


1110 Z-Zeit (06:10 Uhr EST)
Irgendwo in Georgetown
Washington D.C.

Admiral A.J. Chegwidden lenkte seinen blauen Ford Expedition durch die Straßen Georgetowns. Er war unterwegs zum Gebäude des Obersten Gerichtshofes, wo er um 6.45 Uhr einen Termin hatte. Ein rascher Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er etwas zu früh dran war und deshalb fuhr er langsamer, sah sich die breiten Straßen, Parks und die alten Häuser in Georgetown an.

Außer ein paar Autos und einem einsamen Jogger war noch niemand unterwegs. Chegwidden kniff ein wenig die Augen zusammen. "Moment mal, das ist doch ... Rabb!" erkannte der Admiral, als er neben dem Jogger war.

Der Weg bog jetzt etwas von der Straße ab und Chegwiddens Wagen überholte Harm. "Was zum Geier!" entfuhr es dem Ex-Seal. Er sah nochmal genauer hin und tatsächlich: Commander Harmon Rabb junior, stolzes Mitglied der US-Navy, trug ein T-Shirt der Marines, das außerdem noch ziemlich eng um seine breiten Schultern herum war. Chegwidden runzelte die Stirn. Soweit er wußte, kannte Harm nur einen Marine, dem dieses T-Shirt passen mochte, und der außerdem noch ganz in der Nähe wohnte: Mac. "Was zum Teufel läuft da zwischen den beiden?!" knurrte Chegwidden und beobachtete noch immer irritiert den Jogger.

Erst jetzt entdeckte er ein paar Meter weiter vorne eine weitere Person in Jogging-Kleidung. Mac stand gegen einen Baum gelehnt und schien auf Harm zu warten. Chegwidden sah, wie sie lachte, als Harm sie erreichte.

Mit einem Blick auf die Uhr stellte Chegwidden fest, daß er jetzt keine Zeit mehr hatte, sich noch weiter mit den beiden Offizieren zu befassen, und gab Gas. Jedoch nahm er sich vor, weiterhin ein Auge auf die beiden zu halten.


1120 Z-Zeit (06:20 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

"Machen Sie sich nichts draus, alter Mann," sagte Mac lachend zu Harm, als sie die Stufen zu ihrem Haus hinaufgingen, "Sie haben ja noch 6 Tage Zeit, um mich zu schlagen – oder es wenigstens zu versuchen."

"Nächstes Mal bin ich vorgewarnt und werde nicht zulassen, daß Sie sich nochmal einen so unfairen Vorsprung verschaffen," entgegnete Harm, "Ich habe mir eben eingebildet, im Marine Corps würde mit fairen Mitteln gekämpft."

"Was heißt hier nicht fair? Was kann ich denn dafür, wenn Sie den Start verpassen?" widersprach Mac lächelnd.

"Könnte das vielleicht daran liegen, daß Sie das Startsignal erst dann gegeben haben, als Sie schon losgerannt waren, hm?" erkundigte sich Harm. Eigentlich hatte er keinen Grund, sich zu beklagen, denn der Anblick von Macs athletischen Beinen vor sich entschädigte dafür, daß er hinter ihr herhetzen mußte.

Scherzend und lachend betraten sie Macs Wohnung. Mac sprang zur Seite, als Granny im Türrahmen auftauchte und einen Fotoapparat auf Harm richtete. Granny, noch immer im Nachthemd, grinste breit. "Könnte es sein, daß dir dieses T-Shirt ein winziges Bißchen zu klein ist?" fragte sie mit gutmütigem Spott und deutete auf das T-Shirt, das an Harms Oberkörper klebte.

Harm sah Mac anklagend an. "Bitte, was hab ich gesagt? Sie wollten es mir ja nicht glauben!"

Mac zuckte lächelnd die Schultern. "Ich weiß nicht, was Sie haben, das T-Shirt paßt Ihnen doch wie angegossen."

Harm warf sein Handtuch nach ihr. "Ab ins Bad, Marine!" befahl er kopfschüttelnd.

Als Mac aus dem Badezimmer kam, duftete es nach frischem Kaffee, Rührei mit Speck und Pfannkuchen. Granny deckte gerade den Tisch und Harm hantierte mit einer Pfanne am Herd. Mac blieb im Türrahmen stehen und ließ den Anblick erstmal einige Sekunden auf sich einwirken. Sie war es einfach nicht gewohnt, früh morgens schon Leute um sich herum zu haben oder das Frühstück gemacht zu bekommen. Sie stellte fest, daß sie es genoß.

Granny sah auf und entdeckte sie. "Oh, Sarah, das ging schnell."

"Marines halten den Weltrekord für die kürzeste Zeit unter der Dusche." belehrte sie Mac.

"Weil sie wasserscheu sind." fügte Harm grinsend hinzu.

"Harm, Sarah, hat jemand was dagegen, wenn ich als nächste ins Bad gehe? Ich brauche auch nicht lange." versicherte Granny.

"Geh nur, Granny, aber denk daran: Mac kann die Zeit stoppen!" warnte Harm. Er drehte einen Pfannkuchen um und sah nach den Rühreiern. "Ich wollte eigentlich 3 ˝ Minuten-Eier machen, aber ich habe Ihre Eieruhr nicht gefunden." wandte er sich an Mac.

Mac lachte. "Harm, falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Sie werden im ganzen Apartment nicht eine einzige Uhr finden!"

Nach kurzer Zeit kam Granny wieder in die Küche, in Rock und Bluse. "Na?" fragte sie und sah Mac erwartungsvoll an.

"Sechs Minuten und 41 Sekunden, Mrs. ... Sarah." antwortete Mac sofort und sah dann Harm an, "Ich würde Ihnen raten, das zu unterbieten, Sailor, sonst könnte es sein, daß ich Ihr Frühstück schon aufgegessen habe, bevor Sie die Dusche verlassen haben." warnte sie.

Harm hob die Hände. "Ich bin praktisch schon fertig!"


1830 Z-Zeit (13:30 Uhr EST)
Washington D.C.

Mac und Granny kamen aus dem Gebäude des Nationalmuseums für Naturgeschichte und grinsten sich zu. Sie waren seit dem Morgen unterwegs und hatten beschlossen, zuerst einige der Museen und Galerien des Smithsonian Instituts anzusehen, des größten Museumskomplexes der Welt. Sie hatten mit dem obligatorischen Luft- und Raumfahrtmuseum begonnen.

Als sie vor einer roten Stearman standen, hatte Granny Mac erzählt, wie sie mit ihrem Sohn, Harm senior, in dessen Stearman geflogen war. "Harm hat nach seinem Tod lange mit sich gerungen, bevor er die Stearman endlich wieder flugtüchtig gemacht hat," hatte Granny ernst gesagt, "Ich fliege noch immer regelmäßig mit Harm, es ist einfach toll. Sind Sie schonmal mitgeflogen?"

"Ja, aber das war weniger toll," entgegnete Mac und nagte an ihrer Unterlippe, "Ich meine, das Fliegen selbst war natürlich großartig und Harm hat mich sogar einen Looping versuchen lassen, aber dann ... Wir mußten wegen einer defekten Benzinleitung notlanden und stießen auf eine Gruppe von Wilderern, die einen Wildhüter ermordet hatten und uns schließlich durch den Wald hetzten. Ich wurde angeschossen und konnte nicht mehr weiter, aber Harm wollte mich einfach nicht zurücklassen."

"Harm ist ein guter Junge." sagte Granny mit viel Wärme.

Mac lächelte. "Ja, das ist er." bestätigte sie.

Sie waren zu den Militärflugzeugen weitergegangen. "Oh, das muß toll sein, da mal mitzufliegen!" meinte Granny.

Mac schüttelte den Kopf. "Ich habe es gehaßt. Sobald ich in so ein Ding steigen muß, wird mir schlecht."

Granny sah sie aufmerksam an. "Und trotzdem sind Sie nicht zurückgeblieben, als Harm in Rußland auf die verrückte Idee kam, eines dieser Flugzeuge zu stehlen?" wollte sie wissen.

"Eigentlich stammte diese verrückte Idee von mir, um genau zu sein. Und ich konnte Harm doch nicht allein durch ganz Rußland irren lassen. Er spricht ja nichtmal die Sprache und trotzdem war er fest entschlossen, seinen Vater zu finden. Was ist dagegen schon ein bißchen Übelkeit?"

Granny überraschte Mac, indem sie sie spontan umarmte. "Wie heißt das bei Ihnen im Corps? Semper Fidelis?"

Mac nickte und murmelte: "Semper Fi."

Anschließend hatten sie sich dann das Hirshhorn-Museum mit dem Skulpturen-Garten angesehen und waren dann zum Nationalmuseum für Naturgeschichte gegangen, wo es eine der größten Aussstellungen von Dinosaurier-Skeletten der Welt zu sehen gab.

Mac hatte festgestellt, daß Granny ihr Interesse für Paläontologie teilte und sie hatten einen tollen Vormittag verbracht. Jetzt spazierten sie durch eine Grünanlage, die sich westlich des Kapitols erstreckte.

"Wie wäre es mit einem Hot Dog?" fragte Mac und deutete auf einen Stand.

"Ich könnte einen Bissen vertragen, Sarah, aber wenn Sie nichts dagegen haben, warte ich hier auf Sie. Meine Füße bringen mich wirklich um." erklärte die alte Dame und setzte sich auf eine niedrige Mauer.

Mac kannte das Gefühl. "Okay." Sie ging zum Hot-Dog-Stand hinüber und mußte kurz warten, bis sie an die Reihe kam. Als sie sich mit zwei Hot-Dogs wieder zu Granny umdrehte, entdeckte sie, daß die alte Dame mit einem jungen Burschen mit zerfetzten Jeans und Sonnenbrille um ihre Handtasche "rangelte". Der Mann zerrte heftig, aber Granny wollte einfach nicht loslassen. Erst als sie beinahe hinfiel, ließ sie die Tasche los, um sich an der Mauer abzustützen. Der Dieb packte sofort die Tasche und rannte davon.

Mac hatte sich längst in Bewegung gesetzt und sogar die Hot Dogs weggeworfen. "Granny!" rief sie alarmiert, "Alles in Ordnung?"

"Ja, Liebes, alles okay," versicherte Harms Großmutter, "Nur meine Handtasche ist weg."

"Das wollen wir erst mal sehen!" sagte Mac grimmig. Sie ließ Granny zurück und rannte dem fliehenden Handtaschenräuber hinterher. Sarah Rabb mußte zugeben, daß sie noch nie eine Frau so schnell hatte laufen sehen. Nach dem Joggen mit Harm schien Mac gut im Training zu sein. Ehe sich der junge Bursche versah, hatte Mac sich mit einem Hechtsprung auf ihn gestürtzt und ihn so wie ein Football-Spieler zu Boden gerissen. Dann riß sie den Benommenen vom Boden hoch und hielt ihn in einem eisernen Griff, bis ein herbeieilender Polizist den überrumpelten Jungen übernahm.

Innerhalb weniger Minuten stand Mac wieder neben Granny und überreichte ihr die Handtasche. "Tut mir leid, aber die Hot dogs haben das kleine Manöver leider nicht überlebt." erklärte sie bedauernd.

Granny sah sie kopfschüttelnd an. Macs Einsatz hatte sie ziemlich beeindruckt. Die junge Frau hatte wirklich viele Facetten und sie freute sich darauf, noch ein paar mehr kennenzulernen. "Haben Sie übrigens bemerkt, wie Sie mich vorher genannt haben, Sarah?" erkundigte sich Sarah Rabb.

Mac runzelte die Stirn. "Nein, wie denn?"

"Sie haben mich Granny genannt." entgegnete die alte Dame lächelnd.

Mac biß sich auf die Lippe. "Oh, tut mir leid, das muß mir in der Aufregung so rausgerutscht sein."

Granny lachte. "Sie müssen sich doch nicht entschuldigen, Liebes! Ich hätte Ihnen schon viel früher angeboten, mich so zu nennen, wenn ich gewußt hätte, daß Sie es annehmen würden. Also, ab sofort sind wir per du, einverstanden?" bot die ältere Frau an.

Mac nickte herzlich. "Einverstanden."


2020 Z-Zeit (15:20 Uhr EST)
Washington D.C.

Mac und Granny waren, nachdem sie sich nochmal zwei Hot Dogs gekauft hatten, weiter zum Kapitol gegangen, dem Sitz des US-Kongresses, der das Zentrum der Stadt bildete. Nun spazierten sie über die Pennsylvania Avenue, Washingtons Prachtstraße, welche das Kapitol mit dem Weißen Haus verband.

Mac wies Granny auf das Nationalarchiv hin, in dem die Unabhängigkeitserklärung und die Bill of Rights aufbewahrt wurden, und erklärte, daß Washington D.C. die erste auf dem Reißbrett entworfene Stadt der USA gewesen war. Dem Straßennetz der US-Hauptstadt lag ein rechtwinkliges System zugrunde, das von diagonal verlaufenden Avenuen durchzogen wurde.

Schließlich nahmen sie an einer Führung teil, bei der Touristen durch den ersten Stock des Weißen Hauses geführt wurden, wo die offiziellen Staatsräume lagen. Die Privatwohnung des Präsidenten befand sich im zweiten Stock und hier hatte die Öffentlichkeit natürlich keinen Zugang.

Später spazierten sie am Rosengarten des Weißen Hauses vorbei, um zurück zu Macs Auto zu gelangen. Mac sah zu einer bestimmten Stelle des Gartens hinüber und mußte lächeln.

"Was ist?" fragte Granny, die automatisch auch lächeln mußte.

"Oh, ich mußte nur gerade daran denken, daß Harm und ich uns dort drüben kennengelernt haben." erklärte Mac und gab sich betont sachlich.

Granny verzichtete auf eine Bemerkung darüber, daß sie sich kaum ein besseres Omen vorstellen konnte, als sich ausgerechnet in einem Rosengarten kennenzulernen. "Ich habe Harmon, also Harms Großvater, auf einer Geflügelausstellung in Pennsylvania kennengelernt, als ich meinen Vater begleitet habe. " erzählte Granny und mußte lachen, als sie sich daran erinnerte, "Du mußt zugeben, daß ein Rosengarten da weitaus romantischer ist."

Mac bemerkte erneut, daß Granny es für eine ausgemachte Sache zu halten schien, daß sie und Harm füreinander bestimmt waren. Sie beschloß, das Granny ein für alle Mal auszureden. "Mrs ... Sarah, ähm, ich meine Granny ..." "Na toll, ich habe kaum den Mund geöffnet und schon verhasple ich mich, wie will ich sie da von etwas überzeugen?" tadelte sie sich ärgerlich. "Granny, nicht, daß Sie ... daß du das jetzt falsch verstehst, aber Harm ... Harm und ich, wir sind nur Freunde. Wir arbeiten eng zusammen und das bringt es eben so mit sich, daß wir einige Zeit miteinander verbringen und wir haben einander in verschiedenen Situationen unseres Lebens geholfen, so wie Freunde das eben tun, aber mehr ist nie zwischen uns vorgefallen. Harm ist mein bester Freund, nichts weiter, okay? Ich verstehe wirklich nicht, wieso uns ständig jeder verdächtigt, daß da mehr ist!" Mac redete sich in Rage, "Annie, Jordan, Renee, Trish, Harriet, Bobbi Latham ... einfach jeder! Ich schwöre dir, daß da nie etwas war. Du glaubst mir doch, oder?" Mac sah die ältere Frau ernst an. Einen Moment lang dachte sie an das Dock in Norfolk, aber dann sagte sie sich, daß Harm damals Diane Schonke geküßt hatte und nicht sie, Sarah MacKenzie.

Granny lächelte, einmal mehr beeindruckt von dieser jungen Frau, "Wie sagt ihr Anwälte immer: Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils," scherzte sie, doch dann wurde sie ernst: "Ich glaube dir, daß nie etwas zwischen euch geschehen ist, was nicht auch vor den wachsamen Augen einer Anstandsdame hätte geschehen dürfen." stimmte sie dann ohne zu zögern zu. Sie kannte ihren Enkel schließlich.

Mac atmete erleichtert auf und glaubte, damit sei dieses Thema ein für alle mal erledigt.

"Was ich nicht glaube ist jedoch, daß nicht eines Tages etwas geschehen könnnte. Ich bin vielleicht alt und sehe nicht mehr so gut, aber ein perfektes Paar erkenne ich immer noch, wenn ich eines sehe." fügte Granny in Gedanken hinzu.


2216 Z-Zeit (17:16 Uhr EST)
Vietnam-Veteranen Memorial
Washington D.C.

Mac legte eine einzelne Rose an der Mauer nieder, so wie sie es immer tat, wenn sie herkam, und trat dann respektvoll einige Schritte zurück, um Granny Gelegenheit zu geben, sich alleine an ihren Sohn zu erinnern.

Sarah Rabb legte eine rote Rose neben die weiße von Mac und streckte langsam die Hand aus, um den Namen "Harmon Rabb senior" zu berühren. Eine Weile hielt sie eine stumme Zwiesprache mit ihrem toten Sohn, dann drehte sie sich wieder zu Mac um und sie gingen zum Auto zurück.

Mac schwieg. Noch eine Seite an der jüngeren Frau, die Granny gefiel. Sie wußte, wann sie etwas sagen mußte und wann es besser war zu schweigen. Außerdem war Sarah Rabb fast etwas überrascht über die Anteilnahme, die sich in Macs braunen Augen spiegelte.

"Sarah, darf ich dich etwas fragen?" brach Granny das Schweigen.

Mac nickte. "Natürlich."

"Du besuchst die Vietnam-Gedenkstätte und legst eine Rose für jemanden nieder, den du überhaupt nicht gekannt hast ..."

Mac schüttelte den Kopf. "Ich habe deinen Sohn nicht persönlich gekannt, das stimmt, aber er ist Harms Vater und sein Ideal und ich denke, in gewisser Weise ist er auch meines. Ich meine, während ich aufwuchs, war mein eigener Vater alles andere als ein Vorbild für mich. Ich habe nie gelernt, was ein normales Familienleben ist," erklärte sie offen, "Als ich dann Harm kennenlernte, dessen ganzes Leben von der Suche nach seinem Vater bestimmt wurde, als ich nach und nach Harm senior aus Harms Erinnerungen kennenlernte, da wurde er auch für mich zur Idealvorstellung eines Vaters. Und dann, nach Rußland, da finde ich es einfach richtig, daß ich ab und zu herkomme und eine Blume niederlege." Mac brach ab. Sie hatte das Gefühl, es nicht angemessen genug erklären zu können.

Granny hatte jedoch verstanden. Sie wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Spätestens jetzt hatte sie Mac unwiderruflich ins Herz geschlossen. Sie hakte sich bei Mac ein und sie gingen Seite an Seite weiter. Mac fühlte sich der alten Dame so nahe, als wäre sie nicht nur Harms, sondern auch ihre eigene Großmutter.

"Jetzt willst du sicher nach Hause, oder? Es war doch recht anstrengend für dich, soviel an einem Tag zu besichtigen." meinte Mac, als sie schließlich im Auto saßen.

"Ja, aber eine Sehenswürdigkeit, auf die du mich neugierig gemacht hast, will ich mir noch ansehen." entschied Sarah Rabb.


0040 Z-Zeit (19:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

"Hallo, Mac, Hallo Granny," begrüßte Harm sie an der Türe, "Na, wie war die Sight-Seeing-Tour?"

"Meine Füße könnten eine der berühmten Rabb-Massagen gebrauchen." stöhnte seine Großmutter, strahlte aber übers ganze Gesicht.

"Zuerst essen wir aber. Ich habe Tortelloni Primavera gekocht." verkündete Harm und deutete zum gedeckten Tisch hinüber.

"Oh." Granny und Mac wechselten einen schuldbewußten Blick.

Harm verschränkte die Arme und hob streng eine Braue. "Nein, sagen Sie mir, daß das nicht wahr ist, Mac! Sie haben meine Großmutter doch nicht in dieses Sodom und Gomorra der gesunden Ernährung geschleppt und ihr dieses tote-Kuh-Zeug zu essen gegeben!"

"Harm, es war ein einziger winziger Burger!" verteidigte sich Mac.

"Die Dinger bestehen aus purem Fett!" meinte Harm kopfschüttelnd.

"Ach? Ich dachte, aus Fett, Stärke, Ketchup und totem Tier?" spottete Mac lächelnd.

"Das und jede Menge Fett!" bestätigte Harm belehrend, "Sie werden nochmal als fette Tonne enden, wenn Sie so weitermachen." Grinsend sah er an Macs schlanker Figur hoch und runter und stellte fest, daß derzeit absolut keine Gefahr bestand.

"Ach, und das sagt der Mann, der sich darüber beschwert, mein T-Shirt sei zu eng!" konterte Mac.

"Harm, laß Sarah in Ruhe, sonst essen wir deine Tortelloni nicht." befahl Granny.

Harm drehte sich zu ihr um. "Na, ihr müßt ja einen tollen Tag gehabt haben." meinte er kopfschüttelnd, aber insgeheim freute er sich darüber, daß Mac und seine Großmutter sich so großartig verstanden.

Mac und die alte Dame sahen sich an und lachten. "Ja, das hatten wir."


1400 Z-Zeit (09:00 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Admiral A.J. Chegwidden stand in seinem Büro am Fenster und hob die Jalousien etwas an, damit er den Parkplatz beobachten konnte. Gerade fuhr Harms SUV auf den Hof. Chegwidden runzelte die Stirn. Dies war nun schon der zweite Tag hintereinander, an dem Rabb absolut pünktlich zur Arbeit kam. Es kam ihm beinahe schon verdächtig vor.

Der Jeep hielt und Harm und Mac stiegen aus. Das war definitiv verdächtig. Auf die beiden würde er wirklich ein Auge haben müssen, nahm sich der Admiral vor. Als Anwalt hatte er gelernt, niemals jemanden ohne ausreichende Beweise zu beschuldigen.


1500 Z-Zeit (10:00 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Chegwidden ging zur Kaffeemaschine, um sich den wohlverdienten Kaffee zu holen. Auf dem Rückweg kam er an Macs Büro vorbei und warf routinemäßig einen Blick hinein. Er stoppte so abrupt, daß der Kaffee überschwappte und ihm die Hand verbrannte. Er zog die Augenbrauen zusammen und betrachtete aus schmalen Augen die zartrosa Rosen auf Macs Schreibtisch. Ein wirklich riesiger Strauß.

Die Bürotüre wurde geöffnet. "Oh, guten Morgen, Sir," sagte Mac etwas überrascht, als sie sich so unvermutet ihrem C.O. gegenüber sah. Sie ging an ihm vorbei ins Harms Büro hinüber, um sich – wie Chegwidden vermutete – für die Blumen zu bedanken.

Obwohl er es vom ersten Tag im Rosengarten an geahnt hatte, fand Chegwidden es recht vermessen, daß die beiden Offiziere sich nicht einmal die Mühe machten, ihre Beziehung vor ihm zu verheimlichen, wenn sie schon nicht offen und ehrlich zu ihm kamen.


1502 Z-Zeit (10:02 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Das ist wirklich sehr nett von Ihrer Großmutter, mir einen so großen Strauß zu schenken, nur weil ich sie ein bißchen durch Washington geführt habe," sagte Mac gerade zu Harm, "aber wieso schickt sie mir die Blumen ins Büro? Sie hätte sie mir doch heute abend selbst geben können."

Harm zuckte mit den breiten Schultern. "Keine Ahnung, Mac. Sie wird sich schon etwas dabei gedacht haben, aber was, das weiß man bei Granny nie so genau." meinte er.


1800 Z-Zeit (13:00 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Chegwidden ging in die kleine Küche hinüber, um sich sein Risotto aufzuwärmen. Er stellte fest, daß Harm und Mac ebenfalls eine kurze Pause eingelegt hatten. Mac nahm eben ihr Essen aus der Mikrowelle und ging grüßend an ihm vorbei. Chegwidden warf einen Blick in die kleine Schüssel. Es sah nach Tortelloni aus.

Harm nickte ihm zu, als auch er zurück zu seinem Büro ging. Ebenfalls mit Tortelloni, stellte Chegwidden fest. Langsam konnte es keinen Zweifel mehr geben. Er würde jetzt noch drei oder vier Tage warten, und wenn sie bis dann nicht in sein Büro gekommen und ein Geständnis abgelegt hatten ...


2340 Z-Zeit (18:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac schloß die Türe auf.

"Nein, etwas weiter links, noch etwas, noch etwas ... okay, stop!" kam Grannys Stimme aus dem Wohnzimmer.

Harm und Mac sahen sich fragend an und betraten das Wohnzimmer. Granny stand in Kommandopose neben Bud und Harriet, die mit hochgekrempelten Ärmeln und roten Köpfen ein klappbares Gesundheitsbett im Wohnzimmer herumschoben.

Harm legte für eine Sekunde die Hand über die Augen. "Granny, was ist das?" verlangte er dann zu wissen.

"Ein Gesundheitsbett. Die Roberts sind so freundlich, es mir zu leihen." erklärte seine Großmutter.

"Das meine ich nicht, Granny. Ich will wissen, wie du auf die Idee kommst, Macs Möbel hier so einfach umzuräumen." Harm sah sie streng an.

"Ist schon in Ordnung, Harm," versicherte Mac, "und noch vielen Dank, für die wunderschönen Rosen, Granny."

Harm starrte sie an. Wie hatte Mac seine Großmutter da gerade genannt??

"Das war doch das Geringste, was ich tun konnte, nachdem du dir soviel Mühe mit mir gegeben hast. Und nachdem du meine Handtasche gerettet hast." Mac und Granny grinsten, während Harm, Bud und Harriet verständnislose Blicke wechselten.

"Bud, langsam beginne ich zu verstehen, wie Sie sich fühlen, wenn Ihre Schwiegermutter zu Besuch ist," sagte Harm zu Bud, "so geht das die ganze Zeit über. Die beiden könnten genauso gut Farsi sprechen." beschwerte er sich, aber in seinen Augen funkelte es amüsiert.

Mac schnupperte. "Was riecht hier so gut?" erkundigte sie sich.

"Ich habe eine Kleinigkeit gekocht und dachte mir, ich lade Harriet und Bob auch dazu ein." erklärte Granny.

Harriet kicherte.

"Bud, Ma’am," korrigierte Bud seufzend, "mein Name ist Bud, nicht Bob."

Granny lachte. "Ich weiß, es sollte nur ein Scherz sein."


0130 Z-Zeit (20:30 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

"Granny, wenn das eine Kleinigkeit gewesen sein soll, dann will ich nicht wissen, wie eine große Portion aussieht." stöhnte Mac und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Zuerst hatte es eine Spargelcremesuppe gegeben, dann gemischten Salat und schließlich einen Krabbencocktail. Der Hauptgang bestand aus Rotbarsch-Filet in Blätterteig und einer Gemüseplatte und zum Dessert gab es Apfelkuchen und Vanille-Eis.

"Ich kann’s nicht glauben, Granny, du hast es tatsächlich geschafft, diesen Marine endlich einmal satt zu bekommen." lobte Harm seine Großmutter grinsend.

Harriet und Bud wechselten amüsierte Blicke. Wenn man den dreien so zuhörte und sah, wie gut sie sich arrangiert hatten, dann könnte man wirklich denken, es mit einer Familie zu tun zu haben.

Zuerst hatte Harm befürchtet, er und Granny würden Mac, die es gewohnt war, allein zu leben und ihre Ruhe zu haben, bald auf die Nerven gehen, aber sie schien durchaus Gefallen an diesem "Familienleben" zu finden. Ihre Laune war blendend, bereits morgens um 5 Uhr, wenn sie ihn zum Joggen aus dem Bett warf. Harm stellte fest, daß er sich selbst daran ohne Probleme gewöhnen könnte.


2025 Z-Zeit (15:25 Uhr EST)
Gerichtssaal des JAG-Hauptquartiers
Falls Church, Virginia

Mac näherte sich langsam dem Zeugenstand und blieb stehen, um dem Zeugen einen intensiven Blick zuzuwerfen.

"Petty Officer Farrington, Sie sind ein Freund des Angeklagten?" erkundigte sie sich und klang noch freundlich.

"Ja, das kann man so sagen, Ma’am." bestätigte der Zeuge in dem Mordprozeß, in dem Harm und Mac die Anklage übernommen hatten.

"Sie waren an dem in Frage stehenden Mittag gemeinsam in der Kantine, ist das richtig?" fragte Mac weiter.

"Ja, Ma’am. Wir haben zusammen gegessen und sind dann gemeinsam auf unsere Posten zurückgekehrt." antwortete der Petty Officer.

"Für die Geschworenen, Petty Officer: Wo befindet sich Ihr Posten?" wollte Mac wissen.

"Ich bin Funkoffizier auf der USS Wake Island, Ma’am." erklärte der junge Mann.

"Und welchen Posten bekleidet der Angeklagte, Petty Officer Martin?" fragte Mac weiter.

Die Verteidigung ließ sie gewähren, schien wohl keinen Sinn in ihren Fragen nach den Posten der beiden Soldaten zu erkennen.

"Joe Martin ist Systemtechniker, Ma’am." kam die Antwort vom Zeugen.

Mac ging zum Tisch der Anklage hinüber und ließ sich von Harm, der ihr kaum merklich zunickte, ein Blatt Papier reichen.

"Euer Ehren, ich habe hier einen Grundriß der USS Wake Island, den ich für eine Demonstration benutzten möchte." wandte sie sich an den Richter.

Richter Morris nickte. "Ich lasse es zu." entschied er.

Mac legte den Grundriß des Schiffes vor den Zeugen und reichte ihm einen Bleistift. "Würden Sie bitte die Punkte markieren, an denen sich der Funkraum und die Systemwartung an Bord der Wake Island befinden." forderte sie ihn auf.

"Einspruch!" kam es von der Verteidigung, "Was hat das räumliche Wissen des Zeugen mit diesem Fall zu tun?"

"Ich beabsichtige gerade, das zu zeigen, Euer Ehren." sagte Mac an Richter Morris gewandt.

Morris bedeutete dem Verteidiger, sich wieder zu setzen. "Der Einspruch ist abgewiesen. Fahren Sie fort." wies er Mac an.

Mac erhielt den Grundriß von Petty Officer Farrington zurück und zeigte ihn dem Richter, den Geschworenen und dem Vertreter der Verteidigung. "Petty Officer Farrington, gemäß Ihrer Skizze liegen der Funkraum und die Systemwartung an zwei entgegengesetzten Punkten des Schiffes. Ist das richtig?"

Der Zeuge nickte widerstrebend. "Ja, Ma’am."

"Das bedeutet also, daß Sie und Petty Officer Martin nicht ZUSAMMEN, wie Sie vorhin sagten, zu ihren Posten zurückgekehrt sind. Der Angeklagte hätte durchaus noch zur Kabine des Opfers gehen und ihm dort den ’Denkzettel‘ verpassen können, den er ihm unter Zeugen angedroht hatte."

Der Verteidiger sprang auf. "Einspruch, Euer Ehren!" rief er aufgebracht, "Die Anklage pflegt Umgang mit unbewiesenen Tatsachen!"

"Stattgegeben." entschied Richter Morris.

"Gut, dann werde ich die Frage anders formulieren. Petty Officer Farrington, was befindet sich zwischen der Kantine und der Systemwartung, in der der Angeklagte arbeitet?" erkundigte sich Mac.

"Ich bin sicher, daß Joe soetwas nie tun ..." setzte der Zeuge an.

"Bitte beantworten Sie meine Frage, Petty Officer! Was befindet sich zwischen Kantine und Systemwartung?" verlangte Mac zu wissen. Ihre braunen Augen blickten zwingend.

Der Zeuge senkte den Blick. "Mannschaftsunterkünfte, Ma’am." gab er zu.

Mac nickte. "Auch die Kabine des Opfers, Seaman Rodriguez?" fragte sie.

Farrington ließ den Kopf hängen. "Ja, Ma’am, " gab er zu, "auch Rodriguez Kabine."

Mac ging zum Tisch der Anklage zurück. "Keine weiteren Fragen an den Zeugen, Euer Ehren."


2205 Z-Zeit (16:05 Uhr EST)
Gerichtssaal des JAG-Hauptquartiers
Falls Church, Virginia

Harm ging vor den Geschworenen auf und ab und machte eine kurze Pause, um seine Worte wirken zu lassen, bevor er mit dem Schlußplädoyer fortfuhr. "Der Angeklagte hat – auch wenn die Verteidigung Sie etwas anderes glauben machen wollte – kein Alibi für die Tatzeit und wir haben einen glaubwürdigen Zeugen gehört, der bezeugen kann, wie der Angeklagte Juan Rodriguez bedrohte. Die Verteidigung möchte Sie glauben machen, es hätte sich dabei nur um einen harmlosen Streit unter Schiffskameraden gehandelt, aber ..." Harm ließ seinen Blick über die Reihe der Geschworenen gleiten, " ... harmlose Streits enden nicht damit, daß einer der Beteiligten tot ist. Petty Officer Martin hatte als einziger sowohl Motiv als auch Gelegenheit für den Mord an Juan Rodriguez und er hat kein Alibi, auch wenn sein Freund, Petty Officer Farrington, aus falsch verstandener Loyalität versucht hat, ihm eines zu verschaffen."

Sarah Rabb, die im Zuschauerbereich saß, hörte nicht mehr zu, was ihr Enkel noch weiter zu sagen hatte, dazu kannte sie sich zu wenig mit Recht und Gesetz aus, aber sie bewunderte das Engagement, mit dem sich Harm seinem Beruf widmete. Sie hatte schon den ganzen Vormittag über immer wieder bemerkt, was für ein tolles Team ihr Enkel und Mac waren. Ihre Argumente, die sie dem Gericht abwechselnd vortrugen, ergänzten sich und sie spielten einander geschickt die "Bälle" zu.

Als der Richter schließlich das Urteil verlas und klar war, daß Harm und Mac gewonnen hatten, war Granny auf die junge Marine-Corps-Offizierin ebenso stolz wie auf ihren leiblichen Enkel. Manchmal konnte sie es kaum glauben, daß sie Mac erst seit 5 Tagen kannte. Granny riß sich zusammen. "Jetzt wirst du wirklich noch sentimental auf deine alten Tage!" tadelte sie sich selbst, "Sag lieber Phil Hallo, sonst denkt der arme Junge noch, du wärst undankbar!"


2329 Z-Zeit (18:29 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.

Sarah Rabb schlang sich einen Seidenschal um den Hals und betrachtete sich prüfend im Spiegel. "Ich weiß nicht recht..."

"Doch, das gelbe, das steht dir, das solltest du nehmen." meinte Mac geduldig, obwohl sie jetzt schon seit einer halben Stunde vor dem Regal mit den Halstüchern standen.

Die Verkäuferin kam zu ihnen herüber. "Ihre Tochter hat Recht, es steht Ihnen vorzüglich." sagte sie lächelnd zu Granny.

Granny schmunzelte. "Oh, danke für das Kompliment, aber sie ist nicht meine Tochter."

"Was? Oh, dann muß ich Ihnen nochmal ein Kompliment machen, Sie sehen fast zu jung aus, um ihre Großmutter zu sein." meinte die Verkäuferin.

Grannys Schmunzeln wurde zum Grinsen. "Ich bin auch nicht ihre Großmutter." berichtigte sie und zwinkerte Mac verschwörerisch zu.

Jetzt schien die Verkäuferin wirklich verblüfft zu sein. Sie hatte den familiären Umgangston zwischen den beiden Kundinnen sofort bemerkt, als sie ihr Geschäft betreten hatten. "Oh! Was sind Sie dann?"

"Tja, wie erkläre ich das? Hoffentlich-zukünftige-Schwieger-Enkelin?" überlegte Granny amüsiert, "Vermutlich würde Sarah mich dann mit dem Halstuch erwürgen." "Sie ist die Freundin meines Enkels." erklärte sie der Verkäuferin.

Die Verkäuferin nickte verstehend. "Ach so."

Granny entschied sich schließlich doch für das gelbe Halstuch und sie verließen das Geschäft wieder. "Granny, ich dachte, wir hätten das geklärt!" sagte Mac vorwurfsvoll, sobald sie draußen waren.

Sarah Rabb wußte sofort, was sie meinte. "Was denn, bist du etwa nicht Harms Freundin?" fragte sie lächelnd.

Mac seufzte. "EINE Freundin, nicht DIE Freundin, Granny!" betonte sie kopfschüttelnd.

"Soviel ich weiß, hat Harm keine anderen weiblichen Freunde, also bist du DIE Freundin." widersprach Granny triumphierend.

Mac rollte mit den Augen. "Rein technisch gesehen schon, aber du weißt doch, wie die meisten Leute das Wort verstehen."

"Die Leute denken, was sie denken wollen. Hauptsache, wir wissen es besser, nicht wahr?" Granny grinste listig.

Mac gab auf. Granny dachte ebenfalls, was sie denken wollte.

Etwas später schloß sie die Türe zu ihrer Wohnung auf und bemühte sich gleichzeitig, zwei Tüten auf ihrem anderen Arm zu balancieren. Suchend sah sie sich nach Harm um. Keine Spur von ihm.

Ein zufrieden klingendes Bellen kam aus dem Wohnzimmer. Mac, erstaunt darüber, daß ihr Hund sie nicht sofort begrüßte, ging nachsehen.

Harm lag der Länge nach auf dem Boden und kraulte dem alten Hund neben sich das Fell.

"Ja, so hab ich mir das gedacht! Sie versuchen doch nicht etwa, mir meinen Hund zu entfremden?" fragte Mac mit gespielter Strenge. Jingo sprang auf und lief zu Mac hinüber, um sie überschwenglich zu begrüßen.

"Nur, wenn Sie mir meine Großmutter entfremden wollen." erwiderte Harm grinsend und erhob sich.

"Ich versuche wenigstens nicht, sie mit Hundeknochen zu bestechen." entgegnete Mac.

"Nein, Sie füttern sie mit Hot Dogs und Beltway Burgern, das ist schlimmer!" warf Harm ihr scherzhaft vor.

"Ich hab euch beiden schon mal gesagt, ihr sollt nicht über mich sprechen, als ob ich ein Haustier wäre!" rief Granny aus der Küche.

Harm und Mac lachten und gingen zu ihr hinüber.


2110 Z-Zeit (21:10 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Granny saß in einem bequemen Sessel, die Füße hochgelegt und eine Decke um sich herum, in die Harm sie fürsorglich gehüllt hatte. In der Hand hielt sie eine Tasse heiße Milch, die Mac ihr eben gebracht hatte. Schmunzelnd ließ sie es sich gefallen, wie die beiden sie verwöhnten. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder zum Fernseher, wo gerade das Video begann, das sie für heute abend besorgt hatten.

"Jurassic Park!" stöhnte Harm, "Ich hätte es wissen müssen."

"Hey, das war nicht meine Idee, das hat Ihre Großmutter ausgesucht!" verteidigte sich Mac.

"Sehen Sie, genau das hab ich mit Entfremdung gemeint." erklärte Harm vorwurfsvoll, grinste aber.

"Ruhe, ihr beiden!" befahl Granny, noch bevor Mac antworten konnte, "Ich hab für den Film bezahlt und nicht für euer Gezanke." Jedoch schielte sie, statt auf den Bildschirm zu blicken, zu Harm und Mac hinüber, die auf dem Sofa saßen - an gegenüberliegenden Enden. "Jetzt könnte man es fast bedauern, daß Sarah ein Marine ist," überlegte die alte Dame, "Ich glaube nicht, daß sie Harm bei der erstbesten gruseligen Szene auf den Schoß springen wird." Granny lächelte in sich hinein bei dem Gedanken.

Etwa in der Hälfte des Filmes sah sie erneut zu ihrem Enkel und Mac hinüber. "Na bitte." murmelte sie zufrieden. Harm und Mac, müde von einem langen Tag im Gericht, waren beide eingeschlafen. Harms lange Beine ragten über das Ende der Couch hinaus, sein einer Arm hing über der Lehne und der andere hatte sich im Schlaf um Macs Schulter geschlungen, die ihrerseits mit dem Kopf gegen seine Schulter gesunken war.

Granny schaltete den Fernseher aus, breitete die Decke über den beiden aus und löschte das Licht, um im Dunkeln leise zu ihrem Gesundheitsbett hinüber zu gehen.


0444 Z-Zeit (23:34 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac erwachte abrupt, als jemand sie hochhob. Um sie herum war alles dunkel und sie wußte nicht, was los war. Reflexhaft stieß sie mit dem Ellenbogen zu.

"Autsch, Mac, ich bin’s nur, Harm! Bitte lassen Sie mich leben, ja, ich bringe Sie nur ins Bett." erklang Harms gedämpfte Stimme in der Dunkelheit.

"Oh, ich muß eingeschlafen sein. Lassen Sie mich runter!" befahl Mac, jetzt weniger schläfrig.

"Zu spät, wir sind schon da," erwiderte Harm und ließ sie auf ihre Hälfte des Bettes sinken, "Macht 10 Dollar und 50 Cent."

"Ich zieh’s von Ihrer Miete ab." meinte Mac, kuschelte sich in ihre Decke und war schon wieder eingeschlafen.

"Gute Nacht, Marine." murmelte Harm, bevor auch er sich wieder hinlegte.


0921 Z-Zeit (04:21 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Barfuß und in Dunkeln tapste Mac in die Küche hinaus und öffnete den Kühlschrank, um sich ein Glas Mineralwasser zu holen.

"Kannst du nicht schlafen?" fragte eine Stimme hinter ihr.

Mac ließ um ein Haar die Flasche fallen und wirbelte herum. Vor ihr stand Granny im weißen Großmutter-Nachthemd. "Uff, meine Güte, hast du mich erschreckt." Mac atmete tief durch. Sie mußte sich erst noch daran gewöhnen, jemandem zu begegnen, wenn sie mitten in der Nacht zum Kühlschrank ging oder wenn sie morgens aufstand. Seit ihre Mutter sie verlassen hatte, hatte es in ihrem Elternhaus kein richtiges Familienleben mehr gegeben und auch sonst hatte sie nie wirklich mit jemandem zusammengelebt. Nicht mit Dalton und nicht mit Mic, nicht einmal Chris konnte man richtig zählen, denn sie waren nur 5 Monate verheiratet gewesen und hatten sich kaum zuhause aufgehalten. Höchstens vielleicht, wenn Mac ihren "Rausch ausschlafen" mußte.

Die letzten fünf Tage waren daher eine völlig neue Erfahrung für Mac gewesen. Jeden Morgen waren sie und Harm zusammen joggen gewesen, dann frühstückten sie mit Granny und fuhren ins Büro. Abends hatten sie meistens gekocht, sie aßen zusammen, gingen mit Jingo spazieren, arbeiteten an einem Fall oder sahen sich einen Film an. Mac stellte plötzlich fest, daß sie soetwas weder mit Chris, noch mit Dalton oder Mic getan hatte. Mit ihnen war sie nur selten in den eigenen vier Wänden geblieben.

"Kannst du nicht schlafen?" wiederholt Granny ihre Frage und unterbracht damit Macs Gedanken.

"Ich brauche nicht sehr viel Schlaf und da ich schon den halben Film verschlafen habe, bin ich jetzt hellwach." erklärte Mac.

Sie setzten sich an den Küchentisch und Mac holte Kekse aus dem Schrank und schenkte ihnen Mineralwasser ein.

"Sarah, ich glaube, ich hab mich noch gar nicht richtig bei dir bedankt," sagte die alte Frau plötzlich, "Ich meine dafür, daß du uns bei dir wohnen läßt, solange Harms Apartment noch trockengelegt wird."

Mac winkte ab. "Das ist doch selbstverständlich. Ihr seid hier willkommen, solange ihr wollt." versicherte sie freundlich.

Granny lächelte. "Es ist wirklich schön, mal wieder jemanden um sich herum zu haben und für jemanden kochen zu können, anstatt alleine am Tisch zu sitzen. Auf der Farm lebe ich die meiste Zeit über alleine." erklärte Harms Großmutter.

"Auch wenn sie vielleicht nicht immer da ist, du hast trotzdem eine Familie, die dich liebt." sagte Mac leise.

Granny legte ihren Keks weg und griff nach Macs Hand. "Meine Familie ist auch deine Familie, weißt du denn das nicht?"

Im Gang räusperte sich jemand. "Ist das eine Privatparty oder bekomme ich auch einen Keks?" fragte Harm lächelnd, aber seine Augen fragten etwas völlig anderes.

"Alles in Ordnung mit ihr." signalisierte Granny wortlos.

"Ähm, Mac, wir müssen heute nicht joggen gehen, wenn Sie nicht wollen." sagte Harm, nachdem eine Stunde später der letzte Keks gegessen war.

"Das hätten Sie wohl gerne, Flyboy, los marsch, Sie wissen, wo das T-Shirt liegt!" befahl Mac.

"Hey, ihr beiden," hielt Granny sie zurück, als sie lachend die Küche verlassen wollten, "findet ihr es nicht irgendwie seltsam, daß sich hier alle duzen, während nur ihr beide bei dem steifen Sie bleibt?"

"Das ist doch etwas ganz Anderes, Granny." protestierte Mac.

"Du arbeitest ja auch nicht mit Mac zusammen," wandte auch Harm ein, "Der Admiral wäre nicht besonders begeistert von solchen Vertraulichkeiten zwischen seinen Untergebenen."

"Ach ja? Soviel ich weiß, sind zwei seiner Untergebenen sogar verheiratet ... wenn das keine Vertraulichkeit ist..." widersprach Granny schmunzelnd.

"Wir sind das eben einfach so gewohnt, okay, Granny?" teilte Harm ihr mit.

"Es wäre einfach zu schwierig, vor Gericht oder in Meetings immer umdenken zu müssen." stimmte Mac zu.

Granny gab auf. "Wahrscheinlich werden die beiden sich noch am Tag ihrer Hochzeit siezen!" dachte sie kopfschüttelnd.


1210 Z-Zeit (07:10 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Als Mac aus dem Badezimmer kam, fand sie Granny beim Staubwischen vor. "Granny, das brauchst du doch wirklich nicht zu tun." protestierte sie.

"Ich kann doch nicht untätig rumsitzen, während du meinen armen Enkel durch halb Georgetown hetzt." meinte Granny lächelnd.

"Hey, das habe ich gehört, für dich gibt’s keine Pfannkuchen heute!" rief Harm, als er ins Badezimmer ging.

"Erinnere dich bitte daran, wer dir das Kochen überhaupt erst beigebracht hat, Harmon Rabb junior!" gab seine Großmutter zurück und widmete sich wieder dem Staubwischen, während Harm im Bad verschwand. Granny nahm ein Bild vom Regal, das offensichtlich auf einem Ball aufgenommen worden war. "Ist das Renee?" fragte Granny und deutete auf die dunkelblonde Frau neben Harm. Sie hatte Harms letzte Freundin nie kennengelernt.

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, das ist Jordan Parker."

"Oh." Granny stellte das Bild wieder hin, sah es aber weiterhin an. "Hast du gewußt, daß Harm der erste männliche Rabb in den letzten drei Generationen ist, der seinen 35. Geburtstag erlebt?" fragte sie plötzlich unerwartet, "Mein Mann war 31, als er starb und Harms Vater war 29 als er abgeschossen wurde."

Mac sah sie aufmerksam an, sagte aber nichts. Sie spürte, daß sie jetzt warten mußte, was Granny ihr zu sagen hatte.

Sarah Rabb sah zur Badezimmertüre hinüber, hinter der man gerade hörte, wie die Dusche angestellt wurde. "Das ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum der Junge ... wieso Harm ... Er kennt von seinen Eltern und aus meinen Erzählungen nur das absolute Glück, das perfekte Eheleben. Ich und Trish, wir waren beide noch nicht sehr lange verheiratet, als unsere Männer starben und so hat Harm nur die Harmonie kennengelernt, die zwischen neuverheirateten Paaren eben so herrscht. Als er in seinen eigenen Beziehungen dann völlig andere Erfahrungen machte ..." Granny sah wieder auf das Foto.

Mac erinnerte sich, was Harm einmal zu Bud gesagt hatte: "Es kann nicht immer alles klasse laufen, mit keiner Frau. Sie können von Glück sagen, wenn es 5 Tage pro Monat gutgeht."

Granny wandte den Blick von dem gerahmten Foto ab und sah Mac an. " ... da hat er sich wohl auf kurzfristige Beziehungen festgelegt. Vermutlich hat er Angst, ein solches perfektes Glück zu finden und es dann langsam zerstört zu sehen."

Mac fragte sich stirnrunzelnd, wieso Granny ihr das so völlig aus heiterem Himmel heraus erzählte. Bevor sie zu einer Antwort kam, trat Harm aus dem Badezimmer und Granny ging zum nächsten Regal, um auch dort Staub zu wischen.

Mac folgte Harm in die Küche und schloß die Türe hinter sich. "Kann ich mal einen Moment mit Ihnen sprechen, Harm?"

Harm drehte sich etwas überrascht zu ihr um. "Klar, was ist denn los, Mac? Irgendetwas nicht in Ordnung?" fragte er besorgt.

"Vielleicht können Sie mir das ja sagen." meinte Mac.

"Vielleicht – wenn ich wüßte, um was es überhaupt geht." entgegnete Harm erwartungsvoll und sah sie fragend an.


1240 Z-Zeit (07:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Granny hatte ihre haushalterischen Tätigkeiten jetzt beendet und wunderte sich ein wenig, daß Harm sie noch nicht zum Frühstück gerufen hatte. Harm und Mac mußten in Kürze Richtung Falls Church aufbrechen und normalerweise achtete Mac sehr darauf, daß sie pünktlich aus dem Haus kamen.

Aber statt dem Duft nach Pfannkuchen oder Rühreiern drangen nur zwei aufgebrachte Stimmen aus der Küche. Granny trat stirnrunzelnd näher.

"... wirklich froh, wenn Sie endlich wieder weg sind, Commander!" fauchte Macs aufgebrachte Stimme.

"Ha, und ich erst, das können Sie mir glauben!" schrie Harm zurück.

"Ach ja? Es hält Sie keiner auf, am allerwenigsten ich!" knurrte Mac.

Die Küchentüre wurde aufgerissen und Harm stürmte wütend an seiner erschrocken dastehenden Großmutter vorbei, ohne sie zu beachten.

Eine Sekunde später wurde die Türe wieder zugeschlagen, von einer nicht minder wütenden Mac, die ebenfalls an Granny vorbeilief und aussah, als würde sie jeden erschießen, der es wagte, sie anzusprechen.

Kurze Zeit später hörte Granny sie vom Hof fahren – in getrennten Autos. Granny verstand die Welt nicht mehr. Hatte sie es zuweit getrieben?


0050 Z-Zeit (19:50 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac legte das Buch weg, als es klingelte. Das war sicher Granny, die gerade zum Gemüsehändler gegenüber gegangen war, um noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Ein wenig schäbig kam Mac sich ja schon vor, daß sie und Harm der alten Dame seit nunmehr zwei Tagen einen Streit nach dem anderen vorspielten, aber sie sagte sich, daß dies der einzige Weg war, Granny keine falschen Hoffnungen zu machen. Harm und Mac hatten beide zu argwöhnen begonnen, daß Granny sie verkuppeln wollte. Harm nahm an, daß ihre Rückenschmerzen von zu weichen Matratzen zuhause sofort kuriert sein würden und hätte er seine Großmutter nicht besser gekannt, hätte er sogar fast glauben können, daß sie seine Wohnung absichtlich unter Wasser gesetzt hatte.

Morgen konnten Harm und Granny wieder zurück in Harms Wohnung ziehen. Mac wußte noch immer nicht so recht, ob sie erleichtert oder traurig darüber sein sollte, daß diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft sich nun auflöste.

Es klingelte erneut. "Ich geh schon!" rief Mac zum Schlafzimmer hinüber, wo Harm sich gerade umzog. Sie öffnete die Türe, doch statt Granny stand plötzlich Admiral A.J. Chegwidden vor ihr. "Oh, Admiral ... guten Abend, Sir." stotterte sie völlig untypisch.

"Guten Abend, Lt. Colonel," grüßte Chegwidden mit einem Kopfnicken, "tut mir leid, daß ich Sie zuhause störe, aber ich brauche dringend die Benson-Akte, Petty Officer Tiner ist da ein Fehler passiert, der schnellstens korrigiert werden muß. Ich habe versucht, Commander Rabb zu erreichen, aber bei ihm zuhause hat niemand geöffnet, also hab ich gehofft, Sie hätten die Akte."

"Oh, ja, Sir, die habe ich. Kommen Sie doch einen Moment rein, während ich sie hole." forderte Mac ihn höflich auf, während sie die Tür räumte, so daß ihr C.O. eintreten konnte.

Mac ging zu ihrem Schreibtisch hinüber und schob auf dem Weg schnell einen von Harms Joggingschuhen unter die Couch. Der andere war nirgendwo zu sehen und sie hoffte, daß das auch so blieb. Unauffällig – so hoffte sie jedenfalls – ließ sie Harms Aktenkoffer hinter dem Schreibtisch verschwinden und gab der 8kg-Hantel ihres Partners einen Tritt, so daß sie hinter den Korbsessel rollte.

Chegwidden folgte ihr ins Wohnzimmer und sah sich um, während Mac begann, hastig in ihren Unterlagen auf dem Schreibtisch zu wühlen. Wo war diese verdammte Akte?

Chegwidden sah mit einem Blick, daß es länger dauern würde und setzte sich in einen der Sessel. Etwas quietschte und Mac sah erschrocken auf. Erleichtert sah sie, daß der Admiral nur eines von Jingos Gummi-Tieren hervorzog. Dann jedoch nahm Chegwidden ein Buch vom Tisch und fragte stirnrunzelnd: "DAS lesen Sie?"

"Ähm, ja, Sir." antwortete Mac schluckend, ohne eine Ahnung zu haben, um was es in dem Buch überhaupt ging – es gehörte Harm, aber das konnte sie dem Admiral wohl kaum erklären, ohne ihn auf einen falschen Verdacht zu bringen.

"Die Geschichte der Fliegerei von 1900 bis heute?" las Chegwidden zweifelnd den Titel vor.

"Ja, Sir," bestätigte Mac mit Unschuldsmiene, "Ich muß mich auf dem laufenden halten, um nicht hinter Commander Rabb zurückzubleiben."

"Aha." Chegwidden schien beruhigt zu sein – zumindest hoffte Mac das.

Jingo kam aus der Küche gelaufen, legte etwas vor Chegwidden ab und sah ihn auffordernd an. Mac, die noch immer nach der Akte suchte, war froh, daß ihr Hund den Admiral etwas ablenkte. Sie durfte gar nicht daran denken, was geschehen konnte, wenn Chegwidden ins Badezimmer gehen und Harms Rasierzeug zwischen ihrer Hautcreme und Grannys Zahnhaftmittel finden würde. Ihre Erleichterung hielt jedoch nur solange an, bis sie entdeckte, was Jingo ihrem Vorgesetzten da gebracht hatte. Chegwidden bückte sich und hob den zweiten von Harms Turnschuhen hoch. Kritisch begutachtete er den Schuh, der Mac mindestens vier oder fünf Nummern zu groß war.

Chegwidden erinnerte sich plötzlich wieder an den Anblick neulich morgen: Harm in einem zu kleinen Marine-Corps-T-Shirt. Außerdem war ihm aufgefallen, daß Harm und Mac in den letzten 5 oder 6 Tagen immer zur selben Zeit kamen und gingen, oft sogar mit einem Auto fuhren. Einmal hatte er sogar gehört, wie sie gemeinsam planten, was es zum Abendessen geben sollte. Chegwidden hielt den Schuh in die Höhe und sah Mac scharf an.

"Sir, ich kann das erklären..." begann Mac, ohne zu wissen, wie sie das anstellen sollte.

Harm kam aus dem Schlafzimmer, in Jeans und T-Shirt, mit feuchtem Haar und einem Handtuch um die Schultern. "Mac, wo ist ..." Er brach ab, als er erkannte, wer da im Wohnzimmer saß und seinen Jogging-Schuh in der Hand hielt.

Chegwiddens Blick richtete sich durchbohrend auf Mac. "Ich bin sicher, dann können Sie auch das erklären!" knurrte er und deutete mit dem Daumen auf Harm.

Macs Hände krampften sich um die Benson-Akte, die sie endlich gefunden hatte.

"Admiral, es ist nicht so, wie es vielleicht aussieht," kam Harm seiner Partnerin zur Hilfe, "Sie sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen, Sir."

"Voreilige Schlüsse!" wiederholte der Admiral mit seidenweicher Stimme – wer ihn kannte, wußte, daß es gerade dann gefährlich wurde, wenn er so trügerisch sanft war, "Commander, nach all dem, was ich in den letzten Tagen beobachtet habe, ist garantiert nichts voreiliges an meinen Schlüssen!"

Es klingelte erneut. "Granny." dachte Mac, erleichtert, weil diese das ganze Mißverständnis aufklären konnte. Aber als sie die Türe öffnete, war es ein aufgeregter Petty Officer Jason Tiner, der ein Handy in der Hand hielt.

"Admiral, der Marine-Minister will wissen, was jetzt mit der Benson-Akte ist." erklärte er und grüßte etwas verwundert zu Harm und Mac hinüber.

Mit grimmigem Gesichtsausdruck nahm Chegwidden Mac die Akte aus der Hand. "Ich komme," sagte er zu Tiner und folgte ihm zur Tür. Dann drehte er sich nochmal zu Harm und Mac um, "Wir drei sprechen uns morgen!"

Zwei Minuten später kam Granny zurück und wunderte sich über das betretene Schweigen, das im Wohnzimmer herrschte. Sogar Jingo wirkte ein wenig eingeschüchtert. Sie fragte sich, ob ihr Enkel und Mac sich wieder gestritten hatten, aber sie wußte, daß sie keine Antwort erhalten würde.


1358 Z-Zeit (08:58 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Ruhig, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, betraten Harm und Mac das JAG-Hauptquartier. Heute waren sie sogar in getrennten Autos gefahren, aber sie wußten, daß ihnen das kaum noch helfen konnte. Tatsächlich waren sie nicht einmal bis zu ihren jeweiligen Büros gekommen, als sich die Türe zum Büro des Admirals öffnete und Chegwidden streng rief: "Rabb, MacKenzie, in mein Büro, sofort!"

Harm und Mac wechselten einen raschen Blick, bevor sie sich in Bewegung setzten. Bud kam gerade herein und hatte Chegwiddens Befehl gehört. "Guten Morgen, Sir, Ma’am," grüßte er mit großen Augen, "Gibt es eine Krise?"

Mac schnaubte und nagte an ihrer Lippe. "In nächster Zukunft, Bud, in nächster Zukunft." seufzte sie.

"Hat der Admiral etwas davon gesagt, daß ich auch kommen soll?" fragte Bud verwundert über diese seltsame Auskunft.

"Nein, Bud, hat er nicht," antwortete Harm, "und ich bezweifle, daß Sie in den nächsten 10 Minuten innerhalb der Reichweite des Admirals sein möchten. Außerdem benötigen wir einen weiteren Ohrenzeugen etwa so nötig wie ..." Harm fand nicht den passenden Vergleich und brach ab.

"Wie ein Kamel Hosen." beendete Mac den Satz. Sie und Harm standen inzwischen vor dem Schreibtisch von Petty Officer Tiner, der ihnen bedeutete, gleich einzutreten. Mac schluckte. In solchen Situationen erinnerte sie sich immer automatisch an die Abmahnung vom Admiral, die auf ihre Artikel-32-Anhörung gefolgt war. Dieses Gespräch würde sie nie im Leben vergessen.

Harm sah sie aufmunternd an, denn er ahnte, was ihr durch den Kopf ging. "Mac, ich habe Ihnen das eingebrockt und ich werde dafür geradestehen." versicherte er.

"Wir stecken da gemeinsam drin, Harm." widersprach Mac.

"Okay," stimmte Harm lächelnd zu, "eigentlich müßten wir das ja schnell aufgeklärt haben."

Sie klopften, traten ein und bauten sich in vorbildlicher militärischer Haltung vor dem Schreibtisch des Admirals auf.

A.J. Chegwidden stand am Fenster. Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick. Es war kein gutes Zeichen, wenn der JAG nicht in seinem Sessel saß. Jetzt drehte er sich langsam zu ihnen um und fixierte sie scharf. "So, und nun erklären Sie mir bitte mal, warum Sie hinter meinem Rücken eine Beziehung beginnen!" knurrte er unwirsch.

Harm hob die Hand und öffnete den Mund, aber Chegwidden ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen. "Habe ich Ihnen etwa zu sprechen erlaubt, Commander?" schnauzte er ihn an, "Ich bin noch nicht fertig! Sie wohnen im selben Haus, Sie kommen zur selben Zeit hier im Büro an, Sie bringen dasselbe Essen zum Lunch mit und wagen Sie es bloß nicht, mir weismachen zu wollen, das wäre reiner Zufall!"

"Nein, Sir, das wollen wir ja gar nicht, aber ..." setzte Mac zur Verteidigung an.

"Und dann dieses T-Shirt!" brüllte Chegwidden weiter, als hätte sie gar nichts gesagt, "Commander, Sie hätten wenigstens soviel Anstand besitzen können, Ihr eigenes T-Shirt mitzubringen, wenn Sie schon bei Colonel MacKenzie übernachten! Wissen Sie, was passiert wäre, wenn der Marine-Minister es vor mir erfahren hätte?!"

"Sir, es ist überhaupt nichts geschehen zwischen uns," schaffte es Mac, endlich zu sagen, "ich schwöre Ihnen..."

"Alles Schwören nützt Ihnen nichts, wir sind hier nicht vor Gericht!" knurrte Chegwidden, "Zu Ihrem Glück, übrigens!"

"Admiral," versuchte Mac es nochmal, "habe ich Sie je belogen?" Sie bemerkte sofort, daß dies das falsche Argument gewesen war.

Chegwidden entgegnete nichts, aber das brauchte er auch gar nicht, denn sein Blick sagte genug. "Und Sie, Commander, öffnen besser gar nicht erst den Mund," warnte Chegwidden Harm, "oder muß ich Sie an Victor Lushov und den angeblichen Besuch bei Ihrer Mutter erinnern?"

Harm schluckte herunter, was er hatte sagen wollen.

"Ich bin enttäuscht von Ihnen, maßlos enttäuscht, von allen beiden! Nicht darüber, daß Sie eine Beziehung begonnen haben, denn das habe ich von Anfang an geahnt. Nein, was mich enttäuscht hat, ist, daß Sie nicht den Mumm hatten, zu mir zu kommen und mir das zu sagen! Verdammt, ich muß die Konsequenzen genauso tragen wie Sie, ist Ihnen das nicht klar?"

"Sir..." versuchte es Mac erneut.

"Admiral, bitte lassen Sie mich das erklären. Es ist alles meine Schuld, Colonel MacKenzie hat nichts damit zu tun." beteuerte Harm.

"Oh, das ist mir neu, Commander! Meines Wissens nach führt man eine Beziehung immer noch zu zweit! Und wenn Sie damit meinen sollten, Sie hätten den Colonel dazu überredet, es geheimzuhalten – das ist mir vollkommen egal!" Die letzten Worte schrie Chegwidden.

"Was zum Teufel ist denn so schwer daran gewesen, einfach hier reinzukommen und mir zu sagen, daß Sie zusammengezogen sind, hm? Glauben Sie etwa, ich hätte Ihnen den Kopf abgerissen?" knirschte der Admiral sauer.

Nach dem Donnerwetter, das soeben über sie hergebrochen war, glaubten Harm und Mac das allerdings.

Chegwidden war nun endlich ruhig genug, sich hinter seinen Schreibtisch zu setzen. Harm wollte die Gelegenheit nutzen, um das Mißverständnis endlich aufzuklären, aber der Admiral hob warnend die Hand. "Stellen Sie meine Geduld besser nicht auf die Probe, Commander!" sagte er grimmig. Er sah zwischen Harm und Mac hin und her. "Sie hatten verdammtes Glück, daß der Marine-Minister gestern, nachdem die Benson-Akte endlich berichtigt wurde, so gute Laune hatte! Und Sie hatten noch größeres Glück, daß ich mich in einem Anfall von heldenmütigem Wahnsinn für Sie eingesetzt habe. Wenn Sie Ihren Beziehungsstreß zuhause austragen und sich nicht mitten im Gerichtssaal in die Arme sinken, dürfen Sie weiterhin zusammen arbeiten." erklärte Chegwidden ruppig.

Harm und Mac sahen ihn mit großen Augen an.

Chegwidden, der ihr Erstaunen wohl falsch deutete, brummte: "Ja, wie Sie sehen hatte der Marine-Minister gestern wirklich seinen großzügigen Tag. Oder er hat sich einfach nur gedacht, daß Sie beide einander verdienen!" fügte er ironisch hinzu.

"Sir, ich bin lediglich zu Colonel MacKenzie gezogen, weil ..." begann Harm zu erklären, aber ihr C.O. ließ ihn einfach nicht zu Wort kommen. Das war Harmon Rabb junior, dem großen Anwalt, noch nie passiert.

"Ersparen Sie mir besser die Details." meinte Chegwidden abwehrend. Er atmete tief durch. "Also, herzlichen Glückwunsch, trotz allem," sagte er schließlich, "und denken Sie daran, sich mit Ihren Zuneigungsbeweisen in meinem Hauptquartier zurückzuhalten," Er mußte zugeben, daß Harm und Mac sich zumindest in diesem Bereich in den letzten Tagen recht professionell verhalten hatten, "Verstanden?"

"Admiral, bitte darf ich..." begann Mac.

"Verstanden?" fragte Chegwidden lauter.

"Verstanden." bestätigten Harm und Mac widerwillig.

Chegwidden nickte zufrieden. "Sie können gehen."

Harm und Mac rührten sich nicht von der Stelle. "Admiral, das ist alles ein riesiges Mißverständnis, bitte lassen Sie uns das erklären." bat Mac.

"Ich sagte: Sie können gehen! Tun Sie das lieber, bevor ich es mir noch anders überlege!" A.J. Chegwidden konnte es nicht fassen, daß seine beiden Offiziere ihr Glück so herausforderten. Nach seinem Gespräch mit dem Marine-Minister war er wirklich nicht in der Laune, noch weiter über das Thema zu diskutieren, auch nicht mit den beiden Hauptbeteiligten. "Wegtreten!"

Harm und Mac sahen, daß der Admiral am Ende seiner Geduld war und gehorchten.

"Noch was, Commander, Colonel," rief Admiral Chegwidden ihnen nach, "von Ihrer Hochzeit und der Taufe Ihrer Kinder möchte ich früher erfahren, klar!"


1420 Z-Zeit (09:20 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm und Mac standen fassungslos vor Chegwiddens Büro und sahen sich kopfschüttelnd an.

Bud näherte sich besorgt, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte. "Sir, Ma’am, alles in Ordnung? Was hat der Admiral denn gesagt? Was ist denn passiert?"

Harm sah ihn an, als erwache er gerade aus einem Traum. "Ich glaube, wir sind soeben verlobt worden." murmelte er noch immer etwas betäubt.

Jetzt war es an Bud, fassungslos dreinzublicken. "Verlobt? Sie und Colonel MacKenzie, Sir?" vergewisserte er sich mit großen Augen.

Harm und Mac nickten nur.

"Wow! Das ist ja großartig, meine Glückwünsche ... das muß ich sofort Harriet erzählen!" rief Bud und eilte davon, bevor Harm oder Mac ihn aufhalten konnten.

Harm und Mac sahen sich an und stöhnten. "Oh man, wie kommen wir aus diesem ganzen Schlamassel bloß wieder raus?" murmelte Mac.

Harm legte ihr aufmunternd die Hand auf die Schulter. "Das schaffen wir schon irgendwie." meinte er.

A.J. Chegwidden kam aus seinem Büro. "Commander, was habe ich Ihnen eben über Zuneigungsgesten in meinem Hauptquartier erzählt?" fragte er streng, betrachtete das junge Paar aber mit einem gewissen Wohlwollen.

Harm sah ihn für eine Sekunde verständnislos an, bevor er bemerkte, daß seine Hand noch immer auf Macs Schulter ruhte. Rasch zog er die Hand zurück. "Oh man!"


23450 Z-Zeit (18:45 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac öffnete die Wohnungstüre und sie traten schweigend ein. Heute gab es kein Scherzen und nicht einmal einen gestellten Streit für Granny, dazu waren sie einfach zu erledigt. Den ganzen Tag über mußten sie immer wieder die Glückwünsche ihrer Kollegen entgegennehmen. Irgendwann hatten sie es dann aufgegeben, ihre Beziehung abzustreiten und das Mißverständnis aufklären zu wollen. Es schien ihnen einfach niemand zu glauben.

Granny kam aus der Küche. "Hallo, ihr beiden," begrüßte sie die Heimkehrenden überschwenglich, "Na, wie war ..." Sie brach ab, "Was ist denn mit euch beiden los?" Verwundert sah sie von Harm zu Mac und wieder zurück.

"Wir haben uns verlobt." brummte Harm, am Ende mit seiner Geduld.

"Oh, das erklärt natürlich diese Begeisterung," meinte Granny kopfschüttelnd, "Kommt schon, im Ernst, was ist passiert? Habt ihr euch wieder gestritten?"

"Wir streiten uns nicht." sagte Mac, genauso geschafft wie Harm.

"Das hab ich bemerkt!" kommentierte Granny ironisch.

"Das war nur Show, extra für dich, damit du endlich aufhörst, uns verkuppeln zu wollen." erklärte Harm.

"Oh, ihr habt mich wirklich reingelegt. Schön, wenn Anwälte so lügen können," bemerkte Granny grinsend, "Aber was ist dann mit euch los?"

"Wir haben uns verlobt." wiederholte Mac.

"Jedenfalls glauben das unser Vorgesetzter, der Marine-Minister und sämtliche unserer Kollegen." fügte Harm hinzu.

"Wie kommen die denn auf diese absurde Idee?" fragte Granny und grinste ironisch.

Harm und Mac antworteten nicht. "Irgendwelche Vorschläge, wie wir das Mißverständnis aus der Welt schaffen können? Was sollen wir jetzt tun?" erkundigte sich Harm.

Granny schmunzelte. "Na, jetzt habt ihr jedenfalls nicht mehr die Ausrede, daß ihr wegen der Vorschriften keine Beziehung beginnen könnt." meinte sie lächelnd.

"Das war keine Ausrede," betonte Mac, "Der UCMJ ..."

"Schön, dann fällt der GRUND, daß die Vorschriften es verbieten, eben weg. Was ist es also, was euch noch davon abhält? Und sagt mir jetzt nicht, ihr hättet kein Interesse aneinander. Das kannst du deiner Großmutter erzählen." Granny zwinkert Harm zu, "falls sie senil genug wäre, es zu glauben. Ich habe jetzt eine Woche lang mit euch beiden unter einem Dach gelebt und ich weiß Bescheid. Ich sehe all die kleinen Gesten, all die tausend winzigen Kleinigkeiten, die euch verbinden und die jedem Außenseiter völlig unbedeutend erscheinen würden, all die Scherze, über die nur ihr allein lachen könnt und all die bitteren Momente, die ihr geteilt habt. Also sagt mir nicht, ihr hättet kein Interesse aneinander."

"Granny, wir sind nur Freunde." antworteten Harm und Mac gleichzeitig.

"Kein Wunder, daß euch niemand glaubt – bei den lahmen Ausreden!" meinte Granny lächelnd.

Mac verdrehte die Augen und Harm schüttelte in stummer Verzweiflung den Kopf. Da standen sie, zwei der besten Anwälte Washingtons, und sie waren nicht in der Lage, eine alte Frau davon zu überzeugen, daß sie nicht das Traumpaar des Jahrhunderts waren. "Ich glaube, ich hätte Pilot bleiben sollen!" murmelte Harm mit einem schwachen Grinsen.


0920 Z-Zeit (04:20 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac lag im Bett und konnte nicht schlafen. In ihrer Wohnung war es viel zu still, nachdem Harm und Granny "ausgezogen" waren. Selbst der Beltway Burger, den sie sich zum Abendessen gegönnt hatte, hatte ihr nicht so gut geschmeckt wie sonst, jetzt, wo niemand sie mehr deswegen aufzog.

Mac mußte unwillkürlich an das denken, was Granny gesagt hatte: Die tausend winzigen Kleinigkeiten, die sie und Harm verbanden und die jedem Außenseiter völlig unbedeutend erscheinen würden, all die Scherze, über die nur sie allein lachen konnten. Beltway Burger und fleischlose Fleischklöße. Macs Zeitangaben und Harms kleine Verspätungen. Goldene Aviator-Wings und weiße Gala-Uniformen.

Mac wälzte sich ein weiteres Mal herum und kraulte den friedlich schlafenden Jingo eine Weile. Sie konnte noch immer nicht schlafen und das ärgerte sie. "Vermutlich fühle ich mich einfach nur ein wenig einsam und werde bald anfangen, Selbstgespräche zu führen," murmelte sie vor sich hin, "na prima, ich bin ja schon mitten dabei!" fiel ihr dann auf. Schließlich sagte sie sich jedoch, daß sie nicht einfach nur einsam war – Dalton oder Mic hatte sie nie so vermißt.

Mac drehte sich erneut um und als sie sah, daß es draußen langsam zu dämmern begann, stand sie auf, um joggen zu gehen.


0715 Z-Zeit (02:15 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station,
Washington D.C.

Harm fröstelte in der Dunkelheit. Ihm war kalt. Er vermißte die bereits gewohnte Wärme an seinen Füßen und auf seiner Brust. "Hey, Harm, alter Junge, bist du etwa einsam auf deine alten Tage?" fragte er sich spöttisch. Nein, verbesserte er sich, es war mehr als das. Renee hatte er nie so vermißt und außerdem schlief nebenan seine Großmutter in ihrem Gesundheitsbett, also war er nicht völlig alleine.

Endlich schlief Harm ein. Als er wieder erwachte und einen Blick auf den Wecker warf – hier gab es wenigstens einen -, da stellte er fest, daß es erst 5. 30 Uhr war – die Zeit, zu der Mac ihn immer aus dem Bett geworfen hatte, damit sie joggen gehen konnten. Einen Moment lang überlegte Harm, ob er sich einfach umdrehen und weiterschlafen sollte, so wie er es Mac in den letzten Tagen immer angedroht hatte, aber dann schlug er die Decke zurück und erhob sich, um nach seinen Joggingschuhen zu suchen.


1358 Z-Zeit (08:58 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm verließ den Aufzug und bog um die Ecke. Auf dem Weg zu seinem Büro stieß er fast mit Mac zusammen, die sich eben einen Kaffee holen wollte.

"Oh mein Gott," stieß Mac hervor, röchelte mit aufgerissenen Augen und faßte sich an die Herzgegend, so daß Harm schon besorgt hinzuspringen wollte, "Harmon Rabb junior tritt eine Minute und 38 Sekunden zu früh seinen Dienst an! Ist in Ihrer Wohnung erneut ein Hochwasser aufgetreten?" neckte sie Harm.

Harm ließ den Atem entweichen, den er unwillkürlich angehalten hatte, und warf ihr einen strengen Blick zu.

Mac wurde wieder ernst. "Hey, Sie sehen ein wenig mitgenommen aus. Nicht genug Schlaf bekommen?" erkundigte sie sich.

"Ach ja, Koffer packen, Vorbereitungen für Grannys Abreise heute abend treffen ... Sie wissen doch, wie das so ist," meinte Harm betont lässig, "aber wo wir gerade davon sprechen, Sie sehen auch nicht gerade aus, als hätten Sie viel geschlafen."

"Das muß der berühmte Charme von euch Piloten sein!" Mac schüttelte tadelnd den Kopf, "Sagenhaft, wie Sie einer Frau Komplimente machen! Nein, ich habe nicht sehr viel geschlafen – ich war damit beschäftigt, die Reste der Schnürsenkel Ihrer Joggingschuhe überall in der Wohnung zusammenzusuchen."

"Oh, die habe ich heute morgen gesucht." teilte Harm ihr mit.

Mac zuckte die Schultern. "Tja, Jingo hatte sie wohl vor Ihnen gefunden. Sie können ihn ja verklagen." Sie grinste.

Admiral A.J. Chegwidden kam aus seinem Büro. Harm und Mac rückten automatisch einen Schritt weiter auseinander, um nicht erneut verdächtigt zu werden, "Zuneigungsgesten" in Chegwiddens Hauptquartier auszutauschen.

"Rabb, MacKenzie, in mein Büro!" befahl der Admiral.

Harm und Mac wechselten einen beunruhigten Blick. "Bei unserem Glück wartet dort sicher ein Priester und Webb als Trauzeuge!" murmelte Harm sarkastisch.

Mac schüttelte energisch den Kopf. "Dann würde ich aber nicht länger schweigen, Befehl hin oder her. Und wenn es mich eine weitere Abmahnung kostet." erklärte sie grimmig. Sie wußten beide, daß eine weitere Abmahnung für Mac den Rauswurf aus JAG und vielleicht sogar dem Corps bedeutete.

Harm sah sie. "Wäre es denn ein so entsetzlicher Gedanke, mit mir ... verheiratet zu sein?" fragte er und beobachtete sie mit intensiver Aufmerksamkeit.

Mac starrte zurück.

"Kann ich heute noch mit Ihnen rechnen?" rief Chegwidden von seinem Büro her, bevor Mac antworten konnte.

Harm zog die Jacke seiner Uniform glatt und fuhr mit dem Ärmel über das goldene Fliegerabzeichen auf seiner Brust.

"Angst daß die Wirkung nachläßt, Commander?" kommentierte Mac mit sanftem Spott.

Harm blieb eine Antwort erspart, denn sie standen nun vor Chegwiddens Schreibtisch. Harm und Mac registrierten fast erleichtert, daß kein Priester, kein Standesbeamter und kein Clayton Webb anwesend war. Sie waren alleine mit ihrem C.O.

Chegwidden saß in seinem Sessel und wirkte ziemlich ruhig. Harm und Mac warfen sich einen erleichterten Blick zu. Vielleicht ging es ja wirklich nur um einen neuen Fall und nicht schon wieder um ihre "Beziehung", die in den letzten Tagen Hauptgesprächsthema bei JAG gewesen war.

"Commander, Ihre Großmutter hat mich vor einer halben Stunde angerufen." begann Chegwidden.

Harm erstarrte. "Sir, was immer sie auch gesagt hat..."

"Lassen Sie mich aussprechen, Commander!" unterbrach ihn der Admiral, "Ihre Großmutter hat mich nur kontaktiert, um das ganze Mißverständnis aufzuklären. Also wirklich, Sie hätten mir ja ruhig sagen können, daß Sie nur wegen eines Wasserschadens in Ihrem Apartment ein paar Tage bei Colonel MacKenzie untergekommen sind! Sie hätten sich diese unverdiente Abkanzlung ersparen können."

Harm und Mac hielten es für besser, Chegwidden nicht zu sagen, daß er sie einfach nicht hatte zu Wort kommen lassen. Sie sahen ihren Vorgesetzten nur an, erleichtert und erwartungsvoll.

"Was ist?" knurrte der JAG, "Was sehen Sie mich so an? Sie erwarten doch nicht etwa eine Entschuldigung von mir, oder?"

"Oh, nein, Sir." beteuerte Mac und ihr Mundwinkel verzog sich ein wenig nach oben.

"Natürlich nicht, Sir." versicherte auch Harm, beinahe völlig ohne zu grinsen.

"Die hätten Sie auch nicht bekommen, denn ich habe vollkommen korrekt gehandelt, so wie man es von einem Admiral erwartet." meinte Chegwidden.

"Na ja, Sir, den unnötigen Ärger mit dem Marine-Minister..." gab Harm zu bedenken.

"Admiräle schlagen keine unnötigen Gefechte, Commander, vor allem nicht, wenn sie mal zu den SEALs gehört haben. Ich habe lediglich vorausschauend gehandelt, das ist alles." A.J. zeigte das für ihn so typische grimmige Halb-Lächeln.

Harm und Mac wechselten erneut einen Blick. "Vorausschauend?"

"Sie können gehen," befahl Chegwidden, "aber bitte, wenn wieder mal eine Naturkatastrophe über eines Ihrer Apartments hereinbricht, sagen Sie mir vorher Bescheid, ja?"


0014 Z-Zeit (19:14 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.

Mac und Harm standen mit Granny vor der Gepäckaufgabe des Flughafens. Granny war auf der gemeinsamen Fahrt nach Dulles erstaunlich ruhig gewesen, sie hatte nicht einen einzigen Versuch unternommen, sie zu verkuppeln oder sonst eine Bemerkung in dieser Richtung gemacht. Harm und Mac erschien es langsam fast verdächtig.

"Ähm, Harm, ich muß dir noch was sagen, euch beiden," begann sie, während Harm ihren Koffer auf das Band stellte, "die Wasserhähne..."

Harm sah sie alarmiert an. "Du hast sie doch zugedreht, bevor wir gegangen sind, oder?"

Granny mußte lachen. "Ja, das mache ich immer. Ich habe das Wasser auch schon beim ersten Mal abgestellt." erzählte die alte Dame und schielte zu Harm hinauf.

"Dann hätte sich meine Wohnung wohl kaum in die Niagara-Fälle verwandelt." wandte Harm grinsend ein.

"Deine Wohnung ließ sich nicht mal mit einem dünnen Rinnsal vergleichen. Nicht ein einziger Tropfen ist übergelaufen." behauptete Granny.

Harm sah sie skeptisch an. "Der Feuerwehrhauptmann hat mir aber selbst gesagt ..."

"... was ich ihm gesagt hatte, was er sagen soll," beendete Granny den Satz, "Er hat dich in meinem Auftrag vor der Türe abgefangen und behauptet, die Wohnung wäre erst in einer Woche wieder bewohnbar."

Harm wußte noch immer nicht, ob er ihr das glauben sollte. "Granny, du kennst doch gar keinen Feuerwehrhauptmann in Washington DC." meinte er mit einem gutmütigen Kopfschütteln.

"Das war gar nicht nötig. Ich kenne Phil und Phil kennt den Feuerwehrhauptmann." erklärte Granny.

"Phil?" fragten Harm und Mac gleichzeitig.

Granny machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich habe dem kleinen Phil schon die Windeln gewechselt, als er noch ein Baby in Pennsylvania war – auch wenn er das heute vielleicht nicht mehr so gerne hören würde." Die grauhaarige Dame schmunzelte.

"Was für ein Phil?" erkundigte sich Harm stirnrunzelnd. Er konnte sich an keinen Phil in der Nachbarschaft erinnern.

"Aber Harm, ihr kennt doch Phillip Morris, den Richter!" rief Granny.

Harm und Mac wechselten einen Blick – wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag. "Ich wette, er hat von Herzen gerne bei diesem Streich mitgewirkt, nach der Sache mit der Maschinenpistole!" meinte Mac mit einem überraschten Lächeln.

Harm schüttelte den Kopf. "Du bist ein ganz schönes Schlitzohr, Granny."

"Eine gewisse familiäre Ähnlichkeit ist nicht zu verkennen, Flyboy!" warf Mac lächelnd ein.

"Ja, du solltest dir gut überlegen, in welche Familie du da einheiratest, Sarah." sagte Granny mit einem breiten Rabb-Grinsen.

"Granny!" wurde sie sofort von beiden Seiten ermahnt.

Granny lächelte nur unschuldig und umarmte Mac zum Abschied. "Paß gut auf, neben wem du sitzt, so ein Flug kann ziemlich lange werden." warnte Mac scherzend.

"Ich habe mich erkundigt, es ist keine Seniorenreisegruppe an Bord," beruhigte sie Granny schmunzelnd, "aber vielleicht solltet ihr eure Hochzeitsreise vorsichthalber lieber als Kreuzfahrt buchen."

"GRANNY!" Diesmal war der doppelte Tadel noch lauter, doch die alte Dame ließ sich davon nicht stören. Harm beugte sich zu ihr hinunter und umarmte sie. "Auf Wiedersehen, Granny, schön, daß du da warst." murmelte Harm.

"Wenn ich nicht bald eine Hochzeitseinladung bekomme, dann komme ich wieder." sagte Granny drohend in Harms Ohr. Eigentlich war es nur als Scherz gemeint, denn sie wußte inzwischen, daß sie die beiden nicht drängen durfte. Das war auch gar nicht nötig – alles, was die zwei benötigten, war etwas Zeit.

"Drohungen führen zu nichts." meinte Mac, obwohl sie nicht gehört hatte, was Granny gesagt hatte – sie kannte "ihre" Großmutter inzwischen gut genug.

"Wieso, hast du es damit schon bei Harm versucht?" fragte Granny unschuldig zurück.

"Ich glaube, du solltest jetzt besser an Bord gehen, bevor ich die Maschine kidnappe und dich höchstpersönlich nach Pennsylvania fliege!" warnte Harm.

"Drohungen führen zu nichts." wiederholte Granny Macs Worte, ging aber gehorsam los und winkte nur noch einmal zu ihren "beiden Enkeln" zurück.


2320 Z-Zeit (18:20 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Hey, Mac." Harm streckte den Kopf zur Türe hinein und sah, daß seine Partnerin noch immer über ihre Arbeit gebeugt dasaß und am Kugelschreiber kaute. Er mußte grinsen.

"Hi, Harm." sagte Mac und sah auf, als wäre sie überrascht, ihn noch hier zu sehen.

Harm trat ein. "Na, haben Sie Ihren dritten Teller schon wieder verkauft?" fragte er so ganz nebenbei, während er das Marine-Corps-Poster hinter ihrem Schreibtisch betrachtete.

Mac sah erneut von ihrer Arbeit auf. "Ja, natürlich." antwortete sie lächelnd und wartete, auf was Harm hinauswollte.

"Gut," meinte Harm, "dann haben Sie ja genug Bargeld und können mich zum Essen einladen."

"Damit Sie sich dann wieder beschweren, mein T-Shirt sei zu eng?" Mac schüttelte amüsiert den Kopf.

Harm zeigte sein ansteckendes Flyboy-Grinsen. "Ihr T-Shirt kann gar nicht eng genug sein - solange ich es nicht tragen muß." erwiderte er scherzhaft.

"Vorsicht, rotes Licht, Commander!" Mac drohte ihm mit dem Kugelschreiber und nur wer die beiden gut kannte, konnte erkennen, daß beide nur scherzten.

"Das einzig rote, was ich hier sehe, ist Ihr Gesicht, Colonel." bemerkte Harm und sein Grinsen wuchs noch mehr in die Breite.

Mac ließ sich nicht beirren. "Ich kann mich erinnern, daß Sie mir mal gesagt haben, ich würde nicht einmal beim Lesen anzüglicher Briefe rot."

"Und ich kann mich erinnern, daß Sie mir damals nicht geglaubt haben." erwiderte Harm.

"Was ist jetzt, wollen Sie diskutieren oder essen, Sie Fliegerheld?" erkundigte sich Mac, legte den Kugelschreiber hin und schloß die Akte, an der sie gerade gearbeitet hatte.

Harm schüttelte belustigt den Kopf. "Diese Marines denken wirklich immer nur an das eine! Okay, ich will essen – und ich lade Sie sogar ein." erklärte Harm betont großzügig.

"Getrennte Rechnungen?" fragte Mac nach.

"Hey, ich sagte, ich lade Sie ein!"

Bud klopfte an die bereits geöffnete Türe und hatte die letzten Worte gehört. "Colonel, Sie sollten sich nicht so sträuben, das nennt man Rendezvous." meinte er und grinste von einem Ohr zum anderen.

"Das ist kein Rendezvous, Bud, das ist ein semi-professionelles Geschäftsessen." klärte Mac ihn sachlich auf.

Harm sah sie neugierig an. "Semi? Und die andere Hälfte?" wollte er wissen.

"Während der anderen Hälfte werden Sie versuchen, mir einen Beltway Burger auszureden." meinte Mac spitzbübisch.

Harm hob abwehrend die Hände. "Oh nein, Mac! Ich sagte, ich lade Sie ein, von Beltways habe ich nichts gesagt." protestierte er erwartungsgemäß.

"Wenn Sie mich einladen, dann darf ich doch wenigstens bestimmen wohin." beharrte Mac.

"Ja, aber nicht zu Beltways!"

"Wollen Sie essen oder diskutieren?" fragte Mac erneut.

"Diskutieren!" erwiderte Harm und grinste genauso herausfordernd wie Mac.

Bud räusperte sich, da die beiden seine Anwesenheit anscheinend völlig vergessen hatten. "Sir, Ihre Großmutter ist am Telefon." wandte er sich an Harm.

Harm erhob sich und seufzte. "Ich kann mir schon denken, was Granny will." sagte er zu Mac, doch statt hinüber zum Telefon zu gehen, bot er Mac den Arm dar und sie hängte sich automatisch bei ihm ein. "Sagen Sie ihr, wir sind gerade zum Essen gegangen."

Bud schüttelte den Kopf. "Ihre Großmutter hat mir schon angekündigt, daß Sie das sagen würden, aber sie will unbedingt vorher mit Ihnen sprechen, Sir."

Harm zog ein wenig bedauernd seinen Arm unter Macs hervor und ging zu Buds Schreibtisch, wo er den Telefonhörer ans Ohr hob. "Granny? Wir sind gerade unterwegs zu einem ... ähm, semi-professionellen Geschäftsessen."

<Semi? Soll ich raten, was ihr während der anderen Hälfte macht?> fragte Grannys belustigte Stimme am anderen Ende der Leitung. Harm konnte ihr Grinsen fast sehen.

"Granny!" grollte er warnend, "wir gehen lediglich zu Beltways ... falls Mac es schafft, ihren Holzkopf durchzusetzen."

<Diesmal nicht, Harm,> erwiderte Granny, <ich habe einem Tisch im LeTour für euch reserviert, 20 Uhr, auf den Namen Rabb.>

Jetzt grinste Harm sein breitestes Flyboy-Grinsen. "Granny, du bist genial!"

<Oh, vielen Dank für die Blumen, Harmon ... apropos Blumen, denkst du, es wäre möglich, daß Sarah den Brautstrauß unauffällig in meine Richtung wirft?>

"Granny!" ermahnte Harm seine unmögliche Großmutter.

<Hey, das war nur ein Scherz. Aber Cousine Esther ...> begann Sarah Rabb schmunzelnd.

"Granny! Du bist unverbesserlich!" meinte Harm kopfschüttelnd.

<Muß an der Familienähnlichkeit liegen, wie dein Marine gestern bemerkt hat.> erwiderte die alte Dame.

"Granny!" grollte Harm und ahmte Chegwiddens strengsten Tonfall nach.

<Kannst du eigentlich auch noch etwas anderes sagen außer "Granny"?> erkundigte sich Sarah Rabb amüsiert.

"Sobald du mit diesen Bemerkungen über Mac und mich aufhörst." antwortete Harm.

<Okay, okay, ich hör ja schon auf,> gab Granny nach, <Viel Spaß heute abend und küß Sarah von mir.>

"Mach ich. Bis dann." Granny legte auf, bevor Harm bemerkte, was er ihr da eben zugesichert hatte.

Mac tauchte neben ihm auf. "Und, was sagt Granny?" wollte sie wissen.

"Drei Dinge. Nur über die Reihenfolge bin ich mir nicht so ganz im klaren," Harm grinste in sich hinein, "Ich denke, wir sollten mit dem Abendessen beginnen. Granny hat einen Tisch im LeTour reserviert."

Bud schien begeistert. "Wow! Dort hatten Harriet und ich auch unser erstes Rendezvous." erklärte er seinen beiden Vorgesetzten.

"Streichen Sie sofort das AUCH aus dem Satz, Bud, wir haben dort lediglich ein professionelles Geschäftsessen." behauptete Mac erneut.

"Vor fünf Minuten hieß es noch semi-professionell." kommentierte Harm.

"Im LeTour wird es wohl kaum nötig sein, mir eine Predigt über den Fettgehalt eines Burgers zu halten. Also fällt das semi weg." erläuterte Mac sachlich.

"Ich bin sicher, uns fällt noch etwas anderes ein, über das wir sprechen könnten." meinte Harm.

Mac sah ihn an. "Ach ja?"

"Ach ja," bestätigte Harm, "zum Beispiel, ob Sie nicht einen alleinstehenden Großvater haben. Granny will unbedingt den Brautstrauß fangen!" Harm grinste.

Mac rollte mit den Augen, mußte aber ebenfalls lachen. "Und was war das dritte, das sie gesagt hat?" Sie gingen zur Türe und Harm half "seinem Marine" in ihre Uniformjacke.

"Ich bin nicht sicher, ob Sie das wirklich wissen möchten." meinte Harm zweifelnd.

"Natürlich will ich es wissen, also raus mit der Sprache." forderte Mac ihn auf.

Harm mußte über ihren neugierigen Gesichtsausdruck lachen. "Mit Sprache hat es nichts zu tun, Mac, ich soll Ihnen etwas von Granny ... ähm, ausrichten." erklärte er mit einem unterdrückten Grinsen.

Mac nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. Sollte Granny wirklich das gesagt haben, was sie jetzt glaubte? "Also, wieso richten Sie es mir dann nicht aus?" fragte sie Harm mit einem Lächeln.

Harm war nicht sicher, ob sie wußte, von was er – beziehungsweise wovon Granny da gesprochen hatte. Er öffnete die Türe für Mac und meinte grinsend: "Ich glaube, damit sollten wir bis zum Dessert warten."

- ENDE –

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