Die "Granny"-Serie IX

Babybauch & Bruchpiloten


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: 29.07.2003 - 10.11.2003
Klassifikation: Humor, H/M-Shipper

Sequel zu:
1. "Rentner & Regenbogen"
2. "Hochwasser & Hausgenossen"
3. "Gäste & Geburtstagswünsche"
4. "Amor & Anchovis"
5. "Samtpfoten & Shrimpssüchtige"
6. "Cowboys & Camping"
7. "Federvieh & Fesselspiele"
8. "Kleinkrieg & Koalabären"

Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.

Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie und einige andere Charaktere einführt.

Episoden:
"Hallo, Baby" ("Yeah, Baby"); "Misty James" ("JAG TV"); "Im Namen der Gesetze" ("The Princess and the Petty Officer"); "Aussichtslos" ("Family Secrets"); "All Ye Faithful"

Inhalt:
Als werdende Eltern müssen Harm und Mac langsam daran denken, ihren Angehörigen, Freunden und Kollegen ihr Babyglück zu verkünden. Ausgerechnet in dieser Situation überträgt ihnen der Admiral zwei Fälle, die ihr Privatleben nicht unberührt lassen und die ein Wiedersehen mit alten Bekannten mit sich bringen...

Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.

Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.

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1. Tierisches Frühstück –
oder warum Snickers und Rollmops nicht zusammen passen

04. Februar 2002
1204 Z-Zeit (07:04 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Wrrrau!"

Heftig kauend sah Mac von ihrem Frühstück auf. "Hm?" Fragend sah sie ihren Hund an.

Jingo kam unter dem Couchtisch hervor und trottete zu ihr hinüber. Schwanzwedelnd winselte er und stupste seine Besitzerin sanft mit der Nase in den Bauch.

Lächelnd tätschelte Mac den Kopf des Hundes. "Ja, ja, ich weiß, ich weiß, du hast schon vor Wochen versucht, mir *das* zu sagen, alter Besserwisser." Liebevoll kraulte sie Jingos angegraute Ohren. Obwohl sie mittlerweile in der zwölften Schwangerschaftswoche war und ein wenig Zeit gehabt hatte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, schlich sich noch immer ein fassungsloses Lächeln auf ihre Lippen, wann immer sie daran dachte. <Nur eine Sache gefällt mir nicht an der Schwangerschaft: Das getrennte Frühstück!>

Mac neigte den Kopf und lauschte zur Küche hinüber, wo Harm bestimmt gerade seine halbe Pampelmuse oder seinen Naturjoghurt löffelte.

Harm trug seinen Teller zur Spüle und sah auf die rote Katze hinab, die mitten in der Küche saß und jede seiner Bewegungen interessiert beobachtete. "Wirklich nett von dir, mir Gesellschaft zu leisten – und das, obwohl Mac da drüben sicher wieder Rollmöpse isst." Der hochgewachsene Anwalt schauderte, als er an Macs neueste Ernährungsgewohnheiten dachte, die noch schlimmer waren als gewöhnlich und die anfangs bei ihm regelmäßige Sprints zum Badezimmer ausgelöst hatten, wenn ihn die Morgenübelkeit packte. Schließlich hatten sie sich wohl oder übel zum getrennten Frühstücken entschlossen.

<Aber das Endergebnis ist das Opfer sicher wert!> Grinsend bückte sich Harm, um der Katze begeistert in die Augen sehen zu können. "Du wirst Tante, Gypsie, ist das nicht großartig?"

Gypsies Schnurrhaare zuckten nervös, so als denke sie eben an ein gerade laufen lernendes Kleinkind, das ihr unter den Küchentisch hinterher krabbelte, um sie am Schwanz zu ziehen. Unbeeindruckt begegneten die Katzenaugen Harms Blick.

"Na schön, vielleicht nicht für dich, aber für mich ist es die großartigste Sache, die mir je passiert ist – mit Ausnahme von Mac, natürlich," erklärte Harm der Katze leidenschaftlich.

Gypsie drehte sich um und begann uninteressiert, sich das Hinterteil zu putzen.

Auf der Suche nach jemandem, der seinen Enthusiasmus teilte, wagte Harm sich ins Wohnzimmer. Vorsichtig, mit einer Hand vor den Augen, während die andere Hand seine Nase zuhielt, tastete er sich durch den Türrahmen. Für einen Sekundenbruchteil nahm er die Finger von der Nase und schnupperte kurz. Erleichtert stellte er fest, dass es nicht schon wieder nach Essig und Karamell roch. In der Hoffnung, dass Mac nicht wie gestern mit einem Snickers in der rechten und einem Rollmops in der linken Hand am Tisch sitzen würde, spreizte er die Finger und linste hinter seiner Hand hervor.

"Brrrr!" Harm schüttelte sich und schlug hastig die Hand wieder vor die Augen. "Thunfisch und Vanilleeis! Wie kannst du nur so was essen! Und schieb es jetzt bloß nicht wieder auf mein Kind, das würde das bestimmt nicht essen!" Er fragte sich ernsthaft, ob er nach diesem Anblick je wieder Vanilleeis würde essen können.

"Aber *mein* Kind würde esch gansch beschtimmt," entgegnete Mac unbeeindruckt, während sie sich den letzten Löffel Eiscreme in den Mund schob.

Tapfer wagte Harm sich vorwärts und küsste Mac auf die Wange. "Ich muss los, Bud und ich habe heute das Schlussplädoyer." Abwechselnd grinsend, summend und pfeifend griff er nach seiner Aktentasche, Mütze und Autoschlüssel und ging zur Türe.

Mac lachte, als sie ihrem dauergrinsenden Mann hinterher sah. "Hey, ich hoffe, du denkst daran, mit dem Pfeifen aufzuhören, bevor du Richter Morris’ Gerichtssaal betrittst, sonst denkt er vielleicht, du hättest vor, wieder ein Maschinengewehr abzufeuern!"


2. Baby-Bilder –
oder warum man einen Arzt immer nach seiner Geburtsurkunde fragen sollte

06. Februar 2002
2120 Z-Zeit (16:20 Uhr EST)
Facharztpraxis für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Washington D.C.

"Du kennst ihn also nicht, hm?" Misstrauisch ließ Harm seinen Blick durch das Wartezimmer gleiten.

Mac rollte amüsiert die Augen. "Nein, er ist der Nachfolger meines alten Frauenarztes, aber wir werden ihn ja gleich kennen lernen," beruhigte sie ihren nervösen Begleiter.

"Hm." Harm sah sich weiterhin um. "Hey, wow, schau dir das an! Das ist ja toll!" Er deutete begeistert auf das Poster, das hinter ihm an der Wand hing. "Da sind Woche für Woche alle Einzelheiten und Fakten über die Entwicklung von Babys aufgeführt! So eins brauchen wir unbedingt!"

"Harm, deine dreißig oder vierzig Babybücher und die Hunderte von Internetseiten, die du gefunden hast, haben diese Fakten doch auch alle. Du brauchst doch dieses Poster nicht," meinte Mac sanft.

Harm nickte energisch. "Oh, doch. Für mein Büro."

"Dann wäre aber unser kleines Geheimnis nicht mehr lange geheim," erinnerte Mac, dennoch gerührt über die Begeisterung, die Harm an den Tag legte, wenn es um das Baby ging.

Bei dem Gedanken daran, dass es ihnen noch bevor stand, ihren kommandierenden Offizier von der Schwangerschaft in Kenntnis zu setzen, gab Harm die Idee mit dem Poster sofort auf. Stattdessen erhob er sich und begann, einen Stapel von Zeitschriften und Broschüren durchzublättern, die ihm alles verraten konnten, was er je über Geburt und Schwangerschaft hatte wissen wollen – inklusive einiger Sachen, die er lieber nicht hätte wissen wollen.

"Mrs. MacKenzie-Rabb?" Die Sprechstundenhilfe bedeutete Mac, ihr zu folgen.

Mac erhob sich und zog Harm kurzerhand hinter sich her.

"Der Doktor kommt gleich, machen Sie sich’s ruhig schon mal bequem," meinte die ältere Frau lächelnd, bevor sie die Türe hinter Mac und Harm schloss.

Mit mehr Unbehagen als Mac, die eigentliche Patientin, sah Harm sich in dem Behandlungszimmer um. Die ‚mittelalterlichen Folterinstrumente’ in der gynäkologischen Praxis gefielen ihm nicht – und noch weniger gefiel ihm, dass seine Frau gerade in einem davon Platz nahm. Er setzte sich neben sie auf einen Hocker und nahm sofort ihre Hand in seine.

Mac räusperte sich. "Ähm, Haaaarm... du bist dir im Klaren darüber, dass Doktor DelRey ein Gynäkologe ist, kein Orthopäde, oder?"

"Was?" Harm verstand nicht, was Mac ihm damit sagen wollte.

"Wenn du meine Hand noch fester drückst, dann wirst du sie mir mit Sicherheit brechen und ich glaube kaum, dass der gute Doc sich mit gebrochenen Knochen auskennt," erklärte Mac amüsiert.

Schnell lockerte Harm seinen Griff und küsste Macs betroffene Hand. "Sorry! Ich hab gar nicht gemerkt... hab ich wirklich so fest zugedrückt?" erkundigte er sich erstaunt.

"Hm, ich würde sagen, mit halber Flyboy-Stärke, aber das ist schon okay," versicherte Mac, seine Finger streichelnd. "Ich wette, du bist ebenso nervös wie ich."

Harm nickte, während sein Blick wieder unbehaglich durch den Raum wanderte. "Arztpraxen machen mich immer irgendwie nervös. Muss wohl der Geruch von Desinfektionsmittel sein, schätze ich," meinte er und versuchte ein Flyboy-Lächeln.

"Pssst, sag das ja nicht so laut, nicht dass Baby Rabb sich von deiner Angst vor Arztpraxen anstecken lässt," scherzte Mac, um Harm aufzumuntern.

Wie immer genügte die bloße Erwähnung ihres Nachwuchses, um Harm zum Lächeln zu bringen. Er beugte sich vor und schob Macs Pullover in die Höhe, um ihren Bauch zu küssen. "Das hast du nicht gehört, Baby Rabb, verstanden?"

Bevor er sich wieder aufrichten konnte, zog Mac ihren Mann zu einem kurzen Kuss zu sich hinab.

"Soll ich später noch mal wieder kommen?" fragte eine amüsierte Stimme hinter ihnen.

Harm löste sich von Mac und drehte sich um. Eine junge, männliche Sprechstundenhilfe stand im Türrahmen. <Sag bloß, Dr. DelRey hat den Jungen reingeschickt, um uns zu sagen, dass er sich verspätet oder die Untersuchung ausfallen muss!>

Der junge Mann streckte Mac die Hand hin. "Hallo, Mrs. Rabb, ich bin Dr. DelRey."

Harm starrte den weißgekleideten jungen Mann ungläubig an. <Wie bitte?! Er sieht aus, als wäre er nicht mal alt genug, um sich den Playboy zu kaufen, geschweige denn, schwangere Frauen zu untersuchen! Auf keinen Fall wird dieser Teenager Mac untersuchen!>

Der Gynäkologe setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite von Mac. "Und Sie sind Mr. Rabb, nehme ich an?" fragte er, zu Harm aufsehend.

Harm nickte, während er sich überlegte, wie er seine Frau nehmen und möglichst höflich hier verschwinden konnte.

Der Arzt ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er schien zu ahnen, dass Harm eben Fluchtgedanken durch den Kopf gingen. "Ich weiß, ich weiß, ich sehe recht jung aus..."

"Recht jung?" Harm hob die Augenbrauen. "Ich will Sie ja nicht verletzen, Doc, aber Sie sehen aus wie ein 15jähriger!"

Dr. DelRey lachte. "Ich bin 35 Jahre alt und wie alle Männer meiner Familie mit dem DelRey’schen Babygesicht gesegnet. Ich kann Ihnen meinen Personalausweis zeigen, wenn Sie mir nicht glauben."

"Schon gut," brummte Harm abwehrend. Noch immer war der Anwalt nicht sonderlich begeistert von der Aussicht, seine Frau von einem Arzt behandeln zu lassen, der aussah, als wäre die Tinte auf seiner Highschool-Abschluss-Urkunde noch nicht trocken.

"Hören Sie, Mr. Rabb," begann der Gynäkologe ruhig, "ich kann Ihnen versichern, dass ich das Medizinstudium mit Auszeichnung abgeschlossen und eine Zusatzqualifikation in Frauenheilkunde und Gynäkologie erworben habe. Ich habe schon Hunderte von Frauen während ihrer Schwangerschaft begleitet und ich bin vollauf qualifiziert, das auch bei Ihrer Frau zu tun."

Harm wechselte einen schnellen Blick mit Mac. "Okay," sagte er schließlich und ließ sich auf seinen Hocker zurücksinken. Wachsam sah er zu, wie der Arzt Macs Blutdruck maß und ihr dann eine Blutprobe abnahm.

"Okay, kommen wir zum besten Teil der Untersuchung: Baby-Bilder," meinte DelRey dann lächelnd. "Mrs. Rabb, wenn Sie bitte ihren Bauch frei machen würden?" Er nahm eine Plastikflasche von dem kleinen Tisch neben sich. "Die Ultraschalluntersuchung wird nicht wehtun, aber das Kontaktgel ist ziemlich kalt, nicht erschrecken," warnte er, bevor er das Gel auf Macs Bauch verteilte.

Mac zuckte kurz zusammen. "Wow, importieren Sie das Zeug direkt aus der Antarktis?" Sie rutschte unbehaglich auf der Behandlungsliege hin und her, bis die Kälte auf ihrem Bauch ein wenig nachließ.

Dr. DelRey lachte. "Wäre möglich. Also, dann lassen Sie uns mal sehen, wie es Rabb junior so geht..." Er griff nach dem Ultraschallkopf und begann, ihn langsam über Macs noch ziemlich flachen Bauch zu bewegen.

Harm beugte sich vor und betrachtete Stirnrunzelnd die schwarzen, grauen und weißen Punkte auf dem Bildschirm. "Sieht aus wie ein Rorschach-Test. Wie können Sie da irgendetwas erkennen?" fragte er skeptisch.

Der Arzt drehte den Monitor ein wenig, damit auch Mac das erste Bild ihres Babys besser sehen konnte. "Das hier," er deutete auf einen dunklen Fleck, "ist die Plazenta. Und das Schwarze hier ist das Fruchtwasser."

"Und das Baby?" fragte Mac, ein wenig besorgt.

"Das ist hier." Dr. DelRey fuhr mit dem Finger auf dem Bildschirm den kleinen Umriss nach. "Alles sieht sehr gut aus, keine Sorge. Ich würde sagen, Sie haben ein perfektes Baby."

Harm strahlte. "Natürlich haben wir das, schau’n Sie sich doch die Mutter an!" prahlte er stolz.

Der junge Arzt lächelte nachsichtig. "Gut, hören wir uns also noch den Herzschlag des oder der Kleinen an..." Er veränderte ein paar Einstellungen am Ultraschallgerät und plötzlich hörte man hektische klopfende Töne im Behandlungsraum.

Fasziniert von diesem Wunder, das ihre Liebe geschaffen hatte, blickten Harm und Mac sich an.

"Ist der Herzschlag nicht ein bisschen schnell?" fragte Mac, Harms Hand drückend.

"Nein, keine Sorge, das ist völlig normal für ein ungeborenes Kind. Das Herz Ihres Babys schlägt beinahe doppelt so schnell wie Ihres," beruhigte DelRey.

<Hmm, er ist wirklich gut darin, Mac zu beruhigen.> Harm sah zu, wie Dr. DelRey mit geschickten Fingern das Gel von Macs Bauch wischte und beschloss, dem jungen Arzt eine Chance zu geben.

Der Gynäkologe machte ein paar Eintragungen in Macs Mutterpass. "Bisher verläuft alles völlig normal. Dass Sie selbstverständlich ab jetzt auf Zigaretten, Medikamente, die Sie nicht vorher mit mir abgeklärt haben, und Alkohol verzichten müssen, hat Dr. Wiley Ihnen sicher beim letzten Mal schon erklärt, oder?"

"Hat er," bestätigte Mac. Als sie von der unerwarteten Schwangerschaft erfuhr, war sie zum ersten Mal in ihrem Leben froh gewesen, dass sie einst Alkoholikerin war, denn aus diesem Grund hatte sie keinen einzigen Tropfen Alkohol getrunken, der dem Baby hätte schaden können.

"Gut, dann versuchen Sie, sich weiterhin gesund zu ernähren und viel zu trinken. Und lassen Sie sich beim Rausgehen von Mary einen Termin für die nächste Vorsorgeuntersuchung geben."

Zehn Minuten später sprang Harm mit einem Stapel Ultraschallbilder in der Hand übermütig die Stufen der Arztpraxis hinunter, nur um sie dann wieder hinaufzuhüpfen, Mac unterzuhaken und ihr die Treppe hinabzuhelfen.

Lachend tippte Mac ihrem Mann gegen die Stirn. "Lass es bloß nicht den Admiral sehen, wenn du dich so verhältst – er könnte sonst meinen, du ständest unter Drogen!"


3. Herzklopfen –
oder warum es nicht so wichtig ist, auf Anhieb ein Ass zu finden – oder zu sein

06. Februar 2002
0612 Z-Zeit (01:12 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Mac lag auf der Seite und starrte im Halbdunkel an die Wand des Schlafzimmers. Irgendwo dort, so wusste sie, hatte Harm eines der Ultraschallbilder in einem Bilderrahmen aufgehängt.

<Ich bin schwanger! Schwanger!> Mac presste das Gesicht ins Kissen. Nicht, dass sie das nicht schon zuvor gewusst hätte, aber da sie – im Gegensatz zu Harm – nicht mit Morgenübelkeit geplagt war und auch ihre Figur sich kaum verändert hatte, war ihre Schwangerschaft bisher immer noch eine etwas abstrakte, nicht greifbare Realität gewesen. Die Ultraschalluntersuchung, der Anblick der pulsierenden Bewegungen auf dem Monitor und das Geräusch des schnellen Schlags eines winzigen Herzens hatten sie zum ersten Mal mit der Ungeheuerlichkeit dessen konfrontiert, was da in ihr passierte.

In ihre Glücksgefühle mischten sich plötzlich Ängste und Sorgen. Sie fühlte sich auf einmal überwältigt von all den neuen Dingen, die da auf sie zukommen würden. Die anstehenden Veränderungen und die Verantwortung, die sie plötzlich trug, ließen alte Unsicherheiten hochkommen.

Sie hatte keinerlei Zweifel daran, dass Harm ein guter Vater sein würde, aber über ihre eigenen Elternqualitäten war sie sich weniger sicher. <Alles, was ich von meinen Eltern über das Elternsein gelernt habe, ist, wie man es *nicht* machen sollte!>

Auf der Suche nach ein wenig Geborgenheit und Aufmunterung rollte sie sich herum und streckte die Arme nach Harm aus – nur um zu entdecken, dass die andere Seite des Wasserbetts leer war. Mac schaltete das Licht ein und tapste barfuß hinaus in den Flur, um nach ihrem, wie es schien, ebenso schlaflosen Mann zu suchen.

Harm saß unterdessen im Wohnzimmer und deckte gedankenverloren Karten auf. Sein Blick wanderte immer wieder von den Spielkarten zu den Ultraschallbildern, die daneben auf dem Couchtisch lagen. <Ein Baby... ein eigenes Kind. Das bedeutet, du musst dich jetzt 18 Jahre lang wie ein Vorbild verhalten, kannst schon mal anfangen, Windeln wechseln zu üben und fürs College zu sparen. Verantwortung, Rabb, du trägst jetzt eine lebenslange Verantwortung! Es ist endgültig Schluss mit dem Flyboy-Lebenswandel!>

Nachdem er es fast geschafft hatte, sich selbst in Panik zu versetzen, blickte Harm wieder auf die Karten hinab. "Mist, ich brauche ein Ass."

"Harm?" Macs Stimme riss Harm aus seinen Gedanken. "Was machst du da?"

<Über unser Kind nachdenken? Nur knapp einer Panikattacke entgehen?> "Ich spiele Solitaire," antwortete er stattdessen.

"Mit einem Ultraschallfoto?" erkundigte sich Mac lächelnd.

"Was? Oh, nein, ich hab damit nur versucht mir vorzustellen, wie das Baby wohl werden wird, wie es aussehen wird..." Harm sah wieder auf das Bild hinab. Würde das Baby wohl klug werden? Und gutaussehend? Harm zog Mac hinunter auf seinen Schoß und lächelte. <Es wird bestimmt beides werden, wenn ich mir die Mutter so anschaue.>

Mac strich Harm eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Hmmm, ich hoffe jedenfalls, dass er – oder sie – deine Augenfarbe erbt," erklärte sie energisch, in die blaugrauen Augen sehend.

"Kommt nicht in Frage, ich will, dass sie – oder er – genau wie du aussieht," protestierte Harm.

"Wie wär’s mit einem Kompromiss?"

"Du willst ein Kind mit einem blauen und einem braunen Auge?" warf Harm grinsend ein.

Mac zwickte ihn in die Seite. "Du Clown! Na warte, dir wird das Lachen schon noch vergehen – spätestens morgen früh beim Frühstück!" drohte sie schmunzelnd.

"Okay, okay!" Harm hob lachend die Hände. "Warum bist *du* eigentlich wach? Hast du auch über das Baby nachgedacht?"

"Mm-hm." Mac nickte, auf ihrer Unterlippe knabbernd.

Harm wusste ihre Mimik sofort zu deuten. "Bist du nervös?" fragte er, beide Arme um Macs noch schlanken Körper legend.

"Ein bisschen," untertrieb Mac, "und du?"

Harm zögerte. <Versuch ich jetzt, sie mit einer zuversichtlichen Antwort aufzumuntern oder sag ich die blanke Wahrheit?> "Na klar bin ich nervös," gab er schließlich zu, "aber solange ich dich an meiner Seite habe..."

"Ich weiß nicht..." Mac lächelte traurig. "Ich glaube kaum, dass du von mir in dieser Hinsicht viel Gutes zu erwarten hast... ich fürchte, ich bin keine Frau, die man zur Mutter des Jahres wählen würde."

Ungläubig blickte Harm in die braunen Augen. "Komm schon, Mac! Du liebst Kinder – und die Kinder lieben dich! Du brauchst nur Chloe oder Klein AJ zu fragen, wenn du mir nicht glaubst!"

"Na klar, die nette Patentante oder die coole große Schwester zu sein ist ja auch leicht. Da brauche ich nichts weiter zu tun, als dafür zu sorgen, dass sie sich amüsieren und sie abends lebend wieder bei ihren Eltern abzuliefern, das ist alles. Aber selbst ein Elternteil zu sein, vierundzwanzig Stunden am Tag, jeden Tag des Jahres..." Braune Haare wirbelten auf, als Mac den Atem entweichen ließ. "Glaubst du nicht auch, dass ich da eine Menge falsch machen könnte? Irgendetwas, was das arme Kind für die nächsten zwanzig Jahre in Therapie schicken könnte?"

"Stop!" befahl Harm energisch. "Ja, du wirst höchstwahrscheinlich Fehler machen – aber, das werde ich auch und das ist auch völlig okay. Das ist ganz normal. Alle Eltern machen Fehler, Mac, und du und ich, wir werden diese Fehler *gemeinsam* machen. Das einzige, was wirklich zählt, ist, dass wir uns lieben und dass wir unser Kind lieben. Okay?"

Jeder Muskel in Macs Körper schien sich zu entspannen, als sie sich gegen Harms Körper sinken ließ. "Okay," bestätigte sie erleichtert.

"Gut." Zufrieden lehnte Harm sich vor und küsste seine Frau auf die Stirn. "Und jetzt hilf mir bitte, das dumme Ass zu finden, bevor wir morgen früh noch hier sitzen."


4. Wucherpreise –
oder warum man einen Apotheker braucht, um die Forderungen beim Ärztestreik zu lesen

11. Februar 2002
2256 Z-Zeit (17:56 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Harm? Kannst du mal kurz herkommen? Ich brauche dich!" rief Mac aus der Küche.

Harm ließ das Buch sinken und bahnte sich, vorsichtig über Bücherstapel steigend, einen Weg durchs Wohnzimmer. Kurzerhand hob er Mac auf den Küchentresen, stellte sich zwischen ihre Beine und ließ seine Hände neckisch ihre Schenkel hinaufwandern. "Was kann ich für dich tun, hmmmm?" fragte er mit einem verführerischen Grinsen.

"Du könntest die da in zwei Teile brechen." Völlig unromantisch drückte Mac ihm eine große Tablette in die Hand.

"Für was sind die?" Innerhalb eines Sekundenbruchteils wechselte Harms Gesichtsausdruck von flirtendem Flyboy zu besorgtem Gatten.

Mac unterdrückte ein Schmunzeln. "Das sind nur pränatale Vitamine, nichts Schlimmes – außer, dass Sie in dieser Monstergröße produziert werden."

Harm nickte zustimmend. "Die ist wirklich verdammt groß!" bestätigte er, brach die Tablette in zwei Teile und gab sie Mac zurück.

"Danke." Mac griff nach ihrem Wasserglas und schluckte die Tabletten-Hälften einzeln. Dann schlang sie die Beine um Harms Hüften, bevor er sich wieder ins Wohnzimmer zurückziehen konnte. "Wo ich dich gerade da habe..."

"Ja?" Harms Augen leuchteten erwartungsvoll auf.

Mac langte hinter sich und hielt ihm eine leere Vorratsdose hin. "Gib mir mal einen Dollar."

"Hä?"

"Einen Dollar, Flyboy," wiederholte Mac, die Hand aufhaltend, "du sollst mir einen Dollar geben, was ist daran so schwer zu verstehen?"

Gehorsam durchsuchte Harm seine Taschen und förderte von irgendwoher eine Ein-Dollar-Note zutage. Als Mac danach greifen wollte, zog er den Schein rasch weg und hielt ihn hinter seinen Rücken, so dass Mac ihren Oberkörper gegen seinen lehnen musste, um das Geld zu erreichen.

Mac lenkte ihn mit einem Kuss ab, während sie den Dollar stibitzte und in die Vorratsdose stopfte.

"Hey! Raffiniertes kleines Biest!" beschwerte sich Harm spielerisch.

Mac winkte mit dem Zeigefinger. "Und noch ein Dollar!" verlangte sie triumphierend.

"Was? Verlangst du jetzt schon eine Gebühr für jeden Kuss? Mac, sei gnädig, ich wäre innerhalb einer Woche vollständig pleite!"

"Eine Woche? So lange?" neckte Mac. Erneut tauschten sie Kuss gegen Dollar. "Nicht, dass du mich jetzt für kapitalistisch hältst, das ist für Baby Rabb," erklärte sie, die Vorratsdose schwenkend. "Das hier ist eine Fluch-Spardose."

Harm runzelte skeptisch die Stirn. "Was zum Teufel ist eine Fluchspardose?"

Mac durchsuchte Harms Taschen nach einem dritten Dollar. "Jedes Mal, wenn jemand von uns in Anwesenheit von Baby Rabb flucht, ein Schimpfwort benutzt oder sich sonst wie unhöflich ausdrückt, muss derjenige einen Dollar in diese Fluchspardose werfen."

Ihr Ehemann sah noch immer ungläubig drein, deshalb fuhr Mac fort: "Babys können schon im Bauch der Mutter hören, was um sie herum vorgeht, ein bisschen Vorsicht kann also nicht schaden. Oder willst du wirklich, dass das erste Wort, das ihr sehnlichst erwarteter Urenkel zu Granny sagt, ein Schimpfwort ist?"

"Ffwwui, nein!" Harm wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. "Ich glaube, das Geld ist gut angelegt." Er klopfte auf den Deckel der Vorratsdose, in der sich seine drei Dollar befanden. Dann schlang er beide Arme um Mac und trug sie wortlos ins Wohnzimmer hinüber.

"Harm! Ich bin ja vielleicht schwanger, aber ich kann immer noch laufen!" protestierte Mac, ohne jedoch auch nur die geringsten Anstalten zu machen, sich aus Harms Armen befreien zu wollen.

Harm setzte sie auf der Couch ab und lächelte auf sie hinab. "Ich weiß, ich weiß. Ich wollte dich einfach nur mal tragen – solange ich es noch kann," neckte er grinsend.

"Ha, ha! Hmmm, ich glaube, ich werde morgen früh wieder einen wahnsinnigen Hunger auf Rollmops und Schokoriegel haben," betonte Mac, sich die Lippen leckend.

"Würg!" Harm schüttelte sich. "Hey, für diese Drohung solltest du eigentlich einen Dollar in diese Fluchspardose zahlen müssen!"

Mac grinste nur, während sie sich zurücklehnte, ihre Füße in Harms Schoß platzierte und auffordernd mit den nackten Zehen wackelte.

"Sehr subtil." Lächelnd begann Harm, ihr die Füße zu massieren.

Mac seufzte genießerisch. Ihr Blick fiel auf den Bücherstapel neben der Couch und sie streckte die Hand aus, um die Titel der Bücher zu lesen. "‚Mein Baby und ich’, ‚Das erste Jahr’, ‚Babypflege leicht gemacht’, ‚Gesund durch die Schwangerschaft’, "1000 Schlaf- und Wiegenlieder’... Harm!" Sie lachte ungläubig. "Hast du vor, alle Schwangerschafts- und Baby-Abteilungen aller Buchhandlungen in ganz Washington leer zu kaufen?!"

"Na ja..." Harm knetete sanft Macs Fußballen. "Schließlich bin ich Anwalt – und als solcher habe ich gelernt, mich niemals ohne gründliche Recherche auf eine wichtige Angelegenheit einzulassen – und unser Kind ist die wichtigste Angelegenheit in meinem Leben, abgesehen von dir natürlich."

Mac griff nach dem Heftchen, das aufgeschlagen auf dem Couchtisch lag. "Und was ist das? Du liest meinen Mutterpass?"

"Muss ich ja, wenn niemand mir einen Vaterpass ausstellt!" Harm gab vor zu schmollen. "Obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht sonderlich viel verstehe... all die Abkürzungen, die medizinischen Fachausdrücke und die unleserliche Schrift vom Doc..." Er schlug die Seite auf, auf der er zu lesen aufgehört hatte. "Was soll das da zum Beispiel heißen?" Sein Finger deutete auf einen bestimmten Schriftzug. "Risch... oder ist das ein ‚o’?"

Mac biss sich auf die Lippe. "Das heißt ‚Risikoschwangerschaft’," gestand sie leise.

"RISIKOSCHWANGERSCHAFT!" Harm sprang so hastig auf, dass Mac fast von der Couch gefallen wäre. "Mac! Soll das heißen, dass es ein Gesundheitsrisiko für dich ist, schwanger zu sein?!" So sehr er sich auch ein Kind wünschte, Macs Gesundheit war ein Preis, den er dafür nicht zu zahlen bereit war.

Behutsam zog Mac ihn zurück auf die Couch. "Nein! Abgesehen davon, dass eine Schwangerschaft für jede Frau eine körperliche Belastung ist, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass meine Gesundheit darunter leiden wird," versicherte sie Harm eilig.

"Aber... aber, warum schreibt Dr. DelRey dann, das.... das wäre eine..." Harm pochte mit zusammengebissenen Zähnen auf das Wort ‚Risikoschwangerschaft’, so als könne er es kaum ertragen, es auszusprechen.

"Das ist nur eine Formalität, Harm. Ich bin fast 35 und die Ärzte tragen jede Frau, die 35 oder älter ist, vorsichtshalber als Risikoschwangerschaft ein. Aber das heißt noch lange nicht, dass mir oder dem Baby irgendetwas passieren wird, okay?"

Harm atmete tief durch. "Okay." Er ließ sich zurücksinken, drückte Mac fest an sich und schloss die Augen.


5. Eine Audienz beim Papst –
oder warum ein dickes Auto heutzutage kein Statussymbol mehr ist

18. Februar 2002
1520 Z-Zeit (10:20 Uhr EST)
In der Nähe des Dulles International Airport
Washington D.C.

"Hmm, okay, jetzt hab ich’s," verkündete Harm, während er den Blinker setzte, "wie wäre es mit Aphrodite?"

Mac drehte sich auf dem Beifahrersitz um. "Aphrodite?" wiederholte sie ungläubig. "Du willst unser Kind Aphrodite nennen?! Eigentlich solltest du einen Dollar in die Fluchspardose werfen, sobald wir nach Hause kommen, dafür, dass du diesen Namen vorgeschlagen hast!"

"Oach, ich bin sicher, Granny würde der Name gefallen," meinte Harm grinsend.

"Zuerst müssen wir Granny erst mal sagen, dass sie Uroma wird. Also, hast du noch weitere Namensvorschläge?"

Harm warf einen Blick über die Schulter, als er abbog. "Ich?"

Ein energisches Nicken von Mac. "Ja, du. Schließlich bist du doch das wandelnde Babybuch von uns zweien."

"Na ja, wenn es Zwillinge werden, könnten wir sie Thomas und Catherine nennen," schlug Harm vor.

"Hmm, schon besser, Flyboy," lobte Mac, sein Bein tätschelnd. "Abgesehen davon, dass es *keine* Zwillinge werden! Nach Thomas Boone und meinem zweiten Vornamen, oder?"

"Nein," grinsend schüttelte Harm den Kopf, "ich wollte nur schon immer mal Tom-Cat durchs ganze Haus schreien dürfen."

Stöhnend sah Mac auf ihren flachen Bauch hinab. "Dein Vater ist unmöglich! Nimm dir bloß kein Beispiel daran! Hmm, weißt du eigentlich, dass es gaaaanz am anderen Ende der Stadt eine Eisdiele gibt, die rund um die Uhr geöffnet hat? Ich glaube, wir zwei werden die ganze Woche lang nachts um drei ein plötzliches Verlangen nach Eiscreme bekommen, nicht wahr, Baby Rabb?" Sie warf Harm einen listigen Seitenblick zu.

Harm, der seinen Nachtschlaf gefährdet sah, schwieg klugerweise und beschränkte sich aufs Grinsen. Vor dem Flughafen parkte er das Auto ein. "Ich glaube, du solltest jetzt besser aufhören, mit deinem Bauch zu reden, bevor Granny und Will dich für total bekloppt halten."

"Ha, und das sagt mir der Mann, der gestern Nacht fast unter der Decke erstickt wäre, weil er sich nicht von dem Zwiegespräch mit Baby Rabb losreißen konnte! Und im Übrigen schuldest du der Fluchspardose einen Dollar für das Adjektiv, das du gerade verwendet hast!" Grinsend küsste Mac ihren Mann auf die Wange und folgte ihm zur Flughafenhalle hinüber.

Schon von weitem sahen sie die beiden Rentner vor der Gepäckausgabe auf sie warten. Harm begann sofort, sich Reisetaschen umzuhängen und schnappte sich links und rechts einen Koffer. Schließlich klemmte er sich auch noch Grannys Kosmetikköfferchen unter den Arm.

Mac beobachtete verwundert die Packesel-Aktion ihres Mannes. "Harm, ich kann doch auch..." Harms mahnender Blick ließ sie verstummen. "... Grannys Handtasche tragen," schloss sie ein wenig kleinlaut.

Harm blinzelte ihr verschwörerisch zu und stolperte hochbeladen zurück zum Auto.

Granny sah ihrem Enkel verblüfft hinterher. "Was war das denn? Ich weiß ja, dass Harmon ein Gentleman ist, aber wenigstens einen der Koffer hätte er dir doch überlassen können. Schließlich bist du ein Marine!"

"Ach, ich glaube, Harm will sich nur mit dem Kofferschleppen ein bisschen fit halten, weil er in letzter Zeit so wenig zum Fitness-Training gekommen ist," erklärte Mac eilig. Sie wollte nicht, dass ihre Großeltern das süße Geheimnis im Gedränge der Flughafenhalle erfuhren.

"Wirklich? Harmon hat sein Hanteltraining doch noch nie vernachlässigt!" wunderte sich Granny, in die Richtung sehend, in die ihr gutgebauter muskulöser Enkel gerade verschwunden war.

<Tja, in den letzten zwei Wochen hat er jedenfalls nichts Anderes außer Babybüchern gestemmt,> dachte Mac belustigt.

Will schlang grinsend einen Arm um seine Enkelin, den anderen um seine Ehefrau. "Oh, lass doch die Kinder, Granny. Du weißt doch, dass ein junges Paar im ersten Ehejahr andere Methoden hat, um sich körperlich fit zu halten."

Eine halbe Stunde später nahmen die beiden Rentner auf der Couch Platz, während Harm die Koffer die Wendeltreppe hinauf schleppte und Mac Gläser und Getränke holte.

"Wir sind also wieder im oberen Gästezimmer einquartiert?" erkundigte sich Granny. "Nicht im unteren Gästezimmer?"

Harm und Mac wechselten lächelnd einen Blick. Im Gästezimmer im Erdgeschoss, das sich gleich gegenüber ihres Schlafzimmers befand, stapelten sich bereits jetzt Spielsachen und Babyartikel.

"Nein, das untere Zimmer wird nicht mehr viel länger ein Gästezimmer sein," verkündigte der werdende Vater mit stolzgeschwellter Brust.

"Ach nein? Wieso nicht? Hast du es jetzt bereits geschafft, dass Sarah dich aus dem Ehebett wirft, Enkelchen?" neckte Granny.

Harm schüttelte mit einem wissenden Grinsen den Kopf. "Nein, wir brauchen den Raum für etwas Anderes."

Granny sah zwischen ihren beiden Enkeln hin und her, die beide ein wenig närrisch grinsten. "Was hat euch denn gebissen?" erkundigte sie sich verwundert über dieses seltsame Verhalten der beiden sonst eigentlich recht vernünftigen Anwälte.

Daraufhin brachen Harm und Mac in wildes Gelächter aus.

<Der Klapperstorch!> Macs Mundwinkel hob sich, als sie einen amüsierten Blick mit Harm wechselte.

Granny beugte sich vor und schnupperte argwöhnisch an den Gläsern der beiden, so als glaube sie, im Washingtoner Wasser befände sich irgendeine Substanz, die mental fitte Menschen in hysterisches Gelächter ausbrechen ließ. "Man könnte wirklich meinen, ihr zwei wärt nicht mehr ganz... hmpff!"

Harm hielt seiner Großmutter eilig den Mund zu. "Wenn du nicht deine Urlaubskasse opfern willst, würde ich dir raten, dich in Macs Anwesenheit mit unfeinen Wörtern ein wenig zurück zu halten," riet er lächelnd.

"Und ich würde dir raten, deine Finger da weg zu nehmen, es sei denn, sie wollen Bekanntschaft mit meinen Dritten machen," murmelte Granny dumpf hinter Harms Hand hervor.

Eilig zog Harm seine Finger weg.

"Was soll das überhaupt?" wunderte sich die alte Dame. "Warum soll ich in Sarahs Anwesenheit keine ‚unfeinen Wörter’ verwenden? Ich bin sicher, jeder, der die Marine-Corps-Ausbildung hinter sich hat, kann fluchen wie ein Maultiertreiber, ich bezweifle also, dass ich Sarah noch etwas Neues beibringen könnte."

"Oh, ja, *ich* kenne die Wörter," bestätigte Mac schmunzelnd, "aber mein Untermieter nicht."

Granny hob ihre silbergrauen Augenbrauen. "Untermieter? Soll das heißen, ihr habt das Gästezimmer an einen Studenten oder so vermietet?"

"Na ja, eines Tages wird er – oder sie – sicher studieren und wenn Harm so weiter macht, wird er – oder sie - sich sogar Harvard leisten können." Mac deutete grinsend auf ein Glas voller Geldscheine auf dem Tisch.

Granny begriff noch immer nicht. "Warum sollte Harmon dem Studenten das College bezahlen?" Plötzlich riss sie die Augen auf. "Harmon Rabb junior! Sag mir nicht, du hast ein uneheliches Kind, das sich jetzt bei euch einquartiert hat?!"

Harm verschränkte lässig die Arme vor der Brust. "*Du* wolltest doch immer Urenkel," entgegnete er, sorgsam bemüht, das Grinsen von seinen Lippen fern zu halten.

Die pennsylvanische Farmerin raufte sich die silbernen Haare. "Aber doch nicht von irgendeiner wildfremden, dahergelaufenen..."

"Wir nehmen auch Schecks," unterbrach Mac und schob ihr das Einmachglas hin, das als Fluchsparbüchse diente.

"Halt, halt, halt!" donnerte Will, der bisher geschwiegen hatte. "Jetzt mal Klartext, was geht hier vor? Hast du wirklich ein Kind, Harm?" Der Halb-Cherokee sah seinen Schwieger-Enkel an, als wäre er bereit, sofort das Kriegsbeil auszugraben, sollte er Mac wirklich betrogen haben.

Harm nickte. "So gut wie."

"Und was sagst du dazu?" Ungläubig sah Will seine Enkelin an. Wie konnte sie nur so ruhig dasitzen, nachdem Harm sich gerade zu einem unehelichen Kind bekannt hatte?

Mac zuckte die Schultern. "Na ja, umgekehrt wäre es mir natürlich schon lieber..."

Mitleidig schloss Granny sie in ihre Arme, während sie ihrem Enkel einen bösen Blick zu warf.

"... aber da es Harm nun mal biologisch nicht möglich ist, das Kind zu bekommen, werde ich mich wohl oder übel opfern," fügte Mac grinsend hinzu.

Grannys blaue Augen weiteten sich. "Soll das heißen, ihr seid... du bist... ich werde URGRANNY?!"

Noch bevor sie zuende genickt hatte, fand sich Mac plötzlich in einer engen großmütterlichen Umarmung wieder. "Oh! Oh, das ist so großartig... so wundervoll, so... wow! In der wievielten Woche bist du? Wieso habt ihr mir das nicht vorher gesagt? Wisst ihr schon das Geschlecht? Gibst du auch gut auf dich acht, Sarah? Du siehst ein bisschen dünn aus... soll ich dir eine Suppe machen? Willst du nicht die Füße hochlegen? Sind die Kleinen gesund?"

Mac lachte, als sie mit Fragen bombardiert wurde. "*Die* Kleinen? Granny, das ist eine Einlingsschwangerschaft," protestierte sie amüsiert.

"Ach, papperlapapp, ich will *mindestens* Drillinge. Man kann nie genug Urenkel haben. Sie sind ein Statussymbol, wisst ihr," erklärte Granny strahlend. "Habt ihr denn schon Namen ausgesucht? Eigentlich müsstet ihr das Kind ja nach mir nennen, denn wenn es nach euch zwei blinden Anwälten gegangen wäre, dann wäre mein Urenkel jetzt noch eine arme, ungenutzte Spermienzelle! Aber ich glaube, es gibt schon genug Sarahs in der Familie und außerdem mag ich es nicht sonderlich, wenn man ständig meinen Namen durch die Gegend brüllt."

Freudenstrahlend vor sich hin murmelnd erhob sich Granny und hüpfte überglücklich hinüber zum Telefon.

"Was macht sie denn jetzt?" fragte Harm und genoss es, dass er jetzt, wo Granny sie endlich frei gegeben hatte, seine Frau wieder in die Arme nehmen konnte.

Will grinste. "Ich vermute, sie ruft beim Papst an und bittet ihn, bei einer höheren Instanz ein gutes Wort bezüglich der gewünschten Drillinge einzulegen."


6. Vielleicht –
oder warum es immer gut ist, einen Arzt in der Familie zu haben

27. Februar 2002
1502 Z-Zeit (07:02 Uhr PST)
Sanchez Street, Noe Valley
San Francisco, Kalifornien

"Hawkes!" bellte Skates atemlos in den Telefonhörer. Sie war die Treppe ihres viktorianischen Hauses hinaufgestürmt, um den Anruf vor ihrem Anrufbeantworter zu erwischen.

"Hallo, Skates," antwortete eine vertraute weibliche Stimme.

Skates grinste erfreut. "Hey, Cousinchen!" Sie freute sich immer, von Randy zu hören. "Du hast Glück, dass du mich erreichst. Ich bin eben erst nach Hause gekommen. Ich hab jetzt drei Wochen Urlaub, während die John C. Stennis generalüberholt wird!"

"Ja, ich weiß..."

"Und? Wie geht’s dir und was macht meine Lieblingsschwiegercousine?" erkundigte sich Skates gutgelaunt.

Randy Hawkes räusperte sich mühsam. "Skates, hör mal..."

Die Augen der Jägerleitoffizierin weiteten sich besorgt. "Ist was mit Gwen? War ihr letzter Checkup etwa wieder..."

"Nein, nein, Gwen geht’s gut, aber..." Randy atmete tief durch. "...Keeter ist abgestürzt."

Eine Minute lang herrschte völlige Ruhe in der Leitung. Lediglich das Schaben von Kleidung war zu hören, als Skates langsam an der Wand nach unten rutschte und betäubt auf dem Boden sitzen blieb.

"Skates? Bist du noch da?"

"Ja, ich... Keeter... ist er...?" Skates krampfte die Hand um das Telefonkabel.

Ein klatschendes Geräusch war zu hören, als Randy sich gegen die Stirn schlug. "Oh, sorry, ich wollte dir keine Angst einjagen! Keeter liegt hier, im Mercy-Krankenhaus, und lässt sich gerade von Gwen Wackelpudding füttern."

"Es geht ihm also gut?" erkundigte sich Skates hoffnungsvoll bei ihrer Chirurgen-Cousine.

Randy zögerte. "Na ja, gut ist übertrieben. Er hat eine Fraktur des..."

"Randy!" unterbrach Skates ungehalten. Ihr Geduldsfaden war reichlich kurz, seit sie von Keeters Absturz gehört hatte. "Ich bin Pilotin, kein Arzt! Im Klartext, bitte schön!"

"Okay, okay. Also, dein Geliebter hat einen komplizierten Schienbeinbruch, einen Trümmerbruch in der linken Hand und ein paar Dutzend Schnittwunden und Hämatome... Prellungen. Ich habe gestern Nacht engere Bekanntschaft mit seiner Hand geschlossen, als ich je mit der Hand eines Mannes haben wollte," erklärte Miranda Hawkes amüsiert.

"Hä?"

Randy lachte. "Als Keeter hörte, dass seine Hand operiert werden muss, hat er darauf bestanden, ins Mercy-Hospital verlegt zu werden, damit ich ihn höchstpersönlich unters Messer nehmen kann."

Skates atmete tief durch. Sie arbeitete sich in die Höhe und zwang ihre etwas wackeligen Knie, ihr Gewicht wieder zu tragen. "Ich nehme das nächste Flugzeug. Du kannst Keeter ausrichten, dass ich in etwa sechs Stunden da sein werde. Und sag ihm..."

"Dass du ihn liebst?" warf Randy neckisch ein.

Skates schnaubte. "Sag Keeter: Vielleicht."

"Ich soll ihm sagen, dass du ihn vielleicht liebst?" fragte Randy verwirrt nach.

"Nein, sag ihm einfach nur ‚vielleicht’, er wird das schon verstehen. Bis dann." Ohne ein weiteres Wort legte Skates auf, um sich hastig ihre Tasche zu schnappen und zum Flughafen zu fahren.


7. Wie sag ich’s meinem Boss? –
oder warum es so schwer ist, einen Bürohengst stubenrein zu bekommen

27. Februar 2002
1321 Z-Zeit (08:21 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Admiral A.J. Chegwidden lehnte sich in seinem Ledersessel am Kopfende des Konferenztisches nach vorne und ließ den Blick über die versammelten Anwälte zu seiner Linken und Rechten gleiten. Seine Finger trommelten langsam und methodisch auf den Akten der letzten beiden Fälle herum, die er heute zu vergeben hatte. Schließlich blieb sein Blick auf Harm hängen, der links von ihm saß. "Das hier wäre eigentlich ein Fall für Sie, Commander. Es geht um die F-14, die vor zwei Tagen in New Mexico abgestürzt ist. Der Pilot hat in den letzten Jahren relativ häufig solche Bruchlandungen hingelegt oder musste sich rausschießen, was die Streitkräfte eine immense Summe gekostet hat, wie Sie sich vorstellen können." Chegwidden hob die Brauen und sah Harm, der selbst dafür bekannt war, nicht sehr schonend mit dem Budget umzugehen, vielsagend an. Er schob die Akte ein Stückchen über den Tisch, legte aber hastig einen Finger darauf, als Harm die Unterlagen an sich nehmen wollte. "Moment!"

"Sir, falls Sie Bedenken haben und glauben, nur weil ich auch mal Pilot war, würde ich automatisch auf der Seite des Piloten stehen und keine objektive Ermittlung durchführen... Ich versichere Ihnen, wenn dieser Pilot nachlässig war oder körperliche Mängel die Abstürze verursacht haben, werde ich das auch herausfinden!" erklärte Harm entschlossen.

Chegwidden nickte bedächtig. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass Harm einst sogar seinem ehemaligen Ausbilder eine Sehschwäche nachgewiesen hatte. "Na schön, Commander," er schob die Akte zu Harm hinüber, "dann hoffe ich, Sie können diese Objektivität auch aufrecht erhalten, wenn der Betroffene Ihr bester Freund ist."

Harm erstarrte. "Keeter? Sie meinen, der Pilot, gegen den ermittelt werden soll, ist Jack Keeter?" Er schluckte, als die Akte in seiner Hand plötzlich zu glühen schien wie heiße Kohlen.

"Das ist richtig, Commander." Chegwidden nickte ernst. "Also, übernehmen Sie den Fall oder soll ich ihn Commander Mattoni geben?"

Harms Finger schlossen sich fester um die Akte. Er straffte die Schultern, als er Macs ermutigenden Blick auf sich ruhen spürte. "Nein, Sir, ich übernehme den Fall."

"Schön, dann bleibt also nur noch ein zu vergebender Fall." Der JAG sah auf die letzte Akte hinab, die noch vor ihm lag. "Vielleicht hat jemand von Ihnen schon von Brigadier General Barstow gehört..."

Buds Kopf ruckte in die Höhe und die sonst so sanften Augen begannen mit einem entschlossenen Feuer zu leuchten. "Ja!" Der braunhaarige Anwalt zügelte sich verlegen, als er bemerkte, dass alle im Raum ihn nach diesem plötzlichen Ausbruch anstarrten. "Ich meine, ja, Sir, ich habe gehört, dass der General und seine Frau vor Kurzem ihr Baby verloren haben wegen einer Hebamme, die nicht da war, wo sie sein sollte!"

"Das ist noch nicht erwiesen. In dubio pro reo, Lieutenant," erinnerte AJ Chegwidden. "Die Artikel-32-Ermittlung hat jedoch genug Verdachtsmomente ergeben, dass es jetzt zur Militärgerichtsverhandlung kommen wird."

"Sir, ich wäre jederzeit bereit, die Anklage zu übernehmen," erklärte Bud entschlossen.

"Lieutenant Roberts...," Chegwiddens Stimme war wie ein fernes Donnergrollen, wurde dann aber sanfter. "Bud... die Anklage wird bereits durch unser Büro in Maryland abgedeckt. Was man von uns braucht, ist ein Verteidiger."

Bud ließ sich zurücksinken. Er wusste so gut wie jeder andere im Raum, dass er für diese Aufgabe nicht der Richtige war. Nachdem Harriet und er vor 1 ½ Jahren ihr Kind durch die Mitschuld eines Navy-Arztes verloren hatten, konnte er bei einem solchen Fall einfach nicht mehr objektiv sein. <Vor allem nicht jetzt,> fügte er in Gedanken hinzu.

Mac lehnte sich ein wenig zur Seite und drückte für einen Moment aufmunternd Buds Arm. Sie konnte gut verstehen, dass er auf keinen Fall die Verteidigung einer Frau übernehmen wollte, die vielleicht schuld am Tod eines Kindes war. <Ich bin selbst weiß Gott nicht scharf auf eine solche Aufgabe! Schließlich hat der Tod der kleinen Sarah mich auch ganz schön mitgenommen. Wenn ich mir vorstelle, dass unserem Kind so etwas passieren könnte...!> In einer unbewussten Geste des Schutzes legte sie eine Hand auf ihren Bauch.

"Colonel, wie wäre es mit Ihnen?"

Chegwiddens Stimme riss Mac aus ihren Gedanken. "Sir?" fragte sie, verzweifelt hoffend, dass er nicht das meinte, wovon sie befürchtete, dass er es meinte.

"Wie wäre es, wenn Sie die Verteidigung des angeklagten Lieutenants übernehmen, da ich Ihnen sonst noch keinen größeren Fall zugeteilt habe," schlug der Admiral vor.

Mac schluckte. Nervös wanderte ihr Blick zu Harm hinüber, bevor sie die Schultern unter der olivgrünen Uniformjacke straffte. <Komm schon, Marine! Wenn Harm in dem ihm zugeteilten Fall objektiv bleiben kann, kann ich das auch! Außerdem wäre es jetzt bestimmt nicht der richtige Moment, dem Admiral zu sagen, dass ich schwanger bin.>

"Einverstanden, Sir, ich übernehme den Fall." Sie streckte die Hand aus und nahm die Akte vom Admiral entgegen.

"Schön, das war’s für heute." Chegwidden spreizte seinen nun leeren Hände und entließ damit seine Leute in den neuen Arbeitstag.

Harm und Mac wechselten erneut einen Blick und nickten sich einvernehmlich zu. Sie hatten beschlossen, dass heute der Tag sein würde, an dem sie ihren Kollegen und Vorgesetzten von der Schwangerschaft erzählten.

Harm öffnete den Mund, aber Bud kam ihm zuvor. "Sir? Einen Moment, bitte." Er eilte zur Türe des Konferenzraums und öffnete die Türe, um Harriet eintreten zu lassen. Ganz unprofessionell schlang er einen Arm um seine blonde Frau, als sie nebeneinander vor dem Admiral verharrten. "Wir haben Ihnen allen etwas zu sagen..."

"Ich bin wieder schwanger!" platzte es aus der strahlenden Harriet heraus.

Bud nickte eifrig, von einem Ohr zum anderen grinsend.

Die militärische Ordnung im Konferenzraum wurde durchbrochen, als die Anwälte wild durcheinander sprachen und jeder der erste sein wollte, der den beiden Kollegen gratulierte.

Harm trat neben Mac und lächelte auf sie hinab. "Na so was, jetzt haben uns die beiden doch tatsächlich die Schau gestohlen," bemerkte er mit einem verwunderten Grinsen.

"Vielleicht sollten wir die Gelegenheit nutzen und unsere Offenbarung auch gleich hinten dran hängen, solange der Admiral gerade so schön abgelenkt ist," schlug Mac vor.

Harm nickte. "Okay, gute Idee. Willst du oder soll ich...?" gestikulierte er fragend.

"Nachdem ich ja schon den Wehen-Part unserer Partner- und Elternschaft übernehmen muss, ist es nur fair, wenn du diesen Teil übernimmst," meinte Mac grinsend.

"Also gut." Harm atmete tief durch und trat ein paar Schritte vor, bis er neben den anderen werdenden Eltern und dem Admiral stand. "Es ist wirklich schön..."

"Oh, danke, Commander... Harm!" Eine noch immer strahlende Harriet fiel ihm um den Hals. "Es ist wirklich unbeschreiblich schön!"

<Oh, man! Offensichtlich dachte Harriet, ich möchte sie ebenfalls beglückwünschen, dabei wollte ich doch sagen, wie schön es ist, dass unser Kind einen gleichaltrigen Spielkameraden haben wird! Tja, dieser clevere Plan ging schon mal voll daneben!> Harm schielte über Harriets Schulter hinweg hinüber zu Mac, die ein amüsiertes Grinsen hinter ihrer Hand zu verstecken versuchte. <Zu witzig, Marine! Ich möchte dich mal sehen, wenn *ich* es wagen würde, bei deinem Wehen-Teil so zu grinsen!>

Ein wenig benommen schüttelte er schließlich Buds Hand und versuchte fieberhaft, sich etwas Neues einfallen zu lassen, während er seine Glückwünsche murmelte.

"Vater zu werden ist einfach wunderbar, Sir, und ich bin froh, dieses Glück mit meinen Freunden teilen zu können," erklärte Bud mit leuchtenden Augen.

Harm nickte verständnisvoll. <Tja, Bud, ich würde dieses Glück ja auch gerne mit Ihnen teilen, aber Sie sind mir da gründlich zuvorgekommen, mein Freund!>

Nachdem auch der letzte Anwalt den Roberts gratuliert hatte, machte der Admiral sich daran, seine Leute zurück an die Arbeit zu scheuchen. "Man könnte glauben, ich hätte Ihnen allen eben noch nicht genug Arbeit zugeteilt, so wie Sie hier alle herumstehen!" knurrte er auf seine übliche ruppige Art. "Oder hat etwa noch jemand eine kleine Offenbarung zu machen, hm?!"

"Ähem... wo Sie gerade danach fragen, Sir..." Harm trat mit einem zögernden Grinsen vor.

"Was denn, Rabb, sind Sie etwa auch schwanger?" Chegwidden verschränkte die Arme und bedachte Harm mit einem spöttischen Halblächeln.

"Ja!" Harm rieb sich die Stirn, als ein Teil seiner Kollegen bei dem vermeintlichen Witz in schallendes Gelächter ausbrach. "Ich meine, nein, nicht ich persönlich, aber... Mac... ich meine, der Colonel und ich..."

Mac trat neben ihn und drückte schmunzelnd seine Hand. "Was mein Mann gerade so wortgewandt zu sagen versucht ist, dass wir auch Eltern werden."

Aller Blicke richteten sich automatisch auf den Admiral, um zu sehen, wie er auf diese Neuigkeit reagieren würde.

Einige Sekunden blieb alles still, dann grollte Chegwidden: "Meine Güte, und da sagt man, die Streitkräfte hätten Nachwuchssorgen! Also, *meine* Abteilung ganz sicher nicht! Okay, es ist wohl an der Zeit, dass ich ein für alle mal ein paar Dinge mit Ihnen klar stelle." Mahnend sah er zwischen Mac und Harriet hin und her. "Es wird im JAG-Hauptquartier keine Sardinen zum Frühstück geben, kein Kühlschrank-Ausräumen, kein Entsorgen meines Risottos und vor allem keine Geburten in meinem Büro! Noch eine Geburt würde Tiner ganz sicher nicht überleben und ich habe keine Lust, einen neuen Bürohengst einzulernen, wo ich gerade mal den einen ‚stubenrein’ habe! Verstanden?" Fragend sah er die beiden werdenden Mütter an.

Harriet und Mac nickten eilig, ein wenig verunsichert über die scheinbar wenig erfreute Reaktion ihres kommandierenden Offiziers.

"Gut. Jetzt, wo wir das geklärt haben... meine herzlichsten Glückwünsche auch an Sie beide." Herzlich schüttelte er die Hände der beiden Rabbs.

"Pwuih!" Mac wischte sich imaginären Angstschweiß von der Stirn und lehnte sich zu Harm herüber, um ihm etwas zuflüstern zu können. "Du schuldest mir jetzt eigentlich den Wehen-Teil, Partner!"


8. Damenbesuch –
oder warum Kater das Mausen nicht lassen

27. Februar 2002
2138 Z-Zeit (16:38 Uhr EST)
Mercy-Hospital
Washington D.C.

Keeter hob den Kopf vom Kissen, als die Türe seines Krankenzimmers sich öffnete. Ächzend ließ er sich zurücksinken, als er erkannte, dass es nicht – wie erhofft – Skates war, sondern nur eine in Weiß gekleidete junge Frau. "Sie sollten sich, glaube ich, ein bisschen besser absprechen, es war eben schon eine von Ihnen da," erklärte Keeter der vermeintlichen Krankenschwester. "Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, wenn hübsche Frauen durch mein Zimmer paradieren, aber ich kann mir vorstellen, dass Sie ziemlich viel Arbeit haben..."

Lächelnd stellte die blonde Frau ihr Tablett ab. "Ich bin keine Krankenschwester," klärte sie Keeter amüsiert auf.

"Nein?" Keeters graue Augen weiteten sich. "Oh, man, sagen Sie nicht, Sie sind die Seelenklempnerin und man hat Sie geschickt, um einen Bericht über mich zu schreiben?!"

Die junge Frau lachte. "Nein, nein, nur keine Sorge, ich bin auch keine Psychologin – ich bin Hebamme."

"Hebamme?!" Keeter grinste. "Tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber ich glaube, Sie haben sich verirrt. Alle Rundungen, die Sie unter dieser Decke finden werden, stammen von Eiscreme und Fastfood, nicht von einem Baby."

"Ich bin auch nicht im Dienst," erklärte die Hebamme und ihr Lächeln schwand, "ich bin privat hier."

Keeters Augenbrauen wanderten in die Höhe. <Privat? Sie besucht mich aus privaten Gründen?> "Ähm... das ist wirklich sehr nett von Ihnen und auch sehr... schmeichelhaft für mich, aber..." Er wollte sich nervös durchs Haar fahren, nur um sich fast selbst mit dem Gips außer Gefecht zu setzen. "... nur um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen... ich bin schon vergeben... sozusagen."

Die blonde Lady tätschelte ihm lächelnd den unverletzten Arm und setzte sich. "Nur keine Sorge, ich auch. Ich bin Gwen McKenna." Sie schüttelte Keeters Rechte.

Keeter verstand endlich. "Ah! Sie sind Randys... Freundin?" Er strahlte die junge Frau an. "Ich bin wirklich unheimlich geehrt und froh, Sie endlich kennen zu lernen!"

"Wirklich? Hat Randy da etwa geplaudert?" erkundigte sich Gwen schmunzelnd.

"Nein, leider nicht, das ist es ja gerade. Dabei könnte ich den einen oder anderen Tipp, wie man das Herz einer Hawkes-Frau gewinnt, nur allzu gut gebrauchen," gestand der verletzte Pilot offen.

Gwen schob ihren Stuhl näher an das Bett und lehnte sich zu einer Runde ‚Girl-Talk’ nach vorne. "Ach, so ist das also, Sie sind hinter meiner Schwiegercousine her, hm?" Sie grinste auf den Patienten hinab. Ihre Augen undefinierbarer Farbe funkelten vergnügt.

"Arrg! Hinter ihr her! Das klingt, als würde ich sie mit einem Jagdgewehr verfolgen!" knirschte Keeter.

Gwen kicherte, als sie sich Skates als gehetztes Wildschwein vorstellte. "Na schön, dann werde ich es etwas weniger dramatisch formulieren: Ihnen liegt etwas an Skates."

"Hmm." Keeter brummte zustimmend.

"Und Skates? Was fühlt Skates für Sie?" erkundigte sich Gwen McKenna interessiert.

Keeter zuckte die Schultern und stöhnte unterdrückt auf, als seine schmerzenden Muskeln protestierten. "Na ja, ich glaube schon, dass Skates mich mag." Er sah auf, in die grün-grau-braunen Augen und fügte mit mehr Selbstbewusstsein hinzu: "Ich bin ganz sicher, dass ihr was an mir liegt. Sie zögert eben nur, sich mit einem Piloten einzulassen."

"Ah, das kenne ich." Gwen lächelte verstehend. "Ging mir ganz ähnlich."

"Sie haben gezögert, sich mit einer Ärztin einzulassen?" hakte Keeter interessiert nach.

Gwens Lächeln wuchs in die Breite. "Nein, ich hab gezögert, mich mit einer Frau einzulassen," erklärte sie offen.

"Oh!" Keeter wusste nicht, was er sonst sagen sollte.

Lächelnd tätschelte Gwen seinen Arm. "Na, sehen Sie, dagegen scheint Ihr Beruf doch wirklich nur ein kleines Hindernis zu sein, oder?"

"Allerdings," musste Keeter zugeben. "Und wie hat Randy Sie dann überzeugt, sich doch mit ihr einzulassen?" Neugierig musterte der Pilot sein Gegenüber.

"Nicht Randy hat mich überzeugt, sondern ich Randy," verbesserte Gwen und lächelte, als sie sich daran zurückerinnerte. "Randy hatte dieselben Vorbehalte, wie Skates sie gegen Piloten hat, nur gegenüber Hetero-Frauen."

Keeter rutschte ein wenig in Richtung Bettkante, um sich kein einziges Wort entgehen zu lassen. "Und wie haben Sie Randy überzeugt, eine Beziehung mit Ihnen zu wagen?" fragte er, in der Hoffnung, ein paar brauchbare Tipps zu erhalten, die er auf die zweite Hawkes-Frau anwenden konnte.

Die blonde Hebamme grinste breit. "Ich bin eines Nachts kurzerhand uneingeladen in ihr Schlafzimmer eingedrungen und hab sie verführt," erklärte sie mit roten Wangen.

Keeter musterte sie bewundernd. "Toll! Aber leider glaube ich nicht, dass das bei Skates funktioniert. Ich fürchte, wenn ich das versuche, würde sie mich schlimmer zurichten, als ich jetzt aussehe!"

Gwen nickte bestätigend. "Vielleicht sollten Sie besser mit etwas Einfacherem anfangen... laden Sie Skates zum Essen ein – oder noch besser, kochen Sie ihr selbst etwas," schlug sie vor.

"Ah, Sie meinen, Liebe geht durch den Magen, hm? Tja, leider wird das einzige Gefühl, das meine Kochkunst bei Skates auslösen würde, eher Übelkeit als glühende Begierde sein," bekannte er bedauernd.

"Glühende Begierde?" mischte sich plötzlich eine weitere Stimme in die Diskussion ein. Skates erschien, gefolgt von Randy, im Türrahmen und hatte die letzten drei Worte gehört. "Ich erwarte, dich hier halb tot vorzufinden und stattdessen liegst du hier und flirtest mit meiner Schwiegercousine?!"

Keeter riss die Augen auf. "Ich flirte nicht!" versicherte er hastig. "Selbst wenn ich wollte, ich habe schon völlig verlernt, wie man überhaupt mit einer Frau flirtet." Treuherzig sah er zu seiner Angebeteten hinauf.

"Ja, klar!" Skates schnaubte. "Ein Flyboy, der das Flirten verlernt hat, ist wie eine Katze, die verlernt hat, wie man Mäuse jagt – so was gibt es nicht!"

"Natürlich kann es so was geben," beharrte Keeter. "Stell dir mal einen stattlichen Kater vor, der in jüngeren Jahren sehr viele kurzfristige Mäusejagden hatte, aber jetzt, wo dieser Kater etwas reifer geworden ist, will er nur noch eine bestimmte, ganz besonders appetitliche Maus und hat deshalb kein Interesse mehr daran, anderen Nagern hinterher zu jagen."

Gwen erhob sich lachend. "Komm schon, Coffee, lass uns lieber gehen, bevor sie zu der Stelle in der Katze-Maus-Analogie kommen, wo die Katze die Maus mit Haut und Haaren frisst!" Sie winkte und zog Randy aus der Tür.

Skates trat näher ans Bett heran und sah ernst auf Keeter hinab. Sein Gesicht war voller Schürfwunden und Kratzer. Dicke Gipsverbände umgaben seinen linken Arm und das rechte Bein, so dass er hilflos ans Bett gefesselt war.

"Bist du nur hier, um mitleidig auf mich hinabzusehen oder gibst du mir jetzt endlich meinen Begrüßungs-Kuss, bevor ich die Schwester rufen muss?" erkundigte sich Keeter und grinste in dem Bemühen, Skates – und sich selbst – davon abzulenken, wie gefährlich ihr Beruf war und wie knapp er diesmal nur davon gekommen war.

Skates hob spöttisch die Brauen. "Eine Schwester? Und was könnte die in der Sache unternehmen?"

"Hast du beim Reinkommen nicht die süße Rothaarige gesehen, die in dieser Schicht arbeitet? Sie hat mir gesagt, wenn ich irgendetwas brauche, *ganz egal was*, brauche ich ihr nur zu klingeln. Und im Moment brauche ich einen Kuss," verkündete Keeter triumphierend.

Skates beugte sich über das Bett und tat, als wolle sie nach dem Schalter greifen, auf dem sich der Klingelknopf für die Schwester befand, aber im letzten Moment bückte sie sich noch ein wenig tiefer und hauchte Keeter einen blitzschnellen Kuss auf die Lippen. Dann hob sie mahnend den Zeigefinger. "Bild dir bloß nichts darauf ein, das hab ich nur getan, um das überarbeitete medizinische Personal zu entlasten."


9. Timing ist alles –
oder warum auch Katzen ein Hobby brauchen

02. März 2002
2111 Z-Zeit (16:11 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Harm ließ die Tür hinter sich und Jingo zufallen. "Mac? Ich bin zurück," rief er laut durchs Haus. "Jetzt muss ich nur noch die Garderobe abbauen, dann können wir gehen."

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass die Garderobe hinter der Tür weg musste, weil Gypsie sich dort auf die Lauer zu legen pflegte, um nichtsahnende Besucher beim Betreten des Hauses anzuspringen. Jetzt, wo sie bald ein Baby im Haus haben würden, konnten sie solche Kamikaze-Angriffe nicht gut gebrauchen und Gypsie würde sich ein neues Hobby suchen müssen.

Als Harm sich umdrehte, um die Hundeleine zurück an den Haken der Garderobe zu hängen, fiel ihm auf, dass ihm jemand zuvorgekommen war – jemand hatte das regalartige Etwas, das ihnen als Garderobe diente, bereits abgeschraubt.

"Sie hat doch nicht etwa...," murmelte Harm drohend. "Ich hoffe doch schwer für Mac, dass Will derjenige war, der die Garderobe abgebaut hat! Maaaac?"

Mac tauchte aus der Küche auf, eifrig auf etwas herumkauend, von dem Harm gar nicht wissen wollte, was es war. "Oh, hallo, Harm, schon vom Spaziergang mit Jingo zurück?" begrüßte sie ihn, die Unschuld in Person.

"Du hast nicht etwa die Garderobe abgeschraubt, oder?" erkundigte sich Harm streng.

"Krieg ich keinen Begrüßungskuss?" fragte Mac statt einer Antwort.

Harm kniff die Augen zusammen. "Du hast! Mac, ich bring dich um!" Er hasste es, wenn sie unnötigerweise irgendwelche schweren Gegenstände hob oder körperliche Arbeiten übernahm. Es trieb ihm den Angstschweiß auf die Stirn, wenn er sie nur ein dickes Gesetzesbuch tragen sah. <Meine Nackenhaare stellen sich schon auf, wenn sie nur ihre leere Teetasse zur Spüle trägt!>

"Könntest du mich zuerst küssen, bitte?" Mac, die genau wusste, dass ihr vor der ‚Exekution’ ein letzter Wunsch zustand, spitzte schelmisch die Lippen.

Mit widerwilligem Gehorsam beugte Harm sich hinab. Schon eine Sekunde nachdem ihre Lippen sich berührt hatten, hatte Harm vergessen, worüber er sich eben noch geärgert hatte. Als er schließlich nach einer ganzen Weile atemlos die Wange auf Macs Scheitel lehnte, fiel ihm plötzlich wieder etwas ein. "Ähm, Mac, wir müssen los. Wir haben eine Verabredung mit dem Doc."

Eine halbe Stunde später saßen sie im inzwischen schon fast vertrauten Wartezimmer von Dr. DelReys Praxis.

"Endlich neue Fotos von Baby Rabb!" freute sich Harm.

Mac nahm seine Hand in ihre beiden. "Uh, Harm... tut mir leid, aber diesmal wird kein Ultraschall gemacht – ist vielleicht auch besser so, angesichts deines Geldbeutels, der mit lauter Ultraschallfotos überquillt."

"Ich hätte die neuen Fotos ja auch nicht in den Geldbeutel getan, sondern in mein Büro," protestierte Harm.

"Aber da hängt doch schon das auf Posterformat vergrößerte Foto," meinte Mac lachend. "Ich wette, es war das erste Mal, dass der Fotograf ein winziges Ultraschallfoto zu einem Poster vergrößern musste!"

Harm verschränkte die Arme. "Bud hat’s gefallen, als er es im Büro gesehen hat," verteidigte er sich und sein Poster.

Mac lachte. "Ja, weil man bei dieser Vergrößerung nur noch weiße Punkte auf schwarzem Hintergrund erkennen kann und er es für das Bild einer Galaxie gehalten hat!"

Harm lächelte widerstrebend. "Na schön. Was wird denn dann gemacht, wenn es diesmal kein Ultraschall gibt?" wollte er wissen.

"Eine ganz normale Vorsorgeuntersuchung... du weißt schon: Blutdruck messen, Blut abnehmen, wiegen... und dann steht diesmal noch eine Amniozentese auf dem Programm."

Die Augen des Anwalts weiteten sich. "Amniozentese? Das hab ich irgendwo gelesen... ist das nicht die Prozedur, wo der Arzt eine Nadel nimmt und...?" Er schauderte sichtlich.

Mac nickte und versuchte zu verbergen, dass sie der Amniozentese selbst nicht gerade mit übergroßer Begeisterung entgegensah. "Ja, aber es ist überhaupt nicht so schlimm, wie sich das vielleicht anhört. Weder ich noch Baby Rabb werden auch nur das Geringste merken," sagte sie, ohne genau zu wissen, ob sie damit Harm oder sich selbst überzeugen wollte.

Prüfend sah Harm in die braunen Augen seiner Frau. <Sie ist genauso nervös wie ich, auch wenn sie es nicht zugibt.> Er lehnte sich vor und küsste sie zart auf die Lippen.

Eine männliche Stimme räusperte sich neben ihnen. Als die Rabbs aufsahen, blickten sie direkt in die amüsierten Augen von Alex DelRey. "Schön zu sehen, dass das Eheleben die Romantik nicht zwangsläufig erstickt," kommentierte der Arzt belustigt. "Kommen Sie rein." Einladend wies er auf die Türe des Behandlungszimmers.

"Und? Wie ist es Ihnen ergangen?" erkundigte er sich, als Mac im Behandlungsstuhl Platz nahm.

"Ziemlich gut," erklärte Mac heiter. "Ich bin nicht mehr ständig so müde; ich kann essen, wann und was ich will, ohne dass mir übel wird und meine Brüste sind jetzt auch nicht mehr so überempfindlich wie am Anfang."

Harm rutschte ein wenig unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her. <Muss Mac unbedingt ihre Brüste mit einem fremden Mann diskutieren? Noch dazu mit einem, der aussieht, als hätte er kaum die Pubertät hinter sich!>

"Wunderbar," Dr. DelRey lächelte. "Für Sie beginnt jetzt bald das zweite Trimester und viele Schwangere fühlen sich da sehr wohl. Irgendwas, was Ihnen dennoch Sorgen macht? Sodbrennen? Krämpfe?"

Mac schüttelte den Kopf. "Nichts dergleichen. Körperlich fühle ich mich wirklich absolut fit... obwohl..." Sie zögerte kurz, sprach dann aber hastig weiter, als sie fühlte, wie Harms Finger sich um ihre krampften und ihr bewusst wurde, dass sie ihrem armen Ehemann gerade höllische Angst einjagte. "Ich mache mir ein bisschen Sorgen, weil ich noch so gut wie gar nichts zugenommen habe. Ich meine, nicht dass ich meine Figur nicht zu schätzen wüsste..."

"Und ich erst," murmelte Harm dicht an Macs Ohr.

"... aber ich bin schon ein bisschen beunruhigt, weil ich mich frage, ob das normal ist, ob das gut für das Baby ist... Und Harm hat mir neulich vorgelesen, dass viele Schwangere die ersten Kindsbewegungen schon um die 15. Schwangerschaftswoche fühlen – und ich bin jetzt schon in der 16. Schwangerschaftswoche und fühle noch gar nichts..." Unsicher sah Mac zu ihrem Frauenarzt hinauf.

Dr. DelRey hob beruhigend beide Hände. "Das ist nichts, worüber Sie sich jetzt schon Sorgen machen sollten, das ist alles ganz normal. Die meisten Schwangeren fühlen die ersten Bewegungen erst um die 20. Schwangerschaftswoche. Und ihr Babybauch – oder vielmehr das Fehlen desselben – ist auch kein Grund zur Panik. Das liegt alles noch im Bereich des Normalen. Allerdings sollten Sie jetzt allmählich an Gewicht zulegen." Trotz seines jugendlichen Gesichts schaffte es der Arzt, väterlich-beruhigend zu wirken und Mac entspannte sich wieder auf der Behandlungsliege.

DelRey begann, das Gel, das Harm noch von der Ultraschalluntersuchung kannte, auf Macs Bauch zu verteilen.

"Ich dachte, heute wird kein Ultraschall gemacht?" Fragend sah er den Arzt an.

"Normalerweise nicht, aber bei Schwangeren ab 34 Jahren schon," antwortete der Doktor, ohne aufzusehen.

Harm kniff die Augen zusammen. "Warum das?" Das Wort ‚Risikoschwangerschaft’ geisterte in seinem Kopf herum und machte ihn unruhig.

"Harm," Mac sah von ihrem Bauch auf, um ihren Mann anzusehen, "meinst du nicht, all die Fragen könnten Dr. DelRey bei der Arbeit stören?" rügte sie sanft.

"Oh, nein!" Hastig wehrte der Arzt ab. "Ich mag es, wenn die Partner dabei sind und Fragen stellen. Es gibt nichts Schlimmeres als einen Ehemann im Behandlungsraum dabeizuhaben, der nur unbeteiligt dasitzt und den Ultraschallbildschirm ansieht, als würde er ihn dafür verfluchen, das er nicht das Baseballspiel zeigt, das er wegen der Untersuchung verpasst."

"Unbeteiligt?" wiederholte Harm ungläubig. "Wie kann man denn bei so was unbeteiligt sein? Ich meine, das hier sind meine Frau und mein Kind!" Er wollte automatisch die Hand auf Macs Bauch legen, hielt aber inne, als er bemerkte, dass sich dort schon das Gel befand.

Alex DelRey lächelte ihm zu. "Um Ihre Frage zu beantworten: Eine Amniozentese wird eigentlich nur Frauen über 34 empfohlen, weil mit zunehmendem Alter der Mutter das Risiko von Chromosomenschäden beim Kind steigt. Deshalb wird eine Fruchtwasserprobe genommen und die darin enthaltenen Zellen auf Anomalien untersucht. Und diese Punktion nimmt man stets unter Ultraschallüberwachung durch."

Er bewegte mit der Linken den Ultraschallkopf auf Macs Bauch hin und her, während er mit der anderen Hand die Punktionsnadel ergriff. "Sie merken jetzt gleich einen kleinen Stich, aber das ist gleich vorbei." Mit ruhiger Hand führte er die Nadel durch die Bauchdecke.

Harm blickte auf den Ultraschallmonitor, auf dem er den Weg der Nadel verfolgen konnte. Er zuckte zusammen, als die Punktionsnadel für seinen Geschmack viel zu dicht am Kopf des Babys, den er jetzt schon selbst ausfindig machen konnte, durch das Fruchtwasser geführt wurde.

Minuten später war alles vorbei und der Doktor platzierte ein kleines Pflaster auf dem Einstich unterhalb von Macs Bauchnabel. "Ich bin gleich zurück, ich will nur sicher gehen, dass die Proben gleich ins Labor kommen." DelRey erhob sich und verließ den Raum.

"Wie fühlst du dich?" erkundigte sich Harm, einen Kuss über das Pflaster hauchend.

"Gut. Hat fast nicht weh getan," versicherte Mac, während sie sich vom Rest des Gels befreite. "Aber ich bin trotzdem froh, dass es vorbei ist."

Harm grinste verständnisvoll und beugte sich über die Liege, um Mac einen Belohnungskuss fürs Stillhalten zu geben.

"So." Dr. DelRey kam ins Zimmer zurück und blieb grinsend stehen, als er seine Patienten sah. "Oh, störe ich etwa... schon wieder?"

"Ihr Timing ist nicht besonders, Doc," meinte Harm, während er sich wieder setzte, "aber ich vergebe ihnen, wenn Sie uns sagen, dass mit dem Baby alles in Ordnung ist."

"Die Ergebnisse der Amniozentese werden wir erst in zwei Wochen haben, aber ansonsten ist alles genau so, wie es sein soll. Sie dürfen das also ruhig mit einem Kuss feiern." Grinsend drehte sich der Arzt um und ließ die Rabbs allein im Raum zurück.


10. Großmutterfreuden –
oder warum selbst der größte Kühlschrank manchmal zu klein ist

04. März 2002
1302 Z-Zeit (08:02 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Mac?" Harm streckte den Kopf zur Küchentüre herein und fand seine Frau vor dem offenen Kühlschrank vor.

"Warum haben wir eigentlich kein Essen da drin?" murrte Mac, ohne sich umzudrehen.

Harm trat hinter sie und lehnte sich sanft gegen ihren Rücken, um über ihre Schulter hinweg einen Blick auf die Lebensmittelvorräte zu werfen. "Der Kühlschrank quillt geradezu über vor lauter Nahrungsmitteln!" <Mit unserem wöchentlichen Einkauf könnte man ein ganzes Entwicklungsland ernähren!>

Mit einer frustrierten Bewegung schloss Mac die Kühlschranktür. "Das mag ja sein, aber nichts davon ist das, was ich jetzt essen möchte."

"Ich würde ja gerne mit Jingo losziehen, um dir schnellstens zu besorgen, was dein Magen – oder das Baby – auch immer begehren, aber ich muss los," erklärte Harm bedauernd. "Ich fahre gleich zum Krankenhaus, um Keeter zu besuchen und den behandelnden Arzt nach den Verletzungen zu fragen und danach, ob eine medizinische Ursache den Absturz ausgelöst haben könnte."

"Schon okay," meinte Mac, seine Wange küssend, "ich halte auf dem Weg zu meiner neuen Mandantin schnell an und kaufe mir was zum Frühstück."

Ein Abschiedskuss, dann bückte sich Harm nach seiner Aktentasche und ging zur Türe. Im Flur stieß er fast mit seiner Großmutter zusammen, die pfeifend um die Ecke bog. Seit Granny von ihrem Urenkel erfahren hatte, hörte sie nicht einmal mehr im Schlaf auf zu grinsen. "Ah, Granny, was ich dich noch fragen wollte... wen hast du eigentlich letztens angerufen, nachdem du erfahren hast, dass du Uroma wirst? Doch nicht Mum, oder?" Sorgenvoll musterte Harm seine Großmutter. "Wir wollten damit eigentlich warten, bis sie nächste Woche zu dieser Ausstellung nach Washington kommt und es ihr dann persönlich sagen..."

"Oh, nein, nein, nur keine Sorge, Trish ist so ahnungslos wie ein neugeborenes Baby." Beim letzten Wort kicherte Granny wie ein Schulmädchen. "Ich hab euch mit dem Anruf nur eine Hebamme organisiert."

"Eine Hebamme?! Granny, Mac ist im vierten Monat, sie braucht jetzt noch keine Hebamme." Er beugte sich zu Mac hinüber, die ihm aus der Küche gefolgt war, und fuhr mit den Lippen dicht gegen ihren Bauch gepresst fort: "Hast du gehört, Baby Rabb? Du bleibst schön brav da drin, bis ich dir sage, dass du rauskommen darfst!"

Granny lachte nur. "Oh, ich werde es *so* genießen, zuzusehen, wie deine Kinder dir ebenso wenig gehorchen werden wie du deiner Mum!" verkündete sie zufrieden und mit einer gehörigen Portion Schadenfreude.

"Iiiich? Ich war die Gehorsamkeit in Person!" behauptete Harm, sich entrüstet zu seiner vollen Körpergröße aufrichtend.

"Ach ja?" Granny neigte skeptisch ihr silbernes Haupt. "Und was war damals, als wir dir verboten hatten, alleine mit der Stearman in der Scheune zu spielen und du aus dem Fenster gekl..."

"Pssst!" Harm zog seine Großmutter mit sich in Richtung Türe. "Wehe, du bringst unseren Nachwuchs auf solche Gedanken!"


11. Hippokrates –
oder warum Ehrenämter manchmal die schwersten aller Jobs sind

04. März 2002
1341 Z-Zeit (08:41 Uhr EST)
Mercy-Hospital
Washington D.C.

Leise, für den Fall, dass sein alter Freund gerade schlafen sollte, öffnete Harm die Türe zum Krankenzimmer.

Der Mann im Bett schlief tatsächlich, aber die Gestalt, die mit dem Rücken zu Harm in einem Stuhl vor dem Bett saß, begann sich zu regen.

Harm nahm die Uniformmütze ab, klemmte sie unter den Arm und trat näher. "Hallo, Skates," sagte er überrascht, als die Person sich umdrehte. "Was machst du denn hier?"

"Sie wacht praktisch Tag und Nacht an meinem Bett," erklärte Keeter, die Augen öffnend.

"Wer sagt das?" verlangte Skates zu wissen. Stirnrunzelnd verschränkte sie die Arme über einem zerknitterten Sweatshirt.

Keeter grinste gelassen. "Deine Lieblingscousine."

"Ex-Lieblingscousine," grummelte Skates. "Sie hat wohl noch nie etwas von ärztlicher Schweigepflicht gehört, hm?"

"Da *ich* ihr Patient bin und nicht du, hat sie gegen keinerlei ethische Regeln verstoßen," verteidigte Keeter seine Ärztin. "Und im Übrigen war ich sehr dankbar, dich jedes Mal, wenn ich heute Nacht aufgewacht bin, hier im Stuhl schlafen zu sehen – auch wenn du gegen Morgen begonnen hast, ein bisschen auf dein Sweatshirt zu sabbern..."

"Ich sabbere nicht!" empörte sich Skates, sah aber vorsichtshalber dennoch an sich hinab, um eventuelle feuchte Flecken auf ihrem Sweatshirt aufzuspüren.

Lachend trat Harm zwischen seine beiden Freunde. "Na, ich muss sagen, dir scheint’s ja schon wieder ganz gut zu gehen, alter Junge!"

"Es geht, obwohl ich zugeben muss, dass es trotz der Bemühungen der hübschen jungen Frauen auf der Station langsam langweilig wird, ständig hier in diesem Bett herum zu liegen," gestand Keeter mit einem Seufzen. "Ich freue mich also doppelt, dich zu sehen, Alter! Erzähl mal, was gibt’s denn Neues im Hause Rabb?"

Harm zögerte. Eigentlich war dies kein Höflichkeitsbesuch, sondern eine Ermittlung und er war nicht als Keeters Freund, sondern in seiner Rolle als JAG-Offizier hier. Dennoch schaffte er es nicht, seine unbewegte Miene beizubehalten, als Keeter ihn nach den Neuigkeiten fragte. "Keeter, ich...," begann er abwehrend.

"Komm schon, jetzt erzähl mal, wie’s deiner umwerfend attraktiven Frau geht, hm? Oder hast du sie etwa schon wieder mit einem fremden Mann in der Wüste gelassen?" neckte Keeter, auf seine erste Begegnung mit Mac anspielend.

Harm rollte die Augen. "Nein, Mac ist natürlich nicht in der Wüste, aber umwerfend attraktiv ist sie immer noch, danke der Nachfrage – jetzt sogar mehr als je zuvor," konnte er sich nicht verkneifen, hinzuzufügen.

"Alter Angeber! Willst du etwa behaupten, das Eheleben mit dir würde Frauen schöner machen? Ich hätte eher gedacht, du hättest Mac inzwischen Sorgenfalten und graue Haare beschert..."

"Keeter, sei ruhig, bevor er dich noch mit deinem eigenen Infusionsschlauch erdrosselt!" befahl Skates. Sie richtete einen neugierigen Blick auf Harm. "Was genau meinst du damit: ‚Jetzt sogar mehr als je zuvor’? Ist Mac etwa...?"

Harm nickte und – Ermittlung hin oder her – konnte ein stolzes Grinsen nicht unterdrücken. "Wir, also vielmehr Mac, ist schwanger!"

Keeter stemmte sich auf seinem gesunden Arm in die Höhe. "Ich werde Onkel?"

"Kommt darauf an, ob du dich wie ein *reifer* Erwachsener benimmst oder wie ein kleines verzogenes Kind!" hielt Skates ihm entgegen. "Aber ich werde doch Tante ehrenhalber, oder?"

Harm grinste teuflisch. "Oh, das kommt ganz drauf an..."

"Auf was?" erkundigten sich Skates und Keeter gleichzeitig.

"Na ja, Mac und ich verleihen die Onkel- und Tantenschaft ehrenhalber nicht an jeden x-Beliebigen... es gibt da schon ein paar Bedingungen..." Der werdende Vater genoss es, seine beiden Freunde ein bisschen auf die Folter zu spannen.

Wieder sprachen die beiden Piloten gleichzeitig: "Und die wären?"

Harm setzte eine wichtige Miene auf. "Erstens: Ihr wischt dem Kind niemals den Mund mit einem Taschentuch ab, das ihr mit eurer Spucke befeuchtet habt!"

Keeter schüttelte sich bei dem Gedanken. "Hey, *sie* ist doch diejenige, die ihre Spucke nicht bei sich behalten kann!" Anklagend zeigte er mit dem Finger auf Skates.

"Ach, halt den Mund, Keeter!" fauchte Skates, die lieber Harms Bedingungen als Keeters Kommentare hören wollte.

"Zweitens," fuhr Harm unbeirrt fort, "ihr flucht nicht in Anwesenheit des Kindes, auch nicht, während es noch bei Mac zur ‚Untermiete’ wohnt. Könnte sonst teuer für euch werden."

Keeter brummte triumphierend. "Siehst du, Skates? Darunter fällt auch, mir zu sagen, ich solle den Mund halten! Du bist total ungeeignet als Tante ehrenhalber!" stichelte er grinsend.

"Und drittens," Harm sah jetzt alleine Keeter vielsagend an, "ihr bringt dem Kind durch euer vorbildliches Verhalten bei, höflich zu Frauen und alten Menschen zu sein!"

Skates viel vor Lachen fast aus dem Stuhl. "Na, das disqualifiziert dich eindeutig als Onkel ehrenhalber, Keeter, nachdem du eben so unhöflich zu mir gewesen bist!"

Harm lachte für einen Moment mit, bevor er sich plötzlich wieder daran erinnerte, warum er hier war. Schlagartig wich sein Lächeln einem ernsten Gesichtsausdruck. "Keeter, ich muss mal mit dir sprechen... ich bin nicht zum Vergnügen hier..."

Der ‚Bruchpilot’ lachte und wies auf diverse eingegipste Körperteile. "Ich auch nicht! Glaub mir, es ist bestimmt kein Vergnügen, hier wehrlos auf der Chirurgischen zu liegen!"

"Keeter," Harms Stimme wurde tiefer, als er seinen Freund beschwörend ansah, "ich bin als Anwalt hier, genauer gesagt, als JAG-Ermittler. Sieht so aus, als hätte irgendjemand im Verteidigungsministerium ein paar Zahlen zusammengerechnet und wäre zu dem Schluss gekommen, dass du den Streitkräften ziemlich schwer auf der Tasche liegst... in den letzten zwei, drei Jahren waren es recht viele Abstürze, missglückte Landungen und dergleichen..." Unbehaglich rieb Harm sich den Nacken.

"Wie bitte? Komm schon, Harm, du weißt doch selbst, wie das ist... in der Fliegerei wimmelt es nur so vor Risiken. Da gibt es ungünstige Wetterbedingungen, Materialmängel, Fehler im Bordsystem und einfach nur reines Pech! Abstürze, Ausstiege und raue Landungen passieren nun mal, ohne dass es jedes Mal ein Pilotenfehler sein muss!" Mit rotem Gesicht versuchte Keeter, sich im Bett hochzustemmen.

"Hey, bleib ruhig, Keeter!" Skates sprang eilig vor und drückte den aufgebrachten Patienten sanft in die Kissen zurück. "Ich weiß das, jeder Pilot weiß das und ich bin sicher, Harm weiß das auch."

Harm presste die Lippen zusammen und nickte. "Ja, aber wie gesagt, ich bin nicht als Pilot hier, sondern als Ermittler," erinnerte er bitter.

"Die schicken ausgerechnet meinen ältesten Freund, um gegen mich zu ermitteln?!" grollte Keeter verstimmt.

"Als Anwalt kann man sich seine Fälle genauso wenig aussuchen, wie sich Piloten ihre Einsätze aussuchen können. Und im Übrigen ermittle ich nicht *gegen* dich – du bist, wie jeder andere auch, unschuldig, bis zum Beweis des Gegenteils," beschwichtigte Harm sachlich. "Außerdem ist das nur eine Artikel-32-Ermittlung und noch keine Militärgerichtsverhandlung."

Keeter wirkte weiterhin nicht sonderlich versöhnlich. "Solltest du mir jetzt nicht meine Rechte vorlesen oder so was?" erkundigte er sich unwirsch.

"Keeter...," Harm setzte ein weiteres Mal dazu an, seinem Freund zu versichern, dass er nur seine Pflicht tat und er es nicht persönlich nehmen sollte, aber dann ließ er es doch und beschloss, Keeter einfach ein wenig Zeit zu geben, "... na schön. Also, nach Artikel 31 des UCMJ hast du das Recht, zu schweigen. Du musst keine Aussage machen, die dich selbst belasten könnte. Falls du aber zur Sache aussagen solltest, kann alles, was du sagst, in einer Militärgerichtsverhandlung als Beweis gegen dich verwendet werden. Außerdem hast du nach Artikel 32 und 38 das Recht, bei der Anhörung durch einen Anwalt deiner Wahl vertreten zu werden."

"Okay, dann will ich Mac!" verkündete Keeter entschlossen.

Harm schüttelte den Kopf. "Das geht nicht – Mac hat derzeit schon einen größeren Fall, den sie nicht so einfach abgeben kann, um deinen zu übernehmen." <Und ich bin froh darüber! Falls ich bei einer Artikel-32-Anhörung die Anklagevertretung übernehmen sollte, müsste ich gegen die Mutter meines Kindes antreten und dagegen würden meine derzeit auf Hochtouren laufenden Beschützerinstinkte rebellieren!> "Wieso bittest du nicht Sturgis, deinen Fall zu übernehmen. Er ist der beste Anwalt bei JAG – nach Mac und mir, natürlich."

"Hmm." Außer einem Brummen gab Keeter keine Antwort.

Harm sah ein, dass er ihn besser zu einem anderen Zeitpunkt befragen sollte. "Ich komm morgen noch mal wieder. Tschüß, Skates. Gute Besserung, Keeter." Hastig verließ er den Raum und machte sich auf die Suche nach Keeters behandelndem Arzt, um wenigstens diesen danach fragen zu können, ob Keeter körperlich gesehen flugtüchtig war.


12. Lucky Luke –
oder warum Zufälle wirklich zufällig sein können

04. März 2002
1502 Z-Zeit (10:02 Uhr EST)
Am Rande von Washington D.C.

Mac nahm ihre Aktentasche und ihr Uniformschiffchen vom Beifahrersitz, stieg aus dem Wagen und ging auf das große Haus mit der Holzveranda zu. Auf halbem Weg stoppte sie und bückte sich, um zwei schwarz-weiß-rote Katzen zu streicheln, die im Hof saßen. "Na, ihr zwei? Gehört ihr meiner Mandantin?"

Gefolgt von den beiden Katzen betrat sie die Veranda. Gerade streckte sie die Hand aus, um zu klingeln, als das Geräusch von Kies, der unter Autoreifen knirschte, Mac dazu veranlasste, sich umzudrehen. Erstaunt erkannte sie Harms Jeep. <Sag mir nicht, er ist mir hinterher gefahren, nur weil ich die pränatalen Vitamine vergessen habe! Dabei hab ich doch ein Ersatzpäckchen in der Schreibtischschublade im Büro!>

Harm schien jedoch genauso verwundert zu sein, sie hier zu sehen.

"Was tust du denn hier?" begrüßte Mac ihren Mann, als er die Veranda erreichte.

Harm verharrte neben ihr und bückte sich automatisch, um die Katzen zu streicheln, die gerade damit beschäftigt waren, Haare auf seiner Uniformhose zu hinterlassen. "Dasselbe wollte ich dich auch eben fragen."

"Ich hab dir doch erzählt, dass ich heute meine Mandantin zu einem ersten Gespräch besuche. Und da sie in der Klinik, in der sie arbeitet, bis zur Klärung des Vorfalls beurlaubt wurde, muss ich wohl oder übel einen ‚Hausbesuch’ machen," erklärte Mac achselnzuckend.

"Und du bist sicher, dass du das richtige Haus hast? Das ist nämlich die Adresse, die man mir im Krankenhaus gegeben hat, damit ich Keeters Ärztin an ihrem freien Tag befragen kann..."

Bevor Mac antworten konnte, wurde die Türe, vor der sie gerade standen, aufgerissen und ein etwa 5jähriges Mädchen stürmte auf die Veranda.

"Langsam, langsam, junge Dame," mahnte Harm lächelnd, während er automatisch einen Arm um Mac schlang, um sie vor einem Zusammenprall mit dem Wirbelwind zu bewahren. "Suchst du die hier?" Er deutete auf die beiden dreifarbigen Katzen.

Das Mädchen nickte. "Das sind meine Katzen," erklärte sie stolz, nicht im geringsten eingeschüchtert von den beiden Fremden in Uniform.

"Wirklich?" Harm gab sich beeindruckt. "Und wie heißen die beiden?"

Das Kind schnappte die erste Katze und hielt sie in die Höhe. "Das hier ist Lucky – sie bringt Glück," erzählte sie, der Katze einen schmatzenden Kuss auf den Kopf drückend, bevor sie sie wieder absetzte.

"Wenn das so ist..." Harm hob die Katze hoch, damit Mac ihr ebenfalls einen Glückskuss geben konnte.

Das Mädchen knuddelte die zweite Katze, die willig stillhielt. "Und das ist Luke."

"Wohnt ihr drei hier?" erkundigte sich Mac, auf Kind und Katzen hinablächelnd.

Die 6jährige nickte.

"Wohnt Gwen McKenna auch hier?" fragte Mac weiter.

Das Mädchen sah Mac an, als hätte sie eben eine ungeheuer dumme Frage gestellt. "Klar wohnt meine Mama auch hier! Ich darf erst ein eigenes Haus haben, wenn ich groß bin."

"Dann bist du hier richtig und ich leider falsch," wandte sich Harm an Mac. "Ich muss wohl weiter nach dem Haus von Randy Hawkes suchen... vielleicht sollte ich doch Skates fragen, wo ihre Cousine wohnt, auch wenn Skates und Keeter momentan nicht gerade gut auf mich zu sprechen sind..."

"Das da drüben ist Randys Haus!" meldete sich das blonde Mädchen zu Wort.

Die beiden Offiziere drehten sich um, um zu sehen, wohin das Kind deutete. Es war das Nachbarhaus. Auf dem Rasen steckte ein Schild, auf dem ‚zu verkaufen’ stand. Ratlos blickten die Rabbs einander an.

Harm wollte sich eben von Mac und dem Mädchen verabschieden, um zu dem Haus hinüber zu gehen, als sich die Türe ein zweites Mal öffnete. "Nia? Wo bleibst du denn? Du solltest doch nur die Katzen rein..."

Vor ihnen stand die hochgewachsene Randy Hawkes. Sie brach ab und ihre blauen Augen weiteten sich, als sie die Offiziere auf der Veranda stehen sah. "Oh, hallo!" grüßte sie überrascht. "Wir kennen uns... Sie sind Grannys Enkel, stimmt’s?"

"Ähm, ja, aber wir sind nicht privat hier, sondern beruflich," erklärte Harm ernst. "Man hat mir in der Klinik gesagt, dass heute Ihr freier Tag ist und mir diese Adresse gegeben... ich habe ein paar Fragen zu einem Ihrer Patienten."

"Und ich bin auf der Suche nach Lieutenant Gwen McKenna," fügte Mac hinzu. Die Sache mit den Adressen irritierte sie ein wenig. <Seltsamer Zufall, dass Harm und ich beide hier landen!>

Randys Gesichtsausdruck wechselte von herzlich willkommen heißend zu vorsichtig-distanziert. "Oh, natürlich, Lieutenant McKenna ist gerade in der Küche und ich passe solange auf Nia, ihre Tochter, auf."

Mac nickte. Das erklärte, warum Randy hier war, statt in ihrem eigenen Haus. <Harm und ich sollten uns auch solche Nachbarn anschaffen, die dann ab und zu mal babysitten!>

Sie folgten der Ärztin ins Haus. "Nehmen Sie ruhig schon mal im Wohnzimmer Platz. Ich sage noch schnell G... Miss McKenna Bescheid, dann können wir zu mir rüber gehen, Commander."

Zwei Minuten später kam eine junge Frau in Jeans und mit denselben blonden Locken wie Nia herein, während Randy Hawkes im Flur stehen blieb und von dort aus rief: "Commander Rabb? Wenn Sie bereit sind...?"

Harm lächelte Mac zu, verkniff sich aber einen Abschiedskuss, und folgte der Ärztin.

Mac blieb mit ihrer sichtlich nervösen Mandantin zurück, die sich steif ihr gegenüber in einen Sessel sinken ließ. "Guten Morgen, Colonel," grüßte sie höflich. "Ich weiß, es mag ein wenig seltsam wirken, aber dürfte ich das Gespräch gleich mit einer Frage beginnen? Die letzten Wochen waren so chaotisch, dass ich manchmal kaum noch weiß, was vor sich geht und daher möchte ich das gleich geklärt haben..."

Mac nickte ruhig, eisern bemüht, gegenüber ihrer Mandantin eine objektive Haltung zu bewahren und sie nicht als jemanden abzustempeln, der die Schuld am Tod eines Kindes trug. Aber die Geräusche des spielenden Kindes im Hintergrund erinnerten sie immer wieder daran, weshalb sie hier war.

"Ihr Kollege, Commander Rabb... wieso befragt er Doktor Hawkes? Ich meine, sie hat rein überhaupt nichts damit zu tun, sie arbeitet nicht einmal in der Gynäkologie!" beteuerte die junge Reserve-Offizierin mit Nachdruck.

Ihre Anwältin hob beruhigend die Hand. "Es ist nur ein Zufall, dass der Commander gerade heute Doktor Hawkes befragt. Es scheint, als habe die Klinik ihm versehentlich die falsche Hausnummer gegeben, so dass er hier gelandet ist, anstatt beim Haus Ihrer Nachbarin. Der Fall hat aber nichts mit Ihrem zu tun, keine Sorge," versicherte Mac. <Ist sie etwa schon so paranoisch zu glauben, wir würden sogar schon ihre Nachbarn danach fragen, ob sie glauben, sie könnte eine Kindermörderin sein?> fragte sie sich, musste aber zugeben, dass es in der Tat seltsam und ziemlich unzufällig erscheinen musste, am selben Tag gleich zwei Anwälte in der Nachbarschaft zu haben. Energisch ließ Mac ihren Aktenkoffer aufschnappen. "Sollen wir anfangen?"

Reserve-Lieutenant Gwen McKenna nickte, beide Hände in die Lehnen des schweren Ledersessels gekrampft. "Ja, Ma’am."

"Ich nehme an, man hat Ihnen bereits bei der Artikel-32-Ermittlung gesagt, dass Sie, obwohl Sie keine Berufssoldatin sind, dennoch als Angehörige der Marine-Corps-Reserve dem UCMJ, also dem allgemeinen Wehrstrafrecht, unterliegen, jedenfalls für Vergehen, die während Ihres Reserve-Dienstes begangen werden," erläuterte Mac sachlich.

Gwen nickte ernst. "Ja, das hat man mir gesagt, Ma’am."

Mac blätterte den Ermittlungsbericht durch und pochte mit dem Finger auf eine Zeile, die sie mit Leuchtstift rot umrahmt hatte. "Dann wissen Sie auch, dass Ihnen eine Militärgerichtsverhandlung wegen unerlaubter Abwesenheit von der Dienststelle und Pflichtverletzung bevorsteht. Eine Pflichtverletzung, die – möglicherweise – den Tod eines Kindes verursacht hat," fuhr sie fort und spürte dabei, dass es ihr schwer fiel, jede Anschuldigung aus ihrem Tonfall fernzuhalten. Die Parallelen zum Tod von Sarah Roberts, die ihr Patenkind geworden wäre, waren einfach zu offensichtlich.

In einer unbewussten Geste verschränkte sie beide Hände über dem Bauch, als sie ihre Mandantin ernst anblickte. "Bevor wir die Details durchgehen, sollten wir erst einmal ganz grundlegend besprechen, wie Sie bei der formalen Anklageverlesung plädieren werden: Schuldig, nicht schuldig oder bekennen Sie sich schuldig für ein geringeres Vergehen?"

Traurige, aber entschlossene grün-grau-braune Augen blickten Mac entgegen. "Ich bin mir noch immer nicht sicher, wie das passieren konnte, Ma’am. Aber eines weiß ich: Wenn ich wirklich den Tod dieses Babys verursacht haben sollte, dann plädiere ich auf schuldig!"


13. Grau ist alle Theorie... –
oder warum Flyboys keine Potenzprobleme haben

10. März 2002
1758 Z-Zeit (12:58 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Mac trat eilig aus dem Schlafzimmer, als ihre interne Uhr ihr sagte, dass sie nur noch zwei Minuten bis zur Ankunft der Gäste hatte. Das Umkleiden hatte länger als geplant gedauert, nachdem sie hatte feststellen müssen, dass sie den Knopf der auserkorenen Jeans nicht mehr schließen konnte.

"Harm?" Suchend streckte sie ihren Kopf durch die Küchentüre. Von ihrem Ehemann war nichts zu sehen, aber ein kurzer Blick in den Kühlschrank zeigte, dass er ein paar Häppchen zubereitet und verschiedene Getränke kalt gestellt hatte. "Mmmmhm, lecker!" Hastig stopfte sich Mac ein halbes Gurken-Thunfisch-Brötchen in den Mund, bevor sie ihre Suche fortsetzte.

"H’rm?" rief sie kauend. Ihr Blick fiel durch die Glastüre, die von der Küche aus hinters Haus führte.

Vom Rasen her kamen Geräusche, die eher einer Zahnarztpraxis als ihrem Zuhause ähnelten. Harm stand neben der massiven alten Eiche, die auf dem Rasen wuchs, und werkelte an irgendetwas herum.

Kopfschüttelnd öffnete Mac die Türe und lief in Socken durchs Gras. "Harm?"

Harms Hände rutschten von der Borke der Eiche ab, als er zusammenzuckte. "Autsch! Au, verdammt!" Er umklammerte seine rechte Hand mit der linken.

"Zeig mal her," verlangte Mac, die Hand nach Harms ausstreckend.

Der Heimwerker schüttelte den Kopf. "Geht schon, nichts passiert." Harm umklammerte weiterhin seine Hand und tat, als wäre nichts geschehen.

"Harmon Rabb junior, zeig mir AUF DER STELLE diese Hand!"

Geschockt streckte Harm ihr die Hand entgegen. "Wow! Du hast eben genau wie meine Mutter geklungen!" sagte er mit einem gespielten Schaudern.

"Das kommt daher, weil du wie ein Fünfjähriger geklungen hast," entgegnete Mac, während sie behutsam einen Holzsplitter aus Harms Handfläche zog. "Und im Übrigen schuldest du mir und Baby Rabb einen Dollar."

"Gibt es nicht irgendwo eine Hausregel, die besagt, dass man Fluchgebühren, die man sich einhandelt, während man im Dienste des Kindes arbeitet, nicht bezahlen muss?" versuchte Harm, seinen Kopf – beziehungsweise seinen Geldbeutel – aus der Schlinge zu ziehen.

Mac schüttelte unbarmherzig den Kopf. "Nichts da! Ich sollte dir sogar einen Extra-Dollar berechnen für diesen pathetischen Versuch, dein Fluchen zu rechtfertigen!"

"Du treibst mich in den Bankrott, das weißt du, oder?" stöhnte Harm gespielt.

"Ist für einen guten Zweck, Flyboy. Was machst du überhaupt hier draußen?" fragte sie dann, zur Eiche hinauf sehend. "Harriet und Bud kommen gleich."

Harm zog an den beiden Seilen, die von einem breiten Ast baumelten. "Ich baue eine Schaukel für Baby Rabb!" verkündete er stolz.

"Eine Schaukel?" Mac grinste. "Harm, es wird noch wenigstens zwei Jahre dauern, bis Baby Rabb auch nur daran *denken* kann, eine Schaukel zu benutzen!" Dennoch gerührt strich sie Harm eine Haarsträhne zurück, die ihm beim Schaukel-Aufhängen in die Stirn gefallen war. "Ich sehe schon, du wirst das Baby nach Strich und Faden verwöhnen!"

"Ich?" Harm schnaubte. "Ha, ich weiß genau, dass *du* sie viel mehr verwöhnen wirst als ich!"

"Sie?" hakte Mac neckisch nach.

Harm zuckte die Schultern. "Eines von beidem muss es ja sein. Warum, rechnest du mit einem Jungen?"

Das Geräusch zuschlagender Autotüren unterbrach die Unterhaltung. Harm sammelte eilig sein Werkzeug ein und folgte Mac ins Haus, um die Roberts zu begrüßen.

"Bud? Harriet? Was haben Sie denn da alles mitgebracht?" Harm beeilte sich, der schwangeren Harriet die mitgebrachten Tüten und Päckchen abzunehmen. "Ich sagte doch, dass Sie nichts mitzubringen brauchen! Wir haben alles hier."

"*Das* haben Sie bestimmt nicht hier, Sir... Harm," versicherte Harriet mit einem zuckersüßen Lächeln.

Bud ging neben Harm her zum Wohnzimmer und beugte sich verschwörerisch zu ihm hinüber. "Eine gutgemeinte Warnung, von einem werdenden Vater zum anderen, Sir: Sie sollten so schnell wie möglich lernen, einfach nur zu nicken und ‚ja, Schatz’ zu sagen. Man(n) widerspricht schwangeren Frauen nicht."

Harm lachte. "Ich glaube, im Nicken bin ich schon ganz gut, Bud."

"Wirklich, Sir? Lassen Sie mal sehen." Bud musterte seinen Vorgesetzten und Freund mit Preisrichter-Miene und beobachtete dessen Nicken. "Schon ganz gut, Sir, aber Sie sollten den Nacken noch etwas steifer halten, sonst bekommen Sie so ein Ziehen zwischen den Schulterblättern vom vielen Nicken," empfahl er schmunzelnd.

"Bud?" fragte Harriet von ihrem sofort eingenommenen Platz neben Gypsie auf der Couch.

"Ja, Schatz?"

Harm grinste vor sich hin, als er Buds Nick-Künste aus nächster Nähe bewundern konnte.

"Ich glaube, wir sollten es ihnen jetzt sagen, bevor wir anfangen und sie nachher zu k.o. sind, meinst du nicht?"

Bud nickte erneut und ließ sich auf Gypsies anderer Seite nieder. "Sir, Ma’am, Harriet und ich möchten Ihnen etwas sagen..."

Mac setzte sich den Roberts gegenüber in einen Sessel und Harm lehnte sich gegen dessen Rückenlehne, so dass er die Hände auf Macs Schultern ruhen lassen konnte.

Harriet griff über die rote Katze hinweg nach der Hand ihres Mannes, während sie die Linke auf ihrem leicht gewölbten Bauch ruhen ließ. "Wir haben beschlossen, dass wir unser Kind auf jeden Fall nach Ihnen nennen wollen, Mac," erklärte sie mit einem sanften Lächeln.

Die Rabbs wechselten einen betroffenen Blick. "Sie möchten... das Kind... Sarah nennen?" fragte Harm schließlich mit großen Augen.

"Oh, nein, Sir, nicht Sarah." Buds braune Augen glänzten feucht. "Unsere Sarah... wir werden sie nie vergessen, aber sie ist tot. Aber wir möchten, dass Sie beide wieder die Paten unseres Kindes werden."

"MacKenzie," fügte Harriet hinzu, "das Baby soll MacKenzie heißen – der Vorname passt für ein Mädchen *und* für einen Jungen."

Mac strahlte, während sie gleichzeitig gegen Tränen der Rührung ankämpfte. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll... es bedeutet mir wirklich viel..."

Harriet lächelte fast mütterlich. "Keine Angst, Mac, Sie müssen Ihr Kind im Gegenzug nicht Bud oder Harriet nennen, so begeistert sind wir beide nicht von unseren Namen."

Fragend sah Mac zu Harm hinüber und er nickte in stummem Einvernehmen. "Wir hatten uns überlegt, unser Baby – falls es ein Junge wird – mit zweitem Namen ‚Robert’ zu nennen, nach Ihnen beiden."

"Wow, ein Baby wird nach mir benannt!" Bud sah seine Vorgesetzten ehrfürchtig an.

"Und nach mir!" warf Harriet schmunzelnd ein. "Jetzt, wo die Namen geklärt sind, sollten wir vielleicht klären, ob Sie beide überhaupt auf die Elternschaft vorbereitet sind..."

"Oh, die Collegegebühren sind bis zur Geburt sicher bezahlt, falls Sie das meinen," versicherte Harm mit einem selbstironischen Grinsen.

Bewundernd blickte Bud seinen Mentor an. "Wirklich? Sie haben die College-Gebühren schon zusammengespart? Na, dann können Sie sich jetzt ja auf den Collegefond Ihrer Patenkinder konzentrieren...," schlug er mit einem vorsichtigen Lächeln vor.

"Gut, dann können wir also den Finanzielle-Eignungs-Test weglassen," meinte Harriet.

Mac neigte fragend den Kopf. "Finanzielle-Eignungs-Test? Was ist das?"

"Das ist einer der Bestandteile der Kindereignungsprüfung... dabei geht man zur Bank, richtet einen Dauerauftrag ein und lässt sein Gehalt in gleichen Teilen auf die Konten des Drogerie-Marktes, des Spielzeuggeschäfts und von Disney-Land überweisen," erklärte Harriet lachend, während sie begann, die erste der mitgebrachten Tüten auszupacken.

"Ähm, Harriet... was tun Sie da?" Harm, der Ordnungsfanatiker, sah entgeistert zu, wie Harriet Unmengen von Lego-Steinen kreuz und quer auf dem ganzen Wohnzimmerboden verteilte.

"Sie haben doch auf der Fliegerschule sicher mal Simulationen gemacht, um den Ernstfall zu üben, oder?" erkundigte sich Harriet, während sie weiterhin links und rechts Bausteine auf den Teppich streute. "Das hier ist auch eine Simulation – der Spielzeug-Test. Stellen Sie sich vor, Ihr Kind ist zwei oder drei Jahre alt und spielt leidenschaftlich gerne mit Legos. Leider kommt das Kind jedoch nach seiner Mutter und räumt weniger leidenschaftlich gerne auf."

"Hey!" protestierte Mac, aber die drei anderen grinsten sich nur wissend zu.

Unbeeindruckt fuhr Harriet fort: "Und nun stellen Sie sich vor, Sie wollen nachts in die Küche oder ins Bad gelangen – im Dunklen durch das Spielzeugchaos hindurch, natürlich, ohne einen einzigen Laut von sich zu geben... schließlich wollen Sie ja das Kind nicht wecken." Sie schnappte sich Harm und verband ihm kurzerhand die Augen mit einem Schal.

"Wieso muss ich diese Übung machen?" beschwerte sich Harm. "Wieso nicht Mac? Von ihr hat unser Kind – rein hypothetisch – doch ihre oder seine Unordentlichkeit geerbt!"

Harriet gab ihm einen Schubs, so dass er lostaumelte. "Wenn es zu einem Sturz kommt, wollen wir doch nicht, dass Mac oder dem Baby etwas geschieht. Keine Sorge, Mac muss den nächsten Test übernehmen."

In Socken tapste Harm vorsichtig in Richtung Küche und versuchte, nicht aufzuschreien, wenn ein scharfkantiger Legostein sich ihm in den Fuß bohrte.

"Kannst du die belegten Brötchen mitbringen, wenn du schon mal da bist?" rief Mac spitzbübisch, als er endlich die Küche erreichte.

An einem Fischbrötchen kauend sah Mac schließlich zu, wie Bud auf die Couch kletterte und mit einem Reißnagel eine Schnur an der Decke befestigte, an deren Ende ein Plastikbecher baumelte.

"Der Fütter-Test," verkündete er, Mac einen Löffel in die eine und ein Gläschen mit Babynahrung in die andere Hand drückend. "Stellen Sie sich den Becher einfach als hungrigen Kindermund vor, den es zu füttern gilt." Dann gab er dem Plastikbecher einen Stoss, so dass er begann, hin und her zu schwingen.

Mac mühte sich redlich, den Brei in den Becher zu befördern.

"Unrealistisch!" verteidigte Harm seine Frau. "Die Simulation ist total unrealistisch! Kein Kind mit Macs Genen würde einem Löffel, auf dem sich eine Süßspeise befindet, ausweichen!"

Harriet schüttelte entschieden den Kopf. "Das Ergebnis ist sehr realistisch," widersprach sie, "mindestens die Hälfte des Essens ist auf dem Boden und Macs Bluse gelandet, während das ‚Kind’ sich erfolgreich geweigert hat." Sie warf einen Blick in die fast leere Plastiktasse. "Ich spreche aus Erfahrung, glauben Sie mir."

"Jetzt kommt meine Lieblings-Simulation: Der Anzieh-Test!" verkündete Bud mit einem breiten Grinsen. Er förderte ein Einkaufsnetz und einen Spielzeug-Tintenfisch aus einer weiteren Tüte zutage. "Der Tintenfisch stellt das Kind dar und Ihre Aufgabe besteht darin, ihn in dieses Einkaufsnetz zu stecken."

"Ist ja einfach." Grinsend trat Harm vor, um die Aufgabe zu übernehmen.

Kichernd legte Harriet einen Schalter an dem batteriebetriebenen Spielzeug um. Wild begannen die zahlreichen Tintenfischarme, sich auf und ab zu bewegen. "Passen Sie gut auf, dass Sie auch wirklich alle Ärmchen sicher im Netz verstauen!"

"Ich nehme doch an, dass unser Kind *zwei* Arme haben wird und nicht *acht*!" keuchte Harm, während er bei dem Versuch ins Schwitzen kam, Tentakel im Netz zu verstauen und gleichzeitig zu verhindern, dass die Arme, die sich bereits darin befanden, sich nicht wieder befreiten. Schließlich hatte er es geschafft und hielt triumphierend das Netz hoch. "Ha, geschafft!"

"Sehr gut, Sir!" Bud klopfte ihm auf die Schulter. "Das Kind ist jetzt vermutlich in Ihrem Ringergriff erstickt, aber immerhin – es ist angezogen."

"Gut, wir sind gnädig und kommen jetzt zum letzten Test... dem Kindergarten-Bastel-Test. Eindeutig eine Aufgabe für unseren kreativ-chaotischen Colonel!" Harriet stellte ein Glas Wasser, Wassermalfarben, eine Schere und einen leeren Eier-Karton vor Mac ab. "Ihr Kind hätte gerne, dass Sie ihm daraus ein Krokodil basteln!"

"Ein Krokodil? Aus einem Eierkarton?" Skeptisch starrte Mac auf die Bastelutensilien hinab.

Bud nickte. "Seien Sie froh, Ma’am. Harriet hat eigentlich erst vorgehabt, Sie aus Zahnstochern und Alufolie eine maßstabsgetreue Kopie des Eiffel-Turms herstellen zu lassen."

Mac fing an zu werkeln. Zehn Minuten später hatte sie einen grün-gesprenkelten Pullover, Wasserflecken auf dem Kaffeetisch und – ein halbwegs krokodilartig aussehendes Etwas.

"Wow, sehr gut, Ma’am!" Gebührend beeindruckt bewunderte Bud ihr Werk. "Sogar an die Zunge haben Sie gedacht!" Er deutete auf das rote Etwas, was aus dem Maul des Krokodils hing.

"Zunge? Das ist keine Zunge, Bud," verbesserte Mac neckisch grinsend. "Das sind die Überreste eines frechen Navy-Lieutenants, der seiner Mentorin unmögliche Aufgaben gestellt hat!"

Harriet schob sich lächelnd dazwischen. "Da ich meinen Mann noch brauche, erlassen wir Ihnen besser den Einkauf-Test und den Auto-Test."

"Sehr zu Dank verbunden! Aber aus reiner Neugierde... was beinhalten der Einkauf- und der Auto-Test?" erkundigte sich Mac vorsichtig.

"Beim Einkauf-Test hätten Sie ein oder zwei kleine Tier – vorzugsweise Ziegen – mit zum Einkaufen genommen. Die Aufgabe wäre gewesen, sie die ganze Zeit über im Auge zu behalten und alles, was sie essen oder kaputt machen, zu bezahlen," erklärte Harriet, teuflisch grinsend. "Und beim Autotest wird ein Schokoladen-Eis im Handschuhfach platziert, ein 10-Cent-Stück in den Kassettenspieler geworfen und eine Familien-Packung Butterkekse auf dem Rücksitz zerkrümelt. Zum krönenden Abschluss zerkratzt man dann die Autotüren mit einer Gartenharke."

Die werdenden Eltern von Baby Rabb kamen nicht zu einer Antwort, als es an der Türe klingelte. Eilig griff sich Mac ein weiteres Brötchen und ging, um dem unbekannten Besucher die Türe zu öffnen. "Trish! Frank!" Mac verschluckte sich fast an ihrem letzten Biss Brötchen, als sie ihre Schwiegereltern einen Tag früher als geplant vor sich stehen sah.

"Hallo, Mac." Patricia Burnett küsste ihre Schwiegertochter herzlich auf beide Wangen. "Hey, du siehst gut aus! Die Ehe mit meinem Sohn scheint dir zu bekommen!"

Frank beugte sich zu ihr hinab und küsste sie ebenfalls auf die Wange. "Soll ich die Koffer gleich ins untere Gästezimmer bringen? Ich nehme mal an, Granny und Will haben wieder das Zimmer oben?"

"Oh! Ähm, nein, nein, lass nur, Frank. Lass die Koffer einfach im Gang stehen, Harm macht das nachher schon! Kommt rein und macht es euch bequem. Bedient euch ruhig, Harm hat belegte Häppchen gemacht, weil zwei unserer Kollegen zu Besuch sind," plapperte Mac, während sie fieberhaft überlegte, wie sie in der Eile all das Spielzeug und die Babyausstattung aus dem ehemaligen zweiten Gästezimmer verschwinden lassen konnte.

Während Trish ihren Sohn umarmte, winkte Mac die Roberts panisch zu sich hinüber. "Harriet, Bud, Sie müssen mir einen Gefallen tun und mir helfen!" Sie zog ihre Kollegen mit sich zum Gäste/Kinderzimmer hinüber.

"Wow! Hat jemand einen Spielzeugladen überfallen?" Staunend stand Bud im Türrahmen und starrte Puppen, Flugzeugmodelle, ferngesteuerte Autos, Plüschtiere, aufziehbare Plastikfiguren und Malutensilien an.

Mac seufzte. "Harm gerät jedes Mal außer Kontrolle, wenn er an einem Spielzeugladen vorbei kommt!"

Harriet begutachtete kichernd eine Modelleisenbahn.

"Halten Sie das für witzig?! Das Baby wird nicht mal Platz genug haben, um in seinem eigenen Zimmer zu schlafen, wenn es auf der Welt ist!" knurrte Mac, panisch bemüht, alle Spielsachen und Babypflegeartikel in den Schränken verschwinden zu lassen.

"Vielleicht hilft es, wenn Sie seine Kreditkarte verschwinden lassen?" schlug Harriet mitfühlend vor.

"Mac?"

Sarah Mackenzie-Rabb gab den Versuch, das Gästezimmer wie ein Gästezimmer aussehen zu lassen, auf, als Harm ihren Namen rief und folgte den Roberts zurück ins Wohnzimmer.

Inzwischen waren auch Granny und Will von einem ihrer Ausflüge heimgekehrt. Granny nibbelte gerade an einem Käsebrötchen und setzte eben zu einer Erzählung an. "Hab ich euch je erzählt, wie ich Trish und Frank verkuppelt habe?"

Trish lachte. "Fünfmal hat sie mich zu diesem Autohändler geschleppt, weil sie sich angeblich ein Auto kaufen wollte und sich einfach nicht entscheiden konnte!"

"Und dabei wollte sie gar nicht ihren Fuhrpark, sondern ihre Familie vergrößern," fügte Frank amüsiert hinzu.

"Apropos Familie vergrößern...," ergriff Harm die Gelegenheit. Er legte einen Arm um Mac und räusperte sich. "Uns allen steht erneut ein Familienzuwachs bevor." Erwartungsvoll sah er seine Mutter und seinen Stiefvater an.

Trish nestelte nervös an den Goldknöpfen ihrer eleganten Seidenbluse. "Sag mir nicht, du hast noch einen Halbbruder entdeckt!" Ihre Stimme klang, als wisse sie nicht, ob sie lachen oder entsetzt aufschreien sollte.

Harm lachte. "Nein, Mum, kein Halbbruder. Auch wenn du dafür eigentlich noch viel zu jung wirkst... du wirst Großmutter."

Trish erstarrte. Ihr Blick wanderte von ihrem Sohn, über die stolz grinsende Granny, bis er dann auf Mac hängen blieb. Sie ließ ihr Brötchen fallen und sprang auf, um Mac zu umarmen. "Mac... Sarah! Gott, du bist das Beste, was dieser Familie je passieren konnte!"

Mac spürte, wie feucht die Wange war, die sich gegen ihre eigene presste.

"Wenn es irgendetwas gibt, was ich für dich tun kann, irgendetwas, das du haben möchtest... du sollst es haben, egal, was es ist," schwor Trish inbrünstig.

Mac lächelte sanft in der Umarmung der älteren Frau, die sich gegen ihren eigenen, durchtrainierten Körper fast zerbrechlich anfühlte. "Ich habe schon alles, was ich von dir brauche – deinen Sohn, eine liebe Schwiegermutter und eine tolle Oma für unser Kind."

Harms Mutter rückte etwas von Mac ab, um ihre Schwiegertochter eingehend mustern zu können. "Im wievielten Monat bist du denn?" erkundigte sie sich, während sich ihre Hand automatisch auf die Stelle legte, unter der ihr Enkelkind heranwuchs.

"Im fünften Monat – siebzehnte Woche," erklärte Mac lächelnd.

"Fünfter Monat?" Ungläubig strich Trish über den noch immer fast unmerklichen Bauchansatz ihrer Schwiegertochter. "Meine Güte, du bist noch so schlank! Weißt du, wie ich ausgesehen habe, als ich mit deinem Göttergatten im fünften Monat war? Wie ein stark übergewichtiger Elefant! Wisst ihr denn schon, was es wird, ein Junge oder ein Mädchen?"

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, die nächste Ultraschalluntersuchung ist erst in fast drei Wochen. Wir sind uns auch noch gar nicht so sicher, ob wir es vor der Geburt wissen wollen."

"Und was wäre dir lieber, Harm?" wandte sich Trish interessiert an ihren Sohn. "Hättest du lieber einen Jungen oder ein Mädchen?"

Harm zuckte die breiten Schultern. "Das spielt keine Rolle, solange das Kind nur gesund ist," erwiderte er, während er Mac gegen seinen Körper zog und die Hand auf ihren Bauch legte.

"Ach, komm schon, Harm!" Trish stupste ihn auffordernd an. "Sag schon! Wünschst du dir nicht einen kleinen Harmon Rabb junior, hmm?" Neckisch blickte sie ihn an.

Ein wenig verlegen unter der Aufmerksamkeit aller Anwesenden, die gebannt auf seine Antwort warteten, rieb Harm sich den Nacken. Zögernd öffnete er den Mund, um zu antworten, als Mac neben ihm plötzlich zusammenzuckte. Eilig nahm er seine Hand weg, weil er fürchtete, er hätte ihr in seiner Anspannung versehentlich weh getan. "Sorry, Mac, ich wollte nicht..."

"Nein! Nein, das ist es nicht. Ich glaube, ich habe eben gefühlt, wie das Baby sich bewegt!" Aufgeregt griff Mac nach Harms Hand und legte sie zurück auf ihren Bauch. "Da! Da ist es wieder!"

Fasziniert starrte Harm zwischen den strahlenden Augen seiner Frau und ihrem Bauch hin und her. "Wow! Das ist... großartig!" Staunend nahm er das leichte Flattern unter seiner Hand wahr.

"Kann ich auch mal fühlen?" bat Granny mit ehrfürchtiger Miene. "Ich möchte meinem Urenkel hallo sagen."

Einladend nickte Mac in Richtung ihres Bauches und Harm nahm seine Hand weg, damit stattdessen Granny die Bewegungen des Babys ertasten konnte.

Nach ein paar Sekunden furchten sich Grannys silberne Brauen. "Ich fühle nichts."

"Beweg deine Hand mehr hier rüber," empfahl Mac und führte Grannys braune, etwas runzelige Hand genau auf die Stelle, auf der Harms Hand sich befunden hatte, als er das Baby gespürt hatte. "Fühlst du es jetzt?"

"Nein, immer noch nichts," antwortete Granny enttäuscht. "Hey, Baby, ich bin’s, deine Urgroßmutter. Kannst du dich nicht mal kurz für mich bewegen?" Sie verharrte einen Moment lang erwartungsvoll und meldete dann: "Typischer Rabb, er oder sie gehorcht seiner – oder ihrer – Urgroßmutter nicht!"

"Vielleicht mag Baby Rabb einfach nur deine Melkerhände nicht, schließlich ist unser Nachwuchs einfühlsame Pilotenhände gewöhnt," behauptete Harm und legte seine Hand sanft über Grannys.

"Da!" Grannys blaue Augen leuchteten auf. "Jetzt bewegt es sich!"

"Darf ich auch mal, Ma’am... Mac?" Mit einem fragenden Lächeln sah Harriet die zweite Schwangere im Raum an.

Harm und Granny traten zurück, um ihren Platz an Macs Seite für Harriet frei zu geben. Aber auch Harriet schüttelte nach einer Minute des vergebenen Wartens den Kopf. "Vielleicht ist das Baby wieder eingeschlafen," meinte sie achselnzuckend.

"Harm?" Mac legte sich Harms Hand auf den Bauch und das Baby antwortete mit einem kräftigen Tritt.

"Baby Rabb kennt seinen Vater," behauptete Harm stolz.

Granny umarmte ihren Enkel stürmisch und küsste ihn auf die Wange. "Ich bin ja so stolz auf dich!" erklärte sie gerührt.

Harm lächelte ein wenig verwundert auf seine Großmutter hinab. "Hä? Nur, weil ich das Baby dazu gebracht habe, sich zu bewegen?"

"Nein, weil du es geschafft hast, es überhaupt erst zu zeugen!"

Harm spürte, wie seine Ohren zu glühen begannen. "Granny! Ich bin... war ein sehr begehrter Navy-Flyboy! Du weißt, was man über uns, speziell in weißer Galauniform, sagt! Hast du etwa gedacht, ich hätte Potenzprobleme?!" entrüstete er sich.

"Oh, nein, das nicht, aber mir kamen langsam Zweifel, dass du je etwas Produktives mit deinen kleinen Flyboy-Schwimmern anfangen würdest," erklärte Granny kichernd. "Hat ja lange genug gedauert, bis du allein ans Heiraten gedacht hast!"

Harm räusperte sich ungemütlich. "Ich würde es begrüßen, wenn du zukünftig darauf verzichten könntest, mich vor meinem eigenen Kind so in Verlegenheit zu bringen," brummte er, in Richtung Macs Bauch nickend.

Granny lachte nur.


14. Hormone –
oder warum man schwangere Frauen von der Stereoanlage fernhalten sollte

19. März 2002
0047 Z-Zeit (19:47 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Harm verharrte im Flur, um zu lauschen. Er hatte sich nicht getäuscht: Aus dem Schlafzimmer kam wirklich das Knarren der Schranktüre, gefolgt von einem scharrenden Geräusch. "Oh, oh!" In der Erwartung, dass Mac versehentlich die Türe des Kleiderschranks aufgelassen hatte und Gypsie sich nun dabei vergnügte, zwischen Socken und T-Shirts herumzuwühlen, öffnete Harm die Türe zum Schlafzimmer.

Aber statt einer roten Katze, stand eine halbnackte Mac inmitten eines chaotischen Haufens von Kleidungsstücken.

"Suchst du was?" erkundigte Harm sich vorsichtig, während seine Augen damit beschäftigt waren, bewundernd die nackten Beine seiner Frau hinauf- und hinab zu blicken.

Mac sah finster vom Kleidungsschrank auf und warf eine weitere Hose direkt vor Harms Füße. "Eine Hose, ein Kleid... irgendein verflixtes Kleidungsstück, das mir noch passt!"

<Uh, uuuh! Sieht mir fast nach einer Schwangerschaftsdepression aus!> Harm verzichtete lieber darauf, Mac darauf hinzuweisen, dass sie Baby Rabb und der Fluchspardose jetzt einen Dollar schuldete. "Mac, zieh doch einfach irgendeine bequeme Jogginghose an," schlug er in dem Versuch vor, Mac aufzumuntern.

Mac jedoch warf ihm nur einen wenig erfreuten Blick zu. "Zu Grannys neunundneunzigstem? Vor all den Gästen will ich wirklich nicht aussehen wie der letzte Gammler!"

"Grannys 99zigster?" wiederholte Harm stirnrunzelnd. Er fragte sich insgeheim, ob die Schwangerschaftshormone Macs sonst so untrüglich akkuraten Sinn für Zahlen beeinflusst hatten. "Mac, Grannys Geburtstag ist erst im Dezember und sie wird achtundachtzig, nicht neunundneunzig."

"Ich spreche ja auch nicht von ihrem Geburtstag. Sie hat vor kurzem ihr neunundneunzigstes Pärchen verkuppelt und hat beschlossen, dass sie heute eine Party schmeißen will, um ihren 99. Verkupplungserfolg gebührend zu feiern. Deshalb brauche ich auch dringend etwas zum Anziehen," erklärte Mac und schob ihr T-Shirt ein wenig höher, um sich im Spiegel betrachten zu können.

"Das Baby ist wieder ein bisschen gewachsen, hm?" Liebevoll ließ Harm den Blick über Macs Bauch wandern.

"Ist das eine höfliche Art, mir zu sagen, dass ich langsam fett werde?" seufzte Mac. Gedankenverloren fuhr sie mit dem Finger die sonst deutlich sichtbaren Bauchmuskeln nach, die inzwischen fast völlig dem Ansatz eines Babybauchs gewichen waren.

"Hey." Harm trat hinter sie und schlang die Arme um ihre Taille, um beide Hände über ihrem Bauch ausbreiten zu können. "Es wirft dich wirklich aus der Bahn, dass dir deine gewohnten Klamotten nicht mehr passen, dass dein Körper sich verändert hat, oder?" fragte er sanft, während er Macs Gesicht im Spiegel beobachtete.

"Das sollte mir eigentlich ganz egal sein...," antwortete Mac nach einer Weile.

"Aber?"

Mac drehte sich halb um und sah ein wenig verlegen auf ihren Bauch hinab. "Ähm... würdest du es für sehr selbstsüchtig und oberflächlich halten, wenn ich sagen würde, dass ich mein Aussehen, meinen Körper, so mag wie er ist?" Unsicher suchten ihre Augen die seinen.

"Nein, warum auch? Ich mag dein Aussehen ja auch," meinte Harm mit einem sanften Schmunzeln, nur um dann gleich wieder ernst zu werden. "Nach allem, was ich in den Babybüchern so lese, ist es völlig normal, so zu fühlen. Es gibt kaum eine schwangere Frau, die sich nicht unattraktiv fühlt, wenn ihr Körper sich plötzlich verändert. Aber," Harm küsste Macs Nasenspitze, "es gibt auch kaum jemanden, der je in eine schwangere Frau verliebt war und nicht der Meinung war, dass sie absolut atemberaubend schön war!"

Mac schnaubte ungläubig. "Ach, komm schon, das sagst du jetzt nur, um mich aufzumuntern! Ich kenne doch den Typ Frau, auf den du stehst, Harmon Rabb junior! – Schlank, fit, langbeinig!"

"Das war vielleicht der Typ Frau, auf den ich vor ein paar Jahren gestanden habe – jetzt stehe ich nur noch auf einen Typ Frau, und der heißt Sarah MacKenzie-Rabb. Und ich finde dich absolut atemberaubend, nicht-schwanger oder schwanger!"

Zweifelnd kniff Mac die Augen zusammen. "Wirklich? Harm, ich weiß, wie schwangere Frauen aussehen und so besonders attraktiv finde ich das nicht..."

"Du warst ja auch nicht in irgendeine dieser Frauen verliebt," meinte Harm grinsend.

"Hmm, da ist was dran." Jetzt musste auch Mac schmunzeln und sie spürte, wie ihre trübe Stimmung sich aufhellte. "Und einen Vorteil hat es wenigstens... jetzt habe ich die perfekte Entschuldigung, um deine Klamotten zu stibitzen."

Harm lachte. "Als ob du dazu je eine Entschuldigung gebraucht hättest! Dazu hast du schließlich Hausregel Nummer sechs eingeführt."

"Wie wär’s damit?" Mac deutete mit dem Fuß auf eine schwarze Baumwollhose mit Gummizug im Bund, die sie auf ihrer Suche nach etwas Anziehbarem aus dem Schrank geworfen hatte.

"Hmmm, eine Hose ohne Knöpfe hat so ihre Vorteile," Harm zwinkerte ihr übertrieben verführerisch zu, "schnell an- und vor allem wieder auszuziehen!" Er bückte sich und drückte Mac die Hose in die Hand. "Dann wollen wir mal sehen, wen Granny alles eingeladen hat..."

Als die beiden Rabbs das Schlafzimmer verließen, wimmelte der Rest der Wohnung bereits vor Gästen. Auf der Couch hielten der Blumenhändler und die Floristin, die sich bei ihrer Hochzeit um den Blumenschmuck gekümmert hatten, Händchen. Keine zwei Meter daneben zeigten Harms Cousin Jason und seine Frau Ayita stolz ihren wenige Monate alten Sohn herum. In der Küche unterhielten sich Trish und Frank mit Teresa und Kyle Anderson.

Granny stand über einen Mann im Rollstuhl gebeugt im Flur und war gerade damit beschäftigt, mit einem wasserfesten Stift ein großes rotes Herz mit den Initialen ‚E & J’ auf ein Gipsbein zu malen.

"Hey, Harm, Mac!" Skates ließ die Griffe des Rollstuhls los, um ihren beiden Freunden herzlich die Hand zu schütteln.

"Könntest du mich bitte ins Wohnzimmer schieben?" fragte Keeter seine ‚Pflegerin’ nach einem finsteren Blick auf Harm.

Streng sah Skates auf den verletzten Piloten hinab. "Wieso? Wie wäre es, wenn du Mac erst mal zum Baby gratulierst?"

Keeter streckte Mac seine uneingegipste Hand hin. "Meine herzlichsten Glückwünsche zum Baby, Mac. Ich drücke dir meinen gesunden Daumen, dass es gesund wird und ganz nach *dir* kommt!" fügte er mit einem giftigen Blick zu Harm hinzu. "Könntest du mich jetzt *bitte* ins Wohnzimmer schieben, Skates?"

Die Jägerleitoffizierin verschränkte störrisch die Arme. "Wenn du nicht aufhörst, dich Harm gegenüber so kindisch zu verhalten, bloß weil er wegen deines Absturzes ermittelt, schiebe ich dich in die Garage und lasse dich dort, bis wir wieder gehen!" drohte sie ihrem Begleiter.

"Bemüh dich nicht, Skates, das mache ich schon," mischte Harm sich ein und packte entschlossen die Griffe des Rollstuhls. Keeters Proteste und die verwunderten Blicke der übrigen Gäste ignorierend schob er den Rollstuhl in eine ruhige Ecke des Wohnzimmers. "Jetzt hör mir mal zu, Keeter," begann er verärgert, "ich weiß, dass wir praktisch befreundet sind, seit noch Dinosaurier die Erde bevölkerten, und ich weiß auch, dass ich dir eine Menge verdanke, aber das gibt dir nicht das Recht, auf der Party meiner Großmutter schlechte Laune zu verbreiten, bloß weil du sauer auf mich bist!"

Keeter drehte sich im Rollstuhl um so gut er konnte. "Du wärst auch sauer, wenn dein ältester Freund dir so in den Rücken fallen würde!" knurrte er Harm an.

"So ein Quatsch!" donnerte Harm mit geballten Fäusten zurück. "Ich falle dir nicht in den Rücken! Diese Ermittlung hat rein überhaupt nichts mit unserer Freundschaft zu tun! Du solltest nicht vergessen, dass ich zwar kein Pilot mehr, aber immer noch Offizier bin und als solcher habe ich Befehle zu befolgen, ob sie mir gefallen oder nicht!"

Keeters zuvor wütend-rote Gesichtsfarbe hatte sich wieder seinem normalen Teint angenähert und seine Haltung entspannte sich, als er sich gegen die Lehne des Rollstuhls zurücksinken ließ. "Erwarte bloß nicht, dass ich mich bei dir entschuldige," brummte er schließlich.

Harm musste lachen. "Piloten entschuldigen sich niemals, ich weiß, ich weiß."

"Höchstens bei schönen Frauen," fügte Keeter grinsend hinzu. "Und dein Haus wimmelt im Moment ja nur so davon."

"Tja, aber die sind leider alle schon vergeben, tut mir leid, alter Junge. Granny hat heute nur ein paar von den Pärchen eingeladen, die sie in einem langen Kuppler-Leben zusammengebracht hat. Darf ich aus deiner und Skates Anwesenheit eigentlich schließen, dass ihr jetzt ein offizielles Paar seid?" erkundigte sich Harm interessiert.

Keeter brütete eine Minute lang über der Frage. Dann zuckte er seine gesunde Schulter. "Ich bin nicht sicher."

Harm musterte seinen Freund mit einem verwunderten Grinsen. "Wie kann man so was denn nicht wissen?"

"Wie *kann* man so was wissen?!" gab Keeter die Frage seufzend zurück. "Meine nicht unbeträchtliche Erfahrung und mein Wissen über Frauen hilft mir bei Skates nicht im geringsten weiter."

Intensiv studierte Harm sein Gesicht. "Und dir liegt wirklich was an Skates? Ich meine, sprechen wir hier von Liebe oder bist du nur so hinter ihr her, weil sie deinen Flyboy-Stolz anstachelt, weil sie eine Herausforderung für deinen männlichen Charme ist, eine Auster, die es zu knacken gilt?"

Abrupt riss Keeter den Rollstuhl herum und stöhnte unterdrückt auf, als er dabei auch seine verletzte Hand benutzte.

"Hey, hey, ganz ruhig," Harm hielt ihn fest, "ich frage ja nur, weil wir beide vor zehn Jahren noch so auf eine Frau reagiert hätten, die es wagt, unserem Charme zu widerstehen."

"Glaubst du etwa, nur du wärst in den letzten Jahren erwachsen geworden? Oder traust du mir etwa nicht zu, dass ich treu und monogam sein und mich nur noch für eine Frau interessieren könnte?" wollte Keeter herausfordernd wissen.

"Doch," antwortete Harm, ohne überlegen zu müssen. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie schnell sich die Einstellung zu Beziehungen ändern konnte, wenn man die richtige Frau kennen lernte. "Und Skates ist diese eine Frau?"

Die beiden Männer sahen hinüber zu der braunhaarigen Jägerleitoffizierin, die gerade mit Teresa Coulter in ein Gespräch vertieft war.

"Mmmhm – wenn sie es sein will. Ist mir zwar ein Rätsel, wie sie es schafft, aber bisher hat sie meinem Flyboy-Charme erfolgreich widerstanden...," erklärte Keeter selbstironisch.

Harm klopfte seinem Freund aufmunternd auf die Schulter. "Ach, keine Sorge, wenn Granny sich eines Falls erst mal angenommen hat, ist das nur noch eine Frage der Zeit."

Er horchte auf, als jemand eine neue CD in die Stereoanlage einlegte und die ersten Töne eines vertrauten Lieds begannen. "Oh, nein!" Harm schlug sich gequält gegen die Stirn. "Gott, nicht dieses Lied! Wer zum Teufel hat dieses Lied mitgebracht?!"

Verständnislos runzelte Keeter die Brauen, während er dem Lied im Hintergrund lauschte.

Eine Melodie begann. Eine Gitarre setzte ein, dann sanfte Schlagzeugrhythmen und schließlich driftete die sanfte, melancholische Stimme einer Frau durchs Haus. ‚Daytime, I’m fine... Everything is back to normal…’

"Hä? Warum? Was stimmt denn nicht mit dem Lied?"

Harm seufzte. "Seit Mac schwanger ist, fängt sie jedes Mal, wenn sie dieses Lied hört, an zu weinen." Er deutete mit dem Kinn in Richtung seiner Frau.

Keeter sah bestürzt zu, wie Harms Prophezeiung sich bewahrheitete und Tränen die braunen Augen der schwangeren Marine-Corps-Anwältin füllten. "Jedes Mal?" erkundigte er sich staunend.

Harm nickte, während er zusah, wie Mac sich bei den umstehenden Gästen entschuldigte und im Badezimmer verschwand. "Jedes Mal bei diesem Lied und bei einem von Trisha Yearwood... ich musste schlussendlich die beiden CDs verstecken, damit sie nicht mehr ständig am Weinen war!"

"Ähm, nicht dass ich ein Experte bezüglich schwangeren Frauen oder dem Eheleben wäre, aber... willst du ihr nicht nachgehen und sie trösten oder so?" schlug Keeter ein wenig betreten vor.

Harm schüttelte den Kopf. "Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass es besser ist, wenn ich warte, bis sie sich wieder gefangen hat und aus dem Badezimmer kommt. Es bringt Mac sonst nur in Verlegenheit und glaub mir, eine verlegene Frau voller unkontrollierter Schwangerschaftshormone ist nichts für schwache Nerven!"

Mac hielt derweil im Badezimmer ihrem Spiegelbild eine Predigt, verärgert darüber, dass so etwas Dummes wie ein sentimentales Lied sie zum Weinen bringen konnte. Nachdem sie ein paar Minuten gewartet hatte, um ihre achterbahnfahrenden Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen und sicher zu gehen, dass draußen schon das nächste Lied begonnen hatte, öffnete sie die Badezimmertüre wieder.

Sie strauchelte, als ihr Fuß an der Türschwelle hängen blieb und der ungewohnte neue Schwerpunkt ihres Körpers sie das Gleichgewicht verlieren ließ. Unwillkürlich riss sie noch im Fall die Arme vor den Bauch, um ihr Baby vor Schaden zu bewahren.

Statt aber unsanft auf dem Boden zu landen, wurde sie plötzlich zurückgerissen und zwei fremde Hände hielten sie fest, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte. "Puh, Danke!" Erleichtert drehte Mac sich um, um ihrem unbekannten Retter dankbar die Hand zu schütteln.

"Lieutenant McKenna?!" Verblüfft sah sie in die undefinierbar gefärbten Augen ihrer Mandantin hinab.

"Ma’am, ich weiß, dass ich Sie allein durch meine Anwesenheit hier in eine unangenehme Situation bringen und es Ihnen nicht recht sein könnte, privat mit einer Mandantin zu tun zu haben... ich wollte auch gar nicht kommen, wirklich, aber Granny hat darauf bestanden..." Hilflos gestikulierend zeigte Gwen auf die alte Dame, die strahlend mitten im Gang stand, je ein Baby, das sein Leben praktisch ihr zu verdanken hatte, links und rechts im Arm.

Erstaunt hob Mac die Brauen. Sie hatte nicht gewusst, dass Granny ihre Mandantin kannte. "Ach? Sie gehören also auch zu den Glücklichen, die von Granny verkuppelt worden sind? Mit wem, wenn ich fragen darf? Kenne ich den Glücklichen?" Sie kannte die meisten der anwesenden Gäste und war gespannt darauf, mit wem Granny die junge Frau verkuppelt hatte.

Gwen McKenna schluckte und hielt nur mit sichtlicher Mühe Macs Blick stand. "Ähm, ja, Ma’am, ich glaube schon, aber ich bin nicht sicher, ob Sie so glücklich wären, zu wissen, wer es ist..."

Mac lächelte beruhigend auf die jüngere Frau hinab. Sie konnte ihre offensichtliche Besorgnis nicht so ganz nachvollziehen. "Ach, warum denn," meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung, "wenn ich das als eine der Betroffenen mal so sagen darf... alle Paare, die Granny verkuppelt hat, passen ausgezeichnet zueinander."

"Es liegt mir natürlich fern, das glückliche Händchen Ihrer Großmutter beim Verkuppeln zu bezweifeln, Ma’am, aber immerhin bin ich Ihre Mandantin und..."

"Lieutenant... Gwen," begann Mac in dem Bemühen, freundlich zu der jüngeren Frau zu sein, "Sie sind nicht als meine Mandantin hier und ich nicht als Ihre Anwältin. Diese Begegnung auf Grannys Party ist rein zufällig und hat nichts mit dem Fall zu tun."

Gwen nickte zögernd. "Aber..."

"Gwendolyn!" unterbrach Grannys Stimme die beiden. Lächelnd tauchte die alte Dame neben den beiden jüngeren Frauen auf. "Da sind Sie ja! Nanu, wo haben Sie denn Ihre bessere Hälfte gelassen? Oder ist es die schlechtere?" Granny kicherte.

"Ähmn, ich... Grannnnnny...," dehnte Gwen verzweifelt. Ihre Finger verflochten sich unbehaglich ineinander, als sie nervös die Hände rang.

Granny sah verwundert auf sie hinab und hob fragend ihre silbernen Brauen. "Was ist denn eigentlich mit Ihnen los, Mädchen, hm?" erkundigte sie sich mit großmütterlicher Sanftheit. "Glauben Sie bloß nicht, mir sei nicht aufgefallen, dass Sie letztens am Telefon nicht die übliche heitere Gwendolyn McKenna waren, die ich sonst kenne! Also, raus mit der Sprache, was ist los?! Warum sind Sie so anders als sonst? Sie sind doch nicht etwa...?" Grannys Miene erhellte sich schlagartig. "Oooooh, sagen Sie nicht, Sie beide haben es endlich geschafft, schwanger zu werden? Und ich dachte, mein Urenkel würde das fünfzigste Kind, das seine Existenz quasi mir zu verdanken hat!"

"Oh, nein, nein, Granny, das ist es nicht, wirklich nicht!" versicherte Gwen eilig. "Sie wissen doch, dass wir noch ein wenig warten wollen, bis ich... na ja... bis ein wenig mehr Zeit vergangen ist und wir sicherer sein können, dass ich..."

Granny legte ihr sanft eine Hand auf den Arm. "Nur keine Sorge, Liebes, ich freue mich auch über das einundfünfzigste Baby, besonders, wenn es von Ihnen und Randy kommt. Ich kann noch ein bisschen warten. Oder," fügte sie mit einem listigen Grinsen hinzu, "Sie könnten Randy überreden, dass *sie* das Baby bekommt!"

Einen Moment lang sah Mac ihre Großmutter an, als sei diese plötzlich in senile Verwirrung verfallen, dann weiteten sich ihre Augen, als sie schlagartig begriff, warum Gwen McKenna so gezögert hatte, ihr den Namen ihres Partners zu verraten: Ihr Partner war eine Partnerin und außerdem Skates Cousine.

Granny stand vergessen daneben, als die beiden jüngeren Frauen einander ernst ansahen. "Lieutenant...," begann Mac.

Gwen seufzte, als sie den warnenden Unterton in der Stimme ihrer Anwältin hörte. Sie hatte ihn schon so oft von Leuten gehört, die ihre Beziehung mit einer Frau nicht billigten. Resigniert ließ sie die zuvor angespannten Schultern hängen. "Tut mir leid, dass ich Ihre Party gestört habe, Ma’am. Ich werde gleich morgen beginnen, mir einen neuen Anwalt zu besorgen. Vielleicht sollte ich es mal mit einem Zivilanwalt versuchen, für den diese Facette meines Lebens weniger ein Problem darstellt..."

Grimmig schüttelte Mac den Kopf. "Ich *persönlich* habe damit nicht das geringste Problem, Lieutenant McKenna." Sie hatte ihr Glück an Harms Seite gefunden und sie missgönnte es keiner anderen Person, die ebenfalls ihr Glück gefunden hatte, ganz egal an wessen Seite. "Aber andere Mitglieder der Streitkräfte könnten damit ein Problem haben – inklusive des Richters und der Geschworenen in ihrer Militärgerichtsverhandlung! Falls Ihre Beziehung mit Dr. Hawkes Thema vor Gericht wird, ist Ihre Karriere im Marine Corps so gut wie vorbei, das ist Ihnen doch klar, oder?"

Gwen straffte die Schultern und sah Mac aufrichtig in die Augen. "Darf ich ganz offen sein, Ma’am?"

Mac nickte ermunternd.

"Ich bin gerne ein Marine, auch wenn es nur in der Reserve ist. Ich möchte gerne im Corps bleiben – aber nicht um den Preis meiner Beziehung. Wenn ich aus dem Corps ausscheiden muss, nur weil man meine Beziehung nicht billigt, werde ich den Streitkräften keine Träne nachweinen," erklärte Gwen energisch.

Mac konnte das gut verstehen. Sie liebte das Corps und war Marine mit Leib und Seele, aber wenn man sie je vor die Wahl gestellt hätte, die Beziehung mit Harm oder die Karriere im Militär aufzugeben – letzteres hätte keine Chance gehabt. "Sie haben eine fähige Anwältin, die alles dafür tun wird, dass es nicht soweit kommt und Sie nie vor eine solche Entscheidung gestellt werden," versprach sie ernst.


15. Schwangerschafts-Theorien –
oder warum man immer auf seine innere Stimme hören sollte

23. März 2002
1310 Z-Zeit (08:10 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Harm schlug träge die Augen auf, als er spürte, dass sich unter der Haut, auf der seine Hand ruhte, etwas bewegte. "Pssst, Baby, schlaf weiter, sonst weckst du deine Mum!" Er genoss es, dass Mac seit ihrer Schwangerschaft länger schlief und er morgens mit ihr im warmen Bett kuscheln konnte, anstatt von ihr zum Joggen in die kalte Morgenluft hinaus getrieben zu werden.

Das Baby bewegte sich erneut – wie es sich anfühlte, probierte es gerade Saltos aus – und jetzt begann auch Mac sich zu rühren.

Harm zog sie ein wenig näher gegen seinen Körper, schob seine Hand ein wenig mehr nach links, genau über die Stelle, wo das Baby sich bewegte, und begann leise zu singen. Es dauerte keine Minute, bis die Bewegungen unter seiner Hand ruhiger wurden und dann ganz aufhörten. Mit einem selbstzufriedenen Lächeln lehnte er sich im Bett zurück.

Mac drehte sich um und vergrub schlaftrunken das Gesicht in Harms Schulter. Ein paar Sekunden später begann sie, nun schon wacher, die nackte Haut unter ihren Lippen zu küssen. "Hmmm, ein Schlaflied am Morgen – und da soll frau irgendeinen Anreiz zum Aufstehen haben?"

"Sollst du ja gar nicht," erwiderte Harm, beide Arme um sie schlingend. "Du gefällst mir da, wo du bist. Aber das Schlaflied war nur für Baby Rabb gedacht, damit sie – oder er – dich nicht aufweckt. Hast du bemerkt, wie schnell das Baby sich beruhigt, wenn ich deinen Bauch streichle?"

"Ja, Baby Rabb kommt ganz nach der Mutter. Er – oder sie – mag deine Berührungen," antwortete Mac, sich tiefer in seine Umarmung kuschelnd.

Harms Lippen formten sich dicht neben Macs zu einem Grinsen. "Na, hoffen wir mal, dass sie nicht *allzu sehr* nach dir kommt – zwei Personen mit einem solchen Appetit im Haus zu haben kann einen Mann ruinieren!"

Nach ein paar Minuten friedlicher Ruhe schob Harm den Kopf unter die Decke und robbte dichter an Mac heran. An ihrem Bauch stoppte er und Mac fühlte, wie seine Lippen sich dicht an ihrer Haut bewegten. Sie hob die Decke an und spähte auf ihren Mann hinab. "Was machst du denn da unten?"

"Pssst, stör mich bitte nicht, ich habe eine private Unterredung mit meiner Tochter – oder meinem Sohn," erklärte Harm ernsthaft, nahm Mac den Zipfel der Bettdecke aus der Hand und bedeckte seinen Kopf wieder damit.

Schließlich tauchte er wieder auf und nahm Mac erneut in seine Arme, aber jetzt machte Mac Anstalten, sich von der Decke zu befreien und die Beine aus dem Bett zu schwingen. "Ah, ah, ah!" tadelte Harm, sie festhaltend. "Frühstück, was zu trinken... was immer du auch brauchst, ich gehe und hole es dir. Du bleibst hier im Bett liegen und ruhst dich aus."

"Okay," willigte Mac sofort grinsend ein, "dann wäre ich dir höchst dankbar, wenn du mal eben meine Blase für mich leeren könntest."

Harm grinste reumütig. "Sorry, aber ich glaube, da muss ich passen."

"Gut. Ich muss nämlich ohnehin aufstehen – Granny und Harriet entführen mich heute zum Umstands-Moden-Shoppen!" Mac rollte demonstrativ mit den Augen, um ihre Meinung über den modischen Wert dieser Art Kleidung anzuzeigen.

"Hey, jede Kleidung kann sexy sein – vorausgesetzt, es steckt die richtige Frau darin!" meinte Harm aufmunternd.

Mac lächelte nur und verschwand im Badezimmer. Eine ihrer 11-Minuten-Duschen später tauchte sie wieder im Schlafzimmer auf. Auf dem Weg zum Kleiderschrank streifte sie den Morgenmantel von den Schultern und ging – nur mit einem Slip bekleidet - weiter.

Harms Blick folgte ihr bewundernd. Er rollte sich auf die Seite und stützte das Kinn in die Hand, um sie besser beobachten zu können. Als Mac eines seiner T-Shirts aus dem Schrank nahm und überstreifen wollte, schlug er eilig die Decke zurück und erhob sich. "Halt, halt, ich muss doch unserem Nachwuchs noch ordentlich guten Morgen sagen!"

Neben Mac ließ er sich auf die Knie nieder und zog sie sanft herum, beide Arme um Macs langsam fülliger werdende Taille schlingend. "Guten Morgen, Baby Rabb." Er küsste die weiche Haut von Macs Bauch. "Wie geht’s dir heute Morgen? Du gehst jetzt gleich einkaufen mit deiner Uroma und ‚Tante’ Harriet. Falls du ein Mädchen bist, wünsche ich dir viel Spaß dabei. Und falls du ein Junge bist, könntest du ein bisschen auf meine Kreditkarte aufpassen..."

Mac hielt lächelnd still, als Harm sein morgendliches Schwätzchen mit ihrem Kind hielt, aber beim letzten Satz gab sie dem Kopf, der sich gegen ihren Bauch presste, einen leichten Klaps.

"Wenn du mir später genau berichtest, was die Damen so alles angestellt haben, springt eine Belohnung für dich raus," flüsterte Harm verschwörerisch gegen den sanft gewölbten Bauch.

Noch ein Klaps von Mac. "Ist ein bisschen früh, damit anzufangen, unser Kind zu bestechen, meinst du nicht? Und im übrigen sprichst du in letzter Zeit mehr mit meinem Bauch als mit mir!" beschwerte sich Mac, ein Schmollen vortäuschend. In Wahrheit war sie immer wieder froh zu sehen, wie sehr Harm sich auf das Kind freute.

Erneut küsste Harm die warme Haut unter seinen Lippen und wisperte: "Hörst du, Baby Rabb? Deine Mutter übertreibt mal wieder... das tut sie manchmal..." Er grinste neckisch zu Mac empor.

"Halt dir die Ohren zu, Baby Rabb, und hör nicht auf deinen Vater," befahl Mac. "Er ist ein Aufwiegler!"

Harm grinste nur. "Schon wieder so eine Übertreibung."

Ihre innere Uhr erinnerte Mac daran, dass Harriet sie in wenigen Minuten abholen würde und bedauernd begann sie, sich aus der Halb-Umarmung ihres knienden Ehemannes zu lösen. Sie beugte sich vor und küsste das glatte schwarze Haar. "Ich liebe dich."

Harm schlang die Arme enger um ihre Hüften und zog sie noch ein wenig näher. "Ich liebe dich auch, Marine. Und das, Baby Rabb, ist nicht im geringsten übertrieben!"

Eine Stunde später kämpften Harriet, Granny und Mac sich Seite an Seite durch das Gedrängel von Washingtons Einkaufszentrum.

"Eigentlich eine ganze Stange Geld für die paar Kleider," meinte Mac, auf die Tüten in ihrer Hand hinabnickend, "vor allem, wenn man bedenkt, dass man die Sachen höchstens für ein paar Monate trägt..."

"Nur ein paar Monate *pro Schwangerschaft*," korrigierte Granny sofort. "Beim nächsten Kind kannst du die Kleider ja auch wieder tragen."

Mac musterte ihre Schwieger-Großmutter tadelnd. "Nächstes Kind? Wer sagt dir denn, dass Baby Rabb nicht ein Einzelkind bleiben wird, hmm?"

Granny zuckte vergnügt die Schultern. "Oh, eine innere Stimme..."

"Aaah, das ist bestimmt dieselbe innere Stimme, die dir befohlen hat, Harms Wohnung unter Wasser zu setzen und die Schlafcouch anzusägen, um uns zwei Ahnungslose miteinander zu verkuppeln," vermutete Mac ironisch.

"Richtig!" Granny zeigte ein breites Rabb-Grinsen. "Hörst du die Stimme etwa auch?" Sie zwinkerte Mac zu.

"Nein, *meine* innere Stimme sagt mir ganz andere Dinge. Sie warnt mich davor, dich je in die Nähe meiner Anti-Baby-Pille zu lassen, um zu verhindern, dass sie verwechselt werden oder spurlos verschwinden!"

Kichernd hörte Harriet den beiden MacKenzie-Rabbs zu, während sie durch einen Stapel T-Shirts kramte. "Oh, das! Das müssen wir unbedingt haben!" Entzückt hielt sie ein schwarzes T-Shirt in die Höhe, auf dem mit großen Leuchtbuchstaben geschrieben stand ‚Baby under Construction’.

"Wieso müssen wir das unbedingt haben?" erkundigte sich Mac. Abwesend sah sie sich um und versuchte, die ‚sexy Umstandskleidung’ zu finden, von der Harm gesprochen hatte.

"Na, damit die Leute sehen, dass es einen guten Grund dafür gibt, dass wir fett wie zwei übergewichtige Wale sind!" verkündete Harriet vergnügt.

"Sie meinen, einen Grund *außer* den Unmengen Eiscreme, die mein Enkel von seinen langen abendlichen Spaziergängen mit Jingo mitbringen muss," stichelte Granny.

Harriet stöhnte. "Eiscreme? Oh, Mac, Sie Glückliche! Klein A.J. hat während meiner Schwangerschaft immer darauf bestanden, dass ich Gurken und Thunfisch esse und dieses Baby," sie streichelte über ihren Bauch, "hat leider denselben Geschmack wie sein oder ihr Bruder!"

"Das kommt daher, dass mein erster Urenkel ein Mädchen wird," behauptete Granny wissend. "Mädchen machen immer Lust auf Süßes, Jungs eher auf Saures."

Mac schüttelte den Kopf. "Morgens frühstücke ich aber immer eingelegte Senfgurken und Heringe."

"Vielleicht werden es ja doch Zwillinge?" meinte Granny hoffnungsvoll.

"Was meint Harm?" erkundigte sich Harriet interessiert. "Tippt er eher auf ein Mädchen oder einen Jungen?"

Mac lachte. "Ich glaube, er vermutet ein Mädchen. Harm hat da so eine Theorie, vermutlich aus einem seiner tausend Babybücher... wenn die Frau während der Schwangerschaft schöner wird, wird es ein Mädchen; verändert sie sich eher nachteilig, wird es ein Junge."

"Na, vielen Dank!" Harriet schnaubte, so dass das blonde Haar ihres Ponys aufwirbelte. "Erinnern Sie mich daran, dass ich den Commander mal danach frage, wie *häßlich* ich eigentlich genau während meiner Schwangerschaft mit A.J. war!"

"Hört sich an, als hätte der gute Hammer sich mal wieder in eine gefährliche Situation manövriert!" sagte eine weibliche Stimme hinter ihnen.

"Elizabeth!" Granny umarmte Skates erfreut. "Was machen Sie denn hier?"

Skates deutete auf die Plastiktüte in ihrer Rechten. "Ich hab ein paar Videos für Keeter besorgt. Es dauert noch ein paar Tage, bis er seinen Gehgips bekommt und entlassen wird, und er langweilt sich so langsam zu Tode..."

"Ooooh, Videos!" Granny sah Skates vielsagend an. "Welche Art von Videos kauft eine junge Frau denn heutzutage, um ihren Lover so schnell wie möglich wieder fit zu machen, hmmm?" Die alte Dame wackelte anzüglich mit einer silbernen Braue.

"Hey, hey, hey!" mischte Mac sich mit erhobenem Zeigefinger ein. "Falls ihr hier nicht-jugendfreie Themen ansprechen solltet, schuldet ihr mir und Harriet jeweils einen Dollar!"

Skates nahm demonstrativ die Videokassetten aus der Einkaufstüte und zeigte sie Mac. "‚Top Gun’, ‚Die Schöne und das Biest’ und ‚Was Frauen wollen’. Deine Großmutter hat eine verdorbene Fantasie, das ist alles! Und übrigens, Granny, Keeter ist nicht mein ‚Lover’!"

Mac sah interessiert auf die Videos hinab. "‚Top Gun’ verstehe ich, aber warum der Disney-Film und die romantische Frauen-Komödie? Glaubst du, Keeter wird sich das wirklich anschauen?"

"Der Disney-Film ist für Keeters Neffen und Nichten, die Komödie ist für Keeter. Er beteuert, dass er ‚Was Frauen wollen’ bisher siebzehn Mal gesehen hat," berichtete Skates, die Videos wieder in der Tüte verstauend.

"Dann wird er es ja hoffentlich inzwischen wissen," meinte Granny zufrieden.

"Was denn?"

"Na, was Frauen wollen," erklärte die alte Dame. "Wenn du ihm dann noch sagst, was diese eine ganz bestimmte Frau will, steht eurem Glück nichts mehr im Wege."

Skates seufzte. <Dazu müsste ich erst mal selbst wissen, was genau ich eigentlich will und was nicht!> "Ich glaube, ich muss dann mal langsam weiter, Granny..."

"Oh, nein, hier geblieben!" Granny hielt die Offizierin am Ärmel fest. "Wieso kommen Sie nicht mit uns? Jackson kann gut noch eine halbe Stunde länger auf seine Videos warten. Wenn du uns begleitest, lernst du gleich mal was über Schwangerschaften und weißt später dann schon, worauf es bei Umstandskleidern ankommt." Granny grinste wie eine Katze, die in ein Goldfischglas hinabblickt.

Skates schnaubte. "Oh, herzlichen Dank, aber ich weiß bereits alles, was ich jemals über Schwangerschaften und Geburten wissen will – sie tun verdammt weh!"

"Davon wollen Harriet und ich nichts hören," tadelte Mac. "Und im Übrigen schuldest du meinem Nachwuchs einen Dollar!"


16. Tränen vor Gericht –
oder warum Admiräle jährlich einen Hebammen-Kurs belegen sollten

25. März 2002
1415 Z-Zeit (09:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

A.J. Chegwidden schob mit routinierten Bewegungen die vor ihm liegenden Blätter zu einem ordentlichen Stapel zusammen. Dann sah er auf und ließ seinen Blick über die Anwälte am langen Konferenztisch gleiten. "Hat jemand noch Fragen oder Kommentare? Kritik oder Versetzungsbitten können Sie draußen bei dem Petty Officer abgeben, der heute für den Papierwolf zuständig ist."

Grinsend über den trockenen Humor ihres vorgesetzten Offiziers verließen die JAG-Anwälte einer nach dem anderen den Besprechungsraum.

"Colonel MacKenzie... ähm… Rabb?" Chegwidden rollte mit den Augen. Er hatte sich noch immer nicht so ganz daran gewöhnt, dass sie jetzt Harms Namen trug. <Und nicht nur seinen Namen!> erinnerte sich der Admiral, als seine Top-Anwältin sich umdrehte und die sanfte Wölbung ihres Bauches unter der Uniformbluse sichtbar wurde.

"Sir?" Abwartend verharrte Mac, während hinter ihr Harm als letzter den Raum verließ.

Chegwidden bedeutete ihr, näher zu treten und sich wieder zu setzen. "Wie laufen die Vorbereitungen auf die Verhandlung?" erkundigte er sich, sobald sie saß.

"Welchen Fall meinen Sie genau, Sir? Ich verhandle in nächster Zukunft drei verschiedene Fälle," erinnerte Mac.

"Der McKenna-Fall. Wenn ich richtig informiert bin, stehen heute Mittag die Eröffnungsplädoyers an. Ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass der Fall die Aufmerksamkeit von ein paar hochrangigen Offizieren auf sich gezogen hat," informierte Chegwidden sie ernst.

Mac schluckte. <Oh, oh! Wenn ihre Vorgesetzten Wind von McKennas Beziehung mit Randy bekommen haben...>

"Admiral Hawkes hat sich vorige Woche mit mir in Verbindung gesetzt. Wie es scheint, ist Ihre Mandantin eine Bekannte von ihm und daher hat er mich gebeten, dafür zu sorgen, dass Miss McKenna den bestmöglichsten Verteidiger bekommt." Der Admiral verzog das Gesicht. Jeder bei JAG wusste, wie wenig er es mochte, wenn militärische oder politische Würdenträger sich in sein Kommando einmischten, um sich selbst Vorteile zu verschaffen.

Mac straffte die Schultern. <Admiral Hawkes? Randys Onkel? Befürchtet er, ich könnte die Beziehung zu Randy auffliegen lassen oder würde vor Gericht nicht für Miss McKenna kämpfen, weil sie den Tod eines Kindes verschuldet haben könnte und ich selbst schwanger bin?> "Und was haben Sie dem Admiral gesagt, Sir?" wollte Mac vorsichtig wissen.

"Die Wahrheit – dass Lieutenant McKenna bereits die beste Verteidigerin hat, die mir zur Verfügung steht," antwortete der Admiral fest. "Sie kommen doch mit dem Fall zurecht, oder?" Aufmerksam musterte er seine Untergebene.

"Selbstverständlich, Sir," versicherte Mac sofort. Sie hatte nicht vor, die hohen Erwartungen, die der Admiral in sie setzte, zu enttäuschen.

A.J. Chegwidden lehnte sich in seinem Sessel zurück. Die Muskeln in seinen Wangen entspannten sich etwas, als er sie mit einem Halblächeln bedachte. "Und wie läuft es sonst?"

"Sonst, Sir?" Mac blinzelte ein wenig irritiert. "Sie meinen die beiden anderen Fälle, die demnächst zur Verhandlung anstehen?"

Chegwiddens Mundwinkel zuckten. "Ich spreche von Ihrem Privatleben, Colonel!" Er nickte in Richtung ihres Bauches, ohne die Schwangerschaft direkt anzusprechen. Als ihr Vorgesetzter war er stets eisern bemüht, eine gewisse Distanz zu seinen Offizieren einzuhalten, gleichzeitig aber nicht zu wirken, als wäre ihm das Wohlergehen seiner Untergebenen völlig gleichgültig. "Ich hoffe, es gibt keine Probleme und alles entwickelt sich wie gewünscht?"

"Keine Probleme, Sir," bestätigte Mac lächelnd, während ihre Hand automatisch nach ihrem Bauch tastete.

Der Admiral nickte zufrieden. "Ich verstehe – das Kind scheint also ganz nach Ihnen zu kommen, nicht nach Commander Rabb. Hoffen wir, dass es so bleibt und ich meine Hebammen-Künste nicht auffrischen muss!"

"Ja, Sir!" Mac unterdrückte ein amüsiertes Lächeln.

Einige Stunden später war Mac nicht mehr nach Lächeln zumute. Eben hatte die Anklagevertretung, ein Navy-Commander namens Blackwell, ihren ersten Zeugen befragt; die Patientin, die – angeblich durch Gwens Verschulden – ihr Baby verloren hatte.

Unruhiges Mit-den-Füßen-Scharren war aus den Reihen der Jury zu hören, als Commander Blackwell sich wieder setzte und die Zeugin mit rotgeweinten Augen und durchnässtem Taschentuch im Zeugenstand zurückließ.

Mac biss die Zähne zusammen, als sie sich erhob. Sie wusste, dass es nie gut für den Angeklagten aussah, wenn die Jury die Tränen eines ‚Opfers’ sahen. Auch wenn Gwen im Moment noch als unschuldig galt, würde sie nachweisen müssen, dass sie das, was man ihr zur Last legte, nicht getan hatte, denn mit jemandem, der am Tod eines Babys schuld war, hatte niemand sehr viel Mitleid.

"Mrs. Lloyd," begann Mac, als sie sich der Frau im Zeugenstand näherte, "zunächst einmal möchte ich Ihnen mein Mitgefühl aussprechen." Macs braune Augen waren aufrichtig, sie brauchte nicht zu heucheln. "Ich weiß, es ist ein schwerer Verlust und es ist nur natürlich, dass man nach Erklärungen sucht, nach einem Verantwortlichen..."

"Einspruch, Euer Ehren!" Commander Blackwell schoss von seinem Stuhl in die Höhe. "Die Verteidigung versucht der Zeugin zu suggerieren, dass sie nach einem Schuldigen sucht, den es gar nicht gäbe!"

Der Richter nickte. "Stattgegeben. Colonel, vielleicht wäre es besser, Sie fangen mit Ihren Fragen an die Zeugin an," schlug Morris mit einem nachsichtigen Blick auf die schwangere Verteidigerin vor.

Mac wusste, dass Richter Morris ihr trotz des väterlichen Blickes, mit dem er sie eben bedacht hatte, keinen Schwangerschafts-Bonus vor Gericht gewähren würde. <Vor allem nicht, wenn ihm wieder einfällt, dass der Vater des Babys der Mann ist, der ein Loch in die Decke seines Gerichtssaals geschossen hat!> Sie hatte mit dem Einspruch gerechnet und damit, dass ihm stattgegeben wurde. Sie wusste, dass die Geschworenen ihre Andeutung dennoch gehört und verstanden hatten. "Mrs. Lloyd, Sie sagten eben, dass Sie mit der Betreuung im Bethesda-Marine-Krankenhaus während der Geburt alles andere als zufrieden waren..."

"Allerdings!" Die Zeugin nickte heftig. "Man hat mich während meiner Wehen einfach alleine gelassen!"

Mac blieb ruhig, ging nicht auf die heftigen Vorwürfe ein, die Mrs. Lloyd schon bei ihrer Befragung durch Commander Blackwell erhoben hatte. "Mrs. Lloyd, dies war Ihre erste Schwangerschaft, richtig?"

"Ja," antwortete Mrs. Lloyd zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, "es wäre unser erstes Kind gewesen..."

Mac kämpfte gegen aufsteigendes Mitleid und den Drang an, ihre Hand schützend auf die Stelle zu legen, unter der ihr eigenes Kind ruhte. "Sie waren also zum ersten Mal zu einer Geburt im Krankenhaus und haben daher keine Vergleichsmöglichkeit mit der Betreuung in anderen Kliniken. Sie können nicht wissen, wie üblich oder unüblich es ist, in bestimmten Phasen der Wehen mit dem Partner alleine gelassen zu werden, richtig?"

"Einspruch!" rief der Anklagevertreter von seinem Tisch her. "Das medizinische Vorwissen der Zeugin steht hier nicht auf dem Prüfstand!"

"Doch, Herr Kollege, das tut es," widersprach Mac ruhig. Sie drehte sich zum Richtertisch um. "Euer Ehren, es geht in diesem Fall doch gerade darum zu beurteilen, ob die Einschätzung ihrer medizinischen Betreuung durch die Zeugin zutreffend ist oder nicht."

"Der Einspruch ist abgewiesen. Mrs. Lloyd, bitte beantworten Sie die Frage der Verteidigung," wies der Richter die Zeugin an.

Mrs. Lloyd senkte den Kopf. "Nein, ich habe diese Vergleichsmöglichkeiten nicht, aber..."

"Danke," unterbrach Mac, "keine weiteren Fragen."


17. Urgroßmütterliche Prognosen –
oder warum man seine Arzttermine mit Vorsicht wählen sollte

01. April 2002
2210 Z-Zeit (17:10 Uhr EST)
Praxis von Dr. DelRey
Washington D.C.

Mit einer schweißfeuchten Hand führte Harm den Ultraschallstab über den nackten Bauch seiner Frau.

"Sie müssen ein bisschen stärker aufdrücken, Mister Rabb," empfahl Dr. DelRey, "und bewegen Sie den Ultraschallkopf ein wenig mehr nach links... ja, das ist gut, noch ein bisschen... halt!" Der Arzt zeigte auf den Bildschirm. "Sehen Sie das?"

Harms freie Hand krampfte sich um Macs und sie wechselten einen besorgten Blick. Ängstlich starrten die werdenden Eltern auf den Ultraschallmonitor, voller Sorge, dass der Arzt gerade eine Missbildung entdeckt haben oder etwas Anderes nicht in Ordnung sein könnte.

"Stimmt was nicht, Doktor?" Angespannt sah Mac zu ihrem Arzt hinauf.

"Oh, nein, nein, keine Sorge, mit dem Baby ist alles in bester Ordnung! Sehen Sie," DelRey deutete erneut auf den Bildschirm, wo man die Umrisse eines winzigen Gesichts erkennen konnte, "es lutscht am Daumen."

Harm lachte. "Wie ihre Mutter – ständig am essen!"

"Wo?" Mac versuchte, sich ein bisschen nach vorne zu lehnen, um besser sehen zu können.

DelRey tippte mit dem Finger auf den Monitor. "Sehen Sie den Arm? Und hier ist die Hand, mit dem Daumen im Mund. In diesem Stadium sieht man das häufig; sie finden jetzt Dinge zum Spielen."

"Dinge zum Spielen?" Harm sah grinsend auf Macs Bauch hinab. "Versteckst du einen halben Spielwarenkatalog da drin, oder was?"

"Nein, sie spielen mit ihren Fingern und Füßen, mit der Nabelschnur...," erklärte der junge Arzt und sah dann plötzlich stirnrunzelnd auf den Bildschirm hinab. "Was meinen Sie eigentlich mit *ihre* Mutter? Sehen Sie etwas, was ich noch nicht entdeckt habe? Im Moment hält Ihr Baby die andere Hand schamhaft vor die strategisch wichtige Stelle, die wir sehen müssten, um festzustellen, ob Sie einen Sohn oder eine Tochter haben."

Das Ultraschallbild geriet in Bewegung, als Mac lachte. "Mein Mann hat da so eine Theorie..."

"Ah, lassen Sie mich raten... wenn die werdende Mutter hübscher wird, gibt’s ein Mädchen – dieselbe Theorie hab ich gestern genau umgekehrt vom werdenden Vater eines Sohnes gehört," berichtete Dr. DelRey grinsend. "Also, dann lassen Sie uns mal sehen, ob wir das Baby dazu bekommen, die Hand da wegzunehmen... Sie wollen das Geschlecht des Kindes doch wissen, oder?"

Harm und Mac wechselten einen langen Blick, führten eine kurze, stumme Unterhaltung nur mit den Augen. "Ja," antworteten sie dann gemeinsam.

"Okay." Der Arzt nahm Harm den Ultraschallstab aus der Hand und führte ihn über verschiedene Stellen des Bauches. Das Baby jedoch dachte gar nicht daran, seinen Arm wegzubewegen, es drehte sich nur noch mehr zur Seite, weg von dem störenden Druck gegen sein Zuhause.

"Es ist stur und dickköpfig – sieht mir mehr nach einem Jungen aus, Flyboy," kommentierte Mac neckisch.

Schließlich gar Dr. DelRey seine Versuche auf. "Sieht so aus, als würden wir noch bis zum nächsten Mal im Ungewissen bleiben... hey, was haben wir denn da?!" Aufmerksam studierte er den Monitor des Ultraschallgeräts, dann sah er auf und blickte zwischen Harm und Mac hin und her. "Was würden Sie davon halten, wenn Sie Eltern von Zwillingen werden würden?"

Mac schnappte überrascht nach Luft. "Zw... Zwillinge?" wiederholte sie mit großen Augen.

"Gott, Granny wird von ihrem hohen Kuppler-Ross nie mehr runterkommen, wenn Sie auch diesmal Recht behält!" fiel Harm sofort ein. "Sind Sie sicher, dass es wirklich Zwillinge sind, Doc?"

"Na ja, wenn ich lange genug suche, finde ich vielleicht noch ein drittes Baby da drin..." Der junge Arzt lachte. "Nein, entspannen Sie sich, das war nur ein kleiner Aprilscherz. Ich hab ja nur gefragt, was Sie davon halten würden, Eltern von Zwillingen zu sein, nicht, dass Sie es tatsächlich werden. Baby Rabb ist ein Einzelkind, das garantiere ich Ihnen."

Harm sackte auf dem Hocker in sich zusammen, ohne recht zu wissen, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. "Aber nicht lange, wenn’s nach Granny geht... und nach mir."

Dr. DelRey legte den Ultraschallstab weg. "Möchten Sie zum Abschluss noch ein paar Ultraschall-Fotos haben?"

"Auf jeden Fall," antwortete Harm entschieden, "wäre toll, noch ein paar mehr Bilder zu haben, die wir Granny zeigen können."

Mac lachte, während der Arzt in den Hintergrund des Raumes trat, um die Bilder zu arrangieren. "Granny, Will, dem ganzen JAG-Team, den Nachbarn, dem Briefträger, jedem Fremden auf der Straße, der lange genug stehen bleibt, dass du den Stapel Bilder aus der Brieftasche zerren kannst..."

"Hey, was kann ich denn dafür, wenn unser Baby so fotogen und wunderschön ist?" Harm beugte sich über die Liege und küsste Mac. "Weißt du eigentlich, wie viel Ehrfurcht ich vor dir, vor dieser ganzen Sache habe? Was für eine großartige Arbeit du leistest? Da drin geschieht gerade das größte Wunder im Universum..." Bewundernd sah er auf ihren Bauch hinab.

Amüsiert wuschelte Mac ihm durchs Haar. "Ich bin lediglich schwanger, Harm, und habe kein Wundermittel gegen Krebs entdeckt oder so was!"

"Trotzdem!" Harm lehnte sich zu einem zweiten Kuss nach vorne.

"Hey, hey, hier ist ein Arzt bei der Arbeit, Leute!" mahnte Dr. DelRey schmunzelnd, als er zurückkam. "Außerdem sind Sie bereits schwanger, es gibt also keinen Grund, es weiter zu versuchen."

Harm sah mit einem überlegenen, wissenden Lächeln auf den Arzt hinab. "Sie sind ledig, stimmt’s, Doc?"


18. Pilotenstolz –
oder warum man(n) niemals mit seiner Schwiegercousine flirten sollte

02. April 2002
1458 Z-Zeit (09:58 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Mit einem lauten ‚Ping’ öffnete sich der Fahrstuhl und das Quietschen eines gummibereiften Rollstuhls hallte durch den langen Gang. Zwei Petty Officers wichen dem Krankenvehikel eilig aus und sahen neugierig über die Schulter zurück, bis die Frau in Navy-Uniform den Rollstuhl um die nächste Ecke schob.

"Was soll ich hier, hm, Skates?" Keeter legte den Kopf in den Nacken, um nicht gerade erfreut zu Skates aufzusehen.

Die Jägerleitoffizierin lächelte nur. "*Du* hast doch gesagt, dass du durchdrehst, wenn du noch länger im Krankenhaus bleiben musst, also sei gefälligst froh über diesen kleinen Ausflug!"

"Ha! Unter einem Ausflug verstehe ich ein romantisches Picknick für zwei. Den Vormittag in einem verstaubten Gerichtssaal zu verbringen ist nicht meine Idealvorstellung von einem netten Ausflug! Was soll ich hier? Willst du mir zeigen, was mir eventuell auch bald bevorsteht?" warf Keeter ihr grollend vor.

Skates schritt unbeirrt den Gang hinab. "Ich dachte, du wärst von deiner Unschuld überzeugt, wieso solltest du dann vor Gericht landen? Wenn der Absturz wirklich nicht deine Schuld war, dann hast du von Harms Ermittlung ja auch nichts zu befürchten... oder etwa doch?"

"Nein, nicht das Geringste! Hast du etwa Zweifel?" Keeter kämpfte gegen seine verletzten Gefühle an. Dass gerade Skates an ihn, als Mensch und als Pilot, glaubte, war ihm unglaublich wichtig.

"Keeter...." Skates blieb stehen und kam um den Rollstuhl herum. Vor Keeter ging sie in die Hocke, um direkt in seine grauen Augen sehen zu können. "Ich glaube daran, dass du ein ehrlicher, ehrenhafter Mann und ein guter Pilot bist..."

"Aber?" Gebannt blickte Keeter in die braunen Augen der Jägerleitoffizierin.

"Na ja..." Skates zuckte hilflos mit den Schultern. Sie sagte nicht gerne, was sie gleich sagen würde, aber sie glaubte, dass es geklärt werden musste. "Du erzählst mir schon seit einer ganzen Weile, dass du mit dem Gedanken spielst, aufzuhören, den Piloten-Job an den Nagel zu hängen... vielleicht bist du ja nicht mehr ganz so motiviert wie früher oder du hast unbewusst irgendwie gemerkt, dass du es körperlich nicht mehr packst..."

Keeter stemmte sich auf dem gesunden Arm nach vorne. "Ich?! Das Fliegen körperlich nicht mehr packen?!" Jetzt war sein männlicher Stolz gekränkt. "Ich bin körperlich *topfit* - in jeder Hinsicht, du kannst dich gerne selbst davon überzeugen!" Sein gewohnter Flyboy-Charme kam wieder durch, als er verführerisch-einladend die Augenbrauen hob.

Skates schüttelte mit einem spöttischen Grinsen den Kopf. "Danke, ich verzichte... jedenfalls für den Moment," fügte sie halblaut hinzu.

"Nur, um das ein für alle mal zu klären: Ja, ich überlege, ob ich das Flugzeugträger-Leben nicht aufgeben soll, aber doch nicht, weil ich meinen Job oder die Fliegerei nicht mehr mag oder nicht mehr ausüben kann! Das Leben, das damit verbunden ist, ist mir nur zu unstet geworden, das ist alles." Keeter sah ihr offen ins Gesicht. "Ich will, was Harm mit Mac hat." <Mit dir,> hätte er fast hinzugefügt, hielt sich aber im letzten Moment zurück.

Skates nickte bedächtig. "Okay, Keeter, das kann ich verstehen. Ich wünsche dir wirklich, dass du findest, wonach du suchst."

"Vielleicht hab ich das ja schon," meinte Keeter vielsagend. Als Skates unbehaglich schwieg, wechselte er rasch das Thema. "Also, warum sind wir jetzt eigentlich hier? Um Harm oder Mac bei der Arbeit zuzusehen oder was?" Er hoffte mit aller Macht, dass es nicht irgendwo einen Militäranwalt gab, für den Skates schwärmte und den sie jetzt ‚in Action’ sehen wollte.

Skates erhob sich und nahm ihren Platz hinter dem Rollstuhl wieder ein. "Meine Cousine muss heute vor Gericht aussagen und ich möchte ihr ein bisschen stumme Unterstützung geben. Aber wenn du wirklich lieber wieder gehen willst..." Fragend sah Skates auf den Mann im Rollstuhl hinab.

Heftig schüttelte Keeter den Kopf. "Ach was, nein, Unsinn, natürlich möchte ich Randy auch unterstützen!" beteuerte er. "Ich mag deine Cousine."

"Oh, ja, richtig, ich erinnere mich daran, wie beeindruckt du bei eurer ersten Begegnung warst! Du hast versucht, mit ihr zu flirten und als sie gegangen ist, hast du ihr nachgestarrt und ihr ‚Heck’ bewundert!" Skates grinste wissend.

"Iiiiiiich?" Mit Unschuldsmiene tippte Keeter sich mit dem Daumen gegen die Brust. "Ich stehe gar nicht auf so große Frauen. Und ich mag lieber Frauen mit dunklen Augen als mit blauen," behauptete er, die allenfalls mittelgroße, braunäugige Skates treuherzig anblickend. "Und außerdem flirte ich ganz sicher nicht mit der Frau, die eines Tages meine Schwiegercousine sein wird!"

Eine kleine, blonde Frau in Marine-Corps-Uniform quetschte sich im engen Gang an den beiden vorbei. "Das will ich Ihnen auch nicht geraten haben, Keeter!" meinte sie schmunzelnd, bevor sie mit ihrer Anwältin im Gerichtssaal verschwand.


19. Im Kreuzverhör –
oder warum Anwälte keine Bleistifte benutzen sollten

02. April 2002
1521 Z-Zeit (10:21 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Commander Chadwick," Anklagevertreter Blackwell kam um seinen Tisch herum und baute sich vor dem Zeugenstand auf, "Sie waren in der Nacht vom 12. Januar der diensthabende Arzt im Militärkrankenhaus Bethesda, richtig?"

Der Navy-Arzt nickte. "Zusammen mit zwei Assistenzärzten, das ist richtig, ja."

"Und ist es auch richtig, dass Sie in dieser Nacht der Angeklagten, Lieutenant McKenna, die Überwachung von Mrs. Lloyd übertragen haben?" fragte Commander Blackwell weiter.

Erneut nickte der Zeuge. "Ich musste sofort nach der Einlieferung von Mrs. Lloyd in den OP, weil bei einer anderen Patientin ein Kaiserschnitt notwendig wurde und daher habe ich Lieutenant McKenna und den beiden anderen Hebammen jeweils zwei Patientinnen zur Überwachung zugewiesen."

"Gehört es zu den üblichen Pflichten einer Hebamme, eine Patientin selbständig zu überwachen?" hakte die Anklagevertretung nach.

"Durchaus," bestätigte Chadwick, "es ist ja immer ein Arzt in der Nähe, der gerufen werden kann, wenn Komplikationen auftreten."

Commander Blackwell trat einen Schritt näher an den Zeugenstand heran. "*Hat* Lieutenant McKenna Sie gerufen, als bei Mrs. Lloyd Komplikationen eingetreten sind?"

"Nein, das hat Sie nicht," antwortete der Zeuge.

"Dann hat Lieutenant McKenna also Ihre Pflichten vernachlässigt," schlussfolgerte Commander Blackwell. Er drehte sich um und ließ einen vielsagenden Blick über die Mitglieder der Jury gleiten.

Mac schoss von ihrem Sitz in die Höhe so schnell ihr schwangerer Körper dies zuließ. "Einspruch, Euer Ehren!" rief sie hitzig. "Die Anklagevertretung ruft den Zeugen zu Spekulationen auf!"

Blackwell drehte sich zu ihr um. "Spekulationen, Frau Kollegin?" wiederholte er mit einem Hauch von Spott. "Ich frage ihn lediglich nach seinem professionellen Urteil!"

"Euer Ehren," Mac hielt den Blick weiterhin auf den Mann in Schwarz gerichtet, "der Zeuge *kann* gar nicht beurteilen, ob meine Mandantin Ihre Pflicht vernachlässigt hat oder nicht, weil er nach eigener Aussage zum kritischen Zeitpunkt im OP war!"

Richter Morris nickte. "Dem Einspruch wird stattgegeben. Ich fordere die Geschworenen auf, der letzten Frage der Anklage keine Beachtung zu schenken. Commander, haben Sie noch weitere Fragen an den Zeugen?"

"Nein, keine weiteren Fragen, Euer Ehren." Abrupt drehte Commander Blackwell sich um und marschierte grimmig zu seinem Platz zurück.

Mac erhob sich langsam und wanderte zum Zeugenstand hinüber. "Guten Morgen, Commander Chadwick," grüßte sie mit einem höflichen Kopfnicken. Sie erinnerte sich noch gut an ihre letzte Begegnung mit dem Navy-Arzt. Damals war sie die Vertreterin der Anklage und Chadwick ein Zeuge gewesen. Mac straffte die Schultern und zwang sich, nicht mehr an die Roberts und das Kind, das sie verloren hatten, zu denken. "Ist es normal und üblich, eine Hebamme alleine verantwortlich zu machen für die Überwachung von zwei Schwangeren, bei denen man weiß, dass es zu Komplikationen kommen kann?"

"Auf keinen Fall, Colonel!" antwortete Chadwick entschieden. "Wäre es eine Risikoschwangerschaft gewesen oder hätte es irgendwelche Anzeichen für Komplikationen im Wehenverlauf gegeben, hätte ich zumindest einen meiner Assistenzärzte für die Überwachung abgestellt."

"Aber es war keine Risikoschwangerschaft und es gab auch keine Anzeichen für Komplikationen, oder?" hakte Mac nach.

"Nein, die gab es nicht."

"Lieutenant McKenna hatte also keinen Grund anzunehmen, dass es notwendig sein würde, rund um die Uhr bei Mrs. Lloyd zu bleiben? Es gab keinen Grund für sie, einen Arzt hinzuzurufen?" Mac drehte sich um und stellte für einen Moment Blickkontakt mit Gwen McKenna her.

Automatisch tat ihr Zeuge dasselbe. "Nein, den gab es nicht. Nicht zu diesem Zeitpunkt."

"Dann ist es also normal – und nicht etwa eine Pflichtvernachlässigung – eine Schwangere in der Eröffnungsphase alleine zu lassen, um sie beispielsweise mit ihrem Partner auf dem Gang auf und ab gehen zu lassen, so wie das bei Mrs. Lloyd der Fall war?"

Commander Chadwick nickte. "Vollkommen normal – solange es keine Anzeichen für Komplikationen gibt, wie gesagt. Gerade wenn man mehrere Patientinnen gleichzeitig hat, wie in dieser Nacht, ist es völlig unmöglich, jede Minute der zehn oder mehr Stunden der Geburt bei einer Patientin zu bleiben."

Die Privatperson Sarah MacKenzie-Rabb schluckte innerlich, als sie über ihren Bauch tastete und sich zehn Stunden schmerzhafter Wehen vorstellte. Die Anwältin jedoch wandte sich mit professionell ruhigem Gesichtsausdruck wieder ihrem Zeugen zu. "Danke, Commander Chadwick, ich habe keine weiteren Fragen mehr an Sie."

Commander Blackwell erhob sich und passierte Mac auf dem Weg zum Zeugenstand. Für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke wie die Klingen zweier Schwertkämpfer. "Die Anklage ruft Lieutenant McKenna in den Zeugenstand."

Als Gwen sich blass, aber gefasst von ihrem Platz erhob, beugte Admiral Morris sich über sein Richterpult. "Sie haben die Möglichkeit, eine unvereidigte Aussage zu machen, Lieutenant," wies er sie darauf hin.

"Das ist nicht nötig, Sir, ich möchte vereidigt werden." Sie und Mac hatten lange darüber diskutiert, ob sie vom Recht des Angeklagten auf eine unvereidigte Aussage Gebrauch machen sollte oder nicht. Wenn sie sich vereidigen ließ, würde sie den Geschworenen damit zeigen, dass sie nichts zu verheimlichen hatte, aber andererseits hatte sie, wenn sie schwor, die ‚ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit’ zu sagen, auch nicht die Möglichkeit, abzulenken oder die Fakten zu verschweigen, wenn Blackwell beispielsweise nach ihrer Beziehung zu Randy fragte.

Commander Blackwell trat vor. "Heben Sie die rechte Hand. Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe?"

Gwen nickte ernst. "Ich schwöre."

"Sie dürfen Platz nehmen." Blackwell nickte zum Zeugenstand hinüber. "Bitte nennen Sie uns Ihren vollen Namen und Ihren Stützpunkt."

"Lieutenant Gwendolyn McKenna, Marine-Corps-Reserve. Ich bin Hebamme im Militärkrankenhaus Bethesda."

"Lieutenant McKenna, können Sie uns sagen, wo Sie am Abend des 12. Januar waren? Sie erinnern sich doch an diesen Tag, oder?" fragte der Anklagevertreter herablassend.

Gwen straffte die Schultern. "Selbstverständlich erinnere ich mich, Sir. Ich hatte an diesem Tag Reserve-Dienst in Bethesda, das ganze Wochenende lang."

"Sie waren also zwei Tage und zwei Nächte lang ununterbrochen im Dienst, ist das richtig?" hakte Blackwell nach.

Mac runzelte finster die Stirn, als ihr klar wurde, welchen Kurs Blackwell da gerade einschlug, aber noch gab es keinen guten Grund für sie, Einspruch zu erheben.

"So ist es üblich, wenn man Reserve-Dienst am Wochenende hat, Sir. Man steht rund um die Uhr zum Abruf bereit," erklärte Gwen.

"Irgendetwas Besonderes an diesem Wochenende?" fragte Commander Blackwell, als ob er es nicht schon genau wüsste.

Gwen nickte. "Ja, Sir. An diesem Wochenende wurde ich außerplanmäßig einberufen, weil eine Schwangere nach der nächsten eingeliefert wurde – neun Monate zuvor hatte es im ganzen Distrikt zwei Tage lang einen Stromausfall gegeben und daher häuften sich in dieser Woche die Geburten."

"Ah, ich verstehe," Blackwell lächelte verständnisvoll, "ein ziemlich stressiger Wochenend-Dienst also."

Gwen zögerte, sie ahnte, dass die Freundlichkeit, die Blackwell an den Tag legte, gleich umschwingen würde. "Ja, Sir."

"Wenn ich richtig nachgerechnet habe, waren Sie zu dem Zeitpunkt, an dem Mrs. Lloyd eingeliefert wurde, bereits seit 21 Stunden ohne größere Pause im Einsatz, ist das richtig?" fuhr der Anklagevertreter fort.

"Ja, Sir, das müsste ungefähr stimmen," bestätigte Gwen.

Macs Hand krampfte sich nervös um ihren Bleistift. Sie wusste, dass Blackwell langsam zu einem großen Schlag ausholte. Sie selbst hätte es in der Rolle des Anklägers nicht anders gemacht.

"Würden Sie sagen, dass Sie zu diesem Zeitpunkt müde und überarbeitet waren?"

Mac schmiss den Bleistift hin. "Einspruch! Euer Ehren, ob meine Mandantin müde war oder nicht ist irrelevant!" Sie ahnte, dass sie mit dem Einspruch nicht durchkommen würde, aber sie musste zumindest versuchen, Blackwells Art der Befragung zu stören.

"Doch, ich finde das schon relevant. Beantworten Sie bitte die Frage des Commanders, Lieutenant," wies Richter Morris die Zeugin an.

"Natürlich war ich ein wenig müde, Sir, aber nicht müder als bei jedem anderen Nachtdienst, den ich als Zivilistin oder im Corps abgeleistet habe. Jeder, der in einem medizinischen Beruf arbeitet, ist daran gewöhnt. Es hat meine Pflichterfüllung bestimmt nicht behindert, wenn Sie das meinen," antwortete Gwen direkt.

Zufrieden ließ Mac sich zurücksinken. Ihre so sanft wirkende blonde Mandantin konnte sich auch ganz gut alleine wehren.

Die Anklagevertretung gab sich damit jedoch nicht zufrieden und hackte weiter auf demselben Punkt herum. "Sie waren also müde, überarbeitet und Sie leisteten einen Dienst ab, zu dem Sie eigentlich gar nicht eingeteilt waren und zu dem Sie deshalb auch nicht sonderlich motiviert waren! Sie wollten Ihren Dienst möglichst bequem in der Cafeteria ‚absitzen’ und dann baldmöglichst nach Hause gehen, hab ich recht?" Blackwells Stimme peitschte durch den Gerichtssaal.

"Nein, Sir, ich..."

"Einspruch!" Macs Bleistift brach zwischen ihren angespannten Fäusten in zwei Teile. "Der Anklagevertreter versucht, die Angeklagte einzuschüchtern!"

Richter Morris beugte sich nach vorne. "Commander, bitte versuchen Sie doch, ein wenig sachlicher zu bleiben."

Blackwell nickte ruhig. Er wusste genau, dass die Geschworenen seine Vorwürfe auch so gehört hatten. Er hatte erfolgreich die Idee, Gwen hätte ihren Dienst völlig übermüdet und lustlos abgeleistet, in ihren Köpfen geweckt. "Lieutenant McKenna, würden Sie sich als eine erfahrene Hebamme bezeichnen?"

Gwen war einen Moment lang zwischen Stolz und Bescheidenheit hin und her gerissen. "Ja, ich denke schon, Sir," antwortete sie dann vorsichtig.

"So erfahren, wie eine Hebamme mit gerade mal 26 Jahren eben sein kann," kommentierte Blackwell in dem Versuch, Gwens berufliche Kompetenz in Zweifel zu ziehen.

Mac wollte eben Einspruch erheben, als Gwen mit entschlossen funkelnden Augen zu einer Antwort ansetzte: "Sir, ich arbeite seit fünf Jahren in diesem Beruf und das nicht nur am Wochenende in der Reserve, sondern auch tagtäglich in meinem Zivilleben. Ich habe schon unzählige Babys auf die Welt geholt – ich bin mit Sicherheit kein unerfahrener Berufsanfänger!"

"Fünf Jahre, sagten Sie?" Commander Blackwell rieb sich nachdenklich das Kinn. "Ist es nicht richtig, dass Sie von diesen fünf Jahren fast ein ganzes Jahr überhaupt nicht im Dienst gewesen sind, weder in der Reserve, noch in Ihrem Ziviljob?"

Gwens Schultern versteiften sich, als sie die Händen umeinander krampfte. "Ja, ich... das stimmt, Sir. Aber das hatte... private Gründe und hat nichts mit meiner Qualifikation zu tun."

Mac erhob sich und sah anklagend zu ihrem Kollegen hinüber. "Euer Ehren, ich erhebe Einspruch! Ist es wirklich notwendig, jedes Detail des Privatlebens meiner Mandantin auseinander zu nehmen?"

Richter Morris nickte dem Anwalt mahnend zu. "Commander, bitte konzentrieren Sie sich doch auf die für die Verhandlung relevanten Fakten!"

"Ich versuche nur, ein bestimmtes Persönlichkeits- und Berufsbild der Angeklagten aufzuzeigen, Euer Ehren... Aber gut, ich komme zu den Geschehnissen des 12. Januars zurück... Lieutenant McKenna, wo waren Sie, als bei Mrs. Lloyd Komplikationen eintraten?"

"Ich... ich war in der Cafeteria," murmelte Gwen leise.

Blackwell legte theatralisch eine Hand ans Ohr, als hätte er nicht richtig verstanden. "Würden Sie das bitte etwas lauter wiederholen, Lieutenant?"

"Ich war in der Cafeteria, Sir."

Der Anklagevertreter hob vielsagend die Brauen. "In der *Cafeteria*?" echote er, damit auch der letzte Geschworene es unmissverständlich vernehmen würde. "Sie haben *Kaffee getrunken*, während das ungeborene Kind, für das Sie verantwortlich waren, mit seinem Leben rang?! Sie haben Ihren Pieper ignoriert, nur um in aller Ruhe Ihren Kaffee trinken zu können?!"

"Einspruch!" Macs Stuhl fiel um, als sie in die Höhe schoss. "Euer Ehren, ist es wirklich notwendig, dass der Anklagevertreter meine Mandantin mit unbewiesenen Behauptungen persönlich attackiert?"

"Nein, das ist es ganz sicher nicht." Morris bedachte Blackwell mit einem strengen Blick aus seinen braunen Augen. "Commander, wenn Sie noch weitere Fragen stellen möchten, schlage ich vor, sich zu mäßigen! Ich dulde kein theatralisches Getue in meinem Gerichtssaal!"

Der Commander nickte und trat näher an den Zeugenstand heran, als wolle er mit seiner körperlichen Überlegenheit wett machen, was er an einschüchternden Fragen jetzt nicht mehr verwenden durfte. "Lieutenant, ist es korrekt, dass Sie bei Mrs. Lloyd nur noch eine Totgeburt feststellen konnten, als Sie von Ihrer Kaffeepause zurückkamen?"

Gwen nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Sie kämpfte gegen aufsteigende Tränen an.

"Lieutenant, würden Sie Ihre Antwort bitte in Worte fassen?" bat Richter Morris sanft von seinem Richterpult.

Gwen zwang sich, dem Anklagevertreter in die Augen zu sehen. "Ja, Sir, das ist richtig."

"Hätten Sie den Tod des Kindes vielleicht noch verhindern können, wenn Sie auf Ihren Pieper reagiert hätten?" fuhr Blackwell mit seinen unbarmherzigen Fragen fort.

"Ich... ich... ich habe meinen Pieper nicht gehört!"

"Weil Sie anderweitig beschäftigt waren?" Blackwells Frage war ein einziger Vorwurf.

"Nein!" wehrte Gwen verzweifelt ab. "Nein, weil mich gar niemand angepiept hat... Sir!"

Commander Blackwell verschränkte ruhig die Arme vor der Brust. "Wie wir gestern aber gehört haben, ist Petty Officer Swann sich sicher, Sie angepiept zu haben. Wollen Sie behaupten, dass Ihr Pieper ausgerechnet in diesem Moment eine Fehlfunktion hatte?"

"Einspruch!" Mac kam sich vor, als rufe sie das Wort zum hundertsten Mal seit Beginn der Verhandlung. "Lieutenant McKenna ist Hebamme, keine Technikerin! Wie soll Sie den technischen Zustand ihres Piepers beurteilen können?"

"Stattgegeben," stimmte der Richter zu.

"Gut, dann formuliere ich die Frage anders... Lieutenant McKenna, haben Sie irgendeinen Zeugen dafür, dass Ihr Pieper in dieser Nacht nicht losging, während Sie in der Cafeteria waren?" Blackwell lächelte zufrieden vor sich hin. Er wusste genau, dass das übrige Personal des Marinekrankenhauses zu diesem Zeitpunkt mit eigenen Patienten beschäftigt gewesen war oder sich im Schwesternzimmer aufgehalten hatte. Niemand, der in Bethesda arbeitete, war mit McKenna in der Cafeteria gewesen.

Gwen presste die Lippen zusammen und sah unsicher zu ihrer Anwältin hinüber. Wenn sie enthüllte, wer ihr in ihrer Pause Gesellschaft geleistet hatte, konnte sie möglicherweise diesen Fall gewinnen, setzte aber dennoch ihre Karriere und möglicherweise ihre Beziehung aufs Spiel. Gwen zögerte.

Unruhiges Murmeln war aus den Reihen der Zuschauer zu hören, als sich dort plötzlich eine hochgewachsene Gestalt erhob. "Ja, Sir, sie hat einen Zeugen."

Richter Morris stöhnte innerlich auf, als er die dunkelhaarige Zivilistin im Zuschauerraum musterte. <Ich hätte es wissen müssen, dass keine Verhandlung, an der ein Rabb beteiligt ist, jemals glatt läuft – auch wenn es nur eine eingeheiratete Rabb ist!> "Ich hoffe, Sie haben einen guten Grund, eine Verhandlung der Gerichtsbarkeit der Streitkräfte zu stören und können uns wirklich den Namen der Person nennen, die hier als Zeuge aussagen kann!" Streng sah der Admiral von seinem Richtertisch hinab.

"Miranda Hawkes, Sir – ich bin die Zeugin," antwortete Randy. Ruhig und aufrecht stand sie inmitten der anderen Zuschauer und beachtete weder Blackwells verärgerte Blicke, noch Gwens sorgenvolle Miene.

"Treten Sie näher," Richter Morris winkte die große Frau näher. Dann sah er zwischen den anwesenden Anwälten hin und her. "Hat eine der Parteien etwas dagegen einzuwenden, dass wir Miss Hawkes als Zeugin anhören?"

Mac blickte zu Gwen hinüber. "Wenn Sie mir eine kurze Unterbrechung gewähren, damit ich dies mit meiner Mandantin besprechen kann..."

Richter Morris wandte sich dem Zeugenstand zu. "Commander Blackwell, haben Sie noch weitere Fragen an die Angeklagte? Nein? Gut, dann entlasse ich Sie vorerst aus dem Zeugenstand, Lieutenant."

Gwens Wangen waren gerötet als sie aus dem Zeugenstand hinüber zu ihrer Anwältin hastete. "Ich will auf keinen Fall, dass Randy aussagt!" zischte sie leise, aber mit Nachdruck.

Mac hob beruhigend die Hände. "Lieutenant, ich weiß, dass ein falsches Wort von Randy Ihre Karriere bei der Reserve beenden könnte, aber..."

"Es geht mir nicht um meine Karriere! Jedenfalls nicht nur, Ma’am. Ich will einfach nicht, dass Randy auch noch in diese ganze, scheußliche Sache mit hinein gezogen wird!" erklärte Gwen leidenschaftlich.

Mac warf einen Blick hinüber zu der entschlossenen Frau, die gerade dem Richter ihre Personalien angab. "Sieht so aus, als würde Randy aber genau das wollen."

"Klar will sie das. Randy ist im Moment ohnehin ein wenig überprotektiv mir gegenüber. Sie möchte mir unbedingt helfen, Ma’am!"

Mac nickte verstehend. Sie hatte selbst einen überprotektiven Partner zuhause. Dennoch wölbte sie skeptisch die Brauen. "Würde sie vor Gericht lügen, um Ihnen zu helfen?"

Gwens Kopf ruckte herum und ihre Augen waren plötzlich ein dunkles Grün, als sie ihre Anwältin herausfordernd anstarrte. "Würde Harmon lügen, um Ihnen zu helfen?" gab sie die Frage ungeduldig zurück und vergaß diesmal, ein respektvolles ‚Ma’am’ hinzuzufügen.

Seufzend rieb Mac sich ihren Babybauch. <Tja, gute Frage!>

"Ich weiß nicht, ob sie es tun würde," fuhr Gwen sanfter fort, "aber diesmal hat sie keinen Grund dazu. Ich... ich habe Ihnen, glaube ich, nicht alles erzählt, Ma’am...."

"Wie bitte?!" Mac lehnte sich über den Tisch. "Wie soll ich Sie denn verteidigen, wenn Sie mir wichtige Dinge vorenthalten?! Also, raus mit der Sprache, Lieutenant!" Sie winkte auffordernd mit der Hand, während ihr Blick für einen Moment zum Richtertisch hinüberflackerte. Admiral Morris und alle anderen Prozessbeteiligten schienen nur auf sie zu warten.

"Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich in der Cafeteria war...," begann Gwen vorsichtig.

"Ja, und?"

Gwen schluckte. "Ich... ich war nicht allein da, Ma’am. Randy war bei mir. Sie hat mich besucht, um mir Kaffee zu bringen und wir sind in die Cafeteria gegangen, weil um diese Uhrzeit da niemand mehr ist." <Ziemlich lausigen, aber immerhin mit Liebe gekochten Kaffee!>

Mac kniff die Augen zusammen. "Hat Randy irgendetwas getan, was Sie von Ihren Pflichten abgelenkt hätte?"

"Nein, Ma’am!" Gwen schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre blonden Locken flogen. "Wir haben uns nur für zehn Minuten unterhalten und Kaffee getrunken, das ist alles."

Richter Morris räusperte sich. "Frau Anwältin? Lieutenant McKenna? Wenn Sie beide dann soweit sind, kann Commander Blackwell mit seiner Zeugenbefragung anfangen..."

Mac straffte ihre ohnehin schon angespannten Schultern. "Wir sind bereit, fortzufahren, euer Ehren."

Der Anklagevertreter tigerte wie ein Raubtier vor dem Zeugenstand auf und ab, wo Randy inzwischen Platz genommen hatte. "Miss Hawkes... oder muss es Mrs. Hawkes heißen?"

"Miss," korrigierte Randy. Sie sah kurz zum Tisch der Verteidigung hinüber. <Obwohl ich längst verheiratet wäre, wenn eure Gesetze das zulassen würden!>

"Würden Sie uns bitte Ihren vollen Namen und Ihren Beruf nennen, Miss Hawkes," forderte Blackwell sie sachlich auf.

"Miranda Hawkes; ich bin Chefärztin der orthopädischen Chirurgie im Mercy-Hospital," erklärte Randy genauso sachlich, ohne Stolz zu zeigen.

Commander Blackwell kam etwas näher. "Sie sind nicht verwandt oder verschwägert mit der Angeklagten?"

"Nein, das bin ich nicht." <Leider nicht.>

"Sie sind also weder eine Verwandte, noch eine Kollegin von der Reserve... wie kommt es dann, dass Sie bezeugen können wollen, dass Lieutenant McKenna an diesem Abend in der Cafeteria war?" Blackwell verschränkte herausfordernd die Arme.

Randy ließ sich nicht einschüchtern. "Ganz einfach: Weil ich auch dort war."

"Sie, eine Zivilistin, waren in einem Militärkrankenhaus?" hakte der Anklagevertreter nach.

"Ich war in der Cafeteria des Militärkrankenhauses, die für jeden zugänglich ist," entgegnete Randy ruhig.

Blackwell nickte. "Verstehe. Sie hatten sich dort mit Lieutenant McKenna verabredet, richtig?"

Randy richtete kühle blaue Augen auf den Mann. Sie wusste, dass er versuchte, ihr eine Falle zu stellen. Es würde nicht gerade gut für Gwen aussehen, wenn sie sich während ihrer Dienstzeit mit Zivilisten zu einem Plauderstündchen verabredete. "Nein, Sir, wir waren nicht verabredet. Miss McKenna ist eine Kollegin von mir im Mercy-Krankenhaus und ich hab spontan beschlossen, ihr eine Kanne Kaffee vorbeizubringen, weil ich weiß, wie lang so eine Nachtschicht sein kann. Wir haben zehn Minuten geredet, dann hat sich Miss McKenna entschuldigt, um wieder zurück an die Arbeit zu gehen."

"Zehn Minuten?" wiederholte Blackwell zweifelnd. "Und Sie sind sicher, dass es nicht fünfzehn oder zwanzig geworden sind?"

Randy schob ihren Ärmel zurück und tippte auf ihre Armbanduhr. "Ich besitze eine Uhr und ich weiß, wie man sie benutzt, Commander. Es waren zehn Minuten, nicht weniger, nicht mehr." Sie ließ eine ordentliche Prise Chirurgen-Arroganz einfließen. "Lieutenant McKenna hat an diesem Abend absolut nichts Ungewöhnliches oder Pflichtverletzendes getan."

John Blackwells Wangen färbten sich in einem ärgerlichen Rot. "Sie meinen, sie hat nichts Ungewöhnliches oder Pflichtverletzendes getan, *soweit Sie das beurteilen können*, richtig?"

"Einspruch!" rief Mac, diesmal ohne sich von ihrem Stuhl zu erheben. Ihre Beine wussten das ständige Auf und Ab mit ihrer zusätzlichen ‚Last’ nicht sonderlich zu schätzen. "Euer Ehren, ich halte es für absolut ungerechtfertigt, dass der Vertreter der Anklage versucht, die Zeugin als inkompetent zur Beurteilung hinstellt! Miss Hawkes ist Ärztin, sogar Chefärztin – sie weiß genau, von was sie spricht!"

"Werte Frau Kollegin," Blackwell drehte sich mit einem Ausdruck milder Arroganz, den Mac immer mehr zu verabscheuen lernte, zu ihr um, "die Zeugin ist Ärztin, ja, aber *Zivilärztin*! Wie kann sie beurteilen, was in einem Militärkrankenhaus üblich oder unüblich ist, hm?"

Noch bevor Richter Morris den Mund zu einer Entscheidung öffnen konnte, mischte die Frau im Zeugenstand sich ein. "Euer Ehren, wenn Sie gestatten.... ich würde gerne selbst zu dieser Frage Stellung nehmen," wandte sich Randy respektvoll an den Mann auf der Richterbank.

"Bitte." Morris nickte ihr einladend zu.

"Es ist richtig, dass ich selbst Zivilärztin bin, aber das bedeutet nicht, dass ich nichts über militärische Vorschriften und Prozeduren wüsste. Ich bin praktisch im Haushalt eines Admirals aufgewachsen; die Hälfte meiner Verwandtschaft und meines Freundeskreises ist in den Streitkräften! Ich weiß also sehr gut, welche Rechte und Pflichten eine Reservistin in einem Militärkrankenhaus hat und welche nicht. Eine Pause von zehn Minuten während eines 48-Stunden-Dienstes ist absolut nichts, was man mit einer Pflichtverletzung in Verbindung bringen würde!"

"Solange man seinen Pieper nicht ausschaltet," kommentierte Commander Blackwell trocken.

Admiral Morris lehnte sich über den Richtertisch. "Commander, war das eine Frage an die Zeugin? Wenn nicht, würde ich Sie bitten, sich mit diesen Kommentaren mehr zurückzuhalten."

Blackwell errötete ein zweites Mal. Hastig drehte er sich zum Zeugenstand um. "Wurde Lieutenant McKenna während Sie sich in der Cafeteria aufhielten, durch ihren Pieper alarmiert?"

"Nein, niemand hat während dieser Zeit versucht, sie anzupiepen."

"Könnte es nicht sein, dass jemand es sehr wohl versucht hat, Lieutenant McKenna ihren Pieper aber ausgeschaltet hatte?" hakte der Commander nach.

Mac sah, wie ein zufriedener Ausdruck über sein Gesicht huschte. Wenn Randy jetzt zugeben musste, dass sie keine Ahnung hatte, ob der Pieper an oder aus gewesen war, hatte er sein Ziel erreicht. Randys Aussage war dann für die Verteidigung wertlos.

Randy schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, das ist unmöglich. Als wir in der Cafeteria Platz genommen haben, habe ich gesehen, wie Miss McKenna ihren Pieper kontrolliert hat. Ich mache das selbst auch immer so, wenn ich mich auch nur einen Schritt von der Station weg bewege, und deshalb habe ich automatisch auch auf ihren Pieper geblickt – er war an, die ganze Zeit über."

Schweigen entstand im Gerichtssaal.

"Haben Sie noch weitere Fragen an die Zeugin, Commander?" fragte Richter Morris schließlich.

"Nein, euer Ehren. Ihre Zeugin." Blackwell nickte Mac mit widerwilliger Anerkennung zu. Er wusste, dass er den Fall so gut wie verloren hatte.

Mac blieb gelassen sitzen. Randy hatte ihre Arbeit ganz im Alleingang für sie getan. "Keine Fragen an die Zeugin, euer Ehren."

Der richterliche Hammer sauste auf den Holzblock hinab. "Die Verhandlung ist bis zu den Schlussplädoyers um 14 Uhr unterbrochen!"


20. Die Anmut eines Elefanten –
oder warum Mac übereifrige Putzfrauen hasst

02. April 2002
1915 Z-Zeit (14:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Langsam und bedächtig schritt Mac vor der Bank der Juroren auf und ab, während sie eindringlich Satz um Satz ihres Schlussplädoyers aneinander reihte. "... Ich weiß nicht, ob und wer in dieser Nacht einen Fehler gemacht hat – ich weiß nur, dass es nicht meine Mandantin war und dass sie deshalb freizusprechen ist. Vielen Dank."

Sie setzte sich wieder und tauschte einen beruhigenden Blick mit Gwen, während vor ihnen Richter Morris die Geschworenen instruierte. "Wir können ruhig hier im Gerichtssaal warten, Lieutenant. Ich bezweifle, dass das lange dauern wird. Die Jury ist sich sicher schnell einig," meinte Mac zuversichtlich.

Tatsächlich dauerte es nur zehn Minuten, bis die Geschworenen ihre Beratung beendet hatten und ein einstimmiges Urteil feststand. Richter Morris drehte sich zu dem Sprecher der Geschworenen um. "Sind Sie zu einem Urteil gelangt?"

"Ja, Euer Ehren."

Der Gerichtsdiener nahm den Zettel entgegen und überbrachte ihn Admiral Morris. "Die Angeklagte möge sich bitte erheben. Es ergeht folgendes Urteil: Die Angeklagte wird in allen Punkten der Anklage für nicht schuldig befunden! Die Verhandlung ist geschlossen." Morris ließ den Hammer auf den Holzblock fallen und schlug die vor ihm liegenden Akten zu.

Gwen wurde sofort von einem Dutzend Freunden, Verwandten und Kollegen, die im Zuschauerbereich gewesen waren, umringt.

Mac sah zu, wie die junge Hebamme von einer Frau umarmt wurde, die ganz offensichtlich ihre Schwester war.

"Danke," sagte eine sanfte Stimme hinter ihr.

Als Mac sich umdrehte, stand Randy Hawkes vor ihr. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie zu McKennas Freundin sagen sollte. Dann lächelte sie. "Oh, ich sollte *Ihnen* danken. Ohne Ihre Zeugenaussage wäre die Entscheidung knapp geworden."

Randy sah nervös zu ihrer Freundin hinüber. "Ich hoffe, Gwen sieht das genauso. Sie wollte eigentlich, dass ich mich aus der Sache raushalte..." Die Frau, die Blackwell noch vor kurzem im Zeugenstand selbstsicher und kompetent entgegen getreten war, wirkte jetzt ein wenig unsicher.

"Ma’am," Gwen erschien plötzlich neben ihnen und streckte Mac ihre schmale Hand hin, "ich wollte mich noch dafür bedanken, dass Sie mich so erstklassig vor Gericht vertreten haben."

"Nichts zu danken," Mac schüttelte die Hand der kleineren Frau, "ich bin froh, dass es so ausgegangen ist."

Damit war eigentlich alles gesagt und Gwens Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf Randy, die schweigend neben Mac verharrte.

"Hey." Randy lächelte zaghaft auf ihre Freundin hinab.

Mac wurde plötzlich bewusst, dass sie hier einen privaten Moment störte. Verlegen räusperte sie sich. "Ich möchte noch kurz mit Keeter sprechen, entschuldigen Sie mich bitte..."

Wenige Minuten später hatte sie sich nach Keeters Wohlergehen erkundigt und ein paar Worte mit Skates gewechselt. Der Gerichtssaal hatte sich inzwischen beinahe vollständig geleert und Mac beschloss, dass sie es jetzt verdient hatte, ihr plötzliches Verlangen nach etwas Süßem zu stillen. Irgendwo in ihrer Schreibtischschublade musste noch ihr Notvorrat an Schokoriegeln gebunkert sein.

Heißhungrig stieß sie die Türen des Gerichtssaals auf und trat auf den Gang hinaus. Ihre Schritte beschleunigten sich, als sie sich vorstellte, endlich ihre unbequemen Schuhe abzustreifen, sich gemütlich zurückzulehnen und in einen Schokoriegel zu beißen.

Sie bog um die Ecke und kollidierte fast mit einem ‚Achtung! Nasse Oberfläche’-Schild der JAG-Putzkolonne. Mac war daran gewöhnt, dass ihr agiler, durchtrainierter Körper sie mit einem geschmeidigen Satz jederzeit in Sicherheit bringen konnte. Für einen Moment vergaß sie ihre geschwollenen Knöchel, das zusätzliche Gewicht und den verlagerten Körperschwerpunkt. Der geschmeidige Schritt nach rechts ging plötzlich in ein heftiges Mit-den-Armen-Rudern über, als sie das Gleichgewicht verlor. Wie in Zeitlupe spürte sie, wie sie nach hinten fiel.

Unsanft landete sie mit dem Hintern auf der ‚nassen Oberfläche’. Einen Moment lang verharrte sie am Boden, fast gelähmt vor Erleichterung darüber, dass ihr und – viel wichtiger – dem Kind nichts passiert war. Erst als sie sich in die Höhe stemmen wollte, musste sie feststellen, dass ihre Erleichterung ein wenig voreilig gewesen war. "Autsch! Oh, verdammt!" Mac umklammerte ihren Knöchel, als sie sich zurücksinken ließ.

"Ma’am?!" Eilige Schritte näherten sich im Laufschritt. "Ma’am, alles okay?"

Mac atmete auf, als sie die Frau erkannte, die besorgt vor ihr in die Hocke ging. "Ja, ich glaube schon... außer, dass mein Knöchel schmerzt und ich Baby Rabb jetzt einen Dollar schulde..." Sie lächelte tapfer.

Gwen griff hinter sich und fand Randys Hand, ohne sich umdrehen und vergewissern zu müssen, dass ihre Partnerin da war. Auffordernd zog sie die Chirurgin nach vorne, neben die am Boden sitzende Anwältin.

Randy kniete sich neben sie und tastete behutsam ihren Knöcheln entlang.

"Röntgen ist im Moment nicht drin, oder?" erkundigte sich Mac, als der Schmerz ihren Fuß hinaufschoss.

Randys blaue Augen sahen einen Moment von ihrer Arbeit auf. "Nein, das würde Baby Rabb ganz und gar nicht gefallen." Sie tastete noch einen Moment lang weiter. "Aber das ist auch gar nicht nötig... so wie’s aussieht, haben Sie sich lediglich den Knöchel verstaucht. Nicht angenehm, aber kein Grund zur Sorge. Versuchen Sie, die nächsten Tage von den Füßen zu bleiben und kühlen Sie ein bisschen."

Assistiert von Randy und Gwen kam Mac auf die Füße und balancierte auf ihrem linken Fuß.

"Ma’am, soll ich eine Trage holen lassen?" Ein Petty Officer, der gerade vorbeigekommen war, sah besorgt auf Macs langsam anschwellenden Fuß hinab.

"Nein!" Mac schüttelte entschieden den Kopf. <Ein Marine wird nicht mit einer Trage in sein Büro transportiert, nur wegen eines verstauchten Knöchels! Ganz abgesehen von dem Schreck, den ich Harm damit einjagen würde!> "Nein, danke, es geht schon." Sie biss die Zähne zusammen und machte den ersten Schritt.

Als der Schmerz ihr Bein hinaufschoss und sie ein wenig einsackte, schlang sich plötzlich ein starker Arm um sie. Mac sah aus nächster Nähe in die blauen Augen von Gwens Freundin. "Danke."

Halb stützte Randy Mac, halb trug sie Mac zum nächsten Fahrstuhl.

Dort stand Skates und wartete neben Keeters Rollstuhl auf den Aufzug. "Hey, Mac, was ist denn mit dir passiert? Ich weiß ja, dass Schwangerschaftshormone eine Frau durcheinander bringen können, aber dich in den Armen meiner Cousine zu sehen, hätte ich nicht erwartet!"

Mac rollte nur mit den Augen. "Ich lache dann, sobald der Schmerz in meinem Knöchel nachlässt, okay?"

Skates wurde schlagartig ernst.

Keeter drehte seinen Rollstuhl herum und stemmte sich in die Höhe. "Setz dich!" befahl er, während er auf seinem Gipsbein zur Seite humpelte.

"Unsinn, du brauchst den Rollstuhl doch selbst, Keeter!" protestierte Mac.

Grinsend zuckte Keeter die Schultern. "Na ja, ich würde dich auch auf meinem Schoß Platz nehmen lassen, aber ich fürchte, das würde Harm nicht so gerne sehen. Er ist ohnehin schon ein wenig eifersüchtig nach unserer gemeinsamen Nacht in der Wüste..." Er zwinkerte Mac zu.

Skates sah zu, wie Mac sich in den Rollstuhl sinken ließ, froh darüber, das Gewicht von ihrem rechten Fuß nehmen zu können. "Ähm, jetzt, wo ihr alle da seid... könntet ihr im Fahrstuhl vielleicht ein wenig auf Keeter aufpassen? Ich nehme dann doch lieber die Treppe..."

Randy lachte. "Eines Tages werde ich mal einen Psychologen fragen, wie es kommt, dass *du* die Fahrstuhl-Phobie hast, obwohl doch *ich* es war, die du im Aufzug eingeschlossen hast!"

Gwen gab ihrer Partnerin einen Klaps auf den Arm. "Du bist ganz ruhig, Miss Koch-Phobie!"

Keeter lachte, während er sich beiläufig auf Skates Schulter abstützte. "Sie hat auch eine Koch-Phobie? Hey, Mac, vielleicht solltet ihr eine Selbsthilfegruppe aufmachen!"

"Entschuldigung, könnten wir jetzt vielleicht...?" Mac deutete ungeduldig zur offenen Fahrstuhltüre. <Auf mich warten ein Schokoriegel und ein bestimmt schon besorgter Ehemann!>

Endlich setzte sich der improvisierte Krankentransport in Bewegung.


21. Verliebte Jungs –
oder warum frau einem Mann nie sagen sollte, dass sie ihn *mag*

08. April 2002
2207 Z-Zeit (17:07 Uhr EST)
Randy Hawkes’ Haus
Ein wenig außerhalb von Washington D.C.

Vorsichtig manövrierte Keeter mit seinen Krücken den Kiesweg hinauf. Er hatte keinen Blick für das Panorama des Sees, der direkt neben dem Haus lag, sondern behielt nur die Tür im Auge. Schließlich verharrte er auf der Veranda und zögerte. Zweimal streckte er die Hand nach der Klingel aus, zog sie aber jedes Mal wieder zurück.

Obwohl er, gerade erst vom Gips befreit, noch etwas unsicher auf den Füßen war, lehnte er die Krücken gegen die Hauswand und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, als er es endlich schaffte, die Klingel tatsächlich zu betätigen. <Schließlich will ich Skates als ‚ganzer Mann’ begrüßen! Ich hoffe bloß, ich stolpere nicht mit meinem Bein und falle ihr prompt zu Füßen!>

Die Türe öffnete sich und Skates stand vor ihm.

"Ich... ähm..." Keeter räusperte sich.

"Hi, Keeter!" Die Jägerleitoffizierin lächelte ihn an. "Schön, dich zu sehen, noch dazu ganz ohne Gips!"

Keeters Lippen erwiderten ihr Lächeln ohne sein Zutun. <Wow, diese braunen Augen sind wirklich toll!> Er gab sich einen Ruck. "Hallo, Skates. Bist du wirklich sicher, dass es okay ist, wenn ich..." Er deutete auf die Wohnung, die sich hinter Skates erstreckte.

"Klar ist das okay!" Skates öffnete die Türe weiter, um ihn eintreten zu lassen. "Du warst doch dabei, als Randy angeboten hat, dass du in ihrem Haus bleiben kannst, solange du jeden zweiten Tag zur Physiotherapie musst und nicht nach Hause fliegen kannst. Das Haus steht ohnehin leer, seit Randy zu Gwen gezogen ist."

"Ich meinte nicht wegen Randy, sondern ob es *für dich* okay ist," korrigierte sich Keeter.

Skates sah ihn verwundert an. "Natürlich ist es okay, Randys Haus ist allemal besser als ein Hotelzimmer oder das mit Spielzeug überquellende Ex-Gästezimmer von Harm und Mac."

"Ja, schon, aber..." Keeter kratzte sich verlegen am Kinn. "... eigentlich bräuchtest du hier in Washington doch gar kein Zimmer. Du hättest schon längst wieder nach Hause fliegen können. Sich einfach so, ohne große Worte vom Dienst freistellen zu lassen und Sonderurlaub zu nehmen, nur um mir zu helfen, das kann man eigentlich von keinem Freund erwarten..."

Skates musste zugeben, dass er Recht hatte. Sie hatte nicht überlegt, es war ganz selbstverständlich für sie gewesen, dass sie blieb, bis Keeter – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder auf eigenen Füßen stehen konnte. "Bild dir nur nichts darauf ein!" mahnte sie Keeter ernst.

"Iiich? Nein, was sollte ich mir auch einbilden? Es ist doch auch ohne Einbildung sonnenklar, dass du es einfach nicht ertragen kannst, dich von mir zu trennen oder mich in die Hände einer anderen Frau zu geben!" Keeter reckte sich grinsend.

Skates schnaubte nur. "Diese ‚andere Frau’ wäre eine ausgebildete Pflegerin gewesen, für die du eine Riesensumme hättest bezahlen müssen, nur damit sie zu dir nach Hause kommt und einmal täglich ein paar Übungen mit dir macht!"

"Während du dich ganz kostenlos körperlichen Betätigungen mit mir hingibst?" flirtete Keeter neckisch.

Skates ließ sich in die Polster der Couch fallen und funkelte ihn warnend mit ihren dunklen Augen an. "Ich glaube, das reicht jetzt, Keeter. Du kannst deinen Flyboy-Charme ruhig abstellen, ich kenne jeden dieser Sprüche schon und keiner davon beeindruckt mich sonderlich, glaub mir."

Ernüchtert hielt Keeter inne. "Sorry, ich... ich wollte dir nicht zu nahe treten, Skates. Ich flüchte nur in alte Gewohnheiten, wenn ich nervös bin..." Behutsam ließ er sich neben ihr auf dem Sofa nieder.

"Nervös?" Skates runzelte die Stirn. "Wieso solltest du nervös sein?" Sie stützte sich mit einem Ellenbogen auf der Couch auf und sah verwundert zu ihm hinüber.

Keeter zögerte. Erneut stellte Skates ihn vor eine Entscheidung: Sollte er das tun, was er sein ganzes Leben lang getan hatte, und den strahlenden Fliegerheld spielen, der keine Sorgen und Unsicherheiten kannte und der Frauen durch sein unerschütterliches Selbstbewusstsein beeindruckte, oder sollte er die Fassade über Bord werfen und Skates eine Waffe in die Hand geben, die ihn wirklich verletzen konnte? "Du," sagte er nach einigen Sekunden des Schweigens, "du machst mich nervös."

"Iiiich?" Ungläubig tippte sich Skates gegen die Brust. "Ich mache dich nervös? *Ich* sollte diejenige sein, die nervös ist, schließlich bist du beharrlich hinter mir her und hast klar gemacht, dass du alles tun würdest, um mich zu bekommen! Nicht umgekehrt!"

Keeter schüttelte langsam den Kopf. "Nein, das ist nicht wahr."

Skates hob die Brauen. "Du bist nicht mehr hinter mir her?" vergewisserte sie sich. Skates musste plötzlich feststellen, dass sie bei diesem Gedanken nicht so erleichtert war, wie sie vermutet hatte. Irgendetwas störte sie daran, dass Keeter jetzt doch über sie hinweg gekommen war.

"Nein, nicht das, ich bin nach wie vor ‚hinter dir her’, um mal deine derbe Pilotensprache zu verwenden. Aber es ist nicht wahr, dass ich alles tun würde, um dich zu bekommen. Ich will eine Beziehung mit dir nur, wenn es das ist, was du auch willst," erklärte Keeter ernst.

"Keeter..." Skates biss sich auf die Lippe. "Du bist ein ganz besonderer Mann, glaub nicht, dass ich das nicht gemerkt hätte. Aber..."

Keeter ließ den Kopf gegen die Lehne der Couch sinken und schloss die Augen, als wäre er plötzlich erschöpft. "Nein, sag es bitte nicht! Sag mir jetzt bitte nicht, dass du mich *magst*!" Er wollte nicht nur ein Freund oder ein ‚großer Bruder’ für Skates sein.

Skates musste lächeln. "Ich mag dich aber," erklärte sie, ohne auf Keeters Protest zu achten. Wie sehr, das musste sie erst noch mit sich selbst abklären. "Und ich will wissen, warum ich dich nervös mache."

"Weil ich möchte, dass du mich mehr als nur *magst* und weil ich langsam nicht mehr weiß, was ich noch tun soll, um das zu erreichen!" platzte es aus dem verzweifelten Keeter heraus. Dann seufzte er. "Entschuldige, ich will dich nicht unter Druck setzen, indem ich dir hier was vorjammere. Das ist kein Trick, um dich rumzukriegen, sondern nur die Frustration eines verliebten Idioten."

Einige Sekunden lang starrte Skates ihn nur an. <Hat er eben wirklich von Liebe gesprochen oder zumindest von verliebt sein? Wow! Er ist ganz sicher nicht wie all die andern Flyboys, die ich so kenne! Oder jedenfalls nicht mehr. Er hat sich verändert, und das nur meinetwegen!> Sie musterte ihn noch etwas länger, dann beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn auf den Mundwinkel.

Bevor Keeter aus seiner überraschten Erstarrung erwachen konnte, erhob sie sich und verschwand in der Küche. "Hunger?"


22. Kusspräferenzen –
oder warum man Hunden keine Schlagsahne füttern sollte

08. April 2002
2140 Z-Zeit (17:40 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Hmmmm," Harm lehnte sich auf der Couch zurück und fuhr nachdenklich mit den Fingern durch Macs Haar, "wie wäre es mit Afra? Oder lieber etwas Längeres? Philomene zum Beispiel? Oder Clementine? Alma wäre auch ein schöner Name."

Mac hob für einen Moment den Kopf aus Harms Schoß. "Ja, vielleicht für eine Milchkuh! Sag mir bitte, dass du nur scherzt!"

Harm lachte. "Okay, okay, ich scherze nur. Hmm, da du ja meinst, es gäbe schon genügend Harms und Sarahs in dieser Familie, vielleicht sollten wir Baby Rabb ja nach deinem Großvater nennen?"

"Will gefällt mir, aber was machen wir, wenn deine Theorie stimmt und Baby Rabb ein Mädchen wird? Wilhelmina möchte ich die Ärmste wirklich nicht nennen! Nein, ich bin dafür, dass das Baby einen *eigenen* Namen erhält, einen, den es mit niemandem in unserem Verwandten- und Bekanntenkreis teilen muss."

Harm nickte. "Okay, das finde ich gut. Wie wäre es dann mit Samantha?"

Mac neigte überlegend den Kopf. "Hm, ja, nicht schlecht. Ist das dein Lieblingsmädchenname oder wie kommst du darauf?"

"Ich hab ihn aus einem der Babybücher und mit hat die Bedeutung gefallen. Samantha bedeutet ‚die Zuhörende’ oder ‚die Gehorsame’... in der Hoffnung, dass Baby Rabb ihrem Namen wirklich alle Ehre macht, wenn wir sie so nennen..." Harm grinste hoffnungsvoll.

"Aha, du hast also Hintergedanken!" Mac lachte. "Und was stand sonst noch so drin in diesem Baby-Namensbuch? Welche Namen sind sonst noch auf deiner Liste von Favoriten?"

"Oaach, Adrienne oder Alyssa zum Beispiel, oder Allison, oder Caitlyn oder Casey oder Cassandra, Jamie, Janet, Kayla, Kaylin, Keira, Kelsey, Kendra, Leah, Madelyn, Melinda, Melody, Robyn..." Harm kam so richtig in Schwung.

"Okay, okay, okay!" bremste Mac amüsiert. "Das ist ja schon ganz brauchbar. Aber was ist, wenn du mit deiner Theorie *wieder mal* daneben liegst und Baby Rabb ein Junge wird? Ich glaube nicht, dass ihm deine Vorschläge sehr gefallen würden..."

Harm zuckte lässig die Schultern. "Na ja, für den *äußerst unwahrscheinlichen* Fall, dass ich *ausnahmsweise* einmal nicht recht haben sollte, wären da auch noch Namen wie beispielsweise David oder Daniel, Eric, Jacob, Jayden, Jeremy, Jonathan, Joshua, Lucas, Nicolas, Matthew, Patrick, Samuel oder Taylor..." Er warf einen Blick auf die Uhr. "Mac, wenn du mich jetzt mal kurz aufstehen lässt?"

"Oooach, ich liege gerade so bequem!" beschwerte sich Mac, ohne sich wegzubewegen.

"Ich muss jetzt aber dein Essen aus dem Ofen nehmen."

Mac schoss in die Höhe, so schnell ihr Babybauch dies zuließ. "Ach so, das ist natürlich was Anderes!" Ohne weiteren Widerspruch ließ sie Harm aufstehen.

Zwei Minuten später kehrte Harm mit einem Teller zurück. "Ich hab dein Lieblingsessen gemacht... zumindest dein Lieblingsessen von dieser Woche."

"*Mein* Lieblingsessen?" Mac starrte zweifelnd auf den Teller hinab. "Das ist nicht *mein* Lieblingsessen, sondern das von Baby Rabb! Oder glaubst du, ich hätte vor dieser Schwangerschaft so was wie Zucchini angerührt? Es ist ein grausamer Trick der Natur, dass man plötzlich Lust auf Dinge hat, die man eigentlich hasst! Das ist nur die Schuld deines Kindes!"

"Ah, verstehe," Harm nahm wieder seinen Platz auf der Couch ein, während Mac an ihren überbackenen Zucchini nibbelte, "wenn es irgendein Problem gibt, ist es *mein* Kind, und wenn es sich verhält, wie ein Engel, ist es deins."

Mac nickte kauend. "Genau, du hast’s begriffen. Ich wusste doch, dass diese Babybücher, die du ständig liest, für etwas gut sind."

Nach ein paar Minuten hatte Mac ihren Snack beendet und ließ sich erneut gegen Harm sinken. Harm schob ihr T-Shirt nach oben und nahm die Feuchtigkeitscreme vom Wohnzimmertisch, die dort auf ihr abendliches Ritual gewartet hatte. Er presste ein wenig Creme in seine Handfläche, um sie dort anzuwärmen, und begann dann, die Creme in beruhigenden Kreisen auf Macs Bauch zu verteilen. "Ich mag es zu fühlen, wie Baby Rabb sich unter meinen Händen bewegt," erklärte er fasziniert, "es ist, als würden wir wirklich kommunizieren."

Mac sah auf ihren Bauch hinab. "Das einzige, was Baby Rabb mir mit diesen Tritten kommuniziert, ist, dass er oder sie langsam ganz schön groß für meinen Bauch wird," meinte sie mit einem selbstironischen Schmunzeln. Sie studierte ihren Körper. "Meine Güte, schau dir mal an, wie dick ich geworden bin! Mein Busen hat um fast eine Körbchengröße zugenommen und sogar meine Beine sind geschwollen!" Sie schnitt eine Grimasse.

Harm unterbrach das Eincremen, um Mac zu küssen. "Du bist nicht dick, Mac, sondern schwanger!" betonte er nachdrücklich. "Ich mag deinen Busen in jeder Größe und du hast immer noch Beine wie ein Reh!"

"So schlank oder so haarig?" hakte Mac nach. Plötzlich gab sie ein erschrockenes Quieken von sich. "Yahhh! Jingo, nimm diese kalte Nase von meinem Bauch!"

Jingo, der neben der Couch geschlafen hatte, war aufgewacht und hatte neugierig zugesehen, was sein ‚Rudel’ da machte. Das weiße Zeug auf dem Bauch seiner ‚Futtergeberin’ sah aus wie die Schlagsahne, die Granny ihn schon mal von ihrem Teller hatte lecken lassen. Vorsichtig schob er die Zunge vor und schlabberte über die nackte Haut von Macs Bauch.

"Iiiiih, Jingo!"

Jingo hatte seinen Irrtum jetzt festgestellt. Er musste niesen und bedeckte die Schnauze mit einer Pfote, bevor er auf der Suche nach seinem Wassernapf davon trottete.

"Hey!" Harm sah auf seine Hand hinab. "Deine Tochter hat mir gerade einen kräftigen Tritt verpasst!"

"Ha! Dein Sohn tritt mich schon seit einer halben Stunde, Flyboy!"

Harm beugte sich nach vorne und küsste Macs etwas gewölbten Nabel. "Benimm dich, Baby Rabb! Zwing mich nicht, zu dir reinzukommen!"

Lachend vergrub Mac beide Hände in Harms schwarzem Haar und küsste seinen Nacken. "Ich glaube nicht, dass Baby Rabb dir diese Drohung abnimmt. Aber immerhin hat er oder sie jetzt aufgehört, mich zu treten. Vermutlich mag Baby Rabb deine Küsse lieber als von ‚Onkel Jingo’ abgeschlabbert zu werden."

Harms Mund näherte sich dem ihren. "Und du? Wie sehen deine Präferenzen aus, hm?" Seine Lippen bildeten unmittelbar neben ihren ein verführerisches Grinsen.

Mac Lippen gaben eine nonverbale, aber überzeugende Antwort.

 


23. Körperliche Defizite -
oder warum Liebe nicht immer durch den Magen geht

11. April 2002
1714 Z-Zeit (13:14 Uhr EDT)
Einkaufszentrum
Washington D.C.

Keeter stützte sich schwer auf den Einkaufswagen, während er zum dritten Mal denselben Gang hinabhumpelte. Bisher waren seine Krücken die einzigen Dinge, die im Einkaufswagen ruhten und der Pilot geriet langsam in Panik. "Super!" murmelte er ironisch. "Ich hab keine Ahnung, was Skates Lieblingsessen ist, und ich hab nicht den blassesten Schimmer, was man zu einem romantischen Beinahe-Rendezvous kocht... und jetzt steh ich hier und weiß nicht weiter!"

Er tastete nach dem Handy in seiner Tasche, als wäre es ein Rettungsring. "Okay, ich setze den Telefonjoker ein," beschloss er mit einem grimmigen Lächeln. "Aber wen rufe ich an? Randy?" Er schüttelte den Kopf. Nein, erstens war sie Skates Cousine und er wollte auf keinen Fall, dass sie die Überraschung vielleicht versehentlich verriet; zweitens hatte sie bereits genug für ihn getan, indem sie ihn in ihrem Haus wohnen ließ und drittens hatte sie ebenso wenig Ahnung vom Kochen wie er selbst.

"Nein, ich brauche ein Koch-Genie. Jemanden, der regelmäßig romantische Dinner zubereitet... Jemanden wie... Harm!" Keeter blieb stehen und starrte finster auf eine Palette Tomatenketchup. Zwar hatten er und Harm das wegen der Ermittlung ausgegrabene Kriegsbeil weitgehend begraben und die Ermittlung lief immer mehr auf einen Materialfehler hinaus, aber dennoch nagte es an Keeters Stolz, dass er Harm ausgerechnet jetzt um Hilfe bitten musste. Zögernd blickte er auf sein Handy hinab.

"Okay, Jackson Díarmuid Keeter! Was ist dir wichtiger, dein Stolz oder Skates?" Er ignorierte die Blicke, die die anderen Einkäufer dem Selbstgespräche führenden Mann zuwarfen, und begann, auswendig Harms Telefonnummer einzutippen.

"Sarah Rabb-MacKenzie," meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Einen Moment lang war Keeter völlig aus der Bahn geworfen, als Harm sich nicht selbst meldete. "Ähm... Mac?"

Die Frau am Telefon kicherte. "Nein, Granny. Jackson, bist du das?"

"Ja, ich bin’s. Granny, hören Sie, ich müsste Harm mal dringend sprechen. Könnten Sie ihn vielleicht bitte holen?" bat Keeter höflich.

"Oh, das ist jetzt ein bisschen ungünstig... Harmon ist gerade mit Sarah in der Badewanne und ich würde ihn wirklich nur sehr ungern stören... um was geht es denn?" wollte Granny wissen.

Keeter bedeckte für einen Moment den Hörer mit der Hand und stöhnte unterdrückt. <Harm sitzt mit seiner schwangeren Frau in der Badewanne!> Plötzlich fragte er sich, ob er jemals diese Art von inniger Beziehung mit jemandem erreichen würde.

"Jackson? Sind Sie noch da?"

"Oh, ja, natürlich, entschuldigen Sie, Granny. Ähm, es geht um Folgendes... ich möchte, uh, Skates gerne eine Freude machen und ihr etwas kochen..." Verlegen brach Keeter ab.

"Warum haben Sie denn nicht gleich gesagt, dass es um Liebesangelegenheiten geht!" Man hörte, wie Granny hastig den Hörer weglegte.

Keeter erstarrte. "Halt! Granny, Sie müssen Harm doch nicht..." Aber es war bereits zu spät.

Zwei Minuten später meldete sich ein wenig erfreut klingender Harm. "Keeter? Was gibt’s denn so Wichtiges? Ich stehe hier und tropfe auf den Teppich, während meine attraktive Frau einsam und allein in der Badewanne sitzt! Wenn Granny nicht gesagt hätte, dass es lebenswichtig ist... also, was ist los?"

"Ähmn, äh... es ist.... ich... ach, weißt du was, vergiss es, Alter. Ist nicht so wichtig, geh du ruhig wieder baden..."

"Jetzt bin ich schon mal aus der Wanne gestiegen, also sag schon, Keeter!" beharrte Harm, jetzt weniger unfreundlich. "Du weißt, wenn es etwas ist, mit dem ich dir helfen kann, dann werde ich das auch tun."

Keeter räusperte sich unbehaglich. "Du... du hast Mac doch sicher schon mal was gekocht... nicht irgendetwas, meine ich, sondern ein romantisches Dinner..."

"Na klar, der schnellste Weg zum Herzen eines Marine führt über ihren Magen, weißt du doch." Harm lachte.

"Funktioniert das auch bei einer Navy-Frau?" erkundigte sich Keeter.

"Ah, daher weht der Wind. Du versuchst es immer noch bei Skates, hm? Eins muss ich dir lassen, so hartnäckig hab ich dich noch bei keiner Frau erlebt!"

"Skates ist ja auch nicht wie die anderen Frauen, die ich sonst so erobern wollte. Also, wie stelle ich es an, ihr ein romantisches Essen zu zaubern?" wollte Keeter wissen.

Ein kurzes Schweigen entstand, während Harm sich an die nichtvorhandenen Kochkünste seines ehemaligen Zimmergenossen erinnerte. "Wieso bestellst du nicht einfach irgendein mehrgängiges Menü von einem guten Italiener?" schlug er schließlich vor.

"Nein!" wehrte Keeter entschlossen ab. "Das wäre zu einfach, so als wäre es mir der Mühe nicht wert. Ich will ihr selbst etwas kochen."

"Und wann soll dieses romantische Essen stattfinden?" erkundigte sich Harm.

"Na, heute Abend. Skates hat gesagt, dass sie gegen 17 Uhr nach Hause... ich meine, zurück zu Randys Haus kommt."

"Heute Abend? Vergiss es, Keeter," urteilte Harm aufrichtig. "Bis heute Abend kann ich dir nicht mal eben schnell übers Telefon die Grundlagen der Haut Cuisine beibringen! Wieso kochst du nicht lieber etwas Einfacheres? Ein gelungenes, einfaches Essen ist allemal besser als ein aufwendiges Menü, das nicht gelingt."

Keeter nickte zögernd. "Ich schätze, du hast recht. Okay, was koche ich also?"

"Wie wäre es, wenn du Dr. Hawkes’ Grill anwirfst und ein paar Steaks machst?" schlug Harm vor. "Dazu noch ein paar Folienkartoffeln mit Creme fraiche, Maiskolben und einen frischen, gemischten Salat. Und vielleicht Eis mit ein paar Früchten zum Dessert. Kriegst du das hin?"

"Oh, ja, bestimmt... hoffe ich." Keeter humpelte bereits auf der Suche nach dem Gemüsestand den Gang hinab. "Also, danke, Kumpel. Und grüß deine Badegefährtin von mir!"

Eine Stunde später breitete Keeter seine eingekauften Waren auf dem Tresen von Randys Küche aus. Er begann damit, die Blätter des Kopfsalates auseinander zu zupfen und ins Wasser zu werfen. Dann fiel ihm ein, dass die Steaks und die Kartoffeln wohl am längsten brauchen würden und er heizte eilig den Grill hinter dem Haus an.

Mit Blick auf die Uhr begann er hektisch, die Früchte für das Dessert klein zu schneiden. Eine große Schale kleingeschnittener Früchte und einen verarzteten Finger später war Keeter mit dem Dessert-Teil seines Menüs zufrieden und wandte sich wieder dem Salat zu.

Weil er vergessen hatte, die von Harm nicht erwähnte Fertig-Salatsoße zu kaufen, musste er den Salat selbst anmachen. Er goss ein wenig Essig und etwas Öl in eine Schüssel, streute großzügig Pfeffer und Salz dazu und probierte seine Kreation. "Wrrräh!" Er schüttelte sich, als er feststellen musste, dass er wohl zuviel Essig verwendet hatte.

"Ah!" Ihm kam die rettende Idee, als er die Creme fraiche auf dem Tisch stehen sah. Nachdem er den halben Becher unter die Salatsoße gerührt hatte, schmeckte diese ganz annehmbar.

Schließlich trat Keeter bewaffnet mit Steaks, Kartoffeln und den Maiskolben zum Grill hinaus. Mit der Grillzange in der Hand sank er erschöpft in den nächstbesten Gartenstuhl und sah schläfrig zu, wie die Kohlen zu glühen begannen.

Er musste wohl kurz eingeschlafen sein, denn als er hoch schreckte, bot der Grill nicht mehr den friedlichen Anblick von vorhin. Die Maiskolben waren schwarz gekohlt und rauchten. Die Kartoffeln waren irgendwie vom Grill gefallen und lagen jetzt im Gras. Von den Steaks war nichts mehr zu sehen, nur zwei dreifarbige Katzen saßen im Garten und leckten sich die Pfoten, während sie Keeter erwartungsvoll ansahen.

"Oh, verdammt noch mal!" Verärgert schleuderte Keeter die Grillzange in den nächstbesten Busch.

Ein Blick auf die Armbanduhr ließ Keeter in Panik aufspringen. Skates würde gleich da sein und ihm blieben nur zehn Minuten, um das ganze Chaos zu beseitigen.

Skates war pünktlich von ihrem Besuch bei ein paar Freunden zurückgekehrt und betrat gerade die Veranda. Während sie nach dem Hausschlüssel suchte, fiel ihr Blick durch das Fenster in die Küche und sie stoppte abrupt.

Keeter humpelte hektisch in der Küche umher. In der Spüle rauchten zwei schwarze, undefinierbare Etwas vor sich hin, während daneben etwas lahm gewordener Salat im Waschbecken trieb. Durch das schräggestellte Küchenfenster hörte sie, wie Keeter die beiden Katzen, die mit Unschuldsmienen neben ihm saßen, ausschimpfte. "Und da behauptet Granny, dass ihr zwei Glück in der Liebe bringen würdet! Ha! Dass ich nicht lache, ihr beiden Gierhälse habt mir jetzt wahrscheinlich auch noch meine letzten Chancen bei Skates verdorben, danke vielmals!"

Skates begriff langsam: Keeter hatte wohl versucht, ihr ein romantisches Dinner zu kochen, aber irgendetwas musste gründlich schief gegangen sein. Dennoch gerührt ging sie zu ihrem Auto zurück und zückte ihr Handy.

Im Haus ließ Keeter fluchend die verkohlten Maiskolben in den Mülleimer fallen und suchte hastig nach seinem Handy, das plötzlich zu klingeln begonnen hatte. "Ja?" meldete er sich atemlos.

"Hey, Keeter, ich bin’s, Skates."

"Uh, ähm, hi, Skates!" Panisch flitzte Keeter mit dem Handy durch die Küche, während er mit der freien Hand versuchte, das Chaos zu beseitigen. "Wo bist du gerade?"

"Immer noch bei meinen Freunden, deshalb rufe ich ja an," behauptete Skates. Sie musste sich angestrengt bemühen, sich ihre Belustigung nicht anhören zu lassen, als sie im Hintergrund das hektische Klirren von Geschirr vernahm. "Es wird wohl etwas später werden, bis ich zurück komme."

"Oh. Wie viel später denn?" erkundigte sich Keeter hoffnungsvoll.

Skates versuchte rasch zu kalkulieren, wie viel Zeit Keeter benötigen würde, um die Überreste seines Koch-Abenteuers zu beseitigen. "Na ja, so eine Stunde oder anderthalb wird es schon noch dauern..."

"Kein Problem, das geht okay," meinte Keeter großzügig. "Also, dann bis später!" Eilig legte er auf und begann, alle Spuren seines Versagens als Koch verschwinden zu lassen. Dann griff er zum Handy, um doch noch das teuersten Restaurant, das er kannte, anzurufen.

Schließlich durchsuchte er die Schränke nach Randys bestem Silberbesteck und weißen Servietten und begann feierlich, den Tisch zu decken. Er platzierte Kerzen auf dem Tisch, trat einen Schritt zurück und versuchte sich vorzustellen, wie er und Skates romantisch im Kerzenschein dinieren würden. Er schüttelte den Kopf und beschloss, zusätzlich die Lampe in der Ecke anzuknipsen. <Ein bisschen mehr Licht muss her, schließlich will ich ja nicht, dass das alles hier aussieht wie ein billiger Trick, um Skates ins Bett zu kriegen!>

Exakt neunzig Minuten später betrat Skates das Haus.

Keeter tauchte aus der Küche auf und lächelte vorsichtig, als er sie sah. "Hallo, Skates. Schön, dass du da bist."

Einen Moment lang standen sie sich unschlüssig gegenüber. Dann kam Skates näher und berührte ihn kurz am Arm. "Hi, Keeter. Ist was? Du wirkst ein bisschen nervös?"

"Hmm, du aber irgendwie auch," meinte Keeter, sie aufmerksam studierend.

"Na ja..." Skates senkte den Blick. <Besser, du weißt nicht, wie lange ich unschlüssig vor der Türe gestanden habe!> Sie hob den Kopf und schnupperte. "Hmmm, was riecht denn da so lecker?" Sie tat, als würde sie nicht längst vermuten, dass das lecker riechende Essen hastig in einem Restaurant bestellt worden war.

Keeter lehnte sich gegen den Türrahmen und rieb sich verlegen den Nacken. "Ich hab versucht, dir ein Essen zuzubereiten."

"Das hier riecht, als wäre dir das auch gelungen," lobte Skates. Sie war bereit, Keeter in dem Glauben zu lassen, sie halte das Essen für seine eigene Kreation, um seine Gefühle nicht zu verletzen.

"Ähm, nein, nicht wirklich." Keeter sah auf seine Füße hinab.

"Ach, komm schon, so schlimm kann es doch nicht sein. Also, sag, was hast du gemacht?" Skates versuchte, über seine Schulter hinweg einen Blick auf das Essen zu werfen.

"Eine riesige Sauerei, das ist alles," gestand Keeter mit einem bedauernden Grinsen. Er streckte die Hand aus und griff zögernd nach Skates’. Als sie ihre Finger nicht wegzog, führte er sie in die Küche. "Das," er deutete mit seiner freien Hand zum elegant gedeckten Tisch, "ist ein romantisches Dinner für dich."

Skates betrachtete die flackernden Kerzen, den Wein, das teure Essen und die rote Rose auf dem Tisch und war beeindruckt. "Wow, das ist wirklich... süß von dir! Niemand hat so etwas je für mich gemacht!" Sie drückte Keeters Hand.

"Niemand?" Ungläubig hob Keeter die Brauen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass nicht einmal ihr Ex-Verlobter…

Skates schüttelte den Kopf, während sie sich von Keeter zu ihrem Platz führen ließ und den Wein probierte. "Nein, niemand. Du bist der erste, der sich eine solche Mühe für mich macht."

Keeter zögerte. Er senkte den Kopf und rieb mit dem Daumen über den Rand seines Weinglases. Dann sah er auf und Skates direkt in die Augen. "Dann sollte ich vielleicht fairer weise gestehen, dass ich das Essen nicht selbst gekocht habe... ich hab’s versucht, aber dann bin ich vor dem Grill eingeschlafen und die Nachbarskatzen haben das Fleisch geklaut und die Maiskolben sind verkohlt und..."

"Glaubst du, darauf kommt es mir an?" Skates spießte das erste Salatblatt auf die Gabel auf und schob es in den Mund. "Mmmmhm, ich liebe Joghurt-Dressing. Du hast daran gedacht, hm?"

Keeter blinzelte verwundert, ohne sein Essen anzurühren. "Es macht dir nichts aus, dass ich das nicht selbst gekocht habe?" erkundigte er sich erstaunt. "Aber irgendwie ist das doch... gemogelt, oder?"

"Nein, das ist überhaupt nicht gemogelt, kein bisschen. Es ist doch der Wille, der zählt. Du wolltest mir eine Freude machen und das hast du auch geschafft... All meine Lieblingsspeisen sind da, mein Lieblingswein, die Kerzen haben meine Lieblingsfarbe, meine Lieblings-CD läuft im Hintergrund... dass du dir all die kleinen Kleinigkeiten gemerkt hast, bedeutet mir mehr als nur das Essen."

Keeter stöhnte, grinste aber dabei. "Das sagst du mir jetzt? Gott, Skates, du hast keine Ahnung, was ich heute durchgemacht habe!"

Skates lachte. "Kann ich mir vorstellen. Ich kann nachher den Abwasch übernehmen, dann kannst du dich von deinem stressigen Tag erholen."

"Kommt nicht in Frage," wehrte Keeter sofort ab. "Das hier hab ich für dich vorbereitet und du sollst den Abend genießen. Und außerdem bin ich heute richtig gut geworden im Abwaschen." Erst jetzt nahm Keeter den ersten Biss von seinem Lachs-Steak und dem Thai-Reis. "Und es macht dir wirklich nichts aus, dass ich mit dem Essen ein bisschen geschummelt habe? Ganz ehrlich?" vergewisserte er sich erneut.

Skates sah von ihrem Teller auf. "Nein, wirklich nicht. Du hast mir ja sogar ehrlich gesagt, dass das Essen nicht von dir stammt, dabei hättest du das behaupten können, ohne dass ich je das Gegenteil erfahren hätte."

Keeter schüttelte ernst den Kopf. "Na ja, der Gedanke kam mir natürlich, aber... es war mir wichtiger, ehrlich zu dir zu sein, als dich mit Kochtalenten zu beeindrucken, die ich gar nicht besitze."

Skates blinzelte und schluckte, um gegen den Kloß, der plötzlich in ihrem Hals steckte, anzukämpfen. "Also, weißt du, manchmal, wenn du Dinge wie eben sagst, kann ich wirklich nicht verstehen, warum du noch nicht vergeben bist."

"Doch, das bin ich längst," sagte Keeter leise.

Sie wusste nicht genau, was sie dazu sagen sollte, deshalb fuhr Skates schweigend fort, ihren Teller zu leeren. Schließlich ließ sie sich zurücksinken und griff nach ihrem Rotweinglas. "Hmm, das war wirklich vorzüglich. Keeter, ich danke dir für das gute – und sicher wahnsinnig teure - Essen und für deine Ehrlichkeit."

Über die flackernden Kerzen hinweg prosteten sie sich zu.

"Und jetzt?" fragte Skates schließlich.

"Jetzt kümmere ich mich um das Geschirr und du streckst dich schon mal auf dem Sofa aus."

Skates musste lachen, als sie Keeters mehrdeutigen Vorschlag hörte. "Schon mal? Und du kommst dann nach und legst dich dazu, sobald du mit dem Geschirr fertig bist?"

Die Röte in Keeters Wangen stammte nicht nur vom Wein. "Nein, nein, so hab ich das nicht gemeint," versicherte er hastig, setzte dann aber doch mit einem Anflug seines alten Flyboy-Grinsens hinzu: "Obwohl ich natürlich nichts dagegen hätte, mit dir auf der Couch zu kuscheln..."

"Okay."

"Okay?!" Keeter hustete, als er sich an seinem letzten Stück Fisch verschluckte. "Du willst wirklich mit mir auf der Couch kuscheln?"

Skates grinste. "Ich meinte, okay, kümmern wir uns also um das Geschirr."

"Oh." Keeter schob seinen Teller zurück und erhob sich. "Ich kann das wirklich allein; du kannst ruhig auf der Couch Platz nehmen und dich ausruhen."

"Von was sollte ich mich ausruhen? Nein, ich helfe dir." Skates begann entschlossen, die leeren Teller einzusammeln.

Seite an Seite arbeiteten sie, um die Küche in ihren kaum benutzten, glänzenden Ursprungszustand zurückzuversetzen. Keeter krempelte die Ärmel hoch und begann, das Geschirr zu waschen, während Skates das Abtrocknen übernahm.

Schließlich lehnte sich Skates gegen den Küchenschrank und sah geduldig zu, wie Keeter mit dem Rücken zu ihr den letzten Teller abspülte. Ein Grinsen schlich sich auf ihre Lippen, als sie das Geschirrtuch fester packte und es gegen Keeters ‚Heck’ schnappen ließ.

"Heeey!" Keeter wirbelte herum und griff blitzschnell nach dem Geschirrtuch. Er zog kräftig, um Skates ihre ‘Waffe’ abzunehmen, aber Skates hielt das Tuch mit beiden Händen fest. Ein zweiter Ruck ließ sie vorwärts taumeln und gegen Keeters Brust prallen.

Sie verlor ihren festen Griff um das Handtuch, als sie sich an Keeter festhalten musste, um ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren. Skates ließ die Hände sinken und sah aus nächster Nähe hinauf in neckisch funkelnde graue Augen. "Ähmmm, hi, Keeter..." Sie tat betont unschuldig.

"Hi, Skates." Keeter grinste teuflisch, als er das Geschirrtuch in das Wasser im Spülbecken tauchte und es dann auswrang. "Willst du wissen, wie man so ein Geschirrtuch richtig zuschnappen lassen kann?"

Skates wich einen Schritt zurück. "Nein, eigentlich nicht, vielen Dank."

"Oh, aber ich bestehe darauf." Keeter folgte ihr mit dem zufriedenen Blick eines Raubtiers, das seine Beute in eine Ecke getrieben hatte. "Lass es dir von einem Meister zeigen – ich bin nicht umsonst mit drei älteren Brüdern aufgewachsen."

Skates hob abwehrend die Hände, während sie weiterhin rückwärtsgehend vor ihm zurückwich. "Komm schon, Keeter, lass uns wieder friedlich sein, ich hab’s nicht so gemeint. War nur ein Spaß."

"Hmm, Spaß, okay, lass uns Spaß haben!" stimmte Keeter grinsend zu und begann, das feuchte Geschirrtuch vor sich herumzuwirbeln.

Der Fluchtweg wurde Skates abgeschnitten, als sie mit dem Rücken gegen die Wand prallte.

Unentwegt in die dunklen, etwas gehetzt wirkenden Augen blickend kam Keeter näher und näher. Er stützte die Arme links und rechts von Skates gegen die Wand, um ein Entkommen zu verhindern. Er blickte hinab in Skates etwas gerötetes Gesicht und ihre unmittelbare Nähe ließ ihn plötzlich vergessen, dass er sie eigentlich mit einem Geschirrtuch hatte attackieren wollen.

Einen Moment lang verharrten die beiden Piloten; ihre Körper so dicht beinander, dass sie sich fast berührten. Skates Atem streifte Keeters Wange. Dann lehnte Skates sich nach vorne, um unter Keeters Arm hindurch zu tauchen und erneut zu fliehen.

Keeter, der die Geschirrtuch-Jagd völlig vergessen hatte, missinterpretierte ihre Vorwärtsbewegung jedoch und kam ihr auf halbem Weg entgegen.

Skates erstarrte überrascht, als seine Lippen sich plötzlich auf ihre pressten. Sie hob beide Hände, um ihn zurückzustoßen, aber dann fühlte sie, wie Keeters schwielige Pilotenhand sanft die Härchen in ihren Nacken streichelte und sie stellte fest, dass nichts an Keeters Kuss aufdringlich, besitzergreifend oder fordernd war. Zögernd kamen ihre Hände auf Keeters Schultern zu ruhen und für einen Moment erwiderte sie den Kuss, bevor sie ihre Lippen von den seinen trennten und wisperten: "Keeter..."

"Hm?" Der kräftige Pilot blinzelte, als erwache er plötzlich aus einem Traum. "War das... war das okay?" Besorgt sah er auf Skates hinab, halbwegs befürchtend, seine plötzliche Aktion hätte all das, was er sich in monatelangem geduldigen Warten aufgebaut hatte, zunichte gemacht.

Skates musste lächeln, als sie seinen besorgten Gesichtsausdruck sah. Automatisch begann ihre Hand, seinen Arm zu streicheln. "Ja, es war okay... wenn ich ehrlich bin, war es sogar mehr als okay." Es war lange her, seit jemand sie mit soviel Gefühl geküsst hatte.

"Wirklich?" Keeters sorgenvoller Ausdruck wich einem stolzen Strahlen. "Dann wäre es auch okay, wenn ich...?" Er beugte den Kopf hinab, um sie erneut zu küssen.

Skates öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Keeter interpretierte es als Geste des Willkommens und initiierte einen leidenschaftlicheren Kuss.

Es dauerte ein paar Minuten, bis Skates sich wieder daran erinnerte, dass sie ja eigentlich gegen einen zweiten Kuss hatte protestieren wollen. "Keeter!" presste sie schließlich atemlos hervor. "Das... ich... ich weiß wirklich nicht, ob wir..."

"Darf ich mal ganz offen sein, Skates?" unterbrach Keeter. Ernst sah er auf sie hinab. "Ich glaube, jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt, mir zu sagen, ob ich jemals eine echte Chance auf eine Beziehung mit dir habe, bevor ich mich vollkommen zum Idioten mache, indem ich weiter auf dich warte."

"Nein!"

"N-nein?" Keeter schluckte schwer und schloss für einen Moment die Augen. Seine Schultern sackten herab. Er räusperte sich und seine Stimme klang belegt, als er murmelte: "Okay, ich werde das wohl akzeptieren müssen..." Er wollte sich abrupt umdrehen.

"Nein, nein!" Mit geweiteten Augen hielt Skates ihn fest. "Nein, das hab ich doch gar nicht gemeint, Keeter! Ich wollte sagen, dass du dich nicht zum Idioten gemacht hast, indem du auf mich gewartet hast. Ich... ich weiß es sehr zu schätzen, dass du so geduldig warst und mich nicht bedrängt hast."

Hoffnung glomm in Keeter auf. "Also hab ich eine Chance bei dir?"

"Ja," gab Skates zu und hob eilig die Hände, damit Keeter sie weder unterbrach, noch versuchte, sie erneut zu küssen. "Aber ich möchte nichts überstürzen. Ich will dich erst einmal richtig kennen lernen."

Keeter lachte ungläubig. "Skates, du kennst mich besser, als mich je eine Frau zuvor gekannt hat – den biblischen Sinn mal ausgenommen."

"Das mag ja sein, aber ich kenne dich nur als Piloten und als Freund und weniger als jemanden, mit dem ich eine Beziehung führe," wandte Skates ein.

"Oho!" Keeter grinste neckisch. "Heißt das, du willst mich im biblischen Sinne kennen lernen?"

Skates warf dem flirtenden Piloten einen tadelnden Blick zu, musste aber ebenfalls schmunzeln. "Nein, Keeter, gerade das ist es, was ich nicht will – jedenfalls nicht so übereilt. Meiner Erfahrung nach ist aus Beziehungen, die hauptsächlich auf Sex aufbauen, zu schnell die Luft draußen. Wenn eine Beziehung zwischen uns eine Chance haben soll, dann müssen wir es langsam angehen und dafür sorgen, dass wir eine solide Grundlage haben. Glaubst du, du kannst das?" Die Jägerleitoffizierin neigte den Kopf und sah fragend zu Keeter hinauf.

Keeter straffte die Schultern. "Du glaubst wohl, mir fehle jede Selbstkontrolle, wenn es um Frauen geht, was?"

"Na ja..." Skates zuckte ein wenig verlegen die Schultern. "Enthaltsamkeit ist nicht gerade die größte Stärke von euch Piloten..."

Keeter verschränkte die Arme vor der Brust. "Wer sagt das?"

"Granny hat das gesagt," verkündete Skates, zuversichtlich, dass er dieser Autorität in Beziehungsangelegenheiten nicht widersprechen konnte.

"Tja, sieht so aus, als ob Ihre kupplerische Majestät sich in meinem Fall gründlich geirrt hat," stellte Keeter selbstzufrieden fest.

Skates schnaubte. "Oh, ja, klar, Jackson Keeter, der große Frauenheld und Herzensbrecher, lebt enthaltsam wie ein Bettelmönch! Komm schon, Keeter, ich kenne die Geschichten, die Harm von eurer Akademiezeit erzählt!"

"Hey, Harm war auch kein Kostverächter und trotzdem ist er Mac jetzt absolut treu!" verteidigte Keeter sich und seinen alten Kumpel.

"Ja, er ist treu, aber wir haben über Enthaltsamkeit gesprochen – und falls Harm enthaltsam lebt, ist Macs Schwangerschaft ein größeres Wunder!" hielt Skates entgegen.

"Und was ist, wenn ich dir jetzt sage, dass ich seit einem Jahr und drei Monaten mit keiner Frau... zusammen war? Glaubst du mir dann, dass ich warten kann, bis wir eine solide Beziehung aufgebaut haben?"

"Seit einem Jahr und drei Monaten?" wiederholte Skates ein wenig ungläubig. Mit einem neckischen Grinsen wanderte ihr Blick an Keeters Körper hinab. "Hast du irgendwelche *körperlichen Probleme*, von denen ich wissen sollte?"

Keeter plusterte sich förmlich auf. "Nein, ganz sicher nicht! Du hast vergessen, was vor 15 Monaten war, hm?"

Überlegend kniff Skates die Augen zusammen. "Was denn?"

"Ich habe mit einer Frau um ein Taxi gekämpft."

"Ah, und die Frau hat dich während des Gerangels um das Taxi schmerzhaft an einer empfindlichen Stelle getroffen, verstehe." Skates nickte mit gespielt tragischer Miene.

Keeter rollte mit den Augen. "Ich habe keinerlei körperliche Defizite; bei mir funktioniert noch alles tip-top, auch wenn du mir nicht die Gelegenheit geben willst, es zu beweisen. Nein, Skates, die Amazone, mit der ich mich um das Taxi gestritten habe, warst du, weißt du nicht mehr? Es ist ziemlich genau 15 Monate her, seit wir uns kennen gelernt haben."

Ungläubig starrte Skates ihn an. "Und seitdem hast du...?"

Lächelnd zuckte Keeter die breiten Schultern. "Ich weiß eben, was ich will." Seine grauen Augen sahen sie offen an.

"Und das, was du willst... bin ich?" Skates konnte es nicht fassen, dass ein Flyboy, bekannt für seine Herzensbrecher-Qualitäten, sich nur ihretwegen dermaßen verändert hatte.

"Okay, ich geb’s zu, eigentlich war ich ja hinter Granny her, aber leider ist sie ja schon mit Will verheiratet," seufzte Keeter grinsend.

Skates musste lachen und stellte fest, dass es inmitten dieser ernsthaften Diskussion richtig befreiend war.

Schmunzelnd zog Keeter sie hinüber zur Couch. "Also, jetzt wo wir geklärt haben, wie ernst meine Absichten sind, könnten wir vielleicht über einer Schale Eis genauer definieren, wie langsam genau ‚es langsam angehen’ ist..."


24. Aufgabenteilung -
oder warum X nicht gleich Y ist

14. April 2002
2214 Z-Zeit (18:14 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Hey, seid ihr zwei jetzt endlich fertig?!" Chloe, die für ein paar Tage bei ihrer ‚großen Schwester’ zu Besuch war, schlidderte in Socken über den Parkett-Boden. Vor der Couch, auf der Harm und Mac saßen, kam sie zum Stehen. "Ich habe Hunger!"

Harm und Mac, die eben noch in einen leidenschaftlichen Kuss versunken waren, fuhren auseinander.

"Ich will eure Dauer-Flitterwochen ja nicht stören, aber ich bin ein Teenager und wachse noch – ich brauche Nahrung! Und so wie ihr beide ausseht, braucht ihr das auch," fügte die 14jährige Chloe mit einem frechen Grinsen hinzu.

Harm stöhnte. "Gott, was für ein Glück, das unser Kind nicht als Teenager auf die Welt kommt!"

Mac lächelte und stellte fest, dass Harms Hand sich bei jeder Erwähnung des Babys automatisch auf ihren Bauch zu legen schien. "Keine Sorge, Flyboy, du hast mindestens zehn Jahre Zeit, um dich daran zu gewöhnen. Und du kannst dich während der grausamen Teenager-Zeiten immer wieder daran zurückerinnern, wie süß er oder sie als Baby gewesen ist," tröstete sie ihren Ehemann.

Chloe ließ sich neben Mac auf die Couch fallen. "Ist das Baby ein Junge oder ein Mädchen?" erkundigte sie sich interessiert.

"Ja," stimmte Harm grinsend zu, "eines von beiden ist es bestimmt."

Chloe rollte mit den Augen. "Komm schon, du weißt, was ich meine!"

"Okay, okay, bevor du mir wieder im Schlaf die Zehennägel grün lackierst, so wie letztes Jahr... wir wissen noch nicht, was es wird, weil Baby Rabb immer die Hand vor die ‚strategisch wichtige Stelle’ hält, wenn wir bei der Ultraschalluntersuchung sind. Baby Rabb scheint ein bisschen schamhaft zu sein," erklärte Harm grinsend.

"Ganz im Gegenteil zu seinen Eltern," neckte Chloe, "die küssend auf der Couch sitzen, sobald ich ihnen für zwei Sekunden den Rücken zudrehe! Was wünscht ihr euch denn, einen Jungen oder ein Mädchen?"

Mac warf ihrem Mann einen unsicheren Blick zu. Bei all dem Neuen, das als werdende Eltern auf sie zukam, waren sie bisher nie dazu gekommen, darüber zu reden, ob sie sich einen Sohn oder eine Tochter wünschten. "Na ja, die Hauptsache ist natürlich, das Kind ist gesund," erklärte sie entschieden. Dann fügte sie zögerlicher hinzu: "Aber ich glaube, Harm würde sich schon über einen Sohn, einen Harmon Rabb junior, freuen..."

Harm umschloss ihre Hände mit seinen. "Ich freue mich, ganz egal, ob es ein Sohn oder eine Tochter wird," widersprach er ernst. "Und außerdem haben wir doch schon beschlossen, dass das Kind einen *eigenen* Namen bekommen soll. Du hast doch selbst mal gesagt, dass *ein* Harmon Rabb in deinem Leben genug wäre."

Chloe nickte in Richtung der Baby-Namensbücher, die sich auf dem Couchtisch stapelten. "Glaubt ihr, ihr werdet euch noch für einen Namen entscheiden, bevor das Baby das College abschließt?" erkundigte sie sich spöttisch.

"Natürlich werden wir das, *Tante* Chloe." Mac wuschelte dem Mädchen durchs Haar. "Wie weit bist du eigentlich mit deinen Hausaufgaben?"

"Fertig," behauptete Chloe.

"Wirklich?" Mac sah ihr direkt in die Augen. Sie kannte all die kleinen Tricks ihrer ‚Schwester’.

Chloe begann, auf der Couch herumzuzappeln. "Na ja, *fast* fertig. Irgendwie kriege ich diese blöden Matheaufgaben nicht hin."

"Ich schau mir das gleich mal an und helfe dir, okay?" bot Harm an. "Ein werdender Vater kann schließlich gar nicht früh genug damit anfangen, sich in Hausaufgabenbetreuung zu üben."

Mac erhob sich ebenfalls. "Gut, während ihr euch mit der höheren Kunst der Mathematik herumschlagt, werde ich uns eine Kleinigkeit kochen." Sie marschierte entschlossen in Richtung Küche davon.

Harm und Chloe wechselten betroffene Blicke. "Ich glaube, wir sollten uns besser beeilen!" Chloe flitzte davon, um ihr Mathebuch zu holen.

Harm nahm das Buch entgegen und begann, die Aufgabe, auf die Chloe deutete, vorzulesen: "Wenn Mary dreimal so alt ist wie ihre Tochter Sue und sie vor vier Jahren viermal so alt war wie Sue, wie alt ist Mary jetzt?"

"Vierzig," antwortete Chloe, wie aus der Pistole geschossen.

Erstaunt sah Harm zwischen dem Mathebuch und dem Mädchen hin und her. "Uh, wie hast du das so schnell ausgerechnet? Ich dachte, du hättest Probleme mit Mathe?" Wenn er ehrlich war, hatte er selbst noch keine Ahnung, wie er die Aufgabe angehen sollte.

Chloe zuckte lässig die Schultern. "Ich hab einfach geraten," verkündete sie spitzbübisch.

"Ich bezweifle ernsthaft, dass dein Mathelehrer dir beibringen will, wie man *rät*," wandte Harm skeptisch ein.

"Okay, dann sag du mir, wie du bei einer so dummen Aufgabe vorgehen würdest," forderte Chloe.

"Tja, ich... also... das ist eigentlich ganz einfach... man geht einfach hin und..." Harm starrte ratlos auf die Aufgabe hinab. "... fragt Mac, ob sie eine Ahnung von Mathematik hat." Er erhob sich und ging samt Mathebuch zur Küche.

Mac stand vor dem offenen Kühlschrank und sah die dort lagernden Nahrungsmittel ebenso ratlos an wie Harm eben noch die Matheaufgabe.

"Ähm, Mac...?"

Mac drehte sich um und sah ihren Mann im Türrahmen lehnen. "Was ist? Willst du zuschauen und wieder Witze über meine Kochkünste machen? Oder hast du vor, mir zu helfen?"

"Hey, ich helfe doch schon," behauptete Harm lachend, "- ich stehe in der Nähe des Feuerlöschers parat. Nein, im Ernst, ich hab mich gerade daran erinnert, dass du ja eigentlich bis auf weiteres aus der Küche verbannt wurdest und außerdem solltest du nicht soviel auf den Füßen sein, kaum dass dein Knöchel wieder einigermaßen heil ist..."

Chloe sprang auf den Küchentresen und ließ vergnügt die Beine baumeln. "Wirklich, du wurdest aus der Küche verbannt? Wie hast du das denn geschafft?"

Mit Unschuldsmiene zuckte Mac die Schultern. "Ich hab nur einen klitzekleinen Moment nicht aufgepasst... und da haben die Rühreier ein bisschen angefangen zu rauchen..."

"Das ist wirklich clever!" rief Chloe bewundernd. "Ich wollte, *mir* wäre das eingefallen, bevor Grandma mich ständig zum Küchendienst verdonnert hat!"

"Ähm, Mac, kannst du dir mal diese Matheaufgabe da anschauen," Harm schob seiner Frau einen Küchenstuhl hin und drückte ihr das Mathebuch in die Hand, sobald sie saß. "Chloe versteht die irgendwie nicht so ganz."

Mac nickte. "Ja, deshalb solltest *du* ihr ja auch dabei helfen."

Verlegen rieb Harm sich das Kinn. Nur ungern wollte er zugeben, dass er selbst dabei Hilfe gut gebrauchen könnte. "Na ja, ich hab mir gedacht, dass du deine Hausaufgaben-Betreuungs-Fähigkeiten auch ein wenig trainieren solltest, schließlich werden wir uns diese Aufgabe später mal gleichberechtigt teilen."

"Ha! Harm hat noch weniger Ahnung von Mathe als ich, Mac!" verkündete Chloe lauthals.

"Verräterin!" grummelte Harm. "Dafür sollte ich eigentlich Mac kochen und dich das Gekochte dann essen lassen!"

"Lass mal sehen." Erleichtert tauschte Mac Kochschürze gegen Mathebuch ein. "Oh, das ist ganz einfach. Es handelt sich um eine Gleichung mit zwei Unbekannten."

Harm stupste Chloe an. "Siehst du? Das hab ich dir ja gleich gesagt!"

"Ja, aber für dich war die eine Unbekannte, wie man die Aufgabe rechnet, und die andere Unbekannte war das Ergebnis!" schnaubte die 14jährige.

Mac unterdrückte ein Lachen. "Hey, ihr zwei Mathe-Ignoranten, wollt ihr jetzt wissen, wie man die Aufgabe rechnet oder nicht? Also, das Alter der Mutter ist die eine Unbekannte – nennen wir sie mal X. Und das Alter der Tochter ist die andere Unbekannte, Y. Heute ist also X gleich drei mal Y, weil die Mutter dreimal so alt ist wie die Tochter, könnt ihr mir soweit folgen?"

Chloe und Harm wechselten einen schnellen Blick und nickten dann zögernd.

"Und da vor vier Jahren die Mutter viermal so alt war wie ihre Tochter, lautet die zweite Gleichung X minus vier ist gleich vier mal, Klammer auf, Y minus vier, Klammer zu. Dann löst man die Gleichung nach X auf und setzt die erste Gleichung in die zweite ein. Und so ergibt sich schließlich nach ein paar Rechenschritten, dass die Tochter heute 12 und die Mutter 36 Jahre alt ist," verkündete Mac triumphierend.

Noch ein Blickwechsel zwischen Harm und Chloe, der deutlich sagte ‚Hast du eine Ahnung, wovon sie da spricht?’

Dann sprang Chloe vom Küchentresen. "Weißt du was, Mac? Ich glaube, ich helfe doch lieber Harm beim Kochen."


25. Freundschaftspflichten -
oder warum die JAG’sche Teeküche seit neuestem eine männerfreie Zone ist

22. April 2002
1245 Z-Zeit (08:45 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Mac ließ sich in den Stuhl sinken, den Harm extra für sie in die Küche gebracht hatte, damit sie ihren Knöchel entlastete. Dankbar nickte sie Harriet zu, als diese das 2-Liter-Gurkenglas etwas näher zu ihr hinüber schob. "Also, erzählen Sie mal, Harriet, wie geht’s Ihnen und MacKenzie?"

"Oh, uns geht’s gut," versicherte Harriet kauend, während sie ihren 5-Monats-Bauch tätschelte. "Obwohl ich es ziemlich ungerecht finde, dass Sie im sechsten Monat noch schlanker aussehen als ich im fünften!"

"Ich? Schlank?" Mac fuchtelte mit ihrer Gurke vor ihrem Körper herum. "Mein ganzer Körper ist in die Breite gegangen, seit ich schwanger bin! Mein Bauch hat sich vergrößert, mein Busen, sogar meine Füße! Gibt es eigentlich irgendeinen Teil des Körpers, der während der Schwangerschaft *kleiner* wird?"

Harriet nickte mit der vollen Weisheit zweier Schwangerschaften. "Natürlich gibt es den, Ma’am – Ihre Blase."

"Oh, da haben Sie leider nur allzu recht!" stöhnte Mac grinsend. "Und noch was wird kleiner: Die Liste der Dinge, die Harm mich noch alleine machen lässt. Ich bin froh, wenn ich zuhause noch meinen eigenen Teller zur Spüle tragen darf."

"Ich finde es süß, wie sehr der Commander sich auf das Kind freut," erklärte Harriet schmunzelnd. "Das hätten viele, die ihn in seiner Pilotenzeit kannten, bestimmt nicht von ihm gedacht."

Mac lächelte vor sich hin. "Und wie er sich freut. Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon aufgewacht bin und ihn unter der Bettdecke in einer innigen Konversation mit Baby Rabb gefunden habe! Eines Tages wird er mal dabei ersticken!"

Harriet begann, die Schokolade auszupacken und reichte Mac die halbe Tafel.

Die Türe der kleinen Teeküche öffnete sich und der Admiral spazierte nichtsahnend herein, um seine leere Kaffeetasse aufzufüllen. Als er seine beiden schwangeren Offiziere in der Küche sitzen sah, machte er schweigend wieder kehrt.

Verwundert blickte Mac ihrem kommandierenden Offizier nach. "Haben wir ihn jetzt verscheucht?"

"Ich glaube, es waren die Gurken," meinte Harriet kichernd. "Der Admiral hat seit meiner ersten Schwangerschaft nichts dazu gelernt – er hat immer noch nicht den Magen, um eine Schwangerschaft durchzustehen."

"Den haben wohl die wenigsten Männer – deshalb sitzen wir ja auch hier zu unserem zweiten Frühstück. Harm kann meine Ernährungsgewohnheiten selbst unter normalen Umständen kaum tolerieren, aber seit ich schwanger bin ist *ihm* regelmäßig übel," erzählte Mac lachend.

Harriet pickte sich eine Silberzwiebel aus dem Gurkenglas. "Haben Sie sich eigentlich schon überlegt, wie Sie Karriere und Kind vereinbaren wollen? Ich meine, so sehr Sie sich auch auf das Kind freuen, sicher wird es nicht leicht für Sie, Ihren Job aufzugeben, oder? Auch wenn’s nur für die drei Jahre des Erziehungsurlaubs ist..."

Mac nickte, bedächtig an einer Gurke kauend. "Ich hab Harm mal gesagt, dass ich – wie die meisten Frauen – drei Dinge im Leben haben will."

"Ah, lassen Sie mich raten: Eine nette Schwiegermutter, eine gute Putzfrau und einen Mann, der gut im Bett ist?"

"Harriet!" Mac verschluckte sich an ihrer Gurke. "Nein, ich meinte eigentlich, einen anständigen Mann, eine gutlaufende Karriere und einen Haufen bequemer Schuhe."

"Und? Haben Sie diese drei Dinge erreicht?" erkundigte sich Harriet, während sie sich verschwörerisch zu Mac hinüber lehnte.

Mac nickte. "Hm, ja, schon." <Und die drei von Ihnen genannten Dinge auch!> "Außer vielleicht die bequemen Schuhe... nicht mal für die Umstands-Uniform hat das Marine-Corps es geschafft, so richtig bequeme Schuhe zu entwerfen! Aber worauf ich eigentlich hinaus will, ist folgendes: Die Liste meiner Lebensziele hat sich jetzt um den Punkt ‚Kinder’ erweitert und wenn es irgendwie möglich ist, möchte ich eigentlich keines dieser vier Ziele hinter die anderen zurückstellen."

"Hmmm... also, ich stecke beruflich gerne ein wenig zurück, um bei meinen Kindern zu sein," meinte Harriet mit einem Mund voller Schokolade.

"Verstehen Sie mich nicht falsch, Harriet, natürlich bin ich auch bereit, für mein Kind ein paar Opfer zu bringen," versicherte Mac hastig, "aber meine Karriere völlig auf Eis zu legen... das möchte ich eigentlich nur tun, wenn kein anderer Ausweg mehr bleibt."

Harriet nickte verstehend. "Und wie haben Sie sich das stattdessen vorgestellt? Wird Harms Großmutter sich um das Kind kümmern, während Sie bei der Arbeit sind?"

"Granny?" Mac lachte. "Damit sie das arme Kind schon verkuppelt hat, bevor es überhaupt in den Kindergarten kommt? Gott bewahre! Nein, im Ernst, Harm und ich hatten uns das so vorgestellt, dass wir beide nur noch halbtags arbeiten, so dass immer jemand bei Baby Rabb zuhause ist. Und wenn ab und zu jemand wie Granny seine Babysitter-Dienste anbieten möchte, sind wir natürlich auch nicht sauer..."

Es klopfte und Keeter streckte den Kopf zur Türe herein. "Hallo, meine Damen," grüßte er heiter. "Kann ich reinkommen oder störe ich?"

"Nein, Sie stören nicht, Commander, aber ich fürchte, Sie werden gleich nicht mehr reinkommen wollen, wenn Sie sehen, was wir hier essen," meinte Harriet lächelnd.

Keeter trat näher, um sich das zweite Frühstück anzusehen. "Mmmmhm, Gurken und Schokolade! Darf ich?" Er griff in das riesige Gurkenglas und begann eifrig zu kauen, während er mit der freien Hand von Mac ein Stückchen Schokolade entgegen nahm.

Harriet sah fassungslos zu. "Und Sie sind wirklich sicher, dass Sie ein Mann sind?"

"Fragen Sie Skates, wenn Sie mir nicht glauben," antwortete Keeter, nach einer zweiten Gurke angelnd.

Mac war der freudige Unterton in seiner Stimme nicht entgangen. "Soll das etwa heißen, dass Granny jetzt ihr hundertstes Paar feiern kann?" fragte sie erstaunt.

"Na ja, noch nicht offiziell, nein, aber... ich arbeite daran," verkündete Keeter mit glänzenden Augen.

Mac lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. "Ähm, nicht dass wir es nicht genießen würden, dass uns endlich mal wieder ein männliches Wesen beim Frühstück Gesellschaft leistet, ohne sich Augen und Nase zuzuhalten... aber interessieren würde mich doch, was dich ins JAG-Hauptquartier verschlagen hat..."

"Harm legt heute den Abschlußbericht meiner Artikel-32-Ermittlung eurem C.O. vor und da möchte ich ganz gerne dabei sein, schließlich geht es um meine Karriere," erklärte Keeter. Das stolze Strahlen, das noch Sekunden zuvor über sein Gesicht gehuscht war, war nun einem grimmigen Ernst gewichen.

Der plötzliche Stimmungswechsel war Mac nicht entgangen. "Ich hoffe, du bist nicht immer noch sauer auf Harm, weil er gegen dich ermittelt?" hakte sie vorsichtig nach.

"Sauer? Nein, nicht direkt sauer..." Keeter zögerte. "Aber ich finde schon, dass er bei dieser Ermittlung mit besonderer Schärfe vorgegangen ist."

"Und das hab ich aus gutem Grund getan, mein Freund!" erklärte Harms resolute Stimme vom Eingang her. Er verharrte im Türrahmen und deutete auf Gurkenglas und die Reste der Zartbitter-Schokolade. "Können wir vielleicht draußen weitersprechen, Keeter? Der Admiral würde sich sicher wundern, wenn ich gleich grün um die Nase in seinem Büro antrete."

Keeters sonst immer so heiteres, freundliches Gesicht wirkte vorsichtig, fast ein wenig ablehnend, als er Harm folgte. "Also?" fragte er kurzangebunden, sobald sich die Küchentüre hinter ihnen geschlossen hatte.

Harm sah sich um und stellte fest, dass ein paar der Unteroffiziere im Großraumbüro unauffällig zu ihnen hinüber sahen. "Lass uns in mein Büro gehen, okay?" schlug er rasch vor.

"Warum? Gibt es etwas, was du nicht vor allen Leuten sagen kannst?" Keeter runzelte die Stirn. "Sag mir nicht, deine Ermittlungen hätten jetzt doch etwas ergeben, was auf einen Pilotenfehler hindeutet!"

"Nicht hier, Keeter!" Mit ein wenig mehr Nachdruck zeigte Harm auf sein Büro und ging voraus, in der Hoffnung, dass sein verstimmter Freund ihm folgen würde.

Tatsächlich schloss Keeter Harms Bürotüre hinter sich und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand.

Harm ließ sich in seinen Schreibtischsessel sinken und nickte einladend in Richtung des Stuhls vor seinem Schreibtisch. Vergebens wartete er darauf, dass Keeter Platz nahm. Sein alter Freund verharrte wie ein trotziges Kind neben der Türe. "Verdammt noch mal, Keeter!" Mit einer wütenden Handbewegung fegte Harm ein paar Gegenstände von der Schreibtischoberfläche. "Könntest du bitte mal aufhören, mich wie deinen Erzfeind zu behandeln?! Ich tue nur meine Pflicht; ich dachte, wir hätten das geklärt!"

Mit zwei langen Schritten war Keeter direkt vor dem Schreibtisch und starrte verärgert auf Harm hinab. "Das hatten wir auch, solange du wirklich nur deine Pflicht getan hättest! Aber *du* warst derjenige, der *mich* wie seinen Erzfeind behandelt hat! Du hast meine Maschine Stück für Stück auseinander genommen; du hast mit den Ärzten über meine Flugtauglichkeit gesprochen; du hast wie ein Bluthund jedem noch so winzigen Detail nachgeschnüffelt, das darauf hindeuten könnte, dass ich schuld an einem der Abstürze war!" Keeter klatschte eine Hand auf den Schreibtisch, als Harm zu einem Einwand ansetzen wollte. "Und sag mir nicht, dass du nur deine Pflicht getan hast! Ich habe schon genug Artikel-32-Ermittlungen erlebt, um zu wissen, dass du mehr als nur gründlich warst!"

Harm lehnte sich in seinem Sessel zurück und zwang sich zur Ruhe. "Okay, ich geb’s zu: Ich hab mehr getan als nur meine Pflicht als Offizier."

Keeters graue Augen weiteten sich ungläubig. "Du gibst es sogar zu?" Eigentlich hatte er bis zuletzt gehofft, es gäbe irgendeine andere Erklärung für das Verhalten seines ältesten Freundes.

"Na klar. Ich habe nicht nur meine Pflicht als Offizier, sondern auch noch meine Pflicht als dein Freund getan." Diesmal hob Harm die Hand, als Keeter ihn unterbrechen wollte. "Ja, ich war besonders gründlich bei dieser Ermittlung. Aber nicht, weil ich deine Schuld feststellen wollte, sondern weil ich davon überzeugt war, dass du unschuldig bist. Keeter, ich kenne dich. Wenn du einen Fehler gemacht hättest, der zum Absturz geführt hat, hättest du das sofort zugegeben. Nur leider verlassen deine Vorgesetzten sich nicht auf dein Ehrenwort, sie brauchen harte Fakten."

Harm erhob sich und kam um den Schreibtisch herum. "Keeter, ich konnte mir bei dieser Ermittlung einfach nicht leisten, auch nur den Hauch eines Eindrucks zu erwecken, ich hätte ein Auge zugedrückt und nachlässig ermittelt, weil du mein Freund bist. Mit einer legeren Ermittlung hätte ich weder dir noch mir einen Gefallen getan. Wenn jemand die Objektivität meiner Beurteilung in Zweifel gezogen hätte, hätte das deiner Karriere fast ebenso geschadet als wenn deine Schuld bewiesen worden wäre."

Einen langen Moment lang sagte Keeter nichts, stand nur schweigend da. Dann bückte er sich und legte die Scherben der Porzellanfigur, die Harm in seinem Ärger zu Boden geschleudert hatte, auf den Schreibtisch zurück. "’Tschuldige, Harm. Ich schätze, ich schulde dir ein... was immer das auch war, hm?"

Harm sah auf den kleinen Scherbenhaufen hinab und grinste, froh darüber, dass die Ermittlung nicht länger ihre Freundschaft bedrohte. "War ein Geschenk von Granny."

"Oh!" Keeter blickte alarmiert drein. Auf keinen Fall wollte er die Frau, der er womöglich sein Liebesglück zu verdanken hatte, verärgern.

"Keine Sorge, es hat seine Pflicht und Schuldigkeit bereits getan und außerdem hat sie in Macs Büro noch mindestens ein halbes Dutzend dieser Dinger verteilt," beruhigte Harm amüsiert. "Es war ein Figur, die eine Fruchtbarkeitsgöttin symbolisiert."

Keeter lachte. "Na ja, Scherben bringen ja bekanntlich Glück – vielleicht werden es ja doch noch die von Granny prophezeiten Zwillinge. Und jetzt komm, Alter, du hast noch einen Ermittlungsbericht zu erstatten!"


26. Ring-Kämpfe -
oder warum man sich nie in einer Arztpraxis küssen sollte

30. April 2002
2030 Z-Zeit (16:30 Uhr EDT)
Praxis von Dr. DelRey
Washington D.C.

Nervös rotierte Harm auf dem Drehhocker, der bei den Vorsorgeuntersuchungen immer sein angestammter Platz war, um die eigene Achse. "Wo bleibt der Doc nur so lange?"

Von ihrer halbliegenden Position griff Mac nach seiner Hand. "Hey, gib ihm ein paar Minuten. Vielleicht muss er sich erst noch meine Blutwerte ansehen oder so."

"Glaubst du, er hat in deinem Blut irgendetwas gefunden, was da nicht sein sollte?" fragte er Mac mit sorgenvoll gefurchter Stirn.

"Harm, du hast doch gesehen, wie voll das Wartezimmer war, bestimmt wird Dr. DelRey von irgendetwas Anderem aufgehalten," versicherte Mac. <Zumindest hoffe ich das!>

Die Türe öffnete sich und Dr. DelRey setzte eine verdutzte Miene auf, als er die beiden Rabbs betrachtete. Stirnrunzelnd sah er hinab auf die Akte in seiner Hand, dann zur Patientin auf der Liege. "Seltsam... bin ich hier nicht im richtigen Behandlungszimmer? Ich suche die Rabbs... Sie wissen schon, das Paar, das sich jedes Mal gerade küsst, wenn ich hereinkomme."

Mac lachte, während Harm ihm einen tadelnden Blick zuwarf. "Sehr witzig, Doc. Ich finde meinen Humor dann wieder, wenn Sie uns gesagt haben, dass mit Baby Rabb alles okay ist."

Dr. DelRey wurde ernst und nahm neben Mac Platz. "Gibt es einen besonderen Grund zur Sorge?" wollte er wissen.

"Nein, eigentlich nicht," versicherte Mac, "außer einem leicht schmerzhaften Ziehen geht es mir gut."

"SCHMERZHAFTES ZIEHEN?!" wiederholte Harm alarmiert. "Davon hast du mir gar nichts gesagt!"

Vorsichtig tastete der Arzt über Macs gewölbten Leib. "Hier?" fragte er, leicht auf ihren Unterbauch drückend.

Mac nickte.

"Ah, kein Grund zur Sorge, das sind nur die sogenannten Mutter-Bänder, die sich dehnen. Das Baby braucht jetzt mehr Platz; immerhin ist es in der 24. Schwangerschaftswoche um die 30 Zentimeter groß."

"Wem sagen Sie das..." Mac schaffte es, gleichzeitig zu seufzen und zu schmunzeln, als sie auf die weite Hose und Bluse, die sie trug, hinabsah.

DelRey schlug die Patientenakte auf und betrachtete die letzte Seite. "Die Ergebnisse der Blutuntersuchung zeigen, dass Ihre Eisenwerte ein wenig niedrig sind. Keine Angst, das ist ziemlich häufig während einer Schwangerschaft und lässt sich ganz einfach beheben, indem ich Ihnen Eisentabletten verschreibe. Und wenn Sie diese Woche Zeit haben, würde ich gerne noch ein Glukose-Screening durchführen, Mrs. Rabb."

"Wieso?" Fragend sah Mac zu ihrem Arzt auf. "Zeigen die Blutwerte etwa auch einen Glukose-Mangel an?"

"Nein, der orale Glukose-Toleranz-Test wird dazu verwendet, um sicher zu gehen, dass Sie keine Schwangerschaftsdiabetes entwickeln," erklärte Dr. DelRey.

Mac sah nicht sonderlich begeistert aus. "Und was beinhaltet dieser Test?" erkundigte sie sich argwöhnisch.

"Mögen Sie sehr süße Limonade?" fragte der Arzt lächelnd.

"Mac mag prinzipiell alles, was süß und ungesund ist," warf Harm schmunzelnd ein.

DelRey lachte. "In diesem Fall ist das gut, dann werden Sie diesen Test mögen, Mrs. Rabb. Sie kommen diese Woche einfach morgens, bevor Sie etwas gegessen haben, zu mir in die Praxis und nachdem wir den Nüchtern-Blutzucker festgestellt haben, trinken Sie ein Glas Traubenzucker-Wasser. Nach einer Stunde wird dann erneut Ihr Blutzucker-Wert bestimmt, das ist alles."

Er half Mac, sich aufzusetzen und maß ihren Bauchumfang. Schließlich legte er das Maßband wieder weg und sah auf den sitzenden Harm hinab. "Darf ich mal?" Er deutete auf Macs Hand, die Harm in der seinen hielt.

"Solange ich sie zurück bekomme..." Harm überließ ihm Macs Finger.

Dr. DelRey sah auf Macs Hand hinab, drückte und rieb ihre Finger mit seinem Daumen. "Ich habe bemerkt, dass Ihre Finger beginnen, ein wenig anzuschwellen. Es ist wohl das beste, wenn Sie Ihre Ringe bis zur Geburt abnehmen; wäre doch schade, wenn man Ihnen den Ehering vom Finger schneiden müsste, oder?"

"Meinen Ehering abnehmen?!" Mac schloss automatisch die Faust schützend um den Ring, der ihr so viel bedeutete. "Aber..."

"Kein Aber, Marine!" Harm küsste sanft ihre Finger, bis sie sich widerstrebend öffneten. "Es ist ja nur bis zur Geburt. Wenn du willst, kann ich den Ring für dich aufbewahren und ich verspreche, dass ich gut darauf aufpassen werde, okay?"

Mac ließ sich langsam auf der Liege zurücksinken. "Okay."


27. Halbsätze -
oder warum auch Sadisten hübsch sein können

02. Mai 2002
2014 Z-Zeit (16:14 Uhr EDT)
Randy Hawkes’ Haus
Ein wenig außerhalb von Washington D.C.

Langsam, aber ohne jegliche Hilfe von Krücken, ging Keeter den Kiesweg entlang und stapfte die drei Stufen der Veranda hinauf. Als er die Türe erreichte, stellte er zufrieden fest, dass sein Bein kaum noch schmerzte.

Die Türe öffnete sich, noch bevor Keeter seinen Schlüssel aus der Hosentasche hervorkramen konnte. Wie immer, wenn er Skates so unvermittelt gegenüberstand, begann sich Unsicherheit in dem sonst so selbstsicheren Piloten zu regen. Seine Gedanken überschlugen sich förmlich. <Wie begrüße ich sie jetzt, nachdem ich sie in der Küche ihrer Cousine geküsst habe? Wie grüßt man eine Frau, die es ‚langsam angehen’ will? Sag ich einfach nur hallo und tue cool? Umarme ich sie? Oder überrumple ich sie mit einem leidenschaftlichen Zungenkuss?>

"Ähm... hi, Skates." Er küßte sie rasch auf die Wange, als er sich an ihr vorbei ins Haus schob.

"Hey." Lächelnd folgte Skates ihm ins Wohnzimmer. "Na? Wieder eine Stunde mit deiner Physiotherapeutin überlebt?"

Keeter ließ sich auf die Couch fallen. "Gerade noch so. Ich sage dir, die Frau ist eine Sadistin und wenn sie nicht so hübsch wäre, wäre ich überhaupt nicht mehr hingegangen!"

Skates setzte sich aufs freie Ende des Sofas und stupste Keeter mit einem sockenbekleideten Fuß an. "So, hübsch ist sie also? Hast du nie erwähnt."

Graue Augen weiteten sich. "Hübsch? Habe ich hübsch gesagt?" wehrte Keeter ab. "Ich meinte nur, dass sie einigermaßen erträglich aussieht... wenn man Frauen in Weiß mag."

"Und du magst Frauen in Weiß nicht?" Skates genoss es, den kräftigen Piloten aufzuziehen.

<Na ja, eine bestimmte gäbe es da schon, die ich ganz gern mal in Weiß sehen würde...,> dachte Keeter und verkniff sich ein Grinsen. "Ganz und gar nicht, außer es ist die weiße Ausgehuniform einer Navy-Frau, versteht sich. Von daher bin ich wirklich, wirklich froh, dass ich den Anblick meiner Physiotherapeutin nicht mehr länger ertragen muss – ich habe nämlich soeben erfolgreich meine letzte Stunde absolviert," verkündete er triumphierend.

"Wow, gratuliere!" Skates rutschte näher und klopfte ihm lobend auf die Schulter. "Wie wäre es zur Feier des Tages mit..."

"... einem Kuss?" Keeter legte einen Arm um Skates schlanke Schultern, um sie ein wenig näher zu ziehen. Als sie keine Anstalten machte, sich aus seiner Halb-Umarmung zu befreien, lehnte er sich vor und küsste sie; erst sanft, dann mit etwas mehr Leidenschaft.

Als sich ihre Lippen schließlich ein wenig atemlos voneinander lösten, lächelte Keeter auf die Frau in seinen Armen hinab. "Es ist zwei Wochen, fünf Tage, einundzwanzig Stunden und fünfzehn Minuten her, seit ich dich zuletzt geküsst habe... gilt das als ‚es langsam angehen lassen’?" erkundigte er sich schelmisch.

"Hmm, ich schätze, ich kann das noch mal gelten lassen," räumte Skates lächelnd ein. Sie lehnte die Wange gegen Keeters breite Schulter und schloss für ein paar Sekunden zufrieden die Augen, während Keeter mit einem Finger die Konturen ihres Nackens nachfuhr. "Keeter?" murmelte sie schließlich in den Stoff seines Sweatshirts.

"Hmmm?" Keeter zuckte ein wenig zurück, als ihm plötzlich bewusst wurde, wie nah seine Lippen ohne sein bewusstes Zutun ihrem Nacken gekommen waren.

"Die John C. Stennis läuft in zehn Tagen in Richtung Japan aus... wenn ich dann nicht an Bord bin, brauche ich nie wieder einen Fuß auf das Schiff setzen zu wollen. Der Käpt’n hat unmissverständlich klar gemacht, dass kein weiterer Sonderurlaub für mich drin ist..." Bedauernd zuckte Skates die Schultern. "Aber ich schätze, jetzt, wo dein Bein so gut wie verheilt ist, brauchst du mich ohnehin nicht mehr..."

Keeter hob mit einem Finger behutsam Skates Kinn an, so dass sie ihm direkt in die Augen blicken musste. "Ich brauche dich immer, ganz egal, ob ich ein oder zwei heile Beine habe, okay? Wie’s aussieht, bist du eine Frau, der man immer wieder sagen muss, wie viel sie einem bedeutet, ehe sie es dann wirklich glaubt, hm?"

Verlegen senkte Skates den Blick. "Sieht wohl so aus. Weißt du, irgendwie ist es seltsam für mich..."

"Was? Kannst du etwa nicht glauben, dass die Männer dich attraktiv finden?" erkundigte Keeter sich mit ungläubigem Necken.

Skates ließ ein für sie typisches Schnauben hören. "Oh, doch, *das* glaube ich gern! Aber es gibt einen Himmel hohen Unterschied zwischen ‚attraktiv finden’ und ‚ernsthaft an einer langfristigen Beziehung interessiert sein’."

"Ich bin gerade dabei, das festzustellen." Ernst sah Keeter in die dunklen Augen der Jägerleitoffizierin. "Skates, um unsere Beziehung so richtig... offiziell zu machen... würdest du mit mir..."

Skates schluckte. Trotz Keeters Vergangenheit als Flyboy-Casanova war sie nun doch etwas überrascht, wie schnell und direkt er sie gefragt hatte. "Du meinst... ähem... bevor wir uns verabschieden müssen...?"

"Ja." Keeter nickte eifrig. "Es würde mir wirklich viel bedeuten, Skates. Ich meine, ohne *das* wäre es irgendwie keine richtige Beziehung für mich."

Skates musterte den hochgewachsenen Piloten. <Na ja, irgendwie hat er recht, Sex gehört nun mal zu einer Beziehung irgendwie dazu – und wer weiß, wie lange wir uns nicht sehen werden. Schließlich will ich Keeters bewundernswerte Enthaltsamkeit ja nicht unnötig strapazieren!> Ein Schmunzeln schlich sich auf ihre Lippen. <Und außerdem ist es ja nicht so, als ob ich Keeter körperlich abstoßend finden würde oder mir nichts an ihm läge!> Sie legte Keeter ihre flache Hand auf die Wange. "Lass mir noch ein paar Tage Zeit, okay?"

"Okay." Keeter drehte den Kopf und hauchte einen Kuss auf ihre Handfläche. <Ist ja schließlich egal, ob wir es Granny ein paar Tage früher oder später erzählen und damit unsere Beziehung offiziell machen. Man, es wird mir wirklich viel bedeuten, wenn Skates mit mir zu Granny geht und ich sie vor dieser wunderbaren alten Dame werde sagen hören, dass sie eine Beziehung mit mir möchte! Ohne Grannys Segen wäre es einfach keine richtige Beziehung!>

Schweigend saßen die beiden Offiziere zusammen auf der Couch, ohne zu ahnen, dass der jeweils andere das Gespräch vollkommen anders aufgefasst hatte.


28. Insomnia -
oder warum Babys nicht shoppen gehen

05. Mai 2002
0508 Z-Zeit (01:08 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Harm erwachte plötzlich. Zunächst dachte er, Gypsie wäre aufs Bett gesprungen und das Schaukeln des Wasserbettes hätte ihn geweckt, aber dann spürte er erneut die Bewegung unter der warmen Haut, auf der seine Hand ruhte.

Baby Rabbs Schlaf-Wach-Rhythmus schien nicht mit dem der restlichen Familie überein zu stimmen.

"Ziemlich überaktiv unser Nachwuchs," murmelte Mac, sich schläfrig zu ihrem Ehemann umdrehend.

Harm setzte sich auf und hauchte einen Kuss auf Macs Schläfe, dann auf ihren Bauch. "Hey, Baby Rabb, warum bist du denn so spät noch wach?" fragte er das Baby – oder vielmehr Macs gewölbten Bauch. "Es ist mitten in der Nacht!"

"Nur kann das Baby das von seiner momentanen Behausung aus leider nicht sehen; wie kann er oder sie da wissen, wie spät es ist?" wandte Mac amüsiert ein.

Warmer Atem streifte Macs Bauch, als Harm schnaubte. "Mac, dieses Baby hat zur Hälfte deine Gene geerbt, wie könnte es da nicht wissen, wie spät es ist?"

"Und warum schläft es dann nicht, hm?"

Harm zuckte die Schultern. "Tja, vermutlich, weil es auch deine Sturheit geerbt hat und jetzt einfach nicht schlafen will."

"Und was machen wir da? Baby Rabbs Mutter *möchte* jetzt nämlich schlafen!" verkündete Mac entschlossen.

"Versuchen wir es doch mal mit einem guten altmodischen Schlaflied!" Harm beugte sich über Macs Bauch und begann zu singen.

Mac zuckte leicht zusammen, als das Baby ihr einen enthusiastischen Tritt gab. "Hey!"

Harm rutschte noch näher, bis seine Lippen fast Macs Haut berührten, während er sang. "Halt still!" befahl er zwischen zwei Strophen spielerisch.

"Das kitzelt aber!"

"Da musst du durch, geliebter Marine, ich knüpfe gerade zarte Bande mit meiner Tochter – sie mag meinen Gesang," erklärte er, gerade als das Baby wieder zu strampeln begann.

"Oder vielleicht mag es auch nur, wenn seine Mutter sich windet, weil sie gekitzelt wird," gab Mac zu bedenken. Plötzlich schoss sie in die Höhe. "Au!"

Alarmiert wich Harm zurück. "Mac? Mac! Was ist?!"

"Au, verdammt!" Mac umklammerte mit beiden Händen ihren Fuß. "Ein Krampf!"

Mit geschickten Fingern übte Harm Druck an verschiedenen Stellen ihres Fußes aus. Innerhalb von Minuten entspannte sich Macs schmerzverzerrtes Gesicht und sie ließ sich wieder in die Kissen zurücksinken. "Puh, wow, das tat vielleicht hundsgemein weh!"

"Der Doc hat gesagt, dass das passieren könnte, stimmt’s?"

Mac nickte. "Mmhm. Eine der Freuden der werdenden Mutterschaft," erklärte sie ironisch.

"Hey, apropos Mutterschaft!" Harms Gesicht leuchtete auf, als er erneut näher an Macs Bauch heranrobbte. "Weißt du, was heute für ein Tag ist, Baby Rabb? Okay, okay, du weißt es nicht, ich sage es dir: Es ist dein erster Muttertag – oder vielmehr: Macs erster Muttertag. Und lass mich dir gesagt sein, du hast gehörig was zu feiern an diesem Tag, denn du hast die beste Mutter der Welt!"

"Haaaarm..." Verlegen rieb Mac über ihren Bauch.

"Psst, das ist die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, Frau Anwältin, also unterbrich mich nicht. Also, Baby Rabb, traditionellerweise erhält die Mutter an diesem Tag ein Geschenk von ihren Kindern – und weil ich weiß, dass es dir nicht möglich war, mal eben unbemerkt ins Einkaufszentrum zu gehen, wenn Mac gerade nicht hingesehen hat, hab ich beschlossen, dir dieses Jahr noch ein wenig zu helfen. Aber nächstes Jahr bist du dann an der Reihe." Noch bevor Mac erneut protestieren konnte, öffnete Harm die Nachttischschublade und fischte eine kleine, schmale Box heraus. "Alles Gute zum Muttertag, Mac."

"Das hättest du nicht tun müssen," murmelte Mac, küsste ihren Mann aber dennoch dankbar und begann neugierig, Schleife und Geschenkpapier zu lösen. Innerhalb von Sekunden hielt sie eine zierliche Kette in Händen.

"Falls du jetzt glaubst, ich wäre zu geizig gewesen, um noch einen Anhänger dazu zu kaufen – das war Absicht," erklärte Harm. "Die Kette ist aus demselben Material wie dein Ehering. Ich weiß, dass es schwer für dich war, den Ehering abnehmen zu müssen und auf diese Weise kannst du ihn weiterhin tragen, auch wenn’s nicht am Finger ist..."

Mac kämpfte plötzlich gegen Tränen der Rührung an. "Baby Rabb," murmelte sie, den Blick nicht von Harms Augen abwendend, "du hast nicht nur die beste Mutter, sondern auch den besten Vater der Welt. Und wo wir drei im Moment ohnehin nicht schlafen können, können wir unsere Zeit auch ebenso gut produktiver nutzen..." Sie zog Harm gegen ihren gerundeten Körper und begann, ihre Lippen seinen Hals hinabwandern zu lassen.


29. Das Wunder des Lebens -
oder warum Pizza Hut und Lamaze-Kurs sich nicht vertragen

12. Mai 2002
1849 Z-Zeit (14:49 Uhr EDT)
Mercy-Hospital
Washington D.C.

Neugierig sah Mac sich in dem großen Raum um. "Sieht ein bisschen wie ein Klassenzimmer aus, findest du nicht?"

"Außer, dass hier Stühle fehlen," bemerkte Harm, sich ebenfalls umsehend.

"Dafür sind ja auch die Matten da." Mac zeigte auf die roten Gummimatten, die überall im Raum verteilt waren.

Harm nickte. "Ich weiß. Ich hab so was mal in einem Film gesehen. Wir sitzen hier auf den Matten und sie bringen uns bei, wann und wie – und wahrscheinlich auch noch *was* - wir atmen müssen."

Einige andere Paare befanden sich bereits im Raum. Harm beobachtete amüsiert, wie Mac die Größe der Babybäuche mit ihrem eigenen verglich, während sie die Runde machten und sich vorstellten.

Als die große Uhr an der Wand anzeigte, dass die erste Stunde ihres Lamaze-Geburts-Vorbereitungs-Kurses gleich anfangen würde, ließen sie sich auf einer der freien Matten nieder. Harm streckte die Beine vor sich aus und zog Mac gegen sich, so dass sie eine Rückenlehne hatte.

Es dauerte einige Minuten, bis die Türe sich öffnete und eine kleine Frau hereinstürmte. Sie versuchte, im Laufen ein paar wirre Strähnen ihres blonden Haares zurückzustreichen, aber das brachte den Stapel Akten, den sie unter den Arm geklemmt hatte, ins Rutschen.

Harm, der nicht-schwangere Partner, der ihrem Tisch am nächsten saß, sprang auf und griff hilfreich zu, bevor die Akten zu Boden fallen konnten.

"Danke," sagte die blonde Frau und erst jetzt stellte Harm fest, dass er die Leiterin ihres Kurses kannte. Sie lächelte erst Harm und dann dem Rest der Klasse zu. "Hallo. Ich bin Gwen McKenna, Hebamme hier im Mercy-Hospital und für die nächsten Wochen die Leiterin Ihres Vorbereitungskurses. Tut mir leid, dass ich etwas spät dran bin, aber ein Baby hat ganz spontan beschlossen, dass es aufregend wäre, einfach mal drei Wochen zu früh zu kommen und seine Mutter war der Meinung, dass ich dieses Ereignis nicht verpassen sollte – ich bin nicht ganz sicher, warum, schließlich ist das schon ihr viertes Kind, während ich selbst nur ein einziges habe."

Gelächter schallte durch den Raum. Der Humor der Hebamme brachte die werdenden Eltern dazu, sich zu entspannen.

"Okay." Gwen McKenna krempelte die Ärmel ihres weißen Kittels hoch, eine Geste, die sie jung und leger wirken ließ und die Atmosphäre weiter entspannte. "In den nächsten Wochen werden Sie bei mir vor allem zwei Dinge lernen: Die Frauen das richtige Atmen und die Männer, dass man auf keinen Fall, unter gar keinen Umständen, einer Frau in den Wehen widerspricht, wenn man in der Lage sein will, das Vatersein noch zu genießen."

Erneut brach Gelächter aus, wobei das der männlichen Teilnehmer diesmal etwas nervös klang.

"Gut, jetzt mal ganz im Ernst. Wir werden uns hier natürlich mit Atem- und Entspannungstechniken beschäftigen, aber Sie werden auch die Grundlagen der Babypflege und des Umgangs mit Neugeborenen lernen," erklärte die blonde Hebamme. "Zum Beginn werde ich Ihnen jetzt zunächst einmal ein paar Filme zeigen, um Ihnen einen ersten Eindruck zu geben."

Das Licht wurde gedämpft und schon begann der erste der Filme. Der Titel "Das Wunder des Lebens" flimmerte über die kleine Leinwand.

Mit wachsender Unruhe sah Harm der halbnackten Frau mit dem hochroten, etwas aufgedunsenen Gesicht dabei zu, wie sie schwitze und sich abkämpfte. Anfangs lauschte er dem Keuchen, Stöhnen und Schreien noch mit fast klinischem Interesse, doch dann fiel ihm plötzlich ein, dass Mac dasselbe würde durchmachen müssen und den Rest des Filmes rutschte er unbehaglich auf der Matte hin und her.

Der zweite Film war nicht viel besser, denn er zeigte einen Kaiser-Schnitt. Harm schauderte bei dem Gedanken, dass jemand mit einem Skalpell seiner kleinen Familie zuleibe rücken könnte.

Als schließlich das Licht wieder anging, stellte er fest, dass er nicht der einzige Partner war, der ein bisschen blass geworden war.

"Also, wie war das für Sie? Haben Sie irgendetwas für Ihre eigene Geburt mitnehmen können aus den Filmen? Haben Sie irgendetwas gelernt?" erkundigte sich Gwen, während sie auf der Kante ihres Tisches Platz nahm.

"Ja, das ich nächstes Mal vor dem Kurs nichts mehr essen werde, ganz egal, wie sehr mich meine Frau anfleht, kurz bei Pizza Hut anzuhalten!" murmelte der Mann neben Harm.

Gwen und der Rest der ‚Klasse’ lachten. "Gab es irgendetwas was Sie überrascht hat?"

"Na ja, mich hat ein bisschen beunruhigt, wie lange das alles dauert... 7 Stunden ist eine ziemlich lange Zeit...," meinte eine junge Frau.

"Sieben Stunden ist der Durchschnitt für eine Frau, die bereits eine Geburt hinter sich hat. Bei Erstgebärenden dauert die Geburt meist mindestens zwölf Stunden," korrigierte Gwen mit einem bedauernden Lächeln.

Mac ließ den Kopf gegen Harms Brust sinken. "Harm, willst du diesen Teil nicht übernehmen?"

"Huh? Welchen Teil?"

"Na, diesen ganzen Wehen-Schmerzen-Teil. Ich glaube, das würdest du viel besser hinkriegen als ich," sagte Mac im Brustton der Überzeugung.

Harm blieb eine Antwort erspart, als Gwen McKenna weitersprach. "Okay, wir machen jetzt eine kurze Pause, damit einige der Herren und Damen Gelegenheit haben, einen heiligen Eid darauf zu leisten, dass Ihr Kind ein Einzelkind bleibt. Und dann führe ich Sie noch durch die Entbindungsstation."

Ein paar Minuten später folgte die Gruppe der Hebamme durch die sterilen Korridore der Klinik hinüber in den Flügel der Entbindungsstation, in dem sich die Kreißsäle befanden.

Gwen öffnete eine Tür und erklärte mit einer stolzen Handbewegung: "So sieht also die Gebärlandschaft hier im Mercy aus."

Mac sah sich um und musste zugeben, dass sie beeindruckt war. Zwar waren einige der Einrichtungsgegenstände und ihr genauer Zweck ihr unklar, aber der ganze Raum wirkte längst nicht so kühl und steril, wie sie befürchtet hatte.

Es gab keine Neonstrahler, die künstliches Licht verteilten, keine weißgekachelten Wände und keine unifarben-weißen Betten. Stattdessen war das Licht gedämpft und warm und überall waren bunte, beruhigende Farben.

Gymnastikbälle waren im Zimmer verteilt, ein breites Bett befand sich auf der Stirnseite und weiter hinten war eine riesige Wanne eingelassen.

"Was ist denn das da?" wollte eine der schwangeren Frauen wissen, auf einen kleinen Einrichtungsgegenstand zeigend.

"Das ist unser Gebärhocker. Die Gebärende sitzt darauf, ihr Partner kann hinter ihr sitzen und die Hebamme kniet vor der Frau," erläuterte Gwen. "Und das da drüben ist unsere Geburtswanne; sie haben also bei uns auch die Möglichkeit, sich für eine Wassergeburt zu entscheiden. Die Geburtswannen werden immer beliebter und das, wie ich finde, völlig zurecht."

Harm beugte sich nach vorne, so dass er Mac über ihre Schulter hinweg ins Gesicht sehen konnte. "Und? Wäre das was für dich?"

"Nein," entschieden schüttelte Mac den Kopf. "Schließlich bin ich ein Marine und kein Seal!"

Gwen, die ihre Worte gehört hatte, drehte sich lächelnd zu ihr um. "Ich kann die Geburtswanne auch für Marines empfehlen, Ma’am. Das Wasser entspannt die Beckenbodenmuskulatur, so dass der Muttermund sich leichter öffnet."

Mac schüttelte dennoch den Kopf. "Das kann schon sein, aber mir ist das Bett irgendwie trotzdem sympathischer. Ich hätte es gerne, wenn Harm während der Geburt hinter mir sitzen und mich im Arm halten kann. In der Wanne ist nicht soviel Körperkontakt möglich," erklärte sie ihrer Ex-Mandantin.

"Ja, das stimmt," gab Gwen zu. Dann fügte sie amüsiert hinzu: "Viele Frauen überlegen sich das mit dem Körperkontakt während der Geburt aber auch noch mal. Ich habe schon Frauen brüllen hören, dass ihr Mann sie nie wieder anrühren darf!"

Harm verzog das Gesicht. "Wie einfühlsam von Ihnen, das einem werdenden Vater so unverblümt zu sagen!"

Gwen lachte nur und führte sie weiter.


30. Rosenblüten und Rückzieher -
oder warum ein kluger Kopf mal ‚Bitte-nicht-stören’-Schilder erfunden hat

12. Mai 2002
0010 Z-Zeit (20:10 Uhr EDT)
Randy Hawkes’ Haus
Ein wenig außerhalb von Washington D.C.

"Ein bisschen blöd komme ich mir ja schon dabei vor..." Skates hielt inne und sah auf die Rosenblüten hinab, die sie eben auf den Seidenlaken des Bettes verteilt hatte. Aber Keeters ‚Antrag’ war irgendwie so nüchtern und sachlich gewesen, dass sie beschlossen hatte, ein wenig mehr Romantik ins Spiel zu bringen.

<Eigentlich seltsam, dass gerade Keeter, der sich als der einfühlsamste Mann entpuppt hat, dem ich je begegnet bin, mich einfach so ganz nebenbei fragt, ob ich mit ihm schlafen würde!> Seufzend wandte sich Skates vom Bett ab. "Selbst schuld, Elizabeth Hawkes!" tadelte sie sich streng. "Du bist schließlich diejenige, die dem Ärmsten das ganze letzte Jahr über gepredigt hat, dass du auf seine charmanten Worte und romantischen Tricks nicht ‚hereinfällst’ – da hat er wohl beschlossen, es mit sachlicher Unverblümtheit zu probieren."

Ungeachtet der Umstände war Skates jedoch wild entschlossen, ihre letzte Nacht in Washington mit Keeter zu verbringen – in jeder Hinsicht. Keeter hatte ihr 15 Monate lang beständig gezeigt, dass es ihm ernst war; jetzt war es an ihr, ihm ein ähnliches Signal zu geben.

Sie flitzte durch den Gang, um Keeter die Türe zu öffnen, als sie seine Schritte im Kies des Hofes hörte. Sie hatte ihn unter dem Vorwand, er müsse Nia babysitten, ins Nachbarhaus zu Randy und Gwen geschickt, damit sie Gelegenheit hatte, ein paar Vorbereitungen zu treffen.

"Und?" begrüßte sie Keeter, lächelnd am Türrahmen lehnend. "Wie war’s?"

Keeter grinste breit. "Man könnte meinen, die Kleine wäre wirklich blutsverwandt mit deiner Seite der Familie – sie war der reinste Engel. Wir haben den ganzen Nachmittag lang Barbie gespielt."

"Ah, lass mich raten: Du warst Ken," vermutete Skates.

"Schön wär’s." Keeter seufzte theatralisch. "Nein, ich war das Barbie-Pferd und Nia war Tierarzt-Suzie."

"Oh." Skates schmollte spielerisch. "Dann hast du jetzt ganz sicher keine Lust mehr, mit noch einer Frau ‚Doktor’ zu spielen, hm?"

Keeter verschluckte sich fast an seiner eigenen Zunge. "S-skates!"

Die Jägerleitoffizierin musste über seinen geschockten Gesichtsausdruck lachen. "Komm schon, Keeter, krieg dich wieder ein! Ich dachte immer, Piloten wären nicht prüde..."

"Ich bin nicht prüde!" protestierte Keeter eilig. "Ich... ich bin es nur nicht gewohnt, solche Worte von dir zu hören."

"Aha, meine Worte stören dich also? Vielleicht sollten wir dann zu den nonverbalen Aktivitäten übergehen?" Sie zog den überrumpelten Keeter zur Türe herein und direkt in ihre Arme. Als er den Mund öffnete, richtete sie sich auf die Zehenspitzen auf und küsste ihn kurzerhand.

Keeter vergaß seine Verwirrung über Skates ungewöhnliches Verhalten, als er ihren Kuss erwiderte. Nur, um nicht ersticken zu müssen, trennten sie sich Minuten später wieder voneinander. Keeter blinzelte verblüfft, als er feststellte, dass sie irgendwie vor die Schlafzimmertüre gelangt waren, seine Jacke hinter ihm im Flur lag und drei Knöpfe von Skates’ Bluse geöffnet waren.

Die grauen Augen des Piloten weiteten sich, als Skates die Türe aufstieß und er das gedämpfte Licht, die zurückgeschlagenen Bettdecken und die Rosenblüten auf dem Bett sah. "Skates?" Eine längere Frage konnte er nicht formulieren, als seine Freundin begann, ihm das Hemd aufzuknöpfen und mit den Fingernägeln über seine bloße Haut zu streicheln.

Skates hob den Kopf. Zweifel flackerten in ihren Augen, als sie Keeters Zögern bemerkte. "Willst du nicht...?"

"Doch!" platzte es aus Keeter heraus. Dann sanfter: "Doch, Skates, aber... willst du es? So rasch, so... geplant? Das hier sieht mir irgendwie nicht so ganz nach der Frau aus, die mir monatelang nicht mal ein Lächeln schenken wollte." Er streichelte Skates’ Wange und sah ihr fragend in die Augen.

"Ich... ich dachte..." Skates schloss die Augen und ließ die Stirn gegen Keeters nackte Brust sinken. "War wohl doch eine blöde Idee, das hier so vorbereiten zu wollen... die Rosenblüten und alles..."

"Hey, nein, überhaupt nicht!" Keeter zog sie enger gegen seinen Körper und dirigierte sie beide zum Bett hinüber, wo er die nun ganz und gar nicht mehr amouröse Skates mit sich auf die Matratze zog. "Es ist sogar eine ganz tolle Idee, solange ich nur weiß, dass du wirklich mit Leib und Seele dabei bist!" Er betastete seinen Hals, wo er einen sich langsam verfärbenden Knutschfleck ahnte. "Okay, dein Leib scheint eindeutig voll bei der Sache zu sein..."

Skates musste lachen und boxte ihn in die Rippen. Nach einem Moment ging der raue Knuff aber in ein unbewusstes Streicheln über, als sie sich auf dem Bett entspannte und den Kopf gegen Keeters Schulter sinken ließ. "Weißt du, dass ich noch nie im Leben jemanden richtig vermisst habe?" murmelte sie nach einer Weile.

Keeter bekam eine Gänsehaut, als ihr warmer Atem seinen Hals streifte. Er rang um Selbstkontrolle und seine Stimme klang ein wenig rau, als er fragte: "Nicht mal deinen Ex-Verlobten?"

"Vielleicht ein bisschen." Skates dachte einen Moment lang nach, dann gab sie zu: "Nein, wenn ich ehrlich bin, nicht sonderlich."

"Oh," kommentierte Keeter. Er fragte sich, warum Skates ausgerechnet jetzt mit diesem Thema angefangen hatte.

Skates stemmte sich auf einem Ellenbogen in die Höhe und beugte sich über Keeter, um ihm in die Augen sehen zu können. "Aber ich glaube, ich werde *dich* vermissen," gestand sie fast verlegen. "Selbstverständlich nur ein ganz, ganz, ganz klitzekleines Bisschen..." Sie hielt Daumen und Zeigefinger einen Millimeter weit auseinander.

"Ach, tatsächlich? Nur ein ganz, ganz, ganz kleines Bisschen?" wiederholte Keeter belustigt.

"*Klitzekleines* Bisschen," korrigierte Skates.

Sie lächelte auf Keeter hinab, der ganz still lag und ihren Blick entgegnete. Skates vergrub die Finger einer Hand in den mit feinen silbernen Strähnen durchsetzten Haaren an seiner Schläfe.

Langsam, ohne dass einer von beiden den Blick abwandte, näherten sich die Lippen der beiden Piloten einander.

Sssschrrrrrriiiiiiill!

Die Türglocke ließ sie auseinander fahren.

"Wer zum Teufel ist das denn?!" Verärgert rollte Skates sich auf den Rücken und bedeckte die Augen mit einem Arm. "Um diese Uhrzeit!"

Keeter warf einen Blick auf den Radiowecker und stellte fest, dass es genau 21 Uhr war. "Oh, Mist!" Er schlug sich gegen die Stirn. "Das ist Granny!" Er rollte sich dicht neben Skates, streichelte ihre Seite und versuchte, unter ihrem Arm hindurch ihren Gesichtsausdruck zu erkennen. "Enttäuscht?" Er versuchte, nicht daran zu denken, was vielleicht geschehen wäre, wenn Granny sie nicht unterbrochen hätte. "Da fragt man sich doch, ob Granny wohl ebenso viele Liebespaare verhindert wie zusammengebracht hat!" meinte er frustriert.

Seufzend nahm Skates den Arm vom Gesicht. "Schon okay. Aber wie kommst du darauf, dass es Granny sein könnte?"

Keeter runzelte die Stirn. "Das hatten wir doch so verabredet."

"Verabredet? Du hast mit Granny verabredet, dass sie heute Abend hierher kommt?!" Skates war verblüfft.

"Ja, natürlich. Ich dachte, du wärst einverstanden mit meiner Bitte, an unserem letzten gemeinsamen Abend zu Granny zu gehen und ihr zu sagen, dass wir jetzt ein Paar sind?"

Skates riss die Augen auf. "Du hast *davon* gesprochen? Das war es, was du noch mit mir tun wolltest, bevor wir uns verabschieden müssen?"

"Natürlich. Ich hab dir doch erklärt, dass es irgendwie erst so richtig den Beginn unserer Beziehung signalisiert, wenn Granny davon weiß." Keeter zuckte bedauernd die Schultern. "Tut mir leid, dass ich Granny herbestellt habe, ich konnte ja nicht ahnen, dass der Abend *so* enden würde!"

Jetzt war es Skates, die sich die Hand gegen die Stirn schlug. Am liebsten wäre sie unters Bett gekrochen und vor ihrer Abreise nicht mehr vorgekommen. "Oh, Gott, und ich habe gedacht, du hättest..."

"Ich hätte *was* getan?"

Skates schwang eilig die Beine über die Bettkante. "Ach, nichts. Nicht so wichtig. Gehen wir lieber Granny die Türe aufmachen," meinte sie und wollte dem immer wieder ertönenden Klingeln entgegen eilen.

"Haaaalt, nicht so schnell!" Keeter sprang auf und hielt sie sanft am Arm fest. "Erst möchte ich wissen, was du gemeint hast."

"Na ja..." Verlegen sah Skates auf ihre nackten Füße hinab. "Irgendwie haben wir uns wohl missverstanden... ich hab das nicht so aufgefasst, als du mich gebeten hast, mit dir zu Granny zu gehen..."

"Ach ja? Wie hast du es denn dann aufgefasst?" Keeter begriff nicht, was da gerade vor ging.

Skates räusperte sich unbehaglich. "Ähm... ich... ich dachte, du wolltest... na ja..."

Keeter riss die Augen auf, als er plötzlich begriff. "Du dachtest, ich wollte mit dir schlafen?!" Sein Blick schweifte zurück zum Bett und den jetzt etwas zerdrückten Rosenblüten.

"Psssst, nicht so laut!" zischte Skates verlegen. "Granny drückt sich sicher schon an der Türe die Ohren platt, um zu hören, was wir hier drin machen!"

"Du hast gedacht, ich würde dich bitten, mit mir zu schlafen und du wolltest diese vermeintliche Bitte einfach so, ohne Weiteres erfüllen?" staunte Keeter. "Wenn ich gewusst hätte, dass es so einfach ist, hätte ich mir eine Menge Ärger und Mühe sparen können...," fügte er mit einem neckischen Grinsen hinzu.

Erneut ertönte die Türklingel in einem immer ungeduldigeren Rhythmus.

"Okay, okay, ich komme ja schon!" Skates stürmte durch den Flur, insgeheim froh, Keeters verwundert-neugierigem Blick nicht länger begegnen zu müssen.

Kurz vor der Türe holte Keeter sie ein und sie standen Seite an Seite, als Granny schließlich eintrat.

"Glaubst du, sie ahnt schon, dass wir jetzt zusammen sind?" wisperte Skates, als sie Granny voraus ins Wohnzimmer gehen ließen.

Keeter zupfte eine Rosenblüte von seinem Schlüsselbein. "Hmmm... ich rieche nach deinem Parfüm, wir sind beide mit Rosenblüten und Knutschflecken bedeckt und nur halb bekleidet – nein, ich wette, sie hat keinen blassen Schimmer," beschloss er ironisch.

"Oh, nein, das war es nicht," rief die luchs-ohrige Granny aus dem Wohnzimmer. "Ich hab’s in euren frustrierten Blicken gesehen, sobald ihr die Türe geöffnet habt!"


31. Väterliche Paranoia -
oder warum Besprechungszeiten umgekehrt proportional zur Schwangerschaftswoche abnehmen

20. Mai 2002
1315 Z-Zeit (09:15 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Langsam und mit vorsichtigen Schritten, um sich nicht noch einmal den Knöchel zu verstauchen, verließ Mac das Büro des Admirals und durchquerte das offene Vorzimmer.

Der junge Petty Officer sah von seiner Schreibtisch-Arbeit hoch und blickte sie ein wenig verwundert an. "Sie und der Admiral sind schon fertig, Ma’am?"

Mac blieb einen Meter vor dem Schreibtisch stehen, um ihrem Babybauch genügend Freiraum zu lassen. Sie zupfte an ihrer Schwangerschafts-Uniform und verfluchte im Stillen zum tausendsten Mal deren Designer und alle seine Vorfahren. Sie fühlte sich, als stecke sie in einer Zeltplane und selbst die Schuhe waren nicht sonderlich bequem. "Oh, ja. Seit ich über den fünften Monat hinaus bin, habe ich bemerkt, dass die Besprechungszeit mit dem Admiral umgekehrt proportional zur Schwangerschaftswoche abnimmt. Ich glaube, es macht den Admiral nervös, eine schwangere Frau in seinem Büro zu haben," erklärte Mac schmunzelnd.

Jason Tiner sah mit den großen, neugierigen Augen eines Kindes hinab auf den gewölbten Bauch seiner Vorgesetzten. "In der wievielten Woche sind Sie denn jetzt, Ma’am?" erkundigte er sich interessiert.

"27. Woche – mitten in siebten Monat," antwortete Mac, ihren Bauch tätschelnd.

"Wirklich? Meine Schwester sah im siebten Monat aus wie ein..." Tiner brach eilig ab, als ihm bewusst wurde, dass er mit einer hormonell instabilen, schwangeren Frau sprach. "Wenn ich das mal so sagen darf, dafür sehen Sie noch sehr gut aus, Ma’am."

"Noch?!" wiederholte Mac stirnrunzelnd.

Tiners Augen weiteten sich panisch. "Äh, oh, Mist! Ich meinte damit nicht, dass sich das bald... ändern wird..."

"Bald?!"

"Oh, verdammt!" Tiner zappelte hilflos auf seinem Stuhl herum. "Ma’am, ich wollte damit wirklich nicht sagen... Sir, bitte, helfen Sie mir!" flehte er und sah hilfesuchend zu Harm hinüber, der gerade im Türrahmen auftauchte.

Harm trat näher und verschränkte ruhig die Arme vor der Brust. <Ha, ich denke gar nicht daran, dir aus der Klemme zu helfen und mir dafür Macs Ärger zuzuziehen, Junge! Ich weiß schließlich, mit wem ich heute Abend nach Hause gehe!> Er klopfte Tiner tröstend auf den Arm und flüsterte zwinkernd: "Hormone", bevor er davon schlenderte.

Mac streckte dem Petty Officer die Hand hin. "Zwei Dollar!" forderte sie streng.

Tiner förderte eilig das Geld zutage, ohne lange nachzufragen, für was ihm diese Gebühr in Rechnung gestellt worden war.

Mit dem Geld in der Hand durchquerte Mac das Großraumbüro. Bud, der in der Nähe gewesen war, schloss sich ihr auf dem Weg zu ihrem Büro an. "Wenn ich Ihnen einen Tipp geben dürfte, Ma’am... ich weiß, dass dies Ihre erste Schwangerschaft ist und ich habe da schon ein paar Erfahrungen von Klein A.J."

Mac sah interessiert zu ihrem ehemaligen Schützling hinüber. <Schwangerschafts-Tipps von Bud Roberts? Das dürfte interessant werden!> "Ja?"

Bud sah sich nach rechts und links um, um sicher zu stellen, dass keiner der Junior-Anwälte ihr Gespräch belauschte. "Na ja, Harriet will zwar davon nichts hören, aber ich würde Ihnen raten, sich von Tiner fern zu halten, solange Sie schwanger sind, Ma’am."

Mac runzelte die Stirn. "Mich von Tiner fern halten? Aber warum denn?" Sie genoss es manchmal beinahe, den jungen Petty Officer in Verlegenheit zu bringen.

Bud zog sie verschwörerisch beiseite und flüsterte: "Er hat ein Ding für schwangere Frauen, wenn Sie wissen, was ich meine, Ma’am..."

Sie wusste wirklich nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Fragend sah sich Mac zu Harm um, der ihnen hinüber zu ihrem Büro gefolgt war. "Was sagst du dazu, Harm?"

Grinsend zuckte Harm die Schultern. "Oach, Tiner ist harmlos und außerdem trägt er fleißig zur Ausbildung unseres Kindes bei," meinte er, auf die Dollarscheine in Macs Hand deutend, "du solltest dich lieber vom Admiral und seinem Büro fern halten – ich bin immer mehr davon überzeugt, dass die Wehen auslösen können! Zwei Babys, die da drin geboren wurden, das kann kein Zufall sein!"

Mac rollte belustigt mit den Augen. "Und da liest man immer, wir werdenden Mütter würden aufgrund der Schwangerschaftshormone ein wenig unberechenbar werden – jemand hätte mal die Paranoia erwähnen sollen, die bei euch Vätern ausbricht!"


32. Telefonitis -
oder warum Funkoffiziere einen so gefährlichen Job haben

25. Mai 2002
1741 Z-Zeit (13:41 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Ja, ja, ich komme ja schon!" So schnell ihre leicht geschwollenen Knöchel und ihr schmerzender Rücken dies zuließen, lief Mac auf das klingelnde Telefon zu.

"Maaaaac!" rief Harm mahnend aus dem Kinderzimmer, wo er gerade damit beschäftigt war, bunte Tiermotive an die Wände zu malen. "Ein bisschen langsamer, bitte! Ich habe keine Lust, schon wieder mit dir oder mit Jingo zum Arzt zu müssen!"

Schuldbewusst verlangsamte Mac ihr Tempo. Beim letzten Mal, als sie eilig durch den Flur gegangen war, hatte sie – weil der Babybauch ihr Blickfeld behinderte – den am Boden liegenden Jingo übersehen und war dem armen Hund auf den Schwanz getreten. Harm hatte eine halbe Stunde gebraucht, um seine hormonstrotzende, weinende Frau und den jaulenden Hund zu beruhigen.

Mac ließ sich vorsichtig im Wohnzimmersessel nieder und sagte ein wenig atemlos ins Telefon: "MacKenzie-Rabb."

"Hallo, wie geht es meiner Lieblings-Schwiegerenkelin und meinem Lieblins-Urenkel?" erkundigte sich eine heitere Stimme.

"Hallo, Granny," begrüßte Mac die alte Dame, die in der vorigen Woche wieder nach Belleville zurückgekehrt war. Sie fuhr mit der Hand über ihren Bauch, wo ab und zu heftige Tritte zu spüren waren. "Deinem *einzigen* Urenkel geht’s gut, aber deine *einzige* Schwiegerenkelin ist eine launische Hochschwangere, die zu den unmöglichsten Zeiten Lust auf die unmöglichsten Nahrungsmittel hat."

"Aber ich würde dich trotzdem gegen nichts in der Welt eintauschen!" brüllte Harm aus dem Kinderzimmer.

"Was ist das für ein Lärm im Hintergrund?" erkundigte sich Granny.

Mac lehnte sich im Sessel zurück. "Oh, das war nur Harm, der mit versichert hat, dass er mich trotz meiner hormonellen Launen nicht gegen ein ausgeglicheneres Modell Frau eintauschen wird."

"Ja, ja, das weiß ich, Harmons liebliches Stimmchen hab ich schon vor vierzig Jahren immer auf Anhieb erkannt," meinte Granny kichernd. "Ich meine dieses Baby-Geschrei im Hintergrund. Habt ihr wieder euer Patenkind zum Babysitten da?"

Jetzt erst wurde Mac klar, was Granny meinte. "Nein, das ist die CD, die wir gestern gekauft haben."

Granny seufzte. "Die heutigen Musikgruppen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren... singen können die wirklich nicht."

Mac musste lachen. "Nein, nein, Granny, das ist keine Musik-CD. Harm und ich haben eine CD gekauft, auf der Babygeschrei zu hören ist. Wir lassen sie jetzt jeden Tag ein oder zwei Stunden laufen, damit Jingo und Gypsie sich schon mal daran gewöhnen können, bevor das Baby kommt."

"Oh, da würde ich mir keine allzu großen Sorgen machen," meinte Granny zuversichtlich. "Ich bin sicher, das Baby und eure Tiere werden ein Herz und eine Seele sein. Harmon hat sich von Kindesbeinen an auch immer gut mit allen Tieren auf meinem Hof gut verstanden. Mit Ausnahme von Toby vielleicht..."

"Toby?"

"Der Hofhund, den wir hatten, als Harm fünf Jahre alt war. Er hat Harmon immer angeknurrt, sobald er sich nur auf zehn Meter genähert hat," berichtete Granny.

Das erstaunte Mac. "Wirklich? Bisher hab ich immer die Erfahrung gemacht, dass alle Tiere Harm mögen."

"Ja, heute stiehlt er ihnen auch nicht mehr den Fressnapf, um ihn als Landedeck für seine Flugzeuge zu benutzen..."

Harm nahm Mac den Hörer aus der Hand. "Granny? Mac muss jetzt *dringend* Schluss machen," erklärte er resolut.

"Ach ja? Was hab ich denn so Dringendes vor?" erkundigte sich Mac, zu ihm aufsehend.

"Etwas, was wichtiger ist als mit meiner Großmutter hier über mich zu lästern!" meinte Harm, immer noch den Hörer in der Hand haltend.

"Ach ja?"

Harm nickte. "Ja. Oder findest du das Karamell-Eis im Eisfach unwichtig?"

"Das ist Erpressung... aber schön, ich füge mich." Mac erhob sich und rief in den Hörer: "Tschüüüß, Granny."

 

Viele, viele Seemeilen entfernt führten zwei andere Menschen ebenfalls ein Telefonat.

Keeter lehnte sich gegen die Stahlwand, presste den Hörer dicht gegen sein Ohr, um die Hintergrundgeräusche auszublenden, und schielte immer wieder hinüber zum diensthabenden Funkoffizier, um sicher zu gehen, dass dieser sein Privatgespräch nicht belauschte.

"Hi, Skates, was gibt’s?" erkundigte er sich möglichst lässig. Wenn er hier so mit Skates sprechen würde, wie er es gerne getan hätte, würden ihn seine Kumpels in einer halben Stunde als ‚Weichei’ aufziehen. Gerüchte verbreiteten sich hier an Bord schnell.

Eine kurze Pause entstand, als Skates spürbar irritiert über die beiläufige Begrüßung war. "Hallo, Keeter, ich..." Sie brach ab und seufzte. "Wie geht’s dir so?"

Keeter hatte das untrügliche Gefühl, dass sie eigentlich etwas ganz Anderes hatte sagen wollen und die Art, wie er sie begrüßt hatte, wie eine ihm nicht sehr wichtige Bekannte, sie davon abgehalten hatte. Plötzlich fühlte er sich schlecht. <Scheiß auf meine Kumpels!> dachte er sich entschlossen. "Nicht so gut wie in Washington. Ich vermisse dich," sagte er ehrlich.

Ein schneller Blick zum Funkoffizier zeigte, dass ihm Keeters Worte nicht entgangen waren.

Keeter schluckte und fuhr tapfer fort: "Ist irgendwie seltsam, nach so langer Zeit wieder getrennt zu sein."

"Hm, ja, irgendwie schon," gab Skates zu. "Und deshalb rufe ich eigentlich auch an. Wir müssen dringend miteinander reden."

Keeters innere Alarmglocken begannen zu schrillen. <Oh, oh! Bitte, sag mir nicht, sie hat es sich jetzt doch noch anders überlegt und hat jetzt, wo wir ohnehin durch ganze Meere getrennt sind, beschlossen, dass sie sehr gut ohne mich leben kann!> Es kostete ihn Mühe, seine Stimme ruhig und humorvoll zu halten, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. "Reden?" wiederholte er skeptisch. "Keine gute Unterhaltung hat je mit den Worten ‚Wir müssen reden’ angefangen."

"Okay, dann rede ich und du hörst nur zu," schlug Skates vor. "Wie wäre das?"

"Gut." Keeter hatte wohl kaum eine andere Wahl, als sich anzuhören, was immer sie ihm auch zu sagen hatte.

Skates räusperte sich. "Ich hab nachgedacht, Keeter, lange und gründlich. Du weißt ja inzwischen, was ich mit meinem Ex-Verlobten erlebt habe und ich hab einfach Angst, so etwas noch mal durchmachen zu müssen."

Keeter schloss mit einem Gefühl der Hilflosigkeit die Augen. "Skates, ich dachte, du würdest mir endlich glauben, dass ich nicht bin wie dein Ex, nur weil ich auch Pilot bin..."

"Das weiß ich doch, Keeter," beruhigte Skates sofort, "aber trotzdem bin ich der Meinung, dass eine Beziehung mit einem Flugzeugträger-Piloten nicht einfach ist – und eine Beziehung zwischen *zwei* Piloten ist noch schwieriger. Stell dir mal vor, wir würden uns nur alle paar Monate mal kurz sehen, weil unser Landurlaub nie auf dieselbe Zeit fällt..."

"Ja, aber... aber deshalb gleich die ganze Beziehung aufzugeben, bevor sie richtig beginnen kann...," wandte Keeter verzweifelt ein.

Skates jedoch sprach unbeirrt weiter. "Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht an einer Beziehung auf Distanz mit dir interessiert bin."

Keeters Hand, in der er den Hörer hielt, sank kraftlos herab. Sein Kopf begann zu hämmern – oder vielleicht war es auch sein Herz. Wie aus weiter Ferne nahm er wahr, dass der Funkoffizier ihn verwundert anstarrte.

"Keeter? Keeter?!" drang Skates Stimme aus dem Telefonhörer.

Automatisch hob Keeter seine Hand wieder. "Ja?" sagte er, als hätte er nicht die Kraft für weitere Wörter.

"Bist du noch da? Irgendwie..."

Es knackte und rauschte in der Leitung, so dass Keeter ihre Stimme kaum noch verstehen konnte. "Skates?" Es kam keine Antwort mehr.

"Sieht so aus, als wäre die Verbindung abgebrochen. Versuchen Sie es doch einfach morgen noch mal," schlug der Funkoffizier gleichgültig vor.

Keeter schlug die Faust gegen das Stahlschott und fluchte. <Nach den letzten Wochen mit Skates hätte ich nicht gedacht, dass sie mich einfach so abservieren würde! Sieht so aus, als hätte ihre Beziehungsangst sie doch noch überwältigt und sie hat es sich anders überlegt!>

Verärgert und in einer Welt bitterer Gedanken versunken, quetschte er sich brüsk an dem Funkoffizier vorbei und rannte ihn beinahe über den Haufen in dem Bemühen, möglichst schnell vom Ort seiner Schmach wegzukommen.

Kopfschüttelnd sah der Funkoffizier ihm nach.


33. Schluckauf und Regenwetter -
oder warum werdende Väter nicht nach Hawaii fliegen dürfen

05. Juni 2002
0153 Z-Zeit (21:53 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Mac bückte sich, um die Schuhe auszuziehen, kam aber nicht sehr weit, ehe der Babybauch ihre Vorwärtsbewegung stoppte. Grummelnd ließ sie sich auf die Bettkante sinken und verrenkte sich seitwärts, bis sie endlich die Schuhbänder erreichen konnte.

Als sie sich das Pyjama-Oberteil über den Kopf streifte, betrachtete sie ihren schwangeren Körper im Spiegel. "Achter Monat – ich hab noch fast elf Wochen vor mir und ich sehe jetzt schon aus wie eine wandelnde Bowling-Kugel!"

Es nervte die selbständige, unabhängige Marine-Corps-Offizierin gewaltig, dass sie bei JAG auf Schritt und Tritt auf Hilfe angewiesen war. Der Admiral hatte sogar Petty Officer Carling dazu abgestellt, ihr schwere Bücher und Aktenstapel hin und her zu tragen.

<Nicht mal unserer normale Schlafposition ist noch möglich!> dachte Mac übellaunig, als sie unter die Decken kroch. Seit sie zusammen waren, schlief Harm auf dem Rücken und sie hatte ihren Kopf, einen Arm und ein Bein praktisch über seinen Körper verteilt.

Nur langsam hatte sie sich mit der neuen Schlafposition, in die die Schwangerschaft sie zwang, angefreundet. <Na ja, okay, zugegeben, so übel ist es auch nicht, einzuschlafen mit Harms Wärme in meinem Rücken und seiner Hand auf dem Bauch. Wenigstens ist das Baby so immer ruhiger.>

Harm kam barfuß aus dem Badezimmer und schlüpfte neben Mac unter die Decke. "Hey, alles in Ordnung mit dir? Du wirkst irgendwie ein bisschen... down?"

Verblüfft sah Mac auf. "Merkt man mir das an?" Harms Einfühlsamkeit erstaunte sie immer wieder. "Tut mir leid..."

"Du sollst dich doch nicht entschuldigen, du sollst mir sagen, was los ist!" Harm legte beide Arme um sie.

"Ach, ich schätze, es ist nur das Regenwetter... macht einen irgendwie trübsinnig," behauptete Mac, auch wenn das nicht die ganze Wahrheit war.

Harms Stirn legte sich in Falten, als er zum Fenster sah, auf das der Regen prasselte. Mac konnte fast sehen, wie er sich überlegte, was er tun konnte, um das störende Wetter zu verändern.

Das brachte Mac zum Lachen und sie tätschelte Harms Brust. "Ist schon okay, nur eine meiner Schwangerschaftslaunen."

"Wirklich nur das? Du kannst mir ruhig sagen, wenn es etwas gibt, das dich bedrückt. Mac, ich weiß doch, dass du mit einigen der Veränderungen schwer zu kämpfen hast. Sag schon," drängte Harm sanft.

"Na ja... es gibt so viel, was ich im Moment nicht tun kann. Ich vermisse es, mit dir zu kickboxen oder morgens zu joggen," gestand Mac niedergeschlagen.

Harm kraulte die Härchen in Macs Nacken. "Nur noch zwei Monate, dann kannst du mich wieder im Joggen oder Kickboxen schlagen so oft du willst."

"Ja, wenn ich am Ende eines langen Tages mit dem Baby und bei der Arbeit noch genügend Energie übrig habe," meinte Mac sarkastisch.

"Hey," Harm zog sie herum, um ihr in die Augen sehen zu können, "du bist keine alleinerziehende Mutter, Mac, du musst das alles nicht allein tun. Wir werden uns jede Arbeit partnerschaftlich teilen, so dass wir auch noch genügend Zeit für uns selbst haben, okay?" Als Mac nickte, fragte er weiter: "Also, was gibt es sonst noch, das diese kleine Sorgenfurche auf deine Stirn zaubert?"

"Nicht viel, mir geht’s gut," startete Mac ihre gewohnte Marine-Routine, fügte aber dann doch hinzu: "Es nervt nur manchmal ein bisschen, was für Freiheiten sich die Leute einer schwangeren Frau gegenüber herausnehmen."

"Freiheiten?!" echote Harm, bereit, in die regnerische Nacht hinauszustürmen, um jeden, der sich seiner Frau gegenüber ‚Freiheiten herausgenommen’ hatte, zurechtzustutzen.

"Na ja, ständig betatscht man meinen Bauch oder Leute geben ungebetene Kommentare darüber ab, was ich tun oder lassen soll, wie viel größer meine Brüste jetzt sind oder wie sich meine Taille verändert hat..." Mac brach ab und seufzte. "Entschuldige, dass ich hier so rumjammere, eigentlich sollte ich mich ja über soviel Aufmerksamkeit freuen, aber ich schätze, es frustriert mich einfach, dass es nicht die bewundernde Aufmerksamkeit ist, an die ich sonst gewöhnt bin. Die Leute sehen mich einfach nicht mehr als Frau, sondern nur noch als Mutter. Manchmal ist es nicht einfach, neben Frauen wie Petty Officer Carling zu arbeiten und wie ein Wal auszusehen..."

Harm runzelte die Stirn. "Petty Officer Carling? Die Frau, die dir bei den Recherchen hilft? Warum ist es nicht leicht, mit ihr zu arbeiten? Macht sie etwa dumme Kommentare über..."

"Nein," unterbrach Mac schnell, bevor ihr besorgter Mann Sue Carling anrufen und zur Rede stellen konnte, "nein, sie ist wirklich nett. Sehr nett und sehr attraktiv. Ich sehe doch, wie die Männer bei JAG sie ansehen – selbst die verheirateten Männer mit Kindern."

"Ich finde sie überhaupt nicht attraktiv," behauptete Harm energisch.

Mac schnaubte. "Komm schon, Harm, sie ist..."

"Sie mag ja ganz passabel aussehen, aber sie ist allenfalls Durchschnitt im Vergleich zu dir," erklärte Harm im Brustton der Überzeugung.

"Na klar," meinte Mac ironisch. "Harm, hast du mich in der letzten Zeit mal genauer angesehen? Meine Wangen haben rote Flecken, mein Gesicht ist aufgedunsen, meine Knöchel wirken wie Elefantenbeine – alles an mir ist auf doppelte Größe angeschwollen!"

Harm warf die Decke zurück und umfasste einen von Macs Füßen mit beiden Händen. "Du meinst diese wunderschönen Füße? Diese Knöchel mit der unglaublich zarten Haut?" Er küsste jeden Fuß, bevor er wieder im Bett nach oben robbte und dabei Küsse entlang Macs Beinen verteilte. "Und was hast du an deinen Beinen auszusetzen?"

"Sie sind zu dick," sagte Mac sofort, "und die Haut ist..."

"Die Haut ist weich," unterbrach Harm zwischen zwei Küssen auf jeden Oberschenkel, "und die Beine sind stark und geschmeidig."

Er wanderte höher und knöpfte behutsam ihr Pyjamaoberteil auf, um seine Lippen gegen ihren Bauch pressen zu können. "Was ist damit?" fragte er weiter.

Mac begann langsam, das Spiel zu genießen. "Monströs?" schlug sie lächelnd vor.

Harm schüttelte den Kopf. Er küsste den hervorstehenden Nabel. "Nein, atemberaubend sexy." Er griff nach Macs Hand, die sich in seinem Haar vergraben hatte. "Und deine Hände?"

"Aufgedunsen," urteilte Mac.

Harm nippte spielerisch an jedem Finger. "Weiblich attraktiv," widersprach er. Zart hauchte er einen Kuss auf ihr Handgelenk und ließ seine Lippen dann den Arm entlang wandern, bis sich Mac kichernd unter den kitzelnden Berührungen wand. Über Schultern und Hals erreichte er schließlich Macs Gesicht und nahm es in beide Hände, als er fragte: "Und was hast du zu diesem bezaubernden Antlitz zu sagen, hm?"

"Fleckig?" sagte Mac, nun mehr, um Harm herauszufordern, als dass sie sich selbst wirklich so unansehnlich gefunden hätte. Unter Harms Blick fühlte sie sich plötzlich attraktiv wie ein hochbezahltes Supermodel.

"Nein – lebendig, strahlend, wunderschön," korrigierte Harm.

Ihre Lippen trafen sich, aber ihnen ging die Luft aus, als sie feststellen mussten, dass lachen und küssen gleichzeitig unmöglich war.

Schließlich hörte Harm auf zu lachen und sah ernst auf Mac hinab. "Mac, ich will nicht, dass du auch nur eine Sekunde lang glaubst, dass deine Schwangerschaft deine Attraktivität oder meine Liebe und Leidenschaft für dich auf irgendeine Weise schmälert. Ganz im Gegenteil!" versicherte er energisch. "Ich lege immer noch meine Arbeit weg und sehe dich bewundernd an, wenn du zur Türe hereinkommst."

"Hereinwatschelst, meinst du," verbesserte Mac, aber diesmal lächelte sie dabei.

Harm knuffte sie behutsam, bevor er die Decke über sie beide zog, das Licht löschte und beide Hände über ihrem Bauch platzierte. "Hey, was ist das?" fragte er nach einer Weile. Er hatte eine hüpfende Bewegung unter seinen Händen gespürt.

"Baby Rabb hat Schluckauf," erklärte Mac, gerade, als ihr Bauch wieder erschüttert wurde.

"Wirklich?"

Mac nickte. "Das war letzte Woche schon mal so und dauert dann immer eine Weile, bis es aufhört. Ein seltsames Gefühl."

"Soll ich Baby Rabb mal erschrecken, damit es aufhört?" bot Harm an.

Mac drehte sich um und küsste ihren Mann aufs Kinn. "Lieber nicht. Mit dem Schluckauf kann ich leben, aber wenn du Baby Rabb erschreckst, tritt er oder sie mich vielleicht an einer unangenehmen Stelle."

Harm lag im Dunkeln und spürte mehrmals die kleinen Erschütterungen unter seiner Hand. "Das arme Kleine!" kommentierte er mitleidig.

"Ha! Das arme Kleine, liegt da gemütlich zusammengerollt in ihrer warmen, weichen Behausung und tut den lieben langen Tag gar nichts, als seine oder ihre Mutter zu ärgern, die währenddessen die ganze Schwangerschaftsarbeit tun muss! Das Baby kann einem wirklich leid tun!" schnaubte sie ironisch.

Harm musste lachen. "Okay, dann geht mein Mitleid eben an dich. Im Ernst, du machst das wirklich großartig und wenn das Baby erst auf der Welt ist, kann ich einen Großteil der Arbeit übernehmen, damit du erst mal Pause hast."

"Klingt fair, nachdem ich neun Monate das Vergnügen hatte – ich könnte dann ja nach Hawaii fliegen und dir das Baby für die nächsten neun Monate überlassen," scherzte Mac.

"Als ob du dich von deinem süßen Baby und deinem noch süßeren Mann auch nur eine Sekunde trennen könntest!" rief Harm selbstbewusst. "Hey, hat es aufgehört? Der Schluckauf, meine ich."

Mac lauschte in sich hinein. "Sieht so aus. Und das ganz ohne Erschrecken."

"Vielleicht ist das Baby ja erschrocken, als es gehört hat, dass du es neun Monate lang mit mir alleine lassen willst," meinte Harm.

"Glaube ich nicht," widersprach Mac. "Baby Rabb weiß, dass *du* das Elternteil bist, das kochen kann. Nur wenn du nach Hawaii geflogen wärst, hätte es sich gründlich erschrocken."

Harm zog seine kleine Familie an sich. "Dann ist es ja gut, dass wir alle drei hier bleiben."


34. Zahnwurzelbehandlungen -
oder warum Wehen nicht gleich Wehen sind

17. Juni 2002
2003 Z-Zeit (16:03 Uhr EDT)
Praxis von Dr. DelRey
Washington D.C.

"Gut, dann wollen wir uns also ein letztes Mal Ihr Baby per Monitor ansehen – beim nächsten Mal werden Sie es hoffentlich schon in den Armen halten," erklärte Dr. DelRey, als er den Ultraschall-Kopf zur Hand nahm.

"Letztes Mal?" echote Mac erstaunt. "Aber es sind doch noch neun Wochen bis zur Geburt! Ich dachte, jetzt werden die Untersuchungen häufiger, nicht seltener!"

DelRey lächelte beruhigend. "Ja, die Untersuchungen werden auch häufiger. Wir sehen uns jetzt jede zweite Woche, aber wenn alles gut läuft, werden wir kein Ultraschall mehr anfertigen. Letzte Chance also für Baby Rabb, uns sein oder ihr Geschlecht zu verraten – wenn Sie das noch wollen."

Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick. "Na ja, jetzt haben wir so lange gewartet, da können wir doch auch noch bis zur Geburt warten, oder, Harm?"

"Ja, lassen wir Baby Rabb doch sein oder ihr kleines Geheimnis noch ein bisschen länger," stimmte Harm zu.

Der Arzt nickte und begann, Gel auf Macs Bauch zu verteilen. "Spüren Sie das?" fragte er Mac plötzlich.

"Na klar, spüre ich das – das Gel ist noch genauso kalt wie beim ersten Mal!" Mac schüttelte sich ein bisschen.

"Nein, spüren Sie *das hier*." DelRey nahm Macs Hand und legte sie auf ihren Bauch.

Mac nickte. Ihr Bauch fühlte sich plötzlich bretthart an.

"Das sind Wehen," erklärte der Gynäkologe.

Harm wirbelte auf seinem Hocker herum. "Was?! Wehen?! Aber dafür ist es doch viel zu früh!"

"Entspannen Sie sich!" Dr. DelRey drückte ihn auf den Hocker zurück. "Es sind keine *richtigen* Wehen, sondern Braxton-Hicks-Wehen. Man könnte sagen, dass es ‚Übungswehen’ sind - die Gebärmutter bereitet sich auf die Geburt vor, indem sie sich immer wieder für dreißig Sekunden zusammenzieht. Völlig schmerzlos. Oft bemerkt die werdende Mutter das gar nicht."

Die beiden werdenden Eltern ließen sich wieder zurücksinken, als DelRey das Ultraschallgerät anschaltete. "Hmmm, Baby Rabb ist wirklich ein störrisches kleines Ding!" stellte der Arzt nach einer Weile fest. "Es ist immer noch in Steißlage und hat sich noch nicht in die richtige Geburtsposition gedreht."

"Sollte es das jetzt schon?" fragte Mac besorgt.

"70% der Babys haben sich in der 30. Schwangerschaftswoche schon gedreht, aber es kann gut sein, dass Baby Rabb sich einfach etwas mehr Zeit lässt. 20% drehen sich in den nächsten zwei oder drei Wochen noch, aber wenn nicht, dann können wir uns immer noch auf einen Kaiserschnitt vorbereiten," erklärte der Arzt möglichst beruhigend. "Sie können auch versuchen, Baby Rabb zum Umdrehen zu bringen, indem Sie mehrmals am Tag für fünf Minuten eine ‚Kerze’ an der Wand entlang machen. Wenn wir Glück haben, stört das Baby die verkehrte Position und es dreht sich."

Dr. DelRey bewegte den Ultraschallkopf weiter. "Okay, sonst sieht alles sehr gut aus. Die Plazenta liegt richtig und die Menge an Fruchtwasser reicht auch noch aus." Er begann, das Gel abzuwischen. "Für die letzten Wochen müssen wir eigentlich nur noch darauf achten, dass das Baby so lange wie möglich weiter im Mutterleib reifen kann und dass die Wehen nicht vorzeitig einsetzen." Er sah kurz zwischen den beiden Rabbs hin und her. "Mit Sex sollten Sie sich vielleicht in den kommenden Wochen etwas zurückhalten... manchmal löst er vorzeitige Wehen aus."

Harm starrte ihn an, während Mac das Gesicht verzog. "Ich glaube nicht, dass das in den kommenden Wochen ein Problem sein wird, Doc," meinte sie, auf ihren ‚unförmigen’ Leib hinabblickend.

"Oh, ja," DelRey grinste, "eine Hochschwangere hat mir neulich gesagt, der Gedanke, je wieder Sex zu haben sei in etwa so angenehm wie der Gedanke an eine Zahnwurzelbehandlung."


35. E-Mail für dich -
oder warum Funkoffiziere die meistumarmtesten Seeleute der Welt sind

25. Juni 2002
1741 Z-Zeit
Irgendwo im Pazifik

Keeter schlug seine Spindtüre zu, warf mit geübtem Schwung seine Mütze auf seine Koje und nahm rittlings auf dem Stuhl Platz, bevor er den Computer anschaltete, den er sich mit seinem Kabinengenossen teilte.

Mit routinierten Bewegungen loggte er sich in seine Mailbox ein. Die obersten drei Mails stammten alle vom selben Absender: "[email protected]". Der Schatten eines Lächelns huschte über Keeters Gesicht, als er erneut dachte, wie passend Grannys E-Mail-Adresse gewählt war. Dennoch verzichtete er darauf, eine der drei Mails zu öffnen, vor allem, weil im Betreff ‚Skates’ geschrieben stand.

Es war schwer genug, Skates Abfuhr zu vergessen, auch ohne Grannys kupplerisches Zutun.

Die vierte Mail stammte von einem Absender mit der Adresse "[email protected]" und auch hier stand "Skates" im Betreff.

Keeter ignorierte auch diese Mail und scrollte weiter nach unten. Seine Finger krampften sich um die PC-Maus, als sein Blick – wie jedes Mal, wenn er seine Mailbox kontrollierte – auf die drei Mails gleich unter der von Harm und Mac fiel. Alle drei waren von "[email protected]". Die erste Mail trug noch den schlichten Titel ‚Mein Anruf’, während der zweite und dritte Betreff ‚Bitte melden’ mit einer steigenden Anzahl von Ausrufezeichen enthielt.

Der Mauszeiger verharrte unschlüssig über der ersten dieser Mails, dann schüttelte Keeter entschlossen den Kopf. Er wollte die Mail, die ihm und seiner Beziehung zu Skates endgültig den Todesstoß gab, lieber nicht lesen.

Er wollte eben das Mailprogramm verlassen, als der Empfang einer neuen Mail angekündigt wurde. Er seufzte, als er feststellte, dass auch diese Botschaft von Skates kam, und musste schmunzeln, als er den Titel ‚Lies die verdammte Mail!!!’ las.

"Vier Mails," murmelte er hoffnungsvoll, während er den Mauszeiger in Zeitlupentempo auf die Betreffzeile zu bewegte. "Würde sich Skates wirklich die Mühe machen, mir vier Mails zu schreiben und auch noch Granny, Harm und Mac auf die Sache anzusetzen, wenn sie nur sicher gehen wollte, dass ich wirklich kapiert habe, dass es vorbei ist?"

Bevor er es sich wieder anders überlegen konnte, klickte er eilig auf die neueste Mail.

Hallo Keeter,

ich danke dir ganz herzlich für die Nicht-Beantwortung meiner drei letzten Mails!

Was zum Teufel ist los bei dir?

Ich mache mir langsam ernsthafte Sorgen!! Ich hätte doch sicher gehört, wenn ihr Jungs von der Enterprise einen Einsatz gehabt hättet und etwas passiert wäre..

Ein anderer Grund für dein plötzliches Schweigen will mir einfach nicht einfallen. Oder bist du etwa sauer, weil ich dich letztens einfach so angerufen habe, anstatt dir einfach nur zu mailen, wie wir das vereinbart hatten? Ich kann mir schon denken, dass deine Kumpels dich ganz schön mit deiner ‚neuen Freundin’ aufgezogen haben; ich musste mir hier ähnliche Dinge anhören. Funkoffiziere sind nun einmal Tratschtanten, die nichts für sich behalten können.

Oder hast du es dir anders überlegt und machst - jetzt, wo ich ernst mache – einen Rückzieher?

Wäre wirklich nett, wenn du mir sagen könntest, woran ich bin, bevor Granny ein U-Boot kapert, um dich zur Rede zu stellen!

Deine

Skates

Keeter erstarrte und las die Mail noch mal. Und dann noch einmal, nur um sicher zu gehen, dass weder seine Augen, noch sein hoffendes Herz ihn getäuscht hatten.

Nein, da stand es schwarz auf weiß: ‚Deine Skates’. Außerdem wies nichts, was Skates da geschrieben hatte, darauf hin, dass sie auch nur im Entferntesten daran dachte, ihre Beziehung zu beenden. Hatte er sie einfach nur missverstanden? Hatte das Unwetter, das ihr Gespräch unterbrochen hatte, verhindert, dass sie noch mehr sagen konnte?

Keeter sprang so eilig auf, dass der Stuhl umflog, stieß die Kabinentüre auf und rannte durch den Korridor, so schnell er konnte.

Der Funkoffizier wich ihm eilig aus, als er ihn kommen sah – zu gut erinnerte er sich noch an ihre letzte Begegnung.

Die Minuten, die vergingen, bis endlich eine Verbindung mit der John C. Stennis hergestellt war und man Skates geholt hatte, erschienen Keeter wie eine Ewigkeit.

Der Funkoffizier, der vorsichtig Abstand von dem zappeligen Keeter gehalten hatte, winkte. "Ich geh mal frische Luft schnappen, bis Sie fertig sind, Commander."

Keeter antwortete ihm nicht, als er plötzlich Skates Stimme hörte. "Keeter? Keeter, bist du das?"

"Skates, ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht," begann Keeter sofort. Er brannte darauf, die ganze Sache so schnell wie möglich aufzuklären.

"Oh," kam es von Skates. "Verstehe. Du hast es dir anders überlegt, hm? Ich hab fast schon so was befürchtet, nachdem du meine Mails nicht beantwortet hast..."

"Anders überlegt?" echote Keeter verblüfft. "Nein! Nein, ich habe mir nichts anders überlegt! Ich dachte, *du* hättest das getan!"

Für einen Moment herrschte erstauntes Schweigen. "Iiiich? Wie kommst du denn auf die Idee?!"

"Na ja... nachdem du mir bei unserem Telefonat gesagt hast, dass du keine Beziehung auf Distanz führen willst, dachte ich, du hättest mir ein für alle mal einen Korb gegeben..."

Man hörte ein dumpfes Geräusch, das sich anhörte, als sinke ein Körper plötzlich gegen das nächstbeste Stahlschott. "Ganz im Gegenteil, Keeter!" erklärte Skates dann leidenschaftlich. "Ich wollte dir sagen, dass ich unserer Beziehung eine Chance geben will, bevor die Verbindung unterbrochen wurde. Und eine echte Chance hat die Beziehung nicht, wenn wir ständig getrennt sind. Na ja, und bei meiner Einschiffung vor einigen Wochen hab ich ein paar Offiziere getroffen, die ich noch von meiner LSO-Ausbildung her kannte... und die haben mir einen Job in San Francisco angeboten."

Keeter riss die Augen auf. Sollte er Skates tatsächlich falsch verstanden haben? Hatte sie wirklich vor, ihren geliebten Pilotenjob für ihn an den Nagel zu hängen? "Du... du willst das Fliegen aufgeben? Für mich?" fragte er, vollkommen perplex.

"Hey, wenn du für unsere Beziehung das Fliegen aufgeben kannst, dann kann ich das auch," erklärte Skates neckisch, meinte es aber vollkommen ernst. "Außerdem bedeutet das nicht, dass ich nie wieder im Cockpit sitzen werde. Ich werde eben einfach nur einen ausgewogeneren Job haben: Ein bisschen Ausbildung, ein bisschen Entwicklung, ein bisschen Fliegen... was will man mehr."

Keeter war sprachlos. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll..."

"Zu mir musst du auch nichts mehr sagen, aber zu deinem CAG. Ich habe vor, heute noch meinen Versetzungsantrag einzureichen und ich schlage vor, du tust dasselbe," meinte Skates und man hörte ihr Schmunzeln förmlich.

Keeter nickte, obwohl Skates das nicht sehen konnte. "Okay, mach ich. Mach ich sofort."

"Gut. Schreib mir dann einfach ’ne E-Mail, wie es gelaufen ist. Ich muss aufhören, Keeter. Bis bald."

Schon war Skates weg und Keeter legte langsam, mit den Bewegungen eines Traumwandlers, den Hörer weg. Auf Beinen, die ein wenig unsicher waren, durchquerte er den Funkraum. Nach drei Schritten stieß er einen markerschütternden Jubelschrei aus und umarmte den überrumpelten Funkoffizier.

Kopfschüttelnd sah der Funkoffizier ihm nach.


36. Urenkel von A bis Z -
oder warum Wehen sich nicht in der Halbzeit abspielen

06. Juli 2002
2111 Z-Zeit (17:11 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Ich war der Klassenbeste in der Highschool," murmelte Harm vor sich hin, während er einen Schraubenzieher in der rechten und einen Bauplan in der linken Hand hielt, "ich habe Jura studiert – da werde ich ja wohl noch einen Wickeltisch zusammenbauen können!"

Amüsiert sah Mac aus ihrem Schaukelstuhl auf. Nachdem sie anfangs versucht hatte, Harm bei den letzten Vorbereitungen des Babyzimmers zu helfen, hatte sie rasch aufgegeben und sich hingesetzt. Seit der 9. Schwangerschaftsmonat begonnen hatte, war sie, nach eigenen Worten, ‚kurzatmig wie ein Pekinese mit chronischer Bronchitis’. Das Baby war nun so groß, dass es aufs Zwerchfell drückte und die Atmung erschwerte. "Wen versuchst du da zu überzeugen, Flyboy?" erkundigte sie sich grinsend. "Den Wickeltisch oder dich selbst?"

Harm ließ den Schraubenzieher sinken und schlenderte zu Mac hinüber. "Ich dachte immer, ihr werdenden Mütter würdet in den letzten Monaten einen Nestbau-Trieb entwickeln – dabei sitzt du hier ganz ruhig, während ich derjenige bin, der sich hektisch in letzte Vorbereitungen stürzt."

Mac nickte zufrieden. "Ja, und das tust du so gut, dass meine Schwangerschaftshormone überhaupt keinen Grund sehen, in Aktion zu treten. Ein wildgewordenes Elternteil genügt völlig."

Harm lachte. "Ich glaube, ich verschiebe das wild werden bis morgen, lasse den Wickeltisch für heute ruhen und gehe erst mal duschen. Kommst du mit?"

"Sorry, Flyboy, aber ich glaube, für uns drei ist die Dusche nicht konstruiert worden," meinte Mac, lächelnd ihren gewölbten Bauch tätschelnd.

Mac schloss die Augen und lauschte dem bald darauf einsetzenden Prasseln von Wasser aus dem Badezimmer.

Als ihr nach einer Weile bewusst wurde, dass sie keinerlei Geräusche aus dem Badezimmer mehr hörte und blinzelnd die Augen öffnete, musste sie feststellen, dass sie eingeschlafen war und über eine Stunde vergangen war. Schwerfällig stemmte sie sich aus dem Schaukelstuhl hoch und machte sich auf die Suche nach ihrem Mann.

Harm saß ruhig, ohne Licht oder Fernseher eingeschaltet zu haben, auf dem Sofa und starrte nachdenklich an die Wand.

Mac räusperte sich, um ihn nicht zu erschrecken. "Hey? Was machst du da?" fragte sie behutsam.

Harm hob den Kopf und lächelte ihr zu. "Ich sitze hier und warte, bis du hereinkommst, um auf meinem Schoß zu sitzen." Er klopfte einladend auf seinen muskulösen Schenkel.

Mac schlang einen Arm um seinen Hals und erfüllte seinen Wunsch. "Und was tust du hier sonst noch, außer darauf zu warten, dass ich komme und deine Schenkel zerquetsche?" erkundigte sie sich neckisch.

Lächelnd schlang Harm die Arme um seine Frau – oder er versuchte es zumindest. Aufgrund der fortgeschrittenen Schwangerschaft wurde nur eine liebevolle Halb-Umarmung daraus. "Hmm, ich dachte nur gerade, wie langsam die Zeit im Moment vergeht. Irgendwie kann ich es kaum noch abwarten bis zur Geburt."

"Und ich erst!" stöhnte Mac inbrünstig. "Glaubst du, das Baby lässt sich bestechen und kommt früher, wenn ich ihm sage, dass es hier draußen Nutella und Beltway Burger gibt?"

"Nichts da, mein Kind wird nicht korrumpiert! Und außerdem soll Baby Rabb nicht zu früh, sondern genau planmäßig zur Welt kommen," protestierte Harm.

Mac streichelte seine Wange. "Das kann man sich leider nicht aussuchen, Harm. Ich hoffe nur, dass die Wehen nicht im Büro des Admirals einsetzen, sonst lässt er sich bestimmt in eine reine Männer-Truppe versetzen!"

"Nein, nein," wehrte Harm energisch ab, "das wird alles ganz geregelt ablaufen. Eines wunderschönen Sommermorgens – vorzugsweise am 21. August, dem errechneten Geburtstermin – wirst du mich ruhig darüber informieren, dass wir uns langsam auf den Weg ins Krankenhaus machen müssen. Wir werden dann ganz in Ruhe Granny, Mum und die Roberts anrufen, deine Tasche nehmen und gemütlich in die Klinik fahren. Ich möchte absolut keine Extratouren von euch beiden sehen, verstanden?" Spielerisch drohte er Mac und ihrem Bauch mit dem Zeigefinger.

"Oh, ja, ich weiß aus den vielen Erzählungen von Frauen, die das schon hinter sich haben, dass die Wehen immer genau wie vom werdenden Vater gewünscht eintreten – am besten in der Halbzeit eines Footballspiels," meinte Mac ironisch. Sie dachte einen Moment lang über all die Geburtsberichte nach, die sie in der letzten Zeit gehört hatte, und schüttelte sich. "Gott, die nächste Frau, die mir erzählt, wie sie vier Tage in den Wehen gelegen ist, schlage ich kurzerhand k.o.! Kein Gericht der Welt würde mich dafür verurteilen!"

Lachend streckte Harm die freie Hand nach dem Telefonhörer aus. "Sollen wir? Ich glaube, es ist Zeit." Sie hatten mit Granny, Will, Trish und Frank vereinbart, sie einmal wöchentlich in einer Konferenzschaltung über die Schwangerschaft auf dem Laufenden zu halten.

Wenige Minuten später hatten sie Granny und Trish am Apparat und berichteten, was sie bei ihrem letzten Arztbesuch erfahren hatten.

"Ach, mach dir keine Sorgen, Liebes," beruhigte Granny, "Harmon und sein Vater haben sich beide auch erst in letzter Minute gedreht – muss wohl die Rabb’sche Sturheit sein."

"Aber sonst ist alles in Ordnung? Dir geht’s gut, Mac?" wollte Harms Mutter wissen.

Mac lehnte sich entspannt in Harms Arm zurück. "Mir geht’s blendend," verkündete sie zufrieden.

"Ein Problem sehe ich da allerdings schon noch," wandte Granny ein. "Ich denke, die Leute werden mich bestimmt ein wenig seltsam ansehen, wenn ich meinen Urenkel mit ‚Hey, du da’ anspreche, meint ihr nicht?"

Harm sah Mac fragend an. "Hast du ihnen noch nicht erzählt, wie wir uns entschieden haben?"

"Du hast mir doch das Versprechen abgenommen, dass wir es ihnen nur gemeinsam erzählen, weil du Angst hattest, ich könnte deinen Namen doch noch irgendwie in den des Babys reinschmuggeln," erinnerte Mac.

"Also, wie heißt mein erster Enkel denn nun?" drängte Trish neugierig.

"Wenn’s ein Junge wird, Jayson Patrick Rabb," verkündete Mac.

"Und Adrianna Rabb, wenn es ein Mädchen wird," fügte Harm hinzu.

Einen Moment lang herrschte Schweigen, als die Groß- und Urgroßeltern die Namen in Gedanken wiederholten. Dann sagte Trish: "Jayson Patrick... das gefällt mir. Ein bisschen wäre das Kind dann nach mir benannt..."

"Und mir gefällt Adrianna," erklärte Granny, "besonders, weil es mit ‚a’ beginnt. So kann mein nächster Urenkel dann einen Namen mit ‚b’ bekommen, dann mit ‚c’..."

Mac schnaubte. "Nach deiner Rechnung hätten wir schlussendlich 26 Kinder!"

"Nein, das will ich euch nicht zumuten," meinte Granny großzügig, "die hässlichen Buchstaben im Alphabet, so wie ‚x’, dürft ihr ruhig auslassen."


37. Labile Vater-Psychen -
oder warum Gynäkologen das W-Wort nur sparsam verwenden sollten

15. Juli 2002
2015 Z-Zeit (16:15 Uhr EDT)
Praxis von Dr. DelRey
Washington D.C.

Harm sah zur Wand und zählte die kleinen Erhebungen in der weißen Raufaser-Tapete, um nicht zusehen zu müssen, was genau der Arzt da gerade mit seiner Frau anstellte. Er fragte sich, wie viele werdende Väter auf diesem Leder-Drehhocker schon Angstschweiß vergossen hatten.

Schließlich streifte Dr. DelRey die Gummihandschuhe ab. "Mit dem Baby ist alles in Ordnung," erklärte er. "Der Muttermund ist zu, genau wie es sein sollte."

Harm horchte auf. "*Mit dem Baby* ist alles in Ordnung? Und was ist mit Mac?"

"Ihr Blutdruck ist ein bisschen hoch, Mrs. Rabb," sagte der Arzt ernst. "Noch müssen wir uns keine großen Sorgen darüber machen, aber er sollte auf gar keinen Fall noch höher klettern. Sie sollten Ihre Salzeinnahme verringern und natürlich auch den Kaffee weglassen. Sind Sie schon im Mutterschutzurlaub?"

Mac nickte seufzend. "Ja, leider. Ehrlich gesagt macht es mich fast wahnsinnig, nur zuhause zu sitzen und zu warten."

"Hat der Nestbautrieb noch nicht eingesetzt?" erkundigte sich der Arzt lächelnd.

"Oh, doch, schon, aber bei Harm. Ich bin in der letzten Zeit so kurzatmig, dass ich mich damit begnüge, ihm zuzusehen," gestand Mac. "Von den Rückenschmerzen wollen wir erst gar nicht reden..."

"Die Kurzatmigkeit wird in Kürze besser werden, wenn zwei bis vier Wochen vor der Geburt die Senkwehen einsetzen und das Baby etwas vom Zwerchfell wegrutscht," versicherte DelRey.

Harm bewegte sich unbehaglich auf seinem Hocker. "Doc, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nicht immer das Wort ‚Wehen’ benutzen würden. Es macht mich ein bisschen nervös."

Der Gynäkologe lachte. "Okay. Ist es Ihrer sensiblen Vater-Psyche angenehmer, wenn ich von Kontraktionen spreche?"

Harm verzog das Gesicht. "Nein, das ist auch nicht besser."

"Sonst noch etwas, was Ihnen Sorgen macht?" erkundigte sich Dr. DelRey, zwischen Harm und Mac hin und her sehend.

"Na ja... Baby Rabb war immer so aktiv, ständig in Bewegung, aber in letzter Zeit gibt es Tage, an denen er oder sie sich kaum bewegt. Ist das normal?" erkundigte sich Mac stirnrunzelnd.

"Vollkommen normal," versicherte der Arzt beruhigend. "Das liegt ganz einfach daran, dass das Baby jetzt zu groß ist und zuwenig Platz in dem kleinen Raum hat, um sich noch wie früher zu bewegen."

"Kleiner Raum?!" echote Mac, auf ihren prallen Babybauch hinabsehend.

DelRey lachte. "Kein Kommentar."


38. Ernstfall-Übungen -
oder warum der neunte Monat kein guter Zeitpunkt ist, um ein Dach zu decken

24. Juli 2002
1915 Z-Zeit (15:15 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

"Ich gehe jetzt," kündigte Harm zum vierten Mal an.

Mac sah von ihrem Buch auf. "Ist gut."

Anstatt jedoch auf die Haustüre zuzusteuern, tauchte Harm erneut im Wohnzimmer auf. "Brauchst du noch irgendetwas?" erkundigte sich der werdende Vater besorgt. Er wusste, dass Mac nur mit Mühe aus dem Schaukelstuhl, in dem sie jetzt saß, wieder herauskommen würde.

"Nein, ich habe alles, danke." Mac zeigte auf ihr gerade erst gefülltes Saftglas und die Kissen, die Harm ihr eben fürsorglich unter den Rücken geschoben hatte.

"Gut, dann geh’ ich jetzt also." Trotz dieser Ankündigung zögerte Harm, sich aus dem Wohnzimmer wegzubewegen. "Bist du sicher, dass du alleine zurechtkommst, bis ich wieder da bin?"

Mac tat spielerisch, als wolle sie ihr Buch nach ihm werfen. "Natürlich komme ich zurecht, außerdem bist du ja nur nebenan, um dem Nachbarn mit seinem Dach zu helfen und du hast mir die Telefonnummer der Feltons und deine Handynummer neben das Telefon gelegt, damit ich anrufen kann, falls ich mir beispielsweise einen Fingernagel abbreche," wiederholte Mac die Instruktionen, die Harm ihr zuvor gegeben hatte. Nur den letzten Teil setzte sie zu ihrer eigenen Belustigung hinzu.

Harm lächelte verlegen. "Übertreibe ich es ein bisschen?"

"Ein klitzekleines Bisschen," bestätigte Mac amüsiert, "aber ich liebe es, dass du so besorgt um mich und Baby Rabb bist – und ich liebe dich. Aber es sind noch vier Wochen bis zum Geburtstermin; die Tasche für die Klinik – inklusive meiner hasenohrigen Hausschuhe – ist gepackt und du kennst jeden Weg ins Krankenhaus von jedem Punkt der Erde aus. Wir sind auf alles vorbereitet. Es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest."

Zögernd bückte sich Harm und küsste seine Frau. "Okay, dann gehe ich jetzt..."

Amüsiert sah Mac zu, wie er sich übertrieben lange von Jingo und Gypsie verabschiedete und ein paar Minuten damit verschwendete, seine Hausschlüssel, die auf ihrem üblichen Platz lagen, zu suchen, nur weil er eigentlich das Haus gar nicht verlassen wollte. "Also, ich bin jetzt weg... aber ich hab mein Handy eingeschaltet; ruf mich an, wenn irgendwas ist, ja?" Mit dieser letzten Erinnerung fiel endlich die Tür hinter Harm ins Schloss.

Mac schüttelte tadelnd den Kopf, als drei Sekunden später das Telefon klingelte. Sie wippte im Schaukelstuhl nach vorne und reichte nach dem Telefon, das Harm ihr griffbereit hingestellt hatte. "Harm, mir geht es gut, wirklich!" versicherte sie, ohne sich erst mit Namen zu melden. "Geh’ jetzt das Dach decken!"

"Es freut mich, dass es dir gut geht, aber ich fürchte, meine Dachdecker-Künste sind nicht die besten," antwortete eine belustigte Stimme, die eindeutig nicht Harms war.

"Äh... Granny?"

"Höchstpersönlich," bestätigte die alte Dame heiter, "oder jedenfalls so höchstpersönlich, wie das am Telefon eben geht. Ich wollte mal hören, wie du dich in deinem letzten Schwangerschaftsmonat so fühlst?"

"Schwanger – sehr, sehr schwanger!" erklärte Mac mit Nachdruck. "Ich habe soviel Ge- und Verbote, die ich momentan beachten muss, wie ein 6jähriger; soviel Geduld wie eine 2jährige und die Energie einer 100jährigen, alles vereint im Körper einer launischen 34jährigen."

Granny kicherte. "So schlimm, hm?"

"Nein, eigentlich kann ich mich nicht beklagen... außer, dass mich heute die Rückenschmerzen fast in den Wahnsinn treiben." Mac seufzte und rieb sich eine Stelle tief in ihrem Rücken.

"Wenn du erst dein Kind in den Armen hältst, sind alle Schmerzen vergessen," versprach Granny. "Und du hast nicht viel zugenommen, in ein paar Monaten wird niemand mehr sehen, dass du mal schwanger warst. Mich hättest du mal sehen sollen, als ich mit Harmons Vater schwanger war! Ich hatte soviel zugenommen, dass ein Nachbar mich zwei Wochen *nach* der Geburt fragte, wann das Kind denn nun endlich kommen würde!"

Mac lachte und als ihr Körper sich dabei anspannte, fühlte sie das schmerzhafte Ziehen bis hinunter in die Leisten.

"Ist was?" fragte Granny besorgt, als sie Macs plötzliches Keuchen hörte.

"Nein, nein," Mac legte eine beruhigende Hand auf ihren Bauch. "Nur ein paar Schwangerschaftssymptome. Meine Oberschenkel fühlen sich an, als hätte ich einen gewaltigen Muskelkater und meine Blase, als würde Baby Rabb darauf Trampolin springen."

Einen Moment herrschte Schweigen in der Leitung. "Ah! Ist Harmon in der Nähe?"

"Nein, er hilft gerade dem Nachbarn beim Dachdecken, wieso?" erkundigte sich Mac.

"Gut," meinte Granny. "Dann kann er sich schon nicht wegen deiner Wehen verrückt machen."

Mac ließ fast den Telefonhörer fallen. "Meine *was*?!"

"Wehen," verkündete Granny vergnügt. "Wenn mich nicht alles täuscht, hast du die ersten Wehen."

"Das... das kann nicht sein! Es sind doch noch vier Wochen bis zum Geburtstermin!" protestierte Mac entsetzt.

"Ganz ruhig, Liebes," beruhigte Granny, "das sind nicht die richtigen Ernstfall-Wehen. Wenn ich deine Symptome richtig deute, hast du Senkwehen. Die bringen das Baby einfach nur in die richtige Geburtsposition und vergehen wieder. Ist vielleicht besser, du sagst Harmon gar nichts davon, oder es geht dir wie damals Trish und du landest mit einem panischen werdenden Vater in der Notaufnahme!"

Immer noch ein wenig erschrocken verabschiedete sich Mac schließlich von der Rentnerin und angelte nach einem von Harms Babybüchern. Beruhigt las sie, dass Senkwehen bis zu vier Wochen vor der Geburt auftreten konnten. Sie tätschelte ihren Bauch. "Wenn du auch nur ein bisschen was von meinem Timing geerbt hast, dann halte dich gefälligst auch an deinen Geburtstermin, Baby Rabb. Der 19. August und keinen Tag früher, hörst du?!"


39. Avocado-Häppchen -
oder warum Umzüge manchmal einfach nutzlos sind

08. August 2002
1301 Z-Zeit (09:01 Uhr EDT)
Praxis von Dr. DelRey
Washington D.C.

Erfreut richtete sich Dr. DelRey auf und streifte seine Gummihandschuhe ab. "Na, wer sagt’s denn! Sieht so aus, als hätte Baby Rabb beschlossen, seinen Eltern den Kaiserschnitt zu ersparen – das Baby hat sich doch noch gedreht!"

Erleichtert drückte Mac die Hand ihres Mannes.

"Auch sonst ist alles in Ordnung," fuhr der Arzt zufrieden fort, "der Muttermund ist zu und die Laborergebnisse sind diesmal auch alle okay. Alles sieht gut aus für die Geburt." Er drehte sich zu Harm um. "Nur um es schon mal zu sagen, wenn die Wehen einsetzen, sollten Sie Ihre Frau ins Krankenhaus fahren, sobald die Kontraktionen mit einem Abstand von acht Minuten kommen."

"Acht Minuten?!" echote Harm mit großen Augen. "Wir fahren los, sobald die Wehen einsetzen!"

Der Gynäkologe schüttelte lächelnd den Kopf. "Mister Rabb," begann er geduldig, "zwischen den ersten Wehen können Stunden vergehen. Eine Geburt ist keine schnelle Sache, gewöhnen Sie sich an den Gedanken."

Wenig später verließen sie die Praxis und Harm setzte Mac zuhause ab, bevor er sich auf den Weg zur Arbeit machte.

Mac war ein wenig ruhelos, fand in dem von Harm blitzblank geputzten Haus aber nichts zu tun. Schließlich beschloss sie, zum JAG-Hauptquartier zu fahren und Harm zur Feier ihres Hochzeitstages mit einem Shrimps-Cocktail zu überraschen. Sie lächelte vor sich hin, als sie daran dachte, dass sie vor genau einem Jahr vor dem Traualtar gestanden waren. Damals hatte sie sich noch nicht im Traum vorgestellt, jetzt schon fast Mutter zu sein.

Sie bemerkte sofort, dass etwas nicht wie sonst war, als sie das Hauptquartier betrat. Zwei Männer, die sich mit dem schweren Schreibtisch des Admirals abmühten, wichen eilig der schwangeren Offizierin aus. Ein wenig gemächlicher folgte Harriet, die aufgrund ihrer eigenen Schwangerschaft nur den in Plexiglas eingeschweißten Baseball trug, der für gewöhnlich Chegwiddens Schreibtisch zierte.

"Was ist denn hier los?" erkundigte sich Mac erstaunt. "Ich dachte, der Admiral hätte sein Büro erst vor kurzem renoviert?"

Harriet kicherte und blickte sich schnell um. "Der Admiral zieht in ein anderes Büro um."

Mac runzelte die Stirn. "Wieso das denn? Er hat das beste Zimmer im ganzen Gebäude!"

"Na ja, das schon, aber der Admiral hegt insgeheim den Verdacht, dass irgendetwas in seinem Büro bei schwangeren Frauen Wehen auslösen könnte. Immerhin haben jetzt schon zwei Frauen ihr Kind in diesem Büro bekommen und der Admiral hat gesagt, dass er bei uns beiden auf keinen Fall erneut das Risiko eingehen will," erklärte Harriet, amüsiert ihren Babybauch streichelnd.

"Lieutenant, sind Sie etwa schon wieder dabei, über meine Entscheidung, das Büro zu wechseln, zu spotten?" Der Admiral, der plötzlich mit einem Segelschiff-Gemälde im Großraumbüro auftauchte, sah mit scheinbar grimmiger Strenge auf seine schwangere Untergebene hinab.

"Oh, nein, Sir, natürlich nicht!" Harriet setzte ein rundäugig-unschuldiges Gesicht auf.

"Gut. Jemand muss ja schließlich an unser Budget denken, wenn Ihre beiden Männer es schon nicht tun! Eine Geburt im Winter könnte ich ja vielleicht noch verkraften, aber haben Sie eine Ahnung, wie viel die Reinigung mir dafür berechnet, die Blutflecken aus meiner weißen Sommer-Uniform zu entfernen?"

Harriet und Mac zogen es vor, auf die ohnehin rhetorische Frage nicht zu antworten. "Apropos Mann... haben Sie den meinen zufällig irgendwo gesehen, Sir?" erkundigte sich Mac.

"Ich habe den Commander und Lieutenant Roberts heute abgestellt. Die beiden sind in Georgetown, um dort an der Uni einen Vortrag über die Karrieremöglichkeiten im juristischen Bereich der Streitkräfte zu halten," erklärte Chegwidden, während er die Männer, die seine Einrichtungsgegenstände vorbeitrugen, streng beobachtete.

Mac sah enttäuscht auf die Krabben und belegten Brötchen hinab, die sie noch immer in der Hand hielt. "Tja, dann kann ich das wohl wieder mitnehmen... oder möchte jemand von Ihnen etwas davon?"

"Oh, nein, Klein Roberts ist im Moment auf dem Kuchen-Trip," wehrte Harriet ab, nachdem sie die Aufschrift auf der Tüte gelesen hatte.

Der Admiral sah sich um. "Tja, bevor wir es verderben lassen..." Nie hätte er zugegeben, dass er belegten Häppchen einfach nicht widerstehen konnte. "Leisten Sie mir doch Gesellschaft, Colonel... aber in meinem *neuen* Büro!"

Mac ließ sich erleichtert zwischen dem an der Wand lehnenden Gemälde von ‚31-Knoten-Burke’ und einem Stapel Gesetzesbücher in den Ledersessel sinken und rieb sich den Rücken.

Chegwidden ließ sich auf der Schreibtischkante nieder und vertiefte sich in den Inhalt der Plastiktüte. Während er Krabben und Häppchen mit Avocado-Creme kostete, vergaß er seinen Gast beinahe.

"Sir?"

"Hmm?" Der Admiral hielt den Blick weiterhin auf die mitgebrachten Köstlichkeiten gerichtet.

"Sir?!"

Jetzt endlich sah Chegwidden auf. "Oh, ja, natürlich, entschuldigen Sie bitte..." Er hielt Mac die Tüte hin, damit auch sie sich bedienen konnte.

Mac jedoch schüttelte den Kopf. "Nein, danke, Admiral... mir ist nicht nach essen."

Der Admiral registrierte die Art, wie sie eine Hand auf den Bauch presste, und nickte verständnisvoll. "Verstehe." Er hatte sich inzwischen an die merkwürdigen Ernährungsgewohnheiten schwangerer Frauen gewöhnt. Ihn konnte nichts mehr schrecken, was Schwangere essen oder nicht essen wollten.

"Nein, Sir, ich fürchte, das tun Sie nicht," widersprach Mac gepresst. "Ich glaube, bei mir haben die Wehen eingesetzt..."

Ein Avocado-Häppchen fiel aus einer plötzlich erstarrten Hand und hinterließ hässliche Flecken auf einem weißen Uniform-Hemd. "Nicht in meinem Büro! Nicht in meinem *neuen, geburtensicheren* Büro!" entschied Chegwidden im Befehlston.

Mac musste trotz ihrer eigenen Beunruhigung lächeln. "Doch, Sir, ich fürchte schon."

Zwei Männer schleppten Chegwiddens großen Fernseher zur Türe herein.

"Was soll ich hier in dieser nichtsnutzigen Abstellkammer damit?!" fuhr der Admiral die beiden überraschten Männer an. "Bringen Sie das Ding zurück in mein Büro!" Er drehte sich zu Mac um und fragte mit ruhigerer Stimme, wie eine professionelle Hebamme: "Mit welchem Abstand kommen die Wehen?"

"Ich glaube, ich hatte vor einer Stunde und einundvierzig Minuten schon mal eine und dann vor vierunddreißig Minuten, aber die habe ich nicht sofort als Wehen erkannt," antwortete Mac.

Chegwidden atmete auf. "Ah, dann haben wir also noch ein bisschen Zeit. Ich werde gleich Tiner rufen, damit er Sie ins Krankenhaus fahren kann..." Er wandte sich zur Tür, um den Petty Officer herzubeordern.

"Auf keinen Fall, Sir!" protestierte Mac energisch.

Langsam, fast drohend, drehte der Admiral sich zu ihr um. "Wie bitte? Sagen Sie nicht, Sie *wollen* Ihr Kind in meinem Büro zur Welt bringen?!"

"Oh, nein, Sir, ein Kreissaal wäre mir schon lieber, aber ich weigere mich, mich von einem Mann fahren zu lassen, der bei der letzten Geburt, die er erlebt hat, einfach in Ohnmacht gefallen ist, bevor das Baby überhaupt geboren war!"

"Gut, dann... dann soll Sie eben..." Chegwidden blickte hinaus ins Großraumbüro, in dem sich aber leider nur wenige Personen aufhielten, die Mac hätten fahren können. Die meisten Unteroffiziere waren damit beschäftigt, seine Möbelstücke wieder zurück zu schleppen. "Ich schätze, Harriet wäre auch keine so gute Idee, oder?" Seufzend rieb er sich die Narbe an seinem Hinterkopf. "Dann bleibt also noch..."

"Sie, Sir," schlug Mac zaghaft vor.

Die Wangenmuskeln des Admirals mahlten. "Na schön. Meine Uniform ist ohnehin schon ruiniert," meinte er schließlich, auf den Avocado-Creme-Fleck hinabsehend. Er streckte den Kopf durch die Türe. "Tiner!" rief er quer durch das Großraumbüro. "Versuchen Sie, Commander Rabb oder Lieutenant Roberts zu erreichen und sagen Sie ihm, dass bei seiner Frau die Wehen eingesetzt haben und er sofort ins Krankenhaus fahren soll!"

Noch während Tiner versuchte, die beiden Offiziere über Handy zu erreichen, zuckte Mac zusammen und krampfte ihre Finger um den nächstbesten festen Halt – den Unterarm des Admirals. "Autsch," sagte sie schließlich, als die Wehe vorbei war.

"Das wollte ich auch eben sagen," murmelte Chegwidden, die taube Stelle an seinem Arm reibend. "Ich glaube, wir machen uns besser auf den Weg. Tiner, versuchen Sie es weiter!"


40. Es geht los! -
oder warum man zwei werdende Väter nie gleichzeitig auf einen Vortrag schicken sollte

08. August 2002
1714 Z-Zeit (13:14 Uhr EDT)
Universität von Georgetown
Washington D.C.

Harm wartete einen Moment, bis das Gelächter der Studenten sich gelegt hatte, ehe er schmunzelnd fortfuhr. "Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Ihre Karriere bei der Navy genauso turbulent wie meine werden würde, aber..." Er unterbrach sich und runzelte die Stirn, als im hinteren Teil des Hörsaals Unruhe ausbrach.

Ein Mann, der eben erst hereingekommen war, winkte aufgeregt. Harm sah irritiert auf die Notizen seines Vortrags hinab. <Hab ich was Falsches gesagt?>

Das Winken des Mannes deutete jedoch eher darauf hin, dass er etwas zu sagen hatte. Harm warf Bud einen Blick zu. "Gehen Sie mal nachschauen, was er will, Bud?" Unruhig verharrte Harm neben dem Rednerpult und wartete, während Bud mit dem Mann sprach. <Gott, es wird doch nichts mit Mac sein?>

Quer durch den Hörsaal konnte er sehen, wie Bud bleich wurde und ihm hektisch winkte.

Harm ließ seinen Blätterstapel fallen. Er kämpfte gegen aufsteigende Panik an. "Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss gehen... ich glaube, ich bekomme ein Baby!" Ohne auf das Gelächter der Studenten, die das für einen erneuten Witz hielten, zu achten, polterte er die Stufen hinab. "Mac?" fragte er gehetzt, sobald er Bud erreichte. "Kommt das Baby?"

"Ja – aber nicht Ihres, sondern meins! Bei Harriet haben die Wehen eingesetzt, Sir!" erklärte Bud mit weit aufgerissenen Augen. "Tiner hat gesagt, wir sollen gleich ins Krankenhaus fahren!"

Harm entspannte sich ein wenig. Aufmunternd klopfte er Bud auf die Schulter. "Das schaffen wir noch. Kommen Sie, ich fahre."


41. Happy Birthday -
oder warum Seals gegenüber Admirälen gewisse Vorteile haben

>08. August 2002
1732 Z-Zeit (13:32 Uhr EDT)
Mercy-Hospital
Washington D.C.

A.J. Chegwidden stieß die Doppel-Türen mit soviel Schwung auf, dass sie links und rechts gegen die Wand krachten. Mit seiner freien Hand stützte er Mac, die ihm langsam und gepresst atmend den Gang hinab folgte.

Sie machte noch einen Schritt und stoppte plötzlich, als sie einen Schwall warmer Flüssigkeit ihre Beine hinablaufen spürte. "Sir, ich glaube, meine Fruchtblase ist gerade geplatzt," erklärte sie zögernd.

Eine junge, blonde Frau kam lächelnd den Gang hinab, als sie sie sah. "Hallo, Ma’am, ist es soweit?"

Der Admiral war noch nie in seinem Leben so froh gewesen, eine Hebamme zu sehen, wie jetzt. Erleichtert überließ er Mac ihrer Obhut und folgte ihnen zögernd zu einer Sitzgruppe hinüber.

Gwen McKenna fischte einen weißen Bogen Papier hinter dem Empfangstresen hervor. "Wann haben die Wehen eingesetzt?"

"Die erste kam um 11.16 Uhr, die zweite um 12.23, die dritte um 12.57, dann um 13.08, 13.18, 13.25 und 13.32," berichtete Mac mit sachlicher Genauigkeit.

Gwen, die um ihre innere Uhr wusste, nickte nur, während sie ein paar Eintragungen machte. "Gut. Sieht so aus, als ob die Wehen jetzt rasch regelmäßiger werden. Ich werde sofort mal sehen, welcher Kreissaal und welcher Arzt frei sind." Sie hastete davon.

Chegwidden verharrte neben seiner Offizierin und sah hilflos zu, wie die Hände um die Armlehnen krampfte, als die nächste Wehe nahte. "Ganz ruhig, entspannen Sie sich...," redete er ihr zu.

"Haben Sie mal Wehen und entspannen sich gleichzeitig!" knurrte Mac zwischen zusammengepressten Zähnen. "Entschuldigung, Sir," fügte sie gleich darauf hinzu.

Der Admiral winkte ab. Langsam gewöhnte er sich daran, von Frauen in Wehen beschimpft zu werden. "Schon okay. Kann ich irgendetwas für Sie tun?"

"Ich glaube nicht, außer Sie wollen die Geburt für mich übernehmen?" Mac sah mit einem fragenden Lächeln zu ihrem kommandierenden Offizier empor.

Chegwidden verzog das Gesicht. "Danke, ich denke, ich passe."

Gwen kehrte mit einem Arzt und einem Krankenhauskittel für Mac zurück.

Der Admiral ließ sich auf einem der orangeroten Plastikstühle nieder und sah zufrieden zu, wie Arzt und Hebamme mit seiner schwangeren Anwältin verschwanden. Auch wenn die Wehen in seiner Anwesenheit eingesetzt hatten, so hatte er es doch immerhin geschafft, eine erneute Betätigung als Geburtshelfer zu vermeiden.

Doktor Otis schloss das CTG an. Mac versuchte, sich von den Wehen und der Untersuchung abzulenken, indem sie den regelmäßigen Herztönen ihres Babys lauschte.

"Na, das sieht doch schon ganz gut aus," meinte Dr. John Otis, als er die Handschuhe abstreifte und sich wieder aufrichtete. "Der Muttermund ist schon sechs Zentimeter offen." Er drehte sich zu Gwen um. "Falls Sie mich brauchen, ich bin im Bereitschaftszimmer und versuche, noch ein bisschen zu schlafen."

Mac starrte dem Arzt hinterher. "Aber er kann doch jetzt nicht einfach so gehen!"

Gwen lächelte beruhigend. "Im Moment brauchen wir ihn nicht. Bevor der Muttermund sich nicht mindestens zehn Zentimeter geöffnet hat, kann das Kind nicht kommen. Wissen Sie noch, was ich Ihnen im Kurs über die Eröffnungswehen erzählt habe?"

"Ich weiß jedenfalls, was Sie mir verschwiegen haben," presste Mac zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Wie verdammt schmerzhaft sie sind!" Sie ließ sich im Bett zurücksinken, als die Wehe abklang, und sah zur Türe. "Wo Harm nur bleibt?"

Wie auf dieses Stichwort hin öffnete sich die Türe.

Hoffnungsvoll sah Mac auf, nur um dann verwundert die Stirn zu runzeln, als statt ihres Ehemannes Bud Roberts in den Kreissaal stolperte. "Bud? Was wollen Sie denn hier? Wo ist Harm?"

"Wo ist Harriet?" platzte es aus dem aufgeregten Lieutenant heraus.

Mac zuckte die Schultern. "Im Hauptquartier, nehme ich an."

Bud sah sie aus großen Augen entsetzt an. "Aber... aber sie hat doch Wehen! Warum ist sie nicht im Krankenhaus?!"

Mac deutete hinab auf ihr weißes Krankenhaushemd und den Wehenschreiber, an den sie angeschlossen war. "Ich denke, es ist ziemlich offensichtlich, dass *ich* diejenige bin, die Wehen hat! Also, wo ist Harm?!"

Bud schluckte. "Er... er ist draußen, Ma’am. Er sucht noch einen Parkplatz."

Draußen schlenderte Harm gerade den Gang hinab. Schon von weitem sah er den Admiral auf einem Besucherstuhl sitzen und Kaffee aus einer Plastiktasse trinken. Von Bud, der in Panik vorausgelaufen war, während er noch einen Parkplatz suchte, war schon nichts mehr zu sehen.

Amüsiert lächelnd blieb er vor seinem kommandierenden Offizier stehen. "Hallo, Sir. Bud ist schon drin, hm? Wie geht’s Harriet?"

"Harriet?" Chegwidden sah von seinem Kaffeebecher auf. "Als ich sie zuletzt gesehen habe, ging es ihr ganz gut. Sie hat sich prächtig amüsiert über den Reinfall mit meinem neuen Büro."

Harm setzte sich ruhig neben den Admiral und reckte den Hals, um den Kaffeeautomaten zu entdecken, aus dem Chegwiddens Getränk stammen musste.

Chegwiddens Brauen zogen sich zusammen, als er Harm musterte. "Wollen Sie nicht lieber da rein gehen?" Er verschränkte die Arme und nickte mit dem Kinn in Richtung Kreissaal.

"Ich? Oh, nein, Sir, wieso auch? Das schaffen sie sicher auch ganz gut ohne mich," meinte Harm mit einem lässigen Grinsen. Er war sicher, dass Harriet und Bud bei der Geburt lieber unter sich sein würden.

Der Admiral stellte den Kaffeebecher so abrupt ab, dass braune Spritzer seinen Uniformärmel tränkten. "Commander, ich befehle Ihnen, jetzt sofort da rein zu gehen und Ihrer Frau beizustehen!"

Harm rutschte fast von dem schmalen Plastikstuhl. "M-meine Frau?! Sie meinen, Mac ist da drin?!" Entsetzt sprang er auf und rannte über den Gang.

Chegwidden blieb kopfschüttelnd zurück. "An Tagen wie diesem wünschte ich fast, ich wäre ein Seal geblieben – keine einzige schwangere Frau weit und breit!"

"Harm!" brüllte Mac ihn an, sobald er die Türe aufriss. "Wo zum Teufel warst du?!" Sie krallte die Finger in die Matratze, als wieder eine Wehe nahte.

Gwen, die mit einem Blick sah, dass der werdende Vater bleich war und ein wenig desorientiert wirkte, schob ihn sanft zum Bett. "Er ist ja jetzt da," meinte sie beruhigend, während sie Bud bedeutete, draußen zu warten.

Mit wackeligen Beinen ließ Harm sich auf die Bettkante sinken und beugte sich über Mac, um ihr schweißnasses Haar aus der Stirn zu streichen. "Ich bringe Tiner um, sobald ich ihn wieder zu Gesicht kriege!" erklärte er grimmig. "Er hat Bud gesagt, dass bei Harriet, nicht bei dir, die Wehen eingesetzt hätten!"

Mac rollte mit den Augen. "Gott, was für ein Durcheinander!"

Harm nahm Gwen den feuchten Waschlappen ab und wusch damit Macs Gesicht. "Wie lange geht das schon so?"

"Regelmäßig sind die Wehen seit 58 Minuten. Der Arzt meint, das gäbe wohl eine schnelle Geburt, aber mir kommt es wie eine Ewigkeit vor." Mac stöhnte unterdrückt auf, als eine neue Kontraktion begann.

Harm hielt still, während sie seine Finger in einen Schraubstock-Griff nahm. Als die Wehe endete, kletterte er vorsichtig hinter Mac auf das Bett und legte haltgebend die Arme um sie, so wie sie das geübt hatten.

Zwei weitere Wehen kamen immer schmerzhafter und in immer kürzeren Abständen, bevor Gwen hinzutrat, um zu kontrollieren, wie weit der Muttermund sich schon geöffnet hatte. "Wow, da hat es jemand eilig, seine Eltern kennen zu lernen!"

"Wie lange noch?" keuchte Mac. Sie hatte schon jetzt das Gefühl, völlig erschöpft zu sein. Die Wehen wurden immer stärker und kamen jetzt fast ohne Unterbrechung, ließen ihr keine Pause, in der sie hätte neue Kraft schöpfen können.

"Wir sind bei acht Zentimeter, noch ein oder zwei Stunden, dann haben Sie die Eröffnungsphase hinter sich und wir kommen zu den weniger anstrengenden Teilen der Geburt," erklärte Gwen McKenna, während sie Mac einen Wasserbecher an die Lippen setzte.

Mit einem quälenden Gefühl der Hilflosigkeit sah Harm auf das erschöpfte Gesicht seiner Frau hinab. Sanft pflügten seine Finger durch ihr feuchtes Haar. "Kann ich irgendetwas tun, um es dir leichter zu machen?"

"Mein Rücken."

Harm wusste sofort, was sie meinte. Er rutschte ein wenig zur Seite und begann, die verspannte Stelle tief in ihrem Rücken zu massieren. "Besser?"

Mac konnte nur nicken, als eine neue Wehe begann und sich all ihre Muskeln verkrampften.

Gwen trat neben das Bett, ein Auge immer auf der Uhr, um die Wehen zu timen. "Okay, nicht pressen, ganz ruhig atmen. Hecheln, so wie wir das im Kurs gelernt haben..."

Keuchend und hechelnd wartete Mac darauf, dass die Wehe abklang. Sie war sich ihrer Umgebung nicht richtig bewusst, alles, worauf sie sich konzentrieren konnte, war der Schmerz. Dann verlor die Wehe langsam an Stärke und sie nahm den sanften Druck von Harms Hand in ihrem Rücken und den Klang seiner Stimme wahr, als er die Atemtechnik mitmachte.

Draußen auf dem Gang schritten Bud und Admiral Chegwidden unruhig auf und ab; einer schritt nach links, der andere nach rechts. Vor dem Empfangstresen kreuzten sich ihre Wege jeweils und sie drehten um, um in die andere Richtung zu gehen.

Nach einer Zeit, die selbst Mac mit ihrem untrüglichen Zeitgefühl wie ein Dutzend Stunden vorkam, höchstwahrscheinlich aber nur eine einzige war, verkündete Gwen endlich, dass der Muttermund nun vollständig offen war. "Okay, wenn die nächste Wehe kommt, können Sie beginnen, mit der Wehe mitzupressen."

Mac war schweißgebadet. Sie ruhte mit erhöhtem Oberkörper gegen Harms Brust, die Knie angezogen und nach außen gekippt. Die Abstände zwischen den Wehen hatten sich jetzt, da die Austreibungsphase begonnen hatte, etwas verlängert und Mac war froh um diese kurze Erholungspause.

Nach der zweiten Wehe kam Dr. Otis wohl ausgeschlafen zurück, hielt sich aber zurück, als er sah, dass die Hebamme alles unter Kontrolle hatte.

"Kopf auf die Brust, fest nach unten pressen, weiter, weiter!" ermunterte Gwen, als die nächste Wehe begann und dann wieder endete. "Gut. Jetzt ausatmen, Luft holen... und noch mal drücken. Pressen, Ma’am, pressen!"

Mac hatte das Gefühl, in Stücke gerissen zu werden. Funken tanzten vor ihren Augen und sie keuchte vor Erschöpfung. "Ich kann nicht mehr!" stöhnte sie atemlos.

"Oh, doch, Ma’am, Sie können!" Gwen drückte sanft ihre Hand. "Noch mal tief Luft holen und pressen!"

Nervös sah Harm zwischen Gwen und dem Arzt hin und her, während er Macs Wange streichelte. Nur das rhythmische Piepen des Monitors, der die Herzfrequenz des Babys überwachte, beruhigte ihn etwas.

Schließlich trat Dr. Otis neben Gwen. "Wenn die nächste Wehe kommt, sagen Sie Bescheid, Mrs. Rabb."

"Jetzt!" meldete Mac kurz darauf.

"Pressen!" kommandierten Gwen und Dr. Otis gleichzeitig.

Harm stöhnte mit Mac auf, als sie schmerzhaft seine Hand drückte.

"Da ist der Kopf!" erklärte Gwen schließlich lächelnd. "Das Baby hat schon Haare."

"Welche Farbe?" keuchte Mac zwischen zwei Wehen.

"Dunkel," antwortete Gwen, während sie ans Fußende des Bettes trat und die Hände nach dem kleinen Kopf ausstreckte. "Jetzt nicht pressen, damit der Kopf nicht zu schnell über den Damm kommt."

Einen Moment lang war es still, nur Macs Keuchen war zu hören, als sie gegen den Drang zu pressen ankämpfte.

Dann war der Kopf vollständig draußen und das Baby drehte sich ein wenig zur Seite. Gwen säuberte eilig Mund und Nase und stellte sicher, dass die Nabelschnur sich nicht um den Hals gewickelt hatte. "Okay, jetzt noch einmal kräftig pressen und Sie haben’s geschafft!" versprach sie Mac.

Sobald Kopf und Schultern den Geburtskanal passiert hatten, folgte der Rest des Körpers mühelos nach.

Tränen der Erleichterung und Freude liefen über Macs Gesicht, als ein kräftiger Babyschrei durch den Kreissaal hallte.

"16.41 Uhr," gab Dr. Otis die Geburtszeit bekannt.

"Zweiundvierzig," korrigierte Mac automatisch, noch während sie sich müde aufstemmte, um einen Blick auf ihr Kind zu erhaschen.

"Hier ist Ihre Tochter," verkündete Gwen lächelnd, während sie das Baby sanft in die Höhe hielt.

"Ist sie... okay? Gesund?" fragte Harm, ehrfürchtig keinen Blick von seiner schreienden Tochter abwendend.

"Vollkommen okay," beruhigte Gwen. "Möchten Sie die Nabelschnur durchtrennen, Mr. Rabb?"

Harm hauchte einen Kuss auf Macs Stirn und glitt mit weichen Knien vom Bett.

Gwen legte Mac das Baby auf den Bauch und sie begann sofort, die Konturen des kleinen Gesichtes nachzufahren und die Fingerchen zu zählen.

Dr. Otis reichte Harm eine sterile Chirurgenschere und hielt die Nabelschnur für ihn fest. "Schneiden Sie zwischen den beiden Nabelklemmen," wies er Harm an.

Harm tat es und ließ sich dann sofort wieder neben Mac auf dem Bett nieder. "Danke, Mac. Ich liebe dich... euch," murmelte er und sie teilten einen langen Kuss über das Baby hinweg.

Das Baby bewegt sich unruhig auf Macs Bauch. Instinktiv öffnete sie ihren Krankenhauskittel und legte Adrianna zum ersten Mal an ihre Brust.

Harm hielt ehrfürchtig den Atem an und versuchte, sich diesen Moment einzuprägen. Er wollte ihn nie wieder vergessen. Sanft legte er seine große Hand auf den Rücken des Babys, um es in Position zu halten.

"Das fühlt sich so... seltsam an." Mac flüsterte fast. "Ich kann kaum glauben, dass ich das wirklich sehe."

Die kleine Adrianna trank jetzt langsamer und eine winzige Milchblase bildete sich zwischen ihren Lippen, als sie den Kopf wegdrehte und ihren Eltern für einen Moment die Zunge herausstreckte.

"Sie ist perfekt, Mac," meinte Harm, mit einem Finger durch das feuchte dunkle Haar streichelnd.

Mac lachte. "Natürlich ist sie perfekt – und wir sind auch kein bisschen voreingenommen, oder?"

Gwen trat neben das Bett und streckte vorsichtig die Hände nach dem Baby aus. "Ich muss sie jetzt kurz mitnehmen, damit wir ein paar Untersuchungen machen können, während Dr. Otis sich um die Nachgeburt kümmert. Mister Rabb, möchten Sie mitkommen und Ihre Tochter baden?"

Harm sah zögernd auf Mac hinab. "Soll ich nicht lieber bei dir bleiben?" Eigentlich hatte er vorgehabt, seiner Frau jede Minute der Geburt beizustehen.

"Nein, geh du nur mit Adrianna. So schnell, wie die Geburt war, wird das sicher nur eine Sache von Minuten," beruhigte Mac und gab ihm einen sanften Schubs.

Harm folgte der Hebamme und einer hinzukommenden Kinderärztin hinüber in den Nebenraum und sah zu, wie sie seine Tochter kurz untersuchten, sie wogen und maßen. "3.600 Gramm; 48 Zentimeter," verkündete Gwen über die Schulter zurück.

"Wow, das ist ganz schön groß, wenn man bedenkt, dass sie zwei Wochen zu früh gekommen ist, oder?" erkundigte sich Harm interessiert.

Gwen nickte und deutete hinüber zu einer kleinen Plastikwanne. "Wenn Sie Ihr Handgelenk unter ihren Kopf schieben und sie mit der anderen Hand so abstützen..." Sie zeigte Harm, wie er das Baby am sichersten halten konnte.

Vorsichtig, immer ein wenig in Sorge, dass er dem winzigen Wesen, das seine Tochter war, weh tun könnte, trug Harm das Baby zur Wanne hinüber. Noch nie hatten 3 ½ Kilogramm sich so gut in seinen Armen angefühlt. Er hauchte einen Kuss auf den dunklen Flaum auf ihrem Kopf, bevor er sie langsam hinab ins Wasser senkte.

Der kleine Babybrustkorb hob sich, als Adrianna erschrocken einatmete und einen Moment lang sah es so aus, als würde sie zu weinen beginnen, aber dann gähnte sie nur und ließ zu, dass ihr Vater sie badete.

Mit Bedauern sah Harm schließlich zu, wie die Kinderärztin seine Tochter zu ein paar weiteren Untersuchungen davontrug. Erst als auch die fast schon vor Erschöpfung eingeschlafene Mac aus dem Kreissaal gerollt wurde, fiel Harm ein, dass draußen wohl noch immer Bud und der Admiral warteten.

"Und, ist das Baby da, Sir?" fragte Bud sobald Harm die Türe öffnete.

Harm nickte mit stolzgeschwellter Brust. "Ein Mädchen – Adrianna Rabb. 48 Zentimeter groß und 3.600 Gramm schwer," verkündete er mit einem Grinsen, das von einem Ohr zum anderen reichte. "Wo ist denn der Admiral?" fragte er, ein wenig enttäuscht, diesen großartigen Augenblick nicht mit seinem kommandierenden Offizier teilen zu können.

"Er ist zurück ins Hauptquartier gefahren," berichtete Bud. "Er hat gesagt, jetzt, wo alles vorbei ist, wolle er sicher stellen, dass sein Büro so schnell wie möglich wieder eingerichtet wird."


42. Zu früh gefreut! -
oder warum Wehen eine ansteckende Krankheit sind

08. August 2002
2129 Z-Zeit (17:29 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Zufrieden sah Konteradmiral A.J. Chegwidden sich in seinem inzwischen wieder vollständig eingerichteten Büro um. Jetzt war er also doch noch darum herumgekommen, erneut Hebamme spielen zu müssen, und hatte gleichzeitig sein altes Büro behalten können. Grinsend ließ er sich in seinen Sessel sinken. Als sein Blick auf die Schreibtischoberfläche fiel, stellte er fest, dass etwas fehlte.

Es klopfte an der Türe und Harriet Sims-Roberts trat ein. "Sir, ich wollte..."

"Ah, Sie haben meinen Baseball gefunden! Danke, Lieutenant." Chegwidden bedeutete der Schwangeren, das gute Stück auf seinem Platz abzustellen.

Harriet ließ sich in den Besuchersessel sinken und sah auf den Baseball im Plexiglaswürfel hinab, als würde ihr erst jetzt bewusst werden, dass sie ihn überhaupt in der Hand hielt. "Oh." Sie stellte den Würfel ab. "Ich wollte eigentlich fragen, ob Sie mich zum Krankenhaus fahren können..."

"Ich bin nicht sicher, ob Colonel MacKenzies... Rabbs Kind schon geboren wurde und selbst wenn, glaube ich, dass Sie besser bis morgen warten sollten, um sie zu besuchen," meinte Chegwidden, während er den Baseball in alle Richtungen drehte, um die beste Position auf dem Schreibtisch zu finden.

"Sir, ich..." Harriet schluckte und sah ihren Vorgesetzten mit großen, panikerfüllten Augen an. "Ich glaube nicht, dass ich bis morgen warten sollte – Klein Roberts hat scheinbar etwas dagegen."

Chegwidden starrte sie fast drohend an. "Sagen Sie mir, dass das nicht das bedeutet, was ich befürchte!"

"Doch, Sir, wie es scheint, sind Wehen ansteckend – meine haben jedenfalls eingesetzt." Harriet versuchte ein entschuldigendes Lächeln, während sie mit beiden Händen ihren Bauch umschlang.

"Sechs Wochen! Es sind noch sechs Wochen bis zu Ihrem offiziellen Geburtstermin! Hält sich denn niemand außer mir an Termine?!" grummelte Chegwidden.

Harriet zuckte die Schultern. "Man kann nie ganz sicher sein, ob der Geburtstermin richtig berechnet ist..."

Der Admiral riss fast den so sorgsam aufgestellten Baseball vom Schreibtisch, als er hastig aufsprang und die Türe aufriss. "Tiner! Mattoni! Turner!"

"Sir, da draußen ist niemand mehr, nur noch Petty Officer Tiner. Alle anderen sind entweder nach Hause gegangen oder wollten Mac im Krankenhaus besuchen," erklärte Harriet, während sie keuchte und die Finger um die Armlehnen krallte. "Und ich hab Tiner verboten, auch nur die Nase hier rein zu strecken, bevor er nicht das Schreien eines Kindes hört."

"Nein, nein, nein, in meinem Büro schreien keine Kinder!" wehrte Chegwidden energisch ab. "Dies hier ist das Büro des Judge Advocate General und kein Kreissaal, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen sein sollte, Lieutenant."

"Oh, doch, mir ist es aufgefallen, Sir, aber meinem Nachwuchs scheint das so ziemlich egal zu sein."

Der Admiral riss erneut die Türe auf. "Tiner, rufen Sie einen Krankenwagen und jede Hebamme im Umkreis von fünf Meilen an!" Er drehte sich zu Harriet um und fügte entschuldigend hinzu: "Ich würde Sie ja selbst ins Krankenhaus fahren, aber wenn das wieder so eine schnelle Geburt wie Ihre letzte wird... mein Explorer eignet sich nicht zum Kinderwagen." Er war schon ins Schwitzen geraten und hatte im Stillen den Schutzpatron aller unfreiwilligen JAG-Hebammen angefleht, als er die schwangere Mac im Auto gehabt hatte. Ein solcher Adrenalinstoß pro Tag reichte ihm vollkommen.

Harriet stöhnte gepresst. "Schon in Ordnung, Sir. Wenn ich ehrlich bin, sieht die Stelle auf dem Fußboden mit jeder verstreichenden Sekunde gemütlicher aus..." Sie deutete auf die Stelle, auf der ihr Sohn A.J. geboren worden war.

"Eines sage ich Ihnen, Lieutenant," grollte Chegwidden, während er Harriet zu der Stelle hinüber half, "glauben Sie bloß nicht, dass diese gemütlichen Liegepartien auf meinem Fußboden eine jährliche Tradition werden!"


43. Timing ist alles -
oder warum man Eltern nicht mit Blumen gratulieren sollte

09. August 2002
1230 Z-Zeit (08:30 Uhr EDT)
Mercy-Hospital
Washington D.C.

Mac erwachte langsam. Das erste, was ihr auffiel, war, dass jeder Muskel ihres Körpers schmerzte – sogar Muskeln, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existierten. Dann erinnerte sie sich plötzlich an den Grund dafür. Sie öffnete die Augen und drehte den Kopf.

Da waren sie – die beiden Menschen, die sie am meisten liebte. Harm saß im Stuhl neben ihrem Bett und murmelte sanft auf das kleine Bündel hinab, das friedlich in seinen Armen schlief.

Er schien ihren Blick zu bemerken, denn er drehte den Kopf und strahlte sie an. "Hi, Mum."

"Hallo, Dad." Mac teilte sein glückliches Grinsen.

Harm erhob sich langsam und legte Adrianna vorsichtig in das Bettchen, das für sie bereit stand. Dann trat er neben Mac und nahm sie in die Arme. "Gut geschlafen?" fragte er, die Wange gegen ihr Haar gepresst.

"Hmmm... wie ein..." Mac sah lächelnd auf schlafende Kind hinab. "Wie ein Baby. Und du?"

"Keinen Augenblick," gestand Harm. "Ich wollte wach bleiben und dieses unglaubliche Gefühl genießen. Und ich musste alle unsere Verwandten und Freunde anrufen, um ihnen zu sagen, dass Adrianna da ist."

Mac lachte, als sie sich das vorstellte. "Und, wie hat Granny reagiert?"

"Das kannst du sie in Kürze selbst fragen. Sie ist sofort in das nächste Flugzeug nach Washington gestiegen, um ihren ersten Urenkel persönlich begrüßen zu können," berichtete Harm.

Mac streckte den Arm aus dem Bett, um mit einem Finger zärtlich über das Gesicht und die dunklen Haare ihrer Tochter fahren zu können. Sanft fuhr sie die Konturen eines kleinen Ohres nach. "Sie sehen genau aus wie deine Ohren."

Harm beugte sich vor. "Wirklich?"

"Mmhm. Und sie lächelt genau wie du... ein Miniatur-Flyboy-Grinsen," behauptete Mac.

Harm äugte interessiert über den Rand des Bettchens und begann ebenfalls, die Körperteile seiner Tochter zu inspizieren. "Okay, vielleicht hat sie ja mein Lächeln, aber dafür hat sie deinen Hintern." Er tippte sanft mit dem Finger gegen ein gewindeltes Hinterteil.

"Was?" Mac lachte ungläubig. "Findest du keinen anderen Körperteil, der mir ähnelt?"

"Die Haare vielleicht," meinte Harm, "denn die Augen hat sie definitiv von mir." Stolz reckte er sich.

Mac schüttelte den Kopf. "Fast alle Babys haben bei der Geburt blaue Augen, Flyboy. Das kann sich noch ändern."

"Macht nichts, ich habe nichts gegen braune Augen," versicherte Harm, während er in die braunen Augen seiner Frau sah.

Ihre Lippen trafen sich zu einem leidenschaftlichen Kuss, der Sekunden später von lautstarkem Babygeschrei unterbrochen wurde.

"Und ich dachte, als deine Tochter müsste Adrianna automatisch gutes Timing haben," kommentierte Harm ein wenig atemlos. "Scheinbar nicht, immerhin ist sie ja auch zwei Wochen zu früh gekommen."

"Ist sie nicht," widersprach Mac, während sie das Baby sanft aus dem Bettchen hob. "Sie kam genau rechtzeitig – als Geschenk zu unserem ersten Hochzeitstag."

Harm beugte sich vor und kitzelte den kleinen Bauch. Er grinste amüsiert, als Adrianna mit den Beinen strampelte. "Hey, das ist genau dasselbe Gesicht, das deine Mama auch immer macht, wenn ich das bei ihr tue."

Mac sah zu, wie das Kind in ihren Armen die Zunge aus dem Mund schob und leise Geräusche von sich gab. Blaue Augen, die noch ein wenig kurzsichtig waren, blickten fasziniert hinauf in ihr Gesicht. "Was sie damit wohl meint?"

Harm lachte. "Tja, da sie ja deine Tochter ist, würde ich annehmen, es bedeutet, dass sie hungrig ist." Er nahm ihr Adrianna ab, bis Mac ihr Nachthemd aufgeknöpft hatte, und sah dann fasziniert zu, wie das Baby zufrieden saugte.

Es klopfte an der Türe und auf ihr Herein trat Bud Roberts ein. Verlegen wandte er sich ab, als er Macs entblößte Brust sah, und kam rückwärts näher.

"Bud, Sie können sich ruhig wieder umdrehen; ich bin bestimmt nicht die erste stillende Frau, die Sie gesehen haben!" tadelte Mac mit einem amüsierten Kopfschütteln. "Drehen Sie sich wieder um, bevor Sie sich beim Rückwärtslaufen noch etwas brechen und auch hier im Krankenhaus landen!"

"Oh, das wäre nicht so schlimm – dann wäre ich wenigstens in Harriets Nähe," meinte Bud.

"Harriet ist im Krankenhaus?" Alarmiert sah Mac auf.

Bud nickte eifrig. "Ich bin Ihnen immer noch um ein Kind voraus, Sir," wandte er sich grinsend an Harm. "Unsere kleine MacKenzie wurde gestern geboren!" Der junge Anwalt vergaß seine Verlegenheit, als er vor Freude fast auf und ab hüpfte.

"Sechs Wochen zu früh?" sorgte sich Mac. Sie wartete, bis Adrianna genug getrunken hatte, und legte sie dann in ihr Bettchen zurück. "Geht es ihr und Harriet gut?"

"Es geht ihnen wunderbar," versicherte Bud mit leuchtenden Augen. "Harriet sagt, sie hatte die beste Hebamme der Welt."

Erneut klopfte es und diesmal trat A.J. Chegwidden ein. "Commander, Colonel, meine herzlichsten Glückwünsche!" sagte er herzlich und streckte Harm einen Blumenstrauß hin. "Von all Ihren Kollegen. Eigentlich sehe ich zwar nicht ein, warum man frischgebackenen Eltern Blumen schenkt und nicht etwas Praktischeres – wie eine Wagenladung Windeln – aber der Rest des JAG-Teams hat mich überstimmt."

Der Ex-Seal beugte sich über das Kinderbettchen und sah auf das Baby hinab, das ihn aus großen blauen Augen ansah. "Hallo, junge Dame, wir hatten noch nicht das Vergnügen – Gott sei Dank," fügte er bei dem Gedanken hinzu, auch bei diesem Kind Geburtshilfe leisten zu müssen. Er streckte dem Baby den Zeigefinger hin und nickte anerkennend, als sie ihre winzigen Finger sofort darum schloss. "Ihre Tochter hat einen ganz schönen Griff!" verkündete er. Halblaut fügte er hinzu: "Oder vielleicht kommt es mir auch nur so vor, mitgenommen wie ich von diesem ständigen Auf-die-Welt-helfen bin! Sind Ihre Finger schon wieder normal durchblutet, Commander?"

Harm grinste. "Oh, ja, Sir. Was sind schon ein paar zerquetschte Finger im Vergleich dazu." Er deutete hinab auf das unschuldige Gesicht seiner Tochter.

Eine Krankenschwester kam mit einem Tablett herein und wollte das Frühstück vor Mac absetzen.

"Oh, ich glaube, das können Sie ruhig wieder mitnehmen; wenn ich das richtig sehe, hat mein Mann mir Croissants aus meinem Lieblingscafé mitgebracht," wehrte Mac ab.

Harm nickte. "Ja, und das Abendessen bringe ich ihr auch vorbei, sobald sie mir gesagt hat, was ich ihr kochen soll."

"Wow!" Bewundernd sah die Schwester Harm an. "Wenn ich mich da drüben in das freie Bett lege, bringen Sie mir dann auch was mit?"

Harm lachte. "Mal sehen, was sich machen lässt."

"Wie heißt das Kind denn jetzt eigentlich?" wollte Admiral Chegwidden wissen. "Haben Sie endlich einen Namen gefunden oder bleibt die Stelle in der Geburtsurkunde leer?"

"Nein, der ganze Papierkram ist schon erledigt," meldete Harm. "Und wenn ich das mal so sagen darf," fügte er mit Blick auf Mac hinzu, "hat er fast länger gedauert als die Geburt an sich! Und unsere Tochter heißt Adrianna, Sir."

"Gut, gut, ich hatte schon befürchtet, Sie würden dem armen Wurm ein ‚Alberta’ antun, nur um das Kind auch nach Ihrem kommandierenden Offizier zu nennen," meinte Chegwidden grimmig.

Bud ging langsam zur Türe. "Ich glaube, ich geh dann so langsam mal wieder, Sir, Ma’am..." Eilig verließ er den Raum, bevor dem Admiral womöglich noch einfallen konnte, dass die Roberts das zweite Kind, dem er auf die Welt geholfen hatte, nach ihm benennen sollten, nachdem sie schon bei Klein A.J. ein wenig geschummelt hatten.


44. Familienbesuch -
oder warum man gar nicht genug Babyfotos haben kann

11. August 2002
1118 Z-Zeit (07:18 Uhr EDT)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.

Mac erhob sich und durchquerte den Raum, um einen Blick in die Wiege zu werfen. Es überraschte sie nicht sonderlich, sie leer vorzufinden. Wenn Adrianna nicht bei ihr und nicht in ihrer Wiege war, gab es eigentlich nur einen Platz, wo sie sein konnte. Mac öffnete leise die Wohnzimmertüre und richtig, da lagen sie.

Harm lag lang ausgestreckt auf der Couch, trotz des eher schmalen Schlaflagers ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht, als er schlief. Adrianna, die mitten auf seiner Brust schlief, sah ebenso zufrieden aus. Eine von Harms Händen ruhte leicht auf dem Rücken des Babys, um sicher zu gehen, dass es nicht fiel.

Lächelnd schlich Mac näher.

Das schlafende Kind gab einen leisen, glucksenden Ton von sich und sofort öffneten sich Harms Augen und schielten hinab auf den kleinen Kopf, der direkt unter seinem Kinn ruhte. "Hi. Wie spät ist es?" fragte er, als er Mac entdeckte.

"7.21 Uhr," gab Mac Auskunft. "Warum legst du Adrianna nicht in ihre Wiege und kommst zurück ins Bett? Dafür, dass sie erst drei Tage alt ist, hast du sie schon ziemlich verwöhnt."

Harm grinste nur. "Das ist meine Tochter, die kann ich verwöhnen, soviel ich will."

"*Deine* Tochter?" echote Mac neckisch. "Na, ein bisschen was hatte ich wohl auch damit zu tun, oder?"

Harm erhob sich vorsichtig und trug das Baby zurück ins Schlafzimmer. Jingo folgte ihm, schnüffelte um das Baby in der Wiege herum, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war, dann gähnte er und rollte sich am Fuß der Wiege zusammen.

Auch Mac kuschelte sich wieder unter die Decke und gegen Harm, glücklich darüber, dass jetzt kein dicker Babybauch sie mehr vom Kuscheln abhielt und sie wieder ihre übliche Schlafposition einnehmen konnten. Sie rollte sich auf Harm und seufzte zufrieden: "Gott, das hab ich wirklich vermisst."

"Was?" fragte Harm, lächelnd auf sie hinabsehend.

"Na, auf meinem Bauch zu liegen, zum Beispiel."

Harm streichelte Macs Rücken. "Wenn man es genau nimmt, liegst du nicht nur auf deinem, sondern auch auf meinem Bauch."

Mac gähnte nur, nahm dieselbe Position ein, in der noch vor Minuten ihre Tochter geruht hatte, und schlief prompt wieder ein.

Die Türglocke weckte die beiden erwachsenen Rabbs drei Stunden später. Harm ging zur Türe, während Mac sich über die Wiege beugte, um sicher zu gehen, dass Adrianna friedlich weiter schlief.

Die Schlafzimmertüre öffnete sich und eine lange Reihe Besucher strömte herein; Granny ganz an der Spitze. Die alte Dame drängelte sich an allen anderen vorbei und starrte gebannt auf das schlafende Baby hinab, so als wäre sie nicht die einzige der Besucher, die das Kind seit zwei Tagen rund um die Uhr gesehen hatte.

Links und rechts von ihr sahen Trish und Frank Burnett in die Wiege hinab.

Als hätte sie die Aufmerksamkeit gespürt, öffnete Adrianna die Augen und starrte in die vielen neugierigen Gesichter hinauf.

Granny hielt den Blickkontakt mit den blauen Augen des Babys. "Adrianna, ich bin’s, deine Urgranny, kennst du mich noch? Ja, genau, richtig, deine Urgranny; diejenige, die dafür sorgen wird, dass du nicht als Einzelkind aufwachsen musst..."

Trish studierte mit Tränen in den Augen ihr erstes Enkelkind. "Sie ist perfekt, sie ist wirklich perfekt!" Sie drehte sich zu Harm und Mac um und strahlte die beiden an.

Keeter, der sich mit Skates ein wenig im Hintergrund gehalten hatte, stupste seine Begleiterin an. "Hey, hast du mal bemerkt, dass die Leute dazu tendieren, immer alles zweimal zu sagen, wenn sie mit oder über Babys sprechen?"

"Du bist so hübsch!" murmelte Granny, die nur Augen für ihre Urenkelin hatte. "Ja, das bist du. Du bist so hübsch wie deine Mutter."

Skates unterdrückte ein Kichern, als sie feststellte, wie akkurat Keeters Beobachtung war.

"Ja, schon lustig, wie die bloße Anwesenheit eines Babys einen reifen Erwachsenen in einen blabbernden Idioten verwandeln kann!" lachte Keeter, während er weiterhin zuhörte, wie die stolzen Groß- und Urgroßeltern Adrianna bestaunten.

"Psst, hör schon auf damit, Keeter, hör auf damit!" Skates machte sich einen Spaß daraus, den Satz zweimal zu sagen.

Keeter nickte gehorsam und trat vor, um den glücklichen Eltern zu gratulieren. Er küsste Mac auf die Wange. "Meine herzlichsten Glückwünsche, Alter!" sagte er, während er Harm auf die Schulter klopfte.

Harm erwiderte das Schulterklopfen stolz. "Ich nehme an, sind bei dir auch Gratulationen angebracht?"

"Ach ja?" Keeter sah ihn fragend an. "Wo hast du das gehört?"

"Das brauche ich nirgends zu hören, Keeter, ich weiß, was es bedeutet, wenn meine Großmutter so selbstzufrieden vor sich hin lächelt," meinte Harm wissend.

Skates trat neben Keeter und schob ihre Hand in seine. "Ah so? Und was bedeutet es?"

"Dass der Funkverkehr zwischen der Enterprise und der John C. Stennis sich in Zukunft vervielfachen wird," schlussfolgerte Harm.

"Falsch gedacht."

Ein wenig aus der Bahn geworfen sah Harm zwischen seinen beiden Freunden hin und her und dann auf ihre verschlungenen Hände hinab. "Dann seid ihr nicht...? Aber..."

"Doch, wir sind," verkündete Skates amüsiert. "Aber das wird sich auf den Funkkontakt der US-Navy nicht auswirken."

"Wieso nicht?" Harm konnte den beiden nicht so ganz folgen.

"Wirkt es sich etwa auf den Funkverkehr der Navy aus, wie oft du mit Mac sprichst?" fragte Keeter.

Harm runzelte die Stirn. "Natürlich nicht, schließlich wohnen wir im selben Haus! Moment mal… du willst doch nicht etwa sagen, dass du die Fliegerei aufgibst, um mit Skates zusammenzuziehen?!" Ungläubig sah er seinen ältesten Freund an.

"Warum nicht? Ich finde, es wird langsam an der Zeit, dass ich eine feste Beziehung eingehe. Und nachdem mein Plan, Mac den Beduinen abzukaufen und sie in meinen Harem aufzunehmen, fehlgeschlagen ist, musste ich mir wohl oder übel etwas Neues überlegen," scherzte Keeter grinsend.

"Hör auf, den armen Jackson so ungläubig anzustarren!" tadelte Granny ihren Enkel, während sie nebenbei einen Schnappschuss ihrer Urenkelin nach dem nächsten knipste. "Sei doch froh, dass er sich samt Freundin auf dem Festland niederlässt. Dann können die beiden," sie nickte zu Keeter und Skates hinüber, "gelegentlich Adrianna babysitten, so dass ihr euch um ihre Geschwister kümmern könnt."

"Adrianna hat keine Geschwister," erinnerte Mac.

Granny nickte und machte ein Foto von Adrianna in Trishs Armen. "Eben."

Um Granny von diesem Thema abzulenken, deutete Harm auf den Fotoapparat. "Glaubst du nicht, dass du langsam genug Fotos von Adrianna gemacht hast?"

"Oh, nein, das hat schon seinen Sinn so," beteuerte die alte Dame. "Wenn Adrianna groß ist und Präsidentin wird, wird die Gestaltung ihrer Biografie ein Kinderspiel sein!"


45. Zeitvergeudung -
oder warum Baby-Spucke sexy macht

27. August 2002
1925 Z-Zeit (15:25 Uhr EDT)
Einkaufszentrum
Washington D.C.

"Langsam, langsam! Ich bin Ex-Pilot, kein Ex-Sprint-Weltmeister!" Keuchend lief Jack Keeter mit ungefähr einem Dutzend Einkaufstüten hinter seiner Freundin her. "Wenn du bitte bei deiner eingehaltenen Geschwindigkeit berücksichtigen könntest, dass ich alle unsere Einkäufe trage!"

Skates wartete, bis er sie eingeholt hatte und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. "Dafür trage ich das Baby – und die Verantwortung."

Sie bummelten hinüber zu einem kleinen Café und nahmen Platz. Keeter setzte die Einkaufstaschen ab, während Skates das Tragetuch, in dem Adrianna gegen ihre Brust ruhte, zurechtrückte.

Die Kellnerin näherte sich und beugte sich lächelnd über das Baby. "Oh, wie süß!" Dann richtete sie sich wieder auf und ließ einen anerkennenden Blick über Skates schlanke Gestalt gleiten. "Sie sehen wirklich gut aus für eine Frau so kurz nach der Entbindung, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf. Ich habe *Monate* gebraucht, um die Pfunde aus meiner ersten Schwangerschaft wieder zu verlieren."

Keeter grinste breit, als er begriff, dass die Kellnerin offensichtlich ihn und Skates nicht für die Babysitter-für-einen-Tag, sondern tatsächlich für Adriannas Eltern hielt. Er rückte seinen Stuhl neben Skates’ und schlang strahlend einen Arm um ihre Schulter. "Ja, nicht wahr, sie sieht wundervoll aus? Wissen Sie, seit sie in der Pubertät so ein Pummelchen war, ist sie immer sehr, sehr vorsichtig, was ihr Gewicht betrifft, nicht wahr, Zuckerschnütchen?"

Skates kniff ihn kräftig in den Schenkel, während sie zwei Cappuccino bestellte. "Pummelchen?" fragte sie drohend nach, sobald die Kellnerin verschwunden war.

"War nur ein Witz," versicherte Keeter. Er sah zu, wie Skates das knapp 3 Wochen alte Baby im Arm hielt. "In Wahrheit würdest du wirklich eine sehr sexy Mutter abgeben."

Skates sah skeptisch an sich hinab. "Oh, klar, Babyspucke macht ja auch furchtbar sexy!" Sie wischte einen feuchten Fleck von ihrem T-Shirt.

Keeter nickte. "Natürlich wäre es noch eine Spur attraktiver, wenn es *mein* Baby wäre..."

"Ähem, Keeter..."

"Schon gut, schon gut," lenkte Keeter rasch ein, als er bemerkte, dass Skates für dieses Gesprächsthema noch lange nicht bereit war. "Was glaubst du, was Harm und Mac gerade tun, an ihrem ersten Baby-freien Nachmittag?" wechselte er das Thema.

Skates zuckte die Schultern. "Vermutlich dasselbe, was wir tun würden, wenn wir nicht die Babysitter-Pflichten übernommen hätten."

"Warum sollten Harm und Mac Umzugskisten schleppen?" wunderte sich Keeter.

"Das meinte ich nicht."

Keeter runzelte die Stirn. "Aber wir haben in den letzten Tagen nicht viel Anderes gemacht außer Umzugskisten schleppen und... oh!" Er rieb sich die plötzlich rot-leuchtenden Ohrläppchen. "Ach so, du meinst, sie folgen Grannys Anweisung und..."

"Nein, das meinte ich auch nicht!" Skates rollte mit den Augen, musste aber schmunzeln. "Ich meinte, sie sitzen sicher mit einer eisgekühlten Limonade auf der Veranda und genießen den Sommer."

Zweifelnd sah Keeter seine Freundin an. "Du glaubst im Ernst, wenn ich heute Mittag nicht gerade Babysitter spielen oder Umzugskartons schleppen würde, würde ich unsere gemeinsame Zeit auf der Veranda vergeuden?"

"Würdest du nicht?" Skates tat verwundert. "Und mit was würdest du unsere gemeinsame Zeit denn dann vergeuden, hmmm?"

Keeter schob seine gerade erst servierte Cappuccino-Tasse zur Seite und erhob sich. "Weißt du was, ich bin sicher, dass Harm und Mac ihre Tochter längst sehnsüchtig vermissen. Lass uns doch die werte Familie Rabb wieder zusammenführen und bei der Gelegenheit können wir gleich mal bei Granny anfragen, ob ihr nicht was einfällt, mit dem wir unsere gemeinsame Zeit vergeuden könnten..."

~ ENDE ~


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