Sequel zu:
"Rentner & Regenbogen", "Hochwasser & Hausgenossen",
"Gäste & Geburtstagswünsche", "Amor & Anchovis"
und "Samtpfoten & Shrimpssüchtige".
Geringe Bezüge auch zu "Cherokee-Wege", einer Fanfic, die nicht zur Granny-Reihe gehört, die jedoch Will MacCoinnich / MacKenzie als Charakter einführt.
Wer die vorigen Teile der Granny-Serie nicht gelesen hat, sollte das zuvor nachholen, weil diese Fanfic ansonsten wenig Sinn ergibt.
Episoden:
"Das Virus" ("Smoked"), "Der schwarze Jet"
("The Black Jet"), "Die Äquatortaufe" ("Crossing the Line"),
"Den Tod im Visier" ("King of Greenie Board"),
"Gegen alle Regeln" ("Rules of
Engagement"), "Blinder Passagier" ("True
Callings").
Inhalt:
Harm und Mac, die sich gerade erst an das Leben als Paar gewöhnen
und ihre Beziehung vor ihren Kollegen noch immer geheim halten, werden
vor ein Problem gestellt, als das gesamte JAG-Team zu einem
Erlebnis-Camping-Trip nach Oregon geschickt wird. Granny und Will haben
inzwischen eine neue Aufgabe für ihre kupplerischen Ambitionen
gefunden ...
Disclaimer:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren
Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions,
CBS und Paramount.
FEEDBACK ist ausdrücklich erwünscht! Über Rückmeldung aller Art, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen.
Es wäre schön, wenn ihr euer Alter und/oder Beruf/Schule dazuschreiben könntet, damit ich weiß, mit wem ich es überhaupt zu tun habe, aber das ist kein Muss.
Neu!!! Die Granny-Serie hat jetzt ihre eigene Mailing Liste, auf der diskutiert werden kann und auf der die neuesten Updates des bald folgenden 7. Teils veröffentlicht werden. Ihr alle seid – auch im Namen der List-Owner, Rike & Anke - herzlich dazu eingeladen, euch anzuschließen:
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries
1220 Z-Zeit (07:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Ein leichtes Schaukeln des Wasserbettes weckte ihn. Gähnend öffnete er ein Auge, ließ es aber träge wieder zufallen, als er feststellte, dass es im Schlafzimmer noch dunkel war. Seine Bettgefährtin schlief noch, beide Arme fest um ein Kissen geschlungen. Mit einem zufriedenen Seufzen kuschelte er sich dichter an die Wärme, die sie ausstrahlte.
Ein lautes Geräusch ließ ihn mit einem erschrockenen Bellen vom Bett springen.
"Pssst, Jingo, das ist doch nur das Telefon." Mac hob den Kopf vom Kissen, stemmte sich auf einem Ellenbogen in die Höhe und angelte nach dem Telefonhörer. "MacKenzie/Rabb-Haushalt, hallo?"
"Hey, du ahnst gar nicht, wie überraschend gut das klingt," grüßte eine ihr sehr vertraute Stimme.
"Harm!" Mit einem freudigen Lächeln setzte sich Mac auf. Es war viel zu lange her, seit sie zuletzt seine Stimme gehört hatte. <Zweitausendsiebenhundertvierundsechzig Minuten, um genau zu sein!>
"Aber wie kommt es, dass dein Name in diesem Arrangement zuerst genannt wird?" erkundigte sich Harm neckisch.
"Oh, ganz einfach," schmunzelnd lehnte Mac sich zurück, "erstens, weil ich die Person bin, die das Telefon abgenommen hat, zweitens, weil du nicht hier bist und drittens, weil wir Marines immer und überall die ersten sind." Sie lauschte Harms Lachen, den ruhigen Atemzügen und den Geräuschen im Hintergrund, während sie zusah, wie Gypsie neben ihr gähnte und mehrmals mit dem Schwanz schlug; vermutlich das Katzen-Äquivalent von Schafe - oder Mäuse – zählen. "Wo bist du überhaupt?"
Harm seufzte. "Gefangen und schlaflos in Seattle. Alle Flüge wurden gestern Abend wegen Schneefalls bis auf Weiteres gestrichen und jetzt sitzen wir hier am Flughafen fest. Das wird mich lehren, Bobbie Latham noch mal einen Gefallen zu tun und sie bei irgendwelchen Konferenzen zu beraten! Einer guten Tat folgt die Strafe auf den Fuß!"
"Hey, komm schon, Jammer-boy, Kopf hoch!" versuchte Mac ihn aufzumuntern, obwohl ihr selbst zum Jammern zumute war, wenn sie die leere Stelle im Bett neben sich betrachtete, "Was kann ich tun, um dich aufzumuntern?"
"Hey, sollte das eine Aufforderung zu Telefonsex sein?" Mac hörte das Grinsen in Harms Stimme.
"In deinen Träumen, Fliegerheld!" Mac rieb sich das rot angelaufene Ohrläppchen, musste aber lachen. "Ich hatte eher daran gedacht, dir etwas Schönes zu kochen, wenn du nach Hause kommst."
Schweigen am anderen Ende der Leitung.
"Na schön, wie wäre es mit einer Einladung zum Essen?" gab Mac nach.
"Wir sprechen hier von einem Restaurant, das nicht die Worte ‚Burger’ oder ‚Happy Meal’ in seiner Werbung benutzt, oder?" erkundigte sich Harm vorsichtig.
"Mmm-hm, ich könnte mich sogar dazu durchringen, Hausregel Nummer zwei großzügigerweise außer Acht zu lassen."
"Hausregel Nummer zwei...," begann Harm neckisch, unterbrach sich dann aber, "... Mac, mein Flug wird gerade aufgerufen, ich muss gehen."
"Okay," Mac zögerte. <Soll ich es sagen? Jetzt? Am Telefon? Aber was ist, wenn er die berühmten drei Worte nicht erwidert? Ich wüsste nicht mal, ob es ist, weil Bobbie Latham ihm praktisch über die Schulter sieht oder ob er einfach noch nicht soweit ist oder...> "Ich... wir sehen uns bald. Pass auf dich auf, ja?"
"Mac, das ist eine Boeing, keine Tomcat!" Harm lachte, wurde dann aber wieder ernst und senkte die Stimme. "Ich..." Der Lärm im Flughafen unterbrach ihn, "...du auch, okay?"
2134 Z-Zeit (16:34 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm schob den Schlüssel ins Schloss. <Zuhause.> Voller ungeduldiger Vorfreude stieß er die Türe auf. Ein lautes "Määäh!" begrüßte ihn. Gypsie rieb den Kopf an seinem Bein und hinterließ dabei eine Spur roter Katzenhaare auf seiner dunklen Uniformhose. Harm bückte sich und hob die jetzt schnurrende Katze hoch. Mit Gypsie unter dem einen und seiner Aktentasche unter dem anderen Arm durchquerte er das Wohnzimmer auf der Suche nach seiner Freundin. <Freundin?> er ließ das Wort prüfend in seinem Kopf widerhallen, <Partnerin? Lebensgefährtin?>
Fast drei Monate waren seit ihrem ersten richtigen Kuss vergangen, aber noch immer hatte keiner von beiden den Mut gefunden, über ihre Beziehung und das, was sie für sie bedeutete, zu sprechen. <Ich weiß, was ich will, aber ob es auch das ist, was Mac will... was ist, wenn sie nichts Langfristiges möchte oder wenn sie mir nicht glaubt, dass ich mein Flyboy-Junggesellen-Leben ein für alle mal aufgeben will?>
Er erreichte die Küchentüre und Macs Anblick ließ jeden trüben Gedanken sofort verschwinden und zauberte ein Lächeln auf seine Lippen.
Mac stand mit dem Rücken zu ihm in der geräumigen Küche, die aussah, als wäre ein Hurrikane hindurchgefegt. Auf jeder Arbeitsfläche standen Töpfe, kleine Gefäße mit Gewürzen und inmitten des ganzen Chaos lagen seine Hummer-Topflappen. Auf dem Fußboden führte eine Spur vom Herd bis zur Spüle, wo eine Pfanne vor sich hinrauchte. Macs Gesicht spiegelte sich im Fenster und Harm grinste, als er die Konzentration auf ihren Zügen sah.
Harm schlich sich an sie heran – oder er versuchte es zumindest. Irgendwie wusste Mac immer, dass er da war.
"Hallo, Fremder!" Sie wusste es immer; sie brauchte sich nicht einmal umzudrehen.
"Hallo." Harm stellte Aktentasche und Katze ab und trat lächelnd näher. "Was machst du denn da?"
Mac drehte sich um, mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes, das man mit der Hand in der Keksdose erwischt hatte. "Ich koche."
Diese Ankündigung amüsierte und schockierte Harm gleichermaßen. "Riecht... ähm, interessant." Er versuchte tapfer, nicht die Nase zu rümpfen, während er die unidentifizierbaren Überreste in der Pfanne begutachtete.
"Ich wollte dir eine Freude machen, aber dann hat Granny angerufen und...." Mit einer linkischen Geste deutete Mac zur Spüle und seufzte frustriert.
"Hey," Harm neigte den Kopf und sah in die enttäuscht blickenden braunen Augen, "das kann doch mal passieren, wenn man mit anderen Dingen beschäftigt ist. Ich bin sicher, alles Andere schmeckt vorzüglich." Er schlang beide Arme um ihre Taille, zog sie eng an sich und schloss die Augen, als er spürte, wie sie entspannt ausatmete und ihre warmen Hände unter seiner Uniformjacke seinen Rücken hinauftasteten. <Zuhause.>
"Mir fällt gerade ein, dass du Hausregel Nummer vier heute sträflich vernachlässigt hast," murmelte Mac in seine Schulter.
"Hausregel Nummer vier?" fragte Harm, ohne die Umarmung zu lösen, "Könntest du dem Gedächtnis eines alten Mannes auf die Sprünge helfen?"
"Mit Vergnügen, Methusalem. Hausregel Nummer vier legt fest, dass jeder der beiden Beteiligten an dieser Partnerschaft den anderen mit einem anständigen Guten-Morgen-Kuss zu versehen hat. Hausregel vier, Unterabschnitt b, Absatz I besagt, dass bei einem Versäumnis..."
"Versäumnis? Mac, ich war nicht einmal zuhause heute Morgen!" protestierte Harm, als wäre ein Kuss von Mac nicht genau das, wonach er sich seit Tagen sehnte.
"... dass bei einem Versäumnis," fuhr Mac unbeirrbar fort, "unverzüglich die doppelte Menge an die geschädigte Partie zu entrichten ist!"
"Oh!" Harm grinste und ließ seine Lippen spielerisch Macs Hals hinaufwandern, "Dann sollte ich wohl unverzüglich dafür sorgen..." Er nippte an ihrem Ohr, "... dass der betroffenen Partie nicht noch mehr Schaden entsteht, hm?"
Mac nickte heftig. "Unverzüglich!" Die Diskussion endete, als sie seinen Kopf entschlossen zu sich hinab zog.
Harm lehnte die Wange gegen Macs braunen Haarschopf, als der Kuss endete. "Eternity?" fragte er etwas atemlos.
Mac blinzelte. "Eternity?" Etwas in ihrem Herzen sagte ihr, dass sie die Frage mit einem spontanen ‚Ja’ beantworten sollte.
"Dein Parfüm."
"Was? Oh, ja, Eternity."
Harm atmete erneut tief ein. Es roch... <Verbrannt?> "Ähmmm, Maaac, ich möchte dir ja nicht vorschreiben, wie du zu kochen hast, aber..."
"Oh nein!" Mac löste sich hastig von ihm und eilte zum Herd, um die letzten Reste ihres Menüs zu retten. Das Gemüse sah noch ganz brauchbar aus und ebenso das Kartoffelpüree. "Probieren?" Fragend hielt sie Harm einen Teller hin.
Harm schluckte. <Komm schon, Harmon Rabb junior! Wie schlimm kann es denn schon sein?> Unglücklicherweise fand er es Sekunden später heraus. Skeptisch nahm er den Teller in Empfang und sah darauf hinab.
Mac nahm ebenfalls eine Gabel zur Hand und lächelte ihm zu. Einen Moment lang sahen sie sich nur an und vergaßen dabei fast das Essen.
"Also?" Harm sah sie erwartungsvoll an.
Macs Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, dass er darauf wartete, bis sie den ersten Bissen nahm. Sie fühlte, wie Gelächter in ihr aufstieg... oder war es Hysterie? Sie verbarg ihren Gesichtsausdruck, indem sie auf ihren Teller hinabsah und nach dem kleinsten und am harmlosesten aussehendsten Stück Ausschau hielt. Schließlich spießte sie etwas auf, was nach einer Karotte aussah, schob es in den Mund und schluckte es hinunter, ohne groß zu kauen. Dann sah sie zu Harm hinüber, der sie überrascht und auch ein wenig bewundernd anblickte.
"Hey, sieh mich nicht so an!" Mutig führte Mac eine Gabel mit Kartoffelpüree zum Mund, "Es ist wirklich nicht schlecht..." Das letzte Wort blieb ihr fast gemeinsam mit dem versalzenen Kartoffelpüree im Hals stecken. "Äwrg! Ich glaube, wir gehen doch lieber essen. Nachdem Grannys Anruf mich unterbrochen hat, wusste ich nicht mehr, ob ich schon Salz im Kartoffelbrei hatte oder nicht."
Harm stellte erleichtert seinen Teller weg. "Lass uns mal sehen, was der Kühlschrank so hergibt." Er hatte keine große Lust, Mac an seinem ersten Abend zuhause mit irgendjemandem zu teilen, auch wenn es nur der Kellner eines Restaurants war. Er öffnete den Kühlschrank und warf einen schnellen Blick hinein. "Tz, tz, tz! Kaum ist die Katze aus dem Haus..." Kopfschüttelnd drehte er sich zu Mac um und hielt ihr vorwurfsvoll einen Teller mit Pizzaresten hin.
"Määäh?"
"Nicht du," beruhigte Mac die rote Katze, bevor sie sich neben Harm schob und ebenfalls in den Kühlschrank blickte. "Würde es dich beruhigen, wenn ich dir sage, dass auch Mais und Oliven auf der Pizza waren?"
"Nicht wesentlich, wenn ich mir den restlichen Inhalt des Kühlschrankes so ansehe." Er entdeckte drei verschiedene Packungen Eiscreme im Gefrierfach und Kartoffelchips auf dem Kühlschrank. "Zucker, Fett und Salz!"
"Du hast selbst gesagt, dass das Hauptnahrungsgruppen sind!"
"Und dabei gibt es so leckere Gemüsesnacks," fuhr Harm kopfschüttelnd fort, "Was glaubst du, wieso das Gemüsefach eines Kühlschranks GEMÜSEfach heißt?" Anklagend wies Harm auf die Schokolade, die er stattdessen dort gefunden hatte.
"Hey, hör auf, dich zu beschweren! Hat dir noch niemand gesagt, dass Schokolade ein Aphrodisiakum ist?" Mac sah verschmitzt zu ihm auf und klimperte spielerisch mit den Wimpern.
Harm schnaubte, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken. "Oh ja, ich bin sicher, dass Schokolade das Verlangen steigert – das Problem besteht nur darin, dass das Verlangen gewöhnlich das nach mehr Schokolade ist!"
Mac lachte und küsste ihn rasch, bevor sie mit der Schokolade außer Reichweite tänzelte.
"Was soll ich bloß mit dir tun?" Harm seufzte theatralisch.
Mac drehte sich grinsend um. "Alles, was du willst?"
"Ach ja?" Er schlang einen Arm um sie und kitzelte sie neckisch, bevor ihm etwas einfiel. "Was wollte Granny überhaupt? Dir darüber hinweghelfen, dass du fünf Tage ohne ihren gutaussehenden Lieblingsenkel verbringen musstest?"
Mac knuffte ihn liebevoll in die Rippen. "Die Höhenluft hat dir wohl nicht gut getan, Flyboy! Wir haben vereinbart, dass Granny und Will übermorgen nach Washington kommen, um Wills Geburtstag hier zu feiern."
"Oh, oh! Ich hoffe, du hast dir schon eine glaubhafte Antwort auf Grannys Lieblingsfrage ausgedacht..."
"Wie ich es nur mit dir unter einem Dach aushalte?" Mac grinste frech.
"Wieso wir noch nicht verheiratet sind!" Harm stupste Mac belehrend auf die Nase. "Wie wäre es, wenn wir einkaufen gehen? Ich könnte schnell duschen, während du dieses Katastrophengebiet in der Küche in Angriff nimmst... es sei denn natürlich, du willst mitkommen und mir den Rücken waschen."
"Nur wenn du mir auch den Rücken wäschst – du weißt doch, Hausregel Nummer fünf: Gegenseitiges Rückenwaschen in der Badewanne," erinnerte Mac.
Harm tat, als müsse er sich widerwillig zu einer Zustimmung durchringen. "Na schön, unter einer Bedingung."
"Und die wäre?"
"Ich müsste natürlich viele, viele Punkte für meine Rückenwasch-Fähigkeiten bekommen."
Mac nickte. "Okay. Der letzte, der in der Dusche ist, muss beim Abendessen neben Granny sitzen und sich verhören lassen!" Schon raste Mac los.
"Hey, das ist nicht fair!" Harm war ihr dicht auf den Fersen.
Mac sprang voll bekleidet in die Dusche. "Erster!" rief sie triumphierend.
"Du hast betrogen!"
Mac grinste nur und thronte in der Dusche wie auf einem Siegerpodest. "Aber sicher doch – sie ist schließlich deine Großmutter."
"Erinnere mich nicht daran!" stöhnte Harm, während er beiläufig eine Hand ausstreckte und das kalte Wasser aufdrehte.
2242 Z-Zeit (17:42 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
Harm schob den Einkaufswagen durch lange Reihen von Nahrungsmitteln und sah amüsiert zu, wie Mac immer wieder auf den Wagen aufsprang und sich durch den Supermarkt schieben ließ. Mit einer Hand hielt sie sich fest, während die andere regelmäßig vorschoss und bestimmte Artikel in den Einkaufswagen warf. Am schlimmsten war es bei den Regalen mit den Süßwaren gewesen. Harm hatte noch nie jemanden gesehen, der so viele Packungen Kekse in einer Hand balancieren konnte.
"Hey, wie wäre es mal mit einem Snack, der weniger als 500 Kalorien hat, Miss Lebender-Widerspruch-zu-den-Erkenntnissen-der-Ernährungswissenschaft?" Harm deutete auf einen Stapel runder, weißer Cracker. "Hast du schon mal Reiscracker versucht?"
"Nur als Untersetzer für Cola-Dosen," gab Mac mit einem unbeirrbaren Grinsen zurück. Sie hatte schon früh in ihrer Beziehung gelernt, dass es ein Fehler war, einen Mann, der Sellerie und Karotten in seinem Kühlschrank hatte, Snacks für sich kaufen zu lassen.
Harm rollte mit den Augen. "Mit dir einkaufen zu gehen gleicht wirklich einem Abenteuerurlaub. Als wir zusammengezogen sind, hättest du mir sagen sollen, dass du innerhalb eines einzigen Tages dein eigenes Gewicht in Keksen, Eiscreme und Nutella essen kannst. Aber eigentlich hätte ich es ja ahnen sollen, schließlich hast du dir schon früher das Lebensmittelsortiment eines mittleren Supermarktes bei mir geliehen," neckte Harm und überließ Mac den Einkaufswagen. "Geh du ruhig schon mal zur Kasse, ich hab noch was vergessen."
"Haaaarm! Keine Shrimps..." hörte er Mac noch rufen, bevor er um die Ecke verschwand. Drei Minuten später näherte er sich möglichst leise der Schlange an der Supermarktkasse, um den großen Becher Krabbensalat unbemerkt in den Einkaufswagen schmuggeln zu können. Er umrundete einen Zeitschriftenständer und bahnte sich auf der Suche nach Mac und ihrem Einkaufswagen den Weg zur Kasse.
Als er sich zwei Männern näherte, die vor ihm in der Schlange warteten, hörte er einen bewundernden Pfiff. "Wow! Schau dir diese Beine an! Ich wette sie …"
"Pssst! Wenn du noch lauter sprichst, wird sie gleich auf uns aufmerksam!" warnte sein Freund und schielte über eine Sportillustrierte hinweg in Richtung des bewunderten Objekts weiter vorne in der Schlange.
Der andere Mann zuckte grinsend die Schulter. "Oh, ich hätte nichts gegen ein wenig Aufmerksamkeit von ihr."
Harm grinste nachsichtig. Es war noch gar nicht so lange her, da hätte ein gewisser Ex-Pilot wahrscheinlich das gleiche getan, aber in den letzten Monaten hatte er kaum noch einen Blick für irgendeine Frau außer ...
Harms Gedankengang wurde unterbrochen, als er den Kaugummiständer vor der Kasse umrundete und sein Blick auf die junge Frau fiel, der die Kommentare der beiden Männer gegolten hatten. Seine verständnisvolle Nachsicht für die beiden Bewunderer schwand und wurde stattdessen durch einen finsteren Blick ersetzt.
Mac lehnte wartend an der Kasse, eines ihrer langen Beine, das von den engen Jeans bestens zur Geltung gebracht wurde, über das andere geschlagen, während sie sich mit einer schlanken Hand eine wirre Haarsträhne hinter das Ohr schob. Nicht einmal die dicke Winterjacke konnte ihren Körper unförmig erscheinen lassen. Stolz stellte er fest, dass sie zweifellos die schönste Frau in diesem Supermarkt – und auch in jedem anderen des Landes – war.
Der Mann vor Harm war wohl zum gleichen Schluss gelangt. "Kannst du hier beim Einkaufswagen bleiben?" fragte er seinen Freund, "Ich muss einfach die Telefonnummer der Brünetten haben."
Harm kniff die Augen zusammen. Der Drang, dem Mann auf die Schulter zu tippen und ihn nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass er über seine Freundin sprach, wurde immer stärker. Stattdessen grinste er plötzlich und schob sich an den Männern und ein paar Rentnern vorbei, die ihn von Mac trennten. <Dir gefällt also, was du siehst?> dachte er mit einem letzten spöttischen Blick auf den eifrigen Bewunderer, <Mal sehen, wie dir das gefällt!>
Er schlang von hinten die Arme um Macs Taille und drückte sanft seine Lippen auf die warme Haut, dort wo ihr Hals in ihre Schulter überging.
Mac lehnte sich in die Umarmung zurück, ohne sich umzudrehen. Sie wusste genau, dass es Harm war – nicht zuletzt durch den Becher Krabbensalat in einer der beiden Hände, die sie so besitzergreifend umschlangen. "Nicht dass ich mich über diese Begrüßung beschweren will, aber was soll das werden? Ein Bestechungsversuch, damit ich dich diese kleinen madenartigen Dinger nicht zurückbringen lasse?"
"Oh, nein," Harm legte die Krabben aufs Band, "Ich gebe nur eine kleine Showeinlage für deinen Fanclub."
"Fanclub?" Mac legte ihm die Hand auf die Stirn, als prüfe sie ihn auf Fieber.
Harm nickte und drehte sich suchend um, entdeckte aber nur noch zwei hinter Sportmagazinen versteckte Köpfe.
0149 Z-Zeit (20:49 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Mund auf." Harm rutschte näher an Mac heran und schob ihr fürsorglich eine Gabel seines Shrimpsalats in den Mund. Fasziniert sah er zu, wie sie die Lippen um die dargebotene Gabel schloss und als sie den Bissen schluckte, lehnte er sich vor und küsste sie.
"Hmmm, das war gut," kommentierte Mac zufrieden.
Harm nickte zustimmend, während er die nächste Krabbe aufspießte. "Die Shrimps?"
"Nein," Mac lächelte warm, "der Kuss."
"Oh. Es ist noch mehr davon da," bot Harm an.
"Mehr Shrimps?" Mac genoss das spielerische Wortgefecht.
Harm schüttelte den Kopf. "Mehr Küsse." Er lehnte sich zu einem zweiten, nun etwas längeren Kuss vor.
Nach ein paar Momenten lehnte sich Mac zurück und sah in die blaugrauen Augen. "Ich könnte mich mit einer Erweiterung zu Hausregel Nummer zwei einverstanden erklären, die das Shrimpsverbot zeitweise außer Kraft setzt – solange das Küsse beinhalten würde."
Harm seufzte spielerisch. "Ich schätze, ich sollte mich zum Wohle der amerikanischen Shrimpsindustrie opfern." Er unterdrückte erneut ein Gähnen.
Mac schob ihren leeren Teller zurück. "Wie wäre es, wenn wir ins Bett gehen? Und bevor du fragst... nein, das soll kein unmoralisches Angebot sein, ich habe dich nur beim mindestens fünften Gähnen ertappt und an der Gesellschaft kann es unmöglich liegen, also schätze ich, dass du ziemlich müde sein musst." Sie strich ihm sanft über die etwas stoppelbärtige Wange.
"Brilliante Schlussfolgerung, Frau Anwältin," Harm erhob sich und zog Mac mit sich, "Ich glaube, ich habe seit 36 Stunden kein Auge zugemacht."
Es dauerte eine Weile, ehe sie das Schlafzimmer erreichten, weil Mac ständig Zwischenstops einlegte und irgendeine unbekannte Hausregel über ‚Einen Kuss pro Schritt’ zitierte. Harm als gesetzestreuer Bürger gehorchte natürlich.
Im Schlafzimmer begann er, seine Reisetasche auszupacken. Schließlich fand er seine Zahnbürste und ging damit ins Badezimmer.
Mac stand vor dem Waschbecken und er blieb stehen, um ihr Erscheinungsbild im Spiegel zu betrachten. Sie trug das T-Shirt, das Bud ihr vor kurzem geschenkt hatte und auf dem mit leuchtendroten Buchstaben zu lesen war: ‚Mein Kollege wurde von Aliens entführt und alles, was er mir mitgebracht hat, war dieses lausige T-Shirt’.
Harm lächelte vor sich hin und dachte darüber nach, wie es kam, dass Mac müde, schon halb schlafend, nur mit einem T-Shirt mit seltsamer Aufschrift bekleidet und mit Zahnpasta am Kinn immer noch so gut aussah. <Na ja, vielleicht bin ich ja auch voreingenommen,> gab er zu und warf erneut einen prüfenden Blick zu Mac hinüber, die immer noch ihre Zähne schrubbte. <Nein.>
Mac räumte ihren Platz am Waschbecken. Barfuß tappte sie über die Fließen und legte dabei eine Jugendlichkeit an den Tag, die Harm zum Lächeln brachte. Suchend blickte sich Mac nach ihren Bugs-Bunny-Hausschuhen um, konnte sie aber nirgends entdecken. "Haaarm!" rief sie streng ins Badezimmer hinüber, "Wo sind sie?"
"Wo ischt wasch, Mac?" fragte Harm mit der Zahnbürste im Mund und begegnete im Spiegel unschuldig ihrem Blick.
"Du weißt was! Sag mir, wo sie sind oder ich verstecke den Staubsauger!" Mac wusste, dass Harm die ‚Hausfrau’ von ihnen beiden war; er legte viel Wert auf Ordnung und ein gemütliches Zuhause.
"Verstecken? Mac, dazu müsstest du erst mal wissen, wo wir ihn aufbewahren!" Harm gurgelte mit Wasser und lachte gleichzeitig, so dass er sich fast verschluckte. "Hab ich dir schon gesagt, dass ich dich vermisst habe?"
Mac musste lächeln, stemmte aber die Hände in die Hüften. "Es kommt mir so vor, als ob du solche kleinen Offenbarungen immer dann machst, wenn du mich von irgend etwas ablenken willst." Anklagend drohte sie ihm mit dem Finger.
Unschuldig sah Harm auf. "Ach ja?"
Mac nickte. "Und das tust du auch oft."
"Was tue ich?"
"Eine Frage mit einer anderen Frage beantworten, um mich abzulenken," sagte Mac mit Nachdruck.
Harm kam aus dem Bad und ließ sich im Pyjama rücklings aufs Bett fallen. "Tue ich das?" Er grinste schalkhaft.
"Harmon Rabb!"
Harm hob lachend die Hände. "Entschuldigung, wie war noch mal schnell die Frage?"
Mac ließ sich auf ihn fallen und kletterte mit drohender Miene seinen Körper hinauf. Schließlich war sie Nase an Nase mit ihm und bohrte ihm bei jedem Wort den Zeigefinger in die Seite. "Wo - sind - meine - HAUSSCHUHE?!"
"Woher soll ich denn das wissen, Mac? Ich bin erst vor wenigen Stunden aus Seattle heimgekehrt, da kann ich doch nun wirklich keine Ahnung haben, wo..."
"Wenn du weiterhin so lügst, kannst du heute Nacht das Bett mit Jingo anstatt mit mir teilen!" drohte Mac und stupste Harms Nase mit der ihren an.
"Na, wenigstens stiehlt Jingo mir nicht meine Bettdecke," gab Harm mit einem Grinsen zurück und nutzte die Gelegenheit, um rasch ihre Nasenspitze zu küssen.
"Ha, und das muss ich mir von dem Mann anhören, der drei Viertel des Bettes in Anspruch nimmt!"
"Hey, ich muss nur deshalb so eng an dich gerückt schlafen, weil das die einzige Möglichkeit ist, wie ich ein bisschen was von einer der Decken bekommen kann," behauptete Harm und schlang beide Arme um Mac, die mittlerweile halb auf ihm lag.
Mac vergrub das Gesicht unter Harms Kinn und atmete tief durch die Nase ein. "Nur deshalb, hm?" fragte sie, schon etwas schläfrig.
Grinsend strich Harm ihr Haar zurück und küsste sie aufs Ohr. "Na ja, vielleicht nicht nur deshalb."
Mac rappelte sich schläfrig in seiner Umarmung auf. "Willst du noch für ein Weilchen kuscheln?" fragte sie und wirkte dabei fast schüchtern.
Harm unterdrückte ein Lachen. "Wüsste nicht, was ich lieber täte. Komm her," er schlang die Arme enger um sie, "falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Kuscheln ist eine meiner speziellen Fähigkeiten."
Mac schlang einen Arm um seine Hüfte und vergrub das Gesicht gegen Harms Hals. "Mmmm-hm, da muss ich dir zustimmen. Ich sollte in Erwägung ziehen, das zur Liste deiner Fähigkeiten hinzuzufügen."
Harm ließ seine Finger durch das seidige Haar gleiten. "Und vergiss nicht, mir auch ausreichend Punkte dafür zu geben," erinnerte er, als er zufrieden die Augen schloss. Einen Moment später riss er die Augen mit einem unterdrückten Schmerzlaut wieder auf.
Gypsie saß neben ihnen auf dem Bett und bedachte ihn mit einem auffordernden Blick.
"Hör mal her, du kleine Zigeunerin! Es ist nicht ladylike, einen solchen Moment zu unterbrechen, okay? Schon gar nicht dadurch, dass du mir eine Kralle in die Schulter bohrst!"
"Määäh!" machte Gypsie, nicht sonderlich beeindruckt von der Schimpftirade. Sie schnurrte nur und presste ihre kalte Nase gegen Harms Wange, so dass er unmöglich weiter verärgert sein konnte. Er spürte, wie Gypsie sich neben ihm zusammenrollte und schloss schläfrig wieder die Augen.
Stunden später weckte ihn die Kälte, die seine Füße praktisch in Eisklumpen verwandelt hatte. Er stellte fest, dass er auf dem Rücken lag und Mac an seiner Seite einen Arm und ein Bein besitzergreifend über seinen Körper geworfen und den Kopf auf seine Brust gelegt hatte. Beide Bettdecken waren auf Macs Seite des Wasserbettes. Fröstelnd versuchte Harm, den Arm auszustrecken, der nicht unter Mac begraben war und nach der zweiten Decke zu angeln.
Mac murmelte etwas im Halbschlaf und schüttelte protestierend den Kopf.
"Pwwwph!" Harm spuckte die Strähne ihres braunen Haares aus, die er beinahe eingeatmet hätte.
"Aaah, aufhör’n," murmelte Mac gegen seine Schulter, "Lieg’ schtill!"
Harm zog den Arm zurück und lag gehorsam still. "Das würde ich ja gerne, aber ein Marine hat mir die Decke geklaut und jetzt friere ich langsam und qualvoll zu Tode! Könntest du mir vielleicht gütigerweise eine der beiden Decken geben?"
"Ich habe eine bessere Idee," antwortete Mac, jetzt viel wacher, und Harm sah ihre Zähne blinken, als sie grinste, "lass uns so tun, als wären wir verheiratet."
Harm erwiderte das Grinsen, gespannt darauf, welche Warmhalte-Methode Mac vorschlagen würde. "Okay, tun wir so, als wären wir verheiratet," ging er auf das Spiel ein.
"Gut," murmelte Mac und rollte sich auf die andere Seite, "dann hol dir gefälligst deine Decke selbst!" Sie kicherte in ihr Kissen.
Einen Moment lang lag Harm nur da, zu verblüfft, um etwas zu sagen, dann streckte er den Arm aus und zog Mac samt der beiden Decken mit einem drohenden Knurren zu sich hinüber. "Das ist also deine Vorstellung von der Ehe, hm?" Tadelnd schüttelte er den Kopf. "Gut zu wissen..." Harm schloss den Mund, als ihm bewusst wurde, was er da um ein Haar gesagt hatte. <Einen Schritt nach dem anderen, Rabb!> ermahnte er sich streng, <Keiner von euch hat bisher die drei berühmten Worte gesagt; du hast keine Ahnung, ob das hier etwas ist, was Mac für die Ewigkeit möchte.>
Mac sagte nichts, aber sie nahm eine der beiden Decken und deckte Harm damit fürsorglich zu. Sie tastete nach seiner Hand und verflocht ihre Finger mit den seinen, bevor sie ihre Wange auf den ineinander verschlungenen Händen platzierte. "Gute Nacht, Harm."
Harm lächelte und drückte leicht ihre Finger. "Gute Nacht."
1107 Z-Zeit (06:07 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac spähte durch das dunkle Zimmer zum Fenster. Es hatte aufgehört zu schneien und sie spielte mit dem Gedanken, aufzustehen und sich Jingo für einen Spaziergang zu schnappen. Sie lag im Wasserbett, in Harms Umarmung. Mit einer Hand streichelte sie sanft einen der langen Arme, der sie hielt, fühlte den weichen Stoff des Pyjamas und die Wärme von Harms Haut darunter.
Als fühle er Macs Gedanken ans Aufstehen zog Harm sie enger an sich heran und seufzte im Schlaf zufrieden. Sein Atem wärmte Macs Haut. Es fühlte sich gut an; seine Wärme, seine Berührung, sein Geruch... Mac ertappte sich dabei, wie ihre Augen wieder zuglitten und ihr Körper sich gegen Harms entspannte. <Na ja,> sagte sie sich selbst, <Es ist Samstag, ein paar Minuten noch, dann stehe ich auf.>
Als sie wieder erwachte, stellte sie fest, dass aus den ‚paar Minuten’ zwei Stunden geworden waren. Sie schlug die Lider auf und war erstaunt, direkt in Harms blaue Augen zu blicken. Wortlos streckte sie die Hand aus, strich Harm eine wirre Haarsträhne aus dem Gesicht und ließ ihre Hand dann den Arm hinab gleiten, bis sie auf Harms Hüfte zu ruhen kam. Währenddessen sah sie ihm in die Augen, ohne den Blickkontakt auch nur kurz zu unterbrechen und es fühlte sich fast an, als führten sie eine komplette Unterhaltung, ohne dass auch nur ein einziges Wort gesagt werden musste. "Hey, du bist ja wach," sagte sie schließlich lächelnd, "Ich wusste nicht, dass du deine Augen am Wochenende vor dem Mittagessen öffnen kannst. Wie lange bist du schon wach?"
"Lange genug, um dich beim Schnarchen zu ertappen," behauptete Harm. Ein Flyboy-Grinsen schlich sich auf seine Lippen.
"Ich schnarche nicht!" protestierte Mac indigniert.
Harm wuschelte ihr durchs Haar. "Du hörst dich ja selbst nicht, wie willst du das also wissen?"
"Wie kommt es dann, dass du das nie zuvor erwähnt hast, hm?"
"Okay, na ja, vielleicht nicht direkt ein Schnarchen, es ist mehr so ein gelegentliches zufriedenes Ausatmen, wirklich süß," gab Harm lächelnd zu, "Was mich geweckt hat, waren deine beiden Freunde da drüben."
Macs Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger zum Fenster. Auf dem Fensterbrett saßen die beiden Eichhörnchen, die sie seit dem Herbst schon mehrmals beobachtet hatten. "Ich frage mich wirklich, warum die beiden keinen Winterschlaf halten." Mac beobachtete die munteren Eichhörnchen kopfschüttelnd.
Harm knuffte sie liebevoll in die Seite. "Vielleicht haben die vielen Nüsse, die eine bestimmte Person ihnen gefüttert hat, sie vergessen lassen, dass es eigentlich Winter ist."
"Harm, das waren keine ‚vielen Nüsse’," protestierte Mac, "ich habe ihnen lediglich einmal..."
"Einmal?" Harm hob skeptisch die Brauen.
"Okay, vielleicht auch zweimal..."
"Siehst du," Harm nickte bedeutsam, "wenn der Rest der Nachbarschaft sich auch für die Eichhörnchen-Heilsarmee hält und ihnen Nüsse zuschustert, ist es doch kein Wunder, wenn die zwei einen Winterschlaf für überflüssig halten."
Mac schlug die Decken zurück – alle beide – und machte Anstalten, die Beine aus dem Bett zu schwingen. "Ich hole uns mal was zum Frühstücken, bevor WIR in einen Winterschlaf fallen," erklärte sie gutgelaunt.
Harm schlang die Arme enger um sie. "Ach, lass uns doch noch ein bisschen hier im Bett bleiben, es ist doch erst..."
"Es ist 8. 17 Uhr und ich habe Hunger!" unterbrach ihn Mac entschlossen und zappelte in seiner Umarmung.
"Warum kaufen wir dieses große, gemütliche Bett, wenn wir nie richtig ausschlafen?" fragte Harm mit einem spielerischen Trotzen und weigerte sich, seine Bettgefährtin loszulassen.
Mac richtete den Blick ihrer braunen Augen auf ihn, die sonst so Bambi-artig blicken konnten, jetzt aber glitzerten wie die eines hungrigen Hais, der einen Surfer wittert. "Ich will Frühstück!" beharrte sie störrisch, "Und schlimme Dinge stoßen denjenigen zu, die zwischen mir und meinem Frühstück stehen! Du kannst ruhig liegen bleiben, ich mache das Frühstück und bringe es her."
Harm hielt sich mit Mühe davon ab, sie zurückzuhalten und anzubieten, selbst das Frühstück zu machen. Er würde eben einfach protestlos essen, was immer Mac ihm auch brachte. Es war ein kleines Opfer, wenn man bedachte, dass er dafür Macs Gesellschaft beim Frühstück genießen konnte. <Wer immer auch gesagt hat, Liebe ginge durch den Magen – er hat gelogen.>
Mac fröstelte, als ihre Füße die kalten Fliesen berührten und erinnerte sich wieder an die verdächtige Abwesenheit ihrer Hausschuhe. "Ich glaube, du hast da noch immer eine Kleinigkeit, die mir gehört."
"Hm, könnte schon sein," Harm lehnte sich im Bett zurück und verschränkte grinsend die Arme, "Wie wäre es mit einem Handel?"
"Ein Handel? Was für ein Handel?" Misstrauisch beäugte Mac ihren Partner.
"Du lädst mich nächste Woche zum Lunch ein und ich sorge dafür, dass ein bestimmtes Paar langohriger Hausschuhe wieder auftaucht," bot Harm an.
"Du bietest mir ein Tauschgeschäft für etwas an, das bereits mir gehört, sehe ich das richtig, Herr Anwalt?" Ungläubig hob Mac eine Braue.
"Das ist korrekt, Frau Kollegin," antwortete Harm selbstzufrieden.
Mac überlegte. "Lunch, hm?" Plötzlich grinste sie. <Ich schleppe ihn in ein Steakhaus oder zur nächsten Imbissbude, das sollte ihn lehren, meine Hausschuhe zu entführen!>
"Lunch," Harm nickte bestätigend, "und zwar in einer Salatbar. Du dachtest wohl, du könntest mich reinlegen und zu einer deiner Opferstätten toten Tieres schleppen, was?" Der Ex-Pilot grinste überlegen. "Also, was ist jetzt? Gilt der Handel oder nicht?"
Mac wackelte mit den Zehen, die mittlerweile immer kälter wurden. Fast war sie geneigt, anzunehmen, aber dann schüttelte sie den Kopf und grinste. "Nicht mehr nötig." Blitzschnell sauste sie um das Bett herum, stoppte kurz auf Harms Seite und tappte dann in Harms gelben Tweety-Hausschuhen in die Küche hinaus.
Der erste Weg führte sie in direkter Linie zum Kühlschrank hinüber. Durstig griff sie nach dem offenen Milchkarton in der Türe und hatte die Öffnung bereits fast am Mund, als Harms Stimme vom Schlafzimmer her kam.
"Maaaac! Nimm doch bitte ein Glas, ja?"
Mac ließ die Milchtüte sinken und schüttelte verwundert den Kopf. <Woher weiß er...>
"Ich weiß es eben," rief Harm amüsiert, "ich kenne dich, Marine!" Er lehnte sich zurück und schloss noch einmal die Augen, nur um sie gleich darauf wieder zu öffnen, als eine raue nasse Zunge ihm durchs Gesicht fuhr. "Wrrrrh! Gypsie, lass das!" Er schob die rote Katze sanft mit dem Ellenbogen weg, woraufhin sie begann, seinen Arm zu putzen. "Hey, junge Lady, ich hoffe, dir ist bewusst, dass ich dich jederzeit durch einen hübschen, ruhigen, gehorsamen Goldfisch ersetzen kann!"
Gypsie ließ die Drohung unbeeindruckt. Sie fuhr fort, ihm einzelne Haare vom Unterarm zu reißen, bis sie hörte, wie Mac die Kühlschranktüre zuschlug. Eilig sprang sie vom Bett und rannte in die Küche. Harm hatte seit längerem dem Verdacht, dass Mac ihr Häppchen zukommen ließ. <Ich kann es nicht beweisen, aber merkwürdig ist es schon, dass jedes Mal, wenn Mac am Kühlschrank war, das kleine Monster aus der Küche kommt und sich das Maul leckt!>
Einige Minuten später kehrte Mac mit einem Tablett ins Schlafzimmer zurück und kletterte zurück ins Wasserbett. "Das Frühstück ist serviert, Monsieur."
"Mmmm, eine wunderschöne Frau, die auch noch kocht – das verwirklicht meine kühnsten Fantasien!" scherzte Harm, beugte sich dann aber doch über das Tablett und begann etwas skeptisch, den für ihn gedachten Teller zu begutachten. "Sandwich? Zum Frühstück?"
Mac nickte über eine große Schale voller Nougat-Cornflakes gebeugt. "Oder möchtest du ein paar hiervon?" mümmelte sie mit dem Löffel im Mund.
Harm seufzte. "Nein, danke. Die knirschen mir zu laut zu einer so frühen Stunde. Ganz abgesehen davon, dass ihr gesundheitlicher Wert... gegen minus unendlich geht. Ich würde mich wirklich besser fühlen, wenn du wenigstens ein paar Bananenscheibchen darunter mischen würdest."
"Bei der zweiten Portion, okay?"
<Zweite Portion?> Harm nickte nur und nippte vorsichtig an seinem Tee. "Hey, bin ich froh, dass du dich entschließen konntest, doch noch ein paar Teeblätter in dieses Zuckerwasser zu tun."
Mac sah auf. "Du hast meine Tasse erwischt."
Harm studierte kritisch die Aufschrift auf der Tasse. "Deine Tasse? Die ‚Boss’-Tasse ist deine Tasse?" Mit liebevollem Spott sah er sie an.
"Aber sicher doch," gab Mac selbstbewusst zurück, "das hier ist deine." Strahlend schob sie Harm eine Tasse mit der Aufschrift ‚Morgenmuffel’ hin.
Mit einem ergebenen Seufzen nahm Harm seinen ungesüßten Tee samt Morgenmuffel-Tasse entgegen. <Habe ich eigentlich bisher auch nur eine einzige Diskussion gewonnen?> Er dachte einen Moment darüber nach und beantwortete dann seine eigene Frage mit einem Grinsen, <Kümmert mich das auch nur einen Deut?>
Spontan küsste er Mac, bevor er sich seinem Sandwich zuwandte. Statt wie befürchtet eine dicke Schicht Mayonnaise und Thunfisch-in-Öl vorzufinden, begegneten ihm Krabben und Gurkenstückchen, als er das oberste Stück Toast anhob. "Sieht verführerisch gut aus."
Mac neigte schelmisch den Kopf. "Ich oder das Sandwich?"
Harm biss herzhaft in das Krabbenbrot. "Musch isch dasch beantwort’n?"
"Nur, wenn du das Badezimmer heute nicht alleine streichen willst," meinte Mac zuckersüß.
Harm schluckte das Brot hinunter. "Du natürlich, oh beste Krabben-Gurken-Sandwich-Zubereiterin aller Zeiten," versicherter er ihr grinsend.
1538 Z-Zeit (10:38 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Es gibt scheinbar Statistiken, die besagen, dass die durchschnittliche Anzahl von Artikeln im Badezimmer einer Frau 243 ist," kommentierte Harm, während er Macs Lippenstift-Sortiment und die Bodylotion in eine Schachtel räumte, "ein Mann wäre vermutlich nicht einmal in der Lage, all diese Artikel zu identifizieren!"
Mac ließ das Abklebeband sinken und stützte die Hände in die Hüften. "Und wem kommt das Resultat all dieser Artikel zugute, hm? Euch Männern – während wir Frauen von euren Über-243-Teile-Eisenbahnen rein überhaupt nichts haben!" Triumphierend begann sie, im Farbeimer zu rühren.
Harm öffnete den Mund zu einer Entgegnung, als das Klingeln des Telefons ihn unterbrach. Harm ließ den Nagellack stehen und eilte ins Wohnzimmer. "Rabb – MacKenzie Haushalt," meldete er sich und musste grinsen.
"Hey, Harm, alter Junge, an deine Nummer ist ja schwerer heranzukommen als an die so mancher Stewardess!"
"Keeter!" Harm grinste erfreut, als er die Stimme seines ältesten Freundes erkannte. "Tja, weißt du, ich bin vor ein paar Monaten umgezogen..."
"Ja, das hat man mir auch gesagt. Du hast nicht zufällig ein Gästezimmer in deiner neuen Wohnung, oder?"
Harm lauschte mit einem Ohr in Richtung Badezimmer. Er glaubte zu hören, wie Mac den Deckel des Farbeimers öffnete. "Na klar, Keeter," <Sogar zwei, seit Macs Schlafzimmer unbenutzt bleibt.> "Wieso?"
"Ich hab noch ein paar freie Tage und da ich ohnehin noch in Washington zu tun habe, dachte ich, wir könnten mal wieder durch unsere alten Jagdgründe ziehen und unseren Flyboy-Charme auf die Damenwelt loslassen," erklärte Keeter lachend, "Na, was sagst du?"
Harm zögerte. "Ähm, Keeter, also... weißt du..." Wie konnte er seinem besten Freund klar machen, dass die Damenwelt, die er mit seinem Charme betören wollte, nur noch aus einer einzigen Frau bestand? Würde Keeter, der eingefleischte Junggeselle, die plötzliche Veränderung in seinem Leben überhaupt verstehen?
"Hey, sag mir nicht, du hättest sämtliche Gästezimmer mit Blondinen belegt, so dass du keinen Platz mehr für deinen alten Kumpel hast?" neckte Keeter am anderen Ende der Telefonleitung.
"Blondinen?" Harm musste lachen. "Nein, Keeter, das Haus ist absolut blondinen-frei, einem Besuch von dir steht also nichts im Wege." Harm beschloss, dass er seinem Freund die Sache mit Mac und ihrer Beziehung später in Ruhe erklären würde.
"Mm-hm, klar," man hörte, dass Keeter ihm kein Wort glaubte, "Ich denke, ich kann morgen gegen 1500 bei dir sein, dürfte ja nicht allzu schwer zu finden sein. Ist das okay?"
Harm sah zu, wie Jingo aus dem Badezimmer floh und versuchte, um die Ecke zu schielen. "Was? Oh, ja, das ist okay. Bis dann, alter Junge." Harm legte den Telefonhörer auf und ging zurück zum Badezimmer. Im Türrahmen blieb er stehen und betrachtete das Bild, das sich ihm bot.
Mac hatte ihn scheinbar nicht gehört, denn sie fuhr fort, die Wände zu streichen. Ihr dunkles Haar war mit alabasterweißen Sprenkeln durchsetzt und auf ihrem – oder seinem – USS Patrick Henry-T-Shirt waren Farbkleckse zu sehen. Ein winziges Stück ihrer Zunge ragte zwischen ihren Lippen hervor, während sie konzentriert den Farbroller über die Wand gleiten ließ und dabei zu der Musik im Radio summte.
Der Anblick seiner Freundin, wie sie dastand und das Badezimmer strich, ließ Harms Herz vor Freude schneller schlagen. "Du bist wirklich süß, weißt du das?"
Die Stimme, die plötzlich hinter ihr erklang, ließ sie zusammenschrecken und irgendwie schaffte sie es dabei, ihren halben Arm zu bemalen. "Oah!" Lachend betrachtete sie ihren Arm, "Das wird dich lehren, dich so an mich heranzuschleichen!"
"Warum sollte mich das irgendetwas lehren, Mac? Du bist diejenige, die sich mit Farbe bekleckert hat, nicht ich!" wies Harm grinsend darauf hin.
"Das glaubst du!" Bevor er sie davon abhalten konnte, hatte sie den Raum durchquert und ihn umarmt.
Harm fühlte, wie der bemalte Ärmel über seine entblößte Haut glitt und dort Farbspuren hinterließ. In diesem Moment kam Gypsie hinter der Toilette hervorgeschossen. Ein verdächtiger alabasterweißer Streifen zog sich quer über ihren ansonsten rotbepelzten Rücken.
1616 Z-Zeit (11:16 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Ich will ja nicht überkritisch klingen, Sarah, aber... was zum Teufel hast du in diesem Koffer?" Keuchend verließ der 86jährige Halb-Cherokee das Flughafengebäude und verharrte neben der Türe, um zu warten, bis seine silberhaarige Ehefrau zu ihm aufgeschlossen hatte.
"Hey, großer Häuptling, du beschwer dich gefälligst nicht, du bist einen guten Kopf größer als ich und musstest dich eben nicht durch die Gepäckausgabe kämpfen! Versuch mal, dich durch eine Menschenmenge hindurchzuschlagen, wenn du nur so groß bist wie ich! Ich fühle mich wie ein Chihuahua in einem Raum voller preisgekrönter irischer Wolfshunde!" beschwerte sich Granny, ohne dabei wirklich wie eine schwache, kleine alte Frau zu wirken.
Will grinste. "Du könntest sie immer noch in die Knöchel beißen, damit sie dich durchlassen, e-li-si," schlug er augenzwinkernd vor.
Granny rollte nur mit dem Augen, hielt vorsorglich ihre Handtasche fest und sah sich nach einem Taxi um. Vor dem Gebäude sah sie nur noch ein einziges der gelben Autos und sie stürzte darauf zu, ungeachtet der Tatsache, dass bereits ein anderer Reisender auf das Taxi zusteuerte. "Entschuldigung, junger Mann," sagte sie, als der Fremde die Türe des Wagens öffnen wollte, "das ist unser Taxi."
Der Mann drehte sich erstaunt um und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er überragte Granny sicher um 1 ½ Köpfe, außerdem war er recht massig. Insgesamt wirkte er wie ein Bär.
<Ein Bär, dem eine Gazelle das Abendessen streitig machen will!> ging es Will durch den Kopf, als er zu Granny aufschloss, um ihr den Rücken zu stärken.
"Entschuldigung, Ma’am, aber ich glaube, da irren Sie sich," entgegnete der kräftige Mann höflich, "ich war zuerst da. Normalerweise würde ich Ihnen das Taxi gerne überlassen, aber ich habe einen dringenden Termin..."
"Soll das heißen, Sie lassen eine betagte Lady und ihren erschöpften Gemahl hier einfach in der Kälte stehen, nur um Ihres eigenen Profits Willen?" entrüstete sich Granny.
Der Fremde wich einen Schritt zurück, als er sah, wie sie ihre Handtasche umklammerte.
<Ein Mann mit Kampferfahrung,> schloss Will grinsend.
"Ma’am, hören Sie," der Mann warf einen ungeduldigen Blick auf die Uhr, "ich habe wirklich keine Zeit für solche..."
Unerwartet schob sich eine Gestalt zwischen Granny und den bulligen Fremden. "Nein, jetzt hören Sie her!" Mit einer gewissen Bewunderung sah Will zu, wie sich die schlanke, dunkelhaarige junge Frau unerschrocken vor dem Fremden aufbaute, obwohl sie selbst nicht viel größer war als Granny. "Sie wollen doch nicht wirklich der netten alten Dame hier ihr Taxi wegnehmen, oder?"
Die hellen, recht gutmütigen Augen des kräftigen Mannes blinzelten. Abwehrend hob er seine großen Hände. "Aber es ist doch gar nicht ihr..."
Die mutige junge Frau trat noch einen Schritt näher an ihn heran. Feuer glänzte in ihren dunklen Augen. "Warum legen Sie sich nicht mit jemandem Ihrer Größe an.... zum Beispiel einem Nashorn?"
Der Fremde starrte sie ungläubig an. Offensichtlich war er einen bewundernderen Tonfall von Frauen gewöhnt. "Na schön, ich... das Taxi gehört Ihnen." Trotz seiner Niederlage schaffte es der junge Mann, sich mit einer galanten Geste an Granny zu wenden.
Granny nickte majestätisch. "Danke schön." Sie lächelte ihrer Retterin herzlich zu und stieg in das Taxi.
Eilig verlud Will das Gepäck, während er zusah, wie der Fremde auf der Suche nach einem anderen Taxi davonhastete. Über den Kofferraumdeckel hinweg begegnete er den braunen Augen der jungen Frau. "Danke, u-da-nuh-t," sagte er, bevor auch er einstieg und das Taxi davonfuhr.
1648 Z-Zeit (11:48 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Granny suchte mit ihren behandschuhten Fingern in ihrer übergroßen Handtasche, während Will hinter ihr mit zwei schweren Koffern im Schnee stand und geduldig darauf wartete, dass seine Angetraute endlich den Zweitschlüssel zum Haus ihrer Enkel fand.
Erleichtert schloss Granny schließlich die Türe auf und öffnete den Mund, um laut und freudig ‚Überraschung!’ zu verkünden. Sie schloss den Mund wieder, als sie die Stimmen aus dem Badezimmer hörte.
"Chuck und Yeager," sagte Harm laut, um das laute Plärren des Radios zu übertönen.
"Oh, bitte, Flyboy, bleib auf dem Boden – im wörtlichen und übertragenen Sinne," widersprach Mac, "Wie wäre es mit Afrodille?"
"Gesundheit!"
"Was?" Mac klang verwirrt.
"Oh, ich dachte, du hättest genießt. Sollte das etwa ein Vorschlag gewesen sein?" neckte Harm.
"Ja, in der Tat. Und nur zu deiner Information: Der Name bedeutet ‚Gänseblümchen’," entgegnete Mac betont würdevoll, "Oder wie gefällt dir Eglantina? Das bedeutet ‚Wilde Rose’."
Harm lachte. "Was hast du da gelesen? Den ‚kleinen Leitfaden für Eltern: Die abstoßendsten floralen Kindernamen’?"
Granny und Will, die noch immer im Flur standen, sahen sich mit großen Augen an. <Kindernamen?> Grannys Augen leuchteten auf. <Sollte das etwa bedeuten...>
In diesem Moment kamen Mac und Harm aus dem Zimmer, Arm in Arm und von oben bis unten mit weißer Farbe bekleckst. Sie verharrten überrascht, als sie ihre Großeltern so plötzlich vor sich sahen.
"Granny! Will! Wir dachten, ihr wolltet erst morgen kommen?" entfuhr es Harm erstaunt.
Granny stand im Flur, eine Hand in die Hüfte gestemmt, in der anderen eine riesige Handtasche. Tadelnd blickte sie ihren Enkel aus ihren himmelblauen Augen an. "Versuch nicht, mich vom Wesentlichen abzulenken, Harmon!"
"Vom Wesentlichen?" Harm und Mac wechselten einen verständnislosen Blick, "Was ist denn das Wesentliche deiner Meinung nach?"
"Na, unser Urenkel, den Sarah offensichtlich erwartet!"
"Granny," Harm seufzte, "Wir stehen ganz am Anfang unserer Beziehung; außer euch, Mum und Frank weiß kein Mensch, dass wir überhaupt zusammen sind und wir haben noch nicht einmal darüber geredet..." Harm räusperte sich und warf einen unsicheren Blick in Macs Richtung, "... Granny, wie kommst du bitte schön darauf, dass Mac... dass wir..."
Granny sah stirnrunzelnd zwischen ihren Enkelkindern hin und her. "Aber ihr habt doch gerade Babynamen diskutiert, oder nicht?"
Mac trat vor und legte Harm besänftigend eine Hand auf den Arm. "Genaugenommen haben wir *Eichhörnchennamen* diskutiert, Granny," erklärte sie und musste lachen, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Großeltern sah.
"Eichhörnchennamen?" wiederholte Granny ungläubig, "Eichhörnchen? Im Januar?"
"Das ist eine lange Geschichte," meinte Mac und winkte schnell ab.
"So lang nun auch wieder nicht," hakte Harm grinsend ein, "Mac hat so etwas wie einen Drive-In für Eichhörnchen eröffnet und daraufhin haben sie prompt den Winterschlaf ausfallen lassen. Kann ich dir dein Gepäck abnehmen, Granny?" fragte er in dem Versuch, die Versammlung im Flur aufzulösen.
"Gepäck?" Granny schnaubte, "Geliebter Enkel, das hier nennt man eine Handtasche!" Sie schwenkte demonstrativ das monströse Etwas an ihrer Seite.
"Oh! In meinen Jugendjahren hat man das noch Camping-Ausrüstung genannt, aber wenn du meinst..." Harm unterdrückte ein Grinsen, duckte sich unter der zuschlagenden Handtasche hinweg und nahm Will einen der Koffer ab, um ihn ins Gästezimmer zu tragen. "Meine Güte!" ächzte er, als er den Koffer anhob, "Ihr habt da nicht zufällig eine Geschirrspülmaschine drin, oder? Wir haben nämlich schon eine."
"Habt ihr im Flugzeug gegessen, oder soll ich eine Kleinigkeit machen?" erkundigte sich Mac, während sie ihnen die Wendeltreppe hinauf folgte.
Will warf Harm einen hilfesuchenden Blick zu. "Ähm, na ja, ehrlich gesagt bin ich nicht sonderlich begierig darauf, zu essen, was immer meine Enkelin heute auch plant, anbrennen zu lassen... könntest du nicht...?"
Harm lachte. "Okay, okay, schon verstanden. Ich übernehme das Kochen."
Mac verschwand im zweiten Badezimmer des Hauses, um eine schnelle Dusche zu nehmen und die restliche Farbe von ihrer Haut zu schrubben. Mit noch nassem Haar trottete sie die Treppe hinunter und blieb in der offenen Küchentüre stehen.
Ein sehr vertrauter Anblick bot sich ihr dar. Ihr dunkelhaariger Partner lehnte lässig am Herd und hantierte mit einer Pfanne.
Mac schlenderte zu ihm hinüber, schlang beide Arme um Harms Taille und versuchte, um seine Schulter herum einen Blick in die Pfannen und Töpfe zu werfen. "Hm, das riecht gut. Was gibt es denn?"
"Polenta-Häppchen mit Mozzarella und Tomatensalat und für euch Fleischvertilger Steaks," erklärte Harm und ließ die Pfanne los, um seine Hand über ihre zu legen. Einen Moment lang lehnte er sich zurück, schloss die Augen und genoss Macs Wärme in seinem Rücken.
"Hmmmm, Steaks, mein Lieblingsessen!" Mac vergrub zufrieden ihre Wange in Harms T-Shirt.
Harm lachte. "Mac, alles ist dein Lieblingsessen, solange es nicht ungesund ist und jemand anderes kocht oder bezahlt," neckte er liebevoll und konnte gerade noch im letzten Moment verhindern, dass sie ein Stück Steak aus der Pfanne stahl – eine Kunst, die sie in den letzten Monaten beinahe perfektioniert hatte.
"Hey, ihr seid so verdächtig still hier drin," sagte Granny, als sie den Kopf zur Türe hereinstreckte, "Ach so, ihr steht vor dem Herd und übt euch in erotischem Beisammensein, während ihr darauf wartet, dass das Essen anbrennt." Die alte Dame grinste verschmitzt.
Harm riss die Augen auf und stellte fest, dass die Polenta-Häppchen tatsächlich fast brauner geworden wären, als er beabsichtigt hatte. Schnell löste er sich aus Macs Umarmung und nahm die Bratschaufel wieder zur Hand.
Macs Mundwinkel zuckten, als sie ihren Freund betrachtete. Er hatte eine Schürze über das farbverschmierte und am Rücken jetzt von ihrem Haar feucht gewordene Hemd gestreift und auch in seinem Haar war etwas Farbe getrocknet. "Mm-hm-hm, wir sehen ja vielleicht..."
"Vorsicht..." Harm hob mahnend die Bratschaufel.
"... stattlich aus," beendete Mac grinsend den Satz.
Harm nickte zufrieden und drückte ihr die Bratschaufel in die Hand, anstatt ihr damit einen Klaps zu versetzen. "Hier, halt das mal, es ist an der Zeit, dass du etwas Kochunterricht bekommst!"
Er sah eine Weile zu, wie die eigentlich rautenförmigen Häppchen in der Pfanne unsanft herumgeschupst wurden und immer mehr zerbröckelten, bevor er ihr sanft den Bratwender aus der Hand nahm und sie in Richtung der Schüssel auf der Arbeitsfläche schob. "Wie wäre es, wenn du versuchst, die nächste Ladung Polenta-Häppchen zu formen?"
Wenig enthusiastisch tauchte Mac die Hände in die Schüssel. "Harm, das ist... eine einzige Katastrophe!" beschwerte sie sich ein paar Minuten später und versuchte, die Teigklumpen abzuschütteln, die ihre Hände verschluckt hatten. "Warum muss ich eigentlich unbedingt kochen lernen? Ich bin vollkommen zufrieden damit, dir dabei zuzusehen..."
"Zuzusehen? Du meinst wohl, mir das Essen unter den Händen wegzustehlen?" Harm trat neben sie und warf einen skeptischen Blick auf das Chaos, das plötzlich in der Schüssel herrschte. Er grinste nachsichtig und gab seiner frustrierten Partnerin einen Kuss auf die Wange. "Wie wäre es mit Dessert?"
"Dessert?" Macs Miene erhellte sich schlagartig.
Harm musste lachen. "Machen, nicht essen, Mac!"
"Kein Problem," meinte Mac zuversichtlich und zeigte zum Gefrierfach, wo sie, wie Harm wusste, mindestens drei verschiedene Geschmacksrichtungen Eiscreme gebunkert hatte.
"Mac, ich fürchte, ich muss dich darauf hinweisen, dass *normale* Menschen nicht besonders scharf auf Eiscreme sind, wenn draußen Schnee liegt," informierte Harm sie schmunzelnd.
"Auch nicht mit heißer Schokoladensoße darüber?" fragte Mac hoffnungsvoll.
"Nein, auch damit nicht," Harm stupste ihr liebevoll auf die Nase, "außerdem haben wir gar keine Schokoladensoße."
"Wir haben Nutella," schlug Mac in einem Anfall kulinarischer Kreativität vor.
Harm rollte mit den Augen. "Ich weiß – mehrere Kilo sogar. Ich dachte aber eher an Obstsalat." Er drückte ihr die Bananen und eine Mango in die Hand und kehrte an den Herd zurück, um selbst die Polenta-Häppchen vorzubereiten.
Anstatt, wie Harm erwartet hatte, das Obst zu schneiden, begann Mac, einen Küchenschrank nach dem anderen zu öffnen. Schließlich hatte sie das gewünschte Objekt gefunden und hantierte eine Weile mit dem Rücken zu Harm gewandt damit herum. "Ich kann eine M-16 in sechzehn Sekunden auseinander- oder zusammenbauen, da werde ich doch wohl noch..." grummelte sie vor sich hin, "na also!"
Harm beobachtete argwöhnisch, wie sie den Gegenstand in ihren Händen zu schütteln begann. Er beschloss, aus der Küche zu flüchten und stattdessen lieber den Tisch decken zu gehen. Er kam keinen Schritt weit, bevor zwei Marine-Arme ihn von hinten umschlangen und ihn zurück in die Küche zogen. Er folgte ohne großen Widerstand, als er Macs Lippen dicht an seinem Ohr fühlte.
"Augen zu!" befahl Mac.
Harm grinste nur. Er hatte die Augen bereits geschlossen, als sich Macs Arme um ihn geschlungen hatten.
"Mund auf!"
Harm gehorchte augenblicklich und schielte unter den halbgeschlossenen Lidern hervor. Sicher würde gleich eine Bananenscheibe oder ein Stückchen Mango in seinem Mund landen. Er spürte, wie Macs warme Finger über seine Lippen wanderten. Dann berührte etwas seine Zunge und er schluckte automatisch. "Süß!" stellte er überrascht fest, öffnete die Augen und drehte sich zu Mac um.
"Ich oder die Sahne?" fragte Mac, die mit einem Sahnesprüher vor ihm stand.
"Die Sahne?" gab Harm mit einem neckischen Lächeln zurück.
"Falsche Antwort, Kandidat Nummer eins!" Drohend schüttelte Mac den Sahnebehälter. "Begib dich ins Gefängnis, gehe direkt dorthin, gehe nicht über Los, ziehe keine..."
Wills Stimme von der Türe her unterbrach sie. "Na, wie läuft der Kochunterricht?"
"Oh, deine Enkelin ist wirklich eine sehr begabte Kochnovizin," versicherte Harm gespielt ernsthaft, "Wenn sie weiterhin solche Fortschritte macht, könnte es sogar sein, dass sie am Ende des Kurses Wasser kochen kann."
0224 Z-Zeit (21:24 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Granny verharrte im Gang. <Ist das nicht eben ein Stöhnen gewesen?> Abwesend glättete sie die Falten ihres langen, weißen Nachtshemds, während sie ins Halbdunkel lauschte. <Da! Da war es wieder!> Das Geräusch war eindeutig aus dem Wohnzimmer gekommen. Granny kniff ihre leuchtendblauen Augen zusammen und tappte näher an die Wohnzimmertüre heran.
"Oh, Gott, ja! Genau da! Oooaah!"
Grannys Mund klappte nach unten, als sie Macs atemlose Stimme erkannte. Dann grinste sie ihr berüchtigtes Grinsen und wollte gerade leise davonschleichen, als sie ihren Enkel hörte.
"Mac, nicht so wild! Du wirst dich noch verletzen!"
Granny verharrte, halb irritiert und halb amüsiert. <Harmon Rabb junior, draufgängerischer Pilot, ist plötzlich die Stimme der Vernunft? In einer solchen Situation?>
"Ich kann einfach nicht anders, das fühlt sich einfach zu gut an," stöhnte Mac, "Mmmmmhm! Hör bloß nicht auf! Genau so, jaaaa!"
"Sarah?"
Granny sprang trotz ihrer inzwischen 86 Jahre fast einen Meter senkrecht in die Höhe, als sie plötzlich Wills Stimme hinter sich hörte. "Meine Güte, Will, was hast du dir dabei gedacht, dich einfach so an nichtsahnende Menschen anzuschleichen!"
"Ich habe mir gedacht, dass du etwas Interessanteres als unsere unausgepackten Koffer gefunden haben musst, was dich so lange aufhält," erklärte Will schmunzelnd. Das Schmunzeln ging in ein Stirnrunzeln über, als er die Laute aus dem Nebenzimmer hörte. Dort war noch immer ein Stöhnen zu hören, das langsam in ein genießerisches Seufzen überging. "Oh, oh," Wills Augenbrauen wanderten nach oben, "ich glaube, wir stören hier!"
Granny nickte lächelnd und machte den ersten Schritt weg von der geschlossenen Wohnzimmertüre, als sie Harms Stimme hörte.
"Ich kann fast nicht glauben, dass das noch nie ein anderer Mann für dich getan hat, Mac."
<Wie bitte? Das ist definitiv interessanter als Kofferauspacken!> Unwillkürlich blieb Granny stehen, obwohl Will auffordernd an ihrer Hand zerrte, um sie zum Weitergehen zu bewegen.
"Ich konnte einfach ... ooh, ja... niemanden finden, der...," man hörte ein Keuchen und Macs gepresstes Atmen, "... so talentierte Hände hat wie du." Ein letztes genießerisches Ausatmen, dann verstummten die vielsagenden Geräusche aus dem Wohnzimmer. "Die Schulter hat mir seit Tagen Probleme gemacht, aber nach dieser wunderbaren Massage fühlt sie sich wirklich besser an. Danke."
<Massage?!> Granny verschluckte sich fast an ihrer eigenen Zunge und begann zu husten. <So klingt eine *Massage* bei den beiden?!> Sie presste sich die Hand vor den Mund, um das verräterische Husten zu unterdrücken, während Will ihr sanft auf den Rücken klopfte.
Die Wohnzimmertüre öffnete sich und Harm blickte besorgt auf seine Großmutter hinab. "Granny? Will? Ist irgendetwas nicht in Ordnung?"
Granny bekam ihr Husten endlich in den Griff und schüttelte hektisch den Kopf, während sie an die Decke schielte, als hoffe sie auf das Auftauchen eines UFOs, das sie möglichst auf der Stelle entführen würde. "Oh, nein, nein, alles in bester Ordnung," versicherte sie, während Will damit beschäftigt war, seine beste Nachahmung einer Tapete darzubieten, um nicht bemerkt zu werden.
"Wollt ihr nicht reinkommen?" Einladend hielt Harm die Türe offen, "Mac und ich sitzen nur noch ein Weilchen im Wohnzimmer zusammen."
Mac saß im Schneidersitz am Boden vor dem Sessel, auf dem Harm jetzt wieder Platz nahm, während sich Granny und Will auf die Couch setzten. Sie lehnte den Kopf gegen Harms Bein, während sie zu ihrem Großvater aufsah. "Hast du dir inzwischen überlegt, was du an deinem Geburtstag machen möchtest? Wie alt wirst du übrigens?" Neckisch lächelte sie Will zu.
"Ach, was heißt hier alt?" Will machte eine wegwerfende Handbewegung, "Ich bin doch nicht alt, schließlich feiere ich übermorgen nur den 66. Jahrestag meines 20. Geburtstages."
Mac musste lachen und lehnte sich behaglich zurück, als Harms kräftige Finger durch ihre Haare strichen und eine sanfte Kopfmassage begannen. <Hm, übermorgen. Dann fällt Wills Geburtstag mit einem anderen Jubiläum zusammen,> überlegte Mac verträumt, <Am 27. Januar sind wir seit drei Monaten zusammen. Drei Monate und ich habe es immer noch nicht geschafft, ihm zu sagen, dass ich ihn liebe. Wirklich mutig, Marine! Aber solange ich nicht weiß, ob es das ist, was er will, halte ich lieber den Mund, bevor ich alles verliere.>
Harms Finger verharrten gedankenverloren und Mac schielte spitzbübisch zu ihm hinauf. "Hey, was ist passiert? Sind mir die Viertel-Dollar-Münzen für die Massage ausgegangen?" beschwerte sie sich.
Harm grinste und nahm die sanfte Massage gehorsam wieder auf.
"Wo wir gerade beim Feiern sind...," ergriff Granny das Wort und sah ihre beiden Enkel bedeutungsvoll an, "Habt ihr eigentlich in absehbarer Zukunft vor, der Familie ein weiteres Fest zu bescheren?"
"Aber sicher doch, Granny," versicherte Harm eifrig, "Selbst zeitlos schöne Menschen wie wir beide werden alle 12 Monate ein Jahr älter."
Granny rollte die Augen. "Ich spreche nicht von einer Geburtstagsfeier, ich meine... warum heiratet ihr nicht endlich?" Fordernd blickte sie zwischen den beiden hin und her.
"Weil wir diese Frage einfach zu sehr vermissen und dir deinen Lebensinhalt nehmen würden, Granny," antwortete Harm betont ernsthaft.
"Du bist uns da im Geiste Lichtjahre voraus, Granny," meinte auch Mac, "wir hatten noch nicht einmal ein offizielles Rendezvous."
Grannys Kopf ruckte herum. Streng sah sie ihren Enkel an. "Harmon Rabb junior! Was habe ich dir über romantische Verabredungen immer gesagt?"
"Nimm eine Frau nie schon nach dem ersten Rendezvous mit nach Hause und erzähle keiner Frau, die du nicht besser kennst, dass du mehr als eine Kreditkarte besitzt?" zitierte Harm und grinste, "Granny, falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte – Mac und ich leben zusammen, wenn sie also nicht unter der nächstbesten Brücke übernachten soll, dann muss ich sie wohl oder übel mit nach Hause nehmen. Und meinen Kontostand kennt sie besser als ich."
Granny warf mit einem Kissen nach ihm. "Selbst wenn ich das gesagt haben sollte, so glaube ich kaum, dass sich eine der beiden Regeln auf eure Situation anwenden lässt. Nein, ich meinte, dass du eine Frau, an der dir etwas liegt, königlich behandeln sollst."
Harm hob die Brauen. "Tue ich das etwa nicht?" Er deutete auf Macs Füße, die mittlerweile auf seinem Schoß ruhten und ebenfalls massiert wurden.
Mac rappelte sich auf und legte ihre Hände auf seine. "Doch, Harm, das tust du," versicherte sie, ihm tief in die Augen sehend, "aber... Granny hat... ich meine... wir könnten..."
Harm legte ihr sachte einen Finger auf die Lippen. "Mac, du sprichst vier Sprachen fließend, glaubst du, du könntest in einer etwas verständlicheren Weise mit mir kommunizieren?" neckte er liebevoll, "Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, von was du da sprichst."
"Wie könntest du auch," Mac lachte verlegen, "Ich sage ja eigentlich gar nichts. Was ich sagen wollte, ist, wie wäre es, wenn wir tatsächlich auf ein Rendezvous gehen?"
Harm hatte bereits beim Pizza-Verfüttern an Jingo festgestellt, dass er bettelnd blickenden braunen Augen einfach nichts abschlagen konnte. Er beugte sich hinab und küsste sanft ihre Lippen. "Ich kann wohl schwer nein sagen, du bist einfach zu süß."
"Ich wette, das sagst du zu all’ deinen Kolleginnen."
Harm nickte mit betont ernsthafter Miene. "Selbstverständlich."
Granny rieb sich zufrieden die Hände. "Sarah, wir beide gehen morgen ein Kleid für dein Rendezvous kaufen!" verkündete sie mit der Entschlossenheit einer gewohnheitsmäßigen Kupplerin.
Harm vergrub stöhnend das Gesicht in den Händen. "Jetzt weiß ich, warum ich keiner Frau verraten soll, dass ich eine Kreditkarte besitze!"
1815 Z-Zeit (13:15 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
"Also, ihr beiden," Mac lehnte sich zu Katze und Hund hinab und hob mahnend den Zeigefinger, "Keine Kämpfe mit der Gardine, keine Überfälle auf das Gewürzregal und kein illegales Benutzen des Computers, verstanden?"
"Und ich? Willst du dich von mir gar nicht verabschieden?" Lässig lehnte Harm im Türrahmen und verschränkte die Arme.
"Na schön," Mac trat grinsend näher, legte ihm die Arme um den Hals und verflocht die Finger hinter seinem Nacken, "willst du auch ein paar Ermahnungen oder...?"
Weiter kam sie nicht, bevor Harm sie mit einem Kuss unterbrach.
Granny wartete im Gang geduldig auf ihre Gefährtin beim Streifzug durch Washingtons Boutiquen, aber als sich der Kuss in die Länge zog, tippte sie ihrem Enkel dann doch auf die Schulter. "Wird das eine Verabschiedung oder eine zahnärztliche Untersuchung?" neckte sie unerbittlich.
"Hey, du warst es doch, die mich Gründlichkeit gelehrt hat!" beschwerte sich Harm.
"Ähm, apropos Gründlichkeit...," hakte Mac ein und schlang Harm einen Arm um die Hüfte, "ich nehme mal an, dass Granny und ich ziemlich gründlich auf unserem Einkaufsbummel sein werden... und du weißt ja, dass meine Corvette nicht besonders viel Stauraum hat. Könntest du eventuell so ritterlich sein, mir deinen fahrbaren Untersatz zu leihen?"
Harm zögerte. "Na ja, eigentlich wollte ich selbst noch ein paar Besorgungen machen, wenn ich schon mal ein paar Tage frei habe..."
"Oh, biittte, Harm," Mac wandte ihren berüchtigten Bambi-Blick auf ihn an, "Wir leben doch zusammen; was dein ist, ist auch mein und umgekehrt."
"Na schön," Harm ließ zu, dass sie die Autoschlüssel aus seiner Hosentasche angelte, "hmmm, da fällt mir gerade ein... wenn was dein ist, automatisch auch mein ist... bedeutet das, dass deine Bugs-Bunny-Hausschuhe mir mit gehören?"
Braune Augen verengten sich misstrauisch. "Lass meine Hausschuhe aus dem Spiel, Mister!"
"Okay, okay," Harm hob lachend die Hände zu einer Unschuldsgeste, "Ich frage ja nur mal so."
"Ich weiß, warum du gefragt hast – vergiss es! Was Hausschuhe angeht, haben wir Gütertrennung!" beschloss Mac energisch.
"Na gut." Harm besiegelte den Beschluss mit einem weiteren Kuss.
"Man könnte meinen, ihr wärt siamesische Zwillinge, die an den Lippen zusammengewachsen sind!" rief Granny von der Haustüre her, "Wenn du dich nicht von deiner Angebeteten trennen kannst, dann komm eben mit, Harmon, aber wir gehen jetzt einkaufen!"
Ohne zu zögern folgte Harm den beiden zur Türe. Eine halbe Stunde später lehnte er neben einem von unzähligen Kleiderständern und versuchte den durchdringenden Geruch von Parfüm vom Eingangsbereich her zu ignorieren. Er lächelte der Verkäuferin für Damenbekleidung, die ihm seltsame Blicke zuwarf, zu und lauschte mit halbem Ohr Grannys Fachsimpeleien.
"Das rote ist nicht schlecht, aber der Schnitt ist einfach zu beliebt im Moment. Schließlich wollen wir ja vermeiden, dass eine andere Frau im Restaurant zufällig dasselbe Kleid wie du trägt, oder?"
Harm grinste vor sich hin. <Für Frauen scheint es nichts Schlimmeres zu geben. Hat man je einen Mann sagen hören ‚Oh, mein Gott, wie peinlich, da ist ein anderer Mann, der einen schwarzen Anzug trägt, ich muss hier weg’?" Seufzend folgte er den beiden Frauen zum nächsten Regal und stellte sich auf eine längere Wartezeit ein.
"Er trotzt," flüsterte Mac Granny zu und kicherte unterdrückt.
Granny warf einen Blick über eine Reihe Blusen hinweg auf ihren Enkel. "Oh, ja. Du hast nicht zufällig einen Lolli in der Handtasche, oder? Damit hab ich ihn immer bestochen, wenn ich ihn zum Einkaufen mitnahm, als er noch klein war. Aber ich schätze, er lässt sich jetzt eher mit anderen oralen Genüssen bestechen, oder?"
"Granny!" zischte Mac ermahnend.
"Meine Güte, ihr jungen Leute seid heutzutage aber zartbesaitet!" Granny schüttelte amüsiert den Kopf, "Vor einer halben Stunde hast du dich noch persönlich davon überzeugt, dass Harmons Zahnfüllungen in Ordnung sind und jetzt errötest du bei der bloßen Erwähnung eines einfachen Kusses..."
"Hört mal her, ihr jungen Damen," Harm schlenderte heran und zwinkerte seiner Großmutter und seiner Freundin zu, "ich entferne mich jetzt von hier; die Verkäuferin wirft mir schon Blicke zu, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie mir Spitzenunterwäsche verkaufen oder die Polizei rufen soll, weil ich hier herumlungere."
Mac bohrte spielerisch-mahnend den Finger in Harms Sweatshirt. "Oh, gib’s doch schon zu, Flyboy, du willst dich nur wieder zu deiner Freundin davonstehlen, die hier immer im Einkaufszentrum auf dich wartet!"
Harm nickte eifrig. "Du weißt doch, wie wir Navy-Piloten sind – eine Frau in jedem Hafen."
"In jedem Bahnhof, meinst du wohl."
Harm zuckte die Schultern. "Wie dem auch sei, ich muss jetzt los. Ich kann *sie* doch nicht warten lassen. Tschuuu-tschuuuuuuu!" Er winkte und ging davon.
<Muss ich das jetzt verstehen?> Granny sah verständnislos zwischen Mac und ihrem davon spazierenden Enkel hin und her. "Verliebte!"
Zwanzig Minuten später verließen sie endlich mit Macs neuem Kleid das Geschäft. Neben dem Ausgang entdeckte Granny einen Stand, an dem ein junger Mann Schmuck verkaufte. "Das hier würde wirklich gut zu deinem Kleid passen, Sarah," meinte sie, auf eine goldene Kette mit einer Perle von schlichter Eleganz deutend.
"Guten Tag." Der junge Mann schien ein Geschäft zu wittern. Entschlossen, die alte Dame übers Ohr zu hauen, trat er näher.
"Wie viel?" fragte Granny auf ihre direkte Art und zeigte auf die Kette.
"400 Dollar," erklärte der Verkäufer und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust.
Granny schnaubte nur. "Junger Mann, ich bin nicht halb so senil, wie Sie offensichtlich glauben!" Sie machte Anstalten, weiterzugehen.
"350?" sagte der Schmuckverkäufer eilig.
Noch ein Schnauben von Granny. "Und nicht halb so reich!"
Der junge Verkäufer zögerte. "Na schön, weil Sie es sind 300 Dollar."
"100 Dollar!" verlangte Granny kühn.
"Das ist verrückt!" Der Verkäufer wich unter dem unerwartet harten Blick der so harmlos wirkenden alten Dame unwillkürlich einen Schritt zurück, "Ich könnte den Preis vielleicht auf 250 Dollar reduzieren..."
Granny schüttelte den Kopf. "Ich glaube kaum, dass meine vier Urenkel es zu schätzen wüssten, wenn sie wegen einer Kette, die vermutlich nicht einmal echt ist, wochenlang hungern müssen," Sie befingerte das Schmuckstück und machte dabei ein Gesicht, als bestehe es aus einer ekelerregenden Substanz, "Komm, Sarah, lass uns gehen."
Der Verkäufer wischte sich Schweiß von der Stirn, der sich trotz der Kälte dort gebildet hatte. "Warten Sie! 200 Dollar, aber das ist wirklich mein letztes Wort!"
Grannys blaue Augen hielten seinem Blick mühelos stand. "150 – weil Sie mich verrückt genannt haben."
Der junge Mann seufzte und gab sich geschlagen, auch wenn er damit auf jeglichen Gewinn aus seinem Verkauf verzichtete. Geld und Kette wechselten die Besitzer. "Danke," sagte der erschöpfte Verkäufer, ohne es wirklich zu meinen. Kopfschüttelnd sah er zu, wie die beiden Frauen weitergingen.
Mac sah grinsend auf ihre kleinere Begleiterin hinab. "Du hättest wirklich die Lohnverhandlungen beim letzten Streik von United Airlines übernehmen sollen, dann wäre ich nicht zwei Tage in Iowa festgesessen!"
1932 Z-Zeit (15:32 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Pfeifend überquerte Harm den Rasen vor seinem Haus. Nach dem freien Tag und dem Einkaufsbummel mit Mac fühlte er sich so voller Energie, dass nicht einmal der langsam in Regen übergehende Schneefall ihn stören konnte. Er schob die Schokoladen-Meeresfrüchte, die er für Mac besorgt hatte, unter den Arm und angelte den Schlüssel aus seiner Tasche, aber als er aufsah, wich plötzlich das vergnügte Grinsen von seinem Gesicht. "Oh, Mist!"
"Oh, Mist? Ist das alles, was du zu sagen hast, Kumpel?" Sein bester Freund, Lieutenant Commander Jack Keeter, stand mit einem Seesack über der Schulter vor ihm. "Ich warte hier wie verabredet seit über einer halben Stunde, ich hab inzwischen sogar schon bei JAG angerufen, aber diese kleine Blondine hat mir gesagt, dass du Urlaub hast. Langsam hab ich mich wirklich gefragt, ob du tot im Badezimmer liegst, mit einer langbeinigen Stewardess beschäftigt bist oder irgendeine andere akzeptable Entschuldigung hast... nun, tot bist du offensichtlich nicht und eine Stewardess sehe ich leider auch nirgends, also...?"
Harm kannte seinen ehemaligen Zimmergenossen an der Akademie gut genug, um zu wissen, dass er nicht wirklich verärgert war. Trotzdem stand er jetzt aber vor dem Problem, ihm eine Erklärung für sein Fernbleiben geben zu müssen. <Was sage ich also?> "Ich war...," begann er zögernd. <Ich war mit meiner Großmutter und meiner Freundin einkaufen? Ich bin wie ein liebeskranker Idiot neben der Damenunterwäsche herumgehangen, nur um Mac noch ein paar Minuten länger sehen zu können? Oh, ja, das würde meinen hart erarbeiteten Flyboy-Ruf ein für alle mal ruinieren!> "Ich bin eben erst mit dem Zug angekommen," versuchte er es mit einer etwas kreativeren Auslegung der Tatsachen. Er schloss die Türe auf und ließ Keeter vor sich eintreten.
"Wow!" Keeter stellte seinen Seesack ab und blickte sich bewundernd in dem großen, hellen Wohnzimmer mit dem stilvollen Kamin um, "Wenn ich das mit unserer Kadetten-Bude in Anapolis vergleiche, in der ständig eine Socke mitten im Raum lag..."
"DEINE Socke!" unterbrach ihn Harm.
Keeter ignorierte die Bemerkung und sah sich weiter im Haus um. Beinahe wäre er über die rote Katze gestolpert, die mit einem protestierenden "Määääh!" zu Harm flüchtete und auffordernd dessen Beine umrundete. "Määäh, mrrow?!"
"Okay, okay, subtiler Hinweis verstanden." Harm ging zur Küche und füllte Katzenfutter in einen Napf.
"Das ist deine?" Keeter staunte über die plötzliche Häuslichkeit seines Freundes. "Eine Katze, ein Haus... ich wette, das macht mächtig Eindruck auf die Frauen, was?" Der kräftige Mann verpasste Harm einen kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter.
Harm bohrte hilflos die Finger in die Taschen seiner gefütterten Lederjacke. Solche scherzhaften Anspielungen waren immer etwas Selbstverständliches zwischen Keeter und ihm gewesen, ganz egal, ob einer von ihnen in einer Beziehung gewesen war oder nicht. Sie hatten beide gewusst, dass keine dieser Beziehungen sonderlich lange halten würde und sie früher oder später zu ihrem freien Junggesellenleben zurückkehren würden. Zum ersten Mal riefen Keeters Kommentare nun ein unbehagliches Gefühl bei Harm hervor. Er räusperte sich. "Na ja, weißt du, eigentlich ist es ja nicht nur mein Haus..."
"Ach so, verstehe, die Bank hat noch den Daumen drauf..." Keeter nickte grinsend.
"Nein, die Bank ist nicht das Problem, die würde jedenfalls nicht ihre Haare in der Dusche hinterlassen und mit mir am Frühstückstisch sitzen und ihre Cornflakes mit einem Pfund Zucker bestreuen." Harm musste unwillkürlich lächeln.
Keeters Augen weiteten sich ungläubig, als er den Gesichtsausdruck seines Freundes sah. "Willst du damit sagen... soll das heißen, der große Harmon Rabb hat eine feste Beziehung? Du hast dich von einer deiner Freundinnen einwickeln lassen und bist mit ihr zusammengezogen?"
Harms Hand ballte sich in der Jackentasche zu einer Faust und er zwang sich, ruhig zu bleiben. Keeter konnte nicht wissen, wie viel sich in Harms Leben seit ihrer letzten Begegnung verändert hatte. "Unsinn, ich habe mich von niemandem einwickeln lassen, Keeter, und eigentlich war es auch nur eine Wohngemeinschaft..."
"Eine Wohngemeinschaft? Mit einer Frau? *Du*?" Keeter lachte, "Ach, komm schon, Platon, sag die Wahrheit! Was steckt dahinter? Und wer ist überhaupt die Unglückliche?" erkundigte der Pilot sich scherzhaft.
"Mac," erklärte Harm ruhig, "es ist Mac."
Keeter schüttelte ungläubig den Kopf. "Mac? Deine Partnerin?"
Harm nickte. <Partnerin in jeder möglichen Bedeutung des Wortes.>
"Weißt du, ich habe schon damals im Iran nicht verstanden, wie du mit einer solchen Frau nur befreundet sein kannst. Ich meine, sie sieht verdammt gut aus, sie ist intelligent und ganz offensichtlich mag sie dich. Wieso hast du nicht deinen Charme spielen lassen?" Keeters graue Augen blickten ihn neugierig an.
<Sie hat mir zuviel bedeutet für irgendwelche Spielchen,> schoss Harm durch den Kopf, aber jetzt und hier, in Winterjacken und gerade erst zur Tür hereingekommen, war nicht der geeignete Zeitpunkt, Keeter das zu sagen. Nicht, wenn er nicht einmal Mac richtig gesagt hatte, was sie ihm bedeutete. "Und du? Wieso hast du nicht deinen Piloten-Charme benutzt, während du zwei Tage und Nächte allein mit ihr in der Wüste verbracht hast, wenn du sie doch so gutaussehend und intelligent findest?"
Keeter kratzte sich am Kopf. "Hm, ich schätze, sie hat mir einfach nicht die richtigen Signale gegeben. Ich habe ein eindeutiges ‚Nicht interessiert’ von ihr empfangen."
"Das hat dich doch sonst nie davon abgehalten, es weiterhin zu versuchen, Casanova!" Harm stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
Keeter grinste nur, ohne darauf zu antworten. <Muss wohl an den Blicken und dieser Umarmung gelegen haben, die die Lady und mein bester Freund geteilt haben... da hilft selbst mein Charme nichts mehr.> "Also, sag schon, wie reagieren deine... weiblichen Gäste, wenn Mac morgens im Neglige in die Küche kommt, um sich ihre Cornflakes zu bezuckern?"
Harm rollte mit den Augen. "Mac kommt nicht im Neglige in die Küche..." <Eigentlich trägt sie zur Zeit meistens eines meiner T-Shirts oder das passende Oberteil zu meiner Pyjama-Hose.> Harm atmete tief durch und beschloss, Keeter endlich über seine Beziehung zu Mac aufzuklären. "Und was die weiblichen Gäste betrifft..."
Das schrille Läuten der Türglocke unterbrach ihn.
Keeter gab grinsend den Weg frei. "Sollte das schon einer deiner weiblichen Gäste sein?"
"Unsinn," Harm ging zur Türe, "das ist sicher... Skates?" Verblüfft starrte er seinen ehemaligen Radar-Leit-Offizier an. Sie stand ebenfalls mit einem Seesack über der Schulter vor ihm.
"Hallo, Harm," sie sah zu ihm auf und lächelte unsicher, "ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, aber ich habe gerade zwei Wochen Landgang und da du mir in deiner letzten E-Mail geschrieben hattest, dass du umgezogen bist, dachte ich..."
"Komm erst mal rein." Harm legte ihr freundlich die Hand auf die Schulter und dirigierte sie ins Wohnzimmer. "Skates, das ist mein alter Freund, Lt. Cmd. Jack Keeter. Keeter, das ist..."
"Die kampflustige Amazone, die mich um mein Taxi gebracht hat," unterbrach Keeter ihn grinsend, "erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen." Er nahm Skates Hand und verneigte sich mit sanftem Spott.
"Ich habe Sie nicht um *Ihr* Taxi gebracht!" widersprach Skates energisch und in ihren braunen Augen glänzte das Feuer, das Harm noch aus seiner Pilotenzeit auf der USS Patrick Henry kannte. Obwohl sie um einiges kleiner und leichter als der bärenhafte Keeter war, hielt sie seinem Blick unbeeindruckt Stand, "Es war das Taxi der alten Dame!"
Harm sah verwirrt zwischen seinen beiden ungleichen Freunden hin und her. "Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Welche alte Dame?"
"Das möchte ich auch gerne mal wissen," sagte Granny von der Eingangstüre her, "so alt bin ich schließlich auch noch nicht!"
2348 Z-Zeit (18:48 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Hier, Mac, diesmal würfelst du. Ich traue dem Kerl da nicht!" Harm deutete mit einem gespielt grimmigen Blick auf Keeter, der mit Unschuldsmiene auf der Couch saß, "Immer wenn er für mich würfelt, bekomme ich eine Frage über Hauptstädte von Ländern, die überhaupt nicht existieren!"
"Das Problem hätten wir nicht gehabt, wenn du meinem Vorschlag zugestimmt hättest, Poker zu spielen," bemerkte Keeter, während er Mac die Würfel reichte, "Strip-Poker meinetwegen." Er zeigte seine Version eines Flyboy-Grinsens.
"Es wäre nicht fair gewesen, Poker zu spielen, Keeter," betonte Harm überlegen, "Du wärst innerhalb von einer halben Stunde in Unterwäsche dagesessen – und ich glaube nicht, dass die anwesenden Damen dieses Trauerspiel wirklich sehen wollen."
Granny und Skates, die auf der längeren Couch saßen und Gypsie zwischen sich kraulten, sahen bei der Erwähnung von ‚Unterwäsche’ auf. "Wo er recht hat, hat er recht!" verkündete Skates mit einem schelmischen Lächeln.
Keeter warf einen Blick zu der dunkelhaarigen Amazone hinüber. Er wurde noch immer nicht so ganz schlau aus ihr. "Ich bin dein Gast, warum musst du so gemein zu mir sein?" beschwerte er sich mit gespielt jammervollem Tonfall, "Was hab ich dir je getan?"
"Möchtest du, dass ich das chronologisch oder alphabetisch aufzähle? Außerdem hab ich nur an dein fragiles männliches Ego gedacht." Harm klopfte Keeter aufmunternd auf die Schulter.
Keeter sah ihn skeptisch an. "Ha, ha! Komm schon, Kumpel, gib’s zu, du bist vor meinen größeren blufferischen Fähigkeiten zurückgeschreckt!"
"Blufferisch? Das ist doch nicht mal ein Wort!" protestierte Harm, "Und außerdem übersteigen meine Fähigkeiten beim Bluffen deine bei weitem!" <Ich konnte *Harriet* glauben machen, dass ich nicht rettungslos in Mac verliebt bin – wenn das nicht der Bluff des Jahrhunderts ist!>
"Keinen Streit, Kinder!" befahl Mac und würfelte, "Kunst und Literatur, Harm."
Keeter griff nach einer entsprechenden Karte. "Wie viele Buchstaben hat das griechische Alphabet?"
Harm warf ihm einen bösen Blick zu. "Das ist aber keine Frage über Literatur!"
"Hey, es ist dein Spiel, mach mich nicht für die Fragen verantwortlich, nur weil du sie nicht beantworten kannst, Buddy."
"Wer sagt, dass ich die Frage nicht beantworten kann, hm?" grummelte Harm und legte nachdenklich die Stirn in Falten. Hilfesuchend sah er zu Mac hinüber, die in einem der Sessel auf der anderen Seite des Tisches saß. Nachdem sie so überraschenden Besuch bekommen hatten, hatten sie begonnen, ihre üblichen ‚Paar-Interaktionen’ zurückzuschrauben. Harm sagte sich, dass er nur den geeigneten Zeitpunkt abwarten wollte, um Keeter die wahre Natur ihrer Beziehung zu erklären und er sagte sich, das er es so bald wie möglich tun würde. Es war schlimm genug, dass sie ihre Beziehung bei JAG verbergen mussten, aber hier, zuhause, konnte er es kaum ertragen, Mac nicht regelmäßig in die Arme zu nehmen.
Eine Minute verging.
"Oh, komm schon, gib doch einfach zu, dass du es nicht weißt," drängte Keeter neckisch.
Harm streckte lässig die langen Beine aus. "Es gibt hier kein Zeitlimit, ich kann mir soviel Zeit lassen wie ich möchte, um meine Antwort zu perfektionieren!"
"Perfektionieren? Wie willst du etwas perfektionieren, was du gar nicht hast? Je schneller du antwortest, desto schneller bin ich dran und kann dir zeigen, wie es richtig gemacht wird," stichelte Keeter.
"Dürfte ich euch beide daran erinnern, dass *ich* das Spiel bereits gewonnen habe – vor über einer Stunde – und dass ihr beide jetzt nur noch um den zweiten Platz spielt?" bemerkte Mac zuckersüß.
"Sie hat uns beide auch beim ‚17 und 4’ geschlagen," Keeter fächelte sich spielerisch Luft mit der Karte zu, "Ich muss zugeben, die Lady ist gut."
Harm nickte zustimmend. <Oh, ja, das ist sie! Es muss fast eine Sünde sein, so stolz auf jemanden zu sein.> "Ich glaube, wir müssen uns in Monopoly gegen sie verbünden. Wenn wir drei von drei Spielen verlieren, wird sie uns das nie vergessen lassen."
"Okay, Kumpel," stimmte Keeter sofort zu, "Aber ich bekomme den Rennauto-Spielstein!"
Mac erhob sich kopfschüttelnd, um noch mehr Mineralwasser aus der Küche zu holen.
"Ich glaube, deine Zeit ist langsam abgelaufen," Keeter griff nach den Würfeln.
"Hey, Moment mal!" protestierte Harm, "Wie war noch mal die Frage?"
"Wie viele Buchstaben hat das griechische Alphabet?"
Harm rieb sich das Kinn. "Hmm... zwanzig."
"Vierundzwanzig," sagte Mac beiläufig, während sie an Harm vorbei zur Küche ging.
Keeter und Harm sahen ihr nach, dann warf Harm seinem Freund einen fragenden Blick zu.
"Vierundzwanzig," bestätigte Keeter mit einem Blick auf die Karte. Er ließ sich geschlagen zurück gegen die Couchlehne fallen. "Vielleicht könnte deine Mitbewohnerin eine Kleinigkeit zusammenbrutzeln, während sie in der Küche ist?" Hoffnungsvoll sah der stämmige Mann Harm an.
Harm lachte. "Glaub mir, Keeter, das willst du nicht wirklich. Mac hat zwar schon in ihrer Kindheit mit Kochunterricht begonnen, aber leider ist ihr Fähigkeitsniveau seit damals auch dasselbe geblieben. Und ihre Ernährungsgewohnheiten sind... oh, ich vergesse wohl, mit wem ich rede... ihre Ernährungsgewohnheiten sind in etwa so wie deine: Schnell, viel und ungesund!"
"Hey!" Keeter pfiff leise durch die Zähne und wackelte verwegen mit einer Augenbraue, "Das hört sich nach einer Frau nach meinem Geschmack an! Nachdem du mir Maria Elena Carmelita Moreno Guttierez ausgespannt hast, sollte ich vielleicht deine Mitbewohnerin verführen."
Harms Lachen verstummte und nur ein unsicheres Lächeln blieb. Während er nach Worten suchte, sah er zu, wie die restlichen Gäste des Hauses vom Hunger getrieben in der Küche verschwanden.
Keeter sah ihnen ebenfalls nach. "Wie kommt es eigentlich, dass deine Großmutter Macs Großvater geheiratet hat?"
Harm fand sein Grinsen wieder. "Oh, das ist eine laaaaange Geschichte. Es fing damit an, dass die beiden mich verkuppeln wollten..."
"Verkuppeln? Dich?" Keeter lehnte sich lachend zurück, "Wissen sie denn nicht, dass die perfekte Frau für dich gar nicht existiert? Sie müsste wohl eine Kombination aus Jennifer Lopez, Jodie Foster und Mutter Teresa sein!"
"Na ja, weißt du, Keeter, ich wollte schon die ganze Zeit mit dir über etwas reden. Ich hätte es selbst nicht gedacht, aber es gibt die perfekte Frau für mich – und ich habe sie gefunden." Sein Blick wanderte automatisch zur Küche hinüber, wo man Mac und Skates gerade lachen hörte.
Keeter starrte seinen alten Freund an. "Soll das heißen, du und die Amazone...?"
"Nein, nein," Harm hob abwehrend die Hände, "Skates ist nur eine gute Freundin. Nein, ich und Mac, wir... führen eine Beziehung... oder so was in der Art."
"So was in der Art?" wiederholte Keeter verständnislos.
Harm zuckte die Schultern. "Na ja, nach all dem hin und her bei JAG haben wir beschlossen, es vor unseren Kollegen im Moment noch geheim zu halten und wir haben noch nicht..."
"Ihr habt noch nicht?" unterbrach Keeter staunend.
Harm rollte mit den Augen und sprach einfach weiter. "Wir haben einander noch nicht gesagt, dass wir uns... lieben."
"Tust du das denn?" fragte Keeter, plötzlich ganz ernst.
Harm nickte ohne zu zögern. "Von ganzem Herzen."
<Harmon Rabb junior verliebt bis über beide Ohren! Wer hätte das gedacht!> Eine Minute lang sah Keeter ihn nur an, dann nickte er. "Das klingt ja fast so, als würdest du dir jetzt von mir Beziehungsratschläge erhoffen, aber ich glaube, das wäre keine besonders gute Idee."
"Ach? Jack Keeter, der große Experte für Frauen, streckt die Waffen?"
"Ich mag ja Experte für Frauen sein, aber ganz sicher nicht für Beziehungen," entgegnete Keeter mit einem energischen Kopfschütteln, "Und selbst meine Expertenschaft für Frauen beginne ich seit diesem Besuch langsam anzuzweifeln... erst reißt mir diese Amazone beinahe den Kopf ab und bezeichnet mich als ‚Nashorn’, dann stelle ich fest, dass Mac mich nach zwei gemeinsamen Nächten in der Wüste für meinen besten Freund verlassen hat... na ja, aber immerhin weiß ich über alle gefährlichen Fragen einer Beziehung bescheid."
"Und die wären?"
"An was denkst du gerade? Erinnerst du dich noch daran, wie wir uns kennen gelernt haben? Sehe ich darin dick aus? Glaubst du, sie ist hübscher als ich? Liebst du mich?" zitierte Keeter, "Ich kenne die falschen Antworten auf alle fünf."
"Oh, das hilft mir wirklich weiter!" stöhnte Harm, "Vor allem, wenn man bedenkt, dass ich morgen das erste Rendezvous mit Mac habe."
"Rendezvous?" wunderte sich Keeter und fragte sich, was aus dem selbstbewussten Herzensbrecher und Frauenschwarm geworden war, der sein Freund früher gewesen war, "Ihr führt eine Beziehung, lebt im selben Haus und habt trotzdem ein *Rendezvous*?! Das ist..."
Harm seufzte. "Ich weiß, ich weiß, irgendwie blöd, aber…"
"Nein, ich wollte sagen, es ist ziemlich romantisch," sagte Keeter diplomatisch.
"Haaarm?" kam Macs Ruf aus der Küche, "Wie wäre es, wenn du eine Kleinigkeit für unsere Gäste kochen würdest?"
Harm räumte das Spiel zusammen und erhob sich.
Keeter begann zu lachen. "Ich sehe schon, wer in dieser Beziehung..."
"Kein Wort, ja? Kein einziges Wort vom Mann, der sämtliche falschen Antworten auf sämtliche Beziehungsfragen der Weltgeschichte kennt!"
0139 Z-Zeit (20:39 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Puh, anstrengend!" stöhnte Mac, als sie den letzten Teller abtrocknete und an seinen Platz im Schrank zurückstellte.
"Mir scheint, ich habe dich tatsächlich zu sehr verwöhnt, wenn das Abtrocknen von ein bisschen Geschirr dich fast vor Anstrengung zusammenbrechen lässt," meinte Harm kopfschüttelnd und tippte ihr mit einem schaumbedeckten Finger auf die Nase.
"Nicht das Abtrocknen," erklärte Mac und wischte sich den Schaum von der Nase, "es ist ziemlich anstrengend, unsere Beziehung vor deinen Freunden zu verbergen."
"*Unsere* Freunde. Und im Übrigen müssen wir unsere Beziehung nicht vor ihnen verbergen. Ich... ich wollte nur erst eine Chance, um es Keeter zu erklären. Er ist nicht gerade daran gewöhnt, dass ich in... längerfristigen Beziehungen stecke."
<Längerfristige Beziehung? Längerfristig, bedeutet das ‚länger als kurz, aber nicht für immer’? Und was heißt hier ‚stecken’? Feststecken?> Mac schluckte ihre Zweifel hinunter und lächelte Harm stattdessen an. "Wir müssen nichts mehr verbergen, nein?" Sie legte das Geschirrtuch weg und näherte sich ihm, "Wenn ich also wollte, könnte ich zum Beispiel das hier tun?" Sie zog Harm vom Spülbecken weg und küsste ihn.
"Wann immer du willst, wo immer du willst," versicherte Harm, als er nach ein paar Minuten wieder genügend Luft in den Lungen hatte.
"Auch mit wem auch immer ich will?" neckte Mac und neigte schelmisch den Kopf, während sie eilig einem zuschlagenden Geschirrtuch auswich.
Harm fing seine Partnerin mit Hilfe des Geschirrtuchs ein und zog sie erneut an sich. "Ich glaube, ich habe das noch nicht überzeugend genug gemacht. Es ist wohl eine zweite Demonstration nötig."
Mac fühlte, wie seine spülwasserfeuchten Hände unter ihr T-Shirt glitten und ihren Rücken hinaufwanderten, während er sie küsste.
"Überzeugt?" fragte Harm, als er sie schließlich wieder freigab.
"Na ja, das war nicht schlecht für einen spülwassertriefenden Ex-Piloten, aber eigentlich fehlen mir ja die Vergleichsmöglichkeiten," scherzte Mac ein wenig atemlos, "Vielleicht könnte dein Freund Keeter..."
Mac verstummte und sie sahen sich lächelnd in die Augen. Sie wussten beide, dass Mac nur von einem Mann geküsst werden wollte – und der stand im Moment vor ihr.
Skates kam in einem USS Patrick Henry-T-Shirt in die Küche. "Kann ich noch bei irgendetwas helfen?" erkundigte sie sich höflich.
"Alles im Griff, Skates," versicherte Harm, "Wie gefällt dir das Gästezimmer? Es hat nicht den tollen Blick auf den Potomac wie das Zimmer von Granny und Will, aber es ist allemal besser als die Pritschen auf der Patrick Henry."
"Oh ja, ich bin weitaus Schlimmeres gewöhnt," bestätigte Skates lächelnd.
"Kann ich mir denken," stimmte Mac zu, "Ein Cockpit mit diesem arroganten älteren Herrn hier zu teilen..."
Skates lachte. "Na ja, wenigstens war ich die Radar-Leit-Offizierin und musste ihn nur von hinten sehen." Die beiden Frauen lachten, ohne auf Harms Proteste zu achten. "Wie lange seid ihr zwei schon zusammen?" fragte Skates, als das Lachen verklang.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, seine Überraschung hinter einem neutralen Gesichtsausdruck zu verbergen. "Wie kommst du darauf, dass wir ‚zusammen’ sind, Lieutenant Elizabeth Hawkes, hm?"
"Oh, biiiitte, Harm, für wie blöd hältst du mich?" Skates sah zwischen ihren beiden Gastgebern hin und her. "Ein einziger Blick auf euch beide sagt ‚frischverliebtes Paar’! Und dann ist da natürlich die kleine, aber verräterische Tatsache, dass du einiges von Macs Lippenstift trägst – und lass mich dir sagen, Harm, er ist wirklich nicht deine Farbe."
Mac lachte, während Harm versuchte, sich von dem Lippenstift zu befreien. "Ich glaube, ich gehe dann mal ins Bad," murmelte er, küsste Mac auf die Schläfe und verließ die Küche.
"Also?" Skates machte sich nicht die Mühe, ihre Neugierde zu verbergen, "Jetzt wo mein Ex-Partner – im rein platonischen Sinne – den Rückzug angetreten hat, können Sie mir ja vielleicht erklären, wie es kam, dass er Ihr Partner im ganz und gar unplatonischen Sinne wurde – und das nach all den Wochen, in denen ich mir täglich dreimal anhören musste, dass Sie nur Freunde sind."
"Du. Und das sind wir noch immer," sagte Mac.
Skates schüttelte verständnislos den Kopf; ihr Gesichtsausdruck ein einziges Fragezeichen. "Ähm, irgendwie hab ich jetzt den Faden verloren, Colonel..."
"Du sollst mich duzen, Skates, wir sind nicht im Dienst. Und Harm und ich, wir sind noch immer Freunde," erklärte Mac, "und ein bisschen mehr als das," fügte sie mit einem Lächeln hinzu, "Wie das kam? Ich glaube, das hat sich schon lange angekündigt. Jeder außer uns schien zu glauben, dass wir ein Paar sind oder es zumindest sein sollten. Und dann sind da natürlich auch noch unsere Großeltern, die dem Wort ‚Familienplanung’ eine ganz neue Bedeutung geben. Eine gutgemeinte Warnung: Wenn die beiden anfangen sollten, mit listigen Blicken zwischen dir und irgendeinem männlichen Vertreter der Spezies Mensch hin und her zu sehen, lass dich zum nächstbesten Stützpunkt in Alaska versetzen."
"Oh, ich schätze, in diesem Fall sollte ich schon mal beginnen, warme Socken zu stricken – Harms Großmutter hat mir bereits angeboten, mir das große Gästezimmer zu überlassen, wenn ich es mit Harms mammutartigem Freund da draußen teile."
"Hey, Keeter ist wirklich ein netter Mann," verteidigte Mac den F-117-Piloten, obwohl sie über Skates Gebaren lachen musste.
"Oh, danke schön, heißt das, ich habe doch noch Chancen bei dir?" fragte Keeter von der Türe her.
Mac wirbelte überrascht herum. "Ähm, hallo Keeter, ich meinte nur, dass... du ganz okay bist."
"Für ein Mammut?" Keeter grinste, nicht im Geringsten beleidigt über Skates Bemerkung. Er mochte Frauen, die schlagfertig waren, auch wenn es ihn ein wenig irritierte, dass diese selbstbewusste Amazone so völlig unbeeindruckt von seinem Flyboy-Charme war.
"Für einen Piloten," verbesserte Mac und winkte ab, als ihre beiden Gäste protestierten, "ich versuche mal, noch ein paar Handtücher für euch aufzutreiben."
Mac ging und Skates fand sich plötzlich alleine dem Mann gegenüber, den sie eben wenig schmeichelhaft als Mammut bezeichnet hatte. "Also, Sie sind auch Pilot, richtig?" fragte sie, um zögernd ein Gespräch in Gang zu bringen.
"Wieso, glauben Sie nicht, dass ich ins Cockpit passe?" Keeter deutete grinsend die Proportionen eines Mammuts inklusive Stoßzähnen an.
"Ich hab das nicht so gemeint," versuchte Skates ihre vorige Unfreundlichkeit wieder zurückzunehmen, "und außerdem sind Mammuts niedliche Tiere."
"Mammuts sind vor allem *ausgestorbene* Tiere," betonte Keeter amüsiert, "oder wollten Sie damit ausdrücken, dass ich lebensuntauglich und nicht mehr zeitgemäß bin?" Er zwinkerte ihr zu und Skates musste zugeben, dass es sie beeindruckte, mit wie viel Humor er ihre Beleidigung nahm.
"Nein, ich glaube, ich wollte damit gar nichts ausdrücken – außer vielleicht, wie wenig erfolgreich meine Eltern bei meiner Erziehung zu mehr Höflichkeit gewesen sind." Skates lächelte reuevoll.
Granny steckte den Kopf zur Türe herein. "Ah, da seid ihr beiden. Jack, ich habe es eben schon zu Elizabeth gesagt..."
"Keeter!"
"Skates!" wurde Granny sofort von den beiden Navy-Offizieren unterbrochen.
Granny rollte mit den Augen. Sie hatte den Gebrauch von Spitznamen nie so ganz verstanden, auch wenn sie selbst ständig mit einem angesprochen wurde. "Na gut, Skater und Kate," sie grinste, als sie die Namen absichtlich verdrehte, "ich würde euch beiden gerne das größere Gästezimmer überlassen. Natürlich müsstet ihr dann das Bett teilen, aber das dürfte ja kein Problem sein, oder?" Harmlos sah sie die beiden jungen Leute an.
"Granny, für was für eine Art Mann halten Sie mich?" fragte Keeter und presste sich in gespielter Entrüstung die Hand aufs Herz, "Ich kann doch nicht mit einer Frau das Bett teilen, die ich gerade erst einen Tag lang kenne!"
Granny stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm die Wange tätscheln zu können. "Jack, du vergisst, dass ich Harmons Großmutter bin. Ich weiß, wie tugendhaft ihr Piloten seid! Ihr habt viele Talente, aber Enthaltsamkeit gehört nicht dazu."
Keeter drehte sich zu Skates um. "Hey, wie kommt es dann, dass wir Mammuts ausgestorben sind?"
0207 Z-Zeit (21:07 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mac verharrte einen Moment lang vor der Badezimmertüre. Die Dusche lief innen, also machte es nicht viel Sinn, anzuklopfen. Sie öffnete einfach die Türe und trat leise ein. Harms Gestalt war verschwommen hinter dem milchigen Glas der Dusche zu erkennen und sie hörte, wie er vergnügt vor sich hin pfiff. Liebevoll lächelte sie vor sich hin, bevor sie sich daran erinnerte, dass ihre Gäste auf sie warteten. Sie nahm frische Handtücher aus dem Schrank, legte auch Harm eines hin und war schon fast wieder an der Türe, als Harms Stimme sie stoppte.
"Mac, es fällt mir nicht leicht das zu sagen, aber..."
Einen Moment lang glaubte Mac, dass er ihre Anwesenheit bemerkt hatte und jetzt mit ihr sprach, aber dann begriff sie, dass er sich während des Duschens den Text für eine Rede zurechtlegte, die sie später zu hören bekommen würde.
"Weißt du, die letzten Wochen und Monate waren schön," fuhr Harm unter der Dusche fort, "und ich wollte sie auch nicht ändern wollen, aber... oh, man, ist das schwer, das zu sagen!"
Mac drehte sich um und starrte Harms nackten Rücken an. <Was will er mir da sagen?>
"Mac, ich kann nicht so weiter machen wie bisher..."
Mac erstarrte und ihre Finger krallten sich in die Handtücher. Es erforderte all ihre Stärke, geräuschlos das Badezimmer zu verlassen, anstatt laut aufzuschreien oder ihren Tränen freien Lauf zu lassen. <Oh, Gott, er möchte Schluss machen! Unsere Beziehung beenden!> Eilig drückte sie Skates die Handtücher in die Hand und zog sich verwirrt und traurig ins Schlafzimmer zurück.
Zehn Minuten später kam Harm in Pyjama-Hose und T-Shirt aus dem Badezimmer. Langsam ließ er das Handtuch sinken, mit dem er eben seine feuchten Haare trocken gerubbelt hatte, als er Mac sah.
Sie saß auf ihrer Seite des Bettes, das Kinn auf ihre angezogenen Knie gestützt, und starrte an die Wand.
Früher hätte er vermutlich nichts bemerkt, aber jetzt kannte er Mac besser, als er je zuvor einen Menschen gekannt hatte. Er bemerkte sofort, dass ihre Stimmung sich verändert hatte. Harm näherte sich ihr vorsichtig. "Alles okay?" Sanft ließ er eine Hand über ihre Schulter gleiten.
"Ja, klar," versicherte Mac, ohne ihn anzusehen oder sich der Berührung entgegenzulehnen, wie sie es sonst tat.
Harm setzte sich ebenfalls auf das Wasserbett und als Mac sich nicht bewegte, streckte er einladend einen Arm aus. "Komm, mach ein bisschen Platz für Jingo und Gypsie," forderte er sie mit einer offensichtlichen Ausrede auf.
Mac rutschte näher, nahm aber nicht wie gewohnt Blickkontakt auf. Geistesabwesend griff sie zur Haarbürste auf dem Nachttisch und begann automatisch, ihre braunen Strähnen zu kämmen.
Unsicher, ob er erneut nachfragen sollte, ob alles in Ordnung war, begann Harm die Bürstenstriche mitzuzählen. "Warum einundzwanzig?" fragte er, als sie nach einer Weile die Bürste sinken ließ.
"Was?" fragte Mac, während sie mit einem unterdrückten Seufzen den Kopf gegen Harms Schulter lehnte, "21 was?"
"21 Bürstenstriche," erklärte Harm, während er eine Strähne des seidigen Haares durch seine Finger gleiten ließ, "du hast dein Haar 21 Mal gekämmt."
"Ich weiß nicht, von was du sprichst. Was meinst du?" Aus irgendeinem Grund fühlte sich Mac plötzlich schüchtern Harm gegenüber, so als kenne sie den wahren Harmon Rabb und seine Intentionen gar nicht.
"Ich meine, ist 21 deine Glückszahl?"
"Keine Ahnung, könnte sein." Mac presste die Lippen zusammen. Wie konnte er nur über ‚Glück’ reden und dabei wissen, dass er ihre Beziehung beenden wollte?
"21 also, das schaffe ich locker," meinte Harm zuversichtlich.
"21 was?" fragte Mac, langsam etwas irritiert von dieser Zahl und der unsicheren Situation mit Harm. Sie wünschte sich fast, Harm würde es endlich sagen, würde endlich Schluss machen, anstatt sie hier zappeln zu lassen.
Harm wusste nicht genau, was ihn dazu bewog, eine solche Antwort zu geben. Er hatte sich dazu eigentlich einen perfekten Ort, eine perfekte Stimmung gewünscht, aber er spürte Macs Anspannung und ihre Unsicherheit ihm gegenüber. Vielleicht waren seine Worte genau die, die sie jetzt hören musste. Harm rollte sich auf die Seite und stützte den Kopf in die linke Hand, um Mac besser ansehen zu können. Mit der Rechten streichelte er sanft ihr Gesicht. "21 Gründe, warum ich dich liebe," erklärte er mit klopfendem Herzen.
Mac starrte ihn an. Hatte er nicht eben noch geübt, mit ihr Schluss zu machen? Dann riss sie die Augen auf. Hatte Harms Text vielleicht eine ganz andere Bedeutung gehabt? Waren diese drei Worte die, die er im Bad geübt hatte? "Du... bist du sicher?"
Harm nickte. "Nummer eins – weil du ein umwerfendes Lächeln hast. Nummer zwei – weil du mutig bist wie eine Löwin und gleichzeitig so unheimlich sanft sein kannst." Seine Finger strichen zart über ihre Wange, während Mac atemlos zuhörte.
"Nummer drei – weil du mir nachts die Decke klaust. Nummer vier – weil du mich mit diesen braunen Augen so ansiehst," Harm blickte tief in ihre Augen, "Nummer fünf – weil du ein Tattoo hast. Nummer sechs – weil du mich zum Lachen bringst. Nummer sieben – weil es dir in einer Tomcat schlecht wird und du trotzdem mit mir geflogen bist." Mac rückte näher und er küsste sie auf die Wange.
"Nummer acht – weil du mich immer wieder mit deinen Zeitangaben verblüffst. Nummer neun – weil du einfach umwerfend in einem Bikini aussiehst." Harm begann, in langsamen Kreisen über Macs Rücken zu streicheln. Mit jeder Berührung, mit jedem sanften Kneten gab Mac sanfte, zufriedene Laute von sich und schien sich immer mehr zu entspannen.
"Nummer zehn - weil dein Aktenablagesystem das chaotischste auf dieser Seite des Atlantik ist. Nummer elf – weil deine Mundwinkel sich nach oben verziehen, wenn du etwas verbirgst. Nummer zwölf – weil du ein gutes Herz hast," Wieder ein Kuss, diesmal auf die Nasenspitze, "Nummer dreizehn – weil du nachts um vier aufstehst, um Eiscreme mit Nutella zu essen. Nummer vierzehn – weil du jeden Dinosaurier mit Vor- und Nachnamen kennst. Nummer fünfzehn – weil du küssen kannst wie Aphrodite persönlich."
Mac unterbrach Harms Aufzählung, indem sie ihn mit beiden Armen umschlang und innig küsste.
"Nummer sechzehn," fuhr Harm erst nach einigen Minuten atemlos fort, "– weil dein Schuhschrank die Größe eines Flugzeughangars hat. Nummer siebzehn – weil du mir im Gerichtssaal das Fell über die Ohren ziehen kannst, wenn ich nicht aufpasse. Nummer achtzehn – weil du meine Familie genauso liebst wie ich."
Er knabberte an ihrem Ohr, bis Mac einen quietschenden Protestlaut von sich gab. "Nummer neunzehn – weil die Ohren deiner Hausschuhe größer sind als deine eigenen. Nummer zwanzig - weil du so klug bist und sogar weißt, wie viel Buchstaben das griechische Alphabet hat. Nummer einundzwanzig – weil du bist wie du bist."
Als er endete, sah Mac ihn eine Weile nur sprachlos an. Sie hatte mit dem Ende ihrer Beziehung gerechnet und hatte stattdessen diese umwerfende Liebeserklärung bekommen, auch wenn Harm die entscheidenden drei Worte eher indirekt in einem ‚weil ich dich liebe’ gesprochen hatte. "Ich glaube, 21 ist tatsächlich meine Glückszahl." <Wenn bisher nicht, dann jedenfalls ab jetzt!> "Also, was ist deine Glückszahl, Harm?" Verführerisch-herausfordernd begegnete sie seinem Blick.
"Eintausendneunhundertunddrei!" erklärte Harm ohne zu zögern.
Mac lachte laut auf. "1903? Hm, das ist gut. Ich habe nämlich vor, dir einen Kuss für jede einzelne Zahl zu geben. Also..." Sie küsste Harm leicht auf die Wange, "… eins." Dann berührten ihre Lippen seinen Kiefer. "Zwei." Ein Kuss landete auf Harms Kinn. "Drei." Macs Lippen wanderten über seinen Hals. "Vier." Man hörte ein zufriedenes Seufzen von Harm. "Fünf," flüsterte sie, bevor sie ihn mitten auf den Mund küsste.
Harms lange Arme umschlangen sie plötzlich und der Kuss dauerte länger, als Mac zunächst vorgehabt hatte. Erst als beiden die Luft ausging, trennten sich ihre Lippen.
Mac grinste. "Sechs..."
Bevor sie ihn erneut küssen konnte, lehnte Harm seinen Kopf zurück und knurrte spielerisch. "Genug gezählt, Marine, ich werde schon sicher stellen, dass du mir jeden einzelnen dieser Küsse gibst."
Ein leichtes Nippen an seiner Unterlippe antwortete ihm. "Ich verlasse mich darauf."
Eine halbe Stunde später lag Mac in Harms Umarmung und sah ihm beim Schlafen zu. Eine winzige Falte bildete sich zwischen seinen Brauen und seine Lippen bewegten sich leicht. <Er träumt,> dachte Mac und legte sanft die flache Hand gegen die warme Haut seiner Schulter.
Harms linke Hand lag mit der Handfläche nach oben zwischen ihnen und Mac sah, wie die Finger zuckten, so als versuche er im Traum, etwas festzuhalten. Sein Mund öffnete und schloss sich und seine Schultern pressten sich in die Matratze, während seine Finger umhertasteten, so als suche er etwas.
Plötzlich schlang sich auch sein zweiter Arm um Mac, seine Gesichtszüge glätteten sich und seine Schultern entspannten sich. "Mmac...," murmelte er im Schlaf.
Mac blinzelte überrascht. Sie hatte ihren früheren Freunden bei allem Möglichen zugehört; wie sie die Einkaufsliste diskutierten, wie sie Witze erzählten oder wie sie ihr Kosenamen ins Ohr wisperten. Aber noch niemals hatte sie gehört, wie ihr Freund, ihr Lebenspartner, im Schlaf ihren Namen rief.
Überwältigt von diesem unerwarteten Ausgang des Abends presste sie den Kopf an Harms Schulter.
Instinktiv schloss Harm die Arme enger um sie und zog sie näher an sich heran.
Mac schloss die Augen und fragte sich, was sie im Schlaf so sagte. <Eines Tages werde ich Harm danach fragen.>
15. Kaffee-Feen -
oder warum manche Farben nicht öffentlich diskutiert werden sollten
1210 Z-Zeit (07:10 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Die Kaffeetasse mit beiden Händen haltend schlich Skates durch das dunkle Wohnzimmer und ließ sich vor dem Sofa nieder. Sie machte keinen Laut und berührte die schlafende Gestalt auf der Couch nicht, sondern ließ den Kaffee für sich arbeiten. Sie wusste, wie man Piloten rasch munter bekam.
Nach wenigen Sekunden begann Keeter sich zu regen und ein hellbrauner Haarschopf hob sich schläfrig vom Kissen. "Sag mir, dass ich nicht träume," murmelte er verschlafen.
"Sie träumen nicht," sagte Skates gehorsam.
"Skates?"
"Wen haben Sie denn erwartet? Die gute Fee des Kaffees?" Die Jägerleitoffizierin grinste amüsiert.
Keeter setzte sich auf und nahm dankbar die Tasse entgegen. Er hielt sie zwischen seinen großen Händen und flocht die Finger um den Henkel. Er nahm einen großen Schluck und lehnte sich gegen die Sofalehne zurück. "Hmm, daran könnte ich mich glatt gewöhnen."
"Hey, kommen Sie bloß nicht auf dumme Gedanken, Pilot!"
Keeter rutschte unbehaglich auf der Couch hin und her. "Ah, da ist die Fernbedienung abgeblieben!" Er zog das vermisste Objekt unter seinem Rücken hervor.
Mac tauchte in Uniform im Türrahmen auf. "Guten Morgen. Wie ich sehe, habt ihr die Kaffeemaschine schon gefunden, aber wie wäre es mit Frühstück?"
"Uähm..." Skates und Keeter wechselten besorgte Blicke.
Mac verengte die Augen. "Was ist?"
"Na ja, also, um ehrlich zu sein...," Keeter lächelte um Verzeihung bittend, "... Harm hat gesagt, du wärst eine ganz furchtbare Köchin."
"Ach, hat er das gesagt, ja?" Mac hob streng die Brauen. <Na warte, Mister!> "Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann, den ich in einem iranischen Gefängnis kennen gelernt habe, so anspruchsvoll ist. Wie wäre es mit Müsli? Das kann ich nun wirklich nicht ruinieren, oder?" <Wenigstens glaube ich das.>
"Irgendwie schaffst du das sicher trotzdem," sagte Harm, als er, ebenfalls in Uniform und mit der Aktentasche unter dem Arm im Türrahmen auftauchte, "Wenn ihr uns bitte einen Moment entschuldigen würdet, wir müssen uns um die Einhaltung einer Hausregel kümmern, bevor ich gehe," wandte er sich an seine Gäste, bevor er Mac mit sich ins Schlafzimmer zog.
"Welche Hausregel hattest du denn im Sinn?" fragte Mac, während sie die Arme um Harms Hüften schlang, "Für Hausregel drei und fünf haben wir jetzt wirklich keine Zeit, Hausregel zwei ist ja wohl selbstverständlich um diese Tageszeit, Hausregel eins habe ich bereits erledigt..." Mac sah auf ihre unbequemen hochhackigen Schuhe hinab.
Harm unterbrach sie, indem er sie küsste. "Hausregel vier, Mac," sagte er, als sie sich wieder voneinander lösten, "es ging mir um Hausregel vier."
"Mmmh," Macs Zunge flatterte tastend über ihre Lippen, "meine Lieblingshausregel."
"Ich würde deren Einhaltung ja auch gerne weiterhin überwachen," meinte Harm mit einem bedauernden Blick auf die Uhr, "aber ich glaube nicht, dass man im Capitol sonderlich begeistert wäre, wenn ich zu spät zu meinem Bericht komme."
Wenig begeistert ließ Mac ihn gehen und machte sich selbst auf den Weg ins JAG-Hauptquartier. Kaum hatte sie ihre Aktentasche abgelegt und ihren Computer hochgefahren, als es an der offenen Türe ihres Büros klopfte.
Harriet Sims-Roberts stand vor ihr, mit einem verträumten Lächeln auf den Lippen und einem riesigen Strauß roter Rosen im Arm.
"Harriet, guten Morgen!" Mac eilte um ihren Schreibtisch herum, um der Mutter ihres Patensohnes zu helfen, "Können Sie keine passende Vase dafür finden?"
"Oh, das könnte ich schon – wenn sie mir gehören würden. Ein Bote hat sie gerade für Sie abgegeben," erklärte Harriet mit glänzenden Augen.
"Für mich?" Mac konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal rote Rosen bekommen hatte.
"Sieht so aus, als hätten Sie einen anonymen Verehrer. Es ist keine Karte dabei, aber ich wette, sie wissen trotzdem, von wem dieser traumhafte Strauß stammt, oder?" Mit dem Blick eines Jagdhundes, der eine Spur aufnimmt, beobachtete Harriet ihre Freundin und Vorgesetzte.
Mac fühlte sich ein wenig unbehaglich unter ihrem Blick. Sie wusste, dass sie Harriet nicht so einfach belügen konnte – und auch nicht wollte – aber genauso wenig konnte sie ihr so einfach die Wahrheit sagen, deshalb entschied sie sich für eine Halbwahrheit und hoffte, dass Harriet die richtige Hälfte glaubte. "Na ja, Rosen sind meine Lieblingsblumen, vielleicht wollte da nur jemand nett sein oder Danke sagen." <Zum Beispiel Danke für die Einhaltung der 4. Hausregel...>
Harriet schüttelte entschieden den Kopf. Eine so unschuldige Erklärung kam für die geborene Romantikerin nicht in Frage. "Oh, nein, Colonel, rote Rosen bedeuten eindeutig ‚Ich liebe dich’, nichts Anderes! Ich gehe mal nach einer Vase suchen." Sie drückte Mac die zwei Dutzend Rosen in die Hand und ging zur Türe. "Ach, und Colonel, lassen Sie mich wissen, wenn Ihnen Ihr Verehrer jemals korallefarbene Rosen schicken sollte."
Einen Moment lang starrte Mac verblüfft zwischen den Blumen und Harriet hin und her. "Wieso? Was bedeuten korallefarbene denn?" rief sie Harriet dann hinterher.
"Nichts, was ich hier quer durchs ganze Büro schreien würde," verkündete Harriet zwinkernd, bevor sie um die Ecke bog und verschwand.
2141 Z-Zeit (16:41 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac studierte eine Akte und kaute nachdenklich auf ihrem Bleistift herum. Als plötzlich das Telefon klingelte, hätte sie fast den kleinen Radiergummi an dessen Ende verschluckt. "Colonel MacKenzie," meldete sie sich hastig.
"Liebst du mich noch?" fragte eine vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung.
Mac spürte, wie sich ihre Lippen automatisch zu einem Lächeln verzogen und ihre angespannten Schultern sich lockerten. <Harm.> Sie war so konzentriert gewesen, dass sie die letzten fünf Stunden nicht mehr an ihn gedacht hatte. <Na schön,> sie rollte die Augen, als sie mit sich selbst debattierte, <aber drei Stunden waren es doch wohl... na gut, na gut, ich geb’s zu, ich hab gar nicht erst aufgehört, an ihn zu denken... und an die Rosen... und an heute Abend...> "Hm, ich bin nicht sicher," antwortete sie in einem neckischen Tonfall. Sie stand auf und schloss ihre Bürotüre, "Klingt das nach Liebe für dich: Ich hab nur an dich gedacht, als ich eingeschlafen bin, hab die ganze Nacht von dir geträumt, du warst mein erster Gedanke, als ich aufgewacht bin, ich überlege seit sechs Stunden und drei Minuten, ob ich dich anrufen soll und wenn ich dich nicht bald wiedersehe, beginne ich laut zu schreien."
"Tja, was immer es auch ist, es muss ansteckend sein, denn ich habe dieselben Symptome," antwortete Harm und Mac hörte förmlich das Grinsen, das jetzt auf seinem Gesicht sein musste.
"Tatsächlich?" Mac lehnte sich im Sessel zurück und genoss das Gespräch, "Vielleicht sollten wir uns besser treffen und unsere Symptome vergleichen, falls es etwas Ernsthaftes ist."
"Hört sich vernünftig an, Doktor MacKenzie. Ich muss Schluss machen, bis bald."
Mac zögerte. <Soll ich *es* jetzt sagen? Aber andererseits... er hat es auch noch nicht gesagt, jedenfalls nicht richtig, nicht direkt... ich warte besser auf den richtigen Zeitpunkt.> "Bis bald." Sie legte auf, nahm erneut Bleistift und Notizblock zur Hand und konzentrierte sich wieder auf die vor ihr liegende Akte.
"Wie ich sehe versuchst du, das Purple Heart für einen Schreibkrampf zu bekommen," unterbrach eine Stimme von der Türe her, "aber ich muss dir leider sagen, dass die Auszeichnung nur in Kriegsgebieten verliehen wird... und dein Schreibtisch ist keines, auch wenn er manchmal danach aussieht." Harm trat näher, nahm Macs Namensschild vom Schreibtisch und tat spielerisch, als poliere er es mit seinem Uniformärmel.
"Hey, nur keinen Spott, nur weil du jedes Mal eine Papierallergie vortäuschst, wenn es ums Berichte schreiben geht."
"Ich hab dir etwas mitgebracht, obwohl ich nicht weiß, ob du dir das auch wirklich verdient hast," Harm drohte ihr mit dem Finger und versteckte mit der anderen Hand etwas hinter seinem breiten Rücken, "ich höre nämlich eben, dass du Blumen von wildfremden Männern bekommst. *Rote* Rosen! Harriet hat mich eben vor einem möglichen Konkurrenten gewarnt."
"Hm, wild kann der Mann, von dem diese vierundzwanzig wunderschönen, langstieligen, roten Rosen stammen, manchmal sein, aber fremd?"
Harm betrachtete die Rosen lächelnd. Es war eine neue und herrliche Erfahrung gewesen, an einem Blumenladen vorbei zu kommen und einen Grund zu haben, hineinzugehen. <Den bestmöglichsten Grund.>
"Kann ich mein Mitbringsel mal sehen?" fragte Mac und reckte vergebens den Hals.
Harm grinste. "Du bist wohl gar nicht neugierig, was?"
"Nein, niiiiiiieeee!" behauptete Mac, "Nur hungrig und irgendetwas riecht da nach meinen drei Lieblingsnahrungsgruppen." Sie erhob sich aus dem Sessel und umrundete den Schreibtisch.
Harm brachte die Papp-Box hinter seinem Rücken hervor und überreichte sie Mac mit einer Geste, als handle es sich um ein wertvolles Schmuck-Kästchen.
Mac öffnete die Schachtel und starrte den Beltway Burger, der sich darin befand, ungläubig an. "Harmon Rabb junior, der Grünzeug-Papst, bringt mir doch tatsächlich Fett, Stärke und Ketchup!" Kopfschüttelnd hob sie die obere Hälfe des Brötchens an, um alle Gurken, die sich auf dem Burger befinden mochten, zu entfernen. Was sie fand, waren jedoch keine Gurken – jemand, der Macs Abneigung gegen alles, was auch nur andeutungsweise gesund war, kannte, hatte sie bereits entfernt – sondern ein aus Ketchup gebildetes Herz auf dem Hackfleisch. Überwältigt von dieser Geste stellte Mac den Beltway Burger ab und umarmte Harm spontan.
"Ähm-hem!" Jemand räusperte sich von der offenen Türe her, die Harm und Mac völlig vergessen hatten.
Eilig lösten sie sich voneinander und drehten sich zu Harriet um, die forschend zwischen ihnen hin und her sah. "Geht’s wieder, Mac?" fragte Harm geistesgegenwärtig und tat, als hätte die Umarmung lediglich dazu gedient, Mac zu stützen, "Ich hab dir schon immer gesagt, dass man Schwindelanfälle bekommen kann, wenn man das Mittagessen auslässt! Deshalb hab ich dir auch dieses Ding da gebracht."
<Schwindelanfälle?> Mac musste ein Grinsen unterdrücken, <Sieht mir eher so aus, als ob *du* derjenige wärst, der hier schwindelt!> Sie nahm den ersten Biss von ihrem Burger und schielte darüber hinweg in Harriets Richtung, um zu sehen, ob sie ihnen Harms kleine Lüge abgekauft hatte.
Skeptisch blickte Harriet auf den Burger, dann auf die Rosen auf dem Schreibtisch und schließlich vielsagend zu Harm, so als wolle sie sagen: Ein Burger? Wie unromantisch! Nehmen Sie sich an Macs geheimen Verehrer ein Beispiel!
Mac versteckte ihr Grinsen hinter dem Burger. <Oh, ich weiß nicht, Harriet, ich finde diesen Burger und seine Ketchup-Botschaft sehr romantisch.>
Harriet löste endlich den Blick von Burger und Rosen und fing sich wieder. "Hier ist die Benson-Akte, Ma’am. Ich gehe dann, bis morgen." Sie legte die Akte vorsichtig oben auf Macs ausgeklügeltes Aktenablagesystem und ging wieder.
Harm und Mac sahen ihr nach und wechselten dann einen vielsagenden Blick. "Schw’nndälanf’lle, hm?" sagte Mac mit einem Stück Burger im Mund. Sie kaute und schluckte. "Vielleicht wäre es dann besser, du legst sofort wieder den Arm um mich, um mich zu stützen."
2345 Z-Zeit (18:25 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Denkst du wirklich, ich soll das anziehen?" Kritisch begutachtete sich Mac im Spiegel und glättete nicht vorhandene Falten im seidigen Stoff ihres Kleides.
Granny trat neben sie und begann ebenfalls, an dem Kleid herumzuzupfen. "Sarah, du hast in jedem einzelnen Kleid, das du in der letzten halben Stunde anprobiert hast, gut ausgesehen und das hier ist keine Ausnahme. Also entscheide dich, damit ich einen LKW bestellen und die ganzen Kleider, die auf deinem Bett liegen, entfernen kann. Es ist doch das Bett, oder? Es liegen so viele Kleidungsstücke darauf, dass ich es kaum noch erkennen kann," neckte die alte Dame.
Mac errötete leicht und streifte einen Schuh vom Fuß, um ihn zurück zu seinem Gefährten in den Schuhschrank zu werfen. Hektisch begann sie, nach dem perfekten Paar Schuhe zu suchen, von dem sie doch eigentlich wusste, dass es in ihrem Haushalt gar nicht existierte.
Schließlich entschied sie sich für ein Paar hochhackiger Pumps und wandte sich dem nächsten Problem zu. "Hochstecken oder offen lassen?" fragte sie und betrachtete ihr inzwischen fast schulterlanges Haar im Spiegel. "Was meinst du, Jingo?" Sie wandte sich zu dem einzigen Mann im Raum um.
Ihr Hund, der zwischen dem Sammelsurium von Kleidungsstücken auf dem Bett lag, hob kurz den Kopf, als er seinen Namen hörte, nur um dann uninteressiert zu gähnen und die Augen wieder zu schließen.
"Oh, vielen Dank für die hilfreiche Auskunft!" Mac schüttelte den Kopf und entschied: "Offen." Sie verschwand im Badezimmer, um Lippenstift und ein leichtes Makeup aufzutragen.
"Ich fühlte mich wie eine Prinzessin," sagte sie, als sie die Perlenkette umlegte und wieder ins Schlafzimmer trat.
Granny kicherte. "Dann pass nur auf, dass du dich um Mitternacht nicht in Aschenputtel verwandelst."
"Keine Gefahr," versicherte Mac, "du weißt, wie ich alle Haushalts-Tätigkeiten hasse und Erbsen sortieren gehört dazu." Sie begutachtete sich ein letztes Mal im Spiegel. "Was denkst du? Kann ich so gehen?"
"Ich denke schon, aber der ultimative Test steht noch aus. Du weißt ja, eine Frau ist dann gut zurechtgemacht fürs Ausgehen, wenn ihr Begleiter lieber mit ihr zu Hause bleiben würde."
Mac rollte mit den Augen. "Granny, was denkst du denn von mir? Das hier ist unser erstes Rendezvous, da wird nicht ‚zuhause geblieben’!" Sie strich sich mit einem schelmischen Grinsen eine wirre Haarsträhne aus der Stirn. "Harm und ich haben vereinbart, dass wir ein echtes erstes Date nachholen wollen; wir tun einfach so, als würden wir uns nichts schon fast fünf Jahre kennen, sondern wären praktisch Fremde, die sich gerade erst begegnet sind und die Chance auf ‚mehr’ ausloten."
"Mehr?" fragte Granny listig, "Oh, mehr finde ich gut! Ich fände es auch gut, wenn ihr euch ein bisschen *mehr* beeilen könntet, zu heiraten und mir mein halbes Dutzend Urenkel zu gebären."
"Granny!" protestierte Mac, "Soweit..."
"... seid ihr noch nicht, ich weiß, ich weiß," beendete Granny den ihr schon allzu vertrauten Satz, "Ich kenne die Rabb-Männer und weiß, wie langsam sie manchmal sein können, wenn sie nicht gerade fliegen, aber mir kommt es wirklich so vor, als wenn sie mit jeder Generation noch langsamer und langsamer werden. Mach dich also darauf gefasst, dass du 120 Jahre alt werden musst, um *deine* Urenkel noch wickeln zu können."
"Ah, mit schmutzigen Windeln zu hantieren ist also dein neuestes Lebensziel?" Mac lachte verschmitzt.
"Wenn ich es recht bedenke, dann werde ich diesen Teil des Urgroßeltern-Daseins einfach Will überlassen und selbst den angenehmen Part übernehmen."
Macs setzte sich vorsichtig aufs Bett. "Und der wäre?"
"Meine Urenkel verwöhnen, auf den Rummelplatz gehen, Marshmallows im Kamin rösten, Kuchen backen...," zählte Granny mit verklärtem Blick auf.
"Hmmm, das klingt gut! Rummel, Marshmallows, Kuchen... Du bist herzlich eingeladen, in der Zwischenzeit mich zu babysitten."
"Sarah, du weißt, du bist für mich wie mein eigenes Enkelkind – nur besser erzogen," fügte Granny augenzwinkernd hinzu, "aber ich muss darauf bestehen: Erst die Urenkel, dann das Verwöhnen."
Mac seufzte theatralisch und formte die Lippen demonstrativ zu einem Schmollmund. "Nicht ein einziges, kleines Marshmallow, wenn ich dieses Rendezvous überstanden habe?" Mac begann mit feuchten Händen, wieder an ihrem Kleid herumzuzupfen. Sie versuchte seit über einer Stunde, sich mit hektischen Vorbereitungen und Scherzen mit Granny von der Verabredung mit Harm abzulenken, aber dennoch wurde sie zunehmend unruhiger. <Ich bin nervöser als vor meinem letzten Blind Date!> Vielleicht lag es ja auch gerade daran: Dies war kein Blind Date, sie wusste genau, wen sie heute Abend treffen würde, was diese Beziehung ihr bedeutete und deshalb wünschte sie sich verzweifelt, dass es ein erfolgreiches Rendezvous wurde.
Harm, der im Gästezimmer eben sein Jackett von Katzenhaaren befreite, erging es nicht viel besser. Er hängte das Jackett an den Bügel zurück und nahm seine unruhige Wanderung durch den Raum wieder auf. "Oh man, ich bin mit Hunderten von Frauen ausgegangen, warum fühle ich mich jetzt trotzdem, als ob fledermausgroße Schmetterlinge in meinem Magen herumflattern würden?"
Keeter, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte und seinem Freund amüsiert zusah, öffnete den Mund, um zu antworten, aber Harm ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Ich glaube, ein Teil meiner Nervosität kommt daher, dass ich noch nie zuvor mit jemandem ausgegangen bin, der bereits alles über mich weiß – inklusive einiger Dinge, für die ich mich an meiner verräterischen Großmutter rächen werde, wenn sie es zuletzt erwartet!"
"Magenflattern? Nervosität?" neckte Skates, die Harm auf der anderen Seite flankierte, "Hey, Keeter, hat man das Flyboy-Handbuch geändert, ohne dass ich es mitbekommen habe? Ich dachte immer, Navy-Piloten müssten nur einmal mit ihren Goldflügeln flattern und schon würden ihnen alle Frauen zu Füßen liegen."
"Es muss an Washington D.C. liegen," meinte Keeter und täuschte nachdenkliches Misstrauen vor, "Das Pentagon muss irgendeine Geheimwaffe entwickelt haben, die sogar den geballten Charme von zwei Flyboys abwehren kann. Wie wäre es sonst zu erklären, dass Sie mich fast mit Ihrer Reisetasche niedergeschlagen haben, um mein Taxi für eine alte Dame zu beschlagnahmen, anstatt mit selbigem Taxi mit mir ins nächste Motel zu fahren?" Keeters graue Augen lächelten und das machte die Bemerkung, die bei einem anderen vielleicht arrogant oder anzüglich geklungen hätte, zu etwas, worüber Skates schmunzeln musste.
"Oh, nein, die Erklärung ist viel einfacher. Ich lebe schon viel zu lange unter euch Fliegern und habe deshalb eine natürliche Immunität gegen euch entwickelt. Ich weiß, dass männliche Piloten im Grunde genommen ziemlich konfuse Wesen sind – sie sprechen über nichts Anderes als Frauen, wenn sie fliegen, und über nichts Anderes als das Fliegen, wenn sie mit einer Frau zusammen sind."
Keeter unterdrückte ein Lachen und stöhnte gequält. "Wenn sie jetzt auch noch mit Pilotenwitzen anfängt, fliehe ich!"
Skates hatte sich noch nie eine Herausforderung entgehen lassen. "Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem Militärpiloten?" begann sie grinsend.
Keeter hielt sich die Ohren zu. "Harm, Kumpel, tu was, dein bester Freund wird grausam gequält!"
"Wehr dich alleine, du hast doch einen Selbstverteidigungskurs hinter dir, oder?" Harm klopfte Keeter tröstend auf den Rücken, "Ich bin schon froh, wenn ich mit *einer* Frau fertig werde."
"Ich hätte nie gedacht, dass Harmon Rabb, der zweitbeliebteste Junggeselle bei allen Bikini-Girls in Barcelona, einmal die Worte ‚einer’ und ‚Frau’ im selben Satz verwendet. Na ja, außer vielleicht: ‚Warum sollte ich die Aufmerksamkeit von vielen Frauen gegen die Unaufmerksamkeit einer Frau eintauschen?’"
Harm zuckte nur die Schultern und nahm die Neckereien gelassen hin. "Mit Mac hat sich eben Vieles geändert."
"Das wird also etwas Langfristiges, Harm?" fragte Skates. Ihre dunklen Augen blickten ihn neugierig an.
"Die Ewigkeit ist ziemlich langfristig, oder?" gab Harm lächelnd zurück. Er schloss die Knöpfe an seinem Hemdsärmeln und zog die Jacke über. "Okay, auf geht’s!"
Gefolgt von Skates und Keeter trat er ins Wohnzimmer, wo er sich Will gegenübersah. "Ist Ihre Enkeltochter fertig?" erkundigte er sich höflich und fiel sofort in die Rolle des eigentlich noch fremden Verehrers.
"Das wäre sie vielleicht, junger Mann, wenn Sie nicht neunzehn Minuten und dreiundzwanzig Sekunden zu früh dran wären!"
Verlegen warf Harm einen Blick auf die Uhr. Will hatte natürlich Recht. <Ich hätte die Fahrt zum Haus meiner Verabredung abziehen sollen!> kam Harm die verspätete Einsicht. "Tut mir leid."
"Oh, das ist schon in Ordnung, das gibt uns die Gelegenheit, uns noch ein wenig zu unterhalten," meinte der Halbcherokee und fixierte Harm streng. "Was sind Ihre Absichten gegenüber meiner Enkelin?"
Will schien seine Rolle sehr zu genießen – ein wenig *zu* sehr für Harms Empfinden. <Habe ich ihn etwa stundenlang verhört, als er um Granny geworben hat?>
Er wollte schon mit einem ‚Komm schon, Will!’ protestieren, entschloss sich aber dann doch, das Spiel mitzuspielen. "Ich möchte einen wunderschönen Abend in der Gesellschaft Ihrer ebenso wunderschönen Enkelin verbringen, das ist alles."
"Das ist alles, hm?" Will hob die Brauen, als glaube er ihm kein Wort. "Dann kommen wir jetzt zu ein paar Regeln..."
"Wie bitte?!" Harms Augen weiteten sich. <Regeln? Meine Güte, diese Rendezvous mit ehrwürdigen Absichten sind wirklich kompliziert!>
"Mitternacht," sagte Will mit mahnend erhobenem Zeigefinger, "nicht 12.30 Uhr, nicht 12.15 Uhr – Mitternacht. Und keine Einladungen zum Kaffee in Ihrer Wohnung, kein Zeigen der Briefmarkensammlung und kein Ausprobieren des Rücksitzes Ihres Autos, klar?"
Drei Sekunden lang war Harm sprachlos. "Will!" brachte er dann heraus.
Macs Großvater unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen, als er das Gesicht seines Schwiegerenkels sah.
Grannys Kopf tauchte in der Türe zum Schlafzimmer auf, verschwand aber gleich darauf wieder. "Sarah, da draußen ist ein junger Mann, der scheinbar mit dir sprechen möchte," berichtete sie Mac mit ernsthafter Miene.
Mac lächelte. "Ist er gutaussehend?"
"Mmhm, würde ich sagen," bestätigte Granny.
"Dann komme ich mit raus." Mac folgte Granny hinüber ins Wohnzimmer, wo Harm mit Rose und Schokolade bewaffnet wartete.
Harm hielt unwillkürlich den Atem an. Er hatte seine Partnerin im Laufe der Jahre in Uniform, in Jeans, im Abendkleid und sogar im Neglige gesehen, aber das war nichts verglichen mit dem, wie sie jetzt aussah.
Dunkelrote Seide schmiegte sich um schlanke Hüften und floss über einen flachen Bauch, hinab bis fast zum Boden. Am Rücken war das Kleid tief ausgeschnitten, während sich auf der Vorderseite der Stoff überkreuzte und einen V-förmigen Ausschnitt bildete. Das Kleid war nicht hauteng, aber dennoch betonte es die Form ihres Körpers in perfekter Weise.
Keeter stupste Harm mit dem Ellenbogen an. "Atmen, Kumpel, atmen!"
Harm gab sich einen Ruck und überreichte Mac die einzelne, gelbe Rose und die Schoko-Meeresfrüchte.
"Wartest du schon lange?" erkundigte sich Mac, während sie die Rose zwischen zwei Fingern hielt und tief ihren Duft einatmete. <Gelb. Was Harriet wohl dazu sagen würde?>
Harm schüttelte den Kopf. <Nein, ich habe nur die 8.487 Blumen auf der Tapete bewundert, während dein Großvater mich ins Kreuzverhör genommen hat!> "Das Warten hat sich mehr als gelohnt – du siehst wunderbar aus."
"Du aber auch, toller Anzug," kommentierte Mac und ließ ihren Blick an der hochgewachsenen Gestalt hinauf- und herunterwandern. Harm trug eine schwarze Hose, das hellgraue Hemd, das Mac schon immer an ihm bewundert hatte, und ein sportlich-elegantes Jackett, das seine breiten Schultern betonte.
"Er gefällt dir?" Harm sah an sich hinab. "Ich habe auch nur eine Stunde und die Androhung eines Faustkampfes gebraucht, um mich dafür zu entscheiden," gab er grinsend zu.
Lächelnd, aber ein wenig unschlüssig standen sie sich gegenüber, während ihre Großeltern und Freunde neugierig zusahen. "Hier," Mac drückte Granny die Rose in die Hand, "Stell sie doch bitte für mich in eine Vase, ja?" bat sie in der Hoffnung, wenigstens einen ihrer Zuschauer loszuwerden.
"Wir haben keine Vase," behauptete Granny, die sich nichts entgehen lassen wollte.
"Oh, doch, haben wir. In der Küche, ganz, ganz, ganz weit hinten im Schrank." Mac schob die alte Dame in Richtung Küche. <Das sollte sie für eine Weile beschäftigen. Sie wird nie vermuten, dass ich die Vase in Jingos Hundekorb versteckt habe.>
Sie nutzten die Gelegenheit, um das Haus zu verlassen und eilig in Macs Corvette zu steigen.
"Also, wohin fahren wir?" erkundigte sich Mac, als sie den Wagen Richtung George-Washington-Memorial Parkway lenkte.
"Kann ich dir nicht verraten, fahr einfach weiter." Harm begann, sie durch den abendlichen Verkehr zu lotsen.
"Wenn das wieder mal ein Kidnapping sein soll, wo in den Hausregeln steht denn bitte, dass ich bei meiner eigenen Entführung auch noch fahren muss?"
"Ich hab dich nicht entführt," widersprach Harm, "Wenn ich mich recht erinnere, bist du ganz willig mitgekommen, nachdem ich dich mit Schokolade bestochen habe. Hier nach links über die Arlington Memorial Bridge, bitte. Außerdem ist das hier unser erstes Rendezvous, da kann ich dich entführen, wohin ich will," fügte er mit einem zufriedenen Grinsen hinzu.
Mac warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber. "Du gibst also zu, dass du mich entführt hast?"
Harm schüttelte energisch den Kopf. "Nein. Ich gebe dir nur Richtungsweisungen zu einem Ziel, das nur ich kenne, das ist alles."
"Mmhm. Du scheinst in letzter Zeit deine richtungsweisenden Fähigkeiten verbessert zu haben, das muss ich dir lassen," gab sie zu.
"Allerdings. Bekomme ich dafür keine Punkte?"
"Nicht heute," lehnte Mac ab, "heute Abend kenne ich dich kaum und ein gemeinsames Punktesystem können wir auch nicht haben, weil dies unsere erste Verabredung ist."
Harm fügte sich lächelnd in sein Schicksal. Er dirigierte sie vorbei an den mächtigen Lincoln und Washington-Denkmälern, deren beleuchtete Umrisse man schon von Weitem sah. "Hier! Hier ist es," sagte Harm schließlich.
Mac fand einen Parkplatz und sah sich um. "Oh, komm schon, Flyboy, das ist nicht dein Ernst, oder? Das Nationale Luft- und Raumfahrtmuseum? Für unser erstes offizielles Rendezvous?" Ungläubig sah sie ihren Partner an. "Außerdem hat es um diese Uhrzeit doch gar nicht mehr offen."
Harm war um die Corvette herumgeeilt und öffnete Mac galant die Wagentüre. "Ich weiß, wir kennen uns nicht, Miss MacKenzie, aber sie werden rasch feststellen, dass uns Flyboys *alles* offen steht," erklärte er mit einem gewinnenden Lächeln.
0142 Z-Zeit (20:42 Uhr EST)
In der Nähe von Daingerfield Island
Washington D.C.
"Ich dachte schon, es wäre deine Vorstellung von einem Rendezvous, ahnungslose Frauen in einem Planetarium gefangen zu halten und sie auszuhungern, so dass sie schließlich zu schwach sind, um dir zu widerstehen, aber wie ich sehe, habe ich mich geirrt," meinte Mac, als sie Harm zum Eingang des elegantes Restaurants am Potomac River folgte.
Ein Kellner führte sie zu einem Tisch in der Mitte des Restaurants, auf dem ein Reservierungsschild mit dem Namen "Rabb" stand. "Ist noch ein Tisch am Fenster frei?" erkundigte sich Harm hoffnungsvoll.
Der Kellner schüttelte bedauernd den Kopf. "Tut mir leid, Sir, aber die sind alle bereits besetzt oder reserviert."
Mac lehnte sich nach vorne und drückte dem Kellner unauffällig etwas in die Hand. "Sind Sie sicher?"
Der Restaurantangestellte sah auf seine Handfläche hinab und erwiderte dann Macs Lächeln. "Für Sie werde ich extra noch einen Tisch finden. Bitte folgen Sie mir."
Sie nahmen an einem kleinen Tisch an einem großen Panorama-Fenster Platz, durch das man den Potomac, einen kleinen Yachthafen und die beleuchtete Skyline von Washington D.C. im Hintergrund sah.
"Was hast du ihm gegeben?" erkundigte sich Harm, sobald der Ober gegangen war.
"Meine Telefonnummer," antwortete Mac mit unbewegter Miene.
Harm starrte sie ungläubig an. "Du hast ihm..."
"Nein, Harm, natürlich nicht. Ich bin mit dir hier, der Kellner interessiert mich nicht, solange er mir keine Suppe übers Kleid schüttet. Ich habe ihm eines der guten alten Papierstücke mit dem Bild eines toten Präsidenten gegeben." Beruhigend legte Mac ihrem Begleiter die Hand auf den Arm.
Harm hob die Augenbrauen. "Hey, flirten verboten, wir kennen uns nicht, erinnere dich!" Vielsagend sah er auf ihre Hand hinab.
Eine Bedienung trat an ihren Tisch und reichte ihnen Speisekarten. "Guten Abend, mein Name ist Vivian, ich werde Sie heute Abend bedienen. Wenn Sie also irgendwelche Wünsche haben..." Die junge Blondine lächelte Harm zu, während sie Mac weitgehend ignorierte.
Harm lächelte nur, nahm die Speisekarte entgegen und begann sie zu studieren, als die Kellnerin wieder ging. "Mmh, sie haben Weinbergschnecken."
Mac hingegen starrte der Bedienung hinterher. "Hast du bemerkt, wie sie dich angesehen hat?"
Harm sah von der Karte auf. "Eifersüchtig?" fragte er amüsiert.
"Nein," Mac schüttelte heftig den Kopf, "Und du isst keine Schnecken, während ich zusehe!"
"Sie wollte nur freundlich sein, wie es ihre Aufgabe ist. Was ist so schlimm an Schnecken?"
"Sie gehören auf den Boden, nicht in den Mund," beharrte Mac, "Aber wenn du darauf bestehst, sie zu essen, wird dein Mund heute Abend auf andere Aktivitäten verzichten müssen..."
Harm wehrte hastig ab. "Dann also lieber Shrimps?"
"Schon besser, obwohl ich natürlich nicht zu deiner Sucht beitragen sollte."
"Davon weißt du doch gar nichts, wir kennen uns doch kaum," erinnerte Harm triumphierend.
Vivian kam mit ihren Getränken zurück. Sie stellte die beiden Gläser auf den Tisch und schenkte Harm Tafelwasser ein, während sie ihm zulächelte.
"Hey, vielen Dank auch!" Mac runzelte die Stirn, als die Kellnerin ging, ohne sie bedient zu haben.
"Sie dachte wohl, das Wasser wäre nur für mich und sie kommt sicher gleich wieder, um unsere Bestellung aufzunehmen," beruhigte Harm und füllte galant Macs Glas. "Hier. Zufrieden?"
"Hm. Ich denke immer noch, sie hat ein Auge auf dich geworfen. Vivian!" Mac schnaubte, "Wie die… Hauptperson in ‘Pretty Woman’!"
"Mac, die einzige hübsche Frau, an der ich interessiert bin, bist du." Ernst sah er ihr in die Augen.
Mac musste lächeln. "Flirten verboten!" Diesmal war sie es, die darauf hinwies. Sie begann ebenfalls, sich in die Speisekarte zu vertiefen.
Harm wusste bereits, auf was das hinauslaufen würde. Macs Bestellungen erinnerten ihn manchmal an einen Film, den anzusehen Mac und Granny ihn gezwungen hatten. Es dauerte meistens eine Weile, bis Mac wusste, was sie essen wollte. Sie suchte sich fünf Dinge auf der Karte aus, schränkte sich dann auf drei ein und entschied sich schließlich für eines – bis der Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen. Dann warf sie noch mal einen schnellen Blick auf die Speisekarte und teilte ihm ihre Wahl mit – für gewöhnlich keines der fünf Gerichte, die sie ursprünglich im Auge gehabt hatte.
Vivian kam zurück an den Tisch. "Möchten Sie bestellen?" fragte sie, wieder nur mit Blick auf Harm.
"Ja, bitte. Eine Champignoncrèmesuppe, das Filet Mignon mit Pommes Frites und Brot extra und zum Abschluss den gemischten Dessertteller für zwei Personen," entschied Mac wider Erwarten ohne zu zögern.
"Für mich bitte den Krabbencocktail und das Lachssteak." Harm klappte die Karte zu und reichte sie der Kellnerin, die sie mit einem strahlenden Lächeln entgegen nahm.
"Oh, die Frau hat Nerven!" empörte sich Mac, während sie ihr nachsah, "Sie sollte besser ihre Augen bei sich behalten, wenn sie nur einen Cent Trinkgeld haben möchte!"
"Du meinst, weil wir ‚zusammen’ sind?" Harm konnte seine Belustigung nicht ganz verbergen.
"Ja, ähm, ich meine... weil wir hier zusammen sitzen, zusammen ein Rendezvous haben und zusammen essen... na gut, noch essen wir ja nicht, aber wir werden es..."
"Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du wirklich süß bist, wenn du so verlegen vor dich hinplapperst?"
"Nein." Mac spielte mit ihrer Gabel und Harm schmunzelte.
"Hey, mach dir keine Sorgen, ich regle das mit deiner besonderen Freundin der Bedienung schon," versprach er sanft.
Kurz darauf kam Vivian mit dem Krabbencocktail. "Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?"
Harm nickte. "Wenn Sie mich so fragen, ja. Sie haben vorhin versehentlich vergessen, meiner Ehefrau ein Glas Wasser einzugießen. Sie fühlt sich ein wenig vernachlässigt."
Mac, die gerade an ihrem Wasser genippt hatte, verschluckte sich beinahe und stellte schnell das Glas ab, bevor sie den Inhalt verschütten konnte.
Vivian stand erstarrt neben dem Tisch. "Oh, das tut mir wirklich leid. Das... es wird nicht wieder vorkommen." Sie eilte davon.
"Ich hoffe, sie vergiftet meine Suppe nicht," sagte Mac, konnte aber ein zufriedenes Grinsen nicht ganz unterdrücken.
"Ich werde sie für dich probieren," bot Harm heldenhaft an und tat genau das, als Vivian gleich darauf die Suppe brachte.
Mac griff nach ihrem Löffel. "Also, kann ich jetzt gefahrlos mit meinem Essen anfangen oder gibt es noch etwas, vor was du mich warnen möchtest?"
"Ich könnte dich vor mir warnen."
"Ach, wirklich?" Mac sah von ihrem Teller auf, "Und warum sollte ich vor dir gewarnt werden?"
"Weil ich, wenn ich etwas sehe, was mir gefällt, nicht aufgebe, bis es mir gehört," erklärte Harm mit einem charmanten Piloten-Lächeln.
"Hey, Vorsicht, du sagtest doch selbst: Flirten verboten!"
"Das war kein Flirten, Mac," beharrte Harm, "ich habe dir nur eine Tatsache über mich erzählt."
Der Kellner, den Mac zu Anfang bestochen hatte, brachte den Hauptgang und sie begannen zu essen.
"Also, auf einer Skala von eins bis zehn, wie würdest du mich als Verabredung einstufen?" erkundigte sich Harm zwischen zwei Bissen seines Lachssteaks.
"Na ja, bisher... würde ich dir eine Fünf geben." Mac grinste, weil sie wusste, dass sie damit Protest herausfordern würde.
"Eine Fünf?" Harm spielte den Geschockten, "Das ist alles?"
"Ich sagte *bisher*," betonte Mac, "Wer weiß, was noch kommt..."
"Dein Großvater hat mir aber ausdrücklich verboten, dir meine Briefmarkensammlung zu zeigen."
"Harm, du sammelst überhaupt keine Briefmarken," wies Mac ihn darauf hin.
"Oh, tatsächlich, du hast Recht – wenn man mal davon absieht, dass du das auf unserem ersten Date eigentlich noch gar nicht wissen kannst. Ich frage mich, was dein Großvater dann damit gemeint hat?" Harm gab sich naiv.
Mac grinste nur und schob ihren leeren Teller zurück. "Und was sagst du bisher zu unserem Rendezvous?"
"Hm, jemand wie du könnte mir schon gefallen."
Mac zuckte bedauernd die Schultern. "Tja, ich finde dich ja auch ganz nett, aber da gibt es schon diesen anderen Mann in meinem Leben... zwar ziemlich hoffnungslos mit einer Shrimpssucht und einem Zug-Fetisch... aber ich hänge doch ziemlich an ihm."
"Klingt wie ein richtiger Loser für mich." Harm versuchte, geringschätzig dreinzublicken.
"Das würde ich nicht sagen. Er ist ein sehr talentierter Koch, er führt meinen alten Hund bei kniehohem Schnee im Zeitlupentempo um den Block, er schickt mir Rosen und er küsst fantastisch."
Harm gab vor zu trotzen. "Wenn das so ist, dann frage ich mich wirklich, wieso du noch hier mit mir herumsitzt."
Der herannahende Kellner bewahrte Mac vor einer Antwort. "Noch Brot?" Der junge Mann griff nach dem mehrmals geleerten Korb und sah Mac fast besorgt an, so als fürchte er, dass Mac das Restaurant in den Bankrott treiben würde.
"Nein, danke," lehnte Mac ab und der Kellner trat erleichtert den Rückzug an, um das Dessert aus der Küche zu bringen.
Der gemischte Dessertteller für zwei Personen bestand aus einer Schokotorte, Erdbeeren mit Schokoladen-Soße, Vanille-Eis und Mousse au chocolate.
Harm schätzte, dass er zwei Bissen von jedem gehabt hatte, aber er war zufrieden damit, zuzusehen, wie Mac elegant den langstieligen Löffel zum Mund führte und sich ihre roten Lippen um die Erdbeeren schlossen.
Schließlich hatte Mac genug gegessen. <Oder vielleicht ist dem Restaurant auch nur das Essen ausgegangen, da kann man sich nie ganz sicher sein,> überlegte Harm amüsiert.
"Uih, bin ich voll!" stöhnte sie, als sie den letzten Löffel Mousse au chocolate schluckte.
"Ach, und das sagt Miss Ich-nehme-Stichproben-von-allem-auf-der-Dessertkarte!" stichelte Harm liebevoll, "Und dabei wollte ich dir gerade anbieten, noch zu einer Eisdiele in der Nähe zu fahren. Ich hätte natürlich auch bezahlt..."
"Na, dann hast du ja Glück, dass jeder meiner sieben Mägen bereits gefüllt ist – ich kann nämlich eine Menge Eiscreme essen und das kann teuer werden," meinte Mac mit Blick auf den leeren Dessertteller, "Du hättest vermutlich dein Auto verkaufen müssen."
"Das erste Rendezvous und schon will sie nur eines – mein Geld! Ich hätte auf Granny hören sollen!" seufzte Harm, während er gleichzeitig dem Kellner signalisierte, die Rechnung zu bringen.
Eine halbe Stunde später schlenderten sie Hand in Hand einen schmalen Weg parallel zum Potomac entlang. Dunkelheit umgab sie, aber auf dem Fluss spiegelten sich Lichter der Stadt.
"Und jetzt?" fragte Mac, als sie wieder am Auto angelangt waren, "Was machen wir jetzt?"
Harm warf einen schnellen Blick auf seine Armbanduhr, was Mac nicht entging.
"Harm, das ist das vierte Mal in der letzten halben Stunde, dass du auf die Uhr gesehen hast! Du hast nicht zufällig heute Abend noch ein zweites Rendezvous, zu dem du nicht zu spät kommen darfst?" Anklagend stemmte sie die Hände in die Hüften.
"Nein, natürlich nicht. Ein Rendezvous pro Abend genügt mir voll und ganz," versicherte Harm, "Ich hab nur Will versprochen, dass ich dich pünktlich um Mitternacht nach Hause bringe und..."
Macs Mundwinkel zuckten. "Du nimmst Befehle von einem pensionierten Marine entgegen?"
"Hey, du hast sein Gesicht nicht gesehen, als er mir die ‚Regeln’ erklärte! Und wenn ich ein zweites Rendezvous mit dir möchte, kann ich es mir nicht leisten, einen MacKenzie vor den Kopf zu stoßen!" verteidigte sich Harm.
Grinsend schloss Mac die Fahrertüre auf und stieg ein.
Pünktlich um fünf Minuten vor zwölf parkte die Corvette in der Hofeinfahrt und wieder hastete Harm um das Auto herum, um Mac die Türe zu öffnen.
Als die Autotüren zuschlugen, ging die Außenbeleuchtung des Hauses an und die Gardine im Wohnzimmer wurde zurückgeschoben.
"Wir haben Zuschauer," kommentierte Harm, lehnte sich gegen die Corvette und sah etwas unschlüssig auf Mac hinab.
"Ich hoffe, das löst bei dir keine Leistungsängste aus." Vielsagend blickte Mac ihn an.
Harm hob die Brauen. "Leistungsängste?"
"Kennst du das traditionelle Ritual, das normalerweise das Ende eines Rendezvous kennzeichnet?" erkundigte sich Mac würdevoll.
Harm nickte. "Ich kenne es," bestätigte er ebenso ernsthaft.
"Und? Würdest du es gerne ausprobieren?" Spielerisch neigte Mac den Kopf.
"Nicht heute Nacht – ich habe Migräne." Harm grinste.
"WAS?" Macs Augen weiteten sich einen Moment lang, bevor sie Harms Gesicht sah und ihm einen sanften Schlag versetzte. "Also, hast du vor, mich heute noch zu küssen oder muss ich hier stehen, bis ich Wadenkrämpfe kriege?"
"Na ja, wenn du es derart romantisch ausdrückst..." Lächelnd schlang Harm seine langen Arme um seine Partnerin und zog sie an sich. Die Seide ihres Kleides und die Wärme ihrer Haut unter seinen Händen fühlte sich wunderbar an, als er Mac küsste, erst sanft und dann mit zunehmender Leidenschaft.
Erst nach ein paar Minuten löste Mac sich atemlos von ihm. "Wenn du so weitermachst, kannst du gleich deine Mund-zu-Mund-Beatmungs-Fähigkeiten an mir trainieren!"
"Mund-zu-Mund-Beatmung ist meine Spezialität," behauptete Harm und fügte eine kleine Demonstration an.
2302 Z-Zeit (18:02 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Hey, stiehlst du schon wieder meine Klamotten?" In Uniform und den Autoschlüssel noch in der Hand lehnte Harm im Türrahmen und sah zu, wie Mac mit Keeters Unterstützung seinen Kleiderschrank durchforstete.
Mac sah auf und grinste. "Nein, ich wollte nur gerade Keeter im Kleiderschrank verstecken, bevor du nach Hause kommst."
Keeter legte einen Arm um Macs Schulter. "Zu spät, Geliebte, er hat uns gesehen."
"Hey, wenn du eine Affäre mit ihr hast, dann machst du in Zukunft aber auch ihre Wäsche!" verlangte Harm energisch.
Keeter zog sofort seinen Arm zurück und trat einen Schritt von Mac weg. "Oh, in diesem Fall: Es ist aus zwischen uns, Mac."
Mac zuckte gleichgültig die Schultern. "Harm ist ohnehin der bessere... Wäschebügler." Sie grinste verschmitzt.
Keeter begann zu lachen. "Kumpel, du stehst so was von unterm Pantoffel!"
Harm bedachte ihn mit einem finsteren Blick. "Das ist nicht wahr, ich stehe weit *über* diesem hasenohrigen Ding. Jeder weiß, dass ich hier im Haus die Hosen anhabe," behauptete er würdevoll.
"Dass du die Hosen bügelst, meinst du wohl," sagte Granny von der Türe her und in Macs Richtung fügte sie belehrend hinzu, "Vertraue nie einem Mann, der sagt, er wäre der Chef zuhause. Er lügt vermutlich auch über andere Dinge."
Harm drehte sich um, um zu protestieren, vergaß aber seinen Einwand, als er seine Großmutter sah. Sie trug ein langes weißes Nachthemd, einen goldenen Reif auf der Stirn und eine blonde Perücke. "Ähm, Granny, ich hoffe, du machst keine Jagd auf unsere Haustiere mit den Dingern." Harm zeigte auf den Köcher mit Pfeil und Bogen, der auf Grannys Rücken hing. "Was soll das überhaupt?"
"Das ist für meine Geburtstagsfeier," sagte Will, der eben in traditioneller cherokesischer Stammestracht neben Granny auftauchte, "als Entschädigung dafür, dass ich sie um einen Tag verschieben musste, habe ich beschlossen, dass wir uns alle verkleiden."
"Und was für eine Verkleidung soll das sein?" Harm deutete skeptisch auf Grannys Kostüm, "Robin Hood für Senioren?" spöttelte er.
Mac gab ihm einen Klaps auf den Arm. "Das ist Aphrodite, die Göttin der Liebe, Harm." <Was auch sonst hätte Granny gewählt?!>
"Autsch!" Harm rieb sich theatralisch den Arm, "Kein Sado-Maso in der Öffentlichkeit, bitte!"
Dafür kassierte er natürlich prompt einen zweiten Schlag. "Ich schlage vor, du lässt solche Sprüche und suchst dir lieber schnell ein Kostüm, Flyboy!"
Unbehaglich blickte Harm von ihr zu Will. "Ist es wirklich nötig, deinen Geburtstag so *ausgiebig* zu feiern, mit Kostümen und allem?"
"Ja, das ist es," Will nickte so heftig, dass seine Federn auf und ab wippten, "Geburtstag feiern ist gesund. Statistiken zeigen nämlich, dass Leute, die die meisten Geburtstage feiern, am ältesten werden." Der Halb-Cherokee grinste.
"Marsch, such dir ein Kostüm, während wir uns um das Essen kümmern und vielleicht noch ein paar Dinge einkaufen gehen," befahl Granny.
"Wenn du Mac mitnimmst, dann erinnere dich aber daran, dass sie das Fernfahrersyndrom hat," warnte Harm.
"Fernfahrersyndrom?" kam das empörte Echo von Mac.
"Mmhm, sie kann an keinem Schnellrestaurant vorbeifahren. Also, bitte, achte darauf, dass wir heute Abend auch ein paar *gesunde* Dinge zu essen haben." Harm machte sich daran, in den Teilen seines Kleiderschrankes, die Macs Suchaktion unbeeinträchtigt gelassen hatte, nach einem Kostüm zu suchen.
Eine Stunde später saßen sie im Wohnzimmer über einem bunt gemischten Büffet zusammen. Harm war der letzte, der sich in seiner Verkleidung präsentierte. Er schlug seinen schwarzen Umhang zurück, als er sich neben Mac auf die Couch setzte.
"Aaaah, ein Blutsauger!" Keeter lachte, als er seinen Freund sah.
Harm rollte mit den Augen. "Na losch, sagsch schon, Keeter, ich weisch, wasch jetscht für eine Bemerkung kommt," nuschelte Harm um seine falschen Vampir-Zähne herum.
"Perfektes Kostüm für einen Anwalt," sagte Keeter trotzdem.
"Ach, aber deinesch ischt bescher, wasch?"
Keeter schob sich lässig den Stetson in die Stirn und hakte dann die Finger hinter seinen Revolvergurt. "Ich bin nun mal ein waschechter Texaner und außerdem bin ich an ein Mammut-Kostüm so schnell nicht herangekommen." Er grinste zu Skates hinüber.
Alle blickten die Jägerleitoffizierin an, die in die kriegerische Lederkluft einer Amazone gekleidet war und ebenfalls Pfeil und Bogen auf den Rücken geschnallt hatte.
"Oh, eine echte Amaschone!" lispelte Harm grinsend, "Hey, Schkates, schneidescht du dir jetscht auch die linke B... Uff!" Macs Ellenbogen in seiner Magengrube hinderte ihn am Weitersprechen.
"Ein Mann, der auf Dauer eine glückliche Beziehung führen möchte, sollte lernen, seinen Mund geschlossen und sein Scheckbuch offen zu halten," belehrte Granny mitleidslos.
"Und scheinen Kleiderschrank," fügte Harm mit einem Blick auf Macs Kostüm hinzu.
"Ich habe lediglich nach einem Paar brauner Wollsocken gesucht," verteidigte sich Mac, "Außerdem ist das Regel Nummer 6 im Hausregel-Buch." Sie öffnete ein imaginäres Buch und blätterte suchend einige nicht-existierende Seiten um. "Ah, da steht’s: Wenn Mitbewohner Nummer eins – das bin ich," Mac tippte sich auf die Brust, "aufgrund eines Bekleidungsnotstandes das Eigentum von Mitbewohner Nummer zwei – das bist du – vorübergehend in ihren Besitz überführen möchte..."
"Moment," unterbrach Harm, "wie kommt esch eigentlich, dasch du Mitbewohner Nummer einsch bischt?" Er lehnte sich zu Mac hinüber und begann, mit seinen falschen Zähnen sanft an ihrem Hals zu nibbeln.
Mac kicherte ganz un-marine-haft und versuchte halbherzig, sich Harm vom Leib zu halten. "Ganz einfach: Es ist mein Handbuch." Sie grinste überlegen.
"Na schön, liesch weiter."
Mac tat, als müsse sie erst ihre Stelle im Hausregel-Handbuch wiederfinden, bevor sie fortfuhr: "...vorübergehend in ihren Besitz überführen möchte, dann hat Mitbewohner Nummer zwei dieses Anliegen freundlichst zu gewähren." Sie schlug das vorgestellte Buch zu und lehnte sich vor, um es auf den Tisch zu legen.
"Oh, und wasch ischt..." Harm unterbrach sich und spuckte endlich seine störenden Zähne aus, "... was ist, wenn Mitbewohner Nummer zwei in Bekleidungsnotstand gerät?"
"In diesem Fall gilt Hausregel Nummer sechs, Unterabschnitt b: Mitbewohner Nummer zwei hat Besitzanspruch auf alle Kleidungsstücke, die sich im Eigentum von Mitbewohner Nummer eins befinden, sofern sie ihm passen und es sich nicht um bequeme Schuhe handelt."
Harm gab auf. Er lehnte sich zurück und ließ seinen Blick von seinen braunen Wollsocken an Macs Füßen ihren Körper hinaufwandern. Sie trug eine braune Wildlederhose und einen braunen Pullover und auf ihrem Kopf thronte eine braune Kappe mit zwei Pinselohren. "Nicht, dass man es nicht erkennen könnte, aber... was genau stellt dein Kostüm eigentlich dar?"
Mac sah ungläubig von ihrem Roastbeef-Brötchen auf. "Ein Eichhörnchen, natürlich!"
"Oh, natürlich, ein Eichhörnchen, darauf hätte ich ja auch gleich kommen können!" Harm lachte. "Das perfekte Kostüm für dich. Jetzt hast du endlich eine Entschuldigung dafür, alles Essbare anzuknabbern oder in einem Versteck zu horten!"
"Ich hab ja noch versucht, sie davon zu überzeugen, als Oben-ohne-Tänzerin zu gehen, aber nein, deine Freundin wollte ja nicht auf mich hören!" beschwerte sich Keeter, während er sich das nächste Stück Kuchen holte.
"Keeter, wenn du die nächste Woche hier verbringen willst, dann sollte ich dir jetzt vielleicht eine Weisheit nahe bringen, die ich schon vor Jahren gelernt habe," erklärte Harm dem Unwissenden, "Die drei härtesten Dinge der Welt sind Stahl, Diamanten und einen Marine von seiner Meinung abzubringen."
"Mein lieber Stief-/Schwieger-Enkel, auf meiner Geburtstagsfeier werden keine Witze über Marines gemacht!" befahl Will und drohte ihm mit seiner Gabel.
"Das war kein Witz, das ist bitterer Ernst!" wehrte sich Harm.
Mac schnappte sich Harms Dracula-Zähne und biss ihn mit seinem eigenen Gebiss in die Hand. "Nur zu deiner Information, Harmcula, ich habe mich von Sonny und Cher inspirieren lassen!"
"Sony und Cher?" Fragend sah Skates zwischen ihren Gastgebern hin und her.
"Die Nachbarschafts-Eichhörnchen," erklärte Harm, während er zusah, wie Mac ein Schinkenbrötchen mit einem Berg Mayonnaise bedeckte. "Vielleicht könntest du ja mein Gewissen beruhigen und dir als nächstes ein wenig Salat oder wenigstens ein Geflügel-Salat-Brötchen nehmen, hm, Mac?" Fürsorglich blickte er sie an.
"Sicher doch," stimmte Mac sofort zu und dachte an die mitgebrachten Geflügel-Salat-Sandwichs, die aus in Butter angebratener Hühnchenbrust, fetter Mayonnaise und Weißbrot bestanden.
Harm legte ihr eine Hand auf den Arm. "Du weiß doch, dass ich das nicht tue, um dich zu nerven, sondern nur dein Wohl im Auge habe, oder?" Er wollte nicht, dass sie sich bevormundet vorkam.
Mac lächelte und lehnte ihre Stirn gegen seine. "Ja, das weiß ich." <Ich denke, ich sollte vielleicht doch ein wenig von dem Grünzeug essen...>
"Lass das Gegrinse, Keeter!" mahnte Harm, als er wieder auf- und in Keeters amüsiertes Gesicht sah. "Deine Ernährungsgewohnheiten sind um keinen Deut besser! Das dürfte inzwischen dein drittes Stück Torte sein!"
"Das zweite!" behauptete Keeter mit halbvollem Mund.
Skates, die sich gerade einen Nachschlag vom Reissalat nahm, schüttelte nur den Kopf. "Ihr wisst ja, dass es drei Arten von Piloten gibt: Die, die zählen können und die, die nicht zählen können."
"Es ist sein drittes Stück!" beharrte Harm, "Keeter, mein Alter, ich würde dir wirklich raten, nicht noch mehr Kuchen zu essen, es sei denn natürlich, du möchtest die Bezeichnung Nashorn oder Mammut in Zukunft öfter von Frauen zu hören bekommen."
"Hey, ich kann nichts für mein Gewicht, das ist geerbt!" verteidigte sich Keeter.
"Geerbt?" Harm schnaubte, "Keeter, deine Eltern sehen beide aus wie die personifizierte Magersucht!"
Keeter zuckte unbeeindruckt mit den breiten Schultern, während er den nächsten Bissen Torte auf die Gabel schob. "Die Natur verschmäht eben Wiederholungen."
Granny tätschelte Keeter tröstend die Wange, so als sei er ein kleiner Junge, der seinen Lutscher verloren hatte, und nicht ein erwachsener Riesenkerl von einem Mann. "Oh, ich bin sicher, es gibt auch Frauen, die Männer mögen, die ein wenig... kräftiger gebaut sind, nicht wahr, Elizabeth?" Sie zwinkerte Skates verschwörerisch zu.
Skates verschluckte sich fast an einer Gabel Reis. "Skates, Ma’am, und ich bin sicher, dass es die gibt – in Japan, zum Beispiel." Grinsend deutete sie einen Sumo-Ringer an.
Keeter zog demonstrativ seinen Waffengurt höher. "Mac, gibt es nicht eine eurer Hausregeln, die dieser Frau verbietet, mich mehr als dreimal täglich tödlich zu beleidigen?" jammerte er und blickte wie ein Welpe, dem man seinen Kauknochen weggenommen hatte.
"Hm, Hausregel zwei und drei dürfen euch nicht betreffen und Hausregel Nummer eins finde ich selbst ziemlich beleidigend, aber ich denke, Hausregel Nummer vier könnte da Abhilfe schaffen und zugleich unseren Großeltern gefallen. Aber ich glaube nicht, dass euch beiden das sonderlich gefallen würde, also leide lieber weiter still vor dich hin," riet Mac.
Grinsend öffnete Harm den Mund, um auch seinen Kommentar hinzuzufügen.
Keeter drückte ihm ein Glas Orangensaft in die Hand. "Schlürf du lieber dein Blut und lass mich mit meinem Kuchen in Ruhe."
1054 Z-Zeit (05:54 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Wie so oft erwachte Mac Minuten bevor der Radiowecker sie aus dem Schlaf reißen konnte. Sie lag auf der Seite, Harms Körper eng an ihren Rücken gepresst. Seine kalten Füße hatten sich wärmesuchend unter ihre Decke getastet und wurden jetzt von der schnurrenden Gypsie gewärmt.
Eine Minute lang lag Mac nur da und sah Harm beim Schlafen zu. Eine Hand hatte er unter sein Kinn geschoben, die andere ruhte sicher und warm auf Macs Hüfte. Sein Gesicht wirkte im Halbdunkel entspannt und friedlich und sein langsamer Atem streifte leicht ihren Nacken. Lächelnd stellte Mac fest, dass sie begonnen hatte, im selben Rhythmus zu atmen. .
Mac grinste und versuchte, sich unter Harms Arm hervorzuwälzen und aus dem Bett zu klettern, ohne ihn zu wecken.
Harms Arme verstärkten sofort ihren zuvor sanften Griff, entschlossen, sie nicht aus der behaglichen Wärme des Bettes entkommen zu lassen. "Schlaf. Dunkelheit. Nacht. Schlaf…" brummte Harm, ohne die Augen zu öffnen.
Mac musste lachen und gab den Versuch, leise zu sein, auf. "Du bist süß, wenn du so einsilbig bist."
"Dunkelheit hat drei Silben," murmelte Harm, "und jetzt komm zurück ins Bett."
<Na schön, was sind schon fünf Minuten.> Mac ließ sich zurück ins Kissen und Harms Umarmung sinken.
Harm lächelte mit geschlossenen Augen und streckte sich behaglich, als er ihre Wärme an seiner Haut spürte.
"Vorsicht, Gypsie hat sich an deinen Füßen zusammengerollt," warnte Mac, falls die rote Katze sein genüssliches Strecken als Einladung zum Spielen verstand.
"Ah, gut, dass du mir das sagst, ich dachte schon, du müsstest deine Beine mal wieder rasieren," meinte Harm, jetzt schon sehr viel weniger verschlafen.
"Achtung, wenn du nicht aufhörst, mich zu ärgern, dann musst du heute Nacht das Bett mit dem haarigen Kerl auf unserer Couch teilen!" drohte Mac.
"Oder mit der glattrasierten hübschen jungen Frau in unserem Gästebett," schlug Harm grinsend vor, während er noch immer die Augen geschlossen und die Arme fest um Mac geschlungen hielt. Tief atmete er den Duft ihrer Haut ein, bevor er die Augen öffnete und sich zu Mac hinabbeugte. Er küsste sie sanft auf die Nasenspitze, ließ seine Lippen dann über ihre Wange hinabwandert und... sprang fast einen Meter senkrecht in die Luft, als sich plötzlich der Wecker einschaltete und "Powerful Thing" aus dem Radio dröhnte.
Als das Wasserbett zu schwanken begann, schlug die erschrockene Gypsie ihre Krallen in den nächstbesten festen Untergrund – der leider aus Harms Füßen bestand.
Harm nahm einen zweiten Satz, prallte mit der Seite des Halses gegen die Kante des Nachttisches und verhedderte sich vorübergehend im Kabel der Nachttischlampe, bevor er schwer atmend zurück aufs Bett sank. "Oaaar, und dabei hatte der Tag so gut angefangen! Ich hätte nicht übel Lust, mich einfach wieder zusammenzurollen und den Tag im Bett zu verbringen." <Vorzugsweise mit dir.>
Mac lachte und ließ ihre Finger durch sein glattes schwarzes Haar gleiten. "Oh, komm schon, Flyboy, wo ist denn dein sonniges Gemüt geblieben, hm?"
"Das ist vermutlich auch bis zur Decke gesprungen, als der Wecker anging, und hängt da jetzt noch," grummelte Harm, ohne wirklich schlechte Laune zu haben. <Wie könnte ich auch, mit einer Frau wie Mac an meiner Seite?>
"Wie wäre es, wenn du schon mal duschen gehst, während ich nach unseren Gästen sehe und einen Spachtel suche, um dein sonniges Gemüt von der Decke zu kratzen?" schlug Mac vor und schwang bereits die Beine aus dem Bett.
Eine Viertel Stunde später betrat Harm geduscht und in Uniform das Wohnzimmer. Die Couch war leer und auch von Mac war nichts mehr zu sehen. Aus der Küche hörte er Keeters Stimme. Der Duft nach gebratenem Speck, der von der Küche her kam, ließ ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen, wo sich seine Bettgefährtin aufhielt. <Na warte, Kumpel, wehe, ich ertappe dich beim Flirten mit *meiner* Freundin! Nicht, dass mich das früher bei Maria Elena Carmelita Moreno Guttierez gestört hat, aber Mac ist etwas ganz Anderes!> Neugierig öffnete er die Küchentüre.
Sein bester Freund, Jack Keeter, heldenhafter Kampfpilot und frauenbetörender Navy-Offizier, stand mit einer Schürze am Herd und hantierte mit einer Pfanne, während Mac auf der Arbeitsfläche daneben saß und die Füße baumeln ließ. Sie trug noch immer einen seiner Pyjamas, nur hatte sich jetzt der oberste Knopf gelöst und er war zur Seite gerutscht, so dass nun eine ihrer samtweichen Schultern zum Vorschein kam.
Einmal mehr war Harm erstaunt darüber, wie sexy sein alter Pyjama wirken konnte, wenn die richtige Person ihn trug. Harm sah zu Keeter hinüber, aber sein alter Freund schien nichts Aufregendes daran zu finden, mit einer pyjamabekleideten Mac im selben Raum zu sein. Die beiden unterhielten und neckten sich lediglich, wie gute Freunde. <Hmm,> überlegte Harm, <Mit den Augen betrachtet, ist Mac schon sehr attraktiv. Aber mit dem Herzen betrachtet, ist sie sogar atemberaubend.>
"Ich versteh’s wirklich nicht," sagte Keeter gerade, während er heftig in der Pfanne rührte, "wie kann eine Frau eine geschlagene halbe Stunde... dreißig Minuten!... im Badezimmer brauchen? Nur für eine kurze Dusche? Oh, ja, ich weiß," fuhr er fort, ohne dass Mac zu Wort kam, "Frauen kennen keine kurzen Duschen! Frauen drehen das heiße Wasser auf, bevor sie in die Duschwanne steigen und haben dann natürlich erst mal damit zu tun, die Dusche in all dem Wasserdampf überhaupt zu finden! Und nachdem ihr dann eure zehn verschiedenen Duschgels, Shampoos, Spülungen, Conditioner durchprobiert habt, schnappt ihr euch ein Handtuch von der Größe eines kleinen afrikanischen Landes und..."
"... erwürgen den nächstbesten meckernden Mann damit!" unterbrach ihn Mac, "und nur zu deiner Information, Harm braucht im Durchschnitt 4 ½ Minuten länger als ich unter der Dusche. Und jetzt hör auf, dich über Skates zu beschweren und kümmere dich lieber um meinen Pfannkuchen!"
Keeter salutierte zackig. "Ma’am, ja, Ma’am!"
"Guten Morgen, alter Junge," grüßte Harm und betrat grinsend die Küche, "wie ich sehe hat Mac dich bereits um den kleinen Finger gewickelt."
Granny betrat angelockt vom Frühstücksduft die Küche. "Sieht so aus, als ob ihr bald die Finger ausgehen werden, wenn Jack um den einen und du um den anderen gewickelt bist, Harmon," kommentierte sie amüsiert.
"Ich?" Harm gab sich empört, "Wieso denn ich? Ich bin älter als Mac, größer, schwerer, stärker, schneller… wieso soll sie dann mit mir machen können, was sie will? Das macht doch keinen Sinn."
Granny tätschelte ihm tröstend den Arm. "Liebe macht keinen Sinn, Harmon," erklärte sie sanft, "aber ich bin trotzdem froh, dass du sie endlich gefunden hast."
Harm sah zu, wie ein glückliches Lächeln sich auf Macs Gesicht ausbreitete, dasselbe, das er auch auf seinen Lippen fühlte. Er trat auf sie zu, umspannte mit beiden Händen ihre Hüften und hob sie vom Küchentresen. Noch bevor Macs Füße den Boden berührten, hatten sich ihre Lippen zu einem Kuss gefunden. "Ich auch," sagten sie gleichzeitig, als sie sich wieder voneinander lösten.
Keeter räusperte sich. "Übernimm du mal, Mac," er drückte ihr die Bratschaufel in die Hand, "soviel Romantik am frühen Morgen kann ein eingefleischter Junggeselle wie ich einfach nicht ertragen. Außerdem hat Skates glaube ich endlich das Bad freigegeben."
Zögernd nahm Mac Keeters Platz am Herd ein. "Also, Harm, möchtest du Eier oder Pfannkuchen zum Frühstück?"
"Rührei," entschied Harm, in der Hoffnung, dass selbst Mac dabei nichts falsch machen konnte.
"Gut, etwas Anderes hättest du auch gar nicht bekommen. Ich schaudere jetzt noch, wenn ich an deine shrimpsförmigen Pfannkuchen denke! Wer weiß, was du als nächstes in diesen Haushalt einführen würdest!"
"Oh, da hätte ich durchaus ein paar Vorschläge," mischte sich Granny mit einem gewieften Grinsen ein, "Wie wäre es mit Babynahrung?" Hastig ging die alte Dame in Deckung, als ein Stück Rührei in ihre Richtung geflogen kam.
1705 Z-Zeit (12:05 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac klopfte schwungvoll an die offenen Bürotüre. "Hi, Harm. Bist du noch frei für eine Verabredung zum Lunch?"
"Ich bin immer frei, wenn es um Lunch geht," erklärte Harm entschieden und legte den Kugelschreiber beiseite.
"Hey, du stiehlst meine Sprüche!" beschwerte sich Mac.
Harm nahm seine Uniformjacke von der Garderobe. "Vielleicht solltest du dir dann neue einfallen lassen?" Er bemerkte die Tüte in Macs Hand. "Was ist das?"
"Brot."
"Brot? Ich dachte, wir gehen zum Lunch und du bringst trotzdem ein Vesperbrot mit?"
Mac schüttelte den Kopf. "Das ist für die Enten."
"Enten?"
"Es scheint hier drin ein Echo zu geben," bemerkte Mac spöttisch, "Ja, um die Enten im Park zu füttern."
"Jetzt?" Skeptisch sah Harm aus dem Fenster. "Mac, es regnet."
Mac zuckte gleichgültig die Schultern. "Das stört die Enten nicht."
Harm stöhnte. "Okay, jetzt ist es offiziell, ich bin mit einer Verrückten zusa..." Er brach ab, als plötzlich Harriet im Türrahmen auftauchte, "...ich bin mit einer verrückten Mitbewohnerin gesegnet!" änderte er seinen Satz eilig.
Harriet lächelte freundlich, aber in ihren Augen schimmerte Neugierde. Harm wusste, wenn jemand bei JAG ihr Geheimnis herausfinden würde, dann wäre das wahrscheinlich Harriet. <Wir müssen aufpassen!>
"Commander, Colonel, haben Sie schon gehört? Um 1330 ist eine Teambesprechung im Büro des Admirals. Der Marineminister war gerade bei ihm," erklärte Harriet vielsagend. Sie wandte sich zum Gehen, um auch den anderen Anwälten Bescheid zu sagen, als sie aus den Augenwinkeln etwas entdeckte und sich nochmals zu Harm umdrehte. Wortlos starrte sie ihn an.
"Harriet? Etwas nicht in Ordnung?" Harm sah verunsichert an sich hinab, entdeckte aber nichts, was Harriets Blick erklären könnte. <Kein Flecken auf dem Hemd, kein Knoten auf der Krawatte und sicher auch kein Lippenstift im Gesicht! Also was...>
"Ähm, Sir, Sie haben da..." Harriet fuchtelte mit dem Finger.
"*Was* habe ich *wo*?"
"Einen Kn... eine oberflächliche Verfärbung an Ihrem Hals, Sir." Harriet deutete auf die betreffende Stelle und konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
Mac fiel in ihr Lachen mit ein. "Du solltest deinen Freundinnen wirklich sagen, dass sie vorsichtiger sein sollen, Flyboy," stichelte sie.
Harm tastete über seinen Hals. <Knutschfleck? Ich kann mich nicht erinnern... Oh!> Plötzlich fiel ihm sein Sturz auf die Nachttischkante wieder ein. <Ich muss mir einen blauen Fleck geholt haben und Harriet denkt jetzt...>
Harriet runzelte ein wenig die Stirn, als sie Macs Bemerkung hörte und wirkte nicht sonderlich begeistert, von Harms ‚Freundinnen’ zu hören.
Harm schob seine Partnerin zur Tür. "Los, Mac, die Enten warten! Bis später, Harriet."
Zwanzig Minuten später saßen sie in der kleinen Snack-Bar, die Mac für ihr Lunch ausgewählt hatte. "Erdnussbutter?" wiederholte Harm ungläubig, als Mac ihm ihre Wahl verkündete, "Zum Lunch? Außerdem, weißt du, wie viele Kalorien das Zeug hat?"
Mac nahm die Ermahnung gelassen hin. "Nein, aber ich vermute, das wird sich gleich ändern."
"Über 600!"
Der Kellner, ein junger, südländisch wirkender Mann, tauchte neben ihrem Tisch auf. "Was darf ich Ihnen bringen?"
"Den gemischten Salatteller, bitte," antwortete Harm, während er misstrauisch bemerkte, wie der Kellner einen interessierten Blick über Macs Uniform und das, was darunter lag, gleiten ließ. <Was ist plötzlich mit sämtlichen Kellnern und Kellnerinnen von ganz Washington los? Gehört Flirten neuerdings zur Berufsbeschreibung? Oder war das schon immer so und ich hab es früher nur einfach nicht bemerkt... oder sogar mitgeflirtet?>
"Ich hätte gerne eine kleine Portion Hühnchen-Fajitas und das Erdnussbutterdessert."
"Eine ausgezeichnete Wahl, Señorita!" Mit einer kleinen Verbeugung und einem charmanten Lächeln in Macs Richtung eilte der Kellner davon.
Harm sah dem Kellner wenig erfreut nach. <Señorita? Woher will dieser Möchtegern-Don-Juan denn wissen, dass sich nicht längst Señora ist? Meine Señora!>
"Harm, ich geh mal schnell für kleine Anwältinnen, ja? Wage es nicht, mir doch noch einen Salat zu bestellen, während ich weg bin!" Mac erhob sich und machte sich auf die Suche nach der Toilette.
Harm lehnte sich wartend zurück und bemerkte, dass der Kellner sich ihm zielstrebig näherte. <Wenn er mich jetzt nach Macs Telefonnummer bittet, fliehe ich mit Mac durch das Toilettenfenster!>
Der Kellner blieb vor dem Tisch stehen. "Entschuldigung, wissen Sie zufällig, ob Ihre... Kollegin? Freundin?... die süße Erdnussbutter oder die knusprige haben möchte?"
Harm war ratlos, auch wenn er das nie vor Don Juan zugegeben hätte. <Knusprig oder süß? Welche Erdnussbutter mag Mac wohl lieber? Wenn ich sage, ich weiß es nicht, sieht das so aus, als ob unsere Beziehung nicht fest genug wäre, um Wissen über Erdnussbutter-Präferenzen zu erfordern. Dann könnte Don Juan hier auf dumme Gedanken kommen...> "Süß," entschied er und tat, als bestelle er jeden Tag Erdnussbutter für Mac, "meine *Freundin* hätte gerne die süße Erdnussbutter."
Kaum war der Kellner in die Küche zurückgekehrt, kam Mac wieder. "Ich hab dir eben süße Erdnussbutter bestellt," informierte Harm sie, "oder hättest du lieber knusprige gehabt?"
Mac schüttelte den Kopf. "Süß ist perfekt. Siehst du, du hast doch einen guten Geschmack, was Erdnussbutter betrifft. Das muss mein guter Einfluss sein."
Der Rest des Essens verlief reibungslos. Wie gewöhnlich tauschten die beiden Anwälte ihren gegenseitige Abneigung bezüglich der Menüwahl des jeweils anderen aus und ‚Don Juan’ beschränkte sein Flirten unter Harms wachsamen Augen auf ein Minimum.
"Hast du bemerkt, wie er dich angesehen hat?" fragte Harm, als sie sich auf den Rückweg machten.
"Hm?" Mac, die den Blick gerade auf den Gehsteig gerichtet hatte, sah auf. "Ach, du meinst Miguel?"
Harms Augenbrauen schossen in die Höhe. <Sie kennt seinen Namen?> "Du kennst ihn? Woher weißt du seinen Namen?"
"Oh, das Namensschild auf seiner Hemdtasche hat mir einen guten Hinweis darauf gegeben," antwortete Mac grinsend, "aber ich schätze, du warst zu eifersüchtig, um es zu bemerken."
"Pah, eifersüchtig? Ich?" Harm rollte mit den Augen, "Ich war noch nie in meinem Leben eifersüchtig." Das stimmte sogar, aber natürlich hatte er auch noch nie in seinem Leben jemanden so geliebt wie Mac. Er gab es nicht gerne zu, aber er fühlte sich noch immer ein wenig unsicher, was die Festigkeit ihrer Beziehung anbelangte. Nie zuvor hatte er eine Beziehung fürs Leben geschlossen und deshalb war er unsicher, wie er dabei vorgehen sollte. Er wollte Mac nicht zu einer festen Bindung drängen, bevor sie dazu bereit war. Und er wartete immer noch auf den perfekten Moment, um ein richtiges ‚Ich liebe dich’ auszusprechen.
Glücklicherweise kam die Diskussion zu einem Ende, als sie das JAG-Hauptquartier erreichten. Sie kamen nur bis ins Großraumbüro, bevor Admiral Chegwidden sie entdeckte. Er schien nicht sonderlich gut gelaunt zu sein. "MacKenzie, Rabb, in mein Büro!"
2315 Z-Zeit (18:15 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Wir haben ein Problem," verkündete Mac ihren versammelten Teilzeit-Mitbewohnern, kaum dass die Haustüre schwungvoll hinter ihr zugefallen war.
"Was denn, kein Nutella mehr bekommen?" Granny schmunzelte tolerant.
Mac ließ sich neben Harm auf die Couch fallen und tastete haltsuchend nach seiner Hand. "Nein, das ist es nicht, obwohl ich Nutella und alle anderen Grundannehmlichkeiten des Lebens für die nächste Zeit sicher auch abschreiben kann."
Im Wohnzimmer trat schlagartig Stille ein. Will sah seine Enkelin erstaunt an. "Du willst deine Ernährung umstellen? Bist du etwa..."
"…schwanger?" platzte Granny aufgeregt heraus.
Mac stöhnte und vergrub das Gesicht in Harms Schulter.
Harm drückte aufmunternd ihre Hand. "Nein, wir... Mac ist nicht schwanger," stellte er klar und warf seiner Großmutter einen tadelnden Blick zu, "Aber da, wo wir die nächsten paar Tage verbringen werden, gibt es weder Nutella noch Burger King." Er spürte, wie Macs Atem seinen Hals streifte, als sie abgrundtief seufzte.
<Kein Nutella, keine Burger, keine Pizza, kein Popcorn, keine Eiscreme... barbarisch!>
"Keinen Burger King?" Keeter war ähnlich entsetzt wie Mac, "Wo zum Teufel fahrt ihr hin? In ein iranisches Gefängnis?"
"So ähnlich," murmelte Mac, "das gesamte JAG-Team wird für drei Tage nach Oregon geschickt. Der Marineminister hat vermutlich in alten Pfadfinder-Erinnerungen geschwelgt und jetzt möchte er, dass wir in der Wildnis campen, über Felsen klettern und einen Fluss bezwingen. Angeblich soll uns das helfen, Vertrauen in einander und ins Team aufzubauen." Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie hob den Kopf, um Harm anzusehen. "Liegt in Oregon Ende Januar noch Schnee?"
"Ich dachte, du magst Schnee." Harm musste beinahe über Macs Missmut lachen.
"Tue ich auch, wirklich. Ich mag Schnee," sie lehnte den Kopf wieder gegen Harms Schulter, "im Fernsehen oder in Schneekugeln."
"Komm schon, Mac, vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm," munterte Harm sie auf, "Was sind schon drei Tage. Denk mal an all die schönen Dinge, die so ein Campingtrip mit sich bringt..."
Mac dachte nach. <Hmm, einen Schlafsack mit Harm teilen, romantisch Seite an Seite unter den Sternen schlafen, am Lagerfeuer sitzen und Marshmallows rösten...> Sie begann langsam, sich mit dem Gedanken anzufreunden, aber nur solange, bis ihr das ursprüngliche Problem wieder einfiel. "Jetzt müssen wir es bloß noch schaffen, unsere Beziehung weiterhin vor unseren Kollegen geheim zu halten und einem Traumurlaub steht nichts mehr im Wege."
Mac klang so frustriert, dass Harm ihr tröstend einen Kuss auf die Nasenspitze gab.
Granny begann zu lachen. "Oh, da würde ich wirklich gerne mal Mäuschen spielen! Unsere beiden Turteltauben, die den halben Tag lang von den Lippen abwärts untrennbar sind, spielen den anderen eine rein platonische Freundschaft vor! Ein Stein könnte neben euch Feuer fangen, ihr zwei, und das wird schwer zu verbergen sein..."
"Granny!" unterbrach Harm und hoffte, dass diese Pause es dem Wort Diskretion erlauben würde, in Grannys Bewusstsein vorzudringen. Natürlich grundlos.
"...besonders, wenn man bedenkt, dass es da draußen keine Bibliotheken, Büros und Fahrstühle gibt, in die man sich mal für ein paar Minuten zurückziehen könnte," fuhr Granny belehrend fort.
"Unsinn, Granny," widersprach Mac entschlossen, "wir haben alle lange genug getäuscht und wir werden sie auch weiterhin täuschen. So lange es eben nötig ist."
"Oh, ja, ihr habt sie getäuscht, aber in einer hochoffiziellen Büro-Umgebung, die sicher keine besonders romantischen Gefühle aufkommen lässt!" zerpflückte die alte Dame sofort Macs Argument, "Hast du mal bemerkt, wie ihr euch in einem weniger... formellen Setting verhaltet?" Sie wies auf die dich aneinandergekuschelten Gestalten ihrer Enkel auf der Couch.
Harm löste seine Lippen, die er gerade gegen Macs Schläfe gedrückt hatte, ruckartig von seiner Partnerin, als er einsah, dass Granny Recht hatte. "Gott, Mac, wir müssen uns was einfallen lassen," meinte er ratlos, "Iß Knoblauch, hör auf, dir die Zähne zu putzen, kauf dir neonfarbenen Lippenstift.... aber hilf mir irgendwie, die Abhängigkeit von deinen Küssen zu bekämpfen!"
Mac zuckte die Schultern. "Ich glaube nicht, dass es im Hausregel-Buch irgendeine Regel dafür gibt. Ich denke, das Schlüsselwort heißt Zurückhaltung. Wir tun einfach so, als wären wir nur Freunde."
"Oh, ja, das hört sich *umwerfend* erfolgsversprechend an," kommentierte Skates ironisch, "wo doch jeder weiß, dass Piloten ihre Pfoten nicht bei sich behalten können!"
Harm hob die Hände zu einer Unschuldsgeste. "Ich glaube nicht, dass du Anlass zu Schadenfreude hast, Skates, schließlich bedeutet unser kleiner Oregon-Trip, dass du und Keeter den Urlaub im Hause MacKenzie/Rabb vorzeitig abbrechen müsst."
"Unsinn, Harmon," widersprach Granny sofort, "das kannst du zwei jungen Offizieren, die so hart arbeiten und ihrem Vaterland so treu dienen, doch nicht antun! Will und ich sind doch hier, wir können uns doch um die beiden kümmern!" Ihr listiges Grinsen ließ vermuten, dass das ‚Kümmern’ eine ganz besonders persönliche Betreuung beinhaltete; eine, die mit ihrem Aphrodite-Kostüm übereinstimmte.
Keeter sah zweifelnd zwischen Granny und Skates hin und her. "Ich weiß nicht, Mrs. Rabb..."
"MacKenzie."
"Hm?"
"Mrs. MacKenzie," verbesserte die alte Dame, "aber wieso nennt ihr Kinder mich nicht einfach Granny, das ist für meine senilen Gehirnzellen viel besser zu merken."
"Na schön, *Granny*, ich weiß wirklich nicht, ob wir unter diesen Umständen hier bleiben sollten..."
"Ja," stimmte auch Skates zu, "vielleicht sollten wir lieber ein anderes Mal..."
"Madonna mia, meine Beliebtheit ist im Moment wohl mit der der Beulen-Pest vergleichbar!" Granny schüttelte ihr silbergraues Haupt.
"Oh, nein, Mrs... ähm, Granny, wir wollen nur niemandem zur Last fallen," beeilte sich Skates zu versichern, "stimmt’s, Keeter?"
"Natürlich! Ansonsten würden wir natürlich..."
"Gut, dann ist es also abgemacht. Ihr bleibt hier und helft uns, Harmons und Sarahs Übungskinder zu hüten," beschloss Granny zufrieden.
Harm erhob sich und zog Mac mit sich in Richtung Schlafzimmer. "Gut. Jetzt, wo du und Will ein neues Spielzeug habt, können wir ja in Ruhe unsere Koffer packen gehen." Er schloss die Schlafzimmertüre hinter Mac und drückte sie aufs Bett. "Du bleibst hier sitzen und sagst mir, was du gepackt haben möchtest."
"Wieso? Ich kann doch selbst packen." Verwirrt sah Mac zu ihm auf.
Harm schnaubte. "Du? Kannst packen? Mac, gib’s zu, Packen ist keine deiner starken Seiten. Spätestens, wenn du an das Einpacken der Schuhe kommst, läuft die Sache unkontrolliert aus dem Ruder... außerdem weigere ich mich, wieder so eine Blamage mitzumachen wie damals, als wir nach Pennsylvania geflogen sind und du deine Tasche aufmachen musstest. Ich glaube, der Zollbeamte hatte noch nie so viele Gläser Nutella an einem Ort gesehen."
Mac ließ sich aufs Bett zurückfallen. "Na und? Nur weil er so unwissend war, hätte er mich deshalb noch lange nicht des Schmuggels verdächtigen und jedes einzelne Glas öffnen lassen sollen!"
"Damals hast du dich aber nicht beschwert, du warst sogar so hilfsbereit, ihm anzubieten, dass du von jedem Glas probieren könntest, angeblich, um ihm zu zeigen, dass es wirklich Nutella ist." Harm begann, T-Shirts in einen großen Trekking-Rucksack zu stapeln.
"Na gut, oh Schutzpatron des makellosen Kofferpackens, dann walte mal deines Amtes," gab Mac nach.
Harm nickte und hielt grinsend ihre Unterwäsche hoch. "Weiß oder schwarz?"
1734 Z-Zeit (09:34 Uhr PST/Pacific Standard Time)
McKenzie Bridge State Airport
Nähe McKenzie Bridge, Oregon
Harm verließ hinter Alan Mattoni das Rollfeld, immer bemüht, unauffälligen Abstand von Mac zu halten.
"McKenzie-Flughafen, McKenzie Bridge, McKenzie-Highway, McKenzie-River..." kommentierte hinter ihm Bud mit seinem breiten Honigkuchenpferd-Grinsen an Mac gewandt, "Hier muss es Ihnen einfach gefallen, Ma’am!"
Harm war sich da nicht so sicher. Mac war noch immer verärgert, dass die drei Tage lang auf ihr geliebtes Nutella verzichten musste, nur um so zu tun, als ob sie und Harm nicht mehr teilten als denselben Beruf. Der ständige leichte Regen trug auch nicht gerade zu ihrer Aufheiterung bei.
Ein großer, braungebrannter Mann begrüßte sie und führte sie zu einem Kleinbus mit der leuchtendroten Aufschrift ‚McKenzie River Adventures’. "Sie sind Chegwidden und Rabb, richtig?" Der Tourführer blickte auf sein Clipboard und hakte die Namen ab, "Dann müssen Sie MacKenzie sein. Toller Name, übrigens." Er zwinkerte Mac freundlich zu.
"MacKenzie mit ‚a’," betonte Mac, während Harm den Führer misstrauisch begutachtete. Falls auch dieser Mann eine plötzliche Vorliebe für Brünetten entdeckte, konnte Harm diesmal nicht darauf hinweisen, dass Mac schon anderweitig vergeben war.
"Ich bin übrigens Matt Forbes, Ihr Führer für dieses Wochenende," erklärte der große Mann, während sie an ihm vorbei in den Bus einstiegen, "unser Basiscamp ist etwa fünf Meilen entfernt von hier, aber Sie können gerne schon mal beginnen, unseren Standard-Fragebogen auszufüllen und wir haben auch Sandwichs, falls jemand hungrig ist."
Harm ließ Harriet höflich den Vortritt, als sie an die Reihe kamen, einzusteigen und sah fast ein wenig neidisch zu, wie sie den Platz neben Bud wählte. Manchmal wünschte er sich wirklich, seine Beziehung mit Mac nicht länger geheim halten zu müssen, aber nach all dem hin und her hatten sie beschlossen, dem Admiral eine Verschnaufpause zu gönnen, bevor sie ihm reinen Wein einschenkten, daher musste Harm sich nun mit dem Platz hinter Mac begnügen. <Na ja, wenigstens muss Singer mit einer uns wirklich wohlgesonnenen Grippe das Bett hüten, sie wäre wirklich kein guter Bus-Nebensitzer-Ersatz für Mac.> Er nahm den zweiseitigen Fragebogen entgegen und begann, seinen Namen einzutragen.
"Wow! Wusstest du, dass der McKenzie 89 Meilen lang ist?" las Bud seiner Frau fasziniert aus einem dicken Reiseführer vor, "Die Quelle liegt hoch in den Cascade Mountains und dann fließt er 89 Meilen nach Westen, bis er bei Eugene in den Willamette River mündet."
Harm blickte durch das Fenster hinaus auf den breiten, schnell fließenden Fluss, der umgeben von dichten Wäldern parallel zum Highway, auf den sie jetzt eingebogen waren, verlief. Wassertropfen aus seinem Haar fielen auf das Blatt Papier und erinnerten Harm daran, dass er noch einen Fragebogen auszufüllen hatte. ‚Familienstand’ stand dort als nächstes geschrieben und darunter gab es fünf Kategorien zum Ankreuzen: ‚Verheiratet’, ‚geschieden’, ‚verwitwet’, ‚single’ und ‚in einer festen Beziehung lebend’. Harm trommelte nachdenklich mit dem Bleistift auf dem Blatt herum.
"Probleme, Mister Rabb?" fragte Matt Forbes, der sich schräg gegenüber niedergelassen hatte, "Kann ich Ihnen bei der Frage helfen?" Er reckte den Kopf um zu sehen, welche Frage Harm Kopfzerbrechen bereitete.
Harm nahm sein Blatt an sich. "Oh, nein, keine Probleme, alles klar," versicherte er eilig und kreuzte wohl oder übel ‚single’ an. <Ich hätte nie gedacht, dass mir so ein blödes Kreuz auf einem blöden Fragebogen soviel ausmachen würde, aber... es fühlt sich einfach nicht richtig an. Ich fühlte mich einfach nicht mehr ‚single’,> stellte er mit einem gewissen Erstaunen fest. Das erste Mal in seinem Leben war er in einer Beziehung, die er für die Ewigkeit wollte.
Matt, der Führer, wurde glücklicherweise abgelenkt, als Admiral Chegwidden vor sich hin brummte. "Haustier? Die wollen wissen, ob ich Haustiere habe? Zählt ein ausgestopfter Wildschweinkopf?"
Kurz darauf verteilte Matt Forbes Sandwichs und Harm tröstete sich mit einem Krabben-Brötchen über den Fragebogen hinweg.
"Hey!" sagte Macs leise Stimme und Harm sah sie zwischen den beiden Sitzen vor ihm hindurchschielen, "Vergisst du nicht eine Kleinigkeit?" Sie deutete auf sein Brötchen.
"Vergessen? Du meinst Mayonnaise? Du weißt, dass ich diese Salmonellen-Spielwiese nicht esse!"
"Nicht Mayonnaise," Mac rollte mit den Augen, "ich rede von Hausregel Nummer zwei!"
"Richtig, Mac, HAUSregel Nummer zwei – die im Moment nicht gilt, weil wir nicht zu HAUSE sind." <Obwohl ich wünschte, wir wären es,> fügte Harm in Gedanken hinzu. "Außerdem... haben wir nicht auch eine Hausregel, die die Menge der verzehrten Lebensmittel reguliert?" Er deutete spöttisch auf die beiden dick belegten doppelten Wurstbrote in Macs Händen.
"Haben wir nicht, hatten wir nie und werden wir definitiv auch nie haben!" protestierte Mac sofort, "Die Menge der verzehrten Lebensmittel wird nur von unserem Haushalts-Budget eingeschränkt und sollte uns das Geld ausgehen, muss ich eben eine Shrimps-Steuer erheben. Außerdem habe ich jetzt Hunger, schließlich ist es in Washington jetzt Zeit fürs Mittagessen."
"Aber hier ist es noch nicht einmal zehn Uhr; ich dachte, deine innere Uhr lässt sich nicht durch solche Zeitverschiebungen verwirren?" Fragend hob Harm die Augenbrauen.
"Meine innere Uhr nicht, aber meine inneren Organe schon. Mein Magen besteht darauf, jetzt Lunch zu bekommen," beharrte Mac.
"Oh, dann greif ruhig zu, wir wollen doch alle deine Körperteile zufrieden stellen!" Harm grinste.
Mac wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als der Bus hielt. "Paradise Campground – ihre neue Bleibe," verkündete Matt Forbes und deutete auf eine Holzhütte, die in einiger Entfernung des eigentlichen Campingplatzes lag.
"Paradise?" echote Mac zweifelnd, während sie zusah, wie der Regen draußen den Boden in Schlamm verwandelte. <Wenn das hier das Paradies ist, dann gebt mir bitte einen Apfel. Ich möchte schleunigst vertrieben werden!>
Sie stiegen aus dem Bus und wurden sofort von kühler Luft, dem Nieselregen und dem Geruch von Pinien begrüßt. Eilig liefen sie hinüber zu der robusten Holzhütte und suchten auf der Veranda Schutz vor dem Regen.
Matt Forbes schloss die Türe auf und trat zurück, um die Anwälte mit ihrem Gepäck eintreten zu lassen. Harm sah wenig begeistert zu, wie er versuchte, Mac ihren schweren Trekkingrucksack abzunehmen. Glücklicherweise ließ Mac, der Marine, sich nicht darauf ein. Höflich lehnte sie die Hilfe ab und trug ihren Rucksack alleine zu einem der Hochbetten hinüber.
Der Raum war einfach eingerichtet und gerade so groß, dass er den acht Personen genügend Platz bot. "Leider kein getrenntes Zimmer für die Frauen," erklärte Forbes bedauernd, "aber wenn das ein Problem ist, könnte ich ein Zimmer in meinem Haus anbieten..."
"Kein Problem, das geht schon so," sagten Harriet und Mac wie aus einem Munde.
Aufatmend wählte Harm das Bett unter Macs, während Harriet bereits die Duschen nebenan inspizierte.
"Ich sehe gerade, es hat aufgehört zu regnen, wir sollten gleich mit der ersten Aufgabe für Sie beginnen," beschloss ihr Seminarleiter, "Wir haben einen Parcours vorbereitet. Den Startpunkt sehen Sie da drüben," er deutete durch das Fenster hindurch auf einen schmalen Waldweg, der zwischen den Bäumen verschwand, "Es ist ein zehn oder elf Meilen Weg und er führt Sie vorbei an allen Stationen und Hindernissen, die Sie für die erste Aufgabe zu bewältigen haben. An jeder der Stationen finden Sie einen kleinen Automaten, bei dem Sie diese Karten hier abstempeln müssen." Forbes reichte jedem eine Karte mit fünf freien Feldern. "Das Ziel dieser Übung ist, dass alle es schaffen; Sie sollen lernen, als Team zu arbeiten. Dies ist kein Wettrennen oder Ausdauertest, okay?" Er sah die Navy-Leute der Reihe nach an und hatte ein besonderes Lächeln für Mac übrig.
"Okay," Chegwidden steckte entschlossen seine Karte ein, "lassen Sie uns gehen!"
Nacheinander traten sie nach draußen und begannen mit geschulterten Rucksäcken den nassen Waldweg entlangzugehen. Der Pfad wand sich durch den dichten Nadelwald, vorbei an normalerweise kleinen Bächen, die jetzt durch die Regenfälle viel Wasser führten.
Harm hielt seinen Blick auf Mac, die vor ihm ging, gerichtet, während er immer wieder nassen Ästen auswich, die drohten, ihm ins Gesicht zu klatschen. Er beobachtete, wie ihre kräftigen Wadenmuskeln unter ihren Jeans spielten und wie sie mit geschickten Fingern die Zweige vor sich teilte, um hindurchgehen zu können.
Er war so in Gedanken versunken, dass er beinahe mit Mac zusammengeprallt wäre, als sie plötzlich stehen blieb. Vor ihnen stand der Rest des JAG-Teams vor einer Weggabelung, bei der zwei unmarkierte Wege nach rechts und links abbogen.
"Links oder rechts, Sir?" Ratlos sah Harriet den an der Spitze gehenden Chegwidden an.
"Das ist die Eine-Millionen-Dollar-Frage, Lieutenant." Der Admiral blickte prüfend zwischen den beiden Wegen hin und her. Der linke Weg war schmaler und gewundener, er verschwand nach einigen Metern hinter dichten Douglastannen. Der rechte Weg war etwas breiter und verlief in einem weiten Bogen. Der Boden dieses Weges war schlammiger, mit großen Wasserpfützen hier und da.
"Wir könnten uns trennen," schlug Gunnery Sergeant Galindez vor.
Chegwidden schüttelte den Kopf. "Ich glaube kaum, dass uns das bei der Aufgabe hilft. Forbes hat nicht umsonst die Teamarbeit so betont." Er sah wieder nachdenklich auf die Wege zurück.
"Der linke," murmelte Mac, "es muss der linke Weg sein."
Die Blicke der anderen richteten sich sofort auf sie.
Harm sah sie neugierig an. "Kommen uns jetzt die Spurenles-Künste deiner cherokesischen Vorfahren zugute, Marine?"
"Weibliche Intuition?" erkundigte sich Chegwidden mit einem Halblächeln.
Macs Mundwinkel zuckten amüsiert. "Nein, Sir, nichts dergleichen, einfach nur gutes, altes logisches Denken. Es sind zehn Meilen und fünf Aufgaben, das bedeutet, dass uns im Schnitt alle zwei Meilen eine Aufgabe gestellt wird. Wir sind jetzt aber schon über drei Meilen gelaufen, ohne dass etwas geschah und der rechte Weg führt ohne erkennbares Hindernis weiter. Wenn diese Weggabelung eine Entscheidungsaufgabe ist, dann müsste hier in der Nähe irgendwo einer dieser Automaten sein," Mac deutete auf den linken Weg, "vermutlich gleich hinter der Wegbiegung. Wenn wir dort keinen Automaten finden, können wir immer noch umkehren."
Chegwidden nickte zustimmend und sie schlugen den linken Weg ein. Tatsächlich fanden sie wenige Meter hinter der Wegbiegung einen Automaten, der ein Wege-Symbol auf das erste freie Feld ihrer Karten stempelte.
Als sie weitergingen, setzte erneut leichter Nieselregen ein.
"Wie war das noch mit der Bedeutung des Namens ‚Oregon’?" Harm sah skeptisch zum Himmel hinauf, "’Wundervolles Wasser’? Das oregonsche Wasser, das da auf uns hinabprasselt, hat schon vor Stunden aufgehört, wundervoll zu sein."
Chegwidden knurrte zustimmend, während er die Knöpfe seiner Regenjacke schloss.
Zwei Meilen und eine Baumkletter-Aufgabe weiter, trafen sie auf ein Schild am Wegrand. "Feuer machen?" wiederholte Tiner skeptisch die Aufschrift, "Ohne Streichholz und Feuerzeug? Bei Regen?"
Bud begann, in seinem Rucksack zu wühlen und förderte schließlich zwei Flintsteine zutage.
"Aha, der Lieutenant war bei den Pfadfindern," kommentierte Galindez.
"Nein, das hab ich eigentlich eher aus dem Manual für Opfer von Außerirdischen-Entführungen," antwortete Bud, während er über die Steine gebeugt arbeitete.
Kurze Zeit später sprühten Funken und ein Stück Papier begann zu brennen, nur um dann langsam im Nieselregen wieder zu erlöschen. Einer nach dem anderen schob seine Karte in den Stempelautomat und machte sich wieder auf den Weg.
Harm ging diesmal vor Mac, die das Schlusslicht bildete. Als er sich umdrehte, um kurz Blickkontakt herzustellen, stellte er fest, dass Mac stehen geblieben war und an den Trägern ihres Rucksackes nestelte. Harm warf einen Blick nach vorne, auf Harriet, die vor ihm her ging und sein Stehenbleiben gar nicht bemerkt hatte. <Gut.> Er trottete zu Mac zurück und lächelte, als sie den Kopf hob und zu ihm aufsah. Es war fast schockierend, wie viel Anstrengung es ihn kostete, nicht die Hand auszustrecken und ihr die feuchten Haarsträhnen aus dem Gesicht zu streichen. Wortlos legte er die Arme um Mac, um die Träger ihres Rucksackes bequemer einzustellen. <Na schön, das ist nicht der eigentliche Grund, aber es ist eine gute Ausrede, falls Harriet einen Blick zu uns zurück werfen sollte.>
Mac lehnte sich willig in die warme Umarmung. "Wenn du gerade dabei bist, der Bauchgurt..."
Weiter kam sie nicht, bevor ein Paar vertrauter Lippen auf den ihren sie unterbrachen.
"Mmmm," murmelte sie, als der Kuss endete, "ich bin nicht sicher, Harm, aber ich denke, das könnte unseren Kollegen einen Hinweis auf die Art unserer Beziehung geben."
"Die sind gerade hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden." Harm schüttelte den Kopf und genoss es noch für einige Sekunden, Mac endlich wieder in den Armen zu haben. Er schloss die Augen und für einen Moment *war* Oregon das Paradies auf Erden für ihn.
Ein zweiter, kurzer Kuss, dann lösten sie sich widerwillig voneinander und hasteten ihren Team-Kameraden hinterher. Der Regen stoppte, als sie zu den anderen aufschlossen, und langsam kam die Sonne zwischen den Baumwipfeln zum Vorschein.
Eine Meile weiter wurde der Pfad immer schmäler und endete schließlich vor einem breiten, schnell fließenden Bach, der sich tief in eine Schlucht eingegraben hatte und über den keine Brücke führte.
"Da!" Harriet streckte den Arm aus und zeigte auf ein einzelnes Tau, das, auf Schulterhöhe flankiert von zwei weiteren Seilen, über den Bach führte. Die ganze Konstruktion hing in etwa drei Meter über dem Wasser, so dass man bei einem Sturz außer seinem Stolz kaum etwas verletzen würde.
Das Problem bestand weniger aus der Notbrücke selber, sondern eher aus der dicken Schlange, die sich in der Mitte der Brücke um ein Seil geringelt hatte, um sich zu sonnen.
Harm trat an die Schlucht heran, stellte einen Fuß auf das Seil und schüttelte an den anderen beiden. Die Schlange rührte sich nicht. Harm machte einen tastenden Schritt vorwärts, dann noch einen und stand nun ganz auf dem dicken Tau, wobei er sich mit beiden Händen an den anderen Seilen festhielt. Er rüttelte wieder, um die Schlange abzuschütteln, aber das einzige Resultat war, das die Seilbrücke gefährlich zu schwanken begann.
"Harm..." Mac trat automatisch näher an die Brücke und sah besorgt zu, wie Harm sich langsam vorwärtsbewegte und sich der Schlange näherte.
Harm spürte, wie das Tau unter ihm schwankte, hörte das Rauschen des Baches und das Knarren der Seilfasern. Er hatte die Schlange jetzt fast erreicht und er merkte, wie sein Herz begann, schneller zu schlagen. "Brave Schlange," murmelte er beschwörend, "gaaaaanz ruhig jetzt." Schlangen waren taub. Er wusste das, aber es fühlte sich dennoch besser an, es zu sagen. Noch zwei Meter.
Harm konnte jetzt die in der Sonne glänzende Haut der Schlange erkennen und den Kopf, der von ihm weg gerichtet auf dem Seil ruhte. Harm machte noch einen Schritt und pausierte kurz als die Brücke zu schaukeln begann, was die Schlange ein wenig rutschen ließ.
Ein weiterer Schritt brachte ihn auf Höhe der Schlange. Langsam streckte er die Hand aus. Er unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen, als er Macs erschrockenes Einatmen am Ufer hörte. Seine Hand schoss vor und schloss sich hinter dem Kopf des Tieres um den Schlangenkörper. Neugierig hob er die Schlange vom Seil, um sie zu begutachten.
Mit Flyboy-coolem Gesichtsausdruck drehte er sich dann zu seinen Gefährten um, die ihn ehrfurchtsvoll beobachteten. "Made in Taiwan," rief er ans andere Ufer, "Die ist aus Gummi!" Kopfschüttelnd schlang er sich die ‚Schlange’ um den Hals und überquerte den Rest der Brücke.
Wenn ihr euch mal selbst ansehen möchtet, wie Harms & Macs "Urlaubsort" so aussieht, dann seht nach auf den folgenden Seiten:
McKenzie River Highway:
http://www.angling-artifacts.com/store/product46.html
Karten des McKenzie River:
http://www.oregonriver.com/McKenzie_River.jpg
http://www.flyanglersonline.com/features/greatrivers/mckenzie/mckenziemap.html
Karte von Lane County / McKenzie River Valley:
http://www.visitlanecounty.org
2220 Z-Zeit (17:20 Uhr EST)
Pennsylvania Avenue
Washington D.C.
"Wirklich nett von euch, dass ihr euch freiwillig dafür gemeldet habt, uns Washington zu zeigen," meinte Granny mit ihrem charmanten Märchen-Großmutter-Lächeln.
<Freiwillig gemeldet?> Skates warf dem hochgewachsenen Keeter neben sich einen skeptischen Blick zu, <Wann bitte haben wir uns freiwillig gemeldet? Ich habe jetzt noch ihre zuckersüße Stimme im Ohr: ‚Es wäre wirklich reizend von euch, wenn ihr uns ein wenig herumführen könntet, aber wenn ihr keine Lust dazu habt, dann werden wir beiden hilflosen Rentner uns irgendwie bemühen, uns nicht allzu sehr in der großen fremden Stadt zu verirren...’ Ich kam mir vor wie ein Soziopath, der eine alte Großmutter an der Straßenkreuzung stehen lässt!>
Gefügsam führten sie die beiden Rentner vom Weißen Haus zum Capitol am östlichen Ende der Mall.
"Oh, meine alten Beine!" Mit einer Schnelligkeit, die ihre Worte Lügen strafte, eilte Granny zu der Bank unter den großen, alten Bäumen vor dem Capitol und zog Will neben sich. Die beiden Senioren nahmen soviel Platz auf der Bank ein, dass Skates und Keeter gezwungen waren, dichter zusammen zu rücken.
Ein wenig neidisch sah Skates den vielen Skatern zu, die überall auf den Wegen rund um die Mall unterwegs waren.
Keeter, der die ganze Zeit über brav neben ihr hergetrottet war, folgte ihrem Blick. "Wieso heißen Sie eigentlich Skates?" erkundigte er sich, um ein Gespräch anzufangen.
"Weil ich früher auf den Dingern laufen als gehen konnte. Und warum heißen Sie Keeter?" Skates wusste aus Erfahrung, dass die meisten Piloten sehr viel ausschmückendere Rufnamen als ihren Nachnamen benutzten.
"Das ist mein Name," antwortete der F-117-Pilot, "Jackson D. Keeter."
Skates neigte vergnügt den Kopf. "Für was steht das D?"
"Es steht für ‚Das werden Sie nie erfahren’!" Keeter verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust, so dass seine breiten Schultern Skates streiften.
"Ach, jetzt kommen Sie, sagen Sie’s mir schon! Ihr Piloten seid doch sonst nicht so schüchtern," stichelte Skates grinsend.
Keeter blieb hart. "Das hat nichts mit Schüchternheit zu tun, das ist reiner Selbstschutz."
"Dann muss ich raten," drohte Skates.
"Nur zu, nichts kann schlimmer sein als mein tatsächlicher Name."
"Da wäre ich mir an Ihrer Stelle aber nicht so sicher. Dragomir? Dagobert? Daeldalus?" Skates Grinsen wuchs mit jedem Namen in die Breite.
"Meine Güte, Elizabeth! Ihre zukünftigen Kinder sollten wirklich hoffen, dass Ihr Mann die Namensgebung übernimmt!" warf Granny ein und blickte Keeter vielsagend an.
"Seht euch das an!" Will stupste seine Frau an und deutete auf den Rasen vor dem Capitol. Ein Tourist mit einer Kamera um den Hals verfütterte dort gerade Tic-Tacs an eines der beinahe zahmen Eichhörnchen.
Keeter schüttelte lachend den Kopf. "Ich bin sicher, das Männchen weiß ihren kussfrischen Atem zu schätzen."
"Wer sagt denn, dass das da nicht das Männchen ist?" fragte Skates herausfordernd.
"Männer müssen nicht so auf die Kalorien achten," behauptete Keeter grinsend.
"Ach ja?" Skates musterte den kräftig gebauten Piloten kritisch von Kopf bis Fuß.
Keeter zog den Bauch ein. "Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie eine seltsame Art haben, mit einem Mann zu flirten?"
"Ich flirte nicht!" erklärte Skates mit einer Miene, die keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit zuließ.
"Niemals?" Ungläubig musterte Keeter die attraktive Navy-Offizierin.
"Niemals," bestätigte sie würdevoll, während die beiden Rentner interessiert zusahen.
"Ach, kommen Sie, eine hübsche Frau wie Sie..." Keeter zwinkerte ihr zu, musste aber erneut feststellen, dass sein Flyboy-Charme einfach von ihr abprallte.
Skates begegnete seinen Blick, ohne das flirtende Lächeln zu erwidern.
"Auch nicht einfach so zum Spaß?" Keeter schüttelte nur noch den Kopf. Ihm war es nie sonderlich leicht gefallen, die Frauen zu verstehen, aber gegen *diese* besondere Frau war die Entschlüsselung ägyptischer Hieroglyphen ein Puzzle mit zehn Teilen.
"Zum Spaß?" echote Skates, "Wenn Sie auf einem Flugzeugträger zusammen mit Hunderten von arroganten Piloten leben würden, die sich für Gottes größtes Geschenk an die Frauenwelt halten, würden Sie auch nicht einfach so zum Spaß flirten!"
Keeter zuckte lässig die Schultern. "Ich *lebe* auf einem Flugzeugträger mit Hunderten von arroganten Piloten." Er grinste breit, als er glaubte, das Argument gewonnen zu haben.
Skates schnaubte. "Aber ich bezweifle, dass die alle vor Ihrer Türe campieren, um mit Ihnen zu flirten, oder?"
"Seid friedlich, Kinder!" mahnte Granny als hätte sie es mit zwei Fünfjährigen zu tun. "Elizabeth, Sie haben es hier nur mit *einem* arroganten Piloten zu tun und da Jackson ohnehin nicht nur vor der Türe, sondern im selben Haus campieren wird, sehe ich nicht, was an ein bisschen Flirten falsch sein soll."
Die beiden Navy-Offiziere zuckten zusammen bei der Erwähnung ihrer Taufnamen.
"Skates, bitte!" betonte die junge Frau sanft, aber mit Nachdruck, "und ich flirte nicht."
"Sie sind stur," bemerkte Keeter amüsiert und mit einer Spur Anerkennung in der Stimme, "ich verstehe langsam, wie sie es ausgehalten haben, monatelang mit meinem Kumpel Harm zu fliegen."
"Ganz einfach: Er war der einzige, der nicht mit mir geflirtet hat," erklärte Skates, während sie weitergingen.
"Kommt wohl daher, dass viel zu sehr mit den Gedanken bei seiner eigenen dunkelhaarigen Offizierin gewesen ist." Keeter grinste gutmütig.
Sie führten die beiden Senioren vorbei am Washington Monument, dem majestätischen Obelisk zwischen dem Capitol und dem Lincoln-Memorial, das sie als nächstes erreichten.
Die Sonne sank langsam tiefer, als sie die unzähligen Treppen zu dem einem griechischen Tempel ähnelnden rechteckigen Gebäude hinaufstiegen, das aus Stein aus den verschiedensten Staaten bestand. Die Außenwände wurden aus Marmor aus Colorado gebildet, der Kalkstein auf der Innenseite stammte aus Indiana, der rosafarbene Marmor für den Fußboden aus Tennessee und der Marmor für die Decke war in Alabama abgebaut worden.
Im Zentrum der Denkmalskammer stand die hohe Statue des sitzenden Lincoln aus weißem Georgia-Marmor, die nach Osten in Richtung des Washington Monument blickte.
Die Rentner und ihre beiden Fremdenführer setzten sich auf die oberste Stufe zwischen den 36 mächtigen Säulen, die die Anzahl der Staaten zum Zeitpunkt von Lincolns Tod angaben und sahen zu, wie die untergehende Sonne sich im Wasserbecken vor dem Denkmal spiegelte und das dahinterliegende Washington Monument in ein rötliches Licht tauchte.
Granny lehnte den Kopf zufrieden an die Schulter ihres Ehemannes. "Hmmm, das ist romantisch, meint ihr nicht auch, ihr zwei? Ich frage mich, was Harmon und Sarah in ihren Betriebs-Flitterwochen machen?"
Für Fotos von den Sehenswürdigkeiten in Washington D.C., die Granny, Will, Keeter und Skates besuchen, geht zu:
Capitol, Weißes Haus, Lincoln Memorial, Washington Memorial:
http://www.kestan.com/travel/dc/monument/
The Mall:
http://www.planetware.com/photos/US/DCMALL1.HTM
Bilder von den Memorials:
http://home.snafu.de/hermann.holzhauer/washing.htm
2259 Z-Zeit (14:59 Uhr PST/Pacific Standard Time)
McKenzie River
Oregon
Harm packte sein Paddel fester und sah einem ihrer beiden Flussführer zu, wie er erneut den richtigen Griff demonstrierte. Matt Forbes, ihr zweiter Rafting-Guide, kniete derweil hinter Mac im Boot und zeigte ihr und Bud die Handhabung des Paddels.
"Was passiert, wenn einer von uns aus dem Boot fällt?" fragte Harriet, während sie durch einen ruhigen Abschnitt des Flusses glitten.
"Dann werden Sie nass," antwortete Forbes vergnügt, während er zu einem zweiten blaugrauen Schlauchboot mit Chegwidden, Galindez, Mattoni und Tiner an Bord hinüberwinkte.
Harm grinste ironisch. <Als ob wir das nicht bereits wären!> Er sah zum Himmel hinauf, der noch immer voller Regenwolken war. <Hatte der Wetterbericht für heute nicht Sonne vorhergesagt? Hmpf, man sollte wirklich nie einem lächelnden Wettermenschen vertrauen!>
"Aber wenn Sie die Füße durch die Schlaufen am Boden des Rafts schieben, dürfte Ihnen das guten Halt bieten," erklärte Forbes beruhigend, "Hier auf dem oberen McKenzie gibt es ziemlich viele Stromschnellen, aber keine Sorge, weiter unten wird es dann ruhiger."
Harm ließ seinen Blick über die unruhiger werdende Oberfläche des blau-grauen Flusses gleiten, der schnell durch enge Schluchten abwärts floss.
"Okay, sagen Sie auf Wiedersehen zu Ruhe und Frieden," rief Forbes über das lauter werdende Tosen des Wassers hinweg, "Hier kommt die erste aufregende Stelle." Er steuerte sie um eine scharfe Flussbiegung.
Harm sah vor ihnen die Brücke auftauchen, die den Highway 126 am Städtchen McKenzie Bridge über den Fluss führte, aber dann tauchten sie in die Stromschnelle ein und er hatte kaum noch Augen für irgendetwas außer seinem Paddel und den Fluss unmittelbar vor ihnen.
Das Raft schlug knallend in ein Wellental. Wasser spritzte den sechs Paddlern in die konzentrierten Gesichter und durchtränkte ihre ohnehin schon feuchte Kleidung noch mehr. Das Boot wurde durch einen Engpass zwischen einem Garten aus großen Felsen getrieben, vorbei an einer weiteren Brücke und dann in eine scharfe S-Kurve.
Harm hätte nicht sagen können, ob eine Minute oder eine Stunde vergangen war, als sie wieder in ruhigere Wasser eintauchten. Er wischte sich Schaumspritzer aus dem Gesicht und als er sich zu den anderen umdrehte, galt sein erster Blick Mac.
Sie kniete noch immer neben ihm im Boot, beide Hände fest um das Paddel geschlossen. Die orange Schwimmweste und ihre Regenjacke über dem Baumwollhemd glitzerten vor Nässe. Eine braune Haarsträhne hing unter ihrem Sicherheitshelm hervor und klebte feucht auf ihrer Stirn. Ihre Wangen waren gerötet und in den braunen Augen, die Harms Blick erwiderten, glänzte Begeisterung.
Harm grinste ihr zu. Gerne hätte er die Hand ausgestreckt, um sie zu berühren, aber leider saß Harriet, die beste romantische Spürnase auf dieser Seite des Atlantik, mit im Boot und deshalb ließ er es lieber bleiben.
"Gleich geht’s wieder los!" rief Matt Forbes ihnen zu, "Da vor uns liegt Brown’s Hole, ein Loch auf der linken Flussseite. Wir müssen uns ganz auf der rechten Seite des Flusses halten, ansonsten laufen wir Gefahr, einfach zu kentern." Die beiden Flussguides steuerten das Boot nach rechts.
Harm sah das ‚Loch’ nicht, aber er spürte, wie das Boot kurz nach links trudelte und fast vom Wassersog erfasst wurde, aber ein paar geschickte Paddelschläge von Forbes ließen sie sicher an der Stelle vorbeischießen.
Kaum hatten sie das Hindernis passiert, als ein lautes Donnern vor ihnen bereits eine weitere Stromschnelle ankündigte. Mehrere Felsen ragten aus der Mitte des Flusses und für einen Moment glaubte Harm, sie würden mit dem größten Felsen in der Mitte der Stromschnelle kollidieren, aber dann steuerten sie sicher durch eine Öffnung rechts von dem Hindernis.
Harm sah Mac hinter einem Schwall von Wasser auftauchen und dann trieb das Boot aus der wilden Turbulenz in eine ruhigere Strömung. Der Fluss verbreiterte sich und die Oberfläche wirkte beinahe so glatt wie geschmolzenes Glas.
Sie passierten kleine Inseln, Kanäle und Teiche und schließlich eine letzte Stromschnelle, bevor sie ihr Ziel, die Hendricks Bridge, erreichten und das Schlauchboot ans Ufer paddelten. Harm kletterte aus dem Boot und streckte Mac die Hand hin, nicht, weil sie unbedingt Hilfe benötigt hätte, sondern eigentlich mehr, um sie berühren zu können, ohne Verdacht zu erwecken.
Ihre Haut fühlte sich kühl und feucht an und sie schüttelte sich wie ein nasser Hund, als sie ans Ufer kletterte, aber ihre braunen Augen blitzten übermütig.
"Wow!" kommentierte Bud, als er mit großen Augen aus dem Boot und auf den Kleinbus von ‚McKenzie Adventures’ zu torkelte.
Ein Bild vom Rafting auf dem McKenzie River findet ihr unter:
http://www.oregonriver.com/mckenzie.htm
2331 Z-Zeit (18:31 Uhr EST)
Georgetown
Washington D.C.
"Okay, Amazone, Sie sind dran!" Keeter schob Skates vor sich her auf das Linoleum der Kegelbahn und half ihr, eine passende Kugel auszusuchen. "Also, Sie halten die Kugel so...," er drückte der kegelunerfahrenen Skates die Kugel in die Hand und führte ihren Unterarm, "... und dann holen Sie aus... aber nicht übertreiben und passen Sie auf das kleine Glöckchen an der Schnur hier vorne auf... sehen Sie nach vorne auf die Kegel und setzen Sie die Kugel auf die Mitte der Bahn auf..."
"Hey!" unterbrach Granny vom Tisch vor der Kegelbahn aus, "Jackson, zeigen Sie ihr, wie man kegelt oder wie man eine Kegelbahn *baut* oder wieso dauert das so lange?" Sie zeigte ihre dritten Zähne als sie breit grinste.
Keeter, der dicht hinter Skates stand, richtete sich sofort auf und trat zurück zum Tisch. Er wollte Granny nicht *noch* mehr Anlass für einen ihrer Verkuppelungsversuche geben als sie von Natur aus schon fand.
Will, der sich auf die Suche nach der Bedienung der zugehörigen Kneipe gemacht hatte, kehrte mit dieser zum Tisch zurück. "Ah, mein Held!" begrüßte ihn die hungrige Granny, "Ich hab’s ja schon immer gesagt, Piloten sind etwas Großartiges! Sie sind gutgebaut, haben gelernt zu gehorchen und ihr Bett ordentlich zu machen... Jede Frau sollte ihren eigenen Piloten haben!" Sie zwinkerte Skates verschwörerisch zu. "Zwar erfordern sie eine Menge persönlicher Zuwendung und Pflege, aber alles in allem ist es die Sache doch wert."
Die kaugummikauende Kellnerin unterbrach sie mit der Frage nach ihrer Bestellung.
"Ich nehme ein Bitter Lemon und eine große Portion Pommes Frites," orderte Skates, als sie zum Tisch zurückkehrte.
"Und Ihr... Bruder?" Die Kellnerin notierte die Bestellung und nickte zu Keeter hinüber, der gerade auf der Kegelbahn stand.
Keeter warf eine Bande und drehte sich verärgert zu der Kellnerin um. <Bruder? Ich könnte genauso gut Skates Ehemann sein! Wieso hält sie mich automatisch für ihren Bruder? Ist ja schließlich nicht so, als ob wir uns zum verwechseln ähnlich sähen!> "Ihr *Bruder* hätte gerne ein scharfes Fleischermesser!" murmelte er finster. Langsam begann er wirklich, an seinem sonst so tadellos arbeitenden Flyboy-Charme zu zweifeln.
Skates machte sich nicht die Mühe, ihr Kichern zu unterdrücken. "Trotzen Sie nicht, Keeter," sie stupste ihren Flieger-Kollegen tröstend mit dem Ellenbogen an, "Sie sollten froh sein, dass sie nicht ‚Vater’ gesagt hat."
Keeter verschränkte die Arme vor der breiten Brust. "Jetzt kommen Sie aber, Skates, Sie wissen so gut wie ich, dass ich immer und überall als Ihr Freund, Liebhaber, Ehemann... was auch immer... durchgehen könnte."
"Ihr jungen Leute habt wirklich eine seltsame Art, jemandem eure Liebe zu gestehen," bemerkte Granny kopfschüttelnd.
Die Köpfe der beiden Flieger ruckten herum. "Granny, er hat mir überhaupt nichts gestanden, ja?!"
"Und bei allem Respekt, ich kann mich nicht daran erinnern, um irgendjemandes Hilfe bezüglich meines Liebeslebens gebeten zu haben," betonte Keeter, dessen Flyboy-Stolz langsam in Mitleidenschaft gezogen wurde.
"Wenn Sie ein Liebesleben *hätten*, dann würden Sie auch keine Hilfe benötigen!" kam Will seiner Frau zur Hilfe.
"Genau!" stimmte Granny zu, "Dann würden Sie und Elizabeth bestimmt nicht mit zwei Rentnern über einer Schnabeltasse Bier sitzen."
"Das tun wir doch gar nicht," verteidigte sich Keeter, "wir... ähm... gehen heute Abend noch aus, nicht wahr, *Elizabeth*? Wir gehen..." <Was tut diese kleine Amazone in ihrer Freizeit, außer Taxis für Senioren zu beschlagnahmen?> "... ins Kino, stimmt’s?" Beschwörend blickte er zu Skates hinüber. In der Hoffnung, dass sie ihm aus der Klemme helfen würde, schenkte er ihr sein charmantestes Flieger-Lächeln.
"Rein *brüderlich* natürlich," korrigierte Skates jedoch.
"Langsam kommt mir der Verdacht, dass Sie wirklich etwas gegen Piloten haben," murmelte der geschlagene Jack Keeter kopfschüttelnd. Er war es nicht gewöhnt, von Frauen so schnell ‚abgeschossen’ zu werden.
Skates grinste unbeeindruckt. "Oh, ich habe absolut nichts gegen Piloten, solange sie nicht versuchen, mit mir zu flirten – aber das ist eigentlich ein Widerspruch in sich."
Keeter gab vorerst auf und stahl zur Strafe Pommes von Skates Teller. Eine Stunde später verließen sie die Kegelbahn und schlenderten zur nächsten Metro-Station hinüber.
"Und Sie sind sicher, dass Sie nicht mit möchten?" vergewisserte sich Skates, "Wir finden sicher einen Film, der auch Ihnen gefällt?"
Granny schüttelte den Kopf. "Oh, nein, wir fahren schon mal nach Hause. Geht ihr nur zu eurem Rendezvous und habt einen schönen..."
"Es ist kein Rendezvous!" widersprach Skates energisch.
Granny rollte mit den Augen. "Schön, dann geht zu eurem Es-ist-kein-Rendezvous und verbringt einen schönen Abend."
"Wird schon schön werden – falls wir uns auf einen Film einigen können," meinte Keeter skeptisch. <Einen Film zu finden, der uns beiden gefällt, wird vermutlich so gut wie unmöglich sein!> Der Filmgeschmack von Männern und Frauen passte zusammen wie ein wütender Elefant und Meisner Porzellan. Er hatte das bereits bei unzähligen Frauen festgestellt und seither darauf verzichtet, mit seinen Eroberungen ins Kino zu gehen. <Was tue ich, wenn sie eine dieser Liebesschnulzen sehen will? Sie könnte sich als der größte ‚Vom Winde verweht’-Fan diesseits des Mississippis entpuppen! Kino war vielleicht doch keine so schlaue Idee.>
"Wie wäre es mit diesem Lehrfilm, der gerade angelaufen ist?" schlug Granny vor.
"Lehrfilm? Welcher Lehrfilm?" Keeter runzelte die Stirn. <Oh, nein, keine Dokumentationen, bitte, sonst schlafe ich ein!>
"Ich glaube, der Titel ist ‚Was Frauen wollen’," erklärte Granny und zwinkerte Keeter zu, "Das könnte doch durchaus hilfreich sein, oder?"
Keeter hatte von dem Film gehört, den Granny ihm da als ‚Lehrfilm’ verkaufen wollte. <Wääääh, eine Komödie! Wenn sie die sehen will, muss ich sie umbringen!> Vorsichtig blickte er zu Skates hinüber. "Welche Art von Filmen mögen Sie?"
"Alles, was spannend ist... Science Fiction, Thriller, Action-Filme...," erklärte Skates, "Und Sie?"
Keeter sah sie mit großen Augen an. <Eine Frau mit Filmgeschmack! Heirate mich. Jetzt auf der Stelle.> "Dasselbe, ich mag dasselbe," erklärte er staunend.
"Na seht ihr," Granny gab dem hochgewachsenen Piloten neben ihr einen liebevollen Klaps, "ihr seid wie füreinander geschaffen."
Wenig überzeugt davon, aber froh, den kupplerischen Klauen der beiden Senioren entkommen zu können, trottete Keeter neben Skates her, zur Rolltreppe der Metro-Station.
Wenig später standen sie im Kino-Foyer und starrten hinauf zu den Filmplakaten.
"Gladiator," sagten sie beide gleichzeitig und mussten grinsen. Ein Blick auf die Anzeigen über dem Kartenhäuschen brachte das Grinsen aber wieder zum Verschwinden, denn der gewählte Film war bereits ausverkauft.
"Men of Honor," schlug Skates stattdessen vor und deutete auf eines der Plakate, das einen Mann in einem Navy-Taucheranzug zeigte.
Keeter schüttelte den Kopf. "Falsches Element, wir sind Piloten, schon vergessen? Was ist damit?" Er nickte in Richtung des Plakates für ‚Erin Brockovich’.
"Nichts mit Anwälten, bitte!" protestierte Skates.
"Was sagen Sie zu ‚The Sixth Sense’?" schlug Keeter schließlich vor. <Ich hab den Film zwar schon gesehen – und zwar zweimal - , aber was soll’s...> "Er soll wirklich gut sein."
"Ich weiß – ich hab ihn schon dreimal gesehen," entgegnete Skates bedauernd.
Hilflos sahen die beiden sich an. Damit blieb ihnen nur noch ein Film übrig. "‚Was Frauen wollen’," murmelte Keeter skeptisch und warf einen Blick zu seiner Begleiterin hinab, "Wie wäre es, wenn Sie mir das einfach verraten und wir die eingesparte Zeit nutzen, um etwas trinken zu gehen?"
Skates lachte. "Oh, nichts da, Pilot, Sie werden sich den Film schön brav ansehen, ich wette, Will und Granny geben einen Fragebogen aus, sobald wir nach Hause kommen!"
Sie kauften sich Karten und nahmen in der letzten Reihe des Kinos Platz. Keeter rutschte sofort in seinem Sessel nach unten, so als wolle er nicht gesehen werden. Erst als das Licht ausging und die Werbung begann, setzte er sich langsam wieder auf.
Werbeausschnitte aus einem Trickfilm liefen über die Kinoleinwand. Skates sah mäßig interessiert zu, wie ein Säbelzahn-Eichhörnchen auf der Jagd nach einer Nuss über ein Eisfeld raste und lachte dann lauthals los, als ein Mammut erschien. "Hey, Manni!" Kichernd stieß sie ihren Fliegerkollegen mit dem Ellenbogen an.
"Ich warne Sie, keine dummen Witze über meine stattliche Figur!" Keeter reckte sich betont würdevoll, "Und außerdem, wenn ich das Mammut sein soll, dann sind Sie das dämliche Faultier!"
"Pssst!" zischte jemand in der Reihe vor ihnen, als der Hauptfilm begann.
"Mel Gibson," murmelte Keeter, als die Hauptperson zum ersten Mal auftauchte, "er hat mir in ‚Lethal Weapon’ besser gefallen."
"Mir auch," stimmte Skates grinsend zu, "besonders in der Szene, als er nackt in seinem Wohnwagen herumläuft!"
Keeter hob nur die Brauen, verzichtete aber auf einen Kommentar, als die Reihe vor ihnen erneut in kollektive "Pssst!"-Rufe ausbrach.
Sie schwiegen für ein paar Minuten. "Charmant, attraktiv, unwiderstehlich – klingt fast, als ob der Mann Pilot wäre und nicht in der Werbebranche," meinte Keeter nach einer Weile. Herausfordernd grinste er auf Skates hinab.
"Ja, er könnte wirklich Pilot sein – er hat keine Ahnung von der Psyche einer Frau," stimmte Skates zu.
"Psssst! Ruhe da hinten!"
Keeter rutschte wieder etwas tiefer in seinem Sessel und sah zu, wie Mel Gibson ein Paket mit Frauen-Produkten auspackte. <Antifaltencreme, Mascara, Lippenstift, Badeperlen, Nagellack, ein Wonderbra, Heißwachs zum Enthaaren... autsch! Ein Schwangerschaftstest, Volumenhaarschaum, Porenreiniger... meine Güte! Ich bin nicht sicher, ob ich die weibliche Psyche überhaupt verstehen *will*!>
Er sah zu Skates hinüber, die seinen Blick aber nicht erwiderte, sondern interessiert auf die Leinwand starrte. Keeter wandte den Kopf ebenfalls nach vorne, um festzustellen, was Skates Aufmerksamkeit so fesselte. <Mel Gibson nur mit einem Handtuch bekleidet, na toll!> Er lehnte sich zu seiner Begleiterin hinüber. "Hören Sie auf zu sabbern, Skates, der Typ gefällt Ihnen doch nicht etwa, oder?!"
"*Ich* soll aufhören zu sabbern? Vor zwei Minuten haben Sie fast das Popcorn der Oma in der Reihe vor uns eingesaugt, als sie Lola die Kaffeeverkäuferin gesehen haben!" gab Skates spöttisch zurück.
Keeter gab vor zu schmollen. "Sie wollen ja nichts von mir wissen, da muss ich mich ja anderweitig umsehen."
"Seien Sie endlich ruhig da hinten!" schrie eine empörte Stimme vor ihnen.
Die beiden Ruhestörer grinsten sich schuldbewusst an und schwiegen für den Rest des Filmes.
Knapp zwei Stunden später verließen sie das Kino und schlenderten Seite an Seite zurück zur Metro-Station.
"Also, sagen Sie schon, nach wem haben Sie sich ‚anderweitig umgesehen’? Wer ist Ihr Typ, hm? Lola, die Kaffeeverkäuferin? Darcy, die Karrierefrau? Ah, halt, jetzt hab ich’s: Babe, die Putzfrau!" Neckisch grinste Skates ihren Begleiter an.
"Hey, ich dachte, der Film soll uns beibringen, was *Frauen* wollen und nicht, auf was wir Männer stehen!" protestierte Keeter, "Und außerdem dachte ich, Sie flirten nicht mit Piloten."
"Ich flirte nicht im Geringsten, ich hab mich lediglich ganz sachlich nach Ihrem Typ erkundigt," stellte Skates richtig, während sie in die U-Bahn stiegen, "Also, wie fanden Sie den Film?"
Keeter musste insgeheim zugeben, dass der Film eigentlich ganz unterhaltsam gewesen war, aber das würde er Skates natürlich nie sagen. "Also, an einer Stelle hätte ich am liebsten ganz laut gerufen: ‚Pass auf den Fön auf!’"
Skates grinste. "Das *haben* Sie gerufen."
"Ach ja?"
"Ach ja." Skates nickte heftig.
Ihre Metro-Station kam und sie stiegen aus. Keeter schlenderte neben der Radar-Leit-Offizierin her und vergrub die großen Hände in den Taschen, ein wenig unschlüssig, wie er sich auf diesem ‚Es-ist-kein-Rendezvous’ verhalten sollte. "Ich... ich hatte einen wirklich schönen Abend," sagte er, als sie das Haus erreichten und Skates nach dem Schlüssel suchte.
Skates verzog das Gesicht. "Fällt Ihnen wirklich nichts Besseres ein?"
"Hä?" Verständnislos sah Keeter die junge Frau an.
"Na, ich meine, das ist es doch, was jeder am Ende einer Verabredung sagt, selbst wenn es ein schrecklicher Abend war – womit ich nicht ausdrücken will, dass der Abend schrecklich oder dass das eine Verabredung war," fügte Skates schnell hinzu.
Keeter stöhnte. "Sie sind wirklich eine schwierige Person, wissen Sie das?"
"Das ist schon besser." Skates grinste zufrieden und schloss die Türe auf.
Wenn ihr mehr über die Filme wissen möchtet, die Skates und Keeter an diesem Abend gesehen haben, seht nach unter:
"Ice Age":
http://www.hollywood.com/multimedia/gallery1/id/1103150
"Was Frauen wollen":
http://www.mediacircus.net/whatwomenwant.html
http://www.hollywood.com/multimedia/gallery1/id/472285
http://www.film24.de/film/kino/320.shtml
Ein Bild von der Washingtoner Metro findet ihr unter:
http://www.nycsubway.org/us/washdc/photogal.html
0618 Z-Zeit (22:18 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Paradise Campground
Oregon
Harm stand mit Chegwidden, Gunny Galindez und Matt Forbes auf der Veranda, während er darauf wartete, dass die Männer unter die Dusche durften und mit halbem Ohr zuhörte, was Forbes über den morgigen Tag erzählte.
"... und eine Bergtour in der nähe eines kleinen Sees, an dem Sie..."
Die Türe zur Hütte öffnete sich und Lichtschein fiel auf die im Dunkeln liegende Veranda. Harm drehte sich um, um zu sehen, was Forbes so plötzlich zum Verstummen gebracht hatte.
Mac stand im Türrahmen, mit nassem Haar und in einem Pyjama, der ein wenig an ihrer noch feuchten Haut klebte. Der unaufdringliche Duft von Pfirsichen, der von ihrem Shampoo stammte, lag in der Luft.
Harm musste sich förmlich zwingen, den Blick abzuwenden und nicht näher an Mac heranzutreten.
Matt Forbes hatte keine solchen Bedenken. "Guten Abend, Miss MacKenzie," er nahm höflich den Hut ab und trat näher, "ich hoffe, Sie haben alles zu Ihrer Zufriedenheit vorgefunden?"
Mac neigte den Kopf und schielte aus den Augenwinkeln zu Harm hinüber. <Zufriedenheit? Außer dass mir heute Nacht ein Wasserbett und ein gewisser Ex-Pilot darin fehlen werden...> "Alles Bestens," versicherte sie Forbes und mit einem Blick auf ihre drei Kollegen auf der Veranda fügte sie hinzu: "Die Dusche ist übrigens frei."
Harm war der letzte, der sich von der Veranda nach innen bewegte. Er warf einen Blick zurück auf Forbes, der noch immer mit Mac dastand, bevor er zögernd die Türe schloss. Nach der schnellsten Dusche seines Lebens trat er zurück auf die Veranda und fand zu seinem Unwillen Forbes und Mac noch immer dort draußen vor.
"Gute Nacht," sagte Forbes eben, "bis morgen früh." Er winkte und verschwand in der Dunkelheit.
Harm zog die Türe hinter sich zu und war zum ersten Mal wieder mit Mac alleine. "Forbes hätte beinahe seine Zunge verschluckt, als er dich im Pyjama gesehen hat," kommentierte er trocken.
"Ach, Unsinn," wehrte Mac verlegen ab.
"Richtig, er konnte sie gar nicht schlucken, weil er beinahe auf seine Zunge draufgetreten wäre!" Harm misstraute Mac nicht etwa, aber es gefiel ihm nicht, dass jeder Mann in ganz Oregon mit Ausnahme von Harmon Rabb junior offen mit Mac flirten durfte.
Mac lachte, wurde dann aber ernst, als sie Harms Blick sah. Sie zog ihn sachte in eine dunkle Ecke der Veranda. "Glaubst du wirklich, er... hat ein Auge auf mich geworfen?"
Harm nickte heftig. "So sicher, wie der Papst katholisch ist. Nicht, dass ich Forbes das irgendwie vorwerfen könnte..." Er ließ seinen Blick bewundernd an Mac hinauf- und hinuntergleiten und sah amüsiert, dass sie leicht errötete.
"Und was mache ich jetzt mit Forbes?" Unschlüssig sah Mac ihn an.
Harm drehte sich schnell zur Türe um, aber dort war glücklicherweise niemand zu sehen. "Nicht das hier." Er zog sie an sich und küsste sie rasch und zart, bevor er sie wieder freigab.
Mac seufzte, als sie sich von ihm löste. "Ich kann nicht versprechen, dass ich seinem Wildhüter-Charme nicht erliegen werde, aber..."
"Wildhüter-Charme?" echote Harm und gab sich empört, "Komm schon, Mac, so ein Paddelboot kann doch wohl nicht mit einer Tomcat mithalten und eine Schwimmweste nicht mit Dress Whites und Goldflügeln!"
"Na ja, im Boot ist mir zumindest nicht schlecht geworden," meinte Mac schelmisch.
"Aber Mister Wildhüter würde mit Sicherheit nicht so viele Punkte wie ich auf deiner Punkteskala erreichen und ich bezweifle, dass er dich seine Klamotten tragen lassen würde. Ganz zu schweigen von seinen sicher miserablen Rückenwasch-Fähigkeiten!" protestierte Harm mit Nachdruck.
Mac fuhr ihm liebevoll durch die feuchten Strähnen seiner Haare. "Keine Sorge, ich habe nicht vor, dich gegen irgendwen einzutauschen."
Harm grinste triumphierend. "Ich glaube, wir sollten rein zu den anderen gehen, bevor sich noch jemand fragt, wo wir geblieben sind."
Innen lagen die meisten Mitglieder des JAG-Teams bereits in ihren nicht sehr bequemen Betten, nur Tiner war noch damit beschäftigt, seine Wanderstiefel auf Hochglanz zu polieren, bevor auch er sich zur Ruhe begab.
Harm legte sich ins Bett und erhaschte einen Blick auf Macs wohlgeformte Waden, als sie die kleine Leiter hinauf ins Bett über seinem kletterte.
Tiner löschte das Licht.
Harm lag auf dem Rücken und starrte in der Dunkelheit auf die Matratze über ihm. Harriet flüsterte mit Bud, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagte. Chegwidden wälzte sich ein paar mal knurrend im Bett herum, aber schließlich kehrte Ruhe in der Hütte ein.
Harm hoffte, dass keiner seiner Kollegen schnarchte. Er wusste, dass Mac nicht schnarchte, es sei denn, sie war vollkommen erschöpft und lag auf dem Rücken, aber normalerweise rollte sie sich eng an Harm gerückt zusammen, den Kopf auf seiner Schulter, so dass ihr Atem leicht seinen Hals streifte. Es war unglaublich, wie gut sich das anfühlte und wie sehr er es nun vermisste.
Er rollte sich herum, suchte eine halbwegs bequeme Stellung und schloss frustriert die Augen. <Ein Schäfchen, zwei Schäfchen, drei Schäfchen...>
Eine halbe Stunde später hatte er eine riesige Schafherde, inklusive Schäferhunde, zusammen, ohne dem Schlaf näher zu sein als zuvor. Harm öffnete die Augen wieder und starrte nach oben, spähte durch die Lücke zwischen Wand und Bett und konnte in der Dunkelheit die Finger von Macs Hand ausmachen, die am Rande ihres Betts ruhten. Harm rückte näher an die Wand und streckte den Arm aus. Sanft schloss er seine Finger um Macs.
Ein überraschtes Keuchen, dann drückten Macs Finger seine Hand und ihre Augen spähten durch die Lücke zu ihm hinab. "Hi," wisperte sie.
Harm streichelte mit dem Daumen ihre Hand. Sie fühlte sich kühl an. "Kalt?"
"Mmmhm."
Harms Füße fühlten sich selbst wie ein Paar Eisblöcke an und er bezweifelte, dass er so würde schlafen können. Geräuschlos stieg er im Schutz der Dunkelheit aus dem Bett, kletterte die Leiter hinauf und schlüpfte mit unter Macs Decke.
"Harm!" flüsterte Mac. Ihre aufgerissenen Augen leuchteten in der Dunkelheit, "Was tust du denn?"
"Meine Pflicht als Offizier," sagte Harm dicht neben ihrem Ohr, "Ich bewahre einen Kollegen vor Frostschäden." Er schlang die Arme um Mac, zog ihren Kopf auf seine Schulter und stopfte die Decke um sie herum fest. "Hast du ein Problem damit?"
"Ich nicht, aber alle anderen," flüsterte Mac, "Ich dachte, wir versuchen, unsere Beziehung noch eine Weile zu verbergen. Wenn sie uns morgen früh zusammen im Bett erwischen, könnte das ein wiiiiinziges Bisschen verdächtig sein, meinst du nicht?"
"Entspann dich, ich klettere wieder in mein Bett, bevor es hell wird," versprach Harm, "es sei denn natürlich, du willst, dass ich jetzt sofort gehe." Er machte Anstalten, die Decke zurückzuschlagen.
"Grrmpff!" Mac schlang die Arme enger um ihn und vergrub ihr Gesicht in seinem warmen Nacken.
Harm grinste in der Dunkelheit und fuhr mit dem Finger behutsam die Kontur ihres Ohres nach. "Ich hoffe nur, dieses Ding bricht nicht unter uns zusammen." Er beäugte skeptisch das durchgelegene Bett.
"Ist schon okay, ich werde auf jeden Fall weich landen," flüsterte Mac. "Gute Nacht."
Harm spürte ihr Lächeln an seiner Schulter. Sanft küsste er ihren Mundwinkel. "Gute Nacht, Mac." Es dauerte nicht lange, bis er eingeschlafen war.
Mac atmete tief aus und ein. Vorsichtig nahm sie die große Hand, die ihre Hüfte umschlang, um sie zu betrachten. Sie streichelte sachte über ein paar einzelne Schwielen auf den kräftigen Fingern, bevor sie das Handgelenk küsste und die Hand dann über ihrem Herzen platzierte. Für eine Weile lauschte sie Harms regelmäßigem Atem, bevor auch sie einschlief.
1521 Z-Zeit (07:21 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Paradise Campground
Oregon
Harm rieb seine kalten Füße aneinander und schlug langsam die Augen auf. Er blickte hinab zum Fenster der Hütte und stellte fest, dass draußen bereits die Sonne aufging. <Oh, Mist!> Er stieß sich den Kopf an der Decke, als ihm plötzlich einfiel, dass er noch immer in Macs Bett lag.
"Guten Morgen, Sir," grüßte Tiner, der eben aus dem Bad kam, ruhig, "Tut mir leid, dass ich Sie heute Nacht mit meinem Schnarchen wach gehalten habe. Wirklich nett von Colonel MacKenzie, dass sie das Bett mit Ihnen getauscht hat."
Verständnislos setzte Harm sich auf und stellte fest, dass Mac bereits aufgestanden war – vermutlich schon vor Stunden. "Ja, wirklich nett," stimmte er zu. Mac musste in sein Bett übergesiedelt sein, als der Morgen graute, und war geistesgegenwärtig genug, eine glaubwürdige Ausrede zu erfinden.
Harm kletterte aus dem Bett und ging rasch ins Badezimmer. Als er nach draußen auf die Veranda trat, war gerade die Sonne aufgegangen.
Die Sonne brach durch den Morgennebel und die grauen Wolken am Himmel und spiegelte sich glänzend in den Wassertropfen, die an den Spitzen der Tannennadeln hingen. Hinter der Hütte hörte man das Rauschen eines der vielen Bäche der Gegend.
Harm lehnte sich gegen die Brüstung der Veranda und atmete tief die frische Waldluft ein. Er spürte die Anwesenheit einer anderen Person hinter sich und ohne sich umzudrehen wusste er, dass es Mac war.
Sie lehnte sich neben ihn an das Geländer der Veranda und eine Weile sahen sie schweigend hinaus auf den taubesetzten Wald.
"Gut geschlafen?" fragte Mac nach einer Weile.
"Anfangs schon, aber dann hab ich aus irgendeinem Grund kalte Füße bekommen und das Erwachen war gar nicht mehr so schön," erklärte Harm vielsagend und lächelte sie an. "Und du?"
"Anfangs schon," wiederholte Mac seine Worte, "aber nachdem ich mit dir das Bett getauscht habe, konnte ich nicht mehr einschlafen. Und es hat auch nicht gerade geholfen, dass Tiner im Bett gegenüber geschnarcht hat. Laut. In mein Ohr. Die – ganze – Nacht – lang!"
Harm schmunzelte und hätte gerne einen Arm um sie gelegt, aber Chegwiddens Räuspern von der Türe her ließ sie auseinanderfahren.
"Bereit zum Aufbruch? Oder hat Tiners Nachtkonzert Sie so traumatisiert, dass Sie nicht an unserem Ausflug in die Berge teilnehmen können, Colonel?" Ein leichtes Halblächeln umspielte die Lippen des Admirals.
"Oh, nein, keine Sorge, Admiral, ich bin Schnarchen von Zuhause gewöhnt," meinte Mac und warf Harm einen verstohlenen Seitenblick zu, bevor sie schnell hinzufügte: "Ich habe einen alten Hund, Sir."
Nach einem hastigen Frühstück verteilte das JAG-Team sich auf zwei Jeeps von ‚McKenzie Adventures’.
Sie folgten eine Weile dem hier schneller fließenden Fluss, vorbei an den Sahalie Falls, einem Wasserfall, der 30m über Lavafelsen in die Tiefe stürzte, bevor sie sich schließlich nach Nordosten wandten. Nach mehr als einer Stunde passierten sie Sisters, ein Städtchen, das direkt aus einem Westernfilm entsprungen zu sein schien. Der Weg stieg jetzt immer steiler an, folgte Flüssen und Bächen, vorbei an den unzähligen kleinen Seen der Cascade Mountains und wandte sich durch dichte Nadelwälder.
"Der Weg führt hinauf bis zum Dee Wright-Observatory auf dem McKenzie-Pass, aber da oben ist es zu dieser Jahreszeit nicht sehr vergnüglich, auch wenn man von dort einen tollen Ausblick auf die umliegenden Berge hat," erklärte Matt Forbes über die Schulter zurück. "Das Oberservatory ist eine Aussichtsplattform, die aussieht wie eine Burg aus schwarzem Stein. Die ganze Umgebung wirkt wie eine schwarze Mondlandschaft aus Lavafelsen. Aber wir fahren jetzt erst mal zum Robinson Lake."
Eine halbe Stunde später hielten die beiden Fahrer die Jeeps an. "Von hier aus geht’s zu Fuß weiter," erläuterte Forbes, "braucht irgendjemand Hilfe mit dem Gepäck?" Sein Blick ruhte freundlich auf Mac.
Harm schob sich dazwischen. "Nicht nötig," versicherte er mit steifer Höflichkeit, "Wenn der Colonel Hilfe braucht, dann werde ich das schon machen, schließlich habe ich heute Nacht auch in ihrem Bett geschlafen."
Forbes blinzelte überrascht und wandte sich ab, um die Spitze der kleinen Gruppe zu übernehmen, während das JAG-Team, im Glauben, Mac habe nur wegen Tiners Schnarchen mit Harm das Bett getauscht, keinen Anstoß an Harms Bemerkung nahm.
Im Gänsemarsch folgten die Offiziere den beiden Führern den schmalen Weg entlang. Der Regen hatte aufgehört und so hörte man außer dem Rauschen eines Baches und Vogellauten aus dem Wald nur das Atmen der Wandernden.
Der Waldweg führte aufwärts durch ein Wäldchen aus alten Douglastannen. Rechts von ihnen plätscherte ein Bach dahin und das Rauschen wurde immer lauter, je steiler der Weg wurde. Es roch nach Erde und Tannennadeln.
Nach zwei Meilen wurde der Weg langsam flacher und breiter. Mac hätte jetzt gerne Harms Hand genommen, so wie Harriet das bei Bud tat, aber mit einem Blick auf ihre Kollegen hakte sie stattdessen die Finger unter die Tragegurte ihres Rucksackes und marschierte weiter.
Der Wald lichtete sich und gab zum ersten Mal den Blick auf die umliegende Bergwelt, die Gipfel der Three Sisters, des Three Fingered Jack und Mount Jefferson in der Ferne frei.
Sie folgten dem Pfad eine weitere halbe Stunde, dann machte der Weg einen Bogen und führte sie an einen kleinen, herzförmigen Gebirgssee. Die Wolken am Himmel und die umliegenden Berge spiegelten sich im tiefen Blau des Sees wider.
"Wow!" sprach Bud ihrer aller Gedanken laut aus.
Matt Forbes grinste. "Also, auf welcher Seite des Sees wollen Sie zelten? Sie haben die Wahl zwischen Sonnenuntergang über Mount Jefferson von dieser Seite oder Sonnenaufgang über dem Three Fingered Jack von da drüben."
"Sonnenuntergang über Mount Jefferson," schlug Mac vor. <Ein bisschen Romantik will Frau schließlich haben, auch wenn wir unsere Beziehung verbergen müssen. Und dass Harm den Sonnenaufgang mit offenen Augen erlebt ist doch eher unwahrscheinlich.>
"Okay." Forbes und sein Mitarbeiter führten sie zu einer Stelle, an der der Boden festgetreten und die Reste eines Lagerfeuers zu finden war. Mit Hilfe der beiden Tourführer errichteten sie innerhalb kürzester Zeit fünf kleine Zwei-Mann-Zelte.
"Es ist nicht das Hilton, aber für eine Nacht ist es doch ganz komfortabel," kommentierte Forbes, während er zum Jeep ging, um die Angelausrüstung zu holen.
"Wir mussten so früh aufstehen, nur um hier am See angeln zu gehen?" sagte Harm ungläubig, als er eine Angelrute entgegennahm, "Dazu hätten wir nicht so früh aufbrechen müssen, ist ja nicht so, als ob die Fische zusammenpacken und das Wasser verlassen würden, nur weil wir ein paar Stunden später dran sind."
"Später am Tag beißen sie nicht mehr so richtig, Mister Rabb," belehrte ihn Forbes unnötigerweise. Harm war schon als Dreijähriger mit seinem Vater fischen gegangen, aber er hatte immer die Abendstunden bevorzugt.
Harm suchte sich seine Ausrüstung; Schnüre, Rollen und die Angelrute, zusammen und trug die Köderbox zum Wasser.
"Was trägst du denn da?" Neugierig sah Mac an Harm hinab.
"Das ist eine Wathose aus Neopren," erläuterte Harm und zwinkerte ihr leicht zu, "Du weißt doch, wie leicht ich kalte Füße bekomme."
"Oh, Gott sei Dank, ich dachte schon, du wärst teilweise von einer Boa verschluckt worden!" Mac grinste und in ihren Augen tanzten schelmische Lichtpunkte.
"Ha, ha! Ich wette, du hast noch nie im Leben geangelt, Landratte! Komm her und lass dir von einem alten Profi zeigen, wie’s geht." Harm suchte nach einer Angelrute, die das richtige Gewicht für Mac hatte und versah sie mit einem Köder. Er trat hinter sie und schlang den rechten Arm um Mac, um die Angelrute dicht neben ihrer Hand zu umfassen. "Okay, jetzt heben wir die Spitze der Angelrute und dann werfen wir sie in einer engen Schlaufe weg von uns in Richtung See. Fertig?"
Der Köder traf in einem Bogen aufs Wasser.
"Gut. Jetzt versuchst du, die Spitze der Rute oben zu halten und holst die Schnur langsam ein, ganz langsam, okay?" Harm hielt den Blick auf den Köder gerichtet.
Plötzlich stoppte die Schnur aufgrund einer leichten Bewegung im Wasser und Mac riss so ruckartig die Hände zurück, dass Harm beinahe kopfüber ins Wasser stürzte. "Langsam, langsam, nichts überstürzen! Erst einholen, wenn du sicher bist, dass einer angebissen hat! So hungrig wirst du ja wohl nicht schon wieder sein, oder?" neckte er seine Angelschülerin.
Er zeigte ihr erneut den Wurf und ließ sie dann für einen Moment allein, um seine eigene Angel zu holen.
"Hey, Harm!" rief Mac aufgeregt zu ihm hinüber, kaum dass er einen Meter weit gekommen war, "Ich glaube, ich hab einen!" Sie hielt die Angelrute mit einem Todesgriff umklammert und beobachtete, wie die Spitze mit dem Köder nach unten gezogen wurde.
Sie hörte, wie Harm seine Angel fallen ließ und zu ihr zurückeilte und schon schlangen sich zwei starke Arme um sie herum und halfen ihr, die Angelrute zu halten.
"Okay, ganz ruhig!" sagte Harm leise neben ihrem Ohr, "Halte die Spannung auf der Schnur und hol sie langsam ein, gaaaanz langsam! Nicht die Spannung wegnehmen, sonst entwischt er noch." Seine Hände bedeckten Macs, während sie gemeinsam gegen den Fisch ankämpften.
"Sieht so aus, als hätten Sie da einen wirklichen Fang gemacht, Commander!" kommentierte Chegwidden, der neben ihnen am Ufer stand.
Harm sah kurz auf. "Allerdings, Sir," bestätigte er und unterdrückte ein Schmunzeln, als er an Mac in seinen Armen dachte, "Ich glaube, das ist der beste Fang meines Lebens."
"Uff, der ist wirklich stark," Macs Hände ruckten unter Harms, "Nimm du lieber die Angel." Sie versuchte, ihre Finger zu lösen, aber Harm weigerte sich, ihr die Angel aus der Hand zu nehmen.
"Nein, du schaffst das," sprach er ihr ermutigend zu, "du hast ihn gleich. Halt nur die Schnur gespannt."
Matt Forbes eilte mit einem Netz herbei, als sie die große Forelle schließlich aus dem Wasser zogen.
Zufrieden beobachtete Mac das Glitzern der Morgensonne auf den nassen Schuppen des Fisches. "Können wir ihn jetzt zurücktun?"
"Zurück?" echote Harm, Forbes und der Admiral wie aus einem Munde.
"Miss MacKenzie, ein so großer Fisch ist entweder für die Bratpfanne oder für die Wohnzimmerwand gedacht," erklärte der Tourführer ungläubig.
"Ich möchte ihn aber lieber hier im See haben," beharrte Mac stur.
Harm lächelte vor sich hin, als er ein Stück ins Wasser hineinwatete und die Forelle wieder freiließ. <Für jemanden, der Stammkunde in jedem Steakhaus der Ostküste ist, hat meine Mac ein wirklich sanftes Herz.>
Die Aufregung um Macs Fang legte sich wieder, als das JAG-Team sich um den See verteilte, um zu angeln.
Harm wartete und wartete, wechselte mehrmals seinen Köder aus und probierte verschiedene Stellen im See aus, aber es wollte einfach kein Fisch anbeißen. Kopfschüttelnd sah er zu, wie Mac schon die dritte Riesen-Forelle aus dem Wasser zog.
Er beschloss, eine kurze Pause einzulegen und legte die Angel weg. Gemächlich schlenderte er zum Korb mit den Ködern hinüber, hob den Deckel und warf einen kurzen Blick hinein.
"Harm?" Mac hatte es gesehen. "Was tust du da?"
Harm ließ den Deckel fallen und sah mit unschuldigen blauen Augen auf. "Oach, gar nichts."
Mac schüttelte stumm den Kopf. <Hoffnungslos,> dachte sie liebevoll. "Ich habe genau gesehen, dass du in den Korb gekuckt hast. Kannst du mir sagen wieso?"
Harm zuckte lässig die Schultern. "Kein bestimmter Grund," behauptete er harmlos und warf seine Angel wieder aus.
"Haaaarm, die Krabben da drin sind Fischköder, kein Mittagessen! Wir haben Lunch dabei, falls du hungrig bist."
"Hey, ich hab sie nur gezählt, um zu sehen, wie viel wir noch haben, das ist alles, Mac!" verteidigte sich Harm.
"Oh, ja, natürlich!" Mac glaubte ihm kein Wort. "Harm, sie sind roh, halblebend und für die Fische gedacht! Das ist widerlich!"
"Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst," behauptete Harm.
Mac hob spielerisch einen Zeigefinger. "Tu nicht so. Du bist auf Entzug, ich kann es sehen!"
"Bin ich nicht!" widersprach Harm. Eine kurze Pause. "Was haben wir zum Lunch dabei? Krabben? Wusstest du übrigens, dass Oregon einer der führenden Shrimpproduzenten der Welt ist?"
Mac kam nicht zu einer Antwort, denn plötzlich zupfte ein Fisch an Harms Angel und riss sie ihm fast aus der Hand. "Das ist er jetzt, Mac, ich weiß es! Der große Fang!" erklärte Harm begeistert.
"Das hast du auch beim letzten gesagt und dann war es ein Winzling, der dir obendrein auch noch wieder entkommen ist." Mac lachte und legte ihre Angelrute weg, um ihm zuzusehen.
Tatsächlich entpuppte sich Harms ‚großer Fang’ als Fisch mit eher bescheidenen Maßen.
"Fang einfach ein weiteres Dutzend von dieser Größe und du könntest sogar genug für ein Fisch-Sandwich haben," neckte Mac belustigt.
"Du hast heute nur Anfängerglück, das ist alles," behauptete Harm möglichst würdevoll, "und außerdem bin ich zu höflich, um dir alle guten Fische wegzuschnappen."
"Na schön, dann erlaube ich dir jetzt, ganz ungentlemanhaft von jeder Höflichkeit abzusehen, dann werden wir ja sehen, wer den besten Fang macht." Mac neigte den Kopf und blickte ihren Freund herausfordernd an.
Harm grinste vor sich hin, als er den spielerisch-kämpferischen Glanz in ihren Augen sah. <Den hab ich bereits gemacht, ganz egal, wie viele oder wie wenig Fische ich fange.>
Karten vom Gebiet um Sisters findet ihr unter:
http://vulcan.wr.usgs.gov/Volcanoes/Oregon/HighCascades/Maps/map_sisters_area.html
Fotos vom Three Sisters Wilderness Area:
http://zebu.uoregon.edu/~dmason/Mckenzie/3sis.html
Fotos vom Three Fingered Jack:
http://vulcan.wr.usgs.gov/Imgs/Jpg/ThreeFingeredJack/three_fingered_jack.jpg
Fotos von den Three Sisters:
http://vulcan.wr.usgs.gov/Volcanoes/Sisters/images.html
Quick Time VR von Dee Wright Observatory:
http://www.mtnvisions.com/QTVR/OreQTVR/CentOR/MKPsQTVR.html
Foto vom Dee Wright Observatory:
http://umgawa.bands.uiuc.edu/~safford/pictures/1996/july_fourth/mackenzie1.jpg
1920 Z-Zeit (14:20 Uhr EST)
Lyndon Baines Johnson Memorial Grove
Washington D.C.
"Nun sagen Sie schon ‘ja’, Jackson," bettelte Granny zum hundertsten Male, während sie einen von Pinien und Rhododendron-Sträuchern gesäumten Weg entlang gingen.
Keeter sah unbehaglich zu der alten Dame hinab. "Ich weiß nicht, Granny, ich denke nicht..."
"Keine Widerrede, Keeter, Sie sind Pilot, sie *müssen* einfach mit," bearbeitete nun auch Will den jüngeren Mann.
<Müssen?> Keeter zog die Augenbrauen in die Höhe. <Mir scheint, meinen freien Willen habe ich irgendwo zwischen dem Jefferson Memorial und dem Franklin Delano Roosevelt Memorial heute Morgen verloren!> "Aber Skates fliegt doch auch, jedenfalls als Jägerleitoffizier," hilfesuchend wandte Keeter sich an Skates, "sie könnte Ihnen doch auch alles erklären, dazu brauchen Sie mich nicht."
"Unsinn, Jackson, natürlich brauchen wir Sie," widersprach Granny, "und außerdem ist es doch viel lustiger, als zwei Pärchen zu gehen, sonst muss die arme Elizabeth als drittes Rad am Wagen mitgehen."
"Granny, wenn Keeter nicht möchte, dann ist das völlig in Ordnung. Der ‚armen Elizabeth’ macht es absolut nichts aus, das dritte Rad am Wagen bei einem frischverliebten Rentnerehepaar zu spielen und Ihnen das Museum zu zeigen," kam Skates dem Piloten zu Hilfe, "wirklich nicht."
Sie stiegen eine Anhöhe hinauf und blieben stehen, um den Blick über das Potomac-Tal und die Skyline von Washington D.C. zu genießen.
Granny tätschelte Skates Hand. "Nicht nötig, dass Sie sich opfern, meine Liebe. Jackson ziert sich zwar noch ein wenig, aber man kann doch deutlich sehen, dass er eigentlich mit ins Museum möchte."
<Ach, kann man das?> Keeter betrachtete die alte Dame kopfschüttelnd.
"Oder gibt es etwa einen Grund, warum Sie dieses eine, spezielle Museum nicht besuchen möchten, Keeter?" erkundigte sich Will mit seinem listigen Cherokee-Grinsen, "Sagen Sie nicht, Sie haben dort mal versucht, unauffällig ein Flugzeug mitgehen zu lassen?"
Keeter seufzte und gab auf. "Okay, na schön, ich gehe mit. Aber sagen Sie nachher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt."
Will drehte sich triumphierend zu seiner Frau um. <Spiel. Satz. Sieg. Eins zu Null für das Seniorenteam!>
Der Weg, den sie entlanggegangen waren, endete vor einem großen Monolithen aus schroffem, hellroten Granit.
"Der Stein wiegt 43 Tonnen und stammt aus einem Steinbruch in Texas," erklärte Skates, die das Lyndon Baines Johnson-Memorial schon früher besucht hatte.
"Und zwar deshalb, weil Lyndon B. Johnson in Texas geboren wurde," fügte Keeter hinzu, "so wie ich." Ein Grübchen entstand auf seiner Wange, als er sein verwegenes Piloten-Grinsen zeigte.
"Aha, dann ist Ihr zweiter Vorname also ‚Davy’, nach Davy Crockett, hm?" vermutete Skates, die seit gestern mit dem Versuch beschäftigt war, seinen mittleren Vornamen aus Keeter herauszubekommen.
Keeter grinste nur mysteriös. "Wie ist eigentlich *Ihr* zweiter Vorname?"
"Ich habe keinen," behauptete Skates energisch, "also sagen Sie schon: Für was steht das ‚D’? Dionysos? Don Juan? Dilbert?"
<Soviel Phantasie bei einer Fliegerin! Wer hätte das gedacht!> Keeter lachte. "Nichts von all’ dem – obwohl mir ‚Don Juan’ gefallen könnte."
"Sie sagen es Ihr besser, bevor sie bei den Schimpfwörtern ankommt," riet Will weise, während sie sich auf den Weg zurück zur Metro-Haltestelle machten.
Eine Stunde später standen sie am Eingang zum ‚College Park Aviation Museum’ in Maryland.
"Vier Dollar für Erwachsene, drei Dollar für Senioren, Militärangehörige, Gruppen oder Kinder," las Skates den beiden etwas kurzsichtigen Rentnern vor.
"Na, zu einer der vier letztgenannten Kategorien gehören wir auf jeden Fall," meinte Will grinsend und zückte einen Geldschein, um für sie alle zu bezahlen.
Keeter zog den Kopf ein und versuchte, sich hinter Skates zu ducken, als sie das Kartenhäuschen am Eingang passierten, aber seine breite Statur verhinderte ein erfolgreiches Verstecken.
Skates drehte sich verwundert zu ihm um, als sie plötzlich seinen Atem im Nacken spürte. "Äh-hem, was genau soll das denn werden, Keeter? Ein Schwächeanfall oder versuchen Sie nur, mein Shampoo am Geruch zu erkennen?"
"Pssst," wisperte Keeter dringlich, "drehen Sie sich bitte wieder um und tun Sie, als ob ich gar nicht da wäre. Bitte!"
"Oh, das sollte mir leicht fallen. Ich bin geübt darin, Piloten, die mal an mir schnuppern möchten, zu ignorieren," meinte Skates und drehte sich wunschgemäß wieder um.
"Jack! Jack Keeter!" rief die Frau im Kartenhäuschen, die ihn jetzt doch entdeckt hatte.
<Oh, nein!> Keeter stöhnte innerlich. <Ich hab’s befürchtet!> Er drehte sich um und zwang ein falsches Lächeln auf seine Lippen. "Oh, hallo, Tina, ich hab dich gar nicht gesehen."
"Und ich hab nichts von dir gesehen oder gehört, seit diesem Abend damals," erwiderte die kurvenreiche Blondine vorwurfsvoll, "und dabei war es soooo ein toller Abend." Sie seufzte mit einem verklärten Lächeln.
Keeter widerstand nur mit Mühe der Versuchung, eine Grimasse zu schneiden. Der besagte Abend war das schrecklichste Date seines Lebens gewesen und er hatte nicht vor, es zu wiederholen. Hilfesuchend sah er sich zu seinen Begleitern um. "Ich... ähm, ich hatte ja auch einen schönen Abend..."
"... aber nicht den, den er mit Ihnen verbracht hat," kam Grannys zuckersüße Stimme ihm zu Hilfe, "wenn Sie meinen *Schwiegersohn* also bitte entschuldigen würden..." Die alte Dame legte je einen Arm um Skates und Keeter und führte sie am Eingang vorbei, während Will bezahlte.
Keeter atmete auf, als sei die erste Ausstellungshalle des Museums betraten. "Puh, danke, Sie haben was gut bei mir, Granny. Aber ich muss schon sagen, Sie verheiraten einen ja schneller als ein Prediger in Las Vegas!"
"Hey, da drüben sind Flugzeuge, die ich noch aus meiner aktiven Zeit kenne!" erklärte Will begeistert, als er sich ihnen anschloss, "Können wir uns die anschauen oder tummelt sich da drüben noch eine alte Flamme, der Sie lieber nicht begegnen wollen, Keeter?"
"Wissen Sie, ich vermisse wirklich die Loyalität unter Piloten!" warf Keeter ihm vor, "Und Sie könnten auch ruhig mal ein Wort für ihren ‚Mann’ einlegen, Skates."
"Ich denke nicht dran, ich halte zu meinen ‚Eltern’," entgegnete Skates grinsend und zog Will an der Hand hinter sich her, "Komm schon, ‚Dad’!"
Keeter sah ihnen nach. "Na, dann woll’n wir mal, Schwiegermama." Er bot Granny den Arm dar und sie hängte sich bei ihm ein. "Das da drüben," Keeter zeigte zu einer Glasfront, hinter der man eine Landebahn sah, "ist der älteste, ununterbrochen geöffnete Flugplatz der Welt. 1909 haben die Orville-Brüder und Wilbur Wright hier Flugunterricht gegeben. Hier wurde als erstes eine Flughöhe von einer Meile erreicht, hier startete das erste Luftpostflugzeug und der erste Helikopterflug."
Sie gingen vorbei an Schwarz-Weiß-Fotos, Gemälden von Flugzeugen, alten Fliegerzeitschriften, den ersten Luftpost-Briefmarken und technischen Handbüchern.
In einer Vitrine standen kleine Modelle von Flugzeugen aus dem ersten Weltkrieg, die nur aus Zahnstochern, Draht und Bindfaden hergestellt worden waren.
Sechs nachgebaute Flugzeuge waren in den verschiedenen Hallen ausgestellt, darunter der ‚Wright B Flyer’ von 1911.
Sie schlenderten vorbei an einem Raum, in dem man den Funkverkehr der lokalen Flughäfen mitanhören konnte. Granny zog Keeter mit sich zum ‚Papierflugzeug-Zentrum’, wo sie begeistert begann, mit Schere, Wachsmalstiften und Papier ein Flugzeug zu kreieren.
Keeter versuchte, sich davonzuschleichen, während Granny den neben ihr bastelnden Müttern und ihren Kindern erklärte, dass ihr ‚Schwiegersohn’ Pilot sei.
"Moment mal, Granny," wandte er ein, als es ihm endlich gelang, sie zum Weitergehen zu bewegen, "wenn ich Ihr Schwiegersohn bin und Harm ist Ihr Enkel, dann würde das ja bedeuten, dass ich sein Vater oder doch zumindest der Onkel bin."
Granny zuckte ungerührt die Schultern. "Tja, ich schätze, da haben Sie eine Menge Alimente nachzuzahlen, Jackson."
Bevor Keeter seine Vaterschaft bestreiten konnte, tauchten Skates und Will neben ihnen auf. "Hey, Keeter, wie wäre es mit einem Flug?" Skates zeigte herausfordernd auf ein interaktives Computerspiel, das das Museum eigentlich für Kinder anbot.
"Okay, aber machen Sie sich besser darauf gefasst, gnadenlos abgeschossen zu werden, Elizabeth Hawkes!" Keeter rieb sich voller Vorfreude die Hände und folgte ihr zu den Spielen hinüber.
Will und Granny sahen zu, wie ihre beiden Adoptiv-Enkel übermütig die Halle durchquerten, bevor auch sie sich in Bewegung setzten. Am anderen Ende des Raumes fertigte ein Fotograf Schwarz-Weiß-Bilder von den Besuchern an, das diese mit Schal, lederner Fliegerhaube und einer altmodischen Schutzbrille hinter einem Doppeldecker zeigte. Mit der gerahmten Fotografie machten sie sich schließlich daran, ihre jüngeren Begleiter wieder von ihrer Flugsimulation loszueisen.
"Ha! Gewonnen!" jubelte Skates so laut, dass sich alle Besucher im Unkreis von zwanzig Metern nach ihr umdrehten.
"Von wegen!" protestierte Keeter, "Sie haben mich abgelenkt!"
"*Ich* habe *Sie* abgelenkt?" echote Skates ungläubig, "Falls Sie abgelenkt waren, dann ganz sicher nicht von mir, sondern eher von der rassigen Schwarzhaarigen, die Sie so lautstark angefeuert hat!"
"Welche Schwarzhaarige?" Keeter tat so unschuldig, als hätte er in seinem ganzen Leben noch keine Frau mit schwarzen Haaren gesehen.
Skates rollte mit den Augen, trat näher an Keeter heran und fischte mit zwei Fingern in der hinteren Tasche seiner Jeans herum.
"Granny, Will, haben Sie das gesehen? Sie begrabscht mich und dabei behauptet sie doch ständig, sie flirte nicht mal!" protestierte Keeter, hielt aber dennoch unter Skates suchender Berührung still.
"*Diese* Schwarzhaarige!" Skates förderte einen Zettel mit Telefonnummer aus Keeters Tasche und hielt ihn dem Piloten triumphierend unter die Nase.
"Ach, die," Keeter machte eine wegwerfende Handbewegung, "die wollte nur... ähm, private Flugstunden von mir."
"Kinder, Kinder, kein Eifersuchtsdrama hier mitten im Museum," ging Granny dazwischen, "Wie wäre es, wenn wir alle etwas trinken gehen?"
Ohne auf ihre Antwort zu warten, schnappen sich Will und Granny die beiden Jüngeren und bahnten sich einen Weg hinüber zum ‚Aero Squadron Café’, das zum Museum gehörte.
Granny drückte Skates und Keeter nebeneinander auf zwei Flugzeugsitze, während Will alkoholfreie Cocktails für alle bestellte.
"Also, ihr zwei, ab sofort ist es vorbei mit dem ‚Sie’, wir stoßen jetzt auf das ‚Du’ an!" befahl Granny und hob ihr Glas.
Skates beäugte skeptisch ihr giftgrünes Getränk. "Okay, also, ich bin Skates," betonte sie, obwohl sie bereits ahnte, dass Harms Großmutter sie weiterhin ‚Elizabeth’ nennen würde.
Sie und Keeter nickten sich zu und ließen ihre Gläser aneinander klirren.
"So läuft das nicht," unterbrach Will die beiden, "In meiner Pilotenzeit hat man noch ganz anders mit einer Frau Brüder... Geschwisterschaft getrunken, aber wie mir scheint, sind die Piloten auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Könnte natürlich auch daran liegen, dass ihr *nur* von der Navy seid und nicht wie ich im Marine Corps..."
Das konnten Skates und Keeter natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Langsam und zögernd näherten sich ihre Gesichter einander. Im letzten Augenblick zuckte Skates noch mal zurück und warnte: "Wenn Sie.. du deine Zunge auch weiterhin benutzen willst, dann lässt du sie besser da, wo sie hingehört!"
Keeter hob abwehrend die Hände. "Wäre mir gar nicht anders eingefallen, schließlich hab ich schon die reinsten Horrorgeschichten darüber gehört, was Amazonen mit Männern machen, die..."
Skates unterbrach sein Geplapper, indem sie ihn kurzerhand am Hemdkragen packte und ihm blitzschnell einen Kuss auf die Lippen drückte.
"... sie unaufgefordert küssen," beendete Keeter mit großen Augen seinen Satz. Er betastete einen Moment lang seine Lippen, leerte dann sein Glas in zwei Zügen und erhob sich. "Wie wäre es mit noch einem Flug?" Diesmal war er es, der Skates herausforderte.
"Na schön," Skates stand ebenfalls auf, "aber diesmal drängeln Sie... drängelst du dich durch die Meute von Kindern vor dem Flugsimulator!"
"Nicht nötig!" Keeter winkte den beiden Senioren vergnügt zu und führte Skates hinaus aufs Flugfeld, direkt zu einem alten Doppeldecker. Er kletterte ins Cockpit und warf Skates einen amüsierten Blick zu. "Bitte einsteigen und die Türen schließen!"
Skates stand noch immer wie angewurzelt auf der Landebahn. "Sie wollen das Ding doch nicht etwa einfach so..."
"Stehlen?" Keeter lachte. "Nur keine Sorge, sie gehört einem alten Kumpel von mir und während Granny vorhin ihren Handtaschenflieger gefaltet hat, hab ich das hier mit ihm vereinbart. Ich muss dir doch mal zeigen, wie es ist, mit einem *richtig* guten Piloten zu fliegen." Er zwinkerte ihr zu.
Skates stieg ein und konzentrierte sich aufs Festhalten, während die Maschine startete. Es war nicht unbedingt der glatte Start einer Tomcat, an die sie gewohnt war. Konzentriert starrte Skates auf die verwirrende Anordnung von Schaltern, Hebeln und Anzeigen vor sich. Nichts ähnelte den eleganten, hochmodernen Displays einer F-14. "Hey!" brüllte sie über den Motorenlärm hinweg, "Was soll ich tun, wenn du plötzlich einen Herzinfarkt hast oder so was?" Skates sah nach unten, auf die spielzeugklein wirkenden Häuser.
"Siehst du den roten Regler da drüben?" rief Keeter zurück, "Den schiebst du hin und her."
"Und was bewirkt das?" Skates besah sich den Regler misstrauisch.
"Ach, gar nichts, das sind nur die Landelichter. Aber es wird dich beschäftigt halten, während wir in einer Bruchlandung zu Boden fallen." Keeter lachte.
"Oh, wie einfühlsam!" beschwerte sich seine Co-Pilotin, "Mir ist eben klar geworden, warum du Militärpilot geworden bist und keine Jumbo Jets fliegst!"
Keeter grinste nur. "Weil die Airline Angst um ihre Stewardessen hatte?"
Hier findet ihr Bilder von den Orten, die Skates, Keeter, Granny & Will an diesem Tag besucht haben:
Fotos vom Lyndon B. Johnson Memorial:
Fotos vom College Park Aviation Museum:
http://www.quirksworld.com/otbp/mayjun01.html
2209 Z-Zeit (14:09 Uhr PST/Pacific Standard Time)
In der Nähe des Three Fingered Jack
Oregon
Mac setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und achtete darauf, dass sich keine Steine unter ihren Stiefeln lösten, die möglicherweise Harm, der hinter ihr ging, treffen konnten.
Sie hatten sich ein Stück von Matt Forbes, der sie hinauf auf den Three Fingered Jack führen sollte, zurückfallen lassen, während Forbes Kollege bei den anderen im Camp geblieben war. Mac genoss die frische Bergluft und dass sie zum ersten Mal wieder fast alleine mit Harm war.
"Ich sage ja immer noch, dass du geschummelt haben musst," murmelte Harm laut vor sich hin.
Mac warf einen Blick über die Schulter zurück. "Hab ich nicht! Erklär mir doch mal, wie ich beim Angeln schummeln soll?"
"Das weiß *ich* doch nicht, schließlich fische ich ja ehrlich, aber du wirst da schon so deine fiesen Marine-Tricks haben," meinte Harm neckisch, "Oder du hast geschwindelt, als du behauptet hast, du hättest noch nie geangelt."
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Nein, nein und nochmals nein. Das ist einfach eines meiner vielen verborgenen Talente. Du weißt ja: Stille Wasser sind tief und die besten Fische gibt es immer in den verborgensten Plätzen." Sie grinste ihn vergnügt an.
"Verdächtig, verdächtig! Woher hast du diese ganzen Fisch-Sprichwörter? Verbringst du deine Freizeit seit neuestem damit, die ‚Philosophie des Angelns’ zu lesen?"
Vor ihnen drehte sich Forbes um, um zu sehen, wo sie blieben, da jetzt das Gelände felsiger und der Weg steiler wurde.
"Ich wette, er würde dir nicht beim Angeln helfen," bemerkte Harm, gerade so laut, dass nur Mac ihn hören konnte, "und wenn doch, dann würde er dich nicht mehr Fische als er fangen lassen, während ich so galant war, dass alles, was ich eingefangen habe, vermutlich eine Erkältung ist."
Matt Forbes winkte und sie schlossen zu ihm auf. Gemeinsam gingen sie weiter. Um sie herum wurden die Bäume immer weniger und der Weg wich immer mehr Geröll. Einige Stellen waren noch vereist und selbst mit ihren Kletterstiefeln rutschten sie für jeden Schritt vorwärts einen halben zurück.
Trotz der kühlen Luft in Schweiß gebadet, kamen sie schließlich auf einem kleinen Plateau. auf halber Höhe zum Gipfel, an.
Nach einer kurzen Rast folgten sie weiter dem schmaler werdenden Weg, der sich um den Berg herum wand. Sie kletterten langsam und konzentriert und gelangten schließlich nach einer weiteren Stunde anstrengender Beinarbeit auf den Gipfel.
Mac ließ sich atemlos auf dem nächstbesten Felsen nieder und Harm ließ sich, ebenso erschöpft, neben sie fallen. Erst nach einer Weile sahen sie beide auf und nahmen den Anblick, der sich ihnen vom Three Fingered Jack aus bot, wahr.
Harm arbeitete sich auf die Beine und drehte sich langsam um 360 Grad. Der Three Fingered Jack, einer der alten, inaktiven Vulkane der Cascade Mountains, bot einen exzellenten Blick auf die umliegende Bergwelt. Im Norden erhoben sich Mount Jefferson, Mount Hood und Mount Adams, südlich lagen Mount Washington und die Three Sisters und dazwischen erstreckten sich endlose Waldgebiete, die gelegentlich von einem Gebirgssee unterbrochen wurden.
"Sehen Sie die Three Sisters?" Matt Forbes setzte seine Wasserflasche ab, um von links nach rechts auf die drei nahe beieinander liegenden Berge, auf deren Gipfel noch Schnee lag, zu zeigen. "North Sister, Middle Sister und der höchste ist South Sister. Wir Einheimischen nennen sie liebevoll Faith, Hope und Charity."
Mac begann in ihrem Rucksack nach etwas Essbarem zu suchen.
"Was wäre es dir wert, wenn ich dir jetzt auf der Stelle ein Päckchen M&Ms anbieten könnte?" fragte Harm, der dicht neben ihr saß, leise.
Macs Augen weiteten sich. "Wehe, du scherzt nur mit mir!" Sie suchte Harms Hosentaschen mit den Augen ab.
"Also? Was ist es dir wert?" Harm schlug spielerisch nach Macs tastenden Fingern.
"Hmmm... wie wäre es mit einer Fußmassage, wenn wir zurück ins Camp kommen?" bot Mac an.
"Eine Fuß- und eine Rückenmassage," feilschte Harm mit einem charmanten Flyboy-Grinsen. Er wusste, dass Mac ihm nichts abschlagen konnte – ihm und einem Päckchen M&Ms.
"Einverstanden." Mac begann, die weiten Taschen seiner Trekkinghose zu durchsuchen und Harm ließ sie lachend gewähren. Schließlich fand sie den ersehnten Schoko-Schatz in der Seitentasche und riss glücklich die gelbe Packung auf. "Die sind schon auf Körpertemperatur vorgewärmt, was?" kritisierte sie, als sie die ersten buntglasierten Schoko-Erdnüsse in den Mund schob.
"Hätte ich sie etwa auch noch eisgekühlt hier hoch bringen sollen?" Harm sah ihr vergnügt beim Essen zu. Die Erdnüsse verschwanden eine nach der anderen. "Nicht so hastig, Mac, *ich* esse sie dir bestimmt nicht weg."
"Ich habe Hunger," erklärte Mac kauend, "schließlich habe ich heute auch fünf Fische gefangen!" Ihre braunen Augen funkelten schelmisch. "Wie viele Fische hast du noch mal gefangen, Harm?"
Harm murmelte etwas Unverständliches.
"Was? Ich hab dich nicht verstanden, Harm. Wie viele Fische sagtest du?" Mac neigte neckisch den Kopf.
Harm setzte einen betont gelangweilten Blick auf. "Einen."
"Einen," wiederholte Mac mit einem wissenden Lächeln und hob beide Augenbrauen, "und du hast ihn zurück ins Wasser geworfen."
"Ja, genau wie du auch, weil ich ihn eben nicht behalten wollte." Harm zuckte lässig mit den Schultern.
"Nun ja, er war ja auch ziemlich klein, nicht wahr?"
Noch ein gelangweilter Blick von Harm. "Worauf willst du hinaus, hm?"
"Oach, auf nichts." Mac war ein Bild der Unschuld.
"Mac, nur zu deiner Information, das war ein vollkommen perfekter Fisch!"
Mac nickte in völligem Ernst. "Natürlich, Harm. Es war ein perfekter Fisch. Klein, aber perfekt." Sie lächelte ihn mit liebevollem Spott an, vergewisserte sich, dass Forbes gerade nicht hinsah und schob Harm schnell ein M&Ms in den Mund, gefolgt von einem raschen Kuss.
Fotos vom Three Sisters Wilderness Area:
http://zebu.uoregon.edu/~dmason/Mckenzie/3sis.html
Fotos vom Three Fingered Jack:
http://vulcan.wr.usgs.gov/Imgs/Jpg/ThreeFingeredJack/three_fingered_jack.jpg
Fotos von den Three Sisters:
http://vulcan.wr.usgs.gov/Volcanoes/Sisters/images.html
0047 Z-Zeit (16:47 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Robinson Lake
Oregon
"Sir, Ma’am," Bud setzte sich zögernd zu Harm und Mac ans Lagerfeuer und Harriet nahm lächelnd neben ihm Platz, "Wir... ähm, hätten da eine etwas... ungewöhnliche Bitte..."
"Und die wäre?" Harm, der gerade dabei war, das Brot fürs Abendessen aufzuschneiden, sah auf.
"Es geht um die Zelte, Sir. Tiner und der Gunny teilen sich ein Zelt, der Admiral und Commander Mattoni ebenfalls, die beiden Führer das dritte und dann sollten wir, also Sie, Sir, und ich, eines teilen und Harriet und Sie, Ma’am, das andere..."
Mac nickte. "So war es vorgesehen, ja." Ermutigend nickte sie Bud zu, fortzufahren.
"Das Problem dabei ist...," Bud räusperte sich nervös, "...na ja, Ma’am, sehen Sie... Harriet und ich, wir... wir sind verheiratet und daran gewöhnt, miteinander zu schlafen... zusammen... nebeneinander, meine ich und weil Sie und der Commander Freunde sind, wollten wir Sie fragen, ob Sie vielleicht – nur für die eine Nacht – die Plätze tauschen und in einem Zelt schlafen würden..."
Mac lächelte verständnisvoll. "Einverstanden."
Buds Bitte kam ihr sehr entgegen, so wurde ihr erspart, selbst nach einer glaubhaften Begründung zu suchen, warum sie mit Harm in einem Zelt schlafen musste. <’Ich hab meinen Schlafsack vergessen’ wäre sicher keine gute Ausrede.>
"...es ist mir durchaus klar, dass das eine ziemlich ungewöhnliche Bitte ist..." fuhr Bud fort, ohne ihre Einwilligung wahrzunehmen.
"Bud," unterbrach Mac amüsiert.
"... und mir ist bewusst, dass dies kein Familienurlaub ist..."
"Bud!"
"...ich würde Sie ja auch nicht darum bitten, aber..."
"*BUD*!" riefen Mac, Harm und Harriet gleichzeitig. "Ich sagte, wir sind einverstanden," fügte Mac hinzu.
Bud grinste erleichtert. "Oh, wow, danke, das ist wirklich nett von Ihnen, Ma’am, Sir."
Matt Forbes verteilte Blech-Teller und sie probierten den vegetarischen Eintopf, den Harriet zubereitet hatte.
"Hm, köstlich, Harriet," lobte Harm zwischen zwei Bissen.
"Danke, Sir, aber der Admiral hat geholfen," wehrte Harriet bescheiden ab.
"Ach was, ich habe lediglich gekostet," meinte Chegwidden und runzelte die Stirn, als er das schlecht verborgene Grinsen seiner Anwälte sah. Das ganze Team wusste, wie gut der Admiral im Vorkosten von Speisen war. "Sie und der Colonel können morgen früh das Frühstück übernehmen," meinte A.J. Chegwidden mit einem Nicken in Harms Richtung.
Harm, Bud und Harriet und alle anderen, die schon mit Macs Kochkünsten Bekanntschaft gemacht hatten, sahen mit großen Augen auf. "Ähm, Sir, ich glaube nicht, dass Sie feststellen wollen, warum Mac den Menschen, der die Mikrowelle wartet, sogar in ihrem Testament bedacht hat."
"Hey!" Mac versetzte ihrem Mitbewohner einen Klaps aufs Bein.
Harm grinste. "Aber ich muss sagen, wenn du etwas aufwärmst, dann schmeckt es besser, als wenn irgendjemand sonst die Mikrowelle anstellt," fügte er leise mit liebevollem Spott hinzu.
"Ich übernehme das Kochen des Desserts," verkündete Mac eine Weile später und begann, Marshmallows auf einen Stock zu spießen, "Medium oder durchgebraten?" Sie sah ihre Kollegen der Reihe nach an.
"Medium," antwortete Bud begeistert, "nur leicht gebräunt, bitte."
Kaum hatte Mac die ersten Stücke der klebrigen weißen Masse verteilt, als mit der langsam untergehenden Sonne die Temperatur fiel und es auch noch zu regnen begann. Die Teammitglieder zogen sich hastig in ihre jeweiligen Zelte zurück.
Eine halbe Stunde später lagen Harm und Mac Seite an Seite bäuchlings im Zelt und sahen durch die offene Zeltöffnung dem strömenden Regen zu. Es war noch immer ziemlich früh, aber der Regen und die einsetzende Dunkelheit hielten sie in den Zelten fest.
"Du bist dran," erklärte Mac.
"Hm, okay, mal sehen..." Harm ließ seinen Blick schweifen, während er seinen unglücklicherweise nass gewordenen Schlafsack fester um sich zog. "Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist..."
"Der Holzstapel neben dem Feuer," rief Mac, ohne ihn ausreden zu lassen.
Harm starrte sie an. "Wie...? Das ist unfair! Wie hast du das erraten? Du könntest zumindest so tun, als ob es schwer wäre, es herauszufinden. Das stinkt." Er rümpfte die Nase.
"Na ja, ich weiß ja, dass es nicht das spannendste Spiel der Welt ist, aber so schlimm ist es doch auch wieder nicht," wandte Mac ein.
"Nein, ich meine, mein Schlafsack riecht etwas seltsam, seit er nass geworden ist," verbesserte Harm. Er schielte sehnsuchtsvoll zu Macs trockenem, nach ihrem Parfüm duftenden Schlafsack hinüber. "Wir könnten ein anderes Spiel spielen... um deinen Schlafsack."
Mac zog den Schlafsack enger um sich. "Aber ich *habe* meinen Schlafsack schon, was kann ich also noch gewinnen?" protestierte sie.
"Was willst du denn für den mehr als unwahrscheinlichen Fall, dass du gewinnen solltest?" Spielerisch zupfte Harm an Macs Haar.
"Für den *sehr wahrscheinlichen* Fall, dass ich gewinne, brauche ich dir keine Fuß- und Rückenmassage zu geben, sondern du gibst mir eine," verlangte Mac, "und ich suche das Spiel aus."
Harm nickte. "Einverstanden. Was tut man nicht alles für eine wohlriechende Decke."
"Okay. Wir spielen ‚Die sieben Plagen’," entschied Mac, "Kennst du das Spiel?"
Harm schüttelte den Kopf und grinste. "Ich *erlebe* es im Moment," er nickte hinauf zum Regen, der auf das Zelt prasselte, "und das ist die Sintflut." Er fröstelte in seinem feuchten Schlafsack und hielt sich mit zwei Fingern die Nase zu.
"Also," Mac rieb sich voller Vorfreude die Hände, "zuerst müssen wir Steine sammeln, genau sechs Stück. Jeder muss genau so groß sein wie ein Körperteil des Sammlers."
Harm schnaubte ungläubig. "Oh, komm schon, Mac, das erfindest du doch!"
Mac warf ihm einen mahnenden Blick zu und fuhr fort: "Dann müssen wir einen Ast finden, der so lang wie möglich sein sollte – länger als der des Mitspielers."
"Einen Ast? Du hast das Spiel erfunden, gib’s zu!"
Mac schüttelte würdevoll den Kopf. "Nein, das ist ein sehr populäres Spiel in Wales," behauptete sie energisch.
Harm musste lachen. "Wales, hm? Als ob du je in Wales gewesen wärst!"
"Hey, willst du spielen oder dich beschweren?"
"Spielen," entschied Harm entschlossen, "ich will diesen Schlafsack!"
"Gut. Also, auf die Plätze... fertig... los!" Mac warf ihren Schlafsack beiseite und rannte hinaus in den Regen.
Harm starrte ihr einen Moment lang verblüfft nach, bevor auch er den Schlafsack beiseite strampelte. Im Gegensatz zu Mac hatte er keine Schuhe mehr angehabt und er fluchte, als er hastig hineinschlüpfte. Mac war nirgendwo mehr zu sehen, als er endlich auf der Suche nach Steinen aus dem Zelt stürmte. Er stolperte und als er sich verärgert nach dem Hindernis umsah, stellte er fest, dass es ein etwa faustgroßer Stein gewesen war. Grinsend hob er ihn auf.
In höchster Eile sammelte er ein halbes Dutzend Steine ein und begab sich dann auf die Suche nach einem Stock. Neben dem erloschenen Feuer lag ein Brennholzstapel, aber die Äste waren alle ziemlich kurz. Harm suchte in der Dunkelheit den Boden ab, warf aber jeden Stock wieder weg, weil er argwöhnte, dass Mac einen längeren finden würde.
Dann, plötzlich, sah er ihn. Den perfekten, sehr langen Stock. Natürlich hing er gerade außer Reichweite am Seeufer zwischen zwei Steinen fest. Harm streckte seine langen Arme aus und reckte sich so weit über das Ufer wie er konnte, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Seine Fingerspitzen waren wenige Zentimeter von dem Ast entfernt, berührten ihn aber nicht. Er streckte sich noch ein wenig mehr und wäre fast kopfüber im Wasser gelandet, ohne jedoch den Stock zu erreichen.
Harm trat einen Schritt zurück und betrachtete die Steine, die den Ast gefangen hielten. Er grinste, als ihm die Lösung einfiel. Eilig holte er sich das Fischnetz und angelte damit den Ast aus dem Wasser.
Triumphierend kehrte er mit Stock und Steinen zum Zelt zurück. Mac saß bereits wieder in ihrem warmen, trockenen Schlafsack, ihre Steinsammlung zu ihren Füßen. Sie reichte Harm ein Handtuch für sein regennasses Haar. "Okay, Flyboy, dann zeig mal her, was du hast!"
Harm ließ sich im Schneidersitz nieder und gruppierte seine Steine um sich herum. "Meine Faust," er deutete auf den ersten Stein und wartete, bis Mac akzeptierend nickte, "mein rechtes Ohr; mein Knöchel; mein Fuß; mein linker Bizeps..."
"Nie im Leben ist das Ding so groß wie dein Bizeps!" protestierte Mac, "Vielleicht als du zwölf warst! Und was soll das hier darstellen?" Sie zeigte auf einen Kieselstein, den Harm gesammelt hatte.
"Mein Backenzahn," Harm entblößte mit einem wölfischen Grinsen die Zähne, "und was hast du? Ich hab dir meins gezeigt, jetzt zeig du mir deins."
Mac schob ihm ihre Steine hin. "Mein Handgelenk; meine Kniescheibe; meine große Zehe; mein Schulterblatt; meine Nase und mein linker Busen."
Harm beäugte den letzten Stein argwöhnisch. "Mac, ich will ja nicht unverschämt sein, aber... dein Busen ist auf keinen Fall so groß wie dieser Stein!"
Mac nahm ihm grinsend den Stein weg. "Der rechte vielleicht nicht, aber der linke," behauptete sie.
"Zeig noch mal her," verlangte Harm und streckte die Hand nach dem Stein aus.
"Den Stein oder den Busen?" Mac klimperte spielerisch mit den Wimpern.
Harm verschluckte sich und begann zu husten. "Okay, okay, ich würde sagen: Gleichstand. Kommen wir zu dem Stock," stolz zeigte er auf sein aus dem Wasser gefischtes Prachtexemplar, "wo ist deiner?" Triumphierend stellte er fest, dass Mac keinen Ast dabei hatte.
"Oh, der lehnt draußen am Zelt. Er war einfach zu groß, um ihn hier rein zu bringen," meinte Mac lässig.
Harm wagte sich erneut in den Regen hinaus, um Macs Ast zu inspizieren. "Hey, du sagtest, wir sollen einen Ast finden, keinen *Baum*!" protestierte er, als er zurückkehrte.
Mac grinste nur. "Gib doch einfach zu, dass ich der bessere Stock- und Steinesammler bin! Und ich bin ein großzügiger Gewinner. Wir können uns meinen Schlafsack teilen."
Besänftigt schlüpfte Harm aus den Schuhen und zu Mac in den Schlafsack. Einige Minuten lang lag er da und sah mit an, wie Mac sich hin und herwälzte.
Mac brummte etwas und zerrte an der Decke auf der sie lagen, um einen Blick darunter zu werfen.
"Mac, was machst du da?" beschwerte sich Harm, der ziemlich müde war und endlich schlafen wollte.
"Da ist irgendetwas Spitzes, auf dem ich liege!" Mac rüttelte frustriert an dem Gegenstand, der aus dem Boden ragte und ein Loch in den Zeltboden gerissen hatte. "Es ist ein Stein," stellte sie fest.
Harm seufzte übertrieben, rollte sich halb über Mac und balancierte auf einem Ellenbogen, während er unter der Decke nach dem Stein tastete. Starke Finger rissen den Stein aus dem Boden und warfen ihn zur Seite. "So. Kein Stein mehr. Gute Nacht."
Harm wollte sich zurück auf seine Seite rollen, musste aber plötzlich feststellen, dass sein Ärmel sich in der Knopfleiste von Macs T-Shirt verfangen hatte.
0508 Z-Zeit (21:08 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Robinson Lake
Oregon
Harriet tastete sich in der Dunkelheit vorsichtig einen Weg zwischen den Zelten hindurch zur Latrine. Als sie am letzten Zelt vorbeiging, bemerkte sie, dass die Eingangsluke zum Zelt von Commander Rabb und Colonel MacKenzie noch offen war.
Ohne es zu wollen, stellte Harriet fest, dass der Commander auf Mac lag und beide leise lachten.
"Stop! Nicht so schnell!" mahnte Mac kichernd, "Du zerreißt es sonst!"
"Dann zieh es aus!" forderte Harm und Harriet brauchte kein Licht, um das Flyboy-Grinsen auf seinem Gesicht zu ahnen.
"Hey, es ist nicht gerade warm hier drin und du erwartest, dass ich mich ausziehe?"
"Entweder du ziehst es aus oder ich zerreiße es!" drohte Harm. Es klang spielerisch, zugleich aber auch ein wenig ungeduldig, so als könne er es kaum erwarten, Mac nackt zu sehen.
"Hey, nicht so stürmisch! Ein bisschen mehr Geduld, wenn ich bitten darf! Lass mich mal." Mac räkelte sich unter Harm, drückte ihren Körper gegen den seinen und begann, an seinem Arm entlang zu tasten.
Harriet stand mit hochroten Wangen und wie erstarrt neben dem Zelt. <Also doch! Und Bud will mir einreden, die beiden seien nur Freunde! Pah!>
Kleidung raschelte und Harm knurrte angestrengt, während er eine ruckartige Bewegung machte.
"Hast du das Ding jetzt bald da draußen?" beschwerte sich Mac, die noch immer unter Harm begraben auf dem Rücken lag.
Harriet verschluckte sich beinahe an ihrer eigenen Zunge und presste die Hand auf den Mund, um sich nicht zu verraten. Eigentlich wollte sie rasch weiterlaufen, aber ihre Füße waren wie angewurzelt.
"Gleich!" grunzte Harm gepresst und ruckte noch zweimal, bevor er sich stöhnend auf den Rücken wälzte. "Endlich frei! Das ist ein Killer-T-Shirt! Ich dachte schon, mein Ärmel wäre bis zum Rest meiner Tage daran festgekettet!"
<T-Shirt? Ärmel? Sie haben nicht...? Sie sind kein...?> Harriet stand wie ein begossener Pudel im Regen. <Oh, oh, ich glaube, ich habe da ein paar Dinge fehlinterpretiert... Sie sind wohl wirklich nur Freunde.> Eilig lief sie weiter, bevor das vermeintliche Paar sie noch entdecken konnte.
Wäre sie noch ein paar Sekunden länger vor dem Zelt stehen geblieben, dann hätte Harriet einen ganz und gar nicht freundschaftlichen Kuss miterleben können.
"Hey, Harm, schau! Eine Sternschnuppe!" rief Mac plötzlich und deutete durch die offene Zeltluke zum Nachthimmel hinauf. "Schnell, wünsch dir was!"
Harm lächelte in der Dunkelheit und schlang die Arme enger um Mac.
"Und?" fragte Mac einen Moment später.
"Und, was?"
"Was hast du dir gewünscht?" erkundigte Mac sich neugierig.
"Nichts."
"NICHTS?"
"Nichts," bestätigte Harm und küsste seine Schlafsack-Gefährtin sanft auf die Nase. "Ich habe alles, was ich brauche, hier bei mir, Mac."
0510 Z-Zeit (00:10 Uhr EST)
An Bord der ‚Potomac Spirit’
Washington D.C.
Skates stand an der Reling der ‚Potomac Spirit’, ließ sich eine leichte Brise durchs Haar wehen und betrachtete die Lichter der Stadt, die sich im schwarzen Wasser des Flusses spiegelten.
Das große Schiff tuckerte stromabwärts, vorbei an der Theodore-Roosevelt-Insel, der Memorial Bridge, Lincoln Memorial und Washington Monument und weiter zur Daingerfield Island am Zusammenflusses des Potomac und des Four Mile Run.
Skates drehte sich zu Keeter um, der neben ihr an der Reling lehnte und nickte in Richtung der Tanzfläche an Deck, wo Granny und Will engumschlungen Walzer tanzten. "Ich kenne niemanden, der einer Navy-Offizierin eine Mitternachts-Kreuzfahrt schenken würde – mit Ausnahme dieser beiden fehlgeleiteten Romantiker."
Keeter lächelte. "Oh, ich bin sicher, die beiden haben die Kreuzfahrt nicht der Navy-Offizierin geschenkt, sondern der sympathischen jungen Frau."
Skates warf ihm einen rügenden Blick zu. "Fallen dir solche Anmach-Sprüche eigentlich ganz spontan ein oder hast du ein festes Repertoire altbewährter Einzeiler?"
Keeter ließ sich von der schroffen Abfuhr nicht beeindrucken. "Beides," erklärte er mit einem verwegenen Grinsen, "je schöner die Frau, desto spontaner der Spruch." Er zwinkerte ihr zu.
Skates sah ihn weiterhin ernst an, ohne auf seinen lockeren Tonfall einzugehen.
Keeter schraubte sein Grinsen zurück und musterte seine Begleiterin sorgsam. "Du bist wirklich nicht gerade der Prototyp einer flirtenden Fliegerin, was?"
Skates schüttelte den Kopf. "Ich denke, dass Flirten nur eine feige Art ist, auszudrücken, was man wirklich denkt."
"Ach ja? Und was denke ich wirklich?" Keeter neigte den Kopf zur Seite und grinste sie herausfordernd an.
"Ach ja," bestätigte Skates, "dein ‚sympathische junge Frau’-Spruch sollte mir zum Beispiel sagen, dass du mich magst."
"Wirklich?" Keeter schmunzelte amüsiert über ihre – zutreffende – Analyse.
"Entweder das oder du hoffst, mich mit deinen Sprüchen so einzulullen, dass ich schließlich mit dir schlafe," argumentierte Skates knallhart.
Keeter blinzelte einen Moment lang verblüfft über soviel nüchterne Offenheit, musste sich dann aber zurückhalten, um nicht laut loszulachen. <Eine so ungewöhnliche Frau habe ich wirklich noch nie getroffen!> "Kann es auch beides sein?" erkundigte er sich neckisch.
Skates nickte, noch immer ernst, aber in ihren Mundwinkeln lauerte ein Schmunzeln und in ihren Augen glänzte der Schalk. "Vermutlich."
"Und du flirtest nicht, sondern sagst stattdessen gerade heraus, was du denkst?"
Skates nickte. "Entweder das oder ich sage überhaupt nichts. Das hat mir auf einem Schiff voller Piloten schon viel Ärger erspart."
"Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass du irgendetwas gegen uns Piloten hast?" Keeter fühlte tatsächlich Bedauern in sich aufsteigen, auch wenn er vor Granny und Will den ganzen Tag über abgestritten hatte, sich auch nur im Geringsten für die ‚Amazone’ zu interessieren.
"Ich habe nichts gegen Piloten, Keeter," versicherte Skates und klopfte ihm freundlich auf die Schulter, "aber ich bin einfach zu alt für Spielchen."
"Zu alt?" echote Keeter, "Komm schon, Skates, du bist doch nicht alt, ganz im Gegenteil!"
Skates stupste ihn unsanft mit dem Ellenbogen an. "Hey, ich dachte, wir wären uns einig darüber, dass du dir die Flyboy-Anmach-Sprüche für Frauen sparst, die darauf hereinfallen!"
"Das war keine Anmache!" protestierte Keeter, gab aber dann auf, "Okay, Themawechsel."
Er spürte, dass hinter ihrer ‚Ich-flirte-niemals’-Einstellung eine Menge emotionaler Verletzungen steckten und er kannte sie noch nicht gut genug, um in alten Wunden zu bohren.
"Gut," Skates betrachtete die Altstadt von Alexandria, die in der Dunkelheit vorbeizog, "welches Thema?"
Keeter zuckte die breiten Schultern. "Ich weiß nicht, erzähl mir einfach irgendetwas von dir." Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Reling und sah auf seine Kollegin hinab.
"Was interessiert dich denn?"
"Alles," antwortete Keeter und hob schnell die Hand, "und das soll keine Anmache sein. Hast du Geschwister, wo leben deine Eltern, wie bist du zur Fliegerei gekommen, hast du vielleicht doch einen zweiten Vornamen..."
Skates sah in die grauen Augen und las wirklich nur ernsthaftes Interesse darin, keinen Versuch, sie mit dem berüchtigten Flyboy-Charme zu betören. "Nein, ich habe keine Geschwister, aber dafür einen Papagei, der im Moment bei meinen Eltern in San Francisco ‚Urlaub’ macht. Zur Fliegerei bin ich gekommen, weil mein Vater immer gesagt hat, so viel wie ich schon mit meinen Inline-Skates ‚geflogen’ bin, da könne ich auch gleich Pilotin werden..." Sie lachte. "Nein, im Ernst, ich schätze, es liegt mir einfach im Blut, mein Vater ist bei der Airforce. Und zur letzten Frage ein deutliches Nein," behauptete Skates, "was mich übrigens daran erinnert, dass ich noch immer nicht weiß, für was das ‚D’ in deinem Namen steht."
Keeter grinste breit. "Und das werde ich dir auch nicht sagen, ich will dir ja nicht den ganzen Spaß nehmen, weiterhin zu raten."
"Danilo?"
Keeter schüttelte den Kopf.
"Detlev?"
Heftiges Kopfschütteln und ein Schnauben.
"Dudley?"
Noch ein Kopfschütteln.
"Dandelion?"
Mit einer Mischung aus Erstaunen, Entsetzen und Bewunderung blickte Keeter sie an. "Meine Güte, ich weiß wirklich nicht, woher du immer diese Namen hast!"
"Ich kaufe ein ‚a’," versuchte Skates es weiter.
"Falsche Spielshow," wehrte Keeter ab, "und darüber solltest du froh sein. Je nachdem, welche Version meines Namens man betrachtet, würdest du mir sonst eine ganze Menge Geld schulden."
"Version?" wiederholte Skates verwundert, "Was zum... was ist das für ein mysteriöser Name, den dir deine Erzeuger da angehängt haben?"
Keeter blieb einen Antwort erspart, denn ein lauter, begeisterter Ruf unterbrach sie.
"Kinder!" Granny und Will kehrten atemlos von der Tanzfläche zurück, "Das müsst ihr versuchen! Die haben eine wirklich gute Band. Willst du Elizabeth nicht auffordern, Jackson?"
Skates trat einen Schritt zurück. "Oh, nein, danke, Granny. Ich hänge eigentlich ziemlich an meinen zierlichen Füßen und brauche sie auch noch!" Sie beäugte argwöhnisch Keeters Schuhe, die man leicht mit den Beibooten der Potomac Spirit verwechseln konnte.
"Ein Indianer kennt keinen Schmerz," meinte Will grinsend, "Komm schon, Skates, zeig den Landratten auf der Tanzfläche mal, wie es gemacht wird!" Er schob die beiden jüngeren Leute in Richtung Tanzfläche.
Keeter lächelte auf sie hinab und bot ihr galant seinen Arm an. Wenig begeistert ließ sich Skates zur Tanzfläche führen, wo gerade ein neuer Walzer begann.
"Wäre das ein guter Zeitpunkt, um dir zu sagen, dass ich nicht tanzen kann?" flüsterte sie ihrem Tanzpartner zu, als sie die Tanzenden erreichten.
Keeter hob erstaunt die Brauen. "Nicht flirten, nicht tanzen... womit verbringst du eigentlich deine Freizeit?" erkundigte er sich nur halb im Scherz.
"Ich werfe Piloten über Bord, die mir solche dummen Fragen stellen," murmelte Skates konzentriert auf ihre Füße hinabsehend.
Keeter schloss seine Finger um ihre schlankere Hand und legte den anderen Arm um sie. "Komm ein bisschen näher, ich mag zwar gefräßig aussehen, aber ich beiße nicht, keine Sorge!" Er zog seine Partnerin zum Rande der Tanzfläche. "Du beginnst mit dem linken Bein, dann das rechte und dann folgst du mit dem linken zur Seite."
Skates bemühte sich, seinen Anweisungen und dem sanften Druck seiner führenden Arme zu folgen und gleichzeitig im Takt der Musik zu bleiben, aber sie war einfach zu ungeübt und trat Keeter mehrmals auf die Füße.
"Autsch! Denk an meine zierlichen Zehen!" beschwerte sich Keeter mit einer Grimasse. Er spürte, wie der Körper der jungen Frau in seinen Armen sich immer mehr anspannte und verkrampfte. "Hey," murmelte er sanft und wartete, bis sie den Kopf hob und er in ihre dunklen Augen sehen konnte, "alles ist okay, solange du in die Augen deines Partners siehst und nicht auf dessen Füße. Wenn man mit jemandem tanzt, muss einer der beiden ein wenig Kontrolle an den anderen abgeben. Folge einfach, wohin mein Körper dich führt und denke nicht ständig daran, wohin wir gehen."
Die sanften Worte des kräftigen Mannes harmonisierten mit der Musik und begannen, einen beruhigenden Effekt auf Skates auszuüben.
"Sieh mir einfach nur in die Augen, dann wirst du sehen, was ich denke und wohin ich führen werde," schloss Keeter, noch immer ohne den Blick von Skates’ abzuwenden.
Skates sah hinauf in die grauen Augen, die sanft und ernst ihrem Blick begegneten, ohne den geringsten Versuch zu flirten. Die Jägerleitoffizierin entspannte sich nach dieser Feststellung merklich. Ehe sie sich versah, tanzte sie wirklich Walzer.
1455 Z-Zeit (06:55 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Robinson Lake
Oregon
"Mac! Hey, Mac, psst, wach auf! Da ist was draußen vor dem Zelt!" Harm setzte sich im geteilten Schlafsack auf und lauschte den lauten Geräuschen, die draußen zu hören waren.
"Hä... was?" Mac öffnete die Augen und versuchte in ihrem schlaftrunkenen Zustand zu verstehen, was Harm da sagte.
"Da ist etwas vor dem Zelt," wiederholte Harm drängend, "Hörst du denn das nicht?"
Mac war jetzt wach und stemmte sich lauschend auf einem Ellenbogen in die Höhe.
Kraaack! Ein Zweig zerbrach irgendwo in der Nähe des Zeltes, dann noch einer, diesmal näher.
"Was denkst du ist das? Gibt es hier in Oregon Bären?" fragte Harm. Seine Augen in der Dunkelheit des Zeltes waren geweitet und blickten besorgt.
Mac öffnete ohne lange zu zögern den Reißverschluss des Zeltes und streckte vorsichtig den Kopf aus der entstehenden Öffnung, um nachzusehen, was da ihren Nachtschlaf störte.
Draußen begann gerade die Dämmerung. Nebel lag über dem See und hing zwischen den Bäumen des nahen Waldes. Mac fröstelte in der kühlen Morgenluft. Hastig sah sie sich um. Einige Meter neben dem Zelt knabberte ein Reh an den Blättern eines Busches. Mac lächelte und schlüpfte in den Schlafsack zurück. "Ich denke, wir haben nichts zu befürchten, Flyboy – wenigstens hab ich noch nie gehörte, dass Bambi Camper angreifen würde." Neckisch wuschelte sie Harm durchs Haar.
Harm atmete insgeheim auf und spürte, wie er rot wurde.
Mac schien seine Verlegenheit trotz der Dunkelheit zu ahnen. Aufmunternd drückte sie seine Schulter und gab ihm einen herzhaften Kuss. "Hey, du hättest mal sehen sollen, wie ängstlich ich auf meinem ersten Camping-Ausflug mit Onkel Matt war. Ich war überzeugt, dass jedes Eichhörnchen vor dem Zelt entweder ein Grizzly oder ein Massenmörder war."
Harm musste lachen und schlang die Arme enger um ihren warmen Körper. Innerhalb von Sekunden schlief er wieder ein und hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, als Mac ihn an der Schulter rüttelte.
"Harm! Harm, wach auf!"
"Hmm?" Blinzelnd öffnete Harm die Augen, "was gibt’s? Schon wieder ein Angriff der Killer-Bambis?"
"Nein, aber da kommt jemand, vermutlich um uns zu wecken. Ich dachte, du wärst lieber auf deiner Seite des Zeltes, wenn sie hier reinsehen, und nicht hier in meinem Schlafsack, mit einer Hand auf nicht ganz unverfänglichen Teilen meiner Anatomie," erklärte Mac und hob vielsagend eine Braue.
"Oh." Harm zog seine Hand weg und rappelte sich auf. Er grinste Mac verschwörerisch zu. "Na ja, ich könnte dem Admiral erklären..."
"Was könnten Sie mir erklären, Rabb?" kam Chegwiddens knurrende Stimme von draußen.
Harm krabbelte aus dem Schlafsack und öffnete den Reißverschluss des Zelteingangs. "Ich... ähm, ich könnte Ihnen erklären, dass ein Bambi... ein Reh vor unserem Zelt war, nicht, dass es Sie erschreckt, Sir," erklärte Harm hastig.
"Ein Reh?" Chegwidden verschränkte die Arme und seine Wangenmuskeln mahlten ungeduldig, "Sie wollen andeuten, ich hätte Angst vor einem *Reh*? Commander, zu Ihrer Erinnerung, die heute Morgen sehr vage zu sein scheint: Ich war in Vietnam, ich habe einen Zerstörer kommandiert, ich habe stapelweise Taschentücher in Sitzungen mit dem Marineminister aufgebraucht und ich musste einem Richter erklären, wieso einer meiner Anwälte es für nötig erachtet, Löcher in die Decke des Gerichtssaals zu schießen... mit einem Wort: ich habe schon sehr viel gefährlichere Dinge gesehen als ein *Reh*, ohne dabei zu erschrecken!" Ein bedrohliches Grollen war in seiner Stimme.
Harm schluckte und beeilte sich zu versichern: "Sir, ich wollte damit wirklich nicht andeuten..."
"Wir warten mit dem Frühstück, damit wir aufbrechen können," unterbrach ihn Chegwidden, "also wenn Sie beide nicht erwarten, dass ich es Ihnen auf einem Tablett serviere, würde ich vorschlagen, Sie kommen rüber zu den anderen." Der Admiral drehte sich um und marschierte davon.
Harm ließ sich zurücksinken. "Oh, man!"
Mac stemmte sich kichernd auf den Ellenbogen in die Höhe. "Harmon Rabb junior, Beschützer ängstlicher Admirals, Schrecken aller Wiederkäuer..."
Harm unterbrach sie, indem er sich herumrollte, mit dem Fuß die Zeltluke schloss und Mac küsste, bis ihnen beiden die Luft ausging.
"Kein Wort mehr, Marine!" befahl Harm atemlos.
"Oder du hetzt deine Freundin Bambi auf mich?" neckte Mac, während sie sich vom Schlafsack befreite und für das Frühstück fertig machte.
Nach einem eiligen Frühstück fuhren sie zurück zu ihrer Hütte auf dem Paradise Campground, um eine rasche Dusche zu nehmen.
"Es dauert eine Weile, bis der Boiler das Wasser genügend aufgewärmt hat, also gilt heute mal ‚Gentlemen first’," erklärte Matt Forbes entschuldigend.
<Hm, nach dem Kuss vorhin ist eine kalte Dusche eigentlich genau, was ich brauche,> überlegte Harm mit einem geheimen Grinsen. Als aufgrund seines Losglücks als letzter der Männer an die Reihe kam, war das Wasser jedoch bereits wohlig warm. Harm beeilte sich, um noch genügend warmes Wasser für Mac übrig zu lassen, die nach ihm die Dusche benutzen würde. Als er schließlich aus der Dusche trat und sich abtrocknete, streckte er den Finger aus und schrieb sorgfältig in Spiegelschrift an das beschlagene Glas der Duschwand ‚Ich vermisse dich’.
Er verließ das Badezimmer und begab sich auf die Suche nach einem frischen Paar Socken. Als er sich ein paar Minuten später wieder die Wanderstiefel zuschnürte, öffnete sich die Badezimmertüre und er erwartete, eine frischgeduschte Mac zu sehen.
Stattdessen trat eine glücklich grinsende Harriet in den Hauptraum der Hütte.
Harm erstarrte. <Oh, nein! Sie hat meine ‚Duschbotschaft’ gesehen und jetzt weiß sie Bescheid über Mac und mich!>
Harriet beachtete ihn jedoch nicht, sondern eilte sofort auf Bud zu und fiel ihrem etwas verdutzt dreinblickenden Ehemann in die Arme. "Oh, Bud, das ist ja sooooo süß! Ich vermisse dich auch!" Gerührt ließ sie Küsse auf sein Gesicht niederregnen.
Bevor der überraschte Bud nach dem Grund für dieses überschwängliche Verhalten fragen konnte, wurde der Admiral darauf aufmerksam. "Eines sage ich Ihnen gleich, Lieutenant," bemerkte er im Vorbeigehen, "*ich* entbinde in neun Monaten keinen Ihrer Sprösslinge in meinem Büro!"
Mac, die gerade an den Roberts vorbei ins Badezimmer ging, lachte und Harm ließ sich erleichtert aufs Bett zurücksinken. <Puh, das ist gerade noch mal gut gegangen!>
1712 Z-Zeit (09:12 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Ponderosa Pines Ranch in der Nähe von Bend
Oregon
"Ponderosa?" grollte der Admiral und begutachtete skeptisch das Schild, das sie eben passiert hatten.
"Ponderosa Pines," verbesserte Matt Forbes, "also machen Sie sich keine Sorgen, Ihre reiterischen Fähigkeiten werden nicht mit denen von Little Joe konkurrieren müssen." Forbes lachte über seinen eigenen Witz.
"Gut," murmelte Chegwidden, "das ist beruhigend - für Little Joe."
"Sie können also reiten, Admiral?" fragte Forbes, sichtlich erfreut, dass er auf einen Anfänger weniger Acht geben musste.
Chegwidden schob das Kinn vor. "Können Fische schwimmen?"
Mac drehte sich schmunzelnd zu Harm um, der neben ihr aus dem Jeep stieg. "Bist du schon mal auf einem Pferd gesessen?"
"Na klar," erwiderte Harm lässig und bedachte sie mit einem selbstbewussten Piloten-Grinsen, "schon bevor du überhaupt geplant warst."
"Und welche Art Pferd hast du damals geritten?"
Harm zuckte mit den Schultern. "Oach, ein ganz normales Pferd eben: Vier Hufe, ein Rücken und kein Haltegriff," lenkte er mit einem Scherz ab.
Mac lächelte, ging aber nicht weiter darauf ein. "Ich durchschaue dich, Mister! Los, sag schon, was für ein Pferd war es? Ein Araber? Ein Quarterhorse? Ein...?"
"Ein Shetlandpony," unterbrach Harm ihre Aufzählung. Er wusste, dass Mac ihm keine Ruhe lassen würde, bis er es ihr sagte, "es war ein Shetlandpony, okay?"
Mac lachte laut los. Keuchend und japsend hielt sie sich die Seiten. "Ein Shetlandpony? Der große Harmon Rabb junior reitet ein Shetlandpony?"
Harm sah sich nach den anderen um und als niemand hinsah, knuffte er Mac spielerisch in die Rippen. "Ich war drei Jahre alt! Erwartest du, dass ich einen freilebenden Mustang fange und zähme, kaum dass ich laufen konnte?"
"Oh, nein, natürlich nicht. Shetties sind wirklich tolle ‚Pferde’. Und ich bin sicher, es war ein ganz besonders *wildes* und unbezwingbares Shetland-*Pony*." Mac, die sich gerade erst gefangen hatte, prustete erneut los.
"Nicht jeder kann eben Crazy Horse, Sitting Bull und Geronimo als Urahnen haben," verteidigte Harm seine Würde.
"Falscher Stamm, Commander!" Mac tippte ihm liebevoll-belehrend auf die Nase, "Meine Vorfahren sind Cherokee; während Crazy Horse und Sitting Bull zu den Lakota gehörten und Geronimo ein Apache war."
"Reiten, geschichtliche Fakten zitieren... Gibt es eigentlich irgendetwas, was du nicht kannst?" Harm gab seiner Frage einen neckischen Klang, aber in seinen Augen leuchteten Zuneigung und Stolz.
"Falls ich etwas entdecke, bist du der erste, dem ich es mitteile," verkündete Mac mit einem selbstbewussten Schmunzeln.
Die Gruppe erreichte den Stall, wo ein Angestellter der Ranch sie schon erwartete. "Also, wer von Ihnen kann reiten?"
Die Hände von Forbes, Mac, Galindez und Chegwidden hoben sich. Harm, der dem Admiral, aber vor allem Forbes in nichts nachstehen wollte, streckte ebenfalls. <Wie schwierig kann es schon sein, ein dreigängiges Fortbewegungsmittel zu lenken?> Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen, als er sich vorstellte, mit Mac allen anderen davon zu galoppieren und ein paar ungestörte Minuten nur mit ihr allein zu haben.
"Wenn jemand von Ihnen Reitstiefel brauch’, wir können Ihnen welche leih’n oder verkaufen," erklärte der Mitarbeiter der ‚Ponderosa Pines’.
"Reitstiefel?" Gunny Galindez deutete hinauf zum Himmel, der noch immer Nieselregen auf sie hinabfallen ließ, "Verkaufen Sie auch Schwimmflossen?"
Der Ponderosa-Angestellte grinste nur. "Wenn Sie d’rauf besteh’n... könnte aber schwer werden, damit in die Steigbügel zu kommen."
Matt Forbes und ein weiterer Mitarbeiter verschwanden mit den Anfängern, während der Ponderosa-Mann Pferde für die Fortgeschrittenen aus dem Stall führte.
Harm beäugte den fuchsfarbenen Wallach, dessen Zügel er in die Hand gedrückt bekam.
"Keine Sorge, Blizzard is’ ’n ganz Braver, er hat noch nie jemanden abgeworfen," der Stallmensch nickte Harm beruhigend zu.
"Blizzard?" Harm musterte das Pferd misstrauisch. Er argwöhnte, dass das bockige Verhalten eines Pferdes in umgekehrt proportionalem Zusammenhang zur Anzahl der zusehenden Leute stand. "Er? Ein Hengst?" fragte er mit zunehmender Skepsis.
"’n Wallach und der Name is’ nicht so ganz glücklich gewählt. ‚Sanfte Brise’ würde besser passen," beruhigte der ‚Cowboy’. "Blizzard is’ wirklich ’ne treue Seele, ’n Zügelweicher."
<Zügelweicher?> Harm blickte zum Zaumzeug und versuchte, dessen verschiedene Komponenten zu identifizieren. "Ähm, wo ist das noch mal genau?"
Der Stallarbeiter starrte ihn an. "Sind Sie wirklich sicher, dass Sie schon mal geritten sind?"
"Natürlich," erwiderte Harm würdevoll, "bei uns in Washington D.C. nennt man das nur anders."
"Zügelweicher is’ kein Teil des Zaumzeugs, sondern es bedeutet, dass Blizzard ‚dem Zügel weicht’, dass er mit dem kleinsten Hinweis versteht, wohin er gehen soll."
"Ach, *das* meinen Sie," Harm winkte scheinbar gelangweilt ab, "alles klar." Er sah zu, wie der Admiral sich mit einem ‚Yee-haaa!’ geschmeidig in den Sattel schwang, beobachtete dann Mac beim Aufsteigen und schob schließlich selbst einen Fuß in den Steigbügel. Blizzard stand glücklicherweise völlig still, so dass es ihm beim ersten Versuch gelang.
Er sortierte eine Weile die Zügel in seinen Händen, ohne so richtig zu wissen, was er damit anfangen sollte. Als er schließlich wieder aufsah, begegnete er Macs amüsiertem Blick.
"Komm schon, Bleichgesicht, halt dich nur immer schön an mich," befahl sie grinsend, zog mit leichter Hand ihre hochbeinige Stute herum und ritt vom Hof.
Der Wallach schien nicht alleine zurückbleiben zu wollen, denn er folgte den anderen Pferden ohne großes Zutun von Harm. <Hey, das ist gar nicht mal so übel!> freute sich Harm, als er das sanfte Heben und Senken des Pferderückens unter sich fühlte, <Ich wusste doch, dass ich das kann!>
Im Schritttempo ging es vorbei am Deschutes River, an dichten Wäldern und grünen Weiden. "Hey, was ist das da?" rief Harm nach vorne zu Mac und deutete auf eine Gruppe weißer und brauner Tiere, die irgendwo vor ihnen grasten. "Sind das Kühe?"
Macs Blick folgte seinem ausgestreckten Finger. Sie lachte, als sie die kleine Herde endlich identifizierte. "Kühe? Das sind doch keine Kühe, Harm! Das sind Lamas und Alpakas! Wusstest du nicht, dass die Ponderosa Pine Ranch sich auf Lamas spezialisiert hat? Kühe!" Sie lachte erneut. "Ich sollte dich in Zukunft wohl Cowboy statt Flyboy nennen, was?"
Harm schüttelte energisch den Kopf. "Nur, wenn ich dich La-marine nennen darf!"
Die Pferde stampften einen leichten Anstieg hinauf und Harm hatte immer mehr das Gefühl, sein Reittier gut im Griff zu haben. Er genoss das Hochgefühl einige Minuten lang, bis Mac ihm über die Schulter hinweg zurief. "Trab, Flyboy! Treib ihn ein bisschen mehr an!"
<Antreiben? Und wie genau mache ich das?> Probeweise drückte er dem Wallach die Fersen in die Flanken und als die Pferde vor ihm in eine schnellere Gangart verfielen, folgte auch Harms Reittier.
"Whoa!" Harm klammerte sich am Sattelhorn fest, als er plötzlich den Halt verlor und auf dem Pferderücken hin- und hergeworfen wurde.
Sie erreichten den Fluss und eine grasbedeckte Ebene, die sich daneben erstreckte. Mac, die sich mit der Leichtigkeit ihrer indianischen Vorfahren auf dem Rücken ihrer Stute hielt, fasste die Zügel fester und lenkte ihr Pferd neben Harms. "Okay, Harm, versuchen wir mal den dritten Gang! Gib ihm die Zügel frei und verlagere dein Gewicht ein wenig nach vorne!" rief sie Harm zu und tat dasselbe, so dass ihre Stute losraste.
<Noch schneller?> Harm tat wie geheißen und sein Wallach wechselte folgsam die Gangart, verfiel in lange, weiche Sätze. <Das ist... wow! Viiiiiel besser!> Harm genoss es, nicht mehr unkontrolliert im Sattel herumgeschleudert zu werden.
Die trommelnden Pferdehufe ließen die Meilen rasch hinter sich zurück und schließlich erreichten sie das Wäldchen in der Nähe ihrer Hütte am Paradise Campground, wo sie abstiegen, um den Pferden eine Pause zu geben.
Mac klopfte ihrer Stute den Hals, während sie den Sattelgurt etwas lockerte. "Die Pause hast du dir verdient, Schneewittchen."
"Schneewittchen? Sie heißt Schneewittchen?" Kopfschüttelnd betrachtete Harm die große, schwarze Stute. Ein wenig steifbeinig umrundete er sein Pferd und trat neben Mac.
Mac grinste. "Haare schwarz wie Ebenholz," zitierte sie heiter, "und ich wette, deine Sitzfläche ist jetzt rot wie ein Feuermelder, was?" Ihre Mundwinkel hoben sich belustigt.
"Ich weiß nicht, was du willst, ich hatte Blizzard doch voll im Griff," behauptete Harm überlegen, "Hast du nicht gehört, dass er ein Zügelweicher ist?"
"Er ist wohl eher ein ‚Schneewittchen-nicht-von-den-Fersen-Weicher’," verbesserte Mac grinsend, "er wollte einfach seine kleine Freundin nicht zurücklassen, das ist alles."
"Ich darf dich daran erinnern, dass mein treues Reittier ein Wallach ist und vermutlich nicht gerade sehr viel Verwendung für seine ‚kleine Freundin’ hat."
"Typisch Flyboy, denkt nur an das eine!" warf Mac ihm neckisch vor, "ob du’s glaubst oder nicht, aber auch Pferde brauchen etwas menschliche... tierische Wärme!" Sie kraulte Schneewittchen in der Kinngrube und fuhr sanft ihr Maul entlang, bis die feinen Haare ihrer Nüstern ihre Hand kitzelten.
Sie half Harm, seinen Sattelgurt wieder fest zu ziehen und in den Sattel zu klettern, als Chegwidden vorschlug, weiterzureiten.
Der Regen stoppte und die Sonne kam hinter den Wolken hervor. Ein Regenbogen spannte sich über den Baumwipfeln, in deren Ästen die letzten Regentropfen glitzerten. Es roch nach feuchter Erde und Tannennadeln. Vögel zwitscherten und im Unterholz raschelte es, als Kleintiere sich ihren Weg hindurch bahnten.
Seite an Seite ritten Harm und Mac den breiten Waldweg entlang. Unter ihnen tauchten das Städtchen McKenzie Bridge und der von der Sonne beschienene Fluss auf.
<Pure Idylle,> überlegte Harm, während er keinen Blick von Macs Gesicht abwandte, <Ist das der ‚perfekte’ Moment, auf den ich warte? Soll ich es ihr jetzt sagen... richtig sagen... dass ich sie liebe?> Er warf einen Blick nach vorne. Chegwidden und der Gunny waren weit genug entfernt, um über das Trappeln der Hufe nichts zu hören. "Mac, weißt du dass... ich wollte dir eigentlich schon lange einmal sagen, dass..."
Harm brach ab, als ein Ruck durch den Pferdekörper unter ihm ging und Blizzard den anderen Pferden in einen flotten Trab folgte. Er packte das Sattelhorn, um nicht nach vorne über den Pferdehals zu fallen.
"Was?" rief Mac, "Was wolltest du mir sagen?"
Harm schnitt innerlich eine Grimasse. Der perfekte Moment war vorbei. <Ich werde also einfach auf den nächsten perfekten Moment warten!> "Dass du eine verdammt gute Reiterin bist!"
Als sie schließlich die nächste Pause einlegten, hatte Harm das Gefühl, dass Macs Vorhersage über sein ‚feuerrotes Hinterteil’ gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt gewesen war.
Vorsichtig stakste er mit dem Pferd am Zügel neben Mac her in Richtung der Belknap Bridge, die sie jetzt überqueren mussten, um auf die andere Seite des McKenzie Rivers zu gelangen. Die Brücke war eine der berühmten überdachten Brücken Oregons. Von weitem hatte sie ausgesehen wie ein von Wald umgebenes weißes Haus, das über den Fluss gebaut worden war.
"Wussten Sie, dass diese überdachten Brücken auch ‚Kissing Bridges’ genannt werden, weil sie Pärchen Unterschlupf bieten?" berichtete Mac, die ihr Wissen aus Harriets Reiseführer hatte.
"Tatsächlich?" Harm schmunzelte insgeheim.
"Ach, Unsinn," knurrte Chegwidden, obwohl er in Wahrheit Macs Erklärung ebenso interessiert zugehört hatte, "die Brücken sind nur deshalb überdacht, um das Holz der Brücke selbst vor dem ständigen Regen hier in Oregon zu schützen."
"Dein Boss weiß wirklich, wie man ein romantisches Pärchen aus der Stimmung bringt," wisperte Harm Mac zu.
"*Mein* Boss?" flüsterte Mac ungläubig zurück, "Wieso ist er jetzt plötzlich nur mein Boss?" Um ein Haar hätte sie ihn gefragt, ob er beabsichtigte, es mit ihren Kindern auch so zu machen. <Wo kam der Gedanke denn plötzlich her, Marine? Du hast ihm noch nicht mal richtig gesagt, dass du ihn liebst, also bitte: Ein Schritt nach dem anderen, ja?!>
Mac sah auf, als ihr Pferd plötzlich seinen Schritt verlängerte und sie die Zügel fester fassen musste, um zu verhindern, dass es in einen Trab verfiel. Als sie aufsah, erkannte sie, warum die Stute es plötzlich so eilig gehabt hatte. Vor ihnen standen die Transporter, die die Pferde wie vereinbart zurück zur Ponderosa Pine Ranch bringen sollten.
Inzwischen war es Mittag geworden und Matt Forbes und die ‚Anfänger’, die eine kürzere Runde geritten waren, stießen wieder zu ihnen.
Forbes und sein Mitarbeiter, der inzwischen das in der Hütte zurückgelassene Gepäck geholt hatte, verluden die müden Reiter in zwei Jeeps und folgten dem Auf-der-Heide-Memorial-Drive im Willamette National Forest bis zu einem einsamen Parkplatz am Waldrand.
"Was jetzt?" fragte Harm als er aus dem Jeep stieg und nur mit Mühe dem Drang widerstand, die Hände in den schmerzenden Rücken zu pressen. Er wollte eigentlich nur noch zurück zur Hütte, um sich dort lang auszustrecken, bis es Zeit war, zum Flughafen aufzubrechen, aber Forbes schien andere Pläne mit ihnen zu haben.
Sie bahnten sich einen Weg durch den Wald, der so dicht war, dass Harm den nahen McKenzie River zwar hören, aber nicht sehen konnte.
Schließlich wichen die Bäumen ein wenig auseinander und gaben den Blick auf fünf kleine, naturgeformte Wasserbecken frei. Das Wasser in den Naturpools dampfte in der recht kühlen Luft.
"Warme Quellen!" Harm vergaß schlagartig seinen Wunsch, zur Hütte zurückzukehren.
"Die Cougar Hot Springs," bestätigte Matt Forbes, "Nacktbaden ist übrigens erlaubt, wenn Sie das wollen, ansonsten hat Terryl ihr Gepäck mit den Badekleidern dabei."
Harm biss die Zähne zusammen. <Hättest du wohl gerne, was? Mac beim Nacktbaden zu beobachten, hm?!>
Macs warme, beruhigende Hand legte sich für einen Moment auf seinen Arm. "Atmen, Harm, atmen!" Sie ahnte, was sein verbissener Gesichtsausdruck bedeutete. "Hausregel fünf, Unterabschnitt b: Gegenseitiges Rückenwaschen ist nur gestattet zwischen den beiden ursprünglichen Mitbewohnern. Du kannst dich also abregen."
Harm grinste verlegen. Er hatte wohl ein wenig überreagiert, aber langsam wurde es wirklich immer schwerer für ihn, seine Gefühle für Mac zu verbergen.
Hinter den Baumstämmen und Felsquadern, die die fünf Pools voneinander trennten, zogen sie sich in ihre Badesachen um.
Harm und Mac landeten mit Bud und Harriet im zweitgrößten Becken, das zwischen moosbewachsenen Bäumen und umgeben von grünem Farn lag, während die anderen sich auf die drei Pools verteilten, die näher am Fluss und daher kühler waren.
Mac seufzte wohlig, als sie bis zum Hals in das warme Wasser eintauchte.
"Oooh, hier bringt mich so schnell niemand mehr raus, Ma’am," stimmte auch Harriet zu, der vom Reiten jeder einzelne Muskel weh tat. Sie öffnete die Augen, um zu sehen, ob das Macs Zustimmung fand, und stellte fest, dass Harm und Mac so dicht nebeneinander im Becken ruhten, dass ihre Schultern sich leicht berührten.
Mac sah Harriets neugierigen Blick und tat, als sei sie nur deshalb so dicht an Harm herangerückt, um ihn auffordernd mit der Schulter anzustoßen. "Ich denke, das wäre der ideale Zeitpunkt, um dich daran zu erinnern, dass du mir noch eine Rücken- und Fußmassage schuldest, Cowboy!"
Bilder von den Ausflugszielen, die das JAG-Team besucht, findet ihr unter folgenden Adressen:
Karte von diesem Teil des McKenzie Rivers (siehe rechter, unterer Teil der Karte):
http://www.flyanglersonline.com/features/greatrivers/mckenzie/mckenziemap.html
Bilder von einer Lama Ranch (leider nicht die, die Harm & Mac besuchen):
http://www.central-oregon.com/sisters.html
Fotos von Alpakas:
Ein Foto der Belknap Bridge:
http://www.chuckhawks.com/bb1.jpg
Foto der Cougar (Terwilliger) Hot Springs:
http://home.earthlink.net/~fbjones3/cougar.html
Foto von einer weiteren warmen Quelle, den McCredie Hot Springs:
http://www.calweb.com/~mooncrow/or-mcred.htm
1954 Z-Zeit (14:54 Uhr EST)
Theodore-Roosevelt-Island
Washington D.C.
"Ta-ta-ta-ta!" Skates öffnete ihren mitgebrachten großen Trekking-Rucksack und präsentierte Keeter die heutige Freizeitbeschäftigung.
Keeter nahm den Plastik-Schuh alles andere als begeistert entgegen und drehte ihn in alle Richtungen. "Was zum Teufel ist das denn?"
"Nach was sieht es denn aus?" Skates neigte den Kopf und bedachte ihn mit einem spöttischen Blick.
"Die Reifen da unten deuten darauf hin, dass es Rollschuhe sind, aber die Anordnung von den Dingern stellt diese Theorie in Frage," analysierte der Pilot kritisch.
Skates rollte mit den Augen. "Rollen, du Banause, es heißt Rollen, nicht Reifen. Und es sind Inline-Skates," erklärte sie dem Unwissenden und nahm ihm den Schuh aus der Hand, um die Schnallen für ihn zu öffnen, "und zwar in deiner Größe. Ich hoffe, du weißt den Telefonmarathon zu schätzen, den ich veranstalten musste, bis ich Skates in der Schuhgröße des Yeti gefunden habe."
Keeter nahm den nun offenen Inline-Skate-Schuh entgegen und hielt ihn in der Hand als sei es eine Nuklearbombe. "Natürlich weiß ich es zu schätzen," versicherte er, "aber muss ich die Dinger deshalb unbedingt gleich anziehen und damit fahren? Ich kann deine Mühe viel besser schätzen, wenn ich einfach hier sitzen bleibe und zusehe, wie du ein paar Runden um den Platz drehst." Er bedachte die fünf Meter hohe Bronze-Statue von Theodore Roosevelt mit einem nach Unterstützung flehenden Blick.
Keeter und Skates saßen auf einer der Parkbänke am Rande eines mit grauen und braunen Steinen gepflasterten ovalen Platzes im Zentrum der Theodore-Roosevelt-Insel, einem Naturpark aus Wald und Sumpf inmitten des Potomac.
Skates schüttelte energisch den Kopf. "Kommt nicht in Frage, dir tut ein bisschen Bewegung ganz gut."
"Immer diese Anspielungen auf meine männlich-kräftige Figur!" jammerte Keeter, aber es half nichts, Skates nahm ihn beim Arm und zog ihn mit sich. Sie erreichten die Fußgängerbrücke, die sie von der Insel wieder aufs ‚Festland’ zurück brachte und Skates steuerte die nächste Grünfläche neben dem Radweg an.
"So, hier können wir das ganz gut üben," beschloss sie und begann, dem protestierenden Keeter die Schuhe aus- und die Inline-Skates anzuziehen. Dann förderte sie Schutzhelm, Ellenbogen-, Knie- und Handgelenkschützer aus ihrem Rucksack zutage. "Anziehen!" kommandierte sie unbarmherzig.
"Hey, hast du etwa vor, mich vom höchsten Hügel Washingtons runterzuschubsen?" protestierte Keeter, "Soviel Schutzkleidung trage ich nicht mal, wenn ich einen Kampfjet fliege!"
"Wenn du auf Skates stehst, hast du auch keinen Fallschirm und es gibt keine Möglichkeit, dich rauszuschießen!" wandte die junge Jägerleitoffizierin ein.
Keeter grinste verwegen. "Na klar steh’ ich auf Skates!" Er zwinkerte verführerisch, aber auf eine Art, die ihr zeigte, dass er nur scherzte und nicht wirklich seine Flyboy-Spielchen mit ihr spielte.
Skates versetzte ihm einen Schlag auf den Arm, der Keeter, der inzwischen wackelig auf den ‚Rollschuhen’ dastand, fast umkippen ließ.
Keeter hatte noch genau Wills Worte im Ohr, die er am Abend ihrer Kreuzfahrt gesprochen hatte: ‚Und morgen bestimmt ihr mal selbst, was ihr *zusammen* unternehmt!’
Granny hatte ihrem Gatten natürlich sofort zugestimmt: ‚Genau! Etwas, bei dem ihr euch so richtig nahe kommt!’
<Ich glaube nicht, dass Granny *das hier* damit gemeint hat, als sie von ‚nahe kommen’ sprach!> Keeter seufzte.
Skates schlang einen Arm um Keeters muskulöse Schultern und ließ die andere Hand stützend auf seiner Hüfte ruhen. "Okay, erst mal die Grundposition: Stell dich aufrecht hin, nicht auf die Füße sehen, aber beug die Knie etwas. Die Füße etwa schulterweit auseinander. Hm, ja, so ist es gut. Okay, jetzt zu den beiden wichtigsten Dingen beim Skaten: Das Bremsen und das Fallen."
"Fallen?" Keeter hob spöttisch die Augenbrauen, "Ich wusste nicht, dass das eine Pflichtübung bei euch Inline-Skatern ist."
"Es wird dir früher oder später passieren und deshalb ist es besser, du bist darauf vorbereitet. Wenn du also fällst, dann lieber nach vorne, auf die Knieschützer, als nach hinten. Lass dich mal probehalber auf die Knie fallen!" forderte Skates ihn auf.
"Ich? Vor einer Frau auf die Knie fallen?" Keeter schüttelte scherzhaft den Kopf, "Das würde meinem Ruf erheblich schaden!"
"Ein Loch im Kopf würde deinem Ruf noch viel mehr schaden, glaub mir!" Skates übte Druck auf seine Schulter aus, so dass Keeter schließlich auf den Knieschonern landete. "Siehst du, wenn du auf die Knieschützer fällst, passiert dir nichts. Wenn du anhalten musst, dann tust du das so..."
Skates flitzte den Radweg entlang, glitt dann mit den Füßen etwas mehr als schulterweit auseinander dahin und richtete die Zehen dann nach innen, so dass sie immer langsamer wurde. "Das dauert natürlich ziemlich lange, also wenn du wirklich bremsen musst, dann benutzt du besser die Bremse an deiner rechten Ferse. Du beugst dein linkes Knie, bringst den rechten Fuß ein wenig nach vorne, hebst dann die Zehen, so dass die Bremse den Boden berührt und gibst langsam Druck auf diesen Fuß." Skates demonstrierte es und hinterließ einen schwarzen Strich auf dem Teer, als sie vor Keeter zum Stehen kam. "Probier doch einfach mal, ein bisschen zu fahren."
Keeter steppte in Mini-Schritten zum Rand der Grünfläche. "Skates, ich weiß nicht... du magst ja vielleicht auf den Dingern geboren sein, aber ich..."
"Na, na, na! Ich glaube fest daran, dass auch Mammuts noch lernfähig sind!" entgegnete Skates unbeirrbar und zog ihn am Arm auf den Radweg. "Komm schon, Jackson Donatello Keeter!"
"Du bist wirklich grausam, Amazone!" schimpfte Keeter, während er langsam und hoppelnd erste Schritte auf den Inline-Skates machte.
"Langsam! Nicht in Panik geraten und die Hände zurückreißen, weil du Angst hast zu fallen!"
Keeter ruderte mit den Armen, um das Gleichgewicht zurückzugewinnen und stützte sich schließlich auf Skates helfende Schulter. "Willst du damit andeuten, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche, weil ich ohnehin weich falle?" Er nickte mit dem Kopf in Richtung seines Hinterteils; eine Bewegung, die ihn erneut beinahe fallen ließ.
"Ich deute gar nichts an."
Keeter sah angestrengt hinab auf seine Inline-Skates, um deren Bewegungen besser koordinieren zu können. "Richtig, ich hab’s ganz vergessen; du sagst alles geradeheraus," murmelte er, während er sich darauf konzentrierte, nicht ganz unrühmlich auf den Hintern zu fallen.
"Genau. Und jetzt sage ich dir geradeheraus, dass du geradewegs auf die Nase fallen willst, wenn du nicht geradeaus siehst, sondern ständig auf deine Füße blickst."
"Autsch." Keeter rieb sich bei dem Gedanken die Nase. Vorsichtig stieß er sich mit dem rechten Fuß ab, glitt dann einen halben Meter auf beiden Skates dahin und holte dann wieder mit dem linken Fuß Schwung, so wie er das bei Skates beobachtet hatte.
"Autsch," bestätigte Skates, "und es wäre doch wirklich schade um dieses männlich-attraktive Gesicht."
Keeter sah von seinen Füßen auf, um Skates grinsend in die Augen zu sehen. "Ich dachte, du flirtest nicht?"
"Ich flirte auch nicht, das war Ironie," betonte Elizabeth Hawkes, "okay, versuche jetzt mal das Bremsen." Sie demonstrierte es ihm erneut und fuhr dann rückwärts neben Keeter her, um sein erstes Bremsmanöver zu beobachten.
Keeter begann, in einer niedrigen Geschwindigkeit den Radweg entlang zu rollen und streckte dann langsam den rechten Fuß aus.
"Nicht auf die Füße se...!" Weiter kam Skates nicht, bevor Keeter nach vorne fiel und sie mit sich riss. Skates landete mit dem Hinterteil voraus auf dem Teer und wurde unter Keeters wuchtiger Gestalt begraben. Einen Moment lang blieb sie still liegen und stellte eine mentale Inventur ihrer Knochen an, bevor sie sich zu rühren begann. "Keeter? Ich möchte ja nicht respektlos sein und etwas sagen, was dein Selbstbild ins Wanken bringen könnte und deshalb formuliere ich es so höflich wie möglich, aber... du bist riesig und schwer! Geh runter von mir!"
Keeter kam strauchelnd auf die Füße – oder besser: auf die Inline-Skates – und streckte der jungen Frau die Hand hin, um ihr hoch zu helfen.
"Oh, nein, Jackson Delbert Keeter," wehrte Skates ab, denn sie wusste, wie das enden würde, "eine Fallübung ist mir für den Moment genug."
Sie setzten ihren Weg auf dem Mount Vernon Trail, der von der Theodore-Roosevelt-Insel bis Mt. Vernon, dem ehemaligen Zuhause von George Washington, den Potomac entlang führte, fort.
In langsamem Tempo aufgrund Keeters Unerfahrenheit mit dem rollenden Fortbewegungsmittel ging es vorbei an der Arlington Memorial Bridge, einer langen Brücke, die in breiten Bögen den Fluss überspannte und das Haus von Robert E. Lee mit dem Lincoln Memorial, also die Süd- mit den Nordstaaten, verband.
Als sie das Navy- und Marine-Memorial zwei Meilen nach der Theodore-Roosevelt-Insel passierten, hatte Keeter es bereits geschafft, zweimal erfolgreich zu bremsen – und dabei ‚nur’ viermal hinzufallen.
Am Gravelly Point legten sie schließlich eine Pause ein und Keeter bestand darauf, die Inline-Skates auszuziehen. Stöhnend wackelte er mit den Füßen, während sie den Blick auf die Skyline von Washington, den Potomac und die Landebahn des Washington National Airport genossen.
"Männer sind die wehleidigsten Wesen, die ich kenne," bemerkte Skates kopfschüttelnd.
"Das ist nicht wahr!" protestierte Keeter und grinste jungenhaft, "ich bin viermal gaaaaanz schlimm hingefallen und ich hab gar nicht geweint!"
Skates tätschelte ihm die Wange. "Na gut, oh tapferer Jackson Dhimitrios Keeter, fahren wir weiter!"
Keeter grunzte und ächzte, als er sich wieder in seine Inline-Skates und auf die Beine quälte. "Aber wenn ich noch mal falle, dann musst du das betreffende Körperteil gesund küssen," verlangte er mit Nachdruck.
"Pah, das hast du dir so gedacht! Glaubst du, ich hätte nicht bemerkt, dass du bisher vorwiegend auf deinen Flyboy-Hintern gefallen bist?!"
"Okay, aber was ist, wenn ich mir beim nächsten Sturz die Lippen aufschlage?" erkundigte sich Keeter mit bettelndem Welpen-Blick.
"Dann hinterlässt du eine nette Blutspur von hier bis zurück zur Theodore-Roosevelt-Island und ich werde dich trotzdem nicht küssen, also sorg’ lieber dafür, dass es keinen ‚nächsten Sturz’ gibt!" empfahl Skates energisch.
Sie fuhren vorbei an Daingerfield Island mit ihrem Yachthafen und der Weg begann, ein wenig hügeliger zu werden.
Skates sauste mit gebeugten Knien einen der steileren Hügel hinab und genoss die Geschwindigkeit. Als sie unten wendete, um zu sehen, wo ihre Gefährte blieb, stellte sie fest, dass er versuchte, in kleinen Sidesteps den Hügel hinabzuschreiten.
Skates drehte um und arbeitete sich mit schnellen, kraftvollen Stößen den Hügel hinauf. "Komm schon, Keeter, nicht mogeln!"
"Was heißt hier mogeln?" Keeter steppte weiterhin seitlich den Hügel hinab, "Ich dachte, das Ziel wäre es, dass ich auf den Rollschuhen und nicht auf meiner Haut den Hügel hinabkomme und ich nutze jede Möglichkeit, um das sicherzustellen."
"Du wirst nicht fallen, das verspreche ich."
Keeter verharrte und sah hinab in die aufrichtigen braunen Augen. Seufzend drehte er sich, so dass er in Fahrtrichtung stand. <Ein Blick zuviel in die Augen einer schönen Frau ist noch mal mein Tod!> "Na schön, was tue ich also?"
"Nimm erst mal die Grundposition ein, halte die Knie immer gebeugt und pass auf, dass deine Hände immer vor dir bleiben. Entweder du betätigst regelmäßig die Fersenbremse, damit du nicht zu schnell wirst, oder du fährst im Slalom den Berg hinab."
"Slalom," entschied Keeter, dem die Bremse immer noch nicht ganz geheuer war.
"Okay, ich warte unten auf dich, nicht, dass wir uns wieder in den Weg geraten." Skates klopfte Keeter aufmunternd auf die Schulter, bevor sie in gerader Linie und ohne zu bremsen den Hügel hinabfegte.
Keeter sah ihr bewundernd nach. Er konnte nicht anders als ihre Furchtlosigkeit und die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen zu bestaunen.
Er wartete, bis Skates ihm winkte, dann stieß er sich leicht ab und ließ die Inline-Skates einfach rollen. In langsamen Slalomkurven und weitaus weniger elegant als seine ‚Lehrerin’ überwand er den Hügel. Er versuchte, genau vor Skates zu bremsen, schaffte es aber nicht ganz und so landete er schließlich in ihren Armen. "Wow! Ich hab’s geschafft!" Seine grauen Augen funkelten begeistert.
Skates lächelte nachsichtig. "Und du bist *nicht* gefallen!"
Keeter nickte so heftig, dass sein Kinn fast auf Skates Kopf prallte. "Ja, du bist also von deinen Kuss-Pflichten vorerst entlassen." Beinahe tat ihm das leid.
Skates löste sich plötzlich ein wenig unbehaglich von ihm. "Wollen wir noch ein Stückchen weiter? Da vorne ist schon die Altstadt von Alexandria und ein Stück weiter kommt der Jones Point Leuchtturm. Zurück können wir dann ja mit der Metro fahren."
Keeter nickte zustimmend. Er musste zugeben, dass dieses Inline-Skaten langsam begann, ihm Spaß zu machen – auch wenn er argwöhnte, dass das mehr mit seiner Lehrerin als mit der eigentlichen Tätigkeit zu tun hatte.
Sie näherten sich der Altstadt von Alexandria. Alte, rote Ziegelsteinhäuser aus dem 18. Jahrhundert prägten das Stadtbild. Eine kurze Treppe führte zum Hafen hinunter.
Keeter hielt den Atem an, als Skates in voller Geschwindigkeit auf die Treppe zuhielt, anstatt sie in Seit-Schritten langsam hinabzugehen.
Ihre Knie waren gebeugt, doch kurz vor der Kante streckte sich ihr geschmeidiger Körper federnd und nach einem großen Satz landete sie schließlich in derselben Haltung, in der sie gestartet war.
Keeter begann wieder zu atmen. <Diese Frau ist *wirklich* noch mal mein Tod!>
Auf den folgenden Seiten findet ihr Bilder von den Stationen entlang des Mt. Vernon Trails:
Karte vom Mount Vernon Trail:
http://www.nps.gov/gwmp/mvtmap.html
Bilder von Theodore Roosevelt Island:
http://www.theodoreroosevelt.org/modern/trisland.htm
Karte von Theodore Roosevelt Island:
http://bikewashington.org/parking/teddy/teddy.htm
Arlington Memorial Bridge:
http://www.nps.gov/gwmp/memorial_bridge.htm
Altstadt von Alexandria:
http://alexandriacity.com/photopage.htm
Jones Point Leuchtturm:
http://members.aol.com/valights/jonespt1.htm
Mount Vernon Residenz:
http://www.angelfire.com/va2/btr/MountVernon.html
Wenn ihr mal sehen möchtet, wie man mit Inline Skates korrekt bremst:
http://www.getrolling.com/orbit/allstopping.html
http://www.mysportsguru.com/CDA/Article/0,1093,1-1009-4192-2007,00.html
2231 Z-Zeit (14:31 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Silver Falls State Park
Oregon
"Wasserfälle?" Harm blickte Matt Forbes ohne große Begeisterung an, "Wir wollen uns *Wasserfälle* ansehen? Als hätten wir in den vergangenen Tagen noch nicht genug Wasser gesehen...," brummte er und blickte zu Mac hinüber. Er hätte es nie zugegeben, aber er war müde, jeder Muskel schmerzte und seine Beine fühlten sich so steif und unbeweglich an wie die Holzbeine von Pinoccio. <Außerdem geht’s mir langsam wie E.T. – ich will nach Hause!> Wieder blickte er zu Mac hinüber. Er vermisste sie, auch wenn sie keine zwei Meter von ihm entfernt am Jeep lehnte, und er hätte sie gerne endlich wieder in die Arme geschlossen, aber die Anwesenheit des JAG-Teams verhinderte dies effektiver als ein ganzes Rudel englischer Anstandsdamen.
Mac schien Harms Stimmung zu bemerken, denn als die anderen bereits begannen, den Pfad entlang zu gehen, blieb sie ein wenig zurück und schlang für einen kurzen Moment beide Arme um ihn. "Nur noch ein paar Stunden, Flyboy," flüsterte sie ihm zu und er spürte für einen Sekundenbruchteil ihre Lippen auf seinem Ohr, bevor sie sich von ihm löste und rasch den anderen folgte.
<Komm schon, Rabb, führ dich nicht auf wie ein Dreijähriger, der sein Lieblingsspielzeug nicht bekommt!> ermahnte sich Harm, eilte dem Rest des Teams nach und versuchte, sich abzulenken, indem er sich auf die Naturwunder des Silver Falls State Park konzentrierte.
"Dieser Weg nennt man den ‚Pfad der zehn Wasserfälle’," erklärte Forbes seiner Reisegruppe eben, "es ist ein 7-Meilen-Rundweg, der an allen Wasserfällen vorbeiführt. Für den ganzen Weg würden wir mindestens vier Stunden brauchen, deshalb werden wir uns nur einen Teil der Wasserfälle ansehen."
Das JAG-Team folgte dem Pfad einen kurvigen Abstieg hinab zum ersten Wasserfall. Um sie herum erstreckten sich sanfte Hügel, beeindruckende Felsformationen und grüner Wald mit Moosen, Farnen, Zedern und Douglastannen.
Der gepflasterte Weg führte entlang dem südlichsten Lauf des Silver Creek und führte hinter dem ersten der Wasserfälle, den 60 Meter hohen South Falls, hindurch. Die Gruppe verschwand einer nach dem anderen hinter dem donnernden Wasservorhang. Harm zog den Kopf ein, als ihm Wassertropfen ins Gesicht spritzten.
"Hinter vier der insgesamt elf Wasserfälle kann man gehen," erklärte Forbes, als sie weitergingen.
"Elf?" Mac hatte aufgepasst, "Sagten Sie nicht vorhin, der Weg hieße ‚Pfad der *zehn* Wasserfälle’?"
Forbes grinste. "So heißt der Pfad auch, aber es sind trotzdem elf Wasserfälle. Da hat wohl irgendeiner meiner Oregon’schen Landsleute nicht richtig gezählt." Er zwinkerte Mac zu und Harm widerstand nur mit Mühe dem Drang, entweder den Arm um Macs Schulter oder die Hand um Forbes Hals zu legen.
Harm wurde von seinen Mordplänen abgelenkt, als der Weg eine Biegung machte und dann hinter dem nächsten Wasserfall, den Lower South Falls, hindurchführte. Dieser Wasserfall war nur halb so hoch wie die imposanten South Falls, aber dafür doppelt so breit.
Als er wieder hinter dem Wasserschleier zum Vorschein kam, fühlte sich Harm, als wäre er bis zu den Knochen durchnässt.
Der Weg führte jetzt nach Osten, stromaufwärts entlang dem nördlichen Lauf des Silver Creek. "Das sind die Double Falls," erklärte Forbes, auf einen Wasserfall deutend, der eigentlich aus zwei aufeinander sitzenden Wasserfällen bestand.
In schnellem Tempo führte Forbes sie weiter, bis zu den spektakulären Middle North Falls. Sie gingen hinter dem 35 Meter hohen Wasserfall hindurch, dessen Wasser die oberen 2/3 des Weges förmlich durch die Luft schoss, während es im unteren Drittel wie ein sanfter Schleier auf die Felsen fiel.
Harm musste zugeben, dass er noch nie so viele verschiedene Wasserfälle auf so kleinem Gebiet gesehen hatte. Er wünschte sich, dass er diesen Anblick – wie so viele andere Paare, an denen sie vorbeikamen – Hand in Hand mit Mac hätte genießen können. <Ich weiß nicht, was mit mir los ist, ich bin doch sonst nicht der Händchen-Halten-Typ! Bei Jordan und Renée hat mir ein bisschen Abstand nie etwas ausgemacht.> Harm korrigierte den Sitz des Rucksacks auf seinen Schultern und versuchte, die Gedanken an Mac und ihre Beziehung abzuschütteln, indem er energisch weiterging.
Sie kamen vorbei an den Twin Falls, einem Wasserfall, dessen Wasserstrom durch einen störrischen Basaltfelsen in zwei Läufe geteilt wurde, und erreichten schließlich die North Falls.
Harms Beinmuskeln begannen langsam zu protestieren. In Gedanken zählte er jede der 88 Treppenstufen hinab zu diesem atemberaubenden Wasserfall mit. Wieder führte der Weg hinter dem Wasserfall vorbei, durch einen höhlenartigen Ausschnitt im schwarzen Fels, wie ein Amphitheater, das der Wasserfall geschaffen hatte.
Das Donnern des Wasserfalls war lauter als die Triebwerke einer Tomcat. Harm presste sich die Hände auf die Ohren, zog sie aber wieder zurück, als er die nebelhafte Feuchtigkeit auf seinen Handrücken spürte.
"Wir kürzen jetzt ein Stück ab und sehen uns nur noch einen Wasserfall an, bevor wir zurück zu den South Falls gehen," erklärte Forbes an der Spitze, während sie auf einen kleineren Pfad abbogen.
Eine ältere Dame mit Spazierstock und einem kleinen Hündchen auf dem Arm wanderte neben ihnen her und lauschte ebenfalls Forbes Erklärungen. Der kleine Hund drehte sich in der Umarmung seiner Besitzerin, um von dieser sicheren Position aus Chegwidden anzuknurren.
"Grrrrrr!" Chegwidden knurrte unbeeindruckt und sehr viel lauter zurück und alle lachten, als das Hündchen winselnd den Kopf in der Armbeuge seiner Besitzerin versteckte.
Bud, der vor Harm ging, hielt Harriets Hand, während er mit der anderen in seinem ziemlich feucht gewordenen Reiseführer blätterte.
"Die Frenchie Falls liegen etwas isoliert und sind die romantischsten der elf Wasserfälle," las Harriet über Buds Schulter hinweg vor, "schon viele junge Männer haben ihrer Angebeteten einen Heiratsanträge neben diesem Wasserfall gemacht. Ach, Bud, wie romantisch!"
<Heiratsantrag?> überlegte Harm, während er vor dem zugegebenermaßen wirklich sehr idyllisch gelegenen Wasserfall stand, <So weit sind wir noch nicht, aber romantisch, das ist gut... Das könnte der ‚perfekte’ Ort sein, um Mac zu sagen, dass ich sie liebe.> Er sah sich suchend nach Mac um. Sie stand etwas abseits der anderen, weil die ältere Dame sie in ein Gespräch verwickelt hatte. <Gut.> Harm setzte sich in Bewegung, um seiner ‚Angebeteten’ wenn schon keinen Heiratsantrag, so doch eine Liebeserklärung zu machen. Den Blick nur auf Mac gerichtet und mit klopfendem Herzen marschierte er los. <Gott, ich hoffe, sie erwidert meine Erklärung. Und ich hoffe, sie ist nicht so überrascht, dass sie die Augen aufreißt, einen Schrei ausstößt oder die anderen sonst wie auf uns aufmerksam macht...>
Er hatte sich die perfekten Worte zurechtgelegt und Mac bereits fast erreicht, als er plötzlich über das herumwuselnde Hündchen stolperte. Hilflos ruderte er mit den Armen, ohne jedoch das Gleichgewicht wiederzufinden. In seinem Fuß knackte etwas. Schmerz raste sein Bein hinauf, als er fiel.
Harm riss die Hände vors Gesicht, als er einer Felswand gefährlich nahe kam und mit der Schläfe daran vorbeischrammte. Er spürte einen harten Aufprall und musste kurz das Bewusstsein verloren haben, denn das Nächste, was er bemerkte, waren zwei warme Arme, die behutsam um seinen Oberkörper geschlungen waren.
<Mac.> Harm wusste, wer es war, noch bevor er blinzend die Augen öffnete. Tatsächlich sah er hinauf in besorgt blickende braune Augen und stellte fest, dass er mit dem Kopf in Macs Schoß gebettet lag. Stöhnend versuchte er sich aufzusetzen, aber Mac drückte ihn sanft zurück.
"Bleib liegen, Flyboy, Hilfe ist unterwegs." Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt.
"Hilfe?" ächzte Harm und tastete mit der Hand über seinen schmerzenden Kopf, "Ich brauche keine Hilfe, es geht schon wieder."
"Oh, doch! Du hast dir diese Wasserfälle und ihre Felsen etwas genauer angesehen, als uns allen lieb ist; das war ein ganz schöner Sturz!" Der Glanz in Macs Augen sagte Harm, dass jeder Widerstand zwecklos war.
Er stöhnte und schloss die Augen. <Harmon Rabb junior, Fliegerheld, Top-Anwalt, hochdekorierter Navy-Offizier – zu Boden gestreckt von einem Chihuahua! Ich schätze, der Moment war doch nicht so perfekt!>
Für Fotos vom Silver Falls State Park und seinen Wasserfällen, seht euch diese Seiten an:
http://www.geocities.com/beavjake.geo/sfsp.html
http://home.vr-web.de/eugen.winklharrer/waterfalls/usa_oregon/silverfallsstatepark1.htm
Hier gibt’s Fotos von Chihuahuas:
http://www.chihuahua-dogs.com/
http://members.aon.at/kurt.sagmeister/galerie/chi_1.htm
2345 Z-Zeit (18:45 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Granny eilte zur Türe und öffnete sie, als es endlich klingelte. Die beiden Personen, die sie erwartet hatte, standen auf der Türschwelle. "Ha, sieh mal an, unsere lange vermissten Adoptivenkel kehren heim! Wir dachten schon, ihr wärt nach Las Vegas durchgebr..." Die silberhaarige Dame brach ab, als sie den ersten richtigen Blick auf Keeter erhaschte, der versuchte, sich unbemerkt an Skates vorbei ins Haus zu retten.
"Was habt ihr denn gemacht?!" rief auch Will, der jetzt ebenfalls in den Gang trat, entsetzt.
Keeter verzog das Gesicht. "Wir sind Rollschuh gefahren... nein, das ist nicht wahr, wir sind nicht *gefahren*, wir sind den Asphalt entlang *gerast*, als ständen unsere Rollschuhe in Flammen..."
"Ach, komm schon, Keeter, es lag ganz sicher nicht an der Geschwindigkeit und wage es bloß nicht, jetzt mir die Schuld daran zu geben, dass du für jemanden, der nicht Botaniker, sondern Pilot ist, enge Bekanntschaft mit einem Baum am Straßenrand gemacht hat! Ich habe dir oft genug gesagt, du sollst nicht auf deine Füße sehen!" beschwerte sich Skates.
"Ja, ja, du bist völlig schuldlos." Keeter wedelte mit der Hand über Skates Kopf herum.
Skates gab ihm einen Klaps auf die Hand. "Hey, was tust du da?"
"Ich suche nach dem Heiligenschein." Ächzend ließ sich Keeter auf die Couch fallen.
"Den nehme ich immer ab, wenn ich skate; er passt nicht so gut unter den Helm," entgegnete Skates trocken. Sie ging zur Küche und kehrte mit einer in ein Handtuch gewickeltes Päckchen Tiefkühl-Erbsen zurück. "Tut mir leid, die Eiswürfel waren alle und ich wage es nicht, mit an Macs Schoko-Bananen-Eiscreme zu vergreifen," erklärte sie und drückte Keeter die improvisierte Kühlpackung sanft gegen die Stirn.
"Nein, du bist wirklich nicht schuld," versicherte ihr Keeter, während er unter den tiefgefrorenen Erbsen hindurch in besorgte braune Augen blickte, "und eines muss man dir lassen: Du hast auf dem ganzen Rückweg ‚Hab ich’s dir nicht gleich gesagt’ nicht mehr als drei- oder vierhundert Mal gesagt." Keeter grinste und zwinkerte ihr zu, um Skates zu zeigen, dass seine Worte nur als Scherz gemeint waren. Die Bewegung seiner Gesichtsmuskeln ließ den Schmerz durch seine Stirn zucken. Mit einem Stöhnen tastete er nach den großen Beulen, so dass seine große Hand auf Skates kleineren zu ruhen kam.
"Wenigstens passt jetzt dein Gesicht zu deiner Figur," tröstete ihn Skates schmunzelnd und ohne richtig zu bemerken, dass ihr Daumen beruhigend über Keeters Handrücken strich.
"Hä?" Die sanfte Berührung von Skates Fingern lenkte Keeter so ab, dass er nicht annähernd begriff, was sie meinte.
Skates berührte leicht die beiden Beulen auf seiner Stirn. "Na, deine Stirn hat jetzt wirklich klingonische Ausmaße, so wie der Rest von dir."
Keeter warf ihr einen betont kriegerischen Blick zu. "Ich hoffe, du bist dir darüber bewusst, was Klingonen üblicherweise mit ihren Frauen machen?"
"Ich bin aber nicht deine Frau!" betonte Skates nachdrücklich, zog ihre Finger unter der seinen hervor und drückte Keeter die Tiefkühlerbsen in die Hand.
Keeter runzelte die Stirn, als sie sich rasch zurückzog, bereute es aber gleich darauf, als die Haut sich über den Beulen spannte. <Warum zum Teufel macht eine so harmlose Bemerkung sie so nervös?! Weiß sie nicht, dass ich nur nett sein wollte und dass wir Piloten gewohnheitsmäßig flirten, ohne uns groß was dabei zu denken? Oder ist es gerade das?> "Ich weiß, ich weiß," beruhigend hob Keeter die Hände, "und darüber sollten wir beide froh sein. Ich glaube nicht, dass ich einen sonderlich guten Ehemann abgeben würde."
Skates starrte ihn weiterhin mit finsterem Gesichtsausdruck an, ohne ein Wort zu sagen.
"Hey, ich meine, welcher Juwelier hat schon Ringe parat, die einem Mammut passen?" versuchte Keeter es mit einem Scherz. Er ließ die Erbsen sinken, um ihr in die Augen sehen zu können.
Skates riss sich sichtlich zusammen und lächelte schwach.
Granny, die einen Reisbeutel schüttelnd ins Wohnzimmer kam, rettete die angespannte Situation. "Wie wäre es mit Risi Pisi?" erkundigte sie sich, zwischen dem Reis und Keeters angetauten Tiefkühlerbsen hin und herzeigend.
Der Pilot lachte. "Ach so, der Reis ist fürs Abendessen! Ich dachte schon, du würdest schon mal das Reiswerfen für die Hochzeit deines Enkels proben."
"Harmon spricht von Heirat?" Granny ließ den Reisbeutel fallen, als sie überglücklich die Hände zusammenschlug.
"Ähm, uh, nein, nein," wehrte Keeter hastig ab, etwas verlegen, bei der alte Dame falsche Hoffnungen geweckt zu haben, "das hab ich nur so dahin gesagt. Harm und ich haben bereits in jungen Jahren festgestellt, dass Piloten keine guten Ehemänner abgeben. Warum eine Frau unglücklich machen, wenn man Hunderte glücklich machen kann?" Ein Grübchen bildete sich in Keeters Wange, als er grinste.
Granny verschränkte in großmütterlicher Überlegenheit die Arme. "Dem darf ich aufs Heftigste widersprechen, junger Mann!"
Keeters Grinsen verstärkte sich. "Sie glauben mir nicht, dass ich Hunderte von Frauen glücklich machen kann? Ich habe Telefonnummern, um es zu beweisen, inklusive der halben Gewerkschaft der Stewardessen!" versicherte er nachdrücklich.
"Das meinte ich nicht, ich wollte sagen, ich weiß aus zweifacher, sehr persönlicher Erfahrung, was für exzellente Ehemänner Militärpiloten abgeben... sie können das Bett schneller als jede Hausfrau machen, sie sehen einfach gut in Uniform aus und sie haben gelernt, dass man manchmal sein Heck aus der Schussbahn bewegen und dem Überlegenen den Luftraum überlassen muss." Granny reckte das silberhaarige Haupt und ließ damit keinen Zweifel, wen sie für den Überlegenen hielt. "Im Übrigen solltest du das mit den Stewardessen nicht vor dem armen Mädchen sagen," meinte Granny tadelnd und nickte in Skates Richtung.
Skates winkte ab. "Ach, das geht schon in Ordnung, Granny – ich hab’ weder vor Stewardess noch eine Telefonnummer auf Keeters Liste zu werden. Gegen seinen Flyboy-Charme bin ich immun."
Granny schüttelte entschieden den Kopf. "Selbst die moderne Medizin hat noch kein Gegenmittel dafür entdeckt."
"Ich schon," hielt Skates, ebenso eigensinnig wie die alte Dame, dagegen.
"Und das wäre?" Erwartungsvoll neigte Granny den Kopf.
Keeter versuchte, sich mucksmäuschenstill im Hintergrund zu halten und sich unsichtbar zu machen, was sich als nicht ganz leicht erwies, wenn man 1,90m groß und entsprechend breit gebaut war. <Na, da bin ich aber gespannt.>
Skates seufzte ein wenig und öffnete den Mund zu einer Antwort.
Das Klingeln des Telefons unterbrach sie.
"MacKenzie-ehemals-Rabb, bei Noch-MacKenzie und Rabb," meldete sich Granny, als sie den Hörer abnahm, "Oh, Harriet, Sie sind das, schön, von Ihnen zu hören... wo sind...? Was? Sagten Sie gerade Krankenhaus?!"
0149 Z-Zeit (17:49 Uhr PST/Pacific Standard Time)
Willamette-Hospital
Salem, Oregon
Quietschende Schritte auf dem Gang. Hoffnungsvoll sah Harm auf, aber wieder nahte kein Arzt, der ihn endlich zum Röntgen brachte.
Die Aufnahme des Krankenhauses war überfüllt und deshalb lag Harm, als minder schwerer Fall, nun auf einer Liege auf dem Korridor und wartete darauf, dass sein Fuß geröntgt wurde, der inzwischen stark angeschwollen war. Es klopfte und pochte heftig in seinen Zehen oder in seinem Knöchel; Harm konnte es kaum noch auseinanderhalten.
Er blinzelte immer wieder, nicht nur wegen der grellen Neonbeleuchtung des Krankenhauses, sondern auch, weil Blut aus einem tiefen Kratzer an der Schläfe ihm sein rechtes Auge ein wenig verklebte. Sein Kopf brummte und jeder seiner Muskeln schmerzte, weniger von seinem Sturz als vielmehr von seinem Ausflug ins Cowboy-Dasein. Wenn es irgendeinen Teil seines Körpers gab, der nicht schmerzte, so hatte er ihn bisher noch nicht gefunden. Harm war müde und er fröstelte ein wenig in seiner regenfeuchten Kleidung.
Das einzig Positive an der ganzen Situation saß neben ihm auf der Liege und hielt seine Hand – und das, obwohl die Roberts keine drei Meter neben ihnen wartend an der Wand lehnten, während Chegwidden und der Rest der Gruppe bereits abgeflogen waren. Zu wissen, dass Mac in dieser Situation sein Wohlbefinden wichtiger war als ihr Beziehungs-Versteck-Spiel mit dem JAG-Team, war eine Erfahrung, die trotz der Umstände ein Lächeln auf Harms Lippen brachte.
"Mac?"
"Hm? Möchtest du etwas zu trinken? Eine Decke? Hast du Schmerzen?" Liebevolle Sorge leuchtete Harm aus den braunen Augen entgegen.
Harm schüttelte leicht den schmerzenden Kopf. <Ich brauche nichts, solange du bei mir bleibst.> Er betrachtete Mac von oben bis unten. Sie sah aus, als hätte sie wochen-, nicht nur tagelang in der Wildnis überlebt. Hässliche Grasflecken zierten ihre Jeans, ihre Bluse hatte ein paar Spritzer von Harms Blut abbekommen und ihre Haare sahen aus, als hätte ein Vogel versucht, darin zu nisten. Ein bisschen Schmutz zog sich quer über ihren Wangenknochen.
Eigentlich hatte Harm den ‚perfekten’ Moment abwarten wollen, um Mac die drei berühmten Worte zu sagen, einen Moment, in dem sie beide ausgeruht, guter Stimmung, elegant gekleidet und an einem romantischen Ort waren. Dieser Moment war nichts von alledem und mit Sicherheit war er nicht perfekt, aber irgendwie erschien er Harm dennoch richtig, so mitgenommen sie beide von ihrem Abenteuertrip und der Begegnung mit dem Killer-Chihuahua auch waren. <Der Moment ist sicher nicht perfekt... obwohl, vielleicht ja doch. Eigentlich ist ja jeder Moment perfekt, den ich mit Mac verbringen kann. Und außerdem: Wenn sie mich jetzt, hier und so liebt, dann liebt sie mich in jeder Lebenslage und in Dress Whites wird sie mich geradezu anbeten...> scherzte Harm mit sich selbst und rang sich zu einem Entschluss durch.
"Mac?"
"Ja?"
Ein schneller Blick zu Harriet und Bud, die ihn besorgt beobachteten und nicht für einen Moment aus den Augen ließen. Harriet, die romantische Südstaaten-Lady, würde eine Liebeserklärung bestimmt nicht für eine Erklärung der kollegialen Wertschätzung halten. <Egal. Ich bin ein ehemaliger Navy-Pilot, als solcher muss man auch mal was riskieren. Mac ist es wert.> "Mac, ich... will dir etwas sagen."
"Du hast Schmerzen!" vermutete Mac und wollte aufspringen, um einen Arzt notfalls mit seinem Stethoskop zu fesseln und am weißen Kittel zu Harm zu zerren.
"Nein!" Harm hielt sie rasch fest, "höchstens ein paar Herzschmerzen. Mac, ich weiß, es ist nicht die richtige Zeit und ganz sicher nicht der richtige Ort, um dir das zu sagen, aber... ich... ich liebe dich."
Mac blinzelte überrascht.
Harriet presste mit großen Augen die Hand auf den Mund, aber schon eine Sekunde später zeichnete sich ein Lächeln hinter ihren Fingern ab.
Bud hingegen steckte den kleinen Finger ins Ohr und schüttelte, als glaube er, Wasser im Gehörgang zu haben.
Harm wartete mit zunehmender Unsicherheit. <Oh, Mist! Ich wusste es, ich hätte nicht vor Harriet und Bud davon anfangen sollen! Oder vielleicht ist Mac für so eine ernsthafte Liebeserklärung noch gar nicht bereit, vielleicht will sie die ‚Ewigkeit’ mit mir gar nicht mehr...>
Macs Lippen auf den seinen ließen alle Zweifel verschwinden. Dies war definitiv kein ‚Du-Armer-ich-hoffe-es-geht-dir-bald-wieder-gut-Wangenschmatzer’, sondern ein leidenschaftlicher ‚Mitten-auf-die-Lippen-kein-Raum-für-Fehlinterpretationen-Kuss’.
Mac räusperte sich etwas atemlos, als sie die Lippen wieder von Harms trennte. Sie wusste, dass sie beide nun in Schwierigkeiten steckten, aber sie wusste auch, dass es die besten Schwierigkeiten waren, in denen sie je gewesen war. "Falls du es noch nicht erraten haben solltest... ich liebe dich auch, von ganzem Herzen." Sie starrte gebannt in die blauen Augen ihres Partners und vergaß für einen Moment lang alles um sich herum.
Harriets demonstratives Räuspern riss die zwei Verliebten aus ihrem kleinen Privat-Universum. "Sir... Ma’am..." Der blonde Lieutenant schüttelte den Kopf, als müsse sie ihre Gedanken klären, "wie lange geht das schon so? Ich meine, als Ihre Untergebene habe ich vielleicht kein Recht, das zu fragen und sollte besser nicht darüber Bescheid wissen, aber als Ihre Freundin, die sich mit Ihnen freut, würde ich sehr gerne wissen, wie lange Sie schon zusammen sind ... Sie sind doch zusammen?" Unsicher, was sie von dem Ganzen halten sollte, blickte sie zwischen Harm und Mac hin und her.
"Definitiv," Harm grinste stolz und rappelte sich auf der Liege hoch, um endlich die Arme um Mac schlingen zu können, "Wenn wir noch mehr ‚zusammen’ wären, dann wären wir siamesische Zwillinge. Wie lange schon? Tja, laut Granny zu lange, um immer noch nicht verheiratet zu sein und mindestens ihren ersten Urenkel produziert zu haben."
"Um genau zu sein: Drei Monate, fünf Tage, neunzehn Stunden und... Moment... jetzt genau achtundvierzig Minuten!" verkündete Mac strahlend.
"Drei M-Monate?!" stotterte Bud verwirrt, "Sie sind seit drei Monaten ein Paar und niemand hat etwas gemerkt?"
"Wir wollten das so, Bud," erklärte Harm, während er gierig den Duft von Macs Shampoo und ihrem Parfüm einatmete, "nach dem ganzen Hin und Her, das Grannys Verkupplungsversuche beim Admiral und vor allem dem Marineminister ausgelöst haben, dachten wir, wir sollten allen zuerst eine kleine Verschnaufpause geben... und Admiral Chegwidden die Zeit, einen Taschentuchvorrat anzulegen, bevor er noch mal mit dem Marineminister spricht."
"Soll das heißen, der Admiral hat noch nicht die leiseste Ahnung, dass Sie, seine beiden Top-Anwälte, seit über einem Viertel Jahr zusammen sind?!" Harriet blickte ihre beiden Vorgesetzten alarmiert an.
Mac nickte unbehaglich. Sie freute sich nicht gerade auf das Gespräch, das sie demnächst mit Chegwidden führen mussten. <Ich hoffe bloß, dass er uns nicht zum Sandkornzählen in die Sahara oder zum Schneeschippen an den Südpol versetzt, wenn er mitbekommt, dass wir eine Beziehung führen und die auch noch so lange vor ihm verheimlicht haben!>
Harriet schien denselben Gedanken zu haben, denn sie stöhnte mitleidsvoll. "Ich werde versuchen, auf Ihrer Beerdigung ein paar nette Worte zu sagen, Sir, Ma’am."
1521 Z-Zeit (10:21 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Die rote Katze döste im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel. Die Ohren der Katze zuckten und richteten sich nach vorne, als sie vertraute Schritte wahrnahmen, die sich dem Haus näherten.
Ein Schlüssel klirrte im Schloss und zwei gelbe Katzenaugen öffneten sich, um die sich öffnende Haustüre zu beobachten.
"Ich habe mir doch gleich gedacht, dass dieses Abenteuer-Camping in Oregon eine gefährliche Sache ist!" hörte Gypsie die Stimme der liebenswerten alten Dame, die ihr in Abwesenheit ihres Herrchens immer dessen Krabben gefüttert hatte.
"Ach, komm schon, Granny, du findest doch, dass alles außer dem Unterschreiben eines Ehevertrages zu gefährlich für mich ist," meinte Harm, als er in die Küche humpelte.
"Das ist nicht wahr," protestierte Granny, während sie Will mit dem Gepäck vor sich her ins Haus dirigierte, "Geburtsurkunden wären auch noch annehmbar."
Gypsie hob aufmerksam den Kopf, als sich die Kühlschranktüre öffnete, senkte ihn dann aber wieder auf die Pfoten als man lediglich das Zischen einer Mineralwasserflasche hörte.
Harm kam ins Wohnzimmer zurück und ließ sich mit einem erleichterten Stöhnen neben Mac aufs Sofa fallen.
Gypsie sah missbilligend auf, streckte sich faul und schloss wieder die Augen, während Jingo die Heimkehrer freudig bellend begrüßte.
Granny baute sich mit den Händen in die Hüften gestemmt vor der Couch auf. "Also, sag schon, Harmon, wie hast du es geschafft, dir deinen Knöchel zu verstauchen und den kleinen Zeh zu brechen?"
"Ähm, tja, also, das war... nun ja..." Hilfesuchend sah Harm Mac an.
"Beim Floß-Rafting?"
"Nein, nicht ganz." Harm schüttelte den Kopf und ließ es sich gerne gefallen, dass Mac seinen verletzten Fuß in ihren Schoß hob und begann, seine verkrampften Wadenmuskeln sanft zu massieren.
"Beim Bergsteigen?" fragte Granny hartnäckig weiter.
"Hmmm, ja, ein bisschen mehr links, bitte... perfekt," Harm hauchte einen Kuss gegen Macs Schläfe, ehe ihm bewusst wurde, dass seine Großmutter noch immer mit ihm sprach, "... oh, Bergsteigen, könnte man so sagen, ja. Ich hatte bei einem unserer Ausflüge eine abenteuerliche Begegnung mit... einem wilden Tier." Harm grinste verlegen.
"Ein Bär?" fragte Granny aufgeregt. Sie witterte eine spannende Geschichte.
Mac schnaubte und Harm knabberte spielerisch an ihrer Handfläche, um sie abzulenken. Mit den Lippen an ihrer Hand murmelte er etwas, was ebenso gut ‚ein kleiner Chihuahua’ wie auch ‚ein drei Meter hoher Grizzly’ heißen konnte.
Granny legte die Hand ans Ohr. "Was? Sprich bitte lauter, Will ist heute an der Reihe, das Hörgerät zu tragen," behauptete die alte Dame grinsend. Jeder wusste, dass Grannys Gehör ganz ausgezeichnet war; sie hörte sogar Dinge, die gar nicht für ihre Ohren bestimmt waren.
"Es war ein Unfall," erklärte Harm würdevoll, "ich bin über etwas gestolpert, als ich Mac gerade meine Liebe gestehen wollte."
"Endliiiiiiich!" Granny schlug vor Freude so laut die Hände zusammen, dass Gypsie erschrocken von der Couch sprang. "Und ausgerechnet in einem solchen Moment bist du über etwas gestolpert, wie unromantisch! Liebe macht wohl wirklich blind!"
"Oach, ich weiß nicht, ich fand’s eigentlich sehr romantisch, du nicht, Mac?" Harm zwinkerte seiner Freundin zu. "Das Krankenhaus-Neonlicht flackerte auf uns hinab, die Liege war festlich in weiß gedeckt und die Roberts und ein alter Mann, der gerade mit einer Urinflasche vorbeischlurfte, bezeugten unsere Liebesbeteuerungen."
Lachend erhob Mac sich vom Sofa. "Jemand hungrig?"
"Mac, ich erinnere nur ungern daran, aber du hast bereits im Flugzeug gegessen. Ich wette, sämtliche Stewardessen der nördlichen Halbkugel geben jetzt dein Foto zur Warnung herum," wandte Harm mit liebevollem Spott ein.
"Wieso sollten sie?" Mac gab sich unschuldig.
"Vielleicht, weil sie noch nie jemanden gesehen haben, der mit zwei Rentnern verbissen um den letzten Schokoriegel an Bord feilscht. Der Hinweis auf die Alters-Diabetes war übrigens wirklich teuflisch gemein, Mac."
"Ach, und der Hinweis darauf, dass ich meine Figur noch brauche, um mir einen Mann zu angeln, war der etwa nicht gemein?" gab Mac trotzig zurück.
Harm nickte. "Doch, der war gemein, vor allem, wenn man bedenkt, wie offensichtlich es war, dass du dir bereits so ein Prachtexemplar an Land gezogen hast. Meine Kur gegen deine Flugangst hätte sie eigentlich davon überzeugen müssen," meinte der Ex-Pilot grinsend.
"Wenn sie uns hätten sehen können, vielleicht," wandte Mac lächelnd ein, "wir steckten im wahrsten Sinn des Wortes unter einer Decke, als du mir deine Phobie-heilerischen Talente vorgeführt hast. Und im Übrigen bist du der letzte, der sich über den einen winzigen Schokoriegel beschweren darf, Mister Eiscreme-zum-Frühstück!"
Harm schüttelte energisch den Kopf. "Eis, nicht Eiscreme, Mac, ich hatte Eis bestellt – für meinen Zeh! Aber die Stewardess schien zu glauben, dass ich deine Vorliebe für Zuckerschocks teile und hat mir stattdessen Eiscreme gebracht."
Mac rollte mit den Augen. "Wie dem auch sei, in Oregon ist jetzt Frühstückszeit und ich hab Hunger. Sonst noch jemand hungrig?"
"Machst du Frühstück?" erkundigte sich Will vorsichtig.
Mac nickte.
"In diesem Fall: Danke, aber nein danke, u-we-tsi," entschied Will für sie alle.
"Hey, ihr beleidigt mich wirklich... mal wieder!" Mac streckte demonstrativ die Unterlippe vor.
Harm legte einen Arm um sie und zog sie gegen seinen Körper. "Hey, das Thunfisch-Sandwich, das du letztens gemacht hast, war gar nicht so übel," tröstete er.
Mac runzelte verwirrt die Stirn. "Sandwich? Thunfisch? Das war kein Thunfisch auf dem Sandwich."
"Oh," Harm grinste verlegen, "Ups! Ich wage nicht zu fragen, was es dann war."
Mac tätschelte mit einem spitzbübischen Grinsen seinen Arm. "Wo sind eigentlich Keeter und Skates? Habt ihr sie etwa mit euren endlosen Verkupplungsversuchen soweit gebracht, dass sie schreiend um Asyl im nächsten Bundesstaat gebeten haben?"
"Unsinn," wehrte Granny ab, "als würden wir so etwas tun!" Sie und Will setzten ihre patentierten Unschuldsmienen auf, "Nein, die beiden sind nur mal eben schnell ihr Aufgebot bestellen."
"GRANNY!"
"Was denn, was denn, nur keine Eifersucht, nur weil die beiden schneller waren als ihr! Es gibt genug Pfarrer in der Stadt, um euch alle zu trauen!" versicherte Granny treuherzig.
"GRAAAAANNNNNNY!"
"Na schön, sie sind nicht das Aufgebot bestellen," gab Granny zu und zupfte achselnzuckend ein paar Katzenhaare von ihrer Bluse, "jedenfalls *noch* nicht. Will und ich sind zwar gut, aber zwei so hartnäckige Fälle brauchen dann doch ein bisschen länger. Gut Ding will eben Weile haben, schließlich habt ihr euch auch eine *Weile* Zeit gelassen."
Mac schüttelte nur den Kopf. "Also, wo sind die zwei dann wirklich? Doch nicht etwa schon abgereist?"
"Skates will deinem alten Kumpel eine Lektion erteilen, damit er nicht immer auf bestimmte Körperteile blickt," behauptete Will.
<Körperteile? Welche Körperteile?> Harm runzelte die Stirn. Dann machte er sich bewusst, dass Keeter Pilot war. <Pilot, ledig und auf Landgang! Welche Körperteile sieht er sich wohl an, hm, Rabb? Nur weil du plötzlich die Bedeutung von Monogamie entdeckst, bedeutet das noch lange nicht, dass Keeter sich keine Frauen mehr ansieht!>
Er konnte es verstehen, wenn Keeter Interesse an Skates zeigte; schließlich war seine Ex-Radarleitoffizierin hübsch, intelligent und humorvoll, außerdem teilte sie Keeters Liebe zur Fliegerei und seinen Sinn für Abenteuer. Aber Harm ahnte, dass sie, was Beziehungen betraf, jegliche Abenteuerlust verloren hatte und sich auf keinerlei Spielchen mehr einlassen wollte. "Keeter hat doch nicht wirklich seinen Flyboy-Charme und seine altbewährten Sprüche auf Skates angewandt, oder?" erkundigte sich Harm beunruhigt.
"Na ja, er hat’s versucht, aber die Piloten von heute sind nicht mehr das, was sie mal waren," meinte Will überlegen.
"Angeber!" schnaubte sein Schwiegerenkel.
"Hey, *ich* bin verheiratet," betonte Will mit seinem Häuptlings-Grinsen, "und ich habe nicht nur eine umwerfende Frau, sondern auch eine Enkelin, die so schön und bezaubernd ist, wie’s nur geht."
"Keine Widerrede meinerseits in diesem Punkt."
"Das will ich dir auch geraten haben, Flyboy," warf Mac ein, "Geht’s deinem Knöchel gut genug für einen kurzen Spaziergang in die Küche?"
"Aber sicher, Doktor MacKenzie. Mein Fuß ist besser geschützt als Fort Knox." Harm deutete auf den Verband, dem man ihm im Krankenhaus verpasst hatte.
Mac hielt ihm die Hand hin und zog ihn auf die Füße.
"Mir gefällst du so, Harmon," meinte Granny, als sie zusah, wie ihre beiden Enkel langsam und Arm in Arm den Weg zur Küche zurücklegten, "Es ist wirklich eine willkommene Abwechslung, mal nicht ständig hinter dir herrennen zu müssen, während du dir einbildest, langsam zu gehen. Ich konnte nicht mehr mit dir mithalten, ohne fast olympischen Rekord zu laufen, seit du 13 Jahre alt wurdest und dich in eine Baby-Giraffe verwandelt hast." Sie deutete Harms 1,93 m an.
Harm rollte nur mit den Augen. "Und jetzt?" fragte er, als er schließlich in der Küche stand, "Jetzt soll ich wohl was für dich kochen, hm?" Liebevoll stupste er Mac auf die Nase.
"Ja, das wär’ auch nicht schlecht, aber eigentlich habe ich dich nur hier rausgezerrt, weil ich meine drei Lieblingsworte heute noch gar nicht gehört habe."
"Drei Lieblingsworte? Essen ist fertig?" riet Harm grinsend.
Mac drohte ihm streng mit dem Finger. "Aha, du willst also nicht verstehen, was ich meine. Gut, dann muss ich dich wohl auf die gesetzlichen Auflagen hinweisen."
"Als da wären?" Amüsiert ging Harm auf das Spiel ein.
"Drei Tage weg und schon hast du unsere Hausregeln vergessen?" Mac schüttelte streng den Kopf.
"Mac, ich weiß zwar nicht, wie du *diese* Küsse vergessen konntest, aber zur Auffrischung deines Gedächtnisses: Ich habe dich heute Morgen bereits geküsst, in aller Ausführlichkeit," betont Harm.
"Ich rede ja auch nicht von Hausregel Nummer vier, ich rede von Hausregel Nummer sieben."
"Sieben?" Harm runzelte die Stirn, "Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, hatten wir nur sechs Hausregeln, keine sieben."
"Das kommt davon, wenn man sich nicht angemessen auf dem Laufenden hält. Aber ich will mal nicht so sein und dir auf die Sprünge helfen. Hausregel Nummer sieben besagt, dass jede der beiden an dieser Partnerschaft beteiligten Personen mindestens einmal am Tag das L-Wort in Zusammenhang mit der anderen an der Beziehung beteiligten Person benutzen soll."
"Aha." Harm tat, als würde er angestrengt über die Hausregel nachdenken.
"Das bedeutet also, dass zumindest eine der an der Partnerschaft beteiligten Personen der Hausregel heute noch nicht nachgekommen ist," meinte Mac bedeutungsvoll.
"Wirklich?" Harm hob amüsiert die Brauen.
"Ja. Und nur als kleiner Hinweis: Ich bin diese Person nicht, ich hab das L-Wort nämlich schon gesagt, nachdem du mir meine Flugangst genommen hattest." Erwartungsvoll neigte Mac den Kopf. "Also, wolltest du mir nicht irgendetwas sagen?"
Harm lachte. "Hausregel sieben, Unterabschnitt b besagt, dass keiner der an der Partnerschaft Beteiligten den anderen explizit zur Befolgung der Hausregel auffordern, betteln oder danach fragen darf."
Mac nagte auf ihrer Unterlippe. "Hmmmm, ich frage ja nicht wirklich, Harm, aber wenn es irgendetwas gibt, was du mir sagen willst, dann tu dir keinen Zwang an."
Harm schlang lächelnd die Arme um sie und zog sie eng an sich. "Wer könnte schon einer so süßen Nicht-Aufforderung widerstehen. Ich schätze, ich kann Hausregel Nummer vier und Hausregel Nummer sieben auch verknüpfen, oder?"
"Hausregel Nummer sieben, Unterabschnitt c lädt sogar ausdrücklich dazu ein," betonte Mac verführerisch.
Harm öffnete den Mund. "Ich..."
"Harmon! Sarah!" Grannys Ruf aus dem Wohnzimmer hielt ihn von der Befolgung der neuesten Hausregel ab.
Harm stöhnte. "Ja? Wir kommen!"
Hand in Hand gingen – beziehungsweise humpelten – sie ins Wohnzimmer zurück.
1540 Z-Zeit (10:40 Uhr EST)
In der Nähe der Pennsylvania Avenue
Washington D.C.
"Du bist strenger mit mir als mein alter Fluglehrer!" beschwerte sich Keeter, als er sich mit einem demonstrativen Ächzen auf einer Parkbank niederließ und die Verschlüsse seiner Inline-Skates öffnete. <Aber dafür bist du auch um Längen hübscher als mein Fluglehrer,> fügte er in Gedanken amüsiert hinzu. Er musste zugeben, dass die junge Radarleitoffizierin ihm gefiel, auch wenn er sich immer wieder ermahnte, die Finger von ihr zu lassen und sein automatisches Flirt-System zu deaktivieren.
Skates stoppte mit einer eleganten Drehung vor der Bank. Ihr braunes Haar, das unter dem Helm hervorsah, war vom Fahrtwind etwas zerzaust worden und daher sah sie jetzt wirklich aus wie eine der wilden Amazonen-Kriegerinnen. "Ach, komm schon, gib’s schon zu, Jackson Desiderius Keeter, das Skaten macht dir doch Spaß!"
"Desiderius ist auch falsch," führte Keeter ganz nebenbei ihr Ratespiel weiter, "und wenn du es für spaßig hältst, von einer Amazone auf Rollschuhen durch halb Washington gejagt und immer wieder vor sämtlichen Passanten ermahnt zu werden, nicht auf die Füße zu sehen, dann ja, ich habe Spaß gehabt." Er tauschte die Inline-Skates gegen die Schuhe, die er im Rucksack mitgenommen hatte, lehnte sich entspannt auf der Parkbank zurück und fischte in seiner Hemdtasche nach einer Zigarre.
Während er noch genüsslich den Duft der Zigarre einatmete, hatte Skates ihm das gute Stück mit einem raschen Griff aus der Hand genommen und treffsicher in den nächsten Mülleimer befördert.
"Hey!" protestierte Keeter mit aufgerissenen Augen, "Das ist eine kubanische Zigarre!"
Skates zuckte nur lässig die Schultern. "Irrturm, das *war* eine kubanische Zigarre, jetzt ist es Washingtoner Müll." Sie setzte sich neben ihm auf die Bank und sah ihn ernst an. "Hast du dir schon mal Gedanken darüber gemacht, was deine Lunge aushalten muss, nur weil du deine Männlichkeit beweisen willst?"
Keeter betrachtete sie kopfschüttelnd. <Irgendwie hat sie wirklich was gegen uns Piloten oder Männer allgemein. Ich werd’ einfach nicht schlau aus ihr!> "Ich will nicht meine Männlichkeit beweisen, sondern einfach nur in Ruhe meine Zigarre rauchen!"
Skates schnaubte nur. "Das ist dasselbe. Übrigens hat Harm sich das Rauchen auch abgewöhnt."
"Was heißt hier ‚auch’? Ich habe nicht vor, mir das Rauchen abzugewöhnen," protestierte Keeter, "das gehört bei uns Texas-Cowboys einfach dazu oder hast du schon mal Lucky Luke ohne Zigarette gesehen?" Er grinste herausfordernd.
Skates nickte energisch. "In den späten Ausgaben hat er nur noch an einem Grashalm gekaut." Ihre dunklen Augen funkelten humorvoll.
"Du wärst doch die erste, die sich wieder über meine Figur beschwert, wenn ich stattdessen anfange, sämtliche Gummibärchen in Reichweite zu vernaschen," meinte Keeter auf seinen Magen klopfend. Beiläufig versuchte er, eine weitere Zigarre aus der Tasche zu ziehen.
Skates legte ihre Hand über seine und er verharrte sofort unter dieser Berührung. Fragend begegneten seine grauen Augen ihren braunen.
"Später, Jackson Dankmar Keeter, okay?" bat sie ungewohnt sanft.
Keeters Finger kribbelten, als er sie gehorsam von der Hemdtasche weg und unter Skates Fingern hervor zog. Mühsam räusperte er sich. "Okay."
Einige Minuten saßen sie schweigend nebeneinander und beobachteten vorbeigehende Passanten.
"Wie wäre es, wenn wir jetzt noch die Krabben für Granny besorgen und uns dann auf den Rückweg machen, um die beiden Heimkehrer zu begrüßen?" schlug Skates nach einer Weile vor.
Keeter nickte und erhob sich sofort. "Okay, komm mit, ich kenne da oben ein ausgezeichnetes Fisch- und Meeresfrüchte-Geschäft." Er deutete auf ein Hochhaus ganz in der Nähe.
Skates folgte ihm hinüber in die Eingangshalle, fiel aber immer mehr hinter dem hochgewachsenen Piloten zurück, als sie sich dem Fahrstuhl näherten. "Weißt du was, wir brauchen ja nicht zu zweit hochzufahren, ich warte hier auf dich."
Keeter drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um. <Was denn, jetzt will sie nicht mal mehr mit mir im Aufzug fahren?!> Langsam verstand er die Welt, die Frauen und seinen Flyboy-Charme nicht mehr. "Ach, Unsinn, komm doch mit hoch, es ist ein wirklich toller Spezialitätenladen und noch dazu mit einem Blick bis zum Washington Monument." Er betätigte die Taste, um den Aufzug ins Erdgeschoss zu holen.
Skates wippte neben ihm unruhig auf den Zehenspitzen auf und ab. "Ähm, weißt du, Keeter, ich... na ja..."
Keeter sah aufmerksam auf sie hinab. "Was denn? Ein Jägerleitoffizier hat doch nicht etwa Angst vor Fahrstühlen?" spottete er gutmütig.
Skates verlegenes Räuspern sagte ihm, dass er den Nagel zufälligerweise auf den Kopf getroffen hatte. Einen Moment lang wollte er sie weiter necken, aber dann sah er die Spannung in ihrer Haltung und das Unbehagen in ihren Augen.
"Federn," sagte er ruhig.
"Hm?" Verwirrt blickte Skates ihn an.
"Ich habe Angst vor Federn," gestand Keeter mit einem Lächeln.
In Skates Gesichtszüge kam wieder Leben und ihr charakteristischer Humor brach durch. "Ein Pilot hat Angst vor Federn?"
"Ich kann ohne die Dinger fliegen," erklärte Keeter mit typischer Flieger-Arroganz.
"Hm, ich sollte dich wirklich mal Moses vorstellen." Skates grinste, als sie sich diese Begegnung bereits bildhaft vorstellte.
Keeter lachte. "Wieso Moses? Hoffst du auf eine Wunderheilung?"
"Nein," Skates begann ebenfalls zu lachen. Sie schien wenigstens für den Moment vergessen zu haben, dass sie vor einem Fahrstuhl stand, "Moses ist mein Papagei."
"Ich hab ja schon immer gesagt, dass Radarleitoffiziere einen Vogel haben," witzelte Keeter.
"Ha, ha. Der Witz ist so alt, dass er bereits beim Bau der Pyramiden als veraltet zurückgewiesen wurde..." Skates verstummte, als vor ihnen die Aufzugtüren aufglitten.
Keeter drückte sanft Skates Schulter und bedeutete ihr stumm, ruhig zurückzubleiben. "Bin gleich zurück," meinte er und verschwand mit einem Winken im Fahrstuhl.
1602 Z-Zeit (11:02 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm umrundete als erster den Türpfosten und bremste so abrupt, dass Mac gegen ihn prallte.
"Oh, Mist, Harm, tut mir leid! Bin ich dir auf den Zeh getreten?" Mac hauchte einen besorgt-tröstenden Kuss auf Harms Mundwinkel.
"Nein, aber das Auf-die-Zehen-treten werde ich gleich für Sie übernehmen, Colonel!"
Beim Klang der strengen Stimme wirbelte Mac herum und sah sich Admiral A.J. Chegwidden gegenüber, der eben aus einem Sessel aufstand und sich bedrohlich zu seiner vollen, einschüchternden Größe aufrichtete.
"Ähhhmm," fasste Harm die Gesamtsumme aller Gedanken zusammen, die ihm momentan im Kopf herumgingen.
"Ähm, Admiral," stammelte Mac mit Kloß im Hals, "es..."
"Wehe, Sie sagen jetzt, ‚es ist nicht so, wie es aussieht’!" bellte Chegwidden und verschränkte finster die Arme vor der Brust.
"Nein, Sir, ich wollte sagen, es tut mir leid, dass Sie es auf diese Weise erfahren müssen," versicherte Mac und tastete hinter ihrem Rücken nach Harms Hand.
"Oh, ja, das sollte Ihnen auch leid tun! Wann hatten Sie vor, es mir zu sagen? Wenn Ihre Kinder die Highschool abschließen?!" verlangte er zu wissen und richtete strenge Augen auf das junge Paar.
Harm und Mac begriffen in diesem Moment, warum Chegwidden einen so guten Anwalt abgab – er hatte das Kreuzverhör zu einer Foltermethode perfektioniert.
"Na?" drängte Chegwidden knurrend zu einer Antwort, "Ich habe heute noch niemanden erschossen. Langsam werde ich ein wenig unruhig."
"Sir, wir hätten es Ihnen in Kürze gesagt, aber nach dem ganzen Hin und Her mit dem Marineminister im letzten Jahr, wollten wir allen erst mal eine Verschnaufpause gönnen," erklärte Harm möglichst ruhig.
"Verschnaufpause?!" grollte Chegwidden, "Sehe ich aus wie ein alter Mann, der eine Verschnaufpause braucht?!" Er umrundete den Kaffeetisch und kam mit langsamen, präzisen Bewegungen auf sie zu.
"Nein, Sir, natürlich nicht!" Harm umklammerte Macs Hand und zwang sich, ruhig stehen zu bleiben.
"Admiral, wir waren es, die noch etwas Zeit gebraucht haben. Niemand hat von unserer Beziehung gewusst," betonte Mac, um zu vermeiden, dass der Admiral dachte, er wäre der letzte, der eingeweiht wurde.
Wie auf ein Stichwort hin öffnete sich die Türe und Skates spazierte herein.
"Hey, Harm, Kumpel," rief Keeter aus der Küche, wo er die erstandenen Krabben im Kühlschrank unterbrachte, "wie waren die Flitterwochen?"
Chegwidden verengte die Augen und schob angriffslustig das Kinn vor. "Oh, ich nehme an, das ist einer der ‚Niemande’, der von ihrer Beziehung gewusst hat, was? Sonst noch Neuigkeiten, von denen ich wissen sollte? Namensänderungen, zu erwartende Geburten..." Der Admiral umrundete Harm und Mac wie ein Raubtier seine Beute.
"Sir, es ist nicht so, wie es sich eben angehört hat," versicherte Harm eilig, "wir sind nicht verheiratet, es gab keine Flitterwochen, mein Freund Keeter hat sich eben nur einen kleinen Scherz erlaubt."
"Einen Scherz?" grollte A.J. Chegwidden, "Sehen Sie hier irgend jemanden lachen?!"
"Natürlich nicht, Admiral," sprang Granny für ihre Enkel in die Bresche, "was natürlich auch damit zusammenhängen könnte, dass Sie sich wie der personifizierte Racheengel vor meinen beiden Enkeln aufgebaut haben." Die alte Dame lächelte so liebenswürdig, dass nicht einmal ein Ex-Seal es fertig gebracht hätte, ihr wegen dieser offenen Worte böse zu sein.
Obwohl es den Admiral sichtlich Mühe kostete, wich er ein paar Zentimeter von seinen beiden Anwälten zurück. "Dann sind Sie also auch so ein ‚Niemand’, der von dieser Beziehung gewusst hatte, Mrs. Rabb?"
"MacKenzie," verbesserte Granny sanft.
Verständnislos blickte Chegwidden sie an. "Wie bitte?"
"MacKenzie," wiederholte die silberhaarige Dame, "ich heiße jetzt MacKenzie."
Der Admiral kniff die Augen zusammen, so dass sich eine steile Falte über seiner Nasenwurzel bildete. Misstrauisch blickte er zwischen Granny, Harm und Mac hin und her. "Soll das heißen, Sie haben alle den Familiennamen MacKenzie angenommen?" fragte er in gefährlich ruhigem Tonfall.
Granny lachte, unbeeindruckt von Chegwiddens einschüchterndem Gebaren. "Nein, nein, nur keine Sorge, Admiral. Nur ich habe den Namen MacKenzie angenommen, da ich Will, Sarahs Großvater, geheiratet habe. Ansonsten sind alle Nachnamen dieselben – noch."
Chegwidden rieb sich die Stirn. "Wenn ich noch Haare hätte, dann wäre ich jetzt und hier auf der Stelle vollständig ergraut!" murmelte er kopfschüttelnd. Dann sah er auf und musterte seine beiden nervösen Anwälte. "Commander, herkommen!"
Harm löste widerstrebend seine Finger von Macs und trat gehorsam näher. "Sir?" fragte er vorsichtig, auf einen von Chegwiddens berühmten Wutausbrüchen gefasst.
Aber statt Zornesfalten bildete sich ein Lächeln auf dem Gesicht des Admirals, als er die Hand des überraschten Harm schüttelte. "Gratulation, Commander. Langsam wurde es auch Zeit, dass Sie endlich merken, was bereits jeder im Büro wusste, einschließlich des Parkplatzwächters!"
"Ähm, danke, Sir," war alles, was der von diesem scheinbaren Sinneswandel überraschte Harm hervorbrachte.
"Mac, auch Ihnen alles Gute mit Rabb – Sie werden es brauchen," meinte Chegwidden trocken, aber sein Halblächeln zeigte, dass er sich nur einen Scherz erlaubte und von seinen wahren Gefühlen abzulenken versuchte. Ein Ex-Seal konnte es sich nicht erlauben, vor Rührung überschwänglich zu werden. Er hielt sachliche Distanz, als er auch Mac die Hand schüttelte.
Mac, erleichtert darüber, dass der Admiral ihre Beziehung zu akzeptieren schien, beschloss, ihn nicht so einfach davonkommen zu lassen. Spontan trat sie näher an ihren kommandierenden Offizier heran und küsste ihn kurz auf die Wange. "Danke, Sir. Ich hoffe, wir werden auch weiterhin Ihre Unterstützung gegenüber dem Marineminister haben?"
Chegwidden rieb sich mit einem verlegenen Knurren die Wange. "Natürlich, Colonel – inzwischen habe ich ja ausreichend Übung in solchen ‚Harriet-Manöver’-Gesprächen."
Keeter tauchte im Türrahmen auf. "Hallo, ihr zwei... oh, drei! Guten Morgen, Admiral." Der Pilot wurde blass, als ihm bewusst wurde, dass er eben seinen besten Freund in erhebliche Schwierigkeiten mit seinem Vorgesetzten gebracht hatte. "Admiral, Sir... meine Bemerkung von vorhin..."
Chegwidden winkte ab. "Die Katze ist bereits aus dem Sack, also ersparen Sie sich jedes weitere Wort. Sie kommen mir übrigens verdammt bekannt vor, wie gehören Sie in diese seltsame Familie?" Der Admiral deutete auf Granny, Will, Harm und Mac.
"Ich bin nur...," begann Keeter, wurde aber von Granny unterbrochen.
"Jackson ist mein Adoptiv-Schwiegersohn," erklärte die vitale 86jährige mit einem zuckersüßen Lächeln.
Chegwidden hob die Brauen, sagte aber nichts. Stattdessen wandte er sich wieder Harm zu. "Eigentlich bin ich ja nur gekommen, um zu sehen, wie es Ihnen geht, Commander. Es war ein ziemlich unglücklicher Sturz und schließlich stolpert nicht jeden Tag einer meiner Offiziere über einen..."
"Oh, ja, Sir, sehr unglücklicher Sturz, da haben Sie recht!" unterbrach Harm ihn eilig, bevor er verraten konnte, über was für ein ‚wildes Tier’ Harm da gestolpert war.
Der Judge Advocate General nickte. "Aber ich bin sicher, Sie haben die beste Pflege," kommentierte er mit Blick auf Mac, "ich erwarte Sie diese Woche noch zurück im Büro."
Harm nickte. "Aye, Sir." Er hatte ohnehin nicht vor, Mac alleine ins Hauptquartier gehen zu lassen, jetzt, wo bald jeder von ihrer Beziehung wissen würde. Sie waren Partner in dieser Beziehung und er würde seinen Teil dazu beitragen, es allen zu erklären.
Chegwidden ließ sich von Mac und dem humpelnden Harm zur Türe begleiten. "Also, noch mal herzlichen Glückwunsch," sagte er über die Schulter zurück, bevor er die Türe hinter sich schloss, "und halten Sie sich von Chihuahuas fern, Commander!"
Harm stöhnte, als er sich umdrehte und die fragenden Blicke seiner Familienmitglieder und Freunde sah. "Chihuahuas?" fragten alle vier wie aus einem Munde.
"Ach, das ist nur ein JAG-Ausdruck," behauptete Harm unschuldig, "es bedeutet, ich soll mich von jeglichem Ärger fernhalten. Aber jetzt erzählt mal, ihr zwei, wie war euer Aufenthalt in Washington bisher?" Fragend sah er Skates und Keeter an.
"Abgesehen von unseren Ausflügen auf diesen Teufels-Rollen haben wir es ruhig angehen lassen," erklärte Keeter mit einem herausfordernden Grinsen in Skates Richtung.
Die junge Jägerleitoffizierin ließ sich nicht von seiner Bemerkung über die ‚Teufels-Rollen’ ködern. "Ja, wir haben euren Großeltern ein wenig die Stadt gezeigt..."
"Ihr habt was getan?" Ungläubig blickte Harm seine beiden Freunde an.
"Wir haben Granny und Will in der Stadt herumgeführt," wiederholte Skates, die Harms seltsame Reaktion auf ihre Freundlichkeit nicht verstand.
Harm und Mac begannen zu lachen, während Granny und Will unauffällig in der Küche verschwanden. "Skates, das ist in etwa so, als wolle man den Papst in Rom herumführen! Granny war öfter in Washington als ihr zwei zusammen und Will war sogar zwei Jahre lang hier stationiert, als er noch im Corps war! Die beiden kennen jeden Winkel und jedes Mauseloch in der Stadt!"
Kopfschüttelnd tauschten Skates und Keeter einen vielsagenden Blick aus.
"Harm, Kumpel, deine Großmutter ist eine sehr süße alte Dame. Und sie ist eine Gaunerin!"
Man hörte, wie sich in der Küche der Kühlschrank öffnete.
"Eine Gaunerin, die vermutlich schon wieder dabei ist, deine Krabben an die Katze zu verfüttern," fügte Skates grinsend hinzu und lachte, als Harm ungeachtet seines verletzten Fußes losschoss, um seine Leibspeise zu retten.
0114 Z-Zeit (20:14 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Harm humpelte von der Küche zum Wohnzimmer hinüber, um schnellstmöglich seinen überlasteten Fuß wieder hoch zu legen, bevor Mac ihn beim Herumlaufen ertappte. Der Anblick, der sich ihm im Wohnzimmer bot, ließ ihn jedoch in der Türe verharren.
Mac, seine Freundin, Partnerin, Liebe seines Lebens, saß rittlings auf dem am Boden liegenden Keeter, der sich unter ihr aufbäumte und sich bemühte, die Arme frei zu bekommen. Beide keuchten und hatten rote Wangen bekommen, während sie miteinander rangelten. Harm fand, dass Mac so wirklich bezaubernd aussah.
"Kann mir mal jemand erklären, was zum Teufel hier vorgeht?" Harm nieste kräftig, als wolle er damit seine Frage untermauern.
Die beiden Gestalten am Boden sahen auf und erblickten Harm, der mit verschränkten Armen im Türrahmen stand.
"Würdest du uns glauben, wenn wir sagen, wir üben für die World Wrestling Federation?" versuchte Keeter grinsend eine Erklärung.
Harm schüttelte energisch den Kopf, stellte die Bewegung aber ein, als er merkte, dass ihm davon schwindelig wurde. "Weißt du, Keeter, ich bin wirklich enttäuscht von dir," sagte er und bemühte sich, sein Lachen zu unterdrücken und einen wütenden Gesichtsausdruck aufrecht zu erhalten, "du wartest, bis ich verletzt und außer Gefecht gesetzt bin, um dich an meine ... Freundin heran zu machen!" Ihm fiel auf, dass er sich dringend einen passenden Ausdruck für das überlegen musste, was Mac für ihn war. <Freundin klingt, als wäre ich in der vierten Klasse! Partner könnte auch rein beruflich gemeint sein. Geliebte lässt an eine heiße, aber zukunftslose Affäre denken. Ich brauche dringend ein Lexikon!> Ihm brummte der Kopf von so vielen Überlegungen.
"Hey, warum gibst du mir die Schuld?" beschwerte sich Keeter, "deine ‚Freundin’ hat mich praktisch gezwungen..."
Harm schnaubte. "Oh, ja, mich muss sie auch jedes Mal dazu zwingen, mich in eine enge Umarmung mit ihr zu begeben!"
"Sie hat mich zu einem solchen Verhalten gezwungen, weil sie Piloten-Witze erzählt hat!" beharrte Keeter.
Harm richtete einen ‚verletzter-Flyboy-Blick’ auf Mac. "Ist das wahr?" fragte er anklagend. Schniefend begann er, seine Hosentaschen nach einem Taschentuch abzusuchen.
"Natürlich ist es wahr," antwortete Keeter an ihrer Stelle, "Sie hat angefangen mit ‚Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem Militärpiloten? Gott denkt nicht, er wäre Militärpilot’ und hat dann weitergemacht mit ‚Wie viele Militärpiloten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?’!"
"Aber nur, weil dein Freund Keeter angefangen hat, Juristen-Witze zum Besten zu geben!" verteidigte sich Mac endlich, "Kennst du den schon: ‚Wie viele Juristenwitze gibt es? Nur zwei, der Rest ist wahr’!"
Harm sah kopfschüttelnd auf die beiden hinab. "Was mach ich nur mit euch?" fragte er seufzend und nieste erneut.
Mac lächelte verführerisch zu ihm auf. "Ich weiß nicht, was du mit Keeter machst, aber mir könntest du hoch helfen und mich dann küssen."
Harm streckte die Hand aus und zog Mac in seine Arme. "Küssen?" fragte er, als wäre das das Letzte, was er im Sinn hätte, "Ich soll eine Frau küssen, die Witze über Piloten macht?"
Mac nickte heftig. "Mm-hm, es sei denn natürlich, du küsst lieber einen Piloten, der Witze über Anwälte macht," sie nickte hinab auf den am Boden knienden Keeter, "und außerdem hast du mir glaube ich auch noch etwas zu sagen, wobei uns der Admiral heute Morgen unterbrochen hat."
"Ich weiß schon, du willst das L-Wort hören, nicht wahr? Auch wenn dieser subtile Hinweis verdächtig nahe an einen Verstoß gegen Hausregel sieben, Unterabschnitt b herankommt, werde ich dir den Gefallen tun und es sagen: Lausig, dein Geschmack in Lebensmitteln ist wirklich lausig."
Unzufrieden schüttelte Mac den Kopf. "Ich denke, du hast mir noch mehr zu sagen, was mit ‚L’ beginnt!"
"Stimmt," grinsend stupste Harm ihre Stirn mit der seinen an, "dein Geschmack in Lebensmitteln ist lausig, aber meine Lasagne heute Abend war wirklich lecker."
Mac starrte ihn an.
"Was denn?" fragte Harm unschuldig, "Das waren vier ‚L’ in zwei Sätzen und du bist immer noch nicht zufrieden?"
Mac schlang die Arme um Harms Hüften, um seinen verletzten Fuß zu entlasten, und zog seinen Kopf zu sich hinab. "Sei endlich still und küss mich!"
Keeter schlüpfte hinter ihnen aus dem Raum, während Harm der Aufforderung nachkam.
Es dauerte lange, bis ihre Lippen sich weit genug voneinander lösten, dass Harm sprechen konnte. Zärtlich knabberte er an Macs Ohr, bevor er hineinflüsterte: "Ich liebe dich... auch wenn du Pilotenwitze erzählst." Er ließ eine Reihe von Küssen von ihrem Ohr bis hinab zu ihrem Mundwinkel regnen. "Übrigens... wie viele Militärpiloten braucht man denn, um eine Glühbirne zu wechseln?"
0328 Z-Zeit (22:28 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Schniefend und hustend lag Harm zusammengekauert auf der Couch, eine Decke um seine Schultern gewickelt und Papiertaschentücher überall um sich herum verteilt.
"Harm, wäre es nicht besser, wenn du ins Bett gehst und dich ausschläfst?" fragte Mac, die seinen Kopf in ihren Schoß gebettet hatte, besorgt.
Harm schloss die Augen, als ihre Finger beruhigend durch sein Haar kämmten. "Ich bin nicht müde," behauptete er.
Mac musste lächeln. "Nein, du bist nicht müde, du bist krank."
"Unsinn, ich bin nicht krank, ich werde nie krank. Frag Granny, ich war in meinem ganzen Leben höchstens zweimal krank," protestierte Harm und schnaubte in sein Taschentuch, was sein Argument nicht sonderlich unterstützte.
"Dann bist du jetzt eben zum dritten Mal in deinem Leben krank," beharrte Mac ebenso stur wie er. Sie wünschte, er würde endlich nachgeben und tun, was gut für ihn war, anstatt hier auf der unbequemen Couch liegen zu bleiben und jede Medizin zu verweigern.
"Bin ich nicht!"
"Bist du doch!"
"Nein!"
"Doch!"
"Wow, Skates, komm schnell her!" sagte Keeter von der Türe her, "ich glaube, hier findet gerade der erste voreheliche Streit statt. Jedenfalls hört sich diese Diskussion wie etwas an, was man sonst nur im Kindergarten hört." Neckisch grinste der kräftige Pilot seinen alten Freund an.
Skates schlüpfte neben Keeters breiter Gestalt ins Zimmer. "Was ist hier los?" fragte sie, als sie Harms zusammengekauerte Haltung und Macs beschützende Pose sah.
Keeter kniete neben der Couch nieder und klopfte Harm sanft auf die Schulter. "Also, noch vor wenigen Jahren hätte ich sofort die richtige Diagnose gewusst: Eine durchgezechte Nacht mit zuviel Bier und Whisky und... welcher Tag ist heute? ... Montag, ach ja... also, die Gesellschaft einer Blondine."
Mac gab ihm einen strafenden Klaps auf den Arm. "Hör auf, ihn zu ärgern, Keeter, Harm ist krank."
"Ich bin nicht krank!" murmelte Harm, ohne sich aufzusetzen.
"Na schön," Mac seufzte, "dann zeigst du uns hier die zweifellos beste Imitation einer kranken Person, die ich je gesehen habe."
"Soll ich ihn ins Bett tragen?" bot Keeter an Mac gewandt an, so als wäre Harm gar nicht im Raum oder ein unmündiges Kind.
"Ich will nicht ins Bett – und schon gar nicht mit dir, Kumpel!" widersetzte sich Harm energisch.
"Gut, aber *ich* bin todmüde," demonstrativ gähnend arbeitete sich Mac behutsam unter Harms Oberkörper hervor und erhob sich, "Bleibst du bei mir und hältst mich im Arm, bis ich einschlafe, so wie immer?" Mit bittenden braunen Augen sah sie zu ihrem Freund hinab.
"Aber natürlich, Mac," versicherte Harm hustend und stemmte sich mühsam in die Höhe. Einen Moment lang hielt er sich an der Couch fest, bis der Schwindelanfall vorbei war, dann folgte er Mac zum Schlafzimmer.
"Das ist weibliche Tücke," erklärte Granny Skates und Keeter bewundernd, "Jackson, du wirst noch feststellen, dass eine Frau immer das letzte Wort in einem Streit oder einer Diskussion mit ihrem Mann hat."
Keeter warf ihr einen zweifelnden Blick zu und sah dann fragend zu Will.
Der Halb-Cherokee nickte bestätigend. "Alles, was der Mann danach noch sagt, ist bereits der Anfang einer neuen Diskussion."
Harm stand grübelnd und noch immer voll bekleidet neben dem Bett, als Mac im Pyjamaoberteil aus dem Bad kam. Er machte keinerlei Anstalten, sich zu bewegen und ins Bad zu gehen.
Mit geübten Fingern öffnete Mac Knöpfe und Gürtelschnalle und ließ das Hemd Harms Arme hinabgleiten. "Heb deine Arme!" kommandierte sie ruhig und streifte ihm das T-Shirt über den Kopf.
"Ich wusste gar nicht, dass du so gut darin geworden bist, mich auszuziehen." Harm fröstelte. "Mir ist kalt."
Mac schloss sorgsam die Knöpfe eines warmen Pyjamas. "Tja, ich schätze, Übung macht den Meister." Sie holte ein Paar dicker Wollsocken, die sie vor Wochen von Harm entliehen und zurückzugeben ‚vergessen’ hatte, aus ihrem Schrank und bedeutete Harm, sich zu setzen, damit sie sie ihm anziehen konnte.
Interessiert, aber viel zu lethargisch, um groß zu helfen, sah Harm ihr dabei zu.
Schließlich schlug Mac die Decken des Wasserbettes zurück, stieg ins Bett und streckte einladend die Arme nach Harm aus. Harm rollte sich sofort an ihrer Seite zusammen, so wie Mac das sonst bei ihm tat.
Harm spürte, wie Jingo aufs Bett sprang und Gypsie sich in seinen Kniekehlen zusammenrollte. Er schloss die Augen und lauschte Macs beruhigenden Atemzügen, die sanft seine Haut streichelten. Er bemerkte kaum, wie sein eigener Atem sich verlangsamte, um sich Macs anzupassen. <Nur, bis Mac einschläft. Ein paar Minuten...>
Ein braunes Auge öffnete sich und rollte herum, um den nun tief schlafenden Harm zu beobachten. "Na also! Sturer Ex-Pilot!" Sie hauchte einen Kuss auf seine Stirn und zog die Decke sorgsam enger um ihn, bevor auch sie wieder die Augen schloss.
Das Wackeln des Wasserbettes weckte Mac Stunden später. Als sie die Nachttischlampe anschaltete, sah sie, dass Harm gekrümmt im Bett saß, eine Hand auf den Magen gepresst hielt und angestrengt hustete.
"Harm," flüsterte sie besorgt. Stützend legte sie einen Arm um ihn und streckte die andere Hand aus, um sie ihm prüfend auf die Stirn zu legen.
"Vorsicht!" würgte Harm noch zwischen zusammengepressten Lippen hervor, aber die Warnung kam bereits zu spät: Das, was einst eine vegetarische Lasagne gewesen war, verteilte sich jetzt gleichmäßig über Macs Pyjamaoberteil.
Stöhnend sank Harm zurück aufs Bett. "Oh, Mac, tut mir so leid, ich..."
Mac strich ihm beruhigend durchs Haar und über die Stirn. Wenn sie nicht alles täuschte, hatte er leichtes Fieber. "Hey, nur keine Aufregung, es ist *dein* Pyjamaoberteil." Sie kletterte aus dem Bett und streifte das besudelte Kleidungsstück ab. "Hast du diesen Trick schon mal benutzt, um eine Frau dazu zu kriegen, sich auszuziehen?" erkundigte sie sich schmunzelnd, während sie nach einem frischen Pyjama suchte, "Das nächste Mal bitte mich doch einfach ganz lieb darum, ja?"
"Wenn ich auf dem Gipfel meiner körperlichen Kräfte bin, muss ich nicht *bitten*, dann fallen mir unbekleidete Frauen zu Füßen," murmelte Harm in sein Kopfkissen.
"Soll das heißen, du bist jetzt nicht auf dem Gipfel deiner körperlichen Kräfte? Du gibst also endlich zu, dass du krank bist?" hakte Mac sofort nach.
"Ohne meinen Anwalt geb’ ich gar nichts zu," stöhnte Harm. Er sah auf, als Mac nicht zurück ins Bett kam, sondern zur Türe ging. "Wohin gehst du?"
"Dir einen Tee machen. Bin gleich zurück." Im Haus war es bereits ruhig, nur Keeters leises Schnarchen kam von der Couch. Fünf Minuten und 21 Sekunden später huschte Mac ins Schlafzimmer zurück.
Sie half Harm, sich aufzusetzen und stützte ihn im Rücken, während sie seine Hände um die Tasse schloss. "Trink das."
Harm nippte vorsichtig und verzog das Gesicht. "Was ist das?" Misstrauisch roch er am Inhalt der Tasse.
"Fenchel-Anis-Kamillen-Tee."
"Urrg, willst du, dass mir wieder schlecht wird?"
Mac seufzte. <Wer hat eigentlich das Gerücht aufgebracht, Ärzte wären die schlimmsten Patienten? Wer immer es war, offensichtlich hat er nie einen kranken Piloten kennen gelernt!> "Nein, ich will, dass es dir besser geht und dabei soll der Tee dir helfen," erklärte sie geduldig.
"Weil du’s bist," murmelte Harm. Mit Märtyrermiene nahm er einen weiteren Schluck. Müde lehnte er sich im Bett zurück. "Du hast mich vorhin mit einem fiesen Trick zum Einschlafen gebracht!" beschwerte er sich unter Husten und Krächzen.
"Ich habe nichts dergleichen getan," verteidigte sich Mac gähnend, "alles, was ich getan habe, war, mich hinzulegen und dich zu bitten, mir Gesellschaft zu leisten und mich im Arm zu halten, bis ich einschlafe." Sie kuschelte sich näher an Harms ungewohnte Wärme. "Es ist nicht meine Schuld, dass du müde warst und diesem weichen, warmen Bett nicht widerstehen konntest."
Den Rest der Nacht verbrachte Mac zwischen Badezimmer, Küche und Schlafzimmer hin- und hereilend. Sie machte Wadenwickel, kühlte Harms Stirn und flößte ihm tassenweise Tee ein, was regelmäßige Gänge ins Badezimmer nötig machte. Als der Morgen graute fiel Harm endlich in einen erschöpften Schlaf.
Völlig übermüdet ließ Mac den Kopf auf ihr Kissen fallen und schlief ein. Eine Stunde später quälte sie sich – dank ihres integrierten Uhrwerks - mühsam aus dem Bett und schlurfte in die Küche, um Frühstück für ihren kranken Freund zu machen.
Als sie das Tablett ins Schlafzimmer jonglierte, schlug Harm die Augen auf. "Hey, wie geht’s dir?" Mac setzte sich neben ihn auf die Bettkante, stellte das Tablett ab und legte sanft die Hand auf Harms Stirn. Das Fieber war eindeutig zurückgegangen.
"Ich hab einen schrecklichen Geschmack im Mund," krächzte Harm mit belegter Stimme.
Mac schob ihm einladend das Tablett hin.
Mit langsamen Bewegungen hob Harm einen Löffel Grießbrei zum Mund.
Besorgt sah Mac ihm zu. "Schmeckt es nicht? Zuviel Milch? Zuwenig?"
"Es ist gut," murmelte Harm, ohne aufzusehen, so als hätte er nicht die Energie dazu.
"Wirklich?" Mac sah ihn fast überrascht an. "Es schmeckt dir?"
"Mmhm," Harm brach ein Stück Zwieback ab, "ich sagte doch, es ist gut."
"Ich weiß, aber es gibt auch noch andere Adjektive, die man zur näheren Beschreibung von Speisen verwenden könnte. Ich dachte nur, du wolltest vielleicht eines davon ausprobieren," meinte Mac lächelnd.
"Es ist wirklich, wirklich gut," versicherte Harm, "hast du nie bemerkt, dass das Essen fast immer besser schmeckt, wenn jemand anderes für einen kocht?"
Mac lachte trotz ihrer Müdigkeit. "In meinem Fall stimmt das so gut wie immer." Sie checkte ihre innere Uhr und stellte fest, dass sie sich eiligst fertig machen musste, wollte sie nicht zu spät zur Arbeit kommen. Nach einer 11-Minuten-Marine-Dusche kochte sie noch mal Tee für Harm und füllte ihn in eine Thermoskanne. Im Flur begegnete sie Granny und nahm ihr das Versprechen ab, sich um den kranken Harm zu kümmern.
Sie schnappte sich den nächstbesten Autoschlüssel – den von Harms Jeep - und fuhr los. Viel zu spät erst bemerkte sie, dass die Nadel der Tankanzeige bereits im roten Bereich war und daher kam sie erst nach einem unfreiwilligen Morgenspaziergang mit Benzinkanister und mit einer halbstündigen Verspätung im Hauptquartier an.
Prompt wurde sie natürlich von allen und jedem sofort darüber informiert, dass sie spät dran war.
"Colonel!" Harriet winkte vergnügt und munter vom Kopierer her mit einer Akte.
Seufzend drehte Mac auf ihrem direkten Weg zur Kaffeemaschine ab, um Harriet zu begrüßen. "Guten Morgen, Harriet." Mac gähnte unterdrückt.
"Guten Morgen, Ma’am." Harriet neigte neugierig den Kopf und studierte ihre Vorgesetzte aufmerksam. "Ma’am, wenn ich ganz offen sein darf..."
Mac winkte großzügig ab. "Harriet, wir sind Freunde, ich dachte, über solche Formalitäten wären wir längst hinweg."
"Ma’am... Mac, Sie sehen schrecklich aus, so als hätten sie kein Auge zugetan! Das muss ja wirklich eine tolle erste Nacht wieder mit dem Commander allein zuhause gewesen sein!" neckte Harriet, gleichzeitig nach Informationen fischend.
Mac verschluckte sich mitten im Gähnen, als sie Harriets unerwartete Worte hörte. "Danke für das Kompliment und ich wünschte, es wäre so. Harm hat sich in Oregon wohl eine schlimme Erkältung eingefangen und ich war die ganze Nacht auf den Beinen, um sein Fieber runter zu kriegen."
Harriets Augen weiteten sich mitfühlend. "Oh, das tut mir leid, Ma’am," sie legte Mac eine Hand auf den Arm, "aber immerhin ist es schon mal eine gute Übung für Sie."
"Übung?" Mac sah den blonden Lieutenant in ihrem schlafdeprivierten Zustand verständnislos an.
"Na, die ganze Nacht auf sein, um jemanden zu versorgen... so hab ich mich in den ersten Monaten nach A.J.s Geburt gefühlt," erklärte Harriet verschmitzt.
Einen Moment lang wusste Mac nicht, was sie darauf erwidern sollte, und als sie endlich den Mund öffnete, wurden sie von Admiral Chegwidden unterbrochen, der den Kopf zur Türe herein streckte.
"Morgen, Colonel. Ich möchte Sie und den Commander gleich in meinem Büro sprechen," befahl Chegwidden und wollte sich kurzangebunden wieder umdrehen.
Mac machte schnell einen Schritt vorwärts. "Sir... ähm, Harm... Commander Rabb ist im Moment nicht hier, er ist zuhause, weil…"
Der Admiral wirbelte herum. "Rabb ist *wo*? Zuhause?! Glaubt er wirklich, sich so billig aus der Affäre ziehen zu können? Will er Ihnen dieses Gespräch ganz alleine aufbürden?!" polterte er ungehalten los.
"Nein, Sir, natürlich nicht. Der Commander ist krank, Sir," versicherte Mac eilig.
"Krank?" Misstrauisch verengte Chegwidden die Augen.
"Eine starke Erkältung oder eine Grippe, Sir," Mac sah, dass ihr kommandierender Offizier noch immer etwas skeptisch dreinblickte, "Fieber, Husten, Schnupfen, eine Magenverstimmung, Übelkeit..."
Chegwidden hob abwehrend die Hände. "Das genügt, ich glaube Ihnen, bevor Sie noch anfangen, mir den Zustand seiner Zehennägel zu beschreiben! Dann werden wir mit dem Gespräch mit dem Marineminister eben noch ein Weilchen warten. Ich bin sicher, Rabb möchte sich die privaten Glückwünsche nicht entgehen lassen," meinte der Ex-Seal ironisch.
"Unter gar keinen Umständen, Sir," stimmte Mac mit einem schwachen Lächeln zu.
1915 Z-Zeit (14:15 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Skates erhob sich von ihrem Platz neben Harms Bett, als das Telefon klingelte.
Keeter, der auf der anderen Seite des Wasserbetts saß, warf einen Blick auf die Uhr. "Nur keine Eile, Skates, das ist ohnehin nur wieder Mac, die legt so schnell nicht auf. Ist schon fast fünfzehn Minuten her, dass sie zuletzt angerufen hat."
Er und Skates wechselten einen amüsierten Blick.
"Hawkes & Keeter, Bettlägerigen- und Altenpflege-Dienst," sagte Skates in die Telefonmuschel.
"Musstest du die Bettlägerigen übernehmen, während Keeter mit Granny und Will unterwegs ist?" erkundigte sich Mac belustigt.
Skates wickelte das Telefonkabel um den kleinen Finger. "Nein, Keeter ist hier und hilft, auf Harm aufzupassen. Eure Großeltern haben wir auf einen laaaaangen Spaziergang geschickt, nachdem sie zum dritten Mal versucht haben, uns dazu zu bewegen, angeblich zu Harms Unterhaltung, Szenen aus einem Liebesfilm nachzuspielen. Es wundert mich immer noch, wie es kommen konnte, dass die Enkel zweier so überaus kreativer und einfallsreicher Menschen als Anwälte geendet sind."
Mac lachte. "Tja, die Verkuppelei ist eben eine brotlose Kunst. Oder hast du etwa vor, Will und Granny für ihre Bemühungen zu bezahlen?"
"Phh!" Skates gab sich empört. "Ich habe ihnen sogar schon Geld angeboten, damit sie damit aufhören, aber Granny hat mir versichert, dass sie eine stattliche Rente hat und ich mein Geld lieber für meine Hochzeit sparen soll."
Mac erinnerte sich wieder an den Grund ihres Anrufs. "Kannst du Harm mal das Telefon bringen? Wie geht’s ihm denn?"
"Noch genauso wie vor fünfzehn Minuten, außer dass Keeter und ich langsam selbst bettreif sind. Piloten sind schreckliche Patienten! Harm will partout nicht im Bett bleiben und ist beinahe umgefallen, als ihm schwindelig wurde," berichtete Skates, während sie das Telefon zum Bett hinübertrug.
"Hallo, Mac," meldete sich Harm ein wenig kleinlaut.
"Hi, Harm. Ich höre, du machst Keeter und Skates das Leben schwer?" Mac bemühte sich, scherzhaft-mahnend zu klingen, aber sie konnte die Sorge nicht ganz aus ihrer Stimme fernhalten. Sie hatte Harm noch nie krank gesehen und es erschreckte sie ein wenig.
"Ach, was, die beiden übertreiben maßlos. Ich wollte nur zum Badezimmer und ich hätte es auch beinahe geschafft, wenn dieser blöde Raum nicht plötzlich angefangen hätte, sich zu drehen."
"Harm, du bist krank, du sollst nicht alleine in der Wohnung herumlaufen. Du sollst im Bett bleiben, deine Medizin nehmen und Tee trinken. Sonst nichts," betonte Mac, "Ich weiß, es fällt dir schwer, aber es ist das Beste für dich, glaub mir."
Harm räusperte sich. "Willst du damit sagen, ich bin nicht geduldig?"
"Flyboy, ich will gar nichts über deine Geduld – oder den Mangel daran – sagen. Ich will nur vermeiden, dass dir schwindelig wird, du fällst und du dir noch einen Knochen brichst. Ich möchte einen unversehrten Mann, ja?"
Harm musste lächeln, als er sich ins Bett zurücksinken ließ. Er war bereits wieder gesund genug, um zu Tode gelangweilt zu sein. Zum etwa hundertsten Mal zählte er die Kreise im Muster der Tapete. Bei jeder Zählung bekam er ein anderes Ergebnis und die letzte Stunde hatte er mit dem Versucht verbracht, sich eine Formel auszudenken, die die Zählfehlerrate proportional zu der Zeit errechnete, die er hier ans Bett gefesselt und von Mac getrennt war. "Du fehlst mir," seufzte er in einer ganz und gar unflyboy-haften Klage-Stimme ins Telefon.
Mac wurde plötzlich der Hals eng und sie musste sich räuspern, um gegen den Kloß in ihrem Hals anzukämpfen. <Drei Monate, eine Woche und dreizehn Stunden und er kann mich immer noch mit einem Satz sprachlos machen.>
"Hey, du wirst mir doch nicht etwa auch noch krank?" fragte Harm besorgt, als er ihr Räuspern hörte.
"Uh, ähmn, nein, nein, keine Angst, wir Marines sind resistent gegen Navy-Bazillen... es ist nur...," Mac sah sich schnell um, um sicher zu gehen, dass niemand vor ihrer offenen Bürotüre stand, "ich vermisse dich auch und ich fühle mich ziemlich mies, weil ich dich einfach alleine gelassen habe."
"Hey, ich habe die beiden Schrecken der Lüfte hier, ich bin nicht alleine!" versicherte Harm, "Du hast mich nicht alleine gelassen, du musstest lediglich ins Büro. Ich sollte mich mies fühlen, schließlich warst du diejenige, die ganz alleine dem Admiral gegenübertreten musste, während ich hier im Bett lag und mich verwöhnen ließ."
"Unsinn," widersprach Mac, die nicht wollte, dass Harm sich schuldig fühlte, "der Admiral ist doch kein Unmensch, er..." Mac brach plötzlich ab.
"Mac?" fragte Harm hustend.
"... steht vor meiner Türe und will mich vermutlich an eine Besprechung erinnern, die vor drei Minuten begonnen hat," fuhr Mac mit gesenkter Stimme fort, "ich muss aufhören, bis später, Harm." Hastig legte sie auf.
"Wenn Sie nicht zu beschäftigt sind, um uns mit Ihrer Anwesenheit zu beehren, Colonel..." Chegwidden hielt ihr demonstrativ die Türe auf.
Hastig nahm Mac ihre Unterlagen und folgte ihm.
Als sie eine Stunde später den Konferenzsaal wieder verlassen wollte, um zu ihrem Schreibtisch – und dem Telefon – zurückzukehren, hielt Chegwidden sie zurück.
"Ach, Colonel?"
Mac drehte sich in der Erwartung einer Ermahnung oder eines Hinweises auf das kommende Gespräch mit dem Marineminister langsam im Türrahmen um. "Sir?"
Chegwidden wies mit dem Kinn auf das Arbeitsmaterial, das Mac unter den Arm geklemmt hatte. "Wie wäre es, wenn Sie jetzt Ihren Aktenstapel da nehmen und nach Hause gehen?"
"Sie meinen... ich soll... ich darf...?" Ungläubig starrte Mac ihren Vorgesetzten an. Dann strahlte sie und hielt sich gerade noch davon zurück, den Admiral dankbar zu umarmen. "Sir, das ist wirklich sehr großzügig. Danke."
"Kein Grund zur Dankbarkeit, ich tue das nicht etwa für Sie oder den Commander," behauptete der Admiral und schob grimmig das Kinn vor, eine Geste, die eigentlich nur seine wahren Gefühle verstecken sollte, "ich tue es, um J.A.G. eine noch längere Telefonrechnung zu ersparen. Sie wissen doch, dass ich Rabb immer predige, auf das Budget zu achten, schließlich bin ich verantwortlich für dessen Einhaltung."
Mac spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. "Ähm, Sir, ich wollte nicht..."
Chegwidden winkte ab. "Wenn ich mich recht erinnere, habe ich etwas von nach Hause gehen gesagt oder befolgen Sie meine Befehle jetzt schon nicht mehr?"
Mac nahm automatisch Haltung an. "Natürlich, Sir. Ich bin praktisch schon weg." Sie unterdrückte ein Grinsen, als sie eine Kehrtwendung machte und zügig davon marschierte.
Eine halbe Stunde später schloss Mac leise die Haustüre auf und fand Keeter und Skates im Wohnzimmer über einem Pokerspiel mit Will und Granny vor.
Skates zog gerade zufrieden den Stapel Streichhölzer, um den sie spielten, aus der Mitte des –Tisches zu sich heran.
"Ich weiß wirklich nicht, wieso du keinen Strip-Poker spielen wolltest," meinte Keeter kopfschüttelnd, "du gewinnst doch dauernd! Ich müsste mir die Gold Wings inzwischen vermutlich an die Unterhose pinnen!"
"Vielleicht wollte ich mir diesen Anblick ja ersparen," meinte Skates ohne Rücksicht auf Keeters in den letzten Tagen schwer angegriffenes Flieger-Ego. Sie sah auf, als sie Macs Schritte hörte.
"Wie geht’s Harm?" war Macs erster Gedanke.
"Immer noch nicht so besonders gut." Granny deutete auf die geschlossene Schlafzimmertüre. "Er schläft."
Mac stellte ihre Aktentasche ab und öffnete leise die Schlafzimmertüre. Jemand hatte den Raum abgedunkelt und sie brauchte eine Weile, bis ihre Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten und sie Harms Gesicht erkennen konnte.
Er sah bleich aus und die ersten dunklen Bartstoppeln zeigten sich auf seinem sonst so sorgfältig rasierten Gesicht. Reglos und auf der Seite zusammengerollt lag er im Wasserbett. Auf dem Nachttisch standen ein Teller mit Zwieback, den er aber nicht angerührt hatte, und eine halbvolle Tasse Tee.
Hilflos näherte Mac sich dem Bett und sah auf den kranken Harm hinab. Als spüre er ihre Anwesenheit, öffnete er plötzlich die Augen. "Hey," begrüßte er sie mit rauer Stimme.
"Hey." Mac ließ sich auf der Bettkante nieder, strich ihm schweißfeuchtes Haar aus der Stirn und küsste ihn sanft.
"Ich glaube, das solltest du lieber lassen," warnte Harm und rollte sich stöhnend auf den Rücken, "ich will nicht, dass du dich ansteckst." Beinahe jämmerlich blickte er sie an, nicht besonders begeistert von dem Gedanken, Mac nicht einmal mehr küssen zu können.
Mac schwang die Beine aufs Bett und küsste ihn trotz der Warnung erneut. "Meinetwegen könntest du die Beulenpest haben und ich würde dich immer noch küssen wollen," erklärte sie entschlossen. Sanft schloss sie die Arme um seinen Oberkörper und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Es war ein seltsames Gefühl, eine völlig neue Erfahrung, plötzlich die Beschützerrolle für den sonst so vitalen, starken Ex-Piloten einzunehmen. "Wenn es dir morgen früh noch nicht besser geht, rufe ich den Arzt an."
Harm öffnete alarmiert die Augen. "Ach was, das ist nicht nötig, das ist doch nur eine kleine Erkältung," protestierte er mit schwacher Stimme.
"Harm, das ist nicht nur eine kleine Erkältung und ich denke, ich habe ein Wörtchen dabei mitzureden, was nötig und was unnötig ist, wenn es um... na ja, die Liebe meines Lebens geht, oder nicht?"
<Liebe meines Lebens.> Harm fühlte sich plötzlich schon viel besser. Ergeben ließ er den Kopf zurück auf Macs Schulter sinken. "Wie kann ich widersprechen, wenn du es so formulierst?" Er streckte die Arme aus und zog Mac noch enger an sich.
"Gar nicht," murmelte Mac, während sie die Pumps von den Füßen streifte und die Augen schloss.
1410 Z-Zeit (09:10 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Natürlich ist das ein Hund!" Keeter sah mit Überzeugung auf die vor ihm liegende Teigkreation hinab.
"Du nennst das hier einen Hund?" Skates bohrte den Finger in den unförmigen Teigklumpen.
Keeter zog sein Werk unter ihren Fingern weg. "Es *ist* ein Hund!"
"Komm schon, warum glaubst du, ist selbst Jingo beleidigt aus der Küche getrottet, als du das zum ersten Mal behauptet hast?!" neckte Skates, "Wieso hältst du dich nicht einfach an Schlangen? Die sind soviel einfacher zu machen."
"Ach ja?" Keeter grinste lauernd, "Ich glaube, ich habe mich eben für Amazone im Teigmantel entschieden!" Drohend tauchte er seine große Hand in die Mehlschüssel und näherte sich seiner Mitbäckerin.
Skates wich langsam zurück. "Jackson Donatus Keeter, wenn du das tust, wirst du es bereuen!"
"Was willst du denn dagegen tun, hm?" Grinsend folgte ihr Keeter, bis Skates mit dem Rücken gegen den Küchenschrank stieß und nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Körperlich überlegen ragte er über ihr auf.
"Keeter..."
"Hm?" Der kräftige Pilot sah ihr lächelnd in die Augen und stellte fest, dass die dunkle Iris von einigen winzigen bernsteinfarbenen Sprenkeln durchsetzt war. Fast hätte er deswegen das Mehl in seiner Hand vergessen.
Skates trat ihm plötzlich schwungvoll auf den Fuß und tauchte geschmeidig unter seinen zupackenden Händen hindurch. Mit einem schnellen Schritt war sie am Tisch und riss die Mehlschüssel an sich. "So, und was willst du jetzt tun, hm?" Sie machte Anstalten, den Inhalt der Schüssel in Keeters Richtung zu schleudern.
"Hey, könnt ihr eure Orgie nicht etwas leiser abhalten!" beschwerte sich Will, der die Küche betrat, um Tee zu kochen.
Keeter und Skates sahen sich schuldbewusst an. "Ist der Arzt immer noch bei Harm?"
Will nickte. "Wenn ich gewusst hätte, wie wehleidig er ist, hätten wir besser einen Kinderarzt bestellen sollen."
"Au!" hörte man Harms Stimme aus dem Schlafzimmer.
Der Arzt sagte nichts, aber man hörte das leise Klappern, als er eine Spritze zurück in eine Metallschale legte.
"Ich sagte ‚au’," wiederholte Harm, als der Doktor nicht reagierte, störrisch.
Skates kicherte und warf einen Blick auf die Uhr. "Ich glaube, wir räumen hier besser auf, ich habe nämlich noch eine Verabredung."
Will hob die Brauen und die Falten in seinem wettergegerbten Gesicht gerieten in Bewegung. "Verabredung?" echote er gedehnt, "Mit einem Mann?"
Keeter stellte sich, gespannt auf die Antwort, neben ihn.
Skates grinste schelmisch. "Nein, nicht mit *einem* Mann – mit neun!"
"Huh, neun! Wie war das eben mit der Orgie?" murmelte Keeter halblaut vor sich hin.
"Nur keine Eifersucht, ja?" stichelte Skates.
Keeter verschränkte die Arme. "Eifersucht? Ha! Ich hab’ selbst noch eine Verabredung!"
"Und mit wem?" wollte Will wissen. Langsam sah er Grannys und sein neueste Projekt bedroht.
"Hmmm, mit einer heißbegehrten Dame, die mein Herz schneller schlagen lässt," erklärte Keeter mit einem mysteriösen Grinsen.
1548 Z-Zeit (10:48 Uhr EST)
Fitnessstudio
Washington D.C.
Rhythmisch stemmte Keeter die Hantelstange in die Höhe. "Achtzehn… neunzehn... zwanzig." Angesichts der größer werdenden Schlange vor der Hantelbank beschloss er, an diesem Gerät Schluss zu machen und hängte die Hantelstange in die Halterung. <Puh! Ich hab’ nicht gelogen,> dachte er, als er sich sein Handtuch um die Schultern hängte, <Das Gerät ist heißbegehrt und mein Herz klopft schneller!>
Er machte sich auf den Weg hinüber zu den Laufbändern. Das Fitnessstudio befand sich im zweiten Stock und war um eine Basketballhalle herum gebaut worden, auf die man hinabsehen konnte. Auf einem der beiden Spielfelder war gerade ein Spiel in Gange und Keeter blieb einen Moment am Geländer stehen, um zuzusehen. <Hey, das ist doch...! Elizabeth Skates Hawkes, wie sie leibt und lebt! Das sind also ihre neun Männern!> Grinsend beobachtete er, wie die dunkelhaarige Offizierin in Shorts und einem ärmellosen T-Shirt über den Platz fegte.
Skates war die einzige Frau – und der kleinste Spieler – auf dem Platz. Der Gegenspieler, der sie decken sollte, war ein etwas übergewichtiger Mann Mitte Vierzig und es war klar, dass sie viel zu schnell und zu agil war, als dass er hätte mithalten können und daher sah er sich gezwungen, sie festzuhalten, wann immer sie mit dem Ball an ihm vorbeisauste.
Keeter konnte den Ausdruck in ihren Augen aus der Entfernung nicht so genau erkennen, aber er kannte Skates inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie langsam frustriert wurde.
Sie fing im Lauf einen Pass eines Mitspielers, täuschte vor, rechts an ihrem Gegenspieler vorbei zu ziehen, wechselte den Ball dann geschickt in die linke Hand und dribbelte auf der anderen Seite vorbei. Sie setzte eben zu einem Korbleger an, als ihr Gegenspieler wieder nach ihr griff.
Skates nahm den Ball und schleuderte ihn wütend auf den Boden. "Verdammt noch mal, Alex! Wenn du noch einmal nach meinem Busen oder sonst einem meiner Körperteile grapschst, dann trete ich dir sonst wo hin!" brüllte sie so laut, dass selbst Keeter es noch deutlich verstand.
Einen Moment lang herrschte geschockte Stille auf dem Spielfeld, dann lachten die anderen Männer über Alex betretenen Gesichtsausdruck.
"Hey, Alex, warum tauschen wir nicht – du übernimmst Wade und ich übernehme Skates," bot einer von Alex Teamkameraden an.
Skates atmete tief durch, rollte mit den Augen und sah zur Decke hinauf, um sich zu beruhigen – was gänzlich fehl schlug, als sie Keeter mit einem breiten Grinsen im Gesicht am Geländer lehnen sah. <Oh, Gott, warum heute?! Warum musste ich gerade heute die Geduld mit Alex verlieren? Ist ja nicht so, als ob er das nicht jedes Mal, wenn ich in Washington bin und mit den Jungs spiele, tun würde!> Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und schielte unter den gespreizten Fingern hindurch zu Keeter hinauf.
Keeter grinste noch immer, aber nicht nur über Skates Verlegenheit, sondern vor allem über den Kampfgeist, den sie Alex gegenüber gezeigt hatte. Zustimmend reckte er Skates den erhobenen Daumen entgegen und prostete ihr mit seiner Mineralwasserflasche zu.
Das Spiel begann wieder und Keeter beschloss, das Laufband Laufband sein zu lassen und lieber stehen zu bleiben, um Skates zuzusehen. Ihre schlanken Beine und geschmeidigen Bewegungen zu beobachten war viel erfreulicher als sinnlos auf der Stelle zu traben. Es war offensichtlich, dass die junge Frau nicht nur auf Skates, sondern auch mit einem Basketball groß geworden war.
Schließlich verabschiedeten sich die neun Männer mit Handschlag oder einem kumpelhaften Klaps auf die Schulter von Skates und sie blieb allein mit dem Ball zurück, um noch ein paar Körbe zu werfen. Nach ein paar Treffern prallte der Ball am Ring ab und schoss über Skates Kopf hinweg. Als sie sich umdrehte, um den Ball zurückzuholen, sah sie sich Keeter gegenüber, der lässig mit dem Ball unter dem Arm auf dem Spielfeld stand und sie anlächelte.
Eine dunkelblonde Haarsträhne hing ihm verwegen in die Stirn, die grauen Augen leuchteten und Skates musste zugeben, dass er in dem schweißgetränkten Muskel-Shirt gar nicht so schlecht aussah. <Für ein Mammut.>
"Wie wäre es mit einem kleinen Spiel?" Herausfordernd hielt Keeter ihr den Ball hin.
Skates strich ein paar Haare, die ihrem Haarband entkommen waren, zurück. "Ich habe gerade eines hinter mir, wie du bemerkt haben dürftest."
"Aber nicht gegen mich," erwiderte Keeter unbeirrbar, "ich verspreche auch, dich nicht zu begrapschen." Das Flyboy-Grinsen verstärkte sich. "Oder glaubst du etwa, ich könne nicht spielen, hm? Lass dir gesagt sein, dass ich sogar mal eine Jugendmannschaft trainiert habe!"
"Okay. Bis 21, ja?" Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte ihm Skates den Ball aus der Hand weg und dribbelte in rascher Geschwindigkeit in Richtung Korb. Ehe Keeter es verhindern konnte, hatte sie den ersten Punkt gemacht. "Sollte das D in deinem Namen etwa für ‚Dinosaurier’ stehen?" neckte sie Keeter, während sie ihm den Ball zuwarf.
"Du hast mich nur überrascht, das ist alles. Und dein Korbleger war nicht besonders anspruchsvoll," gab Keeter in demselben humorvoll-spöttischen Tonfall zurück.
"War nur zum Aufwärmen gedacht." Skates versuchte, geschmeidig um Keeter herumzutänzeln, um an den Ball zugelangen, aber Keeter gelang es, seinen massigeren Körper stets zwischen sich und seiner Gegenspielerin zu halten und sich so dem Korb zu nähern. Plötzlich erhöhte er die Geschwindigkeit seines Dribblings, brach auf der rechten Seite aus und sprang mit beiden Beinen kraftvoll ab.
Skates war schnell und versuchte noch, ihn zu blocken, aber aufgrund seiner überlegenen Größe gelang es Keeter, den Ball zielsicher in den Korb zu stopfen. "Eins – eins!" Grinsend spielte er Skates einen Bodenpass zu.
Entschlossen dribbelte Skates los, stoppte an der Freiwurflinie und warf den Ball in einem hohen, eleganten Bogen. Ohne den Ring auch nur zu berühren segelte der Ball durch das Netz. "Zwei – eins."
Ruhig nahm Keeter den Ball auf, lief gemächlich zur Freiwurflinie und wiederholte Skates Wurf. "Zwei beide," erklärte er zufrieden grinsend.
Skates trat noch weiter zurück und versenkte den Ball aus einer sieben Meter Entfernung.
Lächelnd tat Keeter dasselbe.
Skates sah ein, dass sie ihn so nicht schlagen konnte und beschloss, ein paar Tricks aus ihrer Zauberkiste zu holen. Sie dribbelte los und als Keeter näher an sie und den Ball heranrückte, spielte sie den Ball geschickt um die Hüfte herum, hinter ihrem Rücken vorbei und erzielte einen Korb.
"Solche riskanten Angebereien hab ich während meiner Trainerzeit meine Spieler nicht machen lassen!" meinte Keeter stirnrunzelnd.
"Ach, komm schon, dies hier ist ein einfaches Eins-zu-eins-Spiel, nicht die NBA-Meisterschaft!" wandte Skates herausfordernd ein.
Keeter nahm den Ball entgegen und wiederholte Skates ‚Angeberei’ ohne Schwierigkeiten.
"Oh, du Heuchler!" Skates lachte und schlug ihn mit der flachen Hand, "Als hättest du das noch nie gemacht!"
"Ich habe nicht gesagt, dass ich das noch nie gemacht habe, nur, dass ich es meine Spieler nicht habe machen lassen," erklärte Keeter grinsend.
"Okay, na schön, dann lass uns mal sehen, wie gut du mit der linken Hand bist!"
"Oh, ich bin mit beiden Händen sehr gut!" Keeter wackelte mit den Fingern und grinste ein wenig anzüglich.
Skates rollte mit den Augen, ersparte sich aber eine Bemerkung und wiederholte stattdessen ihr Manöver mit der linken Hand.
Keeter musste zugeben, dass er noch nie eine Frau gesehen hatte, die so gut Basketball spielte. Er musste sich anstrengen, um den nächsten Punkt zu erzielen, schaffte es aber.
Er warf Skates den Ball zu und sprang vor sie, um ihr mit seiner hochgewachsenen Gestalt die Wurfbahn zu versperren, aber noch bevor er richtig stand, war sie auf der linken Seite an ihm vorbeigezogen und hatte einen weiteren Punkt erzielt. "Ist es dir zu anstrengend? Sollen wir lieber aufhören, damit du dein Mittagschläfchen machen kannst?" neckte Skates schadenfroh.
Entschlossen begann Keeter, in Richtung Korb zu dribbeln, seinen Körper immer zwischen Skates und dem Ball haltend, so dass er ihr den Rücken zuwandte. Er spürte ihre Hand auf seiner Hüfte, als sie versuchte, ihn vom Korb fernzuhalten und in ihrem Eifer ein wenig mehr Körpereinsatz gebrauchte als zuvor.
Ein Arm schlang sich um seinen Körper und versuchte, ihm den Ball aus der Hand zu schlagen. Keeter war einen Moment lang so überrascht von der Berührung, dass das Manöver fast gelang, aber dann riss er sich zusammen, täuschte zwei Ausbruchversuche nach rechts vor, bevor er dann nach links durchbrach und den Ball sicher im Korb platzierte.
Skates Spiel wurde jetzt verbissener, aber Keeter genoss den physischen Charakter ihres Spiels beinahe. Beide nahmen jede Gelegenheit wahr, einander festzuhalten, wegzudrücken oder zu schubsen und schließlich waren sie nicht nur schweißgebadet, sondern wurden auch noch von Lachanfällen geschüttelt.
Am Ende entschied, wie so oft beim Basketball, die Körpergröße und Skates musste sich geschlagen geben.
"Puh, wo zum Geier hast du so spielen gelernt, Skates?" Keeter klemmte sich den Ball unter den Arm und wischte sich mit der anderen Hand den Schweiß von der Stirn. Bewundernd blickte er auf die junge Navy-Offizierin hinab.
"Meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich viel draußen spiele," erklärte Skates schmunzelnd, "ich war ein ziemlich wildes Kind und mein Vater war es endlich leid, immer sofort sein halbes Gehalt auf das Konto des Glasers überweisen zu lassen. Und du? Für ein im Aussterben begriffenes Mammut spielst du ja wirklich nicht schlecht."
Keeter zuckte die breiten Schultern. "Oh, das lernt man ganz automatisch, wenn man drei Brüder hat."
"Du hast drei Brüder? Noch drei von deiner Sorte?! Deine arme Mutter!" Skates stöhnte mitleidig.
Keeter schüttelte energisch den Kopf.
"Hey!" Skates wich den Schweißtropfen aus, die auf sie hinabregneten.
"Oh, sorry!" Keeter war froh, dass sein Gesicht vom Spielen bereits gerötet war, so dass Skates ihm seine Verlegenheit nicht so leicht ansehen konnte. "Ich wollte nur sagen, es gibt nicht noch drei von meiner Sorte, meine Brüder sind längst nicht so gutaussehend und charmant wie ich." Er grinste sie unter Aufwendung seines gesamten Flyboy-Charmes an. "Und im Übrigen hat meine Mutter mit eisernem Kochlöffel regiert." Keeter rieb sich demonstrativ das Hinterteil.
Sie erreichten den Umkleidebereich und blieben ein wenig unschlüssig stehen. "Ich habe Harms Auto, wenn du also mit zurück fahren willst..." bot Keeter schließlich an.
Skates nickte. "In zehn Minuten draußen, okay?"
Keeter nahm eine rasche Dusche und zog sich um. Als er mit der Sporttasche über der Schulter nach draußen trat, lehnte Skates bereits wartend an Harms Jeep. "Wow, eine Frau, die wirklich nur zehn Minuten im Bad braucht, daran bin ich nicht gewöhnt!" erklärte er zur Entschuldigung, während er den Autoschlüssel aus der Tasche fischte und aufschloss.
"Wie wäre es mit etwas Musik?" schlug Keeter vor, als er den Motor startete.
"Okay," Skates begann, nach einem Sender zu suchen, "irgendetwas, bei dem man mitsingen kann."
Keeter lachte. "Glaub mir, Skates, du willst nicht wirklich, dass ich singe."
"Wieso nicht?"
"Schon mal gehört, wie ein Seemann nach drei durchzechten Tagen klingt?" Keeter hob amüsiert eine Braue.
"Öfter als mir lieb ist."
"Im Vergleich zu mir ist ein betrunkener Seemann Frank Sinatra," bemerkte Keeter selbstironisch.
"Ach, was, jeder kann ein paar alte Lieder im Radio mitsingen," beharrte Skates und fand endlich einen Sender.
"Na schön, ich sitze ja hinter dem Lenkrad, also kannst du nicht rechts ranfahren und mich rauswerfen." Keeter warf den Kopf zurück und begann, herzhaft mitzusingen.
Skates hatte eine tolle Stimme und Keeter fragte sich langsam, was für verborgene Talente sie noch besitzen mochte.
"Ich geb’s ja nicht gerne zu, aber du hattest recht," lachte Skates, als das Lied endete.
"Ich hab dir ja gesagt, ich kann nicht singen," brummelte Keeter.
"Na ja, was dir an Musikalität fehlt, machst du mit Enthusiasmus wett."
"Tja, ich bin eben ein begeisterungsfähiger Mensch." Sein Flyboy-Grinsen verriet, wofür er sich am meisten begeistern konnte.
Keeter begegnete im Rückspiegel dem Blick der dunklen Augen und beobachtete, wie Skates Gesichtsausdruck von unbeschwert zu misstrauisch-vorsichtig wechselte.
Inzwischen wusste er, was solche Stimmungswechsel bei Skates verursachte. "Hey, das sollte kein Flirten sein, wirklich nicht! Jedenfalls kein bewusstes. Mir rutscht so was ganz automatisch raus, ich will nicht, dass du dich deshalb unbehaglich fühlst..." Er brach ab, als er feststellte, dass er plapperte.
"Schon gut," Skates legte ihm für einen kurzen Moment die Hand auf den Arm, "das ist nur das Piloten-Syndrom, ihr könnt gar nicht anders."
"Hey, du gibst mir das Gefühl, eine ansteckende Krankheit zu sein," beschwerte sich Keeter scherzhaft.
"Apropos Krankheit... glaubst du, Harm geht’s inzwischen besser?"
"Entweder das oder wir können Mac bald mit ihm zur Kur schicken! Ich hab wirklich noch nie eine so aufopferungsvolle Krankenpflegerin getroffen!" Keeter lächelte kopfschüttelnd, "Das muss wohl wahre Liebe sein."
Hier findet ihr animierte Basketball-Bilder:
http://members.aol.com/spaeon/basket.html
http://members.aol.com/spaeon/basket2.html
http://pws.chartermi.net/~jgelsmd/mov_behind.gif
http://pws.chartermi.net/~jgelsmd/cross_spin.gif
2320 Z-Zeit (18:20 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Du willst mir doch nicht etwa widersprechen, oder?" Mac baute sich mit in die Hüften gestemmten Händen vor Harm auf.
Harm hob abwehrend die Hände. "Oh, nein, das würde ich in meinem geschwächten Zustand nicht wagen."
"Gut," Mac stützte ihn mit einer Hand und schob ihn mit der anderen vor sich her ins Badezimmer, "dann will ich deinen geschwächten Zustand mal ausnutzen."
"Mac, mir geht’s wirklich schon besser, ich kann mich alleine waschen!" protestierte Harm, ließ aber zu, dass Mac die Knöpfe seines Pyjamas öffnete und ihm in die mit warmem Wasser gefüllte Wanne half.
Mac kniete sich neben die Badewanne, nahm einen Waschlappen und begann, sorgsam die Konturen seines Gesichtes damit nachzufahren. "Ich weiß, aber ich mache das gerne," antwortete sie, während sie den Waschlappen langsam seine Schulter hinab und über seine Brust wandern ließ, "Ich könnte mit dir tun, was immer ich auch wollte, Flyboy. Du bist im Moment zu schwach, um mir widerstehen zu können." Sie lehnte sich nach vorne, küsste zärtlich Harms Schulter und lehnte dann den Kopf gegen die warme, nasse Haut. "Hmmm." Genießerisch und völlig übermüdet schloss sie die Augen.
"Das kann ich nie," murmelte Harm und hob eine Hand, um Mac sanft den Rücken zu kraulen. Von Mac kam keine Antwort, nicht einmal das übliche wohlige ‚Schnurren’. "Mac?" Vorsichtig drehte er den Kopf und stellte fest, dass sie gegen seine Schulter gelehnt eingeschlafen war.
Harm lächelte reuevoll. Er wusste, dass Mac in den letzten Tagen, seit er krank geworden war, kaum zur Ruhe gekommen war. Sie musste völlig übermüdet sein. Er war versucht, sie einfach schlafen zu lassen, aber er wusste, dass er noch nicht wieder die Kraft hatte, sie ins Bett zu tragen, ohne zu riskieren, dass er mit seiner wertvollen Fracht der Länge nach hinfiel. "Mac!" Sanft strich er ihr mit seiner nassen Hand über die Wange.
"Hmmmnn?" Blinzelnd öffnete Mac die Augen und sah ihn verwirrt an, bevor sie begriff, was geschehen war. "Oooohh!" Sie nahm den Waschlappen und schlug ihn sich selbst ins Gesicht, um richtig wach zu werden. "Soviel dazu, dass ich deine Schwäche ausnutzen wollte! So eine Chance werde ich vermutlich nie wieder bekommen."
Harm rappelte sich mühsam in der Wanne hoch und ließ sich von Mac in ein großes Badetuch hüllen. "Ich spiele gerne mal den Kraftlosen für dich, wenn wir es beide mehr genießen können als im Moment. Aber jetzt höre ich ein bequemes Wasserbett unsere Namen rufen."
"Wie fühlst du dich?" erkundigte sich Mac, als Harm schließlich warm eingepackt im Bett lag.
Harm zuckte die Schultern und stellte fest, dass noch immer jeder seiner Muskeln schmerzte. "Kommt drauf an, wie du es meinst. Dumm, verlegen, dankbar, verrückt."
Mac lachte. "Muss ich das jetzt verstehen?"
"Na ja, ich komme mir dumm vor, wenn ich daran denke, wie kindisch ich mich verhalten habe und wie schwer ich es dir gemacht habe; ich bin verlegen, dass du mich so krank und launisch gesehen hast; dankbar, dass du dich so um mich gekümmert hast..." Harm atmete tief durch und zog Mac enger an sich, "... und verrückt nach dir."
Mac lächelte und küsste wortlos seinen Arm, den er um sie herumgeschlungen hatte.
Er versuchte, um sie herum in ihr Gesicht zu sehen. "Mac?" fragte er leise, "Liebst du mich noch?"
Mac stützte sich auf einem Ellenbogen auf und drehte sich um, um ihn anzusehen. Sie fand seine Unsicherheit bezaubernd. Sie kuschelte sich an Harms Seite und sah sich in dem chaotischen Zimmer um. Eine Wasserschüssel und eine benutzte Teetasse standen auf dem Nachttisch und ein Eimer neben dem Bett. Ein nasses Handtuch hing über der Stuhllehne. Jeder Teller des Haushaltes war benutzt worden und stand nun irgendwo im Raum verteilt. Aus einer Aktenmappe ragten ein paar Blätter hervor, die dort eilig hineingestopft worden waren. Überall waren benutzte und unbenutzte Taschentücher verstreut. Sie war so müde, dass sie kaum die Augen offen halten konnte. Und dennoch wusste sie keinen Ort der Welt, an dem sie momentan lieber gewesen wäre, als hier, neben einem noch immer halbkranken Harm. Wenn das keine Liebe war, wusste sie nicht, was dann Liebe sein sollte.
"Natürlich liebe ich dich, Harm. In guten wie in schlechten Zeiten," murmelte Mac schläfrig, legte den Kopf gegen seine Schulter und schloss die Augen. Innerhalb von Sekunden war sie eingeschlafen.
Harm lag mit aufgerissenen Augen da und starrte sie an.
0008 Z-Zeit (19:08 Uhr EST)
In der Nähe des China-Restaurants "Jasmin-Garten"
Washington D.C.
Amüsiert grinsend sah Harm zu, wie sein alter Freund Keeter sich nach dem Verlassen des Restaurants geschickt zurückfallen ließ, sich bei Mac einhakte und sie in ein Gespräch über ausgestorbene Tiere verwickelte, um nicht in Grannys unmittelbarer Nähe sein zu müssen. "Hey, Keeter, Kumpel, ich wäre dir sehr verbunden, wenn du die Hände von meiner Fr... meiner Freundin nehmen könntest!" forderte Harm ihn scherzhaft auf, "Dieses Ausweichmanöver bringt sowieso nichts."
"Ich soll *meine* Hände wegnehmen? Mac ist doch diejenige, die ihre Hände nicht von *mir* lassen kann – nicht das ich ihr das verdenken könnte... autsch!" Keeter wurde von zwei Seiten von kräftigen Schlägen getroffen. "Und was soll das überhaupt heißen: Ausweichmanöver?"
Harm deutete grinsend nach vorne, wo Granny und Will Skates in die Mitte genommen hatten und eifrig auf sie einredeten. "Amor und Aphrodite haben dich in ihrer Zielerfassung, da gibt’s kein Ausweichen."
"Ach, komm schon, Harm, die machen doch nur Spaß," Keeter warf einen Blick zu den beiden Rentnern und war sich plötzlich nicht mehr so sicher, "oder?"
"Spaß?" Mac lachte. "Wenn es darum geht, jemanden zu verkuppeln, dann kennen die beiden keinen Spaß! Überschwemmte Wohnungen, Mistelzweige, angesägte Betten, religiös-asketische Hotelzimmer... Will und Granny schrecken vor nichts zurück, also sei gewarnt."
"Ich? Wieso ich? Es sind eure Großeltern," wollte Keeter sich herausreden.
Mac stieß ihn mit dem Ellenbogen an. "Jetzt sag mir nicht, du hättest nicht gemerkt, dass Granny in Gedanken bereits überlegt, ob ein weißes oder champagnerfarbenes Brautkleid Skates besser stehen würde!"
"Ja," stimmte Harm vergnügt zu, "oder fandest du es nicht auch etwas seltsam, dass während des ganzen Essens im Hintergrund Lieder wie ‚Love me tender’ und ‚I will alway love you’ in chinesischen Klängen gespielt wurden?"
"Ist mir nicht aufgefallen," behauptete Keeter, "Ich habe nur bemerkt, dass ich der einzige war, der keine Gabel, sondern nur Stäbchen zum Essen bekommen hat. Irgendjemand wollte wohl erreichen, dass ich heute Abend ein wenig abnehme. Allerdings fand ich es schon etwas ungewöhnlich, dass Granny Skates und mir die Spaghetti empfohlen hat – Spaghetti beim Chinesen!"
"Vermutlich wollte sie, dass du und Skates euch die Spaghetti auf Susi-und-Strolchi-Art teilt," neckte Harm.
"Ha, ha! Du solltest lieber nicht mit Steinen werfen, solange du im Glashaus sitzt, Alter! Oder hast du nicht bemerkt, was Granny bestellt hat? Tintenfisch-*Ringe*, Frühlingsrolle in *Ringe* geschnitten, überbackene Bananen in *Ring*-Form... wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sogar die Peking-Suppe noch ringförmig bestellt! Glaubt ihr, sie wollte euch damit irgendetwas sagen?" spottete Keeter schadenfroh.
Harm und Mac wurden einer Antwort enthoben, als Will sich umdrehte. "Seid ihr, du und Skates, wirklich sicher, dass ihr schon heute Abend abreisen wollt, Keeter?"
"Wenn ich mich nicht bei meinen Eltern blicken lasse, bevor mein Urlaub vorbei ist, werde ich enterbt," behauptete Keeter scherzend.
Skates nickte zustimmend. "Ich muss meinen Papagei abholen, da führt kein Weg dran vorbei."
"Aber es ist bald Valentinstag," jammerte Granny, "wollt ihr den wirklich allein verbringen?"
Skates nickte erneut. <Wäre nicht das erste mal.. und schließlich ist es ja nicht so, als ob ich irgendeinen Grund zum Feiern hätte...>
"Ich feiere den Valentinstag prinzipiell nicht," sagte Keeter, der eingefleischte Junggeselle, "ist ohnehin nur eine geschickte Erfindung der Blumenverkäufer und der Grußkartenhersteller."
Granny seufzte und richtete ihren Blick hoffnungsvoll auf ihre beiden Enkel. "Und ihr?"
Mac schlang einen Arm um Harm und küsste ihn auf die Wange. "Wir feiern natürlich zusammen."
Harm nickte rasch unter Grannys strengem Blick. <Jetzt muss ich nur noch das perfekte Geschenk für Mac finden...> Seit er sich von seiner Grippe erholt hatte, war er auf der Suche, hatte aber bisher nichts Passendes gefunden. <Sieht so aus, als ob ein erneuter Trip zum Einkaufszentrum nötig werde... und diesmal lasse ich mich nicht durchs Zugfahren ablenken!>
Sie schlenderten zum nächsten Taxi hinüber, das Keeter und Skates zum Flughafen bringen sollte.
Granny und Will umarmten ihre beiden ‚Adoptivenkel’. "Ihr sagt uns doch Bescheid, wenn ihr wieder Urlaub bekommt? Es wäre schön, wenn wir einen Teil davon wieder gemeinsam verbringen könnten," schlug Granny vor und sah die zwei aus großmütterlich-bittenden Augen an.
Skates und Keeter wechselten einen schnellen Blick. Sie wussten, was hinter Grannys scheinbar harmlosen Vorschlag steckte, konnten den klaren blauen Augen jedoch nichts abschlagen.
"Na klar, ich werd’ dem CAG im Nacken sitzen, um rasch wieder Urlaub zu bekommen," versicherte Skates, bevor sie sich zu Mac umdrehte, um sich zu verabschieden.
Keeter klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. "Harmon Rabb junior feiert den Valentinstag, wer hätte das je gedacht!" Er hob abwehrend die Hand, als Harm das Wort ergreifen wollte, "Hey, schon gut, ganz im Ernst, es ist schön, dich so glücklich zu sehen. Und außerdem, jetzt wo du praktisch unter der Haube bist, bleiben mehr Frauen für mich übrig!" Keeter grinste verwegen.
"Oh, ich weiß nicht," Harm lächelte überlegen, "wenn es nach Granny geht, bleibt nur eine einzige für dich übrig."
Keeter drehte den Kopf und warf einen raschen Blick auf Skates, die noch immer in ein Gespräch mit Mac vertieft war. "Tja, da muss sich deine Großmutter wohl auf die erste Enttäuschung in ihrem jungen Leben gefasst machen. Diese eine einzige scheint nämlich etwas dagegen zu haben, mit mir verkuppelt zu werden."
Harm fiel auf, dass sein Freund nicht erwähnt hatte, dass auch *er*, Keeter, etwas dagegen hatte. "Mac und ich wollten anfangs auch nicht und jetzt schau, wie weit uns unser Widerstand gebracht hat..." Er deutete hinab auf seine Finger, die noch immer mit Macs verflochten waren.
Keeter zuckte mit den Schultern. "Tja, Rabb, du konntest eben noch nie den Bitten einer Frau widerstehen, nicht mal deiner eigenen Großmutter."
Der Taxifahrer lud ihre Seesäcke in den Kofferraum und wartete ungeduldig, bis seine Fahrgäste eingestiegen waren.
"Guten Flug!" rief Granny noch, bevor die Türen zugeschlagen wurden und das Taxi mit seinen winkenden Insassen davonfuhr.
0046 Z-Zeit (19:46 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.
"Also…" Skates sah etwas unschlüssig zu ihrem Begleiter hinauf. Sie standen mitten in der Halle des Flughafens, zwischen den beiden Terminals in Richtung Austin und San Francisco.
"Also..." Etwas linkisch hakte Keeter seine großen Hände, von denen er momentan nicht wusste, was er damit anfangen sollte, hinter den Riemen seines Seesacks. Vorbeihastende Menschen mit Gepäck rempelten sie beide an und Keeter trat einen Schritt näher an Skates heran, um sie mit seinem wuchtigeren Körper von den Anrempeleien abzuschotten.
"Hat mich gefreut, dich mal kennen zu lernen," sagte Skates schließlich.
Keeter erwiderte ihr Lächeln. "Mich auch." Wieder breitete sich unschlüssiges Schweigen zwischen ihnen aus.
Skates räusperte sich. "Tja, dann... mein Flug wird jeden Moment aufgerufen, ich verabschiede mich besser." Sie streckte Keeter die Hand hin und er schloss seine größeren Finger darum. "Auf Wiedersehen."
Keeter nickte. <Das hoffe ich.> "Auf Wiedersehen," entgegnete er und sah zu, wie sie ihr Gepäck schulterte und sich von ihm entfernte. "Ach, Skates?!" rief er ihr nach.
Skates blieb stehen und drehte sich um. "Ja?"
"Gib auf dich acht, da oben, hm?"
Skates begegnete grauen Augen, die für einen Mann dieser Statur und mit diesem Ruf als Frauenheld überraschend sanft blickten. "Werd’ ich. Tu du das gleiche, ja?"
Keeter nickte lächelnd. "Werde mein Bestes tun."
Gleichzeitig drehten sie sich um und gingen auf ihre jeweiligen Terminals zu.
Draußen breitete sich ein Regenbogen am Februarhimmel aus.
1920 Z-Zeit (14:20 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
"Harriet! Hier drüben!" Mac winkte energisch, um ihre Begleiterin in die richtige Richtung zu lenken.
"Oh, nein, Ma’am... ich meine, Mac... nicht schon wieder ein Juwelier!" Unter gespieltem Protest folgte Harriet ihrer Kollegin und Freundin. "Man könnte wirklich glauben, Sie würden nach den Kronjuwelen von England suchen!"
"Ach was, Harriet, ich suche nur nach einem Valentinstags-Geschenk für Harm und ich weiß, dass seine Armbanduhr den Geist aufgegeben hat…"
"Das ist ja auch eine gute Idee, aber bisher haben Sie die Verkäufer beinahe in den Wahnsinn getrieben. Ihnen ist wohl nichts gut genug für den Commander?" Harriet bedachte ihre dunkelhaarige Begleiterin mit einem wissenden Lächeln.
Mac errötete. Verlegen nagte sie auf ihrer Lippe. "Lassen Sie uns noch diesen einen Juwelier besuchen, dann gebe ich auf und suche ein anderes Geschenk, okay?"
"Okay, Mac. Zum Glück habe ich es mit den Geschenken für Bud leichter. Seit der Commander die Eisenbahn für A.J. mitgebracht hat, weiß ich immer, was ich Bud schenken kann." Harriet schwenkte grinsend ihre Einkaufstasche mit der Aufschrift ‚Jones Spielwaren’.
Sie betraten den kleinen Schmuckladen und sahen sich um. "Kann ich Ihnen helfen, Ladies?" Ein grauhaariger Verkäufer lächelte sie über die Theke und den Rand seiner Brille hinweg an.
Mac nickte und ließ ihren Blick über die Auslagen schweifen. "Ja, ich suche eine Uhr... genauer gesagt, eine Herrenarmbanduhr."
"Ah, zum Valentinstag." Der Juwelier nickte verstehend und wies auf eine Glasvitrine, in der silbern und golden funkelnde Uhren auf blauem Samt lagen.
Mac und Harriet traten näher. "Wie wär’s mit der da?" Harriet deutete über Macs Schulter hinweg auf eine der Uhren.
Mac schüttelte den Kopf. "Mnhmn, zu zierlich, zu verspielt."
"Dann die da?"
Noch ein energisches Kopfschütteln von Mac. "Nein, die ist zu klobig," urteilte sie entschieden, "Harm braucht viel Handfreiheit."
Harriet unterdrückte ein Kichern. "Handfreiheit, so, so!"
Mac biss sich auf die Lippe. "Ich meine, er arbeitet gerne mit seinen Händen... ich meine, er restauriert gerne Dinge... Harriet, Sie wissen genau, was ich meine!"
Mac hatte sich bereits halb damit abgefunden, auch in diesem Geschäft nichts zu finden, als ihr Blick auf eine Vitrine mit Herren-Ringen fiel. Ein einzelner Ring fesselte sofort ihre Aufmerksamkeit. Er war schlicht, aber dennoch elegant und das Wichtigste: Er war den Goldflügeln eines Navy-Piloten nachempfunden.
<Ringe...> Mac zupfte mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. <Das ist ein ziemlich großer Schritt…> Ringe waren nicht nur ein einfaches Geschenk, ein Ring konnte viel mehr bedeuten, je nachdem, wie der Empfänger es auffasste. <Vielleicht denkt Harm, ich wäre zu gewagt, zu vorschnell, würde zu sehr klammern. Ringe symbolisieren einen gewissen... Besitzanspruch, eine langfristige Verpflichtung... etwas, über das wir nie richtig gesprochen haben...> Sie betrachtete den Ring, der unter dem Glas funkelte. <Aber trotzdem…>
"Ich hab mich anders entschieden," erklärte sie dem Verkäufer und der erstaunten Harriet plötzlich, "ich möchte doch keine Uhr. Ich möchte diesen Ring." Sie deutete auf den ‚Flyboy-Ring’.
Kommentarlos nahm der Verkäufer den Ring aus der Vitrine.
"Wäre es möglich, etwas eingravieren zu lassen?" bat Mac und fischte in ihrer Handtasche nach Zettel und Stift. Mit Fingern, die vor Aufregung kaum merklich zitterten, schrieb sie zwei Worte aufs Papier und reichte es dann dem Juwelier.
"Das wird ein paar Minuten dauern, Ma’am. Wenn Sie warten möchten..." Einladend deutete der zufriedene Juwelier auf zwei gepolsterte Stühle.
Mac ließ sich das nicht zweimal sagen; sie war froh, ihre etwas wackeligen Knie entlasten zu können.
"Ein Ring? Für den Commander?" hakte Harriet neugierig nach, während sie neben Mac Platz nahm.
Mac nickte langsam. <Wenn ich je genug Mut aufbringe, ihm den zu geben...> Sie atmete tief durch, straffte die Schultern auf Marines-Art und beschloss, dass es eigentlich keine Rolle spielte. Sie wusste, was der Ring zu bedeuten hatte, auch wenn sie sich vielleicht nicht gleich dazu durchringen konnte, ihn Harm zu geben.
2034 Z-Zeit (15:34 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
Harm schlenderte langsam durch das Einkaufszentrum. Den Zug hatte er bereits hinter sich gelassen, so dass er sich nun ohne jede Ablenkung auf sein eigentliches Vorhaben konzentrieren konnte: Ein Valentinstag-Geschenk für Mac zu finden. Eine Aufgabe, die sich als gar nicht so leicht erwies...
Hin und wieder blieb er vor einem der kleinen Läden stehen, um sich deren Waren anzusehen. <Ein elektrischer Nasenhaarschneider!> Harm schnaubte. <Ich hoffe nicht, dass Mac das in den nächsten Jahren brauchen wird...> Vor sich hin grinsend ging er weiter bis zu den Massagekissen. <Nein, das auch nicht. Sie hat etwas viiiiiiel Besseres.> Sein Grinsen wuchs in die Breite, als er sich an die Massage erinnerte, die er Mac am Abend zuvor verabreicht hatte. Schließlich rief er sich zur Ordnung und ging weiter zum nächsten Laden. <Ha! Ich glaube kaum, dass Mac einen Radiowecker braucht, der die Uhrzeit an die Decke projiziert! Nicht dass sie überhaupt eine Uhr brauchen würde – im Gegensatz zu mir.>
Ihm fiel plötzlich wieder ein, dass er noch vorgehabt hatte, seine Armbanduhr reparieren zu lassen. Nicht weit von ihm entfernt befand sich ein Schmuck- und Uhren-Geschäft und er steuerte kurzerhand darauf zu.
Der Verkäufer hinter der Theke nahm freundlich lächelnd die Armbanduhr entgegen. "Sie möchten die Batterie auswechseln?"
"Ähmn, nein, die Uhr... ist ins Wasser gefallen und seitdem läuft sie nicht mehr," erklärte Harm ohne zuzugeben, dass er die Uhr aus Jingos Wassernapf hatte retten müssen. "Eigentlich sollte sie ja wasserdicht sein, aber..." Er zuckte die Schultern und erinnerte sich daran, wie Jingo und Gypsie im Wettstreit versucht hatten, an das interessante Ding im Wassernapf zu kommen und dabei die halbe Küche unter Wasser gesetzt hatten. "Vielleicht könnten Sie mal nachschauen?"
"Natürlich, kein Problem." Der Verkäufer verschwand mit der Uhr im Hinterzimmer, wo sich vermutlich die Werkstatt befand.
Eine junge Verkäuferin trat an seiner Stelle zu Harm. "Darf ich Ihnen sonst noch etwas zeigen, Sir?" erkundigte sie sich höflich.
"Ja, ich glaube, Sie können mir da tatsächlich helfen. Ich suche etwas für meine... Freundin," antwortete Harm und stellte einmal mehr fest, dass er es zunehmend unpassend fand, Mac lediglich als seine ‚Freundin’ zu bezeichnen, so als wäre sie eine unter vielen, eine, die man leicht ersetzen konnte. Er wusste ganz genau, dass nichts und niemand Mac in seinem Herzen ersetzen konnte.
"Wir haben hier eine Reihe hübscher Ketten oder wenn Ihnen Ohrringe lieber sind..." Die Verkäuferin nahm ein Paar goldener Ohrringe unter der Glastheke hervor und hielt sie Harm hin. "Das sind zum Beispiel blaue Diamanten... nicht ganz billig, aber einmalig schön, wenn ich das mal so sagen darf."
Harm betrachtete die fein gearbeiteten Ohrringe mit den filigranen Steinen. "Ja, sie sind wirklich schön," meinte er, mit sich selbst debattierend. Sie waren wirklich nicht billig, aber andererseits... er hatte sich schon lange nichts mehr geleistet, verdiente genug Geld und wenn er sich Macs Reaktion auf die Ohrringe vorstellte, erleichterte das die Entscheidung. "Ich nehme sie," erklärte er kurzentschlossen und schob seine Kreditkarte über die Theke.
Erneut ließ er den Blick über die zur Schau gestellten Schmuckstücke schweifen, während er auf seine Uhr und das Einpacken der Ohrringe wartete. Er sah sich plötzlich einer Vitrine mit Ringen gegenüber.
<Ringe...> Nicht, dass er daran noch nie gedacht hätte, aber immer hatte er im letzten Moment kalte Füße bekommen und sich ermahnt, Mac und ihrer noch ziemlich neuen Beziehung noch etwas mehr Zeit zu geben. Lange genug hatte er Mic Brumbys Ring an ihrem Finger sehen müssen und er wusste nicht, ob Mac jetzt schon – oder überhaupt jemals – bereit war, seinen Fing zu tragen.
Sein Blick fiel auf einen Ring genau in der Mitte und er beugte sich vor, um ihn besser betrachten zu können. Sofort war die hilfsbereite Verkäuferin neben ihm und holte ihm den Kasten mit den samtbezogenen Halterungen unter der Glasabdeckung hervor.
Zögernd streckte Harm die Hand aus und nahm den Ring aus seiner Halterung. In der Mitte des schmalen Goldringes funkelte ein Diamant derselben hellblauen Farbe, wie sie die Ohrringe, die er eben erstanden hatte, besaßen. Zwei kleinere, farblose Diamanten befanden sich auf beiden Seiten des Steines.
Harm wurde aus seiner Betrachtung gerissen, als der Verkäufer mit seiner Armbanduhr zurückkehrte. "Das war gar nicht so einfach. Wir mussten sogar die Batterie austauschen. Was war denn in dem Wasser?" erkundigte er sich ernst.
Harms Mundwinkel zuckten. "Hundespeichel," antwortete er trocken, bevor er den Blick wieder auf den Ring in seiner Hand richtete. Nur zögernd steckte er ihn zurück.
Der Verkäufer warf einen Blick darauf. "Der ist wunderschön, nicht wahr?" Nachdenklich betrachtete er den Ring.
Harm nickte. "Ja, das ist er," murmelte er und aus einem Impuls heraus traf er spontan eine Entscheidung, bevor er den Mut verlieren und es sich wieder anders überlegen konnte. "Ich nehme ihn."
Schweigen antwortete ihm.
Harm sah auf, direkt in die erstaunten Augen des Verkäufers.
"Er steht doch zum Verkauf, oder?" Ein Hauch von Belustigung über die Reaktion des Verkäufers mischte sich in seine Stimme.
"Oh, ja, natürlich, Sir, nur ist das ein ziemlich wertvoller Stein und der Ring kostet..."
"Pssst!" Harm legte eilig einen Finger an die Lippen, "ich will es gar nicht wissen. Es ist ganz egal, was er kostet." Er wollte nicht das Gefühl haben, Macs Wert in Geld aufzuwiegen. <Nicht, dass das überhaupt möglich wäre...> Erneut legte er seine Kreditkarte auf die Theke.
Der Verkäufer löste sich endlich aus seiner Erstarrung und nahm den Ring aus seiner Halterung. "Eine perfekte Wahl," versicherte er Harm.
Harm lächelte nur vor sich hin. <Der Ring *und* die Frau.>
"Welche Ringgröße darf es denn sein?" wollte der Schmuckverkäufer wissen.
"Oh, uh..." Harm legte ratlos die Stirn in Falten. "Entschuldigung, darf ich mal…?" Er deutete fragend auf die Hand der jungen Verkäuferin. Sorgfältig befühlte er jeden einzelnen ihrer Finger nach der richtigen Größe. Als seine Hand ihren rechten Ringfinger umschloss, nickte er. "Das ist es. Das ist die richtige Größe."
Der Verkäufer sah ihn etwas skeptisch an, maß aber dennoch gehorsam die Ringgröße seiner Kollegin. "Möchten Sie etwas eingraviert haben?"
Harm nickte kurz entschlossen. "Ein Wort genügt," erklärte er und schrieb es dem Verkäufer auf. Zehn Minuten später verließ er den Juwelierladen mit den Ohrringen und dem Ring in der Tasche und wirren Gedanken im Kopf. Nach drei Schritten stoppte er, öffnete die Schmuckschatulle, starrte auf den goldenen Ring hinab und fragte sich, was er da soeben getan hatte. <Ach, was, komm schon, Rabb, Mac wird schon nichts dagegen haben. Schließlich ist es nur ein Stück Metall mit ein paar Diamanten und einem eingravierten Wort, mehr nicht.> Wenn er jedoch ehrlich war, dann musste er zugeben, dass ihm der Ring viel mehr bedeutete und dass er keine Ahnung hatte, wie Mac dazu stand. Mit dem Entschluss, Macs Einstellung zunächst einmal vorsichtig auszuloten ließ er die Schatulle zuschnappen und setzte seinen Weg fort.
0258 Z-Zeit (21:58 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte sich Mac auf der Couch zurück. Ihre Füße ruhten neben Harms auf dem niedrigen Wohnzimmertisch und eines ihrer Beine war leicht über das von Harm gehakt. Eine Schüssel Popcorn ruhte halb in Macs, halb in Harms Schoß, so dass sie sich den Inhalt teilen konnten. <Viel besser als Kino,> entschied sie, während sie sich ein Popcorn in den Mund schob und schon nach dem nächsten griff.
Sie sah hinauf zu Harm, der denselben Moment wählte, um sie zu betrachten, so dass ihre Blicke sich begegneten. Mac lächelte und platzierte ein Popcorn herausfordernd zwischen ihre Lippen.
Harms Zähne schnappten sanft zu und schlossen sich auch noch um ihren Finger, den sie nicht schnell genug zurückgezogen hatte.
"Hey! Ich dachte, du bist Vegetarier!"
Harm ließ langsam von seiner Beute ab und kaute genüsslich das Popcorn. "Du bist eben zum Anbeißen," erklärte er mit einem vergnügten Grinsen.
Das brachte ihm erneut ein Stück Popcorn ein, das Mac einladend zwischen ihren Zähnen hielt. <Oh, eine Herausforderung!> Gehorsam beugte sich Harm zu ihr hinab. Ihre Lippen streiften einander, bevor sie sich jeder mit einer Hälfte des Popcorns zurücklehnten. Das so gefütterte Popcorn schmeckte so gut, dass Harm beschloss, sich zu revanchieren und Mac ebenfalls ein Popcorn auf diese Weise anzubieten.
So ging es mehrere Male hin und her, bis Mac ‚vergaß’, ein Stück Popcorn abzubeißen und stattdessen Harms Lippen küsste.
Nach langen Minuten leidenschaftlicher Küsse lehnten sie sich schwer atmend auf der Couch zurück und Harm stellte fest, dass gerade ein Werbespot für Valentinstag-Pralinen im vernachlässigten Fernseher lief. <Nur noch zwei Tage bis zum Valentinstag... ich nutze die Gelegenheit besser für ein paar Nachforschungen...> Er nickte mit dem Kopf in Richtung Pralinenwerbung. "Muss ein wenig seltsam für dich sein, oder? Ich meine, Weihnachten, Geburtstage, Valentinstag... diese ganzen traditionellen Familienfeste... du bist ja nicht sehr traditionell aufgewachsen, oder...?"
"Hm, ich hab nie so richtig darüber nachgedacht. Diese ganzen Dinge haben mir eigentlich nie viel bedeutet," Mac sah zum Fenster, hinaus in die Dunkelheit. "Aber ich schätze, einige Traditionen sind doch ganz nett."
"Ach ja? Wirklich?" Harm horchte auf. "Welche denn?"
Mac dachte angestrengt nach, um sich etwas Unverdächtiges auszudenken, was Harm nicht sofort auf ihr eigentliches Vorhaben, ihn auszufragen, brachte. "Ähm, na ja, Thanksgiving zum Beispiel. Das Truthahnessen ist doch eine gute Tradition, oder? Nicht dass es bei uns zuhause Truthahn gegeben hätte... mein Vater war entweder im Dienst oder betrunken und meine Mutter machte sich nicht die Mühe, großartig zu kochen. Meistens endete es damit, dass ich mit einem Mikrowellenessen und einer Schüssel Fruit Loops dasaß."
Mitfühlend streichelte Harm ihren Arm. "Okay, okay," begann er schnell, um Mac auf andere Gedanken zu bringen, "was ist mit den ganzen Highschool-Traditionen? Du weißt schon, Jahrbücher... die Roben... der Abschlussball... Highschool-Ringe..."
Mac sah einen Moment lang auf ihre Fingernägel hinab. "Ich hatte nie einen Highschool-Ring," sie zuckte die Schultern, "Es bedeutete mir nichts."
Harm dachte an den Ring, den er im Putzschrank versteckt hatte. "Oh."
"Weißt du, die Highschool war nicht gerade eine tolle Zeit für mich. Und die Sache mit den Ringen fand ich einfach zu oberflächlich. Ständig ging es nur darum, wessen Ring besser ist, welcher einen größeren Stein hat, wessen Freund wem den teureren Ring geschenkt hatte... Ich wollte an diesem Theater nicht teilhaben und habe beschlossen, wenn ich jemals einen Ring trage, dann nur, weil er mir gefällt, nicht weil er ein Symbol für Status oder sonst was ist oder irgendetwas bedeutet."
"Mmhnnn." Harm rutschte ein Stückchen tiefer auf der Couch und ließ die Luft, die er die ganze Zeit über unwillkürlich angehalten hatte, aus seiner gequälten Lunge entweichen.
"Ich brauche keinen Ring, um zu zeigen, wie toll ich bin oder um sonst etwas zu beweisen," schloss Mac, "und was ist mit dir? Hast du mal einen Highschoolring gehabt?"
"Ja, hab ich, aber nur ein paar Wochen lang, dann hab ich ihn verloren."
"Er ist dir vom Finger gerutscht?" fragte Mac nach.
"Nein, ich... habe ihn in einem Pokerspiel verloren," gab Harm ein wenig verlegen zu, "aber natürlich habe ich jedem erzählt, ich hätte ihn beim Tauchen verloren."
Mac sah ihn forschend an. "Du hättest dir doch einen neuen besorgen können."
"Hätte ich, ja, aber ich bin nie besonders daran gehangen... ich habe nach vorne gesehen, habe an die Fliegerschule gedacht und habe nicht in alten Highschool-Erinnerungen geschwelgt. Ich schätze also, ich bin auch nicht sonderlich traditionell eingestellt, was Ringe betrifft."
"Oh." Mac schwieg einen Moment lang. "Na ja, weißt du, Harm... wir könnten unsere eigenen Traditionen begründen."
Harm musste lächeln und zog Mac enger gegen seinen Körper. "Und an welche Traditionen hast du da gedacht, hm?"
"Zum Beispiel könnten wir es zur Tradition machen, es uns in trauter Zweisamkeit vor dem Fernseher gemütlich zu machen, ohne dann auch nur einen Blick für das Fernsehprogramm übrig zu haben..." Mac lehnte sich in seiner Umarmung näher. "... oder wie wäre es, wenn wir die Tradition einführen, früh ins Bett zu gehen? Wie wäre es zum Beispiel mit jetzt?"
"Ist das eine Frage oder eine Einladung?" erkundigte sich Harm mit einem amourösen Grinsen.
Mac lehnte ihren Körper gegen seinen und küsste ihn. "Beantwortet das deine Frage?"
Harm schloss die Arme um sie und erwiderte ihren Kuss mit Enthusiasmus. "Oh, ja."
2344 Z-Zeit (18:44 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Verärgert sah Mac auf, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch klingelte. <Wer kann jetzt noch etwas von mir wollen? Normalerweise dürfte ich gar nicht mehr hier sein!> "Einen Moment, bitte, Bud," bat sie ihren jüngeren Kollegen, mit dem sie noch an einem Fall arbeitete, während alle anderen bereits nach Hause gegangen waren. Sie legte die Akte weg und ergriff den Telefonhörer. "MacKenzie."
"Was ist dein Lieblingsduft?" fragte eine Stimme am anderen Ende der Leitung, ohne sich zu identifizieren.
Einen Moment starrte Mac verblüfft den Telefonhörer an, bevor sie mental von der Arbeit zum Privatleben umschaltete. "Der Duft eines in Fett gewendeten Beltway Burgers, das weißt du doch," neckte sie ihren Vegetarier-Freund.
"Maaaaaac! Du weißt, was ich meine!"
"Na schön, im Ernst, ich liebe dieses Rasierwasser, das du immer benutzt," antwortete Mac und beobachtete, wie Bud neben ihr unbehaglich auf seinem Stuhl herumrutschte. Vermutlich fragte er sich so langsam, ob der Anruf mit Telefonsex enden würde.
"Nein, nein, ich meine, magst du Vanille oder magst du Lavendel oder Zimt oder Rosen..." Harm machte eine erwartungsvolle Pause.
"Hm-mm," Macs Gedanken schweiften immer weiter von der Arbeit ab, "Vanille ist gut und Rosen sind auch nicht schlecht. Wozu willst du das überhaupt wissen?"
"Hey, man kann gar nicht genug wissen über die Frau, die man liebt," erklärte Harm treuherzig. "Ist eigentlich blau noch immer deine Lieblingsfarbe?"
"Natürlich. Aber jetzt sag mir endlich, was du vorhast!" verlangte Mac.
"Nichts, wirklich," versicherte Harm nicht eben glaubwürdig, "eine letzte Frage: Wenn du auf einer einsamen Insel gestrandet wärst, mit nichts zu essen außer Erdbeeren, welches Nahrungsmittel würdest du dazu essen wollen? Schokoladensoße oder Schlagsahne?"
Mac, die seit Mittag nichts mehr gegessen hatte, leckte sich die Lippen. "Hmn, das kommt darauf an."
"Auf was?"
"Darauf, ob es Zartbitter-, Milch- oder weiße Schokolade ist," erläuterte die Anwältin und Schokoladenexpertin, "und im Übrigen kann man sich die Schokosoße sparen, wenn man Nutella im Haus – oder auf der Insel - hat."
"Oh, gute Idee. Wir sehen uns später. Und Mac... ich liebe dich." Harm konnte nicht auflegen, ohne das gesagt zu haben, auch wenn er wusste, dass Mac im Büro - und damit nicht unbedingt an einem Platz für romantische Liebeserklärungen – war. "Du musst Hausregel Nummer sieben jetzt nicht befolgen; ich kann mir denken, dass Bud ganz in der Nähe ist und jedes Wort mithört."
"Ich liebe dich auch," antworte Mac ungeachtet dessen, ohne auch nur im Geringsten zu zögern.
Man hörte, wie Harm zwei tiefe Atemzüge machte, bevor er seine Stimme wieder richtig im Griff hatte. "Also dann, bis später."
"Bis später." Langsam ließ Mac den Hörer sinken. <Das muss der seltsamste Anruf in der Geschichte des Telefons gewesen sein!>
1058 Z-Zeit (05:58 Uhr EST)
Südlich des Theodore-Roosevelt-Denkmals
Washington D.C.
"Waaaaa!" Ein heftiges Schaukeln des Wasserbettes riss Harm aus dem Schlaf. In Erwartung eines Erdbebens rollte sich der gebürtige Kalifornier herum und zog den Kopf ein. Es dauerte einige Sekunden, bis er feststellte, dass das ‚Erdbeben’ durch 120 Pfund aufs Bett springenden Marine-Corps-Colonels ausgelöst worden war.
"Guten Morgen, Flyboy!" rief sie heiter – viel zu heiter für die frühe Stunde, fand Harm. Nach guten Wünschen zum Valentinstag in Verbindung mit Hausregel Nummer vier war er jedoch viel besser gestimmt und bereit, den neuen Tag zu begrüßen.
"Also, wo ist mein Geschenk?" Erwartungsvoll sah Mac, das Kinn auf Harms Brust gestützt, ihm in die Augen.
"Wieso glaubst du, dass ich ein Geschenk für dich habe?" fragte Harm mit seinem in langen Akademie-Nächten mit Keeter erprobten Pokergesicht.
Mac robbte ein wenig höher und knabberte spielerisch an Harms Unterlippe. "Du bist einfach zu süß, um kein Geschenk für mich zu haben."
Unter Aufbietung all seiner Selbstbeherrschung gelang es Harm, hart zu bleiben. "Selbst wenn ich ein Geschenk hätte, mich mitten in der Nacht aufzuwecken ist nicht die beste Methode, sich ein Geschenk zu verdienen."
"Es ist eine Minute nach sechs und der Wecker hätte ohnehin eben geklingelt, also ist es wohl kaum ‚mitten in der Nacht’," widersprach Mac energisch.
"Das, liebe Mac, ist Ansichtssache." Harm küsste sie rasch auf die Nasenspitze. "Und außerdem... hast du gestern Abend nicht Valentinstagsatmosphäre genug bekommen?"
Mac lächelte verträumt, als sie an die blauen Rosen-Duftkerzen, die den Raum in sanftes Licht getaucht hatten, und das Vanille-Massageöl dachte, mit dem Harm sie gestern Abend zuhause begrüßt hatte. "Hmmm, ich muss zugeben, das war ziemlich nett..."
"Na, siehst du." Grinsend tat Harm, als wolle er sich herumrollen und die Decke über den Kopf ziehen, als er plötzlich das kleine Geschenkpaket neben Mac entdeckte.
"Nnnn-nn!" Mac stupste das Geschenk außer Reichweite, als Harm gerade danach greifen wollte. "Ich bin zuerst dran mit Auspacken!"
Harm sah sie herausfordernd an. Er liebte es, wie humorvoll und verspielt sie, die sonst so toughe Anwältin, ihm gegenüber sein konnte. "Ach? Wieso das?"
"Weil ich jünger bin und nicht so viel Geduld habe wie ihr alten Leute," neckte Mac und verschränkte wartend die Arme, "Also?"
Harm setzte sich auf und nahm ein kleines, in blaues Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen aus der Nachttischschublade. "Alles Gute zum Valentinstag, Marine." Er küsste sie gefühlvoll und übergab ihr das Geschenk.
Mac hielt sich nicht lange mit der Schleife oder dem Tesafilm auf. Kurzerhand zerriss sie das Papier und legte die darunter liegende Schmuckschatulle frei. Fragend blickte sie Harm an.
"Mach auf," ermunterte Harm
Mac öffnete die Schatulle und trat näher an die Nachttischlampe heran, um das Paar im Licht funkelnder Goldohrringe zu bewundern. "Harm... das ist... diese Steine... das ist wunderschön – und viel zuviel," stammelte sie überrascht.
"Nichts ist zuviel, wenn es um dich geht," widersprach Harm. Aufrichtig sah er in die braunen Augen seiner Partnerin.
"Aber..."
Harm legte seine Hand über ihre Lippen. "Kein Aber, akzeptiere es einfach, okay?"
Mac nickte und küsste seine Handfläche. "Okay. Du bist dran." Sie schob ihm sein Geschenk hin.
Sorgfältig löste Harm die Schleife und fuhr mit dem Fingernagel unter den ersten Streifen Tesafilm, um ihn feinsäuberlich vom Papier zu trennen, ohne dieses dabei zu zerreißen.
"Das Papier ist nicht das Geschenk, das kannst du ruhig zerreißen," erklärte ihm Mac ungeduldig.
Harm hob grinsend den Blick. "Du kannst kein eingepacktes Geschenk sehen, nicht mal, wenn du schon weißt, was drin ist, nicht wahr?"
"Red’ nicht soviel, pack aus, Fliegerheld!" Mac stupste ihn auffordernd mit dem Ellenbogen an.
Endlich löste Harm das Geschenkpapier und zum Vorschein kam... eine zweite Schmuckschatulle. "Auch Ohrringe?" Grinsend hielt Harm das Kästchen in die Höhe.
Mac schnaubte. "Nein, ein Zungenpiercing!"
"Autssss!" lispelte Harm, bevor er wieder ernst wurde und das Schmuckkästchen öffnete. Staunend blickte er auf die onyxfarbene Keramik-Armbanduhr mit solarbetriebenem Uhrwerk hinab. Er wusste genau, wie teuer sie gewesen sein musste. "Mac, das hättest du aber..."
"Kein Aber, akzeptiere es einfach, okay?" wiederholte Mac grinsend seine Worte. Sie streifte ihm die Uhr übers Handgelenk, ließ den Verschluss zuschnappen und prüfte den Sitz, indem sie Harms Handgelenk bewegte. "Genug Handfreiheit," urteilte sie zufrieden.
Harm bestätigte dieses Urteil durch einen engumschlungenen Danke-Schön-Kuss.
"Okay, jetzt aber los, bevor wir zu spät ins Büro kommen!" Mac rollte sich aus dem Bett, zwickte spielerisch das boxershorts-bekleidete Hinterteil ihres Bettgefährten und flüchtete ins Badezimmer.
Eine knappe Stunde später ließen sie das Haus samt ihrer noch schlafenden Großeltern zurück und gingen über den geplättelten Weg zur Garage.
Eine schwarze Nachbarskatze huschte vor ihnen über den Hof.
<Oh, oh! Schwarze Katze von links nach rechts... vielleicht sollte ich es lieber verschieben?> Besorgt rieb Harm sich das Kinn. Er warf einen Blick auf die gutgelaunte Mac, die nichts von seinen selbstzweiflerischen Gedanken ahnte. <Ach, komm schon, Rabb! Du bist doch sonst nicht so abergläubisch! Demnächst leihst du dir noch Buds UFO-Entführungs-Buch aus! Eine schwarze Katze, die dir von links nach rechts über den Weg läuft, bedeutet nur eines: Dass das Tier irgendwo hin unterwegs ist!>
Er klopfte noch mal suchend seine Tasche ab, um sich zu vergewissern, dass alles da war, was er brauchte.
"Suchst du was?" Mac stand wartend am Garagentor und sah ihn prüfend an.
"Nur meine Autoschlüssel." Harm fischte sie aus seiner Tasche, schloss Mac die Beifahrertüre seines Jeeps auf und ließ sie einsteigen, bevor er galant die Türe hinter ihr schloss, selbst einstieg und den Motor startete.
"Harm!" Zwei Minuten später zupfte Mac an seinem Ärmel. "Du bist falsch abgebogen!"
Harm hielt den Blick weiter auf die Straße gerichtet. "Ach ja?"
"Ja! Das ist nicht der Weg zum Hauptquartier!"
"Tatsächlich nicht?" Harm gelang es jetzt nicht mehr, die Belustigung aus seiner Stimme fern zu halten.
Mac versuchte, an den Wegweisern zu erkennen, wohin sie unterwegs waren. "Harm, jetzt ist wirklich nicht die richtige Zeit für ein Kidnapping, wir müssen ins Büro."
"Und da werden wir auch angelangen," beruhigte Harm, "– nur eben etwas später. Bud und Harriet haben versprochen, zwei Stunden für uns die Stellung zu halten."
Verwundert starrte Mac ihn an. "Du hast das geplant?"
"Wenn man eines als Anwalt lernt, dann, dass eine Entführung ohne einen guten Plan keine Chance hat," meinte Harm grinsend, während er den Jeep weiter durch den morgendlichen Verkehr lenkte.
1244 Z-Zeit (07:44 Uhr EST)
Pennsylvania Avenue
Washington D.C.
"Darf ich jetzt endlich?" drängelte Mac und versuchte, zwischen den kräftigen Fingern, die ihre Augen bedeckten, hindurchzuschielen.
"Nein, noch nicht... gleich..." Harm führte sie noch einige Schritte weiter. "Okay, jetzt." Er blieb stehen und nahm seine Hände weg.
Mac blinzelte überrascht, als sie sah, wo sie sich befanden. "Das Weiße Haus? Du bringst mich zum Weißen Haus? Am Valentinstag?"
Harm nahm ihre Hand und sie gingen weiter. "Um genau zu sein, bringe ich dich zum Rosengarten. Ich fand es nur passend, dass wir mal wieder hierher zurückkommen. Erinnerst du dich noch, vor..." Er machte eine erwartungsvolle Pause.
"... vier Jahren, einem Monat, zehn Tagen, fünf Stunden und 32 Minuten," warf Mac erwartungsgemäß wie aus der Pistole geschossen ein.
Harm nickte. "... stand hier in diesem Rosengarten ein eben vom Präsidenten geehrter, junger, attraktiver..."
"... und mit offenem Mund und Glotzaugen ziemlich dumm wirkender Ex-Pilot," ergänzte Mac grinsend.
Harm knuffte sie liebevoll in die Seite. "Oh, komm schon! Als hättest du sehr viel intelligenter ausgesehen mit deiner nach der leeren Luft ausgestreckten Hand," witzelte er.
"Erinnere ich dich immer noch an *sie*?" fragte Mac plötzlich leise.
Harm blieb stehen und zog sie an der Hand dichter zu sich heran. "Mac, du bist ein ganz eigener Mensch mit einer ganz eigenen Persönlichkeit. Ich habe mir nie eingebildet, du wärst Diane – und das ist gut so, denn ich liebe dich viel mehr, als ich Diane je hätte lieben können." Er nahm ihr Gesicht in die Hände und sah ihr eindringlich in die Augen. "Okay?"
"Okay." Mac lächelte wieder und ihre Augen leuchteten.
Hand in Hand schlenderten sie durch den Rosengarten, bis zu einer Bank, auf der sie sich niederließen und die Strahlen der eben aufgegangenen Frühlings-Sonne genossen.
Glücklich und zufrieden lehnte sich Mac in Harms um sie geschlungenen Arm zurück und atmete tief die frische Morgenluft ein. "Schau mal," sie deutete zum blauen Himmel hinauf, "da schreibt jemand was in den Himmel."
Harm schirmte die Augen mit der Hand ab und sah hinauf zum Himmel, wo ein Flugzeug ein weißes Kondensstreifen-H hinterlassen hatte. "Hm, ja, vermutlich wieder eine dieser Restaurantwerbungen," meinte er nicht sonderlich interessiert.
Mac nickte und sah zu, wie ein ‚E’ und dann ein ‚I’ sich zum ‚H’ gesellten. "H-E-I-R-A-T-E-M-I-C-H," buchstabierte sie nach einer Weile. Sie stupste Harm an. "Hey, nein, schau, ich glaube, da erhält gerade jemand einen Heiratsantrag," meinte sie begeistert und mit verträumten Augen, "ist das nicht romantisch?!"
Harm nickte nachlässig. "Wenn du meinst."
Mac schüttelte den Kopf über ihren unromantischen Partner, bevor sie sich wieder auf die Botschaft am Himmel konzentrierte. Inzwischen waren weitere Buchstaben hinzugefügt worden. H-E-I-R-A-T-E-M-I-C-H-M-A-C! Ihr Mund wurde plötzlich trocken und ihre Gedanken überschlugen sich. <Heirate mich, Mac? Damit kann doch nicht ich gemeint sein, oder?>
Ein Blick auf ihren Flyboy-Freund beantwortete die Frage.
Harm ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und reichte ihr eine einzelne rote Rose. Aus seiner Tasche förderte er ein kleines Kästchen mit einem Ring zutage, den er Mac mit einem Piloten-untypisch schüchternen Lächeln präsentierte. "Mac, ich... ich weiß, dass wir gesagt haben, dass wir beide nichts auf Traditionen wie Ringe und so weiter geben, aber... ich möchte, dass du... und die ganze Welt... weiß, dass du ohne Zweifel das Beste in meinem Leben bist und dass ich dich für immer darin haben möchte." Er räusperte sich nervös und sah hinauf in die großen, braunen Augen. "Mac, willst du mich heiraten?"
Mac sprang ihm samt Rose und Ring in die Arme, so dass sie als menschliches Knäuel mit vier Beinen und Armen zu Boden gingen. Statt einer Antwort küsste sie ihn leidenschaftlich.
"Heißt das jetzt ja?" erkundigte sich Harm, zu dem Marine auf seiner Brust aufsehend.
"Ja zu was?" Neckisch lächelte Mac ihn an.
Harm hielt ihr den Ring vor die Nase. "Du kennst die Frage."
Mac sah unentwegt in die nahen, graublauen Augen. "Und du kennst die Antwort." Sie küsste ihn, bis ihnen beiden die Luft ausging. "Ja, ja, ja."
Harm stemmte sich auf den Ellenbogen in die Höhe. "Eigentlich hatte ich ja eine Rede geübt... Sonny und Cher fanden sie auch wirklich gut... und das Ganze war etwas eleganter geplant als das hier," er deutete auf die Erde, die beide Uniformen bedeckte und die arg mitgenommene Rose, "aber..."
"... es war perfekt, Harm," unterbrach ihn Mac bestimmt, "und außerdem ein echter Flyboy-Antrag. Das mit einem Flugzeug an den Himmel zu schreiben..." Mit liebevoller Anerkennung streichelte sie Harms Wange.
Sie rappelten sich beide auf, so dass sie Knie an Knie auf dem Boden saßen. Harm nahm den Ring aus seiner Schatulle, um ihn Mac zu zeigen.
Behutsam ließ Mac den Finger über den hellblauen Stein gleiten und hielt dann inne, als sie die Gravur in der Innenseite des Ringes entdeckte. Das einzelne Wort raubte ihr für einen Moment den Atem, als sie seine vielschichtige Botschaft verstand. ‚Ewigkeit’ stand dort in geschwungenen Zügen geschrieben.
Vorsichtig schob Harm den Ring auf ihren Finger. Mac spürte sofort, wie perfekt er passte. <Genauso perfekt, wie Harm zu mir passt.> Sie schloss die Finger zur Faust und hielt sie ein wenig in die Höhe, so dass das Sonnenlicht auf den Ring fiel und ihn funkeln ließ. Sie begutachtete den Ring eine Weile und begann dann plötzlich an der Kette, die sie um den Hals trug, zu nesteln. "Ich wollte dir den eigentlich zum Valentinstag schenken, aber nach unserem Gespräch über Ringe und Traditionen hab ich ein wenig den Mut verloren, wenn du verstehst, was ich meine..."
"Puh, und ob ich das verstehe!" Harm wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn, "Als du mir gesagt hast, dass du nie einen Ring tragen willst, der irgendetwas bedeutet, bin ich vor Schreck und Enttäuschung fast von der Couch gefallen. Eigentlich wollte ich den Ring daraufhin ja erst mal versteckt aufbewahren, aber als ich gestern unterwegs war, um die Duftkerzen und das Massageöl zu kaufen, da hab ich einen Regenbogen gesehen und plötzlich dachte ich: Was zum Teufel tun wir da eigentlich? Jetzt hab ich es schon fertiggebracht, dass die großartigste Frau der Welt, die noch dazu meine Partnerin, meine Freundin, meine Mitbewohnerin und die Liebe meines Lebens ist, sich in mich verliebt und trotzdem muss ich mein Dasein als Junggeselle fristen? Da hab ich beschlossen, das Risiko einzugehen und dich einfach trotzdem zu fragen," erzählte Harm mit leuchtenden Augen, froh darüber, diese Entscheidung getroffen zu haben.
"Da bist du mir um etwa neun Stunden und fünfzig Minuten zuvorgekommen," gestand Mac. "Ich habe vorhin, als wir das Haus verlassen haben, eine schwarze Katze mit einem Regenbogen-Halsband gesehen und ich musste daran denken, wie ich Granny kennen gelernt habe... du weißt schon, ihr Spruch vom Ehemann und den vier Kindern... und ich habe darüber nachgedacht, dass ich weder das eine, noch das andere habe. Deshalb hab ich beschlossen, mich heute Abend mit einer Massage zu revanchieren und dann, wenn du ganz entspannt gewesen wärst, hätte ich dir das hier präsentiert..." Mac löste etwas von ihrer Kette und gab es Harm.
<Hey, wer hätte das gedacht! Die schwarze Katze hat mir tatsächlich Glück gebracht!> Harm starrte auf den Ring in seiner Hand hinab. Die eine Seite des Ringes war den Goldflügeln eines Navy-Piloten nachempfunden und auf der Innenseite... Erfreut und überrascht zugleich hob er den Blick zu Mac. "Wow! Sieht so aus, als hätten wir da denselben Gedanken gehabt, hm?" Die beiden Worte in dem Ring, Semper Fidelis, standen für dasselbe Konzept, das in dem zweiten Ring – und auf einer Brücke in Australien – geschrieben war: Ewigkeit.
Ein lautes Rascheln in der Rosenhecke neben ihnen unterbrach ihre traute Zweisamkeit. "Autsch! Aua!" schimpfte eine ihnen nur allzu vertraute Stimme unterdrückt.
Harm erhob sich und teilte vorsichtig die Hecke. "Sieh einer an! Mister und Mrs. William MacKenzie! Da ist doch was im Busch, hmmmm?"
"Ja, Dornen!" jammerte Granny.
"Und außerdem wollten wir natürlich nicht das große Ereignis verpassen!" erklärte Will, während er Rosenblätter aus dem Haar seiner Frau zupfte.
"Das große Ereignis?" wiederholte Harm, "Steht irgendeine Sonnenfinsternis bevor, von der ich nichts mitbekommen habe?"
"Eher das Gegenteil – jemandem ist plötzlich ein Licht aufgegangen!" Granny kicherte.
Harm und Mac wechselten einen misstrauischen Blick. Es war offensichtlich, dass ihre Großeltern über den eben erst geschehenen Antrag Bescheid wussten. "Woher wisst ihr davon?" verlangte Harm streng zu wissen. Er wusste genau, dass er keiner Menschenseele etwas davon erzählt hatte.
"Halb Washington weiß davon, mein lieber Schwiegerenkel!" erklärte Will und deutete grinsend nach oben, zum Himmel.
"Nur die, die hier in der Nähe waren. Also?"
Mit einer Unschuldsgeste wischte sich Granny ein wenig Blumenerde von den Fingern. "Oach, sagen wir, ein kleines Vöglein hat es uns ins Ohr gezwitschert."
"Man könnte auch sagen, ein Eichhörnchen hat es uns ins Ohr ge... was immer Eichhörnchen auch tun," fügte Will hinzu.
"Eichhörnchen?" wiederholte Mac ungläubig, "was haben Eichhörnchen mit... unseren Zukunftsplänen zu tun?"
Harm schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als er plötzlich verstand. "Ich hab den Antrag draußen im Garten geübt und Cher war so gütig, als Braut-in-spe zu fungieren... die beiden notorischen Lauscher hier müssen das gehört haben!"
"Zu eurem Glück!" schnaubte Granny, "Ich stand kurz davor, die Geduld mit euch zu verlieren und das alte Schrotgewehr deines Großvaters zu suchen, um eine kleine Shotgun-Wedding abzuhalten!" Sie wandte sich Mac zu. "Ich hoffe, mein Enkel hatte wenigstens Verstand genug, dir einen tollen Ring zu geben?"
Mit einem Lächeln streckte Mac die Hand aus. "Es ist der schönste Ring, den ich mir nur erhoffen konnte."
Granny untersuchte den Ring mit kritischem Großmutter-Auge. "Du hast recht, er ist wunderschön. Harmon, du hast wirklich einen ausgezeichneten Geschmack," sie warf einen liebevollen Blick auf Mac, "und das nicht nur, was Ringe betrifft."
Harm umarmte Granny, während Mac die Glückwünsche ihres Großvaters entgegennahm. "Na, bist du jetzt zufrieden, Aphrodite?" neckte er sie sanft.
"Fürs erste ja," Granny kniff ihn spielerisch in die Wange, so wie sie das schon getan hatte, als er fünf Jahre alt gewesen war, "aber an den vier Urenkeln arbeiten wir noch – oder besser: Ihr solltet daran arbeiten."
Harm stöhnte. Es war typisch für seine Großmutter, sich gleich das nächste ‚Projekt’ zu suchen. "Granny!"
"Ur-Granny," verbesserte die alte Dame unbeirrbar.
"Granny, bitte, ja? Wir haben gerade erst beschlossen zu heiraten. Alles dauert seine Zeit!"
Granny grinste triumphierend. "Mm-hm, neun Monate!"
"280 Tage," warf Will, das zweite wandelnde Uhrwerk der Familie, ein, "und die Zeit läuft..."
~ ENDE ~
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Wie geht’s weiter in der Granny-Reihe?
"Cowboys & Camping" war nicht der letzte Teil der Serie. Ein 7. Teil der Granny-Reihe ist in allernächster Zukunft geplant. Granny Nr. 7 wird schon vor seiner Fertigstellung in Fortsetzungen auf der oben genannten Mailing Liste zu lesen sein und alle sind herzlich eingeladen, mal reinzuschnuppern.
http://groups.yahoo.com/group/thegrannyseries