Die "Granny"-Serie III

Gäste & Geburtstagswünsche


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: Oktober 2000

Inhalt:
Sequel zu "Rentner & Regenbogen" und "Hochwasser & Hausgenossen"

Episoden:
Ganz minimale Bezüge, z.B. zu "Das Skelett im Schiffsrumpf", "Herr der Drogen", "Amerika wird erpreßt".

Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

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0340 Z-Zeit (22:40 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.

Commander Harmon Rabb junior schloß die Türe seines Apartments auf, trat ein und ließ die Türe hinter sich zufallen. Er warf den Schlüsselbund zielsicher auf den Tresen im Küchenbereich und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes, während er die Treppen zum Schlafzimmer hinaufging. Der Schwung in seinen Schritten und sein gutgelauntes Lächeln täuschten darüber hinweg, daß er hundemüde war. In der gestrigen Nacht, die erste, die er wieder in seinen eigenen vier Wänden verbracht hatte, hatte er nicht gerade viel Schlaf gefunden und außerdem hatte er einen anstrengenden Arbeitstag bei JAG hinter sich.

Aber daran verschwendete Harm jetzt keinen Gedanken, dazu war der Abend viel zu angenehm gewesen. Er war essen gewesen, mit Mac, in einem der besten – und romantischsten - Restaurants der Stadt. Das hätten jedenfalls Bud und Harriet Roberts behauptet, während Sarah MacKenzie, seine Arbeits- und heute Tischpartnerin, es ein Geschäftsessen nannte. Harm war es eigentlich gleichgültig, wie man es nun bezeichnete, auf jeden Fall war es ein schöner Abend gewesen.

Mac und er hatten sich gegenseitig über ihre Menüwahl aufgezogen, sie hatten eine Weile über die Arbeit gesprochen, dann über Chloe, Macs "kleine Schwester" und über Trish und Granny. Die Unterhaltung war leicht und humorvoll gewesen, beide hatten sich gut amüsiert. Erst nach dem Essen war das Thema dann auf Macs gescheiterte Beziehung zu Mic Brumby gekommen. Harm hoffte, daß er angemessen reagiert hatte. Er vermied es, irgendeine Schadenfreude aufgrund der Abfuhr, die sein Rivale Mic erhalten hatte, an den Tag zu legen oder Mac mit einem "Das hab ich Ihnen ja gleich gesagt" zu kommen. Eigentlich hatte er gar nicht viel gesagt, denn das Thema war ihm etwas unbehaglich. Irgendwie wurde er das Gefühl nie so ganz los, daß die Beziehung zwischen Mac und Brumby besser hätte laufen können, wäre er, Harm Rabb, nicht gewesen. "Ach was ist das denn für ein Unsinn, Rabb!" ermahnte er sich selbst, "Mac würde dir eine gehörige Predigt über Flieger-Egos halten, wenn sie das hören würde!"

Harms Gedanken kehrten zum Abendessen im LaTour zurück. Natürlich hatte er die Oliven aus Macs Salat gepickt – praktisch nur, um ihr die Freude zu machen, daß sie mal wieder Recht behalten hatte. Sie hatten sich den ganzen Abend lang die Geigenspieler angehört, die neben ihrem Tisch romantische Lieder spielten und Mac hatte ihm die Anzahl der Minuten und Sekunden angegeben, die verstrichen waren, seit der letzte Rosenverkäufer Harm Rosen für Mac zum Kauf angeboten hatte. Harm hätte seine goldenen Pilotenabzeichen darauf verwettet, daß Granny für diese "romantische Umgebung" gesorgt hatte.

Schließlich hatten sie ein Dessert bestellt – besser gesagt, Mac hatte eines bestellt, während Harm stöhnend erklärte, er würde beim besten Willen keinen einzigen Bissen mehr essen können. Dann hatte er natürlich noch einen Witz über die Marines und die Mengen, die sie so zu sich nahmen, gemacht und dann ...

Harm kickte einen Schuh in die Ecke. Dann hatte er die Rechnung verlangt, die aber schon von Granny beglichen worden war, und sie waren gegangen. Er hatte Mac nach Hause gefahren, und sie hatten sich eine gute Nacht gewünscht. Er hatte Mac nicht gesagt, daß Granny ihm aufgetragen hatte, sie zu küssen, noch weniger hatte er ihr es einfach demonstriert. "Natürlich nicht!"

Harm stellte den Schuh wieder ordentlich auf und hängte den Anzug in den Schrank. Er löschte das Licht im Wohnzimmer und ging zum Bett. Eine weitere kalte und einsame Nacht stand ihm bevor. Ob Mac wohl schon schlief oder ob sie noch eine Runde mit Jingo um den Block ging?

Das Telefon klingelte. Schlagartig wieder hellwach tastete sich Harm im Dunkeln bis zum Lichtschalter und ging eilig ins Wohnzimmer, um den Hörer abzunehmen. Er konnte sich schon denken, wer das war. "Wer sonst würde mich zu dieser Stunde anrufen als mein schlafloser Marine?"

"Hey, Mac, na liegt Ihnen das Dessert zu schwer im Magen?" fragte er mit einem breiten Grinsen.

<Also, hör mal, Harm, jetzt bin ich aber wirklich enttäuscht von dir.> sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

"Oh, Granny, ich dachte, es wäre Mac." erklärte Harm nach einer Sekunde der Überraschung. "Eigentlich hätte ich mir denken können, daß Granny noch einen Kontrollanruf macht." "Rufst du aus einem bestimmten Grund an?" erkundigte er sich, "Und was soll das eigentlich heißen ... du bist enttäuscht von mir?"

<Na, darüber, daß du gedacht hast, es ist Sarah.> meinte Granny.

"Ach ja?" Eigentlich hätte Harm eher gedacht, seine Großmutter würde sich diebisch darüber freuen, daß er den späten Anrufer für Mac gehalten hatte.

<Mhm. Wenn du erwartest, daß Sarah dich anruft, dann bedeutet das, daß sie bereits zuhause ist und nicht bei dir übernachtet,> erklärte Sarah Rabb mit einem fast hörbaren Schmunzeln, <Du enttäuscht mich wirklich, mein lieber Enkel. Hast du meinen ‘Gruß‘ nicht ausgerichtet oder sollte die Wirkung der weißen Uniform und der Goldwings tatsächlich nachlassen?>

"Ich war in Zivil, Granny." stellte Harm klar, bezog sich dabei nur auf den zweiten Teil ihrer Frage und ignorierte den ersten tunlichst.

<Heißt das, du hast sie geküßt?> erkundigte sich die alte Dame erwartungsvoll.

Harm schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, obwohl seine Großmutter es nicht sehen konnte. "Sarah Elizabeth Rabb! Hat dir schon mal jemand gesagt, wie zu starke Neugierde enden kann?" fragte er streng.

<Mich würde eher interessieren, wie dieser Abend geendet hat.> entgegnete Granny unbeirrt.

"Mit einer ziemlich heißen Fahrt im Aufzug und wildem, hemmungslosem Sex bei mir zuhause," antworte Harm grinsend. Das brachte sogar seine Großmutter für einen Moment zum Schweigen, "Granny? Bist du noch dran?" fragte Harm amüsiert.

<Natürlich. Mir ist nur gerade klar geworden, warum Sarah es scheinbar so eilig hatte, nach Hause zu kommen.> behielt Granny wieder einmal das letzte Wort.

"Hey, das war ein unerlaubter Tiefschlag!" beschwerte sich Harm, "Bevor ich es vergesse ... ich danke dir für das Abendessen. Und für die Geigenspieler, natürlich, und die 9 Rosenverkäufer." versuchte er es mit einem etwas unverfänglicheren Thema.

<Was, nur 9? Ist der zehnte nicht aufgetaucht oder hattet ihr es wirklich so eilig, nach Hause zu kommen?> erkundigte sich Sarah Rabb schmunzelnd.

"Granny, es ist fast 23 Uhr," begann Harm und dachte mit einem Lächeln daran, daß Mac ihm die genaue Uhrzeit hätte nennen können, "rufst du aus einem bestimmten Grund an oder willst du nur ..."

<... dein und Macs Liebesleben im Auge behalten?> beendete Granny den Satz für ihn, <Ja, das will ich auch, aber vor allem wollte ich dich daran erinnern, daß du nächste Woche für ein paar Tage nach Belleville kommst.>

"Natürlich, ich werde doch deinen Geburtstag nicht vergessen, Granny! Ich werde am Freitag abend losfliegen und wenn ich Glück habe, gibt mir der Admiral bis Dienstag oder Mittwoch Urlaub. Schließlich geht es auf Weihnachten zu und da ist selbst der Admiral gut gelaunt." Harm würde es sich auf keinen Fall nehmen lassen, beim 85. Geburtstag seiner geliebten Großmutter dabei zu sein.

<Wie geht’s Sarah?> wollte Granny wissen, diesmal ohne ihre bereits gewohnten neckischen Anspielungen.

Harm wußte, daß Sarah Rabb ihre jüngere Namensgefährtin wirklich sehr ins Herz geschlossen hatte. "Nicht, daß mich das überraschen würde." sagte sich Harm lächelnd. Es gab nicht gerade viele Menschen, die Mac nicht mochten – außer seinen Ex-Freundinnen vielleicht. "Ich denke, es geht ihr ganz gut, aber natürlich ist Weihnachten für sie keine so freudige Zeit wie für viele andere. Ich bezweifle, daß sie viele schöne Erinnerungen aus ihrer Kindheit damit verbindet." erklärte er ernst. Harm konnte Mac da nur zu gut verstehen. Auch er brachte der Weihnachtszeit sehr gemischte Gefühle entgegen, seit er im Alter von 6 Jahren ausgerechnet am Weihnachtsabend die Nachricht vom MIA-Status seines Vaters erhalten hatte. Seit damals hatte Weihnachten seine Unschuld und Beschaulichkeit irgendwie verloren.

Granny schwieg für einen Moment. Trotz ihrer ständigen neckischen Anspielungen in Bezug auf Mac und Harm und ihres oft fast jugendlichen Übermutes war Sarah Rabb eine einfühlsame Frau. Sie spürte, woran Harm jetzt dachte. Sie wußte, wie sehr der Verlust seines Vaters und die jahrelange Suche nach ihm Harm geprägt hatten – und nicht nur Harm, es hatte starke Auswirkungen auf die ganze Familie gehabt. Aber wenigstens waren ihnen Erinnerungen an all die schönen Momente mit Harmon senior geblieben, während Mac nicht ohne eine gewisse Bitterkeit an ihre Kindheit denken konnte.

<Harm, ich wünsche mir etwas ganz Bestimmtes zum Geburtstag.> sagte Granny nach einer Weile.

Harm hob ein wenig erstaunt die Brauen. Normalerweise versicherte seine Großmutter immer, daß sie nichts brauche und er kein Geld für Geschenke ausgeben sollte. Er fragte sich, was dieses Jahr anders war. "Solange es in meine Stearman paßt, kein Problem. Was ist es?" erkundigte sich Harm.

Granny schmunzelte. <Nicht WAS, sondern WER," verbesserte sie, "ich möchte, daß du Sarah zu meiner Geburtstagsfeier mitbringst."

Harm runzelte die Stirn. "Granny, ich weiß wirklich nicht, ob das eine so gute Idee ist ..." Nicht, daß er es nicht genossen hätte, etwas Zeit außerhalb der Arbeit mit Mac zu verbringen. Um ehrlich zu sein vermißte er seit seinem "Auszug" aus Macs Wohnung ihre ständige Anwesenheit. Aber Mac zu einer Familienfeier mitzunehmen ... es wäre für sie beide eine seltsame Situation gewesen.

<Was soll an der Idee denn nicht gut sein?> verlangte Granny zu wissen.

"Mac kennt kaum jemanden auf dieser Feier." begann Harm.

<Unsinn! Sie kennt mich, sie kennt Frank und Trish und sie kennt dich. Was braucht sie mehr?> Granny lächelte. <Alle anderen kannst du ihr ja dann vorstellen.> Früher oder später würde es ohnehin nötig sein, dachte sich Granny.

"Ja, schon, aber ich glaube, Mac wird sich merkwürdig dabei vorkommen." wandte ihr Enkel ein. Er wollte nicht, daß Mac, die niemals ein solches Familienleben kennengelernt hatte, sich unbehaglich fühlte.

<Sprichst du von Sarah oder geht es hier um dich?> fragte Granny ernst, <Hast du Angst, Sarah könnte etwas über dich herausfinden, was dir unangenehm wäre?>

"Ach was!" wehrte Harm sofort ab, "Mac hat mich schon wütend, traurig und gutgelaunt erlebt; sie hat mich schlafend, bewußtlos, verletzt und mit Tränen in den Augen gesehen. Sie war in Rußland dabei und hat mir bei meiner besessenen Suche nach Dad beigestanden. Sie hat meine ruhmlose Rückkehr von der Fliegerei erlebt und wie Annie, Jordan und Renee mit mir Schluß gemacht haben. Sie wurde Zeuge, wie mir brühendheißer Kaffee über die Hose gekippt wurde und wie ich eine MP im Gerichtssaal abgefeuert habe – von der darauffolgenden Abkanzelung durch deinen Zögling Phil gar nicht zu reden! Glaubst du wirklich, sie könnte noch etwas über mich herausfinden, was mir unangenehm wäre?" Harm lachte.

<Ach, ich bin sicher, ich werde da schon noch etwas finden,> meinte Granny und lachte noch eine Spur lauter als ihr Enkel, der daraufhin verstummte, <Also, bringst du Sarah nun mit oder willst du deiner alten Großmutter ihren Geburtstagswunsch verweigern?>

"Vorsicht, Granny, das ist Erpressung, ich könnte dich verklagen!" warnte Harm, der Anwalt, lächelnd, "Außerdem ist es nicht meine Entscheidung, sondern Macs. Ich würde sie gerne mitnehmen, wenn sie will, aber wie ich diesen Marine kenne, wird sie sich ziemlich sträuben." Irgendwie bezweifelte Harm, daß Mac besonders scharf darauf war, ein Familienfest mit der harmonischen Rabb-Großfamilie zu feiern, auch wenn er sie – wie er feststellte – gerne dabeigehabt hätte.

<Dann fesselst und knebelst du sie einfach, verfrachtest sie in deine Stearman und bringst sie her.> schlug Granny amüsiert vor.

"Toller Tip, Granny, aber leider werde ich dann an deinem 86. Geburtstag nicht teilnehmen können, weil ich wegen Freiheitsberaubung im Gefängnis sitze." klärte Harm sie auf.

Doch dieses juristische Detail beeindruckte Granny nicht besonders. <Ach, manche Frauen lassen sich von bestimmten Männern sicher ganz gerne fesseln.> meinte sie schelmisch.

Harm hob skeptisch die Brauen und wollte die Arme verschränken, was er wegen des Telefonhörers aber schließlich doch bleiben ließ. "Okay, Granny, ich versuch’s." gab er nach.

<Was, Mac zu fesseln?> fragte Granny belustigt.

"Granny!" mahnte Harm, "Wenn du die ganze Zeit über solche Bemerkungen machst, dann werde ich Mac ganz sicher nicht mitbringen."

<Ich verspreche ... nein, ich erkläre an Eides statt, es nicht zu tun.> versicherte Granny und fügte lediglich in Gedanken hinzu: "Nicht die ganze Zeit."

"Okay, dann werde ich Mac also fragen. Gute Nacht, Granny."

<Gute Nacht, Harm. Und gib dein Bestes mit Sarah.> befahl die alte Dame.

Harm erwiderte nichts, denn er wußte, daß seine Großmutter es ihm wieder auf andere Weise auslegen würde, als er es gemeint hatte.

Grinsend legte Sarah Rabb den Hörer auf.


1531 Z-Zeit (10:31 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm legte den Kugelschreiber weg und erhob sich aus seinem Schreibtischsessel, um sich die zweite Tasse Kaffee an diesem Morgen zu holen. Er und Mac steckten gerade mitten in einer Militärgerichtsverhandlung, in der sie die Anklage vertraten, aber er war zuversichtlich, daß sie die ganze Sache bis Mitte nächster Woche abwickeln konnten, so daß er am Freitag pünktlich aufbrechen und nach dem Wochenende noch zwei Tage Urlaub nehmen konnte.

Auf dem Rückweg hielt er vor Macs Büro an. Die Türe war offen und so sah er eine Weile zu, wie Mac dasaß, den Kopf über eine Akte gebeugt und sich eifrig Notizen machend, während sie mehrmals mit ihren Zähnen an der Unterlippe zupfte. Harm mußte lächeln.

Mac hob plötzlich den Kopf, so als hätte sie seinen Blick gespürt, und sah Harm im Türrahmen lehnen. "Was ist?" fragte sie ein wenig irritiert.

Harm hielt es nicht für angebracht, ihr die Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gegangen waren, mitzuteilen und so stellte er nur eine der beiden Tassen, die er in Händen hielt, auf ihrem Schreibtisch ab. "Ich dachte nur, Sie könnten eine kurze Pause gebrauchen," erklärte er, "Wie läuft’s denn so?"

Mac nahm dankbar den Kaffee entgegen und drehte ihren Notizblock um, so daß er lesen konnte, was sie geschrieben hatte. Wenn sie sich eilig Notizen machte, war ihre Handschrift manchmal genauso ... ähm ... kreativ wie das Ordnungssystem auf ihrem Schreibtisch, aber dank jahrelanger Übung konnte Harm ihre Hieroglyphen und phantasievollen Abkürzungen problemlos entziffern.

"Ich wette, ich bin mit der Eröffnungsrede schneller fertig als Sie mit dem Schlußplädoyer." meinte Mac, während Harm noch las.

Harm verzog das Gesicht zu einem halben Grinsen. "Danke, von Wetten habe ich vorerst genug, mittlerweile ist es zu kalt draußen, um in so knappen T-Shirts zu joggen." meinte er heiter.

Mac sah ihn herausfordernd an. "Oh, ich würde Ihnen dann schon einheizen, keine Angst, Sie würden mit Sicherheit nicht zum Frieren kommen." versicherte sie mit einem typischen Marines-Lächeln.

"Wenn Sie soviel überschüssige Energie haben, können Sie die Arbeit am Schlußplädoyer gerne auch noch übernehmen." bot Harm mit scheinbarer Großzügigkeit an.

"Das hätten Sie wohl gerne, Fliegerheld!" Mac schüttelte den Kopf.

"Ja, allerdings." bestätigte Harm grinsend.

Mac nahm vorsichtig einen Schluck Kaffee, stellte fest, daß er genau so war, wie sie ihn mochte, und sah Harm über den Rand ihrer Tasse hinweg streng an. "Sind Sie wegen etwas bestimmtem hier oder wollen Sie nur eine strebsame Anwältin von der Arbeit abhalten?" erkundigte sie sich, als sie die Tasse wieder abstellte.

"Ich bin gekommen, um Sie einzuladen, Mac." erklärte Harm mit neutralem Gesichtsausdruck. Nur der Ausdruck seiner Augen zeigte, daß er gespannt war.

Mac lehnte sich in ihrem Sessel zurück und sah ihn kritisch an. "Einladen? Zu was? Wir waren doch erst gestern essen." meinte sie verwundert. Manchmal konnte sie in Harms Gestik, Körpersprache und in seinem Gesicht lesen als wäre es ein Buch, aber dann wieder schien ihr sein Verhalten trotz all der Jahre ihrer Zusammenarbeit nur verwirrend.

Harm lächelte sein leicht arrogantes Flieger-Lächeln, als wisse er genau, was sie dachte. "Genauer gesagt lade nicht ich Sie ein, sondern Granny." erläuterte er.

"Granny lädt mich ein? Zu was, einem Charterflug nach Hawaii?" Mac lachte, aber ihr Blick blieb fragend auf Harm gerichtet.

"Beinahe," stimmte Harm zu, "zu einem Privatflug nach Pennsylvania. Granny feiert am nächsten Samstag ihren 85. Geburtstag und sie hätte uns beide gerne dabei."

"Uns beide? Wieso uns beide?" Ein wenig mißtrauisch sah Mac ihren Partner an. Sie kannte Grannys Vorliebe dafür, sie und ihren Enkel verkuppeln zu wollen.

"Keine Sorge, Mac, es ist nur eine HARMlose Einladung, alles ganz ohne Hintergedanken ... jedenfalls von meiner Seite aus, für Granny kann ich nicht garantieren," antwortete Harm mit einem breiten Grinsen, "Nein, mal im Ernst, Mac, Granny hätte Sie wirklich gerne dabei an ihrem großen Tag."

Mac rutschte etwas unbehaglich in ihrem Schreibtischsessel hin und her, als sie sich vorstellte, mit der ganzen Rabb-Sippschaft am Tisch zu sitzen; dieser harmonischen Familie, die etwas teilte, was sie nie gehabt hatte. Sie wußte, daß sie sich wie ein Eindringling fühlen würde und sie wollte nicht, daß Harm ständig das Gefühl hatte, sich um sie kümmern, sie unterhalten zu müssen. Er sollte einige ungestörte Tage im Kreis seiner Familie verbringen und sich nicht mit seiner familien-gestörten Partnerin herumärgern müssen. "Harm, ich weiß das Angebot Ihrer Großmutter wirklich sehr zu schätzen, aber wir können hier unmöglich beide gleichzeitig weg. Ich werde den Bericht über die Verhandlung fertigschreiben, so daß Sie ruhig noch ein paar Tage Urlaub dranhängen können."

"Ihr Arbeitseifer in allen Ehren, Mac, und nicht, daß Sie das jetzt falsch verstehen, aber ich denke, als ich noch Tomcats flog und Sie noch Doppelmorde in Ohio untersucht haben, mußte das JAG-Büro auch nicht gleich geschlossen werden. Ein paar Tage wird es schon ohne uns gehen, gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit." meinte Harm.

"Sagen Sie das mal dem Admiral." schnaubte Mac.

"Okay, mach ich." Harm machte auf dem Absatz kehrt.

"Harm! Warten Sie!" rief Mac ihm fast entsetzt nach, "So wörtlich hab ich das nicht gemeint!"

Harm sah zu ihr zurück und grinste. "Aber ich hab es so wörtlich verstanden." entgegnete er amüsiert.

Mac umrundete hastig ihren Schreibtisch und eilte ihm hinterher, um ihn aufzuhalten. An der Türe holte sie ihn ein.

"Sir, Ma’am, stehenbleiben!" rief Bud Roberts von der anderen Seite des Großraumbüros und seine Frau, Harriet, fügte hinzu: "Nicht bewegen!"

Harm und Mac erstarrten, sahen erst einander und dann die Roberts fragend an. "Etwas nicht in Ordnung? Ist irgendwo ein Terrorist im HQ oder haben Sie wieder Ihre Kontaktlinsen verloren, Bud?" fragte Harm verwundert.

Bud und Harriet standen nun vor ihnen. "Weder noch, Sir, aber Sie hätten fast eine Kleinigkeit übersehen." antwortete Harriet und hob den Zeigefinger, um auf etwas zu deuten.

Verwundert folgten Harm und Mac ihrem Blick. Über der Türe von Macs Büro hing ein kleiner grüner Zweig.

"Ein Mistelzweig, Colonel, Commander," erklärte Bud strahlend, "das bedeutet ..."

Harm sah ihn streng an. "Ich weiß, was das bedeutet!" unterbrach er den Lieutenant.

"Gut." meinte Harriet zufrieden und sah auffordernd zwischen Harm und Mac hin und her.

Harm fragte sich, wieso in letzter Zeit alle so davon besessen waren, daß er Mac küssen sollte. Nicht daß er grundsätzlich etwas dagegen gehabt hätte. Er sah zu seiner eigenen Türe hinüber; auch dort hing ein Mistelzweig, nicht jedoch am Büro von Imes und Mattoni. Er war sicher, daß dies kein Zufall war.

Mac und Harm rührten sich nicht, Mac stemmte nur anklagend die Hände in die Hüften und Harm setzte seinen strengen Blick auf, mit dem er leugnende Verdächtige zu bedenken pflegte.

Harriet und Bud gaben vor, nichts davon zu bemerken. "Es bringt Unglück, wenn man unter einem Mistelzweig steht und sich nicht küßt." erinnerte Harriet bedeutungsvoll.

Mac zuckte gleichgültig die Schultern. "Ich bin nicht abergläubisch." meinte sie leichthin.

Harm sah sie an. "Ach, das sagt dieselbe Frau, die anderen aus der Hand liest und Angst vor Geistern auf einem alten Schiff hat?" fragte er mit freundschaftlichem Spott.

"Ich hatte keine Angst, ich war höchstens ... kampfbereit." widersprach Mac energisch.

Harm nickte grinsend. "Ah, kampfbereit! Das erklärt wohl, wieso Sie mir Ihre Fingernägel in den Arm gebohrt haben." Er streifte seinen Uniformärmel hoch, als halte er nach den Spuren dieses "Angriffs" Ausschau.

Mac nutzte die Gelegenheit, um ihm einen Klaps auf den entblößten Unterarm zu verpassen. "Immer das Gejammer von euch wehleidigen Sailors! Ich hatte keine Angst und schon gar nicht vor Geistern."

Harm rieb sich theatralisch die Stelle, an der Macs Schlag ihn getroffen hatte. "Sondern?" fragte er belustigt.

"Alleine mit einem Ex-Piloten in der Dunkelheit, da wäre jede anständige Frau beunruhigt." behauptete Mac mit ernstem Gesicht, doch ihre Augen blitzten spitzbübisch.

"Beunruhigung ist eigentlich nicht das Gefühl, das wir Flyboys im allgemeinen bei Frauen auslösen." erklärte Harm selbstbewußt.

"Wir schauspielern eben gut." entgegnete Mac schlagfertig.

Bud und Harriet wechselten einen Blick und nickten sich bestätigend zu. Ihre beiden Vorgesetzten schienen mal wieder alles um sich herum zu vergessen, was öfters geschah, wenn sie in eines ihrer neckischen Gespräche vertieft waren. "Ich will ja nicht stören, aber ..." Harriet zeigte nach oben, "... der Mistelzweig wartet!"

Mac sah sie tadelnd an. "In Ihren Träumen!"

Harm grinste nur.

Mac schlug ihn erneut auf den Arm. "Sie sind ja wieder ungeheuer hilfreich, Commander!" warf sie ihm vor, "Sie könnten Ihre Partnerin ruhig mal etwas mehr unterstützen, schließlich ist es auch Ihr ..."

" ... Arsch, der über einem Abgrund hängt?" beendete Harm den Satz, auf etwas anspielend, was Mac vor einer Weile einmal zu Clayton Webb gesagt hatte.

" ... Hals, der in der Schlinge steckt." betonte Mac kopfschüttelnd.

Harm wandte sich an Bud und Harriet: "Ich geb’s ja nicht gerne zu, aber Mac hat Recht ... ich habe das da," er klopfte auf sein goldenes Aviator-Abzeichen, "ich brauche keinen Mistelzweig."

Mac rollte mit den Augen. "Flieger-Egos!" murmelte sie erwartungsgemäß.

"Mit so einem Argument kämen Sie vor keinem Gericht durch, Sir, ich fordere Beweise," sagte Harriet lächelnd, "Einen Kuß würde ich gelten lassen."

Mac nahm den Mistelzweig von der Tür und drückte ihn Bud in die Hand. "Übernehmen Sie das, Bud." befahl sie ihm.

Bud sah sie mit großen Augen und offenem Mund an. "Ma’am? Ich soll..." begann er verunsichert.

Mac verdrehte die Augen. "Sie sollen Harriet küssen, Bud!"

Bevor Harriet oder Bud Einwände dagegen erheben konnten, gingen sie und Harm davon und man hörte Mac erklärend sagen: "Das lernt man zuerst auf der Offiziersschule: Unangenehme Aufgaben delegiert man!"

Harm sah kritisch zu ihr hinab. "Unangenehme Aufgaben??"

Bud und Harriet mußten lachen. "Vielleicht das nächste Mal." meinte Harriet achselnzuckend.

Mac stellte erleichtert fest, daß Harm scheinbar vergessen hatte, daß er eigentlich gerade auf dem Weg zum Admiral war. Aber so wie sie ihren Partner kannte, war das Thema Pennsylvania noch nicht beendet.


2115 Z-Zeit (16:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm klopfte in einem munteren Takt gegen Macs Bürotüre.

"Ja?" kam es von innen und Harm trat ein. "Wenn Sie wieder einen Kaffee dabeihaben sollten, dann trinken Sie ihn besser selbst, ich stehe bereits kurz vor dem Koffein-Schock." sagte Mac, ohne aufzusehen. Sie wußte auch so, daß es Harm war. Er hatte ihr heute bereits vier Tassen Kaffee gebracht – jedesmal mit einem erneuten Überredungsversuch, doch mit nach Pennsylvania zu fliegen.

Harm grinste. "Was würden Sie sagen, wenn ich diesmal keinen Kaffee, sondern einen Beltway Burger dabei hätte?"

"Ich würde sagen: Rufen Sie einen Krankenwagen, denn dann würde ich auf der Stelle einen Herzinfarkt bekommen." erwiderte Mac trocken und sah jetzt endlich auf. Harm stand vor ihrem Schreibtisch, ohne Kaffee, aber natürlich auch ohne Beltway Burger.

"Dann ist es gut, daß ich keinen dieser Fettburger dabei habe, denn wenn Sie im Krankenhaus lägen, könnten Sie nicht mit zu Grannys Geburtstag fliegen." meinte Harm und bemühte sich, Mac ein extra-charmantes Flyboy-Lächeln zu zeigen.

Mac warf ihren Stift in seine Richtung. "Harm, ich habe Ihnen doch schonmal gesagt, daß Sie mit Ihrem Lächeln bei mir nichts erreichen werden!" teilte sie ihm energisch mit.

Harm schüttelt den Kopf. "Sie haben gesagt, daß ich ein NETTES Lächeln habe, daß Sie mich aber noch nicht gut genug kennen!" korrigierte er und hob den Stift auf.

Mac zuckte mit den Schultern. "Okay, jetzt kenne ich Sie und das Lächeln bringt Sie immer noch nicht weiter." Sie nahm einen anderen Kugelschreiber zur Hand und schrieb weiter.

"Mac, jetzt kommen Sie schon, es sind ja nur ein paar Tage. Wir fliegen am Freitag nachmittag und spätestens am Dienstag oder Mittwoch sind wir wieder hier." versuchte Harm erneut, sie zu überreden.

"N-E-I-N. Muß ich es Ihnen schriftlich geben?" fragte Mac streng.

"Eine mündliche Zusage genügt," erwiderte Harm unbeirrt, "Hey, was ist so schlimm daran, ein wenig Zeit mit Ihrem armen, alten, hilflosen Partner zu verbringen?" Treuherzig sah er sie an.

"Daß ich meinen armen, alten, hilflosen Partner vermutlich füttern und ihm die Schnabeltasse reichen muß." antwortete Mac spöttisch.

"Sind Sie sich im Klaren darüber, daß Granny mich vermutlich auf der Türschwelle wieder umdrehen läßt, wenn ich ohne Sie auftauche? Sie hat mir sogar vorgeschlagen, ich solle Sie zu einem kleinen, handlichen Paket verschnüren und mitbringen." Aufmunternd zwinkerte er ihr zu.

"Das wäre auch die einzige Möglichkeit, wie sie mich dazu bringen könnten, mitzukommen." beharrte Mac.

"Was denn, Sie wollen allen Ernstes einer alten Dame ihren sehnlichsten Geburtstagswunsch verwehren?" fragte Harm und gab sich schockiert.

"Harm, das ist nicht fair!" beschwerte sich Mac, "Wie soll ich noch nein sagen, wenn Sie mir so kommen?"

Harm grinste. "Gar nicht."

"Na schön," gab Mac endlich nach, "wenn der Admiral uns wirklich freigeben sollte, komme ich mit."

Harm atmete auf. Er hatte nicht geglaubt, daß er diesen störrischen Marine wirklich noch überreden konnte. Granny würde sich freuen. Und wenn er ehrlich war, selbst wenn er versucht hatte, es Granny auszureden, er freute sich auch.

"Na, dann sind Sie hoffentlich so überzeugend wie das letzte Mal, als sie den Admiral überzeugt haben, Ihnen einen freien Tag zu geben." meinte er zu Mac.

"Ich nehme nicht an, daß Sie wetten wollen, oder?" warf Mac ein.

"Ich wette niemals im Dienst." behauptete Harm würdevoll und überlegte sich bereits, wie er Admiral Chegwidden, ihren C.O. davon überzeugen konnte, ihnen Urlaub zu gewähren.


2228 Z-Zeit (17:28 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Sie wollen WAS?" Admiral A.J. Chegwidden sah grollend zwischen seinen beiden Offizieren hin und her.

"Urlaub, Sir," wiederholte Harm schon etwas weniger zuversichtlich, "nur zwei Tage, das sollte doch eigentlich machbar sein. Wir werden den Doughtery-Fall bis Mittwoch abgeschlossen haben und es bleibt uns genug Zeit, um den Bericht abzuliefern. Den nächsten Termin mit einem Klienten haben wir erst am Donnerstag darauf. Also, wenn wir den Montag und Dienstag frei haben könnten... Ich könnte dafür auch in der Weihnachtswoche immer etwas länger bleiben."

"Ich auch, Sir." bot Mac sofort an. "Es ist ja nicht so, als ob zuhause irgend jemand auf mich warten würde." dachte sie sich seufzend.

Harm warf ihr einen raschen Blick aus den Augenwinkeln zu, scheinbar erstaunt darüber, daß sie sich plötzlich so für ein paar Tage Urlaub einsetzte, gegen die sie sich noch vor einer halben Stunde so gewehrt hatte. Er vermutete, daß sie es Granny zuliebe tat.

Chegwidden erhob sich und trat um seinen Schreibtisch herum, um sich vor ihnen aufzubauen. "Sie wollen Urlaub? Beide gleichzeitig?" fragte er und kniff mißtrauisch die Augen zusammen, "Gibt es wieder einmal eine Naturkatastrophe in einem Ihrer Apartments? Was ist es diesmal? Eine Feuersbrunst am Unions-Bahnhof? Ein Erdrutsch in Georgetown?" fragte der Admiral mit der typischen grimmigen Chegwidden-Ironie.

Harm straffte sich noch etwas mehr. "Nein, Sir, nur eine Familienfeier." erklärte er, während er vorschriftsgemäß einen Punkt über Chegwiddens Schulter fixierte.

"Wessen Familie?" wollte der Admiral wissen. Seine Wangenmuskeln spielten als er seine Offiziere prüfend musterte.

Fast hätte Harm "unsere" geantwortet, denn Granny war in den letzten Wochen auch ein bißchen zu Macs Großmutter geworden, aber glücklicherweise bremste er sich noch rechtzeitig, bevor ihr C.O. erneut auf falsche Gedanken kommen konnte. "Meine Großmutter hat Geburtstag, Sir." erklärte er zögernd. Er wußte nicht, ob Chegwidden das als Urlaubsgrund gelten lassen würde.

"Ah." sagte A.J. nur. Die grauhaarige Dame hatte ihn ziemlich beeindruckt, als sie im HQ angerufen und sich Tiner gegenüber durchgesetzt hatte, so daß dieser sie schließlich zum Admiral durchstellte, noch bevor er ihn mit dem Marine-Minister verband. "Na schön, Ihre Bitte ist gewährt ... aber nur, wenn ich den Bericht über den Doughtery-Fall am Freitag morgen hier auf dem Schreibtisch habe!"

"Kein Problem, Sir." versicherte Harm und warf Mac einen triumphierenden Blick zu. Mac jedoch sah stur geradeaus, ganz nach Vorschrift. Das dämpfte Harms Optimismus ein wenig und er nahm sich vor, später mit Mac zu reden.

Chegwidden nickte ihnen zu. "Also, wenn das alles war, können Sie wegtreten."

"Ja, Sir!" antworteten Harm und Mac gleichzeitig und machten kehrt, um das Büro zu verlassen.

Mac drehte sich nochmal um. "Ähm, Sir, ich hätte da noch eine Bitte..." Unbehaglich sah sie ihren Vorgesetzten an.

"Raus mit der Sprache, Colonel!" forderte Chegwidden sie auf.

"Sir, ich bräuchte einen Babysitter für die vier Tage." teilte Mac ihm mit.

Chegwidden runzelte die Stirn. "Hab ich da irgend etwas verpaßt? Rabb?" Streng sah er zu Harm hinüber. Harm hob abwehrend die Hände, so daß der Admiral sich ein Lächeln verkneifen mußte.

"Ich spreche von meinem Hund, Sir," stellte Mac amüsiert klar, "Normalerweise würden die Roberts auf Jingo aufpassen, aber jetzt, wo A.J. gerade laufen lernt..."

Chegwidden verschränkte die Arme vor der Brust. "Meine Leute scheinen wirklich nicht zu begreifen, das dies hier das JAG-HQ ist! Das ist keine Kinderkrippe, kein Kreissaal und kein Tierheim!" knurrte er sie an.

Mac stand kerzengerade da. "Verstanden, Sir!" Sie wollte sich wieder umdrehen.

"Habe ich was von Wegtreten gesagt, Colonel?" holte Chegwiddens strenge Stimme sie zurück, "Zufälligerweise möchte Sydney sich einen Hund anschaffen. Vielleicht überlegt sie es sich ja nochmal, wenn sie erstmal ein Wochenende auf Ihr Monster aufpassen mußte." grollte der Admiral, aber wer ihn kannte, der wußte, das es nur seine Art war zu sagen: Natürlich werde ich gerne auf Ihren Hund aufpassen.

Mac erlaubte sich ein recht unmilitärisches Lächeln. "Danke, Sir."

Chegwidden winkte ab. "Wegtreten – bevor ich es mir doch noch anders überlege und Sie beide zu Überstunden verdonnere!"

Das ließen Harm und Mac sich natürlich nicht zweimal sagen.


2315 Z-Zeit (18:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harm sah auf, als sich die Türe seines Büros öffnete. Mac stand da, in ihrer olivgrünen Uniformjacke und dem Schiffchen und ihrer Aktenmappe in der Hand. "Ich geh jetzt, bis morgen, Harm." sagte sie, ihm zunickend.

"Warten Sie einen Moment, Mac?" bat Harm, "Ich komme mit, ich will ohnehin noch mit Ihnen reden."

Mac runzelte verwundert die Stirn, nickte aber und wartete, bis er einige Akten in seine Mappe geschoben und seine Jacke angezogen hatte. Gemeinsam gingen sie zum Aufzug hinüber.

"Mac, ich hätte Sie nicht so zu diesem Kurzurlaub drängen dürfen, tut mir leid," sagte Harm, sobald sich die Lifttüren hinter ihnen geschlossen hatten, "Sie brauchen wirklich nicht mitzukommen, wenn Sie nicht möchten." Ernst und aufrichtig sah er sie an.

Mac seufzte. "Es ist nicht so, daß ich nicht möchte, Harm, ich mag Granny und ich mag Ihre Mutter und Ihren Stiefvater, aber..."

"Aber Sie haben schon etwas anderes vor?" vermutete Harm.

"Weit daneben, Sailor, mein Terminplan ist in letzter Zeit nicht gerade überfüllt, soweit es mein Privatleben betrifft." gestand Mac mit einer großen Prise Selbstironie.

Harm hob die Brauen und sah sie fragend an. "Wo liegt dann das Problem?"

Mac biß sich auf die Lippe. "Harm, es ist Ihre Familie, ich gehöre da nicht dazu." sagte sie und Harm glaubte fast, etwas Traurigkeit herauszuhören. Zögernd streckte er die Hand aus, legte sie auf Macs und drückte sie kurz. Mac lächelte leicht. Die Geste erinnerte sie daran, was Granny zu ihr gesagt hatte, daß ihre Familie auch Macs Familie sei. Plötzlich mußte sie lachen. "Welche Rolle nimmt Harm dann in dieser Familien-Analogie ein?" fragte sie sich in Gedanken, "Daß er mein Bruder ist, würde mir wohl niemand abnehmen."

Harm sah erleichtert, daß sie jetzt nicht mehr so deprimiert erschien, wie noch vor einer Minute. Da spielte es keine Rolle, daß er keine Ahnung hatte, was sie plötzlich so amüsant fand. "Mac, wenn ich der Meinung wäre, Sie würden da nicht hingehören, würde ich Sie dann bitten, mitzukommen?" Er sah sie offen an.

"Ja," sagte Mac ernst, "das würden Sie. Nur damit ich mich nicht so schlecht fühle."

"Fühlen Sie sich denn schlecht?" fragte Harm ein wenig alarmiert. Er fragte sich, ob ihr die Trennung von Mic Brumby noch immer zu schaffen machte. In der Weihnachtszeit und mit einem glücklich verheirateten Paar wie Bud und Harriet um sich herum war es besonders schwer, alleine zu sein. Harm konnte ein Lied davon singen, aber wenigstens hatte er noch seine Familie.

"Nein, ich bin okay." versicherte Mac.

Harm hätte sein letztes Uniformhemd darauf verwetten können, daß sie das sagen würde. Er war sich sicher, daß sie das auch noch behaupten würde, wenn sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. "Hören Sie, Mac, Sie fliegen mit nach Pennsylvania und Sie werden sich prächtig amüsieren – wenn Sie es wollen. Und ich nehme Sie ganz sicher nicht nur mit, um Ihnen einen Gefallen zu tun. Eher tue ich mir selbst einen Gefallen damit. Sie werden sehen, was ich meine, wenn Sie den Rest meiner Verwandtschaft kennenlernen," Er lächelte ihr zu, "Okay?"

Mac nickte. "Okay."

Der Aufzug hielt und die Türen öffneten sich, aber Mac blieb noch stehen. Harm, der bereits einen Schritt Richtung Tür gemacht hatte, drehte sich fragend zu ihr um.

"Harm?"

"Ja?" Ein wenig besorgt sah er sie an.

"Hab ich Ihnen je gesagt, wie froh ich bin, Sie als Freund zu haben?" fragte Mac leise und sah ihn mit ihren tiefbraunen Augen ernst an.

Harm schluckte und lächelte dann warm. "Nein, ich glaube nicht, daß Sie mir das gesagt haben. Aber es beruht auf Gegenseitigkeit."


0040 Z-Zeit (19:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Sarah MacKenzie schloß genießerisch die Augen und sank bis zum Hals ins warme Wasser in ihrer Badewanne. Langsam begannen ihre müden, verkrampften Muskeln, sich zu entspannen. Mac hörte auf, ständig an ihren Arbeitstag und den Doughtery-Fall zu denken und ließ ihre Gedanken stattdessen einfach treiben. Die leise Musik im Hintergrund wirkte beinahe einschläfernd.

Das schrille Klingeln des Telefons erschreckte Mac so, daß sie für einen Moment unter der Schaumkrone versank, bevor sie schnell wieder auftauchte und erst zum Handtuch und dann zum Handy griff, das pflichtbewußt in der Nähe lag. Jetzt verfluchte sich Mac fast dafür, daß sie es nicht ausgeschaltet hatte.

"MacKenzie." meldete sie sich in einem Tonfall, der dem noch unbekannten Anrufer gleich zeigen sollte, daß er zu einem ungünstigen Zeitpunkt anrief.

<Hallo Sarah.> sagte Sarah Rabb irgendwo in Pennsylvania.

Mac stieg aus der Badewanne und hüllte sich mit der freien Hand in ein großes Badetuch. Ihre Verärgerung war wie weggewischt. "Hallo Granny." erwiderte sie ein wenig überrascht.

<Störe ich gerade bei etwas? Ich kann gerne später nochmal anrufen.> bot Granny freundlich an. Es klang, als vermute sie, daß Mac Gesellschaft hatte.

"Nein, nein, schon in Ordnung, ich war nur gerade in der Badewanne." erklärte Mac eilig, bevor Granny noch auf falsche Gedanken kommen konnte. Genau das tat Harms Großmutter dann natürlich trotzdem.

<Mein Enkel in der Nähe?> erkundige sich die alte Dame schmunzelnd.

"GRANNY!" mahnte Mac wieder einmal.

<Schon gut, ich rufe eigentlich nur an, um sicherzugehen, daß du nächsten Freitag wirklich nach Belleville kommst.> Sarah Rabb kannte ihre Namensgenossin bereits gut genug, um zu wissen, daß sie ihre Bedenken haben mochte, was diese Einladung zu einer Familienfeier betraf.

"Der Admiral hat Harm und mir bereits Urlaub gewährt. Aber, Granny, ich komme nur mit, wenn ich wirklich nicht störe," murmelte Mac ernst, "Ich meine, ich gehöre nicht zur Familie und ..."

<Sarah Catherine MacKenzie! Würdest du bitte aufhören, solchen Unsinn zu reden? Ich bin fast 85 Jahre alt und lade mit Sicherheit niemanden zu meinem Geburtstag ein, der mich stören würde! Und ich habe dir schon mal erklärt, daß meine Familie auch die deine ist! Also bitte!> entgegnete Granny energisch.

Mac seufzte, mußte dann aber lächeln. "Okay, aber sag nachher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt."

<Wie war der gestrige Abend im LaTour?> wollte Granny wissen, zufrieden und beruhigt, daß Harms "störrischer Marine" wirklich kommen würde.

"Oh, toll," Das war die Untertreibung des Jahrhunderts, denn der Abend war mehr als nur toll gewesen, "aber Beltways hätte es auch getan." behauptete Mac.

<Beltways hat keinen Kerzenschein.> widersprach Granny.

"Ja, und keine Geigenspieler und keine neun Rosenverkäufer, die durchschnittlich alle 7 Minuten und 13 Sekunden an unserem Tisch auftauchen!" fügte Mac vorwurfsvoll hinzu. Insgeheim lächelte sie jedoch.

<Es waren zehn Rosenverkäufer. Den zehnten müßt ihr verpaßt haben,> berichtigte Granny sachlich, <Wofür ich aber Verständnis habe angesichts eurer abendlichen Aktivitäten.>

"Muß ich jetzt unbedingt verstehen, wovon du sprichst?" fragte Mac verwundert, "Unsere abendliche Aktivität bestand darin, nach Hause zu fahren."

<Unter anderem vielleicht. Harm hat mir bereits von der ‘heißen Fahrt im Aufzug‘ und eurem ‘wilden, hemmungslosen Sex‘ berichtet.> Granny kicherte wie eine 17jährige.

Mac konnte einige Sekunden lang gar nichts sagen. Sie war zwar inzwischen an Grannys ständige Anspielungen gewöhnt, aber diese Behauptung erwischte sie dennoch auf dem falschen Fuß. "Wirklich witzig, Granny!" sagte sie schließlich grimmig, "Wenn du dauernd solche Geschichten erzählst, überlege ich mir nochmal gut, ob ich wirklich zu deiner Feier komme." warnte Mac.

<Was heißt hier Geschichten erzählen?> widersprach Granny, <Ich habe nur deinen gutaussehenden Partner, der zufälligerweise mein Enkel ist, zitiert.>

"Das hat Harm sicher nicht gesagt ..." meinte Mac überzeugt, "...weil es nämlich nicht wahr ist!"

<Dann war der Sex also nicht wild und hemmungslos?> fragte Granny so ganz nebenbei, als unterhalte sie sich übers Wetter.

Mac verdrehte die Augen. "Granny, bitte hör endlich auf damit! Wir hatten ... keinen Sex!" "Was ist nur los mit den Menschen?" fragte Mac sich kopfschüttelnd, "Ist irgendwie Vollmond oder so? Bud und Harriet verteilen einen Wald aus Mistelzweigen im Büro und Granny gibt sich im Gegensatz zu den beiden nichtmal mit einem Kuß zufrieden?!"

Granny beschloß, es für heute gut sein zu lassen – bevor Mac ihre Drohung wahr machen und tatsächlich nicht zu ihrer Geburtstagsfeier kommen würde. <Okay, Liebes, wir sprechen ein anderes Mal darüber.>

"Es gibt nichts zu besprechen!" protestierte Mac mit Nachdruck.

<Okay, okay,> Granny schmunzelte, <Wir sehen uns Freitag. Ich freu‘ mich schon.>

"Ich mich auch, Granny," erwiderte Mac aufrichtig, "Bis Freitag. Gute Nacht."

<Gute Nacht, Sarah,> antwortete Granny friedfertig, <Und grüße Harmon von mir.>

Mac legte den Hörer auf und warf einen Blick in den Spiegel. "Wilden, hemmungslosen Sex!" murmelte sie kopfschüttelnd vor sich hin, "Na warte, Flyboy!"


1410 Z-Zeit (09:10 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Macs erster Weg führte sie in die kleine Küche des Hauptquartiers. Ohne eine ordentliche Dosis Koffein und einen Donut würde sie den Morgen nicht überstehen, das wußte sie bereits jetzt. Der Verkehr auf dem Beltway war mörderisch gewesen und in einer knappen Stunde begann bereits die Doughtery-Verhandlung.

Als sie die Küche betrat, stellte sie fest, daß Harm denselben Gedanken gehabt hatte – zumindest was den Kaffee, wenn auch nicht den Donut, betraf. Er nahm sich gerade eine Tasse aus dem Schrank und drehte sich um, als er jemanden kommen hörte. "Ah, morgen, Mac." grüßte er.

"Morgen, Harm. Ich soll Sie übrigens von Ihrer Großmutter grüßen." erklärte Mac, während sie sich auch eine Tasse nahm.

Harm verharrte mit der Kanne über seiner Tasse. "Hat sie wirklich GRÜSSEN gesagt?" vergewisserte er sich und sah Mac prüfend an.

"Was ist daran so ungewöhnlich?" fragte Mac verwundert.

"Oh, nichts," beeilte sich Harm zu versichern, "nur richtet sie mir manchmal ... ähm ... etwas merkwürdige Grüße an Sie aus."

"Was für merkwürdige Grüße? Ich kann mich nicht daran erinnern, daß Sie sie mir ausgerichtet haben!" stellte Mac vorwurfsvoll fest.

Harm grinste ein wenig. "Wenn Sie weiterhin so energisch darauf bestehen, werde ich es Ihnen gerne demonstrieren," meinte er amüsiert, "obwohl Sie das auch schon gestern vor Ihrer Bürotüre hätten haben können." Er trat einen Schritt näher und grinste sie an. Natürlich war es nur Spaß ... das redete er sich wenigstens ein.

"Danke, ich glaube, ich hab’s begriffen, keine Demonstration mehr nötig." entgegnete Mac und fixierte ihn mit einem geringschätzigen Blick. Sie versuchte es jedenfalls.

Harm zuckte die Schultern und griff wieder zur Kaffeekanne, um sich endlich eine Tasse des koffeinhaltigen Getränks einzugießen.

"Aber Sie könnten mir mal erklären, wann wir ‘wilden, hemmungslosen Sex‘ gehabt haben, war das vor oder nach dem Abendessen?" fragte Mac ohne Vorwarnung.

Harm starrte sie an. "Autsch!" fluchte er, als der Kaffee überlief und er sich die Hand verbrannte. Er sah sich hastig um, ob auch niemand in der Nähe war, der ihr Gespräch hätte hören können. In letzter Zeit hatte es schon genügend Gerüchte über ihn und Mac gegeben. "Mac, das hab ich doch nur gesagt, weil mich Granny mit ihren ständigen Bemerkungen über uns genervt hat."

"Oh, das ist sicher der beste Weg, um sie vom Gegenteil zu überzeugen!" meinte Mac ironisch.

"Es hat aber gewirkt, für ein paar Sekunden war tatsächlich Ruhe. Granny mußte sich erstmal von dem Schock erholen." grinste Harm.

"Und ich mich erst! Bei dieser ’abendlichen Aktivität‘ wäre ich dann doch gerne dabei gewesen!" Mac schüttelte noch immer den Kopf.

Harms Lächeln wuchs in die Breite. "Ach, tatsächlich?" In seinen Augen glitzerte es verwegen.

Mac versetzte ihm einen Hieb mit dem Handrücken. "So hab ich das nicht gemeint! Und jetzt schenken Sie sich endlich einen Kaffee ein oder lassen Sie es bleiben, andere Leute möchten auch noch was haben."

"Sklawentreiberin!" beschwerte sich Harm, schenkte sich aber dann doch Kaffee ein und gab die Kanne an Mac weiter, "Ähm, Mac, was haben Sie Granny eigentlich geantwortet?" erkundigte er sich möglichst beiläufig.

Mac griff nach dem Milchkännchen. "Daß sie sich keine Sorgen machen muß, weil wir verhütet haben." erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Harm verschluckte sich am ersten Schluck seines Kaffees und hustete erstmal, bevor er wieder genügend Luft bekam um zu fragen: "Im Ernst?" Ungläubig sah er sie an.

"Was glauben Sie denn?" gab Mac die Frage zurück. Sie genoß es wirklich, ihren selbstbewußten Partner zu necken.

Bud kam zur Türe herein. "Geht’s um den Doughtery-Fall?" erkundigte er sich, während er auf die Kaffee-Maschine zusteuerte.

"Nein, es geht um einen Fall von sexueller Nötigung, Meineid und Vorspielung falscher Tatsachen." antwortete Mac schlagfertig.

Harm versteckte sein Grinsen sorgsam hinter der Kaffeetasse. Bud hätte sich sicher gefragt, wieso er angesichts solcher Vergehen so amüsiert reagierte. "Ich schlage vor, wir plädieren auf Notwehr." meinte er in Macs Richtung gewandt.

"Vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit würde es eher treffen!" widersprach die Marine-Corps-Offizierin und verließ die Küche mit ihrer Tasse in der Hand.

Bud warf Harm einen fragenden Blick zu.

"Marines!" meinte Harm als erkläre das alles.


1915 Z-Zeit (14:15 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.

Harm saß zuhause auf der Couch und studierte konzentriert die Akte über den Doughtery-Fall. Er wollte sichergehen, daß sie den Fall am Mittwoch abgeschlossen hatten und so hatte er die Akte übers Wochenende mit nach Hause genommen. Macs Eröffnungsplädoyer war vielversprechend gewesen, aber der Zivilverteidiger war recht gut und ...

Verärgert warf Harm den Stift hin als das Telefon klingelte. So würde er niemals fertig werden! In der Absicht, den unliebsamen Störenfried schnell wieder loszuwerden nahm er den Hörer ab. "Rabb."

"Hi, Harm," sagte Mac, ohne ihren Namen zu nennen, so wie sie es öfters tat.

"Hey, Mac," erwiderte Harm lächelnd, wurde dann aber ernst, als er überlegte, wieso sie ihn am Samstag anrief, "Ist irgendwas? Doch kein internationaler Zwischenfall, der unsere sofortige Anwesenheit irgendwo am anderen Ende der Welt erfordert, oder?"

"Nein, nein, keine Angst," beruhigte ihn Mac schnell, "entschuldigen Sie, daß ich Sie am Wochenende störe..."

"Ich wollte ohnehin gerade eine Pause machen." log Harm.

"Eine lange oder eine kurze Pause?" erkundigte sich Mac.

"Das kommt ganz drauf an. Um was geht’s denn?" wollte Harm wissen und starrte gespannt auf den Telefonhörer.

"Ich brauche Ihre Hilfe." erklärte Mac vage.

"Sarah MacKenzie, der große Marine, benötigt die Hilfe eines unbedeutenden Ex-Piloten?" stichelte Harm mit gutmütigem Spott.

"Soll hin und wieder vorkommen, ja. Ich möchte ein Geschenk für Granny kaufen und Sie können auch eines besorgen, wie wär’s?" erkundigte sich Mac hoffnungsvoll.

Harm war froh, daß Mac klang, als würde sie sich auf den Besuch bei Granny freuen. "Ich hab schon ein Geschenk. Sogar genau das, was Granny sich gewünscht hat." erklärte er.

"Ah ja?" hakte Mac interessiert nach.

"Ja," bestätigte Harm lächelnd, " – ich bringe Sie mit." Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie Mac jetzt mit den Augen rollte.

Mac verdrehte kopfschüttelnd die Augen. "Damit das klar ist, ich lasse mir keine rote Schleife um den Hals binden!" erklärte sie energisch.

"Würde mir nie einfallen," versicherte ihr Partner, " ... wie wär’s mit einer gelben?" Normalerweise hätte Mac ihm jetzt einen Schlag auf den Arm versetzt, "Tut mir leid, glücklicherweise geht das übers Telefon nicht." sagte Harm, als wisse er genau was sie gerade gedacht hatte.

"Wir sehen uns ja nachher, ist 1500 okay?" erkundigte sich Mac und als Harm bestätigte fügte sie hinzu: "Noch eine Bitte: Tragen Sie Ihre Gala-Uniform, ja?"

Bevor Harm darauf antworten konnte, hatte sie bereits aufgelegt. Verwundert stand er da und fragte sich, was Mac mit ihm vorhaben mochte.


1915 Z-Zeit (14:15 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.

"Sie schleppen mich hier ernsthaft in Gala-Uniform durch das halbe Einkaufszentrum?" fragte Harm protestierend, während er sich an Macs Seite einen Weg durch die Menschenmenge in der Einkaufspassage bahnte, "Muß ich erst das Geld für Grannys Geschenk zusammenbetteln, oder was haben Sie vor?"

"Jetzt warten Sie’s doch erstmal ab, bevor Sie sich beschweren! Navy-Anwälte!" meinte Mac kopfschüttelnd. Sie ergriff den Ärmel seiner Uniform und zog ihn in ein kleines Geschäft.

Ein elegant gekleideter Mann mit Glatze steuerte sofort auf sie zu. "Guten Tag, was kann ich für Sie tun?" erkundigte er sich freundlich.

"MacKenzie," stellte Mac sich knapp vor, "ich hätte gerne ein Portraitfoto von dem jungen Mann hier." Sie knuffte den wortlos dastehenden Harm in die Seite.

Ehe Harm es sich versah, wurde er vor eine Kamera gezerrt und der Fotograf zupfte eine Falte aus seiner Uniform. "Granny wird sich sicher über ein gerahmtes Foto freuen ... sie hat eine Schwäche für Dress whites." erklärte Mac.

Der Fotograf blickte prüfend durch das Objektiv der Kamera, schien aber nicht ganz zufrieden mit dem, was er da sah. "Zuviel weiß und zuwenig Kontraste," erkärte er dann, "Außerdem wäre es ein harmonischeres Bild, wenn ich Sie mit Ihrer Frau zusammen fotografieren würde, Mr. MacKenzie."

Harm grinste breit, ohne den Fotografen auf seinen Irrtum hinzuweisen und auch Mac verzog nur das Gesicht, sagte aber nichts. Gehorsam ging sie zu Harm hinüber und sie stellten sich brav nebeneinander auf.

"Oh, bitte!" beschwerte sich der Fotograf, "Sie sind doch nicht im Dienst, oder? Also nicht so steif! Rücken Sie bitte etwas näher zu Ihrer Frau, Mr. MacKenzie!"

Harm mußte husten, rückte aber gehorsam etwas näher zu Mac. Der Fotograf war jedoch immer noch nicht zufrieden. "Jetzt seien Sie doch nicht so gehemmt, nur wegen der Kamera! Etwas lebendiger, nicht so statisch, bitte! Umarmen Sie einander!" befahl er kopfschüttelnd.

Zögernd legte Harm einen Arm um Macs Schulter und Mac umfaßte seine Hüfte. Beide wußten nicht so recht, ob sie es nun genießen oder sich unbehaglich fühlen sollten. Sie betrachteten abwartend den Fotografen, der wiederum sie kritisch studierte. "Noch ein kleines bißchen näher, bitte." forderte er sie auf.

Harm zog seine Partnerin etwas näher zu sich heran. Er beugte sich zu ihr hinab und flüsterte amüsiert: "Wenn Granny das Bild sieht, fällt sie vor Freude in Ohnmacht!"

In diesem Moment blitzte es und der Fotograf strahlte mit dem Blitzlicht um die Wette. "Das war’s! Wirklich, das sah toll aus ... und so spontan. Sie sind noch nicht lange verheiratet, oder?"

"Wir sind gar nicht verheiratet." stellte Harm klar.

"Noch nicht?" staunte der Fotograf und er klang, als sei es für ihn nur eine Frage der Zeit, bis sie es sein würden, "Dann erinnern Sie sich bitte an mich, wenn Sie jemanden für die Hochzeitsfotos brauchen."

Weder Harm noch Mac machten sich die Mühe, ihm zu antworten. "Erst ein Mistelzweig, dann ’ wilder, hemmungsloser Sex‘ und jetzt eine Hochzeit! Wenn diese Leute so weitermachen, dann bin ich morgen vermutlich eine verheiratete Frau mit vier Kindern!" dachte Mac ironisch. Sie seufzte und schob Harm zur Türe. "Kommen Sie schon, Flyboy, bewegen Sie Ihre Parade-Uniform und die goldenen Fliegerabzeichen hier raus!"

Harm begutachtete grinsend die Hand auf seinem Arm. "Wieso die Eile? Ich weiß, es ist schwer, aber ich bitte um etwa mehr Selbstkontrolle, Colonel!"

"Wenn Sie nicht gleich etwas mehr Selbstkontrolle walten lassen, lasse ich Sie einfach hier stehen und Sie können sich Geld für eine Busfahrkarte zusammenbetteln, wenn Sie nach Hause kommen wollen!" drohte Mac.

"Mac, wir sind mit meinem Wagen hier." erinnerte Harm.

Mac grinste. "Ja, aber ich habe die Schlüssel." Ein Schlüsselbund in einer weißen Gala-Uniform machte sich nicht unbedingt gut auf einem Foto, deshalb hatte Mac die Schlüssel an sich genommen.

"Gib einer Frau deine Autoschlüssel oder deine Kreditkarte und schon wird sie größenwahnsinnig." stöhnte Harm.

"Gewisse Ex-Piloten brauchen weder das eine, noch das andere, um größenwahnsinnig zu werden." entgegnete Mac schlagfertig und zog ihn einfach hinter sich her. Harm folgte ihr ohne weitere Proteste.


1628 Z-Zeit (11:28 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Am Montag morgen verließ Admiral A.J. Chegwidden sein Büro, um sich eine Tasse Kaffee zu holen. Er erhaschte einen Blick auf Harm und Mac, die gerade in Richtung Kopierer gingen. "Na," hörte er Harm grinsend sagen, "Hochzeitsfotos schon abgeholt?"

Macs Antwort bekam der Admiral leider nicht mehr mit, weil die beiden den Kopierraum betraten, aber er hatte bereits genug gehört, vor allem, wenn er Harms Frage mit ihrer Bitte um gemeinsamen Urlaub und der Erwähnung einer "Familienfeier" in Verbindung brachte. "Ich werde wohl doch ein Auge auf die beiden haben müssen!" sagte er sich kopfschüttelnd.


FREITAG:

2001 Z-Zeit (15:01 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Mac öffnete die Türe ihres Apartments als es klingelte. "Eine Minute und 12 Sekunden zu spät, Flyboy – wie ich es nicht anders erwartet habe." kommentierte sie, ohne einen Blick auf die Uhr zu werfen.

"Na, dann bin ich ja froh, daß ich Sie nicht enttäuscht habe." meinte Harm gutgelaunt. Mit einem schnellen Blick stellte Harm fest, daß Macs Reisetasche bereits fertig gepackt neben der Türe stand, ebenso aufbruchbereit wie Mac selbst. Mac war in Zivil, was für Harm immer wieder ein ungewohnter Anblick war, und deshalb nahm er sich eine Sekunde, um sie unauffällig zu betrachten. Mac trug schwarze Jeans und einen weichen grünen Pullover. Eben schlüpfte sie in eine schwarze Jacke. Angesichts des Fluges, der ihnen bevorstand, war sie vernünftig genug gewesen, praktische, ganz gewöhnliche Kleidung zu wählen. "Wenn überhaupt etwas, was Sarah MacKenzie trägt, je gewöhnlich sein kann!" sagte sich Harm mit einem heimlichen Grinsen.

Mac musterte ihren Partner ebenfalls und stellte fest, daß er seine gewohnte Fliegerkluft trug: hellblaue Jeans, einen olivgrünen Pullover mit V-Ausschnitt und natürlich seine schwarze Fliegerjacke. "Fast so gut wie die weiße Gala-Uniform." mußte Mac für sich zugeben.

"Jingo!" rief Mac und nahm die Hundeleine vom Haken an der Garderobe. Aus dem Wohnzimmer kam ein kurzes, bestätigendes Bellen, doch kein Jingo tauchte auf. "JINGO!" rief Mac erneut, diesmal mit ihrer befehlsgewohnten Marine-Stimme. Harm mußte grinsen und wie er es nicht anders erwartet hatte, kam Macs Hund gehorsam angelaufen. Mac legte ihm die Leine an, Harm schulterte Macs Tasche und sie verließen die Wohnung.

"Mac, Sie sollten die Fahrt dazu nutzen, Ihrem Hund Manieren beizubringen, bevor der Admiral es für Sie tut," meinte Harm während sie Jingo auf den Rücksitz von Harms SUV verfrachteten, "Ich wette, wenn Sie zurückkommen, kann Jingo auf Befehl stillstehen und marschiert zur Hymne der Navy."

"Mein Hund hat bereits Manieren," widersprach Mac, "was man von gewissen Menschen nicht sagen kann. Außerdem ist Jingo ein Marine-Corps-Hund und marschiert nicht zur Navy-Hymne!"

"Ah, ein Marine-Corps-Hund!" Harm grinste spöttisch, "Weil er alt, faul und halbblind ist?"

"Weil er treu, mutig und genügsam ist!" betonte Mac würdevoll.

"An das genügsam werde ich Sie erinnern, wenn wir vor Grannys kaltem Büffet stehen." entgegnete Harm amüsiert.


2028 Z-Zeit (15:28 Uhr EST)
Admiral Chegwiddens Haus
Maclean, Virginia

Harm bemerkte, daß Mac immer langsamer wurde, als sie auf das Haus des Admirals zugingen und sie ihm wie zufällig den Vortritt ließ. Er mußte grinsen. "Nein, nein, Marine, so läuft das nicht! Sie gehen voraus! Es ist Ihr Hund, schon vergessen?"

"Ja, aber es ist Ihre Großmutter, wegen der ich meinen Hund in die Obhut des Admirals geben muß." wandte Mac ein.

Dieser Logik hatte Harm nichts entgegenzusetzen, außerdem hatten sie jetzt die Eingangstüre erreicht und so drückte er ohne weitere Diskussion die Klingel.

Es dauerte eine Weile, bis A.J. Chegwidden öffnete. Er hatte sich mit der Bemerkung, was seine Leute konnten, das könne er schon lange, heute ebenfalls frei genommen. In legerer Hose und Polo-Shirt öffnete er die Türe und setzte rasch seine Lesebrille ab, als er seine beiden Offiziere erkannte. "Sie sind pünktlich," stellte er mit einem Blick auf die Uhr fest, "Leider bei Ihnen eher die Ausnahme als die Regel, Rabb. Obwohl ich mich erinnern kann, daß Sie eine ganze Woche lang immer pünktlich ins Büro kamen, als Sie beim Colonel wohnten."

"Soll das heißen, ich soll wieder einziehen, Sir?" erkundigte sich Harm stirnrunzelnd.

"Hey, mein Apartment ist keine Besserungsanstalt für unpünktliche Navy-Anwälte!" protestierte Mac.

"Ach, ja?" sagte Harm und sah sie mit verschränkten Armen an, "Wieso ..."

"Wollen Sie hier draußen Wurzeln schlagen oder doch lieber nach Pennsylvania fliegen?" unterbrach Chegwidden ihn grimmig.

"Letzteres, Sir." versicherte Harm eilig.

"Gut, dann her mit der Leine, Colonel, bevor ich es mir nochmal anders überlege." befahl ihr C.O. und streckte die Hand aus.

Mac stellte fest, daß der gutmütige alte Drogenhund sich fast eingeschüchtert gegen ihr Bein drückte. Zögernd überreichte sie Chegwidden die Leine und einen großen Beutel. "Das ist Jingos Lieblingsfutter, Sir," erklärte sie, "und seine Kauknochen und die Schlafdecke."

"Die er aber vermutlich kaum benutzen wird," warf Harm grinsend ein, "Jingo hat die Angewohnheit, mitten in der Nacht aufs Bett zu springen, also Vorsicht!"

"Ich frage besser nicht, woher Sie das wissen, Commander!" grollte der Judge Advocate General.

Harm sagte lieber nichts mehr. Vermutlich würde der Admiral ihm nicht abnehmen, daß er nur rein brüderlich mit Mac ein Bett geteilt hatte.

"Ich habe Ihnen alles genau aufgeschrieben, Sir." erklärte Mac.

Kritisch begutachtete Chegwidden den großen Zettel, den Mac ihm reichte. "Was denn, ich dachte, das ist ein Hund und kein Videorecorder! Was brauche ich also eine Gebrauchsanweisung?" murrte er streng, legte aber unauffällig eine Hand auf Jingos Rücken und begann, ihm das Fell zu kraulen.

Mac schluckte. "Ähm, Sir, ich wollte nur sichergehen, daß ..."

"... daß Sie Ihren Job noch haben, wenn Sie zurückkommen?" fragte Chegwidden mit einem unmerklichen Grinsen.

Sydney Walden, die Freundin des Admirals, hatte ihre Stimmen gehört und kam ebenfalls an die Türe. "A.J. macht nur Witze. Keine Angst, ich passe schon auf sie auf ... auf alle beide!" versicherte sie Mac lächelnd.

Chegwidden gab sich für den Moment geschlagen, doch als Harm und Mac davongingen, rief er ihnen nach: "Ich hoffe, er ist stubenrein, Colonel!"


2057 Z-Zeit (15:57 Uhr EST)
Auf dem Rollfeld
Leesburg, Virginia

Mac und Harm standen auf dem kleinen Flugplatz neben Harms gelbem Doppeldecker und Harm ging ein letztes Mal um die Maschine herum, um sicher zu gehen, daß diesmal auch wirklich alles in Ordnung war. Mac wartete geduldig bis er seine Überprüfung beendet hatte und fröstelte ein wenig in der kühlen Dezember-Luft. Schließlich half Harm ihr in ihren Sitz und reichte ihr fürsorglich ein Paar Handschuhe. Zögernd sah er sie an. "Alles okay?" fragte er ein wenig besorgt. Das letzte – und einzige Mal – daß Mac mit ihm in der Stearman geflogen war, waren sie zuerst fast abgestürzt und waren dann von Wilderern durch die Appalachen gejagt worden, wobei Mac angeschossen worden war. Er hätte ihr keinen Vorwurf gemacht, hätte sie sich geweigert, je wieder mit ihm zu fliegen.

Doch Mac nickte ruhig. "Alles klar." bestätigte sie ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Stolz und froh, daß Mac ihm sofort wieder vertraute, stieg auch Harm ein und kurze Zeit später waren sie in der Luft. Mac genoß das Fliegen – solange die Schallgeschwindigkeit nicht überschritten wurde.

"Was ist, Marine, wollen Sie übernehmen?" rief Harm nach einer Weile laut, um den Motorenlärm zu übertönen.

"Wenn Sie mir das immer noch zutrauen?" brüllte Mac zurück.

"Na klar, wo doch Sarahs untereinander so gut auskommen!" erwiderte Harm lachend.

Er überließ Mac den Steuerknüppel und lehnte sich grinsend zurück.

Bis Belleville waren es "nur" etwa 120 Meilen Luftlinie, so daß sie knapp zwei Stunden später am Ziel waren. "Ich glaube, ich übernehme jetzt besser wieder, da unten ist es," rief Harm und deutete nach unten, wo einige Gebäude umgeben von Feldern und Wald lagen, "Es sei denn, Sie wollen eine Landung versuchen."

"Danke, ich verzichte!" antwortete Mac und übergab die Steuerung wieder an Harm.

Mac hatte sich eigentlich vorgenommen, an diesem Wochenende möglichst im Hintergrund zu bleiben, niemanden zu stören oder auch nur aufzufallen, aber das gestaltete sich ziemlich schwierig, wenn man in einer Stearman vor dem Haus landete. Noch bevor der Propeller des Doppeldeckers stillstand, kamen die ersten Personen aus dem Haus.

"Haus?" überlegte sich Mac ironisch. Sie hatte sich Grannys Wohnstätte als kleines Bauernhäuschen vorgestellt, aber was sie hier sah war ein großes Anwesen mit einer riesigen Scheune, Stall und einer wunderschönen alten Villa mit breiter Veranda.

Mac blieb ein wenig zurück, während Harm zu seiner wartenden Familie hinüberging. Neben Granny standen Harms Mutter Trish, deren Ehemann Frank Burnett und fünf weitere Personen, die Mac nicht kannte. Harm umarmte seine Mutter und Granny und gab den anderen die Hand. Dann drehte er sich zu Mac um, die zögernd näher trat.

Granny schloß sie sofort in eine warme Umarmung, die von den anderen Mitgliedern der Rabb-Familie etwas verwundert beobachtet wurde. Selbst Trish hatte keine Ahnung gehabt, daß ihre Schwiegermutter sich derart mit Mac angefreundet hatte. Sie folgte jedoch ohne zu zögern Grannys Beispiel und umarmte die etwas überwältigte Mac kurz.

Frank schüttelte ihr herzlich die Hand und sagte mit einem warmen Lächeln: "Hallo Mac, schön Sie wiederzusehen."

Mac lächelte unwillkürlich zurück. Wie auch der Rest von Harms Familie war Frank ihr sofort sympathisch gewesen, als sie ihn kennengelernt hatte. Er war in jedem erdenklichen Sinne das genaue Gegenteil ihres eigenen Vaters. "Hallo, Mr. Burnett, ich freue mich auch, Sie zu sehen." erwiderte Mac fast etwas verlegen.

Harm beobachtete sie aufmerksam und lächelte ihr zu. "Mac, das ist Jeff Reed, Mums Bruder, mit seiner Frau Alice. Und das sind Jason und Elizabeth, ihre Kinder. Das da drüben ist Eli‘s Mann Ben Torley," stellte Harm vor, "Leute, das ist meine Partnerin, Sarah MacKenzie."

"Mac." erklärte die Marine-Corps-Offizierin, schüttelte mehrere Hände und versuchte, sich die dazugehörenden Namen einzuprägen. Alice und Jeff Reed waren ein Ehepaar Mitte 50; Elizabeth war eine blonde Frau Ende 20, die ein wenige Monate altes Baby im Arm hielt, und ihr Bruder Jason mochte zwei oder drei Jahre jünger als Harm sein und war hochgewachsen und ebenfalls blond.

"Du hast mich ja ganz vergessen, Onkel Harm! Ich bin Cindy." beschwerte sich ein etwa vier- oder fünfjähriges Mädchen, das jetzt hinter ihrem Vater, Ben Torley, vorkam.

Mac beugte sich lächelnd zu der Kleinen hinunter. "Harm hat sich nur das Beste für den Schluß aufgehoben, Cindy." meinte sie zwinkernd.

Alle lachten und Granny zog ihren hochgewachsenen Enkel ein wenig zu sich hinab. "Bist du nicht froh, daß du sie mitgebracht hast, Harmon?" fragte sie leise.

"Das stand von Anfang an außer Frage, Granny." gab Harm ruhig zurück.


0018 Z-Zeit (19:18 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Mac saß mit Harm und seiner Familie beim Abendessen und hörte ihren Erzählungen zu. Der Rest der Familie, so erfuhr sie, würde erst morgen, an Grannys Geburtstag, eintreffen, nur die Rabbs aus Kalifornien waren bereits heute angekommen.

"Wie war der Flug, Sarah?" erkundigte sich Granny, der aufgefallen war, daß Mac sehr ruhig war und sich möglichst im Hintergrund hielt.

"Gut," antwortete Mac lächelnd, "In einer Stearman gibt es keine Touristen-Klasse."

"Und keine Rentner," fügte Granny belustigt hinzu, "Und wie ist euer Fall ausgegangen? Habt ihr gewonnen?" Fragend sah sie zwischen Mac und Harm hin und her.

"Ja, natürlich." erwiderte Harm selbstbewußt.

Granny lächelte zufrieden. "Ich habe von einem Rabb auch gar nichts anderes erwartet," erklärte sie und zwinkerte Mac verschwörerisch zu, "Zukünftige Rabbs natürlich eingeschlossen."

Harm stöhnte auf. Jetzt begann Granny schon wieder damit! Er warf einen schnellen, prüfenden Blick in die Runde, aber nur Trish und Frank sahen etwas fragend-amüsiert drein, während die anderen keinen Anstoß daran zu nehmen schienen. Harm wollte lieber gar nicht erst wissen, was Granny ihnen über ihn und Mac erzählt hatte.

Mac versuchte auch weiterhin, sich etwas im Hintergrund zu halten und die Familienzusammenkunft nicht weiter zu stören.

"Darf ich Ihnen etwas Wein einschenken, Miss MacKenzie?" erkundigte sich Harms Cousin Jason freundlich, "Granny baut ihn selbst an, er ist wirklich ganz vorzüglich."

Harm stöhnte innerlich. "Mac ist ein Marine, die trinken keinen Wein." teilte er seinem Cousin mit, um Mac eine Erklärung zu ersparen.

Mac warf ihm einen Blick zu und lächelte leicht, schüttelte jedoch den Kopf. Harm wußte auch ohne Worte, was es zu bedeuten hatte: Sie brauchte keine Hilfe, auch nicht seine, und sie konnte durchaus für sich selbst sprechen, auch wenn sie seinen Versuch, ihr eine peinliche Situation zu ersparen, durchaus zu schätzen wußte. "Ich war Alkoholikerin und deshalb trinke ich nicht." erklärte sie offen.

Die Reeds und die Torleys sahen sie überrascht an. Harm kannte das Gefühl. Er hatte es damals auch fast nicht glauben können, daß diese so stark wirkende Frau alkoholabhängig gewesen war.

Mac senkte leicht den Kopf. Jetzt war genau das passiert, was sie unbedingt hatte vermeiden wollen: Aller Aufmerksamkeit richtete sich auf sie, anstatt auf Granny, das "Geburtstagskind".

"Wenn jeder so offen und mutig zu sich, seinen Problemen und seiner Vergangenheit stehen würde, sähe die Welt ein ganzes Stück besser aus." sagte Frank sanft und anerkennend.

Die anderen am Tisch nickten zustimmend und der Moment der Unbehaglichkeit war vorbei. Harm warf seinem Stiefvater einen Blick zu, der irgendwo zwischen Dankbarkeit und Verwunderung schwankte, und Granny tätschelte liebevoll Franks Wange, als sei er ein braves, kleines Kind. Wie schon mehrmals während den letzen 2 Stunden bemerkte Mac etwas erstaunt die Beziehung zwischen Granny und Frank. Sie hatte gedacht, daß ihr Verhältnis schwierig und distanziert war, denn schließlich hatte Frank die Stelle ihres toten Sohnes eingenommen, aber Frank und Sarah Rabb gingen herzlich und respektvoll miteinander um. Granny behandelte Frank wie einen Schwiegersohn.

Etwas später übernahmen es Harm und Eli, wie seine Cousine genannt wurde, den Tisch abzuräumen, damit die anderen noch sitzenbleiben konnten. Als Harm aus der Küche zurückkehrte, fand er Mac mit dem schlafenden Baby auf dem Arm vor. Er blinzelte zweimal und lächelte dann. "Schön zu sehen, daß Sie schon für unseren Deal trainieren." sagte er halblaut zu ihr.

Granny, die auf Macs anderer Seite saß, hörte es jedoch. "Welcher Deal?" fragte sie neugierig.

"Oh, dein zukünftiger Ur-Enkel," erklärte Harm mit einem breiten Rabb-Grinsen, so als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, "... mit Macs Aussehen und meiner Intelligenz."

Trish warf Granny einen fragenden Blick zu, doch die zuckte nur mit den Schultern. "Urenkel?" fragte Trish interessiert nach.

Mac schüttelte den Kopf. "Urenkelin, Mrs. Burnett. Mit Harms Aussehen und meiner Intelligenz." widersprach sie.

"Ich bin für eine Urenkelin mit Macs Aussehen und ihrer Intelligenz." warf Granny ein. Harm verzichtete darauf zu erwähnen, daß er ebenfalls nichts dagegen einzuwenden hatte.

"Wie wäre es mit Zwillingen?" schlug Trish vor.

Harm und Mac tauschten einen kurzen Blick. Langsam wurde es ihnen unbehaglich.

"Ihr habt selbst damit angefangen!" hielt Granny ihnen schmunzelnd vor, "Diesmal bin ich vollkommen unschuldig!"


0314 Z-Zeit (22:14 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Trish Burnett half ihrer Schwiegermutter, die letzten Gläser in die Küche zu bringen, nachdem die fröhliche Gesellschaft am Tisch sich langsam aufzulösen begann. "Was ist das denn, Mum?" fragte sie verwundert und hielt eine Säge hoch, die auf dem Küchentisch gelegen hatte, "Damit willst du morgen aber nicht etwa den Kuchen aufschneiden, oder?"

Granny nahm ihr die Säge aus der Hand. "Nein, keine Sorge, ich habe nur vergessen, das Ding wegzuräumen. Altersdemenz!" meinte sie selbstironisch.

Trish nickte und wandte ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu. Sie sah hinaus ins Wohnzimmer, zu ihrem einzigen Sohn, der in einem Sessel saß und nach draußen sah. "Was geht da vor zwischen den beiden?" wollte sie von Granny wissen.

Granny verstand sofort, welche "beiden" ihre Schwiegertochter meinte. "Oh, das muß ich dir doch nicht wirklich erklären, oder, Trish? Es ist doch so offensichtlich!" meinte Granny.

Trish warf erneut einen Blick zu Harm hinüber. "Für alle außer den beiden." bestätigte sie lächelnd.

"Dabei geben sie so ein schönes Pa..." begann Granny.

Harm hatte wohl den Blick seiner Mutter gespürt und obwohl er nicht verstehen konnte, über was sie sprachen, rief er herüber: "Egal was sie sagt, Mum, wir sind nur Freunde!"

Trish mußte lachen. "Woher willst du wissen, was sie gesagt hat, Harm?" erkundigte sie sich amüsiert.

"Das war nicht schwer zu erraten. Wenn meine Mutter und meine Großmutter beieinanderstehen und mich mit diesem Blick ansehen, dann kann es nur um eines gehen."

Granny verließ die Küche und ging zu ihrem Enkel hinüber. "Hast du deine Sarah schon zugedeckt?" wollte sie von ihm wissen.

Harm sah sie erst erstaunt und dann strafend an. "Fängt das jetzt schon wieder an?"

Granny lachte. "Ich spreche von deiner Stearman! Aber scheinbar kannst du ja nur an Sarah MacKenzie denken. Wo ist sie übrigens?" erkundigte sich die alte Dame.

Harm warf erneut einen Blick nach draußen. "Auf der Veranda. Ich glaube, sie braucht mal einen Moment für sich." erklärte er sanft.

Sarah Rabb warf Trish einen raschen Blick zu, der "Was hab ich dir gesagt?" zu sagen schien.

"Granny!" mahnte Harm seufzend.

"Was denn, ich habe doch kein Wort gesagt. Darf man jetzt nicht mal mehr jemanden ankucken?" fragte Granny unschuldig.

Harm erhob sich. "Ich geh mal nach Mac sehen." erklärte er und ging nach draußen, ignorierte die Blicke, die ihm folgten. Er brauchte einen Moment, bevor seine Augen sich an das Halbdunkel, das auf der Veranda herrschte, gewöhnt hatten, dann entdeckte er Mac. Sie saß in Grannys Hollywood-Schaukel, sah in die Dunkelheit hinaus und schaukelte von Zeit zu Zeit leicht hin und her. Harm näherte sich vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken. "Hey, alles okay?" erkundigte er sich und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen.

"Alles bestens." bestätigte Mac und rutschte ein Stück zur Seite, so daß Harm sich neben sie setzen konnte. Sie spürte sofort die Wärme, die er ausstrahlte – körperlich und emotional.

Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. "Es ist so friedlich hier." sagte Mac dann mit einer Handbewegung, die das ganze Anwesen einschloß.

Harm nickte ruhig. "Grannys Farm ist für mich das, was die Red Rock Mesa für Sie ist. Nach meiner Bruchlandung habe ich eine Menge Zeit hier verbracht und das hat mir geholfen, wieder zu mir selbst zu finden und ein paar Entscheidungen über meine Zukunft zu treffen," Er sah Mac von der Seite her an, "Wirklich alles in Ordnung mit Ihnen? Ist ein bißchen viel gewesen da innen, oder?"

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, das war schon okay. Ihre Familie ist wirklich sehr nett. Alle waren sehr freundlich zu mir." versicherte sie.

Harm lächelte. Er hatte bisher kaum Leute kennengelernt, die es schwer fanden, freundlich zu Sarah MacKenzie zu sein. "Bißchen zu nette Familie, hm?" fragte er und rutschte ein Stück beiseite, um Mac prüfend ansehen zu können.

Mac begann ein wenig in der kühlen Abendluft zu frösteln. "Ich schätze, ich muß mich erst daran gewöhnen." antwortete sie mit einem unterdrückten Seufzen und lächelte tapfer.

Harm nickte und erhob sich. "Kommen Sie wieder mit rein?" fragte er und hielt Mac einladend die Hand hin.

Mac ergriff sie ohne zu zögern und zog sich hoch. Harm bemerkte, wie kalt ihre Hand war, sagte aber nichts. Er ließ die Hand wieder los, um Mac vor sich her ins Haus zu schieben.

Frank brachte Mac wortlos eine Tasse Tee und verwickelte sie in ein Gespräch. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag spürte Harm ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit gegenüber seinem Stiefvater. In Momenten wie diesen bedauerte er es, daß sie sich nie so nahe gestanden hatten, wie es hätte sein können. Harm wußte, daß die Schuld bei ihm lag. Obwohl er Frank mochte, war es ihm nie leicht gefallen, ihn zu akzeptieren.

"Sie paßt in diese Familie wie die Faust aufs Auge, hm?" sagte Granny leise zu Harm.

Harm sah seine Großmutter ernst an. "Granny, ich habe nichts gegen Scherze und Neckereien, aber bitte, laß es jetzt gut sein, ja? Ich möchte nicht, daß Mac beginnt, sich unbehaglich zu fühlen. Okay?" Er sah ihr direkt und intensiv in die Augen.

Granny legte ihm die Hand auf den Arm und lächelte etwas. "Okay."

Harm nickte befriedigt und registrierte, daß die meisten Familienmitglieder sich bereits in ihre Zimmer zurückgezogen hatten. "Hab ich mein altes Zimmer?" erkundigte er sich.

"IHR habt dein altes Zimmer," korrigierte seine Großmutter, "Tut mir leid, aber ich habe eben nur drei Gästezimmer; du und Sarah werdet euch einen Raum teilen müssen. Es ist ja nicht das erste Mal."

Harm wußte, daß Granny recht hatte: Frank und Trish, Jeff und Alice sowie Elizabeth und Ben benötigten je eines der drei Gästezimmer und tatsächlich hatten er und Mac schon mehrmals ein Zimmer teilen müssen - jedoch war Macs Wohnung und selbst das Hotelzimmer in Rußland riesig gewesen im Vergleich zu dem kleinen Kämmerchen und dem nicht sehr breiten Bett. "Dann schlafe ich drüben im Wohnzimmer, auf der Couch." bot Harm an.

Granny schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, aber da schläft schon Jason. Es sei denn natürlich, du möchtest, daß Mac mit Jason in einem Zimmer übernachtet, in diesem Fall kannst du natürlich im Wohnzimmer schlafen." Sarah Rabb grinste breit.

Harm warf einen Blick zu seinem Cousin Jason hinüber, der sich zu Frank und Mac gesellt hatte. Besser er selbst als Jason, entschied er. "Nein, schon gut, Granny. Mac und ich werden uns schon irgendwie arrangieren." erklärte er.

Sie gingen zu den dreien hinüber. "Mac, es sieht so aus, als ob wir ein kleines Problem mit den Gästezimmern haben..." begann Harm.

Mac stellte ihre Teetasse ab. "Ich kann gerne im nächsten Hotel übernachten." bot sie an.

"Unsinn, Mac!" - "Kommt nicht in Frage, Sarah!" - "Das ist nicht nötig, Miss MacKenzie!" kam es von allen Seiten.

"Das sollte kein Rauswurf sein, Mac, ich wollte nur wissen, ob es okay ist, wenn wir uns mein altes Zimmer teilen." sagte Harm schließlich.

"Mit all Ihren Teddybären?" erkundigte sich Mac lächelnd.

"Ich hatte keine Teddybären als Kind," widersprach Harm, "ich hatte..."

"...Flugzeugmodelle." beendete Mac den Satz. Harm nickte grinsend.

Die anderen wünschten eine gute Nacht und Granny zeigte Mac, wo das Gästebadezimmer war, bevor sie ebenfalls in ihrem Zimmer verschwand.

Harm und Mac nahmen ihre Reisetaschen und gingen zu Harms Zimmer hinüber. Mac sah sich prüfend um, als Harm das Licht anschaltete. Das Zimmer war nicht sehr groß; es enthielt nur ein Bett, einen Schrank, ein winziges Tischchen mit Stuhl und eine schmale Couch. Auf einem Regal thronte neben einigen Pokalen und Flugzeugmodellen ein Teddy-Bär.

Mac mußte lachen. "Kein Teddybär, hm? Und was ist das, bitte?" verlangte sie zu wissen.

"Das ist der Pilot von all den Flugzeugen hier." erklärte Harm betont ernsthaft. Tatsächlich hatte das Stofftier ein winziges Fliegerabzeichen aus Blech auf der Brust.

Lachend nahm Mac ihren Waschbeutel aus der Tasche und ging in Richtung Badezimmer.

"Hey, Mac!" rief Harm ihr nach.

"Ja, ich weiß, ich habe das Spitzenneglice zuhause gelassen. Keine Angst!" erwiderte Mac, ohne sich umzudrehen.

"Angst? Wer hat von Angst gesprochen?" murmelte Harm, als sie davonging. Er holte sich ein Kissen und eine Decke aus dem Schrank und bereitete sich ein Schlaflager auf der Couch. Dann nahm er den Teddybär vom Regal und setzte ihn Mac grinsend aufs Kopfkissen.

Kurze Zeit später kam Mac in einem Pyjama herein. "Von wegen, Sie haben keinen Pyjama! Wissen Sie, langsam bekomme ich wirklich das Gefühl, daß Sie dieses Spitzennachthemd in Rußland nur meinetwegen angezogen haben." kommentierte Harm und hob eine Augenbraue an.

Mac warf ihm einen "Sehr-witzig"-Blick zu. "Ich wußte nichtmal, daß wir in Rußland im selben Zimmer enden würden." protestierte Mac.

"Oh, wer weiß, was Sie da mit Ihrer Freundin von der Rezeption ausgemacht haben!" meinte Harm schmunzelnd. Er wußte noch immer nicht, was Mac zu der russischen Hotelbediensteten gesagt hatte.

"Ach, sie hat nur ein paar Vermutungen darüber geäußert, welchen Beruf ich wohl ausübe." erklärte Mac sachlich.

Harm sah sie nur zweifelnd an und als Mac keine weiteren Erklärungen mehr anbot, ging er ebenfalls zum Badezimmer. Als er in T-Shirt und Boxershorts zurückkam, saß Mac auf der Bettkante und begutachtete den "Flieger"-Teddybär, den Harm ihr aufs Kissen gesetzt hatte.

"Jetzt teilen Sie doch noch mit einem Piloten das Bett." meinte Harm amüsiert, während er zur Couch hinüberging.

"Und Sie? Sie wollen doch nicht im Ernst auf dieser Couch übernachten, oder? Sie sind viel zu groß für das winzige Ding!" stellte Mac fest.

"Ich hab doch auch schon in Rußland auf der Couch übernachtet." erwiderte Harm achselnzuckend.

"Ja, aber gut geschlafen haben Sie da auch nicht gerade." gab Mac zurück.

"Was aber nicht an der Couch lag, Mac," wandte Harm ein, "Und wenn ich mich recht entsinne, waren Sie auch immer wach, wenn ich aufgewacht bin, obwohl Sie das Bett hatten."

"Sehen Sie, ich hatte beim letzten Mal das Bett! Deshalb bin ich jetzt dran, auf der Couch zu schlafen," argumentierte Mac, "ich bin ja auch kleiner als Sie. Also geben Sie Ihre Kavaliers-Allüren auf und nehmen Sie das Bett."

Sie ging auf die Couch zu, aber Harm versperrte ihr den Weg und schüttelte energisch den Kopf. "Wie war das noch? Sie sind genauso machohaft wie ich? Das merke ich gerade. Das ist mein Zimmer und deshalb bestimme ich, wer wo schläft. Und wir Rabbs lassen unsere Gäste nicht auf der Couch übernachten! Ich habe schon öfters auf dieser Couch geschlafen, als ich ein Teenager war. Eine Nacht mehr wird mich nicht umbringen. Ende der Diskussion." Zur Verdeutlichung nahm er die Decke und streckte sich auf der Couch aus.

Krach! Mit einem berstenden Laut brach die Couch auf der einen Seite unter Harm zusammen, so daß er am Boden landete.

Während Harm nur verdutzt dalag, lachte Mac nach der ersten Schrecksekunde laut auf. "Kann es sein, daß Sie in Ihren Teenager-Jahren um ein paar Kilo leichter waren?" erkundigte sie sich neckisch.

"Sehr einfühlsam, wirklich, Mac!" beschwerte sich Harm, während er stöhnend auf die Beine kam.

Mac wurde fast schlagartig ernst. "Alles okay? Sie haben sich doch nichts gebrochen oder so?" fragte sie besorgt.

"Keine Sorge, außer meinem Ego ist alles heil geblieben." versicherte Harm und jetzt mußte auch er etwas lachen. Er ging um das an einer Seite zusammengebrochene Sofa herum und begutachtete es kritisch. Zugegeben, es war eine alte Couch und sicher nicht die stabilste, aber daß sie plötzlich unter ihm zusammenbrach hatte er nicht erwartet. Er schob den Bezugsstoff etwas beiseite und besah sich stirnrunzelnd den ungewöhnlich glatten Bruch des Holzes. Harm als Hobby-Heimwerker sah sofort, daß das Holz nicht etwa brüchig geworden war.

"Etwas nicht in Ordnung?" fragte Mac, als sie sein Stirnrunzeln bemerkte.

"Oh, doch, alles okay." beruhigte sie Harm und erhob sich. "Nur Granny wird nicht mehr so okay sein, wenn ich morgen mit ihr gesprochen habe!" fügte er in Gedanken hinzu. Aber er sah keinen Sinn darin, Mac mit seinem Verdacht zu beunruhigen. "Tja, es sieht so aus, als hätten wir ein Problem." meinte er auf die Trümmer der Couch zeigend.

Mac schüttelte vage den Kopf. "Sieht so aus, als würde ich tatsächlich das Bett mit einem Piloten teilen, hm?"

Harm sah sie an. Meinte sie das wirklich ernst? Manchmal überraschte seine Partnerin ihn wirklich. "Mac, das Bett ist nicht sehr breit ..."

"Ist mir schon aufgefallen." murmelte Mac ironisch.

"Ich meine damit, überlegen Sie sich gut, was Sie da anbieten." entgegnete Harm, gab ihr damit eine Gelegenheit, ihr Angebot zurückzuziehen.

Mac seufzte. "Harm, ich bin müde und ich bin sicher, Sie sind es auch. Also, wenn Sie versprechen, sich zu benehmen..." meinte sie lächelnd.

"Solange Sie dasselbe tun und Ihre Hände bei sich behalten." antwortete Harm scherzhaft.

"Ich glaube, das kann ich gerade noch bewerkstelligen." erklärte Mac im selben Tonfall.

Harm nahm sein Kissen und die Decke und kam zu ihr herüber. Er setzte den Teddybär aufs Regal zurück. "Den brauchen Sie nicht mehr, jetzt haben Sie ja einen richtigen Piloten, wenn Sie was zum Kuscheln brauchen." wandte er sich grinsend an Mac.

Mac rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. "Ich dachte, ich soll meine Hände bei mir behalten?"

"Seit wann nehmen Sie alles so wörtlich, was ich sage?" erkundigte sich Harm lächelnd, ohne jedoch hinzuzufügen, welche von beiden Aussagen sie nicht so ernst nehmen sollte – daß sie die Hände bei sich behalten sollte oder daß sie jetzt ihn hatte, wenn sie etwas zum Kuscheln brauchte.

Harm schaltete das Licht aus und legte sich ganz an den Rand des Bettes, um Mac genug Platz zu lassen, aber trotzdem war es in dem eher schmalen Bett nicht zu vermeiden, daß Harms breite Schulter Macs berührte. Mac mußte sich darauf konzentrieren, ganz ruhig zu atmen. Sie drehte sich mit dem Rücken zur Wand, wobei ihr Fuß versehentlich Harms Schienbein streifte.

"Gute Nacht, Mac." sagte Harm mit etwas belegter Stimme.

Mac knuffte ihren Partner in dem Bemühen, die Situation etwas aufzulockern, in die Seite. "Die werden Sie bestimmt nicht haben, wenn Sie die ganze Nacht in dieser stocksteifen Haltung daliegen." kommentierte sie.

Harm richtete sich auf einem Ellenbogen auf und grinste. "Ach, ich dachte immer, daß ihr Frauen das von uns Männern in einer Bett-Situation erwartet?"

"Was soll das werden, Commander? Sie wollen mich doch nicht etwa danach fragen, was ich in einer Bett-Situation von einem Mann erwarte, oder?" fragte Mac in einem spielerisch-scherzhaften Ton.

"Woher die plötzliche Schüchternheit, Mac?" neckte Harm, froh, die seltsame Situation etwas auflockern zu können, "Noch vor ein paar Minuten konnten Sie mich doch gar nicht schnell genug ins Bett bekommen! Soweit kann es also mit der Moral von euch Marines nicht her sein; die schleifen einfach den nächstbesten, dahergelaufenen Sailor ins Bett!" Harms Zähne funkelten im Halbdunkeln als er grinste.

Er glaubte im schwachen Mondlicht, das durch das Fenster hereinfiel, zu erkennen, daß Mac aufhörte zu lächeln und hoffte, daß er mit seinem Scherz nicht zuweit gegangen war. Doch dann streifte Macs warme Hand flüchtig seine Schultern und sie murmelte: "Sie sind nicht der nächstbeste, dahergelaufene Sailor, Harm. Sie sind ein Freund."

Harm schluckte und widerstand nur mit Mühe der Versuchung, Mac an sich zu ziehen. Sie sollte es nicht falsch verstehen. "Okay, und Sie sind kein moralloser Marine." gab er lächelnd zu.

Mac erwiderte sein Lächeln. "Gute Nacht, Flyboy." Sie rollte sich herum, so daß sie mit dem Gesicht zur Wand lag.

"Nacht, Marine." antwortete Harm sanft und drehte sich ebenfalls auf die andere Seite. Mit Macs Wärme an seinem Rücken schlief er schließlich ein.


1114 Z-Zeit (06:14 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Patricia "Trish" Burnett kam im Morgenmantel aus dem Gästezimmer und ging in Richtung Badezimmer, als sie ihre Schwiegermutter entdeckte. Granny stand im Nachthemd und Pantoffeln im Gang und sah wie gebannt durch eine Türe, die sie gerade vorsichtig geöffnet hatte.

"Mum, was tust du da um 6 Uhr morgens?" wollte Trish verwundert wissen.

Sarah Rabb drehte sich nicht um, sondern sah weiterhin in dieselbe Richtung. "Psst!" wisperte sie, "Ich sehe mir nur mein Geburtstagsgeschenk an."

Stirnrunzelnd trat Trish näher. "Welches Geburtstagsge... oh!" Sie brach ab, als sie nahe genug herangekommen war, um einen Blick in das Zimmer, vor dem Granny stand, zu werfen. Trish wußte, daß es Harms altes Jugendzimmer war, und wie sie vermutet hatte, hatte Harm hier übernachtet. Was Trish jedoch weder gewußt noch vermutet hatte, war, daß Harm das Zimmer mit Mac teilte. "Und nicht nur das Zimmer!" dachte Trish bei dem unerwarteten Anblick. Ihr Sohn und seine dunkelhaarige Partnerin schlummerten friedlich und so eng umschlungen in dem schmalen Bett, daß Trish auf den ersten Blick Schwierigkeiten hatte, genau zu sagen, welches Körperteil zu wem gehörte.

Nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, sah Trish zu ihrer Schwiegermutter hinüber. Granny stand noch immer reglos in der Türe und betrachtete mit einem zufriedenen Rabb-Grinsen die idyllische Szene vor sich. "Mum, was hast du getan?" fragte Trish streng.

"Ich? Sieht das da aus wie etwas, was ich getan habe?" gab Granny unschuldig zurück und wies zum Bett, wo Mac sich gerade im Schlaf herumrollte, so daß ihr Arm quer über Harms Brust zu liegen kam. Grannys zufriedenes Grinsen wuchs in die Breite.

"Komm mir jetzt nicht mit diesem treuherzigen Rabb-Blick, den kenne ich schon," stellte Trish klar, "Also, wie hast du das fertig bekommen? Bei mir will Harm jedesmal das Thema wechseln, wenn ich Macs Namen auch nur nenne."

"Ach ja? Dabei redet er von nichts Anderem, wenn er hier ist." behauptete Granny.

"Das ist nicht wahr." kam plötzlich Harms noch etwas schläfrige Stimme vom Bett. Er sprach leise, um Mac nicht zu wecken, und er zögerte, die Augen zu öffnen. Wider Erwarten hatte er gut geschlafen; zum ersten Mal seit 2 Wochen war er nicht nachts aufgewacht, weil ihm kalt war.

"Oh doch! Vielleicht sagst du es nicht laut, aber ich sehe es in deinen Augen, wann immer dich etwas an deinen Marine erinnert." widersprach Granny von der Tür her.

Harm öffnete jetzt doch die Augen und sah seine Mutter und Großmutter im Türrahmen stehen und ihn ansehen. Dann wanderte sein Blick weiter zu Macs Kopf neben seinem auf dem Kissen und ihrem Arm auf seiner Brust. Sein eigener Arm, der irgendwo unter Mac begraben war, war längst taub geworden. Nach einigen Sekunden wurde ihm klar, wie diese Szene auf Trish und Granny wirken mußte. Er stöhnte innerlich und machte sich darauf gefaßt, daß er heute noch mehr Anspielungen im Bezug auf seine Beziehung zu Mac hören würde als sonst.

"Granny, zum hundertsten Mal, sie ist nicht mein Marine." protestierte er.

Sarah Rabb lächelte unbeirrt. "Natürlich ist sie das. Niemand sonst nennt Sarah Marine, nur du – also ist sie DEIN Marine." argumentierte sie ruhig.

Harm zog vorsichtig seinen gefühllos gewordenen Arm unter Mac hervor und versuchte so geräuschlos wie möglich aus dem Bett zu steigen. Glücklicherweise drehte sich Mac nur ein wenig, kuschelte sich tiefer in die Decken, da wo Harm gerade noch gelegen hatte, ohne dabei aufzuwachen. Entweder hatte sie die ganze Nacht kaum geschlafen und war jetzt erschöpft oder sie hatte so tief und fest geschlafen wie Harm. Er hoffte, daß es letzteres war.

Harm schnappte sich leise seine Kleidung und schloß die Tür. Granny und Trish standen noch immer auf dem Gang und sahen ihn an. "Was ist?" fragte Harm stirnrunzelnd.

Trish räusperte sich. "Harm, du weißt, daß ich Mac für eine tolle Frau halte, das hab ich schon immer gesagt, aber ein kleiner Hinweis, daß ihr zwei jetzt zusammen seid, wäre trotzdem nicht übel gewesen." erklärte seine Mutter.

Harm fuhr sich etwas ratlos über die noch unrasierte Wange. "Mum, wir sind nicht zusammen und es ist überhaupt nichts passiert!" versicherte er mit Nachdruck.

Trish glaubte ihm sofort. Harm hatte sie noch niemals belogen. Außerdem hatte er auch keinen Grund, eine Beziehung zwischen ihm und Mac geheim zu halten, denn die ganze Familie hatte seine Partnerin ins Herz geschlossen.

"Du hast einen platonischen Wunderknaben aufgezogen." sagte Granny schmunzelnd zu Trish.

Harm wandte sich ihr zu und umarmte sie kurz – wenigstens enthob ihn das einer Antwort und verhinderte für den Moment, daß Granny noch mehr sagen konnte. "Alles Gute zum Geburtstag, Granny," wünschte er herzlich, "obwohl du es ja eigentlich nicht verdient hast. Wenn du das nächste Mal Sägearbeiten vornimmst, dann laß es mich wissen, ja?" Mit diesen Worten ließ er die beiden Frauen stehen, um ins Badezimmer zu gehen.


1305 Z-Zeit (08:05 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm hatte inzwischen schon die dritte Tasse Kaffee getrunken, jedoch war nicht nur sein hoher Koffein-Spiegel dafür verantwortlich, daß er nun zum vierten Mal zunehmend unruhig und lauschend an der Türe zu seinem alten Zimmer vorbeiging. Irgendwie kam es ihm seltsam vor, daß Mac, die Frühaufsteherin, noch nicht wach war.

"Wartest du auf Sarah?" fragte Granny plötzlich hinter ihm.

Harm zuckte leicht zusammen und drehte sich zu ihr um. "Oh, Granny, hallo." sagte er leise, um Mac, die hinter der Zimmertüre schlief, nicht zu wecken.

"Du kannst ruhig lauter sprechen, Sarah ist bereits ziemlich munter." erklärte Granny.

Harm zog die Augenbrauen hoch. "Was meinst du damit?" wollte er wissen.

"Sie ist vor 20 Minuten joggen gegangen, mit Jason." antwortete Granny und beobachtete die Reaktion ihres Enkels genau.

"Oh." sagte Harm nur. Er war zugegebenermaßen etwas enttäuscht, denn er hatte gehofft, daß Mac und er zusammen joggen gehen würden. Ein bißchen ärgerte er sich darüber, daß sie ihm nicht einmal guten Morgen gesagt oder gefragt hatte, ob er sie begleiten wolle.

"Bist du etwa eifersüchtig auf Jason?" erkundigte sich Granny mit sanftem Spott.

"Blödsinn!" widersprach Harm energisch, "Ich wundere mich nur ein bißchen, das ist alles. Normalerweise ist Mac nicht so ... vertrauensselig."

"Vertrauensselig?" wiederholte Granny und schüttelte lächelnd den Kopf, "Harmon, sie geht nur joggen mit Jason. Sie läßt sich sicher nicht von ihm hinters nächste Gebüsch ziehen!"

Mit gelindem Schock sah Harm sie an. "Granny, ich liebe dich wirklich heiß und innig, aber manchmal kommen mir ernsthafte Zweifel, ob ich tatsächlich mit dir verwandt bin!" sagte er kopfschüttelnd. Die 85jährige hatte manchmal eine Sprache...

"Du ähnelst eben mehr deinem Großvater. Wenn du nach mir kommen würdest, dann wärt Sarah und Du längst verheiratet und hättet ein halbes Dutzend Kinder." entgegnete Granny trocken.


1315 Z-Zeit (08:15 Uhr EST)
In der Nähe des Rabb-Anwesens
Belleville, Pennsylvania

Mac und Jason Reed joggten nebeneinander den Waldweg entlang. Der Boden war noch stellenweise gefroren und ihr Atem kondensierte vor ihren Gesichtern. Es war ein klarer Wintermorgen und Mac genoß die Landluft, die Ruhe und die Bewegung. Zu gerne wäre sie jetzt mit Harm unterwegs gewesen, aber als Jason sie so freundlich gefragt hatte und Harm nirgendwo aufzufinden war, waren sie eben ohne ihn aufgebrochen. Mac wollte auch nicht, daß Harm das Gefühl hatte, er müsse seine Zeit in Pennsylvania damit verbringen, sie zu unterhalten.

Außerdem ersetzte Jason Harm als Joggingpartner ... beinahe jedenfalls. Jason Reed war etwa 2 Jahre älter als Mac, hochgewachsen, blond und gutgebaut. Er war selbständiger Architekt, ein guter Gesprächspartner und besaß denselben Humor, den Mac bisher bei allen Mitgliedern der Rabb-Familie kennengelernt hatte. Was Mac jedoch vermißte, war das spielerische Necken, das zwischen ihr und Harm so oft herrschte. Aber natürlich mußte man sich dazu gut genug kennengelernt und eine Vertrauensbasis entwickelt haben; man mußte wissen, wo beim anderen die Grenze zwischen scherzhaftem Spott und verletzendem Sarkasmus lag.

Nebeneinander liefen sie einen flachen Hügel hinab. Jason stellte fest, daß die junge Frau spielend mit ihm mithalten konnte. Harm mußte wirklich stolz auf sie sein. "Ich hoffe, es ist okay, daß wir alleine aufgebrochen sind," sagte Jason, als sie anhielten, um sich zu dehnen, "Ich meine, nicht, daß Sie meinetwegen Streit mit Harm bekommen."

Irritiert sah Mac den blonden Mann an. "Wieso sollte ich Streit mit Harm bekommen, nur weil ich mit Ihnen joggen gehe?" fragte sie verwundert.

Jason lächelte ein wenig verlegen. "Na ja, wenn ich eine Freundin wie Sie hätte und ..."

"Moment mal!" unterbrach Mac ihn scharf, "Harm und ich, wir sind Arbeitskollegen; Kollegen und Freunde, nichts weiter! Was hat Granny denn jetzt schon wieder rumerzählt?"

Erstaunt über die plötzliche Heftigkeit sah Jason sie an. "Nicht sehr viel, nur, daß Harm mit seiner Freundin kommt. Oder hat sie ’eine Freundin‘ gesagt? Na ja, aber ich habe gestern eben so den Eindruck bekommen ..." Harms Cousin machte eine verlegene Geste und brach ab.

Mac seufzte. "Harm und ich sind nur Freunde. Wir respektieren und vertrauen uns gegenseitig, aber mehr ist da nicht. Also haben Sie keinen Grund, sich Sorgen zu machen und Harm keinen Grund zur Eifersucht." Noch immer kopfschüttelnd begann Mac, den Hügel hinaufzulaufen.


1358 Z-Zeit (08:58 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm saß in der Hollywood-Schaukel und genoß die klare Morgenluft Pennsylvanias ... na ja, eigentlich genoß er sie viel weniger als sonst, denn er war etwas unruhig. Mac und Jason waren jetzt bereits 1 ½ Stunden unterwegs und hätten längst zurück sein müssen. Zum zwanzigsten Mal fragte sich Harm, warum Mac nicht auf ihn gewartet hatte. Und zum zwanzigsten Mal sagte er sich, daß er überreagierte und es ihm nicht zustand, Mac irgendwelche Vorschriften zu machen. Trotzdem konnte er nicht verhindern, daß er sich Sorgen machte. Selbst wenn sie von der üblichen Joggingstrecke, die er und Jason schon als Teenager gelaufen waren, abgewichen waren, hätten sie längst wieder zurück sein müssen.

Harm war drauf und dran, loszugehen, um sie zu suchen, als er am Waldrand eine Bewegung wahrnahm. Er erhob sich, trat an den Rand der Veranda und sah angestrengt in diese Richtung. Tatsächlich näherten sich zwei Gestalten, die ziemlich langsam gingen und eng umschlungen wirkten. Harm fühlte förmlich, wie sein Blutdruck stieg. Dann bemerkte er, daß eine der beiden Personen zu humpeln schien und sein Blutdruck stieg noch ein bißchen höher, diesmal aus einem anderen Grund. Besorgt ging er den beiden entgegen. Er hoffte, daß dieser gemeinsame Urlaub für Mac nicht erneut im Krankenhaus enden würde.

Als er näherkam, stellte er fest, daß es Jason war, der humpelte, während Mac ihn stützte. Eilig legte Harm die letzten Meter, die sie noch trennten, zurück und nahm wortlos Jasons anderen Arm. "Was ist passiert?" fragte er auf dem Weg zum Haus.

"Ich hab nicht aufgepaßt und bin über irgendeine blöde Wurzel gestolpert." erklärte Jason zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Harm sagte nichts dazu. "Ich kann mir schon denken, was dich abgelenkt hat, mein lieber Vetter." dachte er sich mit einem kurzen Grinsen.


1421 Z-Zeit (09:21 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Ben Torley, der Arzt war, sah vom angeschwollenen Fuß seines Schwagers auf. "Du hast nochmal Glück gehabt; der Knöchel ist nur verstaucht." erklärte er Jason.

Mac lächelte Jason kurz zu, bevor sie Harm einen auffordernden Stoß in Richtung Küche gab. "Dann können wir jetzt ja vielleicht frühstücken, oder? Ich bin am Verhungern!"

Harm lachte. "Steht das irgendwie im Dienstvertrag von euch Marines?" wollte er amüsiert wissen.

Mac versetzte ihm einen Schlag auf die Schulter. "Klar, gleich unter der Vorschrift, daß wir uns nichts von euch Seeleuten gefallen lassen dürfen!"

Sie gingen mit den anderen in die Küche hinüber, wo Trish und Granny schon den Frühstückstisch gedeckt hatten. Granny sah auf, als Mac hereinkam. "Jag uns bloß nie wieder so einen Schreck ein, Liebes!" sagte Sarah Rabb ernst.

Mac lächelte und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ist ja nichts passiert," beruhigte sie und umarmte Granny, "aber jetzt erstmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Ich wünsche dir alles Gute, vor allem natürlich Gesundheit ... und einen Enkel, der nicht so frech ist und tut, was du sagst." Mac grinste spitzbübisch.

Granny strahlte. "Hast du das gehört, Harm? Dein Marine wünscht, daß du tust, was ich sage!" rief sie zu Harm hinüber.

Mac verdrehte die Augen. Sie hätte sich denken können, daß Granny es wieder einmal auf ihr derzeitiges Lieblingsthema bezog. "Sagen Sie’s ihr oder soll ich?" fragte sie Harm.

Harm machte eine großzügige Geste. "Nach Ihnen."

"Okay," Mac nickte, "Granny, ich bin nicht sein Marine. Ich bin Marine-Corps-Offizier der Vereinigten Staaten und ein Marine der Streitkräfte, aber ich bin nicht Harms Marine, klar? Ich gehöre ausschließlich mir selbst."

Harm sah sie an, lächelte und nickte dann ernst. Er wußte, daß sie viele Jahre voller Selbstzweifel, Wodka und Irrwege hinter sich hatte, ehe sie zu dieser Erkenntnis gelangt war.

Granny bedeutete Mac, sich zwischen sie und Harm zu setzen und reichte ihr ein Croissant, ein Brötchen und einen Teller mit Rühreiern und Speck.

"Ich dachte vorhin schon, Sie hätten sich verlaufen, Mac." sagte Harm mit einem Lächeln auf den Lippen. Nur in seinen Augen zeigte sich die Sorge, die er empfunden hatte, als Mac und Jason sich verspätet hatten.

Mac sah von ihrem Teller auf. "Marines verlaufen sich nicht, wir erkunden lediglich die Gegend." stellte sie würdevoll klar.

"Sie haben wohl eher die Wurzeln und den Waldboden erkundet." kommentierte Harm spöttisch.

"Ich bin nicht gestolpert," betonte Mac, "das war Jason."

Harm sah von seinem Joghurt auf und registrierte, daß Mac seinen Cousin jetzt schon beim Vornamen nannte. "Vielleicht, weil der Gute zu wenig auf den Weg und etwas mehr auf andere Dinge geachtet hat?" fragte Harm bedeutungsvoll.

Mac lächelte in spielerischem Triumph. "Na, sind Sie mal wieder eifersüchtig?" neckte sie ihren Partner.

Harm schnaubte als sei dies der abwegigste Gedanke, den er je gehört hatte. "Mac, bitte, werden Sie nicht kindisch! Ich finde nur, daß Sie etwas Besseres verdient haben. Sie wissen doch: Sie sind eine kluge, gutaussehende Frau ..."

"...die eine Tätowierung hat ..." beendete Mac seinen Satz.

Harm zuckte großmütig die Schultern und meinte grinsend: "Oh, ich schätze, das kann man in Kauf nehmen. Oder gibt es noch andere versteckte Mängel?" Prüfend sah er sie an.

"Im Corps ist die Musterung strenger als in der Navy; bei uns gibt es keine versteckten Mängel," betonte Mac, "aber Ihnen fehlen da ein paar Basiselemente des guten Benehmens. Lektion eins: Wie esse ich in Gesellschaft." Sie streckte die Hand aus und wischte mit dem Finger ein wenig Joghurt von Harms Jeans-Hemd.

"Eines muß man euch Marines lassen; ihr verschwendet wirklich kein Essen." kommentierte Harm grinsend.

"Harm, würdest du mir bitte mal die Milch rüberreichen?" bat Elizabeth Torley und nahm das Gewünschte von ihrem Cousin entgegen, "Danke. Hey, was habt ihr zwei gestern Nacht eigentlich noch gemacht? Ging ja ziemlich laut zu bei euch drüben!" stellte sie fest und sah zwischen Harm und Mac hin und her.

Die Aufmerksamkeit aller Personen am Tisch richtete sich sofort auf die beiden Anwälte. Vermutlich hatten alle im Haus das Gepolter des zusammenbrechenden Sofas gehört. Ein paar von Harms Verwandten grinsten, andere, wie Frank, blickten neutral und Trish sah unauffällig zu Granny hinüber.

Die ließ natürlich auch nicht mit einem Kommentar auf sich warten. "War das wieder euer berühmter wilder, hemmungsloser Sex?" fragte Granny mit einem breiten Rabb-Grinsen.

Beinahe wäre ein weiterer Löffel Joghurt auf Harms Hemd gelandet.

"Granny macht nur einen ihrer üblichen Scherze." versicherte Mac mit leicht rotem Gesicht.

Granny hatte doch noch Erbarmen mit Harm und Mac und wechselte das Thema. "Eli, Trish und Sarah, ihr könntet mir ein bißchen beim Kuchen backen helfen. Harm, wäre nett von dir, wenn du um 11 Uhr den Rest der Sippschaft aus Lewistown abholst."

"Bist du da sicher, Granny? Noch kannst du deine Küche vor einer Katastrophe retten!" warnte Harm grinsend.

Mac boxte ihn heftig auf die Schulter, sie wußte genau, daß er auf ihre Koch- und Backkünste anspielte. "Passen Sie nur auf, daß Ihnen nicht gleich eine Katastrophe passiert!" drohte sie mit einem gespielt grimmigen Blick.

"Sie meinen einen Knutschfleck vom Marine-Corps?" neckte Harm. Er hatte das blaue Auge des russischen Offiziers gesehen, nachdem dieser eine Runde mit Mac geboxt hatte.

"Knutschfleck?" fragte Granny sofort erwartungsvoll.

"Ein blaues Auge, Granny." erklärte Harm eilig.

Granny schüttelte in vorgetäuschter Verwunderung den Kopf. "Ich muß schon sagen, ihr Militärs habt wirklich seltsame Vorstellungen von Zuneigungsgesten."

Harm erhob sich. "Ich glaube, ich räume dann mal den Tisch ab."


1520 Z-Zeit (10:20 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm suchte im Wohnzimmer nach den Schlüsseln von Franks Chrysler Minivan und stolperte dabei fast über Jasons ausgestreckten, dick bandagierten Fuß. "Hoppla! Na, was macht der Knöchel?" erkundigte er sich bei seinem Cousin.

"Geht schon. Aber ich fürchte, so schnell kann ich nicht mehr joggen gehen," antwortete Jason Reed, "worüber du sicher nicht besonders traurig sein wirst." Er deutete vielsagend zur Küche hinüber, wo Mac mit Granny, Eli und Trish herumwerkelte.

"Hör auf damit, Jason," befahl Harm, "es genügt vollkommen, wenn Granny und Mum in dieselbe Kerbe schlagen."

"Schon gut, schon gut, ich wollte ja auch nur mal meine Bewunderung für deine ‘Arbeitskollegin‘ ausgedrückt haben," entgegnete Jason mit einem verstohlenen Lächeln, "Sie hat mich die letzte Meile des Rückwegs praktisch tragen müssen."

Harm nickte nur stumm und dachte an die vielen Gelegenheiten, bei denen Mac ihre Zähigkeit und ihren Mut bereits unter Beweis gestellt hatte.

Jason musterte seinen älteren Cousin. "Sie bedeutet dir viel, hab ich Recht?" erkundigte er sich ernsthaft.

Harm wandte seinen Blick von der Küchentüre ab und drehte sich zu Jason um. "Ja, aber nicht so, wie du jetzt denkst. Sie ist die beste Partnerin, die ich mir überhaupt nur vorstellen kann – auch wenn sie ein Marine ist," er grinste, "Sie respektiert mich und vertraut mir – und ich ihr." erklärte Harm, ohne zu wissen, daß Mac einst beinahe dasselbe über ihn gesagt hatte.

Frank Burnett stand, seine Autoschlüssel in der Hand, im Türrahmen und hatte die letzten Sätze mitangehört. "Wenn ich je eine Liebeserklärung von Harm gehört habe, dann diese!" dachte er, sagte aber nichts, sondern klimperte nur mit den Schlüsseln, um seine Anwesenheit kundzutun, "suchst du die hier, Harm?"


2030 Z-Zeit (15:30 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Granny und ihre Geburtstagsgäste saßen bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer. Außer Trishs Bruder und seiner Familie waren jetzt auch Grannys jüngerer Bruder Leroy, ihr Neffe Robert und Cousine Esther, sowie deren Familien anwesend.

Harm aß – ganz entgegen seiner sonstigen Ernährungsgewohnheiten – jetzt schon das dritte Stück Obstkuchen, während Mac Grannys berühmte Mokka-Torte probierte. "Wollen Sie mal versuchen, Mac? Ist wirklich gut." meinte Harm und hielt Mac einladend ein Stückchen Obstkuchen auf seiner Gabel hin.

"Ich weiß, wie der Kuchen schmeckt – ich habe ihn gebacken." erklärte Mac grinsend.

Harm mimte Fassungslosigkeit als er das nächste Stückchen in den Mund schob.

Leroy, Grannys Bruder, der ebenfalls ein Stück Obstkuchen vor sich hatte, nickte begeistert. "Weißt du, was dein Urgroßvater gesagt hätte, Harm? Ein Mädchen, das einen solchen Kuchen backen kann, ist es wert, geheiratet zu werden!"

"Toll, jetzt hat Granny auch noch Verstärkung erhalten!" Harm schob sich ein weiteres Stück Obstkuchen in den Mund, um nicht antworten zu müssen.


2102 Z-Zeit (16:02 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

"Harm, Sie waschen ab," meinte Mac im Befehlston, "Alle Tätigkeiten am und mit Wasser fallen in den Zuständigkeitsbereich der Navy."

Harm stand wie Mac im Türrahmen der Küche und verschränkte jetzt die Arme. "Für Transportdienste ist aber eher das Marine-Corps zuständig und ich habe trotzdem beim Abräumen geholfen!" protestierte er.

"Was kann ich dafür, wenn Sie Ihre Rechte und Pflichten nicht kennen?" entgegnete Mac unbeeindruckt.

"Ich will euer Techtel-mechtel ja nicht stören," sagte Granny, die gerade aus dem Wohnzimmer kam, "aber ihr solltet euren Atem lieber ein wenig sparen. Ihr braucht ihn gleich für das da." Sie deutete grinsend auf eine Stelle über Harm und Mac.

Die beiden Anwälte hoben die Köpfe. Über ihnen hing ein kleiner grüner Zweig am Türrahmen.

Harm stöhnte. "Was habt ihr vor? Wollt ihr sämtliche Mistelgewächse zwischen hier und der Westküste ausrotten?" erkundigte er sich kopfschüttelnd.

"Wieso?" fragte Granny unschuldig, dachte jedoch heimlich: "Das bedeutet wohl, daß die Roberts mein Paket mit den Mistelzweigen bekommen haben!"

"Tja, ich glaube, ich geh dann doch mal spülen." meinte Mac und machte einen Schritt in die Küche hinein. Weiter kam sie jedoch nicht, denn Granny packte sie - überraschend schnell für eine Frau von 85 Jahren - am Ärmel.

"Hiergeblieben," befahl sie schmunzelnd, "keiner rührt sich von der Stelle, bevor ich einen Kuß gesehen habe. Heute ist mein Geburtstag und ich rate keinem, mir zu widersprechen." Die alte Dame grinste triumphierend und sah ihren Enkel und Mac auffordernd an.

Harm und Mac wechselten eine schnellen, fast verlegenen Blick.

"Granny, das ist doch albern!" beschwerte sich Harm.

"Das finde ich auch – es ist albern, wie zwei erwachsene Menschen sich wegen einem kleinen Kuß anstellen!" entgegnete Sarah Rabb unbeirrbar, "Ihr scheint euch ja wirklich besonders abstoßend zu finden. Jetzt macht schon, ihr beiden, alte Leute wie ich können nicht mehr so lange ruhig an einer Stelle stehen."

"Brauchst du einen Stuhl, Mum?" rief Trish aus dem Wohnzimmer.

"Nicht nötig, Mrs Burnett, das geht ganz schnell." antwortete Mac an Grannys Stelle und küßte Harm schnell auf die Wange, bevor sie die Küche betrat.

Harm fuhr sich lächelnd mit der Hand über die Wange, bevor er ihr zur Spüle folgte, wobei er seine Großmutter mit einem schadenfrohen Grinsen bedachte.

"Hey, das gilt nicht!" protestierte Granny.

"Es war ein Kuß, oder nicht? Du hättest die genauen Bedingungen eben früher spezifizieren sollen!" sagte ihr Mac.

Granny verdrehte die Augen. "Anwälte!" stöhnte sie kopfschüttelnd, "Die unterzeichnen erst ein halbes Dutzend Einverständniserklärungen, bevor sie auch nur Händchen halten! Aber okay, ihr beiden Feiglinge, wenn ihr euch schon so billig aus der Affäre gezogen habt, wie wäre es mit einer anderen Herausforderung?"

Harm krempelte die Ärmel hoch. "Tut mir leid, Granny, aber ich bin gerade beim Geschirrwaschen!"

Granny registrierte am Rande, daß Mac wieder einmal ihren Kopf durchgesetzt hatte und Harm das Spülen übernahm. Sie tat, als hätte sie den Einwand ihres Enkels gar nicht gehört. "Wer hat mehr Disziplin, die Navy oder das Marine Corps?" wollte sie wissen.

Mac drehte sich zu ihr um. "Das ist eine rhethorische Frage, oder? Das Marine Corps, natürlich!" erklärte sie stolz.

Harm bedachte sie mit einem spöttischen Blick. "Glaub ihr kein Wort, Granny, du solltest mal ihren Schreibtisch sehen!" meinte er amüsiert.

Mac schlug mit dem Geschirrtuch nach ihrem Partner. "Hey, nur weil Sie nicht clever genug sind, um mein ausgeklügeltes Ablagesystem zu durchschauen ... natürlich ist das Marine Corps disziplinierter als die Navy!" beharrte sie energisch, "Wir fahren nicht mit Golfschlägern durch die Gegend und wir schaffen es im Gegensatz zu bestimmten anderen Leuten, pünktlich zu sein!"

"Ach ja?" spottete Harm grinsend, "Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Sie mal vor dem Admiral gerettet habe, als Sie sich verspätet hatten."

"Gerettet?!" echote Mac, "Indem Sie behauptet hatten, ich würde an einem Fall arbeiten, der längst abgeschlossen auf dem Schreibtisch des Admirals lag? Wirklich, eine tolle Rettung!"

Granny schüttelte schmunzelnd den Kopf: "Wenn man euch so streiten hört, könnte man wirklich glauben, ihr wärt verheiratet!" Das sorgte für Ruhe. "Ich wüßte da einen Weg, wie ihr die Disziplin eurer Branchen unter Beweis stellen könntet ... wie wäre es mit einer Wette?"

Mac lächelte triumphierend. Harm verzog das Gesicht, doch insgeheim grinste auch er. "In letzter Zeit hatte ich ein bißchen Pech mit Wetten." sagte er ablehnend.

"Pech?" schnaubte Mac, "Sie haben das Pech, daß Sie einem Marine nun mal nicht gewachsen sind, das ist alles!"

"Nur weil Sie sich vorgedrängelt haben, als es um einen freien Tag ging, bin ich Ihnen nicht gewachsen?" fragte Harm ironisch.

"Ich hab mich nicht vorgedrängelt, ich war nur schneller!" widersprach Mac fest.

"Wißt ihr, ihr zwei, ihr könnt euch dieses voreheliche Geplänkel wirklich sparen! Ihr wettet jetzt einfach und dann sehen wir ja, wer wem überlegen ist. Wie gesagt, es geht um Disziplin." unterbrach Granny die beiden Militär-Anwälte.

"Sie haben schon so gut wie verloren, Commander!" behauptete Mac selbstbewußt.

"Berühmte letzte Worte." entgegnete Harm überlegen.

"Wollt ihr nicht erstmal wissen, um was es überhaupt geht, bevor ihr anfangt, solche Behauptungen von euch zu geben?" gab Granny zu bedenken.

"Disziplin war schon von jeher eine Sache des Corps." betonte Mac.

"Ach, dann sollte es dir doch eigentlich keine Probleme machen, dich an eine bestimmte Form der Anrede zu halten, oder?" erkundigte sich Granny.

"Das ist das erste, was die Rekruten im Corps lernen: Die richtige Anrede von Vorgesetzten." erklärte Mac stolz.

"Und von Gleichrangigen." vermutete Granny.

Mac nickte, ohne zu bemerken, daß sie in eine Falle lief. "Auch das, ja." bestätigte sie.

"Gut, dann ist hier eure Wette: Solange ihr hier seid will ich kein einziges ’Sie‘ oder einen Rang hören. Ihr seid hier als Privatleute und deshalb heißt es Sarah und Harm, nicht Colonel MacKenzie und Commander Rabb, klar? Der nächste, den ich ab sofort bei einem ’Sie‘ ertappe, hat die Wette verloren." erklärte die alte Dame energisch.

Harm und Mac sahen erst Granny und dann einander an. "Granny, ich hab dir das doch schonmal erklärt," protestierte Harm, "Mac und ich arbeiten zusammen."

Granny zuckte mit den Schultern. "Aber nicht hier." tat sie den Einwand ab.

"Und was bitte soll überhaupt der Einsatz sein?" erkundigte sich Harm, bereits im Nachgeben begriffen, "Ich jogge nicht nochmal in einem Marine-Corps-T-Shirt in der Gegend herum!"

"Aha! Da rechnet wohl schon jemand damit zu verlieren, was?" neckte ihn Mac.

"Na ja, wenn du solche Probleme mit T-Shirts hast ... wie wäre es mit Nacktputzen in der Wohnung des anderen?" schlug Granny grinsend vor. Dann lachte sie als sie die zwei geschockten Gesichter sah, "Okay, wahlweise hätte ich noch ein Bildungsprogramm anzubieten. Wie wäre es damit: Wenn Harm gewinnt, bringst du, Sarah, ihm Russisch, Farsi oder irgendeine andere Sprache bei und wenn Sarah gewinnt, dann gibst du ihr Flugstunden, Harm."

Harm und Mac musterten einander.

"Na ja, ein bißchen Russisch wäre nicht das schlechteste ... man weiß ja nie, wann man sich mal wieder mit einer Rezeptionistin in Moskau auseinandersetzen muß." meinte Harm.

"Flugerfahrung könnte auch ganz hilfreich sein, vor allem, wenn man in einer Boeing voller Rentner sitzt." fügte Mac hinzu.

Harm faßte Mac ins Auge. "Ich hoffe für S... dich, deine Sprachkenntnisse sind nicht eingerostet." sagte er herausfordernd.

"Und ich hoffe für mich, daß Ih... dein Fallschirm nicht eingerostet ist." entgegnete Mac.

Sie schüttelten einander die Hand, um die Wette zu besiegeln.


0010 Z-Zeit (19:10 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm kehrte mit zwei Tellern vom Büffet zurück, setzte sich wieder neben Mac und stellte einen Teller vor ihr ab. "Ich hoffe, ich habe das richtige für Ih.. deinen verwöhnten Marine-Gaumen erwischt." sagte er scherzhaft.

Mac begutachtete ihren Teller und stellte fest, daß Harm ihre Vorlieben und Abneigungen durch all die gemeinsamen Lunch-Pausen und Arbeitsessen gut genug kannte, um das richtige auszuwählen. "Bißchen viel Gemüse und Salat." beschwerte sie sich trotzdem – Harm wäre wohl auch enttäuscht gewesen, wenn sie den alten Scherz zwischen ihnen nicht wieder aufgegriffen hätte.

Die grauhaarige Cousine Esther beugte sich zu Mac herüber. "Sie brauchen jetzt aber viele Vitamine, in ihrer Situation." erklärte sie ihr ernsthaft.

Harm und Mac wechselten einen verwunderten Blick. "In welcher Situation befinde ich mich denn?" wollte Mac mit sanfter Ironie wissen.

"Na ja, nach allem, was Sarah und die anderen mir erzählt haben, planen Sie und Harm, bald Kinder zu haben," erläuterte die alte Frau, "und da ist eine gesunde Ernährung eben sehr wichtig. Wie ich sehe verzichten Sie ja auch auf Alkohol, also habe ich daraus geschlossen, daß es bald soweit ist."

Harm mußte sich zurückhalten, um nicht laut zu lachen. Langsam wurde es immer besser! "Ja, wirklich, Mac, wir wollen doch nicht, daß unser Kleiner mit einem Schaden zur Welt kommt." neckte er seine Partnerin mit einem breiten Grinsen.

"Der einzige Schaden, den die Kleine haben würde, wäre ihr ’Vater‘." gab Mac liebenswürdig zurück.

Leroy, Grannys Bruder, ging mit einem Teller vorbei und klopfte Harm auf die Schulter. "Du ähnelst deinem Großvater wirklich sehr, Harm, er und Sarah haben sich auch ständig gegenseitig geneckt." erzählte er.

"Sorry, Mac," murmelte Harm leise, "aber in meiner Familie scheint man das Verkuppeln für eine Tugend zu halten."

Trish trug eine Blätterteig-Pastete herein und stellte sie vor ihrer Schwiegermutter ab. Auf der Pastete steckten mindestens ein Dutzend brennender Kerzen. "Okay, Mum, hier ist endlich deine ’Torte‘." sagte sie dabei.

Mac beugte sich zu Harm hinüber. "Ich weiß ja, daß ihr Rabbs seltsame Ernährungsgewohnheiten habt, aber das da ist doch keine Torte!" stellte sie stirnrunzelnd fest.

"Oh, das hat sich in den letzten Jahren zum Brauch entwickelt, seit Granny an Diabetes leidet. Bei uns stecken die Kerzen eben auf einer Pastete." erklärte Harm amüsiert.

"Also, Mum, blas die Kerzen aus und wünsch dir was." befahl Trish.

Granny holte tief Luft und schaffte es wirklich, alle Kerzen auf einmal auszublasen. Als sie aufsah, blickte sie mit glitzernden Augen zu Harm und Mac hinüber. Ihr breites Rabb-Grinsen ließ ahnen, was sie sich gewünscht hatte.

Mac lehnte sich zurück und sah zu, wie Granny begann, ihre Geschenke auszupacken. Um sie herum herrschte entspannte Unterhaltung und vergnügtes Gelächter. Mac wußte nicht, wann sie sich in einer so familiären Umgebung zuletzt so wohl gefühlt hatte ... um ehrlich zu sein wußte sie nicht einmal, wann sie zuletzt in einer so familiären Umgebung gewesen war. Sie hatte eigentlich ein paar Bedenken bezüglich dieses Kurzurlaubs gehabt und gedacht, sich im Kreis dieser harmonischen Familie, in der sie ein Außenseiter war, unbehaglich zu fühlen, aber das war nicht der Fall.

Harms Hand legte sich kurz auf ihren Unterarm. "Hey, Mac träumen ... träumst du? Granny ist gerade dabei, dein Geschenk auszupacken!" Er lächelte sie an.

Mac erwiderte das Lächeln und ihre Aufmerksamkeit kehrte zum Geschehen am Tisch zurück. Fast ungeduldig entfernte Granny gerade das Geschenkpapier um das flache Paket herum. Das Bild von Mac und Harm kam zum Vorschein. Granny strahlte, als sie es betrachtete und es dauerte ein paar Minuten, bis sie sich davon trennte, um es ihren Gästen zu zeigen.

Granny streckte die Hand aus und legte sie Mac kurz auf die Wange, streichelte sie, als wäre sie ihre kleine Enkelin. Erleichtert sah Harm, daß Mac keinen Anstoß daran zu nehmen schien. Überhaupt bewunderte er schon den ganzen Tag, wie gut Mac, die nicht gerade ein Experte, was harmonisches Familienleben anging, war, mit der Situation fertig wurde.

"Das ist das schönste Geschenk, das ich mir denken kann," versicherte Granny begeistert, "endlich mal ein Anzeichen dafür, daß du wirklich mein Enkel bist!" sagte sie zu dem erstaunten Harm.

"Wovon redet sie?" fragte er sich stumm. Dann wurde das Bild, das inzwischen die Runde gemacht hatte, zu ihm weitergereicht. Die Leute, die das Geschenk bereits gesehen hatten, lächelten oder nickten lobend in Harms Richtung, was Harm nur noch mehr irritierte.

Harm nahm das gerahmte Bild entgegen und betrachtete es. Es war das erste Mal, daß er das Foto sah. Er begann langsam, die Reaktion der Geburtstagsgäste zu verstehen: Auf dem Bild standen Mac und er auf Anweisung des Fotografen recht dicht beieinander. Beide lächelten, Harm beugte sich zu Mac hinab und seine Lippen nähern sich Macs Gesicht.

"Junge Liebe!" seufzte Cousine Esther, als sie das Bild entgegennahm.

"Harm hat mir da lediglich etwas ins Ohr geflüstert, das ist alles." stellte Mac richtig.

"Kann ich mir vorstellen," warf Granny grinsend ein, "wie man das eben so macht, wenn man verliebt ist."


0224 Z-Zeit (21:24 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Mac trennte sich von den anderen Gästen, die im Wohnzimmer um den Kamin herum oder noch am Tisch saßen, und wanderte langsam durch den Raum. Vor dem langen, halbhohen Eichenschrank blieb sie stehen und betrachtete die gerahmten Bilder, die darauf angeordnet waren. Eines davon war das Foto, das Mac Granny heute geschenkt hatte; es hatte sofort einen Ehrenplatz bekommen. Die anderen Bilder zeigten Harm als Kind, Harm senior in Gala-Uniform, Harm senior am Tag seiner Hochzeit mit Trish, Trish mit Frank, und Harmon, Grannys Mann neben einer Stearman.

Ein seltsames Gefühl überkam Mac, als sie die Bilder betrachtete. Einerseits waren ihr die meisten Personen auf den Fotos fremd, aber andererseits hatte sie das Gefühl, ein Teil davon zu sein, so wie auch Harm ein Teil von etwas Größerem war. Jetzt, wo sie die Fotos sah, begriff sie so richtig, welche Rolle die Militärtradition seiner Familie und die Fliegerei in Harms Leben spielten.

Jemand trat leise neben sie und einen Moment lang glaubte sie, es sei Harm, bevor sie seinen Stiefvater, Frank, erkannte. Einige Minuten lang standen sie nur schweigend neben einander und betrachteten die Bilder. Mac fragte sich plötzlich, ob Frank sich manchmal wie ein Eindringling in der Rabb-Familie vorkam, doch dann fiel ihr Blick erneut auf das Foto, das Trish und Frank zeigte und sie sagte sich, daß Granny Frank wie einen Schwiegersohn behandelte, nicht wie den unerwünschten "Nachfolger" ihres toten Sohnes.

"Wie fühlen Sie sich hier?" erkundigte sich Frank Burnett freundlich.

Mac fiel auf, daß er sie nicht gefragt hatte, wie es ihr GEFIEL, sondern wie sie sich FÜHLTE. "Es kommt mir so vor, als sei ich schon viel länger hier als nur einen Tag." antwortete sie wahrheitsgemäß.

"So schlimm?" fragte Frank lächelnd.

"Nein, nein, so meine ich es nicht," versicherte Mac, "ich meine, hier ist es so ... anders, man ist so weit weg vom richtigen Leben." Sie wußte nicht genau, wie sie es beschreiben sollte. Harm hätte es verstanden.

Frank nickte verstehend. "Das richtige Leben ist das, was man daraus macht." meinte er.

"Wissen Sie, daß Sie mich manchmal sehr an Harm erinnern?" sagte Mac, noch bevor es ihr richtig bewußt wurde. Franks ruhige, sanfte Art vor dem Hintergrund einer selbstbewußten Stärke war dieselbe, die sie manchmal auch an Harm beobachtete. Sie mochte Frank; er war auch der einzige, der niemals eine Bemerkung über sie und Harm gemacht hatte.

Für einen Moment lang hörte Frank auf, zu lächeln und ausgeglichen zu wirken und war fast ein wenig irritiert. "Sie wissen aber doch, daß ich nicht sein Vater bin, oder?"

Mac nickte. "Ja, das weiß ich. Aber wenn ich eines in meinem Leben gelernt habe, dann ist das, daß man nicht bei dem stehenbleiben muß, was einem die biologischen Eltern so mitgeben. Es gibt andere Menschen, die uns unter Umständen viel mehr prägen," sie dachte an ihren Onkel Matt, der – wie sie fand – einiges mit Frank gemeinsam hatte, "Und das habe ich unter anderem von Harm gelernt."

Ben Torley trat zu ihnen, bevor Frank antworten konnte. "Entschuldigung, Miss MacKenzie, könnte ich Ihnen Cindy einen Moment lang anvertrauen?" bat er.

Mac nickte sofort und folgte ihm zurück zu den anderen.

Frank sah der Partnerin seines Stiefsohnes nachdenklich nach. Harm trat neben ihn und folgte stumm seinem Blick. Frank drehte den Kopf und sah ihn an. Harm machte sich innerlich auf eine weitere dieser Anspielungen gefaßt, die er schon den ganzen Tag über seine Beziehung zu Mac gehört hatte. Aber erneut hatte er seinen Stiefvater unterschätzt. "Mac ist schon etwas ganz Besonderes," murmelte Frank ernst, "erhalte dir diese Freundschaft, Harm."

Harm lächelte. "Das hab ich vor, Frank, das hab ich vor."


1215 Z-Zeit (07:15 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm erwachte fröstelnd und als er die Augen öffnete, stellte er fest, daß Mac nicht mehr neben ihm im Bett lag. Gerade kam sie in Jeans und einem weißen Pullover zur Türe herein. "Morgen, Sailor," grüßte sie lächelnd, "ich dachte schon, Sie wachen nie mehr auf."

"Ich muß aufgewacht sein, als mir jemand mein Kuscheltier weggenommen hat," entgegnete Harm grinsend, bevor ihm etwas auffiel, "Ha, jetzt hast du die Wette verloren, Mac! Du hast mich eben gesiezt!" Triumphierend sah er sie an.

Mac schüttelte den Kopf. "Träumen Sie weiter, Fliegerheld! Ich hab nicht verloren. Die genauen Worte Ihrer Großmutter lauteten: ‘Der nächste, den ich ab sofort bei einem Sie ertappe, hat die Wette verloren‘ – Granny hat mich nicht ertappt, oder?" Mac grinste.

Harm warf sein Kissen nach ihr. "Jetzt verstehe ich, warum Sie Anwältin geworden sind, Sie sind geradezu teuflisch raffiniert." warf er ihr scherzhaft vor.

Mac verschränkte die Arme und sah ihn auffordernd an. "Wollen Sie bis mittag im Bett liegen bleiben oder kommen Sie mit zum Joggen?" erkundigte sie sich.

Harm erhob sich. Das Bett war ohne Mac ohnehin nicht mehr so bequem wie zuvor. Er machte sich auf den Weg ins Badezimmer.

"Aber ich warne Sie, Harm, passen Sie auf wohin Sie laufen! Noch ein Mitglied Ihrer Familie schleppe ich nicht den ganzen Weg zurück!" rief Mac ihm nach.


1700 Z-Zeit (12:00 Uhr EST)
Harmon House Restaurant
West Main Street, Belleville, Pennsylvania

Ein wenig mißtrauisch begutachtete Mac das Schild des Restaurants, vor dem sie, Harm und Granny gerade standen. Am Morgen hatten sie Cousine Esther und Leroy nach Lewistown, der Hauptstadt von Mifflin-County, in dem Belleville lag, gefahren und auch Frank und Trish waren bereits abgereist, so daß sie nur zu dritt waren. Granny und Harm hatten Mac ein wenig durch das Städtchen Belleville geführt, das etwa 1.600 Einwohner hatte und 50 Meilen von Harrisburg, der Hauptstadt Pennsylvanias, entfernt war. Jetzt hatte Granny beschlossen, ihre beiden Gäste zum Essen in ein Restaurant einzuladen.

"Ich wette, das ist eine Salatbar." kommentierte Mac, als sie den Namen des Lokals las.

Granny schüttelte den Kopf. "Joe Harmon ist berühmt für seine Steaks." klärte sie Mac auf.

Ein dicker Mann mit einer weißen Schürze begrüßte Granny sofort herzlich, als sie eintrat. "Sarah, schön dich zu sehen! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, nachträglich!" Der Wirt führte sie zu einem runden Tisch hinüber, bevor er sich Harm zuwandte, "Hallo, Harmon, bist du mal wieder ein paar Tage hier? Und wer ist die hübsche Lady an deiner Seite? Ich weiß wirklich nicht, wie du das immer machst!"

Harm blickte für einen Moment verlegen zu Boden. "Joe, das ist Sarah MacKenzie, sie arbeitet auch bei JAG. Mac, das ist Joe Harmon – der Mann mit den Steaks." stellte er vor.

Joe Harmon nickte stolz. "Und, was darf ich euch bringen? Ein Steak und zwei Salatteller?"

Mac schüttelte energisch den Kopf. "Zwei Steaks und einen Salatteller, bitte." widersprach sie.

Der Wirt grinste zufrieden. "Endlich mal eine Frau, die weiß was sie will! Deine Freundin gefällt mir, Harm." Er schlug Harm kameradschaftlich auf die Schulter und ging davon.

Mac und Harm sahen ihm verblüfft nach, während Granny leise lachte. "Denk dir nichts dabei, Kind, Joe gefällt jede Frau, die ein gutes Steak nicht verachtet." meinte sie tröstend zu Mac.

"Kind??" Jetzt grinste auch Harm und betrachtete seine Partnerin amüsiert. Mac war garantiert kein Kind mehr.

Eine Frau mit grauen Locken kam aus der Küche und begrüßte die Rabbs ebenso freundlich wie Joe Harmon es getan hatte. "Na, zeigst du deiner Zukünftigen die Stadt, Harm?" fragte sie mit einem Blick auf Mac.

Harm seufzte ein wenig. "Mac ist nicht ..."

"... nicht lange hier, aber trotzdem schon ganz begeistert von Belleville." fiel Granny ihm grinsend ins Wort.

Die Frau nickte Mac freundlich zu. "Was möchtet ihr zu trinken?" erkundigte sie sich.

"Ein Gläschen Rotwein." beschloß Granny.

"Mineralwasser mit Zitrone." bestellte Mac.

"Ich schließe mich an." meinte Harm.

Die Wirtin sah von ihrem Notizblock auf. "Also, zwei Rotwein und ein Mineralwasser?" fragte sie Harm.

"Ein Rotwein und zwei Mineralwasser." verbesserte Harm.

"Harm, es ist wirklich nicht nötig, daß S... du ..." begann Mac zu protestieren.

"Wir sind mit dem Auto hier und ich trinke nicht, wenn ich fahre." erinnerte Harm.

"Besonders nicht mit so wertvoller Fracht." fügte Granny schmunzelnd hinzu.

Margaret Harmon sah sie neugierig an. "Darf man schon gratulieren?" erkundigte sie sich bei Mac. Vermutlich hatte sie aus Macs anti-alkoholischem Getränk und Grannys Bemerkung über die "wertvolle Fracht" ihre eigenen Schlüsse gezogen.

"Wie in Gottes Namen kommen plötzlich alle auf die Idee, ich sei schwanger?" fragte Mac ein wenig verärgert.

"Na ja, Harm und Sie wirken so ... glücklich und Sarah hat in letzter Zeit immer davon gesprochen, daß sie vier Urenkel eingeplant hat." erklärte Mrs. Harmon etwas verlegen.

"Vier?" murmelte Harm ironisch, "Mum hat sich wenigstens mit Zwillingen zufrieden gegeben."

Margaret Harmon verschwand in der Küche. Harm und Mac sahen Granny durchbohrend an. "Was ist? Ihr braucht mich gar nicht so anklagend anzusehen, ich habe nichts damit zu tun, wenn die Leute ihre eigenen Schlußfolgerungen ziehen." verteidigte sich Harms Großmutter.

Eine Ehepaar in den mittleren Jahren kam herein. "Hallo Mrs. Rabb, hallo Harm," grüßten sie, "Wir haben schon gehört, daß du zu Besuch bist. Nutzt du die Gelegenheit, um der Familie ein paar Neuigkeiten mitzuteilen?" fragte der Mann breit grinsend und deutete in Macs Richtung. Grannys Enkel und seine Begleiterin schienen der neueste Dorftratsch in Belleville zu sein.

"Welche Neuigkeit meinen Sie? Unsere Verlobung, die Hochzeit oder die Geburt unseres vierten Kindes?" erkundigte sich Mac bissig. Langsam war sie, genau wie Harm, am Ende ihrer Geduld.

Harm grinste. Sein Marine ließ sich nichts gefallen. "Bravo, Ninjagirl!"

Der Mann merkte jetzt, daß er eine ungebetene Bemerkung gemacht hatte und setzte sich verlegen. "Vielleicht solltet ihr mit der Verlobung anfangen." meinte er nach einer Weile halblaut.


2230 Z-Zeit (17:30 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm kam aus dem Badezimmer und strich sich das noch feuchte Haar aus der Stirn, während er sich nach seiner Kollegin umsah. "Wo ist Mac?" fragte er Granny, die eben aus der Küche kam.

Granny deutete zur Türe. "Draußen, sie hackt ein bißchen Holz." erklärte sie.

Harm sah seine Großmutter mit großen Augen an. "Sie tut WAS? Granny, das kann ich doch tun!" protestierte er.

"Sarah sagte, daß es noch mindestens 11 Minuten dauern würde, bevor du aus dem Badezimmer kommst und meinte, sie könne ein bißchen Bewegung ohnehin gut gebrauchen. Hast du etwa Angst, daß sie sich verletzt?" fragte Granny und bemühte sich, ihr Schmunzeln zu verbergen.

"Unnsinn!" brummte Harm, "Mac ist ein Marine und kann mit einer Axt umgehen ... das hoffe ich zumindest. Aber sie ist hier, um sich zu erholen, nicht um Holz zu hacken!" Kopfschüttelnd ging er nach draußen auf die Veranda.

Mac stand neben der Scheune, vor dem massiven Hackklotz. Trotz der Kälte trug sie nur eines ihrer Marine-Corps-T-Shirts, das an Hals und Armen schon etwas schweißgetränkt war. Harm blieb stehen und sah zu, wie sie einen Holzklotz aufhob und sorgfältig aufstellte. Die Muskeln in ihren schlanken, durchtrainierten Armen spielten, als sie die große Axt hob und niedersausen ließ. Das Holz wurde sauber gespalten. Neben Mac lag bereits ein ganzer Stapel zerkleinertes Brennholz.

Harm verließ die Veranda. "Hey, Devil Dog," grüßte er sie lächelnd, "das kann ich doch machen."

Mac sah auf. "Sie haben es tatsächlich geschafft, eine Minute und 12 Sekunden vor meiner Berechnung aufzutauchen." erklärte sie und spaltete einen weiteren Holzscheit.

"Mac, Sie können ruhig duschen gehen, ich mache das hier fertig." wiederholte Harm sein Angebot.

"Ach was, ich bin ohnehin gleich fertig. Oder trauen Sie mir das nicht zu, Sie alter Flieger-Macho? Ich hab schon Holz gehackt, als ich kaum über den Hackklotz sehen konnte." sagte Mac energisch.

Harm glaubte ihr aufs Wort. "Okay, okay, aber Granny möchte, daß Sie sich für heute abend schön machen." entgegnete er.

Kritisch sah Mac ihn an. "Granny oder Sie?" fragte sie spöttisch.

Harm lächelte stumm in sich hinein. Was ihn betraf, so hatte Mac es nicht nötig, sich schön zu machen – sie war es bereits in ihrem alten Marine-Corps-T-Shirt und den zurückgebundenen Haaren. "Granny," entgegnete er, "Aber jetzt wo Sie es erwähnen ... ich muß auch an mein Image denken und möchte Grannys Freunden nicht meine verschwitzte, mit Holzspänen bedeckte Verlobte vorstellen müssen." Das war es nämlich, für was auch Grannys Bridge-Club Mac bestimmt halten würde.

"Gott bewahre, ich und verlobt mit einem sturen, arroganten Ex-Piloten, der in jedem Hafen ein Mädchen hat und glaubt, unwiderstehlich zu sein! Nein danke." schnaubte Mac grinsend.

"Seit wann habt ihr Marines Angst vor ein bißchen Konkurrenz?" erkundigte sich Harm neckisch.

"Das haben wir nicht – solange sich das, worum wir konkurrieren auch lohnt." gab Mac schlagfertig zurück. Sie zerkleinerte das letzte Holzstück.

Lachend trug Harm einen Stoß Brennholz nach innen und Mac folgte ihm.


2328 Z-Zeit (18:28 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm sah zu, wie Granny ihre vier Freundinnen begrüßte, während er die Mäntel der alten Damen an der Garderobe aufhängte. "Und? Ist sie da?" hörte er eine der Frauen leise fragen.

Harm beschloß, klare Verhältnisse zu schaffen, denn er wollte, daß der Abend für Mac entspannt verlief. Höflich begrüßte er die vier Damen und sagte dann: "Wenn Sie mit ‚sie‘ Sarah MacKenzie meinen, ja, sie ist hier. Aber damit wir das gleich geklärt haben: Sie ist hier, weil sie meine Kollegin und die Freundin meiner Großmutter ist, nicht weil wir vorhaben zu heiraten und ich sie meiner Familie vorstellen will. Alles klar?" Er grinste die alten Damen mit seinem charmanten Lächeln an, dem man nachsagte, daß es ihm meistens das brachte, was er wollte.

Aber diesmal war es anders; die vier grauhaarigen Frauen beachteten ihn kaum, sondern sahen an ihm vorbei. Verwundert drehte Harm sich um. Er grinste leicht und mußte zugeben, daß sich dort ein schönerer Anblick bot, als er es vermutlich war.

Mac stand abwartend, um nicht zu stören, im Türrahmen und lächelte zurückhaltend. Sie trug einen enganliegenden grauen Body und einen schwarzen, knielangen Rock. Das Licht des Feuers, das im Wohnzimmer brannte, spiegelte sich auf der schmalen Kette mit Anhänger, die sie trug, und in ihren tiefbraunen Augen. Einmal mehr war Harm von der Wandlungsfähigkeit seiner Partnerin beeindruckt. Nichts erinnerte mehr an den Marine, der noch vor einer dreiviertel Stunde draußen in einem alten T-Shirt die Axt geschwungen hatte.

Harm sah zu, wie sie Grannys Freundinnen begrüßte und er stellte fest, daß sie mit alten Menschen genauso gut umgehen konnte wie mit Kindern. Jedenfalls sah er, wie die grauhaarigen Damen des Bridge-Clubs Mac erst begutachten und dann Granny zunickten, als würden sie sie zu Mac beglückwünschen.

"Darf ich den Damen etwas zu trinken anbieten?" fragte Harm höflich, als sie im Wohnzimmer ums Feuer herum saßen.

"Sei so lieb und bring uns den Mandellikör, ja?" bat Granny.

Harm brachte fünf kleine Gläser und die Flasche aus dem Schrank. Er stellte fest, daß die Flasche kaum noch halb voll war – vermutlich gönnten sich die Rentnerinnen bei ihren wöchentlichen Bridge-Runden das eine oder andere Gläschen. Sich und Mac brachte er jeweils ein Glas Orangensaft.

"Sarah, es wäre schön, wenn wir unser Spiel gleich anfangen würden ... mein Göttergatte wird unruhig, wenn ich so spät nach Hause komme," erklärte eine der alten Frauen zu Granny gewandt und dann zu Mac: "Ich rate Ihnen, erziehen Sie ihn gut, bevor Sie ihn heiraten, sonst ergeht es Ihnen wie mir!" Sie wies in Harms Richtung.

Harm fragte sich ärgerlich, ob die grauhaarige Dame etwa ein Hörgerät benötigte. "Mrs. Cowen, Mac und ich werden nicht heiraten!" erklärte er noch einmal. Mac nickte bestätigend.

Agnes Cowen winkte ab. "Was glauben Sie, wie oft ich das über mich und Thadeus gesagt habe?" wandte sie ein.

"Was spielen Sie? Bridge?" erkundigte sich Mac, um endlich auf ein anderes Thema zu kommen.

"Für gewöhnlich schon, aber an Geburtstagen spielen wir das Couch-Spiel." erklärte Doreen Baxter.

"Couch-Spiel?" echote Harm.

"Ja, Couch, so benannt nach der Couch eines Psychotherapeuten. Es ist ein ... psychologisches Spiel," erläuterte Granny, "weißt du was, du und Sarah, ihr spielt einfach mit, dann seht ihr ja, um was es geht."

Harm und Mac nickten zögernd.

Granny legte einen Stapel Karten in die Mitte des kleinen Tisches, um den sie saßen. "Reihum übernimmt jeder die Rolle des Therapeuten," begann sie zu erklären, "Der Patient ist immer derjenige, der die niedrigste Zahl mit diesem Würfel hier würfelt. Der Therapeut stellt seinem Patienten eine Frage, die auf der Karte steht, die er zieht. Der Patient muß die Antwort aufschreiben und der Therapeut versucht, die Antwort seines Klienten einzuschätzen. Stimmen die Antworten überein, erhält der Therapeut zwei Punkte, weil er seinen Patienten ‘geheilt‘ hat. Wer zuerst über 15 Punkte hat, hat gewonnen," Granny sah zwischen Harm und Mac hin und her, "Und, seid ihr mit von der Partie? Oder hast du Angst, alleine mit 6 Frauen zu sein, Harm?"

"Ich bin es gewohnt, der Hahn im Korb zu sein," behauptete Harm grinsend, "mich könnte nicht mal eine Einheit Marines abschrecken."

"Eine Einheit nicht, aber ich schätze, ein einzelner Marine wird wohl dafür sorgen müssen, daß bestimmte Ex-Piloten von ihrem Höhenflug runterkommen." entgegnete Mac entschlossen.

Granny nickte. "Okay. Der jüngste Spieler beginnt." Sie schob Mac die Karten hin und würfelte schon einmal. "Sechs." verkündete sie.

Jetzt kam Harm an die Reihe. "Eins."

Granny grinste. "Sieht so aus, als hättest du eine Therapie nötig." kommentierte sie und nickte Mac zu.

Mac zog eine Karte und las sie vor: "Was wolltest du als Kind werden?"

Harm nahm von Granny Zettel und Stift entgegen und begann zu schreiben. Dann legte er den Stift weg und sah Mac, seine "Therapeutin" erwartungsvoll an.

"Pilot." sagte Mac ohne zu zögern.

Harm drehte den Zettel um, auf dem "Navy-Pilot" zu lesen war. "Nicht daß du mir jetzt eingebildet wirst, Marine, das war ja wirklich nicht schwer." sagte er lächelnd zu Mac, als sie ihre zwei Spielchips von Granny entgegen nahm.

Harm zog als nächster eine Karte und diesmal war es Mac, die eine Eins würfelte. Ein wenig mißtrauisch sah sie den Würfel an. Fast hätte man vermuten können, daß Granny den Würfel präpariert hatte, so daß sie und Harm immer miteinander spielen mußten, aber das machte keinen Sinn, da sie alle denselben Würfel benutzten.

"Für welches Geschäft würdest du gerne einen Einkaufsgutschein gewinnen?" las Harm seine Karte vor.

Mac schrieb lächelnd ihre Antwort auf.

Harm überlegte kurz. "Für ein Schuhgeschäft." sagte er dann mit einem breiten Flyboy-Grinsen, das noch mehr in die Breite wuchs, als Mac den Zettel umdrehte und seine Antwort tatsächlich richtig war. Triumphierend nahm Harm zwei der roten Spielchips entgegen.

Nun war Granny der Therapeut und erneut würfelte Harm die niedrigste Zahl. "Mach dir nichts draus, Harm – Pech im Spiel, Glück in der Liebe." tröstete ihn Granny grinsend und las dann ihre Karte vor: "Welches Thema kannst du im Moment nicht mehr hören?"

Harm schrieb rasch einen Satz auf.

"Das sind leicht gewonnene zwei Punkte," meinte Granny, "natürlich die Anspielungen über deine Beziehung mit Sarah."

Harm nickte bestätigend.

Agnes Cowen nahm sich eine Karte vom Stapel in der Mitte, während die anderen würfelten. Erneut war Mac die Patientin. "Wenn Sie einen noch nicht zusammengebauten Schrank kaufen würden, was hätten Sie dann eine Stunde später?" lautete die Frage. Mrs. Cowen sah Mac abschätzend an und überlegte. "Lauter Einzelteile?" vermutete sie.

Harm grinste in sich hinein. Mrs. Cowen kannte Sarah MacKenzie nicht! Vermutlich hätte sie 50 Minuten und so und soviel Sekunden später einen perfekt zusammengebauten Schrank.

Mac schüttelte den Kopf und drehte den Zettel um. "Einen Schrank." stand da zu lesen.

Agnes Cowen nickte ihr bedauernd zu.

Als nächstes wurde Mrs. Baxter gefragt, was das schlechteste war, was sie je gekocht oder gebacken hatte. "Mac, da haben ... hast du ja Glück gehabt, daß du die Frage nicht beantworten mußt," neckte Harm seine Kollegin, "Ich hätte wirklich nicht gewußt, was ich antworten sollte."

"Ich hätte es bei dir ganz genau gewußt ... deine fleischlosen Fleischklöße sind wohl nicht zu übertreffen." gab Mac spielerisch zurück.

In der nächsten Runde mußte Harm Mac erneut "therapieren". "Was ist das eine Talent, von dem die meisten Leute hier nicht wissen, daß du es hast?" lautete die Frage. Harm überlegte konzentriert. Wenn er es recht bedachte, so war Mac eine Frau mit ziemlich vielen Talenten. Sie konnte schießen wie Davy Crockett. Sie kannte sich mit Dinosauriern aus. Sie konnte es beim Kickboxen mit jedem Mann aufnehmen und lief die 15 Meilen fast so schnell wie er. Außerdem sprach sie 5 Sprachen fließend. Auf welches ihrer Talente war Mac am stolzesten? Plötzlich grinste Harm. "Mac kann die Zeit angeben, ohne auf die Uhr zu sehen. Sie kann stets sagen, wieviel Zeit seit einem bestimmten Zeitpunkt vergangen ist oder bis zu einem Zeitpunkt noch vergehen wird. Sie irrt sich nie mehr als um 30 Sekunden, nicht einmal, wenn wir in andere Zeitzonen fliegen." erzählte er mit einem Hauch von Stolz.

Mac drehte den Zettel um und nickte bestätigend. "Nur beim Wechsel zur Sommerzeit muß ich manchmal überlegen." fügte sie lächelnd hinzu.

Granny zog eine Karte und die anderen Spieler würfelten reihum. Harms Würfel zeigte eine Eins. "Also, entweder mag mich dieser Würfel nicht oder ich habe eine Therapie wirklich bitter nötig." kommentierte er kopfschüttelnd.

Granny lachte, als sie die Karte las: "Welche zwei Filme beschreiben dein Leben am besten?"

Grinsend schrieb Harm seine Antwort nieder, als Granny auch schon sagte: "Top Gun und Eine Frage der Ehre, was sonst." Harm nickte.

"Und wer müßte Ihre Rolle spielen, Harm?" fragte Ann-Marie Jenison.

"Robert Redford." schlug Mac lachend vor.

Harm sah sie fragend an.

"Der müßte etwa im selben Alter sein wie du." erklärte Mac scherzhaft.

"Keine Witze über alternde Piloten, bitte! Wir werden mit den Jahren nur noch unwiderstehlicher." behauptete Harm.

"Du meinst unausstehlicher." gab Mac schlagfertig zurück, aber insgeheim stimmte sie Harm doch zu.

Doreen Baxter zog eine Karte und wieder war Mac die Verliererin der Würfelrunde. "Wie müßte ein Mann aussehen, der Ihnen gefällt?"

Granny spitzte die Ohren. Jetzt wurde es interessant!

Mac rollte mit den Augen und kritzelte ein paar Worte auf den Zettel, während Doreen Baxter erst ziemlich ratlos aussah und dann erleichtert zu Harm blickte. "Ich würde sagen, Ihnen gefallen hochgewachsene, muskulöse Dunkelhaarige." vermutete sie kichernd.

Harm nickte mit einem breiten Flyboy-Grinsen. "Das kann ich bestätigen," sagte er amüsiert und als er die fragenden Blicke der anderen sah fügte er schnell hinzu: "Ich meine natürlich Lone und Bugme."

"Dalton Lowne und Mic Brumby," verbesserte Mac, "und es ist nur Zufall, daß die beiden so aussahen. Es kommt mir in erster Linie auf die Persönlichkeit eines Mannes an; auf Humor und Vertrauen."

"Das ist hier aber nicht die Frage," erinnerte Granny, "es geht um das Aussehen."

Mac seufzte und drehte ihren Zettel um. "Groß, sportlich und schlank." stand dort zu lesen.

Harm grinste zufrieden, ebenso wie Granny.

"Hab ich schon erwähnt, daß ich Männer mit Glatze ziemlich sexy finde?" fragte Mac schelmisch.

Harm hob die Augenbrauen und fuhr sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar.

"Im Badezimmer ist ein Rasierapparat, Harm." meinte Granny grinsend.

"Ha-ha." sagten Harm und Mac gleichzeitig. Alle am Tisch lachten.

Mac nahm sich eine Karte vom Stapel. Harm hatte mit einer drei die niedrigste Zahl. "Wie kommt es, daß ich nicht überrascht bin? Eigentlich könnten wir uns das Würfeln sparen." meinte er kopfschüttelnd. Immer mehr kam ihm der Verdacht, daß Granny irgendetwas mit dem Würfel angestellt hatte, aber andererseits war das kaum möglich, da sie nur mit einem Würfel spielten.

"Okay, Flyboy, hier die Frage: Was ist das Kompliment, das du am häufigsten bekommst? Und bitte keine wilden Phantasien, ja!" neckte Mac schmunzelnd.

Harm kratzte sich nachdenklich am Kopf.

"Sieht fast so aus, als hättest du eine Weile keine Komplimente mehr bekommen, was? Daß du eine nette Freundin hast ist übrigens kein Kompliment, das sich auf dich bezieht, Harmon." merkte Granny belustigt an.

"Ich versuche gerade nur abzuschätzen, welches der vielen Komplimente das häufigste ist." betonte Harm würdevoll. Er nickte Mac zu. "Okay, ich hab’s."

"Na ja, vermutlich, daß du einigermaßen annehmbar in Dress whites aussiehst." meinte Mac und tat so, als wäre sie selbst von Harm in weißer Gala-Uniform völlig unbeeindruckt geblieben. Wenn sie jedoch ehrlich war, so war eher das Gegenteil der Fall.

Harm nickte. "So ist es. Du hast mich bisher noch nicht davon überzeugen können, daß man weiße Ausgehuniformen und goldene Fliegerabzeichen überbewertet." entgegnete er mit einem seiner charmanten Flyboy-Grinsen. Er mußte an einen ihrer ersten Einsätze, in Kolumbien denken, wo Mac ihn fast geküßt hätte. Jedenfalls hatte er diesen Eindruck gehabt.

Als nächstes war Harm an der Reihe, Granny zu "behandeln". "Das wird ja wirklich Zeit, daß ich dich therapiere, Granny, allerhöchste Zeit," meinte Harm grinsend, "Also, paß auf, hier ist deine Frage: Was war für dich das Highlight der letzten sieben Tage?"

Sarah Rabb mußte nicht lange überlegen.

"Das Bild, das Mac dir geschenkt hat." vermutete Harm. Er fand selbst, daß Mac darauf ziemlich gut ausssah.

Doch Granny schüttelte den Kopf. "Nein. Es war eher das Bild, das sich mir bot, als ich am Samstag morgen die Türe deines alten Zimmers öffnete." erklärte sie mit einem rundum zufriedenen Lächeln.

"Und was gab es da zu sehen?" fragte Mrs. Cowen. Ihre vier Freundinnen sahen Granny neugierig an.

Mac warf Harm einen beunruhigten Blick zu und dieser nickte bestätigend. Granny hatte das gesehen, was Mac befürchtete. Harm und Mac schwiegen unbehaglich, während Granny nur vor sich hin lächelte.

"Habt ihr schonmal einen 36jährigen Navy-Commander mit einem Kuscheltier gesehen?" fragte Granny, half Harm und Mac damit aus ihrer Verlegenheit.

Harm mußte lachen. Natürlich konnte Granny nicht ahnen, daß er Mac noch heute morgen als sein "Kuscheltier" bezeichnet hatte.

"Okay, jetzt bin ich wieder dran." meinte Granny und zog eine Karte.

Die erste, die eine Eins würfelte, war – natürlich – wieder Mac. Verwundert kniff sie die Augen zusammen. "Irgendwie ist mir dieser Würfel nicht ganz geheuer." gestand sie kopfschüttelnd.

"Wir können gerne einen anderen nehmen." bot Granny an. Ihre blauen Augen blickten offen und ehrlich.

"Schon gut, stell mir die Frage ruhig, Granny." forderte Mac sie abwinkend auf.

"Gut," Granny rückte ihre Lesebrille zurecht, "Also: Wer war in deiner Kindheit dein größtes Vorbild?"

Mac schrieb sofort zwei Worte auf. Harm lächelte, denn er ahnte, was sie geschrieben hatte. Er wußte, daß Matthew O’Hara für eine lange Zeit die einzige konstante Bezugsperson in Macs Leben gewesen war. Ihm verdankte sie, daß sie vom Alkohol losgekommen und zum Marine-Corps gegangen war. Und ihm verdankte Harm, daß er Sarah MacKenzie überhaupt kennengelernt hatte.

Granny hob ratlos die Hände. Sie kannte Mac zwar inzwischen sehr gut, doch es gab immer noch einige Details im Leben ihrer "Adoptivenkelin", von denen sie keine Ahnung hatte. "Ich habe keinen blassen Schimmer," gab sie zu, "Jeanne d’Arc?"

Alle lachten und Mac schüttelte den Kopf. "Mein Onkel Matt."

Agnes Cowen nahm die nächste Karte und es stellte sich heraus, daß Harm sie beantworten mußte. Inzwischen hatte er sich fast schon damit abgefunden, ständig "therapiert" zu werden. "Spielen Sie ein Musikinstrument und wenn ja, welches?" las Mrs. Cowen vor.

Harm schrieb seine Antwort nieder und aller Augen richteten sich auf seine Hände, um abzuschätzen, ob sie geschickt genug waren, ein Instrument zu handhaben. Es waren große, starke und zuverlässige Hände, doch Mac wußte, daß sie auch sehr sanft und geschickt sein konnten. Ihre schmerzenden Schultern erinnerten sie daran, daß sie momentan eine von Harms berühmten Massagen gut hätte gebrauchen können.

"Trompete?" riet Agnes Cowen.

Mac und Granny lachten. "Gitarre." verbesserte Granny amüsiert.

"Und Harm singt auch – auch wenn’s mit dem Text manchmal hapert." fügte Mac hinzu. Sie grinste ihn mit gutmütigem Spott an.

Harm verschränkte die Arme. "Ach ja?"

"Ach ja," Mac lächelte überlegen, "ich sage nur maybe, Baby."

Harm zog eine Augenbraue in die Höhe. "Sollte das eine Anrede gewesen sein, dann muß ich dir leider ein rotes Licht geben, Ninjagirl." warnte er scherzhaft.

"Das war der korrekte Text des Liedes, lieber Harm." erklärte ihm Mac in einem Tonfall, als spräche sie mit einem kleinen Kind.

Harm faßte sich theatralisch an die Herzgegend. "Uuuh, LIEBER Harm! Sollte ich jetzt geschmeichelt oder beunruhigt sein?" fragte er grinsend.

"Ich will ja nicht stören, ihr zwei, aber wenn ihr euch mal erinnert: Wir sind gerade bei einem Spiel!" erinnerte Granny lächelnd.

"Genau." sagte Doreen Baxter und zog die nächste Karte.

"Wie wär’s, wenn alle anderen sich die Mühe sparen und nur Harm und ich würfeln?" bot Mac ironisch an und tatsächlich würfelte sie die niedrigste Zahl.

Mrs. Baxter sah ihre Karte an. "Was war die klügste Entscheidung, die Sie je in Ihrem Leben getroffen haben?" stellte sie Mac die Frage, die auf die Karte aufgedruckt war.

Harm beobachtete, wie seine Partnerin kurz an ihrer Unterlippe nagte. Ein paar kleine Fältchen bildeten sich auf ihrer Stirn, die großen braunen Augen blickten in die Ferne und ihr ausdrucksstarker Mund wirkte irgendwie verletzlich – vermutlich sah man all die kleinen Hinweise aber nur, wenn man Mac wirklich gut kannte. Meistens achtete Mac darauf, ihre Gefühle nach außen hin nicht zu sehr zu zeigen.

Doreen Baxter sah etwas ratlos von einem zum anderen. "Oh, keine Ahnung. Vielleicht daß Sie das kurze Schwarze angezogen haben, als Sie Harm zum ersten Mal trafen?" vermutete sie scherzend.

Wieder lachten alle am Tisch, inklusive Harm und Mac, die sich langsam an derartige Bemerkungen gewöhnt hatten.

"Ich war in Uniform, als wir uns vorgestellt wurden." widersprach Mac lächelnd. Dann verblaßte ihr Lächeln und sie drehte wortlos ihren Zettel um. "Meine klügste Entscheidung war, das Trinken aufzugeben." erklärte sie leise.

Grannys Freundinnen starrten sie verblüfft an, während Harm kurz Macs Hand drückte. In solchen Momenten bewunderte er immer wieder ihre Offenheit. Es gehörte wirklich eine Menge Mut dazu, eine solche Schwäche einzuräumen, auch wenn sie in der Vergangenheit lag.

Mac war der nächste "Therapeut" und diesmal würfelte Granny die Eins. Harm und Mac atmeten insgeheim auf. "Granny, was war dein unangenehmstes Erlebnis auf einer Reise?" las Mac vor und mußte lachen.

Sie und Granny grinsten sich zu, während Granny ihre Antwort aufschrieb. "Daß du auf dem Flug von LA nach Washington neben eine Marine-Corps-Offizierin gesetzt wurdest ... nein, im Ernst, ich würde sagen, die Rentner-Gang?"

Granny zeigte lächelnd ihren Zettel vor. Darauf stand "Rentner an Bord" mit drei dicken Ausrufezeichen.

Erneut lachten alle, obwohl nur Harm wußte, worum es überhaupt genau ging.

Kurz darauf zog Jane Thornton eine Karte und Agnes Cowen mußte sie beantworten. "Also, Agnes, paß auf: Wer in dieser Runde glaubst du, wird morgen früh am ehesten mit einem Lächeln aufwachen?"

Nachdenklich sah Mrs. Cowen vom einen zum anderen. Zuerst blieb ihr Blick auf Harm haften. Sarah Rabbs Enkel lächelte häufig sein charmantes Lächeln und heute abend schien er besonders gut gelaunt zu sein.

Harm bemerkte Agnes Cowens Blick. "Wenn Mac wieder vor mir aufsteht, werde ich sicher nicht lächeln." dachte er sich. Er fror nun mal nicht gerne.

Mrs. Cowen blickte weiter zu Mac und den anderen und schrieb dann ihre Antwort auf.

Jane Thornton überlegte. "Ich würde auf Sarah tippen." schlug sie vor. Den Mitgliedern des Bridge-Clubs war nicht entgangen, wie froh Granny über den Besuch ihres Enkels und seiner Partnerin war.

"Ich habe mich für Miss MacKenzie entschieden." widersprach Agnes und fügte in Gedanken hinzu: "Wenn ich in ihrem Alter neben so einem Mann aufgewacht wäre, hätte ich ganz sicher gelächelt!"

Schließlich war es wieder an Mac, eine Karte zu ziehen. Harm würfelte die erwartete Eins und zählte rasch seine Chips. Er und Mac hatten beide jeweils 14 Punkte. "Okay, sieht mir nach einem Kampf Marine gegen Sailor aus. Die Frage lautet: Wie ehrlich von 1 bis 10 bist du? Ein Punkt Differenz ist erlaubt. Und denk daran, ehrlich zu antworten!" forderte Mac ihn scherzhaft auf.

Harm legte den Kopf in einer typischen Geste zur Seite und dachte kurz nach, bevor er eine Zahl aufs Papier schrieb.

"Neun." sagte Mac wie aus der Pistole geschossen.

Harm hielt den anderen seinen Zettel hin. Darauf stand tatsächlich neun geschrieben. Harm konnte nicht verhindern, daß er stolz und erfreut darüber war, daß Mac so über ihn dachte.

Mac stapelte zufrieden grinsend ihre Chips – sie hatte das Spiel gewonnen.

"Habt ihr das vorher geübt oder kennt ihr euch wirklich so gut?" erkundigte sich Agnes Cowen bewundernd.

"Ooch, ich schätze, wir sind einfach nur ein ziemlich gutes Team." antwortete Mac lächelnd.


0347 Z-Zeit (22:47 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm stand aus dem Sessel auf und streckte sich. Grannys Freundinnen waren vor einer halben Stunde gegangen, mit einem Hinweis auf Mrs. Cowens wartenden "Göttergatten". Harm grinste, als er sah, wie Mac verstohlen gähnte. Sie saß ein wenig zusammengesunken in einem Sessel am Feuer und rieb sich die schmerzenden Schultern.

"Ich glaube, wir gehen dann mal ins Bett," sagte Harm zu Granny, "Ein bestimmter tätowierter Marine-Corps-Colonel, den ich kenne, sieht ziemlich fertig aus." Daß Mac nicht protestierte oder eine schlagfertige Antwort gab, zeigte Harm, daß sie tatsächlich erschöpft war.

Harm und Mac verließen das Wohnzimmer und gingen müde in Richtung von Harms altem Jugendzimmer.

Granny sah ihnen lächelnd nach. "Hey, ihr zwei, denkt daran, daß jetzt wieder alle Gästezimmer frei sind. Ihr könnt euch sogar aussuchen, wo ihr schlaft." rief sie ihnen hinterher.

Harm stoppte vor der Türe seines alten Zimmers und auch Mac zögerte. Sie wechselten einen schnellen Blick.

"Okay, dann hol ich mal meine Sachen." meinte Harm nach kurzem Zögern.

Sie betraten das Zimmer, das sie die letzten beiden Tage geteilt hatten, und Harm begann, seine Sachen zusammenzusuchen und in seine Tasche zu packen. Mac ließ sich vollständig bekleidet rückwärts aufs Bett fallen und konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als sie versuchte, die verkrampften Muskeln zu entspannen. Ihr Rücken und die Schultern schmerzten plötzlich mit doppelter Intensität.

Harm sah von seiner Reisetasche auf und warf ihr einen besorgten Blick zu. "Alles okay?" fragte er und musterte sie intensiv.

Mac nickte. "Ich bin nur ein wenig verspannt, das ist alles." erklärte sie abwinkend und wälzte sich mühsam herum, um wieder aufzustehen.

Harm ließ die Tasche stehen und kam zu ihr herüber. "Du ... Sie hätten eben nicht den ganzen Wald abholzen..," begann er und brach dann ab. Er verschränkte die Arme und sah sie an, "Also, Mac, duzen oder siezen wir uns jetzt, wenn Granny nicht dabei ist?" verlangte er zu wissen.

Mac zuckte die Schultern und biß eine Sekunde später erneut die Zähne zusammen, als ihre Muskeln heftig protestierten. "Keine Ahnung," antwortete sie. Auch sie hatte sich während des Spieleabends daran gewöhnt, Harm zu duzen, "ich schätze, es ist in Ordnung, wenn wir uns duzen. Sonst behauptest du nachher wieder, ich hätte die Wette unfair gewonnen." Sie lächelte.

Harm erwiderte das Lächeln. "Du wirst überhaupt nicht gewinnen, weder fair noch unfair." erklärte er selbstbewußt.

"Wir werden ja sehen, Egoboy." widersprach Mac neckisch.

Harm sagte nichts zu diesem neuen Spitznamen, er grinste nur. "Also, will mei... dieser Marine hier herausfinden, was sensible Fliegerhände so alles bewerkstelligen können?" erkundigte er sich und sah sie fragend an.

Mac sah ihn warnend an. "Haaarm!"

Harm grinste und hob abwehrend die Hände zu einer Unschuldsgeste. "Hey, ich rede von einer schlichten Rückenmassage. Ich muß schon sagen, ihr Marines habt wirklich eine schlimme Phantasie!" Harm lachte kopfschüttelnd, "Brumby hatte wohl keinen guten Einfluß auf dich, hm?" Er erstarrte und schloß für einen Moment die Augen. "Tolle Leistung, Rabb! Stoß sie nur weiter mit der Nase auf all die schmerzhaften Dinge in ihrem Leben!" sagte er sich selbstironisch. Er hätte sich ohrfeigen können für diese letzte Bemerkung, "Mac, entschuldige bitte, das war ein dummer Kommentar."

Mac seufzte nur. "Was ist, bekomme ich jetzt meine Massage oder nicht?" fragte sie und zeigte damit, daß sie ihm seine unbedachte Bemerkung nicht übel nahm.

"Okay, das volle Marine-Verwöhn-Programm." Harm lächelte erleichtert.

Mac ging ins Badezimmer, um sich in eine bequeme Trainingshose und eines ihrer weiten T-Shirts umzuziehen, während Harm seine Reisetasche zu Ende packte und in das benachbarte Gästezimmer brachte.

Gleichzeitig betraten sie wieder Harms altes Jugendzimmer. Mac legte sich bäuchlings aufs Bett, während Harm auf der Bettkante Platz nahm. Langsam streckte er die Hände aus und legte sie auf Macs Schultern. Mac hielt unwillkürlich den Atem an.

Es klopfte und auf Macs "Ja?" trat Granny ein. Ein wenig verwundert musterte sie ihren Enkel, der neben Mac auf dem Bett saß und gerade die Hände von ihren Schultern nahm. Mac rollte sich auf den Rücken und sah Granny fragend an. "Ich dachte nicht, euch noch beide hier zu finden." sagte Granny und unterdrückte ein Grinsen.

"Ich gebe Mac nur ..." wollte Harm erklären, doch Granny unterbrach ihn.

"... ihren Gute-Nacht-Kuß?" Die Rentnerin schmunzelte.

"Eine wohlverdiente Rückenmassage, Granny!" betonte Harm, "Sie hat dir heute mittag einen Holzvorrat für den ganzen Winter angelegt."

"Fleißiges Mädchen," lobte Sarah Rabb liebevoll, "dann streng dich mal an, Harmon, sie dafür zu entschädigen," Sie erntete zwei strenge Blicke, "Ich wollte euch bloß sagen, daß ihr euch morgen nichts vornehmen sollt. Ich habe ein kleines Programm geplant, um mich bei Sarah für ihre Führung durch Washington zu revanchieren."

Harm und Mac nickten und Granny schloß die Türe wieder.

"Wo waren wir, Marine?" erkundigte sich Harm lächelnd.

Mac drehte sich wortlos auf den Bauch und legte den Kopf zurück aufs Kissen. Harm begann sanft die verkrampften Muskeln ihrer Schultern zu massieren. Er spürte wie Mac sich immer mehr entspannte, während er seine großen Hände behutsam über ihren Rücken gleiten ließ. Zwei oder drei mal seufzte sie wohlig, ansonsten schwiegen sie beide.

Nach einer Weile strich Harm mit einer Hand eine Haarsträhne aus ihrer Stirn und sah auf ihr Gesicht hinab. Mac hielt die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig. Harm hörte auf sie zu massieren und ließ die Hände ruhig auf ihren Schultern liegen. Mac rührte sich nicht. Sie war eingeschlafen.

Harm lächelte und erhob sich vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken. Mac murmelte etwas Unverständliches, erwachte jedoch nicht. Behutsam breitete Harm die Decke über seiner schlafenden Partnerin aus und ging dann leise zur Tür. Er warf einen letzten Blick zurück, bevor er auf den Gang trat und in das Zimmer gegenüber ging. Mac schlief noch immer.


0935 Z-Zeit (04:35 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Mac erwachte – ohne ein Lächeln auf den Lippen - und starrte für einen Moment irritiert in die Dunkelheit. Ihre innere Uhr sagte ihr, daß es gerade 04 Uhr und 36 Minuten war und sie hatte keine Ahnung, was sie geweckt hatte. Irgendetwas fühlte sich seltsam und ungewohnt an, vielleicht das Zimmer, in dem sie sich befand. Ihr war ein wenig kalt und sie war hellwach. Keine Chance, jetzt nochmal einzuschlafen. Als sie sich erhob, stellte sie fest, daß sie noch die Trainingshose und das Marine-Corps-T-Shirt trug und sie erinnerte sich an die Massage. Sie mußte irgendwann eingeschlafen sein. Probeweise bewegte sie die Schultern und stellte fest, daß die Muskeln nicht mehr schmerzten. "Fliegerhände!" murmelte sie und schüttelte lächelnd den Kopf.

Sie öffnete leise die Zimmertüre, um sich in der Küche ein Glas Wasser zu holen.


0935 Z-Zeit (04:35 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit. Knurrend drehte er sich auf die andere Seite und zog die Decke enger um sich. Das riesige Gästebett war eiskalt. Harm fröstelte und versuchte, wieder einzuschlafen.

Zwei Minuten später gab er auf. Er zog das T-Shirt über, das ordentlich zusammengefaltet auf einem Stuhl neben dem Bett lag, und ging zur Türe. Vielleicht würde ein Glas Wasser helfen.

In der Küche brannte Licht. Verwundert trat Harm näher und sah seine Partnerin am Küchenschrank lehnen, ein Glas Wasser in der Hand, während sie mit der anderen Hand geistesabwesend versuchte, ihr zerwühltes braunes Haar zu glätten. Harm mußte lächeln und er fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er all die verschiedenen Gesichter und Facetten von Sarah MacKenzie kannte. "Plünderst du den Kühlschrank, Marine?" fragte er amüsiert.

Mac ließ fast das Glas fallen, als sie so unerwartet seine Stimme hörte. "Oh, Harm, ich hab Sie ... dich doch nicht geweckt, oder?" fragte sie ein wenig schuldbewußt.

Harm schüttelte den Kopf. "Ich bin von selbst aufgewacht ... vermutlich ist mir das Bett zu groß." meinte er und grinste als scherze er. Tatsächlich war dies wohl aber wirklich der Grund, wieso er nicht wieder einschlafen konnte.

"Du kannst gerne deinen Teddy zurückhaben." bot Mac schmunzelnd an.

Harm schüttelte den Kopf. "Du bist doch diejenige, die unbedingt einen Piloten im Bett haben will. Außerdem scheint der Teddy auch nicht beim Einschlafen zu helfen, wie ich sehe." Er deutete auf Mac, die wie er mit einem Glas Wasser dastand.

Sie redeten noch eine Weile und planten ihre Abreise für morgen früh. Dann stellten sie die Gläser in die Spüle und schalteten das Licht aus. Gemeinsam durchquerten sie den im Dunklen liegenden Flur. Vor ihren Zimmertüren blieben sie stehen.

"Wie geht’s den Schultern?" erkundigte sich Harm.

"Oh, die sind in Ordnung, dein Marine-Verwöhn-Programm hat gewirkt." antwortete Mac lächelnd.

Harm nickte. "Gut." Unschlüssig standen sie im dunklen Gang. "Ähm, Mac ... nicht, daß du das jetzt falsch verstehst und du kannst gern nein sagen, aber ... was hältst du davon ... ähm..." Er kam sich vor wie ein linkischer Idiot oder wie ein Kind, das Angst hatte, alleine im Dunkeln zu schlafen.

Macs warme Hand legte sich auf seinen Arm. "Auf was warten wir, Flyboy, marsch ins Bett!" erklärte sie, froh daß er es war, der gefragt hatte.

Harm öffnete die Türe zum Gästezimmer, in dem er sich einquartiert hatte, und sie gingen im Dunkeln zum Bett.


1310 Z-Zeit (08:10 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Harm erwachte und wußte sofort, noch ehe er die Augen öffnete, daß Mac noch nicht aufgestanden war. Ihm war angenehm warm, obwohl sie auf getrennten Seiten des Bettes lagen und sich nicht einmal flüchtig berührten. Er öffnete die Augen und sah Mac, die dalag und ihn beobachtete.

"Guten Morgen." sagte er sanft.

Mac lächelte. "Guten Morgen, Harm." Zögernd streckte sie die Hand aus und glättete eine von Harms wirr abstehenden Haarsträhnen.

Einen Moment lang sahen sie sich nur an.

Dann öffnete sich leise die Türe und Granny spähte herein. "Oh, gut, du bist wach, Harmon ... uups, IHR seid wach..," Etwas überrascht sah sie ihren Enkel und seine beste Freundin an. Sie hatte nicht erwartet, Mac hier zu finden, aber sie hatte überhaupt nichts dagegen, "Hab ich irgendwelche Betten angesägt und weiß es nicht mehr?" fragte sie belustigt.

"Granny, es ist nicht so wie du jetzt vielleicht denkst," versicherte Mac, "Es war einfach bequemer so."

"Kann ich mir vorstellen," erwiderte Granny amüsiert, "Ich komme später nochmal wieder, wenn ihr jetzt gerade beschäftigt seid."

Harm stützte sich auf dem Ellenbogen auf. "Granny, wir sind gerade erst aufgewacht, womit sollten wir schon beschäftigt sein?"

Granny schmunzelte. "Das soll dir lieber Sarah erklären ... oder zeigen." meinte sie vielsagend.

"GRANNY!" wurde sie in doppelter Lautstärke ermahnt.

Das Schmunzeln der alten Dame verstärkte sich. "Okay, okay, ich bin ja schon still. Ich wollte auch nur fragen, ob es in Ordnung ist, wenn wir in einer Stunde aufbrechen?"

"Natürlich, solange du dem Marine da drüben genügend Zeit für ein reichhaltiges Frühstück läßt." meinte Harm grinsend.

Granny sah ihn verschmitzt an. "Wieso, hast du sie so ausgepowert letzte Nacht?" neckte sie ihren Enkel.

"Sarah Elizabeth Rabb! Mach daß du hier rauskommst, bevor dich die zwei unbarmherzigsten Anwälte Washingtons wegen übler Nachrede verklagen!" befahl Harm kopfschüttelnd.

Granny trat lächelnd den Rückzug an.


2115 Z-Zeit (16:15 Uhr EST)
Pennsylvania Military Museum
Boalsburg, Centre-County, Pennsylvania

Granny warf einen Blick zum Himmel hinauf, der strahlend blau war. Die Sonne schien und die Luft war kühl und klar. Obwohl es Dezember war, lag nirgendwo Schnee und der schmale Fluß, der ganz in der Nähe dahinfloß, war eisfrei.

Granny und ihre beiden jüngeren Begleiter folgten einem steinbeplättelten Weg, der am Ufer des Spring Creek entlang führte. Zwischen dem Flüßchen und dem Weg wuchsen Bäume, deren Äste sich zum Teil zum Wasser hinab bogen. Überall waren Grünflächen. Die ganze Umgebung wirkte geradezu idyllisch.

Auf der anderen Seite des Weges zog sich eine lange Mauer entlang, die zum Museum gehörte. Überall waren Steintafeln in die Wand eingelassen worden. "28th Division Word War II Memorial" war da zum Beispiel zu lesen, gefolgt von den Namen der gefallenen Soldaten. Die Mauer war zum Andenken an Männer und Frauen aller US-Militärbranchen errichtet worden, vom Unabhängigkeitskrieg, über die Weltkriege bis hin zu jüngeren Konflikten wie dem Golfkrieg.

Harm, Mac und Granny waren früh morgens aufgebrochen, um nach Lock Haven, im Clinton-County, zu fahren. Dort hatten sie das Piper Aviation Museum besichtigt. Harm hatte den beiden Frauen natürlich alles Sehens- und Wissenswerte über die Piper Aircraft Corporation und ihre Flugzeuge erklärt. Zum Schluß hatten sie noch den Flugsimulator besucht und Harm war sichtlich stolz darauf gewesen, daß Mac den "Flug" überstanden hatte, ohne daß ihr schlecht geworden war.

Dann waren sie zurück nach Süden gefahren und hatten die letzten beiden Stunden damit verbracht, im Inneren des Militärmuseums in Boalsburg herumzugehen. Das Museum illustrierte die Militärgeschichte Pennsylvanias von den Siedlertagen bis zur Gegenwart. Neben Uniformen, Waffen und Panzern gab es sogar eine komplette Nachbildung eines Schlachtfeldes aus dem 1. Weltkrieg samt Licht- und Toneffekten.

Schließlich hatte Mac Harm im Andenkenladen des Museums ein Marine-Corps-T-Shirt in seiner Größe gekauft, ohne auf seine Proteste zu achten, er würde es nie tragen.

Jetzt, zum Abschluß, hatte Granny sie nach draußen zur Gedenkmauer geführt. Mac entging nicht Harms Blick, als sie am Vietnam Memorial vorbeigingen. Ohne groß darüber nachzudenken, tastete sie nach seiner Hand und drückte sie kurz. Harm wandte den Kopf und lächelte ihr zu. Granny war die Geste nicht entgangen und sie sah schmunzelnd zum Himmel hinauf.

Granny ging zielstrebig über eine der geschwungenen Steinbrücken, die über den Fluß führten und strebte auf einen kleinen Pavillion zu. "Hey, Granny, zu den Parkplätzen geht’s aber da entlang." erinnerte Harm und deutete in die entgegengesetzte Richtung.

Granny ging weiter, ohne auf den Einwand zu achten. "Wer hat gesagt, daß wir jetzt schon zurückfahren? Du betonst doch immer, was für einen Appetit dein Marine hat." meinte sie lächelnd.

Harm und Mac hatten es inzwischen aufgegeben, Granny immer wieder vergebens zu sagen, daß Mac NICHT Harms Marine war. Sie folgten Granny, die eben den Pavillion betrat. Erstaunt sahen sie sich an. Scheinbar hatte Granny einen Anruf getätigt, während sie noch geschlafen hatten, denn auf einem kleinen Tisch lagen alle Zutaten bereit, die man für ein Picknick brauchte.

Granny setzte sich und sah sie auffordernd an. "Na los, sonst seid ihr doch auch nicht so schüchtern." sagte sie belustigt.

Harm und Mac setzten sich gehorsam. "Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen, Granny." meinte Harm kopfschüttelnd und biß in eine Stange Sellerie.

Granny zündete eine Kerze an und nahm eine Flasche aus dem Korb auf dem Tisch. Sie füllte drei Sektgläser. "Keine Sorge, der ist alkoholfrei," erklärte sie, als sie Macs Blick sah. Sie hob ihr Glas und prostete den anderen zu, "Auf euch."

Harm und Mac zuckten die Schultern und tranken gehorsam.


2310 Z-Zeit (18:10 Uhr EST)
Mifflin County, Pennsylvania

"Nach Hause, hm?" fragte Harm Granny, als sie sich Belleville näherten.

Doch die alte Dame schüttelte den Kopf. "Ihr könnt euch morgen ausruhen, wenn ihr wieder in Washington seid," widersprach sie, "Solange ihr hier seid, will ich auch was von meinen beiden Enkelkindern haben."

Harm warf einen Blick in den Rückspiegel und sah, daß Mac ein wenig rot wurde – vor Freude über diese Anrede, wie er vermutete. Er grinste unterdrückt.

"Die nächste Abfahrt und dann links." kommandierte Granny.

"Aye, aye, Ma’am." Harm gehorchte lächelnd.

Granny dirigierte ihn durch irgendeine Nachbarstadt Bellevilles, bis sie schließlich vor einem hallenartigen Gebäude standen. "Und jetzt?" fragte Harm während er einparkte.

"Jetzt gehen wir schwimmen," erklärte Granny vergnügt, "Das hier ist ein Hallenbad."

Harm und Mac sahen jedoch keineswegs begeistert aus. "Granny, ich habe gedacht, wir besuchen nur ein paar Museen, ich habe keinen Badeanzug dabei." wandte Mac ein.

"Ach, ich bin sicher, Harmon macht das nichts aus." entgegnete Granny grinsend.

Harm mußte lachen. "Könnte interessant werden zu sehen, wo du dieses mysteriöse Tattoo hast, Marine." neckte er seine Partnerin.

"Ich hab dir doch schon mal gesagt, daß das geheim ist – ich müßte dich leider zum Schweigen bringen, wenn du es siehst." gab Mac schlagfertig zurück.

"Schon gut, ihr zwei, nur keine Gewalttätigkeiten! Ich war so frei, eure Badesachen mitzunehmen, die ihr so voraussehend eingepackt habt." unterbrach Granny.

Sie stiegen aus und betraten das Gebäude. "Okay, bis gleich, Flyboy." sagte Mac zu Harm, als sie sich dem Bereich der Umkleidekabinen näherten.

"Hey, heißt das, ich darf nicht mit rein?" fragte Harm mit einem treuherzigen Hundeblick.

"Könnte eng werden." meinte Mac mit einem abschätzenden Blick.

"Ich zieh auch den Bauch ein." versprach Harm grinsend.

"Ich hab nicht von deinem Bauch gesprochen," erklärte Mac sachlich – sie wußte, daß es daran nichts auszusetzen gab, "Ich rede von deinem Flieger-Ego." Lächelnd schloß sie die Türe der Umkleidekabine hinter sich.

"Guter Versuch." meinte Granny zu ihrem Enkel, bevor auch sie verschwand.

Kopfschüttelnd suchte sich Harm eine eigene Kabine. Hatte Granny das Scherzen zwischen ihm und Mac wirklich ernst genommen?

Als er die Kabine in Badeshorts wieder verließ traf er auf Granny. Grinsend hob er eine Augenbraue. "Nettes Muster, Granny." kommentierte er auf ihren eher altmodischen Badeanzug deutend.

Granny warf ihm einen grimmigen Blick zu und zog neckisch am Bund seiner Shorts, so daß er schmerzhaft gegen Harms Haut klatschte. "Die Zeiten, als ich noch jemanden mit meiner Badekleidung hätte beeindrucken müssen sind schon ein Weilchen vorbei." klärte sie ihren Enkel auf.

In der Schwimmhalle trafen sie auf Mac, die natürlich als erste fertig gewesen war. "Ich dachte schon, du wärst wasserscheu und hättest es dir nochmal anders überlegt." begrüßte sie Harm scherzend.

Eine Minute lang sagten sie beide nichts mehr, sondern begutachteten sich gegenseitig, wobei sie beide einen betont kritischen Blick aufsetzten.

"Wo ist denn dein Bikini geblieben?" erkundigte sich Harm und hob fragend eine Braue, während er auf ihren sportlich geschnittenen Badeanzug deutete.

"Den hab ich zuhause gelassen, nachdem ich mir überlegte, wo er bleiben würde, wenn ich hier einen Kopfsprung mache." antwortete Mac mit funkelnden Augen.

"Oh." Harm grinste.

Granny trat zu ihnen. "Seid ihr sicher, daß ihr SCHWIMMEN gehen wollt? Ihr könnt auch gerne ..."

"Granny!" mahnten die beiden Offiziere.

"Hundertvierundzwanzig." murmelte Granny grinsend.

"Was?" Irritiert sah Harm sie an.

"Na, hundervierundzwanzig Mal hat einer von euch oder beide in den letzten 4 Tagen in diesem Tonfall Granny gesagt." teilte Granny ihnen amüsiert mit.

"Und wir werden es auch weiterhin sagen, wenn du nicht mit diesen unberechtigten Anspielungen aufhörst." drohte Harm.

"Unberechtigt? Vor 10 Sekunden habt ihr euch noch gegenseitig mit Blicken verschlungen, also erzählt mir nichts von unberechtigt, ihr zwei Unschuldslämmer!" meinte Sarah Rabb kopfschüttelnd.

"Granny, wir haben uns lediglich gegenseitig sachlich registriert." behauptete Mac.

"Genau," stimmte Harm grinsend zu, "schließlich ist ein solcher Badeanzug nicht gerade die übliche Marine-Uniform." Er warf erneut einen Blick zu Mac hinüber.

"Hey, ich erinnere mich gerade daran, daß mir sogar noch eine Anfrage vorliegt, von jemandem, der mich unbedingt mal oben ohne sehen wollte." blamierte Mac ihren Partner.

"Das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Harmon." warf Granny anerkennend ein.

Harm tat unschuldig. "Wer sagt, daß ich derjenige war?"

"Ich glaube nicht, daß Sarah sich vor jedem x-beliebigen oben ohne zeigen würde." meinte seine Großmutter.

"Hundertfünfundzwanzig!" mahnte Harm, "und ich habe sie keineswegs oben ohne gesehen!"

Mac lachte halb amüsiert, halb verlegen. "Hey, wollen wir diskutieren oder schwimmen?"

"Schwimmen, natürlich," entgegnete Harm sofort, "aber du stehst ja hier wie angewurzelt. Ist die kleine Landratte etwa wasserscheu?"

Mac sprang mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser. "Wer ist hier die Landratte?" rief sie Harm zu, als sie wieder auftauchte.

Harm sprang ebenfalls ins Wasser und kraulte zu ihr hinüber. "Ich sicher nicht – ich bin bei der Navy." erwiderte er grinsend.

"Du warst PILOT bei der Navy und jetzt bist du Anwalt, du kommst doch höchstens beim Kaffeekochen mit Wasser in Berührung!" widersprach Mac neckisch, während sie neben ihm herschwamm. Mit einer gewissen Bewunderung registrierte sie, wie kraftvoll seine Arme das Wasser teilten.

"Ich war Pilot auf einem FLUGZEUGTRÄGER, die bekanntlich mitten im Ozean schwimmen." verteidigte Harm seine Navy-Ehre.

"Der Flugzeugträger schon, aber du wohl kaum, oder?" Mac warf ihm einen gespielt geringschätzigen Blick zu, was aber gar nicht so leicht war, wenn Harmon Rabb junior so spärlich bekleidet neben ihr herschwamm.

"Hey, ihr zwei, bis ihr das ausdiskutiert habt, hat das Schwimmbad bereits wieder geschlossen!" rief Granny vom Beckenrand.

"Granny hat mal wieder Recht. Was ist, willst du jetzt schwimmen oder nicht?" fragte Mac "ihren" Flyboy.

Harm hob skeptisch die Brauen. "Ich hab mir eingebildet, daß ich das bereits tue. Vielleicht wirst du ja von deinen 10% mehr Körperfett über Wasser gehalten..." Eine so offensichtliche Lüge hatte er schon lange nicht mehr von sich gegeben. Ein Blick zu Mac hinüber zeigte ihm, daß sie definitiv nicht von Fett über Wasser gehalten wurde.

"Immer das gleiche mit euch Fliegern!" beschwerte sich Mac, "Große Klappe und nichts dahinter. Wir schwimmen um die Wette. Wer zuerst das Ende der Bahn erreicht hat, hat gewonnen. Start!" Sie kraulte los.

"Hey!" protestierte Harm, folgte ihr aber sofort. Wie er rasch feststellte, hatte er ernsthaft Mühe, mit Mac mitzuhalten. Ihre schlanken, aber kräftigen Arme und die langen Beine zerteilten mühelos das Wasser und jeder ihrer Kraulzüge war kraftvoll und präzise, so als wäre er genau berechnet. Genau gleichzeitig berührten sie den Beckenrand.

"Sollte ich vergessen haben zu erwähnen, daß ich in der Schwimmstaffel des Corps in Okinawa war?" fragte Mac etwas außer Atem. Sie lachte ihn frech an, während sie vor ihm auf der Stelle Wasser trat.

"Können Sie nur schwimmen oder auch tauchen?" erkundigte sich Harm. Bevor sie antworten konnte, tauchte er sie an den Schultern unter.

Mac zupfte neckisch an seinen Shorts, als sie unter Wasser war.

"Was sollte das denn werden?" erkundigte sich Harm, als sie wieder auftauchte, "Eine neue Kampftaktik der Marines?"

"Ein Ablenkungsmanöver." erklärte Mac nickend, während sie sich das nasse Haar aus der Stirn strich. Ihre Augen funkelten angriffslustig. Einen Moment lang war Harm so von dieser neuen Facette, die er da schon wieder entdeckte, abgelenkt, daß er völlig überrascht wurde, als Mac plötzlich mit zwei schnellen Kraulzügen neben ihm war, ihn ansprang und versuchte, ihn mit beiden Händen unter Wasser zu drücken. Harm versank bis zur Nasenspitze, bevor er sich von der Überraschung erholt und Gegenmaßnahmen eingeleitet hatte. Dieser Marine war stärker, als er gedacht hatte!

Drohend legte er Mac die Hände auf die Schultern, um sie erneut unterzutauchen. "Du solltest dir schonmal Kiemen wachsen lassen." schlug er spöttisch vor.

"Wenn du mich nochmal tauchst, hetze ich dir meine Anwältin auf den Hals!" drohte Mac und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

"Ach, ich glaube, die kenne ich. Nicht zufällig dieselbe, die ich vor Gericht schon geschlagen habe?" erkundigte Harm sich amüsiert und machte Anstalten, sie erneut unter Wasser zu drücken.

Ein schriller Pfiff ertönte und ein blonder, muskulöser Bademeister Mitte 30 baute sich drohend am Beckenrand auf. "Hey, Sie da! Lassen Sie sofort die Lady los!" rief er Harm streng zu.

Mac begann so stark zu lachen, daß sie fast unterging, was der Bademeister auf Harm zurückführte, der seine Kollegin noch immer an den Schultern festhielt. Seine Hand ballte sich um die Trillerpfeife, die um seinen Hals hing, und er warf Harm wütende Blicke zu.

Harm sah erstaunt auf und glaubte im ersten Moment, daß er unmöglich gemeint sein könne.

"Ja, genau Sie," brüllte der aufgebrachte Bademeister jedoch in Harms Richtung, "der Typ mit den schwarzen Haaren, neben der hübschen Frau. Lassen Sie sie sofort los und kommen Sie raus da!"

"Es ist alles in Ordnung, wir kennen uns, das war nur ein Spaß." versicherte Harm und ließ Mac, die noch immer lachte, los.

"Für Sie vielleicht, aber nicht für die Lady." erwiderte der Bademeister unbeeindruckt. Vermutlich fühlte er sich als Verteidiger von Macs Ehre.

Harm drehte sich zu Mac um. "Mac, sag dem Kerl doch bitte, daß wir gemeinsam hier sind." forderte er sie auf. Das Mißverständnis würde sich schnell aufklären, dachte er.

Mac lachte nur. "Der junge Mann hier beginnt wirklich, mich zu belästigen!" rief sie dem Bademeister zu.

Harm starrte sie an. "Mac, du wirst doch nicht ernsthaft vorhaben, deinen Partner zu verraten?"

Mac grinste genüßlich. "Tja, das kommt dabei heraus, wenn man sich mit einem Marine anlegt." erklärte sie so leise, daß nur er, nicht aber der Bademeister es hörte.

Harm warf ihr einen bösen Blick zu, bevor er sich hilfesuchend zu seiner Großmutter am Beckenrand umdrehte. "Granny, bitte sag ihm, daß Mac und ich uns kennen!" bat er eindringlich.

Granny sah ihn an, als wäre er ein übergeschnappter Irrer. "Wir kennen den Mann nicht!" beteuerte sie dem Bademeister.

Der muskulöse Rettungsschwimmer baute sich vor Harm am Beckenrand auf. "Kommen Sie sofort aus dem Wasser und verlassen Sie umgehend das Gebäude!" wies er ihn streng an.

Noch immer lachend schwamm Mac zum Beckenrand und kletterte die Leiter hoch.

Harm hingegen war weniger amüsiert, als er den Blick des Bademeisters bemerkte, der aufmerksam zusah, wie Mac aus dem Becken kletterte. Es war offensichtlich, daß dem blonden Mann gefiel, was er da sah. "Natürlich, Rabb, was hast du denn erwartet? Er müßte blind oder scheintot sein, um nicht zu bemerken, wie gut Mac aussieht!" sagte sich Harm tadelnd. Er hatte selbst nach 4 Jahren immer noch kein Mittel, das gegen diese braunen Augen oder dieses Lächeln immun machte, entdeckt.

"Entschuldigung, das war nur ein Spaß, der ungehobelte Kerl da drüben und ich kennen uns tatsächlich. Aber trotzdem danke für Ihre Hilfe. Ich denke, es wird ihm eine Lehre sein." klärte Mac die Sache auf und grinste zu Harm hinüber.

Harm hörte nicht, was die beiden weiterhin sprachen, aber er sah, wie Mac mehrmals lächelte, ebenso wie ihr Gesprächspartner, der jetzt gar nicht mehr drohend wirkte. Seine Blicke und die Posen, mit denen er versuchte, seinen braungebrannten, durchtrainierten Körper ins rechte Licht zu rücken, gefielen Harm nicht.

Nach ein paar Minuten kam Mac ins Wasser zurück und schwamm zu Harm hinüber. "So, jetzt hast du deine Lektion gelernt. Streite dich nie mit einem Marine, wir haben überall Verbündete." erklärte sie lächelnd.

"Sogar David Hasselhoff, hm?" neckte Harm mit einem Blick auf den Bademeister, ließ es aber doch sein, sie erneut unter Wasser zu drücken – er wollte nicht, daß der blonde Herkules erneut Gelegenheit bekam, Mac anzusprechen.


2330 Z-Zeit (18:30 Uhr EST)
Mifflin County, Pennsylvania

Granny hatte ein paar Bahnen geschwommen und stieg nun aus dem Wasser, um sich irgendwo hinzusetzen. Lächelnd sah sie zu Harm und Mac hinüber, die gerade zum den 5-Meter-Turm hinaufkletterten und sich dabei ständig gegenseitig neckten.

"Entschuldigen Sie bitte, Ma’am." sprach eine tiefe Stimme Granny von der Seite her an.

Die alte Dame drehte sich um und sah sich dem Bademeister gegenüber. "Ja?"

"Tut mir leid, wenn ich aufdringlich erscheine, aber ist sie Ihre Enkelin oder sowas?" erkundigte sich der blonde Mann und deutete zum 5-Meter-Turm.

"Oder sowas." bestätigte Granny lächelnd.

"Dann haben Sie sicher Ihre Adresse?" fragte der Bademeister hoffnungsvoll, "Oder ist sie verheiratet oder sonstwie liiert?"

Granny erwog einen Moment lang ernsthaft, was sie antworten sollte. "Sie ist mit meinem Enkel hier." erklärte sie dann.

"Oh," murmelte der Bademeister, "dann entschuldigen Sie bitte die Störung." Er ging davon.

Harm und Mac kletterten aus dem Wasser und kamen zu ihr herüber. "Gott, was für ein tolles Paar!" ging es Granny durch den Kopf, als die beiden Offiziere Seite an Seite und triefend naß vor ihr standen. Mit einem Blick auf die Uhr machten sich die drei auf dem Weg zur Dusche.

"Was wollte er?" erkundigte sich Harm, in Richtung Bademeister zeigend.

"Sarahs Adresse." antwortete Granny ehrlich.

Harm hob eine Augenbraue. "Und?"

"Ich hab ihm gesagt, daß sie mit meinem Enkel hier sei." erklärte Granny.

Harm blieb abrupt stehen. "Du hast WAS gesagt?" vergewisserte er sich streng. Er klang fast ein wenig entsetzt.

"Na ja, es stimmt doch, oder? Sarah und ich, wir sind beide mit dir hier, oder nicht?" meinte Granny ein bißchen kleinlauter als üblich. Sie hatte erwartet, daß ihr Enkel erleichtert reagierte, denn sie hatte seinen Blick gesehen, als Mac mit dem Bademeister geredet hatte.

"Granny, niemand hat das Recht, sich in Macs Privatleben einzumischen! Wenn sie die Gelegenheit möchte, sich mit diesem ... Bademeister zu treffen, dann soll sie sie haben und wenn sie nicht möchte, dann entscheidet sie das allein, okay?" Harm faßte seine Großmutter streng ins Auge.

Mac starrte ihn an, mindestens genauso überrascht wie Granny. Seit sie Harm kannte, hatte er immer mit einer gewissen Eifersucht – oder zumindest hatte Mac sich gewünscht, daß es Eifersucht war – auf ihre Verabredungen reagiert und hatte nie eine gute Meinung von ihren Freunden gehabt. Immer war er ihr mit dem Hinweis gekommen, sie hätte etwas Besseres verdient. Daß er jetzt ihr Recht, selbst zu entscheiden, mit wem sie sich verabreden wollte, so verteidigte, war beeindruckend für Mac.

"Mac, ich kann gerne zu ihm hingehen und ihm sagen, daß wir nicht in dem Sinne zusammen sind ..." bot Harm an.

Mac winkte lächelnd ab; sie schien Grannys "Vergehen" für weitaus weniger schlimm zu halten als Harm. "Schon gut, ich hab nicht vor, mich mit ihm zu verabreden," meinte sie, "Wenn man weiße Gala-Uniformen gewöhnt ist, sind rote Badehosen eher ein Rückschritt."

Harm starrte sie verblüfft an, nicht sicher, wie sie das gemeint hatte. Dann breitete sich ein Flyboy-Grinsen auf seinem Gesicht aus. "Ach, ich dachte, Dress Whites werden so überbewertet?" neckte er Mac.

"Nur von den eingebildeten Seemännern, die sie tragen – ich weiß genau, was sie wert sind." entgegnete Mac mit einem schelmischen Lächeln.

Harm blieb vor dem Eingang der Damenduschen stehen und erwiderte das Lächeln. Mac blieb ebenfalls stehen. Granny, die an Mac vorbeischlüpfte, bemerkte amüsiert, daß es schien, als fiele es den beiden schwer, sich auch nur für ein paar Minuten zu trennen.

"Ertrink nicht in der Dusche, Sailor!" befahl Mac scherzhaft, bevor sie Granny folgte.

"Dasselbe gilt für dich, Marine, nicht daß dein Freund da drinnen dich retten kommen muß!" rief Harm ihr lachend nach.


0247 Z-Zeit (21:47 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Granny öffnete die Haustüre von innen und blieb einen Moment lächelnd stehen, bevor sie die Veranda betrat. Das Licht einer Laterne beleuchtete einen Ausschnitt der Veranda, ansonsten war es vollkommen dunkel, nur die Sterne funkelten am Himmel. In ihrem Nachthemd und dem Bademantel empfand Granny die Temperatur hier draußen als ziemlich kalt.

"Friert mir nicht fest hier draußen, ihr zwei," sagte sie schmunzelnd zu Harm und Mac, die nebeneinander in Grannys Hollywood-Schaukel saßen, "Gute Nacht und danke für das tolle Abendessen, Sarah."

"Gute Nacht." erwiderten Harm und Mac.

Harm sah seine Kollegin von der Seite her an. "Das Abendessen war zugegebenermaßen wirklich toll," gab er lächelnd zu. Mac hatte nach ihrer Rückkehr vom Hallenbad ein Kartoffel-Brokolie-Gratin und fritierte Champignons im Teigmantel gemacht, "Ich werde später mal heimlich den Müll durchsuchen, ob du das von irgendwem hast liefern lassen."

"Ja, ja, Harmon Rabb junior, der große Mülldurchwühler! Strebst du eine Zweitkarriere an?" neckte ihn Mac.

"Na ja, das werde ich wohl müssen, wenn du mich verläßt, um einen Partyservice aufzumachen." entgegnete Harm scherzend und erst viel zu spät fiel ihm auf, daß er "mich" gesagt hatte, anstatt "JAG".

Für ein paar Minuten schwiegen sie beide, ohne das Schweigen jedoch als belastend zu empfinden.

"Wenn du frierst können wir gern reingehen." bot Mac nach einer Weile an.

Harm schüttelte den Kopf. "Ich friere nicht," widersprach er und stellte fest, daß es wirklich so war. Seine gefütterte Fliegerjacke und Mac an seiner Seite hielten ihn warm, "Was ist mit dir?"

"Marines frieren nicht," entgegnete Mac verwegen lächelnd, "Wir bekommen keine Gänsehaut und wir ..."

"Halt, laß mich raten ... Marines blustern sich nur auf, um größer und gefährlicher auszusehen?" warf Harm grinsend ein, "Aber wenn ich mich recht erinnere, dann hat sich einer dieser sagenhaften Marines mal bei mir beschwert, daß sie sich den Hintern abfriere."

"Du merkst dir wohl alles, was ich sage?" bemerkte Mac.

"Nur die guten Dinge." erwiderte Harm grinsend.

Mac sah ihn skeptisch an. "Was ist gut daran, sich den Hintern abzufrieren?"

Harms Grinsen wuchs in die Breite und er zog schon mal in weiser Voraussicht den Kopf ein, als er sagte: "Oh, das kommt ganz auf den Hintern an."

Mac verpaßte ihm einen Ellenbogenstoß in die Rippen. "Typisch Mann!" schnaubte sie und tat verärgert, doch ihre Lippe kräuselte sich verräterisch.

"Einspruch, Euer Ehren!" protestierte Harm sofort, "Das war keine typisch männliche Bemerkung. Darf ich dich daran erinnern, daß Carolyn Imes und ein gewisser damaliger Marine-Corps-Major namens Sarah MacKenzie mal ein ... rechtsanwältliches Gutachten über das Heck eines gewissen Ex-Piloten vorgenommen haben?! Und das auch noch in Anwesenheit von Admiral Chegwidden!"

"Und darf ich dich daran erinnern, daß du damals behauptet hast, das sei gar nicht dein ’Heck‘ gewesen?" gab Mac schlagfertig zurück.

Harm seufzte und schüttelte gespielt mißbilligend den Kopf, konnte jedoch das Grinsen nicht aus seinem Gesicht fernhalten. "Müßt ihr Marines wirklich immer das letzte Wort haben oder ist das eine spezielle Begabung von dir?" erkundigte er sich neckisch.

"Vielleicht hatte ich ja auch nur einen guten Lehrer?" schlug Mac lächelnd vor.

Wieder schwiegen beide für eine Minute. "Granny und die Farm werden mir irgendwie fehlen." gestand Mac nach einer Weile leise.

Harm drehte den Kopf, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. Macs plötzlicher Stimmungswechsel und ihr Geständnis überraschten ihn ein wenig. "Ja, mir auch. Granny ist schon eine ganz besondere Person." murmelte er zustimmend und sah Mac abwartend an.

Mac nickte. "Ich glaube, ich werde mir ein bißchen seltsam vorkommen, wenn ich wieder in Washington bin." fuhr sie fort. Sie sah stur geradeaus, auf die in der Dunkelheit liegenden Hügel.

"Na ja, aber eigentlich hat sich doch nichts geändert in diesen vier Tagen, oder?" Fragend sah Harm sie an, während er in Gedanken fortfuhr: "Wir haben mit meiner Familie gefeiert, waren joggen, haben ein Spiel gespielt, waren im Museum und im Hallenbad ... aber eigentlich ist doch nichts Weltbewegendes geschehen, oder? Andererseits ... muß etwas passieren, damit sich etwas ändert?" Er schüttelte über sich selbst den Kopf, "Man, Rabb, hast du zuviel Chlorwasser geschluckt?"

Mac seufzte und erhob sich. "Ich schätze nicht," antwortete sie, "Ich glaube, jetzt wird es doch zu kalt, gehen wir rein?"

Harm folgte ihr ein wenig nachdenklich. Irgendwie hatte er das Gefühl, etwas Falsches gesagt zu haben. Doch als Mac sich an der Türe zu ihm umdrehte, lächelte sie schon wieder. Wie auf eine geheime Vereinbarung hin steuerten sie beide auf dasselbe Gästezimmer zu.


1232 Z-Zeit (07:32 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Mac drehte sich auf die andere Seite und genoß es, noch nicht aufstehen zu müssen. Hier in Belleville hatte sie besser geschlafen als sonst, in Washington. Ruhig atmete sie aus und ein, erst als sie glaubte, Kaffee zu riechen, öffnete sie schläfrig ein Auge.

Dann öffnete sie auch das andere und setzte sich verwundert auf. Vor ihr stand ein grinsender Harmon Rabb junior mit einem voll beladenen Tablett und einem seiner Flyboy-Lächeln auf den Lippen. "Guten Morgen, Ninjagirl." begrüßte er sie fröhlich und stellte das Tablett vor ihr ab.

Mac bestaunte Croissants, Toast, ein Frühstücksei, Orangensaft und Kaffee. Ein wenig irritiert sah sie Harm an. "Ähm, muß ich da irgendeinen Haken befürchten?" erkundigte sie sich vorsichtig.

Harm sah sie tadelnd an. "Hey, ich bin Navy-Offizier, kein Angler – es gibt keinen Haken! Außerdem hast du doch selbst mal darauf hingewiesen, daß dir die meisten Männer Frühstück machen, nachdem sie die Nacht mit dir verbracht haben." meinte er amüsiert eine Braue hebend.

"Das ist die VIERTE Nacht, die wir ’miteinander verbringen‘." erinnerte Mac betont sachlich.

"Na ja, ich hielt es für übertrieben, dir deshalb gleich die vierfache Menge zu bringen." entgegnete Harm, während er sich setzte und sich ein Stück Toast abbrach.

Es klopfte und Granny kam herein. "Guten Morgen, ihr zwei, ich sollte euch doch um halb acht wecken, damit ihr pünktlich aufbrechen könnt," Dann fiel ihr Blick auf das Tablett auf dem Bett und sie hob in bester Rabb-Manier die Brauen, "Wow, irgendetwas, was du getan hast, muß meinen Enkel ja schwer beeindruckt haben, Sarah." meinte sie mit einem bedeutungsvollen Lächeln.

"Sarah muß nichts TUN, um mich zu beeindrucken." entgegnete Harm kopfschüttelnd und ohne zu überlegen. Erst zwei Sekunden später wurde ihm bewußt, was er gerade gesagt und wie er Mac genannt hatte. Er tat als hätte er es nicht bemerkt und nahm sich ein weiteres Stückchen Toast.

Mac sah ihn ein wenig erstaunt an. "Na, dieser Morgen steckt ja wirklich voller Überraschungen." sagte sie sich lächelnd.


1349 Z-Zeit (08:49 Uhr EST)
Rabb-Anwesen
Belleville, Pennsylvania

Nach einem letzten Erinnerungsfoto mit "seinen drei Sarahs", wie Granny es genannt hatte, machte Harm seine Stearman startklar und half Mac in den Co-Pilotensitz.

Er trat einen Schritt zurück und sah lächelnd zu, wie Granny ihre Hand auf Macs behandschuhte Faust legte und sie herzlich anlächelte. "Auf Wiedersehen, Liebes, wir sehen uns in spätestens 9 Monaten." meinte Sarah Rabb.

Mac verdrehte ein wenig die Augen. "Granny, bitte!" ermahnte sie die alte Dame.

"Hey, ich spreche von deinem Geburtstag, Sarah! Es gibt auch noch andere Dinge, die 9 Monate dauern. Obwohl ich natürlich nichts gegen den ersten von vier Urenkeln einzuwenden hätte," Granny grinste nun auch in Harms Richtung, "Es dürfen auch gerne mehr werden als vier."

"Großmütter!" stöhnte Harm, während er einstieg und den Motor startete.

"Urgroßmütter!" verbesserte Granny lächelnd und begann zu winken.


1639 Z-Zeit (11:39 Uhr EST)
In der Nähe des Flughafens
Leesburg, Virginia

Mac lehnte sich im Beifahrersitz von Harms SUV zurück und sah aus dem Fenster. "Haben Sie etwas dagegen, wenn wir beim Admiral vorbeifahren und Jingo abholen?" erkundigte sie sich, "Ich möchte mein Glück nicht unnötig auf die Probe stellen."

Harm warf ihr einen schnellen Blick zu, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte. "Geht klar, natürlich holen wir Jingo gleich ab," stimmte er sofort zu, "Sind wir jetzt wieder per Sie, hm?" Erneut sah er zu ihr hinüber.

Mac biß sich auf die Lippe. "Sie ... oder du ... warst doch derjenige, der gesagt hat, daß sich nichts geändert hat." meinte sie mit undeutbarem Gesichtsausdruck.

Harm runzelte die Stirn. "Mac, über solchen kleinlichen Wortklaubereien stehen wir beide doch wirklich drüber, oder?" Er warf ihr einen langen Blick zu und fragte sich, ob Mac ebenfalls das Gefühl hatte, irgendetwas zwischen ihnen hätte sich verändert ... und vor allem in welche Richtung.

"Du hast Recht, Flyboy," gab Mac nach einem Moment zu, "Außer daß wir noch ausdiskutieren müssen, wer die Wette jetzt gewonnen hat."

Harm grinste, froh daß Macs seltsame Stimmung vorbei zu sein schien. "Es gibt nichts zu diskutieren, ich habe gewonnen. Ich hab dich nicht einmal gesiezt in Grannys Anwesenheit." erklärte er siegessicher.

"Dasselbe trifft auch auf mich zu," widersprach Mac, "und ich hab dich viel persönlicher geduzt als du mich."

"Ach ja? Mac, wie bitte soll das aussehen, wenn man jemanden persönlich oder unpersönlich duzt?" fragte Harm skeptisch.

"Siehst du, du kennst nichtmal den Unterschied – ich hab ganz klar gewonnen." behauptete Mac.

"Ich werde dir ganz sicher keine Flugstunden geben, die Höhenluft bekommt dir nicht, wie ich gerade feststelle." widersprach Harm erheitert.


1705 Z-Zeit (12:05 Uhr EST)
Admiral Chegwiddens Haus
Maclean, Virginia

Sydney Walden sah auf, als sie hörte, wie draußen eine Autotüre zugeschlagen wurde. Als sie zum Fenster ging, sah sie, wie die beiden Top-Anwälte ihres Freundes lachend nebeneinander über den Rasen gingen. Sie öffnete die Türe, noch bevor die beiden klingeln konnten.

"Hallo, Harm, Mac," grüßte sie freundlich, "Na, wie war der Urlaub?"

"Schön." erwiderten die beiden Offiziere gleichzeitig und grinsten sich fast verschwörerisch zu.

Sydney fragte sich, was die beiden getan hatten. Wenn man ihr geheimnisvolles Gebaren und die stumme Verständigung zwischen ihnen so sah, konnte man fast den Eindruck bekommen, der Urlaub hätte sie in irgendeine Hochzeitskapelle in Las Vegas verschlagen.

"Wollen Sie zu A.J?" erkundigte sich Sydney, "Tut mir leid, aber der ist im Büro."

"Ich wollte eigentlich nur meinen Hund abholen," erklärte Mac, "Jingo war doch brav, oder?" Besorgt sah sie die Ärztin an. Wenn Jingo irgendetwas angestellt hatte, würde der Admiral sie vermutlich die nächsten 6 Monate Computer aufrüsten oder Akten abstauben lassen.

"Ähm, ja, aber er ist nicht hier," antwortete Sydney Walden fast verlegen, "A.J. hat ihn ins Büro mitgenommen."

"Oh Gott," stöhnte Mac halblaut, "Muß ja wirklich schlimm sein, wenn er Jingo besser nicht aus den Augen lassen will." Sie verabschiedeten sich von Sydney und gingen zum Auto zurück, "Kann sein, daß ich mich diesmal doch ducke, wenn ich vor seinem Schreibtisch stehe ... vorzugsweise hinter breitgebaute Flyboys." Hilfesuchend sah Mac ihren Partner an.

Harm lachte. "Ich dachte, ihr Marines müßtet überall unbedingt in vorderster Linie kämpfen?" neckte er sie.

"Wer sagt denn, daß ich kämpfen will? Ich werde mir meinen Hund schnappen und ganz schnell den taktischen Rückzug antreten." kündigte Mac entschlossen an.


1831 Z-Zeit (13:31 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Mac hatte sich von Harm in Georgetown absetzen lassen, hatte sich schnell in eine frische Uniform umgezogen und war sofort zum Hauptquartier gefahren. Petty Officer Tiner sah auf, als sie den Vorraum zum Büro des Admirals betrat. "Oh, Colonel MacKenzie ... der Admiral hat gesagt, daß er Sie sofort sehen will, wenn Sie herkommen." erklärte der junge Mann.

Mac zuckte leicht zusammen und hoffte, daß Jingo nicht allzu viel angestellt hatte. Sie klopfte an die Türe, an der in Großbuchstaben "Privat" zu lesen stand.

"Ja?" kam die grollende Stimme des Admirals von innen.

Mac schluckte, straffte sich und trat ein. "Sie wollten mich sehen, Sir?"

A.J. Chegwidden warf den Stift hin und sah auf. "Ah, Colonel MacKenzie!" murmelte er gedehnt, lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah sie durchbohrend an.

Mac schluckte erneut und sah sich unauffällig um, um nachzusehen, ob Jingo irgendwelche Einrichtungsgegenstände angenagt oder zertrümmert hatte. Sie konnte nichts entdecken, doch dafür kam ihr Hund plötzlich unter dem Schreibtisch des Admirals hervor, wo er friedlich geschlafen hatte. Begeistert begrüßte er Mac, die ihm kurz den Rücken kraulte, bevor sie wieder vor ihrem C.O. strammstand.

"Sir, tut mir leid, falls Jingo..." begann sie unsicher.

"Jingo war ein Musterbeispiel an gutem Benehmen!" unterbrach Chegwidden sie grimmig, "Ich wünschte nur, das könnte man von seiner Besitzerin auch sagen!"

Mac starrte ihn verständnislos an. "Sir?"

"Da gewährt man seinen Offizieren - großzügig wie man ist - Urlaub und was passiert? Sie machen Schlagzeilen in der Lokalpresse irgendeines Kuh-Kaffs in Pennsylvania!" schnaubte Chegwidden aufgebracht.

"Was für Schlagzeilen denn, Sir?" fragte Mac ahnungslos. Sie hatte nicht die leiseste Idee, von was ihr Vorgesetzter da sprach.

Chegwidden öffnete eine Schublade und klatschte eine Zeitung vor sich auf den Schreibtisch. " ... feierte die 85jährige gestern im Kreise ihrer Familie." las er vor, "Gefragt, was ihr schönstes Geschenk sei, antwortete die Jubilarin, daß ihr Enkel mit seiner Sarah gekommen sei." Anklagend sah der JAG sie an.

Mac atmete erleichtert auf. "Oh, das kann ich erklären, Sir. Es ist nicht so, wie Sie glauben. Harms ... Commander Rabbs Stearman heißt ebenfalls Sarah, nach seiner Großmutter, natürlich, Sir. Mrs. Rabb hat sicher das Flugzeug gemeint." versicherte sie.

"Ach ja, dann meint sie damit sicher auch das Flugzeug, oder?" entgegnete Chegwidden grimmig und las weiter vor: "...Die beiden miteinander zu sehen, zu beobachten, wie sie sich zulächeln oder sich im Schlaf aneinanderkuscheln, zu hören, wie sie sich necken, ist wirklich eine Freude auf meine alten Tage."

Mac erstarrte und war froh, als es klopfte und der Admiral seinen anklagenden Blick von ihr abwandte. Harm kam herein.

"Sie wollten mich sprechen, Sir?" erkundigte er sich ahnungslos. Mac warf ihm einen warnenden Blick zu, den er aber natürlich nicht verstand. Wie konnte er auch!

"Der Marineminister hat mir heute morgen einen interessanten Zeitungsbericht gebracht," knurrte Chegwidden ihn an, "Und er war ebenso begeistert über dieses ständige hin und her wie ich es bin. Man sollte doch meinen, daß zwei erwachsene Leute wissen, ob sie eine Beziehung führen oder nicht!"

Harm sah ihn mit großen Augen an. "Sir?"

Chegwidden warf ihm die Zeitung hin und er begann zu lesen. "Ach so, das ist ganz einfach zu erklären, Sir..." begann Harm.

"Wollte mir der Colonel auch schon weismachen. Lesen Sie ab Zeile 14 weiter, Rabb!" befahl der Admiral.

Harm tat es und erstarrte. Er wechselte einen raschen Blick mit Mac. "Sir, gerade Sie sollten doch wissen, daß nicht alles stimmt, was in der Presse steht." verteidigte er sich und seine Partnerin.

Chegwidden kniff grimmig die Augen zusammen. "Wollen Sie damit sagen, daß Ihre Großmutter lügt?" schnappte er. Die alte Dame hatte ihn bei ihrem letzten Besuch in Washington ziemlich beeindruckt.

"Oh, nein, Sir, natürlich nicht ... nur neigt sie eben zu Übertreibungen, weil sie ... den Colonel und mich verkuppeln möchte, Sir." erklärte Harm eilig.

"Und Ihnen ist natürlich völlig unverständlich, wie sie auf einen solchen Gedanken kommen konnte und wieso sie solche Angaben der Presse gegenüber macht, hm?" fragte der Judge Advocate General ironisch.

"Nun ja, ich kann mir schon denken, auf was sie sich in dem Interview bezieht, aber ich versichere Ihnen, daß nichts geschehen ist zwischen mir und Colonel MacKenzie, Sir!" betonte Harm energisch.

Mac nickte. "Das ist wahr, Sir, es war eben nur so, daß alle Zimmer ..."

Chegwidden winkte ab. "Ersparen Sie mir besser die Details, das hier ist JAG und nicht die Love-Line! Überlegen Sie lieber mal, was Sie dem Marineminister sagen wollen, wenn er Sie anruft!"

Harm sah ihn entsetzt an. Der Marineminister war ohnehin nicht gerade gut auf Mac und besonders auf ihn zu sprechen. "Ähm, Sir, ich dachte, Sie hätten vor ein paar Wochen mit dem Marineminister gesprochen und ... ein Harriet-Manöver erwirkt?"

Chegwidden sah ihn scharf an. "Das Sie jetzt in Anspruch nehmen möchten?" fragte er grollend nach.

"Oh, nein, Sir!" versicherte Harm schnell. Aus den Augenwinkeln warf er einen schnellen Blick zu Mac hinüber. "Oder?"

Mac schielte ebenfalls zu ihm hinüber, sagte aber nichts.

"Wegtreten!" schnappte der Admiral, "Sie haben noch Urlaub bis morgen früh – und ich würde vorschlagen, Sie nutzen die Zeit, um sich ein paar Gedanken zu machen!"

"Ja, Sir!" Harm und Mac machten auf dem Absatz kehrt und Jingo schloß sich ihnen mit einem letzten Blick auf Chegwidden an.

"Ich glaube, ich brauche bald wieder Urlaub – wegen eines Todesfalles in der Familie! Wenn ich Granny in die Finger bekomme..." murmelte Harm drohend, als sie durch das Großraumbüro gingen.

"Ja, okay, Granny ist ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, aber das war doch nur, weil sie sich so freut, dich zu sehen!" wandte Mac versöhnlich ein.

"Mich? Du meinst wohl UNS! Wenn ich allein komme, artet es nie in solche Interviews aus!" erwiderte Harm.

Mac sah ihn an. "Siehst du, jetzt bereust du es, mich mitgenommen zu haben," murmelte sie, nur halb im Spaß, "Ich hatte dich ja gewarnt."

Harm stoppte und zog Mac am Ellenbogen herum, so daß sie ihn ansehen mußte. "Mac, das ist Blödsinn, ich bereue gar nichts, verstanden, Marine?" Er sah sie intensiv an, bis sie endlich nickte, "Ich bin nur nicht gerade begeistert davon, daß Granny uns schon wieder in so eine unmögliche Situation gebracht hat." fuhr er fort.

"Wenn man es genau nimmt, haben wir uns selbst in diese Situation gebracht," meinte Mac vernünftig, "Granny hat nur das erzählt, was sie gesehen hat."

Harm nickte widerstrebend. "Fragt sich nur, wie wir das dem Marineminister erklären, ohne gleich zum Ensign degradiert zu werden." sagte er mit einem leichten Grinsen.

"Second Lieutenant." warf Mac ein.

Harm hob fragend die Brauen. "Was?"

"Im Marine Corps gibt es keine Ensigns, Harm, bei uns heißt das Second Lieutenant." erinnerte Mac lächelnd.

"Okay, Second Lieutenant, wie wär’s dann mit einer Pizza, heute abend bei mir?" schlug Harm mit einem überzeugenden Flyboy-Lächeln vor.

Mac sah ihn mit mildem Erstaunen an. "Ähm, wir haben doch noch gar keinen Fall, den wir besprechen müßten, Harm." wandte sie ein. Für gewöhnlich sahen sie sich außerhalb des Büros nur, wenn es um einen Fall oder ihren Patensohn A.J. ging.

"Wir haben sogar einen sehr wichtigen Fall," widersprach Harm betont ernsthaft, "den Rabb/MacKenzie-Fall. Wir sollten uns wirklich überlegen, was wir dem Marineminister sagen."

"Oh, DIESER wichtige Fall," Mac nickte verschwörerisch, "Okay, dann um 1800 bei mir – ich will Jingo nicht schon wieder alleine lassen. Und wehe, auf meiner Hälfte der Pizza ist nicht mindestens ein Pfund Schinken!"

"Na toll," beschwerte sich Harm grinsend, "erst wird mir ein Hund vorgezogen, dann werde ich bedroht..." Er freute sich schon auf den Abend.


0340 Z-Zeit (22:40 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Die Pizza war längst gegessen und auch die Kanne grüner Tee, den Harm gemacht hatte, war leer, ohne daß Harm und Mac eine Lösung für ihr Problem mit dem Marineminister gefunden hatten.

"Das überzeugendste wäre soweit wohl zu erklären, daß Granny nun mal dazu neigt, die Dinge etwas auszuschmücken." meinte Harm und zuckte die breiten Schultern.

"Genetisch bedingte Unzurechnungsfähigkeit würde der Marineminister uns sicher auch abnehmen – schließlich kennt er dich, Flyboy." warf Mac spöttisch ein und unterdrückte ein Gähnen.

Harm sah es dennoch und erhob sich sofort von der Couch, wobei er seine Füße unter dem schlafenden Jingo hervorziehen mußte. "Ich seh schon, wir kommen nicht weiter. Ich schätze, wir müssen eben wieder mal improvisieren, je nachdem, was der Marineminister überhaupt zu uns sagt." meinte er während er in Richtung Türe ging.

Mac erhob sich und begleitete ihn in den Gang. Dort standen sie sich für einige Sekunden unschlüssig gegenüber. Mac stellte fest, daß solche "Abschiedsszenen" in letzter Zeit immer schwieriger wurden. Früher hätte Harm einfach "Tschüß, Mac, bis morgen im Büro" gesagt und wäre unbeschwert gegangen. Aber seit Granny sich vor ein paar Wochen in ihrer beider Leben eingemischt hatte, ging das nicht mehr so einfach.

"Gute Nacht, Marine." sagte Harm mit einem sanften Lächeln und legte zögernd eine Hand auf den Türknopf, fast als warte er darauf, daß Mac ihn zurückrief.

"Gute Nacht, Flyboy." antwortete Mac und sah ihm nach. Ihre Blicke trafen sich und sie lächelten beide, bevor Harm endgültig die Tür hinter sich schloß.


0408 Z-Zeit (23:08 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.

Harm schloß die Türe seines Apartments hinter sich und ging schnurstracks die Treppe zum Schlafzimmer hinauf, ohne überhaupt zu sehen, wohin er seine Füße setzte. Sein nachdenklicher Blick war nach innen gerichtet. Er zuckte ein wenig zusammen, als es plötzlich an der Türe klopfte. Verwundert warf er einen Blick auf die Uhr. Wer konnte das zu so später Stunde noch sein?

"Mac." war sein erster Gedanke, obwohl er eigentlich wußte, daß das nicht sehr wahrscheinlich war. Leider war der Anblick, der sich ihm bot, auch sehr viel weniger erfreulich. Ein Paketbote stand vor der Türe. "Harmon Rabb junior?" erkundigte er sich.

Harm nickte. "In Person." bestätigte er ironisch und fragte sich, welches Paket so wichtig sein mochte, daß es jetzt noch ausgeliefert wurde. Er nahm das 40 Zentimeter lange Paket entgegen, unterschrieb die Empfangsbestätigung und drückte dem Boten zwei Dollar in die Hand. Mit dem Paket in der Hand ging er ins Schlafzimmer zurück und betrachtete es genauer. Es befand sich kein Absender darauf. Neugierig machte er sich daran, es zu öffnen.

Das Telefon klingelte.

Harm ließ das Paket sinken und ging kopfschüttelnd zum Telefon hinüber. Wer rief ihn so spät noch an? Granny? Oder Mac, die sich vergewissern wollte, daß er gut nach Hause gekommen war?

"Rabb." meldete er sich.

"Collins hier." knurrte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

Um ein Haar hätte Harm unfreundlich gefragt, welcher Collins, bevor ihm die Erkenntnis kam: "Oh, Herr Minister, Sir, guten Abend." grüßte er verwundert.

"Ich dachte schon, ich müßte persönlich vorbeikommen, um Sie mal zu erreichen." entgegnete der Marineminister statt einem Gruß.

Unwillkürlich fuhr Harm sich übers Kinn. "Das ist sicher nicht nötig, Sir." versicherte er und war froh, daß er dem Secretary of the Navy nicht persönlich gegenüberstand – er hatte diesmal kein Taschentuch dabei.

"Ich nehme an, A.J. hat Ihnen den Zeitungsartikel gezeigt? Was haben Sie dazu zu sagen?" zischte der Secnav.

Harm wechselte den Telefonhörer ans andere Ohr, um die Schallbelastung gleichmäßig zu verteilen. "Sir, meine Großmutter hat da wohl etwas übertrieben. Alte Leute sehen eben, was sie sehen wollen, Sie wissen doch, wie das ist..."

"Nein, das weiß ich nicht – ich bin der Marine-Minister, kein Altenpfleger!" knurrte der Politiker.

Harm konnte sich vorstellen, daß Chegwidden in dieser Situation etwas ganz Ähnliches gesagt hätte, aber beim Admiral spürte man unter der rauhen Schale immer das Wohlwollen für seine Leute mit, selbst wenn er noch so wütend war.

"Was glauben Sie, wie die Navy dasteht, wenn schon ihre Offiziere sich so verhalten?" zischte der Minister kalt.

"Sir, ich weiß ja, daß es ein ungünstiges Licht auf die Navy wirft ... und auf das Marine Corps ...," gab Harm vorsichtig zu, "Mir ist natürlich bewußt, daß die Vorschriften..."

"Vorschriften? Wovon reden Sie überhaupt, Commander?" unterbrach ihn der Marineminister herrisch.

Harm erstarrte. Ging es seinem obersten Vorgesetzten etwa um etwas ganz Anderes, einen Fall vielleicht? Wenn dem so war, dann hatte er sich – und Mac – jetzt nicht nur blamiert, sondern in zusätzliche Schwierigkeiten gebracht. "Sir, ich dachte es ginge Ihnen um den Zeitungsartikel?" erkundigte er sich verwirrt.

"So ist es, Commander! Vor ein paar Wochen sucht mich Ihr C.O. auf, um mir zu beichten, daß seine beiden Top-Anwälte entgegen der Vorschriften eine Beziehung begonnen und eine gemeinsame Wohnung bezogen haben. Unnötig zu sagen, daß ich fast einen Herzinfarkt bekommen habe!" fauchte der Secnav und Harm konnte sich vorstellen, daß jetzt im Umkreis von 10 Metern kein Auge mehr trocken war, "Aber Chegwidden konnte mich dann doch überzeugen, ein Auge zuzudrücken und meinen Blutdruck zu schonen. Und dann, ein paar Tage später, ruft mich A.J. an und sagt mir, daß alles nur blinder Alarm gewesen sei. Ich riskiere einen Herzinfarkt wegen einem ’blinden Alarm‘! Und um dem allem noch die Krone aufzusetzen, schickt mir gestern morgen unsere Außenstelle in Pennsylvania diesen hübschen kleinen Bericht, in dem sich Ihre Großmutter über Ihre Sexualpraktiken ausläßt!" Die Stimme des Marineministers wurde immer lauter, bis sie sich fast überschlug.

"Sir, bei allem Respekt, aber meine Großmutter hat nichts dergleichen getan," protestierte Harm ernst, "und ich kann Ihnen versichern, daß in Pennsylvania nichts passiert ist, was ich nicht mit den Vorschriften und meinem Gewissen vereinbaren könnte!"

"Hören Sie mir bloß mit Ihrem Gewissen auf, Commander, und lassen Sie auch die Vorschriften aus dem Spiel. Ich weiß ganz genau, wie gut Sie beides umgehen können!" fuhr ihn der Minister an, "Und glauben Sie bloß nicht, Sie seien schon aus dem Schneider, nur weil Sie mir versichern, daß Sie und Colonel MacKenzie keine Beziehung führen! Das interessiert mich persönlich überhaupt nicht! Alles was ich will, ist, daß Sie sich endlich mal entscheiden! Ich werde nicht nochmal einen Antrag einreichen, der sich später als ’blinder Alarm‘ erweist, nur um ihn dann doch nochmal hervorholen zu müssen – und einen Tag später schon wieder zu hören, daß nichts passiert ist, was den Antrag rechtfertigt. Ihnen mag egal sein, was Ihre Vorgesetzten von Ihnen denken, aber mir ist es das nicht, ich muß mich vor höherer Stelle wegen diesem ganzen Hin und Her verantworten! Also, entscheiden Sie sich gefälligst, ob Sie sich gegenseitig unglücklich machen wollen oder nicht und halten Sie das dann auch durch! Meine Geduld ist am Ende, haben Sie das verstanden?"

"Klar und deutlich, Sir." antwortete Harm trocken und fügte in Gedanken hinzu: "Ich bin ja nicht taub ... noch nicht." Er hielt den Telefonhörer ein Stück vom Ohr weg, um zu verhindern, daß er es in nächster Zukunft wurde.

"Also," fuhr der Marineminister etwas ruhiger fort, "das nächste, was ich von Ihnen und Colonel MacKenzie hören will, ist eine Einladung zur Hochzeit – nicht daß es mir ein besonderes Vergnügen bereiten würde, sie zu besuchen - oder aber ein striktes, rein dienstliches ’Business as usual‘ – alles dazwischen ist für die Navy nicht akzeptabel! Sind Sie dazu in der Lage, wieder zur Tagesordnung überzugehen?"

"Ja, das bin ich, Sir." erwiderte Harm sofort.

"Gut. Auf Wiederhören!" sagte der Minister grimmig und legte einfach auf.

Harm ließ den Hörer sinken. "Ja, aber hoffentlich nicht so bald." murmelte er. Nachdenklich ging er zurück ins Schlafzimmer. Stimmte es wirklich, was er seinem obersten Vorgesetzten da eben gesagt hatte? "Kann ich wirklich einfach zur ‘Tagesordnung‘ übergehen, zum ‘business as usual‘?" fragte er sich ernst, "zu meinem Leben, wie es war, bevor ..." Ja, bevor was eigentlich? Er selbst hatte Mac doch gesagt, daß sich überhaupt nichts verändert hatte. Sie würden sich weiterhin meist nur im Büro sehen, gelegentlich in einem ihrer Apartments eine Pizza bestellen oder Lasagne machen, wenn sie an einem Fall arbeiteten. Sie würden immer einen guten Grund haben, um beim anderen vorbeizusehen, meistens eine Akte oder ein Geschenk für ihren Patensohn. Sie würden wieder beginnen, sich zu siezen und würden weiterhin versuchen, sich und die Welt davon zu überzeugen, daß sie nur Freunde waren. Alles würde so sein, wie es schon jahrelang gewesen war. Business as usual.

"Bin ich wirklich dazu in der Lage?" wiederholte er die Frage des Marineministers, "Ja," sagte er sich mit einer endgültigen Gewißheit, "Ich kann dazu zurückkehren, ich habe es ja schon zuvor oft genug getan. Die Frage ist: Will ich es?"

Er mußte an Mac denken, an Mac und die letzten vier Tage. Im Geiste sah er verschiedene Bilder vor sich: Mac im Hallenbad. Mac nachts in der Küche. Mac beim Holzhacken. Mac alleine im Dunkeln auf der Veranda sitzend. Mac beim Backen mit Granny. Mac schlafend. Mac kurz nach dem Aufwachen. Mac...

"Sentimentaler Idiot!" schalt er sich selbst. Es war offensichtlich, daß er so nicht weiter kam. Er machte sich daran, endlich das Paket zu öffnen, das noch immer geschlossen auf seinem Bett lag. "Vermutlich eine Bombe vom Marineminister!" sagte er sich belustigt.

Ganz oben in dem Karton fand er ein Blatt Papier. Gespannt faltete er es auseinander. Es war mit in Tinte geschriebenen Worten bedeckt. Er erkannte die Handschrift sofort – es war Grannys. Verwundert fragte er sich, was sie ihm jetzt so dringendes zu schicken hatte, nachdem er noch nicht einmal 24 Stunden zurück in Washington war.

<Hallo Harmon> stand da geschrieben.

<Wenn du um diese Uhrzeit zuhause bist, so daß du diesen Brief jetzt lesen kannst, dann benötigst du dieses Paket wirklich dringend. Keine Sorge, ich weiß, was du von meinen Anspielungen hältst und um das hunderteinunddreißigste GRANNY zu vermeiden, sage bzw schreibe ich jetzt einfach gar nichts mehr. Die Dinge hier sprechen für sich selbst.

Alles Liebe und viele Grüße, auch an Sarah,

Granny.>

Stirnrunzelnd legte Harm den Brief beiseite und wandte sich wieder dem Paket zu. Der nächste Gegenstand, den er darin fand, war ein Kissen. Das trug auch nicht gerade dazu bei, seine Verwirrung aufzulösen.

Er legte das Kissen neben sich und griff erneut in den Karton. Die Falten auf seiner Stirn vertieften sich, als er eine Landkarte auseinanderfaltete. Nach ein paar Sekunden erkannte er, daß es ein Stadtplan von Washington D.C. war – ein Stadtplan, auf dem Georgetown mit einem roten Farbstift deutlich hervorgehoben war, inklusive der schnellsten Route zwischen dem Unionsbahnhof und Georgetown. Langsam wurde Harm klar, auf was Granny hinauswollte.

"Sie sollte doch langsam wissen, daß solche dezenten Hinweise nichts bringen." murmelte er kopfschüttelnd.

Ganz unten in dem Paket fand er zwei Fotos.

Das erste war eine Schwarz-Weiß-Fotografie, die Harm schon einmal gesehen hatte, als er noch ein Teenager gewesen war. Das Bild zeigte eine junge Sarah Rabb, die mit ihrer zierlichen Figur und den strahlend blauen Augen eine Schönheit gewesen war. Der Mann an ihrer Seite war natürlich Harms Großvater, der seinem Vater, Harm senior, und ihm selbst auf fast unheimliche Weise ähnelte. Das Foto zeigte die beiden auf der Veranda des Rabb-Anwesens, wie sie nebeneinander auf einer Bank saßen.

Harm lächelte, als er den Blick sah, mit dem seine Großeltern sich auf dem Bild ansahen. Er hatte keinen Zweifel daran, daß sie sehr glücklich gewesen waren.

Das zweite Foto war in Farbe. Es zeigte ebenfalls die Veranda der Rabb-Farm, aber die Bank war durch eine Hollywood-Schaukel ersetzt worden – und Grandpa und Granny durch ihn und Mac. Der Blick jedoch war derselbe geblieben. Langsam begann Harm zu verstehen, worauf Granny, Trish und all die anderen immer anspielten.

Sorgfältig legte Harm die Fotos in den Karton zurück. Unschlüssig starrte er darauf hinab.


0524 Z-Zeit (00:24 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.

Sarah MacKenzie lag mit offenen Augen im Bett. Sie war müde, konnte aber trotzdem einfach nicht einschlafen. Sie kannte das. Seit ihren Teenagerjahren hatte sie immer wieder Schlafprobleme, vor allem, wenn sie unter Streß stand. Sie war daran gewöhnt, mit wenig Schlaf auszukommen. Nur in den letzten vier Tagen hatte sie ausnahmsweise die ganze Nacht durchgeschlafen. Der Gedanke daran und an den Grund dafür hatte eine nicht gerade einschläfernde Wirkung auf sie.

Es klopfte an der Tür. Mac setzte sich alarmiert auf. Es war jetzt 26 Minuten nach Mitternacht und normalerweise würde keiner ihrer Nachbarn sie jetzt noch stören. Und wenn es einen Notfall bei JAG gab, dann hätte der Admiral sie angerufen. Harm war erst vor 2 Stunden gegangen und ansonsten fiel ihr niemand ein, der um diese Uhrzeit noch an ihre Türe klopfen würde.

Sie warf eilig einen Morgenmantel über und nahm vorsichtshalber ihre Dienstpistole mit, als sie zur Tür ging. Argwöhnisch öffnete sie sie einen Spalt. Vor ihr stand ihr Partner, Harmon Rabb junior, mit einem Kissen in der Hand und seinem berühmten Flyboy-Grinsen auf den Lippen.

"Harm?" fragte Mac verwundert, "Ist was passiert?"

"Können wir das drinnen besprechen? Deine Nachbarn wüßten das sicher zu schätzen." meinte Harm lächelnd.

Immer noch völlig überrascht öffnete Mac die Türe und ließ ihn eintreten. "Ist etwas passiert?" wiederholte sie besorgt ihre Frage, sobald Harm im Gang stand.

"Na ja, wenn man von meinem Gespräch mit dem Marineminister und einem nächtlichen Paket absieht nicht." erklärte Harm schmunzelnd.

Mac starrte ihn an. "Was?"

"M-hm, du hast richtig gehört. Der Marineminister hat mich angerufen und wollte wissen, was ich zu dem Zeitungsartikel zu sagen habe." erzählte Harm.

"Und? Du hast ihm doch hoffentlich gesagt, daß es nicht so ist, wie es bei Granny geklungen hat?" erkundigte sich Mac besorgt.

"Hab ich, aber es hat ihn gar nicht interessiert. Er wollte vor allem, daß dieses ständige Hin und Her aufhört, damit er vor seinen Vorgesetzten nicht dumm dasteht." meinte Harm.

"Welches Hin und Her?" fragte Mac verständnislos.

"Das Hin und Her zwischen uns beiden," erläuterte Harm und tat sachlich, "Der Marineminister hat uns vor die Wahl gestellt: Hochzeit oder Rückkehr zum Dienst nach Vorschrift. Nichts dazwischen." Er kraulte beiläufig Jingo, der angelaufen kam.

Mac starrte ihn an und wußte nicht, ob er scherzte oder nicht.

Harm mußte grinsen. "Mac, könntest du bitte mal die Waffe weglegen?" bat er.

Mac sah erstaunt auf ihre Hand hinab, in der sie noch immer ihre Pistole hielt, ohne daß es ihr bewußt gewesen war. Sie legte sie auf den Wohnzimmertisch. "So, und jetzt nochmal im Ernst: Was hat der Marineminister gesagt?" erkundigte sie sich resolut.

"Hochzeit oder Business as usual." wiederholte Harm mit einem leichten Lächeln.

Mac sah ihn kritisch an. "Im Ernst?" Sie glaubte noch immer an einen Scherz.

"Das war der Originalton." bestätigte Harm amüsiert.

"Und was hast du gesagt?" wollte Mac wissen.

"Daß das kein Problem ist." antwortete Harm.

Mac nagte heftig an ihrer Lippe. "Daß WAS kein Problem ist? Die Hochzeit oder Business as usual?" erkundigte sie sich skeptisch.

Harm lachte, vielleicht um seine Unsicherheit zu überspielen. "Das hab ich offengelassen." entgegnete er und musterte beiläufig die Tapete von Macs Wohnung.

Mac hatte das Gefühl, irgendwie immer noch nicht so ganz schlau aus der Sache zu werden. "Offengelassen..." murmelte sie vor sich hin.

Harm neigte den Kopf zur Seite. "Na ja, schließlich ist das nicht nur meine Entscheidung." meinte er achselnzuckend.

"Entscheidung?" echote Mac halblaut.

"Mac, kannst du auch noch etwas anderes sagen als immer nur meine letzten Worte zu wiederholen?" erkundigte sich Harm belustigt.

"Oh, ja, sicher ... ähm, bist du jetzt mitten in der Nacht durch die halbe Stadt gefahren, um mir von deinem netten Plauderstündchen mit dem Marineminister zu erzählen oder was tust du sonst hier um 0 Uhr 36?" wollte Mac wissen, während sie am Gürtel ihres Morgenmantels zupfte.

Harm erinnerte sich, eine ähnliche Geste schonmal gesehen zu haben, als sie ihm von ihrem alkoholabhängigen Vater erzählt hatte. Seither war viel geschehen. "Ich hab dir doch von dem Paket erzählt, das ich vorhin bekommen habe..." begann er zu erklären.

Mac nickte.

"Darin war eine Karte, auf die der schnellste Weg nach Georgetown eingezeichnet ist." fuhr Harm fort.

Mac verschränkte die Arme und sah ihn mit ihren großen braunen Augen kritisch an. "Harm, du kennst den Weg nach Georgetown!"

"Wie mit ‘nem Autopiloten." dachte sich Harm lächelnd. "Oh, das hier war auch noch in dem Paket." erklärte er und hielt das Kissen in die Höhe, das er noch immer in der Hand hatte.

"Falls das nicht irgendeine streng geheime Navy-Waffe ist, die du mir da bringst, muß ich dir sagen: Ich habe schon ein Kissen." erklärte Mac mit sanftem Spott.

"Sicher, aber Granny war wohl der Meinung, daß ich mein eigenes Kissen haben sollte." meinte Harm betont beiläufig.

"Dein eigenes Kissen," begann Mac erneut, seine Worte zu wiederholen, "sie weiß doch sicher, daß du genügend Kissen hast."

"Ja, aber nicht hier. Ich schätze, das ist Grannys dezente Art mir zu sagen, wo ich heute nacht schlafen soll," Harm grinste, "Ich soll dich auch noch ganz lieb von Granny grüßen ... und dann gibt’s da auch noch etwas anderes, was ich dir seit zwei Wochen von Granny ausrichten soll..." Harms Gesicht war ruhig und sein Lächeln verriet nur das übliche Necken, aber seine Augen sprachen eine eigene Sprache. Warm ruhte sein sanfter Blick auf Mac.

Mac sah ihn für einen Moment prüfend an, bevor sie die Hand ausstreckte und ihm das Kissen aus der Hand nahm. Für zwei weitere Sekunden sah sie ihn an, als erwäge sie, ihm das Kissen um die Ohren zu schlagen, aber dann lächelte sie und streckte auch die andere Hand aus, um Harms zu ergreifen. "Okay, Flyboy, dann laß uns mal das Kissen ins Bett bringen." sagte sie lächelnd und zog ihn hinter sich her ins Schlafzimmer.

- ENDE -

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