Inhalt:
Ausgerechnet als Harm und Mac sich nur noch streiten,
wird ihnen ein neuer Auftrag zugewiesen – und es ist kein Aufenthalt auf einem U-Boot,
sondern schlimmer.
Episoden:
"Silent Service"; "Ein Held vor Gericht"; "
Rendezvouz mit dem Tod", "Boomerang"
Spielt gegen Ende der 5. Staffel.
Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren
gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
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1525 Z-Zeit (10:25 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Die Tür des Gerichtssaales öffnete sich. Lieutenant Colonel Sarah "Mac" MacKenzie war die erste, die nach draußen trat. Sie fuhr wütend herum und begann mit ihrer zornigen Rede, noch bevor die Tür sich ganz geschlossen hatte. "Was zum Teufel sollte das, Commander?!" fuhr sie ihren Partner, Commander Harmon Rabb junior aufgebracht an, "Versuchen Sie schon wieder, mich vor Gericht lächerlich zu machen? Das können Sie sich sparen, ich bin nicht mehr so naiv wie früher! Ganz zu schweigen davon, daß wir diesmal auf derselben Seite stehen – oder besser: stehen sollten!"
Harm hob nur eine Augenbraue und sah sie an, als sei er überrascht über ihren unerwarteten Zorn. "Wie bitte?" fragte er, bemüht, ruhig zu bleiben.
Das reizte Mac aber nur noch mehr. "Oh, bitte, spielen Sie nicht den Ahnungslosen! Ich habe Ihnen schon mal gesagt, daß ich nicht von einem Lastwagen gefallen bin! Sie wissen genau wovon ich rede! Also, was zur Hölle sollte das?"
Harm, ansonsten Geduld und Freundlichkeit in Person, spürte, wie auch er begann, etwas ärgerlich zu werden. "Das ist die Frage, die ich mir vor Gericht die ganze Zeit über gestellt habe. Was haben Sie da drin getan?" verlangte er zu wissen.
"Meinen Job, was sonst?" fauchte Mac ihn an.
"Ja, wenn es ihr Job ist, unseren Klienten als völlig unglaubwürdig hinzustellen, dann haben Sie das sicherlich geschafft." gab Harm ironisch zurück.
"Wie sollte ich denn wissen, daß Taggart seine Aussage in letzter Sekunde ändert? Ich kann ihm schließlich nicht vorschreiben, wie er zu antworten hat, ich habe den Zeugen lediglich befragt!" erwiderte Mac defensiv.
"Oh ja, und mit welchem Erfolg! Ich hätte Taggart besser selbst befragen sollen!" murmelte Harm.
"So ist das also, ja? Sind wir jetzt mal wieder so weit? Der große Harmon Rabb kann ja alles besser! Allein Ihnen zuliebe hätte der Zeuge natürlich völlig anders ausgesagt! Ich dachte, Sie hätten – wenn schon nicht mehr in mich persönlich – so doch wenigstens noch Vertrauen in meine Fähigkeiten als Anwältin, aber das war wohl ein Irrtum!" sagte sie eiskalt, drehte auf dem Absatz um und stürmte davon.
Harm folgte ihr sofort. Er war fast zwanzig Zentimeter größer und hatte längere Beine als sie, aber wenn Mac wirklich wütend war, dann konnte niemand so leicht mit ihr mithalten – und jetzt kochte sie vor Wut. Bevor er sie einholen konnte, erreichte sie ihr Büro und schlug heftig die Türe hinter sich zu.
Lieutenant Bud Roberts, der hinter ihnen den Gerichtssaal verlassen hatte, zuckte leicht zusammen und zog etwas den Kopf ein – ein Verhalten, das in den letzten Monaten schon zur Gewohnheit geworden war.
Einige andere Offiziere hoben den Kopf, aber als sie Harms Blick bemerkten, wandten sie sich schnell wieder ihren ursprünglichen Beschäftigungen zu. Inzwischen gab es niemanden im ganzen Büro mehr, der die explosive Stimmung zwischen Mac und Harm noch nicht bemerkt hatte und keiner hielt es für ratsam, zwischen die Fronten zu geraten.
Harm ging in sein Büro und sagte sich, daß es schon wieder besser werden würde – es konnte nur noch besser werden, oder? Seufzend nahm er hinter seinem Schreibtisch Platz.
Er arbeitete einige Stunden konzentriert an einigen Unterlagen des Falles Manley und als er einen Blick auf die Uhr warf, stellte er fest, daß es bereits Mittag war. Er beschloß, eine Pause einzulegen und sich etwas zu essen aus der Küche zu holen.
Harm erhob sich und streckte seine große Gestalt. Als er die Küche betrat, sah er, daß Mac denselben Gedanken wie er gehabt hatte. "Früher wären wir zusammen zum Lunch gegangen." dachte Harm unwillkürlich.
Mac lehnte am Kühlschrank, in der einen Hand einen Donut, in der anderen eine Akte, in der sie ihre Nase praktisch vergraben hatte. Ihre Rechte tastete nach einem zweiten Donut, ohne daß sich ihre Augen von dem Blatt lösten.
Harm unterdrückte ein Lachen, als er nähertrat. "Ihr Marines eßt ja wirklich ‘ne Menge." kommentierte er mit einem gutmütigen Grinsen. Noch vor ein paar Monaten hätte Mac mit irgendeiner schlagfertigen Antwort über die Ernährungsgewohnheiten der Navy im Allgemeinen und ihm im Speziellen gekontert, aber seitdem hatte sich scheinbar eine Menge geändert. Er hätte es eigentlich wissen und auf diese Bemerkung verzichten sollen, aber er konnte sich einfach nicht daran gewöhnen.
Macs Kopf fuhr in die Höhe. "Ich hab Sie nicht gebeten, mir dabei zuzusehen. Nicht jeder läßt seinen Speiseplan vom Gesundheitsminister absegnen; es gibt auch noch Leute, die ihr essen genießen! Jedenfalls tat ich das, bevor Sie reinkamen, danke schön!" schnappte sie aggressiv und fuhr ohne ihm eine Chance zu einer Antwort zu geben fort, "Wieso halten Sie es eigentlich für erforderlich, jeden einzelnen Handstreich, den ich mache, zu kritisieren?!"
Harm schüttelte frustriert den Kopf. "Wo ist bloß meine humorvolle Partnerin geblieben?" fragte er sich fast verwundert. "Und wieso halten Sie es für erforderlich, sich einen kleinen Scherz so zu Herzen zu nehmen?" fragte er zurück, bemüht, seine Stimme ruhig und sachlich zu halten. Es gelang ihm – beinahe.
"Vielleicht, weil Ihre Scherze auch schon mal besser waren." knurrte Mac und legte den erst halb gegessenen Donut weg. Der Appetit war ihr vergangen.
"Vielleicht aber auch deshalb, weil Sie eine Laune haben wie Godzilla an einem schlechten Tag?!" Auch Harms Stimme wurde nun eine Spur lauter. Er bemerkte es und verzichtete darauf, noch mehr zu sagen. Stattdessen näherte er sich dem Kühlschrank, um endlich seinen Salat herauszunehmen.
Mac wich sofort zur Seite, warf ihm noch einen letzten giftigen Blick zu und verließ die Küche. "Oh, ich hoffe, er erstickt an seinem dämlichen Salat! Ich hoffe, er wird nach Grönland versetzt oder in die Antarktis oder ..." machte sie ihrem Ärger Luft, als sie zu ihrem Büro zurückging.
Harm schlug die Kühlschranktür wieder zu, ohne den Salat angerührt zu haben. Er hatte plötzlich keinen Hunger mehr. So konnte das doch nicht weitergehen! Langsam begann die Situation zu eskalieren und sogar ihre für gewöhnlich brilliante Zusammenarbeit in Mitleidenschaft zu ziehen. Sicher, sie hatten sich bereits früher gestritten, aber dies war nicht wie ihre üblichen scherzhaften Wortgefechte und auch nicht wie der Streit, nachdem Harm und sie sich zum ersten Mal vor Gericht gegenübergestanden hatten. Es war nicht einmal wie damals auf der Watertown. Sie stritten nicht um irgendwelche inhaltlichen Dinge, sondern wegen allem und nichts. Manchmal schien es fast, als legten sie es darauf an, sich gegenseitig zu verletzen.
Es gab keine gemeinsamen Abendessen in einem ihrer Apartments mehr, um einen Fall durchzugehen, kein Scherzen mehr im Büro, kein gemeinsames Joggen und keine Ausflüge in Harms Stearman "Sarah". Was Harm jedoch am meisten vermißte, waren ihre Gespräche. Mit Mac hatte er immer sprechen können, aber jetzt wechselten sie kaum noch ein Wort miteinander, nur das allernötigste über ihren gemeinsamen Fall. Selbst das führte immer öfter zu Auseinandersetzungen.
Und was das Schlimmste war: Harm hätte gar nicht genau sagen können, wie sie sich in diese Lage manövriert hatten. "Nein, so kann das wirklich nicht weitergehen," beschloß Harm und ging zu Macs Büro hinüber, das direkt neben seinem lag.
Die Bürotüre war geschlossen. Das war auch so eine Sache. Früher – Harm tadelte sich selbst dafür, daß er in Gedanken dieses Wort benutzte, denn es klang irgendwie pathetisch – früher war ihre Türe wie die seine immer offen gewesen. Die geschlossene Tür war wie ein Symbol. Mac hatte ihn aus ihrem Leben ausgeschlossen.
Er klopfte.
Mac murmelte etwas von innen. Es war nicht das erwartete "Herein", sondern klang eher wie "Wäre besser für Sie, wenn Sie das nicht wären, Commander Rabb!"
Harm straffte die breiten Schultern. Er war Tomcat-Pilot gewesen und hatte schon schlimmere Drohungen gehört. Unbeeindruckt trat er ein.
"Mac, wir müssen uns mal unterhalten." begann er ernst.
Sarah MacKenzie sah von ihrem mit Unterlagen übersäten Schreibtisch auf. "Nicht jetzt, ich bin beschäftigt." murrte sie und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Notizblock zu.
Harm sah sie durchbohrend an. "Doch, genau jetzt!" forderte er.
Mac hob nicht einmal den Kopf. "Ich sagte, nein!"
Harm gab auf. Das würde zu nichts führen, zu nichts, außer einem neuen Streit. "Okay, dann lassen Sie uns ..."
"Commander, ich bemühe mich hier gerade, an etwas zu arbeiten, das uns morgen vor Gericht weiterhelfen wird," unterbrach ihn Mac, "Sonst beschweren Sie sich nachher wieder, ich würde meinen Job nicht tun!"
"Gut, Sie wollen es ja nicht anders, dann gehe ich eben alleine." brummte Harm, doch Mac schien gar nicht zuzuhören, "Geben Sie mir bitte mal die Manley-Akte." Er sah suchend auf ihren Schreibtisch, auf dem das übliche Wirrwarr herrschte. Abwehrend hob er die Hände, als Mac begann, Stapel von Blätter hochzuheben. "Oh, lassen Sie nur, Manley wird längst zu lebenslanger Haft verurteilt sein, bevor Sie seine Akte in diesem ... Katastrophengebiet gefunden haben. Es wird schon so gehen." Mit diesen Worten verließ er ihr Büro.
2111 Z-Zeit (16:11 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac stürmte in das Büro und schlug die Türe hinter sich zu – diesmal war es Harms Büro-Türe. Sie baute sich in bester Marine-Manier vor seinem Schreibtisch auf, stemmte die Hände in die Hüften und bedachte ihn mit einem Blick, den sie normalerweise für Serienmörder, prügelnde Ehemänner und Leute reservierte, auf die sie jeden Moment schießen würde. Ihre dunklen Augen, nun fast schwarz vor Zorn, schleuderten Blitze. "Okay, Sie haben genau 30 Sekunden, mir zu erklären, was dieser Alleingang sollte!" fauchte sie ihn an.
Harm ließ seinen Kugelschreiber sinken. "Was habe ich jetzt schon wieder getan?" Er seufzte – ein Laut, den er, der ständig gutgelaunte, charmante Flyboy, normalerweise nicht gewohnt war.
Auf Mac jedoch schien sein Charme ohnehin jede Wirkung zu verfehlen. "Das kann ich Ihnen erklären, Mister Ahnungslos! Sie hatten ein Treffen mit den Vertretern der Anklage und hielten es nicht einmal für notwendig, mich darüber zu informieren!"
"Das wollte ich ja, aber..." begann Harm sich zu verteidigen, aber Mac ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Genau das ist es, wovon ich schon auf der Watertown gesprochen haben, wo Sie es offensichtlich auch für besser hielten, einen Zeugen ohne mich zu befragen! Sie schließen mich ständig aus allem aus! Hat das Wort TEAM eigentlich irgendeine Bedeutung für Sie?" In ihren Zorn mischten sich Resignation und Traurigkeit.
"Ach, hören Sie auf damit, Mac!" Diese Diskussion würde zu nichts führen.
Mac ließ sich nicht bremsen: "Nein, ich fange gerade erst an, Commander! Ich dachte, wir hätten unserer Probleme nach den Vorfällen auf der Watertown gelöst, aber da hab ich mich wohl geirrt. Wie sollen wir zusammen arbeiten, wenn Sie mir nicht mal mehr vertrauen und alles im Alleingang durchziehen wollen? Muß ich Sie daran erinnern, daß Sie nicht mehr in einer Tomcat sitzen und alles im Soloflug absolvieren können?"
Harms Augen änderten die Farbe von seinem normalen blau-grün, zu einer dunkleren Schattierung, als hätten sich Wolken über die Sonne geschoben und der Himmel hätte sich verdüstert. "Sind Sie jetzt fertig, ja? Könnte ich vielleicht auch mal ein Wort sagen? Danke schön. Als ich heute mittag in Ihrem Büro war, wollte ich Sie über das Treffen informieren, aber Sie waren ja anderweitig beschäftigt!" warf Harm ihr vor. Ihre Bemerkung mit der "Tomcat" verletzte ihn mehr als er zugeben wollte.
Jemand räusperte sich vernehmlich.
Die beiden Streithähne fuhren herum.
Admiral A.J. Chegwidden, Leiter von JAG, stand im Türrahmen und sah nicht gerade erfreut aus, sein bestes Team streitend vorzufinden – wieder einmal. Wer sich mit SEALs auskannte, der wußte, daß es ziemlich unangenehm werden konnte, wenn ein SEAL – oder ein ehemaliger – "nicht gerade sehr erfreut" war. "Irgendwelche Probleme?" fragte er mit einem leichten Grollen in der Stimme und sah streng von einem zum anderen.
"Probleme, Sir? Welche Probleme?" fragten Harm und Mac wie aus einem Munde – ein Bild der Unschuld.
Chegwidden ließ sich nicht täuschen. "120 Dezibel laute Probleme!" bellte er, das Grollen in seiner Stimme war nun zu einem Donnern geworden.
"Wir haben nur einen Fall diskutiert, Sir." behauptete Mac.
"Kann sein, daß wir dabei etwas zu übereifrig waren, Sir." fügte Harm hinzu.
"Guter Versuch – aber nicht gut genug!" knurrte der Admiral. "Colonel, Commander, Sie sind beide hervorragende Anwälte, aber Sie scheinen zu vergessen, daß ich auch einer bin. Ich kenne alle Ausreden und Tricks des Lehrbuchs – zum Teufel, ich habe einige davon sogar geschrieben! Also, bitte: Mäßigen Sie sich, bevor ich es tue!"
Noch bevor jemand ein "Aye, Sir" hervorbringen konnte, war er verschwunden.
"Na toll," kommentierte Mac aufgebracht, "Jetzt haben Sie es auch noch geschafft, daß der Admiral mir eine Standpauke hält!"
"ICH? Ich habe es geschafft? Das haben Sie sich ganz alleine zuzuschreiben, Mac!" gab Harm ärgerlich zurück.
"Ha! Daß ich nicht lache!"
Harm zuckte die Schultern. "Es steht Ihnen frei, das zu tun!"
Mac wollte eine scharfe Antwort geben, aber plötzlich stand der Admiral wieder vor ihnen. Sein Gesicht leicht rot vor Ärger, die Augen zusammengekniffen, als wolle er besser Ziel nehmen, eine Zornesfalte auf der Stirn und seine Kiefer mahlten. Alles in allem: 1 Meter 90 wütender SEAL! "Haben Sie beide irgendetwas an den Ohren? Falls das der Fall sein sollte, entbinde ich Sie gerne ein paar Wochen vom Dienst, bis sie Ihren Hörfehler auskuriert haben!"
Die beiden Offiziere vor ihm hatten unwillkürlich Haltung angenommen. Chegwidden hatte sich so dicht vor ihnen aufgebaut, daß selbst Mac, der "Lieber-Tod-als-Rückzug"-Marine gerne drei Schritte zurück gemacht hätte.
"Heute ist wirklich Ihr Glückstag, denn wenn ich nicht zu einer Besprechung müßte, würde ich mich gerne noch ausführlicher mit Ihnen beiden beschäftigen!" knurrte ihr Commanding Officer sie an und ging nach einem letzten warnenden Blick zurück in sein Büro.
Mac machte auf dem Absatz kehrt, ohne Harm auch nur eines weiteren Blickes oder Wortes zu würdigen, und stürmte hinaus. Auf dem Weg in ihr Büro rannte sie fast Bud über den Haufen.
Der jüngere Offizier schwankte und versuchte verzweifelt, das Gleichgewicht zu wahren, während einige der Blätter, die er getragen hatte, zu Boden fielen. "Uh, Ma’am, wo ich Sie gerade treffe ..." Er grinste von einem Ohr zum anderen, als er bemerkte, daß seine Worte mehrdeutig waren. "Ich suche Commander Rabb. Wissen Sie, wo er ist?"
Mac bückte sich und reichte ihm einen Stapel Blätter. "Hoffentlich da, wo der Pfeffer wächst!" murmelte sie zwischen den Zähnen.
Bud starrte sie an. "Ma’am?"
Mac seufzte. "In seinem Büro, Bud." Sie setzte den Weg zu ihrem Schreibtisch fort.
Harm kam hinzu, als Bud ihr mit einem verwirrten Gesichtsausdruck nachsah. "Ist der Colonel noch immer wütend auf Sie, Sir?" fragte er besorgt.
"Noch immer, schon wieder..." Harm zuckte die Schultern, "Ich habe den Überblick verloren." Er grinste, aber es lag nicht sein üblicher Humor in dem Lächeln. "Machen Sie sich keine Sorgen, Bud, sie wird sich schon wieder beruhigen."
Bud sah ihn zweifelnd an. "Ich weiß nicht, Sir, Colonel MacKenzie sah nicht so aus, als würde sie sich bald beruhigen."
Harm lächelte ermutigend. "Doch, doch, Bud, das wird sie schon. Sie wird gleich die Türe öffnen, an uns vorbeistürmen und den ganzen Weg zum Parkplatz vor sich hinschimpfen. Dann wird sie in ihre Corvette steigen und vom Hof fahren, ohne auch nur einmal zurückzublicken. Auf dem Heimweg wird sie sich einen Burger mit genug Fett darin kaufen, um ein ganzes Wolfsrudel ins Koma zu versetzten. Dann wird sie mit Jingo ein paar mal um den Block joggen und schließlich einen Punching Ball zu Tode prügeln. Danach wird sie sich schon wieder beruhigen."
Harm wünschte, er würde selbst glauben, was er da sagte. Zumindest an den letzten Satz konnte er nicht recht glauben.
"Ich hoffe, Sie haben Recht, Sir." seufzte Bud bekümmert. Selbst Bud, der in zwischenmenschlichen Angelegenheiten manchmal etwas unbeholfen war, hatte bereits bemerkt, daß Mac sich verändert hatte. Sie lachte weniger als früher und ihr rutschte öfter mal ein scharfes Wort heraus, auch wenn sie sich bemühte, Bud und den anderen Kollegen gegenüber freundlich zu bleiben. Harm gegenüber übte sie sich nicht in solcher Zurückhaltung; kühle Höflichkeit war noch das beste, worauf er hoffen konnte.
Noch bevor Bud richtig ausgesprochen hatte, wurde Macs Bürotüre aufgerissen und Mac stürmte an ihnen vorbei, ihre Aktentasche in der Hand wie einen Rammbock. Es sah tatsächlich so aus, als schimpfe sie vor sich hin und kaum eine Minute später hörte man den Motor ihrer Corvette aufheulen, als sie vom Hof fuhr. Genau wie Harm vorhergesagt hatte.
"Das ist das Traurige daran," dachte Bud, "Der Commander und der Colonel kennen sich so gut – und gerade, wenn man sich so nahesteht, kann man sich verletzen, sagt Harriet." Er seufzte erneut. "Oh, man, ich hasse es wirklich, wenn sie sich streiten!"
1259 Z-Zeit (07:59 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm ging zwischen den zumeist noch leeren Schreibtischen im Großraumbüro hindurch und warf seine Tasche in den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Dann ging er zum Büro des Admirals hinüber.
Tiner sah auf, als er nähertrat, und schien etwas überrascht, als er ihn erkannte. Normalerweise war Harm nicht unbedingt der erste, der morgens im Büro erschien. Heute war er jedoch bewußt so früh gekommen, um vor Mac da zu sein, die für gewöhnlich überpünktlich war.
"Ist der Admiral da?" fragte Harm, ohne sich erst mit einer seiner sonst üblichen Scherze an den jungen Petty Officer zu wenden. Ihm war nach allem zumute, bloß nicht nach Scherzen, aber er hatte eine Entscheidung getroffen und nun mußte er sie durchziehen. Es war besser für alle Beteiligten, auch wenn es schwerfiel.
Tiner informierte den Admiral und kurz darauf durfte Harm eintreten.
Chegwidden sah von einigen Unterlagen auf, die er gerade unterzeichnet hatte. "Was gibt es, Commander?" fragte er, angenehm überrascht, Harm schon so früh im Büro vorzufinden. Anscheinend hatte die gestrige Standpauke die Arbeitsmoral tatsächlich verbessert. "Ich glaube, ich sollte meine Leute öfters anbrüllen." dachte er sich amüsiert.
Harm schaffte es irgendwie, vor dem Schreibtisch des Admirals in militärisch einwandfreier Haltung stillzustehen und trotzdem den Eindruck zu erwecken, nervös herumzuzappeln. "Sir, zuerst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, wie das in der letzten Zeit so gelaufen ist. Lieutenant Colonel MacKenzie und ich, wir ... wollten kein Aufsehen erregen, Sir ... ich schätze, das ist uns nicht gelungen." Harm grinste probeweise.
"Das können Sie aber laut sagen, Commander!" schnaubte Chegwidden, "Können Sie und der Colonel sich nicht hinter geschlossenen Türen streiten, wie alle anderen auch? Jedesmal, wenn ich mein Büro verlasse, herrscht draußen eine Stimmung wie zwischen zwei großen Schlachten! Ich möchte nicht, daß das sich nochmal wiederholt, klar?"
"Ja, Sir, und um das zu gewährleisten, wollte ich vorschlagen ... mir und dem Colonel neue Partner zuzuweisen, Sir." Jetzt hatte er es gesagt!
Chegwidden glaubte seinen Ohren nicht recht trauen zu können. "Wie bitte? Commander, Sie sind wohl nicht recht bei Trost. Was soll das heißen?" verlangte er zu wissen.
"Sir, ich glaube wirklich, daß es das beste so wäre. Der Colonel und ich können einfach nicht mehr zusammen arbeiten, so wie es im Moment aussieht." Harm sah ihn ernst an.
Chegwidden überlegte eine Sekunde. "Antrag abgelehnt." kam dann die umgehende Antwort.
Harm hob die Augenbrauen. "Admiral?"
"Haben Sie immer noch Probleme mit den Ohren, Commander? Ich sagte, Ihr Antrag ist abgelehnt." bellte Chegwidden.
"Aber, Sir..."
"Arbeiten Sie mit Ihrem Partner zusammen oder lassen Sie es ganz, Rabb. Sie scheuen doch sonst nie vor Herausforderungen zurück, also fangen Sie jetzt nicht damit an!" Das Thema war für den Admiral erledigt.
"Sir, mit allem gebührenden Respekt, ich denke, Colonel MacKenzie würde es begrüßen, wenn sie mit jemand anderem zusammenarbeiten könnte." versuchte Harm es erneut.
"Ich schere mich einen Teufel darum, was der Colonel oder Sie begrüßen oder nicht – ich bin immer noch derjenige, der hier entscheidet, wer mit wem arbeitet, klar? Und ich halte mich an die alte Regel: Never change a winning team!" entgegnete Chegwidden unmißverständlich.
Harm atmete tief durch. "Dann beantrage ich, daß ich oder der Colonel von dem Fall abgezogen werden."
Auch das ließ den Admiral kalt. "Antrag verweigert."
"Und wenn ich beantrage..."
"Sie können beantragen, soviel und was Sie wollen, Commander, aber ich werde nichts davon unterschreiben! Es kümmert mich keinen Deut, ob sie zusammen arbeiten wollen oder nicht! Sie werden einen Weg finden, Ihre Differenzen zu lösen!" befahl A.J. streng und fügte dann etwas milder hinzu: "Verteufelt, was soll das eigentlich alles, Sie beide sind doch Freunde. Das dachte ich zumindest immer." Chegwidden hatte während der letzten Jahre oft beobachtet, wie Harm und Mac sich stritten – "wie ein altes Ehepaar," dachte er belustigt – und irgendwie waren sie immer wieder ins Reine gekommen – bis jetzt.
"Das dachte ich auch, Sir." murmelte Harm halblaut.
Es klopfte. Auf das "Herein" des Admirals trat Mac ein. Etwas verwirrt sah sie, daß Harm im Büro des JAG stand. "Ähm, Sir, ich wollte nur ... der vorläufige Bericht über den Manley-Fall..." Sie reichte Chegwidden die Akte.
"Setzen Sie sich, wo Sie schonmal hiersind, Colonel. Sie auch, Commander." befahl Chegwidden.
Beide gehorchten. Mac schielte fragend zu Harm hinüber, die dunklen Augen funkelten warnend. Hatte er etwa erneut einen Alleingang versucht oder aus welchem anderen Grund hatte er ohne Rücksprache mit ihr den Admiral aufgesucht?
"Colonel, eine Frage..." begann der Ex-SEAL.
Mac straffte die Schultern, sie wußte, daß nun nichts Gutes folgen konnte. "Sir?"
"Wie würden Sie Ihre Zusammenarbeit mit Commander Rabb bewerten? Von den letzten Wochen einmal abgesehen, meine ich." Der Admiral fixierte sie scharf, gab ihr keine Möglichkeit, eine Ausflucht zu suchen.
Auf diese Frage war Mac nicht gefaßt gewesen. Was sollte das? Hatte Harm sich etwa beim Admiral über sie beschwert? "Sir, wir ... sind ein gutes Team." sagte sei schließlich und fügte in Gedanken hinzu: "Wir waren ein gutes Team."
"Wieso hält Commander Rabb es dann für nötig, mich um die Zuweisung neuer Partner für Sie beide zu bitten?" wollte Chegwidden wissen.
"Was?!" Mac war drauf und dran, Harm in Anwesenheit des Admirals an den Hals zu springen.
"Colonel, setzen Sie sich! Sofort!" donnerte Chegwidden.
Mac gehorchte, aber ihr Blick durchbohrte Harm. "Wie können Sie es wagen..."
"Colonel, in meinem Büro wird nur einer wütend, und das bin ich, verstanden?" knurrte der Judge Advocate General, "Und ich sage es nochmal, zu Ihnen beiden: Sie werden zusammenarbeiten, ob sie es wollen oder nicht! Ich habe nicht vor, mein bestes Team wegen Ihrer Dickköpfigkeit zu verlieren! Lösen Sie Ihre Probleme! Habe ich mich klar genug ausgedrückt?!"
"Vollkommen, Sir."
"Glasklar, Sir."
"Gut." Chegwidden brummte einigermaßen zufrienden, "wegtreten." Er wußte, daß ein heftiges Geplänkel ausbrechen würde, sobald die beiden auch nur einen Fuß aus seinem Büro gesetzt hatten. "Geplänkel? Wen versuche ich da zu verulken? Dagegen wird vermutlich Vietnam ein Kindergeburtstag sein!" sagte er sich grimmig.
Harm drehte sich zu Mac um, sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er wußte, daß er einen Fehler gemacht hatte, aber das war ihm als der einzige Ausweg erschienen. "Mac," begann er bittend, "so war das nicht gedacht; ich wollte nicht..."
Mac ließ sich nicht besänftigen, sie fühlte sich verraten und verkauft. "Was wollten Sie nicht? Zum Admiral gehen und hinter meinem Rücken um einen neuen Partner bitten? Oh, dann muß wohl irgendeine höhere Macht Sie dazu gezwungen haben! Sie hätten das mit mir absprechen sollen!"
Harm fühlte, wie es auch in ihm zu brodeln begann. "Absprechen? Wie hätte ich das anstellen sollen, wenn Sie kein Wort mit mir sprechen, außer ’Sagen Sie Bud, er soll mir die Manley-Akte rüberbringen, wenn Sie damit fertig sind!‘ Außerdem bedarf es keiner Absprache um zu sehen, daß Sie nicht das geringste Interesse daran haben, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich habe nur das getan, was das Beste für alle ist."
Mac starrte ihn an. "Es ist einfach unglaublich, wie anmaßend Sie sind! Wie zum Teufel wollen Sie wissen, was das Beste für mich ist? Das darf ich doch bitte schön noch selbst entscheiden!"
"Natürlich. Und wie würden Sie sich entscheiden? So wie Sie sich verhalten, hatte ich nicht den Eindruck, als legten Sie viel Wert darauf, weiterhin mit mir zusammenzuarbeiten!"
"Das, Commander, war der erste wahre Satz, den Sie heute geäußert haben!" zischte Mac, "Wie zum Teufel soll ich auch mit jemandem zusammenarbeiten, der sich anmaßt, alle Entscheidungen über meinen Kopf hinweg zu treffen?"
"Und wie soll ich mit jemandem zusammenarbeiten, der sich verhält, als wäre ich sein schlimmster Feind?" fragte Harm zurück.
Mac starrte ihn für einige Sekunden stumm an, dann wandte sie sich abrupt ab und verschwand in ihrem Büro. Die Türe schloß sie hinter sich – diesmal fast geräuschlos, um sich eine neue Strafpredigt vom Admiral zu ersparen.
Harriet Sims-Roberts, Buds Ehefrau, stand neben Gunny Galindez Schreibtisch und war geschockt. Sie arbeitete nur noch aushilfsweise bei JAG, aber die Leute hier waren noch immer ihre Freunde und es bestürzte sie zu sehen, daß Bud keineswegs übertrieben hatte, was Mac und Harm betraf. Ganz im Gegenteil. Sie verhielten sich wirklich fast, als wären sie Feinde.
Sie klopfte an Macs Türe.
Mac saß in ihrem Schreibtischsessel und starrte auf eine Akte, ohne wirklich etwas zu lesen. Als Harriet eintrat sah sie auf. "Harriet, schön Sie zu sehen!" Trotz ihrer Worte klang sie nicht sehr überwältigt vor Freude, sondern einfach nur resigniert und müde.
Harriet fragte sich, was in den letzten Wochen alles geschehen sein mochte. "Habe ich die Erlaubnis, ganz offen zu sprechen, Ma’am?" fragte sie, wie sie es früher stets getan hatte.
Mac schluckte ihren Ärger hinunter und nickte. "Erlaubnis gewährt, Harriet. Und wenn Sie schon dabei sind, dann nennen Sie mich Mac."
"Ich will Ihnen nicht zunahetreten und ich weiß, Sie mögen es nicht, wenn sich Leute in Ihr Privatleben einmischen, aber..." Harriet zögerte.
"Bringen Sie’s hinter sich, raus mit der Sprache!" forderte Mac sie auf.
"Ma’am ... Mac, Sie sehen in letzter Zeit nicht besonders gut aus." entfuhr es Harriet.
"Oh, vielen Dank für das Kompliment, Harriet." Mac lächelte schwach.
Harriet verzog das Gesicht. "So ... so hab ich es nicht gemeint, Ma’am."
"Schon gut, Harriet, ich weiß, wie Sie es gemeint haben. Aber es gibt keinen Grund zur Sorge; es ist nur etwas viel Streß zur Zeit; Sie wissen schon, der Manley-Fall und so."
"Sind Sie sicher, Ma’am? Ich meine, ist alles okay zwischen Ihnen und dem Commander?" fragte Harriet vorsichtig, nicht sicher, ob sie damit ihre Kompetenzen überschritt.
Mac fragte sich einen Moment, woher Harriet wissen konnte, daß sie den Ring an Commander Brumby zurückgesandt hatte, dann verstand sie: Harriet sprach von Harm. "Harriet, Sie sollen mich doch Mac nennen, schon vergessen?" erinnerte sie, "Und machen Sie sich keine Sorgen, das war nur ein kleiner Streit, nichts, was es nicht schon zuvor gegeben hätte." Sie wußte, daß Harriet ihr das nicht abnehmen würde, aber sie wollte einfach nicht darüber sprechen.
Harriet ging wieder zur Tür. "Na schön, aber wenn Sie mal jemanden zum Reden brauchen ..."
Mac rang sich ein Lächeln ab. "Dann komm ich zu Ihnen, ich weiß." Sie wußten beide, daß sie es nicht tun würde.
1848 Z-Zeit (13:48 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm verharrte einen Moment vor Macs geschlossener Türe und zögerte. Früher – da war es wieder, dieses Wort – früher, hätte er nicht gezögert, sondern wäre schwungvoll eingetreten, hätte sich gegen Macs Schreibtisch gelehnt und irgendeine witzige Bemerkung gemacht. Mac hätte gelacht, ihm vielleicht einen leichten, freundschaftlichen Schlag auf die Schulter versetzt und hätte eine schlagfertige Antwort gegeben. Harm wußte jedoch, was geschehen würde, wenn er soetwas jetzt versuchte: Vermutlich würde ihr Schlag weniger freundschaftlich ausfallen und er würde den Arm die nächsten drei Wochen in einer Schlinge tragen.
Harm mußte ein wenig grinsen bei dem Gedanken, daß die um über einen halben Kopf kleinere und sicher 30 kg leichtere Mac ihn derart verletzen würde – obwohl er wußte, daß sie durchaus dazu in der Lage war. Er klopfte fast zaghaft und streckte den Kopf zur Türe herein. "Hey, Mac..."
Mac saß vorneübergebeugt in ihrem Schreibtischsessel, den Kopf in die Hand gestützt, und preßte zwei Finger auf die Stelle über ihrer Nasenwurzel. Als sie ihn hereinkommen sah, straffte sie sich sofort und legte beide Hände auf den Tisch.
Harm kannte sie, er wußte, daß sie sich nur ungern dabei ertappen ließ, irgendeine Art von Schwäche zu zeigen. Öfter als er zählen konnte, hatte sie betont, daß sie ein Marine war und selbst auf sich aufpassen konnte. Harm konnte das verstehen. Nach ihrer unschönen Kindheit und ihrem Alkoholismus brauchte sie das Gefühl, Kontrolle über sich und ihr Leben zu haben. Sie wollte stark und unabhängig sein. Mit dieser Einstellung hatte sie es weit gebracht im Corps und Harm schätzte diese Eigenschaften an ihr, aber er wußte auch, daß es ihr manchmal mehr Schaden als Nutzen einbrachte. Sie tat sich schwer damit, anderen zu vertrauen und noch schwerer fiel es ihr, zuzugeben, daß sie Hilfe brauchte. Harm hatte sie noch niemals sagen gehört, daß es ihr nicht gut ginge oder daß sie eine helfende Hand oder eine Schulter zum Ausweinen brauchte.
Wenigstens hatte er sie nach dem ersten Jahr ihrer Zusammenarbeit dazu gebracht, Hilfe anzunehmen, wenn er sie ihr unaufdringlich genug anbot. Er hoffte, daß das jetzt nicht der Vergangenheit angehörte, denn eines konnte er sehen: Mac benötigte Hilfe.
"Mac, alles in Ordnung?" fragte er und sah besorgt auf sie hinab.
"Ja, wieso sollte etwas nicht in Ordnung sein?" brummte Mac und ohne daß sie es wollte schlich sich ein scharfer Unterton in ihre Stimme.
Harm räusperte sich. "Na ja, Sie haben so einiges durchgemacht in letzter Zeit." meinte er sanft.
Mac sah ihn finster an. "Glauben Sie, das weiß ich nicht? Danke, daß Sie mich so freundlich mit der Nase darauf stoßen." schnaubte sie sarkastisch.
"Das war nicht meine Absicht, Mac, und das wissen Sie auch. Wieso drehen Sie mir jedes Wort im Mund herum?" erkundigte sich Harm ärgerlich, "Ich wollte doch nur wissen, ob Sie irgendwelchen Ärger haben!"
Mac hatte nicht vor, sich auf ein Gespräch über den Ärger, den sie haben oder nicht haben mochte, mit ihm einzulassen. "Ich stehe nicht erneut kurz davor, wieder vors Kriegsgericht zu kommen, wenn es das ist, was Sie meinen!" entgegnete sie kühl.
Harm schüttelte den Kopf und gab auf. "Okay, okay, es geht Ihnen blendend, es gibt keinerlei Probleme, schon verstanden. Dann können Sie ja mitkommen, der Admiral möchte uns sprechen."
Als sie Harm folgte, winkte vom anderen Ende des JAG-Office ein Junior-Offizier mit einem Notizheft. "Oh, Colonel, da sind Sie ja, Ma’am! Können Sie ..."
Mac warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, ohne auch nur einen Moment anzuhalten. "Nicht jetzt!" erwiderte sie barsch.
Harm beschloß, mal mit dem Admiral zu sprechen. Vielleicht konnte er Mac ja ein paar Tage Urlaub geben oder wenigstens einen Fall außerhalb von Washington, bei dem sie mal eine Weile weg von allem kam. Irgendwo, wo es warm war und die Sonne schien.
Sie erreichten die Türe zum Büro des Admirals zur gleichen Zeit. Harm überließ Mac wie immer den Vortritt und meinte mit einer scherzhaften Verbeugung: "Nach Ihnen."
Aber Mac war offensichtlich nicht in der Stimmung für Scherze. Sie starrte ihn nur an und machte keine Anstalten, einzutreten.
Harms Grinsen verblaßte langsam, aber bevor er etwas sagen konnte, riß der Admiral von innen die Türe auf. "Irgendein unsichtbares Hindernis vor dieser Türe? Nein? Dann warten Sie vielleicht auf eine schriftliche Einladung?"
"Nein, Sir!" erwiderten Harm und Mac, während sie eintraten.
Admiral Chegwidden kehrte hinter seinen Schreibtisch zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah die beiden warnend an. Er wollte es nicht erleben, daß ausgerechnet sein "Aushängeschild"-Team ihn vor einem Repräsentanten der Central Intelligence Agency blamierte.
Ein Mann im dunkelgrauen Anzug stand vor dem Ölgemälde von Admiral Arleigh S. Burke und drehte sich langsam, fast ein wenig gelangweilt, um, als er sie kommen hörte.
"Hallo, Webb, was machen Sie denn hier?" fragte Mac erstaunt, "Fangen Sie sich etwa schon wieder was ein?" Sie lächelte schelmisch.
Der CIA-Agent verzog das Gesicht. "Oh, sehr witzig, Colonel." entgegnete Webb, grinste aber ebenfalls.
Harm sah dieser Begrüßung ein wenig irritiert zu. Mit ihm, ihrem Partner, konnte Mac nichtmal ein halbwegs zivilisiertes Wort wechseln und Webb lächelte sie sogar zu? Harms Flyboy-Image geriet leicht ins Wanken.
"Mister Webb ist hier, weil er einen Auftrag für Sie hat." verkündete Chegwidden und er sah nicht besonders glücklich darüber aus, daß die CIA seine Leute schon wieder rekrutieren wollte.
"Oh, danke, aber ich glaube, wir haben noch genug vom letzten Mal." meinte Harm und diesmal widersprach ihm nichtmal Mac.
"Ja, ich zahle jetzt noch Ihr Regierungs-Eigentum-Kleid ab!" fügte sie hinzu.
Webb zeigte sich unbeeindruckt. "Dachte ich mir schon, daß Sie das sagen. Der Marineminister war so freundlich, mir Ihre Mitarbeit zuzusichern." erklärte er mit einem diplomatisch-arroganten Lächeln.
"Wenn man das mal aus der Agentensprache übersetzt, heißt das: Sie haben keine Wahl!" knurrte Chegwidden und sah Webb düster an.
"So ungefähr," gab Webb zu, "aber ich verspreche, daß Sie diesmal kein Kleid anzuziehen brauchen. Ich brauche Sie für eine Ermittlung in einer internationalen Einrichtung."
"Solange es kein U-Boot ist." brummte Mac.
"Es ist schlimmer als ein U-Boot." warf A.J. ein.
Das weckte Harms Aufmerksamkeit. Er konnte sich kaum etwas vorstellen, das in Anbetracht des angespannten Klimas zwischen ihm und Mac schlimmer als der Aufenthalt in einem U-Boot sein konnte.
"Aber Sie wollten ja unbedingt vom Manley-Fall abgezogen werden," fuhr der Admiral fort und grinste fast ein wenig boshaft, "sieht so aus, als würden Sie Ihren Willen doch noch bekommen."
"Sie sind derjenige, der irgendwelche blöden Anträge stellt und ich muß ebenfalls darunter leiden!" beschwerte sich Mac leise.
Harm grinste. "Und Sie sind diejenige, die sich gegen meine Anfrage in Bezug auf neue Partner ausgesprochen hat. Jetzt kommen Sie in den Genuß der kleinen Vergnügen, die es mit sich bringt, ein Team zu sein."
Harm wandte sich wieder Webb und dem Admiral zu. "Was genau ist denn schlimmer als ein U-Boot?" erkundigte er sich vorsichtig.
"Es geht um eine internationale Forschungsstation westlich von Barrow." erklärte Webb.
"Barrow in Iowa?" vermutete Harm.
Webb grinste fast schadenfroh und selbst Chegwiddens Mundwinkel zuckten. "Barrow in Alaska, in Nord-Alaska, Harm." verbesserte der CIA-Agent.
Harm machte große Augen. "In Alaska? Da gibt es doch nichts – außer Schnee und Eis!" Soviel also zu einem Urlaub für Mac an einem Ort, an dem es warm und sonnig war!
"Wie mir scheint, gibt es unter diesem Eis aber eine ganze Menge." brummte Chegwidden und sah Webb auffordernd an.
"Richtig, A.J. Wie gesagt, es ist eine internationale Forschungsstation, die wir zusammen mit den Russen und den Japanern betreiben." begann Clayton Webb zu erklären, "das ganze ist sozusagen noch im Experimentalstadium, deshalb sind dort bisher nur vier US-Soldaten, vier russische Militärs und vier japanische Zivilisten stationiert. Darunter sind Klimaforscher, Geophysiker, Biologen und Erdöl-Techniker."
Mac winkte ungeduldig. "Schön und gut, Webb, aber was haben wir damit zu tun? Wir sind keine Forscher, schon vergessen?"
"Ja, aber zwei dieser Forscher sind verdammt TOTE Forscher, Colonel MacKenzie!" betonte Webb.
"Und auch noch zwei unserer Leute!" brummte Chegwidden.
Webb warf ihm einen Blick zu. "Aus der ganzen Angelegenheit könnte sich ein internationaler Konflikt ergeben, wenn wir nicht sofort handeln. Wenn die beiden von einem Vertreter einer anderen Nation ermordet wurden ..."
"Wenn, Webb? Wurden sie nun ermordet oder nicht?" hakte Harm nach.
"Läßt sich schlecht sagen ohne Leichen." antwortete Webb ironisch.
"Es wurden keine Leichen gefunden? Wie wollen Sie dann wissen, was mit Ihnen passiert ist? Ich meine, in Nord-Alaska gibt es UNZÄHLIGE Möglichkeiten, wie man ums Leben kommen kann! Wenn Sie überhaupt tot sind!" Mac sah den CIA-Agent mißbilligend an.
"Genau dazu brauchen wir Sie ja! Sie sollen herausfinden, was passiert ist, und verhindern, daß noch mehr geschieht." entgegnete Webb. "Wir werden Sie undercover dort einschleußen, falls einer der Forscher der Mörder ist. Mac, Sie geben sich als Geologin aus."
Mac sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. "GEOLOGIN? Webb, ich habe nicht die geringste Ahnung von Geologie!" protestierte sie ärgerlich.
Webb zuckte überlegen die Schultern. "Ach was, ich weiß, daß Paläontologie und Archäologie zu Ihren Hobbies gehören. Das machen Sie schon, Colonel." meinte er unbekümmert.
"Ich bezweifle, daß es sonderlich überzeugend klingt, wenn alles, was ich über die Erdgeschichte weiß, sich auf ein paar Fossilien, Ichthyosaurier und Triceratops beschränkt!" schnappte Mac verärgert.
"Das wird schon gehen, Mac, wir haben Ihnen ein Dossier mit den wichtigsten Dingen zusammengestellt. Außerdem haben wir Ihre Fachgebiete absichtlich so gewählt, daß sie sich nicht zu sehr mit dem eines der Forscher überschneiden. So wird niemand sofort Verdacht schöpfen und Sie werden nicht mit den anderen zusammenarbeiten müssen." Webb klang zuversichtlich – aber schließlich mußte er ja auch nicht die Reise nach Alaska antreten.
Harm grinste vor sich hin. Mac als Geologin! "Machen Sie sich keine Sorgen, Mac, Sie können mich jederzeit um Rat fragen." bot er scherzhaft an, "Sie wissen doch, daß ich in Kalifornien aufgewachsen bin, praktisch hatte ich den San-Andreas-Graben direkt vor meiner Haustüre." Er zeigte sein charmantestes Flyboy-Grinsen.
Mac ging nicht darauf ein. "Und welche Rolle haben Sie dem Commander zugedacht?" erkundigte sie sich bei Webb.
Harm sah recht zuversichtlich aus. Die meisten der Forscher schienen Erdöl-Spezialisten, Physiker oder Ingenieure zu sein und als ehemaliger Pilot und Hobby-Bastler glaubte er, mit einem technischen Job ganz gut fertigwerden zu können. Sicher würde man ihm etwas Derartiges zuweisen.
Webb hob die Hand zum Mund, um sein breites Grinsen zu verbergen. "Harm, Sie sind der neue Psychologe der Station." erklärte er als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt.
Jetzt war es an Harm, erstaunt zu sein und an Mac, schadenfroh zu grinsen. "Ich bin Psychiater, ein Seelenklemptner? Webb, kommen Sie, das kann doch nicht Ihr Ernst sein, geben Sie mir irgendeinen anderen Job!" verlangte Harm fast entsetzt.
Webb lächelte nur sein James-Bond-Lächeln. "Nicht Psychiater, Harm, Psychologe, das ist ein Unterschied," verbesserte er ruhig, "und Sie bekommen keinen anderen Job. Wir haben uns das gut überlegt. Als Psychologe haben Sie die Gelegenheit, unauffällig mit den Forschern zu sprechen, sie über die beiden Toten und ihr Verhältnis zu den anderen Stationsangehörigen auszufragen."
"Commander, Sie sind wie geschaffen für den Job – denken Sie nur an all Ihre Erfahrungen mit Jordan." konnte Mac sich nicht verkneifen zu sagen.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust, sagte aber nichts mehr dazu. "Sonst noch etwas, das wir wissen sollten?"
Webb klatschte einen dicken Ordner auf den Tisch. "Hier sind die Akten der beiden Toten und der übrigen Leute in der I.C.E.-Station."
"ICE? Wie passend!" kommentierte Mac.
"International Cooperative Enterprise," erläuterte Webb und klopfte auf den Ordner, "Sie finden hier auch Informationen zu Ihren jeweiligen Fachgebieten und Ihrer Tarnidentität. Ein Spezial-Hubschrauber wird Sie morgen früh um 8 Uhr in Dulles aufnehmen und erstmal nach Valdez fliegen. Oh, und bevor ich es vergesse, die hier sollten Sie besser tragen." Webb legte etwas auf den Schreibtisch und grinste mit nur schlecht verborgener Schadenfreude.
"Ist doch schön, wenn einem der Beruf so viel Spaß macht!" dachte Harm spöttisch. Dann verging ihm das Scherzen aber, denn er hatte jetzt erfaßt, was Webb da neben den Ordner gelegt hatte.
"Ringe?!" entfuhr es Mac. "Was soll das? Ich habe genug durchgestanden, bis ich den einen wieder zurückgegeben hatte, ich brauche ganz sicher keinen Ersatz!" ging ihr durch den Kopf.
"Was soll das bedeuten, Webb?" forderte auch Harm energisch zu wissen.
"Das ist eine der Besonderheiten des ICE-Projekts. Die Station liegt sehr abgelegen und aufgrund der klimatischen Verhältnisse ist man dort die meiste Zeit über von der Außenwelt abgeschnitten. Es wurde deshalb beschlossen, nur Ehepaare dort arbeiten zu lassen," erläuterte Webb, "Man hofft, daß das die Spannungen unter den Forschern verringert."
"Funktioniert offenbar blendend – wie man an Ihren zwei Toten sieht." bemerkte Mac sarkastisch.
"Wir haben es also mit 5 Wissenschaftlern und ihren Frauen zu tun?" vergewisserte sich Harm.
Webb schüttelte den Kopf. "Die Bedingung ist, daß beide Partner eine wissenschaftliche Ausbildung haben."
Mac rang sich ein ironisches Lächeln ab. "Tja, ohne Frauen geht es nicht – das hat sogar Gott einsehen müssen."
Webb sah zwischen Harm und Mac hin und her. Er konnte spüren, daß etwas zwischen ihnen sich verändert hatte – und ganz sicher nicht zum Besseren. "Ich fasse also nochmal zusammen: Sie, Commander, sind ein Psychologe und Sie, Colonel, eine Geologin. Sie beide sind frisch verheiratet – herzlichen Glückwunsch, übrigens. Gibt es damit irgendein Problem?" Erneut sah er von einem zum anderen.
"Webb, ich halte das nicht für eine gute Idee. Wieso schicken Sie nicht jemand anderen? Mattoni und Imes zum Beispiel." schlug Harm vor.
Chegwiddens Wangenmuskeln mahlten. "Mattoni ist verheiratet, Commander." erinnerte er.
Harm zuckte die Schultern. "Eben."
"Aber nicht mit Commander Imes!" knurrte der Admiral.
"Bud ... Lieutenant Roberts und Ensign Sims-Roberts sind verheiratet, Sir." wandte Mac ein. Zum ersten Mal seit Tagen waren sie und Harm völlig einer Meinung.
"Colonel, hören Sie auf mit der Diskussion, das habe ich alles schon mit Webb debatiert. Wenn es eine andere Möglichkeit gebe, dann würde ich Sie sicher nicht der CIA in den Rachen werfen, das können Sie mir glauben!" grollte Chegwidden. "Commander, Sie haben ein breitgefächertes technisches Wissen und können Ihrem Partner Rückendeckung geben und Sie, Colonel, sind aufgrund Ihrer Sprachkenntnisse ideal für die Mission. Niemand weiß, daß Sie fließend Japanisch und Russisch sprechen, das könnte von Vorteil sein. Außerdem kennen Sie sich gut und können ein verheiratetes Paar überzeugend genug spielen." "Jedenfalls streiten sie sich schon wie eines." fügte er in Gedanken hinzu.
"Hey, kommen Sie, machen Sie schon, das sind nur Ringe, keine Handschellen!" ermutigte Webb sie.
Zögernd griff Harm nach seinem Ring und streifte ihn über. "Lassen Sie das bloß nicht Brumby sehen, Mac, sonst denkt er noch, Sie hätten seinen Ring endlich an die linke Hand gewechselt!" neckte er seine Partnerin.
Mac warf ihm einen tödlichen Blick zu. Sie hatte ihm nicht gesagt, daß sie Brumbys Ring schon vor einer ganzen Weile an ihn zurückgeschickt hatte. Sie hatte es noch gar niemandem erzählt. Normalerweise wäre Harm, ihr bester Freund, der erste gewesen, dem sie ihre Entscheidung anvertraut hätte, aber sie redeten ja nicht mehr über private Dinge. Außerdem wollte Mac keinen falschen Eindruck erwecken. Harm sollte nicht glauben, sie hätte die Beziehung zu Brumby seinetwegen beendet. Es hatte nichts mit Harm zu tun, sondern sie hatte gerade noch rechtzeitig bemerkt, daß sie dabei war, denselben Fehler wie mit Chris nochmal zu machen. Sie mochte Brumby, er war nett, gutaussehend und zuvorkommend. Er sagte immer genau die richtigen Dinge zur richtigen Zeit, aber sie liebte ihn nicht. Sie hatte nur Stabilität und eine Familie gesucht, jemanden, zu dem sie gehörte. Glücklicherweise hatte sie noch rechtzeitig eingesehen, daß der Preis dafür zu hoch war.
"Wir lassen Sie Ihre Vornamen behalten, damit Sie sich nicht gegenseitig verraten, aber ich halte es für besser, wenn Sie einen anderen Nachnamen benutzen, jemand könnte von Rabb und MacKenzie gehört haben. Wir haben uns für einen Namen entschieden, den Sie sich sicher gut merken können. Was halten Sie von Roberts?" Webb sah sie fragend an.
"Schön." brummte Mac wenig interessiert. Ihr gingen ständig nur drei Dinge durch den Kopf: Alaska, mit Harm, als verheiratetes Paar. Wie sollte sie das nur durchstehen? Es war schon so schwer genug. Vermutlich würden sie sich innerhalb der ersten drei Tage gegenseitig umbringen. Vielleicht war genau das ja auch mit dem Forscher-Ehepaar geschehen.
Admiral Chegwidden schob ihnen den Ordner hin. "Gut, Sie können wegtreten ... Mister und Mrs. Roberts!" Seine Lippen deuteten ein Lächeln an.
Harm und Mac salutierten und machten kehrt.
"Einen Moment bitte, Commander." hielt Chegwiddens Stimme Harm zurück, als er gerade die Türe erreicht hatte. Harm kehrte zum Schreibtisch zurück, während Mac mit Webb das Büro verließ. "Sir?"
Chegwidden schob ein wenig das Kinn vor. Normalerweise versuchte er, sich aus dem Privatleben seiner Leute möglichst herauszuhalten, auch wenn er durchaus Anteil nahm, aber Harm und Mac waren nicht nur Untergebene für ihn und er bedauerte es, daß ihre wundervolle Freundschaft einen solchen Riß erhalten hatte. Ganz zu schweigen von ihrer Arbeitsbeziehung. Langsam begann ihre Privatfehde, ihre sonst so ausgezeichnete Arbeit zu beeinträchtigen.
A.J. erhob sich, um auf gleicher Höhe mit Harm zu sein. "Ich denke, auf dieser Mission werden Sie reichlich Gelegenheit dazu bekommen und deshalb lege ich Ihnen als Ihr Vorgesetzter nahe, mit Lt. Colonel MacKenzie zu sprechen." Er betonte das "Vorgesetzter" und es klang, als wolle er etwas hinzufügen.
"Und als Privatperson?" fragte Harm nach.
"Als Privatperson lege ich Ihnen nahe, mit Sarah MacKenzie zu sprechen." entgegnete Chegwidden ohne Umschweife.
Harm war verwirrt. "Sir?"
"Ich hätte nie für möglich gehalten, daß es noch möglich ist, das zu überbieten, aber Commander, Ihre sozialen, zwischenmenschlichen Fähigkeiten überbieten sogar noch die von Lieutenant Roberts!" knurrte der Admiral.
"Ja, Sir." Harm hielt es für besser, nicht mehr weiter nachzufragen, denn er war nicht sicher, ob er die Antwort wirklich hören wollte.
1936 Z-Zeit (14:36 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Was wollte der Admiral noch von Ihnen?" fragte Mac, kaum daß Harm die Türe hinter sich geschlossen hatte.
"Na, wir sind aber neugierig, Colonel!" neckte Harm, doch als er Macs warnenden Blick bemerkte, fuhr er fort: "Nur ein kleiner Rat, von Psychologe von Psychologe sozusagen." Er sah auf den Ring an seinem Finger hinab, dann auf Macs Hand. "So schnell kann’s gehen, nicht? Meine Mutter wird jedenfalls hocherfreut sein, daß ich endlich heirate." scherzte er und fügte in Gedanken hinzu: "Vor allem, wenn sie hört, WEN ich heirate."
Mac antwortete nicht, sondern schnitt nur eine Grimasse. "Wenn wir jetzt VERHEIRATET sind," sie betonte es auf eine sarkastische Weise, "dann lassen Sie sich eines gesagt sein: Sparen Sie sich beim nächsten mal diese machohafte Pseudo-Höflichkeit, okay?"
"Bitte?" Wovon zum Teufel redete sie jetzt schon wieder? Scheinbar konnte er ihr einfach nichts recht machen.
Mac wedelte ärgerlich mit den Händen. "Ja, dieser Blödsinn mit der Türe vorhin."
"Ah, machohafte Pseudohöflichkeit heißt das bei Ihnen?" Harms Augenbrauen zogen sich zusammen. "Das letzte mal, als ich nachsah, galt das immer noch als gutes Benehmen, Mac! Wenn ich Ihnen nicht den Vortritt gelassen hätte, würden Sie sich jetzt vermutlich über meine mangelnden Manieren beschweren."
"Dies ist hier das Jag-Büro, das Militär und keine Benimm-dich-Stunde, und ich bin als Marine-Corps-Offizier hier. Sparen Sie sich Ihre guten Manieren für Ihre Freizeit auf, Commander." forderte sie ihn kühl auf.
"Ganz wie Sie wünschen," knurrte Harm frustriert, "aber DAS sollten Sie sich besser abgewöhnen."
"Was, das?" fragte Mac entnervt.
"Erstens diesen Ton Ihrem geliebten Ehemann gegenüber," Harm schenkte ihr ein halbherziges Flyboy-Lächeln und ein Teil von ihm hoffte immer noch, daß sie endlich Vernunft annehmen und zurücklächelnd würde, aber ein solches Glück hatte er natürlich nicht, "und zweitens ist es nicht gerade passend, wenn Sie mich mit Commander ansprechen."
"Ach, und wie soll ich Sie nennen? Etwa Liebling, Schätzchen oder einer dieser lächerlichen Kosenamen?!" fauchte sie ihn an.
Hätte er sich eigentlich denken können, daß sie für solche verniedlichenden Kosenamen nicht viel übrig hatte. "Wie wär’s mit Harm?" schlug er sanft vor und in seinen Augen war etwas, was für einen Sekundenbruchteil all den Zorn und die Bitterkeit in Mac durchdrang. Für einen Augenblick konnte sie sehen, wie verletzt auch er war, wie sehr er es vermißte, daß sie ihn mit seinem Namen ansprach – oder daß sie ihn überhaupt ansprach und nicht nur anbrüllte.
Doch der Moment ging so schnell vorüber, wie er gekommen war; Macs Groll war einfach zu groß, um ihn nur wegen eines dieser charmanten Flyboy-Grinsens so einfach über Bord werfen zu können, selbst wenn sie es gewollte hätte.
Bud Roberts hastete vom anderen Ende des Büros auf sie zu. "Ma’am, Sir, ich hab eben gehört, man schickt Sie nach Alaska? Undercover? Als Ehepaar?" Buds Stimme überschlug sich fast vor Aufregung. Er grinste Mac an. "Sie müssen nicht so besorgt dreinsehen, Ma’am. Sie wissen doch: Heiraten bedeutet nicht, seine Träume aufzugeben, sondern jemanden zu haben, mit dem man sie teilen kann."
Mac stöhnte. Auch das noch. "Als ich das gesagt habe, hatte ich ganz sicher nicht so eine Ehe im Sinn." murmelte sie.
Harm zog leicht eine Augenbraue hoch. Stammte dieser Satz, den Bud da eben zitiert hatte, wirklich von Mac? Nach allem, was sie erlebt hatte, ihrer gescheiterten Ehe und der tragisch endenden Beziehung zu Dalton Lowne hätte er nicht gedacht, daß sie immer noch eine so idealistische Einstellung zur Ehe hatte. Dennoch gefiel Harm dieser Satz – bis ihm einfiel, daß Macs Beziehung zu Mic Brumby höchstwahrscheinlich der Auslöser für diese Aussage gewesen war.
"Oh man, Alaska!" Bud ließ sich nicht bremsen. "Das ist ... das ist wie in dieser X-File-Episode, wissen Sie?" sprudelte es begeistert aus ihm heraus, "Also, da waren diese Wissenschaftler, die an irgendeinem Projekt zur Erforschung des arktischen Eiskerns arbeiteten. Dabei setzten sie außerirdische Parasiten frei, die unter dem Eis konserviert waren und alles endete damit, daß sie sich gegenseitig ermordeten." Bud steigerte sich in seine Erzählung hinein. "Und dann gab es da noch den Kinofilm! Sir, Ma’am, Scully wurde da in die Antarktis ..."
"Bud!" unterbracht Harm ihn scharf, "Wie oft muß ich Ihnen noch sagen, daß ich solche Ammenmärchen nicht hören will!"
Bud wurde in seiner Begeisterung gebremst und er ließ fast enttäuscht die Arme sinken. "Oh, ja, Sir. Entschuldigung, Sir, ich wollte nicht ..."
"Commander, könnte ich Sie mal eine Sekunde sprechen?" Macs Ton war eisig. Sie wartete nicht auf Harms Zustimmung, sondern schleifte ihn praktisch am Arm hinter sich her in ihr Büro. "Was fällt Ihnen ein, Bud so zu behandeln?!" fauchte sie ihn an.
Harm hob beschwichtigend die Hände. "Gut, ich mag mich im Ton vergriffen haben, aber ..."
"Nichts aber!" Mac ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Oh, doch, ABER!" unterbrach Harm sie mit Nachdruck. Langsam hatte er es satt, daß sie ihm ständig das Wort abschnitt. "Außerdem haben gerade Sie kein Recht, mir zu erzählen, wie ich meinen Legal Assistant zu behandeln habe. Im ganzen Büro wagt niemand mehr, auch nur ein falsches Wort zu Ihnen zu sagen, aus Angst, daß ihm gleich der ganze Kopf abgerissen wird!"
Diesmal war Harm es, der sie stehenließ und aus dem Büro marschierte – es war wohl besser so, bevor er noch mehr sagte, was ihm später vielleicht leid tat und noch mehr kaputt machte, falls das überhaupt noch ging.
Er ging zu Bud hinüber, der noch immer an derselben Stelle stand und große, bekümmerte Augen machte.
Harm klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. "Tut mir leid, daß ich eben so laut geworden bin, Bud, aber in Anbetracht der Mission, die da vor uns liegt, sind Erzählungen von Parasiten und massenmordenden Forschern nicht gerade das, was ich brauche." "Es ist schon schlimm genug, weiß Gott wie lange mit einer mordlustigen Sarah MacKenzie zurechtkommen zu müssen." dachte er seufzend.
Bud hatte ihm die scharfe Zurechtweisung nicht übel genommen, er war daran gewöhnt, daß Harm ihm für gewöhnlich weniger durchgehen ließ als die tolerantere Mac. Obwohl der Colonel ihm in letzter Zeit auch einige ziemlich unfreundliche Dinge an den Kopf geworfen hatte.
"Commander," nutzte Bud die Gelegenheit, "was ich Sie fragen wollte..." "Oder vielmehr, was Harriet wollte, daß ich Sie frage..."
"Hm?" Harms Blick war noch immer auf Macs Büro gerichtet.
"Sir, was ist mit dem Colonel los? Ich meine, sie ist so ..." Bud fuchtelte hilflos mit den Armen in der Luft herum.
"Schon gut, Bud, ich weiß, was Sie meinen." Niemand im Umkreis von einer Meile hatte eine Chance gehabt, Macs Laune in den letzten Wochen zu übersehen.
"Aber es muß doch einen Grund dafür geben! Ich meine, was hat sich denn plötzlich verändert? Zwischen Ihnen, Sir?"
"Gute Fragen, Bud, die stelle ich mir auch jeden Tag ein Dutzend Mal und weiß noch immer keine Antwort." murmelte Harm.
"Vielleicht sollten Sie nicht sich fragen, sondern Colonel MacKenzie, Sir." Bud brach ab, als ihm klar wurde, daß er gerade im Begriff war, einem ranghöheren Offizier zu sagen, wie er sich zu verhalten hatte. Als Harm ihn jedoch mit intensiver Aufmerksamkeit und ohne jeden Ärger ansah, fuhr er fort: "Vielleicht sollten Sie sie mal fragen, was los ist, mal mit ihr reden, Sir."
"Ich hab’s versucht, Bud, mehr als einmal. Wollen Sie wissen, was dabei rausgekommen ist? Das." Harm streckte die Hand aus.
Bud folgte seinem Blick hin zu Macs geschlossener Bürotüre. Einen Moment lang verstand er nicht, was Harm meinte, doch dann hörte er es. Besser gesagt: Er hörte es nicht. Stille. Zwischen Harm und Mac herrschte absolute Stille. Es sei denn natürlich, sie stritten sich gerade.
Bud wußte nicht, was er mehr haßte.
2203 Z-Zeit (12:03 Uhr Alaskan Time)
Flugplatz der US-Navy
Valdez, Alaska
Harm sah sich für einen Moment um und nahm die neue Umgebung in sich auf. Auf der kurzen Rollbahn lag Schnee und am Himmel zog ein Schwarm Wildgänse vorbei. Ansonsten gab es auf der kleinen Militärbasis wirklich nicht viel zu sehen.
Harm reckte die verspannten Schultern, bevor er sein Gepäck mitsamt Gitarre – Webb hatte ihnen gesagt, sie sollten einige persönliche Gegenstände mitbringen, um glaubhafter zu wirken – wieder aufnahm und Mac folgte.
Er war müde, denn obwohl es in Alaska erst 12 Uhr sein mochte, so war es zuhause, in Washington bereits 17 Uhr und sie hatten die letzten neun Stunden an Bord einer V-22 Osprey verbracht, die sie nach Valdez, im Süden Alaskas, geflogen hatte. Harm fragte sich wieder einmal ein wenig verwundert, welche Hebel Webb in Bewegung gesetzt hatte, um von der Navy eines dieser Kipprotorflugzeuge zu erhalten. Die V-22 startete zwar ebenfalls senkrecht, kippte dann aber ihre Propeller und war in der Lage, schneller als jeder Hubschrauber zu fliegen. Ihnen waren so einige zusätzliche, ermüdende Stunden Flug erspart geblieben. Die restlichen 1.000 km würden sie an Bord eines Militär-Helikopters zurücklegen, was wiederum einige Stunden in Anspruch nehmen würde. Harm konnte sich jetzt schon vorstellen, wie er sich dann fühlen würde.
Harm warf einen Blick zu Mac hinüber, die mit schnellen Schritten vor ihm herging. Wie Harm trug sie Hosen und einen warmen Militärparka. Sie hatte seit sie Dulles verlassen hatten kaum fünf Sätze mit ihm gesprochen, sondern sich nur in den Bericht über das I.C.E.-Projekt und ihre neue Identität vertieft.
"Ich bin müde, können Sie sich BITTE mal etwas beeilen?!" kam Macs Stimme von vorne. Das Bitte klang nicht eine Spur höflich.
Harm nickte und ging schneller. Mac war gereizt und müde, so wie er, und wollte sicherlich nur noch ins Bett fallen und schlafen. Das war es jedenfalls, was Harm jetzt am liebsten getan hätte.
Nach drei weiteren Schritten in Richtung Hubschrauber stellte er fest, daß Mac hinter ihm zurückgeblieben war. "Hey, Mac, Sie waren doch diejenige, die es so eilig hatte, also kommen Sie schon!" forderte er sie auf, nun selbst ein wenig ungeduldig. Als er sich zu ihr umdrehte, sah er, daß sie ihre Boxhandschuhe, die über ihrer Tasche hingen, verloren hatte und zurückgeblieben war, um sie wieder aufzuheben. "Sind das ihre persönlichen Gegenstände?" fragte er sich unwillkürlich. Jedenfalls paßten sie zumindest zu der Stimmung, in der Mac derzeit war.
0236 Z-Zeit (16:36 Uhr Alaskan Time)
In der Nähe des I.C.E.-Projekt-Komplexes
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Mac konzentrierte sich auf die feste Schneefläche vor sich, um nicht auszurutschen, und blieb kurz stehen, als hinter ihnen der Hubschrauber wieder abhob, wobei er Unmengen von Schnee aufwirbelte. Mac war während ihres Dienstes im Corps schon weit herumgekommen; Bosnien, Japan, Irland, Iran, Rußland und einige andere Orte, aber so weit im Norden war sie noch nie gewesen.
Die Sonne stand hier in einem anderen Winkel als in Washington. Der Himmel wirkte blaßgrau und wenn sie in die Ferne sah, konnte sie nicht genau sagen, wo am Horizont der schneebedeckte Boden endete und der Himmel begann. Die ungewohnte Kälte ließ sie trotz ihres gefütterten Anoraks frieren. Mac hatte den Winter nie besonders gemocht, vermutlich war sie zu lange mit ihrem Onkel Matt O’Hara auf der Suche nach Dinosaurierspuren in der Halbwüste Arizonas gewesen.
Im Stillen verfluchte sie Webb und fragte sich bereits jetzt, mit welcher Mission er wohl beim nächsten Mal aufkreuzen würde, um das hier noch zu übertreffen. Sie bezweifelte, daß es überhaupt noch möglich war. Obwohl – das hatte sie nach ihrem letzten Abenteuer in der sudanesischen Botschaft auch gedacht und nun war sie hier.
Mac vergaß einen Moment, auf den Boden zu achten und stolperte über eine Bodenwelle, strauchelte leicht. Starke Hände griffen fürsorglich nach ihrem Ellenbogen und halfen ihr, bis sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte.
Harm wußte, daß Mac solchen Gesten im Moment nicht gerade viel Begeisterung entgegenbrachte und er vielleicht wieder "machohafte Pseudohöflichkeit" vorgeworfen bekam, aber er konnte nicht anders, er mußte ihr einfach helfen, auch wenn sie sich dann vielleicht bevormundet vorkam. Ein Blick in Macs Gesicht sagte ihm, daß es ein Fehler gewesen war. "Aber was zum Teufel hätte ich tun sollen? Ich kann sie doch nicht mitten in dieser Eiswüste und vor allen Leuten aufs Gesicht fallen lassen!"
Mac warf ihm einen bitterbösen Blick zu.
"Okay, vermutlich hätte ich sie fallen lassen sollen!" sagte sich Harm.
Mac riß ihren Arm so unsanft aus seinem freundlichen Griff, daß seine Finger schmerzhaft nach hinten gebogen wurden. Aber was wirklich schmerzte, war der Ausdruck ihrer Augen. Eilig ließ er sie los und hoffte, daß die Forscher, die vor einem der niedrigen Gebäude standen, um sie zu begrüßen, nichts von dem Zwischenfall gesehen hatten.
0245 Z-Zeit (16:45 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Der Komplex des I.C.E.-Projektes bestand aus einem Haupthaus, in dem die sechs Ehepaare jeweils getrennte Arbeits-und Wohnräume hatten und in dem sich auch ein Speisesaal und der Aufenthaltsraum befanden, sowie aus einer Ansammlung kleinerer Gebäude. Harm vermutete, daß es vor allem Lagerhallen für Vorräte und technische Ausrüstung waren.
Draußen war es zu kalt für eine längere Begrüßung und so wurden sie direkt nach innen geführt, in den großen Aufenthaltsraum. Erleichtert legten Harm und Mac ihr Gepäck ab und setzten sich.
Ein großer hagerer Mann in der Uniform eines Commanders der US-Navy übernahm die Vorstellung. Eigentlich hätten Harm und Mac gut darauf verzichten können, denn sie kannten die Dienstakten der zwölf Mitarbeiter des ICE-Projektes beinahe auswendig, doch das konnten sie ihren neuen "Kollegen" natürlich schlecht sagen und deshalb hörten sie höflich zu.
Der Navy-Commander war Ishmael Daniels, ein Klimaforscher, der zusammen mit seiner Frau, Commander Melissa Daniels, einer Eiskernspezialistin, arbeitete. Sie waren beide Mitte 40 und in ihren Akten gab es nichts, was irgendwie besonders war. Harm hatte beobachtet, wie sie sich seit ihrem Eintreten bis zum Aufenthaltsraum gestritten hatten. "Ishmael! Gott," dachte Harm, "und ich dachte immer, Harmon wäre ein ungewöhnlicher Name! Aber vielleicht sollte er seinen Eltern dankbar sein, daß sie ihn nicht Jack genannt haben."
Die ältesten Bewohner der Station waren Oberstleutnant Sergeij Pedowkin und Hauptmann Marianka Pedowkin, zwei russische Geophysiker Anfang 50. Die beiden wirkten wie freundliche Großeltern und Harm konnte sich nicht so recht vorstellen, daß sie wirklich beim russischen Militär dienten. Vermutlich nur, weil es in Rußland kaum lohnende zivile Forschungsprojekte gab.
Yoshiaki und Yumiko Nishida, zwei Ingenieure irgendeiner japanischen Erdöl-Firma, deren Name Harm vergessen hatte, saßen nebeneinander auf der Couch und hatten bisher noch nichts gesagt, lächelten nur höflich. Sie waren noch ziemlich jung, um die 30 und Harm nahm an, daß man sie praktisch dazu verdonnert hatte, hier, an diesem unwirtlichen Ort zu arbeiten. Das andere japanische Ehepaar, Kenichi und Myoki Akimoto, zwei Geophysiker, waren laut Commander Daniels gerade unterwegs an der Küste und würden erst morgen oder übermorgen wiederkommen.
Neben den Japanern saß eine schlanke, hübsche Frau mit kupferrotem, im Nacken zusammengebundenen Haar und grünen Augen. Ishmael Daniels stellte sie als Anna Tschechow vor. Harm hatte gelesen, daß sie Ende zwanzig und Mikrobiologin war. Scheinbar hatte sie eine große Karriere vor sich, ebenso ihr Mann. "Wo ist der übrigens?" fragte sich Harm.
In diesem Moment bog ein Mann um die Ecke, bei dem es sich nur um Nikolai Tschechow handeln konnte. Harm und Mac mußten sich beherrschen, ihn nicht anzustarren. Der Meeresbiologe war mindestens so groß wie Harm, aber sicher 20 kg schwerer und um einiges breiter gebaut. Seine Hände sahen aus, als könne er damit Wasser aus Felsen pressen. Harm mußte fast lachen, als er Tschechow mit seiner eher zierlichen und gerade 1,70m großen Frau verglich.
"So stelle ich mir den Bruder von Arnold Schwarzenegger vor." raunte er Mac zu.
"Ja," flüsterte Mac zurück, "den großen Bruder."
"Entschuldigen Sie, daß ich erst jetzt komme, aber ich dachte mir, Sie könnten sicher etwas zum Aufwärmen gebrauchen." sagte der riesenhafte Mann in erstaunlich gutem Englisch. Selbst Macs geübte Ohren nahmen kaum einen Akzent wahr. Er lächelte sie freundlich an. Sein Blick war weitreichend und ruhig, wie ihn nur Leute haben, die es gewohnt sind, bis zum Horizont blicken zu können. Er hatte eine ruhige, fast sanfte Art, die Vertrauen erweckte.
"Falls Ish mich noch nicht vorgestellt hat: Ich bin Nikolai Wassiljewitsch Tschechow und bevor Sie fragen – nein, ich bin nicht mit dem großen Anton Tschechow verwandt, obwohl ich aus der Taiga stamme." sagte der Russe mit seinem tiefen Baß.
Niemand bemerkte Harms leichtes Zusammenzucken – niemand außer Mac. Sie wußte, welche schmerzlichen Erinnerungen die russische Taiga – und das auch noch in Verbindung mit dem Namen Tschechow – in Harm hervorrief. Sein Vater, nach dem er 18 Jahre lang gesucht hatte, war dort an irgendeinem unbekannten Ort begraben. Sie wußte, daß es Harm auch jetzt noch weh tat, auch wenn es schon eine Weile her war. Trotz ihres seit Wochen andauernden Zorns auf Harm und ihrer ständigen Streitereien, fühlte sie noch immer mit ihm.
Harm zuckte ein zweites Mal zusammen, als sich Macs kalte Hand kurz auf seinen Unterarm legte. Das hatte sie schon ewig nicht mehr getan! Dankbar drückte er für einen Moment ihre Hand und wünschte sich, dieser streit-lose Zustand würde anhalten. Die anderen Bewohner der Forschungsstation beobachteten die Geste lächelnd, hielten sie wohl für ein Zeichen der Zuneigung zwischen Eheleuten.
Nikolai Tschechow schob ihnen zwei große Tassen hin. "Hier, zum Aufwärmen." meinte er gutmütig.
Harm nahm seine dampfende Tasse dankbar entgegen und nippte vorsichtig. "Was ist das?" erkundigte er sich.
"Tee mit Rum." antwortete der Russe.
"Wohl eher Rum mit Tee, hm?" meinte Harm und nahm einen Schluck.
Mac schob ihre Tasse etwas enttäuscht von sich, obwohl sie etwas Heißes wirklich hätte gebrauchen können. Sie hoffte, daß niemand es bemerkte.
Natürlich hatte sie kein solches Glück. "Keine Angst, das wird Sie schon nicht gleich umhauen," beruhigte sie Ishmael Daniels, "Nikolai ist nicht gerade der typische wodka-vertilgende Russe." Seine Frau warf ihm für diese Bemerkung einen scharfen Blick zu.
Mac zögerte, wußte nicht, was sie antworten sollte.
"Meine Frau trinkt keinen Alkohol." half Harm ihr aus der Misere. Er mußte ein wenig Grinsen, als er "Meine Frau" sagte.
Die Wissenschaftler schienen das Lächeln und die Aussage, Mac trinke keinen Alkohol, jedoch anders zu interpretieren. "Man hat Ihnen doch aber sicher gesagt, daß Sie diesen paradiesischen Ort umgehend verlassen müssen, wenn Ihre Frau schwanger wird, oder?" fragte Sergeij Pedowkin scherzhaft.
Harm verschluckte sich beinahe an seinem Tee. "Uh, ja, keine Sorge, das ist es nicht. Sarah hat eine genetisch bedingte Alkoholunverträglichkeit."
Der japanische Erdöl-Ingenieur Yoshiaki Nishida nickte ruhig. "Das ist in Japan recht häufig." Auch er sprach recht gutes Englisch, wenn auch nicht ganz so flüssig wie Tschechow.
Mac räusperte sich. "Ich glaube, mein Gatte," sie gab Harm einen Klaps auf den Arm, "hat vergessen, uns vorzustellen. Ich bin Lieutenant Colonel Sarah Roberts und das ist mein Mann, Commander Harmon Roberts. Er ist Psychologe und ich arbeite als Geologin." Webb hatte beschlossen, daß es besser war, sich wann immer es ging so nahe an der Wahrheit wie möglich zu halten, damit sie sich nicht in Lügengeschichten verstrickten. So waren also ihre Ränge die gleichen geblieben.
"Man hat Sie uns schon angekündigt. Später ist noch mehr Zeit zum Reden, Sie wollen sicher erstmal auspacken und sich ausruhen." meinte Marianka Pedowkin freundlich.
Sie nahmen ihr Gepäck und die beiden Tschechows führten sie den Gang entlang. "Wir sind Ihre Nachbarn zur linken und rechts von Ihnen wohnen Ishmael und Melissa." erklärte Anna Tschechow. Sie war zurückhaltender als ihr Mann, aber im Hintergrund ihrer grünen Augen funkelte Temperament. Die Tschechows nickten ihnen zu und ließen sie dann allein.
Harm öffnete die Türe und sie traten ein. ""Ach ja, Home sweat home," kommentierte Harm grinsend.
Mac ignorierte ihn und sah sich um. Ihre "Wohnung" war recht klein: es gab ein Schlafzimmer, ein kleines Badezimmer und ein Büroräumchen mit zwei Schreibtischen und ein paar technischen Geräten. Auch die Einrichtung war nicht gerade üppig. Das Schlafzimmer-Mobiliar bestand aus einem Schrank, einem Spiegel, zwei Nachttischen und einem breiten Bett. Keine Couch, nichteinmal ein Sessel. Mac brummte vor sich hin.
Harm setzte seine Tasche ab und öffnete den Schrank, während Mac das Badezimmer inspizierte.
"Okay, drei Dinge." sagte sie, als sie wieder zum Vorschein kam.
Harm sah auf. "Ich weiß, ich weiß: Ja, ich werde die Zahnpastatube ordentlich von hinten nach vorne ausdrücken. Nein, ich schnarche nicht und ich werde auch nicht die Toilettenbrille oben lassen, keine Angst." Er grinste.
Einen Moment lang mußte sogar Mac beinahe lachen. Beinahe. Sie rollte mit den Augen. "Nein, das meine ich nicht – obwohl ich es Ihnen geraten haben will."
"Dir."
"Was?" Mac sah ihn verständnislos und verärgert an.
"Obwohl ich es dir geraten haben will. Wir sind verheiratet, schon vergessen, Schatz?" erinnerte Harm grinsend.
"Das ist eines der drei Dinge. Ich halte es nicht für besonders überzeugend, wenn wir ständig vermeiden, uns mit Namen anzusprechen. Und solche Kosenamen können Sie Ihrer ..."
Harm hob mahnend die Hand.
" ... okay! ... solche Kosenamen kannst du deiner Hollywood-Queen geben, aber ich will sowas weder hören, noch geht es mir leicht über die Lippen." grollte Mac.
Harm runzelte ein wenig die Stirn. Er hatte Mac nicht erzählt, daß er seit voriger Woche nicht mehr mit Renee zusammen war. Er stand praktisch vor den Trümmern einer Beziehung – wieder einmal. Keine seiner Partnerschaften hatte sehr viel länger als ein halbes Jahr gehalten. Er erinnerte sich noch gut daran, wie die Beziehung zu Annie in die Brüche gegangen war.
"Es kann nicht immer alles klasse laufen, mit keiner Frau. Sie können von Glück sagen, wenn es 5 Tage pro Monat gutgeht." hatte er damals zu Bud gesagt und Mac hatte eingewandt: "Oh, wie sich das anhört!" Scheinbar war sie tatsächlich besser in solchen Beziehungs-Angelegenheiten als er es war, denn sie war noch immer mit Mic Brumby liiert, auch wenn es eine Beziehung über große Distanzen war.
Ein Schuh kam in seine Richtung geflogen. "Harmon! Ich rede mit Ihnen ... dir!" fauchte Mac ihn an.
Harm fragte sich, wieviele ihrer berüchtigten Schuhe sie eingepackt haben mochte. "Sorry, Mac, ich war wohl in Gedanken."
"Sie sollten sich lieber Gedanken darüber machen, wie wir uns ansprechen, ohne allzusehr aufzufallen unter dieser Horde glücklich Verheirateter!" knurrte Mac.
"Wir bleiben einfach bei dem, was wir gewohnt sind." schlug Harm vor. Er liebte die Spitznamen, mit denen Mac ihn manchmal anredete, auch wenn er es nie zugegeben hätte. "Was sind die beiden anderen Dingen, von denen Sie ... von denen du gesprochen hast?"
"Sie sollten zusehen, daß Sie möglichst bald ein paar psychologische Beratungsgespräche führen und ich werde einen der Geophysiker, die Pedowkins oder so, bitten, mir das Geo-Labor zu zeigen. Vielleicht bekommen wir so ein paar Hinweise. Je schneller wir die Ermittlungen abgeschlossen haben, desto schneller können wir hier weg."
Harm zog es vor, zu Macs Wunsch, möglichst schnell hier wegzukommen, nichts zu sagen. Es würde nur wieder zu einem neuen Streit führen. "Ähm, Mac ... Da gibt es noch was, was wir beachten sollten. Na ja, ich meine, die ... körperliche Seite dieser ’Beziehung‘. Von Ehepaaren wird erwartet, daß sie sich umarmen, küssen ... ähm." Vermutlich hörte er sich jetzt wie Bud in der Zeit vor seiner Hochzeit mit Harriet an.
Mac drehte sich um und funkelte ihn ärgerlich an. Für eine Sekunde lang war Harm überzeugt, daß sie ihm ein rotes Licht geben oder eine Bemerkung wie "In Ihrem Träumen, Commander!" machen würde, aber sie sah ihn nur weiterhin böse an. "Ach, und Sie glauben, das könnte ich nicht vortäuschen? Tut mir leid, Ihr Ego beschädigen zu müssen, aber das haben Frauen schon seit biblischen Zeiten getan!" sagte sie hart.
"Ach ja?" Harm blieb skeptisch, weniger was die Frauen seit "biblischen Zeiten" anbetraf, sondern in Bezug auf Mac und ihn. In letzter Zeit machte sie den Eindruck, es kaum ertragen zu können, dieselbe Luft wie er zu atmen und ihre Reaktion von vorhin, als er sie nur vor einem Sturz hatte bewahren wollen, sprach Bände.
"Ach ja. Überrascht mich aber nicht, daß Sie mir nicht glauben," meinte Mac schnippisch, "ein typisch männlicher Charakterzug."
"Typisch männlicher Charakterzug? Ich denke, Sie sind ein wenig zu lange in Brumbys Gesellschaft gewesen." brummte Harm.
Mac war schon wieder auf hundertachtzig. "Wie kommt es, daß Sie nie auch nur ein gutes Haar an den Männern lasse, mit denen ich mich verabrede?" warf sie ihm vor.
"Kommt wohl daher, daß Sie einen lausigen Geschmack haben, was Männer betrifft." konterte Harm unbeeindruckt. Nicht einen einzigen vernünftigen Kerl hatte Mac in den vergangenen vier Jahren angeschleppt!
Bevor Mac entscheiden konnte, ob sie einfach nur zurückschreien, ihm an die Kehle springen oder den Rest ihres Schuhschrankes nach ihm werfen sollte, klopfte es.
"Reißen Sie sich zusammen, Colonel!" warnte Harm, "Ich möchte dem Admiral nicht erklären müssen, wieso unsere Tarnung schon am ersten Tag aufgeflogen ist."
"Vielen Dank für die freundliche Belehrung, Commander!" schnappte Mac und in Richtung Türe in freundlicherem Tonfall: "Herein."
Yumiko Nishida, die zierliche Japanerin, trat ein. "Entschuldigen Sie die Störung, aber das Essen ist fertig. Wenn Sie hungrig sind ..."
"Soll das ein Witz sein? Meine Frau ist ein Marine – die sind immer hungrig." meinte Harm grinsend.
Mac warf ihm einen grimmigen Blick zu, aber als Yumiko sich zu ihnen umdrehte, griff sie mit einem zuckersüßen Lächeln nach Harms Hand und zog ihn hinter sich her.
0411 Z-Zeit (18: 11 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Der Speisesaal bestand eigentlich nur aus einem langen Tisch, um den sie nun alle herum saßen, und einer angrenzenden Küche. Melissa Daniels erklärte ihnen, daß sie sich mit dem Kochen abwechselten.
"Wie wäre es, wenn Sie und Sarah das morgen übernehmen, Harm?" meinte Ishmael. Alle Bewohner der Station schienen sich mit dem Vornamen anzusprechen.
"Oh, sicher. Aber vielleicht sollte man besser alle vorher warnen, nicht, Ninjagirl?" fragte Harm scherzhaft und schlang leicht einen Arm um ihre Schulter.
Mac schluckte im letzten Moment eine scharfe Antwort herunter. "So schlecht kochst du nun auch wieder nicht, Flyboy – es sei denn, du machst deine fleischlosen Fleischklöße." gab sie schlagfertig zurück. Mac hatte ihn lange nicht mehr "Flyboy" genannt, nichteinmal mehr "Sailor" oder "Stickboy", selbst ein einfaches "Harm" hatte sie vermieden. Erst jetzt bemerkte Harm, wie sehr er es vermißt hatte.
"Keine Sorge, schlimmer als Nikolais Borschtsch kann es gar nicht sein." warf Anna Tschechow ein und warf ihrem Mann einen humorvollen Blick zu, während sie seine Kohlsuppe löffelte.
Der riesenhafte Mann wurde zu Harm und Macs Überraschung sogar etwas rot.
"Flyboy?" fragte Melissa Daniels lächelnd und wünschte, ihre Ehe mit Ishmael wäre noch so glücklich wie die der beiden. In letzter Zeit schienen sie sich nur zu streiten und der Aufenthalt in der engen Station verbesserte ihr Eheklima nicht gerade.
Harm erstarrte. Hier war er Psychologe, kein Pilot!
Mac lächelte. "Sie wissen doch, was man über Psychologen sagt, daß jeder selbst einen kleinen Tick hat. Harms Tick ist die Fliegerei. Er hat den Pilotenschein und besitzt einen alten Doppeldecker." erklärte sie geistesgegenwärtig.
Harm atmete auf. Manchmal war Mac einfach genial, das mußte er zugeben.
"Einen Doppeldecker?" erkundigte sich Ishmael Daniels interessiert.
Harm nickte. "Eine Stearman. Sie heißt Sarah."
Melissa versetzte ihrem Mann einen Stoß mit dem Ellenbogen. "Auf so eine Idee wärst du ja nie gekommen!" warf sie ihm vor. Daniel grunzte nur.
Harm lachte in sich hinein. Wenn das so weiterging würden bald alle hier überzeugt sein, daß sie die perfekte Ehe führten.
"Und was hat es mit Ninjagirl auf sich?" wollte Yoshiaki Nishida wissen, "Sagen Sie nicht, Sie haben japanische Vorfahren!" Er sah Mac an.
Jetzt war es an Harm, eine Erklärung abzuliefern. "Würde mich nicht wundern," meinte er mit einem Flieger-Lächeln, "Sarahs Genpool ist ein ziemlich bunter Mix. Ihre Urgroßmutter war eine Cherokee, ihre Großmutter war Persierin und einige Schotten und Schweizer waren auch unter ihren Vorfahren."
"Ich habe nur das beste aus allen Kulturen geerbt!" behauptete Mac spitzbübisch.
"Ich würde niemals wagen, etwas Anderes zu behaupten, Marine." entgegnete Harm und genoß es, sich wieder einmal mit Mac zu necken – auch wenn es nur für ihr "Publikum" war.
Marianka Pedowkin schob ihren leeren Teller zurück. "Erzählen Sie doch mal was über sich!" forderte sie die beiden Neu-Ankömmlinge auf, "hier können die Abende ziemlich lang sein und die Geschichten der anderen kann ich schon auswendig," Sie zwinkerte, "Also, wie haben Sie sich kennengelernt?"
Mac stöhnte innerlich. "Tja, das war in einem Rosengarten." erklärte sie und lächelte hintergründig.
Marianka machte große Augen. "Meine Güte, wie romantisch!!" Die Russin war entzückt. "Und wie lange sind Sie jetzt schon zusammen?" erkundigte sie sich neugierig.
"Fast vier Jahre." antwortete Harm und lächelte ebenfalls.
"Drei Jahre, 11 Monate und 21 Tage." korrigierte Mac.
Die anderen sahen sie groß an.
Harm grinste. "Oh, denken Sie sich nichts dabei, das macht sie ständig. Sie kann Ihnen jederzeit sagen, wie spät es ist, ohne auch nur einen Blick auf die Uhr zu werfen. Sie irrt sich nie um mehr als dreißig Sekunden, nichtmal bei der Umstellung zur Sommerzeit." erklärte er mit sichtlichem Stolz, den er nichtmal vorzutäuschen brauchte. Harm hätte es nie zugegeben, aber er mochte es, wenn sie eine ihrer Zeitangaben machte. Obwohl er sie fast jedesmal danach fragte, wie sie das anstellte, wollte er es eigentlich gar nicht wissen. Es war Teil eines Geheimnisses und er wollte es nicht zerstören.
"Unsere Versetzung hierher kam etwas plötzlich," ergriff Mac die Gelegenheit, "weil hier so unerwartet zwei Stellen frei wurden."
Die Stimmung im Raum schlug von einer Sekunde auf die andere völlig um. Die gelöste Heiterkeit verwandelte sich in leise Trauer und ein wenig Sorge.
"Ja, allerdings, das kam plötzlich," brummte Cmd. Ishmael Daniels, "Ihre Vorgänger, Scott und Cindy, sind vor drei Tagen verschwunden."
Harm und Mac vermuteten, daß mehr dahintersteckte, ansonsten wären sie jetzt nicht hier. Weder die CIA noch die Navy neigte dazu, Unfälle oder geheimnisvolles Verschwinden zu untersuchen. Beide hatten natürlich die Akten der Vermißten gelesen. Lieutenant Commander Scott Reardon war Systemtechniker und seine Frau, Lieutenant senior grade Cindy Reardon, arbeitete als Geophysikerin.
Natürlich hatte Harm sich etwas gewundert, was ein Systemtechniker in Alaska zu suchen hatte und an welchem Projekt wohl ein Systemtechniker gemeinsam mit einer Geophysikerin arbeiten konnte. In einer Akte mit dem Vermerk "streng geheim", die ganz unten in dem Ordner von Webb gewesen war, folgte dann die Erklärung: Scott Reardon war Ingenieur für militärische Luft- und Raumfahrt und ein anerkannter Spezialist für die neue Stealth-Technik, die in den letzten Jahren jede größere Nation eingeführt hatte. Stealth-Flugzeuge wie der B-2 Spirit-Tarnkappenbomber oder die F-117A Nighthawk besaßen eine Außenhülle, die elektrische Wellen absorbierte und sie daher fast unsichtbar für das Radar fremder Flugzeuge und Bodenstationen machte. Ein solches Flugzeug konnte fast unentdeckt in Feindgebiet eindringen und so von entscheidendem Vorteil im Kriegsfall sein. Zwei große amerikanische Firmen konkurrierten derzeit um einen Entwicklungsauftrag von Navy und Air Force: McDonnell Douglas hatte als Nachfolger für die F-15 den Luftüberlegenheitsjäger YF-23 vorgeschlagen, während Lockheed die kleinere, aber wendigere F-22A Lightning in Planung hatte.
Aber nun war etwas geschehen, was die Stealth-Technik praktisch revolutionieren konnte: Zwei Mitarbeiter der Navy hatten – mitten in Alaska, unter Eis und Schnee - ein Material entdeckt, das, entsprechend abgebaut und veredelt, vielleicht eine noch bessere Tarnung erlauben würde.
Niemand auf der Station wußte, an was Scott und Cindy Reardon gearbeitet hatten – so hieß es jedenfalls offiziell. Ob dem wirklich so war und ob ihr vermutlicher Tod etwas mit ihrer brisanten Arbeit zu tun hatte, mußte erst noch herausgefunden werden – und genau das war Harm und Macs Aufgabe.
"Was genau meinen Sie mit verschwunden?" erkundigte sich Mac, "Ich meine, zwei erwachsene Menschen und Militär-Offiziere verschwinden doch nicht einfach so spurlos und dazu noch in Alaska, wo sie sich nicht einfach ins nächste Flugzeug setzen können!"
"Ich weiß," seufzte Ishmael Daniels, "aber genau so ist es passiert. Scott und Cindy wollten irgendetwas draußen an ihrer Bohrstation nachsehen – keine Ahnung, worum es dabei ging, hier draußen mischt sich niemand in die Arbeit der anderen. Als sie am nächsten Tag noch nicht zurück waren, begannen wir uns Sorgen zu machen. Sie hatten nicht genug Proviant und Ausrüstung dabei, um so lange weg zu bleiben. Die Bohrstelle war jedoch verlassen."
"Und wieso heißt es dann, die beiden seien tot?" fragte Harm. Er wußte aus eigener Erfahrung, daß die Navy sehr vorsichtig mit solchen Behauptungen war. Solange nicht eindeutige Beweise vorlagen, wurden die Betroffenen unter dem Vermerk "vermißt" geführt – sein Vater, Harmon Rabb senior, hatte beinahe 30 Jahre lang als vermißt gegolten.
"Wir fanden ihren Gaskocher, ihr Zelt und ihre Parkas. Wie lange glauben Sie, kann man bei minus 20° C da draußen ohne das überleben?" meinte Melissa ernst.
Harm und Mac wechselten einen stummen Blick.
0723 Z-Zeit (21:23 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm schloß die Zimmertüre hinter sich und lehnte sich für einen Moment müde dagegen. Sie waren inzwischen seit fast 22 Stunden ununterbrochen auf den Beinen und die endlosen Stunden im Hubschrauber waren ermüdend gewesen. Er wollte bloß noch eine Dusche und 12 Stunden Schlaf. Wenn er es sich recht überlegte, war er sogar so müde, daß er auf das erstere beinahe verzichten konnte. Die angenehme Wärme im Gebäude und das gute Essen machten ihn noch zusätzlich schläfrig.
"Irgendetwas stimmt doch da nicht," meinte Mac, während sie die globigen Stiefel auszog, die man ihnen in Valdez gegeben hatte, "Ich meine, das sieht mir nicht nach einem natürlichen Tod aus. Niemand, der noch recht bei Verstand ist, zieht hier draußen freiwillig den Parka aus! Wenn man Selbstmord begehen wollte, dann gäbe es schnellere Methoden. Und von Eisbären oder so wurden sie ganz sicher auch nicht gefressen – die hätten sich doch sicher nicht die Mühe gemacht, ihre Beute vorher auch noch ’auszupacken‘!"
Es erstaunte Harm, daß sie an etwas anderes als ans Schlafen denken konnte. Sie sah noch erschöpfter aus, als er sich fühlte und schien sich nur noch durch pure Willenskraft aufrecht zu halten.
"Mac, ich glaube kaum, daß wir heute noch groß weiterkommen, wieso verschieben wir das nicht einfach auf morgen, wenn wir ausgeschlafen sind?" schlug er vor, "Sie können sogar als erste das Bad benutzen – es sei denn, Sie legen mir das wieder als machohafte Pseudohöflichkeit aus." Harm bedachte sie mit einem seiner Flyboy-Grinsen.
Aber Mac ließ sich – wie sie es ihm schon am Anfang ihrer Zusammenarbeit prophezeiht hatte – davon nicht beeindrucken.
"Wenn das ein Versuch sein soll, witzig zu sein, dann lassen Sie sich mal ein paar Nachhilfestunden von einem Komiker geben! Und außerdem hab ich es Ihnen schonmal gesagt: Ich bin ein Offizier der US-Streitkräfte, ein Marine und Anwältin und kein Highschool-Girl, das Sie mit Ihrem betörenen Lächeln beeindrucken könnten!" Aufgebracht wühlte sie in ihrer Reisetasche herum.
Harm versuchte es noch einmal. "Also geben Sie zu, daß mein Lächeln betörend ist?" fragte er und wandte sein volles Flyboy-Potential auf sie an.
"Ja – in etwa so betörend wie ein Grippe-Virus!" knurrte Mac böse. Sie packte ihr Bündel und marschierte ins Badezimmer.
Harm zog mit einem Seufzen die Stiefel aus und setzte sich auf den Bettrand – im Schlafzimmer gab es keine andere Sitzgelegenheit. Er hätte sich gerne der Länge nach ausgestreckt, aber er wußte, daß er dann sofort eingeschlafen wäre. Er hielt sich wach, indem er über Mac und ihr Verhalten ihm gegenüber nachdachte. Sicher, er hatte auch seinen Anteil daran, daß sie keine drei vernünftigen Wörter am Stück mehr miteinander reden konnten; er konnte es einfach nicht lassen, sie zu necken. Aber früher hatte Mac seine scherzhaften Bemerkungen einfach erwidert, anstatt sofort wütend zu werden, noch bevor er richtig den Mund geöffnet hatte. Er versuchte sich daran zu erinnern, wann genau es angefangen hatte, daß sie sich nur noch im Büro sahen, daß sie sich behandelten wie Fremde und kein freundliches Wort mehr füreinander übrig hatten. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, daß er irgendetwas getan hatte, was Macs schlechte Laune verursacht hatte, aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was es gewesen sein mochte. Vielleicht hatte Mac auch private Probleme? Er hätte sie gerne mal nach Brumby gefragt oder ob sie den Tod ihres Vaters überwunden hatte, aber er befürchtete, daß auch das nur wieder in Streit ausartete. Er war es nicht gewohnt, nicht einfach über alles mit Mac sprechen zu können und wußte nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte.
Harm wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Mac aus dem Badezimmer kam. Sie trug einen Pyjama aus silberner Seide. Harm verkniff sich in letzter Sekunde eine Bemerkung darüber, was aus dem sexy Spitzennachthemd aus Moskau geworden war. Wortlos ging er an Mac vorbei ins Badezimmer.
Zehn Minuten später kam er in Boxershorts und einem weißen T-Shirt zurück. Leise schloß er die Badezimmertüre hinter sich und erwartete, Mac schlafend zu sehen, aber sie lag, die Decke bis zum Hals hochgezogen, auf dem Rücken und starrte an die Zimmerdecke. Es erstaunte Harm, sie noch wach vorzufinden, denn sie sah wirklich groggy aus.
Harm näherte sich zögernd dem Bett und verfluchte im Stillen den Umstand, daß es hier nichteinmal eine Couch gab. "Ähm, Mac..."
Sie sah auf, so rasch, als hätte sie gar nicht bemerkt, daß er ins Zimmer gekommen war. "Hm?"
"Sieht nicht so aus als müßten wir uns hier darum streiten, wer die Couch nimmt und wer das Bett, oder?" Harm lächelte etwas unsicher.
"Wir werden uns das Bett ganz einfach teilen, schließlich sind wir doch beide erwachsen," meinte sie und leiser: "Na schön, wenigstens einer von uns."
"Okay." Harm schlüpfte unter die Decke und unterdrückte ein Gähnen. "Ich hoffe, Sie gehören nicht zu der Sorte, die einem schlafenden Mann nachts die Decke klaut?"
Mac knurrte nur und rollte sich zur anderen Seite. "Gute Nacht!"
"Gute Nacht." Harm schloß die Augen, konnte aber wider Erwarten nicht sofort einschlafen. Nach zehn Minuten hatte er endlich herausgefunden, was ihn davon abhielt: Mac wälzte sich unruhig hin und her und ihre Decken raschelten.
"Mac, was gibt es für Probleme? Ich hätte schwören können, Sie sind genauso müde wie ich." stöhnte Harm und knipste die Nachttischlampe an.
"Es gibt keine Probleme," schnappte Mac, "Machen Sie endlich das Licht aus!"
"Keine Probleme, hm? Und weshalb veranstalten Sie dann einen Ringkampf mit ihrer Bettdecke?" Harm besah sich skeptisch Macs Schlafposition. Sie hatte sich am Rand des Bettes zusammengerollt und wirkte nicht sonderlich entspannt.
"Vielleicht ist das einfach nur mein abendliches Ritual, okay?" fauchte sie ihn an.
Harm fragte sich, wie sie jetzt noch soviel Energie übrig haben konnte, um ihn anzuschreien. Er selbst war viel zu müde, um wütend zu werden. "Okay." gab er nach und schaltete das Licht aus.
Zehn Minuten später war Harm endlich eingeschlafen. Ein dumpfer Laut ließ ihn jedoch wieder hochfahren und er tastete schlaftrunken nach dem Lichtschalter.
"Mac?" fragte er und blinzelte als er endlich den Lichtschalter fand. Mac saß mitsamt ihrer Decke neben dem Bett am Boden und rieb sich den Kopf. Harm brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, daß sie aus dem Bett gefallen war.
Harm setzte sich auf. "Mac, das ist doch lächerlich. Sie werden wieder aus dem Bett fallen, wenn Sie sich so dicht an den Rand legen. Ich beiße nicht und meine Hände kann ich auch ganz gut bei mir behalten. Sie wissen doch, Mac: Ich bin ein Offizier und Gentleman." er lächelte müde.
Mac krabbelte ins Bett zurück. "Das mit dem Offizier kann ich bestätigen!" murmelte sie finster. Früher wäre es ein Scherz gewesen, über den sie beide gelacht hätten, aber jetzt klang es schärfer, als sie vielleicht beabsichtigt hatte. Scheinbar hatten sie die Fähigkeit verloren, sich auf eine freundschaftliche Weise zu necken.
Harm war schlicht zu müde, um sich noch weiter mit dem irritablen Marine neben sich zu befassen. "Na schön, wie Sie wollen. Aber nächstes Mal wenn Sie aus dem Bett fallen – tun Sie es bitte etwas leiser!"
1712 Z-Zeit (07: 12 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erwachte durch das Geräusch fließenden Wassers. Eine Sekunde wußte er nicht, wo er sich befand und sah sich noch etwas schlaftrunken um, bevor ihm wieder alles einfiel. Er warf einen Blick auf Macs Seite hinüber, aber der Platz neben ihm war leer. Im Badezimmer wurde gerade die Dusche abgestellt. Manchmal fragte er sich wirklich, wieviel Energie dieser Marine hatte. Als er endlich eingeschlafen war, hatte sie sich immer noch von einer Seite auf die andere gewälzt und jetzt war sie bereits vor ihm auf den Beinen.
Kurz darauf kam Mac leise ins Zimmer. Sie war barfuß und trug Hosen und eine Khaki-farbene Bluse, die etwas an ihrer noch feuchten Haut klebte. Ihr nasses Haar hinterließ Wasserspuren auf ihrem Kragen. Harm fand plötzlich, daß sie jung und verletzlich aussah, obwohl er diese Begriffe ansonsten nicht unbedingt verwenden würde, um Sarah MacKenzie zu beschreiben – vor allem nicht, wenn sie es hören konnte. Aber er hatte in den letzten vier Jahren sozusagen eine Art Expertentum was Macs Befinden betraf entwickelt, denn von ihr hörte man meist nur die eine Aussage: "Es geht mir gut", ganz egal, ob das der Wahrheit entsprach oder nicht. Außerdem benutzte sie hier draußen in der "Wildnis" kein Makeup, das die dunklen Schatten unter ihren Augen verborgen hätte.
Einen Moment lang wollte er sie zum nächstbesten Stuhl zerren, wenn es sein mußte, auch daran festbinden, und endlich einmal das längst überfällige Gespräch mit ihr führen; sie darauf ansprechen, was zum Teufel mit ihr und ihrer Freundschaft geschehen war, aber dann sagte er sich, daß es wohl nicht die beste Art war, den Tag zu beginnen. Später würde sicher eine bessere Gelegenheit kommen. "Feigling." sagte seine innere Stimme zu ihm, aber er ignorierte sie. Darin war er wirklich gut.
"Morgen, Mac," grüßte er freundlich, "Gut geschlafen?" Gleichzeitig hätte er sich ohrfeigen können. Es war offensichtlich, daß sie nicht gut geschlafen hatte.
"Oh ja, ganz fabelhaft. Sie haben übrigens gelogen – Sie schnarchen doch!"
Harm konnte nicht so ganz entscheiden, ob es einfach nur ein ärgerlicher Angriff oder der Versuch zu scherzen gewesen war und so beschloß er vorsichtshalber, nur ein halblautes "Für einen Marine beschweren Sie sich aber ziemlich viel!" zu erwidern.
"Kommt wohl daher, weil ich von lauter Seeleuten umgeben bin!" brummelte Mac, "und außerdem habe ICH wenigstens noch die Energie, mich zu beschweren, während Sie gestern abend reichlich k.o. aussahen!" Es hätte vielleicht wie ein kameradschaftliches Necken geklungen, wenn nicht der kühle Ausdruck auf ihrem Gesicht gewesen wäre.
Harm verzichtete auf eine Erwiderung und schlug stattdessen die Decke zurück, um ins Badezimmer zu gehen. "Hey, Mac," rief er einige Minuten später durch die geschlossene Türe, "wasch würdän Schie schagen, mit wäm ich b’ginnen scholl?"
"Ich würde sagen, beginnen Sie erstmal damit, Ihre Zähne zuende zu putzen!" schlug Mac kopfschüttelnd vor.
Harm öffnete die Türe, die Zahnbürste noch in der Hand. "Genau was ich brauche!" dachte Mac stöhnend, "Harmon Rabb in Boxershorts und mit Schaum vor dem Mund."
Harm grinste. "Wieso, Sie haben mich doch verstanden, oder? Nein, im Ernst, wen soll ich denn zuerst ’therapieren‘?"
"Ich würde sagen, beginnen Sie mit den Nishidas und dann den Daniels, während ich mir von den Pedowkins das Labor zeigen lasse. Dann haben wir von jeder Nation wenigstens schonmal ein Paar ’verhört‘." meinte Mac und Harm bemerkte erleichtert, daß sie, was das Berufliche anging, noch immer so kompetent war wie früher. Sie war professionell genug, ihre miserable Laune aus ihrem Berufsleben herauszuhalten.
Harm bemerkte, daß Mac die Khaki-farbene Dienst-Jacke überstreifte, die Stiefel anzog und zur Tür ging. "Wollen Sie schon los? Was ist mit einem Frühstück?" fragte er ein wenig verwundert.
Mac öffnete die Türe. "Danke, ich hab keinen Hunger" rief sie und war auch schon draußen.
Mac keinen Hunger? Natürlich aß sie nicht wirklich soviel, wie er immer zu scherzen pflegte, aber sie hatte einen gesunden Appetit und gehörte nicht zu den Frauen, die von einer Diät zur nächsten wechselten - das hatte sie gar nicht nötig. Aber wenn er es sich recht überlegte, so hatte sie schon gestern abend nicht sehr viel gegessen, sondern nur in ihrem Essen herumgestochert. Harms Besorgnis wuchs und er nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Mac zu reden.
1745 Z-Zeit (07:45 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Auf dem Gang traf sie die Pedowkins und Melissa Daniels. "Guten Morgen, haben Sie gut geschlafen in Ihrem neuen Heim?" fragte Marianka Pedowkins mit einer mütterlichen Wärme, die Mac fast verlegen machte. Es war schon sehr lange her, seit eine ältere Frau sie so behandelt hatte.
"Oh, ja, danke," Mac versuchte zu lächeln, "Ich hab mich gefragt, ob Sie mir bei Gelegenheit einmal das Geo-Labor zeigen könnten."
"Selbstverständlich, aber jetzt gehen Sie erstmal mit uns frühstücken," meinte Sergeij Pedowkin genauso freundlich wie seine Frau, "wo ist denn Ihr Mann?"
Diese Frage brachte Mac ein wenig aus dem Gleichgewicht. "Ähm, unter der Dusche." sagte sie nach ein paar Sekunden. Sie folgte den Pedowkins und Melissa zum Speisesaal, wo sie auf Ishmael Daniels und die Tschechows trafen. Unterwegs hatte Mac erfahren, daß die Japaner das Frühstück meist in ihren Quartieren einnahmen.
Als sie sich setzten, kam Harm herein. Er hob leicht eine Braue an, als er Mac doch noch im Speisesaal sah, lächelte dann aber und kam auf sie zu. Er begrüßte die Wissenschaftler höflich und beugte sich zu Mac hinunter, um ihr einen zarten Kuß auf die Wange zu geben. Unter Aufwand all ihrer Marine-Corps-Disziplin schaffte es Mac so zu wirken, als sei sie daran gewöhnt, zu jeder Zeit des Tages von Harm geküßt zu werden.
Harm nahm sich ein Tablett und sah zu dem kleinen Büffet hinüber. "Kann ich jemandem etwas mitbringen? Nein? Bleib ruhig sitzen, Sarah, ich mach das schon." meinte er und ging davon, noch bevor Mac protestieren konnte.
Mac machte sich eine mentale Notiz, ihm später die Bedeutung von "Ich habe keinen Hunger" zu erklären und ihm eine weitere Lektion über "machohafte Pseudo-Höflichkeit" zu erteilen.
Marianka Pedowkin beugte sich zu Mac hinüber. "Habe ich Ihnen schon gesagt, wie reizend ich Ihren Mann finde?" fragte sie schmunzelnd.
Mac widerstand nur knapp der Versuchung mit den Augen zu rollen. "Äh, nein, ich glaube nicht, aber danke." murmelte sie und dachte ironisch: "Vielleicht sollte ich Harm erzählen, daß wenigstens eine Frau hier seinem Flyboy-Charme erlegen ist!"
Marianka sah sie neugierig an. "Und, mit was wird er zurückkommen?"
Sollte das ein Test sein, wie gut sie Harm kannte? Argwöhnte jemand, daß sie gar nicht verheiratet waren? Mac sah die Russin prüfend an, aber die lächelte nur. Mac wußte, daß sie, selbst wenn es ein Test sein sollte, nichts zu befürchten hatte. Sie und Harm kannten sich besser als manches frischverheiratete Ehepaar. "Kommt darauf an, wie ausgewogen Ihr Frühstücksbüffet ist. Ich schätze, Pfannkuchen mit Joghurt und ungesüßten Heidelbeeren für sich; Spiegeleier, Frühstücksspeck, Toast und Croissants für mich." antwortete sie.
Mac ließ ihren Blick beiläufig über die anderen Stationsbewohner am Tisch schweifen. Sie fragte sich, ob Melissa und Ishmael einen Streit gehabt hatten. Sie sprachen nicht miteinander, sahen sich nichteinmal an. Ganz anders die beiden jungen Russen. Sie saßen nebeneinander, ohne sich zu berühren, aber der liebevolle Blick, mit dem Nikolai seine Frau bedachte, sprach Bände. Mac konnte sich nicht entsinnen, wann sie zum letzten Mal ein Mann so angesehen hatte.
Harm kehrte mit zwei Tabletts zum Tisch zurück und stellte eines vor Mac ab, bevor er sich neben sie setzte.
Marianka kicherte. "Hat Ihre Frau irgendwelche hellseherischen Fähigkeiten, von denen ich wissen sollte, Harm?"
Harm spießte ein Stückchen Pfannkuchen mit der Gabel auf. "Sie kann aus der Hand lesen." erwiderte er grinsend. Die Wissenschaftler lachten.
Mac kaute lustlos auf einem Stück Toast herum, ließ ihn dann liegen und griff stattdessen nach der Tasse Cappuchino.
"Hey, iß!" forderte Harm sie auf, "Du warst es doch, die sich nach unserer ersten gemeinsamen Nacht darüber beschwert hat, daß ich dir kein Frühstück gemacht habe und nun bringe ich dir Frühstück und du ißt es nicht?" Er grinste und schlang ihr leicht den Arm um die Hüfte, genoß es ganz offensichtlich, Mac in Verlegenheit zu bringen. "Ein bißchen Strafe muß sein!" sagte er sich.
Mac spürte, wie sie leicht rot wurde und zielte mit der Stiefelspitze nach Harms Schienbein. Harm unterdrückte ein "Autsch" und nahm rasch den Arm weg.
Alle übrigen am Tisch grinsten nur.
"Ich dachte immer, Marines erröten nicht." meinte Ishmael mit gutmütigem Spott.
"Oh, dieser Marine hier schon." entgegnete Harm und lächelte auf Mac herab.
Mac sah, daß die anderen ihr Frühstück beendet hatten. "Ich denke, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen," schlug sie vor, "bevor es noch peinlicher wird."
Harm sah ihnen nach, bis sich die Türe hinter ihnen schloß, dann wandte er sich Macs Tablett zu. Es war so gut wie unberührt. Harm runzelte besorgt die Stirn.
0225 Z-Zeit (16:25 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Mac ging den Gang entlang, langsam und in Gedanken versunken. Sie war müde. Es war wirklich anstrengend gewesen, den ganzen Tag im Labor zu verbringen und dabei mit Begriffen wie "mittleres Mesozoikum", "Sediment-Konglomerat" und "Fluidal-Textur" um sich zu werfen, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt.
Hinter sich hörte sie leichte, geschmeidige Schritte. Sie drehte sich um und erwartete, einen der Japaner, vermutlich Yumiko, deren anmutige Bewegungen sie schon gestern bemerkt hatte, zu sehen, doch sie erlebte eine Überraschung: Es war Nikolai Tschechow. Einen Moment war sie so verblüfft, daß der scheinbar plumpe Riese sich mit der Geschmeidigkeit eines Leichtgewichts bewegen konnte, daß sie sogar zu grüßen vergaß.
Nikolai hörte sie nicht und einen Moment später bemerkte sie, daß seine Frau, Anna Tschechow hinter ihm herging und sie sich auf Russisch unterhielten. Mac wußte nicht genau, ob die beiden ihre Anwesenheit bemerkt hatten, aber falls es so war, so schienen sie sich dadurch nicht gestört zu fühlen – Mac hatte bereits am ersten Abend ihr Bedauern darüber ausgedrückt, in der Schule nur Französisch gelernt zu haben und deshalb glaubten sie, sich ungestört unterhalten zu können.
Sie sprachen über irgendwelche Algen und Agar-Proben, wovon Mac nicht sonderlich viel verstand. Dann jedoch wurde sie hellhörig. "Interessant." murmelte sie.
Anna Tschechow sah auf und entdeckte Mac. Sie lächelte freundlich, aber Mac konnte sehen, daß ihre Gedanken noch immer bei dem Forschungsprojekt, an dem sie gerade arbeitete, waren. Sie kannte diesen Blick, schließlich hatte sie lange genug mit einem arbeits-besessenen Partner zusammengearbeitet. Anna mußte auf ihrem Gebiet eine ebensolche Koryphäe sein wie Harm auf seinem.
0232 Z-Zeit (16: 32 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm betrat ihr Quartier und hörte Geräusche aus dem kleinen Büroraum, die ihm sagten, daß Mac schon da war. "Liebling, ich bin zuhause!" konnte er sich nicht verkneifen zu rufen.
Mac stand plötzlich im Türrahmen und stemmte die Hände in die Hüften. "Ach, und ich soll jetzt mit einem Bier und der Fernsehbedienung antanzen, oder was?" Ihre dunklen Augen funkelten.
"Maaac, bitte, lassen Sie uns friedlich sein, ja?" Harm sah sie mit seinem treuherzigsten Blick an.
"Kein Problem, Commander, dann lassen Sie endlich diese blöden Witze." verlangte Mac kühl.
"Ich bemühe mich," versprach Harm und fragte sich, seit wann sie seine Witze für so blöd hielt, "wie lief’s bei Ihnen?"
"Soweit ich das beurteilen kann verstehen die Pedowkins etwas von ihrem Beruf, aber sie scheinen nicht gerade die führenden Fachleute ihrer Branche zu sein. Ich glaube, die Russen haben sie hergeschickt, weil sie sonst niemanden entbehren konnten. Die Pedowkins scheinen wirklich nur ein älteres nettes Ehepaar zu sein, sie sind nicht gerade meine Mordverdächtigen Nummer eins." erzählte Mac.
Harm zuckte die Schultern. "Der Schein kann trügen, Mac, das wissen wir doch beide. Aber zugegeben, meine Hauptverdächtigen sind sie auch nicht. Scott Reardon war 1,90 m groß und kräftig und Cindy war zweifache Karate-Meisterin. Ich glaube nicht, daß sie sich so einfach von zwei 50 Jährigen hätten überrumpeln lassen." gab Harm zu.
"Es sei denn, die Pedowkins hätten ihnen eine Waffe an den Kopf gehalten." meinte Mac.
"Man kann nie wissen." sagte Harm vage.
"Und wie war’s bei Ihnen, Doktor Freud?" Mac rang sich ein Lächeln ab.
Harm stöhnte theatralisch. "Erinnern Sie mich daran, daß ich Jordan anrufe und mich für all die Gelegenheiten entschuldige, bei denen ich ihre Arbeit nicht genügend anerkannt habe!"
"Jetzt kommen Sie aber, so schlimm kann es ja wohl nicht sein."
"Angenehm finde ich es nicht gerade, im Privatleben anderer Leute rumzuschnüffeln, wo ich doch mit meinem eigenen mehr als genug zu tun habe." widersprach Harm.
"Und was tun Anwälte anderes, als im Privatleben anderer Leute rumzuschnüffeln, wie Sie es so gepflegt ausdrücken?" fragte Mac provozierend.
"Ich spreche von ... Emotionen, von zwischenmenschlichen Beziehungen. Himmel, ich muß diese Leute über ihre Eheprobleme befragen!" Harm verdrehte die Augen und sank praktisch aufs Bett.
"Und?"
"Was, und? Mac, Sie wollen sich das doch nicht im Ernst anhören? Außerdem stehe ich unter Schweigepflicht. Auch Psychologen haben da ihre Vorschriften."
Mac sah ihn ungeduldig an. "Commander, Sie sind aber kein Psychologe, sondern Anwalt und ich möchte auch nicht deren Eheprobleme hören," "Davon hatte ich selbst genügend!" dachte sie bitter. "Ich möchte wissen, ob Sie etwas herausgefunden haben, das uns weiterhelfen könnte." erklärte sie mit zunehmenden Ärger.
Wenn Harm über Macs innere Uhr verfügt hätte, hätte er jetzt die Anzahl der Minuten angeben können, wie lange sie sich ruhig unterhalten hatten, bevor Mac wieder begann, zornig zu werden.
"Nichts wirklich Hilfreiches, fürchte ich. Mein Gespräch mit den Nishidas war eher kurz, aber sie scheinen glücklich mit ihrem Beruf zu sein, verstanden sich gut mit Scott und Cindy Reardon und führen eine harmonische Ehe."
"Ich danke Gott, daß Sie nicht wirklich Psychologe sind," bemerkte Mac geringschätzig, "Sie dürfen sich nicht so leicht von dieser ausgeglichenen Mimik täuschen lassen; Japaner lächeln selbst dann noch, wenn sie wütend sind. Ihr Privatleben ist wirklich privat und wenn eine Ehe nicht mehr klappt, dann wäre der Erste, der davon etwas merken würde, vermutlich der Scheidungsanwalt. Zu einer harmonischen Ehe gehört mehr, als sich nicht in der Öffentlichkeit zu streiten."
"Oh, spricht da die Expertin für harmonische Ehen, oder was?" Harm konnte nicht verhindern, daß sich auch in seine Stimme etwas Ärger und Bitterkeit schlich. Es war eine ziemliche Überraschung für ihn gewesen, als er erfahren hatte, daß Mac verheiratet war und es verletzte ihn noch immer ein wenig, daß sie ihm nicht genug vertraut hatte, ihm das zu erzählen, bevor sie wegen Mordes an ihrem Mann im Gefängnis saß und seine Hilfe brauchte.
Schließlich gab er dann aber doch nach, weil er schonmal die Erfahrung gemacht hatte, daß Mac sich mit der japanischen Kultur um einiges besser auskannte als er, "Jedenfalls werden wir auf diese Art aus den Japanern nicht herausbekommen. Wenn sie irgendeinen Grund hatten, die Reardons umzubringen, dann verbergen sie es wirklich gut." Harm fand diese indirekte Art der Befragung ziemlich nervenaufreibend. Als Anwalt war er direkte Fragen gewohnt, wenn auch die Antworten manchmal weniger direkt waren. "Ich sehe jedenfalls kein Motiv. Ihre Berufe haben wirklich nichts miteinander zu tun; die Nishidas sind Erdöl-Ingenieure und sicher nicht an Stealth-Technik interessiert."
"Was ist mit den Daniels?" fragte Mac und nagte ein wenig an ihrer Unterlippe.
"Ziemlich zerrüttete Ehe, wenn Sie mich fragen, aber das ist schließlich kein Mordmotiv. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber ich fürchte, wir sind keinen Schritt weiter als vorher." Es gefiel Harm nicht, das zugeben zu müssen, aber er war entschlossen wie eh und je, nicht aufzuhören, bevor er nicht die Wahrheit kannte.
"Etwas Interessantes gibt es aber doch, wenn ich auch noch nicht so recht weiß, was es zu bedeuten hat." sagte Mac mehr zu sich selbst.
"Etwas dagegen, diese Erkenntnisse zu teilen?" Harm runzelte ein wenig die Stirn und hoffte, daß sie sich daran erinnerte, daß sie zumindest noch ein Team waren.
"Sieht so aus, als wären wir nicht die einzigen, die eine Ehe vortäuschen." ließ Mac die Bombe platzen.
Harm sah sie groß an. "Jemand täuscht seine Ehe vor? Wer?" wollte er wissen.
"Die Tschechows." antwortete Mac knapp.
"Die Tschechows?" echote Harm, "Ach, kommen Sie, Mac, da müssen Sie sich irren, ich hab doch gesehen ..." Ja, was hatte er eigentlich gesehen, fragte er sich im Nachhinein. Nicht einen Kuß, keine einzige Berührung, nur einen freundschaftlichen Umgangston, so wie er und Mac ihn früher gehabt hatten. Aber halt! "... ich habe gesehen, wie Nikolai sie ansieht. So sieht man niemanden an, wenn man eine Ehe nur vortäuscht."
"Vielleicht gibt es eben einfach Leute, die besser schauspielern können als Sie, Commander." meinte Mac trocken.
"Ich kann mich gern bemühen, überzeugender zu sein, Colonel," Harm grinste, "aber ich fürchte, es würde mir wieder einen Tritt gegen das Schienbein einbringen. Aber im Ernst, Mac, sind Sie sich wirklich sicher?"
"Ich habe es selbst gehört!" Mac war verärgert, daß er ihr nicht sofort glaubte.
"Sie haben vor Ihren Ohren gesagt, daß sie ihre Ehe nur vortäuschen?" Harm sah sie zweifelnd an.
Mac biß die Zähne zusammen, um ihn nicht anzuschreien. Wie konnte man nur so schwer von Begriff sein? "Natürlich nicht! Erstens haben sie mich nicht gesehen und sie sprachen Russisch. Sie haben geglaubt, ich würde sie nicht verstehen. Und zweitens haben Sie nicht direkt gesagt, es sei nur eine Scheinehe ..."
"Na also. Vielleicht haben Sie einfach nur ein russisches Wort falsch übersetzt." vermutete Harm.
"Sicher nicht dieses Wort, das lernt man schon in der ersten Russisch-Lektion." knurrte Mac.
"Das Wort SCHEINEHE?" Harm hob beide Augenbrauen und sah sie skeptisch an.
"Das Wort SIE, Harm!" Macs Stimme wurde immer lauter.
"Ähm, muß ich das jetzt verstehen, Mac?"
"Man könnte meinen, ICH spräche Russisch!" meinte Mac ungeduldig, "Die beiden haben sich gesiezt, jetzt alles klar?"
"Oh, das ist allerdings seltsam für ein verheiratetes Paar," gab Harm zu, "Glauben Sie, sie haben sich nur als verheiratet ausgegeben, um sich in das ICE-Projekt einzuschleichen und die Reardons zu ermorden, bevor sie den USA zu einem effektiveren Tarnsystem verhelfen können?" Soweit war das die plausibelste Theorie, die er bisher gehört hatte – eigentlich die einzige Theorie überhaupt.
"Nein, glaube ich nicht." erwiderte Mac zu seiner Überraschung.
"Hoppla! Warum ergreifen Sie denn plötzlich für die Tschechows – oder wer zum Teufel sie sonst sind – Partei?" fragte Harm erstaunt.
"Ich ergreife für niemanden Partei! Sie haben mich gefragt, was ich glaube und ich habe meine Meinung gesagt! Ich glaube eben einfach nicht, daß die beiden die Morde begangen haben, verstehen Sie?" fauchte Mac ihn leidenschaftlich an. "Es ist einfach ... ich weiß nicht, weibliche Intuition!"
Harm kannte den Ausdruck in ihren Augen nur zu gut, sie war mal wieder mit Feuereifer bei der Sache. "Mac, Sie sind mit ganzem Herzen bei der Sache und das bewundere ich ja auch an Ihnen, aber es gibt eben Momente, in denen man seine Gefühle hinten anstellen muß. Ein Anwalt kann es sich nunmal nicht leisten, in alle seine Fälle emotional involviert zu werden." Diese Konversation hatten sie schon öfter geführt.
"Was? So, jetzt bin ich also plötzlich ein gefühlsduseliger Teenager ohne jede Selbstkontrolle?" explodierte Mac.
"So hab ich das nicht gemeint und das wissen Sie! Mac, was ist denn los mit Ihnen; ich dachte, wir hätten unsere Probleme gelöst? Alles was ich will, ist in aller Ruhe mit Ihnen zu sprechen! Das ist doch albern, verdammt nochmal!" Langsam aber sicher verlor auch Harm die Geduld.
"Albern, ja? Dann verzeihen Sie mir meine Albernheit, Commander!" Mac machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Quartier.
Harm atmete tief durch und folgte ihr. Mit zwei schnellen Schritten hatte er sie eingeholt und ergriff ihren Ellenbogen.
Mac wirbelte herum und in ihren Augen erkannte er, daß sie dicht davor stand, ihm eine ihrer geballten Fäuste ins Gesicht zu schlagen. Er fragte sich ohnmächtig, wie sie nur an diesen Punkt gelangt waren. "Mac, bitte..."
Mac funkelte ihn an und ihre dunklen Augen waren fast schwarz vor Zorn. Er konnte aus nächster Nähe das gefährliche Funken in ihren Augen sehen.
Harm nahm aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr. Melissa und Ishmael Daniels kamen laut streitend um die Ecke und verstummten, als sie Harm und Mac sahen. Zweifellos fragten sie sich, wieso das jüngere Paar hier Auge in Auge vor seinem Quartier stand, anstatt einzutreten.
Harm tat das erstbeste, was ihm in den Sinn kam. Er legte einen Arm um Macs Hüfte, den anderen um ihre Schulter und zog sie an sich, während er leise flüsterte: "Bitte, Marine, bring mich nicht gleich um, ja?"
Harm spürte, wie Mac sich verkrampfte und für einen Moment die Faust ballte, dann begriff sie, was er beabsichtigte und versuchte, sich abzuregen. Ihre Hand öffnete sich und legte sich leicht auf Harms Brust. Harm war fast überrascht, wie behaglich sich diese vertrauliche Geste anfühlte.
Er grüßte zu den Daniels hinüber, die ohne größeren Aufenthalt vorbeigingen, als sie das jüngere Paar in enger Umarmung sahen. Harm hielt sie noch eine Sekunde länger, fest, aber sanft und nicht zu besitzergreifend, wie sie das von Dalton oder Mic gewohnt war. Harm ließ ihr immer genug Freiraum, als ob er spürte, daß sie ihn brauchte.
Die Daniels verschwanden in ihrem eigenen Quartier und Harm ließ die Arme sinken. Bevor Mac ein weiteres scharfes Wort sagen konnte, hob er abwehrend die Hand. "Waffenstillstand, Mac, okay? Hören Sie, wir sollten uns das Leben wirklich nicht auch noch gegenseitig schwermachen. Wir sitzen hier im selben Boot und müssen das Beste aus dieser Mission machen, also warum versuchen wir nicht wenigstens, uns wie zivilisierte Menschen zu benehmen. Wenn wir uns weiterhin so zanken, werden die Leute noch denken, wir seien verheiratet." Harm lächelte zögernd. "Ich würde es wirklich begrüßen, wenn Sie, was diese Mission betrifft, hinter mir stehen würden."
"Ich werde so weit hinter Ihnen stehen, daß Sie mich nicht einmal mehr sehen werden, Commander!" gab Mac bissig zurück.
Sie wollte schon wieder davonstürmen, aber Harm hielt sie erneut zurück. "Mac, es wird erwartet, daß wir heute kochen, zusammen. Also, bitte ..."
"Schön." schnappte Mac und ging los, ohne auf ihn zu warten.
0301 Z-Zeit (17: 01 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Sie inspizierten die kleine Vorratskammer und sahen sich dann den Inhalt des Kühlschranks an. Sie wechselten einen schnellen Blick. "Vegetarische Lasagne mit Lachs?" sagten sie dann wie aus einem Munde. Mac lachte.
Harm schluckte und ein Flyboy-Lächeln breitete sich unwillkürlich über seinem Gesicht aus. Mac hatte gelacht! "Oh, man!"
Mac schälte die Zwiebeln, während Harm Käse und Tomaten in Dosen zutage förderte. Eine Minute lang stritten sie sich darum, wer besser mit dem Messer hantieren sollte und wer nicht – ganz ohne sich gegenseitig anzubrüllen. Es war fast wie in alten Zeiten. Und alles nur wegen vegetarischer Lasagne. Harm grinste.
Nach einer halben Stunde schob Harm die Lasagne in den Ofen und ging zu Mac hinüber, die inzwischen ein Dessert vorbereitet hatte. Es sah nach Mouse au chocolat aus.
Harm lachte. "Schokolade, ich hätte es wissen sollen!"
Mac sah ihn an. "Was soll das heißen?" Ihre Stimme klang herausfordernd.
"Uh, nichts." beeilte sich Harm zu sagen. Er wollte ihren wackeligen Waffenstillstand nicht schon wieder gefährden.
Mac gab ihm einen Löffel und er probierte vorsichtig. Erstaunt sah er sie an.
"Was?!" fragte Mac entnervt.
"Das ist richtig gut." stellte er fest und klang fast überrascht.
"Wie zum Teufel glauben Sie, habe ich so lange überleben können, wenn ich nicht kochen könnte?" Macs Gesicht verdüsterte sich merklich.
"Gute Beziehungen zu Beltways?" schlug Harm mit einem jungenhaften Grinsen vor.
Mac war nicht sehr amüsiert. "Sehr witzig, Commander, ich lache später." Sie wußte, daß er es als Scherz gemeint hatte, aber sie fand es nicht besonders witzig. Konnte er nicht einmal ernst sein?
0502 Z-Zeit (19:02 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Anna Tschechow legte ihren Löffel in die leere Dessertschale zurück und verschränkte die Hände über dem Magen. "Das war definitiv besser als Borschtsch, Nikolai." sagte sie zu ihrem "Mann".
Der Riese an ihrer Seite lachte sanft. "Das muß wohl der Grund sein, warum ich Meeresbiologe geworden bin und nicht Koch."
Mac beobachtete die beiden jungen Russen genau, um ihre Hypothese zu bestätigen. Tatsächlich gab es zwischen den beiden kein Küssen, keine Umarmungen, nicht einmal Händchen halten. Aber Mac spürte den Respekt und die Zuneigung zwischen den beiden und wurde fast ein wenig traurig, als sie sie zusammen scherzen sah.
Harm schien es zu spüren und er legte ihr kurz die Hand auf den Arm. "Marsch, Marine, Abwasch!" befahl er lachend und erhob sich.
Mac schüttelte den Kopf, stand aber ebenfalls auf und begann Teller zu stapeln. "Abwasch hat mit Wasser zu tun und Wasser ist eine Sache der Navy, nicht des Marine Corps." erklärte sie lächelnd.
"Dann betrachte dich als Kriegsgefangene, wir Navy-Leute sind hier in der Überzahl." erwiderte Harm grinsend.
0540 Z-Zeit (19:40 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm rollte die Ärmel zurück nach vorne und schloß die Knöpfe am Handgelenk. "Und was jetzt?" fragte er als Mac den letzten Teller zurück in den Schrank stellte.
"Ich weiß nicht, was Sie tun, aber ich brauch noch ein bißchen Bewegung." erklärte Mac, aber es klang nicht nach einer Einladung, sich ihr doch anzuschließen.
"Sie denken doch sicher nicht daran, eine Runde um den Block zu joggen, oder?" fragte Harm belustigt.
"Das sollten Sie lieber tun, es würde Sie abkühlen." meinte Mac bissig.
Harm seufzte unmerklich. Der Frieden während des Essens war ja auch zu schön gewesen, um wirklich wahr zu sein.
Sie gingen in ihr Quartier zurück und Mac verschwand im Bad. Als sie wieder zum Vorschein kam, trug sie olivgrüne Shorts und ein braunes Marine-Corps-T-Shirt. Sie schnappte sich ihre Box-Handschuhe und begann, auf den Punching-Ball, den sie in der Ecke aufgehängt hatte, einzuhämmern.
Ihre Schläge waren schnell und kraftvoll, kamen ohne Pause. Sie schlug zu, als wäre der Punching-Ball ihr persönlicher Feind. Ihre Fußarbeit war schnell und agil. Harm mußte zugeben, daß ihr Vater ein guter Lehrer gewesen war. Er wünschte, Joe MacKenzie wäre als Vater ebenso gut gewesen.
Auf Macs T-Shirt begannen sich dunkle Flecken zu bilden und das Pony klebte ihr an der Stirn. Sie taumelte leicht, als sie versuchte, den Schweiß abzuschütteln, der ihr in die Augen lief.
"Mac ..." sagte Harm vorsichtig.
Sie hörte es nicht, oder wollte es nicht hören. Kompromißlos und verbissen hämmerte sie weiterhin auf den Punching-Ball ein.
"Maaac!" versuchte es Harm eindringlicher.
"Was ist?!" fauchte Mac, ohne innezuhalten.
"Glauben Sie nicht, daß Sie es übertreiben? Lassen Sie es langsam angehen, sonst verletzen Sie sich noch." warnte Harm besorgt.
"Ich bin kein kleines Kind, verstanden? Ich weiß selbst, was gut für mich ist." Mac schlug eine mörderische Doublette. Harm war fast sicher, daß sie sich jetzt vorstellte, sein Gesicht zu treffen.
Sie fuhr mit ihrer schweißtreibenden Tätigkeit fort.
Harm hoffte, daß sie sich austoben würde, aber das schien nicht der Fall zu sein. Er war sicher, daß ihre Arme schmerzen mußten, aber sie hörte einfach nicht auf. "MAC!" rief er scharf, "Hören Sie auf, Sie tun sich nur weh!"
"Hören SIE auf!" brüllte Mac zurück, "Hören Sie auf, ständig den Beschützer zu spielen! Schaffen Sie sich ein Haustier an oder suchen Sie sich irgendein dummes, schwaches kleines Frauchen, wenn Sie Ihren Beschützerinstinkt nicht unter Kontrolle haben, aber lassen Sie mich in Ruhe! Ist Ihnen schonmal in den Sinn gekommen, daß es auch Leute geben könnte, die ohne den großen Harmon Rabb und seine ach so menschenfreundliche Hilfe auskommen?! Lassen Sie mich einfach nur in Ruhe!" Jedes ihrer letzten Worte wurde von einem weiteren Schlag begleitet.
Eine Sekunde lang wollte Harm geschockt genau das tun, was sie von ihm verlangt hatte, aber irgendetwas – vielleicht sein "Beschützerinstinkt" – ließ einfach nicht zu, daß er Mac jetzt alleine ließ. Er trat einen Schritt näher und streckte beschwichtigend die Hand aus.
Wumm! Er hatte die Faust nicht kommen sehen, die ihn plötzlich im Gesicht traf. Mit aufgerissenen Augen taumelte er drei Schritte zurück.
Mac ließ endlich die Fäuste sinken. Sie starrten sich an und es war schwer zu sagen, wer über den Schlag erstaunter war, Harm oder Mac selbst. In Harms Augen war ein Ausdruck, den Mac noch nie an ihm gesehen hatte, obwohl sie glaubte, fast jede Nuance seiner Mimik zu kennen. Es war weder Schmerz, noch Angst, sondern schien fast wie ... Sorge. Sorge um Mac. Von seiner Lippe tropfte etwas Blut, doch er schien es nicht zu bemerken.
Mac wußte nicht, was sie tun sollte. Sie fühlte sich schrecklich.
Ein Teil von ihr, die Sarah MacKenzie, die Harms Freundin war, hätte sich gerne entschuldigt, aber irgendwie erschien es ihr unzulänglich, so als wäre es zu spät dafür. Ein anderer Teil, das kleine, verletzliche Mädchen Sarah, wollte sich am liebsten weinend im Badezimmer einschließen, doch das ließ der Marine nicht zu. Die Anwältin in ihr wollte reden, die Sache friedlich klären. Die gutherzige Sarah, die sich für Corporal Wetzel eingesetzt und den alten Hund Jingo aufgenommen hatte, wollte Verbandsmaterial holen. Der Offizier wollte aufrecht jede Strafe entgegennehmen. Die Tochter ihres Vaters wollte erneut zuschlagen. Die Alkoholikerin wollte nach der nächsten Flasche Wodka suchen, um alles zu vergessen.
Sarah MacKenzie, Anwältin, Marine, Ex-Alkoholikerin, Tochter und Kollegin, wußte nicht, was sie tun wollte. Darauf lief alles heraus: Sie wußte überhaupt nicht mehr, was sie tun sollte.
Sie räusperte sich und zögerte, als müßte sie sich erst erinnern, wie man Worte zu einem Satz formte. "Sie bluten, Commander." Ihre Stimme war rauh.
Harm hob die Hand und wischte sich das Blut von der Lippe, ohne den Blick von ihr abzuwenden. "Oh, keine Sorge, das wird meinem guten Aussehen schon keinen Abbruch tun!" versuchte er zu scherzen, ganz automatisch, fast schon wie ein Reflex. "Mac, ich ..."
Mac schüttelte den Kopf. "Nicht jetzt, Harm, ich will einfach nur noch ins Bett, ja?" Sie klang einfach nur müde, körperlich und seelisch völlig erschöpft.
Harm nickte. "Okay." Sein besorgter Blick folgte ihr, als sie zum Badezimmer ging. Er wußte, daß es dieser "verdammte Beschützerinstinkt" war, der ihn in diese Schwierigkeiten gebracht hatte, aber er konnte einfach nicht anders, als so zu empfinden.
1412 Z-Zeit (04:12 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Mac lag wach. Wieder einmal. Sie starrte an die Wand, eine ganze Weile lang, dann drehte sie sich um und wiederholte die Prozedur mit der anderen Wand. Sie lauschte in die Dunkelheit. Im Badezimmer tropfte stetig ein Wasserhahn. Draußen sprang irgendwo ein Stromaggregat an. Die Geräusche im Gebäude waren wie ihr Geist, nie ruhend, nie völlig verstummend, nie völlig friedlich. Sie hörte jede Bewegung, jedes Geräusch im Haus.
Harm neben ihr machte es auch nicht gerade leichter. Er atmete ruhig und gleichmäßig; schlief schon seit Stunden. Sie versuchte, nicht an den Streit mit ihm zu denken, das würde den Schlaf auch nicht leichter kommen lassen. Sie wälzte sich erneut herum und lag nun auf dem Bauch, den Kopf unter den Kissen vergraben, als wolle sie damit die Gedanken stoppen, die ihr unablässig durch den Kopf gingen und einfach nicht aufhören wollten. Sie brauchte keinen Blick auf den Radiowecker neben sich zu werfen, um zu wissen, wieviel Uhr es war. Dieses besondere Talent, so vorteilhaft es sonst sein mochte, wurde in letzter Zeit immer mehr zum Fluch. Die Sekunden, Minuten und Stunden tickten unaufhörlich in ihrem Kopf.
Sie überlegte, ob sie aufstehen und eine Dusche nehmen sollte, aber sie wollte Harm nicht wecken. Es war früh genug, wenn sie ihm morgen früh wieder gegenüberstehen mußte. Außerdem wußte sie aus Erfahrung, daß auch eine Dusche nicht helfen würde, sie endlich schlafen zu lassen. Nichts half. Je verzweifelter sie versuchte, einzuschlafen, desto länger lag sie wach.
Einige Minuten später konnte sie einfach nicht mehr still liegen und schwang leise die Beine aus dem Bett, tappte im Dunkeln ins Badezimmer, um sich ein Glas Wasser zu holen. In Situationen wie diesen wünschte sie sich manchmal, das Glas enthielte Alkohol.
1428 Z-Zeit (04:28 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erwachte, ohne zu wissen, was ihn geweckt hatte. Um ihn herum war es dunkel, alles war absolut ruhig. Trotzdem wurde er das Gefühl nicht los, daß irgendetwas nicht in Ordnung war. Vorsichtig tastete er zu Mac hinüber, aber ihre Seite des Bettes war leer. Einen Moment lang stieg fast Panik in ihm auf, dann gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und er sah sie am Fenster stehen.
Er setzte sich auf und knipste das Licht an. "Mac? Irgendwas nicht in Ordnung?"
Er sah, wie Mac zusammenzuckte, sich aber nicht zu ihm umdrehte. "Alles okay, schlafen Sie weiter." murmelte sie.
Harm schlug die Decke zurück und ging zu ihr hinüber. Vielleicht war sie jetzt ruhig genug, um zu reden. "Mac?"
Sie drehte sich halb zu ihm um. "Hm?" Sie sah tatsächlich nicht mehr wütend aus, sondern einfach nur noch müde. In ihrem Blick lag etwas, was darüber hinausging ... Resignation, Verzweiflung? Harm hätte es nicht sagen können.
"Mac, ist wirklich alles okay? Können Sie nicht schlafen?" erkundigte er sich behutsam.
"Alles okay," bestätigte Mac mit Nachdruck.
"Wirklich? Sie haben kaum geschlafen, seit wir hergekommen sind. Sie essen auch nicht richtig. Ich beginne wirklich, mir Sorgen zu machen." murmelte Harm.
"Haben Sie schon wieder vergessen, was ich von Ihrem Beschützerinstinkt halte?" fragte Mac scharf, "Sie wissen, daß ich nicht viel Schlaf brauche."
Das wußte Harm tatsächlich. Mac pflegte, früh aufzustehen und ihre 15 Meilen zu laufen und sie blieb nachts meist lange auf. Er konnte sich daran erinnern, daß sie um ein Uhr nachts noch irgendwelche Dinosaurier-Knochen bepinselt hatte, als er auf der Flucht vor der Polizei bei ihr Zuflucht gesucht hatte. Auch in Moskau war sie wach gewesen, wann immer er aufgewacht war. Aber er spürte, daß da mehr war, als sie zugeben wollte.
"Mac, es gibt einen Unterschied zwischen nicht viel Schlaf und gar keinem Schlaf. Hören Sie, vergessen Sie einfach mal, wie das in den letzten Wochen so zwischen uns gelaufen ist. Ich bin immer noch Ihr Freund," sagte Harm sanft, "Wollen Sie darüber reden?" Behutsam legte er ihr die Hände auf die Schultern.
Mac biß die Zähne zusammen. Sie wußte, wenn sie jetzt zuließ, daß er die dicken Schutzmauern, mit denen sie sich umgeben hatte, durchdrang, dann würde sie zusammenbrechen. "Erstens, Commander, ist hier niemand, der uns sehen könnte, also brauchen Sie nicht so zu tun, als ob Sie mich auch nur einigermaßen leiden könnten; Sie können sich Ihre schauspielerischen Fähigkeiten für später aufsparen!"
"Mac, ich brauche nicht nur so zu tun, ich kann Sie wirklich gut leiden," widersprach Harm und fügte in Gedanken traurig hinzu: "obwohl ich im Moment Probleme habe, mich zu entsinnen, wieso."
"Zweitens," fuhr Mac fort, als hätte er gar nichts gesagt, "zweitens gibt es nichts zu reden. Ich habe keine Probleme, ich brauche keine Hilfe und vor allem nicht Ihre! Und drittens: Nehmen Sie Ihre Hände da weg oder ich tue es für Sie!"
Angesichts seiner schmerzenden Lippe hielt Harm es für besser, ihrem Wunsch zu entsprechen und nahm die Hände von ihren Schultern. "Ist es etwas, was ich getan habe?" wollte er wissen, "Ich kann mich nicht erinnern, irgendetwas getan zu haben, was ich nicht schon hundertmal vorher getan hätte. Trotzdem verhalten Sie sich so völlig anders mir gegenüber. Wir reden nicht mehr miteinander. Und wir wissen nicht einmal mehr, um was wir uns eigentlich streiten."
Mac schien nicht die geringste Absicht zu haben, sich auf dieses Gespräch mit ihm einzulassen. "Harm, gehen Sie ins Bett." befahl sie müde.
"Ich denke nicht daran, ins Bett zu gehen! Ich möchte jetzt darüber reden!" widersprach Harm energisch.
"Und ich bin es leid zu reden; ich habe die ganzen letzten Monate über geredet und geredet und Sie haben nicht zugehört."
Harm kratzte sich am Kopf. "Hab ich da irgendetwas verpaßt? Sie haben geredet? Mit mir? Geredet, nicht angeschrien, meine ich." Seine Stimme war bitter und etwas verwirrt. "Mac, kommen Sie, reden Sie mit mir, irgendetwas stimmt doch nicht mit Ihnen."
"Hey, versuchen Sie nicht, mich zu psycho-analysieren! Sie vergessen wohl, daß Sie nicht wirklich Psychologe sind! Ich sage es nochmal, ich will jetzt nicht reden und es gibt nichts, was Ihnen Sorgen machen müßte. Ich ... stehe einfach nur etwas unter Streß, okay? Und jetzt gehen Sie wieder ins Bett!" Sie versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten.
Harm zögerte, doch er wußte, daß er sie nur weiter hinter ihre selbsterrichteten mentalen Schutzwälle zurücktreiben würde, wenn er jetzt nicht nachgab. "Okay, aber wenn Sie Ihre Meinung ändern..." Als Mac nicht reagierte, ging er zum Bett zurück.
"Harm?"
Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. "Ja?" Eine Sekunde hoffte er, daß sie endlich mit ihm sprechen, ihm alles erzählen würde, aber er hätte es besser wissen müssen.
"Tut mir leid mit Ihrer Lippe." sagte sie leise in die Dunkelheit, den Rücken zu ihm.
"Schon gut." brummte Harm. Seine Lippe war wirklich das letzte, was ihm jetzt Sorgen machte.
"Nein, es ist nicht gut!" widersprach Mac unerwartet heftig, "Ich meine es ernst! Ich bin zu weit gegangen!"
"Hey, ich hab schon Schlimmeres überlebt, das macht mir nichts aus." versicherte Harm beruhigend.
Mac konnte sich erinnern, daß er etwas ganz Ähnliches gesagt hatte, nachdem sie sich in betrunkenem Zustand über den "rechtschaffenen, makellosen" Harmon Rabb junior lustig gemacht hatte und sogar eine fiese Bemerkung über seinen "lange verschollenen Vater" machte.
Sie wußte, daß er so ziemlich jeden anderen, der das Andenken an seinen Vater verspottete, vermutlich mit bloßen Händen erwürgt hätte, aber zu ihr hatte er nur freundlich gesagt: "Ich hab schon Schlimmeres gehört, das macht mir nichts aus." Seine Freundlichkeit machte alles noch viel schlimmer für sie.
Sie drehte sich wieder zum Fenster um und wußte, daß sie heute nacht sicher keinen Schlaf mehr finden würde. Harm lag im Bett und wußte, daß für ihn das gleiche galt.
1734 Z-Zeit (07:34 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erwachte und noch bevor er die Augen öffnete, wußte er, daß Mac nicht neben ihm lag. Er schlug die Augen auf und sah seinen Verdacht bestätigt. Er fragte sich, ob sie in der letzten Nacht überhaupt geschlafen hatte. Er erhob sich, streifte ein T-Shirt über und machte sich auf die Suche nach Mac.
Sie stand in dem kleinen Büroraum, den Rücken zur Tür und hatte einen Stapel Blätter in der Hand. Ihre Haltung war müde, aber trotzdem schien sie zu unruhig zu sein, um sich zu setzen. Harm konnte die Spannung in ihren Schultern geradezu sehen. Ohne groß nachzudenken trat er ein und streckte die Hände aus, um ihr die Verspannungen aus den verkrampften Muskeln zu massieren, wie er es schon einmal getan hatte.
Eine Sekunde später fiel ihm ein, daß es keine besonders gute Idee sein mochte, von hinten an einen unausgeschlafenen, gereizten Marine heranzutreten, aber da war es schon zu spät. Er fand sich plötzlich auf dem Boden wieder und Mac hatte seinen Arm in einem erbarmungslosen Griff, der ihm fast die Schulter ausrenkte.
"Mac, ich bin’s nur!"
Mac ließ sofort los und half ihm auf die Beine. "Tun Sie das nie wieder, Sie haben mir einen Höllenschreck eingejagt!" schnappte sie.
"Ich Ihnen? Ich bin doch derjenige, dem fast der Arm ausgekugelt wurde! Ich hoffe, Sie machen es sich nicht zur Gewohnheit, mich zu verletzen." Er lächelte etwas, um ihr zu zeigen, daß er es ihr nicht übelnahm.
Harm wußte, daß sie eine Marine-Corps-Ausbildung hinter sich hatte und eine fabelhafte Kickboxerin war, aber ein wenig erstaunte es ihn doch, daß sie in der Lage war, einen Mann seiner Größe und seines Gewichts so einfach zu Boden zu werfen. Er wußte, sie hatte nicht darüber nachgedacht, sondern einfach reagiert, als sie jemanden hinter sich hörte. Jemand anderer hätte es vielleicht für ein Zeichen schneller Reflexe und aufmerksamer Wachsamkeit gehalten, aber er wußte, daß es in Wirklichkeit nur zeigte, wie erschöpft sie war.
Mac sah bleich aus und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die zu Boden gefallenen Seiten wieder aufhob. Wenn Harm sich nicht irrte, hatte sie sogar etwas an Gewicht verloren in den letzten Wochen, obwohl sie das sicher nicht nötig gehabt hätte. Er fragte sich plötzlich, ob sie krank war. Wenn das so weiterging hatte er bald keine andere Wahl mehr, als sich mit dem Admiral in Verbindung zu setzen und sie ausfliegen zu lassen, ob sie wollte oder nicht. Er hatte nicht vor, zuzusehen, wie dieser sture Jarhead seine Gesundheit ruinierte. Aber noch hoffte er, daß es besser werden würde.
1821 Z-Zeit (08:21 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm saß am Frühstückstisch und hörte mit halbem Ohr zu, wie Mac sich mit den beiden Japanern unterhielt, während er seinen Obstsalat aß und einigermaßen zufrieden sah, daß Mac zumindest einen Toast gegessen hatte.
"... stammen 17 % der Erdöllagerstätten aus der Kreidezeit, 13 % aus dem Jura und 12 % aus dem Paläzoikum." sagte Mac gerade. Ihr Tonfall ließ dieselbe Kompetenz und sachliche Qualifikation erahnen, die sie auch im Gerichtssaal zeigte und nur Harm allein wußte, daß dem nicht wirklich so war. Er mußte ihre Lern- und Konzentrationsfähigkeit ganz einfach bewundern, vor allem in ihrem gegenwärtigen Zustand. Harm wußte, daß es Mac wichtig war, daß man ihre professionelle Seite, ihre Fähigkeiten als Offizier und als Anwältin respektierte und er fragte sich plötzlich, ob er ihr jemals gesagt hatte, wie sehr er ihre Arbeit schätzte und bewunderte.
" ... soviel Interessantes gab es in Alaska ja auch nicht," hörte er Melissa Daniels sagen, "ein bißchen Kupfer, etwas Kohle, Erdgas und Molybdän wurden abgebaut."
Yumiko Nishida nickte. "Bis dann 1977 in der Nähe der Prudhoe Bay, nicht sehr weit von hier entfernt, die ersten Ölfelder entdeckt und daraufhin die Trans-Alaska-Pipeline gebaut wurde. Damit wurde Alaska schlagartig interessant."
"Wußten Sie, daß Alaska bis 1867 zu Rußland gehört hat?" warf Sergeij Pedowkin ein, "Die Vereinigten Staaten haben uns das Land für lächerliche 7,2 Millionen Dollar abgekauft. Es lebe der Kapitalismus." Sergeij lachte und die anderen fielen ein.
Harm und Mac wechselten einen kurzen Blick. Zwischen den Russen und den Amerikanern, den alten Gegnern des Kalten Krieges, schien es hier auf der Station kaum Feindseligkeiten zu geben, genausowenig zwischen den Vertretern der USA und Japans, ihres neuen wirtschaflichen Konkurrenten. Es herrschte eine fast freundschaftliche Atmosphäre, vielleicht deshalb, weil man hier so völlig von der Außenwelt abgeschnitten und aufeinander angewiesen war.
Jeder hier hielt scheinbar Erdöl für den wertvollsten Rohstoff in Alaska, niemand schien eine Ahnung von der Existenz des neuen Stealth-Materials unter dem Eis zu haben. Also auch hier kein Mordmotiv.
Harm seufzte. Sie waren jetzt schon den dritten Tag hier und noch immer hatten sie keinen Hinweis auf den Mörder.
Er sah zu den Tschechows hinüber. Er sah, was er auch schon in den beiden letzten Tagen beobachtet hatte: Respekt und Zuneigung. Fast hätte er glauben können, Mac hätte sich geirrt und sie wären doch verheiratet, aber andererseits mieden sie jede Berührung. Seltsam, fand Harm. Selbst wenn sie nur Freunde waren, so hätte es zwischen ihnen sein sollen, wie es zwischen ihm und Mac noch vor ein paar Wochen gewesen war: Kleine, zufällige Berührungen, Gesten der Unterstützung oder des Trostes, eine aufmunternde Hand auf dem Arm oder ein Klaps auf die Schulter.
Nichts dergleichen bei den beiden Russen. Man hätte es vielleicht auf andere kulturelle Regeln zurückführen können, die Vertraulichkeiten in der Öffentlichkeit verboten, aber Harm wußte, daß dies eher auf die japanische Kultur zutraf; die russische Gesellschaft unterschied sich so sehr nicht von der, die Harm gewohnt war.
Draußen erklang Motorengeräusch und Harm dachte unwillkürlich an einen der beiden Motorschlitten, die er draußen gesehen hatte.
"Hört sich nach den Akimotos an." meinte Ishmael Daniels.
Einige Minuten später traten zwei dick vermummte Gestalten ein und klopften sich den Schnee von den Parkas, bevor sie sie auszogen. Die beiden Japaner waren etwas größer als ihre Landsleute, aber genauso jung wie Yumiko und Yoshiaki Nishida.
Sie kamen näher und begrüßten ihre Kollegen, bevor sie sich den beiden ihnen unbekannten Gesichtern zuwandten. Harm hatte den Eindruck, daß sie im Gegensatz zu den anderen Wissenschaftlern überrascht waren, Neuankömmlinge hier zu sehen. Vielleicht waren sie schon vor dem Verschwinden der Reardons aufgebrochen.
Harm streckte die Hand aus. "Guten Morgen. Ich bin Commander Harmon Roberts und das ist Lieutenant Colonel Sarah Roberts, meine Frau."
Der Japaner ergriff seine Hand. "Kenichi und Myoki Akimoto. Wir sind Geophysiker." Er sah Harm prüfend an. "Was genau tun Sie hier?"
"Ich nehme an, Sie haben von dem Verschwinden und mutmaßlichen Tod der Reardons gehört?" erkundigte sich Harm.
Die Akimotos nickten. "Wir sind erst am Morgen, nachdem wir die leere Bohrstelle entdeckt haben, nach Barrow aufgebrochen." erklärte Myoki.
"War überhaupt jemand gleichzeitig mit den Reardons unterwegs?" nutzte Mac die günstige Gelegenheit, sich nach Alibi und Tatgelegenheit zu erkundigen.
Ishmael Daniels, bei solchen Gelegenheiten oft der Wortführer der Gruppe, schüttelte den Kopf. "Für gewöhnlich achten wir darauf, daß nicht zu viele von uns gleichzeitig draußen sind."
Der Anwalt in Harm war langsam aber sicher wirklich frustriert. Entweder war jemand am Tag – oder in der Nacht – des Verschwindens der Reardons unbemerkt unterwegs gewesen oder die Bewohner der Forschungsstation deckten sich gegenseitig. Oder die Wissenschaftler hatten wirklich nichts mit dem Mord zu tun. Was natürlich die Frage aufwarf, wer es dann getan haben könnte. Nordalaska war nicht gerade ein dicht bevölkertes Ballungszentrum.
Harm erinnerte sich wieder an die Frage der Akimotos. "Ich bin Psychologe und Sarah arbeitet als Geologin." erklärte er.
Irgendwie hatte Harm das Gefühl, daß diese Antwort die beiden Geophysiker beruhigte, aber vielleicht interpretierte er auch nur wieder die japanische Mimik falsch.
Myoki Akimoto warf ein kleines Bündel auf den Tisch. "Die Post!" verkündete sie und sofort begannen die Wissenschaftler sich an dem Paket zu schaffen zu machen. "Wie Kinder unter dem Weihnachtsbaum." dachte Harm amüsiert. Er schätzte, daß man hier nicht allzu oft Nachricht von zuhause erhielt.
Sergeij Pedowkin riß einen Briefumschlag auf und reichte Marianka den Brief, während er selbst mit einem breiten Lächeln ein Foto betrachtete. Dann hielt er das Bild Harm und Mac hin und erklärte stolz: "Unser Sohn Michail mit unserer Enkelin. Sie ist fünf."
Das Foto zeigte einen großen, lachenden Mann, der ein kleines, ebenso lachendes Mädchen im Kreis herumschwang. Harm konnte sich erinnern, daß sein Vater das auch mit ihm gemacht hatte, bevor er über Vietnam abgeschossen wurde und verschwand. Er nickte den Pedowkins lächelnd zu und warf einen Blick zu Mac hinüber.
Sie nagte an ihrer Unterlippe und ihr Lächeln war etwas gezwungen. Ihre großen braunen Augen blickten ein wenig traurig, auch wenn sie versuchte, es zu verbergen. Niemand bemerkte es, vermutlich weil niemand auch nur im entferntesten daran dachte, daß ein so harmonisches Foto jemanden traurig machen konnte. Harm wußte, daß gerade diese familiäre Harmonie Mac traurig machte, weil sie soetwas nie gehabt hatte. Selbst wenn ihr Vater sie einmal so voller Stolz und Zuneigung behandelt haben sollte, so waren die schönen Augenblicke überlagert durch die Erinnerung an die Trunkenheit, die Schläge, das Brüllen und Weinen, an all die Nächte, in denen sie sich als kleines Mädchen in den Schlaf geweint hatte und an die unzähligen Male, in denen sie sich als Teenager selbst betrunken hatte.
Er kannte Mac besser, als sie dachte, besser als jeder andere. Selbst wenn sie behauptete, okay zu sein und über alles hinweg zu sein, er wußte es besser. Sie mochte sich selbst sagen, daß die Zeit alle Wunden heilte, aber er wußte, daß manche Dinge einen für immer prägten. Er hatte 28 Jahre seines Lebens, um das zu beweisen.
Harm behauptete nicht, daß er verstand, was sie durchgemacht hatte und was eine solche Kindheit aus einem Menschen machen konnte. Er hatte an seinen Vater nie anders als mit Bewunderung und Stolz gedacht. Aber er fühlte mit ihr.
Harm legte seine Hand über Macs und drückte sie sanft. "Ist okay, Sarah." sagte er mit einem aufmunternden Lächeln.
Mac drehte den Kopf und sah ihn an. Ein Dutzend verschiedener Emotionen spiegelte sich in ihren dunklen Augen. Dankbarkeit, Überraschung – vielleicht darüber, daß er noch immer erkennen konnte, was in ihr vorging -, Traurigkeit, Verlegenheit, Empörung, Zorn. Zumindest die letzten beiden Reaktionen verstand Harm nicht. Galt ihr Zorn Joseph MacKenzie, ihrem Vater, oder ihm? Zur Zeit schien Mac auf das ganze Universum zornig zu sein, dachte Harm seufzend.
1858 Z-Zeit (08:58 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Die anderen Wissenschaftler waren an ihre Arbeit zurückgekehrt, während Harm und Mac zurückblieben, da sie zum Geschirrwaschen eingeteilt waren.
Mac zerbröselte gedankenverloren das Croissant auf ihrem Tablett. Harm deutete auf ihren nur halb geleerten Teller. "Wollen Sie nicht zu Ende essen?" erkundigte er sich.
"Nein, danke, mir ist der Appetit vergangen!" murmelte sie düster.
"Ist irgendetwas nicht in Ordnung?" fragte Harm besorgt und versuchte, ihr Gesicht zu sehen, doch Mac blickte in eine andere Richtung. Machte das Foto sie noch immer traurig oder war es etwas anderes?
"Ich glaube nicht, daß Sie die Antwort wirklich hören möchten." brummte Mac verstimmt.
"Natürlich möchte ich Sie hören, Mac!" versicherte Harm etwas erstaunt.
"Okay, Sie haben es so gewollt." sagte sie noch einigermaßen ruhig, aber dann schlug ihre Stimme um. "Was zum Teufel sollte dieses ’Ist okay, Sarah‘ und das Händchenhalten?!"
Harm sah sie groß an. "Nichts, Mac, ich wollte nur ..."
"Oh, hören Sie auf mit Ihrem NICHTS, Commander! Hören Sie bloß auf! Sie haben mich vor allen in Verlegenheit gebracht, ist das vielleicht NICHTS?!"
"WAS? Ich habe nichts dergleichen getan, das bilden Sie sich nur ein!" Langsam kam auch in Harm der Ärger hoch. Er schrie nicht, aber das machte Mac nur noch wütender.
"Ach, das bilde ich mir ein, ja?" Macs Augen funkelten unheilvoll, "Dann hab ich mir wohl auch nur eingebildet, daß Sie mich wie ein kleines unmündiges Kind oder Ihre dumme, schwache Frau behandeln, seit wir hier sind?"
"Mac! Ich behandle Sie wie ein Freund den anderen behandelt – was man von Ihnen nicht gerade behaupten kann!" Harm versuchte nicht mehr, die Frustration aus seiner Stimme fernzuhalten, "Was ist Ihr Problem?"
"Mein Problem sind Sie, Harmon!" Mac schien es darauf anzulegen, ihn zu verletzen und das erreichte sie auch. Es waren nicht so sehr die Worte, die ihn verletzten, sondern die Tatsache, daß sie von ihr kamen, seiner Partnerin, seinem besten Freund. Sie kannten einander viel zu gut, um nicht zu wissen, wie sie sich treffen konnten. Die Temperatur im Raum schien schlagartig kälter als die draußen zu sein.
"Allmählich bekomme ich den Eindruck, daß SIE zu den Leuten gehören, die ihre Feinde mehr schätzen als ihre Freunde. Mac, ich versuche doch nur, Ihnen zu helfen. Das vorhin, das war doch nur ... eine Geste des Trostes." Harm wollte die ganze Situation stoppen, bevor sie eskalierte.
"Des Trostes?" Mac wurde nur noch wütender, "Danke, aber ich bin aus dem Alter heraus, in dem ich einen Babysitter brauchte!"
"Herrgott, Mac, jetzt seien Sie doch nicht so empfindlich! Ich dachte nur, Sie könnten etwas ... Unterstützung gebrauchen, das ist alles." Harm begann langsam daran zu zweifeln, daß sie dieselbe Sprache sprachen.
"Ihre Unterstützung hat dafür gesorgt, daß erst recht alle auf mich aufmerksam geworden sind! Vielleicht denken Sie das nächste Mal erst nach, bevor Sie wieder solche ’Gesten des Trostes‘ verteilen. Ich schätze diese Art der Aufmerksamkeit nicht besonders; ich will nicht von den anderen bemitleidet werden. Niemand soll mich als Opfer von irgendetwas sehen!" grollte Mac.
"Okay," Harm begann zu verstehen, warum sie seine "Geste des Trostes" so ablehnte; sie wollte lieber einen unbemerkten Moment der Traurigkeit mit sich selbst ausfechten, als vor den anderen eine Schwäche zu zeigen. Dennoch konnte er noch immer nichts Falsches an seinem Verhalten erkennen. "Aber hätten Sie mir das nicht in einem ruhigeren Tonfall mitteilen können?" Dieses Verhalten war doch einfach kindisch! Wenn er etwas an ihrer Freundschaft besonders geschätzt hatte, dann war das, daß sie miteinander redeten. "Sie sollten sich mal hören und sehen! Sie sehen aus, als wollten Sie mich mit bloßen Händen erwürgen." führte Harm ihr die Situation vor Augen.
"Führen Sie mich besser nicht in Versuchung." murmelte Mac, versuchte aber wirklich, ihre Stimme etwas zu senken.
Harm sah sie an. Er war an einem Punkt angelangt, an dem er einfach nicht mehr weiter wußte. "Okay, Mac, sagen Sie es doch einfach, sagen Sie doch einfach, daß Sie mir die Freundschaft aufkündigen wollen und ich werde Sie nicht weiter belästigen!" Doch er wartete nicht auf ihre Antwort, vielleicht hätte er es nicht ertragen, sie zu hören, sondern drehte sich abrupt um und ging.
Mac schluckte und schloß für einen Moment die Augen. Ihr Leben war ein Chaos, wie gewöhnlich. Sie hatte wirklich schon eine Menge Fehler in ihrem Leben gemacht, aber das hier übertraf wahrscheinlich alle anderen. Sie hatte nicht unbedingt viele Freunde, denn sie brauchte lange, bevor sie jemandem wirklich vertraute, und Harm war in den letzten vier Jahren ihr bester Freund gewesen. Jetzt war sie dabei, alles kaputt zu machen, nur weil ...
"Sarah?" Melissa Daniels streckte den Kopf zur Türe herein, "Ist alles in Ordnung? Ich habe Stimmen gehört..." Sie sah Mac prüfend an, bemerkte wie aufgewühlt und traurig sie war.
"Haben Sie sich gestritten? Machen Sie sich keine Sorgen, Sarah, das kommt schon mal vor."
Mac antwortete nicht. Sie hoffte, daß Melissa nichts gehörte hatte, nicht bemerkt hatte, daß sie sich siezten. Sie glaubte es nicht.
"Es ist nicht so wie bei Ishmael und mir," fuhr Melissa Daniels fort und seufzte, "ich sehe doch, wie sehr Harmon und Sie sich lieben. Man sieht sofort, daß Sie frisch verheiratet sind."
Fast mußte Mac ein wenig lachen. "Meine schauspielerischen Fähigkeiten müssen besser sein als ich dachte." dachte sie mit gelinder Belustigung. "Ach, es ging nur um das Übliche," behauptete sie, "die nicht ausgedrückte Zahnpasta-Tube, die Toilettenbrille, den Haushalt..." Mac deutete auf das schmutzige Geschirr, mit dem Harm sie alleine gelassen hatte.
Melissa lächelte verständnisvoll. "Das kenne ich!" stöhnte sie und krempelte die Ärmel hoch, "Kommen Sie, ich helfe Ihnen."
1915 Z-Zeit (09:15 Uhr Alaskan Time)
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8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm saß in dem kleinen Büroraum und wartete auf Nikolai Tschechow, mit dem er heute eine psychologische Sitzung haben sollte. Er versuchte, nicht mehr an den Streit mit Mac zu denken. Sollte sie doch einfach machen, was sie wollte. Wer brauchte schon Sarah MacKenzie? Leider wußte er selbst, daß er damit keine Jury überzeugt hätte, nicht einmal sich selbst. Er machte sich viel zuviele Sorgen um Mac, um längere Zeit wütend auf sie zu sein.
Es klopfte und Nikolai trat ein. Harm bot ihm einen Stuhl an. "Das muß die erste Sitzung in der Geschichte der Psychologie sein, bei der der Therapeut sich unbehaglicher als sein Patient fühlt." dachte er dabei.
"Tja, wir haben in Rußland nicht gerade viele Psychologen und deshalb kenne ich mich nicht aus, was soll ich Ihnen erzählen?" erkundigte sich Nikolai Tschechow, falls er denn wirklich so hieß, unsicher.
"Gut," dachte Harm, "dann hat er wenigstens keine Vergleichsmöglichkeiten."
"Wie wäre es, wenn Sie mir ein wenig über sich erzählen? Wie sind Sie aufgewachsen, wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen und wie haben Sie Ihre Frau kennengelernt ..."
Der riesenhafte Russe zuckte die Schultern. "Gut, ähm, aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dörfchen in Sibirien. Ich habe zwei ältere und drei jüngere Schwestern," Er lächelte, als er Harms Blick sah. "Wir wuchsen nach dem Tod unserer Eltern bei unserer Großmutter auf."
Harm nickte und machte eine schnelle Notiz, schließlich sollte alles professionell wirken. "Haben Sie sich dort wohl gefühlt?" fragt er.
"So wohl wie man sich in einem kleinen sibirischen Dorf nur fühlen kann, wenn man ein Junge ist, der das Meer für seine Bestimmung hält," Nikolai zeigte das für ihn so typische sanfte Lächeln. Harm fand, daß er ein wenig seinen Walen ähnelte – er mochte riesig und scheinbar plump sein, aber er war auch sanftmütig und klug, "Aber meine Großmutter war eine sehr kluge Frau und ich habe viel von ihr gelernt."
Harm erkannte, daß er sich so zwar stundenlang mit dem Russen unterhalten konnte, aber niemals etwas erfahren würde, was sie auch nur einen Millimeter in ihrer Mordermittlung weiterbringen würde. Er entschloß sich deshalb zu einer der gewagten Attacken, für die Tomcat-Piloten so berühmt waren.
"Mein alter Psychologieprofessor pflegte immer zu sagen, der Therapeut dürfe sich nicht aufdrängen, sondern soll den Klienten sprechen lassen und deshalb habe ich jetzt nur noch eine einzige Frage: Wie haben Sie die Papiere gefälscht und alle glauben gemacht, Sie wären verheiratet?" verlangte er zu wissen.
Nikolai starrte ihn an und seine imposante Zwei-Meter-Gestalt sank etwas in sich zusammen. Er sah absolut geschockt aus – geschockt und beeindruckt. "Woher wissen Sie das?" brachte er nach ein paar Sekunden hervor. Vermutlich begann er gerade, an die übernatürlichen Fähigkeiten amerikanischer Psychologen zu glauben.
Harm zuckte grinsend die Schultern. "Ach, wissen Sie, ich bin Psychologe, wir haben da so unsere Methoden. Berufsgeheimnis, Sie verstehen? Also?"
"Die Papiere sind nicht gefälscht, wir sind wirklich verheiratet." murmelte Nikolai Tschechow.
Es erstaunte Harm etwas, daß er jetzt, viel zu spät, begann, die Sache zu bestreiten. "Das nehm ich Ihnen nicht ab."
"Es ist so, wirklich," versicherte der großgewachsene Russe, "Nur ... ist es eben keine ähm ... Liebesheirat."
Harm hob eine Braue. "Sondern?"
Nikolai seufzte. "Ich bin Meeresbiologe und Anna ist Mikrobiologin, die sich auf maritime Kleinstlebewesen spezialisiert hat. Wir arbeiten seit 2 Jahren zusammen und sind das beste Team, das Sie sich nur vorstellen können. Aber zu unserem Pech ist Väterchen Rußland nicht gerade reich beschenkt mit Meeren und internationale Projekte sind selten. Das ICE-Projekt ist unsere Chance und wir waren uns einig, sie zu nutzen, auch wenn wir dazu vorgeben mußten, verheiratet zu sein. Wir haben eine Woche vor unserer Ankunft hier geheiratet. Niemand hat Verdacht geschöpft, denn wir sind schon seit einer Weile Freunde, beste Freunde." Nikolai sah ihn offen an und Harm glaubte ihm.
Er nickte. "Ich verstehe, eine rein platonische Ehe also." Harm konnte das verstehen, denn sein bester Freund war ebenfalls eine Frau. Jedenfalls hatte er bis vor einigen Wochen gedacht, daß sie beste Freunde waren. Harm verdrängte den Gedanken und dachte an früher. Viele Leute schienen seine und Macs seltsame Freundschaft nicht so richtig zu verstehen und manchmal sie selbst am allerwenigsten. Aber trotz ihrer Unterschiede, und deren gab es viele, waren sie Freunde geworden.
Nikolai zögerte. "Ich habe gehört, bei Ihnen haben die Ärzte eine Schweigepflicht? Gibt es soetwas auch für Psychiater?" wollte er wissen.
"Psychologen, nicht Psychiater. Ich bin Psychologe," verbesserte Harm und dachte lächelnd an Webb, der ihn auf diesen Unterschied aufmerksam gemacht hatte, "Aber ja, die Berufsordnung für Psychologen und die Deklaration von Helsinki legen auch ein Schweigerecht und eine Schweigepflicht für Psychotherapeuten fest." Als Anwalt hatte er sich mit den berufsrechtlichen Aspekten seiner neuen Tätigkeit natürlich zuerst beschäftigt.
"Gilt diese Schweigepflicht auch für meinen Fall?" erkundigte sich der Russe.
"Natürlich, es sei denn, Sie gestehen mir jetzt den Mord an den Reardons." Harm beobachtete ihn aufmerksam.
Nikolai hob abwehrend seine riesigen Hände. "Damit habe ich nichts zu tun. Ich könnte niemals einen Menschen umbringen."
Harm glaubte ihm das sogar. "Okay, worum geht es dann?"
"Um diese ganze Situation hier. Es macht mich wirklich langsam aber sicher verrückt. Ich meine, wir sind noch immer ein gutes Team, unsere Forschungen laufen prima und Anna ist der beste Partner, den ich mir nur wünschen kann. Ich glaube, bei Ihnen sagt man: Sie hat was auf dem Kasten. Sie ist eine der besten Mikrobiologinnen, die ich kenne. Ihre Arbeit und daß Sie in der beruflichen Fachwelt anerkannt wird, ist ihr sehr wichtig."
Harm nickte. Das erinnerte ihn ein wenig an Mac.
"Man könnte sogar fast sagen, sie ist ein wenig besessen von ihrer Arbeit. Eigentlich nicht von ihrer Arbeit allein, sondern davon, den hohen Idealen ihres Vaters zu genügen." fuhr Nikolai fort.
"Stellt er solche Anforderungen an seine Tochter?" fragte Harm nach.
Nikolai schüttelte den Kopf. "Nein, ihr Vater ist schon seit Jahren tot. Sie selbst stellt die Anforderungen an sich, sie möchte den hohen Maßstäben, die ihr Vater, einer der angesehensten Wissenschaftler Rußlands, für sich selbst setzte, genügen. Vielleicht glaubt sie, ihm nahe zu sein, wenn sie tut, was er getan hat. So gut ist, wie er es war. Vielleicht ist es auch einfach nur ein Charakterzug von ihr. Sie ist eine Perfektionistin und seit ihrer Kindheit gewohnt, überall die Beste zu sein. Sie würden nicht glauben, mit welcher Verbissenheit sie manchmal an einem Projekt arbeiten kann; sie gibt keine Ruhe, bis sie nicht die Lösung gefunden hat."
Doch, Harm glaubte es. Was Nikolai jetzt erzählte, erinnerte ihn an sich selbst.
"Es macht sie zu einer guten Wissenschaftlerin, zu einer der besten überhaupt, aber es prägt ihr Leben so vollständig, daß da kein Platz ist für ... andere Dinge." Nikolais Blick reichte an Harm vorbei in die Ferne und seine grauen Augen blickten so verletzlich, daß es Harm unwillkürlich an Mac erinnerte.
"Ich muß wirklich endlich aufhören, ständig Parallelen zu Mac und zu mir zu ziehen!" ermahnte er sich in Gedanken.
"Andere Dinge? Familie? Freunde?" erkundigte sich Harm.
"Njet - nein," antwortete Tschechow, "Anna hat ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Mutter, auch wenn sie sie nicht sehr oft sieht. Und zu ihren Freunden ist sie hundert prozentig loyal."
"Was dann?" hakte Harm nach. Was konnte es denn noch geben?
"Sie ... scheut sich, Bindungen einzugehen, jedenfalls wirklich ernste Bindungen." erklärte Nikolai, ohne Harm anzusehen.
Aha! Langsam begann Harm zu erkennen, worauf die Sache hinauslief. "Bindungen zu Ihnen." Es war eine Aussage, keine Frage.
"Glauben Sie nicht, ich hätte die Absicht gehabt mich ... in sie zu verlieben," Harm sah, daß dieser ausgewachsene Riesen-Kerl doch tatsächlich rot wurde, "ich habe weiß Gott auch genügend kaputte Beziehungen hinter mir, aber wir können uns nunmal nicht aussuchen, wann und in wen wir uns verlieben, es passiert einfach." Nikolai seufzte.
"Irland." dachte Harm und mußte lachen. Nikolai sah ihn mit großen Augen irritiert an. Harm lachte erneut. "Tut mir leid, das hat mich nur eben an etwas erinnert." erklärte er eilig. Wenn er ehrlich war, dann erinnerte ihn Nikolais ganze Geschichte viel zu sehr an etwas.
"Ich bin sicher, als Psychologe hören Sie solche Sachen jeden Tag. Unerwiderte Liebe und so weiter." Nikolai versuchte, über sich selbst zu lachen, doch es gelang ihm nicht ganz.
"Ist das wirklich so unerwidert?" fragte Harm und kam sich seltsam vor, über ein solches Thema mit dem Russen zu sprechen. Er bewunderte Nikolai ein wenig dafür, daß er nicht versuchte, auszuweichen. "Ich meine, ich habe doch gesehen, wie Anna mit Ihnen spricht, wie sie Sie ansieht."
"Wir sind Freunde, Commander Roberts ... Harmon. Und darüber bin ich froh. Ich wünschte eben nur, sie würde dem Versuch, dieser Beziehung eine weitere Facette hinzuzufügen, eine Chance geben." seufzte Nikolai Tschechow.
"Haben Sie ihr das gesagt?" erkundigte sich Harm.
Nikolai schloß einen Moment die Augen, als ob er sich an etwas Schmerzhaftes erinnern würde, dann sagte er: "Ja, nach einem langen inneren Ringkampf und einiger Selbstverleugnung. Es schien sie ziemlich unerwartet zu treffen, obwohl ich sicher bin, sie wußte schon länger, wie ich fühle. Vielleicht wollte sie das Thema auch einfach nur vermeiden. Jedenfalls hat sie mir zu verstehen gegeben, daß sie unsere Zusammenarbeit und unsere Freundschaft nicht riskieren möchte. Keine ihrer Beziehungen hat besonders lange gehalten. Ich schätze, das ist die Art, wie Frauen sagen: Danke, aber nein danke." Nikolai seufzte erneut.
"Vielleicht braucht sie einfach nur mehr Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen?" meinte Harm tröstend, "Ich meine, nach allem, was Sie mir erzählt haben, scheint ihr Leben recht turbulent gewesen zu sein. Vielleicht will sie einfach nur festhalten, was sie im Moment hat," Harm dachte einen Moment lang über den Satz nach, bevor er nickte und fortfuhr, "Vielleicht hat sie Angst, alles kaputtzumachen. Oder vielleicht hat sie Angst davor, einfach nur glücklich zu sein."
Nikolai stellte fest, daß Commander Harmon Roberts ein wirklich erstklassiger Psychologe war. Er schien Anna tatsächlich verstehen zu können, obwohl er sie kaum kannte.
"Wie läuft es jetzt zwischen Ihnen? Streiten Sie sich?" fragte Harm weiter.
Nikolai schüttelte den Kopf. "Nein, ich streite mich nie." entgegnete er.
Harm lächelte. An diesem Punkt endete jede Parallele zu Mac. Leider.
"Aber um ein Haar wäre genau das geschehen, was Anna befürchtet hat." meinte Nikolai Tschechow ernst.
Harm sah ihn gespannt an. "Was?"
"Es hätte fast unsere Freundschaft kaputt gemacht. Ich habe das Thema kein zweites Mal erwähnt und ich bemühe mich seither, ein wenig Distanz zu wahren, denn ich möchte sie zu nichts drängen, aber es ist einfach ... schwer." murmelte der bärenhafte Russe.
Harm öffnete den Mund, um zu antworten, doch da klopfte es. Es war Myoki Akimoto. Harm warf einen Blick auf die Uhr. Mit Verwunderung stellte er fest, daß es bereits 10 Uhr war – er hatte vergessen, daß er jetzt einen Termin mit der Japanerin hatte.
Nikolai Tschechow erhob sich, faltete seine zwei Meter regelrecht auseinander und schüttelte Harm die Hand. "Danke." sagte er sanft, grüßte Myoki und ging.
Harm wünschte, er könnte dasselbe tun, aber wie es aussah, würde er hier noch eine ganze Weile zu tun haben. Zum hundersten Mal seit sie hier waren sagte er sich, daß er wirklich mal mit Mac sprechen mußte.
2232 Z-Zeit (12:32 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Mac hatte den ganzen Morgen lang im Labor irgendwelche Gesteinsproben analysiert. Zumindest hatte sie so getan, während sie in Wirklichkeit die bisher gesammelten Daten ihrer Ermittlung in ihren Labtop eingab. Leider hatte sie da nicht viel zu tun gehabt. Gegen Mittag hielt sie es einfach nicht mehr aus. Sie hatte das Gefühl, in dem Gebäude ersticken zu müssen, also nahm sie sich ihren dicken Parka und die kniehohen Stiefel und stapfte in den Schnee hinaus.
Auf dem Hackklotz, auf dem Holz für den kleinen Erzschmelz-Ofen gehackt wurde, saß jemand. Mac erkannte Anna Tschechow. Ein vertrauter Duft ging von ihr aus und als sie näherkam bemerkte Mac, daß sie eine Zigarre zwischen den Fingern hielt. Sie mußte unwillkürlich lächeln.
Anna nickte ihr zu. "Stört Sie das?" fragte sie rücksichtsvoll und hob die Zigarre.
Mac bohrte die Stiefelspitze in den Schnee und schüttelte den Kopf. "Nein, ich hatte mal einen Partner, der hat diese Dinger ständig geraucht. Man gewöhnt sich daran." meinte sie lächelnd.
"Nikolai nicht – deshalb sitze ich hier draußen." erklärte die junge Mikrobiologin.
"Er würde es vermissen, wenn Sie nicht mehr rauchen würden, glauben Sie mir." versicherte Mac.
Anna hob den Kopf. "Was ist aus Ihrem Partner geworden?" wollte sie wissen.
Mac lächelte. "Er hat aufgehört."
"Zu rauchen oder Ihr Partner zu sein?" Anna war nicht sicher, ob sie die Feinheiten der englischen Sprache richtig verstanden hatte.
Mac hörte auf zu lächeln. "Ich weiß nicht, vielleicht beides." sagte sie wie zu sich selbst.
Irgendwo in der Ferne hörte man plötzlich ein Rufen und dann ein ... Bellen? Mac war nicht sicher, aber nach einer Weile tauchte tatsächlich ein Hundeschlitten am Horizont auf und das Rufen wurde lauter. Mac hörte jetzt, daß es Kommandos an die Hunde waren.
Hinter ihnen kamen die anderen Wissenschaftler aus dem Gebäude. Harm trat stumm neben Mac, bis er den süßlich-herben Geruch in der Luft bemerkte und sein Blick auf die Zigarre in Anna Tschechows Hand fiel. "Oh, das ist nicht fair." beschwerte er sich und auf Annas fragenden Blick erklärter er: "Ich hab vor einer Weile aufgehört zu rauchen."
Anna sah Mac an. "Wie kommt es, daß jeder, den Sie kennen, plötzlich zum Nichtraucher wird?" fragte sie schmunzelnd.
"Muß an meiner gesundheitsbewußten Lebensweise liegen." meinte Mac trocken. Sie würdigte Harm keines Blickes.
"Gesundheitsbewußt, hm? Mit viel Vitamin B – wie in Beltway Burger?" wandte Harm ein und fragte sich insgeheim, ob sie zuvor über ihn gesprochen hatten. Dann nannte er sich einen eingebildeten Narren. Mac wollte nicht einmal MIT ihm sprechen, wieso sollte sie also ÜBER ihn sprechen?
Der Hundeschlitten mit den sieben Huskies davor war jetzt fast da. "Das ist der alte Olaf mit unseren Vorräten." erklärte Yoshiaki Nishida.
Sie sahen zu, wie der Fremde zuerst die Hunde versorgte, bevor er sich ihnen zuwandte und mit ins Haus ging.
Der Mann zog die Handschuhe aus und schlug die Fell-Kapuze seines Parka zurück. Harm sah zu seiner Überraschung, daß "der alte Olaf" keineswegs alt war, sondern höchstens in Harms Alter. Er hatte weißblondes Haar, blaue Augen, eine gebräunte Haut und war vermutlich das, was Frauen als einen gutaussehenden Mann bezeichnet hätten, mußte Harm zugeben. "Der ALTE Olaf, ja?" flüsterte er Yoshiaki spöttisch zu.
Der Japaner zuckte die Schultern. "Nicht wirklich alt, so nennt man nur die erfahrenen Schlittenhundeführer hier." erklärte er.
Olaf streckte Mac freundlich die Hand hin. "Hi, ich bin Olaf Swenson. Sie sind die Ersatzleute für die Reardons, richtig?" vermutete er.
"Ja, richtig," bestätigte Mac erstaunt, "Ich bin Sarah Roberts und das ist mein Mann Harmon."
Irgendwie beruhigte es Harm etwas, daß sie ihn als ihren Mann vorgestellt hatte.
Harm schüttelte Olaf Swenson ebenfalls die Hand. "Woher wissen Sie von uns?" wollte er wissen.
Der Skandinawier lächelte. "Hier in Alaska sind nur die Gerüchte schneller als mein Hundegespann." erklärte er.
"Und was sagen diese Gerüchte?" fragte Harm.
"Daß die Reardons vor ein paar Tagen verschwunden sind, sie sollen tot sein. Es war nur logisch, daß die Navy Ersatz für sie schickt, damit jede Nation vier Vertreter in der Station hat." meinte Olaf.
"Willst du etwas essen?" fragte Melissa Daniels den Schlittenführer, während sie eine dampfende Tasse vor ihm abstellte.
"Nein, danke, ich will weiter, sobald ich den Hunden etwas Ruhe gegönnt habe." lehnte Olaf dankend ab.
"Wohin geht es?" wollte Kenichi Akimoto wissen.
"Nach Süden, ich will mal bei Rawlins Hütte vorbeisehen." meinte der Skandinawier.
"Das ist die Richtung, in der die Bohrstelle der Reardons liegt, richtig? Wenn du zufällig vorbeikommst, könntest du mal Ausschau halten, ob du ... irgendetwas findest." bat Sergeij Pedowkin. Alle wußten, daß er von Leichen sprach.
Olaf nickte. "Mach ich." versprach er.
Mac war hellhörig geworden. "Ähm, Mister Swenson ..."
"Olaf." verbesserte der Angesprochene lächelnd.
"Olaf, Sie würden nicht zufällig einen Passagier mitnehmen?" erkundigte sich Mac, "Ich würde mir die Bohrstelle gerne einmal ansehen, vielleicht kann ich sie für meine eigene Arbeit gebrauchen."
Olaf setzte seine Tasse ab und sah sie skeptisch an, von Kopf bis Fuß. "Lady, das halte ich für keine gute Idee. Ich mache keine Spazierfahrten, das hier ist die Arktis. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Zentralheizung, die meiste Zeit über kein warmes Essen und kein bequemes Bett. Und wir werden drei Tage unterwegs sein, denn ich fahre nicht auf direktem Weg zur Bohrstelle." warnte er.
Doch diese Taktik bewirkte bei Mac genau das Gegenteil von dem, was sie sollte. Wenn Olaf sie so gut gekannt hätte wie Harm, dann hätte er das gewußt. Nun wollte sie erst recht mitfahren. "Ich will auch keine Spazierfahrt machen, Olaf! Ich möchte mir diese Bohrstelle ansehen und ich bin einige Unannehmlichkeiten gewohnt! Ich erwarte keinen Zimmerservice!" erklärte sie energisch.
Harm sah Olaf an und grinste entschuldigend. "Sie ist ein Marine." Dann wandte er sich Mac zu. "Sarah, kann ich dich bitte einen Moment sprechen? Alleine?"
Mac fixierte ihn scharf und ihre Augen funkelten, aber dann riß sie sich zusammen. "Sicher, Harm." Sie folgte ihm zu ihrem Quartier, während die anderen zurückblieben und belustigte Blicke wechselten.
"Das werden Sie nicht tun!" sagte Harm, sobald er die Türe hinter ihnen geschlossen habe.
"Natürlich werde ich es tun." widersprach Mac sofort.
"Nur über meine Leiche!" protestierte Harm.
"Versprechungen, Versprechungen," brummte Mac, "Commander, Sie wissen selbst, daß das eine einmalige Gelegenheit ist, uns den letzten bekannten Aufenthaltsort der Reardons anzusehen. Vielleicht finden wir sogar die Leichen!"
Das war nur einer der Gründe, warum sie gehen wollte. Sie hatte immer mehr das Gefühl, hier raus zu müssen oder besser gesagt: weg von Harm.
"Das ist nicht der springende Punkt, Mac. Ich spreche nicht davon, daß es nicht gut wäre, sich die Bohrstelle anzusehen, ich sage nur, daß Sie es nicht tun sollten." erklärte Harm entschlossen.
Mac starrte ihn an und kniff die Augen zusammen. "WIE BITTE?! Ich habe mich wohl gerade verhört? Oder haben Ihre Bedenken zufällig damit zu tun, daß Olaf recht gut aussieht? Dann muß ich Sie nämlich daran erinnern, daß Sie meinen Ehemann nur spielen und keinerlei Rechte an mir haben."
Harm schüttelte den Kopf. "Mac, Sie haben in letzter Zeit nicht viel geschlafen, Sie sind gereizt, Sie essen kaum ... Sie wissen so gut wie ich, daß Sie nicht in der Lage sind..."
Das waren die falschen Worte für Sarah MacKenzie. "Nicht in der Lage? Ich bin in der Lage, alles zu tun, was meine Pflicht von mir verlangt – oder wollen Sie schon wieder meine Kompetenz anzweifeln? Ich bin ein Offizier der US-Streitkräfte, ein Marine, zum Teufel, ich breche nicht bei der geringsten Anstrengung zusammen, auch wenn Sie das gerne glauben würden! Wenn ich ein Porzellanpüppchen wäre, das sich vor ein bißchen Kälte und ein paar Unannehmlichkeiten fürchtet, dann wäre ich sicher nicht zu den Marines gegangen, sondern hätte einen Typen geheiratet, der mich in eine Glasvitrine stellt, gut geschützt vor Staub und Sonne, und mich dreimal täglich abstaubt! Ich habe dieselben Rechte und Pflichten wie Sie und ich wünsche, sie auch wahrzunehmen! Also, wenn Sie nicht vorhaben, meine Integrität als Offizier zu verletzen, dann sollten Sie jetzt besser ruhig sein!"
"Spielen wir jetzt die Geschlechterkarte aus, ja?" fragte Harm kühl.
"Ich spiele überhaupt nicht! Ich beschränke mich auf Tatsachen oder muß ich Ihnen Artikel 3, Absatz 2 und 3 zitieren? ‘Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung ... und so weiter und so weiter ... benachteiligt oder bevorzugt werden‘."
"Okay, dann erinnere ich Sie an Artikel 5: ‘Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern‘. Meine Meinung ist es eben, daß Sie besser hier aufgehoben wären. Aber bitte, wenn Sie es partout nicht anders haben wollen ..." Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, daß es nichts brachte, sich mit diesem Jarhead lange herumzustreiten. Sie würde nicht nachgeben.
"Ja, das will ich." erklärte Mac entschlossen, "Im übrigen ist es viel plausibler, wenn ich gehe. Was sollte ein Psychologe auch an einer Bohrstelle zu suchen haben?"
"Sie könnten sagen, es geht Ihnen nicht so gut – und das ist nichtmal gelogen – und daß ich an Ihrer Stelle eine Probe der Bohrstelle nehmen werde." schlug Harm vor, obwohl er wußte, daß sie sich nicht darauf einlassen würde. Es gefiel ihm noch immer nicht, sie drei Tage in der Arktis zu wissen.
"Zum hunderttausendsten Mal: Es geht mir gut, kapiert?" fauchte Mac ihn verärgert an.
"Schön, prima, es geht Ihnen gut, wie immer." knurrte Harm. Jetzt wurde aus seinem Gespräch mit Mac wieder nichts. Vermutlich würde er nie erfahren, was mit ihr los war.
Mac packte ein paar Sachen zusammen und sie gingen zurück zu den anderen. Olaf erhob sich und griff nach seinen Handschuhen. Prüfend besah er sich Macs Kleidung. Sie trug eine Pelzhose, einen Parka, dicke Handschuhe, kniehohe Stiefel und eine Pelzmütze. Olaf nickte. "Okay, gehen wir."
Mac nickte den Wissenschaftlern zu und umarmte Harm kurz – nur für ihr Publikum. "Paß auf dich auf, Ninjagirl." murmelte Harm sanft. Er wollte sich nicht im Streit von ihr trennen.
"Hey, ich bin ein Marine – wir gehen in Deckung, wenn jemand auf uns schießt." erinnerte Mac, wahrhaftig einmal ohne den allgegenwärtigen Ärger in ihrer Stimme. Eigentlich hatte sie ja auch keinen Grund, verärgert zu sein – immerhin hatte sie mal wieder ihren "Holzkopf" durchgesetzt.
Harm bemühte sich, ihr nicht nachzusehen, als sie mit Olaf nach draußen trat. Langsam ging er in sein Büro zurück.
2314 Z-Zeit (13:14 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
"Okay, dann wollen wir mal, Sarah. Zuerstmal sollten Sie sich mit den Hunden vertraut machen." meinte Olaf draußen, "Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor ..." Er brach ab, als er sah, daß Mac sich zu den Hunden hinunterbeugte und einem der Huskies ruhig die Hand hinhielt. Als der Hund daran schnupperte, klopfte sie ihm liebevoll den Rücken. Die Augen des Hundes erinnerten sie ein wenig an Harms, stellte sie fest und mußte fast lachen.
Olaf grinste. "Ah, ich sehe schon, vermutlich sind Sie Hundezüchterin im Nebenberuf, richtig?"
Mac war dankbar, daß er sie mitnahm und sie fand ihn auch recht sympathisch, aber seine humorvolle Art erinnerte sie viel zu sehr an Harm und sie wünschte, er würde sich einfach nur auf ein paar sachliche Erklärungen beschränken. Sie mußte darauf achten, ihr Temperament in Zaum zu halten.
"Nein, ich habe nur einen alten zahnlosen Hund." erklärte sie.
"Dann passen Sie auf, die hier haben Zähne!" Olaf lachte, "Es ist ein gemischtes Gespann; drei sind Alaskan Malamutes – das sind die mit dem weiß-graubraunen Fell, die etwas größer sind – und vier Siberian Huskys – die mit dem weicheren, weiß-schwarzen Fell. Ich verwende ein Doppelgespann, das heißt, daß die Hunde immer zu zweit nebeneinander laufen, mit einem Führhund an der Spitze. Das ist Rusty hier," Olaf wies auf einen der Hunde.
"Wenn man zu zweit ist, läuft eine Person vor dem Schlitten und bahnt den Weg mit Schneeschuhen. Das ist schwerer und erfordert mehr Erfahrung als die Arbeit an der Lenkstange, deshalb werden Sie den Schlitten lenken. Sie halten sich an der Lenkstange fest und können ab und zu aufspringen, auf die verlängerten Kufen des Schlittens. Wenn der Weg schlechter wird, springen Sie ab oder schieben mit einem Fuß an. Achten Sie darauf, daß die Hunde in einer Spur und direkt hinter mir bleiben. Sie sind gut ausgebildet und gehorchen auf Zuruf. Sobald der Schlitten halten soll, werfen Sie diesen Fanganker aus. Wenn Sie nicht mehr können, dann sagen Sie mir das sofort, klar? Okay, dann versuchen wir es mal." Olaf klang ein wenig skeptisch und das stachelte Macs Ehrgeiz noch mehr an.
Olaf schnallte sich mit geübten Bewegungen die Schneeschuhe an und marschierte los. Mac löste den Fanghaken aus dem Schnee und packte hastig die Lenkstange mit beiden Fäusten, als die Hunde eifrig und aufgeregt bellend hinter Olaf herstürmten. Sie trabte abwechselnd hinter dem Schlitten her, um dann und wann aufzuspringen, wie Olaf es ihr erklärt hatte. Dann ging es zügig den Hügel hinauf. Mac sah nicht zurück.
0304 Z-Zeit (17:04 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nord-Alaska
Olaf führte sie mit traumwandlerischer Sicherheit durch die weiße Landschaft. Er gebrauchte kaum den Kompaß und verließ sich offenbar mehr auf seinen Instinkt und auf seine Ortskenntnisse. Manchmal drängte sich Mac fast der Eindruck auf, daß der "Alte" im ganzen Gebiet jeden Fußbreit Boden kannte.
Langsam veränderte sich das Gelände um sie herum, je weiter sie nach Süden kamen. Die Küsten-Ebene im Norden fiel langsam von der Brookskette bis zum Nordpolarmeer ab, das die meiste Zeit des Jahres vereist war. Die Landschaft wurde jetzt ständig hügeliger und manchmal sahen sie einen kleinen Berg, dessen Nordhang vereist war, während auf der Südseite einige Nadelbäume und Flechten wuchsen.
Mac hatte sich nun daran gewöhnt, den Schlitten zu lenken und obwohl es Spaß machte, war es doch ungewohnt und anstrengend. Ihre Stimme wurde langsam heiser von den ständigen Zurufen und Kommandos an die Hunde, ihre Arme und Schultern schmerzten und ihre Beine waren so steif, daß sie das Gefühl hatte, auf Stelzen zu gehen. Natürlich wäre sie aber lieber gestorben, als sich etwas davon anmerken zu lassen oder nur einen Laut der Klage von sich zu geben.
Fast schlagartig, wie immer hier im Norden, wurde es dunkel und sie waren gezwungen, ihr Lager aufzuschlagen.
"Wird es hier immer so früh dunkel?" erkundigte sich Mac und bemühte sich, jede Spur von Erschöpfung aus ihrer Stimme fern zu halten.
"Früh?" echote Olaf und schien amüsiert, "Es ist schon ... Moment ..." Er schob den Ärmel seines Parka hoch, um einen Blick auf die Uhr zu werfen.
"17 Uhr, 08 Minuten." sagte Mac, bevor er an seine Uhr gelangt war.
Olaf sah überrascht auf. "Sie fühlen die Zeit?" erkundigte er sich neugierig.
Eine solche Bezeichnung für ihr Talent hatte Mac noch nie gehört. "Fühlen? Ich weiß eben einfach, wie spät es ist oder wieviel Zeit vergangen ist, ob ich die Zeit fühle ... keine Ahnung, ob ich es so bezeichnen würde..."
"Einige der Innuit, der Eskimo, die noch draußen in der Wildnis leben, sollen diese Fähigkeit haben. Sie sagen, sie fühlen die Zeit," erklärte Olaf, "Kann sehr nützlich sein hier draußen; Sie wären sicher ein guter Musher." So nannte man, wie Olaf ihr erklärt hatte, die Hundeschlittenführer. Olaf glaubte wirklich, daß Mac ein guter Musher wäre, nicht nur wegen ihrer inneren Uhr, sondern auch wegen ihrer Ausdauer und dem Willen, nicht aufzugeben, auch wenn es hart war. Er hätte nicht gedacht, daß sie es durchhalten würde, den ganzen Tag hinter dem Schlitten zu gehen. Die Klagen und die Bitte um eine Pause, mit denen er gerechnet hatte, waren nicht gekommen.
Olaf begann, die Hunde auszuspannen und das Geschirr zu überprüfen. Er bedeutete Mac, ihm den Beutel mit dem getrockneten Lachs vom Schlitten zu bringen, was sie wortlos tat. Noch eine Eigenschaft, die ihn überrascht hatte. Diese Amerikanerin redete nicht besonders viel. Manchmal war sie sogar richtig einsilbig. Olaf fragte sich, ob sie immer so war, oder ob irgendetwas ihr Sorgen machte.
Er fütterte die Hunde und untersuchte kurz ihre Füße, entfernte die Eisstücke zwischen ihren Zehen. Dann begann er, eine kleine Fichte zu fällen und die Zweige zu zwei Stapeln aufzuschichten, die sie als Bett benutzen würden.
Mac sammelte in der Zwischenzeit das trockenste Holz zusammen und ordnete es zu einem Kreis in einer schneelosen Mulde an. Dann fragte sie Olaf nach Streichhölzern.
Der Skandinawier kam zu ihr herüber und besah sich ihr Werk. Dann nickte er anerkennend und auch ein wenig überrascht. "Die Ausbildung im Marine Corps scheint ziemlich gut zu sein." kommentierte er dann.
Mac nickte mit einem kleinen Lächeln. "Das ist sie, aber wie man ein richtiges Feuer macht, hat mir mein Onkel gezeigt – auch ein Marine, übrigens."
Sie machten Feuer und bereiteten sich eine Mahlzeit aus Bohnen, Reis, gepökeltem Schweinefleisch und etwas Dörrobst – der Reiseproviant hier im Norden wurde nach dem höchsten Sättigungswert und dem geringsten Gewicht zusammengestellt. Bevor sie aßen, warf Olaf die Proviantbeutel hinauf in die Bäume, damit die Hunde nicht daran kommen konnten, und spannte eine Ölhaut hinter dem Feuer auf, die die Wärme reflektierte.
Mac hatte keinen sonderlichen Appetit, zwang sich aber zu essen. Olaf sollte nicht denken, sie sei sich zu gut für diese einfache Mahlzeit.
"Morgen erreichen wir den Hootalinqa-Fluß. Von da an ist schlechte Bahn bis hinunter zum Chilcott. Entlang des Flusses gibt es warme Quellen und Lufteis, so daß man einbrechen kann. Wenn das passiert, muß man sofort Feuer machen und sich trockenes Schuhwerk anziehen, sonst holt man sich schlimme Erfrierungen und verliert unter Umständen die Füße." erzählte Olaf als sie schließlich mit einer Tasse Kaffee am Feuer saßen.
"Das klingt ja vielversprechend," murmelte Mac trocken, "das reinste Ferienparadies für Marines."
Olaf lachte und fragte sich, ob sie morgen auch noch so denken würde. Er sah nochmal nach den Hunden, schürte das Feuer etwas und kroch dann in den Schlafsack. "Gute Nacht." wünschte er und schien auch schon eingeschlafen zu sein.
Mac rollte sich ebenfalls auf ihrem Lager zusammen, aber sie konnte nicht sofort einschlafen, obwohl sie wirklich müde war. Sie fror trotz des Feuers und ihre Muskeln schmerzten jetzt, wo sie sich entspannte, mit doppelter Intensität.
Sie beobachtete, wie die Hunde sich um das flackernde Feuer drängten. Außer dem Knacken des verbrennenden Holzes und Olafs ruhigem Atmen war kaum ein Laut zu hören, denn der Schnee dämpfte alle Geräusche. Macs Blick wanderte über die Schlafplätze aus Fichtenzweigen, über die aufgespannte Ölhaut, den Kochtopf auf einer langen Stange über dem Feuer, zu den aufgestellten Schneeschuhen. Rings um das Ganze lag die Dunkelheit wie eine Mauer.
0926 Z-Zeit (23:26 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm konnte nicht schlafen. Und das, obwohl jetzt keine Mac mehr da war, die zu nachtschlafender Zeit durch ihr Schlafzimmer geisterte. Oder vielleicht gerade, weil Mac nicht da war, er wußte es nicht.
Wenn er ehrlich war, machte er sich Sorgen um sie. Nicht, daß er geglaubt hätte, sie sei den Strapazen nicht gewachsen. Er wußte, daß sie ein Marine war und durch den Drill gegangen war. Er war oft genug mit ihr joggen gewesen, um zu wissen, wie ausdauernd und kräftig sie war.
Aber er wußte auch, daß mit Mac etwas nicht stimmte. Sie war krank oder doch zumindest müde und ihre Nerven lagen blank.
Als Marine scheute sie sich natürlich nicht, zuzuschlagen, wenn es erforderlich wurde, aber sie lehnte Gewalt als Kommunikationsmittel seit ihren Kindheitserlebnissen ab – daß sie sich hatte hinreißen lassen, ihn zu schlagen und ihm ein anderes Mal fast den Arm auszurenken zeugte davon, wie es in Wirklichkeit um sie stand.
Er wußte, daß er nicht viel für sie tun konnte. Die Hilflosigkeit, die er in den letzten Tagen empfunden hatte, bestätigte das. Aber er wollte es zumindest versuchen, er wollte für sie dasein, so wie sie für ihn dagewesen war, in Rußland oder als man ihn des Mordes anklagte und bei tausend anderen Gelegenheiten. Er wollte sie beschützen, vor allem vor ihr selbst. Oops! Da war er wieder, sein "verdammter Beschützerinstinkt".
Harm wünschte, sie wäre hier und nicht draußen in der kalten Nacht. Im Moment hätte er sogar ein Streitgespräch mit ihr begrüßt. Und zum hunderttausendundeinten Mal sagte er sich, daß sie mal reden mußten.
Beim hunderttausendzweiten Mal stand er auf und zog sich an. Vielleicht half es, wenn er eine Weile im Gebäude umherging. Er fragte sich, was Mac tat, wenn sie nicht schlafen konnte. Ein erfolgreiches Mittel schien jedoch auch sie nicht zu besitzen, das war klar.
Er ging in die Küche und nahm sich ein Glas Mineralwasser aus dem Kühlschrank.
"Einsam ohne Ihre Frau?" fragte eine Stimme hinter ihm.
Harm zuckte zusammen und drehte sich um. Nikolai bückte sich unter dem Türrahmen durch und nahm sich ebenfalls ein Glas Wasser.
"Und Sie?" fragte Harm statt einer Antwort.
"Immer noch dasselbe," seufzte Nikolai, "Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Ich meine, Sie sahen nicht so glücklich darüber aus, daß Ihre Frau mit Olaf gefahren ist. Und Sarah sieht ein wenig ... mitgenommen aus. Entschuldigung, wenn ich das sage."
"Schon okay." versicherte Harm. Er hatte sich also nicht getäuscht, wenn schon Leute, die Mac kaum kannten, bemerkten, daß irgendetwas nicht in Ordnung war ...
"Sie ißt nicht so richtig, hm?" fragte Nikolai behutsam, "ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten und es geht mich auch überhaupt nichts an, aber ..."
"Schon gut, sagen Sie’s nur." ermutigte ihn Harm.
"Na ja, ich habe vier Schwangerschaften meiner Schwestern hinter mir. Sind Sie sicher, daß Ihre Frau nicht schwanger ist?"
Fast hätte Harm gelacht. "Vollkommen sicher." erklärte er mit einem amüsierten Grinsen. Dann blieb ihm das Lachen beinahe im Hals stecken. "Ach ja? Bist du dir da wirklich so vollkommen sicher, Harmon Rabb junior?" hielt er sich selbst vor. Er dachte daran, wie gut Mac mit A.J., ihrem Patensohn, umgehen konnte, und wie sehr sie sich ein Kind wünschte. Und er dachte an Brumby. Gab es eine bessere Methode, eine Frau an sich zu binden, als ein Kind?
Nikolai Tschechow bemerkte Harms plötzlichen Stimmungswechsel. "Etwas nicht in Ordnung zwischen Ihnen beiden?" fragte er sanft.
"Hm, nur ein paar Differenzen. Es ist nicht so leicht, wenn man zusammen arbeitet ..." meinte Harm vage.
"Sie sollten nicht zulassen, daß die Arbeit oder irgendetwas anderes sich zwischen Sie drängt." riet der Meeresbiologe. "Ihre Frau ist doch Geologin."
"Ähm, was?" Was hatte Macs – angeblicher – Beruf mit den Meinungsdifferenzen zwischen ihnen zu tun? Hatte der Russe da etwas falsch verstanden?
"Es ist wie die Plattentektonik, Harmon. Sie driften immer weiter auseinander, die Kluft wird immer größer, wenn Sie nichts tun."
Harm kniff die Augen zusammen. Übertrieb Nikolai da nicht ein wenig? Aber andererseits war die Kluft zwischen ihm und Mac schon jetzt quasi unüberbrückbar.
"Hey, ich bin hier der Psychologe," erinnerte Harm, "aber mal ganz abgesehen davon, was schlagen Sie vor? Soll ich die Plattendrift mit bloßen Händen aufhalten?" fragte er ironisch.
"Das ist der Punkt, an dem unsere geologische Analogie endet," erklärte Nikolai, "Menschen sind zum Glück weniger unbeweglich."
"Einige schon." dachte Harm. Der Russe kannte seinen dickköpfigen Jarhead nicht.
2020 Z-Zeit (10:20 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nord-Alaska
Mac fror erbärmlich. Sie waren bereits seit zwei Stunden unterwegs und sie war jetzt schon wieder müde. Sie fragte sich, wie sie diesen Tag bloß überstehen sollte. Sie hatte wieder kaum geschlafen.
Sie folgten dem Hootalinqa, dem sogenannten 30-Meilen-Fluß, dessen Wasser so schnell floß, daß der Fluß nicht gefror und so keine Bahn abgab. Sie wurden so gezwungen, hart am Ufer entlang zu fahren. Olaf ging irgendwo vor ihr, ohne Schneeschuhe, aber dafür mit einer langen Stange, die er wie ein Seiltänzer quer in den Händen hielt.
Plötzlich sah sie, wie er durch das trügerische Lufteis einbrach und bis zu den Knien im eiskalten Wasser stand. Olaf schien es schon oft erlebt zu haben, denn er blieb ganz ruhig und verschwendete keine Zeit damit, zu fluchen. "Suchen Sie Holz und machen Sie Feuer!" rief er zu Mac hinüber, während er langsam mit Hilfe der Stange auf festen Boden zurücktastete und begann, auf und ab zu laufen.
Als nach wenigen Minuten das Feuer brannte, kam er zu Mac hinüber, setzte sich auf eine Decke und schnitt mit seinem Messer die erstarrten Schuhe und Socken auf. Dann rieb er sich die Füße rücksichtslos mit Schnee, bis sie wieder durchblutete waren und bat Mac, ihm neue Socken und seine Ersatzstiefel aus dem Schlitten zu holen.
Eine halbe Stunde später fuhren sie weiter. Olaf brach an diesem Tag noch einmal durch das Eis und gegen Abend brachen plötzlich die Hunde ein. Sie hätten fast den Schlitten hinterhergezogen, doch Mac packte instinktiv die Lenkstange und es gelang ihr zusammen mit dem eilig hinzuspringenden Olaf, den Schlitten zu befreien. Wieder mußten sie Feuer machen, diesmal für die Hunde.
"Immer noch ein Ferienparadies, Sarah?" fragte Olaf, als sie den Hootalinqa hinter sich ließen und den Weg zur Bohrstelle der Reardons einschlugen.
"Vielleicht nächstes Mal doch lieber etwas mit Palmen." meinte Mac.
0315 Z-Zeit (17:15 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm kochte. Nicht vor Wut diesmal, sondern in der Küche. Pasta Putanesca und Salat.
Diesmal gab es keine Diskussion über das Dessert und auch nicht über den gesundheitspsychologischen Wert von Beltway Burgern. Er konnte die Zwiebeln schneiden, ohne daß jemand versuchte, ihm das Messer aus der Hand zu nehmen. Das Essen war viel zu früh fertig. Harm schob es auf die Warmhalte-Platte und setzte sich, um auf die anderen zu warten.
Er hoffte, daß Olaf ein Auge darauf hatte, daß Mac genügend aß.
0148 Z-Zeit (15:48 Uhr Alaskan Time)
Irgendwo in Nord-Alaska
Jeder einzelne von Macs Muskeln und Knochen schmerzte und sie packte mit einem Zähneknirschen die Lenkstange fester.
Gestern nacht war die Temperatur plötzlich angestiegen, es war wärmer als –10° C gewesen – wie Olaf sagte ein sicheres Anzeichen dafür, daß es bald schneien würde. Tatsächlich waren am Morgen fast 50 Zentimeter Neuschnee gefallen.
Das Wegebahnen wurde schwieriger und der Schlitten kam nur noch langsam voran. Die Temperatur war wieder gefallen und als sie mittags gerastet hatten, froren ihnen die Schlittenkufen fest und sie brauchten eine halbe Stunde, bevor sie sie wieder losbekommen hatten.
Mac schob den Schlitten erneut über eine Schneewehe, bevor sie wieder aufsprang. Sie ignorierte ihre Erschöpfung und dachte stattdessen nur daran, was sie gestern abend an der Bohrstelle der Reardons gefunden hatten. Endlich ein konkreter Hinweis! Sie war schon gespannt, was Harm dazu ...
Mac hatte für eine Sekunde nicht aufgepaßt und stolperte über eine Bodenwelle. Sie wollte die Lenkstange packen, verfehlte sie aber und schlug der Länge nach hin. Sie erhob sich jedoch sofort wieder und sah erleichtert, daß es Olaf gelungen war, den Schlitten zu stoppen und den Fanghaken in den Schnee zu bohren.
Olaf lief zu ihr hinüber. "Hey, alles klar?" fragte er etwas atemlos.
"Ja, alles okay." antwortete Mac grimmig.
Olaf atmete auf, aber dann sah er, daß Blut über ihre Fingerspitzen lief und in den Schnee tropfte. "Zeigen Sie mal her." forderte er sie alarmiert auf.
Mac zog die Hand zurück. "Nicht nötig, es ist nur ein ..."
"Ein Kratzer? Sarah, wenn Sie halb so erfahren wie tapfer wären, dann wüßten Sie, daß dieser Kratzer Sie hier in der Arktis die Hand kosten kann, wenn er sich entzündet." warnte Olaf Swenson.
Da gab Mac dann doch nach und schob den Ärmel ihres Parkas hoch. Ein schmaler, aber tiefer Schnitt zog sich über ihren Unterarm. Sie mußte auf ein scharfes Stück Eis gefallen sein. Blut quoll noch immer aus der Wunde und lief Macs Finger entlang.
Olaf holte Verbandszeug und verband die Wunde. "Ich hoffe, es muß nicht genäht werden – ich bin nicht sehr geschickt mit Nadel und Faden." meinte der Skandinawier mit einem ermutigenden Lächeln.
Mac verzog nur das Gesicht. Sie war wirklich nicht in der Stimmung für Scherze, jetzt noch weniger als zuvor. Niemals hätte sie zugegeben, daß die Wunde ziemlich schmerzte. Sie riß sich zusammen, zog die Handschuhe wieder über und griff nach der Lenkstange.
"Sollen wir nicht lieber eine Pause einlegen?" erkundigte sich Olaf mit einem halb erstaunten, halb besorgten Blick.
"Nein!" entschied Mac energisch, "Wenn Sie mir das richtig gesagt haben, dann müßten wir die Station in 3 Stunden und 42 Minuten erreichen, bis dahin werde ich schon durchhalten."
"Okay, aber wenn Sie es sich anders überlegen, dann zögern Sie nicht, nach einer Pause zu verlangen. Ich möchte nicht Ihrem Mann erklären müssen, wieso ich Sie in Einzelteilen zurück –gebracht habe." Olaf sagte es nur halb im Scherz, denn er hatte bemerkt, daß Harm nicht sehr erfreut darüber gewesen war, daß Mac ihn begleiten wollte. "Obwohl ich ihm das kaum verdenken kann. Wenn ich mit einer Frau verheiratet wäre, die so aussieht, dann würde ich sie auch nicht außer Reichweite lassen ..." dachte der Skandinawier grinsend.
"Weder Sie noch ich sind ihm irgendeine Rechenschaft schuldig, klar? Wenn ich in ’Einzelteilen‘ ankomme – was übrigens nicht passieren wird – dann ist das allein meine Sache!" erklärte Mac temperamentvoll.
Olaf nickte und dachte sich seinen Teil. Er hatte schon hungrige Eisbären gesehen, die weniger gereizt aussahen und ein Musher lernte als erstes, sich niemals unnötigen Gefahren auszusetzen. Also hielt er den Mund und ging wieder los.
Mac umklammerte mit klammen Fingern die Lenkstange und knirschte mit den Zähnen, als der Ruck des anfahrenden Schlittens durch ihre schmerzenden Muskeln ging. "Drei Stunden und 42 Minuten." murmelte sie beschwörend vor sich hin. Momentan waren es genau 3 Stunden und 42 Minuten zuviel für sie.
0621 Z-Zeit (20:21 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Es war schon seit Stunden dunkel. Die Forscher hatten bereits zu Abend gegessen – diesmal Japanisch. Die Wissenschaftler hatten Harms Geschicklichkeit im Umgang mit den Eß-Stäbchen gelobt und er hatte lässig grinsend erwidert, er könne mit allem umgehen, was dem Steuerknüppel einer T ... einer Stearman ähnelte.
Harm hatte in den letzten Tagen seine psychologischen Gespräche fortgesetzt, aber außer den Eheproblemen der Daniels und Nikolais unerwiderter Liebe zu seiner Partnerin gab es nichts, was man hätte therapieren müssen. Nichts - außer dem Therapeuten selbst. Jedenfalls, was die letzten Stunden anging. Olaf und Mac waren schon seit Stunden überfällig und Harms Sorge stieg mit jeder Minute. Auch Nikolais gutgemeinter Hinweis, es hätte in der Nacht Neuschnee gegeben, der das Vorwärtskommen behinderte, verminderte seine Unruhe nicht etwa, sondern schien sie eher noch zu vergrößern. Sein "verdammter Beschützerinstinkt" meldete sich mit zunehmender Intensität. Im Geiste malte er sich tausende von Dingen aus, die Mac und ihrem Begleiter in der Wildnis zugestoßen sein konnten. Vielleicht war Mac krank geworden und konnte nicht mehr weiter oder Olaf war etwas zugestoßen und sie fand allein nicht mehr zurück oder der Mörder der Reardons war noch irgendwo dort draußen ...
Harm riß sich zusammen. Es war doch sonst nicht seine Art, derart paranoid zu sein! Aber eines war sicher: Wenn sie nicht bald von Mac und Olaf hörten, würde er sich einfach einen der Motorschlitten nehmen und ...
Harm sah auf, als Yoshiaki Nishida hereinkam. "Hallo, Ronin." grüßte Yoshiaki. Diese Bezeichnung für einen herrenlosen Samuarai hatte Harm sich in den letzten beiden Tagen des öfteren anhören müssen. "Sieht so aus, als wären Ihre Tage als Strohwitwer gezählt, da draußen kommt Olafs Schlitten." berichtete der Japaner lächelnd.
Harm setzte sich sofort in Bewegung.
Innerhalb einer Minute waren die Wissenschaftler von überall her aus dem Gebäude gekommen und trafen sich vor dem Hauptgebäude, wo Olaf gerade die Hunde ausspannte.
Harm sah Mac sofort, als er aus dem Haus trat. Sie kniete im Schnee und half Olaf, die Pfoten der Hunde zu untersuchen. Man sah, daß sie es auf dieser Fahrt schon öfter gemacht hatte, sie wußte, worauf es dabei ankam. Der weiße Kranz der Fellkapuze umrahmte ihr Gesicht mit den Augen, die so dunkel und geheimnisvoll wie die arktische Nacht waren. Einen Moment lang kam sie Harm beinahe fremd vor.
Der Schatten der Kapuze verbarg den Ausdruck ihrer Augen und ihres Gesichts, aber Harm benötigte diese Hinweise nicht, um zu wissen, wie es um sie stand. Es war gar nicht nötig, ihr Gesicht zu sehen. Er kannte sie. Allein die kerzengerade Linie, die ihr Rücken bildete, sagte ihm genug. Die anderen mochten Macs aufrechte Haltung für ein Zeichen von Kraft und Wachheit halten, aber Harm wußte, daß es das genaue Gegenteil anzeigte. Wenn überhaupt, so war es nur ein Zeichen ihrer Dickköpfigkeit.
Obwohl die anderen sich vielleicht darüber wunderten, daß er seine Frau nicht sofort in den Arm schloß, verharrte Harm in seiner Position neben der Türe. Nur sein Blick war unentwegt auf Mac gerichtet, um ihr Befinden und ihre Stimmung abzuschätzen. Er wußte, daß Mac es nicht anders würde haben wollen. Obwohl es eine Zeit gegeben hatte, als Mac nicht gezögert hatte, ihn vor allen Leuten zu umarmen. Harm dachte an den Tag, als sie JAG verlassen hatte, um in Daltons Firma zu arbeiten, er erinnerte sich an ihren Abschied, bevor er in den Flugdienst zurückgekehrt war, an die Siegesumarmung, als man ihn des Mordes freisprach und an den Iran. Jetzt jedoch war alles anders. Harm wünschte, er wüßte, was genau ALLES überhaupt war.
Mac nahm ihren Schlafsack vom Schlitten und drehte sich um. Ihr Blick begegnete Harms und für einige Sekunden kommunizierten sie stumm miteinander, ohne daß ein anderer erfassen konnte, worum es in diesem unhörbaren Gespräch ging.
"Alles in Ordnung?" fragte Harms besorgter Blick.
"Ich bin okay," signalisierte Macs Blick ein wenig trotzig, "ich muß mit Ihnen sprechen."
Harm wußte sofort, daß es etwas Neues in ihrem Fall gab. "Okay." antworteten seine Augen.
"Hi, Sarah." sagte er laut, als sie neben ihm stand und umarmte sie kurz – nur für ihre Zuschauer, denn sie hatten schon zuvor ihre eigene kleine Privatbegrüßung gehabt, ohne daß jemand es bemerkt hatte.
Alle gingen nach innen und Olaf nahm Marianka Pedowkins Angebot an, ihm die Reste des Abendessens aufzuwärmen. Mac jedoch schüttelte den Kopf. "Ich glaube, ich gehe ins Bett." erklärte sie. Sie wirkte müde. Zuvor hatte das Adrenalin sie auf den Beinen gehalten, jetzt wollte sie nur noch einige Aspirin und ein Bett.
Harm sah ihr besorgt nach. "Ist sie wirklich okay?" fragte er Olaf.
"Sie behauptet es jedenfalls. Sie hat sich verdammt wacker gehalten, das muß ich zugeben. Und dickköpfig ist sie wie ein Rudel ausgewachsener Wölfe! Sie hätten mich warnen sollen." meinte der Hundeschlittenführer.
"Hey, das hab ich doch!" verteidigte sich Harm, "Ich hab Ihnen gesagt, daß Sie ein Marine ist, oder nicht?" Er erlaubte sich ein stolzes Grinsen – Mac konnte es ja nicht sehen. "Aber jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich glaube, ich sollte mal nach meiner dickköpfigen Frau sehen."
0638 Z-Zeit (20:38 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm betrat leise ihr Quartier. "Mac?"
Keine Antwort.
Im Badezimmer brannte Licht und die Türe stand offen. Zögernd trat Harm näher.
Mac stand vor dem Waschbecken, in T-Shirt, aber noch in der fellbesetzten Leder-Hose und ...
Harm stoppte abrupt und starrte sie an. Sie hielt eine Flasche in der Hand, deren Inhalt unmißverständlich war. Alkohol. Starker Alkohol.
Mac drehte sich um, als hätte sie seine Anwesenheit oder seinen bohrenden Blick in ihrem Rücken gespürt. Ihre Augen folgten automatisch seinem Blick zu dem Gegenstand in ihren Händen.
"Mac?" Harm sah sie unsicher an. Er wollte einfach nicht glauben, was er da sah. War das der Grund für ihre Appetitlosigkeit, den Schlafmangel und ihre ständige Gereiztheit? Hatte sie wieder zu trinken begonnen? Und er, ihr Freund, hatte es nicht verhindert, hatte es nichteinmal bemerkt!
"Was soll dieser Blick, Harm?" fragte Mac, gefangen zwischen Irritation und Ärger. Sie verstand die Sorge und die Schuld in seinen Augen nicht. Dann sah sie erneut zu der Flasche und langsam dämmerte es ihr. "Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich ...? Oh, danke für Ihr Vertrauen in mich, Commander!" fauchte sie dann, nun eindeutig wütend.
Diesmal war Harm froh über ihre Wut. Sie hatte also keinen Rückfall erlitten? "Mac, was hätten Sie gedacht, wenn Sie mich in einer solchen Situation mit einer Flasche Alkohol im Badezimmer vorgefunden hätten?"
"Sicher nicht, daß Sie heimlich trinken!" knurrte Mac.
"Ja, aber der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß ich nicht heimlich trinken muß." erinnerte Harm sanft, aber offen und ehrlich. Es würde nichts nutzen, wenn er um den heißen Brei herumredete. Eine wahre Freundschaft mußte ein wenig Offenheit vertragen können. Harm hoffte, daß das, was ihn mit Mac verband, noch immer eine wahre Freundschaft war.
"Der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß Sie keine zerschundenen Hände haben!" gab Mac ungehalten zurück, "Ich habe den Alkohol lediglich benutzt, um sie wieder beweglich zu machen."
Harm glaubte ihr sofort. "Schon gut, Mac, ich wollte nicht andeuten ..."
"Oh, nein, Commander, angedeutet haben Sie nichts – Sie waren vernichtend direkt mit Ihren Verdächtigungen!" fauchte Mac.
Harm stöhnte innerlich. Ihre Laune hatte sich in den letzten Tagen nicht verbessert, soviel war sicher. Er beschloß wie schon zuvor, wenn möglich einfach über ihre miese Stimmung hinwegzusehen. "Und?" fragte er nach einer Weile, "Wie ist es Ihnen ergangen?"
"Wir waren bei der Bohrstelle der Reardons und ..."
"Mac! Ich will zuerstmal wissen, wie es Ihnen geht!" unterbrach Harm. Offensichtlich hatte sie seine Frage falsch verstanden.
"Mir geht’s gut," behauptete Mac nach wie vor, "Also, wir waren ..."
"MAC!" rief Harm warnend, "Sie sehen aber nicht gut aus, also raus mit der Wahrheit!"
"Entweder Sie lassen mich jetzt endlich aussprechen oder Sie werden die Wahrheit über die Reardons nie erfahren!"drohte Mac aufgebracht.
Harm gab nach. Langsam war er geübt darin. "Okay, Sie können mir alles erzählen – nachdem Sie geduscht haben und im Bett liegen." Er ging hinaus, bevor Mac widersprechen konnte.
Eine halbe Stunde später kam Mac im Pyjama aus dem Badezimmer und zu Harms Erstaunen steuerte sie wirklich ohne weitere Proteste das Bett an und schlüpfte unter die Decken. Sie mußte wirklich erschöpft sein!
"Sie werden nicht erraten, was wir gefunden haben!" begann sie und das professionell-enthusiastische Leuchten in ihren Augen verdrängte die Müdigkeit.
"Wie ein Spürhund, der die Beute wittert." dachte Harm amüsiert. "Ich hab auch nicht vor zu raten, Sherlock, Sie werden es mir sicher gleich erzählen." Was hatten sie an der Bohrstelle gefunden? Leichen? Die Tatwaffe?
"Was wir gefunden haben, ist eigentlich gar nicht so interessant." erklärte Mac weiter.
"Ach ja? Darum also dieser Enthusiasmus?" spottete Harm lächelnd.
"Interessant ist vielmehr, was wir nicht gefunden haben," fuhr Mac fort und ignorierte einfach, was Harm gesagt hatte. "Vorräte."
"Was?" Harm konnte ihrem Gedankengang nicht so schnell folgen.
"Wir haben keine Vorräte gefunden," wiederholte Mac in einem Tonfall, als spräche sie zu einem Kind, das nicht begreifen wollte, daß eins und eins zwei ergab, "Die Reardons wurden nicht ermordet."
Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Jetzt nehmen Sie mich aber auf den Arm, Mac!" Skeptisch sah er sie an.
"Wenn ich das könnte, wäre ich Gewichtheber beim Zirkus," entgegnete Mac trocken, "Harm, es ist doch offensichtlich. Die Reardons hatten Vorräte für zwei Tage dabei und nun sind diese Vorräte spurlos verschwunden – genau wie die Reardons selbst."
"Kommen Sie mir jetzt bitte nicht mit einer der berüchtigen Bud-Roberts-Theorien, bitte. Ich glaube kaum, daß Aliens die Reardons entführt hätten, weil sie so scharf auf Büchsenfleisch waren. Der Mörder könnte die Vorräte mitgenommen haben." wandte Harm ein.
"Aus welchem Grund? Wenn er die Vorräte gebraucht hätte, dann hätte er doch sicher auch ihren Gaskocher mitgenommen, oder nicht? Ganz abgesehen davon, daß es ziemlich schwierig sein dürfte, die Vorräte und die beiden Leichen wegzuschaffen." argumentierte Mac und stützte sich auf einem Ellenbogen auf.
"Vielleicht war der Mörder deswegen gezwungen, das Zelt, den Gaskocher und die Parkas der Reardons dazulassen." meinte Harm.
"Vielleicht wollte er damit aber auch nur alle glauben machen, die Reardons wäre tot – niemand kann da draußen lange ohne warme Kleidung überleben." Mac wußte jetzt, von was sie sprach.
"Was genau ist es also, was Sie mir da erzählen wollen?" hakte Harm nach. Er beobachtete mit einem Anflug von Sorge wie Mac die Knie anzog und die Decke enger um sich zog, als friere sie.
"Wir suchen hier nach einem Mörder, den es gar nicht gibt," erklärte Mac überzeugt, "Die Reardons sind nicht tot, sondern haben nur Spuren zurückgelassen, die das alle glauben lassen sollten. Dann haben sie ihre Vorräte genommen und halten sich nun an irgendeinem Ort auf, wo sie weder den Gaskocher, noch ihre Parkas brauchen. Vielleicht hat man ihnen auch Ersatzkleidung gebracht."
Harm sah sie zweifelnd an. "Man?"
"Ich glaube nicht, daß sie ihr Verschwinden alleine geplant haben. Überlegen Sie mal, Harm: Die Reardons hatten Vorräte für zwei Tage dabei, aber inzwischen ist es schon über eine Woche her, seit sie verschwunden sind. Jemand muß sie also mit Vorräten versorgen." erläuterte Mac.
"Angenommen Ihre Theorie stimmt ... Das würde bedeuten, daß jemand von der Station den Reardons geholfen hat, unterzutauchen. Wobei mir immer noch nicht klar ist, welchen Grund die Reardons gehabt haben könnten, zu verschwinden und warum jemand Interesse daran haben könnte, ihnen dabei zu helfen. Ich meine, die beiden standen kurz vor einer großartigen Entdeckung für die Navy und hätten dafür sicher eine Auszeichnung erhalten. Wieso sollten sie also ..." Harm brach ab und dachte nach. "Moment, ich bin gleich wieder da ..."
Ohne auf Macs Proteste zu achten, verließ Harm einfach ihr Quartier. Als er 10 Minuten später zurückkam und leise eintrat, bemerkte er, daß Mac sich regelrecht auf dem Bett zusammenkauerte. Er setzte sich auf die Bettkante und sah sie besorgt an.
Mac straffte sich sofort, als sie bemerkte, daß er zurück war.
"Nur keine Schwäche zeigen, hm?" dachte Harm zugleich innerlich lächelnd, weil es so typisch für Mac war, aber gleichzeitig auch besorgt und ein wenig traurig darüber, daß sie es für nötig hielt, vor ihm den "starken Marine" zu spielen. "Mac?" Er hielt ihr einladend eine Tasse heißen Tee hin und widerstand tapfer der Versuchung, ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen. Sie sah so unglaublich müde aus!
Mac nahm die Tasse wortlos entgegen und nickte ihm ein kurzes "Danke" zu. Sie trank wie eine Verdurstende, obwohl der Tee noch viel zu heiß war. "Wo waren Sie? Ich meine, Sie sind doch nicht so plötzlich losgegangen, nur um mir eine Tasse Tee zu holen, oder?" wollte sie wissen.
"Nein, aber es gab mir eine gute Entschuldigung, was ich in der Küche zu tun hatte. Während das Teewasser kochte, habe ich das hier aus dem Mülleimer gefischt." erklärte Harm und hielt ihr einen Fetzen Packpapier hin.
Mac erkannte es fast sofort. "Das ist das Paket, in dem die Briefe der Wissenschaftler waren, ja und?"
"Sehen Sie sich das Ausgabedatum an – 19. Oktober." sagte Harm. Der 19. Oktober war der Tag gewesen, an dem Harm und Mac hier in Alaska angekommen waren, vor mittlerweile vier Tagen. "Die Akimotos haben die Post aus Barrow mitgebracht, erinnern Sie sich?" fuhr Harm fort.
Mac nickte und rappelte sich in eine halb sitzende Position auf. "Und?"
"Die Akimotos sind erst am 21. Oktober hier angekommen. Von Barrow aus braucht man mit dem Motorschlitten aber nichtmal einen Tag bis zur Station." erklärte Harm bedeutsam. Langsam begann er ein Muster hinter der ganzen Sache zu sehen.
"Vielleicht haben Sie noch einen Zwischenstop an einer ihrer Erz-Ausgrabungsstellen eingelegt, nachdem sie die Post abgeholt hatten." wandte Mac ein. Jetzt hatten sie die Rollen gewechselt und Harm präsentierte seine Theorie, während Mac sie auf Schwachstellen abklopfte – sie fielen ganz automatisch in diese produktive Art der Zusammenarbeit zurück.
Harm schüttelte den Kopf. "Ich hab mir auf der Karte angesehen, wo ihre Untersuchungsgelände liegen. Es wäre ein gewaltiger Umweg gewesen. Nein, sie waren an ihren Ausgrabungsstellen, bevor sie nach Barrow gefahren sind. Schließlich sind Sie schon kurz nach dem Verschwinden der Reardons aufgebrochen und hatten genügend Zeit."
"Wo waren sie also am 20. Oktober, das ist die Frage." überlegte Mac.
Sie wechselten einen Blick und sagten gleichzeitig: "Bei den Reardons."
"Wo immer die auch sind," fügte Harm nachdenklich hinzu, "Okay, lassen Sie mich das nochmal wiederholen, um sicher zu sein, daß uns nichts entgeht. Also, die Reardons beschließen – aus welchem Grund auch immer – unterzutauchen und überzeugen die Akimotos, ihnen dabei zu helfen. Die Akimotos brechen erst kurz darauf auf, um keinen Verdacht zu erregen. Sie treffen sich an irgendeiner verabredeten Stelle mit den Reardons, lassen deren Ausrüstung und den Motorschlitten zurück und bringen die Reardons irgendwohin, wo sie erstmal abwarten können, bis sich die Aufregung gelegt hat und niemand mehr nach ihnen sucht. Dann überprüfen sie ihre eigenen Bohrstellen und fahren nach Barrow, um die Post zu holen. Bevor sie zur Station zurückkehren, bringen Sie den Reardons Proviant."
"Soweit eine schöne Theorie, aber wie beweisen wir sie?" gab Mac zu bedenken.
"Nichts einfacher als das," meinte Harm grinsend, "wir warten einfach ab, bis die Akimotos wieder aufbrechen, um den Reardons Vorräte zu bringen – und lassen uns dann direkt zu ihnen führen. Aber zuerst schlafen Sie sich mal richtig aus."
1211 Z-Zeit (02:11 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erwachte plötzlich. Ein Blick auf den Radiowecker auf seinem Nachttisch sagte ihm, daß es noch mitten in der Nacht war. Er versuchte sich zu erinnern, was ihn geweckt hatte, und lauschte nach Macs Atemzügen neben ihm. Stattdessen hörte er plötzlich ein seltsames Geräusch aus dem Badezimmer. Er knipste das Licht an.
Mac kam aus dem Badezimmer. Barfuß und ein wenig wankend tapste sie zum Bett zurück.
"Hey, warum sind Sie wach?" fragte sie und ihre Stimme hörte sich rauh an.
"Ich bin aufgewacht und Sie waren nicht da. Ich schätze, ich habe mich an Ihre kalten Füße gewöhnt." erklärte Harm grinsend, ohne jedoch seinen besorgten Blick von ihr abzuwenden.
Mac öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Harm sah den Einwand kommen und hob schnell die Hand, "Oh doch, jede Nacht seit wir hier sind!" Jedenfalls in jeder Nacht, in der Mac überhaupt geschlafen hatte.
Mac schnitt eine Grimasse, sagte aber nichts mehr, sondern schlüpfte wieder unter die Decken. "Machen Sie das Licht aus!" befahl sie.
Harm warf ihr einen letzten, besorgten Blick zu und tat dann, wie geheißen. Morgen würde er wirklich mal in aller Ruhe mit Mac reden, nahm er sich vor.
1519 Z-Zeit (05:19 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erwachte. Schon wieder. Und schon wieder keine kalten Füße, die sich Wärme suchend gegen seine preßten. Stattdessen Geräusche aus dem Badezimmer. Schon wieder. Harm erhob sich und ging zum Badezimmer hinüber. "Mac?" rief er fragend.
Keine Antwort, nur ein würgendes Geräusch von innen.
"Mac, alles in Ordnung?"
Wieder keine Antwort. Nur das Würgen hielt an.
"Du bist ein Idiot, Rabb, hört sich das vielleicht so an, als ob alles in Ordnung wäre?" rügte Harm sich selbst. "Mac?" rief er erneut und öffnete vorsichtig die Türe.
Mac stemmte sich mühsam von der Toilettenschüssel hoch, über der sie seit einer halben Stunde gehangen hatte. "Alles okay, ich komm wieder ins Bett." murmelte sie und klang so schwach, daß Harm ihr nicht einmal geglaubt hätte, wenn er sie nicht so gut gekannt hätte. Sie war so bleich, daß es ihn wirklich erschreckte.
Sie machte zwei wackelige Schritte in Richtung Badezimmertür, dann gaben scheinbar die Knie unter ihr nach und sie hielt sich haltsuchend am Waschbecken fest, um nicht zu fallen.
Harm war mit einem Schritt bei ihr und hob sie hoch, ohne auf ihre Proteste zu achten. Mac zappelte und wehrte sich gegen seinen behutsamen, aber entschlossenen Griff. "Lassen Sie mich sofort runter, ich bin kein kleines Kind! Ich schaffe das alleine!" fauchte sie ihn an.
"Oh, ja sicher, Sie werden gleich alleine am Boden landen, wenn ich Sie auch nur für eine Sekunde loslasse. Hören Sie auf mit diesem Semper Fi-Theater, Mac! Sie mögen ja ein Marine sein, aber Sie sind nicht Super-woman! Niemand wird Ihnen vorwerfen, schwach zu sein, wenn sie ab und zu mal Hilfe brauchen."
Mac gab ihre unnützen Proteste auf und ließ sich von Harm zum Bett tragen. Als er sie absetzte und die Decke um sie herum feststopfte, bemerkte Harm, wie sehr sie zitterte. Ihre Zähne klapperten aufeinander. Rasch legte er ihr die Hand auf die Stirn. "Mac, Sie glühen vor Fieber!"
Mac schob seine Hand weg. "Sieht so aus, als hätte ich eine Erkältung, kein Grund, gleich einen Aufstand zu machen!" behauptete sie abwehrend.
"Erkältung?" echote Harm ärgerlich, "Mac, das ist keine einfache Erkältung, es hat Sie übel erwischt und das wissen Sie. Hören Sie, Mac, ich weiß, daß es momentan nicht gerade so toll zwischen uns steht, aber jetzt sind Sie krank und ich bin der einzige, der hier ist, also sieht es wohl so aus, als könnten Sie nicht sehr wählerisch sein, oder? Ich werde mich jetzt um Sie kümmern, ob es Ihnen paßt oder nicht!" erklärte er entschlossen, "Okay?"
Mac nickte schwach und schloß die Augen, viel zu erschöpft und zu krank um ernsthaft zu streiten.
Harm nahm die leere Tasse von Macs Nachttisch und erhob sich. "Ich gehe frischen Tee machen. Soll ich mal nachsehen, ob ich etwas Zwieback oder so finde?" erkundigte er sich.
"Bloß nicht!" Mac wurde, falls das überhaupt noch möglich war, noch eine Nuance bleicher, "Mein Magen dreht sich schon vom bloßen Gedanken an Essen um."
Harm warf einen letzten Blick zurück und ging. 10 Minuten später kehrte er mit einer Thermoskanne Tee, einer Wärmflasche und Wadenwickeln zurück und sah, daß Mac endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Leise stellte er die mitgebrachten Utensilien ab und holte einen Stuhl aus dem Büroraum, um über Macs Schlaf zu wachen.
1842 Z-Zeit (08:42 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm stützte Mac, als sie zurück zum Bett wankte. Zum vierten Mal in den vergangenen Stunden hatten sie jetzt den Weg zum Badezimmer und zurück hinter sich gebracht. Harm wunderte sich wirklich, wie jemandem, der gar nichts mehr im Magen hatte, immer noch so übel sein konnte.
Wieder stopfte er die Decke um sie herum fest und erneuerte ihre Wadenwickel. Ihre Haut glühte und das Haar klebte ihr auf der schweißnassen Stirn. Sie sah noch immer ziemlich elend aus, aber Harm wagte es nicht, ihr noch mehr Schmerz- und Fiebertabletten zu geben, als er es schon getan hatte. Sie zitterte ein wenig unter der dicken Decke.
Harm betrachtete sie besorgt. Ihm war ein wenig seltsam zumute, sie plötzlich so krank, schwach und verletzlich zu sehen.
Er setzte sich erneut auf die Bettkante und wischte ihr mit einem feuchten Lappen das schweißnasse Gesicht ab. Mac öffnete nicht einmal die Augen. "Mac, kann ich Sie mal was fragen, ohne gleich wieder einen Streit vom Zaun zu brechen?"
Mac hob die Lider. Ihre braunen, sonst so klaren Augen glänzten fiebrig. "Mir ist nicht nach streiten zumute, also fragen Sie." murmelte sie mit rauher Stimme.
Harm räusperte sich. "Mac, sind Sie ... ich meine, das geht mich überhaupt nichts an, aber ich würde es früher oder später ohnehin erfahren und spätestens wenn Brumby ... ich meine ... Mac, sind Sie vielleicht schwanger?"
Mac öffnete erneut die Augen. "Ich bin einfach nur krank, okay?" Sie war zu erschöpft, um wütend oder auch nur überrascht zu sein. Sie wußte wirklich nicht, wie Harm auf diese Idee kommen konnte. "Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe sterben, ja?" Stöhnend schloß sie die Augen und rollte sich zusammen.
"Toll, ich lasse ja auch wirklich kein Fettnäpfchen aus!" sagte er zu sich selbst, "erst verdächtige ich sie, heimlich zu trinken, dann glaube ich, sie sei schwanger ..." Dabei war es bei Macs übermüdetem Zustand doch wirklich kein Wunder, daß der erstbeste Virus sie auf kaltem Fuß erwischt hatte, vor allem nach ihrem anstrengenden Trip durch die Arktis.
Harm legte den Lappen weg und strich ihr mit der Hand ein Büschel Haare aus der Stirn. "Schlaf, Ninjagirl, schlaf." befahl er leise.
0532 Z-Zeit (19:32 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm erhob sich aus seinem Stuhl im Büroraum, streckte seine große Gestalt und ging leise ins Schlafzimmer hinüber. Mac schlief seit heute morgen und er hatte sich deshalb leise ins Büro verzogen und sah alle Viertel Stunde nach ihr. Er war heilfroh, daß sie endlich schlief, aber zugleich wünschte er, sie würde aufwachen. Er wollte ihr wieder etwas von der Grippemedizin einflößen und außerdem mußte sie endlich etwas essen.
Auf Zehenspitzen näherte er sich dem Bett und sah, daß Mac noch immer mit geschlossenen Augen dalag. Ihr Schlaf schien nun etwas ruhiger als zuvor zu sein. Harm drehte sich um und wollte leise davongehen, als plötzlich Macs noch etwas heisere Stimme erklang: "Geht meine innere Uhr falsch oder ist es wirklich schon 19: 33 Uhr?"
Harm warf einen Blick auf den Radiowecker. "19 Uhr 32." antwortete er automatisch.
Mac schüttelte den Kopf, merkte aber sofort, daß das keine besonders gute Idee gewesen war. Für einen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. "19 Uhr 33 Minuten und 52 Sekunden," widersprach sie, sobald sie wieder klar sehen konnte, "Die Uhr muß falsch gehen."
"Offensichtlich." stimmte Harm zu, froh, daß es ihr wieder gut genug ging, um sich über die Uhrzeit zu streiten. Er näherte sich dem Bett und sah prüfend auf Mac hinab. "Geht’s Ihnen besser?"
"Ja," seufzte Mac, "Schlimmer konnte es ja wohl auch kaum noch werden."
Harm setzte sich vorsichtig und legte prüfend die Hand auf ihre Stirn. Ihre Temperatur war noch immer höher als gewöhnlich, aber längst nicht mehr so hoch wie in der Nacht zuvor. Auch die dunklen Schatten unter ihren Augen waren etwas zurückgegangen. Harm war sicher, daß sie schon seit Wochen nicht mehr so viel geschlafen hatte wie an diesem Tag. "Wie wäre es mit etwas zu essen? Und sagen Sie jetzt ja nicht nein – ein appetitloser Marine würde dem Ruf des Corps empfindlich schaden." meinte Harm lächelnd.
Mac nickte ergeben. Sie hatte seit 36 Stunden nichts mehr gegessen und womöglich beruhigte sich ihr noch immer etwas nervöser Magen, wenn sie eine Kleinigkeit aß.
Harm griff nach dem Teller mit Brei, den er nach dem Abendessen zubereitet hatte. Er war zumindest noch lauwarm.
"Brei?" fragte Mac skeptisch, als sie den Inhalt des Tellers sah, "Hey, ich habe nichts an den Zähnen!" Ihre Stimme klang schon wieder ärgerlich. Sie fühlte sich seltsam dabei, sich von Harm pflegen zu lassen. Sie mochte es nicht, sich verletzlich zu fühlen und noch weniger mochte sie das warme Gefühl, das Harms freundliche Bemühungen in ihr auslösten. Es war schwer, auf jemanden wütend zu sein, der sich derart aufopferungsvoll um einen kümmerte. Und wenn sie nicht mehr wütend auf Harm sein konnte ...
"Auf den Mund sind Sie ganz sicher nicht gefallen, Colonel Kratzbürste!" entgegnete Harm grinsend und unterbrach damit Macs Gedanken. Er hielt den Teller mit dem Brei jetzt auf den Knien und sah etwas unsicher zwischen dem Brei und Mac hin und her. Einen Moment lang war er fast versucht, sie damit zu füttern, aber er konnte sich ihre Reaktion lebhaft vorstellen und er legte keinen gesteigerten Wert darauf, mit Brei bekleckert oder erneut verletzt zu werden, also hielt er Mac stattdessen einladend den Teller hin.
Ohne große Begeisterung schälte sich Mac aus ihrer Decke und nahm den Teller entgegen. Skeptisch griff sie nach dem Löffel.
Harm schnappte nach Luft und griff behutsam nach ihrem Arm. "Was ist das?" fragte er und betrachtete besorgt die Wunde, die Mac sich am letzten Tag ihrer Fahrt mit Olaf zugezogen hatte. Sie hatte sich glücklicherweise nicht entzündet und es bildete sich bereits eine dicke Kruste.
"Sieht nach einem Schnitt aus, oder?" antwortete Mac spöttisch, "Sowas kann passieren, wenn man in der Arktis unterwegs ist. Sie wissen schon: Kein fließendes Wasser, keine Zentralheizung, kein warmes Essen und kein bequemes Bett."
"Sie hätten mir doch zumindest sagen können, daß Sie verletzt sind." meinte Harm vorwurfsvoll.
"Verletzt sind! Wie das klingt! Als hätte ich eine lebensbedrohende Wunde davongetragen! Und im Übrigen, was hätten Sie dagegen unternommen, wenn ich es Ihnen gesagt hätte? Hätten Sie den Kratzer einfach weggeküßt, oder was?" fauchte sie.
Ein unbehagliches Schweigen entstand für einen Moment. Dann hob Mac erneut den Löffel und probierte vorsichtig. Ihr Magen protestierte ein wenig, beruhigte sich aber wieder. Brei war vermutlich doch nicht die schlechteste Idee gewesen – das dachte sie jedenfalls, bis sie den vierten Löffel Brei geschluckt hatte.
Sie schubste Harm fast von der Bettkante, als sie die Decke zurückwarf und aufsprang. Leider hatte sie in ihrer Hast, zum Badezimmer zu gelangen, vergessen, daß ihre Beine noch immer etwas unsicher waren, so daß sie beinahe zu Boden ging. Harm konnte sie im letzten Moment abfangen und half ihr zum Badezimmer. Sie schafften es bis zur Badezimmertüre, bevor Mac den Kampf gegen ihren rebellierenden Magen verlor.
Harm hielt sie fest und wartete bis das Würgen und Keuchen aufgehört hatte. Besorgt sah er sie an. "Ins Bett oder ins Badezimmer?" fragte er sanft.
Mac räusperte sich - dreimal. "Ins Badezimmer," erklärte sie dann, "ich will das hier sauber machen und dann würde ich gerne eine Dusche nehmen."
Harm sah sie zweifelnd an. "Eine Dusche? Mac, ich weiß nicht, ob das im Moment die beste aller Ideen ist ... Ihre Beine scheinen noch immer ein wenig wackelig zu sein." Er wollte sich gar nicht vorstellen, was passieren konnte, wenn Mac in dem engen Badezimmer fiel und mit dem Kopf gegen die Kacheln oder das Waschbecken knallte.
Macs Blick war jedoch unnachgiebig. Sie wollte eine Dusche und sie wollte sie jetzt.
"Okay, aber zwingen Sie mich nicht, Sie aus der Dusche zu retten, wenn Sie fallen!" warnte Harm scherzend.
Die Vorstellung, von Harm unter der Dusche ’gerettet‘ zu werden, gab Mac alle Motivation, die sie brauchte. "Ich werde nicht fallen!" erklärte sie entschlossen. Sie ging ins Badezimmer und kehrte mit einem Putzlappen zurück.
Harm nahm ihn ihr aus den Händen, als sie sich gerade auf Hände und Knie niederlassen wollte. "Danke," sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie ihn schon zuvor für den Putzdienst eingeteilt gehabt, "Und nun marsch ins Bad, Marine!" Er lächelte sein Flyboy-Lächeln.
"Harm, Sie müssen wirklich nicht ..." begann Mac zu protestieren und wurde sogar ein wenig rot. So blamiert hatte sie sich wirklich noch nie vor jemandem.
Harm drehte sie an der Schulter herum und schob sie in Richtung Badezimmer. "Ich sagte Marsch! Ich mach das hier schon." versicherte er.
Mac schloß für eine Sekunde die Augen, als wolle sie Kraft für eine erneute Widerrede sammeln, aber dann nickte sie nur wortlos und verschwand im Badezimmer. Als sie eine halbe Stunde später wieder zum Vorschein kam, fühlte sie sich erfrischt und schon viel besser. Sie stellte fest, daß Harm seine Putzaktion beendet und sogar die Laken des Bettes gewechselt hatte.
"Ihr Navy-Offiziere seid wirklich die perfekten Hausmänner." kommentierte Mac, auf etwas anspielend, was die Kongreßabgeordnete Bobbi Latham einmal gesagt hatte.
"Das liegt nur daran, daß ihr Marines so unordentlich seid. Schließlich muß zumindest ein Teil der Streitkräfte Moral und Ordnung aufrechterhalten." erwiderte Harm grinsend und war glücklich, daß sie wieder fit genug war, um zu scherzen und noch ein wenig glücklicher, daß er es war, mit dem sie scherzte. Endlich wieder einmal! Er hatte gar nicht gewußt, wie sehr ihm dieses Necken und Scherzen fehlen würde, bis es verschwunden – oder besser: durch ständige Streitereien ersetzt worden - war. "Wie kommt es, daß wir die Dinge immer erst zu schätzen wissen, wenn wir sie verloren haben?" fragte er sich.
"Ihre Putz-Moral ist jedenfalls ausgezeichnet," meinte Mac schelmisch grinsend, doch dann wurde sie fast schlagartig ernst, "Harm, es tut mir wirklich leid, daß Sie ..."
"Es gibt nichts, was Ihnen leid tun müßte, Mac!" sagte Harm mit Nachdruck. Er wollte nicht, daß sie sich entschuldigte – wenigstens nicht dafür. Was ihn viel mehr interessiert hätte, war, was in den letzten Wochen mit ihr los gewesen war – und vielleicht noch immer los war, denn er wußte nicht, ob sie zu dem feindseligen Verhalten zurückkehren würde, sobald es ihr wieder besser ging.
Mac zuckte die Schultern und ging zum Bett zurück.
"Müde?" fragte Harm, als sie unter die Decken schlüpfte. Er selbst war auch ein wenig groggy, aber er hatte nicht vor zu schlafen – nicht, bevor er nicht etwas hinter sich gebracht hatte, das er sich schon tausend Mal vorgenommen und genauso oft wieder aufgeschoben hatte.
Mac schüttelte leicht den Kopf. "Ich habe die letzten 10 Stunden und 41 Minuten durchgeschlafen, schon vergessen?"
"Gut," sagte Harm ernst, "dann können wir jetzt endlich das längst überfällige Gespräch führen."
"Wir unterhalten uns schon die ganze Zeit über, Commander," entgegnete Mac und benutzte plötzlich wieder seinen Rang als Anrede – ein Versuch, Distanz zu schaffen, "oder bilde ich mir nur ein, daß meine Lippen sich bewegen?" In ihrem Blick lag eine Warnung.
Harm sah die Warnung, aber er beschloß, sie zu ignorieren. "Diesmal nicht, Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie!" dachte er grimmig. Er wußte, wie gut Mac darin war, Themen zu meiden, über die sie nicht reden wollte - sie war auf diesem Gebiet die Zweitbeste. Gleich hinter ihm selbst.
"Wir werden uns jetzt unterhalten." wiederholte er ernst.
Mac lehnte sich trotzig zurück. "Na, fein. Sie wissen nicht, was Sie zu mir sagen sollen und ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll ... das wird wohl die kürzeste Konversation aller Zeiten werden." bemerkte sie ironisch.
Harm ging nicht darauf ein, er wollte sich jetzt von keiner ihrer Bemerkungen vom Thema ablenken lassen. "Die Konversation wird zumindest so lange dauern, bis Sie mir endlich erzählt haben, was mit Ihnen los ist."
"Ich bin krank, Harm." erwiderte Mac, obwohl sie wußte, daß er das nicht gemeint hatte, "und nur weil ich gerade schon wieder ... nur weil ich Ihren Brei nicht vertragen habe, heißt das noch lange nicht, daß ich schwanger bin!"
Harm rollte mit den Augen. "Ist ja gut, ist ja gut, ich glaube, das hatte ich schon beim ersten Mal verstanden. Ich glaube Ihnen unbesehen, daß Sie DAS vor mir bemerken würden," Harm erlaubte sich ein kurzes Flyboy-Grinsen, "aber ich habe mich auch gar nicht auf Ihren Gesundheitszustand bezogen – aber ich denke, das wissen Sie. Ich weiß, Sie kennen alle Ausreden, Ausflüchte, Verzögerungstaktiken, Ablenkungen und Verschleierungstechniken, die je von einem Zeugen oder Verdächtigen benutzt wurden – aber ich kenne sie auch und ich werde nicht zulassen, daß Sie sich schon wieder aus der Affäre ziehen. Wir werden diese Unterhaltung jetzt führen, also versuchen Sie nicht wegzulaufen – in Ihrem gegenwärtigen Zustand bin ich garantiert schneller als Sie." erklärte Harm entschlossen.
"Als Sie das das letzte Mal behauptet haben, sind Sie unter einem Auto gelandet!" erinnerte Mac.
"Weil gewisse andere Leute zuerst davor gerannt sind," berichtigte Harm, "außerdem: Was habe ich Ihnen gerade über Ablenkungstechniken erzählt? Ich habe Sie gefragt, was mit Ihnen los ist und ich will jetzt eine Antwort. Und damit wir uns diese Zeit gleich sparen können: Ich möchte weder die ’Es-geht-mir-gut‘-, noch die ’Ich-bin-ein-Marine,-ich-werde-selbst-damit-fertig‘-Rede hören. Ich möchte wissen, warum Sie nicht schlafen, kaum essen und warum Sie so gereizt sind. Und ich möchte wissen, was unsere Freundschaft so plötzlich beendet hat."
Harm wartete einen Moment, behielt sie im Auge und sprach dann weiter. Er wußte, daß er sie überzeugen mußte, sonst würde er kein Wort aus ihr herausbekommen. "Mac, ich bin Ihr Freund und was immer es ist, ich werde versuchen, Ihnen zu helfen. Also bitte, Mac, erzählen Sie mir endlich, was Sie für ein Problem haben." Seine normalerweise blauen Augen, die jetzt im Halbdunkel eher grün-bräunlich schimmerten, sahen sie bittend an.
0614 Z-Zeit (20:14 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Einen Moment lang war Mac hin und her gerissen und überlegte ernsthaft, ob sie ihn anschreien sollte, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, ob sie sich einfach umdrehen und ihn ignorieren oder ob sie schlicht und einfach zusammenbrechen sollte. Dann beschloß sie zu antworten und zu hoffen, daß Harm es dabei würde bewenden lassen. "Das Leben, Harm, einfach nur das Leben." sagte sie mit einem Seufzen.
Sie sah sofort, daß er das nicht verstand – wie sollte er auch, sie verstand es ja selbst kaum. "Das Leben, Mac? Ihr Leben? Was ist damit nicht in Ordnung?" fragte Harm und sah sie besorgt an.
"Ich glaube, es geht schneller, wenn ich aufzähle, was damit in Ordnung ist," meinte Mac sarkastisch, "aber das sind meine Probleme und braucht Sie nicht zu belasten." Sie war dabei, die Mauer, die er gerade mühsam durchbrochen hatte, wieder zu errichten. Aber zumindest gab sie jetzt zu, daß sie tatsächlich ein Problem hatte.
"Es belastet mich aber, Mac. Ich bin Ihr Freund und deshalb sind Ihre Probleme auch die meinen." erklärte Harm ernst.
"Ich will aber nicht darüber reden und deshalb ist und bleibt es mein Problem." beharrte Mac.
Harm schüttelte den Kopf. "Sie wollen aber reden – ich seh’s an Ihrer Lippe, sie hat sich mal wieder so komisch nach oben gewölbt, als Sie behauptet haben, Sie wollten nicht reden." entgegnete Harm und Mac konnte nicht feststellen, ob er scherzte oder es ernst meinte.
"Okay, wenn Sie sich das wirklich antun wollen, Commander..." Mac seufzte, "aber zuerst noch eine Frage..."
"Ich höre?" Harm sah sie aufmerksam an.
"Werden Sie nach Stunden bezahlt oder nach Erfolgsquote, Doktor Freud?" fragte Mac und versuchte zu lächeln.
Harm lachte. "Oh, für besondere Fälle habe ich besondere Tarife." meinte er lächelnd.
"Besonders hoch oder besonders niedrig?" erkundigte sich Mac.
"Maaac! Sie versuchen es schon wieder!" mahnte Harm.
"Ich versuche was?" fragte Mac unschuldig.
"Sie versuchen, abzulenken! Sie waren gerade dabei, mir zu erzählen, was mit Ihrem Leben nicht stimmt. Ich meine, Sie sind doch nicht besonders anspruchsvoll, alles was Sie vom Leben verlangen ist ein guter Beruf, einen Mann, den Sie lieben und ein Haufen bequeme Schuhe ..." Harm sah sie erwartungsvoll an.
Mac seufzte erneut. "Bequeme Schuhe findet man immer seltener, Mic und ich haben uns getrennt und mein Beruf ... ich weiß nicht, irgendwie scheint mir in letzter Zeit alles unter den Fingern zu zerrinnen!" platzte es praktisch aus ihr heraus.
Harm starrte sie an. "Was? Davon habe ich nichts gewußt, wirklich nicht, Mac, sonst hätte ich doch nicht..." Sie hatte sich von Brumby getrennt und er fragte sie auch noch, ob sie schwanger war! "Toll, Rabb!"
Mac zuckte die Schultern. "Sie haben ja auch noch nie Stöckelschuhe im Dienst tragen müssen." versuchte sie, die ganze Sache ins Komische zu retten, obwohl sie ganz genau wußte, daß Harm sich nicht auf das Aussterben bequemer Schuhe bezogen hatte.
"MAC! Ich wußte nicht, daß Sie sich von Brumby getrennt haben. Warum haben Sie mir nichts davon erzählt?" "Oh, du wirst ja immer besser, Rabb! Mach ihr nur weiterhin Vorwürfe und treib sie in die Enge, dann wird sie schnurstracks zurück in ihr Schneckenhaus kriechen!" tadelte Harm sich selbst, "Im Übrigen sollte man nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt – du hast ihr von deiner Trennung von Renee genauso wenig erzählt."
"Was ist passiert?" erkundigte er sich möglichst ruhig. Hatte Brumby ihr etwa weh getan, hatte er die Hand gegen sie erhoben? "Wenn dieser verdammte Crocodile-Dundee ihr auch nur ..."
Mac sah ihn scharf an. "Werfen Sie Ihren verdammten Beschützerinstinkt über Bord, jetzt sofort, Commander, oder das Gespräch ist beendet!" drohte sie zornig, "Wenn jemand den anderen verletzt hat, dann bin ich das gewesen. Ich habe Mic verletzt."
Harm bemühte sich, sein undurchdringliches Gesicht, das er normalerweise für die Zeugenbefragung vor Gericht reservierte, aufzusetzen. Er wußte, daß Mac Recht hatte, aber er konnte nicht so einfach auf Kommando aufhören, sich Sorgen um sie zu machen. "Okay, ich hab den Beschützer- instinkt nun an der Leine. Werden Sie mir jetzt erzählen, warum Sie und Brumby sich getrennt haben?" bat er.
Mac zögerte nur noch eine Sekunde. Sie hatte noch niemandem von der Trennung von Mic erzählt und langsam aber sicher fraß es sie, zusammen mit all ihren anderen Problemen, von innen her auf. Sie wußte, daß es einen psychisch fertig machen konnte, wenn man die Dinge zu lange für sich behielt und versuchte, sie für sich allein zu lösen. Sie wußte auch, daß sie immer noch dazu neigte, obwohl drei Jahre als Alkoholiker sie eigentlich eines besseren hätten belehren sollen. "Mic liebt mich nicht," begann sie leise, "er liebt das Ideal, das ich nie war und nie sein kann. Ich habe Mic gar nicht verdient."
Harm atmete tief durch. "Einen Menschen zu lieben, heißt, ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat," zitierte er ernst, "Mic tut das, Mac, er liebt Sie wirklich."
Mac war sprachlos. Das letzte, was sie von Harm erwartet hatte, war, daß er, ausgerechnet er, Mics härtester Konkurrent, den Australier verteidigte. Sie hatte ihren besten Freund – wenn er es denn noch war – wieder einmal unterschätzt.
Aber Harm war noch nicht fertig. "Und hören Sie endlich auf damit zu behaupten, Sie hätten ihn nicht verdient! Das ist purer Blödsinn, Mac!" fuhr er fort und klang fast wütend, "Nach allem, was Sie durchgemacht haben und was Sie trotzdem aus sich gemacht haben, haben Sie jedes bißchen Glück verdient, das Sie nur haben können! Ganz abgesehen davon ist Liebe kein Arbeitsvertrag, Mac, man muß sich nichts ’verdienen‘." fügte er etwas ruhiger hinzu.
Mac sah ihn stumm an und biß die Zähne zusammen, um ihre Emotionen in Zaum zu halten. In ihren dunklen Augen schimmerte es verdächtig. Nach ein paar langen Sekunden seufzte sie. "Vielleicht ist gerade das der springende Punkt, Harm."
Harm blieb still und sah sie nur fragend an. Er spürte, daß er sie jetzt nicht unterbrechen durfte.
"Mic hätte meine Liebe wirklich verdient, aber ... ich habe ihn nicht geliebt, nicht wirklich, nicht so, wie er es sich erhofft hat. Was ich geliebt habe, das war nicht Mic als Person, das war die Stabilität, die er mir bot, die Hoffnung auf ein ganz normales Leben. Ich wollte das haben, was ich selbst als Kind nie besessen habe – eine Familie. Zum Glück habe ich noch rechtzeitig aufgehört, mich selbst zu belügen, bevor ich uns beide unglücklich gemacht hätte, Mic und mich. Mic hat mich erneut gefragt, ob ich ihn nicht endlich heiraten will, und da hab ich ihm stattdessen den Ring zurückgegeben." Mac seufzte erneut und spielte für einen Moment mit dem "Ehering", den sie nun trug.
Harm sah kurz zu Boden. "Tut mir leid, daß es so gekommen ist, Mac." Er meinte es ernst, auch wenn er Brumby nie hatte ausstehen können.
"Muß Ihnen nicht leidtun, daß ich praktisch beziehungsunfähig bin." brummte Mac, ohne ihn anzusehen.
Harm hob den Kopf. Mac schien wirklich ihr ganzes Leben in Frage zu stellen und begegnete sich selbst mit unbarmherziger Kritik. "Mac, tun Sie das nicht, machen Sie sich nicht selbst so fertig. Sie sind nicht beziehungsunfähig!"
"Oh, dann nennen Sie mir doch eine, nur eine einzige meiner Beziehungen, die gehalten hat," Mac wartete einen Moment ab, bevor sie fortfuhr, "sehen Sie, es fällt ihnen keine ein – weil es keine Beziehung gibt, die gehalten hat. Ich habe geheiratet, als ich 17, naiv und betrunken war und die Ehe hielt keinen Tag länger als mein Rausch. Wobei ich es aus irgendeiner blöden Sentimentalität 12 Jahre lang versäumt habe, mich scheiden zu lassen. Irgendwie habe ich wohl immer noch der Zeit hinterhergetrauert, in der ich mich um nichts anderes sorgen mußte, als um die Bluse mit den wenigsten Knöpfen und den Alkohol mit den meisten Promille."
Harm schwieg betroffen und ein wenig verwirrt. Bluse mit den wenigsten Knöpfen? Bedeutete es das, was er dachte, daß es bedeutete? "Hey, hey, hey, rotes Licht, Rabb!" sagte er zu sich selbst.
"Aber damit natürlich noch nicht genug. Diese Ehe konnte ja auch nur in einer Katastrophe enden und das hat sie dann auch getan. Chris hat mich erpreßt und ich habe ihn erschossen. Immer noch der Meinung, ich sei nicht beziehungsunfähig, Commander?"
"Mac ..."
Doch Mac hörte nicht, es war fast, als hätte sie vergessen, daß er überhaupt da war und spräche nur zu sich selbst. Harm wußte, daß sie es zu lange alles für sich behalten hatte und daß sie jetzt darüber reden mußte, sonst würde sie einfach platzen. Also hörte er weiterhin zu.
"Um das Chaos, das sich mein Privatleben nennt, perfekt zu machen, kam dann vor Gericht natürlich auch noch heraus, daß ich ein Verhältnis mit einem Vorgesetzten hatte – während ich formal gesehen noch verheiratet war. Das hat mir eine Abmahnung vom Admiral eingebracht, meine Beförderung wurde gestrichen und alle meine Freunde waren enttäuscht von mir – zurecht übrigens. Und Johns Karriere habe ich auch zerstört."
"Mac, Sie haben nichts dergleichen getan. Farrow wußte, was er tat, er kannte die Konsequenzen und er war offenbar der Meinung, daß es alle möglichen Konsequenzen wert sein würde. Er hat Ihnen keine Vorwürfe gemacht. Und Ihre Freunde waren nicht enttäuscht von Ihnen. Ich ... ich war höchstens enttäuscht darüber, daß Sie mir nicht genügend vertrauten, um mir früher von ihrer Ehe und von Farrow zu erzählen. Aber letztendlich habe ich das mir, ganz allein mir zuzuschreiben. Ich habe Ihr Vertrauen oft genug mißbraucht." wandte Harm ein.
Mac sah ihn mit großen Augen an. "Das ist Unsinn, Harm. Sie haben mein Vertrauen nie mißbraucht, nicht ein einziges Mal."
"Ach, nein? Es fing schon damit an, als wir uns das erste Mal vor Gericht gegenüberstanden. Wissen Sie noch, wie ich Sie mit dieser stahldurchdringenden Kugel reingelegt habe?" erinnerte Harm.
Mac schüttelte entschieden den Kopf. "Da haben Sie mein Vertrauen nicht mißbraucht. Ich mußte einfach lernen, Beruf und Privatleben zu trennen. Vor Gericht zählen die Interessen des Mandanten und nicht die Beziehung zum gegnerischen Anwalt. Ich habe diese Lektion lieber von Ihnen gelernt als von jemand anderem."
Harm lächelte und war überrascht, daß sie so dachte. "Okay, das ist eine Sache. Aber habe ich nicht Ihr Vertrauen mißbraucht, als ich mich der Augenoperation unterzog und wieder zum Fliegen zurückkehrte, ohne es Ihnen vorher zu sagen?"
Mac sah ihn ernst an. "Ja, das hat mich verletzt," gab sie offen zu, "weil es zu einer Zeit kam, als ich das Gefühl hatte, daß mein ganzes Leben auseinanderbricht, daß alle mich verlassen." "Genau wie jetzt." dachte sie bitter. "aber ich habe immer verstanden, was Ihnen das Fliegen bedeutet hat. Sie haben das Cockpit nicht freiwillig verlassen und Sie wollten sich und Ihrem Vater beweisen, daß Sie es noch immer können. Sie wollten, daß es Ihre Entscheidung ist, ob Sie aufhören oder nicht."
Harm war fast ein wenig erstaunt darüber, wie gut sie ihn verstand. Aber dennoch: "Trotzdem ändert das nichts daran, daß mein Weggang von JAG der Anfang vom Ende unserer Freundschaft war," sagte Harm traurig, "Ich war nur 6 Monate weg, aber es hätten ebensogut 6 Jahre sein können. Alles hatte sich verändert."
"Sprechen Sie von unserer Freundschaft oder von Ihrer Karriere?" fragte Mac, "Was Sie so stört, ist doch viel eher, daß Sie nach Ihrer Rückkehr nicht mehr die große Nummer eins bei JAG waren, oder? Ich bekleidete einen höheren Rang als Sie und Mic hatte Ihr Büro und Ihren Platz bei JAG übernommen. Nicht leicht für jemanden, der es gewohnt ist, immer und überall der Beste zu sein, hm?" In ihrer Stimme mischten sich Ärger und Sanftheit auf eine seltsame Weise.
Harm sah sie erneut an. Wenn er ganz ehrlich war, dann traf sie mit diesen Bemerkungen den Nagel auf den Kopf – mit allen Bemerkungen bis auf einer. "Natürlich geht es mir auch um unsere Freundschaft und nicht nur um meine Karriere. Ich mußte bei meiner Rückkehr feststellen, daß Sie mich völlig aus Ihrem Leben gestrichen hatten."
Jetzt starrte Mac ihn an. "ICH habe SIE aus meinem Leben gestrichen? Verwechseln Sie da nicht eine Kleinigkeit, Commander? SIE haben sich bis auf ein paar E-Mails doch nie bei MIR gemeldet!" Jetzt war sie wirklich verärgert.
"Es ist eben nicht jedermans Sache, seine Gedanken so einem unpersönlichen Computer anzuvertrauen. Sie wissen doch, wie das ist, Mac." verteidigte sich Harm.
"Weiß ich das? Ich weiß nur, daß Sie alles andere vergessen hatten, sobald Sie wieder den Steuerknüppel Ihrer Tomcat in der Hand hatten, alles, inklusive Ihrer Freunde bei JAG."
"Ich könnte meine Freund nie vergessen, nicht einen einzigen Tag lang," sagte Harm fest, "aber Sie haben Ihr Leben ja auch ganz gut ohne mich weiter gelebt. Sieht eher so aus, als ob Sie MICH vergessen hätten, sonst hätten Sie mir doch schon früher von Ihrer Beförderung erzählt. SIE haben doch nichts gegen E-mails, oder?" Jetzt war es an Harm, Vorwürfe zu erheben.
"Ich habe Ihnen schonmal gesagt, daß ich Ihnen meine Beförderung nicht absichtlich verschwiegen habe. Ich wollte Ihnen eben einfach nur nicht das Gefühl geben, Sie hätten sich Ihre beruflichen Chancen zunichte gemacht, als Sie von JAG weggingen. Ich wußte, daß Sie es schwer genug hatten, sich wieder an Bord eines Flugzeugträgers, unter lauter jüngeren Piloten, zurechtzufinden." erklärte Mac.
Harm nickte. "Okay, Counsellor, dem Einwand wird stattgegeben. Aber Tatsache bleibt, daß Sie mir auch nach meiner Rückkehr zu JAG mehr als einmal zu verstehen gaben, daß mich Ihr Privatleben nichts mehr angeht. Wir konnten nicht mehr zusammen scherzen, nicht mehr reden – Sie haben mir schlicht gesagt einfach nicht mehr vertraut." Stattdessen war da Brumby gewesen. Das wurmte ihn mehr, als er je zugegeben hätte.
"Sehen Sie, jetzt läuft wieder alles darauf hinaus: Vertrauen. Harm, ich hatte Vertrauen zu Ihnen, ich weiß, daß man sich immer auf Sie verlassen kann. Alle Ihre Mandanten wissen es, Ihre Familie und Ihre Freunde. Wenn ich Ihnen nichts von meiner Ehe erzählt habe, dann nicht aus Mangel an Vertrauen, sondern nur, weil ich nicht wollte, daß Sie schlecht von mir denken und weil ich beschämt war. Sie haben mich erlebt, als ich betrunken war und Sie wissen, wie ich dann bin. Ich bin nicht gerade stolz auf die Person, die ich war, als ich mit Chris verheiratet war."
"Ich könnte niemals schlecht von Ihnen denken, wegen etwas, das Sie waren oder nicht waren, Mac. Ich bewundere Sie für das, was Sie TROTZDEM geworden sind. Nein, den schlechten Eindruck bekam ich erst dann, als ich Sie um drei Uhr nachts aus dem Gefängnis holen mußte. Erst dann haben Sie sich nämlich wieder daran erinnert, daß es mich ja auch noch gibt." sagte Harm etwas bitter.
"Ständig beschweren Sie sich darüber, daß ich Ihnen nicht vertraue und mich weigere, Ihre Hilfe anzunehmen und wenn ich dann in der Klemme stecke und es tue, ist es auch nicht recht?" knurrte Mac, "Außerdem haben Sie sich auch erst wieder an meine Adresse erinnert, als Sie jemanden brauchten, der Sie vor der Polizei versteckt!"
"Wofür ich Ihnen auch dankbar war und mich revanchierte, indem ich vor dem Admiral für Sie eintrat, als und nachdem Sie zu JAG zurückkehrten." verteidigte sich Harm, etwas überrascht darüber, wie tief ihn ihre Vorwürfe trafen.
"Spielen wir jetzt das ‘Wer-hat-mehr-für-wen-getan‘-Spiel?" fragte Mac ironisch.
Harm studierte ihr Gesicht. Erst jetzt wurde ihm so richtig bewußt, wieviele Mißverständnisse und verletzte Gefühle es zwischen ihnen gab. "Nein, das tun wir nicht – ich weiß, daß Sie es gewinnen würden." sagte er plötzlich ehrlich und lächelte freimütig. Ihm war bewußt, daß er all das, was sie schon für ihn getan hatte, kaum wieder gut machen konnte.
"Auch Freundschaft ist kein Arbeitsvertrag, Harm," erinnerte Mac als könne sie seine Gedanken lesen, "es geht nicht darum, wer mehr für den anderen getan hat, es geht allein darum, daß man füreinander da ist, wenn man sich braucht."
Harm lächelte erneut. "Dann war es wohl eine gute Freundschaft, oder?"
Mac nickte. Sie lächelte nicht. Das WAR klang zu schmerzhaft und zu endgültig in ihren Ohren.
"Warum weigerten Sie sich dann die ganze Zeit über so hartnäckig, meine Hilfe anzunehmen, obwohl Sie sie ganz offensichtlich brauchen könnten?" fragte Harm nach einer Weile, "Ich meine, diese ganzen Probleme und Sorgen, die Sie da mit sich herumschleppen, die haben Sie doch schon eine ganze Weile und sie sind nicht kleiner geworden, im Gegenteil. Sie hätten früher mit jemandem reden sollen, vielleicht hätte es Ihnen geholfen."
"Ja, vielleicht," gab Mac zögernd zu, "aber ich wollte niemanden mit meiner Jammerei belästigen und ich kam mir einfach blöd vor, daß ich diesen ganzen alten Mist immer noch nicht so richtig verarbeitet habe."
Jetzt hätte Harm sie am liebsten einmal aufmunternd in den Arm genommen, aber er hielt sich zurück. Sie sollte nicht das Gefühl bekommen, er halte sie für schwach, nur weil sie ihm von ihren Problemen erzählte.
Er wußte, daß Mac eine Frau voller Gegensätze war. Sie war willensstark, tough und professionell, aber zugleich sensibel. Sie war mutig und selbstbewußt, aber auch zurückhaltend und reserviert. Man brauchte lange, um sie wirklich kennenzulernen. Sie brauchte jemanden in ihrem Leben, der sie so akzeptierte, wie sie war, mit allen ihren Facetten; den Colonel, Mac und Sarah, den Marine, die Anwältin und die junge Frau.
"Mac, das ist keine Jammerei und auch kein alter Mist, sondern es sind Ereignisse, die einen für immer prägen. Es ist nur natürlich, daß man soetwas nicht so schnell verarbeiten kann. In den letzten zwei Jahren ist einfach zuviel in Ihrem Leben passiert. Der Tod von Dalton und Chris, die Anklage gegen Sie, die Sache mit Farrow, dann die Abmahnung. Sie mußten hart kämpfen, ehe Sie Ihre Karriere wieder da hatten, wo sie gewesen war. Schließlich der Tod Ihres Vaters und das plötzliche Wiedersehen mit Ihrer Mutter. Sie haben das alles ganz alleine durchgestanden und darauf können Sie stolz sein. Ich fürchte, Mic und ... ich waren Ihnen da keine große Hilfe, was?" Er grinste schwach. "Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, uns wie streitlustige Gockel zu benehmen." warf er sich selbst vor.
Mac seufzte. "Sieht so aus als würde ich Probleme sammeln wie andere Leute Briefmarken. Ich habe mir eingebildet, alleine damit fertigzuwerden. Ich konnte mir einfach nicht eingestehen, daß ich ... Hilfe brauche. Aber Probleme verschwinden nicht einfach, nur weil man sie ignoriert, ganz im Gegenteil. Meine jedenfalls summierten sich immer mehr. Trotzdem bin ich sicher, ich wäre damit fertiggeworden, das bin ich auch früher schon – auf die eine oder andere Weise." fügte sie leise hinzu. Wodka war nicht gerade ein erfolgreicher Coping-Mechanismus.
"Aber?" fragte Harm sanft.
"Aber, wenn man sich zuviel mit seinen Problemen auseinandersetzt, ist das auch nicht besonders hilfreich. Seit ... 2 Monaten habe ich ..."
"Haben Sie Probleme, einzuschlafen?" beendete Harm ihren Satz, als sie zögerte.
Mac nickte. "Ich liege da und grüble, ohne es zu wollen. Ich kann die Gedanken in meinem Kopf einfach nicht stoppen. Ich weiß, es hört sich verrückt an, aber je mehr ich versuche, endlich einzuschlafen, desto länger liege ich wach. Ich schlafe in kaum einer Nacht mehr als drei oder höchstens vier Stunden."
Harm sah sie mitfühlend an. Nach seinem Absturz bei der Nachtlandung, bei dem sein Jägerleit- offizier getötet worden war, hatte er eine Weile auch an Schlaflosigkeit gelitten. Er wußte, wie quälend dieser Mahlstrom von Gedanken sein konnte, der begann, sobald man die Augen schloß. Jetzt wunderte ihn Macs Appetitlosigkeit und ihre ständige Gereiztheit nicht mehr.
"Aber was alles noch viel schlimmer macht ..." murmelte Mac mehr zu sich selbst.
"Ja?" ermutigte sie Harm.
"Normalerweise hätte ich das alles meinem besten Freund anvertrauen können, aber ..." Mac brach zögernd ab. Wieso in drei Teufels Namen diskutierte sie das ausgerechnet mit ihm?
"Aber?" Harm sah sie erwartungsvoll an. Er hoffte, daß sie ihm, nachdem sie ihm nun schon alles andere erzählt hatte, auch noch dieses letzte Problem anvertrauen würde.
Mac atmete tief durch. "Aber ich habe diese Freundschaft zerstört." sagte sie dann leise und in einen andere Richtung sehend.
Für einige Sekunden wußte Harm nicht, was er tun oder lassen, sagen oder nicht sagen sollte. Als er schließlich den Mund öffnete, klopfte es. "Nicht jetzt!" murmelte er.
Es klopfte erneut, diesmal drängender.
"Ja?" rief Harm laut und – ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit - nicht eben freundlich.
0802 Z-Zeit (22:02 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Anna Tschechow öffnete die Türe. "Wo ist Nikolai?" fragte – nein, brüllte sie.
Harm sah sie verwirrt an. "Ähm, woher soll ich denn das wissen? Ist er denn nicht ..."
"Nein, ist er nicht. Laufen Sie zum Teufel mit Ihrem ahnungslosen Getue, ich habe doch heute mittag gehört, wie Sie mit Ihm gesprochen haben!" warf Anna ihm aufgebracht an den Kopf.
"Gehen Sie zum Teufel," korrigierte Harm automatisch, "es heißt, gehen, nicht laufen."
"Schön, dann GEHEN Sie eben zum Teufel!" fauchte Anna.
Sie wollte die Türe wieder schließen, als Harm langsam zu dämmern begann, wovon sie sprach. "Moment, Sie sagten, Nikolai ist verschwunden? Seit wann, Anna? Und wo sind die Akimotos?" fragte er rasch.
Mac starrte ihn an. "Harm, S ... du hast doch nicht ... du hast doch nicht Nikolai in die ganze Sache eingeweiht?"
Harm zuckte die Schultern. "Jemand mußte doch auf die Akimotos aufpassen, während ich hier beschäftigt war," meinte er, "ich habe ihm nicht gesagt, um was es genau geht, nur, daß er sie nicht aus den Augen lassen darf."
"Eingeweiht? Eingeweiht in was, Commander Roberts?" verlangte Anna zu wissen.
"Keine Zeit für Erklärungen, Anna, Ihr geliebter Ehemann könnte in Gefahr sein." Er betonte das Wort EHEMANN auf eine Weise, die ihr sagte, daß er Bescheid wußte. Das dämpfte ihren Zorn etwas. "Also: Seit wann ist Nikolai verschwunden und wo sind die Akimotos?"
"Die Akimotos sind nochmal weggefahren, nachdem Sie eine Funknachricht von Ihrer Firma bekommen haben und Nikolai ist kurz danach verschwunden. Das war vor 20 Minuten." erklärte Anna.
"Sie kennen nicht zufällig den Inhalt dieser Funknachricht?" fragte Harm.
"Ich habe Sie entschlüsselt, nachdem ich vermutete, daß Nikolais Verschwinden damit zu tun haben könnte," gestand Anna Tschechow, "Unter normalen Umständen wäre er nie einfach weggefahren, ohne mir eine Nachricht zu hinterlassen. Die Funkbotschaft lautete, die Akimotos sollten die Fracht um 23 Uhr zu diesen Koordinaten bringen." Sie kritzelte ein paar Zahlen auf einen Zettel.
Mac nahm Harm das Stück Papier aus der Hand. "Das muß diese zweite Hütte sein, von der Olaf mir erzählt hat! Sie ist etwa eine halbe Stunde von hier entfernt."
"Ja, mit einem Motorschlitten vielleicht," brummte Anna, "aber die Akimotos und Nikolai haben die beiden einzigen Motorschlitten genommen, die uns momentan zur Verfügung stehen."
Noch während der Diskussion war Mac aus dem Bett und in ihre warme Pelzkleidung gestiegen, ohne sich vorher die Mühe zu machen, ihren Pyjama auszuziehen. Bevor Harm richtig erfaßte, was sie da tat, hatte sie bereits die Stiefel an und griff nach ihren Handschuhen. "Na los!" rief sie den beiden anderen zu, "mit Olafs Hundeschlitten brauchen wir mindestens eine Dreiviertel Stunde – es wird also knapp."
Harm rannte hinter ihr her und verzichtete darauf, auch nur zu versuchen, sie zurück ins Bett zu schicken. Er hätte nur Zeit verloren, ohne irgendetwas zu erreichen. Außerdem war Mac hier die Schlittenhunde-Expertin.
Innerhalb von zwei Minuten war der Schlitten entladen und die Hunde eingespannt. "Los rauf!" rief Mac den beiden anderen zu und griff nach der Lenkstange, während sie den Fanghaken löste. Die Hunde sausten los, frisch und ausgeruht.
"Welche Fracht ist so wichtig, daß die Akimotos mitten in der Nacht einen Hubschrauber ihrer Firma treffen müssen und Nikolai ihnen folgt?" schrie Anna gegen den Fahrtwind und das Knirschen des Schnees an.
Harm sah zu, wie Mac den Schlitten mit zwei schnellen, kräftigen Tritten über eine Schneewehe beförderte und erneut beschleunigte. "Dieser Marine!" dachte er bewundernd.
"Menschen-Fracht," erwiderte er auf Annas Frage, "wir haben den Verdacht, daß die Reardons nicht tot, sondern nur untergetaucht sind."
"Ja, aber wir haben uns geirrt," rief Mac von ihrem Platz hinter der Lenkstange, "nicht die Reardons haben die Akimotos überzeugt, ihnen beim Untertauchen zu helfen – die Sache ging von den Japanern aus. Die Firma der Akimotos hat vermutlich eine Menge Geld geboten, wenn sie ihre Forschungen über die Stealth-Technik für sie zuende bringen, während sie als Angestellte der Navy nur weiterhin ihren Sold bekommen hätten. Also täuschten sie einfach ihren Tod vor."
"Und Nikolai hat keine Ahnung von alldem? Er weiß nicht, in was er da hineinläuft?" fragte Anna beunruhigt. Ihre von Natur aus schon helle Haut war noch bleicher als sonst.
"Nein," erwiderte Mac, "aber wenn wir Glück haben, sind wir da, bevor irgendetwas passiert. Ich fahre eine Strecke, die sie mit den schweren Motorschlitten nicht nehmen können." Sie hoffte, daß ihr Orientierungssinn ebenso gut war wie ihre innere Uhr, schließlich war sie die Strecke nur ein einziges Mal gefahren und das auch nicht bei Nacht.
0843 Z-Zeit (22:43 Uhr Alaskan Time)
irgendwo in der Arktis
Der Hubschrauber ging langsam tiefer. Schnee wirbelte auf und bedeckte die vier Personen, die darauf warteten, aufgenommen zu werden. Der Suchscheinwerfer des Helikopters tastete über den Schnee, bis er einen Japaner erfaßte, der zu winken begann. "Na endlich." sagte er zu seinen Begleitern.
"Das müßten wir sagen!" knurrte der große Mann neben ihm, "Schließlich sitzen wir seit Tagen in dieser Hütte fest!"
"Wofür Sie auch gut bezahlt werden!" meinte die japanische Frau, Myoki Akimoto.
Der Hubschrauber setzte jetzt im Schnee auf. Der Pilot ließ die Rotoren laufen. "Ziehen Sie den Kopf ein und folgen Sie mir!" rief Kenichi Akimoto laut, um den Motorenlärm zu übertönen.
"Nein!" brüllte eine andere Stimme, "Strecken Sie die Arme hoch und folgen Sie MIR!" Nikolai Tschechows große Gestalt schälte sich aus der Dunkelheit. Er hielt etwas in der Hand, was wie eine Pistole aussah – anscheinend hatte er die Situation auch ohne eine Erklärung von Harm erfaßt und hatte es für besser gehalten, sich zu bewaffnen.
Die Japaner und die Reardons erstarrten. "Nikolai, das hat nichts mit Ihnen zu tun, es ist eine Sache zwischen uns und der Yamamoto-Company!" rief Scott Reardon.
"Das wäre es vielleicht gewesen, wenn Sie nicht Ihren Tod vorgetäuscht und uns alle nicht nur in Sorge, sondern auch unter Mordverdacht zurückgelassen hätten!" widersprach der riesenhafte Russe, "Ich dachte, wir Stations-Bewohner wären eine eingeschworene Gemeinschaft!"
Der Pilot des Hubschraubers glaubte sich unbeobachtet und riß eine Waffe heraus. Nikolai warf sich der Länge nach in den Schnee. Zwei Kugeln ließen um ihn herum den Schnee auseinanderstäuben und eine streifte seine Wange, doch er feuerte nicht zurück.
"Steigen Sie endlich ein!" rief Kenichi Akimoto den Reardons zu. Sie rannten zum Hubschrauber.
"Halt! Sie gehen nirgendwo hin!" brüllte Harm laut.
Der Pilot wirbelte herum und legte auf ihn an.
In der Dunkelheit peitschte ein Schuß auf. Der Pilot sackte zusammen. Mac trat in den vom Suchscheinwerfer beleuchteten Kreis und richtete ihre Dienstwaffe auf die Akimotos und die Reardons.
"Das war Timing, wie immer." sagte Harm als er zu ihr hinüberging, um die beiden Ehepaare festzunehmen.
Anna Tschechow ließ sich erleichtert neben Nikolai auf die Knie fallen und boxte ihn rauh in die Seite.
"Autsch! Hey, ich bin der Held des Tages, also bitte etwas sanfter, ja?" beschwerte er sich scherzhaft.
"Du bist der Idiot des Tages, Nikolai Wassiljewitsch Tschechow!" widersprach Anna, während sie ihm das Blut von der Wange tupfte, "Ich weiß ja, daß du niemanden töten willst, aber es hieß er oder du! Wieso zum Teufel hast du nicht zurückgeschossen?"
"Oh, das hätte ich ja liebend gerne getan, aber damit ging es schlecht." erwiderte Nikolai. Er streckte den Zeigefinger aus.
Anna, Harm und Mac starrten ihn an. "Du hattest nicht einmal eine Waffe?! Dann bist du noch idiotischer, als ich dachte!" sagte Anna fassungslos.
Harm grinste anerkennend. "Sie haben nicht zufällig vor, die russische Armee zu verlassen und der Navy beizutreten? Wir könnten ein paar mehr Leute von Ihrer Sorte gut gebrauchen." scherzte er.
"Kommt nicht in Frage, Sailor, wenn überhaupt, dann geht er zu den Marines!" widersprach Mac sofort.
"Sparen Sie sich die Debatte, ich bleibe genau da, wo ich bin." erklärte Nikolai und sah Anna an.
Sie lächelte und half dem großen Mann hoch. "Manchmal bist du wirklich ein Idiot, Nikolai Wassiljewitsch Tschechow. Na ja, aber trotzdem: Ya tebya liubliu!"
Nikolai starrte sie an, dann schüttelte er den Kopf und sah zu Harm hinüber. "Haben Sie das gehört, Harmon? Sie sind doch Psychologe, bitte sagen Sie mir, daß ich keine Halluzinationen habe!"
Harm hätte wirklich zu gern gewußt, was Anna da zu ihm gesagt hatte. Er sah zu Mac hinüber, aber die grinste nur und zuckte die Schultern. Harm wandte sich wieder den beiden Russen zu. "Ähm, was das mit dem Psychologen betrifft ..."
0946 Z-Zeit (23:46 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Harm, Mac und die beiden Russen hatten ihre Gefangenen gefesselt in der kleinen Hütte zurückgelassen und waren zur Forschungsstation zurückgekehrt. Die anderen Wissenschaftler schliefen schon, niemand hatte etwas von der ganzen Aufregung bemerkt. Nicht einmal Olaf hatte seine Hunde vermißt. Morgen früh würden sie Valdez kontaktieren und einen Hubschrauber anfordern, der sie und die Gefangenen abholen würde.
Harm half Mac, die Hunde auszuspannen und ihre Pfoten auf Verletzungen und Eisstücke zu untersuchen. Als sie sich erhob, schwankte sie einen Moment lang vor Erschöpfung. Harm erinnerte sich wieder daran, daß sie kaum von einer schweren Grippe genesen war und schlang stützend einen Arm um ihre Hüfte.
Anna und Nikolai folgten ihnen ins Haus. "Und Sie beide sind wirklich nicht verheiratet? Sind Sie sicher?" fragte Nikolai zum wiederholten Male.
Harm und Mac lachten. "Das wüßten wir, glauben Sie uns." meinte Mac kopfschüttelnd.
"Und Sie sind auch kein Psychologe?" vergewisserte sich Nikolai.
Harm schüttelte den Kopf. "Es sei denn, ich habe es VERDRÄNGT." scherzte er.
Mac versetzte ihm einen leichten Stoß mit dem Ellenbogen.
"Und woher wußten Sie dann ... ich meine, wieso haben Sie dann Anna so gut verstanden, wenn Sie gar kein Psychologe sind?" fragte Nikolai verwirrt.
Mac und Anna sahen sich stirnrunzelnd an. "Wovon reden die beiden?" – "Keine Ahnung!" fragten und antworteten ihre Blicke gleichzeitig.
"Oh, um manche Dinge zu wissen braucht man nicht unbedingt ein Diplom, ein paar ... Erfahrungen genügen." erklärte Harm möglichst lässig.
"Scheint so," stimmte Nikolai lächelnd zu, "jedenfalls haben Sie mir auch ohne Diplom sehr geholfen. Mit manchen Problemen kann man auf Dauer eben nicht ganz alleine fertig werden."
Harm nickte und sein Blick ruhte auf Mac, die zu Boden sah.
Sie standen inzwischen vor ihren nebeneinander liegenden Quartieren. "Gute Nacht." sagte Anna und schob ihren hochgewachsenen Partner behutsam vor sich her zur Türe.
"Gute Nacht." erwiderten Harm und Mac und betraten ihr Quartier.
0956 Z-Zeit (23:56 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
"Harm?" Macs kühle Hand tastete über das breite Bett und legte sich zögernd auf Harms Unterarm.
Harm zuckte fast zusammen, so unerwartet kam ihre Berührung. In den letzten Wochen hatte sie wirklich jede Art von Kontakt mit ihm vermieden. Die freundschaftliche Berührung wärmte ihn, obwohl ihre Hand eiskalt war. "Hm?" Er wußte, daß sie noch eine Unterhaltung zu Ende zu bringen hatten und er würde dafür sorgen, daß Mac sich nicht darum herum drücken würde, aber jetzt brauchten sie erstmal beide ihren Schlaf.
"Herzlichen Glückwunsch, Harm!" sagte Mac und zog die Hand wieder zurück. Die Stelle an seinem Unterarm fühlte sich plötzlich kalt an.
"Herzlichen Glückwunsch?" Diese Worte waren wirklich die letzten, die er erwartet hatte. "Glückwunsch zu was?" fragte er verständnislos und etwas schläfrig.
Mac lachte ein wenig. "Zum Geburtstag, Harm! Heute ist der 25. Oktober! Das kann auch nur einem Flyboy passieren, daß er seinen eigenen Geburtstag vergißt!"
"Oh, richtig. Danke," Harm war mehr als ein wenig überrascht, daß sie daran gedacht hatte, obwohl die letzten zwei Tage ziemlich hektisch gewesen waren, "aber Mac, genau genommen ist heute schon der 26. Oktober."
"Nein, wir haben den 25. Oktober, noch genau eine Minute und 28 Sekunden lang." widersprach Mac. Sie brauchte Harms Gesicht in der Dunkelheit nicht zu sehen, um zu wissen, daß er jetzt lächelte.
Noch bevor der 26. Oktober anbrach, waren sie beide eingeschlafen – diesmal auch Mac.
1915 Z-Zeit (09:15 Uhr Alaskan Time)
I.C.E.-Hauptgebäude
8 Meilen westlich von Barrow, Alaska
Mac öffnete die Türe, trat nach draußen und setzte ihr Gepäck ab. Der Hubschrauber mußte jeden Moment da sein. Sie sah sich um und nahm alle Details ihrer Umgebung noch einmal in sich auf; den Schnee, der ihre Schritte dämpfte, die weißen Hügel, den weiten Horizont.
"Dieser Ort hier scheint mir Meilen ... Lichtjahre entfernt zu sein von Flugzeugträgern, Washington, JAG ..." murmelte Mac als sie Harm hinter sich treten hörte. Sie wußten beide, was Mac meinte: Von ihren Problemen.
"Dann lassen Sie einfach allen Ballast hier zurück, Mac." sagte Harm sanft.
Mac seufzte. "So einfach ist das nicht. Der Ort ändert nicht, wer wir sind." Sie sah ihn nicht an.
Harm schluckte.
"Hey, ist noch etwas Platz frei in Ihrem Hubschrauber?" fragte eine Stimme hinter ihnen.
Sie drehten sich um.
Es war Anna Tschechow, die mit Nikolai aus dem Haus trat. Von den anderen hatten sie sich bereits innen verabschiedet.
"Haben Sie es sich doch nochmal anders überlegt mit der Navy?" fragte Harm grinsend.
Anna lachte. "Nein, wie Nikolai schon gesagt hat: Ich bin genau da, wo ich sein will." erwiderte sie und legte Nikolai kurz die Hand auf den Arm.
Nikolai lächelte sanft und streckte die Hand aus, gab Harm ein Buch. "Ich wünschte, ich könnte so schreiben, aber leider ist es nur von meinem Namensgefährten, Anton Tschechow," erklärte er, "aber keine Angst: Es ist in Englisch." Er wußte noch immer nicht, daß Mac fließend Russisch sprach.
Harm schlug die erste Seite auf und las das russische Sprichwort, das dort geschrieben stand: "Nur wer die Taiga kennt, versteht die Ewigkeit," Harm atmete tief durch, "Danke."
Mac nahm Harm das Buch ab und drückte stattdessen kurz seine Hand. Sie wußte, daß er jedesmal, wenn er das Wort Taiga hörte, an seinen Vater dachte. Es war niemals leicht, jemanden, den man so geliebt hatte, loszulassen.
Harm erwiderte sanft den Händedruck. Er wußte, daß Mac mit dem Wort Ewigkeit vermutlich keine sehr angenehmen Erinnerungen verband. Es war nicht leicht, loszulassen.
In der Ferne erklangen jetzt Rotorengeräusche und der Hubschrauber kam in Sicht. Harm dirigierte die vier Festgenommenen, die sie heute morgen zusammen mit den Daniels und den Tschechows hergebracht hatten, zu sich hinüber.
Der große Transport-Hubschrauber landete in der Nähe, wirbelte dabei Schnee auf. Zwei Soldaten sprangen heraus und übernahmen die Gefangenen. Harm und Mac schulterten ihr Gepäck und winkten den Tschechows ein letztes Mal stumm zu – der Lärm, den die laufenden Rotoren des Hubschraubers machten, verhinderte jedes weitere Wort.
Der Hubschrauber hob ab, kaum daß sie ihre Plätze eingenommen hatten. Mac schloß müde die Augen. Sie hatte viel Schlaf nachzuholen.
"Mac? Ya tebya liubliu." schrie Harm gegen das Geräusch der Rotorblätter an.
Mac öffnete schlagartig die Augen. "Was?" Sie starrte ihn an.
"Habe ich es falsch ausgesprochen? Ich möchte jetzt endlich wissen, was Anna da gesagt hat! Was bedeutet dieser Satz?" wollte Harm wissen.
"Oh, es bedeutet: Doostat daram." erklärte Mac.
Harm verzog das Gesicht. "Marine-Corps-Humor!" beschwerte er sich, "Mac, Sie wissen doch genau, daß ich kein Farsi spreche."
"Das ist wirklich bedauerlich für Sie," meinte Mac lächelnd, "okay, dann werde ich es Ihnen anders erklären ... Wie wäre es mit: Suki desu?"
"Mac, ich kann auch kein Japanisch!" protestierte Harm und als er bemerkte, daß auch das Macs Mitleid nicht erregte, wechselte er die Taktik und zeigte ihr sein bestes Flyboy-Grinsen, "Hey, Mac, Sie haben mir noch gar nichts zum Geburtstag geschenkt. Wie wäre es mit einer kleinen Übersetzung?"
Mac sagte nichts dazu, sondern schloß erneut die Augen. Nur das leichte Lächeln auf ihrem Gesicht blieb.
1330 Z-Zeit (08:30 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm betrat sein Büro, kam aber erst gar nicht dazu, sich in den Schreibtischsessel zu setzen. Bevor er auch nur seine Aktentasche ablegen konnte, stand Petty Officer Tiner im Türrahmen. "Sir, der Admiral würde Sie gerne sehen." erklärte er.
Harm nickte. Er hatte sich schon gedacht, daß Chegwidden sofort einen Bericht haben wollte. Auf dem Weg nach draußen stieß er fast mit Mac zusammen, die eben gekommen war.
"Guten Morgen." grüßte Harm und sah sie prüfend an. Sie wirkte müde und die dunklen Schatten lagen noch immer unter ihren Augen. Harm hoffte, daß dies nur darauf zurückzuführen war, daß sie erst gestern nacht um 4 Uhr Washingtoner Zeit in Dulles angekommen waren und nicht darauf, daß sie erneut unter Schlaflosigkeit litt.
"Sie sehen müde aus." meinte Mac mit einem prüfenden Blick.
"Ich BIN müde," gab Harm zu und grinste, weil sie dasselbe bemerkt hatte, "und ich hoffe, daß uns der Admiral den Rest des Tages frei gibt, nachdem wir ihm gleich Bericht erstattet haben."
Harm klopfte an die Türe des Admirals. "Kommen Sie rein." sagte Chegwidden von innen.
Harm zögerte einen Moment lang. Er konnte sich noch gut daran erinnern, was das letzte Mal passiert war, als er und Mac zusammen das Büro des Admirals betraten. Er hatte ihr den Vortritt gelassen und dafür hatte ihm Mac "machohafte Pseudo-Höflichkeit" vorgeworfen. Er wollte nicht schon wieder einen Streit riskieren, aber er brachte es auch nicht fertig, sich einfach so völlig un-gentleman-like vorzudrängeln.
"Machen Sie’s nicht so kompliziert! Rein mit Ihnen!" befahl Mac, als wüßte sie ganz genau, an was er dachte.
Harm salutierte scherzhaft. "Aye, aye, Ma’am!" Ein wenig erleichtert trat er ein und schloß dann die Türe hinter Mac.
Vor dem Schreibtisch des Admirals nahmen sie Haltung an. "Commander Rabb und Lieutenant Colonel MacKenzie wie befohlen zur Stelle." meldete Harm.
A.J. Chegwidden sah seine Leute prüfend an und schien zu dem Schluß zu kommen, daß sie ziemlich erschöpft aussahen. "Setzen Sie sich." befahl er und deutete auf zwei Stühle. CIA-Agent Clayton Webb saß bereits entspannt in einem Sessel.
"Wie ich hörte, haben Sie unsere beiden Toten gefunden." begann der Admiral mit dem für ihn typischen grimmigen Lächeln.
"Ja, Sir." erwiderte Harm. "Und vielleicht haben wir auch mehr als das gefunden ... vielleicht haben wir auch ein Stückchen unserer alten Freundschaft wiedergefunden." dachte er. Er hoffte, daß es so war. "Die Angehörigen der I.C.E-Station, insbesondere Oberstleutnant Nikolai Tschechow und Major Anna Tschechow, haben uns sehr dabei geholfen. Nachdem Colonel MacKenzie festgestellt hatte, daß am letzten Aufenthaltsort der Reardons keine Vorräte zurückgelassen wurden, haben wir vermutet, daß die Reardons sich mit Hilfe von jemandem auf der Station versteckt hielten. Erst später haben wir dann herausgefunden, daß die Akimotos, die für die japanische Firma Yamamoto-Industries arbeiten, hinter der Sache steckten. Daraufhin sind wir den Japanern einfach gefolgt, als sie die Reardons ausfliegen lassen wollten." gab Harm eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse in Alaska.
Diesmal war selbst Webb restlos zufrieden. "Gut gemacht, Commander, Colonel," meinte er mit seinem etwas arroganten Agenten-Lächeln, "Diesmal haben Sie sogar darauf verzichtet, einen internationalen Zwischenfall auszulösen und wurden nichtmal als Geisel genommen! Ich hätte es praktisch selbst nicht besser machen können," Er grinste erneut und meinte großzügig: "Ich werde bei nächster Gelegenheit auf Sie zurückgreifen."
"Hören Sie endlich auf, meine Leute ständig für die CIA rekrutieren zu wollen, Webb!" beschwerte sich der Admiral, "Suchen Sie sich jemand anderen; Rabb und MacKenzie sind die nächsten zehn Jahre lang mit Schreibtischarbeit und im Gerichtssaal beschäftigt." Dann entspannte sich Chegwidden etwas, als er den grimmigen Blick von Webb abwandte und stattdessen zu seinem besten Team hinübersah.
A.J. Chegwidden nickte zufrieden, lehnte sich in seinem Sessel zurück und fuhr sich durch sein nicht vorhandendes Haar. "Gute Arbeit, alle beide." lobte er knapp und sah seine beiden Offiziere prüfend an. Zu gerne hätte er gewußt, ob es in Alaska um ein Haar wirklich zwei Tote gegeben hatte oder ob sie das Kriegsbeil endlich begraben hatten, aber er wollte Webb nicht die Genugtuung geben, daß zwei seiner Leute zu unprofessionell waren, um friedlich miteinander zu arbeiten. Chegwidden sagte sich, daß er es ohnehin bald erfahren würde – schließlich war er der Admiral.
Doch leider war Webb immer noch ein Mitglied des Geheimdienstes und schien seine Augen und Ohren wirklich überall zu haben. "Und? Harm? Mac? Wie waren die Flitterwochen? Wie ist die werte Ehe?" fragte Webb grinsend. Er genoß es, diese beiden coolen Anwälte in Verlegenheit zu bringen.
"Eines ist sicher: Sie ist besser als meine letzte." entgegnete Mac ohne mit der Wimper zu zucken.
Harm grinste. Webb mußte erst noch lernen, sich nie mit einem Marine anzulegen.
Die Mundwinkel des Admirals zuckten schadenfroh und triumphierend. Er nickte seinen beiden Offizieren zu. "Sie können gehen. Und nehmen Sie sich den Rest der Woche frei."
Mac und Harm erhoben sich und salutierten. "Aye, Sir." erwiderten sie und waren für einen Moment erstaunt über diesen plötzlichen Anflug von Großzügigkeit – bis ihnen einfiel, daß der "Rest der Woche" nur noch aus einem einzigen Arbeitstag bestand.
"Haben Sie nicht etwas vergessen?" holte Webbs Stimme sie ein, als sie bereits an der Türe waren.
Sie drehten sich erneut um. "Was könnte das wohl sein, Webb?" brummte Mac wenig erfreut.
"Sie versuchen doch nicht etwa, sich auf Kosten des Außenministeriums zu bereichern?" fragte Webb mit einem spöttischen Grinsen.
"Reden Sie endlich Klartext, Webb, ich werde wegen Ihnen keinen Übersetzer oder Code-Spezialisten herbemühen!" knurrte Chegwidden verärgert.
Webb streckte auffordernd die Handfläche aus. "Die Ringe! Sie haben noch die Ringe!" erklärte er grinsend.
Er erntete drei mißbilligende Blicke.
Mac streifte kommentarlos ihren Ring ab, aber Harm konnte sich nicht verkneifen spöttisch zu sagen: "Ein Wunder, daß unsere Finger nicht von Grünspan verfärbt sind – scheinbar sind wir der der CIA ... pardon, dem Außenministerium, mehr wert, als ich dachte."
"Sie persönlich vielleicht nicht, Commander, aber Ihre Partnerin hat noch einige Raten für ein Kleid abzuzahlen." erklärte Webb scherzhaft.
"Passen Sie nur auf, daß ich Ihnen IHRE nächste Rate nicht gleich mitgebe." meinte A.J. Chegwidden brummig und deutete vielsagend auf Webbs Nase.
Der CIA-Agent hoffte, daß das nur die Art des Ex-Seals war, mit ihm zu scherzen, aber vorsichtshalber enthielt er sich weiterer Kommentare und ließ Harm und Mac gehen.
1349 Z-Zeit (08:49 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Mac, wie wäre es, wenn Sie heute abend mal wieder zu mir kommen würden? Ich koche uns etwas oder wir können Pizza bestellen, ganz wie in alten Zeiten." schlug Harm vor, sobald sie das Büro des Admirals verlassen hatten – er wollte Mac keine Gelegenheit geben, wieder auf Distanz zu gehen.
Mac sah ihn überrascht und fast etwas mißtrauisch an. "Wie in alten Zeiten? Aber wir haben keinen momentan Fall, den wir durchgehen müßten." erinnerte sie.
"Wir haben aber eine Unterhaltung, die wir noch beenden müssen – oh, doch, sie war noch nicht beendet!" sagte Harm mit Nachdruck, denn er sah Macs Einwand gleich kommen, "Also, Mrs. Ex-Roberts ... 19 Uhr, bei mir?" Er bedachte sie mit seinem überzeugendsten Flyboy-Grinsen, während sie Tiners Büro verließen und an einigen Schreibtischen vorbei zu ihren Büros gingen.
"Kommt überhaupt nicht in Frage!" widersprach Mac, bevor sie und Harm ihr Büro betraten. Sie schloß die Türe hinter sich. "Sie kommen zu mir und bringen die Pizza mit. Und wehe, Sie vergessen den Schinken auf meiner Hälfte!"
"Würde mir nie einfallen," versicherte Harm treuherzig, "ich weiß doch, daß ihr Marines keinen Spaß versteht, wenn es ums Essen geht."
Mac nickte. "So ist es. Und seien Sie pünktlich." Sie nahm ihre Aktenmappe und sie traten wieder in das Großraumbüro hinaus.
Harm grinste. "Darauf können Sie Gift nehmen."
1354 Z-Zeit (08:54 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harriet Sims-Roberts seufzte verzweifelt. "Oh, Bud, hast du das gehört? ‘Kommt nicht in Frage‘ hat Colonel MacKenzie gesagt und der Commander ’Darauf können Sie Gift nehmen‘! Und ich hatte so gehofft, daß Sie auf dieser Mission endlich wieder zueinander finden ... ich meine, ihre Freundschaft wiederfinden!" platzte es aus ihr heraus und sie sah ihren Mann bekümmert an.
Bud war froh, daß sie in den vergangenen Wochen nicht oft im Büro gewesen war und deshalb nicht mitbekommen hatte, daß Harm und Mac sich noch viel häßlichere Dinge an den Kopf geworfen hatten. "Ja, das hatte ich auch gehofft, aber anscheinend ist da nichts mehr zu machen." meinte er bedauernd.
"Bud Roberts! Du glaubst doch wohl nicht, daß ich zusehen werde, wie unsere besten Freunde, unsere Mentoren, die Paten unseres Kindes ... ihre wundervolle Freundschaft so einfach wegwerfen!"
Bud seufzte. Manchmal hatte seine süße Frau die fixe Idee, die ganze Welt verbessern zu wollen ... und er liebte sie dafür. "Harriet, wir sollten uns da wirklich nicht einmischen..." warnte er.
"Nicht einmischen? Bud, stell dir mal vor, das hätten der Colonel und der Commander auch gesagt, als wir uns kennengelernt haben. Vermutlich würdest du jetzt noch überlegen, wie du mich um eine Verabredung bitten sollst." Sie knuffte Bud liebevoll.
"Vermutlich hast du Recht, Harriet." gab Bud nur halbwegs überzeugt nach.
"Natürlich habe ich Recht, die beiden brauchen bloß einen Schubser in die richtige Richtung, das ist alles." meinte Harriet.
"Harriet, es ist keine gute Idee, einen vorgesetzten Offizier zu schubsen!" warnte Bud.
"Sie sind unsere Freunde, nicht nur unsere Vorgesetzten. Und sie werden uns sicher nicht böse sein," versicherte Harriet, "Wir müssen die Sache einfach nur angehen, als wäre es eine präzise militärische Operation." Das hatte sie vom Admiral gelernt.
"Harriet?" Bud sah sie fragend an.
"Wir werden unsere Truppen ganz einfach teilen, um den Krieg an zwei Fronten zu schlagen, Bud." erklärte seine blonde Frau mit einem Lächeln. "Paß auf ..."
2344 Z-Zeit (18:44 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Es klingelte. Jingo lief erwartungsvoll zur Tür. Mac gab ihm einen liebevollen Klaps und zog ihn am Halsband weg. "Das ist mein Essen, nicht deins." sagte sie zu dem Hund und öffnete die Türe. "Hey, das war ja wirklich überpünktli ... Harriet, was führt Sie denn her?"
Die blonde Ensign stand verlegen vor der Türe.
Mac riß sich zusammen. "Kommen Sie erstmal rein, Harriet." Sie führte den unerwarteten Gast ins Wohnzimmer und nahm ihr den Mantel ab. "Haben Sie Streit mit Bud oder soetwas?" erkundigte sie sich besorgt.
"Uh, ähm, nein, das ist es nicht, ich wollte eigentlich ... aber ich komme gerne ein anderes mal wieder, wenn es Ihnen jetzt ungelegen ist..." Harriet hatte den für zwei Personen gedeckten Tisch gesehen. Ganz offensichtlich erwartete Mac jemanden, vielleicht Commander Brumby.
"Ist schon okay," versicherte Mac, "Jetzt wo Sie schonmal da sind können Sie auch bleiben. Sie können sogar ein Stück Pizza mitessen." bot sie freundlich an.
"Ich wollte wirklich nicht stören, ich ... habe mir nur Sorgen gemacht." erklärte Harriet.
"Sorgen? Irgendetwas nicht in Ordnung?" fragte Mac besorgt. Sie hatte ihren Freunden in den letzten Wochen einfach zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hatte nicht mitbekommen, wie es Harriet und Bud ging. Jetzt machte sie sich Vorwürfe deswegen.
"Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht ... um Sie und den Commander." gestand Harriet.
Mac seufzte. Gerüchte schienen sich wie immer in Windeseile im ganzen JAG-Büro zu verbreiten. "Es gibt nichts, was Ihnen Sorgen machen müßte. Ich habe ihm den Ring zurückgegeben und wir haben uns ohne jedes Aufsehen getrennt ..." sagte Mac, bevor ihr einfiel, daß Harriet mit "Commander" vermutlich Harm und nicht Mic Brumby gemeint hatte. Bud und Harriet waren noch immer kaum dazu zu bewegen, sie und Harm mit dem Vornamen anzusprechen.
Harriet sah sie groß an. "Ähm, Ma’am, ich meinte eigentlich ... Sie haben sich von Commander Brumby getrennt?" Nur knapp hielt sie sich davon zurück ein "Das ist ja wunderbar!" hinzuzufügen. Nicht, daß sie den Australier nicht mochte, sie war eben nur der festen Überzeugung, daß er und Mac nicht füreinander bestimmt waren.
Mac nickte. Früher oder später würde es ohnehin jeder im Büro erfahren und sie sah keinen Grund, es vor Harriet, ihrer Freundin, zu verbergen. "Ja," bestätigte sie, "vermutlich war es besser so."
"Und Commander Rabb?" fragte Harriet.
Mac sah sie scharf an. "Was hat er damit zu tun?" fragte sie warnend. Sie wußte, wie Harriet manchmal sein konnte, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte.
"Oh, nichts, Ma’am, so hab ich das nicht gemeint. Ich habe nur gehört, wie Sie sich gestritten haben und ... es ist schwer genug, wenn eine Beziehung endet, aber eine Freundschaft wie die Ihre, die so viel überstanden hat, so viele andere Beziehungen überlebt hat..." Harriet sah sie traurig an.
Macs ausdrucksvolle braune Augen blickten ernst. Harriet hatte Recht. Ihre Freundschaft zu Harm hatte alle anderen Beziehungen in ihrem Leben überdauert. Diese Freundschaft war wahrscheinlich wertvoller als eine Beziehung. "Na, leider kommt dir diese Erkenntnis ja reichlich spät, Sarah MacKenzie!" dachte sie. Sie hätte sich wirklich ohrfeigen können, daß sie ihre Freundschaft zu Harm aufs Spiel gesetzt und vielleicht zerstört hatte, nur weil sie mehr gewollt hatte, aber leider war es nicht mehr wieder rückgängig zu machen.
2315 Z-Zeit (18:15 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station,
Washington D.C.
Eine halbe Stunde zuvor:
Nachdem Harriet ihn in Harms Straße abgesetzt hatte, stand Bud einen Augenblick unschlüssig da, bevor er sich in Bewegung setzte. Als er das Haus, in dem sich Harms Apartment befand, gerade betreten wollte, öffnete sich die Türe und er prallte fast mit Harm zusammen.
"Bud?! Wollen Sie zu mir? Dann tut’s mir leid, ich bin gerade im Aufbruch." sagte Harm und als er sah, wie mutlos Bud dastand, fügte er hinzu, "wenn Sie mit mir reden wollen, müssen Sie schon mitkommen, ich kann Sie irgendwo in der Stadt absetzen."
Bud nickte. Das war immer noch besser, als hier eine Stunde vor dem Haus auf Harriet zu warten und ihr dann erklären zu müssen, daß er nicht mit Harm hatte sprechen können. "Nur, wenn es kein Umweg ist."
Harm schlug ihm auf die Schulter. "Ist es nicht, Bud, ich muß noch eine Pizza abholen. Also kommen Sie."
Sie stiegen in Harms SUV und Harm startete den Motor. "Also, um was geht’s denn, Bud?" fragte Harm nach einer Weile. Er glaubte, daß Bud seine Hilfe in irgendeinem Fall brauchte, an dem er gerade arbeitete. "Immer noch der Jonesy-Fall?"
Bud schüttelte den Kopf. Er beschloß, gar nicht erst zu versuchen, diplomatisch zu sein – es endete für gewöhnlich damit, daß er sich völlig in irgendetwas verwickelte. "Der Rabb-MacKenzie-Fall, Sir." Bud schielte ihn von der Seite her an, um seine Reaktion zu erfassen.
Harm runzelte die Stirn. "Machen Sie keine Scherze, während ich Auto fahre, Bud! Seit wann sind Mac und ich zu einem Fall geworden?"
"Zu einem Problemfall, Sir, um ganz genau zu sein. Nicht daß Sie jetzt glauben, wir hätten gelauscht oder so ... aber Harriet und ich haben heute morgen Ihren Streit mit Colonel MacKenzie mitangehört und ... offen gesagt, Sir, wir machen uns Sorgen. Damit will ich jetzt nicht gesagt haben, Sie könnten Ihre Probleme nicht alleine lösen, Sir." fügte er eilig hinzu.
"Hey, keine Angst, ich werde Ihnen schon nicht gleich den Kopf abreißen, nur weil Sie sich Sorgen machen, so wie jeder Freund es tun würde." beruhigte Harm ihn lächelnd. Er hielt vor der Pizzeria. "Eine Sekunde, ja?"
Zwei Minuten später kam er mit einer flachen Pappschachtel zurück. Er drückte sie Bud in die Hand und fädelte sich wieder in den Abendverkehr ein. "Und bitte Finger weg vom Schinken, sonst bin ich ein toter Mann!" warnte er Bud grinsend.
Bud nickte und umklammerte haltsuchend die Pizza-Schachtel. "Commander, ich mische mich nicht gerne in Ihre Angelegenheiten ..." begann er wieder.
" ... aber Harriet hat Sie dazu überredet?" vermutete Harm nachsichtig lächelnd.
Bud schüttelte den Kopf. "Nicht wirklich, Sir. Ich war derselben Meinung, ich ... brauche eben nur manchmal einen kleinen Schubser," Bud grinste ein wenig schuldbewußt, "Sir, ich ... wir hatten gehofft, daß Sie und der Colonel Ihre Probleme in Alaska ausdiskutieren würden, aber heute morgen ..." Bud gestikulierte hilflos.
"Heute morgen?" hakte Harm nach.
"Heute morgen haben Sie sich wieder gestritten." seufzte Bud. Er haßte es wirklich, wenn sie das taten! Er begann dann, sich wie ein Scheidungskind zu fühlen.
"Und was genau wollen Sie mir jetzt sagen?" fragte Harm.
"Ich wollte Sie nur bitten, Ihre Freundschaft mit dem Colonel nicht kaputt zu machen, Sir. Bitte reden Sie doch nochmal mit ihr." Bud sah ihn hoffnungsvoll an.
"Ich nehme an, Harriet ist jetzt bei Mac und versucht, sie vom gleichen zu überzeugen, hm?" vermutete Harm und unterdrückte ein Grinsen. Guter, alter Bud; gute, alte Harriet! Die beiden waren wirklich treue Seelen – und schaden konnte es auf keinen Fall, wenn jemand Mac nochmal einschärfte, wie wichtig es war, mit seinen Freunden zu reden. Schließlich stand ihnen noch immer diese Unterhaltung bevor.
"Ja, Sir." bestätigte Bud.
Harm parkte sein Auto vor Macs Haus und stellte den Motor aus. Er entdeckte sofort den neuen Van der Roberts.
"Sir?" Bud sah ihn groß an. Er bemerkte erst jetzt, daß sie in Georgetown waren.
"Kommen Sie, Bud, wir statten Ihrer Frau einen Besuch ab." forderte Harm ihn grinsend auf.
Bud folgte ihm unbehaglich. Er hoffte, daß Harriet nicht allzu böse sein würde. Dann dachte er an den Colonel. Vermutlich würde sie ihn in der Luft zerreißen, wenn er den Commander so unvermutet hier anschleppte. "Ich wußte doch, daß es eine DUMME Idee war, sich einzumischen!" sagte er sich selbst, als sie schließlich vor Macs Apartment-Türe standen.
2358 Z-Zeit (18:58 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Harriet fuhr ein wenig zusammen, als es an der Türe klingelte. Sie wollte ihren Mantel nehmen und gehen, aber Mac hielt sie zurück. "Das ist nur die Pizza," erklärte sie und verbarg ihr spitzbübisches Grinsen. Eine kleine Lektion wollte sie Harriet doch erteilen, "würden Sie mal bitte nachsehen, ich muß noch rasch die Salatsoße zubereiten."
Harriet nickte und öffnete gehorsam die Tür. Vor ihr stand ihr Ehemann mit einer Pizza-Schachtel in der Hand. "Bud?" entfuhr es ihr überrascht.
Bud drückte ihr die Pizza in die Hand. "Äh, tut mir leid, Harriet ..." Er deutete auf Harm, der grinsend hinter ihm stand.
"Commander Rabb?! Sir?" Harriet starrte ihn an.
Harm lachte. "Wie wär’s, wenn Sie mich reinlassen, bevor meine Hälfte der Pizza kalt wird?" schlug er belustigt vor.
Harriet wich automatisch zur Seite. Harm schob Bud vor sich her und schloß die Türe hinter ihnen beiden.
Mac kam aus dem Wohnzimmer. Harm und sie wechselten einen amüsierten Blick.
Mac deutete auf die Schachtel in Harriets Hand. "Ich hoffe, da ist Schinken drauf, Flyboy."
Harm grinste. "Auf der einen Hälfte, ja – es sei denn, Bud hat ihn gegessen, als ich gerade nicht aufgepaßt habe."
Bud bekam rote Ohren und hob abwehrend die Hand. "Oh, nein, Sir, das würde ich nie tun." versicherte er.
Harriet sah irritiert von einem zum anderen. "Sir, Ma’am ... heute morgen haben Sie doch noch ... oder war das nur ein Trick? Ich meine, Sie sind doch nicht ... oder doch?" Mit einem zögernden Lächeln sah sie erneut zwischen Harm und Mac hin und her.
"Wir sind Freunde, Harriet." erklärte Mac mit einem fragenden Blick zu Harm. Zu ihrer Erleichterung nickte Harm.
"Aber wir haben doch gehört, wie Sie sich heute morgen im Büro gestritten haben." sagte Bud verwirrt.
"Wir haben darüber diskutiert, was und wo wir heute abend essen," stellte Harm klar, "was keine leichte Sache ist, wenn man es mit einem Marine zu tun hat." Er grinste.
"Wir Marines haben eben Niveau!" meinte Mac.
"Pizza aus einer Pappschachtel zu essen halten Sie für niveauvoll?" fragte Harm skeptisch.
"Nur wenn die Pizza mit Schinken belegt ist." verbesserte Mac schelmisch.
Harriet stellte die Schachtel auf den Tisch und dirigierte Bud zur Türe. Wie es aussah, gab es hier nichts mehr zu tun für sie.
"Harriet, wenn Sie auf dem Nachhause-Weg Hunger bekommen sollten ... Bud weiß, wo die Pizzeria ist!" rief Harm ihnen grinsend hinterher. Mac schlug ihn leicht auf den Arm und Harm grinste noch stärker.
0032 Z-Zeit (19:32 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Mac spülte den letzten Bissen ihrer Pizza mit einem Schluck Mineralwasser hinunter und lehnte sich zufrieden zurück. "Es ist schon toll, wenn man Freunde hat, die sich so um einen sorgen." meinte sie nachdenklich.
Harm nickte. "Bud und Harriet sind wirklich in Ordnung." stimmte er zu.
Mac sah ihn unsicher an. Sie hatte nicht nur Bud und Harriet damit gemeint. Dann lachte sie. "Sie hätten mal Harriets Gesicht sehen sollen, als Sie den Tisch für zwei Personen gedeckt sah! Sie wollte sofort wieder verschwinden."
"Hey, Sie hätten mal sehen sollen, wie überrascht Bud war, als er bemerkte, daß er plötzlich vor Ihrem Haus gelandet war!" warf Harm ein.
"Das ist sicher nichts verglichen mit Harriets Überraschung als ich ihr sagte, daß ich mich von Mic getrennt habe." konterte Mac.
Harm lachte nicht mehr und nickte nur. Das hatte auch ihn vollkommen überrascht. Er erinnerte sich plötzlich wieder daran, daß er Mac noch immer nicht erzählt hatte, daß er sich schon vor zwei Wochen von Renee getrennt hatte. Er wollte nicht, daß sie es von irgendjemand anderem erfuhr, denn das hätte ihrer noch immer etwas wackeligen Freundschaft mit Sicherheit den Rest gegeben. "Ähm, Mac, wo wir gerade beim Thema Trennungen sind, hab ich Ihnen schon gesagt, daß Renee und ich uns getrennt haben?" Harm fischte mit der Gabel in seiner leeren Salat-Schale herum.
"Ach?" sagte Mac ohne große Überraschung, "wurde es Ihnen wieder einmal zu ernst?"
Harm legte die Gabel hin. "Nein, eher im Gegenteil." Erst als er es sagte, begriff Harm, daß es die Wahrheit war. Die Beziehung zu Renee war zu oberflächlich gewesen, um auf Dauer wirklich befriedigend zu sein.
Mac fragte nicht nach, sie hatte kein Bedürfnis danach, seine Beziehung zu Renee mit Harm zu diskutieren. Sie hatte schließlich keine masochistische Ader.
Einen Moment lang schwiegen beide, dann erhob sich Mac und stellte die Salatteller und das Besteck in die Geschirrspülmaschine. "Kaffee?" fragte sie ihren Gast.
Harm schüttelte den Kopf. "Ich trinke, was Sie auch trinken und angesichts Ihrer Schlafprobleme sollten Sie lieber auf Kaffee so spät am Abend verzichten." erklärte er rücksichtsvoll.
Mac nahm wortlos eine weitere Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank und sie setzten sich auf die Couch, an gegenüberliegenden Enden.
"Und, Mac, haben Sie sich jetzt schon ein Geschenk für mich ausgedacht?" erkundigte Harm sich nach einer Weile, "ich bin noch immer an der Übersetzung von diesem ’liubliu‘ oder so ähnlich interessiert."
Mac zuckte grinsend die Schultern. "Tut mir leid, ich habe schon ein anderes Geschenk für Sie."
Harm sah sie erwartungsvoll an. "Ach ja?"
Mac nickte. "Es ist sogar DAS perfekte Geschenk, sozusagen. Es ist etwas, was jeder braucht und mag. Man kann eigentlich gar nicht zuviel davon haben und der Geber ist nichtmal beleidigt, wenn es zurückgegeben wird. Vor allem nicht dieser Geber. Ich bin nur nicht sicher, ob Sie dieses Geschenk noch immer wollen."
Harm mußte fast über ihr geheimnisvolles Gebaren lachen. "Und was ist das für ein mysteriöses Geschenk?" wollte er wissen.
Mac schluckte. "Freundschaft." sagte sie leise.
Harm starrte sie einen Moment nur sprachlos an, dann umarmte er sie kurz, aber fest. "Mac, das ist das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe." sagte er, nachdem er sich dreimal geräuspert hatte. Es erleichterte ihn mehr als er sagen konnte, daß Mac noch immer sein Freund sein wollte.
"Schöner als diese Hummer-Topflappen, die Harriet Ihnen geschenkt hat?" Mac versuchte, hinter einem Scherz zu verbergen, wie ernst es ihr wirklich war.
Harm bemerkte es, aber er wußte, daß es Macs Art war, mit der Situation fertigzuwerden. Er hatte sich selbst oft genug in einen Scherz gerettet, wenn es allzu ernst wurde. "Harriets Topflappen sind ohne Frage außer Konkurrenz." meinte er lächelnd.
Jeder zog sich wieder auf seine Hälfte des Sofas zurück und für eine Minute herrschte Schweigen.
"Harm? Ich hab das wirklich ernst gemeint. Es tut mir wirklich leid, daß ich um ein Haar unsere Freundschaft zerstört habe." sagte Mac dann ernst.
Harm sah sie an und runzelte die Stirn. "Das ist genau der Punkt, an dem unser Gespräch das letzte Mal abgebrochen wurde, erinnern Sie sich? Und es ist auch ein Grund, warum ich heute Abend mit Ihnen sprechen wollte. Ich wollte nicht, daß Sie glauben, daß Sie unsere Freundschaft zerstört haben, nur weil Sie Ihre Probleme, Ihre Frustration ... ähm ..."
"... an Ihnen ausgelassen habe, sagen Sie’s nur." seufzte Mac, "ich weiß, daß ich in den letzten Wochen nicht immer ganz gerecht Ihnen gegenüber war. Ich habe Sie ständig wegen jeder Kleinigkeit angegriffen und dafür entschuldige ich mich. Aber das ist nicht der Grund, warum ich glaube, unsere Freundschaft fast zerstört zu haben, jedenfalls nicht nur. Ich meine, dieser Ärger, diese Ungerechtigkeit ... war doch nur ein Symptom. Wenn wir noch Freunde gewesen wären, dann hätte ich doch nicht ... Ich meine ... ich weiß glaube ich selbst nicht, was ich meine. Was ich sage ergibt keinen Sinn, oder?" Mac brach ab.
"Nicht besonders," gestand Harm, "aber sprechen Sie weiter." Ermutigend und besorgt zugleich sah er sie an. Für gewöhnlich konnte Mac ihre Sätze so elegant und präzise formulieren, daß sie jeden Verdächtigen innerhalb von Minuten an die Wand nageln konnte; sie war in der Lage, mit einigen wenigen, gutgewählten Worten jede Jury zu überzeugen. Daß sie jetzt begann, auf eine Art herumzustottern und in Halbsätzen zu sprechen, wie man es eher von Bud erwartet hätte, zeigte ihm, daß sie verwirrt war.
"Gut, ich hatte in letzter Zeit so meine Krisen und Probleme und ich habe alles in mich hineingefressen, bis ich vor lauter Sorgen nicht mehr schlafen und nicht mehr essen konnte. Daraufhin wurde ich natürlich gereizt wie eine Hyäne." begann sie in dem Versuch, ihre Gedanken zu ordnen.
"Ja, und Sie haben Mauern um sich herum aufgebaut, um ja nichts und niemanden an Sie heran zu lassen," fügte Harm hinzu, "Ich weiß, daß dieses abweisende, zornige Gebaren bei Ihnen oft nur eine Art Schutzmechanismus ist. Aber ich dachte, daß Sie vielleicht mir ... ich meine, Sie hätten mit mir reden können, ich habe es doch wirklich oft genug versucht. Aber Sie haben einfach zugemacht."
"Harm, Sie waren wirklich der letzte, mit dem ich hätte reden wollen." gestand Mac offen.
Sie sah sofort Harms verletzten Blick. "Oh, bitte, bitte, laß mich jetzt nicht schon wieder alles falsch machen!" dachte sie beschwörend. Sie schloß für einen Moment die Augen.
"Harm, es war mir wirklich ernst vorhin, diese Freundschaft ist mir wichtig und ich weiß, daß wir sie nur wieder aufbauen können, wenn wir vollkommen ehrlich zueinander sind." Ihre braunen Augen sahen ihn bittend an.
Harm nickte abwartend. "Okay."
"Unsere Freundschaft hatte so ihre Probleme, wir mußten beide erst lernen, Vertrauen zu haben, aber ich glaube, das hätten wir gemeistert. Was unserer Freundschaft wirklich den Rest gegeben hat, war Australien, dieses Gespräch auf der Fähre." Mac seufzte und senkte den Blick.
Harm erstarrte. War es das? War sie ihm deshalb ständig ausgewichen? War sie deshalb so wütend auf ihn, auf sich selbst und auf die ganze Welt gewesen?
Harm begann spätestens jetzt, sich unwohl zu fühlen. Diese Wendung des Gesprächs hatte er nicht unbedingt erwartet. "Mac, ich weiß, daß ich da eine Menge falsch ..."
Mac schüttelte energisch den Kopf. "Nein, Harm, nicht Sie, ich habe den Fehler begangen," widersprach sie energisch und zugleich traurig, "Ich habe unsere Freundschaft zerstört, indem ich Sie zu mehr gedrängt habe und einfach nicht einsehen konnte, daß Sie zu mehr nicht bereit sind. Und dann hab ich auch noch versucht, Sie zu einer Entscheidung zu zwingen, indem ich Mics Ring angenommen habe. Ich wußte, daß Sie schon immer eine beschützende Haltung mir gegenüber eingenommen haben, wenn es um die Männer ging, mit denen ich mich verabredete. Ich habe das ausgenutzt und es tut mir wirklich leid. Ich habe mich wirklich dumm und kindisch verhalten und damit fast unsere Freundschaft zerstört. Es tut mir leid." Sie biß sich auf die Lippe und senkte den Kopf.
Harm sah sie an – erstaunt, verwirrt, verärgert und bewundernd zugleich. "Mac, ich ..."
"Nein, ist schon gut, Harm, Sie müssen jetzt nichts sagen," unterbrach Mac ihn sofort, "das war auch das beste, was Sie auf der Fähre tun konnten."
Harm schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, Mac, das war mit Sicherheit nicht das Beste, es war nur das Leichteste. Sehen Sie sich an, wohin uns dieses nicht miteinander reden gebracht hat. Es hat uns fast die Freundschaft gekostet und ich will nicht denselben Fehler nochmal machen. Sie waren auf dieser Fähre so mutig, die Karten offen auf den Tisch zu legen; Sie haben mir Ihre Gefühle offenbart und mir vertraut. Und dieses Vertrauen habe ich mit Füßen getreten. Ich wollte nicht einmal darüber reden. DAS hätte fast unsere Freundschaft zerstört."
Harm atmete tief durch. Es bereitete ihm noch immer etwas Unbehagen, darüber zu sprechen, aber er hatte nicht vor, Mac nochmal so zu verletzen und ihre Freundschaft erneut aufs Spiel zu setzen. "Nichts zu sagen und nur Sie reden zu lassen war nicht klug, sondern feige." sagte er entschieden.
Mac jedoch schüttelte den Kopf. "Nein, Sie haben sich nur verhalten, wie jemand, der einen Freund nicht verletzen will. Ich habe Ihnen die Worte praktisch in den Mund gelegt und alles, was Sie sagten, so interpretiert, wie ich es wollte. Es war wirklich das Beste, was Sie tun konnten, nicht noch mehr zu sagen. Mir ist heute klar, daß ich Sie in eine unmögliche Situation gebracht habe, in ein Dilemma, wenn man so will. Sie hatten nur drei Möglichkeiten: Sie konnten offen sein und mich verletzen, Sie konnten lügen und mir sagen, was ich hören wollte oder Sie konnten nichts mehr sagen und hoffen, ich würde den Hinweis von selbst verstehen. Ich habe ihn jetzt verstanden, Harm."
Mac schwieg und sah zu Boden. "Es tut mir wirklich leid, Harm, und ich verspreche, nicht nochmal soetwas Dummes zu tun, was unsere Freundschaft gefährden könnte, okay?"
Harm nickte fast ein wenig benommen.
"Dann sind wir wieder Freunde?" vergewisserte sich Mac. Ihre dunklen Augen blickten verletzlich.
"Wir sind Freunde," bestätigte Harm mit einem zögernden Lächeln, "und darüber bin ich froh."
Mac ließ den Atem entweichen, den sie unbewußt angehalten hatte. "Ich bin auch froh, Harm. Ich habe meinen besten Freund wirklich vermißt." Sie schätzte diese Freundschaft wirklich sehr. Wenn Harm kein romantisches Interesse an ihr hatte, dann konnte sie damit leben, solange sie nur seine Freundschaft hatte. Das sagte sie sich jedenfalls täglich.
Harm sah, daß Mac sich etwas zurücklehnte und nach ihrem Glas griff. Ihre ganze Haltung wirkte jetzt entspannter. Er wußte, daß sie dieses Thema damit für beendet hielt, aber er hatte noch etwas zu sagen. Er wollte nicht, daß Mac die Schuld für die Vorfälle und Spannungen der letzten Wochen ganz allein auf sich nahm. Und er wußte, daß sie Recht hatte: Eine Freundschaft wie die ihre benötigte und verdiente etwas Ehrlichkeit.
"Okay, Mac, jetzt haben Sie sich entschuldigt und ich denke, nun bin ich an der Reihe. Ich hatte genauso meinen Anteil daran, daß in der letzten Zeit so vieles schief gelaufen ist zwischen uns.
Sie haben Recht, Mac, ich habe mich auf der Fähre etwas ... in die Enge getrieben gefühlt." gab er zu.
Mac wollte etwas sagen, vielleicht, daß sie das verstehen konnte oder vielleicht wollte sie sich erneut entschuldigen.
Harm hob schnell die Hand. Er hätte das schon vor langer Zeit einmal sagen sollen und er wollte die Gelegenheit nicht versäumen, es jetzt zu tun. Er wollte, daß endlich wirklich alle Mißverständnisse zwischen ihnen ausgeräumt wurden. Nur dann hatten sie eine solide Basis, auf der sie erneut eine Freundschaft aufbauen konnten. "Nein, lassen Sie mich bitte versuchen, das zu erklären, okay?"
Mac nickte.
Harm atmete tief durch und beschloß, einfach von vorne anzufangen. "Als ich Sie zum ersten Mal sah, da fiel mir sofort Ihre unglaubliche Ähnlichkeit mit Diane auf. Nein, auffallen ist nicht das richtige Wort, mich traf fast der Schlag, wirklich."
"Ist mir gar nicht aufgefallen," kommentierte Mac trocken, "Ich war wohl zu beschäftigt damit, eine halbe Stunde lang die Hand ausgestreckt zu halten." Mac lächelte mit gutmütigem Spott.
Harm lächelte zurück, sprach aber weiter, ohne sich von ihrem Einwurf ablenken zu lassen. "Ich brauchte aber nicht lange, um festzustellen, daß Sie, daß Ihre Persönlichkeit völlig anders ist als die von Diane. Nach einer Weile habe ich aufgehört, Dianes Lächeln und Dianes Augen zu sehen, wenn ich Sie ansah. Nachdem Sie mir zum ersten Mal die Uhrzeit genannt hatten, ohne auf die Uhr zu sehen, habe ich Sie nie wieder mit Diane verglichen. Ich erzähle Ihnen das, damit Sie wissen, daß meine Freundschaft zu Diane nichts mit der Freundschaft zu Ihnen zu tun hat."
Mac vermutete, daß dies Harms Art war, ihr nochmal zu sagen, daß er an ihr als Frau – im Gegensatz zu Diane - nicht interessiert war.
"Ich habe sehr schnell gelernt, Sie als Kollegin und als Anwältin zu schätzen. Ich weiß, ich habe Ihnen das nie gesagt, aber ich bewundere die Art, wie Sie an die Dinge herangehen, wirklich," erklärte Harm und seine eigene Unsicherheit zeigte ihm, daß er ihr wirklich viel zu selten die verdiente Anerkennung gezollt hatte, "Die Cleverness, das Feuer und die Entschlossenheit, die Sie im Gerichtssaal zeigen genauso wie Ihren Mut und Ihren Einfallsreichtum bei Ermittlungen. Ich muß zugeben, ein oder zwei Mal hätte ich Sie fast für brilliant gehalten." Harm grinste, während er innerlich fast verzweifelt versuchte, alle Facetten ihrer Beziehung – und deren gab es viele – zu verstehen und zu entscheiden, welche ihm wichtiger als die anderen waren.
Mac sah ihn mit großen Augen an. "Ein Kompliment, was sage ich, ein ganzes Bündel von Komplimenten vom großen Harmon Rabb? Ich bin geschockt!" Sie lachte unsicher.
"Ich bin noch nicht fertig, heben Sie sich den Schock für später auf," meinte Harm, "Unsere Zusammenarbeit lief prima und nach einer Weile waren wir nicht mehr nur Kollegen, sondern Freunde. Ich glaube, man kann sogar sagen, daß wir beste Freunde geworden sind. Diese Freundschaft war – und ist – etwas ganz besonderes für mich. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit jemandem befreundet, der mir ebenbürtig ist und der sich trotzdem so sehr und auf so vielfältige Weise von mir unterscheidet. Früher waren meine Freunde Männer wie Keeter, Piloten eben. Was uns verband war hauptsächlich die Fliegerei und die Navy. Aber Sie, Mac, sind nicht in der Navy und Ihnen wird schlecht, wenn Sie in eine Tomcat steigen."
Sie lächelten beide.
"Unsere Freundschaft mußte deshalb auf ganz anderen Dingen aufbauen, auf Gemeinsamkeiten ebenso wie auf Unterschieden," fuhr Harm fort, "Ich habe gelernt zu schätzen, was eine Frau in eine Freundschaft einbringt. Ich denke, ich bin wirklich gereift durch diese Freundschaft."
Mac wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie war fast ein wenig benommen von dieser unerwarteten Lobrede. Aber über eines war sie sich im Klaren: Spätestens jetzt war sie froh darüber, daß sie den ebenso blödsinnigen wie erfolglosen Versuch aufgegeben hatte, Harm in eine Beziehung mit ihr zu drängen, die er gar nicht wollte, und stattdessen mit dem zufrieden war, was er geben konnte und wollte: Freundschaft.
"Sie haben vielleicht geglaubt, die Vorschriften oder so wären der Grund dafür gewesen, weshalb ich Ihnen auf der Fähre eine solche Abfuhr erteilt habe." fuhr Harm leise fort und plötzlich, zum ersten Mal, kam er sich irgendwie seltsam dabei vor, Mac noch immer zu siezen.
"Wenn ich zuvor etwas anderes geglaubt habe, nun kenne ich ja den Grund: Er sieht mich als Freundin. Punkt." dachte Mac und stellte fest, daß es jetzt, nachdem sie darüber geredet hatten, nicht mehr so weh tat.
"Aber das stimmt nicht, es war nicht, weil Sie meine Partnerin sind, sondern weil Sie Sarah MacKenzie sind," Harm rang mit sich, bevor er die nächsten Worte sprach, "Ich hatte schlicht und einfach Angst."
Harm hatte die ganze Zeit über mit intensiver Aufmerksamkeit den Kaffeetisch betrachtet – wie meist sahen er und Mac sich bei solch persönlichen Konversationen nicht an. Jetzt hob er den Blick und sah sie an.
Mac starrte ihn an und wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte oder was sie überhaupt von diesem letzten Satz halten sollte. "Commander Harmon Rabb junior, ein Tomcat-Pilot, der mit zwei DFCs geehrt wurde, der eine MP in einem Gerichtssaal abgefeuert hat und es täglich mit Mördern und gefährlichen Kriminellen aufnimmt hat ANGST? Angst vor wem oder was? Angst vor ... mir?" Ihre braunen Augen blickten fast ein wenig erschrocken.
"Angst, Sie zu verlieren, unsere Freundschaft zu verlieren," erklärte Harm ernst und erneut ohne sie anzusehen, "Sie wissen selbst, daß meine Geschichte mit Frauen nicht so besonders ist. Alle meine früheren Beziehungen waren kurzfristig und oberflächlich, sie haben niemals die Tiefe meiner Freundschaft zu Ihnen erreicht. Auf diese Weise tat es nicht so weh, wenn dann Schluß war. Ich habe nie gezögert, eine Beziehung einzugehen, weil ich schon am Anfang wußte, daß es nicht für immer ist. Aber mit Ihnen ist das anders, Sie sind anders, Mac. Sie sind etwas ganz Besonderes, unsere Freundschaft ist etwas Besonderes. Wenn ich ... ich meine, wenn wir ... jemals eine Beziehung beginnen würden, dann müßte das etwas Längerfristiges sein und ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin. Deshalb habe ich Angst. Ich habe Angst, daß es wieder schief geht und ich Sie dann auch als Freund verliere. Mit Ihnen gäbe es kein schmerzloses Ende. Ich habe Angst, daß ich Sie verletze, daß ich mich selbst verletze, daß wir unsere Freundschaft verletzen."
Harm brach ab. Er hatte noch nie für irgend jemanden etwas so Intensives empfunden und es erschreckte ihn einfach. Er hätte nie geglaubt, daß er es ihr irgendwann einmal sagen würde, aber um ihrer Freundschaft willen hatte er es getan.
"Als Sie dann auf der Fähre so plötzlich davon angefangen haben, da wußte ich einfach nicht, wie ich diese Angst auf einmal abschütteln sollte. Ich kann eben einfach nicht über meinen Schatten springen. Ich brauchte einfach Zeit, um erstmal mit mir selbst und einigen Dingen, die in der letzten Zeit so passiert sind, fertig zu werden. Mein Leben war in den letzten beiden Jahren ziemlich turbulent, genau wie Ihres. Ich meine, erst erfahre ich vom Tod meines Vaters und dann die Rückkehr zur Fliegerei ... das waren die beiden Dinge, die mein Leben schon immer am meisten geprägt haben. Ich konnte damals einfach keine ernsthafte Beziehung eingehen oder auch nur mit Ihnen darüber reden. Ich habe einfach Zeit gebraucht. Das war es, was ich versuchte, Ihnen zu sagen. Tja, als Sie dann mit Brumby und seinem Ring am Flughafen auftauchten, da war mir klar, daß Sie nicht warten wollten."
Harm sah auf seine Hände hinab und seufzte. "Ich bin schon ein Held, oder? Ich wollte Sie nicht verletzen, nicht mich und nicht unsere Freundschaft – aber eigentlich ist es dafür längst zu spät, denn alle drei Dinge sind längst verletzt worden." Jedesmal, wenn er den Ring an ihrem Finger gesehen hatte, hatte es weh getan. "Aber Angst ist eben nicht rational. Ich dachte eben, daß wir uns jetzt schon ständig streiten und wie es denn erst sein würde, wenn wir ..."
Mac sah ihn an, bemüht, sich von ihrer Überraschung zu erholen. "Ja, wir streiten uns. Ziemlich heftig sogar – aber ich denke, wir haben beide daraus gelernt. Eine Beziehung, die eine solide Grundlage hat, kann fast alles überstehen. Sehen Sie, wir haben uns so gestritten, daß unsere Freunde es für nötig hielten, einzugreifen, und unser CO uns mehr als eine Standpauke hielt, aber sehen Sie sich an, wo wir jetzt sind, trotz allem."
Sie saßen hier, auf Macs Couch, nach einer halb vegetarischen, halb fleischliebhaber-freundlichen Pizza. So, wie es immer gewesen war.
Harm sah sie an. Mac hatte Recht. Ihre Beziehung hatte eine solide Grundlage. Das war wohl auch einer der Gründe gewesen, warum seine Beziehungen zu Renee und Jordan und all den anderen Frauen gescheitert waren: Sie waren nie Freunde gewesen, nur Geliebte.
Sie sahen sich an. "Und was fangen wir jetzt mit diesem Wissen an?" fragte Mac unsicher, aber hoffnungsvoll. Ihre braunen Augen leuchteten von innen heraus.
"Das weiß ich auch noch nicht so genau, Mac," gestand Harm aufrichtig, "aber eines ist sicher: Wir tun es gemeinsam. Wir sind Freunde. Was immer auch passiert."
Mac nickte und blinzelte kurz. Schließlich weinten Marines nicht, auch nicht vor Freude. "Okay, Flyboy, unter Freunden ist es auch in Ordnung, wenn ich Ihnen endlich erkläre, was das ’Ya tebya liubliu‘ bedeutet ..." sagte sie lächelnd.
"Ich glaube, das weiß ich schon. Aber lassen Sie sich nicht aufhalten, es trotzdem zu sagen." meinte Harm mit einem seiner Flyboy-Lächeln.
Beide grinsten und schwiegen. Nur ihre Hände trafen sich in der Mitte der Couch. Wahre Freundschaft benötigte keine Worte.
DIES IST DAS ENDE
– oder der Anfang? ;-)
FEEDBACK
und wer immer noch nicht wissen sollte, was "Ya tebya liubliu" bedeutet, der wende sich an: [email protected]Hier noch ein paar Zitate: