Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: November – 27. Dezember 2000
Klassifikation:
Eine bunte Mischung aus Mac-Story, Gerichtsdrama und Geschichtslektion.
Inhalt:
Als Mac gerade eine schwere Zeit durchmacht, werden sie und Harm zu einer
Ermittlung abkommandiert, die die Cherokee, Macs Vorfahren, betrifft.
Episoden:
Mr Rabb geht nach Washington, Bis daß der Tod euch scheidet (People v. Mac),
Alle für eine (Dungaree Justice), Der Maulwurf (Webb of lies), Unter Mordverdacht, Blutige Entscheidung, Liebesgrüße nach Moskau, Die Rückkehr von Jimmy Blackhorse, Ein Held vor Gericht.
Spielt im Jahr 1999, also während der 4. Staffel
Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
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Navajo-Anwalt: "Haben Sie nicht indianische Vorfahren, Major?"
Mac: "Ja, Cherokee."
Navajo-Anwalt: "Dann bin ich überrascht, daß Sie unsere Haltung nicht verstehen."
Mac: "Mr. Bigay; nach meinem Verständnis der Geschichte der Ureinwohner Amerikas waren die Navajo ein anpassungsfähiges Volk; die Cherokee dagegen mußte man in die Reservate zwingen - geschichtlich gesehen sollten Sie also nachgeben, während ich widerstehe. Ich bin überrascht, daß Sie das nicht verstehen."
DIE RÜCKKEHR VON JIMMY BLACKHORSE (3.Staffel)
1825 Z-Zeit (13:25 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Admiral Phillip Morris sah ernst von seinem Richterpult zum Angeklagten hinunter. "Würden der Angeklagte und seine Anwältin sich bitte erheben." forderte er die beiden Marines hinter dem Tisch des Angeklagten auf.
Major Sarah MacKenzie und ihr Mandant erhoben sich. Mac wußte, daß es nicht besonders gut für Robert Dyke stand. Die Beweise und die Aussagen zweier glaubwürdiger Zeugen sprachen gegen ihn, da konnte auch sie als seine Anwältin nichts mehr tun. Es sah fast so aus, als hätte Harmon Rabb, der Vertreter der Anklage in diesem Fall, wieder einmal gewonnen.
"Master Sergeant Robert Dyke, dieses Gericht befindet Sie des Mordes an First Lieutenant Owens für schuldig." verkündete der Richter das Urteil.
Mac straffte die Schultern und sah aus den Augenwinkeln Harms zufriedenes Grinsen und den neutralen Gesichtsausdruck von Admiral Chegwidden, der im Zuschauerbereich saß. Ihr Mandant hingegen sah enttäuscht, wütend und verzweifelt aus. Mac konnte nachvollziehen, wie er sich fühlen mußte, auch wenn ihr Dyke ansonsten nicht sonderlich sympathisch war.
Sie hatte geahnt, daß das Urteil so ausfallen würde. Wieso sollte diese Verhandlung auch anders ausgehen als die letzten, denen Admiral Morris als Richter vorgestanden hatte? Noch vor wenigen Wochen war Mac selbst als Angeklagte in diesem Gerichtssaal gestanden. Morris war nicht nur in ihrer Militärgerichtsverhandlung wegen Mordes an Chris Ragle, Macs Ehemann, der Richter gewesen, sondern auch in der darauffolgenden Artikel 32-Anhörung, in der sie sich Anklagepunkten wie Meineid, Ehebruch und Fraternisierung stellen mußte. Zwar war sie in allen drei Punkten jeder größeren Bestrafung entgangen, aber das änderte nichts daran, daß sie noch immer schlucken mußte, wenn sie daran dachte. Sie erinnerte sich noch genau, viel zu genau, an das Gefühl als Richter Morris sein Urteil ausgesprochen hatte: "Diese Anklagepunkte werden Sie mit Ihrem Gewissen abmachen müssen." Sie war sich nicht sicher, ob ihr das bereits wirklich gelungen war.
"Das verhängte Strafmaß ..." fuhr Konter-Admiral Morris mit ruhiger Stimme fort. Weiter kam er nicht.
Robert Dyke, ein großer, stämmiger Marine, packte plötzlich seine Anwältin, riß sie zu sich heran und schlang ihr rauh einen Arm um den Hals, während er ihr mit der anderen Hand eine Waffe an die Schläfe preßte, von der niemand wußte, woher er sie plötzlich hatte. Mac wurde davon genauso überrascht wie die beiden Militärpolizisten am Eingang des Saales.
Die beiden Marines schnappten nach ihren Dienstwaffen. Dyke wirbelte zu ihnen herum, Mac als Schutzschild vor sich. "Die Waffen weg oder sie stirbt!" brüllte er. Mac versuchte trotz der Waffe an ihrer Schläfe ruhig zu atmen und nicht in Panik zu geraten. Sie sah die Schweißperlen auf der Stirn ihres verurteilten Mandanten, die Verzweiflung und die Entschlossenheit in seinen Augen. Sie wußte, daß er nicht zögern würde, abzudrücken. Er hatte praktisch nichts zu verlieren.
Harm, der wie angewurzelt hinter seinem Tisch stand und ohnmächtig die Fäuste ballte, sah es ebenfalls. Er hatte schon zu oft ähnliche Situationen miterlebt, um sich irgendwelche Illusionen zu machen. Eine falsche Bewegung von den Wachen, die noch immer ihre Pistolen umklammerten, und ... Harm wollte den Gedanken nicht zuende denken. Er verfluchte den Umstand, daß er selbst unbewaffnet war. Seine Waffe lag in seinem Büro. Man erschien nicht bewaffnet vor Gericht, vor allem nicht, wenn Admiral Morris der Richter war. Er hatte noch genug vom letzten Mal, als Harm eine Waffe im Gerichtssaal abgefeuert hatte. Das brachte Harm auf eine Idee. Er schielte nach der Tatwaffe, die zu Demonstrationszwecken samt Magazin vor ihm auf dem Tisch lag. Jedoch schienen die dreißig Zentimeter, die ihn von der Pistole trennten, unüberbrückbar zu sein.
Admiral Chegwidden erhob sich langsam von seinem Platz und hob ruhig die Hände, um zu zeigen, daß er unbewaffnet war. "Die Waffen weg," befahl er, "alle! Das gilt auch für Sie, Master Sergeant Dyke. Ist Ihnen nicht klar, daß Sie Ihre Lage nur noch verschlimmern? Niemand wird Sie angreifen, aber legen Sie jetzt die Waffe weg." Er warf Harm einen warnenden Blick zu, so als ahne er, welche Überlegungen er gerade anstellte. Die Stimme des Admirals war ruhig und befehlsgewohnt. Für gewöhnlich hörten die Leute auf ihn – Dyke natürlich nicht.
Doch zumindest steckten die beiden Marines am Eingang ihre Waffen weg, so daß Dyke etwas ruhiger wurde. Mac spürte wie die Pistolenmündung mit etwas weniger Druck gegen ihre Schläfe gepreßt wurde. "Dyke..." versuchte sie, mit ihrem Ex-Mandanten zu reden.
"Halten Sie den Mund!" knurrte der Mann. Jetzt, wo er wegen Mordes verurteilt worden war, hatte er kaum noch eine Klage wegen Unhöflichkeit einem ranghöheren Offizier gegenüber zu befürchten.
"Major, bleiben Sie ruhig!" warnte Chegwidden. Er konnte unschwer erkennen, daß es unklug war, Dyke jetzt irgendwie zu reizen.
"Weg von der Tür!" befahl Robert Dyke den Wachen. Er packte Mac noch etwas fester und dirigierte sie vor sich her in Richtung Eingang, von dem die Militärwachen jetzt langsam zurückwichen.
Harm knirschte mit den Zähnen. Er wußte, wenn Dyke erst mal das Hauptquartier verlassen hatte, würde es leicht für ihn sein, mit seiner Geisel zu entkommen. Eine wilde Jagd würde beginnen, die für ihn ebenso gefährlich sein würde wie für Mac. Vielleicht würden sie draußen auch von Militärpolizisten in Empfang genommen. Was auch geschah, sobald sie den Saal verließen war Macs Leben noch gefährdeter als es jetzt schon der Fall war.
Harm stand unbeweglich und nur seine Augen folgten Dyke, der sich langsam und rückwärts mit Mac auf die Türe zubewegte. Er beobachtete Mac. Sie wirkte so ruhig, wie das bei einer Person, der gerade eine geladene Waffe an den Kopf gehalten wurde, nur möglich war. Er sah, daß alle ihre Muskeln angespannt waren und sie hinauf zur Pistolenmündung schielte. Harm hatte bereits bei vielen anderen Gelegenheiten gesehen, wie professionell Mac sich in solchen Situationen verhielt, und er war stolz auf seine Partnerin, aber dennoch hoffte er, daß sie nicht versuchte, ausgerechnet jetzt die Heldin zu spielen.
Ihre Blicke trafen sich. Harm versuchte, seine Verzweiflung zu verbergen und ihr zu signalisieren, daß alles gutgehen würde. Er sah, daß Mac dasselbe versuchte und lächelte schwach.
Dann hörte er, wie draußen eilige Schritte von schweren Soldatenstiefeln näherkamen und Befehle gerufen wurden. Das Bild eines eindringenden Scharfschützen-Teams vor seinem inneren Auge ließ Harms Verzweiflung, aber auch seine Entschlossenheit wachsen. Er wußte, daß die Situation jetzt jeden Moment eskalieren konnte. Er schielte erneut zu der Pistole vor ihm auf dem Tisch.
Die Schritte verharrten jetzt vor der Pendeltüre des Gerichtssaales und Dykes Finger legte sich enger um den Abzug der Waffe, die unbeirrt auf Macs Schläfe zeigte. Mac schluckte. Das Glitzern in den Augen ihres Kidnappers sagte ihr, daß er abdrücken würde, sobald jemand versuchte, in den Raum einzudringen.
Die rechte Hälfte der Pendeltüre bewegte sich leicht nach innen. Plötzlich brach im Gerichtssaal die Hölle los und doch hatte Mac das Gefühl, als würde die Zeit anhalten und sich alles in Zeitlupe abspielen.
Sie rammte Dyke den Ellenbogen so heftig gegen den Solar Plexus, daß ihm für einen Moment der Atem genommen wurde und sein Griff sich etwas lockerte. Gleichzeitig ließ sie sich fallen und schlug mit der anderen Hand die Waffe beiseite, die noch immer auf ihren Kopf zielte. Ein Schuß löste sich.
Die Zuschauer der Verhandlung duckten sich oder warfen sich zu Boden, so daß Admiral Chegwidden festsaß und keine Chance hatte, einzugreifen.
Harm sprang verzweifelt vorwärts, packte die Pistole auf dem Tisch und rammte das Magazin hinein, alles in einer einzigen fließenden Bewegung.
Dyke schmetterte der fallenden Mac die Faust gegen den Hals und riß die weggeschlagene Waffe herum, um sie wieder auf Mac zu richten.
"Fallen lassen!" schrie Harm, gerade als von außen die Türe aufgestoßen wurde und einige uniformierte Soldaten hereinstürmten, ihre Gewehre im Anschlag.
Dyke krümmte den Finger.
Harm feuerte, ebenso die eindringenden Soldaten.
Robert Dyke landete am Boden und begrub Mac dabei unter sich. Die Marines zielten noch immer auf ihn, obwohl er sich nicht mehr rührte.
Harm ließ achtlos die Waffe fallen. Gemeinsam mit A.J. Chegwidden, der es irgendwie geschafft hatte, sich aus der panikerfüllten Menge der Zuschauer zu befreien, erreichte er Dyke und Mac. Richter Morris folgte ihnen.
Harm und Chegwidden wälzten den reglosen Dyke, der von mehreren Kugeln getroffen und offensichtlich tot war, von Mac herunter. Macs olivgrüne Uniform und ihr Gesicht waren blutüberströmt.
"Einen Arzt!" brüllte Harm den nächstbesten Soldaten an. Er sank neben seiner blutenden Partnerin auf die Knie und tastete nach einem Puls.
Unter dieser Berührung öffnete Mac die Augen und faßte sich stöhnend an den Kopf. Ein Streifschuß zog sich über ihre Schläfe, doch das restliche Blut auf ihrer Uniform stammte glücklicherweise von Dyke. "Wissen Sie, Harm, man sollte wirklich meinen, Admiral Morris hätte es Ihnen ausgetrieben, eine Waffe in einem Gerichtssaal abzufeuern." murmelte sie unter zusammengebissenen Zähnen.
Harm und Chegwidden wechselten einen überraschten Blick, dann lachten sie erleichtert.
"Marines," knurrte Chegwidden, "die einzige Spezies, die dickköpfiger als ein Seal ist."
2015 Z-Zeit (15:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm verließ das "Allerheiligste" des Admirals und ging an den Schreibtischen im Großraumbüro vorbei. Er holte seine Mütze und die Aktenmappe aus seinem Büro und klopfte an die offene Türe des Raumes, der gleich rechts von seinem war.
"Mac?" sagte er fragend, während er eintrat, "Ich gehe jetzt."
Seine Partnerin sah von einem Notizblock auf. "Sie wollen doch nicht etwa schon Feierabend machen, während ich noch hier sitzen und meinen Bericht schreiben muß? Wo bleibt da die ausgleichende Gerechtigkeit?" beschwerte sie sich, aber wer sie kannte, der wußte, daß sie nur scherzte. Mac beschwerte sich niemals über zuviel Arbeit. Ganz im Gegenteil, gerade in letzter Zeit neigte sie dazu, zu lange und zu hart zu arbeiten, wie Harm festgestellt hatte.
"Schön wär’s, Mac, ich habe noch lange keinen Feierabend. Ich wurde nach Camp Lejeune beordert, schon vergessen?" erinnerte Harm lächelnd.
Mac runzelte die Stirn, so daß sich das Pflaster auf ihrer Schläfe zusammenzog. In einer unbewußten Geste tastete sie danach. "SIE wurden nach Camp Lejeune beordert? Was soll das heißen? Wir sollten die Ermittlung in North Carolina doch gemeinsam übernehmen!" Macs Stimme klang verärgert, wie immer, wenn sie sich unverdient zurückgesetzt fühlte.
"Sicher, Mac, so war es geplant, aber da wußten wir ja auch noch nicht, daß Sie eine kleine Begegnung mit einer 9mm-Kugel haben würden." wandte Harm sanft ein.
"Es geht mir gut." behauptete Mac finster.
Harm unterdrückte schnell ein Grinsen. Er hätte den gesamten Sold des Jahres darauf verwetten können, daß sie das gleich sagen würde.
"Ich gehe mit Ihnen. Camp Lejeune ist eine Marine-Corps-Basis und Sie können meine Hilfe gut gebrauchen." fuhr Mac fort.
"Mac," mahnte Harm geduldig, "Ich schaffe das schon alleine. Sie bleiben hier und erholen sich. Befehl vom Admiral. Er will Sie übrigens gleich in seinem Büro sprechen," fügte er eilig hinzu, bevor Mac weitere Einwände erheben konnte, "Der Admiral ist nicht gerade begeistert darüber, daß Sie im Gerichtssaal die Heldin gespielt haben."
Mac versteifte sich etwas und ihre Schultern strafften sich. Seit der Abmahnung, die Chegwidden ihr nach ihrer Artikel-32-Anhörung erteilt hatte, wurde Mac jedesmal ein wenig unruhig, wenn der Admiral sie alleine in sein Büro rief – vor allem, wenn ihr vorher gesagt wurde, der JAG sei "nicht gerade begeistert" über etwas, was sie getan hatte.
"Von jetzt an halten Sie sich milimetergenau an die Vorschriften. Noch eine Überschreitung, noch ein Verstoß, Major, und ich werfe Sie eigenhändig hier raus." Mac hatte noch Chegwiddens Stimme im Ohr, die ruhig und fast trügerisch sanft gewesen war. Das war schlimmer für sie gewesen, als wenn er getobt und herumgebrüllt hätte. Die Enttäuschung in seiner Stimme traf sie härter als alles andere.
Harm räusperte sich – bereits zum dritten Mal, ohne daß seine Partnerin reagierte. "Hey, Mac, ist wirklich alles in Ordnung mit Ihnen?" erkundigte er sich besorgt und sah sie prüfend an.
"Alles ist okay, ich wurde zweimal durchgecheckt. Vermutlich bin ich der bestuntersuchtste Marine Washingtons." meinte Mac und lächelte ein wenig gezwungen. Sie erhob sich und ging ohne großen Enthusiasmus in Richtung Chegwiddens Büro.
Harm folgte ihr auf seinem Weg nach draußen. "Kopf hoch, Marine," meinte er aufmunternd, so als wisse er, was ihr gerade durch den Kopf ging, "Er wird Ihnen schon nicht gleich die Haut in langen, blutigen Streifen abreißen."
Mac verzog das Gesicht. "Ich lache später, Harm," erwiderte und leise zu sich selbst: "Sobald ich das hinter mir habe."
2022 Z-Zeit (15:22 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac trat ein und verharrte in militärischer Haltung vor dem Schreibtisch des Admirals, wobei sie über seine Schulter hinweg die halbgeschlossenen Rolläden fixiert hielt. "Sie wollten mich sprechen, Sir?" erkundigte sie sich abwartend.
A.J. Chegwidden erhob sich aus seinem Ledersessel und kam um den Schreibtisch herum. "Richtig, Major. Ich habe eine Frage," erklärte er mit einem leichten Grollen in der Stimme, "Sagen Sie mir, Major: Bietet das Marine Corps für alle Offiziersanwärter Kurse in Insubordination an?"
Was immer Mac auch erwartet hatte, diese Frage ganz sicher nicht. "Sir?" Sie runzelte die Stirn, bis das unangenehme Zupfen des Pflasters sie daran erinnerte, solche Grimassen besser zu unterlassen.
"Wenn ich mich richtig erinnere, dann habe ich Ihnen heute mittag im Gerichtssaal befohlen, ruhig zu bleiben. Diese tollkühne Aktion, einem Mann, der ihnen eine geladene Waffe an den Kopf hält, anzugreifen, hätte leicht schiefgehen können. Es hätte Tote geben können, Major, Sie an erster Stelle! Und ich besuche nun mal nicht gerne Beerdigungen!" knurrte Chegwidden, um nicht offen zugeben zu müssen, daß er sich um das Wohlergehen seiner Untergebenen gesorgt hatte.
"Ich habe getan, was ich für das Beste hielt, um das zu vermeiden, Sir." entgegnete Mac mit möglichst fester Stimme. Sie kämpfte gegen den Drang an, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken.
Ein Muskel im Gesicht des Admirals zuckte – sollte das etwa ein verborgenes Schmunzeln sein? "Na schön, Major, dann tun Sie mir in Zukunft den Gefallen, sich nicht auch weiterhin ein Beispiel an Rabbs leichtsinnigen Stunts zu nehmen. Und jetzt gehen Sie nach Hause. Vor Montag will ich Sie hier nicht mehr sehen," fügte der Judge Advocate General etwas sanfter hinzu und nickte ihr zu, "Wegtreten."
Mac jedoch blieb unbeirrt vor dem Schreibtisch stehen. "Sir, das ist nicht nötig. Ich sollte eigentlich mit Commander Rabb nach Camp Lejeune fahren und..."
"Major, was nötig ist und was nicht und was Sie tun oder lassen sollen, das entscheide immer noch ich! Sie fahren nicht nach Camp Lejeune, sondern auf direktem Weg nach Hause." befahl Chegwidden. Er hatte mit einem Protest seiner Offizierin gerechnet, vermutlich wäre er sogar etwas enttäuscht gewesen, wenn keiner gekommen wäre.
Mac nahm erneut Haltung an. "Ja, Sir." Sie drehte sich um und ging.
Wie es aussah war sie diejenige, die früher Feierabend machte.
0148 Z-Zeit (20:48 Uhr EST)
Marine-Corps-Basis Camp Lejeune
Northern Carolina
Harmon Rabb lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und streckte die Beine auf dem Militärbett in dem kleinen Zimmer aus, das ihm in Camp Lejeune für die Dauer seines Aufenthalts hier zugewiesen worden war. Er hatte bereits drei Stunden Zeugenbefragung hinter sich und war nun dabei, die gesammelten Informationen in den Laptop neben sich einzutippen.
Leider ging das bei ihm nicht so rasch, wie er das von Mac gewohnt war, aber davon ließ er sich nicht beirren. "Vermutlich hat sie so schnell zu tippen gelernt, als sie Berichte noch mal schreiben mußte, die irgendwo auf ihrem Schreibtisch verschollen waren." dachte er sich grinsend.
Harm war – wie meistens – guter Laune, denn der Fall, der sich ihm hier präsentierte, schien recht eindeutig zu sein und er war zuversichtlich, die Ermittlungen spätestens übermorgen abschließen zu können.
Es klopfte an der Türe und ein junger Marine-Corps-Sergeant streckte den Kopf herein. "Commander Rabb? Sir, ich habe ein Gespräch für Sie." meldete er.
Harm erhob sich sofort und legte den Laptop aufs Bett, bevor er dem Sergeant etwas verwundert folgte. Nur der Admiral, Mac und Bud wußten, wo er derzeit erreichbar war. Stimmte etwas nicht mit Mac oder warum rief man ihn um diese Uhrzeit noch an?
Sie überquerten den Kasernenhof und betraten den Verwaltungstrakt. Harm wurde in einen Raum geführt, in dem ein weiterer Unteroffizier ihm einen Telefonhörer übergab. "Rabb." meldete er sich erwartungsvoll.
<Commander, wie laufen die Ermittlungen?> erkundigte sich Admiral Chegwidden, ohne seinen Namen zu nennen oder sich sonst auf irgendeine Art zu identifizieren. Er baute darauf, daß niemand, der unter seinem Kommando diente, je seine Stimme vergessen würde.
"Oh, bisher recht gut, Sir. Zwar gibt es noch kein Geständnis, aber ich gehe davon aus, daß es genügend Zeugen gibt, um eine Militärgerichtsverhandlung zu rechtfertigen." berichtete Harm.
<Wann können Sie zurück in Washington sein?> fragte der Konteradmiral, ohne auch nur ein Wort der Zufriedenheit über die gutgehende Ermittlung zu äußern.
"Frühestens morgen abend, Sir." antwortete Harm und hob verwundert die Brauen. Hatte es irgendeinen Vorfall bei JAG gegeben, der seine Anwesenheit erforderte?
<Das ist zu spät.> murmelte Chegwidden, mehr zu sich selbst als zu Harm, der noch immer keine Ahnung hatte, wovon er überhaupt sprach.
"Zu spät wofür, Sir?" erkundigte er sich alarmiert.
<Haben Sie eine Ahnung, wie ich den Major erreichen kann?> fragte A.J. Chegwidden ernst.
"Major MacKenzie, Sir?" Harm runzelte die Stirn. Stimmte etwas nicht mit Mac oder mußte sie jetzt, in seiner Abwesenheit, die Kastanien aus dem Feuer holen?
<Wieviele Majors haben wir sonst bei JAG? Natürlich Major MacKenzie, Rabb!> knurrte der Admiral in bester Chegwidden-Manier.
"Ähm, wenn sie zuhause nicht abnimmt, sollten Sie es vielleicht mal über ihr Handy versuchen, Sir." schlug Harm vor.
<Blendende Idee, Rabb! Das hat Lt. Roberts bereits vor einer halben Stunde versucht, sie nimmt nicht ab. Wo könnte sie sonst sein?> wollte der JAG wissen.
Harm überlegte fieberhaft. Erstaunt und ein wenig schuldbewußt mußte er eingestehen, daß er keine Ahnung hatte, wie seine Partnerin ihre freien Abende verbrachte. Sie hatte keine Familie, war momentan solo und wenn sie Freunde in Washington und Umgebung hatte, mit denen sie regelmäßig Zeit verbrachte, so wußte er nichts davon. Seines Wissens nach war Mac keine Frau, die häufig ausging und wenn, dann hätte er nicht sagen können, wohin. "Mac, ich muß Sie wirklich mal nach Ihren Hobbies fragen!" nahm er sich vor. Er hatte keine Ahnung, was sie so in ihrer Freizeit tat, außer, daß sie sich für Dinosaurier interessierte, "Leider laufen die ja nicht gerade zu Dutzenden im Washingtoner Zoo herum, Rabb!" tadelte er sich stumm.
<Ich warte auf einen Ihrer genialen Einfälle, Commander!> drängte Admiral Chegwidden am anderen Ende der Leitung.
Harm hob ratlos die Schultern. "Vielleicht schicken Sie Bud mal zur Sporthalle in Georgetown; ich glaube, sie trainiert dort manchmal," schlug er schließlich vor, "Ist irgend etwas Unvorhergesehenes passiert, Sir?"
<Das können Sie aber laut sagen! Major MacKenzie reist ab, sobald ich sie zu fassen kriege, und Sie kommen zurück so schnell es die Ermittlung in Camp Lejeune zuläßt. Alles weitere erkläre ich Ihnen dann. Gute Nacht.> Chegwidden legte auf.
Harm ließ den Telefonhörer sinken. Am liebsten hätte er sofort seine Sachen gepackt, hätte die Zeugenbefragung jemand anderem überlassen und wäre zurück nach Washington geflogen. Er mochte es nicht, untätig zu bleiben und nicht einmal zu wissen, was im Hauptquartier vor sich ging. Offensichtlich war es wichtig genug, um Mac von ihren zwei freien Tagen zurückzurufen, die der Admiral ihr vermutlich hatte aufzwingen müssen, und halb Washington nach ihr abzusuchen.
Harm hoffte, daß Clayton Webb nicht schon wieder seine Finger im Spiel hatte.
0304 Z-Zeit (22:04 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Admiral Chegwidden sah auf, als es klopfte und Sarah MacKenzie eintrat. Ihr dunkles Haar war noch etwas feucht, aber sie wirkte diszipliniert und gefaßt.
"10 Minuten – Sie übertreffen Ihren eigenen Rekord, Major." kommentierte Chegwidden mit einem schnellen Halb-Lächeln.
Mac nickte und lächelte nur ganz leicht, ohne eine humorvolle Antwort zu geben, wie sie es bei Harm sicher getan hätte. Entweder hielt sie das Scherzen für das "Privileg eines Admirals", das sie sich nicht anmaßen wollte, gerade jetzt nicht, wo sie noch immer auf dünnem Eis wandelte, oder aber sie war zu neugierig und zu angespannt, um auf den Scherz einzugehen.
"Sie wollten mich sprechen, Sir?" fragte sie als hätte Chegwidden sie nur mal eben aus dem Büro gerufen und nicht um 2200 Uhr abends von Bud aus der Sporthalle holen lassen.
Sie war ein guter Offizier, stellte A.J. Chegwidden wieder einmal mit Befriedigung fest. Es hatte dem Judge Advocate General ebenso weh getan wie Mac selbst, ihre Beförderung zurückzuziehen – obwohl sie die Bestrafung zweifellos verdient hatte. Trotzdem hatte Chegwidden vor dem Marine-Minister seine schützende Hand über Mac gehalten, um zu verhindern, daß ihre Karriere weiteren Schaden nahm oder sogar beendet wurde.
Ein solches Verhalten war typisch für den Führungsstil des Admirals. Obwohl er ganz sicher nicht zu vertraulich oder herzlich mit seinen Untergebenen umging und sie jederzeit streng kritisierte, wenn es nötig war, so stärkte er seinen Leuten nach außen hin doch immer den Rücken. Für Chegwidden kamen Pflicht und Loyalität der Navy gegenüber an erster Stelle und er hatte immer darauf geachtet, Beruf und Privatleben streng auseinanderzuhalten, aber gewisse Dinge nahm er dennoch persönlich.
Dazu gehörte vor allem, wenn seine Leute ihn anlogen. Er hatte Rabb scharf zurechtgewiesen, als er ihm im vorigen Jahr verschwiegen hatte, daß er den Besuch bei seiner Mutter mit Nachforschungen über seinen verschollenen Vater verbunden hatte. Mac hatte erst vor wenigen Wochen eine Predigt zu hören bekommen, wie Chegwidden hoffte, sie nie wieder einem seiner Offiziere halten zu müssen.
"Tut mir leid, daß ich Sie in Ihrer Freizeit stören mußte, aber es hat sich eine Situation ergeben, die eine sofortige Intervention verlangt," begann Chegwidden ernst zu erklären, "Der Marine-Minister hat mich vor zwei Stunden darüber informiert, daß man Sie wegen eines Falles in Oklahoma angefordert hat."
Mac preßte die Lippen aufeinander. "Der Marine-Minister hat uns angefordert?" fragte sie sich in Gedanken. Nutzte er etwa die Gelegenheit, um sie und Harm "in die Wüste" zu schicken? "Oklahoma, Sir?" erkundigte sie sich abwartend. Sie hatte erwartet, auf irgendeinen Flugzeugträger oder Zerstörer der Navy abkommandiert oder zu einer Militärbasis geschickt zu werden. Aber in Oklahoma gab es ihres Wissens nach nichts, das irgendwie von Bedeutung war.
Chegwidden nickte und winkte Bud, der eben leise eintrat, näherzukommen. Mac nickte dem angehenden Anwalt mitfühlend zu. Sie wußte, daß er jetzt lieber zuhause bei seiner schwangeren Frau gewesen wäre als noch immer hier im JAG-Hauptquartier.
"Oklahoma," bestätigte Chegwidden und wirkte ganz so, als sei auch er nicht gerade begeistert über die bevorstehende Mission, "Es geht um die Cherokee."
Mac starrte ihn verwundert an, nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte. "Die Cherokee, Sir?" wiederholte sie überrascht. "Die Cherokee sind wohl kaum auf dem "Kriegspfad" und man will mich als rettende Kavallerie schicken, oder?" fragte sie sich spöttisch.
Chegwidden verschränkte seufzend die Arme vor der Brust. "Sie haben schon richtig verstanden, Major. Soweit ich weiß, gehörte dieser Indianerstamm zu ihren Vorfahren, richtig? In der Cherokee Nation in Oklahoma ist es in letzter Zeit sehr unruhig gewesen; es gab Aufsehen wegen eines korrupten Oberhäuptlings. Vor einem Monat hat es Neuwahlen gegeben und eine andere Gruppierung hat die politische Führung der Cherokee übernommen, die wieder mehr Wert auf traditionelle Normen und Werte legt und jeglichen Machtmißbrauch weit von sich weist. Soweit, so gut, aber der Grund, warum man Sie nach Oklahoma schickt ist der, daß uns nun Gerüchte zu Ohren gekommen sind, daß einige Vertreter der Cherokee vorhaben, sich an den Obersten Gerichtshof zu wenden." gab Chegwidden die Informationen weiter, die er erst vor kurzem vom Marine-Minister erhalten hatte.
"Wir sollen einen Fall vor dem Supreme Court vertreten, Sir?" fragte Mac erstaunt, "Der Marine-Minister hat dafür wirklich mich und Commander Rabb angefordert?" Mac konnte es fast nicht glauben, daß der Staatssekretär der Navy und des Marine-Corps soviel Vertrauen in sie hatte, vor allem nach den Vorfällen, die zu ihrer Artikel-32-Anhörung geführt hatten. Außerdem war allgemein bekannt, daß Harm nicht gerade ein besonderer Liebling des Marine-Ministers war.
"Nein, Major, nicht Rabb wurde angefordert, nur um Sie hat man ausdrücklich gebeten. Und die Initiative ging auch nicht vom Marine-Minister aus, sondern von einem Cherokee, der wohl irgend etwas im Stamm zu sagen hat. Er hat wohl darauf bestanden, daß Sie dem Team angehören, das wir schicken. Was den Supreme Court betrifft ... Sie sollen dafür sorgen, daß es erst gar nicht soweit kommt, Major!" verbesserte Chegwidden energisch.
"Und wer wäre der Angeklagte in dem Fall, zu dem es erst gar nicht kommen soll, Sir?" wollte Mac wissen. Irgendwie wurde sie nicht so ganz schlau aus der ganzen Sache und vor allem der Rolle, die sie dabei spielen sollte. Wieso hatten die Cherokee ausgerechnet sie angefordert? Woher wußten sie überhaupt von ihrer Existenz? Doch wohl kaum nur aufgrund der paar Tropfen Cherokee-Blut, die durch ihre Adern flossen?
Chegwiddens Gesicht wurde noch eine Spur grimmiger. "Die Vereinigten Staaten." antwortete er ernst.
0201 Z-Zeit (20:01 Uhr CST / Central Standard Time)
Highway 51
In der Nähe von Tulsa, Oklahoma
Harm lehnte sich im Beifahrersitz des Fords zurück, mit dem ein junger Marine-Corps-Offizier ihn in Tulsa abgeholt hatte. Er hatte die Zeugenbefragung in Northern Carolina so beschleunigt, daß er bereits um 15 Uhr Ortszeit fertig gewesen war und war nach einem kurzen Zwischenstop in Washington D.C. sofort nach Oklahoma weitergeflogen. Dank der Stunde Zeitunterschied und des schnellen UH-60 Transporthubschraubers war es erst 19.30 Uhr gewesen, als er in Tulsa angekommen war. Jetzt war er unterwegs nach Tahlequah, der Hauptstadt nicht nur des Cherokee-County in Oklahoma, sondern zugleich auch die der Cherokee Nation. Tahlequah lag eine ¾ Stunde Autofahrt von Tulsa entfernt.
Harm sah aus dem Fenster und ließ den Blick über die bewaldete Hügellandschaft gleiten. Das Tiefland des westlichen Oklahomas ging hier im Osten in Hochland über; in die Ausläufer des Ozarkplateaus. An manchen Stellen hatten Flüsse tiefe Schluchten in dieses Kalksteinmassiv gegraben. Was Harm zu sehen bekam war ein Land der Flüsse, Felsen, Wälder und Wiesen; ein Land, dessen etwas rauhe Schönheit fast über die Armut der Region hinwegtäuschen konnte. Noch heute lebten viele Leute hier von verstreut liegenden Farmen oder erwirtschafteten durch kleine Ranches, Obstplantagen oder Holzwirtschaft ein bescheidenes Einkommen.
"Bescheiden." dachte Harm kopfschüttelnd. Das, was ihn hierherführte, war ganz und gar nicht bescheiden. Vieles war noch unklar, manche Informationen beruhten lediglich auf Gerüchten, aber so wie es aussah, hatten die Cherokee sich tatsächlich an das oberste Gericht der USA gewandt, um die Vereinigten Staaten zu verklagen – und zwar wegen unrechtmäßiger Gründung eines Staates. Chegwidden hatte Harm gewarnt, daß dies nicht so absurd war, wie es zuerst klingen mochte. Die Cherokee, so hatte Chegwidden ihn eindringlich informiert, waren ein Volk von Anwälten.
"Wie sollte es auch anders sein ... bei Macs Vorfahren." überlegte er belustigt. Er fragte sich, wo und wann er überhaupt auf Mac treffen würde, die schon seit heute morgen hier im Osten Oklahomas war.
Oklahoma, so hatte man Harm gesagt, war die Heimat der Cherokee. Nein, verbesserte sich Harm, nicht DIE Heimat, sondern EINE Heimat. Die Cherokee waren nicht ein geeintes Volk, sondern in mehrere Zweige aufgegliedert: In der Qualla-Reservation in Northern Carolina lebte die sogenannte "Eastern Band", einige Cherokee hatten sich auch in Missouri und in Alabama angesiedelt, aber die meisten Cherokee lebten in Ost-Oklahoma. Diese etwa 80.000 Cherokee bildeten die Cherokee Nation of Oklahoma, nach den Navajo der zweitgrößte Indianerstamm der USA. Es war auch nicht die ursprüngliche Heimat der Cherokee; denn noch vor 150 Jahren hatten sie viel weiter östlich, im heutigen Georgia, Virginia, Carolina und Tennessee, gelebt.
Harm sah von seinen Unterlagen, die diese Informationen enthielten, auf und schüttelte den Kopf. Das klang alles ziemlich kompliziert. "Wie sollte es auch anders ein ... bei Macs Vorfahren." sagte er sich erneut und grinste breit.
0225 Z-Zeit (20:25 Uhr CST)
5 Meilen vor Stilwell
Adair County, Oklahoma
Harm warf einen Blick auf die Uhr, auf die Karte und dann auf seinen Fahrer. Seiner Berechnung nach hätten sie längst da sein müssen und er wurde mit jeder Minute unruhiger. Nicht daß er kein Vertrauen in Macs Fähigkeiten als Anwältin und Ermittlerin gehabt hätte, aber er würde sich einfach wohler fühlen, wenn er selbst am Ort des Geschehens war. "Ich dachte, Sie bringen mich direkt nach Tahlequah, Sergeant?" fragte er stirnrunzelnd.
Der Marine warf einen schnellen Blick zu ihm hinüber. "Nein, Sir, ich habe Befehl, Sie nach Stilwell zu fahren." erklärte er Harm, bevor er sich wieder auf die Straße konzentrierte.
Harm warf einen Blick auf seine Karte und die Informationen über die Region, die Bud ihm mitgegeben hatte. Stilwell war laut den Unterlagen der Hauptort von Adair County, welches im Osten an Cherokee-County grenzte. Adair-County lag im Herzen des Cherokee-Gebietes und verzeichnete den höchsten Prozentsatz an indianischer Bevölkerung von allen Countys der USA. Stilwell hatte 2.700 Einwohner und war etwa 20 Meilen von Tahlequah entfernt.
"Wieso denn nach Stilwell?" fragte Harm irritiert. Zuerst die Eile, ihn von Northern Carolina nach Oklahoma zu bringen und dann mußte er einen Umweg ins benachbarte County machen? Harm verstand nicht, was das sollte, schließlich hatte man ihm gesagt, daß alles, was für die Cherokee Nation von Bedeutung war, in Tahlequah geregelt wurde.
"Eine kurzfristige Änderung des Plans, Sir," informierte der Sergeant, "Ich kenne den Grund nicht, aber ich glaube, das hat Major MacKenzie telefonisch so angeordnet."
Inzwischen hatten sie Stilwell erreicht und fuhren die Hauptstraße hinunter. Der Marine-Sergeant hielt vor einem öffentlich wirkenden Gebäude. "Hier ist es, Sir," erklärte er, "Ich kann leider nicht auf Sie warten, aber mir wurde gesagt, Major MacKenzie hätte einen Wagen."
Harm nickte, sammelte seine Unterlagen ein und stieg aus. Ein wenig unschlüssig sah er sich um. Wohin sollte er sich wenden? Wie sollte er Mac finden? Harm beschloß, sich einfach durchzufragen. Stilwell war nicht sehr groß und er war sicher, daß sich Neuigkeiten schnell herumsprachen. Die Ankunft einer Marine-Corps-Offizierin war sicher nicht unbemerkt geblieben. Er sah sich um und entdeckte, daß gerade drei Männer das gegenüberliegende Verwaltungsgebäude betraten. Sie drehten ihm den Rücken zu und waren eben im Begriff, im Gebäude zu verschwinden.
"Entschuldigen Sie bitte, Sir!" rief Harm dem letzten der drei, einem schlanken jungen Burschen, zu.
Der Mann drehte sich um und ...
... Harm sah sich seiner Partnerin, Sarah MacKenzie, gegenüber. "Mac?!" entfuhr es ihm verblüfft, "Was ist denn mit Ihnen passiert?" Mac trug nicht ihre übliche, olivgrüne Marine-Corps-Uniform, nicht einmal eines der eleganten Kostüme, das Harm von ihrer Zeit als Zivilistin in Daltons Firma kannte, sondern Jeans und ein Männerhemd. Mit dem Pflaster, das noch immer auf ihrer Schläfe klebte, sah sie reichlich ungewohnt aus.
"Ihnen auch einen Guten Abend, Harm," antwortete Mac ironisch, "Was mir passiert ist? Nun ja, als ich heute morgen hier ankam, hab ich erst mal einen Kaffee gebraucht – wo ich ihn natürlich nicht brauchen konnte, war quer über meiner Uniform."
"Wieso haben Sie sich nicht einfach umgezogen? Ich dachte, als Marine hätten Sie ständig eine gepackte Tasche mit Ersatzuniform im Kofferraum?" neckte Harm.
Mac machte ein böses Gesicht, aber ihre Mundwinkel kräuselten sich und zeigten, daß sie Harms Bemerkung mit Humor nahm. "Das hab ich auch, aber leider hat der Mann, der mir den Mietwagen besorgt und mein Gepäck umgeladen hat, wohl versäumt, mir den Schlüssel für den Kofferraum zu geben. Ich wollte den Admiral nicht unbedingt auf die Palme bringen, indem ich das Schloß aufbreche und das Budget unnötig strapaziere." entgegnete sie, auf Harms unglückliche Tendenz, den Etat durch riskante Aktionen zu belasten, anspielend.
"Na, Sie kann man aber wirklich keine Sekunde alleine lassen." meinte Harm grinsend.
"Sehr komisch, Harm! Darf ich Sie mal daran erinnern, daß Sie Ihre Uniform auch schon mal in Kaffee ertränkt haben?" meinte Mac mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
"Daran brauchen Sie mich sicher nicht zu erinnern – Ihr schadenfrohes Grinsen könnte ich gar nicht vergessen, selbst wenn ich wollte." gab Harm ironisch zurück.
Nach dieser neckischen Begrüßung wurden sie beide wieder ernst. "Hat der Admiral Sie über die Mission hier informiert?" erkundigte sich Mac.
Harm nickte. "Mehr oder weniger – eher weniger, wenn ich ehrlich bin. Bisher scheint das meiste im Dunkeln zu liegen, aber deshalb sind wir ja hergeschickt worden. Wie sieht’s hier aus?" wollte er wissen.
"Ich versuche seit heute morgen in halb Oklahoma, eine unserer Kontaktpersonen zu erreichen. In Tahlequah hat man mich nach Stilwell geschickt, weil die beiden hier eine Zweitwohnung haben, aber hier sagte man mir, daß sie heute mittag nach Tahlequah gefahren sind. Wir müssen also wieder zurück." erklärte Mac seufzend und nickte den beiden Männern, die ihr bei ihrer Suche geholfen hatten, dankend zu.
Harm folgte Mac zum Mietwagen, den sie vor dem Gebäude geparkt hatte, und versuchte probehalber, den Kofferraum zu öffnen. Er war tatsächlich abgeschlossen.
"Was denn, meinen Sie etwa, ich wäre zu blöd, einen Kofferraum zu öffnen oder glauben Sie, das Ding würde sich beim großen Harmon Rabb auf magische Weise von selbst öffnen?" fragte Mac mit einem etwas scharfen Spott.
Harm hob besänftigend die Hände. Er spürte, daß es zur Zeit nicht besonders klug war, Macs Fähigkeiten in Frage zu stellen, auf welchem Gebiet auch immer.
Sie stiegen ein und Mac wendete.
"Der Admiral sagte, Bud hätte Ihnen alle bisherigen Informationen mitgegeben, an die er kommen konnte. Irgend etwas Interessantes?" erkundigte sich Harm.
"Nur ein paar Hintergrund-Informationen über die Cherokee, da muß irgendwo ein Artikel liegen, den übrigens einer unserer Cherokee-Kontaktmänner verfaßt hat." Mac deutete mit dem Finger vage in eine bestimmte Richtung.
Harm, der bereits an ihre nicht sehr detailierten Suchanweisungen gewöhnt war, fand das entsprechende Blatt Papier in relativ kurzer Zeit und begann, sich in die Geschichte des Stammes einzulesen.
<Einst bewohnten die Cherokee ein Gebiet, das sich über 110.000 km² [ANMERKUNG: Dies entspricht der Fläche der neuen Bundesländer] erstreckte. Dieses Land beinhaltete die Hälfte des heutigen Tennessee, Georgia, Alabama und Teile von Carolina, Kentucky und Virginia. Nachdem der spanische Entdecker Hernando DeSoto 1540 als erster Weißer Kontakt zu den Cherokee hatte, folgten über viele Jahre hinweg eine Reihe von Verträgen, in denen die Cherokee Teile ihres Landes aufgaben, wofür ihnen jedesmal zugesichert wurde, daß sie ein ewiges Anrecht auf den Rest hatten.
Obwohl sich die Cherokee schon früh der Lebensweise der Weißen anpaßten, ihre Landwirtschaft, Kleidung und Religion übernahmen, eigene Schulen und Gerichtshöfe errichteten, und deshalb als einer der 5 "zivilisierten Stämme" bezeichnet wurden, blieben sie von der Vertreibung aus ihrem Land nicht verschont. Nachdem zwei Verfahren vor dem US-Supreme-Court ungünstig verlaufen und der indianerfeindliche Andrew Jackson erneut zum Präsident gewählt worden war, unterzeichneten einige Cherokee 1835 den Vertrag von New Echota, in dem sie zustimmten, innerhalb von 2 Jahren ins Indianerterritorium in Oklahoma umzusiedeln. Obwohl sie keine gewählten Repräsentanten der Cherokee waren und Häuptling John Ross Einspruch erhob, blieb Jackson hart. 1838 wurden die Cherokee auf den "Weg der Tränen" gezwungen. 4.000 von 17.000 Cherokee starben.
Ab 1839 bauten die Cherokee in Oklahoma eine neue Zivilisation auf, eine Verfassung wurde verabschiedet und John Ross zum Obersten Häuptling gewählt. Nach dem Landzuweisungsgesetz von 1887 verloren die Cherokee einen Teil ihres Landes und als 1907 Oklahoma in die Vereinigten Staaten aufgenommen wurde, wurde die Stammesregierung aufgelöst. Erst mit dem Indian Reorganisation Act von 1934 wurde den Landzuweisungen ein Ende gesetzt und den Indianerstämmen eine Verfassung erlaubt.>
Harm nickte nachdenklich. "Hört sich so an, als hätten die Cherokee nicht gerade gute Erfahrungen mit Verträgen und Gerichten gemacht, hm?" meinte er und sah dann wieder auf das Blatt, um nach dem Namen ihres Cherokee-Kontaktmannes zu suchen.
"William MacCoinnich?" las er vom Blatt ab und hob eine Braue, "Mac, das klingt nicht gerade sehr indianisch."
Mac warf ihm einen spöttischen Blick zu. "Haben Sie etwa erwartet, daß alle Indianer Rennender Elch oder Schwarzer Adler heißen, Sie Fliegerheld?" neckte sie ihn, ohne zuzugeben, daß der schottisch klingende Name sie auch irritiert hatte, bis Bud ihr erklärt hatte, daß viele der Cherokee teilweise schottische und irische Vorfahren besaßen.
"Was haben Sie gegen Adler und Elche, Mac? Ich dachte immer, Sie wären so tierlieb?" gab Harm unschuldig zurück und grinste sie an.
"Das bin ich auch, sonst hätte ich es wohl kaum so lange mit Ihnen ausgehalten." antwortete Mac schlagfertig.
Harm lachte. Außenstehende hätten vielleicht vermutet, daß die spitze Bemerkung ihn verletzt hatte, aber er und Mac kannten sich lange genug, um zu wissen, wie weit sie gehen konnten – meistens jedenfalls. "Ich frage jetzt wohl lieber nicht nach, mit welchem Tier Sie mich vergleichen, oder?" meinte Harm lächelnd, "Was wissen wir über diesen William MacCoinnich?"
"Er ist nur zur Hälfte Cherokee, sein Vater war ein schottischstämmiger Amerikaner." berichtete Mac.
"Die Cherokee SIND Amerikaner, Mac." erinnerte Harm sanft.
Mac seufzte. "Sie wissen doch, was ich meine, Harm, MacCoinnichs Eltern waren schottische und cherokesische Amerikaner, okay? Und im Übrigen, nur damit Sie nicht glauben, Sie hätten ständig Recht: Zur der Zeit, als MacCoinnichs Eltern lebten, galten die Cherokee offiziell noch nicht als amerikanische Staatsbürger." hielt Mac ihm entgegen.
Harm schmunzelte. "Da hat sich jemand mit der Materie beschäftigt, hm? Also, was wollten Sie mir jetzt über William MacCoinnich erzählen?"
"Er lebt in Stilwell und obwohl er kein offizielles Amt in der Cherokee Nation innehat, ist er doch ziemlich einflußreich und angesehen. Übrigens ist er ein Ex-Marine." erklärte Mac und machte sich lächelnd auf eine spöttische Bemerkung von Harm gefaßt.
"Ich dachte, es hieße bei Ihnen im Corps, soetwas wie einen Ex-Marine gäbe es gar nicht?" kam der erwartete Kommentar auch schon.
"Oder sowas wie einen Ex-Piloten! Die bleiben ihr ganzes Leben lang dieselben eingebildeten ..."
"Hey, Piloten sind hier nicht das Thema, Mac!" unterbrach Harm sie schnell, "wir waren gerade dabei, über euch Marines zu lästern." Er grinste.
Mac lächelte überlegen. "Irrtum, Flyboy – MacCoinnich war Pilot bei der Marine Corps-Luftwaffe." teilte sie ihrem Partner mit.
"Ein Marine UND Pilot?" Harm hob beide Brauen. "Die schlimmste Mischung, was?" meinte er amüsiert.
"Oder die beste." widersprach Mac schmunzelnd.
Einen Moment lang lächelten sie sich zu, dann fragte Harm: "Sie sagten, er WAR Pilot im Corps, ist er nicht mehr im aktiven Dienst?"
"Selbst Marines gehen irgendwann einmal in Rente, Harm. MacCoinnich ist über 80 Jahre alt, er hat im zweiten Weltkrieg gedient. Er gehörte zur sogenannten Cactus Air Force, die 1942 die Solomon-Inseln gegen die Japaner verteidigte." informierte ihn Mac.
"Ah, ein Wildcat-Pilot!" sagte Harm sofort. Als Luftfahrtexperte kannte er natürlich die Geschichte der Grumman F4F Wildcat, ein einsitziges Kampfflugzeug, und seines Einsatzes im 2. Weltkrieg. Im August 1942 hatten die Amerikaner Guadalcanal, eine Insel im Pazifik, die zur Solomon-Gruppe gehörte, von den Japanern erobert und das dortige Flugfeld in Henderson Field umbenannt. Obwohl Henderson Airfield fast täglich angegriffen wurde und die Wildcat-Piloten nahezu immer in der Unterzahl gewesen waren, war es den Marines gelungen, die Stellung zu halten.
"MacCoinnich war ab Oktober 1942 auf der Insel stationiert," erklärte Mac weiter, "Er gehörte zur Marine Fighting Squadron VMF-221. Er erzielte insgesamt 19 gesicherte Abschüsse und half vier beschädigten Wildcats, sicher zum Henderson Field zurückzukehren. Einmal führte er seine 5 Flugzeuge in einen Kampf gegen 15 japanische Kampfflieger. Er schoß fünf der Gegner ab, bevor seine Maschine getroffen wurde, die Cockpitscheibe zersplitterte und das Triebwerk zu stottern begann. Sein Gesicht wurde verletzt und eine Kugel traf ihn ins Bein. Die Wildcat ging in den Sturzflug, aber weil der Schleudersitz nicht funktionierte, ging er mit dem Flugzeug unter und ertrank fast, bevor er sich befreien konnte. Er wurde von Einheimischen gefunden und zwei Wochen versteckt, bevor er gegen einen Sack Reis an die Marines zurückgetauscht wurde."
[ANMERKUNG: Dies ist wirklich einem Piloten der "Cactus Air Force" zugestoßen!]
"Marines und ihre Nahrungsmittel." warf Harm kopfschüttelnd ein.
"Für diesen Einsatz wurde er mit der Medal of Honor ausgezeichnet, außerdem ist MacCoinnich Träger des Distinguished Flying Cross," fuhr Mac fort, als hätte er gar nichts gesagt. Sie war solche Bemerkungen gewohnt, "Nach dem Krieg war er dann Kommandeur der VMF-112 im Pazifik und später Ausbilder in der Marine-Corps Air-Station in Yuma. Sein letzter Einsatz war in Korea."
"Klingt nach einem großen Krieger." meinte Harm anerkennend.
"Die Cherokee haben eine verdienstvolle Geschichte in den US-Streitkräften," erklärte Mac mit einem gewissen Stolz.
"Verdienstvolle Geschichte? Wie sollte es auch anders ein ... bei Macs Vorfahren." dachte sich Harm lächelnd.
"Joseph Clark, ein Cherokee, der als erster Indianer die Navy-Akademie in Annapolis abschloß, brachte es bis zum Admiral. Thomas Bearpaw, ein Mitglied der Darby Rangers, erhielt den Bronze Star. Jack C. Montgomery diente im 2. Weltkrieg in der Army und wurde mit der Medal of Honor ausgezeichnet. George Bearpaw war ein Seal in Vietnam und John Ketcher, der frühere stellvertretende Häuptling der Cherokee Nation, diente auf der USS New Orleans." zählte Mac auf.
[ANMERKUNG: Dies ist eine historische Tatsache!]
Harm lächelte, ein wenig amüsiert über Macs Stolz auf "ihre" Leute. "Ich bin beeindruckt, Winnetou."
Mac löste eine Hand vom Lenkrad, um ihm einen tadelnden Klaps zu versetzen. "Wenn ich Winnetou bin, wer sind Sie dann? Old Shatterhand?"
"Hey, was hätten Sie dagegen, mein Blutsbruder zu sein?" fragte Harm scherzhaft.
"Wenn überhaupt, dann wäre ich Ihre Bluts-SCHWESTER, Harm!" verbesserte Mac.
Harm grinste nur. Der NATO-Ball fiel ihm ein. "Mac, ich betrachte Sie nicht als meine Schwester." hörte er sich in Gedanken sagen.
"Ich wüßte wirklich zu gerne, wieso man ausgerechnet mich hierhergeschickt hat." murmelte Mac nach einer Weile nachdenklich.
Harm hob eine Braue. "Sie meinen UNS?" vermutete er.
Mac schüttelte den Kopf. "Ich will ja Ihr sensibles Flieger-Gemüt nicht verletzen, aber so wie’s aussieht, haben die Cherokee ausdrücklich um meine Anwesenheit gebeten. Daß Sie mitkommen hat der Admiral entschieden." widersprach sie.
"Na ja, vielleicht ist Ihre indianische Abstammung der Grund." bot Harm eine Erklärung an.
Mac warf ihm einen kritischen Blick zu. "Unsinn, Harm, ich bin nicht indianischer als Queen Mum!" protestierte sie energisch. Alles, was sie von den Cherokee wußte, war das, was sie im Geschichtsunterricht gehört oder heute in den Unterlagen gelesen hatte.
Harm grinste breit. "Ich weiß – ich hab gesehen, wie Sie den Two Step tanzen." entgegnete er amüsiert.
Mac schwieg.
"Hey, so schlimm wird es schon nicht werden, Mac," munterte Harm sie auf, "Wir schlafen ein paar Nächte in einem Tipi, ernähren uns von Büffelfleisch und rauchen die Friedenspfeife mit ein paar Häuptlingen."
"Sehr komisch, Harm. Die Cherokee leben nicht in Zelten, das haben nur die Indianer der Prärien getan, nicht die des Südostens. Und sie haben auch keine Bisons gejagt – ganz abgesehen davon, daß Sie Vegetarier sind, Harm. Und Sie rauchen auch nicht mehr, schon vergessen?" erinnerte ihn Mac, "Außerdem sind wir zum Arbeiten hier. Um einen gewissen Navy-Commander zu zitieren: Wir ermitteln in einem Fall, Leute, nicht daß Sie das mit Urlaub verwechseln!"
"Ah, Sie merken sich noch immer alles, was ich sage!" stellte Harm grinsend fest, "Ich weiß nicht, ob ich geschmeichelt oder beunruhigt sein sollte."
"Beunruhigt," entschied Mac, "Ein bißchen Vorsicht ist immer angebracht, wenn man es mit einem Marine zu tun hat."
Harm nickte und dachte an William MacCoinnich. "Ich werd’s mir merken."
0325 Z-Zeit (21:25 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Mac schlug die Autotüre zu und sah sich um. "Tipis, hm?" spöttelte sie und zeigte auf die umliegenden Häuser. Harm zuckte nur grinsend die Schultern, während er sich ebenfalls umsah.
Tahlequah, das in den östlichen Ausläufern der Ozark Mountains lag, hatte etwa 11.000 Einwohner. Hier, im alten Stadtteil Tahlequahs, lagen die Verwaltungsgebäude der Cherokee-Nation, das Gefängnis, das Gerichtsgebäude und eine Schule. Ausbildung war noch immer eine der Hauptfunktionen in Tahlequah. Mac hatte auf dem Flug nach Oklahoma gelesen, daß die Cherokee 1851 die erste Schule für Mädchen westlich des Mississippi eröffnet hatten. Nach Einführung des von Sequoyah erschaffenen Cherokee-Alphabets hatten weit mehr Cherokee als Weiße ihre eigene Sprache lesen und schreiben gekonnt. Noch heute hatten die Cherokee ein gut ausgebautes Bildungssystem aus fast 150 Schulen. In Tahlequah lag auch die Northeastern Oklahoma State Universität, die mehr indianische Studenten als jede andere akademische Einrichtung der USA hatte.
Jetzt standen Harm und Mac vor einem der alten Wohnhäuser am Rande der Altstadt. Hier, so hatte man ihnen gesagt, sollte William MacCoinnich wohnen. Ein wenig unschlüssig sahen sie sich an. "Ich hoffe, wir stören ihn nicht gerade bei etwas ... Wichtigem, es ist doch ziemlich spät geworden." gab Mac zu Bedenken.
"Ach was, Mac, was wird ein alter Cherokee-Krieger um diese Uhrzeit schon tun? Vermutlich fertigt er ein paar Pfeilspitzen an, übt einen Kriegstanz, mischt Farben zusammen oder tut sonst irgend etwas Ruhmreiches oder Hoch-spirituelles," meinte Harm mit einem neckischen Grinsen, "Kommen Sie, lassen Sie uns Hallo sagen."
Sie gingen über die Veranda und klopften an die Türe des zweistöckigen Hauses. Ein schlanker Mann Anfang 40 und offensichtlich zumindest zum Teil indianischer Abstammung öffnete die Türe und wirkte nicht überrascht, einen Offizier in Uniform vor seiner Haustüre vorzufinden. "Ich hab mir schon gedacht, daß Sie bald ankommen. Kommen Sie rein." begrüßte er die beiden überraschten Militär-Anwälte.
Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick und folgten ihm ins Wohnzimmer. Der Cherokee ging zum Bügelbrett hinüber und schaltete das Bügeleisen aus. Neben ihm auf dem Tisch stapelten sich feinsäuberlich gebügelte Hemden.
Mac unterdrückte ein Grinsen. "Ruhmreiche und hochspirituelle Tätigkeit, hm?" flüsterte sie Harm zu.
Harm trat einen Schritt vor und schaltete automatisch zum Diplomatie-Programm um. Charme war eine von seinen naturgegebenen Eigenschaften und er meisterte die unerwartete Situation mit typischem Humor und Gelassenheit. "Ich bin Lt. Commander Harmon Rabb und das ist meine Kollegin, Major Sarah MacKenzie. Wir sind vom JAG-Corps." stellte er sie vor.
Mac beobachtete die beiden. Der Fremde war nicht groß, Harm überragte ihn um mehr als einen Kopf. Überhaupt hätten die beiden Männer kaum unterschiedlicher sein können. Der Cherokee war kaum mittelgroß, schlank und schmalhüftig. Auf den ersten Blick wirkte er nicht besonders kräftig, nur wer genauer hinsah, bemerkte, daß er sehnig und durchtrainiert war. Seine schlanken Hände waren schwielig und kraftvoll, sie verrieten, daß er es gewohnt war, hart zu arbeiten. Er hatte schwarzes, etwas wirres Haar, das ihm ungeschnitten bis in den Nacken fiel – ein deutlicher Kontrast zu Harms militärischem Haarschnitt.
Der Fremde war nicht gerade das, was man als gutaussehenden Mann bezeichnet hätte und das wußte er auch. Er war niemand, der leicht Sympathien errang oder sich besondere Chancen bei Frauen ausrechnete. Sein Gesicht war etwas zu unregelmäßig und zu kantig, die Wangenknochen zu ausgeprägt, das Kinn ein wenig zu hart und die Nase nicht nur eine Idee zu scharf, sondern sie schien auch mehrmals gebrochen gewesen zu sein. Das einzig auffällige an ihm waren seine Augen, ruhige Silberaugen, die unerwartet sanft und beherrscht unter dunklen Brauen hervorblickten.
Freundlich schüttelte er Harm die Hand und tat dann dasselbe bei Mac. "John Ross." stellte er sich vor.
Mac sah ihn verwundert an. "Moment mal, John Ross, das ist doch der berühmte Häuptling, der die Cherokee zur Zeit der Umsiedlung geführt hat ... oder hab ich da was falsch verstanden?" fragte sie sich.
Der Cherokee lächelte, als wisse er genau, was sie dachte. "Nicht DER John Ross, Ma’am. Ich bin nur einer seiner Nachfahren." erklärte er.
Mac nickte lächelnd. "Ich bin Major Sarah MacKenzie – Mac." stellte sie sich nochmal vor.
"Sorry." sagte John Ross.
Erneut sah Mac ihn irritiert an. War er ihr auf den Fuß getreten oder hatte sie angerempelt, ohne daß sie es bemerkt hatte, oder warum entschuldigte er sich?
John Ross lächelte und er war Mac trotz seines nicht gerade Model-haften Äußeren sofort sympathisch. "Sorry – das ist mein Spitzname. Ich heiße John Sorell Ross, aber irgendwie ist Sorry daraus geworden. Ich vermute, Sie wollen zu meinem Onkel." Er sah Mac fragend an.
Harm stellte fest, daß er sich ein wenig aus dem Gespräch ausgeschlossen fühlte, aber er sagte nichts.
"Wenn William MacCoinnich Ihr Onkel ist." bestätigte Mac.
"Eigentlich mein Großonkel. Er ist im Moment nicht da, aber er müßte bald zurückkommen. Aber ich kann Ihnen auch weiterhelfen – ich bin Ihre zweite Kontaktperson," erklärte John "Sorry" Ross, "Und ich verstehe mehr von der Angelegenheit als Bill. Ich bin Anwalt."
Bevor Harm oder Mac etwas sagen konnten, öffnete sich die Türe und ein weiterer Cherokee trat ein.
Der Mann war nicht mehr jung, Harms Schätzung nach vielleicht Mitte 70, aber noch immer eine beeindruckende Erscheinung. Er war groß, kräftig und sehnig und seine aufrechte Haltung kündete von Selbstkontrolle. Sein Gesicht war gebräunt, aber nicht so dunkel wie das eines vollblütigen Indianers. Die gleichmäßigen, etwas zerfurchten Gesichtszüge und die tiefen Linien kündeten von Ruhe und großer Lebenserfahrung. Das kräftige Kinn und die starken Wangenknochen mochten ihn streng erscheinen lassen, aber die unzähligen Fältchen um Augenwinkel und um seinen Mund glichen diesen Eindruck sofort wieder aus. Sein kurzes Haar war dunkelbraun und von unzähligen silbergrauen Strähnen durchzogen. Das Auffälligste an dem alten Mann waren jedoch seine Augen. Es waren klare, klug blickende Augen, deren ruhiger, eindringlicher Blick unsicher machen konnte. Diese tiefbraunen Augen strömten Weisheit und ungebrochene Kraft aus ... und noch etwas, etwas Vertrautes, von dem Harm aber nicht sagen konnte, was es war. Harm hatte den seltsamen Eindruck, den Fremden schon einmal gesehen zu haben - obwohl er ganz sicher war, ihm nie zuvor begegnet zu sein.
"Mein Name ist William MacCoinnich." sagte der alte Mann schlicht, ohne einen seiner zahlreichen Titel hinzuzufügen. Ruhige Gelassenheit und ein unaufdringlicher Unterton von Autorität schwangen in seiner Stimme mit.
Harm trat einen Schritt auf ihn zu und nickte respektvoll. "Guten Abend. Ich bin Lt. Commander Harmon Rabb und das," er wies auf Mac, "ist ..."
"Major Sarah MacKenzie," beendete William MacCoinnich den Satz, "Semper Fi."
Er sah Mac an, die ganze Zeit schon, und sie konnte sich nicht erinnern, jemals so gründlich gemustert worden zu sein. Der Blick des Cherokee, der bis in ihre Seele zu reichen schien, verunsicherte sie ein wenig und sie sah einen Ausdruck in seinen Augen, als entdecke er etwas an ihr, was ihn amüsierte.
"Semper Fi." antwortete Mac etwas überrascht.
Harm stand etwas irritiert daneben. Er war es nicht gewohnt, daß nicht er, sondern seine Partnerin im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Schon zuvor hatte er die besondere Chemie bemerkt, die zwischen Mac und dem Cherokee-Anwalt, John Ross, zu herrschen schien. Und nun der Blick, mit dem der alte Mann Mac musterte. Lag es daran, daß sie nicht in Uniform war oder wußte er von ihrer teilweise cherokesischen Abstammung und sah sie deshalb so prüfend an?
"Setzen Sie sich doch," forderte William MacCoinnich seine Gäste auf, "John, würdest du den beiden bitte etwas zu trinken holen?" wandte er sich an seinen Großneffen, der die ganze Zeit über geschwiegen und respektvoll gewartet hatte, bis der Ältere das Wort an ihn richtete, "Saft? Wasser? Tee? Mit Bier kann ich leider nicht dienen." erklärte der Weltkriegs-Veteran.
Mac und Harm wechselten einen schnellen Blick. "Ein Glas Mineralwasser wäre okay, danke." antwortete Harm höflich.
William MacCoinnich setzte sich ihnen gegenüber. Seine Haltung verriet, daß er ein Leben beim Militär hinter sich hatte. "Ich weiß, daß Sie sicher darauf brennen zu erfahren, was es mit dem Verfahren vor dem Obersten Gerichtshof auf sich hat, aber ich halte es nicht für sinnvoll, das heute Abend noch zu erörtern." meinte der alte Mann und beobachtete schmunzelnd das Stirnrunzeln der beiden Offiziere.
Harm und Mac brannten tatsächlich darauf, endlich mit den Ermittlungen zu beginnen. Gleichzeitig stellte Harm fest, daß er - kaum in Oklahoma angekommen - immer mehr der gängigen Klischees über Indianer widerlegt sah. MacCoinnich konnte sich gepflegter ausdrücken als ein weißer Durchschnitts-Bürger und dasselbe traf ohne Zweifel auch auf seinen Großneffen, den Anwalt, zu.
"Gut, dann warten wir bis morgen." stimmte Harm wohl oder übel zu. Er spürte, wie der Blick des alten Cherokee ihn beunruhigend intensiv streifte, bevor er sich wieder auf Mac richtete.
"Und jetzt erzählen Sie mir etwas über sich, Ihr Privatleben, Ihre Interessen." forderte Will MacCoinnich sie auf.
"Was?" entfuhr es Harm und Mac gleichzeitig. Das war mehr als ungewöhnlich in ihrem Job.
Der alte Mann lächelte ruhig. "Keine Angst, ich bin kein seniler Tattergreis, der seine Sinne nicht mehr beieinander halten kann, ich weiß nur gerne, mit wem ich es zu tun habe." beruhigte er seine Gäste.
Mac nickte langsam. Das konnte sie als Anwältin nachvollziehen. "Es ist immer gut, seinen Gegner zu kennen." dachte sie.
Die leuchtenden braunen Augen des Cherokee blickten sie aufmerksam an. "Sind wir das denn? Gegner?" erkundigte er sich mit ruhiger Belustigung, so als könne er Macs Gedanken lesen.
Etwas in seinem Blick bewog Mac, ehrlich und direkt zu sein. "Ich bin nicht als Gegner von irgend jemandem hergekommen, Mister MacCoinnich - aber ich denke, das wird sich morgen klären."
Der alte Halb-Cherokee nickte ruhig. "Das wird es," bestätigte er, ohne den Blick von Mac abzuwenden, "Also, Major?"
Mac sah etwas unbehaglich auf ihre Hände hinab, spielte mit den Fingern – eine Geste, wie Harm sie schon zuvor bei ihr bemerkt hatte. "Na schön," gab sie schließlich nach, "was soll ich Ihnen über mich erzählen?"
"Nichts." entgegnete Will MacCoinnich knapp.
Mac nickte erleichtert. "Um so besser."
Der Ex-Marine lächelte amüsiert, wieder schien er zu ahnen, was Mac dachte. "Sie sollen mir stattdessen etwas über Ihren Kollegen erzählen. Und Sie, Commander Rabb, erzählen mir etwas über den Major. Das ist nur fair, denn ich schätze, Sie beide kennen meine Dienstakte halbwegs auswendig, oder? Also, quid pro quo."
Mac überlegte und schwieg eine lange Weile, unsicher, was sie sagen sollte. Unruhig spielte sie mit dem Wasserglas, das John Ross ihr reichte. Sollte sie von Harms Vater erzählen und von seinem Absturz mit einer Tomcat, der seine Pilotenkarriere erst mal beendet hatte? Es waren Vorfälle, die Harms Leben sicher ganz entscheidend geprägt hatten, aber andererseits wollte Mac sie nicht einfach so einem Fremden preisgeben, nicht ohne Harms Erlaubnis.
William MacCoinnich bemerkte ihr Zögern. Er lächelte nachsichtig. "Prius mori quam fidem fallere." meinte er und schien nicht den geringsten Zweifel daran zu haben, daß Mac die lateinische Phrase verstand.
Im Gegensatz zu Harm, der nur die Stirn runzelte, verstand Mac tatsächlich und nickte. "Semper Fidelis." erwiderte sie ernst.
Harm warf Mac einen schnellen Blick zu und sie wußte, daß er sie später danach fragen würde, nicht jetzt und hier, wo sie die Streitkräfte zu repräsentieren hatten.
Der Cherokee saß abwartend da und sah zwischen Harm und Mac hin und her. Mac zögerte noch immer, sie wollte nichts Falsches sagen und Harm damit erneut vor den Kopf stoßen – das hatte sie in letzter Zeit wirklich genügend getan.
Harm beobachtete seine Partnerin stirnrunzelnd. Er war sich nicht sicher, was ihr Zögern zu bedeuten hatte, aber er ahnte es. Er beschloß, ihr die Sache nicht unnötig schwer zu machen. "Mal sehen, was muß man über Major Sarah MacKenzie wissen..." begann er und sah seine Kollegin prüfend an. Was sagte man über jemanden, den man seit drei Jahren fast ausschließlich nur bei der Arbeit sah und den man trotzdem als guten Freund bezeichnete? "Mac – so nennen wir sie bei JAG – ist ein Marine und ich schätze, sie ist stolz darauf," Er lächelte Mac leicht zu und als sie nickte, fuhr er fort: "Macs Vater und ihr Onkel sind ebenfalls im Corps. Mac hat die Offiziersanwärterschule absolviert, war dann Verwaltungsoffizier in Camp Butler, Okinawa und hat Jura an der Duke-Universität in Durham, North Carolina studiert. 1996 war sie in Bosnien und im Jahr darauf kam sie ins JAG-Hauptquartier in Virginia." berichtete Harm um Sachlichkeit bemüht und sah Mac fragend an, ob er auch nichts vergessen oder durcheinander gebracht hatte.
Mac lächelte ihm stumm zu.
William MacCoinnich nickte. "Okay, das war ihre Dienstakte, aber was ist mit dem Privatmenschen Sarah MacKenzie?" wollte er wissen.
"Nun ja, Mac spricht ziemlich viele Sprachen – darunter Latein, wie Sie gesehen haben -, sie kickboxt, joggt jeden Morgen 15 Meilen ... jedenfalls sagt sie das ... und sie sammelt Dinosaurier-Knochen. Sie liebt ungesundes Essen und ihr wird schlecht, wenn sie sich einer Tomcat auf drei Schritte nähern muß." Harm grinste Mac mit freundschaftlichem Spott an.
MacCoinnich und John Ross lachten leise. "Und was ist der Commander für ein Mensch, Major MacKenzie?" wandte sich der alte Cherokee an Mac.
Jetzt war es an Mac, spöttisch zu grinsen. "Commander Rabb ist Pilot." sagte sie, als würde das alles erklären.
William MacCoinnichs Mundwinkel kräuselten sich amüsiert. "Sie haben doch nicht etwa Vorurteile gegen Piloten?" erkundigte er sich belustigt.
Mac schüttelte betont ernst den Kopf. "Ich brauche keine Vorurteile, ich habe in drei langen Jahren gesammelte empirische Beweise," widersprach sie und lächelte unschuldig, "Also, wie gesagt, Harm ist Pilot, was eine gewisse Tradition in seiner Familie hat. Im Gerichtssaal ist er manchmal ebenso tollkühn wie in einer Tomcat. Er hat die Navy-Akademie und die Fliegerschule absolviert und war dann auf der USS Seahawk stationiert, bevor er Jura studiert hat und zu JAG gegangen ist. Harm fliegt noch immer, er hat eine alte Stearman. Tja, was noch? Er spielt Gitarre und ist handwerklich ziemlich geschickt. Er ist ein Gesundheitsapostel, Vegetarier und seltsamerweise trotzdem ein toller Koch."
Will MacCoinnich nickte zufrieden. "Ich schätze, Sie arbeiten schon eine Weile zusammen, was?" meinte er dann.
"Zwei Jahre, 10 Monate und 6 Tage." antwortete Mac wie aus der Pistole geschossen.
Harm lächelte. "Was denn, Mac, keine Stunden, Minuten und Sekunden?"
John Ross sah die Marine-Corps-Offizierin für einen Moment erstaunt an, aber sein Großonkel schien nicht überrascht zu sein – ihn schien nichts aus der Ruhe bringen zu können, nicht einmal Macs ungewöhnliches Talent, alle Arten von Zeitangaben ohne Zuhilfenahme von Uhr oder Kalender machen zu können.
"Mister MacCoinnich, Mister Ross..." begann Mac.
"Sorry," verbesserte der Cherokee-Anwalt, "Sorry oder John, wenn ich Sie Mac nennen soll."
Mac nickte. "Mister MacCoinnich, Sorry ..." wiederholte sie, "Wenn Sie uns den Weg zum nächsten Hotel ..."
"Kommt nicht in Frage, Sie sind unsere Gäste," unterbrach John Ross sie erneut, "Sie wissen doch, daß Gastfreundschaft bei uns Indianern großgeschrieben wird." Er blinzelte ihr ein wenig spöttisch zu.
Sein Großonkel nickte. "Sie können das Gästezimmer haben, allerdings ist es nur eines. Aber es ist ein großer Raum mit einer aufstellbaren Trennwand ... ist das ein Problem für Sie?" erkundigte er sich und sah die beiden Offiziere prüfend an.
Harm und Mac wechselten einen raschen Blick. "Natürlich nicht," verständigten sie sich stumm, "schließlich sind wir beide Profis ... und Freunde."
"Kein Problem, Sir." erwiderte Harm fest.
Harm und Mac leerten ihre Gläser und erhoben sich.
"Ach, Commander Rabb, ein Hinweis noch," sagte der Cherokee-Veteran mit einem Lächeln, "ich an Ihrer Stelle wäre in den nächsten Tagen besonders freundlich zu Major MacKenzie ... nur um zu vermeiden, daß Sie doch noch ins Hotel müssen."
"Sir?" Harm sah ihn verständnislos an und diesmal schien auch Mac nicht zu wissen, von was er da sprach.
"Bei uns Cherokee war es Sitte, daß den Frauen die Behausung gehört. Die Männer lebten bei ihren Gattinnen," erklärte John Ross, "Traditionell war die Cherokee-Gesellschaft matriarchalisch strukturiert. Frauen spielten im politischen und kulturellen Leben eine überaus wichtige Rolle. Ihnen gehörte der Familienbesitz. Alle Kinder von Cherokee-Frauen gelten immer als Cherokee, ganz egal, wer der Vater ist. Sie gehören immer zum Clan der Mutter."
"Clans?" fragte Mac, "Sie meinen, so wie in Schottland?"
John Ross schüttelte den Kopf. "Die schottischen Clans umfassen grob gesagt eine Familie und alle ihre Verwandten, unser Volk besteht aber insgesamt nur aus 7 Clans. Die Mitgliedschaft wird wie gesagt immer über die Mutter vererbt."
"Zu welchem Clan gehören Sie zum Beispiel?" erkundigte sich Mac, deren Interesse langsam geweckt wurde.
"Ich gehöre zum Ani-go-ti-ge-wi- oder Wildkartoffel-Clan. Onkel Bill hingegen gehört zum Ani-tsi-s-qua-, dem Vogel-Clan, früher einer der mächtigsten Clans, der meist die Friedenshäuptlinge stellte. Häuptling John Ross gehörte beispielsweise zum Bird-Clan. Außerdem gibt es noch den Blue-, den Long Hair-, den Paint-, den Wolf- und den Deer-Clan." erläuterte "Sorry".
Harm fragte sich, zu welchem Clan Macs Familie wohl ursprünglich gehört haben mochte. "Wenn man mal gesehen hat, wie sie einen Beltway Burger verschlingt, könnte man auf den Wolfs-Clan tippen." dachte er sich grinsend.
"Oh, hätten Sie noch etwas Werkzeug, das Sie mir leihen könnten?" bat Harm während sie John Ross die Treppe hinauf folgten und zu Mac gewandt erklärte er: "Ich bin ziemlich gut darin, Schlösser zu knacken und ich schätze, ich bin Ihnen eine Gegenleistung schuldig, wenn ich heute in ’Ihrer Behausung‘ übernachten darf."
0445 Z-Zeit (22:45 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Mac stand am Fenster des großen Zimmers als Harm mit ihrer Reisetasche herein kam. "Ihre Tasche ist gerettet – und der Etat auch." erklärte er lächelnd.
Mac drehte sich zu ihm um und nickte etwas abwesend. "Danke."
Harm beäugte sie prüfend. "Hey, alles okay mit Ihnen? Sie wirken ein bißchen ... nachdenklich."
"Seit wann ist es etwas Schlechtes, nachzudenken?" meinte Mac, ohne auf seine Frage nach ihrem Wohlergehen einzugehen, "Das hier ist eben alles ein bißchen neu, das ist alles."
Harm wußte, das das noch längst nicht alles war, aber er beschloß, nicht weiter nachzubohren. Bei Mac war es meist das beste, ihr ein offenes Ohr anzubieten und zu warten, bis sie selbst soweit war, über das, was immer sie auch beschäftigte, zu reden. Es führte zu nichts, wenn man sie unter Druck setzte.
Mac nahm einen Pyjama aus ihrer Tasche und verschwand im angrenzenden Badezimmer.
"Was hat MacCoinnich eigentlich vorhin zu Ihnen gesagt?" rief Harm durch die geschlossene Türe.
"Was?" schrie Mac zurück.
"Ich fragte, was MacCoinnich vorhin zu Ihnen gesagt hat ... diesen lateinischen Spruch meine ich, auf den Sie mit Semper Fi geantwortet haben." wiederholte Harm seine Worte etwas lauter.
"Harm, ich verstehe hier drinnen kein Wort." rief Mac.
Harm war sich nicht sicher, ob sie tatsächlich nicht verstand, was er sagte, oder ob sie der Frage nur ausweichen wollte.
Mac kam aus dem Badezimmer – im Pyjama. Harm sagte vorsichtshalber lieber nichts. Die Vorfälle um den Tod von Macs Ehemann und die Gerichtsverhandlung hatten ihre Freundschaft etwas erschüttert und er wollte das vorsichtige, halbstabile Gleichgewicht, das sie jetzt hatten, nicht durch eine blöde Bemerkung ins Wanken bringen. Zur Zeit kam es ihm so vor als gingen sie manchmal wie auf Eierschalen umeinander herum.
"Ich hab Sie eben gefragt, was dieser lateinische Satz bedeutet, den MacCoinnich vorhin zu Ihnen gesagt hat." formulierte Harm erneut seine Frage.
"Was, quid pro quo?" fragte Mac nach und war – oder tat – völlig ahnungslos.
"Nein, das hab ja sogar ich verstanden, ich meine dieses prius ... und so weiter. MacCoinnich hat es gesagt, nachdem Sie nicht so recht gewußt haben, ob und was Sie von mir erzählen sollten."
"Ach das," murmelte Mac und machte eine wegwerfende Handbewegung, als bedeute es gar nichts weiter, "Sie meinen prius mori quam fidem fallere."
Harm nickte. "So hat es sich jedenfalls für den nicht Lateinisch-sprechenden Teil unseres Teams angehört," antwortete er humorvoll, "Also, Mac, erweitern Sie meinen Horizont, was heißt es nun?"
Mac kramte in ihrer Tasche und wandte ihm den Rücken zu. "Na ja, sowas wie ’Lieber sterben als das Vertrauen verraten‘." erklärte sie betont sachlich und harmlos tuend.
Harm verengte die Augen. "Wessen Vertrauen?" fragte er nach, obwohl er eigentlich wußte, daß er gemeint war.
Mac ließ sich auf die Bettkante sinken, sah ihn aber weiterhin nicht direkt an. "Ich schätze, MacCoinnich hat Ihr Vertrauen gemeint." antwortete sie vage.
"Und Sie, was haben Sie gemeint?" wollte Harm wissen. "Herrgott, muß man ihr denn heute alles aus der Nase ziehen?" Mac konnte manchmal sachlich wie ein Gerichtsvollzieher werden, wenn sie über etwas nicht reden wollte.
"Bauschen Sie die ganze Sache nicht unnötig auf, Harm," wehrte Mac ab, "Ich wollte nur nichts erzählen, was Ihnen unangenehm wäre, und Ihr Vertrauen verletzen ... schon wieder." Die letzten beiden Worte fügte sie fast unhörbar hinzu.
Harm hatte sie dennoch gehört. "Mac," sagte er so sanft er konnte, "Hören Sie auf sich zu quälen. Sie haben mein Vertrauen nicht verraten, nicht heute und auch sonst nicht."
"Nein, Hören SIE auf ...," widersprach Mac hart, "hören Sie auf zu lügen." Sie zuckte ein wenig zusammen, als sie das letzte Wort sagte.
Harm sah sie mit seinem intensiven Rabb-Blick an. "Hört sich an, als müßten wir da mal über etwas reden, Marine." meinte er ernst.
Mac schüttelte den Kopf. "Da ist nichts, über das ich reden möchte." protestierte sie, "nicht jetzt."
"Mac..."
Mac sah ihn warnend an. "Nicht jetzt, Commander!" Ihre Stimme klang, als hätte sie "Abtreten, Matrose!" gesagt, "Harm, ich möchte nicht darüber reden. Nicht jetzt. Bitte." fügte sie sanfter hinzu, als sie bemerkte, daß sie sich im Ton vergriffen hatte.
Harmon Rabb junior war kein Mensch, der sich einer so eindringlichen Bitte hätte verschließen können. Besondern nicht, wenn die Bitte von seiner Partnerin kam. Mac bat so selten um etwas. "Okay, Mac, aber wenn Sie darüber reden möchten ..." bot er aufrichtig an.
"Ja, ich weiß, dann komm ich zu Ihnen." unterbrach ihn Mac mit einem etwas gezwungenen Lächeln und sie wußten beide, daß sie es nicht tun würde. Jedenfalls vorerst noch nicht.
Nachdenklich ging Harm ins Badezimmer hinüber. Die Vorfälle, die zu ihrer Abmahnung geführt hatten, machten Mac noch immer mehr zu schaffen, als er gedacht hatte. Er war besorgt und entschlossen, sie aufzumuntern und für sie da zu sein. Mac hatte sein ganzes Mitgefühl – obwohl sie es sicherlich gar nicht haben wollte – denn er wußte, wie man sich nach einer Predigt vom Admiral fühlte. Er konnte sich denken, daß selbst das heftigste Gewitter, das je über ihn niedergegangen war, wie ein sanfter Sommerregen sein mußte, verglichen mit dem, was Mac zu hören bekommen hatte.
Es stimmte, was er eben zu Mac gesagt hatte: Sie besaß noch immer sein Vertrauen ... obwohl er, wenn er ehrlich war, doch etwas verletzt war, daß sie sich ihm nicht anvertraut hatte, daß sie erst zu ihm gekommen war, als sie im Gefängnis gesessen hatte und er der letzte Ausweg war. Er hatte einfach gedacht, sie würde seine Hilfe ebenso offen in Anspruch nehmen wie er in Rußland die ihre. Schließlich hatte er oft genug bewiesen, daß man sich auf ihn verlassen konnte.
Andererseits ... er machte sich noch immer Vorwürfe, weil er keine Zeit für Mac gehabt hatte, als sie vor seinem Apartment aufgekreuzt war und mit ihm reden wollte. Nein, er mußte ja mit einer Kongreßabgeordneten "tagen" – wie Mac es genannt hatte. Er hatte angenommen, daß sie ihn wegen des Ellsworth-Falles sprechen wollte und hatte sie gehen lassen, ohne einen zweiten Gedanken daran zu verschwenden. Sogar Bobbi Lathams Einwand, ob er ihr nicht folgen wolle, hatte er schnell abgetan. Jetzt fragte er sich, ob er hätte ahnen müssen, daß etwas nicht stimmte. Spätestens vor ihrer Bürotüre, als Mac zugab, ein "kleines Problem" zu haben, hätte er hartnäckiger sein müssen. Er wußte schließlich, was es bedeuten konnte, wenn Sarah MacKenzie eingestand, ein "kleines Problem" zu haben. Vielleicht war eher er es, der Macs Vertrauen verloren hatte, indem er nicht für sie da war, als sie ihn brauchte?
Tja, aber jetzt war es zu spät und eigentlich war Harm auch kein Mensch, der lange über vergossene Milch jammerte. Er stellte sich lieber der Gegenwart. Nur sah die eben so aus, daß Mac erneut ein "kleines Problem" hatte. Harm kannte seine Partnerin. Mac hat viele gute Seiten, aber eines fiel ihr schwer: zu verzeihen, besonders, wenn man ihr Vertrauen verletzt hatte – vermutlich war es ihr schon zu oft passiert in ihrem Leben. Harm konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie auf Daltons Vertrauensbruch reagiert hatte.
Noch schlimmer aber war, daß sie, wenn sie selbst jemandes Vertrauen enttäuscht, eine Verfehlung begangen hatte, noch viel gnadenloser gegen sich selbst war.
Harm schüttelte den Kopf, als er bemerkte, daß er bewegungslos mitten im Badezimmer stand. Heute würde er ohnehin nichts mehr daran ändern können.
"Was ist, Sie ertrinken doch nicht etwa da drin?" rief Mac aus dem angrenzenden Zimmer.
"Keine Angst, soviel Wasser, daß ein Seemann darin ertrinken könnte, gibt es in ganz Oklahoma nicht!" antwortete Harm und drehte den Wasserhahn auf.
0800 Z-Zeit (02:00 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Mac lag auf dem Rücken, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starrte in die Dunkelheit. Die Geräusche draußen ließen sie einfach nicht schlafen – oder besser gesagt: die relative Abwesenheit von Geräuschen. Obwohl Mac im ruhigen Stadtteil Georgetown wohnte, so war sie doch an das Tosen des Verkehrs, die Sirenen und den Lärm von Washington D.C. gewohnt. Hier, im alten Teil der Indianerstadt, hörte man nur gelegentliches Bellen von Hunden und das Rufen einer Eule in der Ferne.
Nicht, daß Mac zuhause in Washington wesentlich besser geschlafen hätte. Es gelang ihr nur selten innerhalb kurzer Zeit einzuschlafen, meistens drehte sie sich stundenlang von einer Seite auf die andere, bis sie gegen morgen endlich erschöpft einschlief. Ihr ging einfach zu viel durch den Kopf.
In letzter Zeit war viel passiert und manchmal hatte sie das Gefühl, daß ihr Leben eine einzige Schlitterpartie war, über die sie kaum eine Kontrolle hatte. Immer wenn sie glaubte, endlich sich und ihr Leben im Griff zu haben, etwas geschafft zu haben, worauf sie stolz sein konnte, geschah etwas, was ihr "Kartenhaus" zusammenstürzen ließ. Kaum hatte sie sich wieder aufgerappelt und von vorne begonnen, schon kam der nächste Tiefschlag, den das Schicksal für sie bereit hielt. "Was heißt hier Schicksal," sagte sie sich voller Selbstironie, "das war wohl eher deine eigene Blödheit, Sarah MacKenzie!"
Ihre Gerichtsverhandlung und die Abmahnung vom Admiral waren bereits ein paar Wochen her und für alle anderen mochte es längst vergangen sein, aber nicht für Mac. Natürlich tat sie vor allen anderen so, als wäre nichts geschehen, als wäre dieses Kapitel ihres Lebens für sie beendet und sie wäre wieder die alte Mac, aber in Wahrheit war es nicht so. Sie war nicht einmal sicher, ob es die alte Mac noch gab. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben. Momentan war Mac sich nicht einmal mehr ihrer selbst sicher.
Die alte Mac war eine starke, kluge Frau gewesen, jemand, wie man sich seinen Freund und Kollegen wünschte; eine Frau, die auf ihren eigenen Füßen stand und nicht davor zurückschreckte, es mit ihrem Flyboy-Partner aufzunehmen, mit ihm zu scherzen und ihn gelegentlich auf seine Fehler hinzuweisen – auch wenn sie sie ihm schließlich doch vergab. Sie war tough, loyal und ein vorbildlicher Marine. Sie war weit davon entfernt, perfekt zu sein, doch obwohl sie immer wieder mit ihrer Jugend und den Alkoholproblemen kämpfen mußte, schaffte sie es, ein Gleichgewicht zu finden.
Doch dann war Chris Ragle zurückgekehrt, der Mann, den sie als wilder, trinkfreudiger Teenager geheiratet hatte, und verschwunden war die Frau, die sich von ihrem Verstand und allenfalls ihrer weiblichen Intuition leiten ließ und nicht von Emotionen getrieben wurde. Sie wurde wieder zu dem unentschlossenen Teenager von damals, der Sarah MacKenzie, die ihr Leben von anderen hatte bestimmen lassen. Sicher, sie hatte Chris schließlich weggeschickt und ihm gesagt, sie wolle ihn nie wiedersehen, aber nur mit der Bemerkung, sonst könne sie es doch noch bereuen.
Mit Chris war außerdem ihre Vergangenheit zurückgekehrt, dieselben Erinnerungen, mit denen sie jedesmal zu kämpfen hatte, wenn sie wegen eines Falles von Mißhandlung oder Alkoholmißbrauch vor Gericht stand.
Die Vergangenheit hatte sie eingeholt und beinahe ihre Gegenwart und Zukunft zerstört. Die Gerichtsverhandlung hatte ans Licht gebracht, daß Mac vor 8 Jahren eine Beziehung zu John Farrow, ihrem damaligen Mentor und vorgesetzten Offizier gehabt hatte. Es spielte keine Rolle, daß die Verjährungsfrist bezüglich der Fraternisierung und des Ehebruchs bereits abgelaufen war und sie damit straffrei ausging, nicht für Mac. "Diese Anklagepunkte werden Sie mit Ihrem Gewissen abmachen müssen." hatte Richter Morris gesagt. Das jedoch war leichter gesagt als getan.
Chris war schon immer gut darin gewesen, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen und er hatte es auch diesmal wieder geschafft. Er hatte ihr Vorwürfe gemacht, weil sie geschworen hatte, ihn ewig zu lieben und ihn dann verlassen hatte.
Mac mußte plötzlich an Dalton Lowne denken, ihren letzten Freund. Als er sterbend in ihren Armen gelegen hatte, hatte er von ihr verlangt ihm zu sagen, daß sie ihn immer lieben würde – und sie hatte es getan, obwohl sie wußte, daß sie ihn schon längst nicht mehr liebte.
Chris war der zweite Mann, der ihretwegen starb, erinnerte sich Mac bitter. Es war so, wie sie es Harm vor kurzem gesagt hatte: Sie hatte mit dem Tod gerechnet, als sie zu den Marines ging – nicht in ihrem Privatleben. Das eine Mal, bei dem sie ihre Waffe ernsthaft auf einen Menschen hatte abfeuern müssen, war schlimm genug für sie gewesen, aber wenigstens konnte sie sich dabei sagen, daß es ihre Pflicht war, ihr Land zu verteidigen. Darauf, ihren eigenen Mann getötet zu haben, konnte kein Training der Welt sie vorbereiten.
Mac rollte sich seufzend auf die andere Seite, starrte jetzt in Richtung der tragbaren Trennwand, die zwischen ihrem und Harms Bett aufgestellt war. So würde sie nie schlafen können. Sie wußte, daß man sich selbst psychisch fertig machen würde, wenn man seine Probleme zu lange für sich behielt und versuchte, sie ganz alleine zu lösen und nach außen weiterhin die Starke spielte. Sie wußte, daß sie immer noch dazu neigte, obwohl der Ausgang ihrer Versuche, ihre Probleme mit Wodka zu lösen oder zumindest zu vergessen, sie eigentlich eines Besseren hätten belehren sollen.
Trotzdem konnte sie einfach mit niemandem darüber reden, nicht mit dem Admiral und nicht mit Harm. Noch nicht. Noch brauchte sie die Fassade des toughen Marine, der sie zum Teil natürlich auch war, um nicht völlig zusammenzubrechen.
Mac schauderte im Dunkeln. Früher hatte sie nachts nie gefroren. Sie wickelte sich enger in die Decke ein und schloß endlich die Augen.
1400 Z-Zeit (08:00 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
Harm warf seiner Kollegin einen schnellen Blick zu, während sie nebeneinander durch eines der Gebäude im W.W.Keeler-Komplex am Rande von Tahlequah gingen. Mac sah konzentriert und engagiert aus, so wie immer, obwohl er fast sicher war, daß sie die halbe Nacht am Fenster verbracht hatte, so wie vorige Woche, als sie in seinem Apartment übernachtet hatte.
Harms Gedanken wurden unterbrochen, als ihnen eine junge Frau entgegenkam. Sie balancierte einen riesigen Aktenstapel auf dem Arm, ohne deswegen ihre Geschwindigkeit zu verringern und wäre deshalb fast mit Mac zusammengeprallt.
"Entschuldigung." sagten die beiden Frauen gleichzeitig.
Die junge Zivilistin trat einen Schritt zurück und musterte die beiden Offiziere. Vermutlich bekam man hier Uniformen wie die ihren nicht allzu häufig zu sehen, trotzdem wirkte sie alles andere als eingeschüchtert. "Herman Rabb und Sarah MacKenzie von JAG?" erkundigte sie sich mit amüsiert blitzenden Augen.
Harm hob mockiert eine Augenbraue. "HARMON Rabb," korrigierte er, "aber ja, wir sind von JAG. Woher wissen Sie das?"
"Ich schätze, ich habe einfach nur einen scharfen Verstand. Die Wahrscheinlichkeit, hier heute morgen auf zwei US-Offiziere zu treffen, die uns nicht angekündigt wurden, ist in etwa so groß wie die, Lotto-Millionär zu werden." Die junge Frau grinste spitzbübisch und plötzlich kam Harm der Verdacht, daß sie seinen Namen absichtlich verwechselt hatte.
Harm warf einen Blick zu Mac hinüber und lächelte leicht. "Und trotzdem, irgendjemand gewinnt immer im Lotto, oder nicht?" sagte er und fragte sich, ob Mac sich ebenfalls daran erinnerte.
Mac erwiderte sein Lächeln für einen Moment, bevor sie sich wieder der Fremden zuwandte und sie kurz musterte. Die Frau war ungefähr Ende 20 und nicht sehr groß, kaum über 1, 63 m, wie Mac schätzte, und auch sonst eher zierlich gebaut, aber ihr temperamentvolles Wesen täuschte darüber hinweg und ergriff sofort jeden, der in ihre Nähe kam. Ihre Augen waren dunkel, aber sie wirkten nicht wie brauner Samt, wie Macs, sondern waren von goldenen Sprenkeln durchsetzt und funkelten voller schelmischer Energie. Sie hatte braunes Haar, in das sich ein rötlicher Ton mischte, und wirkte alles in allem nicht sehr indianisch.
"Ich nehme an, Sie suchen John Ross?" erkundigte sich die Fremde. Harm und Mac sahen sie überrascht an, so daß sie lachen mußte, "Ich bin Johns Assistentin, Hazel Bearpaw." stellte sie sich vor.
"Interessanter Name." bemerkte Harm. Er hatte das Gefühl, daß die junge Frau ihm das nicht übel nehmen würde.
"Was, Hazel oder Bearpaw?" fragte sie und wirkte tatsächlich amüsiert.
Harm lächelte. "Oh, beides."
"Bearpaw...," murmelte Mac vor sich hin, "sind Sie verwandt mit ... wie war noch gleich sein Vorname..."
"George Bearpaw? Der Seal, der in Vietnam gedient hat?" half Hazel, "er ist mein Onkel. Und Thomas Bearpaw, der Darby Ranger, dem man im zweiten Weltkrieg den Bronze Star verliehen hat, war mein Großvater. Also, nehmen Sie sich besser in Acht, ich gehöre zu einer kriegerischen Familie." Ihre Augen funkelten humorvoll.
"Sie kennen unsere Familiengeschichte noch nicht!" entgegnete Mac schlagfertig.
Hazel Bearpaw sah sie interessiert an. "Ihre?" fragte sie und sah zwischen Harm und Mac hin und her.
Mac verdrehte leicht die Augen. "Meine und Commander Rabbs, nicht unsere gemeinsame," betonte sie und kam dann auf den eigentlichen Zweck ihres Hierseins zurück, "Können Sie uns zeigen, wo Mister Ross‘ Büro ist?"
Hazel nickte mit dem Kopf in Richtung der Akten auf ihrem Arm. "Ich bin eben dorthin unterwegs. Wenn Sie mir einfach folgen würden ..." Sie setzte ihren munteren Sturmschritt durchs Gebäude fort.
Harm und Mac wechselten erneut einen Blick und folgten der energischen Cherokee-Frau.
1410 Z-Zeit (08:10 Uhr CST)
Tahlequah
Cherokee County, Oklahoma
"Haben Sie die Akten?" fragte John Sorell Ross als sie eintraten, ohne von seinem Schreibtisch aufzusehen.
"Hab ich. Und ich hab sogar noch etwas anderes gefunden auf dem Weg hierher." erklärte Hazel Bearpaw grinsend.
John Ross sah auf. "Oh, guten Morgen, Commander, Mac." grüßte er freundlich.
Harm fiel erneut auf, daß Mac – im Gegensatz zu ihm – sofort behandelt wurde, als sei sie ein Teil einer großen Familie. Er fragte sich, ob das auf ihre teilweise cherokesische Abstammung zurückzuführen war oder ob Ross einfach nur Macs zugegebenermaßen wunderschöne braune Augen so gut gefielen.
"Ihr Großonkel, Mister MacCoinnich, hat uns gesagt, wir sollten uns, was die Ermittlungen betrifft, besser an Sie halten; Sie würden uns die Unterlagen zeigen und uns alles nötige erklären." wandte Harm sich an den schlanken Cherokee-Anwalt.
John Ross nickte, doch anstatt Hazel zu bitten, ihm die Unterlagen zu bringen, erhob er sich und holte sie selbst. Vermutlich war die junge Frau nicht einfach nur eine Sekretärin, sondern tatsächlich eine juristisch ausgebildete Assistentin.
"Ich nehme nicht an, daß Sie bereits über die rechtliche Struktur der Cherokee Nation Bescheid wissen, oder?" erkundigte sich John Ross.
Harm schüttelte den Kopf. "Nein, um ehrlich zu sein wurden wir etwas ... überstürzt hierhergeschickt. Da blieb nicht viel Zeit für Vorbereitungen." gab er zu.
"Nicht weiter schlimm," warf Hazel Bearpaw lächelnd ein, "Sie haben hier den kompetentesten Unterweiser in Rechtsfragen der Cherokee, den Sie sich nur vorstellen können."
John Sorell Ross warf seiner Assistentin einen sanft tadelnden Blick zu, sagte aber nichts dazu, sondern schob seinen Besuchern ein Dokument hin.
Harm warf einen Blick darauf und zog skeptisch die Brauen hoch. "Arabisch?" fragte er, zwischen den fremden Schriftzeichen, Mac und dem Cherokee hin und her blickend.
Ross runzelte die Stirn und zog den Ordner wieder zu sich heran. "Oh, Entschuldigung, das ist die falsche Version. Das sind Cherokee-Schriftzeichen." erklärte er.
"Sie haben eine eigenes Alphabet?" erkundigte sich Mac interessiert.
Der Anwalt nickte. "Ja, obwohl es kein Alphabet in dem Sinne ist, man sollte es viel mehr als Silbenschrift bezeichnen. Jedes Symbol steht nicht für einen Buchstaben, sondern für eine Silbe der cherokesischen Sprache. Wir besitzen übrigens das einzige ’Alphabet‘, das von einer einzelnen Person entwickelt wurde," sagte er mit einem gewissen Stolz, der jedoch nichts überhebliches an sich hatte, "Ich nehme an, Sie kennen Sequoyahs, die Mammut-Bäume? Sie wurden nach Sequoyah benannt, einem Angehörigen unseres Volkes, der 1821 unser Schriftsystem entwickelt hat und das, obwohl er weder Englisch sprechen noch lesen oder schreiben konnte."
[ANMERKUNG: Alle Informationen und die Cherokee-Worte entsprechen der Realität]
Harm und Mac vertieften sich in die englische Version des Textes, die John Ross ihnen reichte. Mac stoppte schon nach der ersten Zeile. "Tsa-la-gi-hi A-yi-li?" buchstabierte sie stirnrunzelnd.
"Oh, das bedeutet Cherokee Nation in unserer Sprache. Für gewöhnlich akzeptieren wir es, wenn man uns Cherokee nennt, aber viele von uns ziehen Tsalagi vor. Das Wort ’Cherokee‘ stammt aus der Sprache der Creek und bedeutet ‘Leute, die eine andere Sprache sprechen‘. Sie sprachen es ’Chelokee‘ aus, aber unser östlicher Dialekt kennt kein ’L‘, deshalb wurde es zu Tsa-ra-gi. Die Weißen haben dann Cherokee daraus gemacht." erläuterte John Ross.
Mac nickte. "Also ist Tsalagi die korrekte Bezeichnung, so wie Diné bei den Navajo?" schlußfolgerte sie.
"Sozusagen, obwohl wir uns selbst eher yun-wi-ya nennen. Wenn man sich auf den ganzen Stamm bezieht heißt es ani-yun-wi-ya. Das bedeutet ’die wirklichen Menschen‘." erklärte der Cherokee geduldig.
"Und Sie behaupten, Piloten wären arrogant?" flüsterte Harm seiner Kollegin zu, "Sieht so aus, als ob Ihre Vorfahren auch nicht gerade an Minderwertigkeitskomplexen litten."
Mac warf ihm nur einen tadelnden Blick zu, bevor sie sich wieder in das Dokument vertiefte. Es war eine Kurzfassung der Verfassung der Cherokee Nation, die – wie Mac schnell erkannte – der Verfassung der Vereinigten Staaten nachempfunden worden war.
Die Cherokee Nation besaß eine dreigeteilte, demokratische Regierungsform. Die Exekutive bestand aus einem gewählten Obersten Häuptling und seinem Stellvertreter. Die gesetzgebende Gewalt setzte sich aus den 15 Mitgliedern des Stammesrates zusammen, die die 9 Distrikte der Cherokee Nation repräsentierten. Die Judikative bestand aus Bezirksgerichten und einem obersten Gericht, das mit dem Supreme Court der USA verglichen werden konnte.
"Nicht schwer zu begreifen," meinte Harm, "aber wir wissen noch immer nicht, wieso wir eigentlich hier sind." Gespannt blickten er und Mac den mischblütigen Cherokee an.
"Nach Artikel 2, Abschnitt 1 unserer Verfassung hat jedes Mitglied der Cherokee Nation das Recht, gerichtliche Prozesse einzuleiten. Genau das hat einer unserer Bürger getan. Er ist der Meinung, daß die Gründung des Bundesstaates Oklahoma die Rechte der Cherokee und die Verfassung der Vereinigten Staaten verletzt." antwortete John Ross ernst.
"Die Verfassung verletzt?" echote Harm, "Wer ist dieser Bürger, der Klage erhoben hat?" Eindringlich sah er den Cherokee-Anwalt an.
"Das kann ich Ihnen nicht sagen, selbst wenn ich es wüßte. Der Schutz des Einzelnen wird in unserer Gesetzgebung großgeschrieben; ein Kläger, der nicht Ansprüche für sich selbst, sondern für die gesamte Nation erhebt, hat das Recht, anonym zu bleiben. Tatsache ist aber, daß sich jemand an das Oberste Gericht, unser J.A.T., gewandt hat." gab Ross zurück.
"Und woher wissen Sie davon, wenn alles anonym abgewickelt wird?" wollte Harm wissen.
"Mein Onkel hat gute Beziehungen," antwortete der Cherokee, "Der vorsitzende Richter des obersten Stammesgerichtes, Dwight Birdwell, ist ein Freund von ihm. Und ich selbst arbeite als Richter des Bezirksgerichtes eng mit dem J.A.T. zusammen."
Harm und Mac wechselten unauffällig einen kurzen Blick. Sie hatten nicht gewußt, daß John Ross nicht irgendein x-beliebiger Anwalt, sondern Richter am Cherokee-Bezirksgericht war. Wußte er doch, wer die Klage gegen die USA eingereicht hatte? Steckte er vielleicht selbst mit dahinter?
"Wir brauchen eine Kopie der genauen Anklageschrift und aller Schriftstücke, die Ihr Stammesgericht bisher über den Fall verfaßt hat." bat Mac.
John "Sorry" Ross nickte. "Die werden Sie erhalten. Kennen Sie den ’A-wi e-qua at-li‘, den ’Rennenden Elch‘? Das ist ein kleines Restaurant, ganz in der Nähe unseres Hauses in Tahlequah." Sorry sah Mac fragend an.
Harm unterdrückte ein Grinsen, als er den Namen des Restaurants hörte. Noch gestern hatte ihn Mac wegen des Klischees geneckt und gemeint, die Cherokee würden keine Namen wie "Rennender Elch" verwenden. Er hielt sich im Hintergrund und beobachtete Macs Reaktion. Das Ganze wirkte, als wolle der Cherokee-Anwalt Mac zum Abendessen einladen. Vielleicht konnte sie die Gelegenheit nutzen, um mehr über den Fall zu erfahren.
Mac nickte abwartend. "Ja, ich glaube, das hab ich vorhin gesehen." bestätigte sie.
"Könnten Sie beide heute abend um 18 Uhr dort sein?" fragte John Ross zu Harms Überraschung – und ein bißchen auch zu seiner Erleichterung, "Unser Oberhäuptling würde Sie gerne sprechen."
2345 Z-Zeit (17:45 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Mac saß im Wohnzimmer auf der Couch, in ihrer olivgrünen Marine-Corps-Uniform. Nachdenklich blickte sie auf die Jacke, die sie noch auf dem Schoß liegen hatte. Sie wußte nicht, ob es angemessen und richtig war, zu dem bevorstehenden Treffen mit dem Cherokee-Häuptling Uniform zu tragen. Einerseits war sie natürlich als Repräsentant des JAG-Corps hier und außerdem gab ihr die Uniform eine gewisse Sicherheit, aber andererseits machte die Uniform deutlich, daß sie nicht in diese Gemeinde gehörte und würde ihr vielleicht von vorne herein einige Wege versperren. Andererseits gab es unter den Cherokee überdurchschnittliche viele Veteranen und man schien den Streitkräften gegenüber keine ablehnende Haltung einzunehmen. Viele Cherokee konnte man wohl als gemäßigte Patrioten bezeichnen.
Macs Überlegungen wurden unterbrochen als William MacCoinnich eintrat und sich wie selbstverständlich neben sie setzte. Ohne ein Wort zu sagen musterte der alte Mann sie, mit intensiver Aufmerksamkeit und Mac stellte fest, daß dunkle Augen recht beunruhigend sein konnten, wenn sie einen so direkt ansahen. Sie wurde aus dem alten Cherokee einfach nicht so recht schlau.
"Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, daß ich hier sitze?" erkundigte sie sich höflich.
"Was glauben Sie?" fragte William MacCoinnich schmunzelnd.
Mac fühlte sich erneut etwas verunsichert. Sie war nicht sehr geübt im Umgang mit älteren Menschen und das unkonventionelle Verhalten ihres Gastgebers erleichterte es ihr nicht gerade. Sie fragte sich, wieso er ihnen überhaupt half. Welches Interesse hatte er an ihrer Anwesenheit? "Ich warte nur auf Commander Rabb," erklärte Mac, um das Schweigen zu unterbrechen, "Wir haben gleich ein Treffen mit Ihrem Obersten Häuptling."
Mac fühlte sich noch immer etwas unbehaglich, denn sobald sie etwas sagte, richtete sich MacCoinnichs Blick auf sie und blieb auf ihrem Gesicht haften, bis sie geendet hatte. Diese Angewohnheit brachte sie ein wenig aus der Fassung.
Der 80jährige Cherokee nickte ruhig. "Ich weiß," entgegnete er, "Ich werde ebenfalls dabei sein."
Irgendwie war Mac nicht überrascht darüber. Ihr Gastgeber schien durchaus eine wichtige Rolle in Tahlequah zu spielen. Sie warf erneut einen Blick zur Treppe. Harm ließ auf sich warten.
Endlich kam Harm die Treppe herunter, ebenfalls in voller Uniform.
"Na endlich." kommentierte Mac.
Harm hatte nichts anderes von ihr erwartet. "Poyius sero quam numquam," erwiderte er grinsend, " - besser spät als nie." Schließlich konnte er es nicht auf sich sitzen lassen, daß selbst ein alter Halb-Cherokee bessere Lateinkenntnisse hatte als er. Ein schneller Anruf bei Bud und schon hatte er eine Wissenslücke beseitigt.
"Nur keine Hektik," meinte William MacCoinnich gelassen, "Wir haben noch genügend Zeit, es ist gerade erst 1749 Uhr."
Harm starrte ihn verwundert an. Der alte Mann hatte nicht einmal einen kurzen Blick auf die Uhr geworfen.
"Wieso das Erstaunen, Commander? Man sollte wirklich meinen, nach 2 Jahren, 10 Monaten und 6 Tagen seien Sie daran gewöhnt," sagte Will MacCoinnich lächelnd, "Die Fähigkeit, Zeitangaben zu machen, kam früher im Vogel-Clan recht häufig vor. Soviel ich weiß, stammen Sie auch aus dem Vogel-Clan, Major." fügte er zu Mac gewandt freundlich hinzu.
Harm warf Mac einen humorvollen Blick zu. "Sind Sie da wirklich sicher?" wollte er von MacCoinnich wissen, "Wieso wird ihr dann schlecht beim Fliegen?"
"Haben Sie schon mal einen Vogel gesehen, der mit Schallgeschwindigkeit flog?" konterte Mac schlagfertig.
Ihr Gastgeber lachte. "Gut so, Mädchen!" lobte er, "Wir Marines lassen uns nichts gefallen!"
Harms Grinsen wuchs in die Breite. "Mädchen?" "Wie spät sagten Sie ist es?" erkundigte er sich. Er hatte sich längst daran gewöhnt, den Angaben seiner Partnerin mehr zu vertrauen als seiner eigenen Uhr.
"1752." antworteten Mac und der alte Cherokee gleichzeitig.
"Na toll, die beiden funktionieren synchron!" dachte sich Harm kopfschüttelnd.
2359 Z-Zeit (17:59 Uhr CST)
Restaurant "A-wi e-qua at-li" / "Rennender Elch"
Tahlequah, Oklahoma
Das kleine Restaurant lag nur zwei Straßen weiter und war leicht zu Fuß zu erreichen. Als sie sich dem alten, einstöckigen Gebäude näherten entdeckte Harm John Ross und Hazel Bearpaw, die eben die Straße hinab gingen.
"Hallo, Hazel." begrüßte William MacCoinnich die Assistentin seines Neffen warm. Die junge Frau lächelte und man bemerkte, daß sie alte Bekannte waren.
Mac beobachtete den schottisch-stämmigen Cherokee aufmerksam. Es schien in ganz Tahlequah keinen Menschen zu geben, der William MacCoinnich nicht mochte und achtete. Vielleicht bestand sein Geheimnis darin, daß er jede Person ein wenig anders behandelte, mit individuellem Respekt, gleichzeitig aber dennoch jedem, ganz gleich wer er oder sie war, ob Mann oder Frau, Cherokee oder Weißer, Offizier oder Zivilist, dieselbe freundliche Höflichkeit entgegenbrachte, so als wäre keine Person ihm mehr wert als eine andere.
"Wir wurden ebenfalls zu dem Treffen hinzu gebeten." erklärte John Ross den beiden JAG-Offizieren. Er hielt seiner Assistentin mit einer höflichen Geste die Türe auf und geleitete sie hinein.
Mac fragte sich erneut, wie die beiden mischblütigen Cherokee zueinander standen. Offensichtlich waren sie mehr als nur Vorgesetzter und Untergebene; ihr Verhältnis war viel lockerer. Andererseits ... vielleicht war Mac einfach nur nicht mehr an den legeren Umgangston in zivilen Firmen oder Behörden gewöhnt. Militärische Vorschriften waren da schon etwas strenger. Sie beobachtete John Ross, während sie ebenfalls das kleine Restaurant betrat und stellte fest, daß er Hazel Bearpaw mit fast väterlichem Wohlwollen behandelte. Vermutlich war er, der etwa 10 Jahre älter als sie sein mochte, eine Art Mentor, mehr nicht. Trotzdem war Mac sich noch nicht so ganz sicher.
William MacCoinnich führte die Gruppe durch den mit indianischen Kulturgegenständen gefüllten Raum zielstrebig zu einem langen Tisch hinüber, an dem bereits zwei Männer saßen. Sie erhoben sich, als MacCoinnich und seine Begleiter den Tisch erreichten.
"Guten Abend, Chad, Hastings," der alte Cherokee nickte den beiden Männern zu, "Das sind Major Sarah MacKenzie und Commander Harmon Rabb vom JAG-Corps. Major, Commander, darf ich Ihnen unseren Oberhäuptling, Chad Smith, und seinen Stellvertreter Hastings Shade vorstellen."
Harm und Mac schüttelten den beiden Oberhäuptern der Cherokee Nation die Hände. Chad Smith und sein Stellvertreter waren ein ziemlich ungleiches Gespann. Chadwick Smith war ein großer, schlanker Mann mit hellbraunem Haar. Sein tiefliniges Gesicht mit vielen Fältchen um die Augenpartie wirkte solide, integer und intelligent. Er mochte etwa Mitte 40 sein.
Sein Stellvertreter, Hastings Shade, war gut 10 Jahre älter und im Gegensatz zu Smith ein vollblütiger Cherokee. Er war kleiner und korpulenter als sein "Boss" und hatte schwarze Haare und einen sorgfältig gestutzten Bart. Durch die Gläser einer Brille sah er die beiden Offiziere aufmerksam an.
"Setzen Sie sich und bestellen Sie sich etwas zu essen," forderte Chad Smith sie freundlich auf, "Ich hoffe, Ihre Unterkunft ist soweit in Ordnung?"
"Alles bestens, Mister MacCoinnich war so freundlich, uns aufzunehmen." entgegnete Harm.
Eine ältere Cherokee-Frau näherte sich ihrem Tisch und begrüßte die anderen Indianer vertraulich. "Was darf ich bringen?" wandte sie sich dann an Harm und Mac.
Harm warf einen hilfesuchenden Blick zu Mac hinüber, doch die zuckte nur die Schultern. "Sehen Sie mich nicht an," wehrte sie leise ab, "Ich habe genauso viel oder wenig Ahnung von cherokesischem Essen wie Sie. Außerdem würde Ihnen das, was ich bestelle, wohl kaum schmecken."
"Salat?" sagte Harm vorsichtig zur Bedienung. Als sie nickte wurde auch Mac zuversichtlicher und bestellte sich ein Steak. Die Cherokee am Tisch sagten nichts, lächelten sich aber amüsiert zu.
"Ich nehme an, Sie sind recht ungeduldig, endlich zu erfahren, was genau unser unbekannter Kläger den Vereinigten Staaten vorwirft, oder?" ergriff Chad Smith das Wort, während sein Stellvertreter, ein ehemaliger Lehrer, schwieg.
"Allerdings, Sir." erwiderte Mac in Ermangelung einer passenderen Anrede. Abwartend sah sie das Oberhaupt der Cherokee Nation an.
"Unser oberstes Stammesgericht hat noch nicht über den Antrag auf Anklage gegen die USA entschieden." teilte Smith ihr mit.
Mac stellte erneut fest, daß sie von den Cherokee ohne Probleme als Harm gleichrangiger Offizier akzeptiert wurde. Das war Mac bereits aufgefallen, während sie heute mit Hazel Bearpaw zusammengearbeitet hatten. Die Cherokee schienen Frauen ohne Weiteres auch als Vorgesetzte zu akzeptieren. Hazel hatte Mac sogar erzählt, daß die Cherokee als erster Indianerstamm überhaupt einen weiblichen Häuptling gehabt hatten.
[ANMERKUNG: Wilma Mankiller, die von 1985-95 gewählter Oberhäuptling war]
"Das spielt in diesem Fall rechtlich gesehen kaum eine Rolle, Sir," entgegnete Mac, "In der US-Verfassung, Artikel 3, Abschnitt 2, ist festgelegt, daß der Supreme Court in allen Fällen zuständig ist, in denen eine der Parteien ein Staat ist, gleichgültig, ob die andere Partei eine Einzelperson oder eine Gruppe ist." belehrte sie den Oberhäuptling.
Die Cherokee am Tisch wechselten amüsierte Blicke.
Mac sah irritiert in die Runde. "Bin ich jetzt schon wieder in eines der unzähligen Cherokee-Fettnäpfchen getreten?" fragte sie sich. Ein Blick zu Harm hinüber sagte ihr, daß ihr Partner auch nicht wußte, was die allgemeine Belustigung zu bedeuten hatte.
"Mac, was würden Sie davon halten, wenn ich Ihnen jetzt den UCMJ erläutere?" meinte John Ross schließlich.
Mac legte die Stirn in Falten. "Ich würde sagen, damit kommen Sie ein paar Jahre zu spät – ich bin Anwalt."
Chadwick Smith lächelte ruhig. "Ich auch, Major," klärte er sie auf, "Ich bin seit fast 20 Jahren Berater für Indianerrecht und seit 10 Jahren Ankläger unseres Rechtsbüros in Tahlequah. Zum Obersten Häuptling wurde ich erst dieses Jahr gewählt. Mir die Verfassung zu erläutern ist also in etwa so, als würden Sie einem Fisch das Schwimmen erklären wollen." Er wirkte nicht verärgert, sondern nur amüsiert.
Harm grinste verstohlen.
Mac senkte verlegen den Blick. "Tut mir leid, das wußte ich nicht." entschuldigte sie sich.
"Schon gut, das konnten Sie nicht wissen, " meinte Smith freundlich, "was ich sagen wollte, war, daß ein Einzelner zwar formal gesehen das Recht hat, sich an den Supreme Court zu wenden, daß ich es aber für unwahrscheinlich halte, daß ein Cherokee das im Alleingang durchziehen würde, wenn unser oberstes Stammesgericht den Antrag ablehnt."
"Das bedeutet, es hängt von der Entscheidung des Stammesgerichtes ab, ob es überhaupt zu einer Verhandlung vor dem Supreme Court kommen wird?" hakte Harm nach.
Chad Smith nickte. "So ist es," bestätigte er, "Der J.A.T. ist laut Artikel 7 unserer Verfassung – soweit es die Cherokee Nation betrifft – die letzte Instanz in allen Entscheidungen. Er hat für nächste Woche eine Verhandlung darüber angesetzt."
"Nächste Woche?" fragte Harm stirnrunzelnd. Das würde weder dem Etat noch der Stimmung des Admirals sonderlich gut tun.
"Bei uns mahlen die Mühlen eben ein wenig langsamer, als Sie das vielleicht gewohnt sind, Commander." erklärte Will MacCoinnich lächelnd.
Harm und Mac nickten widerstrebend. "Spricht etwas dagegen, uns zu sagen, wie genau die Anklage lautet?" wollte Mac wissen.
Hazel Bearpaw reichte ihnen einige Dokumente, die sie vorbereitet hatte. "Die Klage richtet sich gegen die USA, beziehungsweise genauer gesagt gegen den Staat Oklahoma," erklärte die junge Rechtsassistentin, "und sie bezieht sich auf die US-Verfassung, Artikel 4, Sektion 3, Unterabschnitt 1."
"Der Kongreß hat das Recht, neue Staaten in die Union aufzunehmen, aber kein neuer Staat darf innerhalb der Gerichtsbarkeit und der Grenzen eines anderen Staates errichtet werden." zitierte Mac leise.
Hazel nickte ernst. "Und diesen Artikel hat Oklahoma verletzt."
Harm und Mac tauschten einen schnellen Blick. "Inwiefern?" erkundigte sich Harm stirnrunzelnd, "Meines Wissens nach wurde Oklahoma völlig rechtsmäßig gegründet ..."
Die Vertreter der Cherokee am Tisch blickten die JAG-Offiziere ernst an. "Auf einem Gebiet, das den Cherokee gehört." warf John Ross ein.
1901 Z-Zeit (13:01 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
Harm sah aus dem Fenster des kleinen Büros, das man ihm und Mac direkt neben dem von John Ross eingeräumt hatte. Hier, im W.W.Keeler-Komplex, waren die Regierung und die wichtigsten Verwaltungsstellen und Behörden der Cherokee Nation untergebracht. Harm und Mac hatten sich sagen lassen, daß der Gebäudekomplex am Rande Tahlequahs nach William Wayne Keeler benannt war, dem ersten frei gewählten Oberhäuptling zwischen 1907 und 1971.
Harm dachte mittlerweile an einen ganz anderen Zeitraum: "Eine Woche." Er schüttelte stumm den Kopf. Eine Woche herumsitzen und nichts tun. "Na ja, eigentlich nicht gerade nichts tun..." sagte er sich selbst. Sie hatten sogar sehr viel zu tun, nur eben nichts, was eine konkrete Auswirkung auf den Fall gehabt hatte. Derzeit mußten sie sich mit Recherchen begnügen.
"... einen Abschluß in öffentlicher Verwaltung und in Jura an der Universität von Tulsa," las Mac, die ihm gegenüber am Schreibtisch saß, gerade aus einer Akte vor, "Seit 1975 ist Smith für die Cherokee Nation tätig; zuerst als Direktor des Planungs-Departments, dann als Berater für Indianerrecht und Stammesmanagement ..."
Harm sah nachdenklich zu, wie sie ihren Kaffee umrührte. Er dachte schon die ganze Zeit darüber nach, wer die Klage gegen die USA eingereicht hatte. Sie konnten hier Akten lesen und Lebensläufe auswendig lernen bis sie schwarz wurden, ohne damit wesentlich weiter zu kommen. Was sie brauchten, war ein Hinweis auf den Kläger, dann mochte der Fall schon halb gelöst sein.
" ... ist zur Hälfte Cherokee und der Urenkel von Redbird Smith. Redbird, der 1850 geboren wurde, war ein bekannter Führer des sogenannten Keetoowah-Bundes. Die Keetoowah, wegen ihrer nächtlichen Zeremonien auch Nighthawks genannt, setzten sich für traditionelle Werte ein und kämpften gegen die Landzuweisung an," erläuterte Mac weiter und warf ihrem Partner, der nur vor sich hinstarrte, einen kritischen Blick zu, "Harm, hören Sie mir überhaupt zu?"
"Mm-hmm." murmelte Harm, noch immer in Gedanken.
"Die Landzuweisungen könnten ein wichtiger Faktor in unserem Fall sein," fuhr Mac nach einem weiteren scharfen Blick fort, "1887 wurde das Landzuweisungsgesetz, nach seinem Verfasser, Senator Dawes, auch Dawes-Act genannt, erlassen. Das Gesetz verlangte individuelles Besitzertum von Land, das zuvor in Gemeinbesitz von Indianerstämmen war. Jedes Familienoberhaupt sollte 64 Hektar Land und jede Einzelperson 32 Hektar erhalten. Alles übrige Land wurde weißen Siedlern übergeben. Die Cherokee und die anderen ’zivilisierten Stämme‘ wurden zunächst davon ausgenommen, aber nachdem 1893 beschlossen wurde, das Gebiet von Oklahoma und dem Indianerterritorium zu einem neuen Staat zu vereinen, wurde die Dawes-Kommission gebildet, die mit der Vergabe von Grundstücken auch ohne Zustimmung der Cherokee begann."
Harms Blick war noch immer auf Macs Kaffeetasse gerichtet, während er in Gedanken die Personen durchging, die die Klage veranlaßt haben könnten. William MacCoinnich? John Ross? Er konnte es wirklich nicht sagen. Ihm fehlte einfach das passende Motiv. "Was ist mit Chad Smith?" fragte er sich, "Was, wenn er auf diese Weise wie sein Urgroßvater für die alten Werte und gegen die Politik der Weißen kämpft?"
Er sah auf, als Mac plötzlich verstummte, und sah sich zwei vor Zorn sprühenden braunen Augen gegenüber. "Glauben Sie eigentlich, ich lese das hier zum Spaß vor oder weil ich meine eigene Stimme so gerne höre?" fragte Mac ihn ärgerlich.
"Ist ja gut, Mac, ich höre zu." versicherte Harm besänftigend.
"Ach ja?" schnappte Mac bissig, "Dann können Sie mir sicher auch erklären, wieso ich in den letzten fünf Minuten ins Französische, Japanische, Russische und in Farsi gewechselt bin, ohne daß Sie es bemerkt haben!"
Harm sah sie jetzt voll an, das hatte definitiv seine Aufmerksamkeit geweckt. "Das haben Sie doch nicht wirklich getan?" fragte er ungläubig.
"Vielleicht, vielleicht auch nicht, das ist aber auch ganz egal," erwiderte Mac mit einem Achselzucken, "es geht nur darum, daß Sie mir nicht zuhören. Zusammenarbeit in einem Team bedeutet, daß man ZUSAMMEN ARBEITET." Sie betonte jedes Wort.
"Tut mir leid, Mac," sagte Harm aufrichtig. Er wußte, daß es nicht fair war, Mac die ganze Arbeit tun zu lassen, nur weil er ungeduldig und frustriert über den Zeitplan war, "Wird nicht wieder vorkommen. Großes Flieger-Ehrenwort." Er bedachte sie mit einem seiner breiten Flyboy-Grinsen.
"Wie oft hab ich Ihnen schon gesagt, daß dieses Lächeln Ihnen bei mir nicht weiterhilft!" erinnerte Mac, schien jedoch entgegen dieser Aussage bereits milder gestimmt zu sein.
"Also, halten wir das mal fest," sagte Harm, während er selbst eine Akte aufklappte, "Eckstein von Chad Smiths politischem Programm ist es, die Cherokee Nation zurück auf ihren Weg zu führen. Er unterstützt wie Hastings Shade traditionelle Werte und die Ausbildung der Jugend auch in der alten Kultur und Sprache. Außerdem will er die Verschwendung von Stammesgeldern stoppen. So steht es jedenfalls in seinem Wahlprogramm. Wir sollten also Smith im Auge behalten, vielleicht hat er etwas mit der Klage zu tun oder weiß doch zumindest mehr als er zugibt."
Mac nickte widerstrebend. "Ja, das sollten wir. Obwohl sein Eintreten für traditionelle Werte ihn nicht automatisch zum Verdächtigen macht. Er tut nichts anderes als die Offiziere, die tagtäglich ihrem Vaterland dienen." erklärte Mac nachdrücklich.
Harm grinste. "Hey, Mac, höre ich da etwa ein wenig indianischen Nationalstolz heraus?" neckte er seine Partnerin, "Vor mir brauchen Sie Ihre Leute nun wirklich nicht zu verteidgen."
"Ich verteidige gar niemanden, ich bin völlig objektiv," behauptete Mac energisch, "und die Cherokee sind auch nicht ’meine Leute‘, ja?"
"Gut, nicht daß man Sie noch wegen Befangenheit von dem Fall abzieht." spöttelte Harm sanft.
Mac warf ihm einen warnenden Blick zu, der Harm befahl, schleunigst wieder ernst zu werden. "Obwohl ich Smith nicht gerade für den Hauptverdächtigen ... ich meine ... für den Kläger halte, können wir ihn nicht ausschließen. Immerhin kennt er sich als Anwalt mit Recht und Gesetz bestens aus. Wer immer der Kläger auch ist, ich wette, er hat mehr als nur grundlegende Kenntnisse vom Verfassungsrecht. Es ist ja schließlich nicht so, daß Artikel 4 zur allgemeinen Schulbildung gehört." argumentierte sie rational.
Harm nickte. "Die Kenntnisse, die der Kläger benötigt, dürften klar sein, aber was ist mit dem Ziel?" wandte er nachdenklich ein, "Ich meine, was verspricht sich derjenige von der Klage? Doch sicher nicht, daß der Staat Oklahoma aufgelöst wird?"
"John Ross – und damit meine ich jetzt nicht ’unseren‘ John Ross, sondern den berühmten Häuptling im 19. Jahrhundert – hatte einst den Traum, die Cherokee Nation könnte eines Tages ein Stern in der Flagge der USA werden. Aber ich glaube kaum, daß die Cherokee das mit der Klage bezwecken. Ich glaube auch nicht, daß sie an der Existenz von Oklahoma zu rütteln versuchen, dazu sind sie einfach zu realistisch. Die Tsalagi sind keine Fanatiker, die um jeden Preis an ihren alten Traditionen festhalten und jeden Fortschritt ablehnen. Im Gegenteil, sie haben es geschafft, ein Gleichgewicht zwischen beiden Welten, zwischen ihrer Vergangenheit und der Zukunft zu finden." Mac bewunderte und beneidete den Stamm beinahe darum. Sie selbst war weit davon entfernt, sich mit ihrer Vergangenheit zu arrangieren oder sie gar zu einem Teil ihrer Zukunft zu machen. "Na ja, vielleicht liegt es auch daran, daß die Cherokee stolz auf ihre Vergangenheit sind," sagte sich Mac, "während ich..." Sie dachte den Gedanken nicht zuende.
Harm bemerkte die Veränderung ihrer Stimmung. Er sah sie an mit einem Blick, der intensiv, forschend und sanft zugleich war.
Mac schluckte und wandte den Blick ab. Sie wollte nicht, daß er sie danach fragte, was gerade in ihr vorging. "Sie haben doch vorhin Smiths Wahlprogramm zitiert," sagte sie stattdessen, "Das Ziel des Teams Smith – Shade ist es demnach, die Cherokee Nation zurück auf ihren Weg zu führen. Klingt so, als wäre sie von ihrem Weg abgewichen. Und dann erwähnt Smith noch die Verschwendung von Stammesgeldern, die er stoppen will. Ich habe da so ein paar Gerüchte über Vorfälle während der Amtszeit von Smiths Vorgänger gehört, anscheinend ging da nicht immer alles mit rechten Dingen zu ... aber es ist nichts Konkretes, die Cherokee halten sich da sehr bedeckt."
"Ich schätze, als Außenstehender, als Nicht-Cherokee, hat man es ziemlich schwer, da etwas in Erfahrung zu bringen. Vielleicht haben Sie da bessere Karten." meinte Harm und sah Mac erwartungsvoll an.
Mac nagte an ihrer Unterlippe und warf ihm einen wenig begeisterten Blick zu. "Harm, könnten Sie bitte endlich mal aufhören, mir ständig die paar Tropfen Cherokee-Blut, die durch meine Adern tröpfeln, unter die Nase zu reiben? Wenn ich mehr über die Cherokee weiß als Sie, dann kommt das nur daher, daß ich nicht träume, während mein Partner mir Texte vorliest."
Bevor Harm etwas erwidern konnte klopfte es an der Türe. Harm und Mac sahen auf. "Ja?"
John Ross und seine Assistentin, Hazel Bearpaw, kamen herein. "Hallo, Mac," grüßte der schlanke Cherokee mit den Silberaugen und lächelte ihr freundlich zu, "Hallo, Commander."
Mac erwiderte das Lächeln. "Hallo, Sorry, hallo Hazel." Sie hatte festgestellt, daß die meisten Cherokee sich untereinander duzten oder doch zumindest mit dem Vornamen ansprachen.
Fast gewaltsam mußte Harm seine Augenbraue davon abhalten, sich kritisch nach oben zu ziehen. Langsam begann er wirklich, sich zu fragen, ob John "Sorry" Ross mit seiner Partnerin flirtete. Als Harm sah, daß Hazel die Begrüßung ebenso irritiert verfolgt hatte, mußte er fast grinsen.
"Ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich in einer halben Stunde einen Termin mit dem vorsitzenden Richter unseres Stammesgerichts habe – wenn einer von Ihnen mich begleiten möchte." bot Ross an.
Harm nickte. "Wenn Sie eine Minute warten, komme ich mit." antwortete er und begann sofort, seine Unterlagen einzusammeln.
Mac preßte unwillkürlich die Lippen zusammen. Schon wieder nahm Harm es als ganz selbstverständlich an, daß er derjenige war, der John Ross begleiten durfte. Manchmal ärgerte es Mac wirklich, daß er ständig bestimmte, wie sie einen Fall handhabten, daß immer er es war, der ihr Anweisungen gab und das Vorrecht für sich in Anspruch nahm, die Ermittlungen aus erster Hand zu verfolgen. Manchmal schien er wirklich zu vergessen, daß sie beide gleichrangig waren.
Mac unterdrückte ein Seufzen. Jetzt und hier war nicht der Zeitpunkt oder der Ort, eine Diskussion über die Entscheidungsbefugnis in ihrem Team zu beginnen.
John Ross sah zwischen Harm und Mac hin und her, als versuche er, die Stimmung zwischen ihnen zu ergründen, dann blickte er zu seiner Assistentin. "Hazel, vielleicht könnten Sie Major MacKenzie solange ein wenig bei ihrer Arbeit unterstützen." schlug er vor.
Hazel nickte sofort. "Das alte Lied," meinte sie belustigt zu Mac, "Die Männer treiben sich in der Gegend herum und zurück bleibt das arbeitssame Geschlecht. Kommen Sie, Major." Sie dirigierte Mac vor sich her aus der Türe und schlüpfte mit einem neckischen Blick an ihrem Vorgesetzten, John Ross, vorbei, der sie nur mit einem nachsichtig-väterlichen Blick bedachte.
Harm grinste und öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
Mac quetschte sich an seiner breitschultrigen Gestalt vorbei, als sie der kleineren Hazel folgte, und fixierte ihn dabei scharf. "Sie hat arbeitssam, nicht arbeits-arm gesagt, Commander!" betonte sie als wisse sie genau, was er gleich sagen wollte.
Harm schloß den Mund wieder. Das Grinsen blieb.
1931 Z-Zeit (13:31 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
"Ich hasse es, ich hasse es wirklich!" Hazel Bearpaw starrte auf die Türe, durch die John Ross und Harm gerade verschwunden waren.
Mac sah von dem Gesetzbuch, das "Sorry" ihr geliehen hatte, auf. "Bitte?"
"Dieses überlegene, bestimmende Verhalten," erklärte Hazel ärgerlich und ihre hellbraunen Augen – in einer Farbe, die mit ihrem Namen übereinstimmte – funkelten, "Natürlich, Sorry ist mein Chef, aber ich hasse es wirklich, wenn er sich auf diese gönnerhaft-väterliche Weise verhält."
Mac nickte stumm. Sie wußte aus eigener Erfahrung, von was Hazel da sprach, denn es traf nicht nur auf John Ross, sondern auch auf Harm zu. "Na ja, außer dem Teil mit dem ‚väterlichen Verhalten’ vielleicht." fügte sie in Gedanken hinzu. In letzter Zeit wurde es für Mac immer frustrierender, dass Harm immerzu den Ton angeben wollte, die Richtung ihrer Ermittlungen und ihrer Taktik vor Gericht bestimmte und am liebsten alle wichtigen Dinge selbst erledigte. "Manchmal könnte ich ihm seine goldenen Fliegerabzeichen wirklich ... na ja."
"Er ist wenigstens stolz auf Sie." meinte Mac nach ein paar Sekunden und spielte mit dem Kugelschreiber in ihrer Hand.
Hazel warf ihr einen aufmerksamen Blick zu, beschloß aber, Mac nicht danach zu fragen, was genau das "wenigstens" zu bedeuten hatte. Sie ahnte, dass die Offizierin ihr darauf keine Antwort geben würde.
"Ich weiß ja, dass John es nicht böse meint ..." fuhr Hazel seufzend fort und lächelte ein wenig versonnen, "... aber dieses ‚stolzer-Vater-Gehabe’ kann mich wirklich auf die Palme bringen! Das schlimmst ist, dass ihm sein Verhalten vermutlich nicht einmal bewusst ist."
Mac nickte erneut; auch das kannte sie. Sie wusste, dass es einfach in Harms Natur lag, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, er tat es nicht, um Macs Autorität oder ihr Können in Frage zu stellen. Mac blätterte in dem Gesetzbuch; wollte sich auf keine Diskussion über dieses Thema einlassen. Sie schlug erneut eine Seite um und erstarrte, als etwas plötzlich ihre Aufmerksamkeit erregte. "Na, hallo, das ist ja interessant!" Vielleicht war es doch der bessere Job gewesen, hier zurückzubleiben.
1934Z-Zeit (13:34 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
Harm stieg aus John Ross Wagen, schloß die Autotüre und sah sich kurz um. Vor ihnen, im alten Stadtkern Tahlequahs, lag ein zweistöckiges Gebäude, das alt und ehrwürdig wirkte. Unter der US-Flagge direkt vor dem Gebäude wehte eine Fahne mit dem Symbol der Cherokee Nation. Das Cherokee Symbol bestand aus einem siebenzackigen Stern, umgeben von Eichenzweigen.
John Ross bemerkte, daß Harm hinter ihm zurückblieb und folgte mit den Augen seinem Blick. "Die Sieben ist traditionell eine heilige Zahl für uns Tsalagi. Es gibt 7 Clans, 7 kulturelle Feste im Jahr und 7 Silben, die in Sequoyahs Alphabet für die Cherokee Nation stehen: Tsa-la-gi-hi A-yi-li. Die Eichenzweige symbolisieren die heiligen Feuer, die mein Volk seit unerdenklichen Zeiten am Brennen erhält." Sorry sah nach oben und in seinen silbergrauen Augen leuchtete Stolz.
Nach einer Weile wandte er sich ab und ging zielstrebig die wenigen Treppenstufen zur Eingangstüre hinauf. Er warf einen raschen Blick zurück, um sich zu vergewissern, daß Harm noch an seiner Seite war.
Harm beobachtete ihn, während sie eintraten. Ross bewegte sich durch die große Halle als befände er sich in seinem eigenen Wohnzimmer und nicht in einem ehrfurchtserweckenden, öffentlichen Gebäude. Seine Selbstverständlichkeit ließ darauf schließen, daß er sich schon oft hier aufgehalten hatte.
"Sorry" Ross klopfte an eine Türe und sie traten ein. Harm fand sich in einem Raum wieder, der ihn ein wenig an Chegwiddens Büro erinnerte. Die Wände waren holzvertäfelt und hinter dem Schreibtisch stand ein großer Ledersessel. Es roch nach Zigarrenrauch.
Irgendetwas kubanisches, vermutlich eine Monte Christo, entschied Harm fachmännisch. Er schluckte unwillkürlich. Manchmal fiel es ihm noch immer schwer, nicht mehr zu rauchen.
Der Mann, der mit der Zigarre am Fenster stand, drehte sich jetzt zu ihnen um. Seine Cherokee-Vorfahren waren ihm deutlich anzusehen. Er war schlank und kaum größer als John Ross, aber er strahlte eine innere Kraft und Autorität aus, die Harm an seinen C.O. erinnerte. Harm vermutete, daß er auch im selben Alter wie Chegwidden sein mochte.
Der Cherokee streckte Harm sofort freundlich die Hand hin. "Commander."
Harm schüttelte ihm die Hand, registrierte dabei, wie kraftvoll der Händedruck des älteren Mannes war, und fragte sich, ob seine Anwesenheit in Tahlequah bereits jedem Kindergartenkind bekannt war. Oder wieso hatte der Cherokee ihn sofort mit seinem Rang angesprochen?
Der ältere Mann lächelte milde. "Ich war selbst beim Militär," erklärte er als errate er Harms Gedanken, "allerdings bei der Army. Ich hab in Vietnam als Panzerkommandant gedient."
Jetzt wußte Harm, mit wem er es hier zu tun hatte: Der Cherokee war Dwight W. Birdwell, der vorsitzende Richter des Cherokee-Supreme-Court. Er hatte heute morgen seine Akte gelesen. Birdwell hatte in Vietnam in zahlreichen Schlachten gekämpft, war dreimal verwundet worden und wurde mit zwei Silver Stars und dem Purple Heart ausgezeichnet. "Noch einer der zahlreichen Cherokee-Helden." Unter den Cherokee waren Anwälte und Offiziere wirklich überrepräsentiert. Harm mußte an Mac denken und grinste für einen Moment, bevor er seine Gedanken wieder Dwight Birdwell zuwandte. Nach seinem Abschied von der Army hatte Birdwell das College und ein Jura-Studium absolviert und besaß heute neben seinem Amt als oberster Richter des JAT eine Kanzlei in Oklahoma City.
[ANMERKUNG: Dwight Birdwell ist tatsächlich oberster Richter am JAT und auch die übrigen Informationen stimmen]
"Dwight Birdwell." stellte sich der Cherokee vor und bestätigte damit Harms Vermutung.
Harm nickte ihm zu. "Lieutenant Commander Harmon Rabb."
"Sie werden die Vereinigten Staaten nächste Woche vor dem JAT vertreten?" erkundigte sich der Vietnam-Veteran und oberste Richter der Cherokee Nation.
"Ich und meine Kollegin, Major MacKenzie, Sir." bestätigte Harm diplomatisch.
John Ross und Birdwell wechselten einen schnellen Blick. "Tut mir leid, Commander, aber Sie müssen sich schon entscheiden. Doppelvertretungen sind an unseren Gerichten nicht üblich. Nach Artikel 5, Sektion 14 unserer Verfassung hat der Angeklagte zwar das Recht, angehört zu werden, aber jede Partei wird nur von einem Anwalt repräsentiert." Bedauernd, aber entschlossen schüttelte Birdwell den Kopf.
Harm nickte. "Das sollte kein Problem sein, Sir." Er hatte schon oft genug ohne – oder sogar gegen – Sarah MacKenzie vor Gericht gestanden und war zuversichtlich, den Fall auch alleine handhaben zu können.
Dwight Birdwell drückte zufrieden seine Zigarre aus. "Gut, sagen Sie mir einfach bis Ende der Woche, wer von Ihnen die Verteidigung übernehmen wird. Sorry, haben Sie ihn schon über die anderen Richter informiert?" Er warf John Ross einen fragenden Blick zu.
Harm stellte erneut fest, daß der Umgang zwischen Cherokee-Anwälten ganz anders war als der, den er von Washington her kannte. Das war nicht allein auf den Unterschied zwischen Militär- und Zivilanwälten zurückzuführen, sondern auch auf das besondere Gemeinschaftsgefühl der Cherokee. Harm konnte sich einfach nicht vorstellen, daß Richter Morris ihn jemals "Harm" nennen würde. Außerdem fand Harm es immer wieder erstaunlich, wie freundlich und entgegenkommend man ihn hier behandelte, obwohl er doch der Gegner der Cherokee Nation vor Gericht sein würde. Dennoch versuchte man nicht, Informationen vor ihm zurückzuhalten, außer vielleicht die Identität des Klägers. Vermutlich war sie nur dem obersten Richter und dem Kläger selbst bekannt, auch wenn andere sicher ihre eigene Überzeugung darüber haben mochten. Manchmal hatte Harm fast das Gefühl, daß manchen Cherokee die Klage selbst ein wenig peinlich war oder doch zumindest reichlich unrealistisch vorkam.
"Nein, hab ich nicht." antwortete Sorry auf Birdwells Frage. Der schlanke Mann mit den Silberaugen wandte sich Harm zu. "Dwight ... Mister Birdwell hier wird den Vorsitz führen, außerdem haben wir es mit Ralph F. Keen und Philip H. Viles zu tun. Beide sind schon seit einigen Jahren Richter am JAT. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß Keen bald in den Ruhestand treten wird. Er war schon unter Häuptling Swimmer Richter am JAT, war sogar mal der vorsitzende Richter, hat sich jetzt aber aus gesundheitlichen Gründen etwas zurückgezogen. Das wird vermutlich sein letzter größerer Fall sein."
Harm nickte. Das würde er bei der Verhandlung mit berücksichtigen. Der letzte Fall in einer Karriere – vor allem wenn es sich dabei um eine Klage gegen die Vereinigten Staaten handelte – war für jeden Richter etwas Besonderes. "Und wer vertritt die Cherokee Nation vor Gericht?" Er sah fragend zwischen Sorry und Dwight Birdwell hin und her.
John "Sorry" Ross räusperte sich und erklärte mit einem fast verlegenen Lächeln: "Ich."
2010 Z-Zeit (14:10 Uhr CST)
Tahlequah, Oklahoma
"Eine Frage," begann Harm, sobald sie im Auto saßen.
John Ross nickte ihm auffordernd zu. Seine silbergrauen Augen blickten freundlich. "Nur zu."
"Wenn Sie der Vertreter der Anklage in diesem Fall sind ... mein Gegner sozusagen ... wieso machen Sie sich dann die Mühe, mir und Major MacKenzie zu helfen, uns mit den Cherokee Gesetzen zurechtzufinden?" Harm verstand das Verhalten des Cherokee nicht so ganz.
"Wenn ich es Ihnen nicht erklären würde, dann würde es eben jemand anderer tun. Und da ich mich gerade ohnehin mit dem Fall beschäftigen muß..." Sorry zuckte die Schultern, "Ich will diesen Fall nicht gewinnen, nur weil dem gegnerischen Anwalt alle wichtigen Informationen vorenthalten werden. Ein wenig Fairness muß bei allem Ehrgeiz dennoch drin sein."
Harm nickte anerkennend. Er wußte einen Mann zu schätzen, der seine Ideale nicht nur deswegen hochhielt, damit er bequemer darunter hindurchschlüpfen konnte.
"Darf ich Ihnen auch eine Frage stellen?" unterbrach John Ross die entstehende Stille im Auto. Er hielt seinen Blick auf die Straße gerichtet, ohne Harm anzusehen.
"Natürlich." "Quid pro quo, wie Mac wohl sagen würde." dachte er sich lächelnd. Harm war gespannt, wie Mac auf die Neuigkeit, daß John Ross der Anklagevertreter war, reagieren würde. Er hatte die Sympathie, die zwischen Mac und dem Cherokee herrschte, bemerkt, obwohl er nicht so recht wußte, was er davon halten sollte.
"Wie werden Sie und Major MacKenzie ... Mac mit dem Altersunterschied fertig?" Ross warf ihm einen fragenden Blick zu.
Harm verschluckte sich fast an seinem Kaugummi, den er immer dann in den Mund schob, wenn das Verlangen nach einer kubanischen Zigarre übermächtig wurde. Er hatte mit einer juristischen Frage gerechnet, mit irgendetwas Dienstlichem. Was sollte DIESE Frage? "Auf diese Frage muß ich erst mal zwei Gegenfragen stellen, Mister Ross. Von welchem Altersunterschied sprechen Sie? Soviel älter als Mac bin ich auch wieder nicht, vielleicht fünf oder sechs Jahre." Harm klang fast etwas entrüstet darüber, daß Ross ihn für soviel älter als Mac hielt. "Und wieso glauben Sie, spielt der Altersunterschied zwischen Mac und mir überhaupt irgendeine Rolle?"
"Das wollte ich eben wissen, ob er überhaupt eine Rolle spielt zwischen ihnen beiden. Er spielt also keine?" erkundigte sich John Ross interessiert.
"Nein!" Harm schüttelte nachdrücklich den Kopf, "Wieso sollte es auch eine Rolle spielen? Falls Sie etwas anderes geglaubt haben: Major MacKenzie und ich, wir sind nur Freunde und Partner ..." Er unterbrach sich, als er Sorrys Grinsen sah, "...Partner im beruflichen Sinne, Mister Ross! Arbeitskollegen. So wie ... Sie und Hazel."
John Ross lachte laut auf. "Deswegen hab ich gefragt."
Harm runzelte die Stirn. Was hatte das zu bedeuten? Hatte sich Sorry gerade danach erkundigt, daß Mac "noch frei war, soweit es ihn betraf", so wie Mic Brumby es mal getan hatte? Harm schüttelte stumm den Kopf.
Manchmal waren ihm die Cherokee wirklich ein einziges Rätsel.
2030 Z-Zeit (14:30 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
Mac sah auf als Harm und John Ross das Büro betraten. Mit einer so schnellen Rückkehr hatte sie eigentlich nicht gerechnet.
"Na, Mac, haben Sie beide sich jetzt genügend über John und mich unterhalten?" fragte Harm mit einem seiner Flyboy-Grinsen und lehnte sich gegen den Türrahmen.
Mac warf ihm einen bösen Blick zu. Nie würde sie zugeben, daß sie tatsächlich über ihn und Sorry geredet hatten. "Wir haben gearbeitet, Commander! Und was haben Sie getan?" Herausfordernd sah sie ihn an.
"Dasselbe." erklärte Harm ruhig.
"Was dasselbe?" Mac grinste ihr neckisches Marines-Lächeln, "Über uns geredet?"
Harm schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf und sah sie tadelnd an. "Gearbeitet natürlich, Mac!"
"Wissen Sie, Major MacKenzie," warf John Ross, der jetzt hinter Harm eintrat, ein, "das ist wohl der Unterschied zwischen Männern und Frauen: Wir Männer schwatzen nicht über..."
Weiter kam er nicht, bevor seine Mitarbeiterin ihn unterbrach. "Ich an Ihrer Stelle würde jetzt nicht weitersprechen, wenn Ihr Spitzname nicht gleich auf Sie zutreffen soll, Sorry!" warnte Hazel und in ihren nußbraunen Augen blitzte es, "Der Major ist ein Marine und ich stamme von ziemlich kriegerischen Vorfahren ab!"
John Ross wandte sich ihr zu und grinste gutmütig. Bevor er jedoch zu einer Antwort kam, klopfte es an der Türe. Ross sah auf, nicht gerade sehr erfreut über die Störung. Zu selten konnte er sich in der letzten Zeit in Ruhe mit Hazel unterhalten oder gar mit ihr scherzen. Seine Vorgesetztenrolle und 12 Jahre Altersunterschied standen einfach zwischen ihnen. "Ja?" bellte er in einem Tonfall, der Harm und Mac sofort an ihren C.O. an einem seiner schlimmsten Tage erinnerte.
Die Türe öffnete sich schwungvoll und herein kam ein großer, blonder Mann. Er lächelte sofort freundlich, als sein Blick auf Hazel fiel. "Hallo Hazel, wie geht’s?" erkundigte er sich und wandte sich erst dann den anderen Personen im Raum zu, "Ich bin Michael Ragsdale, ich vermute, Sie sind Major MacKenzie und Lt. Commander Rabb?"
Harm trat vor und nickte. "Richtig. Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage, Mister Ragsdale, aber sollte ich mit Ihrem Namen irgend etwas anfangen können?" Er runzelte die Stirn.
Michael Ragsdale nickte, jetzt überhaupt nicht mehr lächelnd, sondern eher finster wirkend. "Ich bin im Fall Cherokee Nation vs. USA der Assistent des Anklagevertreters."
"Mic ist Richter am District Court von Adair County." erklärte Hazel und nickte Michael Ragsdale lächelnd zu.
Ragsdale erwiderte das Lächeln ohne zu zögern.
"So wie Sie, Sorry?" erkundigte sich Mac bei John Ross, der schweigend dastand.
Ross schüttelte den Kopf. Seine gute Laune schien plötzlich wie weggewischt zu sein. "Ich bin Richter am District Court von Cherokee County." Er sah so aus, als würde er noch ein "Gott sei Dank" hinzufügen wollen, aber er ließ es bleiben. Ohne das geringste Anzeichen von Sympathie beobachtete er Michael Ragsdale. Er wußte selbst nicht so genau, warum er Ragsdale nicht mochte. Mit dieser Meinung stand er so ziemlich alleine im weiten Umkreis. Jeder mochte den selbstbewußten, ehrgeizigen und attraktiven Mann, jeder, inklusive Hazel. Vielleicht steckte lediglich ein gewisser Neid dahinter. Sein blondhaariger Kollege erinnerte ihn jedesmal, wenn er ihn sah, nur zu deutlich daran, was er selbst war oder besser: Was er nicht war. Mic hatte alles, was ihm selbst fehlte; er war groß, kräftig und gutaussehend. Er war 10 Jahre jünger. Wenn er lächelte, so wie jetzt, als er Hazel Bearpaw ansah, dann wirkte er noch attraktiver und das Selbstvertrauen, mit dem er sich bewegte, zeigte, daß er das auch wußte. Die Sympathien flogen ihm nur so zu.
"Kann ich Sie mal sprechen?" wandte sich Mic Ragsdale an Sorry, "Draußen?"
John "Sorry" Ross nickte und sie gingen nach nebenan.
Mac warf Hazel einen fragenden Blick zu. Sie glaubte, eine gewisse Antipathie zwischen den beiden ungleichen Männern gespürt zu haben, war sich aber nicht ganz sicher. Hazel gegenüber hatte Ragsdale sich jedoch überaus zuvorkommend und höflich verhalten. "Freundlicher Mann." meinte sie zu Hazel und sah sie abwartend an.
Hazel nickte lächelnd. Obwohl Sorry es aus irgendeinem Grund nicht gerne sah, tauchte Mic Ragsdale hier seit einigen Wochen immer häufiger auf, um Hazel zum Essen einzuladen und zeigte auch sonst ein eindeutiges Interesse an ihr. Hazel war freundlich zu ihm, genoß seine Gesellschaft, hatte aber ansonsten kein Interesse an ihm, das über Freundschaft hinausging – nicht, daß Ragsdale sich davon entmutigen ließ! "Mics Bruder, Pat Ragsdale, ist der Chef des Cherokee-Marshal-Dienstes. Sie haben vielleicht von den Schlagzeilen im letzten Jahr gehört..."
Mac sah sie fragend an. "Nicht, daß ich wüßte."
Hazel verzog das Gesicht und schien erst jetzt zu bemerken, in welche Lage sie sich gerade gebracht hatte. "Nicht gerade eine Sternstunde in der modernen Geschichte der Cherokee. Joe Byrd, unser letzter Oberhäuptling vor Chad Smith, hat von Beginn seiner Amtszeit an seine Macht mißbraucht. Es ging da vor allem um die Mißverwendung von Geldern und illegalem Abhören politischer Gegner. Als Verbündete von Byrd verdächtigt wurden, befahl Byrd Pat Ragsdale und den Cherokee-Marshals, die Nachforschungen abzubrechen. Als er sich weigerte, hat Byrd ihn gefeuert und als der JAT ihn wieder einsetzte und weitere Nachforschungen erlaubte, setzte Byrd die Richter ab. Er beschlagnahmte das Budget der Judikative und weigerte sich, die Richter weiter zu bezahlen. Er griff die Gewaltenteilung an und verhielt sich so, als stünde er über dem Gesetz. Wie gesagt, nicht gerade eine unserer Sternstunden." Hazel schnitt erneut eine Grimasse.
Weitere Erklärungen blieben ihr erspart, denn aus dem Nachbarraum, John Ross Büro, hörte man jetzt wütende Stimmen.
" ... ga-do us-di tsa-du-li?" Es klang nach John Ross, entschied Mac, obwohl sie ihn nie zuvor wütend erlebt hatte.
"U-ha ka-ni-gi-dv kla ha-di-a! U-da-lv quo-di!" knurrte Michael Ragsdale kein bißchen freundlicher zurück.
Harm sah Mac fragend an, doch sie verdrehte nur die Augen. "Harm, sehen Sie mich nicht so an, ich kann nicht besser Cherokee als Sie Farsi sprechen!"
Beide richteten ihre Blicke auf Hazel, die jedoch so tat, als würde sie es nicht bemerken, und keinerlei Anstalten machte, den Streit für sie zu übersetzen.
"Tsi-wo-ni ..."
"Ha-le-wi-sta!" befahl draußen plötzlich eine gebieterische Stimme, "Hört sofort auf! Ihr beide bietet unseren Gästen ja wirklich ein tolles Beispiel für den Zusammenhalt der Cherokee!"
Die wütenden Stimmen verstummten sofort und eine Minute später öffnete sich die Türe und William MacCoinnich, der 80jährige Cherokee, trat ein. "Hazel, gehen Sie doch bitte mal rüber und waschen Sie dem alten Brummbär den Kopf."
Obwohl MacCoinnich weder ihr Vorgesetzter war, noch sonst ein Amt inne hatte, zögerte Hazel nicht, der Anweisung zu folgen. Sie schloß wortlos die Türe hinter sich.
"Major, Commander, bitte entschuldigen Sie dieses unprofessionelle Verhalten. Mic Ragsdale und John mögen sich nicht sonderlich. Sie sind berufliche Konkurrenten und deshalb gefällt es Mic nicht, daß er John assistieren soll." erklärte MacCoinnich entschuldigend.
Harm nickte nachsichtig. "Muß am Namen liegen." kommentierte er mit einem raschen Seitenblick zu Mac hinüber.
Mac öffnete den Mund, um etwas zu antworten, doch Will MacCoinnich legte ihr die Hand auf den Arm und sagte väterlich: "Kommen Sie, u-we-tsi," während er sie zur Türe schob.
Harm folgte den beiden langsamer und wünschte sich dabei, er verstünde Cherokee.
2114 Z-Zeit (15:14 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
"Tut mir leid, wenn ich mich schon wieder verabschieden muß," sagte William MacCoinnich bedauernd, "aber ich habe noch zu tun. Am Samstag, also morgen, habe ich ein paar alte Freunde eingeladen und ich würde mich freuen, wenn sie uns ebenfalls Gesellschaft leisten. Gäste werden in meinem Volk traditionell als Teil der Familie angesehen, solange sie im Haus leben." Er lächelte Mac zu.
Harm stellte fest, daß einige der Cherokee scheinbar wirklich einen Narren an Mac gefressen hatten – nicht, daß er es ihnen vorwerfen würde ...
Sie standen auf dem Parkplatz und sahen zu, wie William MacCoinnich davonging. "Wie kommt es eigentlich, daß gerade die Rentner die meistbeschäftigsten Menschen der Welt sind?" kommentierte Harm kopfschüttelnd.
Mac schmunzelte. "Vor oder nach einem JAG-Officer?"
Harm schenkte ihr spontan eines seiner Flieger-Lächeln. "Hm, das ist noch nicht raus – aber sicher nicht vor DIESEN beiden JAG-Offizieren."
"Und was tun diese beiden JAG-Offiziere jetzt genau? Haben Sie irgend etwas hilfreiches für unseren Fall gefunden?" Mac wurde wieder ernst und sah ihren Partner fragend an.
Harm nickte bedächtig. "Ich glaube schon. Aber das ist sicher nichts, was wir hier auf der Straße besprechen sollten und auch nicht in dem Büro, das Ross uns neben seinem freigeräumt hat." erklärte er und beobachtete Macs Reaktion. Er erwartete, daß sie – wie zuvor – den kleinen Cherokee-Anwalt gegen Harms Verdächtigungen verteidigen würde, aber das geschah nicht.
Stattdessen ging Mac in Richtung ihres Mietwagens und warf Harm einen auffordernden Blick zu. "Was ist, kommen Sie? Ihr Piloten mögt es ja vielleicht gewöhnt sein, nur mit Sauerstoff auszukommen, aber wir Bodentruppen brauchen ab und zu auch mal etwas zu essen."
Harm grinste. "Was erklärt, wieso Marines nicht mit Tomcats, sondern mit Fracht- oder Truppentransportern herumgeflogen werden. Marines übersteigen einfach das zulässige Startgewicht für einen Kampfjet." witzelte er.
Mac warf ihm einen ihrer "Sehr-witzig-Commander"-Blicke zu. "Ich bin jedenfalls jedes Mal ein paar Kilo leichter, wenn ich aus einer Tomcat steige!" erklärte sie grimmig.
Harms Grinsen wich einem ernsten Gesichtsausdruck. Mac war zweimal mit ihm in einer Tomcat geflogen, obwohl ihr jedes Mal hunde-elend wurde. Sie hatte es sogar in Kauf genommen, eine russische MiG zu stehlen und abgeschossen zu werden, nur um ihm zu helfen, seinen Vater zu finden. "Ich glaube, ich habe noch nie jemanden gekannt, auf den Semper Fi mehr zutreffen würde," dachte Harm dankbar, "Mac ist schon eine treue Seele."
Mac hatte inzwischen die Autotüre geöffnet und sah ihn auffordernd an. "Was ist? Haben Sie Angst, es mit meinen Ernährungsgewohnheiten nicht aufnehmen zu können?" fragte sie neckisch.
Harm schaffte es trotz seiner 1,94 m, sie von unten herauf spöttisch anzusehen. "Nach drei Jahren mit Ihnen Büro an Büro legt man sich einen eisernen Magen zu und wer Harriets Schwangerschafts-Snacks überstanden hat, den haut so leicht nichts mehr um, nur keine Sorge." versicherte er grinsend und stieg ebenfalls ein.
2210 Z-Zeit (16:10 Uhr CST)
Restaurant "A-wi e-qua at-li" / "Rennender Elch"
Tahlequah, Oklahoma
Harm lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ den Blick durch das nur halbvolle Lokal schweifen. Die heimelige Ruhe hier hatte nichts mit den Pubs und Restaurants in Washington D.C. gemeinsam, in denen viele Geschäftsleute ein hastiges Mittagessen einzunehmen pflegten. Im "Rennenden Elch" gab es keine Hektik und statt Urkunden und Wall Street Artikeln hingen hier alte Kultur- und Kunstgegenstände an den Wänden.
Die Wirtin, die sie bereits von ihrem gestrigen Besuch hier kannten, kam zu ihnen herüber. "O-si-yo," grüßte sie – jedenfalls vermutete Harm, daß es ein Gruß war -, "Tsa-la-gi s hi-wo-ni?" Die alte Frau sah in Macs Richtung.
Mac machte eine hilflose Geste. "Tut mir leid, ich spreche kein Cherokee."
"Genau danach hab ich Sie gefragt." erklärte die Wirtin lächelnd, "Was darf ich Ihnen denn bringen? Warten Sie, wie war das gleich...," Sie deutete auf Harm, "Sie nehmen ein Steak und Sie," Ihr Finger wies auf Mac, "den Salatteller, richtig?"
Harm schüttelte grinsend den Kopf. "Umgekehrt, Ma’am, genau umgekehrt."
"Dann sollten Sie Ihrer Freundin diese einseitige Ernährungsweise aber schnellstens abgewöhnen." meinte die Cherokee-Dame.
"Oh, das hab ich versucht," versicherte Harm, noch bevor ihm auffiel, wie die Wirtin Mac da gerade bezeichnet hatte, "Langjährige Erfahrung hat mich jedoch gelehrt, daß drei Dinge völlig unmöglich sind: Wasser aus Stein zu pressen, Gold aus Stroh zu machen und einen Marine von etwas abzubringen, was er sich in seinen Holzkopf gesetzt hat." Er grinste Mac mit freundschaftlichem Spott an. Seine Ironie war nicht verletzend, sondern sanft und humorvoll.
Er liebte es einfach, Mac ein wenig zu necken. Manchmal erschien ihm selbst das Fliegen langweilig im Vergleich zu einer verbalen Diskussion mit seiner Partnerin. Mac war immer eine der wenigen Frauen gewesen, die es schaffte, ihn spielerisch herauszufordern, die ihn dazu brachte, sein Bestes zu geben und deren Gesellschaft er trotzdem noch genoß. Mehr noch, Mac hatte einen einzigartigen Humor, sie konnte wirklich witzig sein, wenn sie ihrer spielerischen Seite erlaubte, zu Tage zu treten.
"Entzückend wie immer, Mister Charm-boy!" gab Mac im selben Tonfall zurück. Sie beschloß die Bemerkung mit der "Freundin" wie Harm einfach zu ignorieren. Wenn man es genau nahm, so waren sie schließlich genau das: Freunde.
Die Wirtin ging lachend davon.
"Also, rücken Sie schon raus mit der Sprache, Harm, was haben Sie beim JAT herausgefunden?" wollte Mac wissen, kaum daß sie alleine waren. Es ärgerte sie noch immer ein wenig, daß sie hatte zurückbleiben müssen, während Harm John Ross hatte begleiten können.
Wenn Harm etwas von ihrer Verärgerung bemerkte, so behielt er es zumindest für sich. "Ich konnte kurz mit Dwight Birdwell sprechen ... Sie wissen schon, dem vorsitzenden Richter des Cherokee-Stammesgerichtes. Scheint mir ein ganz vernünftiger Mann zu sein und er hat mir Zugang zu allen nicht versiegelten Dokumenten zugesichert. Aber jetzt raten Sie mal, wer unser Gegner vor Gericht sein wird..."
"John Ross." entgegnete Mac, als gäbe es für sie gar keinen Zweifel daran.
Harm sah sie ein wenig überrascht an. Scheinbar konnte er Mac nicht wie gedacht mit der Neuigkeit überraschen. "Sie wissen bereits davon?" Harm runzelte die Stirn.
"Nein, aber Sorry ist die einzig logische Wahl." meinte Mac sachlich.
"Logische Wahl, hm? Mac, ich glaube, Sie haben zuviel Zeit mit Buds Videosammlung verbracht!" kommentierte Harm kopfschüttelnd.
Mac rollte mit den Augen. "Was haben Sie gegen Logik, Commander?"
"Oh, gar nichts, nicht das Geringste. Also, was sagt Ihre Logik über John Ross?"
"Die Logik sagt mir, daß kein unerfahrener Anwalt einen solchen Fall erhalten wird," entgegnete Mac energisch, "Sorry ist Richter am District Court und wie ich gehört habe, der nächste Kandidat sobald eine Stelle am JAT frei wird."
Eine nachdenkliche Falte bildete sich auf Harms Stirn. "Ach? Das ist interessant. Zufällig habe ich heute erfahren, daß einer der JAT-Richter, Ralph Keen, demnächst in den Ruhestand treten wird. Vielleicht soll dieser Fall so eine Art letzte Bewährungsprobe für Ross sein..."
"Und ich wette, daß Michael Ragsdale deswegen so sauer auf John Ross war. Er ist ebenfalls Richter an einem District Court und konkurriert vermutlich mit Ross um den Posten am JAT. Da ist er natürlich nicht gerade begeistert davon, ausgerechnet seinem Konkurrenten als Assistent zugewiesen zu werden." meinte Mac.
Harm musterte seine Partnerin kurz, einmal mehr beeindruckt von ihrer Intelligenz und ihrem raschen Auffassungsvermögen. Er wußte, daß er ihre Leistungen viel zu oft als selbstverständlich hinnahm, ohne ein Wort des Lobes zu äußern. Aber vielleicht wurde es wirklich mal wieder Zeit, gerade jetzt, wo Mac noch immer ein wenig geknickt durch ihre Abmahnung erschien. Aber noch während er überlegte, wie er seine Anerkennung ausdrücken konnte, ohne bei Mac gleich sämtliche Alarmglocken auszulösen, ging Mac zum nächsten Thema über.
"Also ist Sorry unser Gegner ... was sonst haben Sie erfahren?"
"Nun ... er ist nicht direkt ‚unser’ Gegner. Vor dem Stammesgericht ist keine Doppelvertretung zugelassen; jede Partei wird nur von einem Anwalt repräsentiert. Ragsdale wird John Ross nur aus dem Hintergrund, bei den Recherchen, helfen." erklärte Harm.
Mac verschränkte die Arme und zupfte leicht mit den Zähnen an ihrer Unterlippe.
"Was ist?" Harm sah sie aufmerksam an. Er kannte das verräterische Nach-oben-Ziehen ihrer Lippe. Hatte er irgend etwas Falsches gesagt? Er konnte sich nicht erinnern ...
"Oh, nichts ist, gar nichts, Commander!" unterbrach Macs ironische Stimme seine Gedanken, "Nichts außer dem Üblichen."
"Maaac, muß ich jetzt einen Codetalker hinzuholen, um Sie zu verstehen, oder können Sie auch Klartext mit mir reden?" Harms Blick ruhte ernst auf seiner Partnerin und über seiner Nasenwurzel entstand eine leichte Falte.
"Klartext? Schön ... Klartext. Sie werden hier wieder einmal die übliche Routine durchziehen, oder?" Mac schien nur mit Mühe ihr Temperament im Zaum zu halten.
"Als übliche Routine würde ich eine Klage gegen die Vereinigten Staaten ganz sicher nicht bezeichnen ... worauf wollen Sie eigentlich hinaus?" erkundigte sich Harm mit wachsender Ungeduld.
"Sie beabsichtigen, die JAT-Verhandlung im Alleingang durchzuziehen, mit ein paar Ihrer brillianten Argumente zu gewinnen und am Schluß als der strahlende Held dazustehen, der den USA eine Klage vor dem Supreme Court erspart hat." Mac nickte finster zu ihren Worten.
Harm zog erstaunt die Augenbrauen zusammen. Irgendwie hatte er das Gefühl, daß er und Mac eben nicht dieselbe Sprache sprachen. "Hey, Mac, was ist Ihr Problem? Natürlich will ich gewinnen und natürlich will verhindern, daß es zu einer Verhandlung vor dem Supreme Court kommt; das liegt schließlich im Interesse des JAG-Corps, der Marine und des ganzen Landes. Was ist damit nicht in Ordnung?"
"Oh, DAMIT ist alles in Ordnung, nur wie Sie das erreichen wollen, das ist nicht in Ordnung. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie Sie Bud behandeln?" hielt Mac ihm vor.
Harm sah sie verständnislos an; er begriff einfach nicht, wieso Mac plötzlich so verärgert war. Und was zum Teufel hatte Bud damit zu tun? "Wie ich Bud behandle?"
"Sehen Sie, Sie bemerken es nicht einmal! Ich rede davon, daß Sie ihn noch immer so behandeln wie am ersten Tag als er zu JAG kam. Sobald wir einen Fall zugewiesen bekommen, weisen Sie Bud an alle möglichen Nachforschungen anzustellen, Zeugen ausfindig zu machen, Fahrzeuge zu überprüfen, Informationen einzuholen ... alles möglichst vorgestern..."
"Maaac!" bremste Harm sie kopfschüttelnd, "Ich tue nur meinen Job und er tut seinen."
"Oh nein, so einfach ist das nicht, Harm! Bud tut mehr als er eigentlich müßte. Nachforschungen anzustellen war vielleicht mal Buds Hauptaufgabe, aber jetzt, wo er sein Studium bald abgeschlossen hat und erstklassige Noten erhält, weißt der Admiral ihm immer mehr Aufgaben zu. Die ersten Verhandlungen kommen auf ihn zu, aber Sie behandeln ihn immer noch wie den kleinen Assistenten, der er vor drei Jahren mal war!" warf Mac ihm vor, "Sie glauben immer noch, alle anderen Aufgaben müßten zurückstehen, wenn Sie Bud einen Auftrag erteilen!"
Harm lehnte sich zurück. "Na schön, Mac, vielleicht neige ich ja tatsächlich ein wenig ..."
Mac ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Neigen?" fragte sie gedehnt.
"Mac, könnte ich bitte mal erfahren, was hier eigentlich los ist?" Harm sah seine Partnerin kopfschüttelnd an, "Im einen Moment reden wir über unseren Fall und dann beginnen Sie plötzlich, mir Vorwürfe wegen Bud zu machen ... was ist los mit Ihnen, Mac?" Sein Blick war fordernd und besorgt zugleich.
Mac seufzte. Ihr Zorn verwandelte sich in resignierte Frustration. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, stand die Wirtin wieder neben ihrem Tisch und stellte zwei Teller vor ihnen ab. "Sie sind Commander Rabb und Major MacKenzie, oder? Telefon für Sie." Sie deutete zur Küche hinüber.
Stirnrunzelnd erhob sich Harm und bedeutete Mac, sitzenzubleiben. Im Gegensatz zu ihrem Steak konnte sein Salat nicht kalt werden. Außerdem würde es sicher nichts schaden, wenn er Mac etwas Zeit gab, sich wieder abzuregen.
Er folgte der Wirtin und warf dabei einen raschen Blick über die Schultern zurück zu Mac. Sie saß am Tisch und stocherte wenig fröhlich in ihrem Essen herum, obwohl sie doch noch vor einer Viertel Stunde behauptet hatte, quasi am Verhungern zu sein. Harm nahm sich vor, bei seiner Rückkehr das Gespräch dort wieder aufzunehmen, wo es eben geendet hatte. Mit einem dankenden Nicken nahm er den Telefonhörer entgegen. Er konnte sich wirklich nicht vorstellen, wer ihn hier anrufen könnte. Sie hatten niemandem gesagt, wohin sie fahren würden. "Rabb."
"Chegwidden." meldete sich am anderen Ende der Leitung der Mann, den Harm sicher zuletzt für den Anrufer gehalten hätte.
"Sir? Woher wissen Sie..."
"Wo Sie sind? Commander, Gott und Ihr C.O. wissen praktisch alles!" behauptete AJ Chegwidden, "Im Übrigen habe ich Ihren Verbindungsmann, Mister MacCoinnich angerufen und er hat mir die Telefonnummer gegeben."
Harm runzelte die Stirn. Sie hatten MacCoinnich nicht gesagt, wohin sie zum Essen fuhren, nicht einmal, daß sie es überhaupt taten. Der alte Mann schien seine Augen und Ohren wirklich überall zu haben.
"Wie kommen Sie klar, Commander?" unterbrach der Admiral seine Gedanken.
"Die Verhandlung vor dem Stammesgericht, die entscheiden wird, ob der Fall überhaupt dem Supreme Court vorgetragen wird, findet erst nächsten Montag statt, Sir, aber bisher läuft es ganz gut, Sir." versicherte Harm selbstbewußt.
"Und wie kommt Major MacKenzie klar?"
"Sir?" Harm kam es plötzlich so vor, als sprächen alle um ihn herum eine völlig andere Sprache. Und Fremdsprachen waren noch nie seine starke Seite gewesen. Wieso erkundigte sich ihr C.O. plötzlich – nachdem er sich schon erkundigt hatte, wie sie zurechtkamen – noch einmal extra nach Mac?
Chegwidden stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen einem Seufzen und einem Knurren lag. "Vergessen Sie die Frage, Rabb, aber bitte, beachten Sie die besondere Dynamik der Situation. Möglicherweise hat der Major da einen anderen Zugang als Sie."
"Ja, Sir," erwiderte Harm, obwohl er nicht so ganz sicher war, wovon sein Boss da sprach. Er hatte von Anfang an nicht bezweifelt, daß Mac ein anderes Verhältnis zu diesem Stamm hatte als er. Nach ein paar weiteren Worten legte Harm auf und kehrte zum Tisch zurück. Prüfend sah er Mac an, um zu erkunden, ob sie immer noch in der Stimmung war, ihm an die Kehle zu springen.
"Und? Was sagt der Admiral?" fragte Mac zwischen zwei Bissen Steak. Sie schien etwas friedfertiger zu sein.
Harm hob die Brauen. "Woher wissen Sie, daß es der Admiral war? Mac, langsam werden Sie den Cherokee immer ähnlicher." meinte er mit einem zögernden Lächeln. "Auf dem Kriegspfad scheint sie ja bereits zu sein."
"Sie sehen aus wie jemand, der gerade von seiner Frau, seiner Mutter oder von seinem Boss ermahnt wurde. Da Sie nicht verheiratet sind und Trish bereits alle Versuche aufgegeben hat, bleibt nur noch der Admiral." argumentierte Mac.
"Logik, hm?" vermutete Harm.
"Logik," bestätigte Mac und stocherte erneut in ihrem Essen herum, "hören Sie, Harm, ich wollte Sie vorher nicht anschreien oder so ..."
"Schon gut, Mac, Sie müssen sich nicht entschuldigen ..."
"Lassen Sie mich doch bitte mal aussprechen; ich entschuldige mich nicht für das, was ich gesagt habe, sondern nur dafür, wie ich es gesagt habe. Erinnern Sie sich wieder mal an meine Worte, wenn Sie Bud den nächsten Auftrag zuschustern. Ein Danke oder ein Lob hin und wieder ist doch wirklich nicht zuviel verlangt." meinte Sarah MacKenzie.
Harm nahm seine Gabel zur Hand. "Sie haben wohl Recht, aber darum ging es Ihnen doch gar nicht, oder? Jedenfalls nicht nur. Wir sprachen gerade von unserem Fall, nicht von Bud."
Mac sah auf und fixierte ihn scharf. "Unser Fall? Ist er das überhaupt, UNSER Fall? Sie haben mir vorhin erklärt, daß die Cherokee Einzelvertretung vor Gericht verlangen." murmelte sie.
Harm schluckte ein Stück Tomate hinunter. "Vor Gericht, ja. Aber das bedeutet nicht, daß der ganze Fall von einem alleine gehandhabt werden muß. Natürlich ist es UNSER Fall, Mac, was soll das alles überhaupt?" Er ließ die Gabel sinken.
"Harm, Sie wissen so gut wie ich, daß Fälle vor allem VOR Gericht entschieden werden. Im Hintergrund zu arbeiten und nur die Informationen zu liefern, so wie Bud das tut, ist keine sehr dankbare Arbeit. Und seien Sie mal ehrlich: Sie hatten von Anfang an vor, den Fall selbst zu übernehmen." Mac klang nicht mehr wütend, sondern eher traurig und resigniert.
Harm legte die Gabel ganz aus der Hand und sah seine Partnerin nachdenklich an. Wenn er ehrlich war, so hatte sie Recht. Ohne groß einen Gedanken an Mac und ihre Gefühle dabei zu verschwenden hatte er automatisch angenommen, daß er derjenige sein würde, der die USA vor Gericht vertreten würde. So war es immer gewesen. Der Verhandlung nur als Zuschauer beizuwohnen ... er wußte nicht, ob er das konnte – oder wollte.
Er wußte nicht, was er Mac sagen sollte, ohne sofort Zugeständnisse zu machen.
Er bemerkte plötzlich, daß Macs Aufmerksamkeit gar nicht mehr ihm galt, sondern der Eingangstüre, die sich eben geöffnet hatte. Harm drehte sich ebenfalls um und hob eine Augenbraue. "Ach, sieh an!"
2240 Z-Zeit (16:40 Uhr CST)
Restaurant "A-wi e-qua at-li" / "Rennender Elch"
Tahlequah, Oklahoma
John Ross und Hazel Bearpaw betraten das Restaurant und gingen Seite an Seite zu ihrem Tisch am anderen Ende des Raumes hinüber, ohne Harm und Mac überhaupt zu bemerken. Mac hörte, daß sie irgendwelche verwaltungstechnischen Dinge diskutierten.
"O-si-yo," begrüßte John "Sorry" Ross die Cherokee-Wirtin freundlich und wandte sich dann seiner Assistentin zu, "Das übliche?"
Hazel nickte wortlos.
Sorry nickte. "Ein Mineralwasser, ein Orangensaft und zweimal Connuche, bitte." bestellte er das traditionelle Cherokee-Gericht. Er wußte genau, was Hazel essen und trinken wollte, denn dies war nicht ihr erstes Dienstessen. Natürlich waren ihre Treffen immer rein dienstlicher Natur, lediglich aus Gründen der Pragmatik und der Zeitersparnis verbanden sie ihre Besprechungen mit Frühstück, Mittagessen oder Dinner. Niemals hätte Sorry zugegeben, daß es ihm einfach besser schmeckte, wenn Hazel mit am Tisch saß.
Ein älterer Cherokee, der das Restaurant gerade verlassen wollte, stoppte als er sie sah und kam zu ihnen hinüber. "O-si-yo, John," grüßte er, "Hallo, Miss Bearpaw. Wo ich Sie gerade sehe kann ich gleich noch mal nachfragen: Haben Sie sich bereits entschieden, ob Sie das Amt annehmen wollen oder nicht?" Fragend sah er Hazel an.
"Nein, noch nicht, Mister Chandler, ich habe Mr. Shade bereits gesagt, daß ich noch etwas Bedenkzeit brauche," antwortete Hazel, "bis nächste Woche."
Chandler, Bezirksrichter von Wagoner County, nickte. "Na schön, bis nächste Woche also." Er nickte ihnen zu und ging.
John Ross sah seine Assistentin fassungslos an. "Hazel, was soll das? Sind Sie wahnsinnig? Gehen Sie ihm sofort nach und sagen Sie ihm zu; so eine Chance kommt so leicht nicht wieder! Denken Sie mal daran, was das für Ihre Karriere bedeuten würde! Sie wären die jüngste Distrikt-Richterin in der ganzen Cherokee Nation!"
Hazel sah ihn warnend an. "John Sorell Ross! Sie mögen mein Vorgesetzter sein, aber über meine Karriere entscheide immer noch ich selbst," entgegnete sie entschlossen.
"Dann entscheiden Sie weise, Hazel!" bat Ross eindringlich.
Hazel seufzte unterdrückt. Sie wünschte wirklich, er würde endlich aufhören, sich ihr gegenüber wie ein besorgter Vater zu verhalten. "Das werde ich," murmelte sie, "das werde ich. Mir ist durchaus klar, daß es eine einmalige Chance ist, Bezirksrichterin in Wagoner County zu werden, nur ... kam es eben etwas plötzlich. Ich brauche nur etwas Zeit, das ist alles. Oder haben Sie es so eilig, mich loszuwerden?" Prüfend sah sie ihn an.
Sorry schüttelte tadelnd den Kopf. "Unsinn! Ich meine es doch nur gut mit Ihnen," versicherte er mit väterlichem Wohlwollen.
Hazel fühlte praktisch, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Sie schluckte eine grimmige Bemerkung hinunter. "Na schön."
Sorry nickte einigermaßen beruhigt und sie begannen, ihre Strategie in der kommenden Verhandlung durchzugehen.
Ross beobachtete seine Assistentin unauffällig, während sie flink durch die mitgebrachten Unterlagen blätterte. Ihr Auftreten war professionell, kompetent und selbstbewußt, wenn auch zurückhaltend und unaufdringlich. Sie war schon seit längerem seine rechte Hand und praktisch unersetzbar für ihn geworden. Er bedauerte es jetzt schon, daß sie sein Team wohl bald verlassen würde, obwohl er sich für sie freute und sie es ohne Zweifel verdient hatte, demnächst zu Bezirksrichter befördert zu werden. Er selbst hatte sich dafür eingesetzt, auch wenn er sich im Nachhinein manchmal dafür hätte ohrfeigen können. Auch viele andere junge Cherokee waren gut ausgebildet und gewissenhaft, aber ohne Hazel würde es einfach nicht mehr dasselbe sein. Jemand Anderes konnte natürlich ihren Posten übernehmen, aber niemand würde sie je ersetzen können, davon war John Ross überzeugt. Nur mit Hazel konnte er auf diese Weise zusammenarbeiten, die keine großen Absprachen erforderte.
Er nahm sich vor, Hazel und ihre Karriere im Auge zu behalten und aus der Ferne eine schützende Hand über sie zu halten. Zumindest das konnte er sein: Ihr Mentor.
2250 Z-Zeit (16:50 Uhr CST)
Restaurant "A-wi e-qua at-li" / "Rennender Elch"
Tahlequah, Oklahoma
"John sieht nicht gerade sehr glücklich aus," bemerkte Harm vom anderen Ende des Raumes und beobachtete die beiden Cherokee aufmerksam.
Mac nickte geistesabwesend, während sie die Zitrone aus ihrem Glas fischte und in das saure Fruchtfleisch biß. "Wie aufmerksam!" dachte sie sarkastisch, "Das bemerkt er, aber wie ich mich fühle ..."
Harm wandte seinen Blick von den Cherokee-Anwälten ab und blickte stattdessen Mac an. Seine blau-grauen Augen ruhten nachdenklich auf ihrem Gesicht. "Mac, was ist los mit Ihnen? Machen Ihnen immer noch Ihre Artikel-32-Anhörung und die Abmahnung vom Admiral zu schaffen? Geht es um Chris Ragles Tod?" Harm wußte, daß Mac noch immer zu Selbstvorwürfen neigte. Erst vorige Woche hatte sie ihm unter Tränen gesagt, sie habe das Gefühl, alle um sie herum würden sterben.
Mac biß die Zähne zusammen. Wieso mußte er ausgerechnet jetzt damit anfangen? "Lassen Sie’s gut sein, Harm," meinte sie seufzend, "Ich glaube nicht, daß Sie das verstehen."
"Weil ich nie verheiratet war?" Harm sah sie fragend an.
Mac schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. "Nein, nicht deshalb," murmelte sie und es war offensichtlich, daß sie nicht darüber reden wollte, "Ich hab mich selbst nie gefühlt, als ob ich verheiratet wäre ... nicht so richtig."
"Was ist es dann? Glauben Sie, ich verstehe es nicht, weil ich ein Mann bin, oder was? Mac, glauben Sie mir, ich habe genug Erfahrungen, um ..."
"Nicht nötig, mir jetzt Ihre Frauengeschichten aufzuzählen!" unterbrach ihn Mac schärfer, als sie eigentlich beabsichtigt hatte.
Harms Gesicht zeigte eine Mischung aus Sorge, Verletztheit, Überraschung und Tadel. "Jetzt kommen Sie aber mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, Mac, so schlimm ist es ja wohl auch nicht. Außerdem spreche ich gar nicht davon. Ich spreche davon, daß die Familienmitglieder, die mir am nächsten stehen, die mich aufgezogen haben - meine Mutter und meine Großmutter – Frauen sind. Mein engster Freund an der Akademie, von Keeter vielleicht mal abgesehen, war eine Frau. Und seit ich bei JAG arbeite, hatte ich praktisch nur weibliche Partner. Also, vielleicht könnten Sie mir zumindest ein bißchen Einfühlungsvermögen zugestehen. Versuchen Sie doch einfach mal, mir alles zu erklären, dann sehen wir ja, ob ich es verstehe oder nicht." Eindringlich sah er sie an und versuchte, ihren Blick einzufangen.
"Bitte, Harm, lassen wir das jetzt," wehrte Mac ab, "wir sind hier um zu arbeiten, schon vergessen? Ich habe Ihnen noch nicht einmal erzählt, was ich in Ross’ Büro gefunden habe."
Harm schüttelte seufzend den Kopf. Er wußte, daß er Mac nicht dazu zwingen konnte, mit ihm über das, was sie beschäftigte, zu reden. Sie würde es tun, wenn sie selbst bereit dazu war. "Und das wäre?" fragte er nach und ging damit auf ihren Ablenkungsversuch ein.
Mac atmete insgeheim auf. Ihm irgendein spannendes Detail eines Falles zu präsentieren wirkte bei Harm immer noch am besten, wie sie zufrieden feststellte. "John hatte mir doch heute morgen sein Gesetzbuch geliehen, wissen Sie noch? Ich habe entdeckt, daß er sowohl in der US-Verfassung als auch in der Cherokee-Verfassung alle Gesetze markiert hat, die irgendwie mit dem Fall zusammenhängen."
"Mac, das beweist doch überhaupt nichts," wandte Harm ein, "der Mann ist der Vertreter der Anklage, natürlich markiert er sich die Gesetze, mit denen er vor Gericht arbeiten will. Das bedeutet nicht unbedingt, daß er der Kläger ist oder schon bevor der Fall offiziell wurde Bescheid wußte. Er kann die Artikel genauso gut erst danach markiert haben."
Macs Schultern sanken ein wenig herab. Harm hatte Recht. Als sie diese Entdeckung gemacht hatte, hatte sie noch nicht gewußt, daß Sorry der Anklagevertreter sein würde. Dann hätte ihn das Markieren der entsprechenden Gesetze allerdings verdächtig gemacht. "Sie haben Recht," gab sie widerwillig zu, "sonst hätte er mir wohl auch kaum so bereitwillig das Buch geliehen, oder?"
Harm sah sie aufmerksam an, versuchte, sich auf ihre Stimmung einzustellen. "Vermutlich nicht. Aber wir müssen trotzdem jeder Spur nachgehen. Wir werden Ross im Auge behalten."
Wie auf dieses Kommando hin erhoben sich John Ross und Hazel und verließen das Restaurant.
1615 Z-Zeit (10:15 Uhr CST)
Bezirksgericht
Stilwell, Adair-County, Oklahoma
Mac verharrte etwas unschlüssig vor einer Eichentüre, auf der "MICHAEL RAGSDALE, DISTRICT JUDGE" stand. Als Harm ihr zunickte, klopfte sie dreimal gegen das Holz der Türe. Auf ein fragendes "Ja?" von innen traten sie ein.
"Ah, Commander Rabb, Major MacKenzie," rief Michael Ragsdale, sobald er sie erkannte, "Was führt Sie her, wie kann ich Ihnen helfen?" Der blonde Mann wies höflich auf einige Stühle vor seinem Schreibtisch und lächelte die beiden Offiziere mit seinem strahlenden Siegfried-Lächeln an. Wenn John Ross nicht in der Nähe war schien er generell gute Laune zu haben.
"Oh, nur ein wenig Neugierde," erklärte Harm, "schließlich will man ja wissen, mit wem man es vor Gericht zu tun hat."
Ragsdales Lächeln verschwand langsam. "Nicht mit mir haben Sie es zu tun, sondern mit Ross," erinnerte er grimmig. Er machte keinen Hehl daraus, daß er dies für eine Fehlentscheidung der Stammesregierung hielt.
"Vor Gericht selbst, ja, aber mir wurde erst gestern bewußt gemacht, wie wichtig die Arbeit ‚hinter der Bühne’ ist. Ohne jemanden, der Nachforschungen aufstellt und Material sammelt ist selbst der beste Anwalt nur die Hälfte wert." Harm schickte ein Lächeln in Macs Richtung.
Macs Mundwinkel kräuselten sich fast ohne ihr Zutun, während Ragsdale nicht besonders überzeugt wirkte. "Sind Sie nicht viel eher hier, weil Sie mich in die Liste der potentiell verdächtigen Kläger einreihen?" erkundigte er sich offen.
Harm stellte fest, daß er den Mann unterschätzt hatte. Er war wirklich clever. "Wir müssen jeder Möglichkeit nachgehen, Sie verstehen das sicher." meinte er höflich.
Ragsdale nickte lässig, so als sei er jeden Tag Gegenstand einer JAG-Ermittlung. "Ich verstehe, ja. Jeder Cherokee, der sich in juristischen Belangen auskennt, könnte der Kläger sein. Aber ich bin wirklich nicht verrückt genug, um so einen Prozeß zu versuchen." Mic Ragsdale grinste breit.
Harm kniff leicht die Augen zusammen. "Und wer wäre verrückt genug dazu?"
Ragsdale zuckte die Schultern. "Derjenige, der die meisten Vorteile daraus ziehen kann, wenn die Cherokee Nation den Prozeß gewinnt." erklärte er.
Harm warf Mac einen raschen Blick zu. Sollte das ein subtiler Hinweis auf John Ross sein, der im Falle eines Erfolgs sicher der nächste JAT-Richter werden würde? Falls ja, war dieser Hinweis dann ernst zu nehmen oder entsprang er nur der Rivalität zwischen Ross und Ragsdale?
Harm wurde mehr und mehr bewußt, wie wichtig es war, den Fall vor dem JAT zu gewinnen. Wenn er es nicht tat, so konnte das weitreichende Konsequenzen haben.
0031 Z-Zeit (18:31 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Der Regen prasselte gegen das Dachfenster des Zimmers, das Harm und Mac vor zwei Tagen zugewiesen bekommen hatten. Draußen verdeckten graue Wolken die Sonne und ließen es später erscheinen, als es tatsächlich war. Nasses Herbstlaub klebte auf der Scheibe und verdunkelte das Zimmer noch zusätzlich.
Harm und Mac saßen dicht nebeneinander unter einer Leselampe, die einen Lichtkreis um den Schreibtisch herum warf.
"Okay, Harm, sehen Sie sich das mal an," Mac hörte auf, auf ihrem Stift zu kauen und schob Harm die Unterlagen, in denen sie gerade gelesen hatte, hin, "Die Basis, auf der noch heute Indianerangelegenheiten entschieden werden, sind die sogenannten Cherokee-Fälle, die 1831 und 1832 vor den US-Supreme Court gebracht wurden. Diese beiden Cherokee-Prozesse waren die erste Anstrengung von Indianern, gegen das Vordringen der weißen Siedler gerichtlich vorzugehen."
"Cherokee Nation gegen den Bundesstaat Georgia, 1831," las Harm vor, "Der Fall beinhaltete eine Klage der Cherokee Nation gegen die Legislative von Georgia, die eine Reihe von Gesetzen erlassen hatte, die die Souveränität der Cherokee einschränkten."
"Corruptissima re publica plurimae leges," warf Mac ein, "- Je korrupter der Staat desto zahlreicher die Gesetze."
Harm hob die Augenbrauen und schüttelte amüsiert den Kopf. "Lernt man solche Sprüche auf der Offiziersschule oder ist das ein privates Talent von Ihnen?" Er schüttelte nochmal den Kopf und wandte sich wieder dem Text zu, "Georgia wollte seine Gerichtsbarkeit auf das Land der Cherokee ausdehnen und erklärte die Gesetze der Cherokee im Juni 1830 für ungültig. Die Cherokee wollten mit der Klage erreichen, daß Georgia die illegale Aneignung von indianischem Land einstellt und anerkennt, daß der Stamm nicht der Rechtssprechung Georgias unterliegt."
Mac nickte. "Der Antrag der Cherokee Nation bezieht sich auf verschiedene Verträge zwischen der US-Regierung und den Cherokee; wir sollten uns da vor allem auf den Verträge von Hopewell, Holston und Tellico konzentrieren," Sie schob Harm weitere Schriftstücke hin, "In diesen Verträgen wird die Cherokee Nation als souverän und unabhängig anerkannt. Laut unserer Verfassung – genauer gesagt Artikel 6, Abschnitt 2 – stellen von der US-Regierung abgeschlossene Verträge das höchste Gesetz des Landes dar; kein Bundesstaat darf Gesetze erlassen, die den Verpflichtungen aus den Verträgen widersprechen. Der Anwalt der Cherokee wandte sich unter Berufung auf Artikel 3 der Verfassung an den obersten Gerichtshof."
"Abschnitt 2?" vermutete Harm und Mac nickte, "Welcher besagt, daß der Supreme Court zuständig ist für alle Fälle, bei denen die USA eine Partei ist, bei Kontroversen zwischen Staaten oder einem Bundesstaat und einem fremden Staat," Harm las in den Unterlagen nach, "Das war dann auch der springende Punkt in der Verhandlung: Die Cherokee Nation beanspruchte, als fremder Staat gegen Georgia zu klagen. Der vorsitzende Richter des Supreme Court, damals John Marshall, entschied, daß die Cherokee Nation zwar ein Staat sind, jedoch kein fremder Staat im Sinne der Verfassung. Das Gericht entschied also, daß es nicht entscheiden würde – es sei für den Fall nicht zuständig."
"Das änderte sich dann aber ein Jahr später, 1831, in der Verhandlung von Worcester gegen den Bundesstaat Georgia," löste Mac ihren Partner mit dem Vorlesen ab, "Georgia hatte Gesetze erlassen, die alle Weißen, die auf Cherokee-Land leben wollten, zwangen, eine Genehmigung Georgias einzuholen. Zwei Missionare, Samuel Worcester und Elizur Butler, weigerten sich und wurden deshalb von einem Gericht Georgias zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Worcester wandte sich an den Supreme Court als Berufungsinstanz. Worcester und die Cherokee beriefen sich wieder auf Artikel 6, d.h. auf die Gültigkeit von Verträgen, die die Cherokee als souverän über ihr Gebiet anerkennen. Sie alleine dürfen also bestimmen, wer sich innerhalb der Grenzen ihres Landes aufhält. Lediglich die US-Regierung, nicht Bundesstaaten, haben richterliche Gewalt auf Cherokee-Gebiet. Diesmal entschied John Marshall auch wirklich zugunsten der Cherokee."
"Nicht daß ihnen das viel genützt hätte," warf Harm ein, "Präsident Jackson weigerte sich, das Urteil des Supreme Court durchzusetzen und ließ Georgia weiterhin die Cherokee tyrannisieren. Angeblich soll Jackson soetwas gesagt haben wie ‚John Marshall hat sein Urteil gefällt, nun soll er es durchsetzen’. Schließlich wurden die Cherokee dann auf den Weg der Tränen ins Indianerterritorium gezwungen."
Mac nickte nachdenklich. "Und wo können wir da ansetzen?"
Harm verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte sich. "Hm, schwer zu sagen. Schließlich geht es nicht darum, daß der Bundesstaat Oklahoma seine Gesetze auf die Cherokee Nation ausweiten will ..."
"Ach nein?" Mac sah ihn ernst an, "wie würden Sie es denn nennen, wenn ein Staat aus dem Gebiet gemacht wird, das Ihnen zugesichert wurde?"
Harm kam nicht zu einer Antwort, denn in diesem Moment klopfte es an der Türe und Will MacCoinnich kam herein. "O-s-da sv-hi-ye-yi," grüßte er mit der für ihn typischen Würde, "- guten Abend. Wie wäre es, wenn Sie jetzt eine Pause machen und runterkommen? Ich wette, Sie haben Hunger." Er lächelte Mac zu.
Mac lächelte zurück, obwohl Harm sicher war, daß er für eine ähnliche Bemerkung einen Klaps auf den Arm kassiert hätte.
Sie folgten dem alten Mann hinunter ins Wohnzimmer, wo sich bereits vier weitere Cherokee aufhielten. John Ross, MacCoinnichs Neffe, und Hazel saßen auf der Couch, während zwei ältere Männer es sich in den Sesseln bequem gemacht hatten. Will MacCoinnich stellte die beiden als Nachbarn, Lukas McNamara und Jeff Vann vor.
John Ross erhob sich. "Major MacKenzie, können Sie kochen?" wandte er sich an Mac.
"Das ist eine der Fragen, die man einer Frau, die Hamburger für eine vollwertige Mahlzeit hält, nie stellen sollte, Sorry," erklärte Harm dem Cherokee und grinste, "es sei denn natürlich, Sie meinen mit Kochen das Bedienen einer Mikrowelle."
Mac bedachte ihren vorlauten Partner mit einem finsteren "Zu-komisch"-Blick, während sie Sorry in die Küche folgte.
"Wissen Sie, was ein Wunder ist?" hörte sie William MacCoinnich zu Harm sagen, "daß Sie beide nach 2 Jahren, 10 Monaten und 8 Tagen und trotz solcher Bemerkungen noch immer Freunde sind."
0052 Z-Zeit (18:52 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm sah den alten Cherokee-Veteranen verwundert über diese direkte Bemerkung an.
Der Indianer schmunzelte nur. "Wissen Sie, Commander, es heißt, nur Kinder, Narren und alte Leute können es sich leisten, immer die Wahrheit zu sagen – und zu einer der drei Kategorien gehöre ich auf jeden Fall."
Harm mußte lachen. Selbst wenn Will MacCoinnich der Kläger gewesen wäre, er hätte es nicht geschafft, den 80jährigen Cherokee unsympathisch zu finden.
Mac und John Ross kamen mit einigen Platten und Tellern zurück, die sie zu den anderen Speisen auf dem niedrigen Wohnzimmertisch stellten. Harm erkannte Mais, verschiedene Salate, gegrilltes Fleisch und einige Gemüsesorten. Ross platzierte gerade eine große Schüssel in der Mitte des Tisches. Harm warf einen kritischen Blick hinein, während alle übrigen höflich warteten, bis William MacCoinnich, der Älteste, und die Gäste sich von den Speisen bedient hatten.
"Das nennt man Connuche," erklärte Sorry Ross und deutete auf die Schüssel, die eine fremdartige Speise enthielt, "ein traditionelles Cherokee-Gericht. Dazu wird Reis, kleingehackte Hickory-Nüsse, Fleisch und Muscheln gekocht und zu großen Kugeln geformt."
Mac nahm sich ein wenig von dem Reis-Gericht und probierte. "Mmmh," sie nickte begeistert, "Hickory-Nüsse?"
"Wir nennen sie so-hi. Es ist eine traditionelle Beschäftigung von uns Tsalagi, Hickorynüsse zu sammeln. Sie gehören – wie alles, was man im Wald findet – dem Kleinen Volk." erläuterte Hazel Bearpaw.
"Kleines Volk?" Harm brach sich ein Stück des selbstgebackenen Brotes ab und verzichete auf das Connuche.
Hazel nickte lächelnd und in ihren hellbraunen Augen funkelte es. "Das Kleine Volk ist ein Bestandteil vieler alter Mythen und Legenden unseres Stammes. Sie sehen aus wie Cherokee, sind aber nur 90 Zentimeter groß. Ganz genau weiß man es aber nicht, denn es heißt, wer einen sieht und darüber spricht, der müsse sterben. Die Leute des Kleinen Volkes sind für ihre boshaften Scherze bekannt."
"Klingt nach den irischen Kobolden." meinte Mac halblaut.
Harm warf ihr einen Blick zu und mußte lächeln. "Sie sind selbst so ein Kobold, manchmal." Nur mit Mühe widerstand er dem spontanten Impuls, seiner Partnerin freundschaftlich durchs Haar zu wuscheln.
William MacCoinnich beobachtete seine beiden Gäste und lächelte Harm leicht zu. In seinem Gesicht war ein wissender Ausdruck, als erkenne er Dinge, die allen anderen verborgen blieben. Seine dunklen Augen wirkten jetzt fast schwarz und Harm hatte beinahe das Gefühl, von ihnen berührt zu werden. MacCoinnichs Blick löste erneut ein seltsames Gefühl von Déjà Vu in ihm aus, das er sich nicht erklären und das er nicht einmal wahrhaben wollte. "Da hätte ich ja gleich Bud und seine UFOs mitnehmen können, wenn ich jetzt selbst mit sowas anfange." sagte er sich tadelnd.
Harm nahm nach kurzem Zögern eine Flasche Bier entgegen. Normalerweise war Alkohol strengstens untersagt, solange man sich in Uniform befand und außerdem achtete er meist darauf, Alkohol in Macs Gegenwart nicht zur Gewohnheit werden zu lassen. Ein schneller Blick zu Mac hinüber, die jetzt beinahe alle Speisen einmal durchprobiert hatte, zeigte ihm jedoch, daß es ihr nichts ausmachte. "Jedenfalls WIRKT sie so, als ob es ihr nichts ausmachen würde..." fügte er in Gedanken hinzu. Bei Mac wußte man nie so genau, was sich hinter der Fassade des starken, professionellen Marines verbarg.
Harm ließ seinen Blick weiter wandern und bemerkte, daß auch Will MacCoinnich, ihr Gastgeber, auf Alkohol verzichtete. Harm wäre nicht besonders überrascht gewesen, hätte der scheinbar bestens informierte Cherokee über Macs früheren Alkoholismus Bescheid gewußt und würde sich deshalb zurückhalten. Einige der Cherokee waren noch schwerer zu durchschauen als Mac, wie Harm feststellte.
"Hazel, wie wäre es, wenn Sie heute eine Geschichte für unsere Gäste erzählen, nachdem Sorry schon das Connuche zubereitet hat?" schlug der alte Ex-Marine vor. Wieder bat er, anstatt zu befehlen, aber das Resultat war mindestens ebenso effizient. "Das Geschichtenerzählen ist ein wichtiger Bestandteil der Tsalagi-Kultur," erklärte er an die beiden JAG-Offiziere gewandt.
Mac konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Harm, das klingt ja fast, als wären SIE mit den Cherokee verwandt," neckte sie ihn und zu MacCoinnich gewandt: "Sie sollten mal hören, welche Geschichten er erzählt, wenn er mal wieder zu spät kommt."
Alle lachten und Harm beschloß, Mac noch einmal mit dieser Bemerkung davon kommen zu lassen.
"Viele der Legenden werden nach traditionellem Gesetz nur an Cherokee weitergegeben, aber da Sie Gäste in meinem Haus sind, lade ich Sie ein, die Geschichte zu hören." fuhr John Ross’ Großonkel fort.
Harm und Mac nickten erwartungsvoll.
Hazel beriet sich kurz mit John Ross, dann hatte sie sich scheinbar für eine Geschichte entschieden und lehnte sich vor, um mit dem Erzählen zu beginnen. "Na schön, dann will ich Ihnen jetzt erklären, wie es kam, daß der Hase einen kurzen Schwanz hat. Früher, als die Erde noch jung war, hatte der Hase einen sehr langen, buschigen Schwanz. Der Hase war sehr stolz auf seinen Schwanz und erzählte den anderen Tieren ständig, wie wunderschön sein Schwanz war. Eines Tages hatte es der Fuchs satt, das Prahlen des Hasen über seinen Schwanz zu hören und beschloß, es zu beenden. An einem eiskalten Wintertag ging der Fuchs mit vier toten Fischen zum Fluß und schnitt ein Loch ins Eis. Er band sich die vier Fische an den Schwanz und wartete, bis der Hase vorbeikam.
Als der Fuchs den Hasen sah, tauchte er schnell seinen Schwanz ins Wasser. Der Hase hoppelte zum Fuchs und fragte: ‚Was machst du da?’
‚Ich fische, Hase.’ antwortete der Fuchs.
‚Mit deinem Schwanz?’ fragte der Hase.
‚Oh, ja, das ist die beste Art, viele Fische zu fangen.’ antwortete der Fuchs.
Der Hase erkundigte sich: ‚Wie lange fischt du schon?’
Der Fuchs log und sagte: ‚Ach, erst seit etwa 15 Minuten.’
‚Hast du schon Fische gefangen?’ fragte der Hase.
Der Fuchs hob den Schwanz und daran hingen vier Fische. Nach einer Weile meinte er: ‚Es wird spät und mir ist kalt. Ich denke, ich werde morgen wiederkommen und weiterfischen. Wir sehen uns, Hase.’ Dann lief der Fuchs davon." Hazel machte eine kurze Pause und sah lächelnd in die Runde.
John Ross gab das Lächeln zurück und nickte ihr zu. Er zeigte den Stolz eines Vaters, Mentors oder zumindest eines älteren Bruders, obwohl er nur zwölf Jahre älter war als seine Assistentin. Mac, die es beobachtete, wurde noch immer nicht so ganz schlau aus der Beziehung der beiden Cherokee. Manchmal bewahrten sie eine strikte, berufliche Distanz, behandelten einander mit dem sachlichen Respekt, den sie selbst sehr gut kannte, doch dann gab es auch wieder Momente, in denen Sarah MacKenzie zu spüren glaubte, daß mehr zwischen den beiden vorging.
"Sobald der Fuchs außer Sicht war, tauchte der Hase seinen Schwanz ins eisige Wasser des Sees," nahm Hazeln die Erzählung wieder auf, "Brrr, es war kalt! Aber der Hase biß die Zähne zusammen, setzte sich neben das Loch im Eis und fischte die ganze Nacht.
Als die Sonne aufging, kam der Fuchs angelaufen. ‚Was tust du da, Hase?’ fragte er.
Die Zähne des Hasen klapperten. ‚Ich ffffffische, Ffffuchs.’
‚Hast du schon Fische gefangen?’ fragte der Fuchs.
Der Hase wollte aufstehen, konnte sich aber nicht bewegen. ‚Fuchs, du mußt mir helfen, ich hänge fest.’ bat er.
So stellte sich der Fuchs mit einem breiten Grinsen hinter den Hasen und gab ihm einen großen Schubs. Der Hase kam frei und landete auf der anderen Seite des Sees. Aber sein Schwanz war noch immer im Eis gefangen. Und das ist der Grund, daß der Hase seit diesem Tag einen sehr, sehr kurzen Schwanz hat."
John Ross lächelte und dieses Lächeln verwandelte sein ganzes Gesicht; selbst der Eindruck, daß seine mehrmals gebrochene Nase etwas zu lang war, verlor sich jetzt. Die freundschaftliche Zuneigung, das Vertrauen und der zufriedene Stolz eines väterlichen Freundes und Mentors war deutlich in seinen Zügen zu erkennen. "Ja, ja, das geschieht mit Leuten, die immer besser sein und mehr haben wollen als die anderen," meinte er belustigt.
Harm fragte sich, ob er die Aussage auch auf Michael Ragsdale bezogen hatte. Es war offensichtlich gewesen, daß es ihm nicht sonderlich gefiel, wenn seine Assistentin mit Ragsdale zum Essen ging. Außerdem fühlte sich Harm plötzlich selbst ein wenig betroffen. Das "Besser-sein-wollen" war ihm nicht ganz unvertraut. Erneut mußte er an ihren Fall vor dem JAT denken und an die Entscheidung, die sie dem Gericht in spätestens zwei Tagen mitteilen mußten. "Sie oder ich?" Harm wußte noch immer keine Antwort darauf.
0230 Z-Zeit (20:30 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Draußen war es dunkel geworden und John Ross hatte ein Feuer im Kamin entzündet. Mac saß neben Harm auf dem Sofa, drehte ein wenig nachdenklich ihr Glas Mineralwasser in den Händen herum und stellte fest, daß sie sich erstaunlich wohl fühlte in Gesellschaft von Will MacCoinnich und den anderen Cherokee.
MacCoinnich lehnte sich zufrieden lächelnd zurück und sah seine Gäste fragend an. "Wie wäre es jetzt mit unserer üblichen Runde?"
John, Hazel und die beiden Nachbarn nickten sofort. Harm runzelte ein wenig die Stirn. "Und was ist die ‚übliche Runde’?" wollte er wissen.
"Sie haben auf Flugzeugträgern gedient, richtig?" stellte MacCoinnich eine Gegenfrage, "Dann müßten Sie das eigentlich kennen."
"Sagen Sie nicht, Sie hätten eine Tomcat draußen, mit der Sie Ihre abendliche Runde fliegen," meinte Harm grinsend.
Der alte Cherokee lächelte sein ruhiges, überlegenes Lächeln. "Die Tomcat habe ich gerade verliehen," entgegnete er mit einem schelmischen Zwinkern, "Ich dachte, wir brauchen sie nicht, da Ihrer Kollegin recht ... unwohl wird in einem Überschalljet."
"Also, was ist das für eine Runde, Mister MacCoinnich?" fragte Mac mit einem warnenden Blick zu ihrem grinsenden Partner hinüber.
"Poker, Major MacKenzie."
"Oh," Mac sah ein wenig ratlos drein, "tut mir leid, aber ich habe nicht auf einem Flugzeugträger gedient. Ich kann nicht pokern."
"Ach, das macht nichts," warf John Ross grinsend ein, "das lernen Sie schnell." Man sah ihm an, daß er sich bereits vorstellte, wie er seinen Gewinn zählte. Gegen einen Anfänger zu gewinnnen sollte nicht allzu schwer sein.
"Wir spielen mit einem Einsatz von 200 Chips. Jeder Spieler erhält fünf Karten; es beginnt immer der linke Nachbar des Gebers," begann John Ross zu erklären, "Er paßt oder setzt einen beliebigen Einsatz. Alle anderen können passen, die Wette halten oder erhöhen. Die Wettrunde ist beendet, wenn alle nur noch halten oder passen, so daß man sich nie selbst erhöhen kann. Dann kann man Karten umtauschen und es folgt eine zweite Wettrunde. Am Ende folgt dann der Showdown, bei dem alle Spieler reihum ihre Karten aufdecken – es sei denn, ein Spieler gewinnt durch passen der anderen, dann ist er nicht verpflichtet, sein Blatt zu zeigen."
"Und wie werden die Karten gewertet?" erkundigte sich Mac.
"Das niedrigste Blatt ist ein Paar, gefolgt von zwei Paaren, einem Drilling, einem Straight oder Straße – also fünf aufeinanderfolgende Karten, wobei die Farbe egal ist," Sorry legte zur Demonstration jedesmal die entsprechenden Kartenkombinationen vor Mac hin, "Dann folgt ein Flush, fünf Karten derselben Farbe, und dann ein Full House, bestehend aus einem Drilling und einem Paar. Das zweithöchste Blatt ist ein Vierling und das höchste ein Royal Flush – fünf aufsteigende Karten in derselben Farbe."
Will MacCoinnich reichte Harm die Karten. "Sie dürfen beginnen."
Harm nickte und begann, die Karten zu mischen. Auffordernd hielt er seinem rechten Nachbarn – Mac – den Stapel hin. "Abheben." forderte er sie grinsend auf.
Mac tat es und beobachtete staunend, mit welchem Geschick Harm die Karten handhabte. Seine Miene war schon jetzt professionell und undurchdringlich.
"An der Akademie und der Fliegerschule habe ich vor allem drei Dinge gelernt ..." erklärte Harm als er Macs fragenden Blick bemerkte.
"Poker spielen, Schlösser knacken und Witze über Marines zu machen?" vermutete Mac mit einem liebenswürdigen Grinsen.
Alle am Tisch lachten, inklusive Harm. "Poker spielen, fliegen und Offiziere anständig zu grüßen." verbesserte Harm.
John Ross schob zwei Chips in die Mitte des Tisches. "Ich setze zwei."
Hazel warf einen kurzen Blick in ihre Karten. "Ich halte Ihre zwei und erhöhe um drei." meldete sie und legte fünf Chips auf den Tisch.
Jeff Vann schüttelte den Kopf. "Ich passe." Er ließ die Karten sinken.
Sein Nachbar, Lukas McNamara, überlegte kurz. "Ich gehe mit." entschied er und setzte 5 Chips.
Will MacCoinnich hielt die Wette ebenfalls. Dann kam Mac an die Reihe. Sie betrachtete stumm ihre Karten, sah dann auf und fragte mit regungslosem Gesicht: "Ähm, nur damit ich nichts falsch verstehe ... eine Reihenfolge von Herz Zehn bis Herz As ist recht gut, oder?" Unsicher sah sie in die Runde.
"Recht gut?" echote John Ross und starrte sie aus seinen silbergrauen Augen ungläubig an, "Das ist ein Royal Flush, wie man ihn nur alle paar Jahre in den Händen hält!"
Mac nickte. "Ach so." Sie warf fünf Chips in die Mitte, dann einen weiteren Stapel. "Ich erhöhe um 10." sagte sie dabei.
John "Sorry" Ross warf den anderen einen Blick zu, der sagte: Wie kann ein blutiger Anfänger nur soviel Glück haben?
Harm warf einen langen Blick in seine Karten und dann zu Mac hinüber. Er hatte nur ein Paar Zehner auf der Hand und wenn Mac wirklich einen Royal Flush haben sollte ... Mac war nicht anzusehen, was für ein Blatt sie auf der Hand hatte, nur neugieriges Interesse zeigte sich auf ihrem Gesicht. "Sagen Sie, Mac, zieht sich Ihre Lippe da gerade ein wenig nach oben?" fragte er sie neckisch.
"Das würde sie vielleicht, wenn ich bluffen würde," entgegnete Mac unbeeindruckt, "und Sie, Commander, sollten jetzt lieber spielen, anstatt zu reden."
Harm grinste. Seine Entscheidung war bereits getroffen. Mit einem Paar konnte er nicht gewinnen, selbst wenn Mac keinen Royal Flush haben sollte. "Ich steige aus."
"Uh, ich bin schockiert," Mac faßte sich in einer dramatisch-witzigen Geste ans Herz, "Harmon Rabb junior streckt die Waffen und kapituliert! Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen euch Navy-Leuten und uns Marines: Wenn die Navy zurückweicht, weicht sie zurück. Marines weichen nur zurück, um besser Anlauf nehmen zu können."
"Ein taktischer Rückzug zum richtigen Zeitpunkt minimiert die Verluste," belehrte Harm, "Ich habe nicht einen einzigen Chip verloren, während Sie..."
"Wer sagt, daß ich verlieren werde?"
"Major, Sie sind an der Reihe." unterbrach Will MacCoinnich lächelnd.
Mac sah auf. Außer ihr waren nur noch MacCoinnich und Ross im Spiel. Da Mac zuletzt erhöht und alle anderen nur gehalten oder gepaßt hatten, war die Wettrunde zuende und Mac hatte nun das Recht, Karten abzulegen und gegen eine entsprechende Anzahl neuer einzutauschen. "Muß ich Karten tauschen?" fragte sie in die Runde.
John Ross schüttelte stöhnend den Kopf. Er konnte noch immer nicht fassen, wie ein Anfänger ein solches Glück haben konnte. "Nein, müssen Sie nicht."
Mac nickte. "Gut, dann behalte ich meine Karten." erklärte sie selbstbewußt.
Die beiden Cherokee tauschten jeweils zwei Karten ein, dann begann die zweite Wettrunde, die sich allerdings recht kurz gestaltete. Sorry warf einen Blick in seine Karten, die auch jetzt noch nicht so gut aussahen wie erhofft. Er hatte Drillinge, drei Damen, obwohl er gehofft hatte, eine vierte zu bekommen. Nach kurzem Zögern legte er die Karten mit der Rückseite nach oben auf den Tisch. "Ich passe – gegen einen Royal Flush komme ich nicht an."
Will MacCoinnich sah nicht seine Karten an, sondern Mac. In seinem braunhäutigen Gesicht war nicht die geringste Regung zu erkennen, nichts, was darauf schließen ließ, wie gut sein eigenes Blatt war. Mac bemühte sich nach besten Kräften, dem festen, abschätzenden Blick der dunklen Augen standzuhalten. Es kam ihr vor, als dauere der kurze Moment eine Ewigkeit.
Schließlich nickte MacCoinnich und ließ wortlos die Karten sinken.
Mac grinste und zog den Pot zu sich heran, begann, die Chips zu kleinen Stapeln aufzustellen.
"Dürfen wir Ihr Blatt sehen?" erkundigte sich Lukas McNamara.
Da Mac durch das Passen der anderen Spieler gewonnen hatte, mußte sie ihre Karten nicht aufdecken, dennoch nickte sie und drehte nacheinander ihre Karten um.
Herz Zehn.
Herz Bube.
Herz Dame.
John Ross grinste und schüttelte den Kopf. "Das Glück der Anfänger!" kommentierte er, während Mac weiter ihre Karten aufdeckte:
Karo Sieben.
Kreuz Zehn.
Kein Royal Flush! Die Spieler am Tisch starrten Mac an. "Aber Sie haben doch gesagt..."
"Ich habe mich lediglich erkundigt, wie gut ein Royal Flush ist," entgegnete Mac schelmisch, "Ich brachte Sie nur auf einen gewissen Gedanken und kann nichts dafür, wenn Ihre Gefühle mit Ihnen durchgehen." Sie grinste in Harms Richtung, um ihm zu zeigen, daß sie sich noch immer daran erinnerte.
Harm schluckte für einen Moment, aber dann grinste auch er. Er reichte John Ross die Karten und meinte: "Trösten Sie sich, John, Sie wissen ja wie es heißt: Pech im Spiel, Glück in der Liebe."
John Ross schnitt eine Grimasse und begann die Karten zu mischen.
0530 Z-Zeit (23:30 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm stieg hinter Mac die Stufen der schmalen Treppe hinauf, die in den ersten Stock und zu ihrem Zimmer führte. Er sah nicht auf die Treppenstufen, sondern beobachtete Mac; registrierte die gerade Linie, die ihr Rücken bildete – militärisch vorbildlich.
Sie betraten das Zimmer und Mac ging zielstrebig zum Schreibtisch. Mit einem Gesetzbuch und ein paar anderen Unterlagen in der Hand durchquerte sie das Zimmer. Erst dann drehte sie sich zu Harm um. "Ich schaue mir nur noch ein paar der Verträge mit den Cherokee an, dann gehe ich schlafen. Gute Nacht."
Sie sah Harm kurz an und ihre dunklen Augen schienen Harm fast wie eine Schranke, die ihn zurückwiesen. In letzter Zeit kam es ihm manchmal so vor, als ob sich Mac, sobald sie alleine waren, betont sachlich und geschäftsmäßig verhielt – vielleicht um zu verhindern, daß er sie erneut auf die privaten Themen ansprach, die sie lieber meiden wollte: Chris, die Abmahnung und die Artikel-32-Anhörung.
"Mac, wir müssen uns mal unterhalten."
Mac konnte nur mit Mühe ein Seufzen unterdrücken. "Harm, ich habe Ihnen doch schon mehr als einmal gesagt, daß ich mich nicht unterhalten will, nicht darüber und nicht jetzt!" Sie ließ sich aufs Bett sinken und klappte demonstrativ das Gesetzbuch auf.
"Hey, ich rede doch ..."
"Haaarm! Bitte." unterbrach ihn Mac und warf ihm einen flehenden Blick aus ihren großen braunen Augen zu.
"Ist ja schon gut; was ich sagen wollte ist: Ich rede doch gar nicht von Ihrer Anhörung oder so, sondern davon, daß wir uns mal darüber unterhalten sollten, was wir dem JAT am Montag morgen antworten. Sie erwarten eine definitive Angabe, wer den Fall vor Gericht übernehmen wird." Harm sah sie ernst an.
Mac strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr zurück und antwortete ohne ihn anzusehen: "Können wir das nicht noch morgen früh besprechen?" Sie hatte keinerlei Bedürfnis danach, sich jetzt noch das anzuhören, was sie ohnehin schon wußte; daß Harm den Fall selbst übernehmen wollte. Sie hatte schon Probleme genug mit dem Einschlafen, da brauchte sie nicht auch noch zusätzlich etwas, über das sie sich ärgern mußte.
Harm nickte ergeben. Die eine Nacht spielte keine Rolle; er konnte sie ohnehin nicht mehr für Vorbereitungen nutzen. "Na schön, Mac, dann also morgen. Gute Nacht."
1241 Z-Zeit (06:41 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm erwachte und starrte für einen Moment im halbdunklen Zimmer umher, bevor er sich wieder daran erinnerte, wo er war. Ein Blick auf den Reisewecker zeigte ihm, daß es fast Viertel vor Sieben war. Er lauschte in Richtung der anderen Zimmerhälfte, aber hinter der Trennwand war alles ruhig. Harm vermutete, daß Mac bereits aufgestanden war; sie schien immer vor ihm wach zu sein und er war sich sicher, daß sie aufgrund ihrer inneren Uhr noch nie in ihrem Leben verschlafen hatte.
Harm erhob sich und streifte ein T-Shirt über. Auf dem Weg zum Badezimmer kam er an Macs Hälfte des Raumes vorbei und warf routinemäßig einen Blick hinter die Trennwand. Er hob unnwillkürlich die Brauen und stoppte. Lächelnd stand er da und sah auf seine schlafende Partnerin hinab. Mac lag in ihrem Pyjama auf dem Bett, ohne sich zugedeckt zu haben, neben sich das aufgeschlagene Gesetzbuch und einen Notizblock. Der Vertrag von Holston war auf den Boden gerutscht.
Harm trat leise näher und nahm der Schlafenden vorsichtig den Stift aus der Hand. Er beschloß, sie schlafen zu lassen; sicher war sie wieder die halbe Nacht nicht zur Ruhe gekommen. Als er sich gerade umdrehte, hörte er, wie Mac sich aufsetzte.
"0644 Uhr," hörte er sie murmeln und dann: "Harm?" Ihre Stimme klang noch ein wenig verschlafen.
"Nein, Mac, der Marineminister – natürllich bin ich es, wer sollte es denn sonst sein?" neckte Harm sie lächelnd.
"Ach, wissen Sie, als gutaussehende, kluge ... und tätowierte Frau weiß man nie, wer sich so alles in mein Schlafzimmer verirrt," entgegnete Mac und schien jetzt bereits hellwach zu sein, "Dürfte ich jetzt bitte meinen Kugelschreiber zurückhaben?" Sie deutete auf den Stift in Harms Hand.
"Oh. Klar." Harm kehrte zum Bett zurück, hob den Vertrag von Holston auf und gab ihn Mac zusammen mit dem Kugelschreiber zurück. Nachdenklich sah er auf sie hinab und registrierte, daß ihr Schreibblock mit zahlreichen Notizen gefüllt war, die alle ihren Fall betrafen. Mac hatte sich wirklich mit Feuereifer auf die Recherchen gestürzt.
Harm zögerte einen Moment und setzte sich dann auf die äußerste Kante des Bettes. "Können wir jetzt mal über den Fall reden?" Seine blau-grünen Augen versuchten ihren Blick einzufangen.
Mac nickte ohne großen Enthusiasmus. Sie zog die Knie an und schlang die Arme darum. "Sicher, aber eigentlich gibt es da wohl nicht viel zu reden. Ich weiß selbst, wie wichtig der Fall ist und was es bedeutet, wenn es zu einer Klage vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten kommen würde." Ein bißchen konnte sie verstehen, daß Harm den Fall selbst verhandeln wollte, aber das bedeutete nicht, daß es ihr unbedingt auch gefallen mußte.
Harm sah sie an und er wußte nicht genau, was ihn plötzlich dazu bewog, eine Antwort zu geben, die nicht nur Mac überraschte, sondern sogar ihn selbst. "Richtig, Mac, aber ich weiß, daß Sie Ihr Bestes tun werden."
Mac nickte reflexartig, bevor sie erst begriff, was ihr Partner da eben gesagt hatte. Sie starrte ihn an. "Moment mal, soll das etwa bedeuten, daß ich ..." Fassungslos und fast ein wenig mißtrauisch sah sie Harm an.
"... daß Sie die Verhandlung vor dem JAT übernehmen werden, ja." bestätigte Harm. Er grinste Mac an, aber wenn er gedacht hatte, sie würde zurücklächeln oder dankbar sein, so hatte er sich getäuscht.
"Danke für die Großzügigkeit, Commander, aber NEIN DANKE!" Statt Dankbarkeit zeigte sich deutlicher Ärger auf ihrem Gesicht, außerdem eine gewisse Traurigkeit.
Harm sah sie verblüfft an. "Mac, was soll das? Erst machen Sie mir die Hölle heiß und halten mir eine Predigt darüber, daß ich andere für mich arbeiten lasse und dann vor Gericht die Lorbeeren ernte und wenn ich Sie den Fall dann übernehmen lasse, ist es auch nicht recht?" Manchmal verstand er seine Kollegin wirklich nicht.
"Ich brauche keine Almosen und meine ‚Predigt’ sollte Ihnen nur etwas bewußt machen und Sie nicht erpressen!" murmelte Mac verstimmt.
Harm drehte sich auf der Bettkante, damit er sie direkt anblicken konnte. "Mac, meine Entscheidung hat weder etwas mit Almosen noch mit Erpressung zu tun. Ich bin einfach nur zu der Meinung gelangt, daß Sie die bessere Anwältin sind ... für diesen Fall, meine ich. Erstens haben Sie sich bereits ausführlicher mit der Materie beschäftigt," er deutete auf ihre umfangreichen Notizen, "und zweitens haben Sie auch mehr persönlichen Bezug dazu. Ihre Vorfahren waren Cherokee und deshalb akzeptiert man sie hier mehr als man mich akzeptieren würde. Und daß Sie mit fremden Kulturen besser zurechtkommen als ich, das haben wir ja bereits in Japan gesehen. Diesmal würden Sie vor Gericht nicht neben mir sitzen, um mir einen kräftigen Tritt verpassen zu können." Harm grinste probeweise, um zu sehen, ob er sie überzeugt hatte. Natürlich hatte er Mac den Fall nicht nur aufgrund dieses sachlichen Aspektes überlassen, sondern auch, weil er ahnte, daß sie ein paar "Streicheleinheiten" für ihr Selbstbewußtsein im Moment gut gebrauchen konnte, aber er hielt es für unklug, Mac darauf aufmerksam zu machen.
Macs Gesichtsausdruck veränderte sich langsam, während er sprach. Der Zorn verschwand aus ihrem Gesicht und sie ließ den Kugelschreiber los, den sie die ganze Zeit umkrampft hatte, als wolle sie ihn Harm nötigenfalls ins Auge rammen. "Ist das Ihr Ernst? Harm, falls Sie das nur tun, um ... mich aufzumuntern, nach allem, was bei mir in den letzten Monaten passiert ist ..."
"Mac, Sie wissen doch, daß ich Berufliches und Privates sehr gut trennen kann," Lächelnd dachte er an ihren ersten Streit vor Gericht zurück, "Sie sind die bessere für den Fall, weil Sie von den Cherokee als eine der ihren respektiert werden."
Mac schüttelte den Kopf. "Harm, ich bin lediglich zu einem Achtel Cherokee, nicht mehr."
Harm zuckte lächelnd die Schultern. "Oh, das war John Ross auch, dennoch gilt er noch heute als einer der größten Häuptlinge. Im Übrigen ist dieser Fall sicher nicht dazu geeignet, jemanden aufzumuntern. Wer weiß, vielleicht werden Sie mich schon am Ende der Woche anflehen, den Fall wieder zu übernehmen. Und was die Tritte betrifft ... die werde ich Ihnen einfach geben, sobald wir den Gerichtssaal verlassen haben."
Mac nickte und schluckte. "Danke." Sie hoffte, daß sie den Erwartungen, die Harm, Admiral Chegwidden, Corps und Land in sie setzten, auch gerecht wurde.
Harm erhob sich und sah ernst auf sie hinab. "Mac, ich erwarte gar nichts von Ihnen, außer daß Sie Ihr Bestes geben," sagte er als ahne er, was ihr eben durch den Kopf gegangen war, "okay?"
Mac biß sich auf die Lippe und sah ihn an. Von Anfang an war ihre Beziehung, ihre Freundschaft, solide wie ein Fels gewesen, auch wenn es manchmal Momente gab, in denen sie einander am liebsten den Hals umgedreht hätten. Diese Beziehung wurzelte in dem tiefen Respekt, den sie einander entgegenbrachten. Harm, da war Mac sicher, war einer der ungewöhnlichsten Menschen, die sie jemals kennengelernt hatte. Er war warmherzig, engagiert, loyal und er war durch und durch aufrichtig. Er war ihr bester Freund.
Langsam nickte Mac. "Okay." bestätigte sie mit einem Lächeln.
1628 Z-Zeit (10:28 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Mac streckte sich, um die verspannten Muskeln ihres Rückens zu lockern, und lehnte sich dann zurück, um die bereits bewältigte Arbeit zu begutachten. Harm und sie waren seit 3 ½ Stunden damit beschäftigt, systematisch alle wichtigen Verträge und Gerichtsprozesse der Cherokee und anderer Indianerstämme durchzugehen. "Wenn ich die Sache vermassle und man mich aus dem JAG-Corps rauswirft, dann kann ich jetzt zumindest im Büro für indianische Angelegenheiten in Washington anfangen," kommentierte Mac spöttisch. Langsam wurde sie wirklich zur Expertin für Vertrags- und Indianerrecht.
Noch bevor Harm den Mund öffnen konnte, um ihr zu versichern, daß sie es keineswegs "vermasseln" würde oder um eine witzige Bemerkung zu machen, klopfte es an der Türe.
William MacCoinnich kam herein. "Guten Morgen und entschuldigen Sie bitte die Störung ... sind Sie gerade sehr beschäftigt?" erkundigte er sich vorsichtig.
"Es geht, ich denke, wir kommen ganz gut voran." meinte Harm.
"Das freut mich," sagte der Cherokee und schien es wirklich ernst zu meinen, obwohl sie die Anwälte waren, die seinem Volk vor Gericht gegenüberstehen würden, "Ich wollte Sie zu etwas einladen, was Sie vielleicht interessiert, aber wenn Sie gerade zu beschäftigt sind ... Nicht daß das JAG-Corps nachher behauptet, seine Anwälte wären von der Arbeit abgehalten worden und hätten nur deshalb den Fall verloren."
"Ich habe vollstes Vertrauen in Major MacKenzie – wenn sie verliert, dann nur, wenn die Gerechtigkeit auf der Seite der Cherokee ist. Und das ist bisher noch nicht erwiesen." erklärte Harm zuversichtlich.
Will MacCoinnich sah neugierig zwischen den beiden Offizieren hin und her. Offenbar hatte der Commander entschieden, den Fall seiner Kollegin zu überlassen. "Interessant..." "Also, wenn Sie mich begleiten möchten ... ich bin gerade unterwegs zu einer Zeremonie."
Mac legte den Stift weg und sah Harm fragend an. "Harm?"
Harm mußte lächeln. Er sah, wie neugierig Mac wirkte. Langsam schien sie wirklich ein Interesse an der Tsalagi-Kultur zu entwickeln. "Sicher, wieso nicht, wir haben uns eine Pause verdient," meinte er, "Was ist das für eine Zeremonie?"
"Da lassen Sie sich mal überraschen," meinte der alte Cherokee und grinste geheimnisvoll.
1705 Z-Zeit (11:05 Uhr CST)
Tahlequah, Oklahoma
Harm und Mac stiegen aus dem Auto und sahen sich um. Statt der Kirche oder eines anderen zeremoniellen Gebäudes, wie sie es erwartet hatten, hatte Will MacCoinnich sie zu einem Platz am Rande von Tahlequah dirigiert. Rings um den runden Platz mit dem festgetretenen Lehmboden lagen Felder und Wiesen, dahinter erstreckten sich ausgedehnte Wälder und das Hügelland. Im ganzen Umkreis war nicht ein einziges Gebäude zu sehen.
Außerdem nahmen an dieser Zeremonie – um was immer es sich dabei auch handeln mochte – nicht sehr viele Menschen teil. Am Rande des Platzes standen in kleinen Gruppen etwa zwölf Menschen beisammen. Alle begrüßten Will MacCoinnich höflich und es war zu spüren, wie gerne jeder ein paar Worte mit ihm wechselte und sich freute, von ihm mit dem Namen angesprochen zu werden.
Mac entdeckte, daß John Ross und seine Assistentin Hazel unter den Teilnehmern der Zeremonie waren. Sie nickten Harm und Mac wortlos zu und verhielten sich wie alle anderen ernst und würdevoll. Mac stellte fest, daß die Anwesenden keine Anzüge und festliche Kleider trugen, sondern traditionelle Cherokee-Kleidung.
Die Frauen trugen das sogenannte "Tear Dress", dessen Benennung noch aus der Ära des "Weg der Tränen" stammte. "Tear Dress" hieß es aus zwei Gründen: wegen dem "Trail of Tears" und weil der Stoff meist gerissen worden war, da die meisten Frauen aufgrund der Umsiedlung keine Scheren mehr besaßen. Das Oberteil hatte durchgehende Knöpfe auf der Vorderseite und ¾- lange Ärmel. Der Rock war wadenlang und bestand aus Kaliko-Stoff. An den Schultern und um den Rocksaum war das Kleid mit einem Diamanten-Muster bestickt.
Die traditionelle Kleidung der Cherokee-Männer war das "Ribbon Dress". Es war ebenfalls aus Kaliko-Stoff gefertigt und hatte vorne und auf dem Rücken ein Streifen-Muster. Einige der Männer trugen sogar den traditionellen Turban der Cherokee – etwas, was die meisten Menschen nicht mit Indianern in Verbindung bringen würden.
Drei Männer und drei Frauen traten nun in die Mitte des Kreises, wo ein Feuer brannte, während alle anderen sich am Rand hielten. Einer der Männer trat vor und begann zu sprechen – auf Cherokee. Mac vermutete, daß er eine Art Priester war.
"Was ist das für eine Zeremonie?" erkundigte sie sich leise bei Will MacCoinnich, der würdevoll neben ihr stand.
"Eine Hochzeit," erklärte der alte Cherokee.
Mac richtete ihren Blick wieder nach vorne. Ein Mann Anfang 30 war nun vor den Priester getreten und erhielt scheinbar einen Segen.
Mac beobachtete es interessiert. "Ist das der Bräutigam?"
MacCoinnich schüttelte den Kopf. "Das ist der Bruder der Braut," Als er Macs verwirrten Blick bemerkte, fügte er hinzu: "Braut und Bräutigam werden während der Trauung von ihren Müttern begleitet, die Braut außerdem von ihrem ältesten Bruder. Der Bruder leistet gerade den Schwur, die Verantwortung für die religiöse und spirituelle Ausbildung der Kinder zu übernehmen, was bei uns die traditionelle Rolle eines e-du-ji, eines Onkels, ist. Sie wissen ja, daß bei uns das Erbrecht in der mütterlichen Linie, von der Mutter auf die Tochter, weitergegeben wird, in gewisser Weise haben also die Kinder der Schwester für einen Mann genausoviel Bedeutung wie seine eigenen."
Der Bruder der Braut hatte seinen Schwur nun geleistet und trat zu seiner Mutter zurück, während Braut und Bräutigam nun vor den Priester und das heilige Feuer traten. Der Priester segnete auch sie und wickelte sie in je ein blaues Laken. Die Mutter der Braut brachte zwei Schalen mit Nahrungsmitteln. Mac sah überrascht zu, wie Braut und Bräutigam sich gegenseitig Stücke aus ihren Schalen anboten.
"Anstelle der Ringe ist es bei uns Sitte, daß das Paar Essen austauscht," erklärte MacCoinnich leise, noch bevor Mac fragen konnte, "Das beruht noch auf der alten Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Die Frauen betrieben Ackerbau, während die Männer auf die Jagd gingen. Der Bräutigam bringt Fleisch, um seine Absicht, für den Haushalt zu sorgen, zu zeigen. Die Braut bringt Brot, um zu zeigen, daß sie den Haushalt ernähren will."
Das Paar trank nun zusammen aus einem alten Hochzeitskrug. Das Gefäß enthielt ein Getränk, hatte aber zwei Öffnungen, so daß beide gleichzeitig trinken konnten. Die Gäste stimmten ein Lied in der Sprache der Cherokee an, während der Priestern nun auch die Zuschauer segnete.
Mac warf aus den Augenwinkeln einen Blick zu Harm hinüber, der neben ihr stand. Er beobachtete die Zeremonie respektvoll, auch wenn er selbst mit der Spiritualität der Indianer nicht viel anfangen konnte. Mac wußte das zu schätzen.
Der Priester nahm nun die beiden blauen Laken der Brautleute weg und bedeckte das Paar gemeinsam mit einem großen weißen Laken. "Das soll den Beginn ihres neuen Lebens zusammen anzeigen, in dem sie alles teilen werden." erläuterte William MacCoinnich.
Zehn Minuten später war die Trauung zuende. Harm und Mac standen wortlos neben Will MacCoinnich am Rande des Zeremonien-Platzes, während er noch ein paar Worte mit dem Brautpaar wechselte – auf Cherokee. Mac hätte nicht gedacht, daß die alte Sprache in der Kultur der Cherokee noch so präsent war.
"Ist die Trauung ohne Weiteres vor dem US-Gesetz gültig?" erkundigte sich Mac bei John Ross, der sich zu ihnen gesellt hatte.
"Typische Anwaltsfrage," schmunzelte Ross, "ja, sie ist vollkommen rechtsgültig. Die Cherokee Nation hat ein eigenes Ehe-Gesetz und die Cherokee dürfen unter diesem Gesetz heiraten anstelle des Ehegesetzes des Staates. Das Paar muß keine Lizenz haben, lediglich der Priester muß eine Lizenz für Trauungen haben. Der religiöse Führer kontaktiert den District Court, der ein Zertifikat ausstellt. Das ist schon alles. Hab ich Ihnen übrigens schon gratuliert?"
"Gratuliert zu was?" fragte Harm irritiert. Auch Mac machte ein verständnisloses Gesicht.
"Oh, hat Onkel Will Ihnen das nicht gesagt?" der kleine Mann mit den Silberaugen sah sie lächelnd an, "Jeder Mann und jede Frau, die während des Segensspruches einer Hochzeit nebeneinander stehen gelten praktisch als verlobt. Herzlichen Glückwunsch."
Harm und Mac sahen erst ihn und dann einander sprachlos an. Mac lachte zögernd. "Äh, das ist ein Witz, oder?" fragte sie unsicher.
John Ross lachte. "Stimmt – nur damit Sie sich schon mal auf den Schock nächste Woche vor Gericht vorbereiten können."
2110 Z-Zeit (15:10 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm saß hinter dem kleinen Schreibtisch im Gästezimmer von MacCoinnichs Haus, den Telefonhörer am Ohr, und wartete ungeduldig darauf, daß eine Verbindung hergestellt wurde.
<Roberts.>
"Hallo Bud, ich bin’s, Rabb." meldete sich Harm.
<Oh, Sir, hallo. Wie laufen die Ermittlungen?>
"Das ist einer der Gründe, warum ich anrufe, Bud. Ich brauche Ihre Hilfe, Sie müssen herausfinden ..." Harm unterbrach sich, als er bemerkte, daß er erneut dasselbe tat, was Mac ihm vorgeworfen hatte, "Lieutenant, wie beschäftigt sind Sie gerade?"
Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause, bevor Bud antwortete: <Ich assistiere Commander Mattoni in einem Fall von schwerer Körperverletzung mit Todesfolge, Sir, aber ich komme schon zurecht, Sir. Wie kann ich Ihnen also helfen?>
"Die Verhandlung beginnt übermorgen und ich möchte nicht mit zuvielen unbekannten Variablen vor Gericht treten müssen. Spüren Sie jeden Hinweis auf, den Sie über John Ross und Michael Ragsdale nur finden können. Die beiden sind Richter an Bezirksgerichten der Cherokee Nation."
<Ja, Sir. Ich melde mich, sobald ich etwas habe. Sonst noch etwas, Sir?>
"Wenn Sie mich zum Admiral durchstellen würden..."
<Okay, einen Moment, Sir...>
"Bud .... Noch etwas: Danke."
<Äh, nichts zu danken, Sir.> antwortete Bud erstaunt.
Seine Überraschung zeigte Harm, daß er Bud in der Tat oftmals zuwenig Anerkennung zollte. Er wartete, bis Bud ihm den Admiral ans Telefon holte.
<Chegwidden. Was gibt es, Rabb?>
"Sir, ich wollte Ihnen nur einen kurzen Zwischenbericht geben," erklärte Harm, "die Verhandlung beginnt übermorgen und wir kommen mittlerweile ganz gut mit der Verfassung der Cherokee Nation und den Verträgen zurecht. Ein Unterschied, der die Gerichtsprozeduren angeht, liegt allerdings darin, daß die Cherokee vor dem JAT nur einen Anwalt pro Partei zulassen."
<Kommen Sie damit nicht zu mir, Commander, das müssen Sie und der Major schon unter sich ausmachen.> meinte Chegwidden grimmig.
"Oh, das haben wir bereits, Sir. Ich wollte Sie nur darüber informieren." erklärte Harm.
<Gut. Ich erwarte, daß Sie den Fall mit Ihrer üblichen Effizienz handhaben.>
"Sir, Major MacKenzie wird den Fall übernehmen – ich assistiere nur." stellte Harm klar.
Chegwidden räusperte sich am anderen Ende der Telefonleitung vernehmlich. Er schien genauso überrascht zu sein wie Bud vor ein paar Minuten. Harm fragte sich so langsam wirklich, für wie egoistisch man ihn bei JAG eigentlich hielt. Handelte er normalerweise wirklich so rücksichtslos?
<Schön, Commander, wie gesagt, das ist Ihre und Major MacKenzies Entscheidung – aber ich billige sie. War das alles?>
"Ja, Sir, wir halten Sie auf dem Laufenden."
Sie verabschiedeten sich knapp und Harm legte den Hörer auf. Er ging die Treppe hinunter und durchquerte das leere Haus. Auf der Veranda blieb er stehen, bis seine Augen sich an das hellere Licht hier draußen gewöhnt hatten.
Es war ein ungewöhnlich sonniger, warmer Herbsttag und scheinbar hatte ihr Gastgeber, Will MacCoinnich, beschlossen, ihn zu nutzen, um im Garten zu arbeiten. Der alte Mann kniete am Boden und hob mit einer kleinen Schaufel Löcher aus. Neben ihm kniete Mac in der warmen Erde und half ihm, indem sie etwas, was für Harm wie Zwiebeln aussah, in die Löcher setzte.
Harm hätte gedacht, daß Mac auf einem Gemüseacker etwa so fehl am Platz wirken würde wie ein Flamingo in einem Kohlenbergwerk – aber so war es nicht. Sie kniete in ihrer Uniform neben dem Cherokee, die Hände voller Erde, und sah so entspannt und mit ihrer Umgebung im Einklang aus, wie er es selten zuvor bei jemandem beobachtet hatte.
Harm stellte erneut fest, wie wandlungsfähig seine Partnerin war. Sie hatte soviele Facetten wie kaum ein anderer Mensch, den er kannte. Sie konnte einen Zeugen vor Gericht in die Zange nehmen, einen Boxkampf mit einem Russen gewinnen und eine M16 in Rekordzeit auseinandernehmen. Sie konnte sehr wütend werden, wenn sie das Gefühl hatte, daß man ihr Vertrauen verletzt hatte. Manchmal legte sie eine Dickköpfigkeit an den Tag, die es beinahe mit seiner eigenen aufnehmen konnte. Dieselbe Mac kümmerte sich aber auch auf eine wundervolle Weise um die kleine Chloe und fungierte als Buds Mentorin. Sie ging für ihre Freunde durch die Hölle, wenn es denn sein mußte, ohne jemals auch nur ein Danke dafür zu erwarten.
Sie sah in Uniform oder in Jeans genauso gut aus wie im Abendkleid und wußte ein teures französisches Restaurant genauso zu schätzen wie einen Beltway Burger.
Sie konnte durchhalten und kämpfen, genauso wie jeder männliche Marine, gleichzeitig hatte sie aber auch eine verletzliche, eine schwache Seite. Obwohl ... Harm wußte nicht, ob es in Wirklichkeit nicht viel eher ein Zeichen von Stärke war, daß Mac erst vor wenigen Wochen vor ihm geweint hatte. Noch vor drei Jahren, zu Beginn ihrer Zusammenarbeit, hätte sie das ganz sicher nicht getan.
Harm verließ die Veranda und trat langsam näher.
"Hi-a ka-li-di-do-gi?" hörte er Mac fragen. Er vermutete, daß sie sich gerade erkundigte, ob sie ihre Arbeit so richtig erledigte.
"V-v, hi-a o-s-da, u-we-tsi." antwortete der alte Cherokee und der Stolz in seiner Stimme wies darauf hin, daß er sowohl mit Macs pflanzerischem als auch mit ihrem Sprachtalent zufrieden war.
Harm stellte fest, daß Mac bereits einige Worte Tsalagi gelernt hatte. Zum wiederholten Mal fiel ihm auf, wie leicht ihr der Umgang mit fremden Sprachen zu fallen schien; sie lernte sie ganz intuitiv. "Mac könnte im tiefsten Dschungel Afrikas auf Eingeborene treffen und würde sie vermutlich in ihrer Sprache begrüßen." dachte Harm amüsiert, während er zu den beiden hinüber ging.
Mac sah auf, als Harms Schatten auf sie fiel. "Oh, hallo Harm," sie wirkte ein wenig verlegen, wie ein Kind, das man mit der Hand in der Keksdose erwischte, "ich helfe Mister MacCoinnich nur ein wenig."
"Schon okay, Mac. Man hat Ihnen aber gesagt, daß daraus kein Beltway-Burger-Strauch wachsen wird?" Harm grinste breit.
Mac hob die Hand schützend vor die Augen, um ihn trotz der hell scheinenden Sonne ansehen zu können. "Wie wäre es, wenn Sie statt solcher Kommentare etwas konstruktives beitragen, Commander?" schlug sie mit einem Marines-Lächeln vor und schob ihm ein paar der Winter-Zwiebeln hin.
Harm verschränkte die Arme und grinste. "Sagten Sie nicht, Ackerbau wäre traditionell Aufgabe der Frauen gewesen?" erkundigte er sich bei Will MacCoinnich.
Der alte Cherokee wischte sich lächelnd die Hände an der Hose ab. "Die Betonung liegt auf GEWESEN, Commander – ansonsten müßten wir uns jetzt auf die Jagd nach einem Stück Fleisch fürs Abendessen machen." MacCoinnich schmunzelte und die zahlreichen Fältchen um seine tiefbraunen Augen gerieten in Bewegung.
Harm lachte und hob abwehrend die Hände. "Wenn das so ist..." Er kniete sich neben Mac und begann, die letzten Zwiebeln einzupflanzen.
1613 Z-Zeit (10:13 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Mac sah von ihren Unterlagen über den Vertrag von Hopewell auf, als es an der Türe klopfte. Sie warf Harm einen fragenden Blick zu, aber ihr Partner zuckte nur mit den Schultern. "Herein." rief Mac, den Blick auf die Türe gerichtet. Wenn sie ehrlich war, konnte sie eine kleine Unterbrechung ganz gut gebrauchen.
William MacCoinnich trat ein und grüßte sie höflich. "Entschuldigen Sie die Störung, ich weiß, ich unterbreche Sie mal wieder bei der Arbeit, aber nachdem Sie sich gestern so für die Hochzeit interessiert haben dachte ich ... In siebzehn Minuten beginnt das Anetsa." Er sah Mac erwartungsvoll an, mit einem Enthusiasmus, als wäre er ein 10jähriges Kind unterm Weihnachtsbaum und nicht ein 80 Jahre alter Mann.
Mac musste lächeln. Sie mochte ihren Gastgeber und seine ruhige Art; die Weisheit und den Sanftmut, die er ausstrahlte. In gewisser Weise war er das glatte Gegenteil von ihrem eigenen Vater.
"Noch ein Ritual?" Harm stöhnte, aber Mac wusste genau, dass er nur scherzte. Ein breites Flyboy-Grinsen ließ keinen Zweifel daran zu.
"Keine Angst," beruhigte Will MacCoinnich schmunzelnd, "Diesmal werden Sie nicht verheiratet oder verlobt – das Anetsa ist keine Zeremonie, sondern ein Spiel."
"Ein Spiel?" In Macs dunklen Augen funkelte es. Wenn es wie das Poker-Spiel endete, so hatte sie sicher nichts dagegen einzuwenden.
"Sehen Sie dieses räuberische Marines-Lächeln?" fragte Harm ihren Gastgeber, während er mit einem Kopfnicken auf Mac wies.
"Ein gutgemeinter Tipp, Commander: Enthalten Sie sich besser jeglicher Kommentare über das Corps, wenn Marines in der Überzahl sind. Ich mag zwar keine eigenen Zähne mehr haben, aber ich kann trotzdem noch ziemlich bissig sein!" Der Cherokee schmunzelte, doch seine tiefbraunen Augen blitzten herausfordernd und neckisch.
Mac lachte und auch Harm musste grinsen. Sie tauschten einen schnellen Blick. Jahre der Zusammenarbeit vor Gericht und bei Zeugenbefragungen hatten sie gelehrt, auch ohne viele Worte miteinander zu kommunizieren.
Harm wusste genau, dass Mac neugierig auf das Spiel war, das MacCoinnich ihnen zeigen wollte.
Eigentlich sprach auch nichts dagegen, denn sie hatten den Fall bisher ganz gut im Griff. Wenn Komplikationen auftraten, dann erst morgen, vor Gericht und nichts, was sie jetzt tun oder nicht tun würden, konnte etwas daran ändern.
Will MacCoinnich strahlte, noch bevor sie ihre Entscheidung laut äußern konnten – er schien stets zu wissen, was die Personen in seiner Umgebung dachten.
"Was genau ist dieses ..." Harm suchte nach der richtigen Bezeichnung, während sie zum Mietwagen gingen.
"... Anetsa," half Mac.
Harm schüttelte kaum merklich den Kopf als er wieder einmal Macs Sprachtalent bewunderte. Mac ein oder zwei Jahre hier unter den Cherokee und er war sicher, sie würde die Sprache fließend beherrschen! "Manchmal drängt sich mir fast der Gedanke auf, dass Macs erstes Wort nicht ‚Mama’ oder ‚Papa’ war, sondern sowas wie ‚Fremdsprachenlexikon’," dachte er amüsiert.
William MacCoinnich dirigierte sie quer durch Tahlequah, bis zu einem abgelegenen Feld. Ein Dutzend Männer mit bunten Bändern an den Armen und seltsamen Stöcken in der Hand schienen gerade ein paar Aufwärmübungen zu machen.
"Ha! Vergessen Sie Ihr Raubtier-Grinsen, Mac, das hier sieht mir nicht nach einem Glücksspiel aus, sondern nach Sport. Und wir wissen ja beide, wer von uns der schnellere ist." Harm grinste sein überlegenes Flyboy-Lächeln.
Mac verdrehte nur die Augen und weigerte sich, diesen Kommentar einer Entgegnung zu würdigen. Sie beglückwünschte ihren Partner im Stillen, dass sie im Moment keinen dieser stabil wirkenden Stöcke in der Hand hatte.
"Sie wollen mitspielen, Commander?" erkundigte sich MacCoinnich freundlich.
"WIR wollen mitspielen!" betonte Mac energisch.
Harm sah zweifelnd zwischen ihr und dem Spiel hin und her, das gerade begonnen hatte. Der Stock, den jeder Spieler in der Hand hielt und nach dem das Spiel auch "Stickball" hieß, war etwa 60 Zentimeter lang und am einen Ende gebogen und mit Leder eingefasst, so dass er wie ein Schläger aussah. Mit diesem Schläger wurde ein kleiner Ball gefangen und gegen einen Pfahl am Ende des Spielfeldes geschleudert. Die Männer schrien sich gegenseitig Anweisungen, Strategien und – wie Harm vermutete – auch ein paar Beschimpfungen zu. Jedenfalls schien es recht rauh zuzugehen. Dieses Anetsa war ein hartes Mannschaftsspiel mit nur wenigen Regeln.
"Mac, ich weiß wirklich nicht, ob..."
"Keine Sorge, Commander, ihr wird nichts geschehen," beruhigte ihn der alte Cherokee mit einem Hauch von Belustigung in der Stimme, deren Grund Harm nicht ganz erkannte, "schon seit unendlichen Zeiten spielen Frauen und Männer bei uns in gemischten Teams. Den Frauen ist es erlaubt, mit den Händen zu spielen, anstatt sich mit einem Schläger abzumühen."
Harm nickte, war jedoch noch immer nicht so ganz überzeugt – schließlich wurden Football und Rugby auch mit den Händen gespielt, ohne dass es deswegen ungefährlich war.
Mac warf ihm einen schnellen, warnenden Blick zu, der eindeutig besagte: "Ich bin ein Marine, versuchen Sie nicht, mich zu bevormunden!" "Mister MacCoinnich, ich bin ein Marine – und zwar schon in der dritten Generation! Glauben Sie im Ernst, ich müsste die Kinder-Version dieses Spieles spielen?"
Gott sei Dank war der alte Cherokee diplomatisch genug mit einem "Natürlich nicht, Major!" zu antworten, wie Harm erleichtert feststellte. Der Navy-Commander beschloss, Mac einfach machen zu lassen und zu hoffen, dass die Cherokee Rücksicht nehmen und nicht allzu hart mit ihr umgehen würden.
1710 Z-Zeit (11:10 Uhr CST)
Stickball-Feld
Tahlequah, Oklahoma
Harm rannte übers Spielfeld, immer den kleinen Lederball im Auge behaltend. Er prallte in vollem Lauf gegen einen gegnerischen Spieler, der aufgrund von Harms Größe und Gewicht fast zu Boden ging, und fing den Ball schließlich mit dem Schläger ab, bevor es ein anderer Spieler tun konnte. Rasch spielte er ihn einem der Cherokee zu, der wie er ein rotes Band um den Arm trug.
Harm stoppte und blieb am Spielfeldrand stehen. Obwohl er durchtrainiert und fit war, fand er es doch ziemlich anstrengend an einem Spiel teilzunehmen, bei dem es keine festen Positionen gab, wie er das vom Baseball oder Football gewöhnt war. Beim Stickball schien es überhaupt kaum feste Regeln zu geben. Zu seiner Erleichterung hatte er jedoch festgestellt, daß die Cherokee ausgesprochen fair spielten. Sie schienen wirklich Rücksicht auf Mac zu nehmen – was man umgekehrt von Mac nicht sagen konnte.
Kopfschüttelnd sah Harm zu, wie seine Partnerin den Lederball geschickt mit dem Schläger auffing, einen Haken um zwei gegnerische Spieler schlug und dann zielsicher den Pfosten am Ende des Spielfeldes traf – zum neunten Mal, wenn Harm richtig mitgezählt hatte. Mac spielte Stickball mit einem Geschick als wäre sie damit aufgewachsen – und mit einer Verbissenheit als ginge es um ihr Leben. Harm war beinahe froh, daß er zur gleichen Mannschaft wie sie gehörte, denn er war sicher, daß Mac im Eifer des "Gefechts" alles treffen würde, was sich zwischen ihr und dem Ball befand. Harm schätzte sportlichen Ehrgeiz und natürlich verließ auch er das Spielfeld lieber als Gewinner, aber er fragte sich, ob Mac es nicht ein wenig übertrieb. Sie schien fast vergessen zu haben, daß es sich nur um ein freundschaftliches Spiel handelte, bei dem sie sich als Gäste und Anfänger besser zurückhalten sollten.
Als das Spiel schließlich beendet war und sie zurück zu Will MacCoinnich gingen, der vom Spielfeldrand aus zugesehen hatte, stellte Harm fest, daß Macs Wangen gerötet und ihre Uniformbluse schweißgetränkt war.
"Na?" fragte MacCoinnich schmunzelnd.
"Sechzehn zu neun," erwiderte Mac resolut und mit einem Hauch von Zufriedenheit.
Der alte Cherokee studierte ihr Gesicht, so intensiv, daß Mac langsam begann, sich unbehaglich zu fühlen. "Das hab ich nicht gemeint – ich wollte wissen, ob es Ihnen gefallen hat."
"Oh," Macs Wangen röteten sich noch ein wenig mehr, "Ja, natürlich. Es war ... toll."
Harm beobachtete die Interaktion der beiden aufmerksam. Will MacCoinnich schien ebenfalls bemerkt zu haben, mit welch kämpferischem Ernst Mac an das Spiel herangegangen war. Anders als er, Harm, konnte er jedoch nicht wissen, daß Mac nach den Vorfällen der letzten Zeit vermutlich das Gefühl hatte, anderen, aber in erster Linie auch sich selbst etwas zu beweisen.
"Mister MacCoinnich, kann ich aus Ihrer Frage schließen, daß es in der Philosophie der Cherokee nicht in erster Linie um Gewinnen und Verlieren geht?" erkundigte sich Mac plötzlich.
Harm drehte sich vollständig zu Mac hin. "Was zum Teufel bezweckt sie damit?" fragte er sich ein wenig ärgerlich, "Wenn das etwas mit dem Fall zu tun hat, täte sie besser daran, es erst mit mir abzusprechen!" Er sandte Mac einen warnenden Blick zu, aber sie ignorierte ihn – diesen Eindruck gewann Harm jedenfalls.
"Hm, ja, das könnte man wohl so sagen – immer mit gewissen Einschränkungen, natürlich," erwiderte Will MacCoinnich vorsichtig. Er schien ebenso wie Harm zu spüren, daß Mac nicht einfach nur so, aus Interesse an der Cherokee-Kultur, gefragt hatte. Er sah Mac aus seinen tiefbraunen Augen fragend an, doch diesmal hielt Mac dem Blick stand - sie schien heute wirklich in ihrem angriffslustigen Marines-Modus zu sein.
"Gewisse Einschränkungen? So wie der Prozeß gegen die US-Regierung?" ließ Mac endlich die Katze aus dem Sack.
MacCoinnich lächelte sein etwas mysteriöses Schamanen-Lächeln. "Sie sind doch die Anwältin, sagen Sie mir, ob es bei Gerichtsprozessen ums Gewinnen geht."
Sarah MacKenzie preßte für einen Moment die Lippen zusammen. "Das Fragen Sie besser meinen Kollegen, damit kennt er sich besser aus." antwortete sie fast ironisch.
Harm kniff die Augen zusammen, so daß eine Falte über seiner Nasenwurzel entstand. Was sollte das? Was bezweckte sie mit diesem Seitenhieb – noch dazu vor MacCoinnich? Harm beschloß, Mac besser später zur Rede zu stellen. Zögernd entließ er sie aus seinem strengen Blick.
"Dann sollten Sie Ihre Frage auch besser jemandem stellen, der sich besser mit Gerichtsprozessen auskennt," warf der alte Cherokee ein und tat höflich so, als hätte er die Spannungen zwischen den beiden Offizieren gar nicht bemerkt, "ich bin nur ein Laie."
"Gut, dann bitte ich Sie um Ihre laienhafte Einschätzung: Was gewinnt die Cherokee Nation, wenn der Supreme Court zu ihren Gunsten urteilt?" Mac ließ sich nicht beirren, "Ich meine, wo liegen die reellen Vorteile? Sicher erwarten Sie doch keine finanziellen Gewinne daraus, oder? Sie wissen, daß Sie, wenn die Cherokee Nation als Bundesstaat anerkannt werden würde, seit 1907 sogar noch einiges an Geld nachzahlen müßte."
"Ja, ich glaube, das hat mein Neffe mal nachgerechnet. Major, hören Sie, ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber ich bin nicht der Kläger und deshalb weiß ich auch nicht, wieso er diese Klage beim JAT eingereicht hat."
Mac straffte die Schultern. Einen Moment lang wirkte sie fast so, als wolle sie sich für ihr forsches Vorgehen entschuldigen, aber dann nickte sie nur und ging zum Auto hinüber.
Will MacCoinnich lächelte nachsichtig, bevor er ihr folgte.
Harm schloß sich ihnen ebenfalls an. Er lächelte nicht.
1925 Z-Zeit (13:25 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm ließ die Türe hinter sich ins Schloß fallen, ging zum Schreibtisch hinüber und lehnte sich dagegen. "Also, Mac, ich denke, Sie sind mir da die eine oder andere Erklärung schuldig. Was sollte das da eben?" Er bedachte seine Partnerin mit einem ernsten Blick und verschränkte die Arme.
"Ich habe Fragen gestellt – genau deshalb sind wir hier: um zu ermitteln, schon vergessen?" Mac tat, als wäre nichts weiter unüblich an ihrem Verhalten.
"Ja, richtig, wir sind hier um Fragen zu stellen – aber doch nicht auf diese Weise, Mac," wandte Harm beschwörend ein, "Was haben wir davon, wenn MacCoinnich, der sich bisher als sehr hilfreich erwiesen hat, sich in die Ecke gedrängt fühlt?"
"Daß ausgerechnet Sie das sagen! Ihre Fragen sind in manchen Ermittlungen auch nicht immer unbedingt vorschriftsmäßig! Wenn das Ergebnis stimmt ..."
"Ihre Fragen haben aber kein Ergebnis erbracht, Mac!" unterbrach Harm, "und außerdem sind Sie doch immer diejenige, die mich in solchen Fällen an Artikel 31 des UCMJ erinnert – keine Fragen irgendeiner Art an einen Verdächtigen, bevor man ihn nicht umfassend über seine Rechte aufgeklärt hat. Wissen Sie noch, als es um Ihren Freund Farrow ging?"
Macs Kopf ruckte herum und sie warf Harm einen warnenden Blick zu, verzichtete jedoch darauf, ihm das beabsichtigte "Er ist nicht mein Freund!" ins Gesicht zu schleudern. Der Gedanke weckte unangenehme Gefühle in ihr, verbunden mit den Erinnerungen an ihre Artikel-32-Anhörung. Sie fühlte sich noch immer schuldig, wann immer sie etwas daran erinnerte.
Harm bemerkte ihre ungewöhnliche Zurückhaltung. Die Vergangenheit hatte ihn gelehrt, daß Mac nicht davor zurückscheute, sich mit ihm zu streiten und daß sie jetzt schwieg und nur mit einem finsteren Gesichtsausdruck zum Fenster hinausblickte, sagte ihm, daß er mit seiner Bemerkung einen wunden Punkt getroffen hatte. "Mac scheint in letzter Zeit ein bißchen viel dieser ‚wunden Punkte’ zu haben," stellte Harm für sich fest.
Er sah sie weiterhin an, aber Mac gab vor, es nicht zu bemerken. Sie gab sich betont sachlich und zog einen Stapel Blätter unter Harm hervor, der noch immer am Schreibtisch lehnte. "Können wir jetzt wieder mit der Arbeit beginnen?"
"Sicher, Mac – sobald Sie mir gesagt haben, was dieser Seitenhieb da vorhin sollte," erwiderte Harm und bedeckte die Papiere, an denen Mac interessiert war, mit seiner großen Hand.
"Was für ein Seitenhieb?" brummte Mac und zog probeweise an den Blättern.
Harm schloß die Finger fester um die Seiten. "MacCoinnich fragte Sie, ob es bei Gerichtsprozessen ums Gewinnen geht und daraufhin haben Sie ihn an mich verwiesen, mit der netten Bemerkung, damit würde ich mich besser auskennen. Was sollte das heißen?"
"Das werten Sie schon als Seitenhieb? Sonst sind Sie doch auch immer so stolz darauf, jeden Fall zu gewinnen!" Mac schaffte es endlich, die Unterlagen unter Harms Hand hervorzuziehen und sah ihren Partner ein wenig trotzig an.
"Und?" Harm schüttelte verständnislos den Kopf, "Was ist ungewöhnlich oder falsch daran?"
"Oh, nichts – von einem guten Anwalt wird erwartet, daß er gewinnt und natürlich erst recht vom großen Harmon Rabb. Da heiligt der Zweck schon mal die Mittel, nicht wahr?" Macs braune Augen blickten ironisch, aber auch ein wenig traurig.
Harm runzelte die Stirn. Heute schienen er und Mac wirklich einmal wieder zwei verschiedene Sprachen zu sprechen – ohne daß ein Dolmetscher in der Nähe war. Jedenfalls hatte er sich selbst immer für einen Menschen mit Moral und Integrität gehalten und jetzt stellte Mac ihn praktisch als rücksichtsloses Monster hin. "Mac, ein Anwalt kann nicht immer zu allen nur nett und freundlich sein; er hat in erster Linie seinen Mandanten oder die Anklage zu vertreten, das wissen Sie so gut wie ich. Darüber hinaus habe ich mich immer an den gesetzlichen Rahmen gehalten. Ich bilde mir ein, daß ich auch vor Gericht nie jemanden unnötig habe leiden lassen."
Mac ließ endlich den Papierstapel sinken und blickte ihrem Partner in die Augen. "Innerhalb eines Rahmens, ja, das mag sein. Nur definieren Sie diesen Rahmen bisweilen auf eine Art und Weise ..." Mac winkte ab, schien sich jetzt nicht auf diese Diskussion einlassen zu wollen – vielleicht weil sie befürchtete, einen größeren Streit vom Zaun zu brechen?
Harm runzelte die Stirn. "Und was wäre das für eine Art? Geben Sie mir mal ein Beispiel!" verlangte er. Er begann, sich in die Defensive gedrängt zu fühlen.
"Ein Beispiel? Das begann praktisch schon mit dem ersten Fall, bei dem wir uns vor Gericht gegenüber standen." Mac sah ihn vielsagend an.
Harm stöhnte. "Oh, bitte, Mac, wie oft muß ich mir das noch anhören? Es tut mir leid, okay, aber zumindest haben Sie daraus gelernt, Beruf und Privatleben zu trennen."
Mac starrte ihren Partner an. Manchmal hätte sie ihm dieses arrogante Grinsen – so charmant es auch sein konnte - wirklich aus dem Gesicht schlagen können – und jetzt war einer dieser Momente. In den Zorn mischten sich noch weitere Gefühle, so fragte sie sich zum Beispiel, ob Harm mit seiner Bemerkung über die ‚Trennung von Beruf und Privatleben’ auf ihre Beziehung zu John Farrow anspielte. "Hör auf damit, Marine, langsam wirst du wirklich paranoid!" tadelte sie sich selbst und konzentrierte ihren Ärger wieder auf Harm. "Ah, natürlich, Sie haben das aus reiner Menschenfreundlichkeit mir gegenüber getan, um dieser grünen Anwältin gleich mal zu zeigen, wie es richtig gemacht wird!"
Harm hob die Brauen. "Maac! Sie nehmen es immer noch persönlich!" hielt er ihr vor.
"Natürlich nehme ich es persönlich – weil es persönlich war!" Macs dunkle Augen funkelten unheilvoll.
"Das ist doch Unsinn, Mac," widersprach Harm in einem beruhigenden Tonfall, "das war etwas rein Berufliches."
Mac biß sich auf die Lippe. Sie hätte wirklich schreien können, solange und so laut, bis ihr ignoranter Partner endlich die Augen öffnete und die Wahrheit erkannte. "Nur weil wir vor Gericht standen, soll es rein Beruflich gewesen sein? Oh nein, Harm, so einfach ist das nicht," Mac fuhr sich durchs Haar und starrte an Harm vorbei, während sie nach Worten suchte, "Nein, das war nicht rein beruflich – wenn irgendein beliebiger anderer Anwalt mir diesen Tip mit dem Querschläger gegeben hätte, dann wäre es rein beruflich gewesen. Dann wäre ich nämlich mißtrauisch gewesen und hätte den Hinweis erst einmal nachgeprüft, statt blindlings in eine Falle zu laufen. Aber Sie waren kein beliebiger Anwalt, sondern mein Freund ..."
"... und ein Freund legt einen Freund nie herein." beendete Harm den Satz und lächelte leicht.
Mac runzelte die Stirn und fragte sich, ob er überhaupt die volle Tragweite dessen verstanden hatte, was sie hatte sagen wollen. "Ja, Harm, ein Freund legt einen Freund nie herein. Sie machen es sich verdammt einfach, wenn Sie sagen, man müsse Beruf und Privates trennen. Sie haben es jedenfalls nicht getrennt, sondern im Gegenteil, Sie haben unsere Freundschaft als Mittel eingesetzt, um den Fall zu gewinnen. Sie wußten, daß ich Ihnen vertrauen und den Hinweis vor Gericht verwenden würde. Sie haben mein Vertrauen mißbraucht und mich auflaufen lassen. Und wenn ich daraus überhaupt etwas gelernt habe, dann nie wieder jemandem blauäugig zu vertrauen." "Nicht daß ich darin noch eine weitere Lektion nötig gehabt hätte," fügte sie in Gedanken bitter hinzu.
Harm sah sie an und sein Gesichtsausdruck verriet Überraschung und auch ein wenig Betroffenheit. Wenn er ehrlich war hatte er niemals näher darüber nachgedacht, daß er Macs Vertrauen praktisch als Mittel eingesetzt hatte, um den Prozeß zu gewinnen. Er hatte es schlicht und einfach getan und das ganze unter "kleinen Tricks unter Kollegen" verbucht. Auf Mac wütende Reaktion hatte er mit einer amüsierten Überlegenheit reagiert und versucht, sie zu beruhigen – und siehe da: es hatte geklappt; Mac war mit einem "Friedensangebot" in sein Appartment gekommen und hatte eingesehen, daß es nötig war, das Leben innerhalb und außerhalb des Gerichtssaales auseinanderzuhalten. Jetzt, wo er die ganze Sache einmal aus Macs Sicht sah, begann er sich zu fragen, was sie dazu bewogen haben mochte, als erste einen Schritt zur Versöhnung zu tun. Er an ihrer Stelle hätte sicher nicht klein beigegeben. "Mac, ich ..."
"Schon gut, Harm," Mac winkte seufzend ab, "ich habe keine bleibenden Schäden zurückbehalten," meinte sie selbstironisch, "Inzwischen weiß ich, daß Sie einfach so sind; sobald Sie vor Gericht stehen, vergessen Sie Ihre Freunde."
Ihr Tonfall machte klar, daß sie es nicht böse meinte, aber trotzdem trug ihre Feststellung nicht gerade dazu bei, daß Harm sich besser fühlte – vor allem da er wußte, daß sie in gewisser Weise recht hatte. Er hatte die Falle, die er Mac gestellt hatte, einfach als nicht so schlimm bewertet, ohne ihren Standpunkt wirklich zu berücksichtigen. Und wenn er ehrlich gegenüber sich selbst war, so mußte er einräumen, daß er – wenn er erneut in eine solche Lage käme – vermutlich wieder so handeln würde.
Harm zuckte die Schultern, so als wolle er diese Gedanken damit abschütteln. "Wissen Sie, was gut ist, Mac? Bei der Verhandlung morgen stehen wir auf derselben Seite – Sie haben also keine fiesen Tricks zu erwarten." Er grinste sie an.
Mac verdrehte im Geiste die Augen. "Nach drei Jahren, 10 Monaten und 11 Tagen sollte er wirklich langsam wissen, daß dieses Lächeln bei mir nichts bringt!" "Nicht von Ihrer Seite jedenfalls," murmelte sie und dachte an John Ross. Sie war sicher, daß der kleine Mann mit den silbernen Augen ebenfalls ein ernstzunehmender Gegner war.
1425 Z-Zeit (08:25 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
Mac stand vor dem alten, ehrwürdigen Gebäude, in dem sich das Stammesgericht der Cherokee befand – seit vollen zwei Minuten schon. Ihr Blick war nach oben gerichtet, auf den Fahnenmast, wo die US-Flagge und die Fahne mit dem Cherokee-Nation-Symbol einträchtig nebeneinander im Wind wehten.
Harm verharrte einen Schritt hinter ihr, schwieg aber, ohne sie zum Eintreten zu drängen. Mac war sich dennoch nicht ganz sicher, ob er wirklich wusste, wie sie sich im Moment fühlte – sie war sich nicht einmal selbst ganz schlüssig darüber, was sie empfand. Einerseits hatte sie darum gekämpft, diesen Fall selbst zu übernehmen und sie war motiviert wie eh und je, ihn zu gewinnen, aber andererseits ... sie wusste, wie wichtig der Fall war und das setzte sie unter einen enormen Druck, gerade auch weil Harm ihretwegen zurückgetreten war. Sie hatte keine Lust, sich hinterher anzuhören, er hätte es doch lieber selbst übernehmen sollen. Sie hoffte einfach, dass sie dieser Verhandlung unter fremden Umständen, fremden Gesetzen und fremden Gerichtsprozeduren gewachsen war.
Mac gab sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung, stieg die wenigen Stufen bis zur Eingangstüre hinauf, ohne noch einmal zu zögern.
Harm folgte ihr und stellte fest, dass die riesige Eingangshalle auf Mac dieselbe Wirkung hatte wie auf ihn, als er vor wenigen Tagen zum ersten Mal hier gewesen war – sie war beeindruckt. So etwas war ein JAG-Offizier einfach nicht gewöhnt, denn im Hauptquartier lag der Gerichtssaal lediglich am Ende eines einfachen Ganges, auf derselben Etage wie die Büros der Militäranwälte und das "Allerheiligste" des Admirals.
Vor der Türe, die zum Gerichtssaal führte, verharrte Mac für einen kurzen Moment und warf einen schnellen Blick über die Schulter hinweg zu Harm zurück, fast als wolle sie sich vergewissern, dass er noch hinter ihr war.
Harm unterdrückte ein sanftes Lächeln. Er achtete Mac für dieses winzige Zeichen der Unsicherheit mehr als wenn sie energisch ins Gericht marschiert wäre. Einen Augenblick lang kämpfte er gegen den spontanen Impuls an, ihr aufmunternd die Schulter zu drücken oder – noch schlimmer – ihr über die Wange zu streicheln. "Dein Marine schafft das auch ganz gut ohne solche affektive Gesten, Rabb!" tadelte er sich in Gedanken. "Bereit, Frau Chefverteidigerin?" Er grinste ihr ermutigend zu.
Mac lächelte zurück und ihre Schultern strafften sich noch ein wenig mehr. "Bereit, Herr Assistent." Sie gab den Flügeln der Klapptüre einen Stoß und betrat den Gerichtssaal. Der Raum war – wenn man ihn mit den Ausmaßen der Eingangshalle verglich – überraschend klein, keineswegs größer als die Gerichtssäle "zuhause", in Washington D.C. Die dunklen Holzwände ließen den Raum noch kleiner erscheinen, obwohl zwei große Fenster das Licht des grauen Herbsttages einfallen ließen. Mac schritt an den Reihen der Zuschauerbänke vorbei und betrat den Bereich, der für die drei Richter und die beiden Anwälte reserviert und durch zwei Treppenstufen und ein Holzgeländer vom Zuschauerbereich getrennt war.
Mac setzte sich hinter ihren Tisch, auf den jemand ihre Unterlagen und ein Namensschild gelegt hatte, und grüßte zu John "Sorry" Ross hinüber. Sorry trug einen Anzug und Krawatte, aber seltsamerweise wirkte der kleine, schlanke Mann gerade darin indianischer als jemals zuvor. Er lächelte ihr freundlich zu, wirkte aber auch sehr konzentriert und selbstbewusst.
Entschlossen, seine Siegessicherheit innerhalb der nächsten Stunden erheblich ins Wanken zu bringen, schlug Mac ihre Unterlagen auf.
1430 Z-Zeit (08:30 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
Mit einem Gefühl, dass es irgendwie falsch war; dass dies einfach nicht sein Platz war, setzte sich Harm zwischen Hazel Bearpaw und William MacCoinnich in den Zuschauerbereich. Obwohl er Mac für eine kompetente Anwältin hielt, hätte er sich doch besser gefühlt, wenn er jetzt da vorne, neben ihr, hätte sitzen können.
Will MacCoinnich, ebenfalls in einem dreireihigen Anzug, warf ihm einen verständnisvollen Blick zu und schmunzelte. "Sie mögen es nicht, als Co-Pilot zu fliegen, hm?"
Harm grinste wie ein ertappter Junge. "Ich bin sicher, Mac ... Major MacKenzie wird den Prozess auch sehr gut alleine handhaben," antwortete er diplomatisch.
Der alte Cherokee sagte nichts dazu, nur sein Schmunzeln verstärkte sich. Der Blick seiner tiefbraunen Augen war nach vorne gerichtet, in Richtung des Pults der Verteidigung, so als wolle er jede Einzelheit an Mac genau in sich aufnehmen. Er drehte nicht einmal den Kopf, als die Türe sich öffnete und der Gerichtsdiener die drei obersten Richter der Cherokee Nation ankündigte.
Mac erhob sich und verharrte in einer fast militärischen Haltung, während die Richter an ihr vorbei in Richtung des langen Richtertisches am Kopfende des Saales gingen. Der schlanke Mann in der Mitte, soviel wusste sie von Harm, war Dwight Birdwell, der vorsitzende Richter. Philip H. Viles junior nahm den Platz rechts von ihm ein, während der älteste der drei Männer, Ralph F. Keen, nach links ging. Mac wusste, dass der grauhaarige Cherokee derjenige war, der demnächst in den Ruhestand treten würde und dessen Amt John Ross vermutlich übernehmen würde, wenn sich bei diesem Fall erneut bewährte – nicht dass Mac vorhatte, es dazu kommen zu lassen.
Sie erhob sich wie John Ross, um einen Eid auf treue und gesetzmäßige Pflichterfüllung abzulegen, wie es auch bei Militärverhandlungen üblich war. Nach außen hin wirkte sie völlig gefasst und konzentriert; ein Bild der Professionalität. Niemand hätte je vermutet, wie feucht ihre Handflächen in Wirklichkeit waren.
Mac ließ einen raschen Blick über die Zuschauer gleiten, während sie sich wieder setzte. Die meisten der Anwesenden waren eindeutig indianischer Abstammung und trugen Zivilkleidung. Mac kam sich in ihrer Marine-Corps-Uniform unter den Cherokee irgendwie seltsam vor, beinahe fehl am Platz, aber gleichzeitig hätte sie um nichts in der Welt auf ihre Uniform verzichten wollen. Schon immer hatte sie für Mac einen gewissen Schutz dargestellt – und im Moment konnte sie jedes bißchen Rückhalt brauchen, das sie nur bekommen konnte.
1430 Z-Zeit (08:30 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
John "Sorry" Ross erhob sich langsam und ging um den Tisch der Anklagevertretung herum. Mit einem schnellen Blick erfaßte er den Zuschauerbereich und für einen Sekundenbruchteil glitt ein Schatten über sein Gesicht, als er Mic Ragsdale neben Hazel entdeckte. Dann nickte er den Richtern respektvoll zu und vergaß alles andere.
"Ich stehe heute hier, vor unserem obersten Stammesgericht, als Vertreter der Cherokee Nation, um zu beweisen, daß der Bundesstaat Oklahoma und die Vereinigten Staaten von Amerika die Verfassung gebrochen und den Tsalagi Unrecht angetan haben," begann Ross seine Eröffnungsrede, "Der Kläger – der an dieser Stelle anonym bleiben möchte – bezieht sich auf Artikel vier, Abschnitt drei der US-Verfassung: ‚Neue Staaten können vom Kongreß in die Union aufgenommen werden, aber kein neuer Staat soll innerhalb der Grenzen und der Gerichtsbarkeit eines anderen Staates errichtet werden.’ Oklahoma hat jedoch gegen diesen Artikel verstoßen, als es 1907 – ohne unsere Zustimmung - auf dem Gebiet der Cherokee Nation gegründet wurde und aufgrund dessen muß dieser Fall vor das oberste Bundesgericht gebracht werden." Mit einem letzten, eindringlichen Blick setzte John Ross sich wieder.
Mac fragte sich, ob Ross bei diesem Fall einen Vorteil haben mochte. Bei diesem Prozeß würden nicht wie Mac das gewohnt war, Zeugen befragt und Beweise präsentiert werden, sondern Erfolg oder Mißerfolg würden allein von der Argumentation der beiden Parteien abhängen.
Mac erhob sich und täuschte durch das Glattziehen ihres Rockes geschickt darüber hinweg, daß sie in Wirklichkeit ihre feuchten Hände am Stoff abwischte. Ein entschlossenes Leuchten trat in ihre braunen Augen als sie um ihren Tisch herumging und den Blick eindringlich auf die drei Cherokee richtete.
"Der Vertreter der Anklage," Mac nickte zu Sorry hinüber, "hat eben Artikel vier der Verfassung korrekt zitiert. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit aber auf eine bestimmte Stelle richten: Es heißt hier, kein Staat soll innerhalb der Grenzen und der Gerichtsbarkeit eines anderen Staates errichtet werden - innerhalb eines anderen Staates," betonte Mac nochmal und schwieg einen Moment, um ihre Worte wirken zu lassen, "Ich werde im Folgenden beweisen, daß die Cherokee Nation keine bundesstaatähnliche Organisation ist – Artikel vier ist nicht auf diesen Fall anwendbar und ein Grund für eine Klage vor dem Supreme Court somit nicht gegeben. Der Bundesstaat Oklahoma wurde völlig rechtsmäßig gegründet und die USA hat sich keines Verfassungsbruchs strafbar gemacht."
Mac drehte sich um und kehrte zu ihrem Tisch zurück, wobei sie ihren Blick leicht über die Zuschauer gleiten ließ. Der Saal war wirklich voll bis auf den letzten Platz; die Verhandlung schien in der Cherokee-Bevölkerung auf großes Interesse zu stoßen. "Ich könnte wetten, daß der Kläger – wer immer es ist – jetzt auch irgendwo hier ist," fiel Mac plötzlich ein und automatisch sah sie zu den bekannten Gesichtern von Will MacCoinnich, Hazel Bearpaw und Mic Ragsdale hinüber.
Harm, der zwischen MacCoinnich und Hazel saß, deutete ihren Blick falsch und nickte ihr ermutigend zu.
Mac setzte sich amüsiert. "Langsam wird es wirklich Zeit, daß ich mal einen spektakulären Fall gewinne, damit dieser arrogante Ex-Pilot da drüben nicht ständig denkt, ich wäre auf seine Hilfe und seinen Beistand angewiesen!" sagte sie sich kopfschüttelnd.
1608 Z-Zeit (10:08 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
"Gut und schön, Major MacKenzie, Sie mögen Recht mit einigen Ihrer Bemerkungen haben," räumte John Ross nach einer dreißigminütigen Debatte über die Anonymität des Klägers ein, "und ich bin sicher, Sie vergleichen diesen Prozeß im Geiste mit einer Anhörung nach Artikel 32 des UCMJ. Zugegeben, es gibt Parallelen, so dient diese Verhandlung ebenfalls dazu festzustellen, ob es genügend schlüssige Hinweise dafür gibt, einen Prozeß auf höherer Ebene anzustrengen. Aber wir stehen hier vor einem Gericht der Cherokee Nation und nicht der Streitkräfte – hier muß es nicht unbedingt so sein, daß der Kläger oder sein Anwalt selbst aussagen, Zeugen aufrufen, befragen und Beweise liefern."
Mac verengte ein wenig die Augen und machte sich eine gedankliche Notiz. Was sie da eben gehört hatte, klang ganz so, als besäße John Ross selbst Erfahrung im Militärrecht – etwas, was die meisten Zivilanwälte nicht hatten. "Dann darf ich davon ausgehen, daß Sie, die Anklagevertretung, den Verfasser der Anklageschrift kennen?" nutzte Mac die Gelegenheit, erneut die Frage zu stellen, die sie seit Tagen beschäftigte. Sie wußte, wenn man erst einmal den Cherokee, der die Klage erhoben hatte, und sein Motiv kannte, dann wäre der Fall vielleicht schon halb gewonnen.
"Euer Ehren, ich bitte darum, diese Frage nicht zuzulassen und verweise auf die Verfassung der Cherokee Nation Artikel zwei, Abschnitt eins und Artikel fünf, Abschnitt vierzehn. Jeder Kläger, der nicht aufgrund eigener, persönlicher Schädigung Klage erhebt, hat das Recht, anonym zu bleiben," wandte sich John Ross an die drei Cherokee-Richter.
Dwight Birdwell nickte sofort. "Major MacKenzie, bitte verzichten Sie auf weitere Nachfragen in diesem Bereich!" instruierte er Mac.
Mac nickte ruhig, sie hatte mit nichts Anderem gerechnet.
"Die Verfassung der Cherokee Nation of Oklahoma," fuhr John Ross zufrieden fort, "beinhaltet noch einen weiteren Artikel, der für diesen Fall essentiell ist. Ich spreche von Artikel eins, in dem es heißt: ‚Die Cherokee Nation ist ein untrennbarer Teil der bundesstaatlichen Union. Die Verfassung der USA ist das oberste Gesetz des Landes und daher soll die Cherokee Nation nie ein Gesetz erlassen, welches im Konflikt mit den bundesstaatlichen Gesetzen steht.’ Dies allein ist schon ein mehr als deutlicher Hinweis darauf, daß die Cherokee Nation sehr wohl als Bundesstaat betrachtet werden muß oder doch zumindest als Organisation, die in Funktion, Definition und Merkmalen einem Bundesstaat gleicht."
Harm fuhr unruhig mit dem Finger den Rand seiner Militärmütze entlang, die er hier im Gerichtssaal abgenommen hatte, und beobachtete gespannt Macs Reaktion auf das erste richtige Argument, das John Ross bisher vorgebracht hatte. Ein Gefühl sagte ihm, daß Sorry mit den leichter anfechtbaren Argumenten begonnen hatte, um zu prüfen, wie fähig seine Gegnerin war, um dann zu den "schweren Brocken" überzugehen. "Das Datum, Mac," dachte er beschwörend, "Werfen Sie mal einen Blick auf das Datum!"
Doch Mac hatte weder seine beschwörenden Gedanken, noch einen Blick in die Akten nötig. "Ich möchte das Gericht darauf hinweisen, daß der Teil von Artikel eins, den der Vertreter der Anklage in seiner Argumentation benutzt, vom 1. Juli 1975 stammt," erwiderte sie ohne den Blick auch nur kurz in ihre Unterlagen zu senken, "Dieser Teil der Verfassung wurde nicht bereits 1838 geschrieben, sondern erst später hinzugefügt – nachdem der Staat Oklahoma 1907 gegründet wurde. Da die Cherokee Nation 1975 auf dem Gebiet von Oklahoma lag, ist es nur natürlich, daß sie tatsächlich zur bundesstaatlichen Union der USA gehört. Daraus erwächst jedoch kein valides Argument für eine ungesetzmäßige Gründung des Staates."
Harm nickte vor sich hin und ließ sich erleichtert zurücksinken. "So weit, so gut."
2202 Z-Zeit (16:02 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
Harm stand vor der Türe des Gerichtssaales. Die übrigen Zuschauer strömten an ihm vorbei und durchquerten zum Teil lautstark diskutierend die große Halle. Während er ein Auge immer auf die Flügeltüre gerichtet hielt, beobachtete Harm, wie John Ross und Hazel Bearpaw gemeinsam den Gerichtssaal verließen.
Sorry nickte ihm freundlich zu. Der schlanke, kleine Mann strahlte ungebrochenen Optimismus aus; er wußte, daß dies nur ein im Grunde bedeutungsloses Vorgeplänkel gewesen war.
Die nächste, die den Saal verließ, war Mac. Harm hätte gar nicht aufzusehen brauchen, um es zu wissen, denn er kannte den forschen Schritt, den sie in solchen Situationen manchmal hatte. Ihre rechte Hand hielt den Griff ihres Aktenkoffers so umschlossen, als rechne sie damit, die Tasche jederzeit als Waffe benutzen zu müssen. Als sie Harm sah lockerte sich ihr Griff etwas und ihre Schritte verlangsamten sich. "Gibt’s jetzt die angedrohten Tritte?" fragte sie und erlaubte sich nach den Anspannungen des Tages vor Gericht ein leichtes Lächeln.
"Die spar ich mir für später auf – nicht daß ich Sie morgen hierher tragen muß," gab Harm den Scherz zurück, "nein, im Ernst, Mac, ich denke, es lief bisher ganz gut."
Mac nickte, wirkte jedoch etwas geistesabwesend, so als seien ihre Gedanken schon wieder bei etwas völlig anderem. "Harm, haben Sie das heute morgen gehört, was Ross über den Universal Code of Military Justice und die Artikel-32-Anhörung gesagt hat? Ich werde das Gefühl nicht los, daß er dieses Wissen nicht aus irgendwelchen Büchern hat; das klang mir mehr nach eigener Erfahrung."
Harm bemerkte mit gelinder Belustigung ihren konzentrierten Blick – er kannte ihn von sich selbst, wann immer er sich an einer Sache festgebissen hatte. "Sie denken, wenn sein Onkel in den Streitkräften gedient hat, dann vielleicht auch Ross?" fragte er neutral.
Mac zuckte die Schultern. "Das wäre immerhin möglich. Jedenfalls hab ich das Gefühl, daß John Ross nicht völlig ehrlich mit uns ist."
"Wer ist das schon," meinte Harm, ohne Macs leicht irritierten Blick zu bemerken.
"Hör endlich auf mit diesem verdammten Selbstmitleid, Sarah Catherine MacKenzie!" schalt sich Mac, "Wie lange willst du noch bei jeder Geste und bei jedem Wort, das dich irgendwie an deine Artikel-32-Verhandlung, die Abmahnung oder Chris erinnert, innerlich zusammenzucken?"
"Ich weiß zwar nicht, ob es wirklich mit dem Fall zu tun hat, aber wir sollten jeder Spur nachgehen," entschied Mac, "Ich brauche dringend Informationen darüber, ob und unter welchen Umständen Ross in den Streitkräften, dem NCIS, dem CIA oder sonst einer Organisation gearbeitet hat, die ein solches Wissen rechtfertigen würde!"
Harm brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, daß diesmal er derjenige war, dem die Aufgabe, das zu recherchieren, zukam. "Und wie soll ich das anstellen, Frau Anwältin? Wenn es ein Dienst war, der so geheim ist, daß er in seiner Akte, die wir bereits kennen, nicht verzeichnet ist ... ich kann ihm ja schlecht die Dienstwaffe an den Kopf halten und ihn zwingen, mir Auskunft zu geben," meinte er mit einem ironischen Grinsen.
Mac zuckte nur mit den Schultern. "Ich behaupte ja nicht, daß es leicht sein wird; rufen Sie Webb an oder lassen Sie sich sonst etwas einfallen ... Bud fragen Sie ja auch nicht, wie er es anstellt, Hauptsache er kreuzt rechtzeitig mit den gewünschten Informationen auf, aber wie er das schafft, das ist seine Sache..." Wieder glaubte Harm, einen gelinden Vorwurf aus ihrer Stimme herauszuhören.
"Maaac!" stöhnte er, "Bringen Sie mich nicht dazu, meine Entscheidung zu bereuen."
Anstatt sie mit dieser Bemerkung aber wieder zur Vernunft zu bringen, bewirkte sie das glatte Gegenteil. "Oh, muß ich Ihnen jetzt für den Rest meines Lebens dankbar sein, daß ich einmal auch etwas machen durfte, oder was?" schnappte Mac verärgert. Dies war wieder einmal eine der Gelegenheiten, bei denen sie ihrem Partner kalt lächelnd hätte den Hals umdrehen können. Sie haßte es wirklich, wenn er sich so gönnerhaft verhielt, so als wäre sie der hoffnungsvolle Nachwuchs, dem mit großzügigem Wohlwollen eine einmalige Chance gegeben hatte ... langsam begann sie zu verstehen, wie Hazel Bearpaw sich fühlte.
Harm sah sie mit dem für ihn typischen ruhigen, intensiven Blick an. "Mac, würden Sie bitte aufhören, aus allem, was ich sage, einen persönlichen Angriff zu machen? Ich werde Bud und Webb anrufen und ein paar Freunde im Pentagon ... wir werden schon irgendetwas herausfinden, okay?"
Mac atmete tief durch. Vermutlich hatte sie wirklich überreagiert, aber sie wollte sich nicht entschuldigen – es hätte Harm nur in der unbewußten Ansicht bestärkt, er sei automatisch überlegen und im Recht. "Okay, Harm." "Ich schätze, der Anruf bei Webb wird genug der Strafe sein!"
0034 Z-Zeit (18:34 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm lehnte sich im Schreibtischsessel ihres Gästezimmers zurück, den Telefonhörer am Ohr, und starrte auf John Ross Akte, während er darauf wartete, dass Clayton Webb endlich das Telefon abnahm. Harm freute sich nicht unbedingt darauf, den CIA-Agenten um etwas bitten zu müssen, aber wenn ihr Fall es erforderte, dann würde er es eben tun.
"Schließlich haben wir Webb auch mehr als einmal geholfen, als sein Arsch über irgendwelchen Abgründen hing!" sagte sich Harm.
Mac kam herein und sah ihn fragend an, als sie bemerkte, dass Harm den Telefonhörer in der Hand hielt. Ihre Mundwinkel kräuselten sich, als sie versuchte, ihr Grinsen zu unterdrücken. Interessiert blieb sie vor dem Schreibtisch stehen, um sein Gespräch mit Webb mitanzuhören.
Harm warf ihr einen strengen Blick zu und machte eine Handbewegung, als verscheuche er eine Fliege. "Wenn Sie sowieso hier rumstehen, können Sie Webb auch gleich selbst anrufen, Major."
Das erzielte die gewünschte Wirkung: Mac winkte ihm grinsend zu und verschwand wieder.
Im Telefonhörer knackte es.
<Webb.>
Wie konnte jemand schon so arrogant klingen, wenn er nur seinen Namen nannte? Harm atmete tief durch. "Hallo Webb, hier ist Harm Rabb."
Eine Sekunde herrschte Stille auf der anderen Seite der Leitung. <Wie läuft es in Oklahoma, Commander?> erkundigte sich Clayton Webb dann.
Harm runzelte die Stirn. "Woher wissen Sie denn schon wieder davon? Unsere Ermittlungen hier sind streng geheim!"
<Ach, Sie wissen doch: In meiner Branche hält man Small-Talk nicht übers Wetter, sondern über Staats-Geheimnisse, Commander!> Harm konnte Webbs geringschätzigen Gesichtsausdruck fast vor sich sehen.
Harm hielt nur mit Mühe ein Schnauben zurück. "Na, das trifft sich aber gut," meinte er ironisch, "ich bräuchte da nämlich eine Information von Ihnen."
<Unmöglich, Commander!> widersprach Webb sofort.
"Hey, jetzt warten Sie doch erst mal ab, was ich von Ihnen möchte, bevor Sie gleich nein sagen – oder muß ich Sie daran erinnern, wie oft wir Ihnen und der CIA ... pardon, dem Außenministerium ... schon geholfen haben?"
<Ich wusste doch, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Sie anfangen, mir zu drohen!>
"Ich drohe gar niemandem, Webb. Alles was ich möchte ist, dass Sie mir in Ruhe zuhören und dann im Interesse der USA handeln."
<Sie meinen wohl, in IHREM Interesse, Rabb.> meinte Webb spöttisch.
"Ich schätze, mein Interesse deckt sich in diesem Fall mit dem der USA. Im Übrigen vertrete nicht ich, sondern Mac die Verteidigung vor dem obersten Stammesgericht."
<Sieh an, was haben Sie denn getan, um so bei A.J. in Ungnade zu fallen?>
"Überhaupt nichts, Webb. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich kein Bedürfnis danach, mir die Nase richten zu lassen," entgegnete Harm schlagfertig, "Mac hat aufgrund ihrer Abstammung einfach nur einen anderen Bezug zu dem Fall, das ist alles. Also, was ist jetzt, helfen Sie uns nun oder nicht?"
<Sagen Sie mir, worum es geht und dann sage ich Ihnen, ob ich Ihnen helfe.>
"Der Vertreter der Cherokee vor Gericht ist ein gewisser John Sorell Ross. Mac und ich, wir hatten den Eindruck, dass er über die Militärgesetze besser Bescheid weiß, als das bei einem normalen Zivilanwalt der Fall wäre, aber in seiner Akte ist nichts derartiges vermerkt."
<Und jetzt soll ich in seiner Vergangenheit herumschnüffeln?>
"Hm, wenn Sie es so ausdrücken wollen ... hören Sie, Webb, es ist nichts Illegales oder Gefährliches, vermutlich wird es Sie nicht mehr als einen Anruf kosten, das herauszubekommen. Das sind Sie Mac wirklich schuldig, nachdem sie letztes Mal in dieser sudanesischen Botschaft so einiges für Sie einstecken musste!" meinte Harm eindringlich.
<Na schön, ich werde sehen, was sich tun lässt. Ich melde mich wieder. Und richten Sie dem Major aus, dass sie dem Außenministerium noch immer ein Kleid schuldet.>
Bevor Harm noch etwas sagen konnte, hatte Clayton Webb aufgelegt.
Zehn Sekunden später kam Mac herein, so als hätte sie draußen an der Türe gelauscht. "Und, was sagt Webb?" erkundigte sie sich sofort.
"Ich denke, er hat ein gewisses Interesse daran, dass Sie den Fall gewinnen," meinte Harm mit einem seiner Flyboy-Grinsen. Mac runzelte fragend die Stirn. "Er denkt vermutlich, das JAG-Corps bezahlt Ihnen eine Prämie und Sie könnten dann endlich das Abendkleid bezahlen."
"Von wem stammt der Unsinn? Von Webb oder von Ihnen?" fragte Mac skeptisch.
"Hey, wenn ich so hinter Geld her wäre, dann hätte ich schon seit Jahren einen Job in einer Zivilkanzlei, würde 500 Dollar die Stunde verdienen und einen Porsche fahren!" kommentierte Harm.
Mac warf ihm nur einen grimmigen Blick zu, sagte aber nichts, sondern griff nach einigen Unterlagen und begann, sie zu studieren.
Das Telefon klingelte. "Rabb." meldete sich Harm.
<Was sagt Mac zu der Sache mit dem Kleid?> erkundigte sich Clayton Webb spöttisch.
Harm antwortete nicht, sondern hielt Mac den Telefonhörer hin. "Ist für Sie."
Mit einem fragenden Blick nahm Mac den Hörer entgegen. "MacKenzie."
<Oh, die Vertreterin der Verteidigung höchstpersönlich! Guten Abend, Major.>
"Guten Abend, Webb. Also, was ist jetzt, haben Sie etwas herausbekommen oder nicht?" wollte sie wissen.
<Wenn Sie SO nett fragen, Major ... ja, ich habe tatsächlich etwas Interessantes herausgefunden. Ihr John Ross … arbeitet für die CIA.>
0045 Z-Zeit (18:45 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
"Wie bitte?!" entfuhr es Mac, "Webb, falls das ein Witz sein soll..." Sie konnte einfach nicht glauben, dass dieser kleine schlanke Mann mit den sanften grauen Augen ein Spion sein sollte.
Harm trat einen Schritt näher an Mac heran. "Mac, was ist? Was hat er gesagt?"
Mac schüttelte den Kopf und bedeutete ihm wortlos: "Nicht jetzt, Harm."
<Ihr dritter Musketier ... Mister Roberts, hat mir mal erläutert, das Scherzen sei das Privileg eines Admirals und dazu fehlen mir zwei Sterne. Nein, Major, es ist mein Ernst, Ross hat mal für die CIA gearbeitet. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste, Major.> betonte Webb.
"Oh ... nein, natürlich nicht," gab Mac ohne große Überzeugung zu, "was war Ross Tätigkeit?"
<Er arbeitete für eine Sondersektion unserer Abteilung für Spionageabwehr. Sie wissen vermutlich, dass Spionage weder in Friedens- noch in Kriegszeiten eine Verletzung des Völkerrechts darstellt. Der ausspionierte Staat kann einen ertappten Spion jedoch nach seinem Militärstrafrecht verurteilen. Nach Artikel 46 des ersten Zusatzabkommens zur Genfer Konvention hat ein Spion keinen Anspruch auf den Status eines Kriegsgefangenen, so dass hier eine besondere rechtliche Situation entsteht. John Ross hat als Anwalt solche Fälle für uns bearbeitet – also seien Sie auf der Hut, wenn Sie ihm vor Gericht gegenüberstehen, ich schätze, er kennt so einige Tricks.>
"Dann wollen wir doch mal sehen, ob ein Marine-Anwalt ihm nicht noch ein paar neue beibringen kann!" entgegnete Mac entschlossen. Ihre Augen funkelten.
<Vorsicht, Major, jemand hat mir mal gesagt, so was wie einen Ex-CIA-Agenten gäbe es gar nicht.>
Mac wusste, dass er jetzt sein etwas arrogantes James-Bond-Lächeln auf den Lippen hatte. "Was denn, Webb, sagen Sie bloß, Sie machen sich Sorgen um mich?" spöttelte sie.
<Jetzt scherzen SIE aber, Major. Wir Geheimagenten machen uns nur um das Wohlergehen von drei Personen Sorgen: Das eine bin ich, das andere der Präsident und das dritte der Captain des Krebsfangkutters meines Lieblingsrestaurants.>
Mac grinste und Harms Ungeduld nahm langsam zu. Da er nur Macs Hälfte der Unterredung mitbekommen hatte, wusste er noch immer nicht, was Webb über John Ross herausgefunden hatte. Macs Verhalten – erst die Überraschung und nun die Scherze mit Webb – trug auch nicht gerade dazu bei, seine Verwirrung aufzuheben. Endlich legte Mac den Hörer auf. "Bingo," sagte sie ernst, "Ross kennt die Militärgesetze wirklich aus erster Hand."
"Inwiefern?" Harm sah seine Partnerin fragend an. "Kommen Sie schon, Mac, lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen!"
"Er hat für die Spionageabwehr der CIA gearbeitet." ließ Mac endlich die Katze aus dem Sack.
"Er ist ein CIA-Spion?" echote Harm.
"Nein, er hat als Anwalt enttarnte Spione fremder Nationen angeklagt. Webb meinte, er hätte einiges auf dem Kasten." Mac nagte grimmig an ihrer Unterlippe.
Harm wusste, wie viel ihr daran lag, ihre Sache gut zu machen; diesen Fall zu gewinnen und ihre Karriere nach dem ganzen Ärger der letzten Monate wieder auf den richtigen Weg zu bringen. "Hey, das haben Sie doch auch," versicherte er ihr mit einem seiner intensiven Blicke, "Ich wette, Ross wird sich bald wünschen, er wäre bei seinen Spionen geblieben!"
Er grinste seine Kollegin an, so lange, bis sie endlich zurücklächelte. "Na also!"
2148 Z-Zeit (15:48 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
"Die Klage der Cherokee Nation bezieht sich auf Artikel vier der US-Verfassung; genauer gesagt auf Sektion drei, Unterabschnitt eins: Der Kongreß hat das Recht, neue Staaten in die Union aufzunehmen, aber kein neuer Staat darf innerhalb der Gerichtsbarkeit und der Grenzen eines anderen Bundesstaates errichtet werden," zitierte Mac und ging vor ihrem Pult auf und ab, "Die Cherokee Nation ist jedoch kein Bundesstaat, so dass Oklahoma Artikel vier gar nicht verletzt haben kann!" Sie verlieh dem letzten Wort besonderen Nachdruck und ihre braunen Augen funkelten.
"Euer Ehren, das ist kein valides Argument!" widersprach John Ross sofort, "Um eine Analogie zu benutzen: Eine Vase ist sicher nicht als Waffe gedacht, aber wenn ich sie benutze, um jemanden zu töten, dann ist sie dennoch die Tatwaffe."
"Einspruch!" kam es von Mac, "Euer Ehren, die Anklage sollte sich daran erinnern, dass wir es hier nicht mit einem Mordprozeß zu tun haben. Solche Analogien sind weder sinnvoll noch hilfreich!"
Harm grinste ein wenig. Er hatte bereits die Erfahrung gemacht, dass es besser sein konnte auf Analogien vor Gericht zu verzichten.
"Ich wollte damit auch nur folgendes verdeutlichen: Entscheidend ist nicht nur das, was schwarz-auf-weiß festgehalten ist, sondern auch die Funktion. Die Cherokee Nation mag vielleicht nie offiziell als Bundesstaat bezeichnet worden sein, aber dennoch hat sie viele Eigenschaften, die sie klar als Bundesstaat auszeichnen. Als Beispiel möchte ich den Vertrag von New Echota, aus dem Jahr 1835 anführen," John Ross trug ein Blatt zum Richtertisch und überreichte auch Mac ein Exemplar, bevor er fortfuhr, "Artikel drei: Die USA behält sich das Recht vor, Straßen und Forts im Cherokee-Land zu bauen. Artikel vier: Das Cherokee-Land soll nie unter Grenzen oder Gerichtsbarkeit eines Staates fallen. Die Cherokee dürfen ihre eigenen Gesetze machen, solange sie nicht der US-Verfassung widersprechen. Artikel fünf: Die USA schützt die Cherokee vor fremden Feinden und Krieg mit anderen Stämmen – das alles sind deutliche Hinweise darauf, dass die Cherokee Nation von der US-Regierung als teilautonomer Staat betrachtet wird, der unter ihrem Schutz steht – ein Bundesstaat also."
Harm runzelte die Stirn und verengte die Augen. John Ross war wirklich gut, das musste er zugeben.
Hier im Zuschauerbereich zu sitzen, ohne eingreifen zu können, machte Harm nervöser als in einem Zivilflugzeug mitzufliegen. Obwohl Mac ihre Sache zugegebenermaßen wirklich gut machte, konnte er den Impuls, eingreifen zu wollen, doch nie ganz unterdrücken. Am liebsten wäre er jetzt selbst da vorne gestanden oder hätte zumindest gerne neben Mac gesessen.
Mac hielt das Blatt Papier in die Höhe, das John Ross ihr vorhin gereicht hatte. "Der Vertrag von New Echota..." sagte sie langsam und bedächtig, "unterzeichnet von General William Carroll auf Seiten der USA und von der sogenannten Ridge-Partei; Major Ridge, seinem Sohn John Ridge, seinen Neffen Buck Watie alias Elias Boudinot und Stand Watie auf Seiten der Tsalagi."
Durch die Reihen der Cherokee ging ein Nicken. Harm hörte um sich herum ein zustimmendes Gemurmel; die Tsalagi achteten Mac für ihre Kenntnisse über ihre Kultur. Will MacCoinnich betrachtete seine Partnerin noch immer wohlwollend. Harm musste eingestehen, dass es wohl die richtige Entscheidung gewesen war, Mac den Fall übernehmen zu lassen. Sie hatte einfach einen ganz anderen Zugang dazu als er; auch wenn sie sich anfangs vielleicht dagegen gewehrt hatte, sich mit ihren Vorfahren zu identifizieren.
John Ross saß hinter seinem Tisch und sah Mac abwartend an. Er nickte zu ihren Worten und sah keinen Grund, dagegen Einspruch zu erheben.
Harm musste grinsen. Wenn Sorry Mac so gut gekannt hätte wie er, dann hätte er gewusst, was das Glitzern in ihren dunklen Augen zu bedeuten hatte.
"Der Vertreter der Anklage beruft sich auf den Vertrag von New Echota, um zu beweisen, dass die Cherokee Nation eine bundesstaat-ähnliche Organisation ist," Mac machte eine kurze Pause, um John Ross die Gelegenheit zu geben, bestätigend zu nicken, bevor sie fortfuhr: "Der Vertrag, der der Aufgabe ihres Heimatlandes und einer Umsiedlung ins Indianer-Territorium zustimmte?" Erneut das Nicken von John Ross und den anderen Tsalagi, "Es handelt sich hier um denselben Vertrag, um dessen Annullierung die Cherokee immer gekämpft haben. Schon vor 160 Jahren hat John Ross – Ihr Namensgefährte, Herr Kollege – protestiert, dass der Vertrag von New Echota nicht gültig ist, weil die Unterzeichner keine autorisierten Stammesrepräsentanten waren; die Mehrheit der Cherokee war gegen die Umsiedlung. Wenn der Anklagevertreter also mit dem Vertrag von New Echota argumentiert, so kann er das nicht tun, ohne nicht seine Rechtmäßigkeit zuzugeben und einzugestehen, dass Häuptling Ross und 90% der Cherokee im Irrtum waren."
Mac ließ das Blatt sinken und setzte sich wieder. Ihr Gesichtsausdruck war noch immer energisch und konzentriert; sie erlaubte sich kein Lächeln und auch sonst keinen Ausdruck von Zufriedenheit. Sie wusste genau, dass die eigentliche "Schlacht" erst noch bevorstand und John Ross sicher noch mehr aufzubieten hatte als nur den Vertrag von New Echota.
Prompt kam von John Sorell Ross auch schon das nächste Argument. "Selbst wenn man ihren Einwand gelten lässt, Miss MacKenzie, die Fakten bleiben bestehen. Ich möchte als weitere Beweise den Vertrag von Hopewell, aus dem Jahr 1783, und den Vertrag von Holston von 1791 vorlegen." Ross verteilte erneut einen Stapel Blätter an die Richter und Mac.
Mac musste nur einen schnellen Blick auf das Papier werfen; sie wusste genau, was dort stand, denn inzwischen kannte sie jeden Vertrag, den die Cherokee je geschlossen hatten, quasi auswendig. Es hatte durchaus auch seine Vorteile, wenn man in keiner Nacht mehr als vier Stunden schlafen konnte.
"Der dritte Artikel des Vertrags von Hopewell besagt, dass die Cherokee unter dem Schutz der USA stehen. Die US-Regierung ist verpflichtet, die Cherokee vor Angriffen zu schützen. In Artikel neun wird gesagt, dass die USA das alleinige Recht haben, den Handel mit den Cherokee zu regulieren, jedoch wird dies nicht als völlige Aufgabe aller Souveränität gewertet, sondern nur in gewissen Bereichen wie dem Außenhandel oder dem Militär. Der Vertrag von Holston betont das noch einmal. Wie Sie sehen, Euer Ehren, wird die Cherokee Nation also auch hier wie ein Bundesstaat behandelt." Ross setzte sich und sah erwartungsvoll zu Mac hinüber, um zu sehen, ob sie gültige Argumente dagegen aufbieten konnte.
Mac erhob sich, entschlossen und konzentriert wie immer, und schüttelte langsam den Kopf zu John Ross Worten. "Der Vertrag von Holston sagt nichts dergleichen – ganz im Gegenteil. Der Vertrag enthält Bestimmungen, die für keinen Bundesstaat gelten. Ich erinnere nur an Artikel acht, welcher besagt, dass Weiße, die sich auf Cherokee-Land niederlassen, den Schutz der USA verlieren und nach Cherokee-Gesetzen bestraft werden können. Dies bedeutet, dass das Cherokee-Gebiet nicht unter die Gerichtsbarkeit der US-Regierung oder von Bundesstaaten fällt."
"Was die Bundesstaaten betrifft, so gebe ich Ihnen Recht, Frau Kollegin," stimmte John Ross mit einem ruhigen Nicken zu, "jedoch ist das nur ein weiterer Beleg für die bundesstaatlichen Eigenschaften der Cherokee Nation – die Gesetzgebund eines Bundesstaates muß nicht unbedingt für einen anderen gelten. Die US-Regierung hat jedoch Gerichtsbarkeit über die Cherokee Nation, wie über jeden anderen Bundesstaat auch. Ein früher Beleg findet sich im Urteil Worcester versus Bundesstaat Georgia von 1832: Der oberster Gerichtshof hat damals bestätigt, dass die Gesetze von Georgia nicht auf Cherokee-Gebiet gelten, jedoch hat die US-Regierung richterliche Gewalt im Cherokee-Land." Zufrieden, endlich einmal das letzte Wort behalten zu haben, schloß John Ross seine Unterlagen.
Harm beobachtete ernst, wie Mac sich auf die Lippe biß. Leider musste er zugeben, dass er im Moment darauf auch keine passende Antwort hatte.
2305 Z-Zeit (17:05 Uhr CST)
Vor dem Gebäude des obersten Stammesgerichts
Tahlequah, Oklahoma
John Sorell Ross erlaubte sich ein zufriedenes Lächeln, als er die Stufen des alten Gebäudes hinabging und einen Blick hinauf zur Flagge der Cherokee Nation warf. Er hatte das Gefühl, seinem Volk heute gute Dienste geleistet zu haben. Zum ersten Mal seit die Verhandlung begonnen hatte, hatte er – und damit sein Stamm – den Gerichtssaal als Sieger einer "Runde" verlassen.
"Diese Sarah MacKenzie hat wirklich was auf dem Kasten ... nicht dass ich etwas anderes erwartet hätte – bei den Vorfahren," sagte Sorry erheitert zu sich selbst. Er machte sich nichts vor, er wusste, dass dieses eine gewonnene Argument noch gar nichts bedeutete, vor allem da Major MacKenzie zuvor alles, was er angeführt hatte, sofort hatte entkräften können.
Doch John Ross wusste genau, dass die Cherokee bei dieser Verhandlung eigentlich nur gewinnen konnten. Selbst wenn es gar nicht erst zu einer Klage vor dem Obersten Bundesgericht kam oder die Cherokee Nation den Prozess verlor – in gewisser Weise hätten sie trotzdem gewonnen. Das öffentliche Interesse und die Schlagzeilen, die eine Klage gegen die US-Regierung bringen würde, würde die Aufmerksamkeit auf sein Volk und dessen vorbildliche Stammesregierung lenken und dem ganzen Land zeigen, dass sie nicht länger von korrupten Oberhäupter geleitet wurden. Diese mutige Klage vor dem Supreme Court würde den Ruf der Cherokee seit dem Desaster mit ihrem vorigen Häuptling Joe Byrd wieder herstellen.
Ganz abgesehen davon würde es ihm, John Ross, wenn er seine Sache gut machte, endgültig zur Ernennung zum Richter am obersten Stammesgericht der Cherokee verhelfen.
John Ross lächelte vor sich hin, während die Zuschauer des Prozesses an ihm vorbei zum Parkplatz strömten. Er setzte sich in Bewegung und warf nur noch einen Blick zurück auf das alte Gerichtsgebäude. Sein Lächeln verblasste und machte einem grimmigen Stirnrunzeln Platz, als er Mic Ragsdale aus dem Gebäude kommen sah – mit Hazel Bearpaw an seiner Seite. Die junge Frau lachte über etwas, was der hochgewachsene Ragsdale sagte.
Sorry zwang sich, den Blick abzuwenden und ging schneller, doch Hazel hatte ihn jetzt gesehen und sagte einige Worte des Abschieds zu Mic Ragsdale – während sie die Hand auf seinen Arm legte, wie John Ross verärgert feststellte.
"Hey, hey, alter Junge," ermahnte Ross sich grimmig, "sie ist nicht deine ... Tochter! Du hast kein Recht zu bestimmen, wen sie ... anschmachten soll und wen nicht!" Er hatte inzwischen sein Auto erreicht und suchte in seiner Tasche nach dem Schlüssel.
Hazel erreichte ihn mit einigen schnellen Schritten. "Hey, John! Wohin wollen Sie so eilig?" rief sie heiter, "ich hatte noch gar keine Zeit, Ihnen zu gratulieren! Zuletzt lief es richtig gut." Sie lächelte herzlich und streckte ihm die Hand hin, so dass John Ross spürte, wie sein Groll verschwand.
Unwillkürlich erwiderte er ihr Lächeln und ergriff ihre Hand. Spontan wie sie nun einmal war, trat die temperamentvolle junge Frau noch einen Schritt näher und küsste ihren Chef, der nur wenig größer als sie war, leicht auf die Wange.
Zu behaupten, dass John Ross überrascht war, wäre eine Untertreibung gewesen. Er war beinahe schockiert. In einer Geste der Überraschung fuhr er sich über seine früher mehrmals gebrochene Nase. "Ähm, was war das?" erkundigte er sich, nachdem er das Gefühl hatte, seiner Stimme wieder vertrauen zu können.
Hazel grinste unbefangen und ihre haselnussbraunen Augen funkelten vergnügt. "Och, nur ein spontaner Ausdruck meiner Anerkennung für einen Vorgesetzten."
"Wenn Sie das immer so machen, dann sollte ich vielleicht Ihre neuen Kollegen im Bezirksgericht von Wagoner County vorwarnen," meinte John Ross mit dem für ihn typischen ruhigen Lächeln.
Hazel zuckte die Schultern. "Bisher hat sich noch niemand beschwert." meinte sie trocken.
"Das glaube ich aufs Wort – wer würde sich schon darüber beschweren, von einer Frau wie Hazel geküsst zu werden," dachte John Ross automatisch. Dann ermahnte er sich und konzentrierte sich wieder auf ihr Gespräch, denn ihm war aufgefallen, dass Hazels Gesichtsausdruck sich trotz ihrer witzigen Antwort verschlossen hatte, sobald er das Bezirksgericht des Nachbar-Countys erwähnt hatte, das ihr einen Job als Bezirksrichterin angeboten hatte.
"Haben Sie Mister Chandler bereits zugesagt?" erkundigte er sich jetzt völlig ernst.
"Ich habe ihm bereits letzte Woche gesagt, dass ich noch Bedenkzeit brauche – Sie waren doch selbst dabei." erwiderte Hazel Bearpaw und klang beinahe genervt.
"Ja," John Ross nickte tadelnd, "und deshalb habe ich auch gehört, dass Sie um Bedenkzeit von einer Woche gebeten haben – die dürfte inzwischen um sein. Hazel, nach all den Jahren, die wir zusammenarbeiten, verstehe ich Sie immer noch nicht," er seufzte und schüttelte erneut den Kopf, "Sie sind doch sonst nicht so zögerlich; wieso haben Sie ihm nicht sofort zugesagt? Die Chance, Distrikt-Richterin zu werden ... in Ihrem Alter hätte ich sonst was dafür getan!"
Hazel Bearpaw verzog das Gesicht. Da war sie wieder, seine ständige Anspielung auf den Altersunterschied zwischen ihnen. Sie haßte es, wenn er begann, sich ihr gegenüber wie ein besorgter Vater zu verhalten. Sie hatte sogar den Verdacht, dass er sich dafür eingesetzt hatte, damit ihr der Posten am Bezirksgericht angeboten wurde und sie wusste noch immer nicht, ob sie dankbar und erfreut oder wütend darüber sein sollte. "Ihre Ermahnungen sind völlig unnötig – ich habe heute morgen mit Chandler telefoniert und ihm gesagt, dass ich am Samstag den Vertrag unterschreiben werde. Jetzt zufrieden?"
John Ross nickte, obwohl er alles andere als zufrieden aussah. Sorry fühlte sich hin und her gerissen. Einerseits hatte er Hazels Talent erkannt, es gefördert und wollte ihr zu der Karriere verhelfen, die sie verdiente, aber andererseits ... würde Hazel dann aus seinem Leben verschwinden, da war er sich sicher. Außerhalb der Arbeit hatten die temperamentvolle, bezaubernde junge Frau und er, der ruhige, kleine und nicht gerade gutaussehende John Sorell Ross sich noch nicht ein einziges Mal gesehen.
Er sah auf, als eine andere Stimme ihn ansprach. "Hallo, John." Major Sarah MacKenzie und ihr Kollege, Harm Rabb, standen vor ihm. "Sie waren wirklich gut heute; Ihr letztes Argument hat mich abgeschossen und vom Himmel geholt."
John Ross grinste und stellte erleichtert fest, dass die JAG-Anwältin ihm das nicht übel nahm. Vermutlich wusste sie so gut wie er, dass die Verhandlung noch längst nicht entschieden war und sie bisher mehr überzeugende Argumente vorgebracht hatte als Ross.
"Abgeschossen und vom Himmel geholt?" wiederholte Hazel Bearpaw mit einem Grinsen. Fragend sah sie Mac an, "Kann es sein, dass Sie schon ein wenig zu lange mit einem Ex-Piloten zusammenarbeiten?"
Macs Mundwinkel kräuselten sich amüsiert. "Scheint so. Die Kerle sind wie eine ansteckende Krankheit, wenn man zu lange in ihrer Nähe ist."
"Ansteckende Krankheit?" echote Harm und gab sich gekränkt, "Hey, Mac, haben Sie schon vergessen, was man über die weiße Gala-Uniform und die goldenen Fliegerabzeichen sagt?" Er grinste seine Partnerin mit vollem Flyboy-Potential an.
"Wie könnte ich das vergessen, wenn ich ständig denselben alten Spruch zu hören bekomme? Ich halte ihn noch immer für vollkommen überbewertet." gab Mac unbeeindruckt zurück.
"Was sagt man denn über die Galauniform und die goldenen Fliegerabzeichen?" erkundigte sich Hazel interessiert.
"Uh, ähm..." Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick, dann lachte Mac. "Das hat damit zu tun, dass gewisse arrogante Piloten sich einbilden, jede Frau haben zu können." erklärte sie spöttisch.
"Und?" Die junge Cherokee bedachte Harm mit einem herausfordernden Blick aus ihren haselnussbraunen Augen, "funktioniert es?" Sie warf einen schnellen Blick zwischen Harm und Mac hin und her.
John Ross räusperte sich vernehmlich. Unbehaben darüber, dass seine Assistentin offen mit dem Navy-Anwalt flirtete ... wenn sie das überhaupt tat ... stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. "Ich fahre jetzt nach Hause. Wollen Sie mitfahren?" bot er Harm und Mac an, die noch immer bei ihm und seinem Onkel wohnten.
Mac schüttelte den Kopf und deutete zu ihrem Mietwagen hinüber. "Wir sind selbst mit dem Auto hier ... nicht dass man noch glaubt, wir würden mit dem Feind fraternisieren." Sie grinste, denn sie konnte sich den sanftmütigen Cherokee mit den Silberaugen einfach nicht als ihren Feind vorstellen.
"Okay, falls wir uns vorher nicht mehr sehen, bis Samstag vor Gericht." John Ross machte Anstalten, ins Auto zu steigen.
"Ähm, Moment," hielt Mac ihn zurück, "was meinen Sie damit? Samstag?"
"Oh, hat Ihnen das niemand gesagt? Die Verhandlung wird erst in drei Tagen fortgesetzt, weil Dwight ... Richter Birdwell sein Buch in Oklahoma City vorstellt. Sie wissen sicher, dass er über seine Erfahrungen in Vietnam geschrieben hat."
Mac nickte ein wenig benommen. "Noch drei Tage mehr," dachte sie seufzend.
2035 Z-Zeit (14:35 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Durch seinen Beruf beim Militär war Harm es gewohnt, durch unwegiges Gelände zu fahren; mehr als einmal hatte er bereits einen Wagen unter Beschuß durch eine Wüste gelenkt. Jetzt, wo sie weder durch die Wüste fuhren, noch unter Beschuß standen, hatte er nicht die geringsten Probleme mit dem Jeep, den sie sich heute morgen von John Ross geliehen hatten, sondern konnte sich in aller Ruhe die Gegend ansehen oder seinen Gedanken nachhängen.
Er warf einen schnellen Blick zu William MacCoinnich hinüber, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß. Die tiefbraunen Augen des alten Cherokee strahlen soviel Ruhe und Zufriedenheit aus, wie Harm sie selten zuvor bei einem Menschen erlebt hatte. Er schien die Kälte des nahenden Winters kaum zu spüren, während er seinen Blick über das umliegende Land schweifen ließ.
Harm lächelte ihm leicht zu und sah dann in den Rückspiegel. Mac saß auf der Ladefläche des zweisitzigen Geländewagens; in Jeans und einer dicken Jacke. Harm fand, dass sie da hinten, während der Fahrtwind ihre braunen Haare zerzauste, richtig verwegen aussah. Er konnte sich plötzlich vorstellen, wie es wirken mochte, wenn Major Sarah MacKenzie mit einer M16 im Arm auf einem Militärjeep sitzen würde, bereit, ins Gefecht zu ziehen. Er war froh gewesen, als Will MacCoinnich heute morgen vorgeschlagen hatte, für zwei Tage hinauf zu seinem Landhaus zu fahren, weniger wegen sich selbst als wegen Mac. Sie schien ihm irgendwie ruhelos; die Verzögerung der Verhandlung gefiel ihr noch weniger als Harm. Er vermutete, dass sie – nach den Vorfällen rund um ihre Artikel-32-Anhörung – unbedingt beweisen wollte, dass sie noch immer eine gute Anwältin war.
"Würden Sie da drüben bitte mal für einen Moment anhalten, Commander?" bat Will MacCoinnich plötzlich.
Harm nickte und stoppte den Wagen auf einer leichten Anhöhe. Vor ihnen stieg der felsige, ungeteerte Weg noch weiter an, während sich unter ihnen die Hügellandschaft von Nordwest-Oklahoma erstreckte. "Noch knapp eine Stunde Fahrt bis zu meinem Anwesen – aber der Weg lohnt sich, Sie werden sehen," versicherte der alte Cherokee seinen Begleitern. Seine dunklen Augen leuchteten.
Mac lehnte sich über den Holm, der die Ladefläche von der Fahrerkabine trennte. "Wurden wir Marines früher so gut bezahlt, dass Sie sich ein ganzes Anwesen leisten konnten?" erkundigte sie sich mit einem Lächeln.
Harm stellte fest, dass sie dem alten Mann gegenüber weniger Scheu hatte und irgendwie lockerer war als er selbst.
Der Weltkriegs-Veteran lächelte tolerant. "Ich wünschte, es wäre so, Major ... nein, ich habe das Anwesen von meiner Mutter geerbt; einer reinblütigen Cherokee. Als 1898 das Landzuweisungsgesetz auch auf die Cherokee ausgeweitet wurde, erhielt jedes Familienoberhaupt 64 Hektar Land zugewiesen. Da mein Vater ein Weißer war, war das meine Mutter und sie hat mir ihren Besitz vererbt, weil ich keine Schwester habe."
"Sollen wir weiterfahren?" erkundigte sich Harm nach einigen Sekunden.
Mac nickte. "Aber jetzt bin ich an der Reihe zu fahren, Commander!"
Ihr Tonfall sagte Harm, dass es besser sein mochte, jetzt nicht darüber zu diskutieren. "Na schön, wenn Sie darauf bestehen ... ist ja nicht so, als ob es hier vorne weniger kalt wäre als auf der Ladefläche." Er stieg aus und hielt Mac die Wagentüre auf.
Er beobachtete wie Mac wortlos einstieg, schlug die Türe hinter ihr zu und kletterte auf die Ladefläche.
Mac lenkte den Wagen auf den Weg zurück und fuhr ebenso zügig wie zuvor Harm. Ihre braunen Augen glitzerten im hellen Sonnenschein des Frühwintertages und sie hielt den Blick konzentriert auf den Weg gerichtet, der immer steiler anstieg. Erneut versuchte Harm sich vorzustellen, wie Mac, der Marine, in Felduniform und einem Gewehr neben sich durch Bosnien oder einen anderen Einsatzort gefahren sein mochte.
Plötzlich begann der Motor zu stottern und Mac musste abrupt bremsen, um den Wagen auf dem schmalen, steilen Weg zu halten. Harm, der völlig in Gedanken und nicht darauf gefasst gewesen war, wurde davon ebenso überrascht wie die anderen. Das plötzliche Bremsmanöver schleuderte ihn unsanft gegen die Seitenwand des Jeeps. Der Aufprall war hart und presste ihm die Luft aus den Lungen, so dass er für einen Moment nur dalag und nach Atem rang, bevor er sich wieder aufrappelte.
Der Motor hatte inzwischen ganz ausgesetzt und Mac sprang mit einem unterdrückten Fluch vom Wagen auf den schmalen Weg.
"Vorsicht, Mac!" warnte Harm, als sie auf dem Geröll fast abrutschte. Er presste die Zähne zusammen und einen Arm gegen seinen schmerzenden Rippen als er ebenfalls vom Wagen stieg. "Morgen habe ich unter Garantie ein paar nette blaue Flecken!"
Mac hatte bereits die Kühlerhaube geöffnet und warf Harm einen fragenden Blick zu. Sie wusste, dass er von ihnen beiden der Technik-Spezialist war. Harm streckte die Hand aus und tastete prüfend an einigen Kabeln und Verbindungen entlang. Der Schmerz, der bei dieser einfachen Bewegung durch seine Rippen schoß, sagte ihm, dass er vielleicht doch nicht mit ein paar blauen Flecken davongekommen war.
Er zog die Finger zurück und hielt sie Mac hin – sie waren naß. "Benzin." murmelte er und einen Moment später hatte er den Defekt entdeckt. "Nicht schon wieder!" stöhnte er.
"Lassen Sie mich raten – die Benzinleitung?" fragte Mac ahnungsvoll. Sie war um eine Nuance blasser geworden – vermutlich erinnerte sie sich noch lebhaft daran, was bei ihrem letzten Ausflug geschehen war, nachdem die Benzinleitung von Harms Stearman defekt gewesen war.
Harm nickte. "Sieht so aus, als hätte da jemand etwas nachgeholfen." Er zeigte Mac die glatte Schnittkante.
Mac starrte ihn überrascht an. "Was?"
"Wer sollte so etwas tun und warum?" erkundigte sich Will MacCoinnich, der jetzt neben ihnen stand.
"Gute Frage. Vielleicht will irgend jemand verhindern, dass wir rechtzeitig zur Fortsetzung der Verhandlung wieder zurück sind. Das dürfte sich zu Fuß nämlich ziemlich schwierig gestalten." Harm sah den Cherokee durchdringend an. Hatte er oder ein anderer Angehöriger seines Volkes etwas damit zu tun? Vielleicht John Ross, dem der Jeep gehörte und der die beste Gelegenheit gehabt hatte, ihn zu manipulieren?
"Ich weiß, was Sie denken, Commander, aber es ist nicht meine oder Johns Art, durch solche kriminellen Tricks zu gewinnen." sagte der alte Cherokee ruhig.
"Gewinnen?" wiederholte Mac stirnrunzelnd, "Warum gewinnen? Wenn eine Partei nicht auftaucht hat die andere bei Ihnen automatisch gewonnen?" Ungläubig sah sie ihren Gastgeber an.
"Nein, aber es würde ein sehr ungünstiges Licht auf die Vereinigten Staaten und das JAG-Corps und ihr Verhalten gegenüber der Cherokee Nation werfen – es würde so wirken, als ob die Verteidigung die Verhandlung nicht ernst genug nimmt, um rechtzeitig zu erscheinen. Wenn dann noch ein paar Punkte hinzukommen, summiert sich das sehr schnell zu einer Entscheidung, das ganze vor den Supreme Court zu bringen, wo die US-Regierung die Sache etwas ernster nehmen muß." Will MacCoinnich sah Mac offen und ernst an.
Mac warf einen Blick auf die Benzinleitung und dann zu Harm hinüber. "Können Sie das Ding reparieren?" fragte sie hoffnungsvoll.
Harm schüttelte stumm den Kopf.
"Sicher? Das letzte Mal ist es Ihnen doch auch gelungen."
"Vielleicht wenn Sie eine zweite Benzinleitung in Ihrem Gepäck haben, Mac, sonst nicht. Die Benzinleitung wurde geschickt angeschnitten, so dass der Riß immer größer wurde und der Motor erst dann zuwenig Benzin bekam, wenn wir in steileres Gelände kommen." erklärte Harm etwas atemlos. Das Luft holen schickte Wellen des Schmerzes durch seinen Körper.
Mac kaute auf ihrer Unterlippe, während sie auf die Ladefläche stieg und ihren Rucksack durchwühlte. "Mist, ich hätte schwören können, dass ich mein Handy eingepackt habe," sie kehrte wieder zu den anderen zurück, "Wie lange brauchen wir bis zum nächsten Ort, wenn wir zu Fuß gehen?"
Will MacCoinnich sah sie skeptisch an. "Durch die Berge? Mit einem alten Mann und einem Verletzten? Zu lange, um rechtzeitig zum Verhandlungsbeginn wieder in Tahlequah zu sein."
Mac runzelte die Stirn und sah zwischen MacCoinnich und Harm hin und her. Erst jetzt sah sie, wie gebeugt ihr Partner dastand und entdeckte, dass irgend eine scharfe Kante ihm an der Schulter die Fliegerjacke und das Hemd aufgerissen hatte. Mit einem langen Schritt war sie bei ihm und zog vorsichtig den zerrissenen Stoff auseinander, um einen Blick auf die Wunde zu werfen. "Harm! Sie sind verletzt! Warum haben Sie nichts gesagt?" fragte sie, mehr erschrocken als vorwurfsvoll.
Harm holte etwas mühsam Luft und unterdrückte ein plötzlich aufkommendes Schwindelgefühl. "Es geht mir gut, Mac." behauptete er in dem Versuch, seine Kollegin zu beruhigen.
"Klar, es geht Ihnen blendend!" schnaufte Mac böse, "Setzen Sie sich und zeigen Sie mir mal Ihre Schulter!" Ihr Tonfall ließ keinen Widerspruch zu.
Gehorsam hockte sich Harm auf einen Felsen am Wegrand und zog die Jacke aus. Mac beobachtete beunruhigt, wie langsam und vorsichtig seine Bewegungen waren. Behutsam half sie ihm, das Hemd von der Schulter zu streifen. Mit kundigen Augen begutachtete sie den breiten, blutenden Schnitt. Trotz der Kälte waren ihre Hände warm und brannten fast auf Harms Haut, als sie den Verbandsstoff, den Will MacCoinnich ihr vom Wagen brachte, auf die Wunde presste.
"Raus mit der Sprache, Harm, wo sind Sie noch verletzt? Die Schnittwunde ist nicht weiter schlimm, also was ist es?" Mac sah ihn mit ihrem festen Marines-Blick an und er wusste, dass sie ihn zu gut kannte, als dass er ihr etwas hätte vormachen können.
"Ich glaube, ich habe mir beim Aufprall ein oder zwei Rippen angeknackst." gab Harm zu und grinste schief.
"Ein oder zwei Rippen angeknackst?" wiederholte Mac alarmiert. Sie trat einen Schritt näher und streckte automatisch die Hand aus, vermutlich um Harms Rippen abzutasten.
Harm rutschte auf dem Felsen ein wenig zur Seite, um ihr auszuweichen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie schmerzhaft jeder Druck auf seine Rippen jetzt sein würde. "Mac, keine Vertraulichkeiten in der Öffentlichkeit, bitte!" versuchte er sich mit einem Scherz zu retten und über seinen wahren Zustand hinwegzutäuschen.
Mac ließ die Hand sinken, warf ihm aber einen bösen Blick zu. "Ich fürchte, Ihnen wird das Scherzen bald vergehen, Harm. Sieht so aus als hätten wir keine andere Wahl als uns zu Fuß bis zum nächsten Ort durchzuschlagen. Kann ein 2-Tages-Marsch werden. Es sei denn, wir trennen uns. Sie und Mister MacCoinnich könnten hier warten, während ich Hilfe holen gehe."
Harm erhob sich sofort. "Kommt nicht in Frage, Mac – wir bleiben zusammen!" Er schien nicht bereit, sich in dieser Hinsicht auf irgendwelche Diskussionen einzulassen.
Mac konnte sich noch daran erinnern, dass er auch vor zwei Jahren, in den Appalachen, energisch dagegen gewesen war, dass sie sich trennten und sie allein zu der Hütte im Wald aufbrach. Um ehrlich zu sein war Mac froh darüber, dass er ihr die Entscheidung abnahm. Ihr wäre nicht wohl dabei gewesen, ihren verletzten Partner und den alten Cherokee alleine in der Wildnis zurückzulassen.
"Ich hätte einen anderen Vorschlag, Major MacKenzie." sagte der Cherokee plötzlich.
Mac wandte den Kopf und sah William MacCoinnich hoffnungsvoll an. Seit Beginn ihrer Bekanntschaft hatte sie ihn nie anders als ruhig, weise und souverän erlebt. Er wirkte manchmal, als wisse er auf jede Frage einen Antwort und für jedes Problem eine Lösung und deshalb hoffte sie, dass das auch jetzt der Fall sein würde.
"Bis zu meinem Landhaus ist es ein Fußmarsch von etwa fünf Stunden. Ich habe dort eine alte Funkanlage – wenn wir es durch die Hügel schaffen, können wir von dort aus Hilfe rufen." Der alte Cherokee sah Mac an; Mac allein und nicht Harm, so als hätte er sie sofort als Führer ihrer kleinen Gruppe anerkannt und würde ihr die Entscheidung überlassen.
Mac zögerte nicht, die Verantwortung, die er ihr anbot, zu übernehmen. "Gut, dann schlagen wir uns bis zu Ihrem Anwesen durch." Sie kletterte auf die Ladefläche und durchwühlte ihren Rucksack, danach dann Harms. Sie packte Verbandsmaterial, einige Lebensmittel, Wasserflaschen und die nötigsten Dinge in ihren Rucksack und ließ alles andere zurück.
"Okay, gehen wir!" meinte sie mit entschlossener Miene. Sie schulterte den Rucksack und marschierte los.
2248 Z-Zeit (16:48 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Mac bahnte sich einen Weg durch das Dickicht und bedauerte es erneut, keine Machete zu haben. Schon seit fast zwei Stunden kletterten sie über ansteigendes Terrain und waren schließlich in einen dichten Wald gelangt, den sie nicht umgehen konnten, ohne einen stundenlangen Umweg in Kauf zu nehmen. In dem Unterholz aus einem Gewirr von Ranken, Blättern und Zweigen kostete jeder Schritt Anstrengung.
Sie ging etwas langsamer und schob mit einem Arm einige Ranken beiseite, um Harm, der direkt hinter ihr folgte, das Vorankommen zu erleichtern. Bisher hatte er ganz gut durchgehalten, aber Mac wusste, dass er heftige Schmerzen haben musste und nur seine Piloten-Sturheit ihn vorwärts trieb.
Harms Atem ging rasselnd und jeder Schritt ließ den Schmerz durch seinen Körper zucken. Seine linke Schulter fühlte sich taub an, doch das konnte man leider nicht von seinen Rippen sagen – dort spürte er jede Bewegung schmerzhaft. Die Kiefermuskeln in seinem Gesicht traten deutlicher hervor, wann immer er die Zähne zusammenbiß und in seinen Augen war ein verbissener Ausdruck.
Hinter Harm folgte Will MacCoinnich. Mit Erleichterung hatte Mac festgestellt, wie fit der alte Mann noch war, er schien keine Probleme damit zu haben, nicht den Anschluß zu verlieren, solange er kein Gepäck tragen musste.
Mac blieb stehen und wartete, bis Harm zu ihr aufgeschlossen hatte. "Geht es?" fragte sie besorgt und streckte ihm die Hand entgegen, um ihm weiterzuhelfen.
"Alles okay." antwortete Harm sofort, wehrte ihre Hand ab und straffte sich, ohne auf die erneute Welle des Schmerzes zu achten. Er wollte es Mac nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon für sie war.
Mac biß sich auf die Lippe und ließ die Hand sinken. "Na schön." Sie rückte den Rucksack, der mit jedem Meter schwerer auf ihren Schultern lastete, zurecht und ging langsam weiter, immer nach dem besten Weg Ausschau haltend. Nach einigen Minuten ließen sie den Wald hinter sich und passierten einige Büsche. Ein steiler Geröllhang erstreckte sich vor ihnen. Mac stoppte abrupt. Hilfesuchend wandte sie sich zu Will MacCoinnich um, der in diesem Gebiet jeden Handbreit Boden zu kennen schien.
Der alte Cherokee schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, u-we-tsi, es gibt keinen anderen Weg als da hinab." erklärte er bedauernd.
Ratlos warf Mac einen Blick auf den steilen Hang und dann zu Harm hinüber. "Ein alter Mann, ein Verletzter und ein erschöpfter Marine mit Gepäck ... das schaffen wir nie!"
"Mac, ich und Mister MacCoinnich können immer noch umkehren oder hier auf Sie warten." bot Harm an.
Mac schüttelte sofort den Kopf. "Kommt nicht in Frage, Harm! Wissen Sie noch, in den Appalachen, als ich verletzt war? Da wollten Sie mich auch nicht zurücklassen!"
"Mac, das war doch etwas völlig anderes; hier sind keine Wilderer hinter uns her, die uns nach dem Leben trachten!" wandte Harm mit sanftem Nachdruck ein.
Mac blieb stur. "Wir gehen alle oder keiner!" Sie trat einen Schritt vor und stand nun unmittelbar am Rand des Abhangs. Unschlüssig sah sie hinab.
Will MacCoinnich trat neben sie und seine braunen Augen lächelten sie aufmunternd an, auch wenn seine Mundwinkel sich nicht bewegten. Für einen kurzen Moment legte er ihr die schwielige Hand auf den Arm, als wolle er ihr damit neuen Mut und neue Stärke verleihen. "Ich schlage vor, ich gehe zuerst, dann folgt der Commander und Sie bilden den Abschluß."
Als Mac nickte, begann er langsam, den Hang hinabzuklettern, sich an den wenigen Sträuchern und Büschen, die hier wuchsen, festhaltend. Sorgsam wählte er immer die Stellen, an denen der Hang nicht ganz so steil war. Man sah sofort, dass er lebenslange Erfahrung mit solchen Kletterpartien hatte, die sein höheres Alter ausglich.
Harm war als nächstes an der Reihe. "Seien Sie vorsichtig," warnte Mac mit ernster Miene, "wenn Sie fallen..."
"Danke, ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Konsequenzen das hätte," entgegnete Harm grimmig und als er die Sorge in Macs Gesicht sah, fügte er milder hinzu: "Hey, das ist nur ein Hang und nicht Alcatraz, ich werde schon heil da runter kommen. Sie wissen doch: Ich bin harte Landungen gewöhnt." Er bedachte sie mit einem möglichst überzeugenden Flyboy-Lächeln und begann langsam, Schritt für Schritt, sich den Hang hinabzutasten. Endlich, nach einer halben Ewigkeit, wie es ihm schien, hatte er Will MacCoinnich erreicht.
Seite an Seite und beide ziemlich außer Atem standen Harm und der Cherokee da und sahen hinauf zu Mac.
Mac stand an der Kante des Hanges und zögerte. Ihre Hände umklammerten die Träger des Rucksackes so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
"Na los, Marine, zeigen Sie uns Fliegern mal, wie so was gemacht wird!" rief Harm ihr ermutigend zu. Er wusste, dass es Überwindung kostete, die Kante des Hanges zu überqueren.
Mac warf ihm einen wilden Blick zu, begann aber wirklich, langsam den Hang hinabzuklettern. Sie hatte etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt, als sich plötzlich ein Stein unter dem Fuß löste, auf den sie gerade ihr Gewicht verlagert hatte. Mac stürzte und rutschte in einer Staubwolke den Hang hinab.
Harm lief los, ohne auf seine protestierenden Rippen zu achten. Er erreichte sie, sobald sie am Fuße des Hanges zum Stillstand kam und die Staubwolke sich langsam senkte. Zu seiner Erleichterung kam Mac sofort wie eine Katze auf die Füße. "Nichts passiert!" versicherte sie hastig und wollte zu Will MacCoinnich hinübergehen.
Harm machte einen schnellen Schritt und drehte sie sanft an der Schulter herum. "Mac..."
Als sie sich zu ihm umdrehte, sah er, dass keineswegs "nichts passiert" war. Mac war über und über mit Staub und Erde bedeckt; einige Kratzer, die zum Teil bluteten, verliefen quer über ihre Wange und der linke Ärmel ihrer Jacke war zerfetzt. Vermutlich hatte sie es nur dem Rucksack, der den Aufprall abgefangen hatte, zu verdanken, dass sie sich bei dem Sturz nicht ernstlich verletzt hatte.
"Mac, zeigen Sie mal her!" Auffordernd streckte Harm die Hand nach ihrem Arm aus.
"Unsinn, Harm, das hält uns nur auf. Ich sagte doch, es ist nichts!" betonte Mac nachdrücklich.
"Davon möchte ich mich schon mit eigenen Augen überzeugen, wenn Sie nichts dagegen haben." beharrte Harm.
Mac begann den Inhalt des Rucksacks auf aufgetretene Schäden zu untersuchen. "Hab ich aber." warf sie über die Schulter zurück.
Harm schüttelte den Kopf. "Und Sie nennen mich dickköpfig?"
"Oh, sie verhält sich geradezu mustergültig, wenn man bedenkt, von wem sie abstammt und dass sie ein Marine ist, Commander," versicherte Will MacCoinnich mit einem Lächeln, "Lassen Sie mich mal."
Der alte Cherokee ging zu Mac hinüber und streifte ihr ohne weitere Diskussionen den Ärmel nach oben. Mac hielt ergeben still. MacCoinnich runzelte die Stirn und drehte Mac behutsam, so dass Harm den Arm sehen konnte.
Alarmiert kniff Harm die Augen zusammen. Über Macs linken Unterarm zog sich ein breiter, stark blutender Schnitt.
"Haben Sie beide eigentlich irgendeine Wette laufen?" erkundigte sich der Cherokee kopfschüttelnd, "Wer sich zuerst umbringt hat gewonnen? Sie hätten beide nicht ein Wort über Ihre Verletzung gesagt! Zu meiner Zeit hat man beim Militär noch den Unterschied zwischen Tapferkeit und Blödheit gekannt! Was glauben Sie, wie weit Sie mit dieser Wunde, mit diesem Blutverlust, gekommen wären?" Er sah Mac streng an und sie senkte den Blick vor seinen durchdringenden braunen Augen.
Er nahm Mac, die jeden Protest aufgegeben hatte, den Rucksack ab, während Harm ihr aus der Jacke half. Der Ärmel ihres Hemdes war blutgetränkt. "Normalerweise müsste der Schnitt genäht werden." meinte MacCoinnich, während er die Wunde säuberte und verband.
"Es wird schon gehen." versicherte Mac, während sie im Rucksack nach einem neuen Hemd suchte. Das Blut auf ihrem Hemd weckte unangenehme Erinnerungen in ihr. "Dürfte ich...?" Auffordernd sah sie ihre beiden Begleiter an.
"Soll ich dem Commander die Augen zuhalten?" versuchte der alte Cherokee die Situation mit einem Scherz aufzulockern.
Mac musste lachen. "Sie sollen sich beide für einen Moment umdrehen!"
"Wir sollten besser tun, was sie sagt, ich hab jetzt noch die Predigt im Ohr, die ein paar U-Boot-Leute über sich ergehen lassen mussten, nur weil sie mal sehen wollten, was der Major so in seiner Koje trägt..." Harm bedachte seine Partnerin mit einem freundschaftlichen Lächeln, als er daran zurückdachte. "Meine Güte, wir haben wirklich schon eine Menge zusammen durchgemacht!" ging ihm durch den Kopf, "Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch noch durchstehen würden!"
0028 Z-Zeit (18:28 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Es regnete seit einer halben Stunde in Strömen und die drei Wanderer waren vollkommen durchnässt. Stumm trotteten sie durch die fast vollkommene Dunkelheit, die inzwischen herrschte. Keiner von ihnen hatte noch die Energie für unnötige Konversation. Will MacCoinnich hatte jetzt die Spitze übernommen, dann folgte Mac mit dem Gepäck und Harm bildete den Abschluß.
Mac hielt ebenfalls, als MacCoinnich plötzlich stehenblieb. Sie hatte gelernt, seiner Führung ebenso zu vertrauen, wie das bei Chegwidden oder jedem anderen Offizier, den sie respektierte, der Fall gewesen wäre.
Harm, der den Halt nicht bemerkt hatte, prallte gegen seine Partnerin und wäre fast gefallen, hätte Mac nicht im letzten Moment zugegriffen und ihn in einem sicheren Griff festgehalten.
Harm nickte ihr seinen Dank zu und musterte Mac möglichst unauffällig, während sie dasselbe mit ihm tat. Sie war durchnässt wie er selbst auch, einige nasse Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht und der Rucksack sah aus, als wöge er gut und gerne 20 kg, dennoch hatte Mac sich nicht einmal beschwert. Mit stetigen Schritten war sie vor ihm hergegangen. Dieses Durchhaltevermögen versetzte Harm immer wieder in Erstaunen, auch wenn er im Grunde gewusst hatte, dass Mac die harte Ausbildung des Marine Corps hinter sich hatte.
Seit ihrem kurzen Zögern am Hang und ihrem Sturz gab sie kaum einen Ton von sich und ihr Schweigen begann langsam, Harm zu beunruhigen.
"Bis hierhin und nicht weiter." beschloß der alte Veteran vor ihnen.
"Was?" fragte Mac erstaunt, "Es können doch nur noch ..."
"Eine Stunde und 32 Minuten bis zu meinem Landhaus sein," beendete Will MacCoinnich den Satz. Manchmal vergaß Harm fast, dass er wie Mac zu solchen Zeitangaben fähig war, "Aber das sind bei dieser Dunkelheit genau einen Stunde und 32 Minuten zuviel. Vor uns liegt der schwierigste Teil des Weges, den bei Dunkelheit und in unserem Zustand zurücklegen zu wollen, ist keine sonderlich gute Idee ... es sei denn natürlich, Sie möchten noch immer Ihre Russisch-Roulette-Wette spielen." Er schmunzelte den beiden Offizieren zu und Harm dachte anerkennend, dass der 80jährige dieselbe Ausdauer wie Mac an den Tag legte.
"Okay, dann suchen wir uns einen Unterschlupf für die Nacht," entschied Mac mit einem schnellen Blick auf Harm, der eine flache Hand gegen seine Seite presste.
Will MacCoinnich führte sie vom Waldrand weg. "Heute Nacht könnte es ein Gewitter geben und dann sollten wir so weit es geht von den Bäumen entfernt sein." erklärte er und ging stattdessen zu einer Felsgruppe hinüber.
Hastig und im fallenden Regen errichteten sie einen Unterstand aus einer wasserabweisenden Plane, unter der sie ein Feuer entzündeten.
"Kann es sein, dass sich da Ihre Cherokee-Vorfahren zeigen, u-we-tsi?" wandte sich MacCoinnich schmunzelnd an Mac, die einiges Geschick beim Entzünden des Feuers zeigte.
"Eher die nicht-indianische Seite meiner Vorfahren," widersprach Mac, ohne weitere Erklärungen anzubieten.
Harm konnte sich denken, dass ihr Onkel Matt ihr das Feuermachen beigebracht hatte, vielleicht als sie in der Red Rock Mesa gecampt hatten.
Als das Feuer endlich brannte, erhob sich Mac und sah sich um. "Sieht nicht so aus, als ob wir hier draußen viel Holz finden werden, das auch nur einigermaßen trocken ist. Ich gehe in den Wald und hole welches."
Harm machte Anstalten, aufzustehen. "Ich begleite Sie."
"Sie bleiben hier und ruhen sich aus!" befahl Mac und schüttelte energisch den Kopf.
"Mac..."
"Harm, was soll das denn?" fragte Mac ungeduldig, "Behandeln Sie mich bitte nicht wie ein kleines Mädchen, das Angst hat, alleine in den Wald zu gehen! Ich bin Offizierin des Marine Corps!" Ihre dunklen Augen blitzten und Harm konnte nicht genau sagen, ob sie wirklich verärgert war oder ob sie ihn nur schützen und dazu bringen wollte, hierzubleiben.
"Na schön, aber seien Sie vorsichtig ... wir brauchen jemanden, der das Gepäck trägt." fügte Harm mit einem zögernden Grinsen hinzu.
"Nur keine Angst, ich werde schon nicht vom großen bösen Wolf gefressen werden." beruhigte ihn Mac lächelnd.
"Bei Ihren Ernährungsgewohnheiten kann man es ihm nicht übel nehmen, wenn er Sie verschmäht, Mac." kommentierte Harm, ohne wirklich so unbeschwert zu sein, wie er sich gab. Ihm war noch immer nicht wohl dabei, Mac alleine gehen zu lassen.
"Darf ich Sie mal etwas fragen, Commander?" erkundigte sich Will MacCoinnich, während sie Mac nachsahen.
Harm drehte sich zu dem alten Mann um, dessen Zähigkeit er während des Tages immer wieder bewundert hatte. "Natürlich." Neugierig wartete er ab.
"Ihr Name," der Halb-Cherokee deutete mit dem Finger in die Richtung, in die Mac verschwunden war, "ist Sarah Catherine MacKenzie – warum nennen Sie sie Mac?"
Harm blinzelte verblüfft. Mit einer solchen Frage hatte er nicht gerechnet, aber andererseits ... bei dem alten Mann musste man wohl auf alles gefasst sein. "Mac ist eine Abkürzung ihres Familiennamens, MacKenzie." erklärte er.
Will MacCoinnichs Mundwinkel kräuselten sich. "Darauf bin ich durchaus auch schon selbst gekommen," sagte er mit sanftem Spott, "was ich meine ist, wieso sprechen Sie sie mit diesem Spitznamen an? Wieso nicht einfach Sarah?"
Harm starrte nachdenklich in die Dunkelheit. "Tja, wieso nicht einfach Sarah?" wiederholte er in Gedanken, "als wäre irgendetwas mit Mac je ‚einfach’ gewesen..." "Na ja, ich schätze, sie möchte es so haben ... sie möchte zu den ‚Jungs’, zum Corps gehören. Das erste Wort, das sie zu mir gesagt hat, als wir uns kennenlernten, war ‚Mac’." erzählte er und lächelte ein wenig als er sich daran erinnerte. Diese erste Begegnung würde er nie in seinem Leben vergessen, da war er sich sicher.
"Und Sie?" drehte er den Spieß um, "wie nennen Sie Mac noch gleich ... u-ve...?"
"U-we-tsi." half MacCoinnich ruhig.
"Genau, u-we-tsi. Was genau bedeutet das?"
Will MacCoinnich lächelte und seine braunen Augen leuchteten warm im Schein des Feuers. "Oh, das ist nur die Cherokee-Bezeichnung dafür, was jemand wie sie für jemanden wie mich darstellt." kam die mysteriöse Antwort.
"Ein Ärgernis?" fragte Harm und grinste, ohne es böse zu meinen.
Will erwiderte das Lächeln. "Nein, ganz im Gegenteil. Die genaue Bedeutung ist schwer zu beschreiben." meinte er vage.
Zum ersten Mal hatte Harm das Gefühl, dass der Cherokee ihnen auswich. Er fühlte, dass es wichtig war. Hatte es mit dem Fall zu tun? Wußte MacCoinnich mehr als er zugab? Wußte er, wer für die Manipulation der Benzinleitung verantwortlich war?
Bevor er jedoch weitere Fragen stellen konnte, kehrte Mac bereits zurück, im Laufschritt, damit das trockene Holz, das sie gesammelt hatte, auch möglichst trocken blieb. Als sie den Unterstand erreichte, schüttelte sie sich wie ein nasser Hund und grinste die beiden Männer an. "Na, hier alles klar?" Sie schien jetzt viel heiterer und besser gelaunt zu sein als noch vor zehn Minuten, vielleicht weil sie nach ihrem Sturz das Gefühl gehabt hatte, ihre Nützlichkeit und Unabhängigkeit der kleinen Gruppe – oder sich selbst - erst wieder beweisen zu müssen.
Während Kaffeewasser und irgendein schnell zusammengewürfelter, fleischloser Eintopf über dem Feuer kochten, kniete Mac sich neben Harm, der mit dem Rücken gegen einen der Felsen gestützt dasaß, nieder. "Hey, Seemann, Zeit für eine kleine Inspektion." Federleicht ließ sie ihre Hand auf seinen Rippen ruhen.
"Schon wieder? Sie sind ja wirklich unersättlich, Marine," scherzte Harm, "Sie hätten Ärztin werden sollen, wenn Ihnen das so gefällt."
Mac schüttelte den Kopf. "Ärzte dürfen ihre Patienten nicht durch die Wildnis treiben, wo ist da der Spaß?" Sie entfernte den Verband an Harms Schulter und stellte zufrieden fest, dass der Schnitt sich nicht entzündet hatte und bereits eine Kruste zu bilden begann. Viel mehr Sorgen machten ihr Harms gebrochene – oder doch zumindest angebrochene – Rippen. Sie schätzte, dass mindestens drei davon betroffen waren und sie wusste, dass die Klettertour durch die bergige Landschaft genau das falsche für Harm in seinem momentanen Zustand war. Sie fragte sich immer öfter, ob sie wirklich richtig entschieden hatte, nicht zu versuchen, sich alleine bis zur nächsten Ortschaft durchzuschlagen.
Fürsorglich zog sie den Reißverschluß von Harms Fliegerjacke bis zum Hals hinauf und ging mit einem letzten besorgten Blick weiter zu Will MacCoinnich. "Wie fühlen Sie sich?" erkundigte sie sich und in ihren Augen zeigte sich ungeheuchelte Sympathie für den Cherokee.
"Meine alten Knochen klappern ein bisschen, aber wenigstens sind sie nicht gebrochen," erwiderte Will MacCoinnich mit seinem ermutigenden Lächeln, nachdem er Macs sorgenvollem Blick in Richtung Harm gefolgt war, "morgen früh sind wir ausgeruht, es ist hell und vielleicht hört sogar der Regen auf – wir schaffen das schon." Er legte seine braune Hand über Macs und drückte sie für einen kurzen Moment.
Mac, die bei den meisten anderen Personen die Hand wohl schnell abgewehrt hätte, nickte dankbar.
"Und wie geht’s Ihnen?" MacCoinnich schüttelte schnell den Kopf, "Nein, nicht die ‚Es-geht-mir-gut’-Ausrede; ich möchte eine ehrliche Antwort."
"Es würde mir besser gehen, wenn wir schon in Tahlequah wären." erwiderte Mac – eine ehrliche Antwort, ohne wirklich über ihren körperlichen Zustand Auskunft zu geben.
Harm erhob sich und kam langsam zu ihnen hinüber. "Mac, Mister MacCoinnich möchte wissen, wie es mit Ihrem Arm steht – und ich auch!" Mit einem leisen Stöhnen ließ er sich neben Mac nieder und schob ihr vorsichtig den Ärmel nach hinten. Der Verband um Macs Unterarm war wie ihre Jacke und das Hemd vollkommen durchnässt und färbte sich rötlich, in einem Gemisch aus Blut und Regenwasser. Harm runzelte beunruhigt die Stirn, während er langsam den Verband entfernte. Der tiefe Schnitt blutete noch immer etwas, aber zumindest hatte er sich nicht entzündet – noch nicht, jedenfalls.
"Wie steht’s überhaupt mit Ihrem Herzen?" wollte MacCoinnich von der Marine-Corps-Offizierin wissen, während Harm die Wunde versorgte.
"Wie bitte?" Mac starrte ihn irritiert an. Harms Hände verharrten für einen Moment auf ihrem Arm, als auch er dem älteren Mann einen fragenden Blick zuwarf.
Der Halb-Cherokee schmunzelte. "Oh, ich meine Ihren Kreislauf und so weiter, nicht, ob Sie verliebt sind." Er warf Harm einen schnellen, belustigten Blick zu.
"Ähm, mein Kreislauf ist in Ordnung, schätze ich." murmelte Mac mit einem halb verlegenen, halb bissigen Blick.
Eine halbe Stunde später hatten sie ihre einfache Mahlzeit gegessen und kauerten sich eng ums Feuer, da es noch immer in Strömen regnete.
"Ich übernehme die erste Wache." erklärte Harm, während er sich etwas aufrechter an den Felsen setzte und ein Stöhnen unterdrückte.
"Kommt überhaupt nicht in Frage; Sie brauchen Ihren Schlaf!" widersprach Mac sofort.
"Ich bin nicht müde, Mac."
"Ha-ha, das war wohl ein Witz, Harm! Ich hatte auch schon mal eine gebrochene Rippe. Nach meinen Erfahrungen müssten Sie so schlapp sein, dass Sie sich danach sehnen, lautlos zusammenzuklappen und einfach einzuschlafen – aber nein, Sie sind natürlich munter wie eine Koralle im klaren Wasser!"
"Genau so ist es!" Harm grinste.
Will MacCoinnich schüttelte belustigt den Kopf. Langsam gewöhnte er sich an die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden sturen JAG-Offizieren, die alles in ihrer Macht stehende taten, um den jeweils anderen zu schützen. "Ein Vorschlag zur Güte," unterbrach er die beiden besänftigend, "Major, Sie übernehmen die erste Wache, in drei Stunden wecken Sie den Commander und Sie, Harmon, wecken dann mich."
Als die beiden jüngeren Personen nickten, rollte sich Will MacCoinnich zufrieden in seine Decke ein und war eine Minute später bereits eingeschlafen; ungeachtet des harten Bodens und der Nässe um ihn herum.
Harm ließ sich ebenfalls langsam zu Boden sinken und schloß die Augen, doch der Schmerz in seinem Brustkorb ließ ihn nicht schlafen. Eine Weile wälzte er sich hin und her, dann öffnete er die Augen wieder. Sein Blick suchte Mac.
Sarah MacKenzie saß, die Knie bis fast zum Kinn gezogen, an einem Felsen, hielt einen der Zweige, die sie neben dem Feuer zum Trocknen ausgelegt hatte, in der Hand und stocherte damit nachdenklich in der Glut herum. Als die Flammen daran entlang leckten, fiel ihr Schein auf Macs Gesicht.
"Mac?" sagte Harm leise.
"Ja?" Sie antwortete sofort, ohne zu zögern, und das überraschte Harm. Offenbar war sie sich ihrer Umgebung ständig bewusst; ihre Haltung war angespannt und wachsam, zugleich aber auch verletzlich. Harm wußte, dass sie seit seinem Unfall die Verantwortung für ihre kleine Gruppe übernommen hatte und sich Sorgen machte, ob sie auch richtig entschieden hatte oder noch entscheiden würde.
Als Harm schwieg, hob sie den Kopf und sah ihn an. "Hm? Etwas nicht in Ordnung? Sind die Schmerzen schlimmer geworden?" Ihre Beunruhigung schien zuzunehmen.
"Entspannen Sie sich, Mac, alles bestens. Mac, ich wollte Ihnen nur sagen, wie gut Sie Ihre Sache machen ... ich meine, uns beide," er wies auf sich und Will MacCoinnich, "hier so durchs Gebirge zu schleppen, von dem ganzen Gepäck mal ganz zu schweigen und der Verantwortung, die am allerschwersten wiegt ..."
"Ich versuche nur, hier so schnell wie möglich wegzukommen, das ist alles. Ich tue nichts anderes als Sie auch." wehrte Mac ab, bescheiden wie immer.
"Nein, Mac, Sie versuchen, mit uns beiden ZUSAMMEN, wegzukommen," verbesserte Harm ernst, "Wenn Sie alleine wären und keine Rücksicht auf uns nehmen müssten, dann wären Sie schon viel weiter gekommen. Ihr Arm behindert Sie nicht wesentlich."
"Vielleicht ist es gar nicht so tapfer, wie Sie denken, Sie beide mitzunehmen, sondern einfach nur dumm. Ich meine, seien Sie ehrlich, Harm, Ihren Rippen tut dieser Gewaltmarsch nicht gerade gut. Vielleicht hätte ich wirklich alleine nach MacCoinnichs Haus suchen sollen." Mac nagte an ihrer Lippe und in ihren dunklen Augen spiegelte sich der Feuerschein. Harm konnte Zweifel darin lesen.
"Mac, hören Sie auf, sich Sorgen zu machen. Sie haben richtig entschieden und morgen sitzen wir in Tahlequah und lachen über die ganze Sache, Sie werden schon sehen." Harm grinste und versuchte, Optimismus auszustrahlen.
"Woher wollen Sie wissen, dass wir so schnell gerettet werden können?" Mac blieb skeptisch.
"Nun, weil ich möchte, dass es so ist – und Sie wissen doch, dass ich immer bekomme, was ich will." Harms Zähne leuchteten im Halbdunkeln, als er lächelte.
"Was ihr Flieger euch so alles einbildet, nur wegen ein bisschen weißem Stoff und einem vergoldeten Blechstück!" meinte Mac, musste aber ebenfalls lachen.
Zufrieden ließ Harm sich zurücksinken und schloß die Augen.
0915 Z-Zeit (03:15 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Mac zog die feuchte Decke enger um sich und starrte in die Dunkelheit, die immer wieder von zuckenden Blitzen am Himmel durchbrochen wurde. Bei jedem Donnerschlag warf sie einen Blick zu Harm, doch er war wohl zu erschöpft, um dadurch aufzuwachen.
"Haben Sie keine Angst vor Gewittern?" fragte Will MacCoinnich, als er plötzlich völlig lautlos neben ihr platznahm.
Mac zuckte zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass der alte Mann wach war. "Was?"
"Ich fragte, ob Sie keine Angst vor Gewittern haben?" wiederholte MacCoinnich lächelnd.
"Dazu hatte ich nie eine Chance – während meiner Kindheit gab es andere Dinge, die mir Angst eingejagt haben." sprach Mac den ersten Gedanken aus, der ihr in den Sinn kam, ohne zu wissen, aus welchem Grund sie so offen zu ihrem Gastgeber war.
Will MacCoinnich sagte das beste, was in diesem Augenblick nur möglich war – überhaupt nichts. Er sah Mac nur aus seinen tiefbraunen Augen verständnisvoll an, so als wisse er genau, wie ihre Kindheit ausgesehen hatte. "Sarah..." murmelte er nach einer Weile.
Mac drehte den Kopf. "Ja?" Sie sah ihn fragend an, bis sie begriff, dass er den Namen nur so vor sich hin gesagt hatte.
"Wer hat Sie so genannt: Sarah?" erkundigte sich der Cherokee mit wachem Interesse.
Mac gab sich einen Ruck und zwang sich, möglichst beiläufig zu antworten: "Mein Vater – Sarah war der Name seiner Großmutter, die eine Tsalagi war."
Die aufmerksamen braunen Augen ihr gegenüber hatten ihr Zögern trotzdem bemerkt, ihnen entging nichts. Nicht zum ersten Mal nahm Will MacCoinnich Dinge wahr, die Mac lieber für sich behalten hätte. Ihm blieben die Stimmungen seiner Mitmenschen nie verborgen; das war wohl ein Teil des Geheimnisses, das ihn umgab.
"Ihr Vater ... fühlte er sich unserer Kultur verbunden?" fragte er behutsam, so als wisse er, dass er damit ein heikles Thema ansprach.
Mac schluckte und schüttelte den Kopf. "Er fühlte sich nur mit einer Sache verbunden und das war der Alkohol." sagte sie, erneut mit einer Offenheit, die sie selbst überraschte.
Will MacCoinnich sagte nichts, er sah sie weiterhin nur an, ohne dass sich in seinem Blick etwas änderte. Es war, als verurteile er weder Mac noch ihren Vater. "Und Sie?" fragte er sanft.
"Ich ... ähm ... was ist mit mir?" Er konnte doch unmöglich wissen, dass sie selbst auch jahrelang getrunken hatte ... oder doch? Unbehaglich blickte sie den alten Mann an.
William lächelte und erneut hatte Mac das Gefühl, dass er alles wusste, was es über sie nur zu wissen gab. Das irritierte sie zwar, andererseits hatte sie aber das Gefühl, dass dieses Wissen bei dem Cherokee gut aufgehoben war. Ihr Instinkt sagte ihr, dass man ihm vertrauen konnte. "Ich meine, wie nennen Sie sich? Wenn Sie ein Selbstgespräch halten, nennen Sie sich dann Sarah oder Mac?"
Erneut überraschte der Weltkriegs-Veteran sie und Mac brauchte einige Sekunden, bis sie sich auf das neue Thema eingestellt hatte. "Hm, ich schätze, das sind dann meist solche Gelegenheiten, bei denen ich mich selbst ‚dumme Kuh’ nenne." antwortete sie mit einem leichten Lächeln.
Will MacCoinnich lachte leise, aber sein aufmerksamer, wacher Blick blieb ernst auf Mac ruhen, jener Blick, der seinem jeweiligen Gegenüber den Eindruck vermitteln konnte, der einzige im Raum zu sein, selbst in einer Menschenmenge. Manchmal hatte Mac das Gefühl, regelrecht von diesen braunen Augen durchbohrt zu werden, dann wieder richtete sich ihr Blick nach innen und betrachtete Dinge, die für sie verborgen bleiben. Hinter jenen dunklen Augen geschah eine Menge und Mac wusste nie genau, worum es dabei ging. Sie dachte eine Weile über seine Frage nach, ohne wirklich zu einer Antwort zu gelangen. Wie nannte sie sich selbst? Mac? Sarah? Machte es einen Unterschied? Spielte es eine Rolle für das, was und wer sie war?
Mac – oder Sarah – wusste, dass sie jeden dazu ermutigte, sie Mac zu nennen. Jeder ihrer Kollegen nannte sie so, alle ihrer Freunde von der Offiziersanwärterschule hatten es getan, sogar Dalton, John Farrow und Onkel Matt hatten sie manchmal mit ihrem Spitznamen angesprochen. Harm hatte sie bisher nur ein einziges Mal Sarah genannt, während eines ziemlich traurigen und emotionalen Abschieds, den sie nie vergessen würde. "Wieso Mac und nicht Sarah?" fragte sie sich im Stillen. Vermutlich hatte dieser Name klarstellen sollen, dass sie nicht mehr das kleine, hilflose Mädchen Sarah war, sondern ein Marine; absolut gleichberechtigt und nicht länger ein Opfer der Familie, in die sie hineingeboren worden war.
"Ihr Vater ... Sie standen sich wohl nie sehr nahe, oder?" erkundigte sich William MacCoinnich nach einer Weile.
Mac hielt die spontane Zustimmung, die ihr auf der Zunge lag, im letzten Moment zurück. "Vielleicht irgendwann einmal," meinte sie dann nachdenklich, "aber jede schöne Erinnerung, die es mal gegeben haben mag, verblasste immer mehr und mehr nachdem das Brüllen, das Schlagen und das Weinen begonnen hatten."
Erneut nickte der Cherokee, so als würde er ganz genau verstehen, von was Mac da sprach. "Ich ... habe einen Sohn," sprach er zum ersten Mal von sich selbst, "aber wir haben keinen Kontakt mehr. Wir standen uns nie sehr nahe, wohl auch, weil ich beim Militär und deshalb ständig unterwegs war als er aufwuchs." Für einen Moment wirkte der alte Mann nicht mehr weise und ausgeglichen, sondern nur noch einsam und voller Selbstkritik.
"Das ist nicht entscheidend," sagte Mac sanft, "es ist nicht so wichtig, dass ein Vater 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr anwesend ist ... Harm zum Beispiel ..." Sie deutete auf den Schlafenden und lächelte, "Er liebt und verehrt seinen Vater, obwohl er sich kaum wirklich an ihn erinnert."
Sie spürte, dass Will MacCoinnich sie nicht mehr ansah. Als sie seinem Blick folgte, stellte sie fest, dass er ebenfalls den schlafenden Harm ansah.
"Es ist 03 Uhr 21 – Sie hätten ihn bereits vor zwei Stunden und 14 Minuten zu seiner Wache wecken müssen." bemerkte er leise und in einem neutralen Tonfall.
"Harm benötigt seinen Schlaf dringender als ich. Ich bezweifle sowieso, dass ich jetzt schlafen könnte," erklärte Mac erneut mit einer Offenheit, die sie selbst verwunderte.
"Seine Freundschaft ist ziemlich wichtig für Sie, hm?" Der alte Mann schaffte es erneut, Mac mit einer Frage zu überrumpeln, "Wieso?"
Anfangs hatte Mac ihn, der immer so ruhig und gelassen war, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen konnte, der auf alle Fragen eine Antwort und für jedes Problem eine Lösung hatte, für überheblich und besserwisserisch gehalten. Doch jetzt fühlte sie sich zugegebenermaßen ziemlich wohl in seiner Umgebung. Er ruhte so völlig in sich, verlor niemals die Beherrschung und wurde nie laut. Durch seine ruhige, besonnene Art erweckte er Vertrauen.
Mac zögerte nur kurz. "Na ja, vielleicht, weil ich als Kind kaum Spielgefährten hatte und auch später selten Freundschaften, die über die nächste Flasche Wodka hinausgereicht hätten."
In ihrer Stimme klangen ein wenig Bitterkeit und Trauer mit und Will MacCoinnich fragte sich, wie sie trotzdem zu der warmherzigen, klugen und mitfühlenden Frau hatte werden können, die jetzt vor ihm saß, anstatt zu einer verschlossenen, bitteren Zynikerin, die sich in erster Linie um sich selbst kümmerte. Er sagte nichts zu Macs Geständnis, äußerte nicht einmal die Verwunderung, mit der die meisten Menschen reagierten, wenn sie erfuhren, dass Mac einmal Alkoholikerin gewesen war.
Vielleicht war es gerade seine ruhige Toleranz, das Gefühl, dass er sie nicht verurteilen würde, die Mac weitersprechen ließ. "Es gibt nicht gerade viele Menschen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Manchmal fällt es mir sogar selbst schwer." murmelte sie, mehr an sich selbst als an den Cherokee gewandt.
"Und wer sind Sie?" fragte der ehemalige Marine-Corps-Offizier ruhig, überraschte Mac damit erneut.
"Das läßt sich nicht mit ein paar wenigen Worten beschreiben..." meinte sie ausweichend, doch Will MacCoinnich ließ sich nicht so leicht loswerden.
"Ich habe nicht gesagt, daß es eine Zeit – oder Umfangsbegrenzung gibt. Ich höre zu." erklärte er mit einem warmen Lächeln.
Mac strich sich die Haare aus der Stirn – eine Geste, die ihr Zeit verschaffen sollte. "Wer ich bin?" Sie atmete tief durch und sah nachdenklich ins Feuer, als sei dort die Antwort verborgen. "Ich bin Anwältin und Offizierin – und beides ziemlich gerne," begann sie zögernd, "obwohl man das vielleicht nicht unbedingt glauben würde, wenn man einen Blick in meine Akte wirft. Ich bin nicht der ideale Offizier, für den manche mich halten ... oder besser: gehalten haben. Ich bin eher das Gegenteil davon. Eine Artikel-15-Abmahnung wegen Meineid vor Gericht, Ehebruch und Fraternisierung ist nicht gerade das, was man von einem JAG-Offizier erwartet. Mein Privatleben sieht nicht viel besser aus," Mac schien sich jetzt, wo sie einmal angefangen hatte, kaum noch bremsen zu können. Vermutlich hatte sie alles schon zu lange ganz für sich alleine behalten, ohne je darüber zu sprechen, "Ich habe mal getrunken, ziemlich viel sogar, und wäre nie davon losgekommen, wäre da nicht mein Onkel Matt gewesen. Er und das Corps haben mein Leben gerettet. Ich bin immer noch nicht gut darin, anderen zu vertrauen oder jemandem zu vergeben. Nicht meinem Vater, nicht meiner Mutter und schon gar nicht mir selbst." Mac verstummte und starrte an Will MacCoinnich vorbei, ohne ihn anzusehen.
"Sarah Catherine MacKenzie!" sagte William MacCoinnich ernst und beim Klang seiner Stimme drehte Mac den Kopf und sah ihn an, "Soll ich Ihnen sagen, was Sie sind? Eine Närrin sind Sie!" Der Halbindianer wurde plötzlich ungewohnt heftig und das verblüffte Mac, "Wieso zum Teufel definieren Sie sich nur über das, was Sie nicht sind, über die paar Fehler in Ihrem Leben, die Sie nun einmal gemacht haben? Es gibt doch soviel gutes, so viele Eigenschaften, die Sie haben! Sie sind intelligent, schlagfertig und humorvoll. Sie sind ehrgeizig, ohne gleich gewinnen zu wollen, koste es was es wolle. Sie sprechen sechs Sprachen fließend. Sie können die Zeit genauer als eine Präzisionsuhr angeben, sogar wenn Sie in eine andere Zeitzone fliegen. Sie kennen sich in Paläontologie und Archäologie besser aus als die meisten anderen Menschen. Sie können eine Kalaschnikow oder eine M16 in 8 Sekunden zusammenbauen und qualifizieren sich regelmäßig als Marine-Corps-Schützin. Sie haben mehrere Auszeichnungen beim Kickboxen erhalten und Ihr rechter Haken ist gefürchtet. Und alle Problemen, Schwächen und Krisen, die es in Ihrem Leben gab, haben Sie schlussendlich immer bewältigt – und das ohne große Hilfe. Wie sollen andere Sie akzeptieren, wenn Sie es nicht einmal selbst tun, Sarah?" Der alte Mann sah sie ernst an und in seinem braunen Augen war ein Ausdruck, der Mac zeigte, dass er großen Anteil an ihr und ihrem Leben nahm.
Mac starrte ihn überrascht und beeindruckt an und schluckte schwer. "Wow! Ich ... weiß nicht, was ich dazu sagen soll ..." bekannte sie verblüfft.
William MacCoinnich schien sich wieder zu fangen und lächelte leicht. "Nichts," entgegnete er ruhig, "und jetzt gehen Sie schlafen – ich bin an der Reihe, eine Wache zu übernehmen."
Mac nickte etwas benommen und wickelte sich in ihre Decke. Wider erwarten war sie nach wenigen Minuten eingeschlafen.
1305 Z-Zeit (07:05 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Als Mac erwachte, war der Himmel grau und bedeckt. Ein leichter Nieselregen fiel noch immer und das Feuer in der Mitte ihres Unterstandes qualmte nur noch. Das Holz, das sie gestern Abend gesammelt hatte, war aufgebraucht und Will MacCoinnich war nirgends zu sehen.
Als Mac die Decke zurückschlug und sich erhob, erreichte der Cherokee mit einem Arm voll Brennholz das kleine Lager. "Guten Morgen, u-we-tsi." grüßte er freundlich. In seinem Blick lag noch immer derselbe Respekt, den er Mac vor ihrem Gespräch entgegengebracht hatte und das erleichterte Mac auf eine Weise, die sie nie für möglich gehalten hätte. Sie bemerkte, dass William sich steif und ungelenk bewegte, vermutlich schmerzte dem 80jährigen jeder Knochen.
"Keine Angst," meinte er lächelnd, als er ihren Blick bemerkte, "Wir Ma... Marines brechen nicht so leicht zusammen. Ich halte schon noch durch."
Mac nickte ihm lächelnd zu, während sie einen Topf für den Kaffee über das neu entfachte Feuer schob. Mit einer Tasse dampfendem Kaffee ging sie schließlich zu Harm hinüber und sah für einige Sekunden schweigend auf ihren Partner hinab. Er lag auf dem Rücken, in genau derselben Position, in der er sich gestern abend hingelegt hatte - vermutlich kostete ihn jede Bewegung Mühe oder verursachte sogar Schmerzen. Sein Gesicht war blasser als gewöhnlich und der Schatten eines Bartes begann sich darauf abzuzeichnen.
Mac ließ sich neben dem Schlafenden auf ein Knie nieder und berührte ihn sanft am Arm. "Harm?"
Er schlug sofort die Augen auf und lächelte, als er sie erkannte. Dann sah er, dass es bereits fast hell war und er runzelte die Stirn. "Mac, hatten wir nicht ausgemacht, dass Sie mich nach drei Stunden wecken?" Anklagend sah er sie an.
Mac zuckte die Schultern. "Ich schätze, Sie würden mir nicht glauben, wenn ich sage, ich hätte die Zeit vergessen, oder?" Sie lächelte, nicht im geringsten reuevoll. Sie hätte die Entscheidung, Harm schlafen zu lassen, jederzeit wieder getroffen.
"Nicht solange Sie nicht in einer Tomcat oder im Gefängnis sitzen." entgegnete Harm trocken und ohne sofort zu bemerken, welche Wirkung seine Worte auf Mac haben würden. "Toll, Rabb, stoß sie nur ja immer wieder mit der Nase drauf, damit sie keine Chance hat, es je zu vergessen, du Idiot!" tadelte er sich selbst. "Mac, entschuldigen Sie bitte, ich bin noch nicht ganz wach, fürchte ich. Aber das ändert nichts daran, dass Sie einfach über meinen Kopf hinweg entschieden haben, dass ich keine Wache zu halten brauche."
"Hätten Sie mich in den Appalachen Wache halten lassen?" gab Mac defensiv zurück.
"Natürlich nicht, Mac, aber das war..."
"... etwas völlig anderes? Wieso, weil ich eine Frau bin und Sie ein Mann? Oder weil Sie der dienstältere Offizier von uns beiden sind?" Mac verschränkte die Arme und sah ihn herausfordernd an.
"Weil ... na, darum eben!"
"Darum?" wiederholte Mac ironisch, "wenn Sie ein solches Argument mal vor Gericht verwenden ..."
"Dann nageln Sie mich schneller an die Wand, als ich auf drei zählen kann, ich weiß," Harm grinste, "okay, wenn Sie mir den Kaffee geben, dann sei Ihnen verziehen – aber versuchen Sie so was nie mehr."
Mac zuckte die Schultern und reichte ihm die Tasse.
1428 Z-Zeit (08:28 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Harm hielt den Blick unentwandt auf Macs Rücken vor ihm gerichtet, so als gebe ihm das die Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, solange sie es auch tat. Mac wirkte, wie sie alle, ein wenig müde, doch sie drängte mit einer beharrlichen Entschlossenheit vorwärts, die Harm immer wieder erstaunte.
Obwohl immer noch graue Wolken über den Himmel zogen, hatte der Regen inzwischen aufgehört und die blasse Wintersonne zeigte sich. Seit einer drei-viertel Stunde waren sie nun unterwegs und folgten einem schmalen Pfad, der sich einen grasbewachsenen Hang hinaufschlängelte. Dieser Hang stieg zwar nur sanft an, doch Harm kam es mittlerweile so vor, als ob er praktisch endlos sei.
Nach einer Weile begann der Weg, steiler anzusteigen. Der Grasbewuchs nahm ab, wurde durch Felsvorsprünge und dürre Sträucher ersetzt. Der Pfad wurde enger und bot nun nur noch jeweils einem Wanderer Platz. Wenigstens brauchten sie sich hier keinen Weg mehr durch dichtes Unterholz zu bahnen.
Harm biß die Zähne zusammen und versuchte, schneller zu gehen, als er bemerkte, dass Mac, die ständig bemüht war, sich seinem Tempo anzupassen, langsamer wurde. Ein Blick zurück zeigte Harm, dass auch Will MacCoinnich heftig atmete, aber immerhin: Einen so fitten 80jährigen hatte er selten zuvor gesehen.
Harm strauchelte ein wenig und wandte seinen Blick schnell wieder nach vorne, während er eine Hand gegen seine Rippen preßte. Mittlerweile sandte jeder einzelne Schritt Wellen des Schmerzes durch seinen Körper.
Der Boden unter ihren Füßen wurde immer feuchter und man hörte ein Rauschen, dem sie immer näher kamen. Der Weg stieg jetzt nicht mehr so steil an, sondern führte fast eben durch ein kleines Waldstück. Als sie die letzten Bäume hinter sich ließen, stellte Harm fest, dass der Pfad direkt am Ufer eines Flusses endete. Nach den Regenfällen der letzten Nacht führte der Fluß Hochwasser; das schlammige Wasser floß rasch dahin. Eine schmale Hängebrücke, die einen weiten Bogen bildete und fast das Wasser berührte, führte auf die andere Seite des Flusses hinüber. Harm vermutete, dass der Abstand zum Wasser normalerweise größer war, aber der Regen hatte den Fluß anschwellen lassen. Ab und zu erfasste eine Welle den unteren Teil der Brücke und dann schwankte sie bedenklich.
Die drei Wanderer standen am Ufer und blickten sich an. "Kein anderer Weg?" fragte Harm ernst.
"Kein anderer Weg." bestätigte MacCoinnich.
Mac sagte nichts, aber Harm sah, wie ihre Schultern nach unten sackten – weniger unter der Last des Rucksacks, sondern mehr unter der Verantwortung, die sie sich aufgebürdet hatte.
"Hey, Mac, ich wette, jetzt würden sogar Sie mit Freuden in eine Tomcat steigen, oder?" scherzte Harm und bedachte seine Partnerin mit einem aufmunternden Grinsen.
Mac lächelte schwach. "Im Moment wäre ich sogar bereit, das Ding selbst zu steuern, wenn es uns drei sicher dort rüber bringen würde." gestand sie grimmig und deutete auf die andere Seite des Flusses.
"Zu spät für solche Vertrauensbeweise in uns Piloten, Sarah!" meinte Will MacCoinnich lächelnd, "ganz abgesehen davon, dass wir leider keine Tomcat zur Verfügung haben. Aber wir werden es auch so schaffen. Wenn man sich in der Mitte hält und nicht unnötig zögert, ist es gar nicht so schwer. Mehr als eine Person zur selben Zeit würde ich der Brücke im Moment aber nicht zumuten – wir müssen einzeln gehen. Wie wäre es, wenn ich vorausgehe und Sie den Abschluß bilden, Sarah?"
Mac nickte.
Sie und Harm sahen zu, wie der Cherokee langsam und sich mit beiden Händen an den Seilen links und rechts festhaltend die Brücke überquerte und nach etwa zehn Minuten sicher das gegenüberliegende Ufer erreichte.
Mac atmete auf. "Okay, jetzt sind Sie an der Reihe, Harm. Und bitte ... seien Sie vorsichtig, ja?"
Harm pflückte behutsam ein kleines Blatt aus Macs Haar und lächelte ihr zu. "Bin ich doch immer, Marine." Langsam, um auf dem glitschigen Untergrund nicht auszurutschen, näherte Harm sich der Brücke. Vorsichtig, immer bemüht, die Hängebrücke nicht ins Schwanken zu bringen, tastete er sich Schritt für Schritt der anderen Seite entgegen. Er hatte es schon fast geschafft, als ein entwurzelter Baum, der in den Fluten trieb, gegen die Seile stieß. Die Wucht des Aufpralles ließ die Brücke abrupt zur Seite kippen. Verzweifelt klammerte sich Harm an einem der Seile fest, als er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor. Plötzlich hing er an einer Hand an der Brücke, während der tosende Fluß an seinen Beinen zerrte und ihn mitzureißen drohte.
Mit einer raschen Bewegung warf Mac den Rucksack beiseite und stürmte los. Trotz des heftigen Schwankens der Brücke, die sich noch immer bedrohlich auf eine Seite neigte, schaffte sie es irgendwie, Harm zu erreichen, bevor er fiel. Sie warf sich bäuchlings neben ihn und packte mit beiden Händen seinen Arm, gerade als seine Finger drohten, an dem nassen Seil abzurutschen.
"Mac ... Sie schaffen es ... doch nie, mich da ... raufzuziehen!" keuchte Harm schmerzverzerrt. Er wusste, dass er etwa 35 kg schwerer als seine schlanke Partnerin war.
Mac antwortete nicht, sondern stieß nur ein entschlossenes Knurren aus, während sie sich auf den Rücken wälzte und den Schwung nutzte, Harm ein ganzes Stück höher zu ziehen. Irgendwie gelang es ihm schließlich, ein Knie auf die Brücke zu bekommen und Mac zog ihn vollends hinauf. Keuchend lagen sie nebeneinander auf der schwankenden Brücke, für einen Moment unfähig, sich zu rühren.
"Harm?" sagte Mac nach einigen Sekunden und legte ihrem leise stöhnenden Partner eine Hand auf den Rücken.
"Ich lebe noch." antwortete Harm in dem Versuch zu scherzen, doch seine Stimme klang nicht heiter, sondern müde und schmerzerfüllt.
Mac erhob sich vorsichtig, um die Brücke nicht erneut ins Schwanken zu bringen, während Harm sich mühsam auf den Knien aufrichtete und dann dort verharrte, als müsse er erst Kraft sammeln. Mac umfasste mit beiden Händen je einen seiner Arme, um ihm auf die Beine zu helfen.
"Mac," protestierte Harm ernst, "Sie können mich da nicht rüberschleppen; ich bin viel zu schwer für Sie!" Wie um seine Worte zu unterstreichen erfasste eine weitere Woge die Hängebrücke und ließ sie beinahe kippen, bevor sie sich wieder stabilisierte.
"Eben haben Sie auch gesagt, ich könnte Sie da nicht raufziehen – und wo befinden Sie sich jetzt?" rief Mac unbeirrt gegen das Tosen und Rauschen des Wassers an, "Harm, Sie haben mir damals, in den Appalachen, versprochen, mich heil da rauszubringen und ich verspreche Ihnen jetzt dasselbe! Bereit?"
Harm nickte und kam mit ihrer Hilfe auf die Füße. Schritt für Schritt tasteten sie sich über die schlingernde Brücke, beide Hände um die Seile gekrallt, als hinge ihr Leben davon ab – was in gewisser Weise wohl wirklich so war.
Endlich hatte Harm das gegenüberliegende Ufer erreicht und wurde von Will MacCoinnich vollends auf die andere Seite gezogen. Der alte Mann stützte ihn, während sie beide besorgt zusahen, wie auch Mac die letzten Meter zurücklegte.
Ein zweiter Baumstamm traf genau in diesem Moment die Brücke und ließ sie erbeben. Harm packte Macs Handgelenk und riß sie zu sich ans rettende Ufer. Aufatmend schloß er sie in die Arme und umarmte sie kurz, ohne auf den zusätzlichen Schmerz zu achten, den das in seinen Rippen auslöste.
Schließlich löste sich Mac, behielt aber eine Hand weiterhin stützend um seinen Ellenbogen geschlossen. Ernst sah sie zum gegenüberliegenden Ufer zurück. "Wir haben ein Problem ... der Rucksack liegt noch da drüben..."
"Sie werden da auf keinen Fall noch mal rüber gehen, um den Rucksack zu holen!" sagte William MacCoinnich entschieden, "in etwa 28 Minuten erreichen wir mein Anwesen und dort sind Vorräte und Verbandsmaterial genug. Das eine Manöver eben war schon tollkühn genug." Er schüttelte tadelnd den Kopf, aber in seinen dunklen Augen lag Anerkennung und Stolz.
"Na, dann lassen Sie uns gehen!" meinte Harm und ging los, eine Energie und Kraft vortäuschend, die er in Wirklichkeit längst nicht mehr besaß. Er wäre lieber auf Knien weitergekrochen, als sich von Mac, die selbst ziemlich erschöpft wirkte, oder gar dem alten Mann weiterschleppen zu lassen.
Mac und Will MacCoinnich folgten ihm, als er langsam den glitschigen Hang hinaufging.
1541 Z-Zeit (09:41 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
"Da ist es!" Will MacCoinnich deutete mit offensichtlichem Stolz und noch deutlicherer Erleichterung auf das einfache, aber hübsche Holzhaus, dem sie sich jetzt endlich näherten. Das Haus mit der schmalen Veranda war von Eichen, Hickorybäumen und Nusssträuchern umgeben und bot einen sehr malerischen Anblick, für den die drei erschöpften Wanderer im Moment jedoch kaum ein Auge hatten.
MacCoinnich steuerte direkt auf die Türe zu, die er nicht abgeschlossen hatte – die Cherokee schienen keine Angst vor Dieben und Einbrechern zu haben. Harm und Mac folgten ihm durch das Wohnzimmer in den Nebenraum, in dem eine Funkanlage aufgebaut war ... oder besser: gewesen war. Das, was sich jetzt noch auf dem Tisch befand, waren nur noch Trümmer.
"Usga astu." murmelte Will MacCoinnich zwischen den Zähnen. Es klang wie ein Fluch.
"Das können Sie aber laut sagen!" meinte Harm ziemlich ratlos.
"Haben Sie Telefon? Oder einen Wagen?" erkundigte Mac sich hoffnungsvoll.
William schüttelte den Kopf. "Nicht mal eine Buschtrommel, tut mir leid." antwortete er ironisch.
Sie starrten alle drei ratlos und betroffen auf die Trümmer des Funkgerätes, auf das sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten. Damit rückte nicht nur die Aufsicht auf baldige medizinische Versorgung in weite Ferne, sondern es stellte sie auch vor eine zusätzliche Bedrohung.
"Wissen Sie, was das bedeutet?" sagte Harm schließlich, "Das bedeutet, dass unser Freund mit der Benzinleitung sich nicht damit begnügt, in Tahlequah zu sitzen und sich darauf zu verlassen, dass wir nicht rechtzeitig zur Verhandlung kommen – er ist irgendwo hier in der Nähe – oder er hat noch Komplizen, die verhindern sollen, dass wir hier rechtzeitig wegkommen."
"Oder überhaupt wegkommen." fügte Mac finster hinzu.
"Hey, ich hoffe, die Marines von heute geben nicht immer so schnell auf – mir ist da eben etwas eingefallen," erklärte MacCoinnich möglichst optimistisch, "mit einem Auto kann ich zwar nicht dienen, aber wenn Ihnen eine Pferdestärke genügt... Ich habe Pferde draußen auf der Koppel. Wenn es uns gelingt, sie einzufangen..."
Mac straffte sich wieder, schien sofort Feuer und Flamme zu sein. "Worauf warten wir?"
1612 Z-Zeit (10:12 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Es hatte eine Weile gedauert, bis sie die Pferde auf der großen Weide aufgespürt hatten, aber schließlich näherten sie sich vorsichtig einem großen Rappen und einem verrückt gemusterten Schecken. "Das sind Picasso und Jarhead," erklärte der alte Cherokee.
"Na, dann werde ich mal Jarhead übernehmen ... wir Holzköpfe kommen untereinander recht gut zurecht." meinte Mac. Langsam, fast beiläufig, näherte sie sich den beiden Pferden und legte dabei immer wieder unregelmäßige Pausen ein, um ihre Absicht nicht allzu deutlich zu machen. Als sie bis auf ein paar Meter an die grasenden Pferde herangekommen war, blieb sie stehen und streckte langsam die Hand aus. Die Ohren des Rappen, der ihr am nächsten stand, spielten nervös und einen Moment lang sah es so aus, als wolle er vorsichtshalber davonlaufen, aber nach einer Weile überwog dann doch die Neugierde und er näherte sich Mac schrittweise. Langsam kam das Pferd dichter an Mac heran und als diese bewegungslos verharrte, senkte die Stute den Kopf. Die feinen Haare ihrer Nüstern berührten Macs Hand als das Pferd den Geruch der Fremden in sich aufnahm. Ganz instinktiv glitt Macs andere Hand nach oben, berührte sanft den Hals der Stute und blieb hinter ihren Ohren liegen. Fast beiläufig, ohne eine abrupte Bewegung zu machen, streifte sie dem Pferd das Halfter über, das MacCoinnich ihr gegeben hatte.
"Sie ist definitiv ein Cherokee." sagte Will MacCoinnich leise zu Harm.
Harm nickte, einmal mehr beeindruckt von seiner Partnerin und der neuen Seite, die er da eben an ihr kennenlernte. Selbst nach drei Jahren der Zusammenarbeit hörte Mac nie auf, ihn zu überraschen.
Mit der schwarzen Stute am Zügel kam sie zu Harm herüber, während William sich ebenso geschickt daranmachte, den Schecken einzufangen.
"Ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um das zu sagen, aber hab ich je erwähnt, dass ich nicht reiten kann, Mac?" Harm sah seine Partnerin bedeutungsvoll an.
Mac zupfte an ihrer Unterlippe. Onkel Matt hatte ihr das Reiten beigebracht, als sie noch ein Kind gewesen war und auf der Farm von Chloes Großeltern hatte sie vor kurzem die Gelegenheit gehabt, ihre Kenntnisse aufzufrischen, daher traute sie sich durchaus zu, mit der sanftmütigen Stute, deren Name wohl eher scherzhaft gemeint war, zurechtzukommen.
MacCoinnich kehrte zurück, der gescheckte Wallach trottete friedlich hinter ihm her.
"Wir haben ein neues Problem," erklärte ihm Mac, "Dieser Pilot hier kommt nicht mit etwas zurecht, was nur drei Gänge hat."
"Ich kann nicht reiten." übersetzte Harm.
"Und er ist nicht gerade in der besten Verfassung, um es zu lernen." fügte Mac in Gedanken hinzu. Erneut stellte sich ihr die Frage, ob es nicht besser sein mochte, Harm zurückzulassen. Jetzt, wo sie MacCoinnichs Haus erreicht hatten, brauchte sie sich um das Winterwetter, dem sie Harm aussetzte, keine Sorgen mehr zu machen. Er konnte gemütlich im warmen Haus auf ihre Rückkehr warten, anstatt sich mit seinen gebrochenen Rippen auf den Pferderücken zu zwingen, wo jeder Schritt des Pferdes eine Qual für ihn sein würde. Sie konnte ihm sogar MacCoinnich hier zu zurücklassen, so dass er nicht einmal alleine sein würde. Macs Entschluß stand schon fast fest, als sie plötzlich an die Person – oder die Personen - dachte, die ihnen scheinbar nach dem Leben trachteten. Das zerstörte Funkgerät zeugte davon, dass sie irgendwo ganz in der Nähe waren und genau wussten, wo die drei Wanderer sich aufhielten. Wenn sie sich also trennten, dann erhöhten sie damit das Risiko sich plötzlich alleine einem gefährlichen Feind gegenüberzusehen.
Mac schüttelte den Kopf. Das war keine Lösung. "Ich denke, es ist besser, wenn wir zusammen bleiben – falls unsere Freunde noch ein paar Überraschungen für uns haben." meinte sie grimmig.
Die beiden Männer nickten, waren offenbar zum selben Schluß gekommen.
"Wenn die Furt ein paar Meilen südlich von hier passierbar ist, können wir in vier Stunden in Hulbert sein, das ist ein kleines Städtchen am Rande des Hügellandes. Von da aus können wir mit Tahlequah telefonieren." erklärte MacCoinnich.
Mac nickte und packte das Pferd fester am Zügel, damit es stillstand. "Okay, Flyboy, rauf mit Ihnen, oder muß ich Ihnen zuerst einen Fallschirm basteln?"
1700 Z-Zeit (11:00 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
Hazel Bearpaw streckte ihren Kopf durch die geöffnete Türe von John Ross’ Büro. "John?" rief sie, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Von ihrem Chef war nirgendwo etwas zu sehen. Sie ging zum Schreibtisch, aber dort lag nicht wie üblich eine Nachricht, obwohl sie hier zum Durchgehen ihrer Gerichtsstrategie verabredet waren.
Kopfschüttelnd machte Hazel kehrt und verließ das Büro. Vor der Türe prallte sie fast mit John Ross zusammen, der eilig den Gang hinabging. "Hoppla, soviel Arbeitseifer?" neckte sie ihren Vorgesetzten.
Sorry sah sie stirnrunzelnd an, so als wisse er überhaupt nicht, von was sie da redete. Erst nach ein paar Sekunden schien ihm einzufallen, dass sie hier zum Arbeiten verabredet waren. "Oh, ähm ... tut mir leid, es ist etwas Wichtiges dazwischengekommen." John Ross ging hastig weiter.
"Etwas, was wichtiger als die Verhandlung ist?" fragte Hazel verblüfft, während sie ihm schnell folgte.
John Ross gab ein Brummen von sich, das ebenso gut ja wie nein bedeuten konnte und steuerte auf den Ausgang des Gebäudes zu.
Mit einigen schnellen Laufschritten hatte Hazel den kleinen Mann überholt und versperrte ihm den Weg. "John?" Fragend sah sie ihn an.
"Hazel…" Ross seufzte, "Was immer Sie mit mir besprechen möchten, hat das nicht noch ein bisschen Zeit? Ich muß ... wirklich dringend weg." Er machte einen weiteren Schritt auf den Ausgang zu.
Doch Hazel dachte nicht daran, den Weg freizugeben. "Das hat nicht zufällig etwas damit zu tun, dass Will und die beiden JAG-Offiziere immer noch nicht zurück sind, oder?" Ihre haselnussfarbenen Augen sahen ihn unentwegt an und ihr entging nicht, wie ihr Boss zusammenzuckte.
"Hazel, das ist nichts, was Sie beschäftigen müsste. Überlassen Sie das mir." murmelte er.
Doch Hazel blockierte noch immer die Türe. "John, ich weiß, wie wichtig es für Sie ist, diesen Fall zu gewinnen .... ich weiß, wie gelegen Ihrer Karriere diese Klage kommt." Ihre Stimme war sanft, ihr Blick jedoch scharf und prüfend.
John Ross kniff die Augen zusammen. "Sie halten mich für den Kläger?" Er bemühte sich, seinen Tonfall neutral zu halten, nichts zu verraten.
Hazel gab den Blick seiner silbergrauen Augen offen zurück. "Sind Sie es denn nicht?"
Der schlanke Mann schluckte und seine Schultern sanken herab. Wortlos schob er sich an Hazel vorbei und ging die Stufen zum Parkplatz hinab.
"John?" Hazel blieb ihm auf den Fersen.
John Sorell Ross stoppte abrupt und drehte sich zu ihr um. In seinem sonst so ruhigen Gesicht arbeitete es. "Dass Sie das von mir glauben können ..." brachte er hervor, als ersticke er fast an den Worten, "dass Sie wirklich glauben, ich hätte, nur wegen meiner Karriere ..."
Hazel streckte beschwichtigend die Hand aus, aber John zuckte zurück als würde ihn diese schlichte Berührung verbrennen. In seinen Silberaugen schimmerten Enttäuschung, Ärger und Traurigkeit.
"Nein, John, ich glaube ja gar nicht, dass Sie diese Klage nur wegen Ihrer Karriere angezettelt haben. Ich bin sicher, es ging Ihnen in erster Linie darum, der Cherokee Nation wieder zu positiveren Schlagzeilen zu verhelfen."
John Ross knurrte verärgert und setzte ohne eine Antwort den Weg zu seinem Auto fort.
"John, verdammt noch mal!" explodierte die temperamentvolle Cherokee-Frau, "Jetzt sagen Sie mir endlich, was hier gespielt wird! Sie sind nicht der Kläger?"
"Sie glauben ja doch, was Sie wollen." murmelte Ross, ohne sich umzudrehen.
"Ich glaube, was Sie mir sagen." Hazel Bearpaw sagte es ruhig und mit einem Vertrauen, das John Ross für alles, was zuvor gesagt worden war, entschädigte.
Langsam drehte er sich um und blickte seine Assistentin ernst an. "Ich glaube, dass Onkel Will, Mac und der Commander in Schwierigkeiten sind. Sie wollten eigentlich schon gestern abend zurück sein. Mit gleich zwei Waji hi-go-li-ya haben sie ganz sicher nicht nur die Zeit vergessen und Onkel Will würde sich nie verirren. Etwas stimmt da nicht und ich fahre los, um nachzusehen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie im Büro bleiben und ..."
Weiter kam er nicht. "Oh, nein! Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich hier sitze und warte, bis ich etwas von Ihnen höre?" protestierte Hazel energisch, "Ich komme mit!"
"Auf keinen Fall! Hazel ... das könnte gefährlich werden."
Hazel stöhnte und rollte mit den Augen. "Sie reden wie ein besorgter Vater ... mal wieder!"
"Ich sorge mich auch um Sie, Frau Bezirksrichterin." Sorry lächelte, aber sein Blick war ernst.
"Ja, ich weiß," Hazel legte ihm doch noch für einen Moment die Hand auf den Arm und diesmal wich er nicht aus, "aber das ändert nichts daran, dass ich mit Ihnen komme. Mir wird schon nichts passieren, keine Angst." "Und ich werde darauf Acht geben, dass auch Ihnen nichts passiert!" fügte sie in Gedanken entschlossen hinzu.
John Ross rang einige Sekunden lang mit sich, dann nickte er widerstrebend. "Hat Ihr Vater immer noch diesen Geländewagen?"
"Klar." Hazel nickte grinsend. Sie wusste, dass sie gewonnen hatte. Nach all den Jahren wusste sie schließlich, wie sie ihren Chef um den kleinen Finger wickeln konnte.
1820 Z-Zeit (12:20 Uhr CST)
Am Rande des Berglandes
Cherokee-County, Oklahoma
"Hazel, sollte es irgendwie gefährlich werden, möchte ich, daß Sie sich zurückhalten, klar?"
Hazel seufzte. Das hörte sie nun schon zum mindestens zehnten Mal, seit sie vor 1 ½ Stunden losgefahren waren. Sie hatte es aufgegeben, darauf zu antworten.
"Hazel? Haben Sie gehört? Ich möchte nicht, dass Sie Ihr Leben riskieren, klar?" John Ross sah sie eindringlich an, bevor er den Blick wieder auf die steile Bergstraße vor ihnen richtete.
"Ach ja? Und was tun Sie? Werden Sie auch untätig bleiben, um nichts zu riskieren?"
"Das ist etwas völlig anderes." widersprach John Ross sofort.
"Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit einem solchen Macho-Spruch!" stöhnte Hazel, "Nur weil ich eine Frau bin, heißt das noch lange nicht, dass ich untätig zusehen muß, wie Sie Ihr Leben riskieren!"
"Davon rede ich doch gar nicht, aber Sie sind noch so jung, Hazel, Sie haben Ihr Leben noch vor sich." wandte Sorry besänftigend ein.
"Während Sie kurz davor stehen, an Altersschwäche zu sterben?! Manchmal tun Sie wirklich so, als ob Sie doppelt so alt wären wie Ihr Onkel!" Hazel Bearpaw war gründlich verärgert. Langsam hatte sie John Ross’ ständige Kommentare darüber, wie jung sie doch war, satt.
John Ross ging nicht darauf ein. "Jedenfalls gibt es keinen Grund, wieso Sie auch noch da mit rein gezogen werden sollten. Wenn den beiden JAG-Offizieren irgend etwas zugestoßen ist, dann bin ich der Hauptverdächtige Nummer eins, das ist klar."
"Unsinn!"
"Doch, so ist es. Sie glauben ja selbst, dass ich die Klage angezettelt habe und wer würde mehr davon profitieren als ich, wenn Major MacKenzie nicht zur Verhandlung erscheint? Also, wenn irgendetwas unvorhergesehenes passieren sollte, dann haben Sie nichts von der ganzen Sache gewusst, okay? Es bringt nichts, wenn Sie auch noch in meine Schwierigkeiten mit hineingezogen werden."
"Ihre Schwierigkeiten? Glauben Sie nicht, ich nehme ebenso Anteil daran, was mit Ihrem Onkel, Mac und Harmon geschieht?"
John Ross unterdrückte den Impuls, einen Grimasse zu schneiden, als er den Vornamen des Commanders aus ihrem Mund hörte und lächelte stattdessen leicht. Er wusste, Hazel war viel zu warm und mitfühlend, um keinen Anteil zu nehmen. Genau diese Sensibilität neben all ihrem heftigen Temperament mochte er so an ihr. "Natürlich, aber..."
Er brach ab und trat auf die Bremse, denn vor ihnen gabelte sich jetzt der Weg. Ratlos sahen sie sich für einen Moment an.
"Nach links," sagte Sorry dann entschlossen, "wenn etwas passiert wäre, dann würde Onkel Will sicher versuchen, sich zu seinem Landhaus durchzuschlagen und von dort aus Hilfe zu rufen." Ohne weiteren Aufenthalt lenkte er den Geländewagen den linken Weg entlang.
1852 Z-Zeit (12:52 Uhr CST)
Adair-County, Oklahoma
Mac fasste die Zügel fester und lenkte die schwarze Stute langsam einen rutschigen Weg hinab. Will MacCoinnich, der sich auf seinem Schecken hielt, als sei er auf dem Pferderücken zur Welt gekommen, drehte sich zu ihr um und lächelte ihr zu.
Mac lenkte die Stute nur mit den Zügeln, leichten Gewichtsverlagerungen und Schenkeldruck, denn sie hatte Harm die Steigbügel überlassen, damit er etwas mehr Halt fand. Ihr hochgewachsener Partner saß hinter ihr im Sattel. Seine Arme griffen links und rechts an ihr vorbei und seine Hände schlossen sich um das Sattelhorn. Bisher hatte er sich für jemanden, der noch nie im Sattel gesessen hatte, ganz gut gehalten, aber Mac hörte, wie er manchmal, wenn das Pferd über ein Hindernis sprang, vor Schmerzen mit den Zähnen knirschte. Sie hoffte, dass die tröstliche Wärme, die sie in ihrem Rücken spürte, kein Zeichen von Fieber war. Sie glaubte zu spüren, wie Harm hinter ihr leicht zitterte ... vielleicht war sie es aber auch selbst.
Sie packte die Zügel mit der Linken und ließ ihre behandschuhte Rechte auf Harms Händen auf dem Sattelhorn ruhen. Harm drückte aufmunternd ihre Hand und ohne sich umzudrehen wusste sie, dass er lächelte.
"Mac," begann er nach einer Weile ernst, "da Sie mir gerade nicht davonlaufen können..."
"Sieh an, ich wusste gar nicht, dass Sie solche Verlustängste haben, Flyboy!" neckte ihn Mac.
"Maaac!" ermahnte Harm sie gedehnt, "Ich meine es ernst! Kann ich mal mit Ihnen reden?"
"Wie Sie schon sagten, ich kann ja nicht weglaufen, also schießen Sie los." Trotz ihres scherzhaften Tonfalls runzelte sie die Stirn und versuchte, einen Blick zurück in sein Gesicht zu werfen. Sie spürte, dass Harm im Begriff war, ein ernstes Thema anzusprechen und sie hatte bereits eine dumpfe Ahnung, um was es sich dabei handeln mochte.
"Mac, ich weiß, wir haben nie darüber geredet, nicht einmal, als ich Ihr Anwalt während der Verhandlung war, aber ... vielleicht hätten wir es einmal tun sollen. Ich meine, ich weiß nichts – fast nichts - über Ihr Leben, bevor Sie zu JAG kamen. Ich weiß nichts, über ... Ihren Mann," Er war selbst überrascht, wie schwer dieses Wort noch immer auszusprechen war, "Wieso haben Sie nie die Scheidung eingereicht? Ich meine, Sie als Anwältin müssten doch wissen, dass eine Trennung die Ehe nicht einfach aufhebt. Oder ... hatten Sie noch immer Gefühle für Raggle?"
Er sah sofort Macs überraschten Gesichtsausdruck und spürte, wie sie sich vor ihm im Sattel versteifte. "Ich kann ja selbst nicht glauben, dass ich das wirklich gefragt habe ... meine Rippen müssen mir stärker zu schaffen machen als ich dachte," sagte sich Harm ironisch.
"Ragle," verbesserte Mac automatisch, "sein Name ist .. war Chris Ragle." Sie zögerte und dachte ernsthaft über Harms Frage nach, die sie ziemlich unvorbereitet getroffen hatte. Natürlich, sie wusste, dass Harm Recht hatte und dieses Gespräch eigentlich längst überfällig gewesen war, aber bisher hatte sie dem immer ausweichen können. Aber jetzt ... Harm hatte es ganz richtig bemerkt: Sie konnte ja nicht weglaufen. "Wieso habe ich mich nicht einfach scheiden lassen?" fragte sie sich, während das Pferd eine sanfte Steigung hinauftrottete. Die Antwort war: Sie wusste es noch immer nicht. Hatte sie wirklich noch Gefühle für Chris gehabt; hatte sie nie die Scheidung eingereicht, weil sie gehofft hatte, es würde noch mal etwas werden zwischen ihnen – so wie Chris behauptet hatte? "Nein," sagte sie sich schließlich, "vielleicht bin ich wirklich einer Weile alten Gefühlen nachgehangen, anstatt Chris gleich aus meiner Wohnung und meinem Leben rauszuwerfen, aber im Grunde wusste ich immer, dass es für uns kein Zurück mehr gab. Unsere Beziehung endete, als ich mich veränderte und nicht länger ein Teenager war, der nicht weiter als bis zum nächsten Tag und zur nächsten Flasche Wodka sehen konnte."
Erst der sanfte Druck von Harms Händen auf ihren erinnerte sie wieder daran, dass er eine Antwort erwartete. "Ich weiß nicht, Harm, ich glaube da waren wohl hauptsächlich Schuldgefühle beteiligt." murmelte sie.
"Schuldgefühle?" wiederholte Harm, bemüht seine Stimme neutral zu halten, "Sie verzichten auf eine Scheidung, weil Sie sich schuldig fühlen? Schuldig weshalb und wem gegenüber?"
"Schuldig gegenüber Chris. Ich meine, ich habe ihm geschworen, ihn immer und ewig zu lieben und dann habe ich ihn verlassen, als er verhaftet wurde." Mac nagte an ihrer Lippe und blickte starr auf den Pferdehals hinab.
"Mac, das war Ihr gutes Recht. Sie wollten sich nicht einfach zur Komplizin machen lassen." meinte Harm.
Mac nickte halbherzig. "Hmm. Und was die versäumte Scheidung betrifft ... ich schätze, ich habe Chris einfach vergessen. Ich habe so gelebt, als hätte es diese Ehe nie gegeben und habe mir wohl eingebildet, er würde dasselbe tun."
"Tja, Mac, scheinbar sind Sie aber ziemlich schwer zu vergessen." warf Harm mit einem ernsten Lächeln ein. "Was ich durchaus nachvollziehen kann." Er hütete sich jedoch, das laut zu sagen.
"Im Nachhinein gesehen war es natürlich genau das falsche, eine Vergangenheit zu verdrängen, mit der man noch nicht abgeschlossen hat," murmelte Mac als spräche sie zu sich selbst, "Das hätte fast mein Leben, wie es heute ist, zerstört. Meine Karriere hat durch die ganze Sache einen ziemlichen Dämpfer erhalten und der Admiral hat mehr als deutlich gemacht, dass sie beim nächsten Verstoß zuende wäre, aber das ist nur gerecht für das, was ich mir geleistet habe, und hier auch nicht der springende Punkt. Viel schlimmer ist, dass ich alle enttäuscht habe."
"Mac, Sie haben gar niemanden enttäuscht." widersprach Harm, ohne jedoch selbst ganz überzeugt davon zu sein.
"Ach ja?" Mac hatte die grimmige, aber leise Stimme des Admirals noch im Ohr: "Schlimm genug, dass Sie das Gericht getäuscht haben, aber Sie haben auch noch mich getäuscht ... Sie haben mir nicht genug vertraut, um mir reinen Wein einzuschenken. Ich hatte mehr von Ihnen erwartet ... Sie haben mich enttäuscht." Das Gefühl, Chegwiddens Respekt verloren zu haben, war schlimmer als jede Bestrafung, die er ihr hätte aufbürden können, für sie.
"Oh doch, Harm, genau das habe ich getan. Ich habe das Vertrauen des Corps, der Anwaltschaft und meiner Kollegen verletzt. Ich habe vorsätzlich falsche Aussagen gemacht, unter Eid!" Sie hob schnell die Hand, um Harms Einwand zuvorzukommen, "Bemühen Sie sich nicht, Harm, ich kenne Ihre Argumente: Daß ich die Wahrheit gesagt habe darüber, wer die Pistole abgefeuert hat und dass John Farrows Anwesenheit nicht wesentlich für den Fall – und es damit kein Meineid war. Harm, damit haben Sie vor Gericht noch nicht einmal mich überzeugen können und das lag nicht daran, dass Sie kein guter Anwalt sind – im Gegensatz zu mir," Harm wollte etwas sagen, Mac beruhigen und ihre Selbstkritik abschwächen, aber sie ließ sich nicht bremsen, "Ich habe in meinem Leben wirklich schon soviel Mist gebaut, dass es für das halbe Corps reichen würde: Ich habe getrunken, bis ich nicht mal mehr meinen Namen wusste, ich habe meinen Mann verlassen, ihn betrogen und schließlich umgebracht. Ich habe jahrelang alle meine Freunde belogen. Ich bin nicht nur ein schlechter Mensch, sondern auch ein schlechter Offizier und Anwalt!"
"Mac, das ist doch Unsinn!" widersprach Harm sanft, aber mit Nachdruck, "Sie sind eine gute Offizierin und Anwältin, das hat sogar Admiral Morris in seinem Urteil gesagt. Sie sind wirklich toll vor Gericht. Sie sind die beste Marine-Corps-Anwältin, die ich überhaupt kenne, Mac!" Eindringlich sah er sie an.
Mac seufzte. "Harm, ich bin vermutlich die einzige Marine-Corps-Anwältin, die Sie näher kennen." wandte sie mit einem halbherzigen Lächeln ein.
Harm grinste leicht. "Umso mehr spricht es doch für Sie, dass ich eine gute Meinung von Marine-Corps-Anwältinnen habe," meinte er in dem Versuch, sie aufzuheitern.
Aber Mac war nicht in der Stimmung für Scherze. "Zu einer guten Anwältin gehört mehr als Gerichtsprozeduren zu beherrschen und wortgewandt zu sein. Dazu gehört Integrität, Loyalität und Respekt vor Verfassung, Gesetz und Gerechtigkeit." "Sie haben das Rechtssystem, das zu hüten Sie geschworen haben, missbraucht!" hörte sie Admiral Chegwidden in Gedanken sagen.
Mac wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Will MacCoinnich vor ihr sein Pferd verhielt. Sie zügelte rasch die schwarze Stute und klopfte ihr den Hals, als sie schnaubend stehen blieb. Der Atem der beiden Pferde kondensierte in der klaren Winterluft.
"Versprechen Sie mir eines, Mac," sagte Harm leise neben Macs Ohr, "sobald wir hier rauskommen, reden wir in Ruhe zu Ende, ohne dass einer von uns beiden wegläuft."
Mac bemerkte, dass er "sobald" gesagt hatte, nicht etwa "wenn" oder "falls" und es tat ihr gut, Harms Zuversicht und sein Vertrauen in sie zu spüren. "Sobald wir hier rauskommen." stimmte sie leise zu.
Mac folgte MacCoinnichs Blick und stellte fest, dass vor ihnen der Fluß lag. Mit den Pferden konnten sie nicht den Weg über die schmale Hängebrücke nehmen und hatten einen Umweg in Kauf nehmen müssen, um zu einer Furt zu gelangen, bei der das Wasser nicht allzu hoch war.
"Es ist besser, wir führen die Pferde hinüber und ich schlage vor, Sie nehmen Picasso, dem macht das Wasser im Gegenteil zu Jarhead nichts aus." meinte der alte Cherokee.
"Dann hat der Name Jarhead also doch noch seine Bedeutung, was? Ein wasserscheuer Marine ..." scherzte Harm und machte Anstalten, aus dem Sattel zu rutschen, um auch Mac hinabzuhelfen.
"Nein, Sie bleiben oben," hielt William MacCoinnich ihn sofort zurück, "es ist leichter, wenn Sie im Sattel bleiben, als wenn wir Sie nachher wieder da hinauf bringen müssen."
Mac schwang ein Bein nach vorne über den Pferdehals und sprang geschmeidig zu Boden. Sie kontrollierte die Sattelgurte, wobei sie fast zufällig sanft Harms Bein berührte, bevor sie ihm zunickte und zu MacCoinnich ging, um die Zügel des Schecken entgegenzunehmen.
"Seien Sie vorsichtig, Mac," sagte Harm ernst, "Ich habe keine Lust, eine neue Partnerin einzuarbeiten und ich will auch nicht als Lügner dastehen."
Mac sah ihn fragend an.
"Wissen Sie nicht mehr? Ich habe Colonel Farrow versprochen, Ärger von Ihnen fernzuhalten, schon vergessen?" Harm grinste und sein Gesicht war ruhig, nur in seinen Augen zeigten sich seine wahren Gefühle. Ihm war nicht wohl dabei, Mac als erste durch die Furt zu schicken, während er auf dem sicheren Pferderücken zurückblieb.
Mac ging, den Schecken am Zügel, langsam zum Fluß hinunter und begann, durch das Wasser zu waten. Der Wallach folgte ihr gefügig. Erst als das schnell dahinfließende Wasser ihm bis zum Bauch ging, warf er den Kopf hoch und zerrte an den Zügeln. Unter Macs festem Griff wurde er jedoch schnell wieder ruhiger.
Harm beobachtete es mit ernster Miene.
MacCoinnich trat neben die schwarze Stute, in deren Sattel Harm noch immer saß. "Macht es Ihnen Probleme, einmal der schwächere Teil Ihrer Beziehung zu sein?" fragte er mit einem nachsichtigen Lächeln.
"Mac und ich führen keine Beziehung." murmelte Harm geistesabwesend, während er keinen Blick vom Fluß abwandte.
"Auch eine platonische Beziehung ist eine Beziehung, Commander," erinnerte der Cherokee weise, "und diesmal ist eben Sarah die Starke, die Sie aufrechterhält anstatt immer nur umgekehrt. Ist das so schwer zu akzeptieren? Ist es so schwer, sich von ihr helfen zu lassen?" Er schüttelte den Kopf, als Harm den Mund zu einer Antwort öffnete, "Oh, nein, ich brauche keine Antwort, geben Sie sie sich selbst, das genügt."
Will setzte sich in Bewegung, sobald er sah, dass Mac sicher das andere Ufer erreicht hatte. Die Rappstute tänzelte nervös und war sichtlich unruhiger als Picasso. MacCoinnich ließ sich nicht beirren, sondern führte das Pferd Schritt für Schritt durch das kalte Wasser, das ihm bald bis über die Hüften reichte. Sein Griff um die Zügel war so eisern wie seine Stimme sanft war. Geschickt umging er eine Stelle, an der das Pferd hätte schwimmen müssen, wählte immer die seichtesten Stellen, während Harm sich leicht nach vorne lehnte, um die Hinterhand des Pferdes zu entlasten.
Einige Minuten später hatten sie es endlich geschafft und kletterten neben Picasso aus dem Wasser.
Während Will den Schecken übernahm, streckte Harm Mac die Hand hin, um ihr wieder in den Sattel zu helfen. Sie hatte die nassen Handschuhe ausgezogen und er spürte, dass ihre Hand kälter war als seine eigene. Als sie vor ihm im Sattel saß und die Stute antrieb, bemerkte er, dass ihre Kleidung völlig durchnässt war und sie zitterte, obwohl sie sich bemühte, es zu unterdrücken. "180, 100..." murmelte sie zwischen den Zähnen.
"Was soll das sein?" fragte Harm amüsiert und beugte sich nach vorne, um einen besorgten Blick in ihr Gesicht zu werfen, "Das Höhenruder?" Er schloß die Hände wieder um das Sattelhorn, so dass sich seine Arme fast wie unbeabsichtigt um Mac legten und ihr Wärme spendeten.
"Mein Blutdruck!" gestand Mac mit einem selbstironischen Grinsen.
"Mac," sagte Harm leise, aber eindringlich und legte seine großen Hände über ihre, "Sie haben das sehr gut gemacht und wenn ... dass wir hier heil rauskommen, das haben wir nur Ihnen zu verdanken."
Mac wusste nicht, was sie sagen sollte, dazu war sie viel zu überrascht und gerührt. Langsam stieg ihre Laune wieder, denn sie wusste, dass sie in spätestens einer Viertel Stunde das Städtchen Hulbert erreichen würden. Einen Moment lang ließ sie müde ihren Kopf an Harms Schulter ruhen.
"Harmon, Sarah!" rief MacCoinnich von vorne.
Macs Kopf ruckte in die Höhe. Was sie sah, ließ sie mit den Zähnen knirschen. Der schmale Felsweg, der hinab zur Stadt führte, war von einer Geröll-Lawine verschüttet worden.
1940 Z-Zeit (13:40 Uhr CST)
Hulbert
Adair-County, Oklahoma
In dem leistungsstarken Geländewagen von Hazels Vater hatten sie die ersten Hügel in Rekordgeschwindigkeit hinter sich gelassen und waren tiefer ins Bergland vorgedrungen. John Ross hatte beschlossen, in Hulbert, dem letzten besiedelten Ort vor Wills Hütte, Halt zu machen, um zu sehen, ob irgend jemand etwas von den drei Vermissten gehört hatte, und sich dort wenn möglich Pferde zu leihen, mit denen man in den Bergen besser vorankam als mit dem Jeep.
"Hallo John, hallo Miss Bearpaw," wurden sie von einem alten Mann begrüßt, der draußen an etwas herumwerkelte, was nach einem Paar Schneeschuhen aussah, "Sollten Sie nicht in Tahlequah bei der Verhandlung sein?"
"O-si-yo, Jeremiah, tut mir leid, aber wir haben keine Zeit für ein Schwätzchen," entgegnete Ross ernst, "Will wird vermisst. Er ist mit zwei Offizieren irgendwo in den Bergen unterwegs und sollte eigentlich längst zurück sein. Ihr habt hier nicht zufällig was von ihnen gesehen?"
Der alte Mann sah von seiner Arbeit auf und schüttelte den Kopf. "Bedaure, nein. Aber hier hat es gestern nacht ziemlich stark geregnet, wenn sie Pech hatten, sind sie nicht mal über die Brücke gekommen, falls sie hierher unterwegs waren."
John Ross biß die Zähne zusammen und nickte. "Sag mal, Jeremiah, hast du immer noch deine Pferde hinterm Haus stehen?"
1941 Z-Zeit (13:41 Uhr CST)
Zwei Meilen nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Harm saß bewegungslos im Sattel und sah zu, wie Mac über einige Felsbrocken hinwegstieg, um zu Will MacCoinnich zu gelangen, der ebenfalls vom Pferd gestiegen war.
"Die Regenfälle?" fragte Mac mit einem Blick auf den von Geröll versperrten Pfad.
Der Cherokee drehte prüfend einen Stein in der Hand herum und schüttelte ernst den Kopf. "Nein. Eine Seite der Steine ist trocken – die haben sich erst gelöst, als der Regen bereits aufgehört hatte. Ich denke, da hat jemand nachgeholfen, um uns den Weg zu versperren."
"Vermutlich unser Freund, der sich auch schon so liebevoll um die Benzinleitung und das Funkgerät gekümmert hat." brummte Harm mit einem schiefen Grinsen. Er wickelte sich die Mähne der schwarzen Stute um die Finger und rutschte vorsichtig aus dem Sattel. Dann lehnte er sich einen Moment lang erschöpft an "Jarheads" Schulter, holte kurz und flach Atem, bis er genügend Kraft gesammelt hatte, um zu Mac und William hinüberzugehen.
Mac nahm sofort seinen Arm und schlang einen Arm um seine Hüfte, um ihn zu stützen. Harm wollte abwehren – vermutlich hatte Mac an ihrem eigenen Gewicht bereits genug zu tragen – aber dann erinnerte er sich wieder an die Worte des Cherokee: "Macht es Ihnen Probleme, einmal der schwächere Teil Ihrer Beziehung zu sein?" und er akzeptierte ihre Hilfe schweigend.
"Schwer vorzustellen, dass jemand von uns ... ein Tsalagi, so etwas tun würde." murmelte Mac kopfschüttelnd.
Harm stellte fest, dass Mac - nicht zum ersten Mal - die Cherokee als "uns", als ihre Leute bezeichnete und es gefiel und missfiel ihm zugleich. Es gefiel ihm, weil es bedeutete, dass Mac jemanden oder etwas hatte, zu dem sie gehörte und dem sie sich zugehörig fühlte. Und es missfiel ihm ... aus demselben Grund, besser konnte er es nicht erklären.
"Und jetzt?" fragte Mac und blickte den alten Cherokee ratlos an, "Klettern wir?"
"Scheint der einzige Ausweg zu sein." gab Will MacCoinnich zu, obwohl ihm die Aussicht, sich über die Felsen zu hangeln, keineswegs gefiel.
"Okay, aber diesmal gehe ich alleine. Sie beide bleiben hier." entschied Mac.
Harm setzte zu einem Protest an, aber William legte ihm schnell eine Hand auf den Arm. "Sie hat Recht, Harmon, wir beide sind nicht fit genug für so eine Klettertour."
"Ich weiß ... aber es gefällt mir trotzdem nicht besonders." Harm nickte Mac zu. "Okay, Marine, aber geben Sie auf sich Acht, jetzt haben Sie niemanden mehr, der ein Auge auf Ihren Rücken hält."
"Harm, es sind höchstens noch 2 Meilen bis Hulbert – was soll da schon noch groß passieren?" meinte Mac beruhigend.
1952 Z-Zeit (13:52 Uhr CST)
Eine Meile nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Hazel und John lenkten ihre Pferde im Schrittempo den steinigen Weg entlang und hielten dabei ständig nach einer Spur von den drei Vermissten Ausschau. Hazel, die hinter Ross ritt, bemerkte lächelnd, welch gute Figur der kleine Mann auf dem Pferderücken machte. Sorry lenkte seinen temperamentvollen Hengst mit leichter Hand und hatte das Pferd voll unter Kontrolle, ohne dass es aussah, als übe er irgendeinen Zwang auf das Tier aus.
Hazels Brauner scheute plötzlich und tänzelte nervös, ohne dass sie den Grund dafür erkennen konnte. Sofort nahm sie die Zügel fester und sprach beruhigend auf das Pferd ein.
"Rühr dich nicht von der Stelle, John Ross!" rief über ihnen plötzlich eine Stimme. Das Echo wurde von den umliegenden Felshängen zurückgeworfen und machte es schwer, den Rufer zu lokalisieren. Erst nach einigen Sekunden erblickten John und Hazel Mic Ragsdale. Er steckte einige Meter über ihnen hinter einem Felsen, so dass nur sein Kopf zu sehen war – sein Kopf und ein Gewehrlauf, der auf Sorry gerichtet war.
"Sieht so aus als wäre dein Weg hier zuende, Ross!" rief Ragsdale mit höhnischer Härte.
"Tu die Waffe weg, Mic," sagte Hazel hastig und suchte beschwörend Ragsdales Blick, während sie versuchte, sich zwischen die beiden alten Feinde zu schieben, "John hat nichts mit der Sache zu tun."
"Ich denke, das weiß er besser als jeder andere, Hazel," murmelte John, während er keinen Blick von dem Gewehr ließ, das genau auf seinen Kopf zielte, "Nicht wahr, Ragsdale? Sie haben die Klage erhoben, vielleicht weil Sie sich selbst Chancen ausgerechnet haben, die Anklage übernehmen zu können oder vielleicht, weil Sie den Verdacht auf mich lenken wollten. Sie haben sich irgendetwas einfallen lassen, damit die beiden JAG-Offiziere verschwinden, vermutlich haben Sie die Bremsen meines Jeeps manipuliert, denn als mein Assistent hatten Sie Zugang zu dem Wagen, ohne allzu viel Verdacht zu erregen. Sie wussten, dass man sofort mich verdächtigen würde, wenn etwas passiert, während sie mit meinem Wagen unterwegs sind."
"Halten Sie keine Reden, Ross!" knurrte Ragsdale seinen alten Feind an, "Das interessiert niemanden!"
"Doch, Mic, mich interessiert es schon," widersprach Hazel ernst, "ist da etwas dran an dem, was John behauptet?"
Mic Ragsdale antwortete nicht, sondern spannte den Gewehrhahn. "Ich komme jetzt runter zu euch und ich würde euch raten, keine Dummheiten zu machen – ich kann mit dem Ding umgehen!" Er begann langsam und auf Umwegen zu ihnen hinabzuklettern, während der Gewehrlauf die ganze Zeit über unentwegt auf Sorry und Hazel gerichtet war.
"Sie hätten Chandlers Angebot, für das Bezirksgericht zu arbeiten, lieber sofort annehmen sollen, dann säßen Sie jetzt nicht hier mit mir in dieser Situation fest." murmelte John Ross, während er Hazel aus den Augenwinkeln heraus ansah.
"Ich bereue es keineswegs, zu Ihrem Team zu gehören und mit Ihnen gekommen zu sein – gleichgültig, welche Konsequenzen es haben mag." antwortete Hazel störrisch.
Trotz der misslichen Lage, in der sie sich befanden, wurde es Sorry warm ums Herz – bis Hazel mit einem leichten Grinsen hinzufügte: "Immerhin, von so einem alten, erfahrenen Mann wie Ihnen kann man eine Menge lernen."
Ross verzog das Gesicht. "Das hat man nun davon, wenn man sich um jemanden kümmert, als wäre es seine eigene ..." Zum Wort "Tochter" kam er nicht mehr, denn Mic Ragsdale stand jetzt mit dem Gewehr neben ihnen.
Sorry hatte keine Zweifel daran, dass er sie aus dem Weg räumen würde, so wie er es auch mit Will und den beiden Offizieren getan oder zumindest versucht haben musste. Wenn er eines bedauerte, dann, dass Hazel hier neben ihm stand anstatt in Tahlequah und damit in Sicherheit zu sein. Er wusste, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, damit ihr nichts geschah. Entschlossen spannte er die Muskeln, um den richtigen Moment abzupassen.
Hazel blickte in Mic Ragsdales Augen, die jetzt keine Spur der Freundlichkeit mehr zeigten, die sie von ihm kannte. Sie wusste, dass er John noch nie hatte leiden können – sicher würde er nicht zögern, die Waffe auf ihn abzufeuern. "Nicht, wenn ich es verhindern kann!" dachte sie entschlossen und spannte die Muskeln.
Hazel und John warfen sich einen schnellen Blick zu und wie auf ein geheimes Kommando sprangen sie los.
2010 Z-Zeit (14: 10 Uhr CST)
Eine Meile nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Mac hatte die schwierige Kletterei über die Barrikade aus Geröll und Felsbrocken sowie die Hälfte des Weges zum Dorf hinab bereits hinter sich gebracht, als plötzlich ganz in der Nähe ein Schuß fiel. Sofort presste sich Mac dichter an den Felshang und sah wachsam in die Runde. Hinter der nächsten Wegbiegung hörte sie Steine den Hang hinabkullern. Mac hoffte, dass es ein Jäger aus dem nahen Dorf war, beschloss jedoch vorsichtshalber, von einem Feind auszugehen.
Vorsichtig und jede Deckung, die der Felshang ihr bot, ausnutzend, näherte sie sich der Stelle, wo der Schuß abgefeuert worden war.
2010 Z-Zeit (14: 10 Uhr CST)
Zwei Meilen nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Harm zuckte zusammen, als in der Ferne ein Schuß peitschte. Zu oft hatte er dieses Geräusch schon gehört, um sich vormachen zu können, es wäre etwas anderes gewesen. "Mac!" Er stürmte in Richtung der Felsbarriere.
"Harmon!" rief Will MacCoinnich, der ebenfalls aufgesprungen war, ihm nach.
Harm wirbelte herum. "Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit einem Ihrer klugen Sprüche! Es ist mir ganz egal, ob sie die Stärkere oder die Schwächere ist, ob ich verletzt bin und ob es klug ist oder nicht – auf Mac wurde gerade geschossen und ich werde ganz sicher nicht hier sitzen bleiben und abwarten, bis man sie umbringt!" Entschlossen setzte er seinen Weg fort.
MacCoinnich war mit drei schnellen Schritten an seiner Seite und streckte die Hand aus. Doch statt Harm, wie dieser befürchtet hatte, zurückhalten zu wollen, ergriff er stützend seinen Ellenbogen. "Ich dachte nur, Sie könnten vielleicht Hilfe beim Klettern gebrauchen."
Harm sah den alten Mann an und erkannte in seinen dunklen Augen dieselbe Sorge um Mac, die auch er selbst empfand.
Harm grinste grimmig. "Auf was warten wir, Marine?" Sie hasteten los, schlitterten über den Felshang, ohne darauf zu achten, dass sie sich weitere Schrammen zuzogen.
2010 Z-Zeit (14: 10 Uhr CST)
Eine Meile nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
John Ross war einen Sekundenbruchteil schneller als Hazel und deshalb traf der Schuß, den Ragsdale hastig abfeuerte, ihn statt seiner Assistentin in den Arm. Dann prallten sie alle drei zusammen und sie schlitterten in einer Staubwolke den Hang hinab.
Diesmal war Hazel die erste, die wieder auf die Beine kam und sie warf sich mit einem wilden, entschlossenen Schrei auf Ragsdale, um ihm das Gewehr zu entwinden. Gerade noch rechtzeitig wälzte Ragsdale sich herum und traf Hazel mit dem Gewehrkolben an der Schläfe. Im selben Moment wuchtete ihm John voller Wut und ohne auf seine Verletzung zu achten die Faust unters Kinn.
Michael Ragsdale war jedoch gut einen Kopf größer und mindestens 30 kg schwerer als der kleine, schlanke Anwalt und nahm den Schlag mit einem wilden Knurren hin. Seine Augen glitzerten grausam, als er sich auf den kleineren John stürzte.
Doch diesmal war es Ross, der seinen Gegner verblüffte. Geschmeidig tauchte er unter der wuchtigen Faust durch, steppte zur Seite und traf Ragsdale mit einer raschen Doublette in die Seite.
Ragsdale schwankte einen kurzen Moment, wich aber nicht zurück, sondern rammte John die Faust in den Magen und schmetterte ihm, als er sich leicht vorne über krümmte, die gefalteten Hände ins Genick.
John krachte auf seinen verletzten Arm und wälzte sich mit einem Aufschrei herum, versuchte verzweifelt, wieder auf die Füße zu kommen, doch als er aufblickte, sah er direkt in die Mündung von Ragsdales Gewehr.
2016 Z-Zeit (14: 16 Uhr CST)
1 ½ Meilen nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Harm sprang über den letzten Felsen, der den Weg blockierte, stolperte fast, fing sich wieder und hastete sofort weiter.
Hinter ihm kullerten Steine und er hörte ein gedämpftes "Usga astu!" von Will MacCoinnich, der ein paar Meter hinter ihm zurückgeblieben war.
Harm warf einen hastigen Blick zurück. Was er sah, ließ ihn ebenfalls fluchen: Der alte Cherokee musste wohl gefallen sein und hing nun mit den Fingerspitzen an einem Felsen, während sich unter ihm nur gähnende Leere befand. Harm zögerte nur eine Sekunde lang. Mac war seine Partnerin und noch mehr als das; sie benötigte vermutlich dringend Hilfe, aber er konnte den alten Mann, der ihnen Gastfreundschaft gewährt und mehrmals sein Leben für sie riskiert hatte, nicht einfach in dieser Lebensgefahr zurücklassen. Er hastete zurück.
MacCoinnich stieß einen zweiten Fluch aus, der diesmal noch verzweifelter klang, und Harm sah, dass das Gestein begann, unter seinen Fingern abzubröckeln und er abzurutschen drohte.
2016 Z-Zeit (14:16 Uhr CST)
1 ½ Meilen nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
Harm warf sich bäuchlings neben MacCoinnich zu Boden, schrie dabei vor Schmerz unterdrückt auf, und packte den Arm des Cherokee, bevor er abrutschen konnte. Seine Rippen protestierten, als er Will hinaufzog, aber Harm ignorierte den Schmerz.
Schließlich standen sie nebeneinander am Rande des Abgrundes, beide nach Luft schnappend, schwankend und sich gegenseitig stützend.
"Weiter!" keuchte Harm, doch langsam kam ihm der Gedanke, dass sie Mac, wenn sie sie erst erreicht hatten, in ihrem Zustand vielleicht nicht von großem Nutzen sein würden.
2016 Z-Zeit (14:16 Uhr CST)
Eine Meile nördlich von Hulbert
Adair-County, Oklahoma
John Ross erstarrte. Langsam ließ er sich zurücksinken, während er direkt in die Gewehrmündung blickte. Hazel kniete zwei Meter entfernt am Boden, verharrte ebenfalls bewegungslos und starrte Ragsdale nur an. Blut lief über ihr Gesicht. Von ihr war ganz sicher keine Hilfe zu erwarten.
Der Gewehrhahn knackte und John sah, wie Ragsdale den Finger enger um den Abzugsbügel legte. In seinen Augen zeigte sich nicht das geringste Mitleid als er genau auf Johns Stirn zielte.
Plötzlich stieß Ragsdale einen schmerzverzerrten Schrei aus und das Gewehr entglitt seinen Händen - zwei Finger seiner rechten Hand sahen auf einmal aus, als wären sie gebrochen. Neben ihm fiel der große Stein, der seine Hand getroffen hatte, zu Boden. Ragsdale wirbelte herum, aber da sprang ihn schon jemand an, schnell wie ein Schatten, und Ragsdale ging zu Boden. Ein schwungvoller rechter Haken riß ihm den Kopf in den Nacken, sein Kopf prallte gegen einen Felsen und er blieb bewusstlos liegen.
Mac erhob sich und klopfte sich mit einem grimmigen Grinsen den Staub aus ihrer ohnehin völlig mitgenommenen Kleidung. "John, Hazel, was tun Sie denn hier?" fragte sie, während sie sich erst Sorrys Arm und dann Hazels Kopf ansah und rasch feststellte, dass beides nur oberflächliche Wunden waren.
"Dasselbe könnte ich Sie fragen, Mac," gab Sorry noch etwas benommen zurück, "und wo sind mein Onkel und Commander Rabb?"
"Keine Sorge, die beiden sind..."
"...Hier!" rief Harm grinsend. Er und Will MacCoinnich tauchten hinter der Wegbiegung auf, langsam, staubbedeckt und erschöpft kamen sie näher.
Mac war sofort an ihrer Seite. "Sie sollten doch auf der anderen Seite warten!" Trotz der Schärfe in ihrer Stimme waren ihre Finger behutsam, als sie Harm eine Hand auf die Brust legte. Die offenkundige Sanftheit dieser Bewegung überraschte sogar Harm ein wenig.
"Und das hier verpassen? Nie im Leben!" entgegnete Harm treuherzig. Er und Will MacCoinnich grinsten sich zu.
"Ich würde sagen, wir verlagern unser Lazarett nach Hulbert, bevor wir weiterreden, hm?" schlug der alte Cherokee schmunzelnd vor.
0112 Z-Zeit (19:12 Uhr CST)
Städtisches Krankenhaus
Tahlequah, Oklahoma
Harm lag in seinem Krankenhausbett und sah gelangweilt zu, wie isotonische Flüssigkeit durch den Schlauch an seinem Arm tropfte. Er hatte bereits bei seiner Einlieferung beschlossen, dass er spätestens morgen früh, zu Beginn der Verhandlung, wieder hier draußen sein würde, ganz egal was die Ärzte oder Mac sagen würden.
Es klopfte und William MacCoinnich kam herein. "Und? Wieviele sind es?" fragte er und deutete auf Harms Rippen.
"Drei."
"Oh, dann schulde ich Ihrer Partnerin jetzt 50 Dollar." Der Cherokee lächelte.
Harm musste lachen und hielt sich dabei die schmerzenden Rippen. "Tja, ich habe auch erst lernen müssen, nie mit Mac zu wetten. Sie hat die blöde Angewohnheit, ständig dabei zu gewinnen," Er grinste breit, wurde dann aber wieder ernst, "wo ist sie überhaupt?" Vor einer halben Stunde waren MacCoinnich, Harm, Mac, Hazel und John hier eingeliefert worden und seither hatte Harm außer Ärzten niemanden mehr gesehen.
"Die Wunde an ihrem Arm wird gerade genäht, aber keine Sorge, es geht ihr gut. In spätestens vier Minuten wird sie hier aufkreuzen." versicherte William.
Harm hatte schon vor Jahren gelernt, solche Zeitangaben niemals anzuzweifeln. "Tja, sieht so aus, als würden wir die Ärzte hier ganz schön auf Trab halten, hm? Wie kommt es eigentlich, dass Sie als einziger wieder ohne jede Behandlung gehen durften?" erkundigte er sich scherzhaft.
"Vermutlich haben die Ärzte geglaubt, ihre Anstrengungen seien an einen so alten Mann ohnehin verschwendet," gab MacCoinnich schlagfertig zurück, "aber bevor Sarah gleich hereinkommt wollte ich die Gelegenheit nutzen, mich bei Ihnen zu bedanken – ich meine, sie muß ja nichts von meinem Sturz und Ihrer Rettungsaktion erfahren, oder?"
"Was mich betrifft sicher nicht. Mac wird mir ohnehin noch wegen meiner ‚waghalsigen und völlig unnötigen Piloten-Stunts’ die Hölle heiß machen," Harm grinste als freue er sich bereits darauf, "Und was die Rettungsaktion betrifft ... ich schätze, Sie sind mir nun verpflichtet, Ihr Leben gehört mir oder so ähnlich."
Der alte Cherokee erwiderte sein Grinsen. "Tja, tut mir leid, Commander, aber da sind Sie beim falschen Stamm. Bei uns war es früher Sitte, die Tochter des Mannes zu heiraten, dessen Leben man rettet," entgegnete er heiter, "aber keine Angst, ich habe nur einen Sohn und der ist nicht so ganz in Ihrem Alter..."
Harm lachte. "Na, da bin ich aber erleichtert..."
"Aber ich habe da eine ganz reizende Enkelin im heiratsfähigen Alter." fügte MacCoinnich schmunzelnd hinzu.
Harm blieb eine Antwort erspart, denn in diesem Augenblick klopfte es an der Türe.
"Vier Minuten – was habe ich gesagt?!" Der Halb-Cherokee warf Harm einen triumphierenden Blick zu als Mac eintrat.
"Hab ich irgendetwas verpasst?" fragte Mac von einem zum anderen blickend und lächelte.
"Das ist eine Sache zwischen Ex-Piloten, Mac." erklärte Harm mit seinem besten Flyboy-Grinsen.
"Hey, Ihnen geht’s ja schon wieder viel zu gut! Was tropft man Ihnen da in die Adern?" Misstrauisch beäugte Mac die Infusion, "Schnaps?"
Harm hob lächelnd eine Braue, wurde dann aber wieder ernst und betrachtete Macs Arm, der verbunden in einer Schlinge ruhte. "Wie geht’s Ihrem Arm?"
"Fünf Stiche," meinte Mac in einem Tonfall, als sei es nur ein lästiger Kratzer, "und was machen Ihre Rippen?"
"Mit fünf Stichen kann ich nicht mithalten – bei mir sind es nur drei gebrochene Rippen," entgegnete Harm grinsend.
Mac drehte sich zu Will um.
"50 Dollar!" sagten sie alle drei gleichzeitig und mussten lachen.
1500 Z-Zeit (09:00 Uhr CST)
Gebäude des obersten Stammesgerichtes
Tahlequah, Oklahoma
Im Gerichtssaal herrschte absolute Ruhe, obwohl der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Jeder wusste, dass heute oder in den nächsten Tagen die Entscheidung getroffen werden würde. Erst als die beiden Anwälte eintraten ging ein Raunen durch die Menge, denn sowohl der Anklagevertreter als auch die Repräsentatin der Verteidigung trugen den linken Arm in einer Schlinge.
"Man könnte meinen, die beiden hätten sich einen außergerichtlichen Zweikampf geliefert!" dachte Harm amüsiert. Trotz aller Proteste von Mac und den Ärzten hatte er es sich nicht nehmen lassen, bei der Verhandlung in der ersten Reihe zu sitzen.
Will MacCoinnich und Hazel Bearpaw, die neben ihm saßen, hatten versprochen, ein Auge auf ihn zu haben und darauf zu achten, dass er sich nicht überanstrengte.
"Ich muss doch auf ein zukünftiges Mitglied meiner Familie Acht geben!" kommentierte der alte Cherokee grinsend.
Hazel sah fragend zwischen den beiden Männern hin und her, doch Harm winkte rasch ab. "Nur ein kleiner Scherz zwischen Piloten." meinte er und wandte seine Aufmerksamkeit wieder nach vorne, wo John Ross sich jetzt von seinem Platz erhob.
"Euer Ehren, in der Verhandlung Cherokee Nation gegen den Bundesstaat Georgia, im Jahre 1831," John Ross hielt mit seiner unverletzten Hand ein Schriftstück in die Höhe, "hat der Supreme Court entschieden, dass die Cherokee Nation kein fremder Staat ist. Die Beziehung der Cherokee zu den USA ist durch Besonderheiten gekennzeichnet, die nicht für fremde Staaten zutreffen: Zum einen teilen sie dasselbe Land, außerdem werden die Cherokee in Verträgen als unter Schutz und Gerichtsbarkeit der US-Regierung bezeichnet und der Handel soll durch die USA gesteuert werden. Alles Anzeichen, die auch für einen Bundesstaat gelten. Auch die US-Verfassung nennt in Artikel 8 Indianerstämme getrennt von fremden Staaten, sie werden also voneinander unterschieden. In seinem Urteil bezeichnete Richter Marshall, der 1831 den Vorsitz führte, die Cherokee als ‚abhängige Nation’, deren Beziehung zu den USA der eines Mündels zu seinem Vormund ähnelt. Könnte man nicht dasselbe von den Bundesstaaten – den anderen Bundesstaaten – sagen?"
"Einspruch, Euer Ehren!" rief Mac energisch, "mein Herr Kollege sollte sich bewusst machen, dass William Wirt, der Anwalt, der die Cherokee damals vor dem Obersten Bundesgericht vertreten hatte, gerade mit der Begründung vor den Supreme Court trat, die Cherokee Nation sei eine fremde Nation – nach Artikel drei der US-Verfassung ist der Supreme Court für Kontroversen zwischen einem Bundesstaat und fremden Staaten zuständig."
"Richtig, aber der Supreme Court hat damals entschieden, dass er für den Fall nicht zuständig und die Cherokee Nation kein fremder Staat ist!" warf John Ross ein.
"Woraus nicht automatisch folgt, dass die Cherokee Nation ein Bundesstaat ist – ganz im Gegenteil sogar," gab Mac ohne die geringste Verzögerung zurück, "Artikel drei besagt nämlich auch, dass der Supreme Court nicht nur für Kontroversen zwischen einem Bundesstaat – in dem Fall Georgia – und fremden Nationen zuständig ist, sondern auch für Konflikte zwischen zwei Bundesstaaten. Wäre die Cherokee Nation ein Bundesstaat, hätte der Supreme Court sicher nicht entschieden, dass die Angelegenheit nicht in seine Zuständigkeit fällt."
Harm lehnte sich zufrieden grinsend zurück. Wenn Mac so weitermachte, dann würde er sich ganz sicher nicht überanstrengen – außer vielleicht dabei, ihr nach ihrem Sieg die Hand zu schütteln. Harm stellte fest, dass Mac so kompetent und souverän wie immer wirkte. Sie trug wieder ihre Uniform und hielt sich vollkommen aufrecht. Trotz der Kratzer in ihrem Gesicht und ihres bandagierten Armes wäre niemand auf die Idee kommen, dass sie gerade einen Gewaltmarsch durch die Wildnis hinter sich hatte und noch vor 12 Stunden in der Notaufnahme des Krankenhauses gesessen hatte. Gespannt wartete Harm darauf, wie John Ross reagieren würde.
"Richtig, so mag das Urteil 1831 gelautet haben, Miss MacKenzie," gab der Cherokee-Anwalt zu, "aber es geht hier und heute nicht darum, was der frühere Supreme Court entschieden hat..."
"Mister Ross, Euer Ehren, bei allem Respekt," unterbrach Mac nachdrücklich, "ich habe jetzt 15 Tage lang bei den Tsalagi gelebt und ein wenig von Ihrer Kultur kennengelernt," Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick glitt über die Zuschauer, bis er auf Will MacCoinnich liegenblieb, "Verstehen Sie mich nicht falsch, ich behaupte nicht, Ihr Volk vollkommen zu verstehen und deshalb korrigieren Sie mich bitte, wenn ich mich irren sollte, aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass den Tsalagi ihre Geschichte wichtig ist."
Zustimmendes Gemurmel ging durch die Reihen der Zuschauer und selbst die drei Männer auf der Richterbank nickten Mac wohlwollend zu. Will MacCoinnich sah aus, als würde er jeden Moment vor Stolz platzen, obwohl Mac gerade dabei war, die Argumente seines Großneffen praktisch in der Luft zu zerfetzen.
"Wirklich clever, Mac!" dachte Harm anerkennend, "Sie hat John gezwungen, gegen die Supreme-Court-Entscheidung zu argumentieren, auf die er sich in früheren Verhandlungstagen bezogen hat und sich damit selbst zu widersprechen. Und jetzt auch noch auf die geschichtlichen Wurzeln der Cherokee hinzuweisen ... wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, meine Partnerin ist brilliant!"
John Ross hatte inzwischen Einspruch erhoben, aber weder Harm noch die übrigen Zuschauer schenkten seinen Argumenten noch sehr viel Aufmerksamkeit und Harm wusste, dass die Richter es auch nicht tun würden. Mac war es gelungen, jedes Argument des Cherokee, das die bundesstaatlichen Eigenschaften der Cherokee Nation beweisen sollte, zu entkräften. Die Entscheidung war gefallen.
1620 Z-Zeit (10:20 Uhr CST)
Vor dem Gebäude des obersten Stammesgerichtes
Tahlequah, Oklahoma
Harm wartete draußen, vor dem Gebäude, an eine Mauer gelehnt, als Mac die Stufen hinabkam - wie er es schon einmal getan hatte. Glücklicherweise bot sich heute ein erfreulicherer Anlaß als es ihr Abschied damals gewesen war.
Er verschränkte vorsichtig die Arme vor der Brust und sah mit einem fast belustigten Blick auf sie hinab, als sie erwartungsvoll vor ihm stehen blieb. "Sieht so aus, als hätten wir gewonnen - was sagen Sie nun?"
Am Rande seines Bewusstseins registrierte Harm, dass sie "wir" gesagt hatte, nicht etwa "ich" – das war typisch für Mac und er bemerkte es mit einem warmen Lächeln. "Na ja, sagen wir mal so: Die Tritte bleiben Ihnen diesmal wohl erspart ... aber nur, weil mein Arzt mir körperliche Anstrengungen verboten hat." Harm grinste.
Glücklicherweise war Mac ziemlich gut in Sprachen und konnte das Gesagte aus der Rabb-Sprache in das Kompliment übersetzen, das Harms Worte eigentlich darstellten. "Vielen Dank für die herzlichen Glückwünsche." kommentierte sie trocken.
Harm lachte. "Okay, Marine, jetzt mal im Ernst," Er überraschte sie, indem er die Arme um sie schlang und sie kurz, aber fest umarmte, "Es war die beste Entscheidung, die ich nur treffen konnte, Ihnen diesen Fall zu überlassen, Mac. Sie waren für diese Verhandlung der bessere Anwalt von uns beiden."
Das freimütige Geständnis überrumpelte Mac ebenso wie die herzliche Umarmung. "Uh, eine Umarmung UND ein Kompliment vom großen Harmon Rabb junior – und das an einem Tag! Wie soll ich das verkraften?" erkundigte sie sich lächelnd.
"Die Umarmung war nur deshalb, damit Sie das Kompliment nicht gleich umwirft." erklärte Harm betont sachlich und ließ sie zögernd los.
"Oh, das erklärt natürlich alles," Mac schmunzelte ironisch, "Okay, Seemann, kommen Sie schon, wir wollen doch die Krankenschwestern nicht warten lassen. Ich bin sicher, Sie haben noch die eine oder andere Spritze zugute!"
2110 Z-Zeit (15:10 Uhr CST)
W.W.Keeler-Komplex
Tahlequah, Oklahoma
Hazel Bearpaw verließ mit einem Umzugskarton auf dem Arm das Verwaltungsgebäude und warf einen fast wehmütigen Blick zurück. Einen Moment achtete sie nicht darauf, wohin sie ging und schon prallte sie gegen jemanden, der eben das Gebäude betreten wollte.
"Oh, entschuldigen Sie bitte, ich hab ..."
"Nicht aufgepasst, wohin Sie gehen - hab ich bemerkt, ja." John Ross lächelte und hielt den Umzugskarton fest, bevor er ihr aus der Hand fallen konnte.
"Oh, John, Sie sind das," Hazel hatte gehofft und gefürchtet zugleich, ihm zu begegnen, wenn sie ihre restlichen Sachen aus dem Büro holte, "Was tun Sie hier? Sie wollen doch nicht arbeiten, heute, am Sonntag?"
"Sieht so aus, als würde mir gar nichts anderes übrig bleiben, nachdem ich den Fall verloren habe und mich nun auch noch meine Assistentin verlässt." Ross ließ es wie einen Scherz klingen, aber seine silbernen Augen blickten ernst.
"Ich hoffe, das ändert nichts daran, dass Sie zum obersten Stammesgericht berufen werden? Ihre Niederlage ... ich meine..."
"Sprechen Sie’s ruhig aus, Hazel, genau das war es schließlich: Eine Niederlage. Ich schätze, es dürfte für das Stammesgericht nicht allzu viel ausmachen." Sorry bemühte sich um ein gleichmütiges Lächeln, aber Hazel wusste, dass es – wenn schon nicht dem Stammesgericht – ihm selbst doch einiges ausmachte. Sie wusste, dass sein Engagement, wie bei jedem Fall, hundertprozentig gewesen war und er gehofft hatte, vor Gericht einen Sieg für sein Volk zu erringen.
"John, es war nicht Ihre Schuld; die Fakten kann niemand ändern, selbst der beste Anwalt nicht." sagte die junge Cherokee sanft.
"Ja, Sie haben wohl Recht." brummte John Ross halbherzig.
Unschlüssig, besiegt, mit dem Arm in der Schlinge und den Spuren von Mic Ragsdales Fäusten im Gesicht stand der kleine Mann vor ihr. Hazel konnte sich vorstellen, wie er sich jetzt fühlen musste; sie wusste, wie erstaunlich wenig Selbstbewusstsein der ernste Anwalt manchmal haben konnte.
Sie stellte den Umzugskarton ab, trat plötzlich impulsiv an ihn heran und küsste ihn rasch mitten auf den Mund.
Sorry zuckte heftig zusammen und stieß einen seltsamen Laut aus. "Was ... was ... war das?" brachte er überrascht heraus.
Hazel lächelte ernst. "Ich weiß, Sie kommen sich jetzt ziemlich kläglich und geschlagen vor, aber das brauchen Sie nicht," erklärte sie offen, "ich achte Sie wirklich."
John Sorell Ross erholte sich langsam von seiner Überraschung und begann stattdessen, sich traurig und verärgert zu fühlen. "Und ich würde Ihre Achtung auch gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen, aber das," er tastete über seine zerschlagenen Lippen, "dürfen Sie nicht noch einmal tun. Tun Sie so was nie mehr, ja? Es ist ... ziemlich schlimm für einen hässlichen Zwerg wie mich, wenn eine schöne Frau ihn nur aus Mitleid oder aufgrund töchterlicher Gefühle küsst!"
Die temperamentvolle Hazel gab dem Karton einen wütenden Tritt, der den Inhalt über den Parkplatz rollen und John überrascht die Augen aufreißen ließ. "Verdammt noch mal, Sie sind weder hässlich noch ein Zwerg – und Sie sind nicht mein Vater! Meine Gefühle Ihnen gegenüber sind nicht im Geringsten töchterlich, also hören Sie endlich auf, ständig den alten Mann und väterlichen Freund zu spielen!" Helle Funken tanzten in ihren haselnussfarbenen Augen.
John Ross stand sprachlos da und starrte sie an. Trotz ihres manchmal recht heftigen Temperaments und des Vertrauens, das nach ihrer jahrelangen Zusammenarbeit zwischen ihnen herrschte, hatte sie ihm niemals auf diese Weise die Meinung gesagt.
Noch immer wütend, zugleich aber auch verlegen über ihren Ausbruch, begann Hazel, die auf dem Parkplatz verstreuten Gegenstände wieder einzusammeln.
Sorry erholte sich langsam von seiner Überraschung. Er bückte sich und hob ihr Namensschild auf, doch statt es ihr zu geben, starrte er einen Moment lang wortlos darauf hinab. "Hazel..."
"Schon gut, John," Hazel legte behutsam ein gerahmtes Foto, das sie, Ross und den Rest des Teams zeigte, in die Kiste zurück, "ich hab’s nicht so gemeint. Ich schätze Ihre Freundschaft, wirklich ... nur..."
"Nur?" Sorrys Silberaugen sahen sie erwartungsvoll an.
Hazel seufzte. "Nur könnte ich Ihnen manchmal wirklich den Hals umdrehen, wenn Sie mir ständig mit dem Altersunterschied kommen!"
"14 Jahre sind 14 Jahre, Hazel." meinte John Ross ernst.
Hazel nickte. "Richtig, John – 14 Jahre sind 14 Jahre. Aber mehr auch nicht. Das allein kann doch wirklich kein Grund sein!"
"Kein Grund für was?" fragte Sorry stirnrunzelnd. Sie meinte doch nicht wirklich das, was er glaubte ... oder doch?
"Vergessen Sie’s einfach, okay?" Hazel schien sich zu ärgern, dass sie überhaupt etwas gesagt hatte. Sie hatte jetzt die letzten Gegenstände eingesammelt und ging zu ihrem Auto hinüber.
"Kein Grund für was?" wiederholte John seine Frage, diesmal eindringlicher. Er folgte ihr zu dem alten Ford hinüber.
Hazel schloß die Wagentüre auf und stellte den Karton auf den Rücksitz. "Ich sagte doch, vergessen Sie’s, es ist nicht weiter wichtig." behauptete sie unwirsch.
John Ross hielt noch immer ihr Namensschild in der Hand, als sei das ein Pfand dafür, dass sie nicht einfach wegfahren würde. "Hazel! Ich möchte nicht raten müssen!" Er wandte seine Vorgesetzten-Stimme, erprobt in sechs langen Jahren der Zusammenarbeit, an.
Hazel grinste schwach. "Das funktioniert nicht, John. Sie sind nicht mehr mein Chef, schon vergessen?" Sie schlug die Autotüre zu und machte Anstalten, die Fahrertüre zu öffnen.
Sorry seufzte. "Na schön, dann rate ich eben." Er steckte ihr Namensschild ein und zog Hazel ohne jede Vorwarnung zu sich heran. Sanft, aber fest und gewiß nicht väterlich küsste er sie.
Hazel erstarrte beinahe geschockt. John glaubte bereits, alles falsch interpretiert und einen Fehler gemacht zu haben, wollte sie eilig loslassen und sich entschuldigen, als er spürte wie die überraschte Hazel seinen Kuß erwiderte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder voneinander lösten.
"Uff!" Hazel hielt sich an ihrem früheren Vorgesetzten fest als seien ihr die Knie weich geworden, "Was ist mit meinem Namensschild?" Seltsamerweise war das das erste, was ihr in den Sinn kam.
"Das muß ohnehin geändert werden!" meinte John zweideutig und zog sie erneut in eine enge Umarmung, "und im Übrigen sind es nur 13 Jahre, 8 Monate und zwei Tage."
2135 Z-Zeit (15:35 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
"Hey, Harmon, Sarah!" Der alte Cherokee öffnete schwungvoll die Türe und lächelte seinen beiden Gästen strahlend zu, "Bevor Sie morgen abreisen, müssen Sie unbedingt am Ato-huna teilnehmen."
"Ato-huna? Ich hoffe doch sehr, das ist nicht wieder eine dieser Zeremonien, bei der man am Schluß plötzlich verlobt oder verheiratet ist, oder?" Harm grinste und fügte mit einem verschwörerischen Blick zu MacCoinnich hinzu: "Sie wissen doch, dass ich Ihrer Enkelin versprochen bin."
"Keine Sorge," beruhigte Will MacCoinnich schmunzelnd, "das Ato-huna ist ein rein platonisches Ritual der Vergebung und der Erneuerung von Freundschaften und eines der wichtigsten Cherokee-Feste überhaupt. Ich dachte, es würde Sie vielleicht interessieren." Der Halb-Cherokee hatte schon vor vielen Tagen bemerkt, dass die beiden Offiziere viel mehr als nur Arbeitskollegen waren. Er ahnte, wie viel ihre Freundschaft bereits durchgemacht hatte und wie viel sie beiden trotz allem immer noch bedeutete.
"Na, wie wäre es, Mac?" Harm sah sie fragend an, so als hätte er für sich selbst entschieden, dass Mac diejenige war, die alles zu bestimmen hatte, solange sie hier in Oklahoma waren.
"Okay." Mac versuchte, ihre Stimme so ruhig zu halten, als nehme sie jeden Tag an einem Ritual zur Freundschaft-Erneuerung teil.
Will MacCoinnich nickte zufrieden. Sie verließen das Haus und Harm öffnete für Mac und den alten Mann zwei Türen ihres Mietwagens, bevor er hinter dem Steuer Platz nahm. Da Mac noch immer den Arm in der Schlinge trug, erübrigte sich die Diskussion darüber, wer fahren würde.
MacCoinnich dirigierte ihn zielsicher durch die Straßen Tahlequahs. Schon nach kurzer Zeit erreichten sie den Stadtrand und ihr Gastgeber bedeutete Harm, sich an einen Fluß zu halten, der in der Nähe der Straße dahinfloß.
"Da ist es," sagte der alte Cherokee nach einer Weile. Harm hätte dieses Hinweises nicht bedurft, denn an einer Stelle, an der der Fluß einen Bogen machte, brannte ein großes Feuer, ähnlich dem, das vorige Woche bei der Hochzeitszeremonie benutzt worden war. Etwa zwanzig Personen, die meisten deutlich indianischer Abstammung, standen um das Feuer herum.
Harm, Mac und ihr cherokesischer Begleiter stiegen aus und näherten sich der Gruppe am Feuer.
Mac sah sich um und stellte fest, dass die meisten Cherokee in Zweier-Paaren beisammen standen; Frauen, Männer; einige Paare bestanden auch aus Freunden des entgegengesetzten Geschlechts. Die Cherokee sahen auf und begrüßten die drei Neuankömmlinge mit freundlichen Worten oder einfach nur einem Lächeln. Mac wurde das Gefühl gegeben, schon ewig in dieser Gemeinschaft zu leben und nicht eine Fremde zu sein.
Ein Mann, MacCoinnichs Erklärungen zufolge der "Feuerhüter", war gerade dabei, das Feuer zu löschen und zwei Meter daneben neues Brennholz aufzuschichten. "Das Fest beinhaltet auch das Erneuern des heiligen Feuers – es wird gereinigt und erneuert, damit es stärker und heller brennt als je zuvor, genau wie unsere Freundschaften." erläuterte Will MacCoinnich ruhig.
Harm und Mac folgten der Gruppe an das Ufer des Flusses und sahen zu, wie sich ein Paar nach dem anderen hinkniete und Wasser über die Schultern zurückwarf.
"Erinnert mich an eine Taufe." flüsterte Mac, die sich mit ihren beiden Begleitern im Hintergrund hielt und die Zeremonie nur beobachtete.
Der alte Will schüttelte den Kopf. "Man wirft sieben Mal – Sie erinnern sich, das ist die heilige Zahl der Tsalagi – Wasser über seine Schulter und streift dabei alle seine Erwartungshaltungen ab. Man lässt das Klammern an die Dinge, die hätten sein können, los; alles, worüber man sich geärgert, gestritten oder das man totgeschwiegen hat und man vergibt. Das Wasser soll alles, was die Freundschaft beeinträchtigt und belastet hat, wegwaschen; die Ignoranz, die Zweifel, die Angst und die Einsamkeit."
Harm und Mac sahen zu, wie das letzte Paar, zwei junge Cherokee-Frauen, das Ritual beendeten und Seite an Seite weggingen. Sie strahlten eine Ruhe und Harmonie aus, wie Mac sie in den vergangenen Monaten vergebens gesucht hatte.
Der Feuerhüter machte sich bereit, das neue Feuer zu entzünden und die Zeremonie so zu vollenden.
Mac trat schnell einen Schritt vor. "Sa-qui-i nv, ho-wa-tsu." bat sie respektvoll, überraschte damit alle Anwesenden – inklusive sich selbst.
Harm, der stirnrunzelnd zusah, warf MacCoinnich einen fragenden Blick zu.
"Sie sagt: Einen Moment, bitte." übersetzte der Cherokee mit einem stolzen Lächeln. Macs plötzliches Eingreifen in die Zeremonie schien ihn nicht zu überraschen.
Mac drehte sich um. "Harm?"
Harm begriff plötzlich. Er lächelte und freute sich insgeheim, dass Mac daran lag, ihre Freundschaft zu erneuern. "Ich wäre nicht zur Navy gegangen, wenn ich wasserscheu wäre." meinte er grinsend.
Zwei Dutzend neugieriger Blicke folgte ihnen als sie zum Fluß gingen. Seite an Seite knieten sie im feuchten Ufersand nieder und tauchten siebenmal die Hände ins Wasser, warfen es über ihre Schultern zurück.
"Heißt das, jetzt ist alles vergeben und vergessen?" fragte Mac leise und sah ihren Partner von der Seite her an.
"Dazu brauche ich kein Cherokee-Ritual, Mac," gab Harm ernst zurück, "Ich habe niemals ein Urteil über Sie gefällt, Mac, das haben Sie selbst getan. Verzeihen Sie sich erst mal selbst, alle anderen werden schon damit fertig, auch einmal von Ihnen enttäuscht worden zu sein. Glauben Sie, unsere Freundschaft wäre beendet, nur weil Sie mich einmal belogen haben? Okay, es ist nicht gerade eine meiner liebsten Erinnerungen an unsere Zusammenarbeit – und ich wette, Ihre auch nicht - aber glauben Sie im Ernst, ich würde hier mit jemandem im Schlamm knien, an dem mir nichts liegen würde?"
Fragend sah er Mac an und als sie zögernd, aber erleichtert lächelte, breitete sich eines seiner breiten Flyboy-Grinsen auf seinem Gesicht aus. "Na also. Und jetzt auf die Füße mit Ihnen, Marine!"
Gemeinsam erhoben sie sich und kehrten zu Will MacCoinnich zurück, der ihnen ruhig zulächelte und ganz genau zu wissen schien, was am Fluß gesprochen worden war. Harm stellte fest, dass ihn das nicht beunruhigte. Er wusste, dass der Cherokee nie ein Wort darüber verlieren würde. Er schien ganz genau zu wissen, welche wertvolle Gabe Macs Vertrauen war und Harm las in seinen dunklen Augen, dass er Mac mochte und nicht vorhatte, dieses Vertrauen irgendwie zu enttäuschen.
Der Feuerhüter entzündete das neue Feuer, das tatsächlich – wie MacCoinnich es vorhergesagt hatte – heller brannte als das alte. Harm und Mac warfen sich einen schnellen Blick zu und lächelten stumm.
Als sie zum Auto zurückgingen, kamen ihnen Hazel Bearpaw und John Ross entgegen.
"Dachten wir uns doch, dass wir Sie hier finden." begrüßte Hazel sie heiter.
"Wir hätten da eine Bitte..." fügte John erklärend hinzu, als er die fragenden Blicke der beiden Offiziere sah.
"Sagen Sie nicht, Sie suchen einen Verteidiger für Mic Ragsdale!" scherzte Harm.
Sorry lachte. "Nein, keine Sorge, das ist es nicht, mit Ragsdale werden unsere Anwälte schon selbst fertig. Unsere Bitte betrifft einen alten Tsalagi-Brauch..."
Harm und Mac sahen sich an und verzogen grinsend das Gesicht. "Ähm, eigentlich haben wir erst mal genug von Ritualen." meinte Mac auf ihre Uniformhose zeigend, die bis zu den Knien naß und mit Schlamm bespritzt war.
"Und ich bin immer noch Mister MacCoinnichs Enkelin versprochen." fügte Harm scherzhaft hinzu.
Der alte Cherokee lachte laut.
Hazel und John warfen sich einen amüsierten Blick zu. "Nein, keine Angst, wir Tsalagi haben auch noch Bräuche, bei denen die Zuschauer weder naß noch verlobt werden," beruhigte sie Hazel, "Wir wollten Sie nur fragen, ob Sie im nächsten Jahr unsere u-se-di sein möchten."
Wieder ein einvernehmlicher Blick zu John Ross. Harm kam die ganze Sache reichlich spanisch – beziehungsweise cherokesisch – vor. Er sah zu Mac hin, die sich besser mit der Cherokee-Sprache auskannte.
"Ähm, ich beherrsche Ihre Sprache noch nicht so gut und ich glaube, ich habe da eben etwas völlig falsch verstanden. Sie haben gerade sicher nicht u-se-di gesagt, oder?" Mac blickte verunsichert drein.
"Hat sich für meine alten Ohren aber doch so angehört." brummte Will MacCoinnich. Er und Mac sahen sich einen Moment lang fassungslos an und lachten dann.
Harm verschränkte die Arme vor der Brust. "Würde es jemandem etwas ausmachen, mir auch mal zu erklären, was dieses u-se-di bedeutet?" verlangte er ungeduldig.
"Es bedeutet: Trauzeugen, Commander." erklärte John Ross und strahlte mit Hazel um die Wette.
Harm hob die Augenbrauen und sah die beiden überrascht an.
"Mund zu, Flyboy!" kommentierte Mac grinsend und zu den beiden Cherokee gewandt: "Wir kommen gerne."
Sie setzten ihren Weg zum Mietwagen fort. "Ach, und noch eine kleine Inspiration," sagte Harm über die Schulter zurück und grinste, "Mein Vorname ist übrigens Harmon ... nur falls Sie sich demnächst mal mit Vornamen beschäftigen sollten!"
Als sich die Autotüre schloß, hörte man nur noch ein Geräusch als klatsche etwas gegen ein Stück Stoff und dann Harms Stimme, die sich beschwerte: "Hey, Mac, seit wann greifen Marines schwerverletzte Männer an?!"
0145 Z-Zeit (19:45 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
Harm öffnete die Türe des Zimmers, das er sich in den vergangenen zwei einhalb Wochen mit Mac geteilt hatte, und fand seine Partnerin beim Packen vor. Amüsiert sah er zu, wie sie vier Paar Schuhe in ihrer Tasche verstaute. Morgen früh um 8 Uhr würde ihr Flugzeug in Oklahoma City starten und sie würden nach Hause, nach Washington D.C., fliegen.
"Hey, Mac, haben Sie mal eine Minute Zeit für mich? Wissen Sie noch, was Sie mir versprochen haben?" Harm lehnte sich gegen den Schreibtisch und verschränkte vorsichtig die Arme – er musste noch immer ein wenig auf seine Rippen Acht geben.
"Was denn, kommt jetzt wieder die Mitleidstour und ich soll Ihnen Ihre Sieben-Sachen zusammenpacken? Daran könnte ich mich aber erinnern, wenn ich das versprochen hätte!" protestierte Mac scherzend.
Harm grinste. "Nein, darum geht es nicht ... obwohl das nicht heißt, dass Sie nicht herzlich eingeladen sind..." Er verstummte, als Mac drohend einen Schuh schwang, "okay, okay, ich denke, ich schaffe das Kofferpacken auch alleine, danke der Nachfrage." Harm wurde wieder ernst, "Mac, wir wollten uns noch zuende unterhalten, sobald wir in Sicherheit sind, erinnern Sie sich? Nun, das hier sieht mir ziemlich sicher aus, also..."
Mac seufzte unterdrückt. Hatte sie wirklich ernsthaft gehofft, Harm würde es einfach vergessen? "Na schön, Harm, nicht dass Sie nachher behaupten, wir Marines würden vor der erstbesten Herausforderung davonlaufen."
"Mac, ich fordere Sie nicht heraus, ich möchte nur mit Ihnen reden." wandte Harm sanft ein.
Mac musste lächeln. Harm hatte genau die richtigen Worte und den richtigen Tonfall gewählt. Jetzt, nach dem Cherokee-Ritual, das ihr deutlich gemacht hatte, dass ihnen beiden ihre Freundschaft zu wertvoll war, um sie einfach so wegen dem, was geschehen war, wegzuwerfen, sah sie dem Gespräch mit einer anderen Einstellung entgegen und war weniger defensiv.
Harm dirigierte Mac zur Sofaliege hinüber, auf der Mac zwei Wochen lang übernachtet hatte und setzte sich ihr gegenüber. Er dachte an vorgestern ... war es wirklich erst zwei Tage her? Er wusste noch wie er, der Nicht-Reiter, sich mit seinen gebrochenen Rippen auf dem Pferd gefühlt hatte; naß, durchgefroren und vor allem nicht in der Lage, den anderen irgendwie behilflich zu sein. Er haßte es, untätig und hilflos zu sein. Das einzig gute an der ganzen Situation war Mac gewesen. Mac, die das schwere Gepäck völlig alleine getragen hatte. Mac, die sich beharrlich geweigert hatte, ihn zurückzulassen, obwohl es weiß Gott leichter für sie gewesen wäre. Mac, die mit dem Pferd umgehen konnte als wäre sie John Wayne persönlich. Mac, die einfach ungefragt seinen Wache übernommen hatte. Mac, die ihn, den 90 kg-Mann, von der Brücke gezogen hatte als er abzustürzen drohte. Sie war in den letzten Tagen – wie Will MacCoinnich es ausgedrückt hatte – ganz klar die "Starke" in ihrer Beziehung gewesen und Harm hoffte, dass ihr das ihr altes Selbstvertrauen zurückgab. Was ihr Vertrauen in ihn – und seines in Mac – anbetraf ...
"Mac, wissen Sie noch über was wir gesprochen haben, bevor wir den Fluß erreichten?" Die Marine-Corps-Offizierin nickte. "Sie haben mir erklärt, warum Sie sich nicht haben scheiden lassen – und ich denke, ich kann das jetzt nachvollziehen, wenigstens so einigermaßen. Was ich aber immer noch nicht verstehe ist ... wieso Sie nicht früher zu mir gekommen sind und mir alles erzählt haben."
"Ach, Sie waren zu dieser Zeit selbst ziemlich beschäftigt und ..."
"Mac, ich hab schon mal gesagt, dass es mir leid tut, dass ich keine Zeit hatte, aber es war wirklich nur ein unglücklicher Zufall, dass Bobbie ausgerechnet in meinem Apartment war, als Sie mit mir reden wollten." Harm wusste selbst nicht, warum er sich plötzlich vorkam, als müsste er sich vor Mac rechtfertigen.
"Davon rede ich doch gar nicht, Harm – jedenfalls nicht nur. Ich rede davon, daß Sie mental mit Bobbie beschäftigt waren. Sie haben zuerst sogar gedacht, Bobbie wäre am Telefon, als ich Sie anrief, wissen Sie noch?"
"Hmm," Harm zupfte eine Falte aus seiner Uniformhose, "Ich hatte eben nicht damit gerechnet, dass meine Partnerin plötzlich mitten in der Nacht anruft, weil ich sie aus dem Gefängnis holen muss. Mac, ich dachte wirklich, Sie wollten mit mir nur über einen Fall reden und Sie haben mich ja auch in dem Glauben gelassen, anstatt ein Wort zu sagen. Ich hätte Bobbie doch sofort..."
"Und genau das wollte ich nicht, Harm," unterbrach ihn Mac mit Nachdruck, "Sie führen Ihr eigenes Leben und müssen sich nicht noch 24 Stunden am Tag mit meinen Problemen herumärgern."
"Hey, jetzt mal ganz langsam, Mac, hätten Sie das nächste Mal bitte die Güte, mich selbst entscheiden zu lassen, mit was ich mich ‚herumärgern’ will und mit was nicht? Mac, für was hat man denn Freunde, wenn nicht, um sich in Notzeiten ein wenig helfen zu lassen? Aber nein, Sie behaupten erst, es ginge Ihnen gut und als ich Sie endlich soweit hatte, zumindest ein ‚kleines Problem’ einzugestehen, da haben Sie mir die Türe vor der Nase zugeschlagen, nur weil Bobbie Latham mich im Büro angerufen hatte."
Mac seufzte. "So ... bin ich eben," Sie wuschelte sich mit der Hand durchs Haar, was sie jung und ein wenig ratlos wirken ließ, "Ich habe es noch nie gemocht, meine Probleme mit jemandem zu teilen ... außer mit einer Flasche Wodka vielleicht," fügte wie zu sich selbst gewandt hinzu.
Harm nickte. Er hatte immer gewusst, dass es Mac schwer fiel, Vertrauen zu fassen. Schon am ersten Tag hatte sie ihm gesagt: "Sie können sehr nett lächeln und ich bin sicher, meistens erreichen Sie damit auch, was Sie wollen, aber ich kenne Sie nicht, Commander, und wenn es Ihnen nichts ausmacht, behalte ich meine privaten Gründe für mich." Er konnte sich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen, und daran, dass er volle zwei Tage gebraucht hatte, bevor er sie auch nur zum Lächeln gebracht hatte.
"Mac, ich meine nicht in erster Linie, wieso Sie nicht mit mir geredet haben, als Raggle ... Ragle schon aufgetaucht war, sondern schon zuvor. Selbst der Admiral, der doch wirklich nicht gerade für Small-Talk beim Kaffee-Klatsch bekannt ist, hat uns von seiner gescheiterten Ehe erzählt. Sie hätten doch einfach einmal erwähnen können, dass Sie mal verheiratet waren – und jetzt sagen Sie bitte nicht, dass Sie mich noch nicht gut genug kannten. Mac, Sie wissen fast soviel über mich wie meine eigene Mutter und inzwischen haben Sie mir auch so einiges von sich erzählt, von ihrer Alkoholabhängigkeit, von dem Autounfall und Eddie, von Ihrem abhängigen Vater und Ihrer Mutter, die Sie verlassen hat ... und da haben Sie einfach ‚vergessen’ Ihre Ehe zu erwähnen?"
Mac rollte mit den Augen. "Kann schon sein. Schließlich haben Sie mir ja auch nicht immer alles erzählt, oder?"
"Sie spielen auf Dianes Mörder an, stimmt’s? Darauf, dass ich Ihnen nicht gesagt habe, dass ich seit zwei Jahren hinter dem Mörder her war. Ich weiß noch, dass ich Sie damals gefragt habe, ob Sie nie Geheimnisse vor mir gehabt haben und Sie sagten, dass Sie mir sogar erzählen, wenn Sie zum Zahnarzt gehen," Harm bemerkte selbst, wie anklagend seine Worte klangen und verstummte. So würde das Gespräch zu nichts führen, außer dass sie sich wieder gegenseitig verletzten, "Okay, lassen wir das, Mac, es bringt nichts, wenn wir uns hier gegenseitig Vorwürfe machen. Alles, was ich wissen möchte, ist, warum Sie mir nicht genügend vertraut haben, um mit mir zu reden."
"Das war keine Frage des Vertrauens, Harm – ich vertraue Ihnen hundertprozentig, das müssten Sie eigentlich wissen," Aufrichtig sah Mac ihn aus ihren braunen Augen an, "Ich wollte einfach nicht, dass Sie eine schlechte Meinung von mir bekommen. Ich hatte Ihnen diese Ehe schon so lange verschwiegen und konnte mir ja denken, welchen Eindruck es machen würde, wenn ich Ihnen nach drei Jahren plötzlich sage: ‚Im Übrigen ist mein Mann wieder aufgetaucht.’ Und außerdem, Harm, was hätten Sie denn getan, wenn ich es Ihnen erzählt hätte, wenn Bobbie zum Beispiel nicht dagewesen wäre?"
"Ich weiß nicht, Mac," gab Harm offen zu, "auf jeden Fall hätten Sie sich erst mal Ihre ganzen Sorgen von der Seele reden können, anstatt immer nur alles in sich hineinzufressen. Vielleicht hätte ich nicht wirklich etwas tun können oder wäre mit Farrow und Ihnen hinter Gittern gelandet, wer weiß das schon?" Harm lächelte ein wenig bei dem Gedanken, "Aber ich hätte zumindest für Sie dasein können, als Sie jemanden brauchten. Aber vielleicht ... bin ich ja auch selbst dran schuld. Vielleicht hätte ich hartnäckiger sein müssen, vielleicht ein bisschen sensibler... oder ein wenig mehr Vertrauen in Sie haben sollen."
"Harm, tun Sie das nicht," bat Mac eindringlich, "Machen Sie das nicht zu Ihrer Sache, zu etwas, an dem Sie schuld sind. Ich sagte doch, dass es keine Sache des Vertrauens war."
"Ich habe Sie aus dem Gefängnis geholt und an Ihre Integrität geglaubt, ja," Harm sprach unbeirrt weiter, "Ich habe beim Admiral darum gekämpft, Sie verteidigen zu dürfen und sogar Bugme ... Brumby versichert, dass Sie keine Mörderin sind. Dennoch habe ich Sie nie gefragt, ob Sie Ihren Mann getötet haben oder nicht. Ich wollte Sie nicht einmal im Zeugenstand haben. Ich war mir einfach nicht sicher."
Mac sah ihn an und ihr Blick war warm. Sie hatte Harm schon so oft im Gerichtssaal erlebt; sie wusste, wie geschickt er Zeugen befragen und Angeklagte im Zeugenstand dazu bringen konnte, sich selbst zu belasten, ehe sie es überhaupt merkten. Sein oberster Leitsatz war immer die Wahrheit gewesen. Doch bei dieser einen Verhandlung, als Mac selbst auf der Anklagebank gesessen hatte, da hatte er zum ersten Mal nicht weitergefragt; er hatte darauf verzichtet, die Wahrheit zu erfahren, um sie zu schützen.
"Vielleicht hätte ich einfach mehr Vertrauen haben sollen," wiederholte Harm, "Als ich des Mordes an diesem russischen Boten angeklagt wurde, da haben Sie nicht eine Sekunde an mir gezweifelt. Sie waren die einzige, die immer an meine Unschuld geglaubt hat. Carolyn hat mir mal erzählt, was Sie ihr gesagt haben: ‚Wenn Harm sagt, er hat es nicht getan, dann hat er es auch nicht getan.’ Vielleicht hätte ich ein wenig von Ihrem Vertrauen haben sollen und weniger Zweifel."
"Harm," Mac legte ihm sanft die Hand auf den Arm, "ich habe deshalb nie an Ihrer Unschuld gezweifelt, weil Sie mir gesagt haben, dass Sie es nicht waren. Ich habe Ihnen während meiner Verhandlung aber nie so etwas gesagt. Wie hätten Sie an meine Unschuld glauben sollen, wenn ich es selbst nicht getan habe? Also, bitte, hören Sie auf, sich irgendeine Schuld zu geben, es führt zu nichts – ich weiß das. An dem, was geschehen ist, trägt niemand eine ‚Schuld’ – in gewissem Sinn hat Chris sich alles selbst zuzuschreiben. Ich hatte ihn nie eingeladen, wieder in mein Leben zu treten." Macs Stimme gewann an Entschlossenheit.
Harm sah sie an, einige ewig scheinende Sekunden lang, ohne etwas zu sagen oder auch nur eine Miene zu verziehen – nur seine graublauen Augen leuchteten. Dann breitete sich sein berühmtes Flyboy-Grinsen auf seinem Gesicht aus. "Dem Argument wird stattgegeben! Niemand trägt irgendeine Schuld, niemand inklusive Ihnen, verstanden, Marine?" Eindringlich ruhte sein Blick auf ihr.
Beinahe verwundert sah Mac ihn an. Hatte er etwa von Anfang an beabsichtigt, das Gespräch zu diesem Punkt zu lenken; ihr zu dieser Einsicht zu verhelfen? "Harm..."
"Es gibt immer mehrere Betrachtungsweisen, Mac – ich wollte Ihnen nur eine aufzeigen." Er lächelte noch immer.
Mac erinnerte sich sofort. "Der Carnopode, hm?" Sie begann ebenfalls zu grinsen, "Harm, Sie sind aber kein Fleischfresser, sondern Vegetarier."
"Ich bin ein Vegetarier mit einem ungepackten Koffer." widersprach Harm und erhob sich.
Mac hielt ihn rasch am Ärmel fest und sah lächelnd zu ihm auf. "Wird dazu noch ein Marine gebraucht?"
"Wenn Sie versprechen, die Finger von meinen Schuhen zu lassen." Harm ergriff ihre Hand, drückte sie kurz und zog Mac hoch. Gemeinsam gingen sie zu Harms Teil des Schrankes hinüber.
0214 Z-Zeit (20:14 Uhr CST)
Haus von William MacCoinnich
Tahlequah, Oklahoma
"Sarah?" Will MacCoinnich sah zur Türe herein, "Oh..." Der alte Cherokee schmunzelte und wollte sich wieder zurückziehen, als er Mac mit einem von Harms Unterhemden in der Hand vorfand.
Mac stopfte schnell das Unterhemd in Harms Reisetasche und erhob sich. Harm kam mit seinem Rasierzeug aus dem kleinen Badezimmer. "Hallo, Mister MacCoinnich. Können wir Ihnen irgendwie helfen?" fragte er sofort höflich.
"Ich muß vor Ihrer Abreise noch mit Ihnen reden." entgegnete der Cherokee ernst.
Harm hob leicht die Brauen und nickte ihrem Gastgeber zu. "Oh, kein Problem." Er machte einen einladende Handbewegung.
"Nicht, dass ich Ihr Flieger-Ego verletzen will..." William MacCoinnich blinzelte Harm verschwörerisch zu und lächelte entschuldigend, "aber ich meine eigentlich Sarah."
Falls Harm überrascht war, so gelang es ihm gut, das zu verbergen. "Wir sind hier sowieso fertig, oder, Mac? Ich werde dann schon mal unsere Sachen ins Auto bringen." Er schloß seine Reisetasche, nahm Macs in die andere Hand und ging.
"Ein aufmerksamer junger Mann, hm?" meinte Will MacCoinnich, während er ihm nachsah.
"Ja," bestätigte Mac mit einem knappen Lächeln, wurde dann aber schnell wieder ernst und sah den alten Mann besorgt an, "Ist alles in Ordnung?"
Will lächelte. "Ich hoffe es." antwortete er mysteriös. Obwohl sie nicht genau sagen konnte, warum, gewann Mac irgendwie den Eindruck als ob der Ex-Marine nervös war und das machte auch sie unruhig. Wenn etwas geschehen war, was den ausgeglichenen, weisen alten Mann aus der Ruhe brachte, wie sollte dann erst sie damit fertig werden?
"Mister MacCoinnich?" fragte sie als das Schweigen länger andauerte, "Sie sind doch sicher nicht gekommen, um mit mir über Harms gute Erziehung zu sprechen, oder?"
Der Halbindianer lachte. "Nein, sicher nicht," gab er zu, "aber Sie scheinen sich ... ziemlich gut mit ihm zu verstehen und mir kommt es auch so vor, als ob Sie jetzt entspannter sich selbst gegenüber wären als bei Ihrer Ankunft hier." Fragend sah er Mac an und diese nickte zögernd.
"Sagen wir einfach, es war ein ziemlich ereignisreicher und lehrhafter Aufenthalt in der Cherokee Nation." erklärte sie schmunzelnd. Wie schon auf ihrem Trip durch die Wildnis hatte sie Will MacCoinnich gegenüber nicht das Gefühl, sich mit Masken und Schutzmauern umgeben zu müssen.
MacCoinnich lächelte in aufrichtiger Freude. "Dann sollte ich Ihnen jetzt vielleicht erklären, wieso Sie hier sind."
"Wieso ich hier bin? Wegen dem Prozeß, der über die Verhandlung vor dem Supreme Court entschieden hat, natürlich. Oder nicht?" Irritiert sah Mac ihn an.
"Ja, natürlich, aber glauben Sie nicht, dass Washington dafür eher einen Anwalt des Büros für Indianerangelegenheiten hinzugezogen hätte, statt einer Militäranwältin, die noch nie zuvor mit Indianerrecht zu tun hatte?"
Die braunen Augen des Cherokee blickten freundlich, so dass der Hinweis Mac nicht verletzte. Ihre Verwirrung nahm jedoch zu. "Soviel ich weiß, haben die Tsalagi selbst darauf bestanden, dass ausgerechnet ich hierher geschickt werde; vielleicht, weil ich Cherokee-Vorfahren habe..." Mac zuckte die Schultern. Als Mitglied der Streitkräfte musste man es eben manchmal in Kauf nehmen, Befehlen zu gehorchen, ohne das Warum zu kennen.
"Ja, damit hat es zu tun, aber es sind nicht einfach nur irgendwelche Cherokee-Vorfahren, Sarah. Ich weiß, ich hätte Ihnen das von Anfang an sagen müssen, aber ich wollte Sie ... dich erst mal kennen lernen und sehen, ob du Joseph ähnelst..."
Mac sprang auf. "Moment mal! Soll das etwa heißen...?" Fassungslos starrte sie den alten Mann an.
Will MacCoinnich erhob sich ebenfalls von der Couch, um auf Augenhöhe mit Mac zu sein. "Daß du meine Enkeltochter bist, Sarah, ja das heißt es." Ernst sah er sie an.
Mac machte zwei schnelle Schritte auf und ab, wie ein Raubtier im Käfig. Sie zweifelte nicht einen Moment an der Wahrheit seiner Worte. "Das hätten Sie ... hättest du mir ALLERDINGS früher sagen müssen!"
Ihr Großvater sah sie aus seinen ruhigen, dunklen Augen an. "Hätte es denn etwas geändert?"
Mac versuchte, sich zu beruhigen, sachlich zu überlegen und fair zu bleiben. "Nicht zum Besseren jedenfalls," gestand sie nach einer Weile, "ich habe nicht unbedingt das beste Verhältnis zu meinem Vater."
"Ich habe seit über 35 Jahren keinen Kontakt mehr zu Joseph, aber dadurch wollte ich mir nicht die Chance nehmen lassen, meine Enkelin kennenzulernen. Ich habe dein Leben und deine Karriere aus der Ferne verfolgt und als sich die Gelegenheit bot ... da habe ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit man dich herschickte."
"Wer wusste davon? John Ross?" wollte Mac wissen. Sie fühlte sich noch immer völlig überrumpelt.
"Nein, niemand wusste es, auch nicht John – obwohl er dein Großcousin ist." Will MacCoinnich musste lachen als Mac leise stöhnte. Vermutlich dachte sie jetzt an all die indianischen Verwandten, die ihr plötzlich beschert wurden.
"Und was hast du nun davon, dass du mich kennengelernt hast?" erkundigte sich Mac noch immer ein wenig verständnislos.
"Was ich davon habe? Zum Beispiel das Wissen, dass es jemanden gibt auf der Welt, auf den ich stolz sein kann – und ich bin sehr, sehr stolz auf dich, das kannst du mir glauben! Du bist mir ähnlicher, als Joseph es je war. Du bist ein Marine, du hast dieselbe Fähigkeit, die Zeit anzugeben und selbst an der Fliegerei bist du nicht völlig vorbeigekommen." Der Cherokee grinste und zum ersten Mal erwiderte Mac das Lächeln.
"Moment mal!" Plötzlich schien Mac etwas aufzufallen, "Wenn Sie ... du mein Großvater bist ... wieso dann der Name MacCoinnich?"
"MacCoinnich ist die alte, gälische Form von MacKenzie, nur ist sie heute eben nicht mehr gebräuchlich. Als dein Vater und ich uns überworfen hatten, habe ich wieder begonnen, mich MacCoinnich zu nennen, so wie es mein Vater oft getan hat."
[ANMERKUNG: MacCoinnich ist tatsächlich die gälische Form von MacKenzie]
Mac nickte nachdenklich. "Und wie geht es jetzt weiter? Ich meine, du weißt doch hoffentlich, dass mein Leben in Washington stattfindet und nicht hier? Ich bin Offizier und Anwältin. Die Kultur der Tsalagi ... sie fasziniert mich, zugegeben, aber sie ist nicht die meine. Das ist nicht meine Welt und nicht mein Leben ... ich hoffe, du verstehst das?" Bittend sah sie den alten Mann an. Sie wollte ihn nicht verletzen, denn sie mochte ihn. Von Anfang an hatte sie sich irgendwie mit ihm verbunden gefühlt. "Jetzt weiß ich ja warum!"
Doch Will MacCoinnich – oder MacKenzie – lächelte nur. "Wenn ich eines aus der Geschichte unseres Stammes gelernt habe, dann das, dass man niemandem einen Weg aufzwingen kann. Jeder muß selbst seinen eigenen Weg finden. Wo du bist und was du tust ändert nichts daran, dass du meine u-we-tsi, meine Enkelin, bist." Sein Blick war so voller Stolz und Wärme, dass es Mac, die so etwas nie von einem Familienmitglied – außer Onkel Matt – kennengelernt hatte, fast zu Tränen rührte.
Mac kam nicht zu einer Antwort, denn plötzlich klopfte es an der Türe. "Oh, Harm ... der Ärmste musste jetzt seit 12 Minuten das Gepäck verladen!" Mac musste lachen und fühlte sich plötzlich besser, weniger verwirrt, betrogen und verärgert.
Vorsichtig streckte Harm den Kopf zur Türe herein und sah zwischen Mac und ihrem Gastgeber hin und her. "Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung, aber draußen ist es doch ziemlich kalt und unten im Wohnzimmer, bei John und Hazel, komme ich mir fast wie ein Eindringlich vor." Er grinste entschuldigend, aber sein Blick war ernst auf Mac gerichtet. Irrte er sich oder sah seine Partnerin ein wenig mitgenommen aus?
"Mac, ist alles okay?" fragte er leise und trat einen Schritt auf sie zu.
"M-hmm," Mac nickte, "Ich hab nur eben Familienzuwachs bekommen." Sie versuchte, es mit Humor zu nehmen, obwohl sie sicher noch eine Weile brauchen würde, bis sie sich an den Gedanken gewöhnt hatte, jetzt einen Großvater zu haben.
Harm sah grinsend an seiner schlanken Partnerin hoch und runter. "Ach ja? Ich muß sagen, dafür haben Sie sich gut gehalten, man sieht Ihnen nicht das geringste an."
"Ha, ha, Flyboy, sehr witzig!" Mac verzog das Gesicht.
"Tja, ich bin eben ein witziger Mann, Mac." gab Harm scherzhaft zurück, aber seine Augen blickten noch immer wachsam und fragten wortlos "Was ist hier los?!"
"Harmon, ich weiß, es war ziemlich blöd und feige von mir, solange zu schweigen, aber ... wie dem auch sei ... ich habe Sarah eben gesagt, dass ich ihr Großvater bin."
Harm hob beide Brauen und war für einen Moment tatsächlich sprachlos. "Ist das Ihr Ernst? Langsam komme ich mir hier vor wie in einer Seifenoper..." Stirnrunzelnd sah er von Mac zu William MacCoinnich und zurück. Tatsächlich, die beiden hatten dieselben tiefbraunen Augen und Wills Lippen kräuselten sich auf dieselbe Art wie Macs, wenn er lächelte. Und dann diese Zeitangaben ... "Ich hätte es wissen müssen!" "Ich schätze, das IST Ihr Ernst, hm?"
"Ist es denn so schwer zu glauben?" fragte Will mit einem leichten Lächeln. Er war froh, dass der beste Freund seiner Enkelin ihn zu akzeptieren schien.
"Na allerdings!" Harm schüttelte den Kopf, "Daß dieser Marine hier Flieger-Gene in sich tragen soll ist wirklich fast nicht zu glauben!" Er grinste breit.
"Genmutationen kommen in den besten Familien vor, Commander." gab der alte Cherokee ungerührt zurück.
Sie lachten alle drei.
- ENDE -
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