Begegnungen


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: August 2000
Klassifikation: etwas Action, etwas persönlicher Hintergrund – einfach überraschen lassen

Inhalt:
Als ein Kadett der Offiziersanwärterschule tot aufgefunden wird, schickt JAG einen Ermittler, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Episoden: Amerika wird erpreßt (We, the People)

Dislcaimers:
Sämtliche Rechte an der TV-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisario Productions, CBS und Paramount.

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1621 Z-Zeit (11:21 Uhr EST)
Officer Candidate School des US Marine Corps
Quantico, Virginia

Der blaue Mietwagen steuerte langsam an der Wache am Tor vorbei und rollte auf das Kasernen-Gelände. Vor der Kommandantur stoppte der Wagen und ein Offizier in der Service Dress Blue-Uniform der Navy stieg aus. Er war groß, etwa 1,90 m, und schlank, jedoch keinesfalls mager, sondern durchtrainiert. Seine Bewegungen waren ruhig, selbstbewußt und zielstrebig. Die Schulterklappen seiner Uniform zeigten drei Streifen, was ihn als Commander auswies, und auf der linken Brust prangte ein goldenes Branchen-Abzeichen über zwei Reihen von Ribbons.

Mit einem raschen Blick sah der Navy-Offizier sich um. Vor ihm lag ein hufeisenförmig angeordneter Gebäudekomplex, über dem die Flagge der USA wehte. Hinter ihm, über dem Tor, das er gerade passiert hatte, verkündete ein großes Schild: "Welcome to OCS, Quantico, Virginia. The Future starts here."

"Nun, zumindest für einen der Kadetten nicht mehr." ging ihm automatisch durch den Kopf.

Der Commander war Anwalt und Ermittler beim Judge Advocate General Corps, kurz JAG genannt, der militärischen Ermittlungsbehörde der Navy. Völlig unverhofft war er heute morgen hierher beordert worden, um in einem vermuteten Mordfall zu ermitteln. Die Eile war natürlich nicht ganz zufällig, denn der Tote war der Neffe des stellvertretenden Verteidigungsministers Mitchell Schoenfeld. Luke Collins – Schoenfelds Neffe mütterlicherseits - war seit einigen Monaten Kadett an der Offiziersanwärterschule des US Marine Corps hier in Quantico, Virginia, gewesen. Gestern hatte man ihn nach einer Geländeübung erschossen aufgefunden.

Mit einem unmerklichen Seufzen ging der Navy-Commander die Treppe hinauf. Es gefiel ihm nicht sonderlich, von Politikern herbeordert zu werden. Seinem Gerechtigkeitsempfinden nach hatte jeder Mensch dieselben Rechte und er bezweifelte stark, daß er jetzt hiergewesen wäre, wäre der Tote einfach nur irgendein Kadett gewesen und nicht gerade der Neffe eines hohen Ministers. Trotzdessen war er wie stets entschlossen, den Unfallhergang zu klären oder den Täter zu finden, sollte sich der "Unfall" wirklich als Mord herausstellen.

Er betrat das Gebäude und steuerte direkt auf den Staff-Sergeant hinter dem Schreibtisch zu. "Guten Morgen, Staff Sergeant, ich bin..."

Der Marine sah auf. "... von JAG, ich weiß, Sir." sagte er mit einem schnellen Blick auf das JAG-Symbol über den Streifen am Ärmel des Commanders. "Der General erwartet Sie bereits." Er deutete auf die Türe hinter ihm. "Gehen Sie nur gleich rein, Sir."

Brigade-General Stephen A. Cheney, Kommandeur der Offiziersanwärterschule, nickte ihm sofort zu, als hätte er ihn tatsächlich schon dringend erwartet. Vermutlich waren seine Vorgesetzten nicht gerade glücklich über den Vorfall und machten ihm nun Druck. "Wo ist Ihre Partnerin, Commander? Man hat mir gesagt, ich hätte zwei JAG-Ermittler zu erwarten. Gerade bei diesem Fall hätte ich ganz gerne eine Frau dabeigehabt. Sieht so aus als könnten wir Eifersucht als Mordmotiv nicht ganz ausschließen. Midshipman Collins war in dieser Hinsicht ziemlich ... aktiv, wie man mir sagte."

"Tut mir leid, Sir, sie wurde wegen eines anderen Falles, der keinen Aufschub erlaubt, nach Italien beordert. Scheinbar hielt man mich für einfühlsam genug, die Ermittlung auch alleine zu führen."

Der Brigadier-General nickte nur und hoffte, daß das wirklich der Fall war. "Tja, ich habe leider nicht viel Zeit, Commander, ich habe in," Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr, "sechs Minuten ein Meeting, das Midshipman Collins Tod betrifft, mit einigen hochrangigen Offizieren. Nur soviel: Meine Offiziere sind darüber informiert, daß Sie kommen und Sie haben die Genehmigung, jeden zu befragen, den Sie befragen möchten. Wenn es irgendwelche Schwierigkeiten geben sollte, dann kommen Sie direkt zu mir, verstanden?"

Der schlanke Navy-Offizier nickte. "Ja, Sir. Ich würde gerne damit beginnen, die Kadetten von Midshipman Collins Zug zu befragen, wenn das möglich wäre, Sir."

"Der Zugführer, Gunnery Sergeant Lowry, wird in wenigen Minuten hier sein, ich habe ihn bereits herbeordert. Das Platoon ist jedoch gerade mitten in einer Feldübung." erklärte Cheney und erhob sich.

Der JAG-Ermittler folgte ihm nach draußen, wo er wie angekündigt auf Gunnery Sergeant Lowry traf, den Ausbilder, der für Collins Zug verantwortlich war. Sie gingen in das kleine Büro, das für die Befragungen zur Verfügung gestellt worden war. Der hochgewachsene Commander bedeutete Lowry, sich zu setzen und verschränkte die Arme vor der Brust. "Sie haben Midshipman Collins gefunden?" erkundigte er sich.

Der afroamerikanische Sergeant nickte ernst. "Ja, Sir. Mein Zug – Zug 21 – ist seit drei Tagen draußen im Feld, zu einer Geländeübung. Die Kadetten sind erst im ersten Jahr ihrer Ausbildung hier, Sir, und wir konzentrieren uns bisher vor allem auf physische Fähigkeiten und ein wenig Taktik. Jedenfalls war Midshipman Collins gestern abend zur Wache eingeteilt und als ich die Posten abging, fand ich ihn tot vor. Keine Spuren weit und breit, aber wen wundert das bei diesem Wetter." Gunnery Sergeant Lowry wies nach draußen, wo es schon wieder regnete.

Der Anwalt nickte, soviel hatte man ihm bereits erzählt. "Collins wurde durch eine Kugel in den Kopf getötet. Weiß man schon etwas Genaueres?" wollte er wissen.

"Ja, Sir. Sieht so aus, als stamme die Kugel aus einem M16A2 Dienstgewehr." entgegnete der Gunny.

Sein Gegenüber brummte nur. Das war nicht sehr hilfreich, denn eine solche Waffe besaß hier jeder Soldat. "Was können Sie mir über Midshipman Collins erzählen, Gunny? Hatte er Feinde? War er beliebt? Gab es Probleme mit der Ausbildung? Besondere Angewohnheiten? Irgendetwas von Interesse?"

"Ich denke schon, daß man Midshipman Collins als beliebt bezeichnen kann, Sir, auch wenn ich das als sein Ausbilder nicht angemessen beurteilen kann. Scheinbar hatte er einen ziemlichen Ruf ... ich meine, der Midshipman war beliebt bei Frauen, wenn Sie verstehen, was ich meine, Sir." Gunny Lowry grinste ein wenig und der JAG-Ermittler nickte, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. "Probleme mit der Ausbildung gab es keine. Collins war recht selbstbewußt. Viel mehr kann ich Ihnen nicht erzählen, Sir."

"Ich möchte gerne mit seinen Kameraden vom Zug sprechen, Gunny." Da der Mord während einer Geländeübung geschehen war, waren die 25 Kadetten des Platoon 21 bisher die Hauptverdächtigen. Die Dienstakten der Offiziersanwärter lagen vor ihm auf dem Tisch und er würde sie durchgehen, bevor er weitere Schritte unternahm.

"Tut mir leid, Sir, aber die bivakieren noch vier Tage lang draußen. Soll die Übung abgebrochen und der Zug zurückbeordert werden?" erkundigte sich Lowry.

"Nein, nicht nötig, ich werde die Kadetten einfach an Ort und Stelle befragen." beschloß der JAG-Officer.

Der Gunnery Sergeant sah ein wenig skeptisch und überrascht die tadellose Uniform des Navy-Commanders an und man merkte, daß er nicht damit gerechnet hatte, daß ein Offizier sich so einfach "die Finger schmutzig machen" würde. Der Militärjurist tippte sich auf das Goldabzeichen auf der Brust und meinte mit unmerklichem Grinsen: "Ich bin an ein wenig Unwetter gewöhnt, Gunny!"


1856 Z-Zeit (13:56 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

Der hochgewachsene Mann von JAG blätterte die Ermittlungsakte durch, als er auf den nächsten Kadetten wartete. Er saß in einem Klappstuhl im Zelt des Ausbilders von Zug 21. Der Regen prasselte ohne Unterbrechung auf das Dach des Zeltes und draußen war es so dunkel als sei es bereits Abend und nicht noch mitten am Tag. Die Öllampe auf dem kleinen Schreibtisch warf lange Schatten an die Zeltwand. Von draußen waren gedämpfte Befehle der Ausbilder zu hören, die die Kadetten mit Gewehren durch den Schlamm robben ließen.

Der Commander drehte den Kugelschreiber so in seinen starken Händen herum, als wolle er ihn zerbrechen, und sah konzentriert auf die Akte hinab. Zug 21 bestand aus rund 25 Kadetten des Marine Corps. Da das Corps Wert darauf legte, daß seine Offiziere früh lernten, mit Kollegen des entgegengesetzten Geschlechts zusammenzuarbeiten, waren unter diesen 25 jungen Leuten auch 8 Frauen.

Ein junger Offiziersanwärter betrat das Zelt und salutierte zackig. "Sir, Midshipman Ross wie befohlen zur Befragung angetreten, Sir!" meldete er schneidig.

"Stehen Sie bequem, Kadett!" Der Navy-Anwalt schätzte den jüngeren Mann mit einem raschen Blick ab. William Ross war 25 Jahre alt, groß, blauäugig und sein blondes Haar, das so lang war, wie es die Vorschriften gerade noch erlaubten, hing ihm etwas verwegen in die Stirn. Er wirkte selbstbewußt und ein wenig draufgängerisch, so wie man ihm auch Collins beschrieben hatte. Es verwunderte den JAG-Ermittler nicht, daß die beiden ziemlich enge Freunde gewesen waren; sie schienen von derselben Art zu sein.

"Sie waren mit Midshipman Collins befreundet, Kadett?"

"Ja, Sir." bestätigte Ross.

"Ich versuche mir ein Bild von Midshipman Collins zu machen. Wie war er?" wollte der Commander wissen. Auch von diesem Kadetten bekam er dasselbe wie von den anderen vier, die er bisher befragt hatte, zu hören: Luke Collins oder "Lucky" wie er sich zu nennen pflegte, war ein selbstbewußter, charmanter junger Mann gewesen, etwas verwegen und draufgängerisch, von sich überzeugt, aber ein guter Kamerad und sicher eines Tages auch ein guter Offizier.

"Midshipman Collins soll ...," der Ermittler las aus der Akte ab, "...ein ziemlicher Glückspilz was Frauen betrifft gewesen sein." Darauf hatten ihn sowohl General Cheney als auch Gunny Lowry und die anderen Kadetten hingewiesen und er mußte diese Spur weiterverfolgen. Möglich, daß Collins einem Kameraden die Freundin ausgespannt hatte und damit an den Falschen geraten war.

Bill Ross grinste ein wenig. "Ja, Sir, das kann man so sagen, Sir."

"War er zum Zeitpunkt seines Todes in einer Beziehung?" hakte der Navy-Anwalt nach.

"Nein, Sir, nicht daß ich wüßte. Nichts Festes jedenfalls. Da war natürlich diese Kleine ... ich meine ... Sir, darf ich offen sprechen?"

"Ich bitte darum!"

"Sir, Luckys neueste Flamme war eine Kadettin unseres Zuges, Sir." Ross schielte zu den Akten auf dem Schreibtisch hinüber und tippte grinsend auf eine. "Die hier, um genau zu sein. Zwar hat sie am Anfang so getan, als sei sie nicht interessiert, aber Lucky ... ich meine, Midshipman Collins konnte jede haben, wenn Sie verstehen, was ich meine, Sir."

Der Commander nickte nur, eine steile Falte auf der Stirn und den Unterkiefer leicht vorgeschoben, als er die betreffende Akte aufschlug. "Sie können wegtreten, Kadett."

"Sir, ja, Sir!" William Ross stiefelte davon.

Der JAG-Officer betrachtete das Bild der jungen Frau und las, ab und zu halblaut vor sich hinmurmelnd: " ... am 14. August 1968 in Yuma, Arizona; Vater Marine Corps Offizier im Ruhestand, Größe 1,75 m..." Er wurde unterbrochen, als Gunnery Sergeant Lowry eintrat. "Gunny, ich brauche eine Liste mit allen Ausbildern und Kadetten, die gestern Nacht nicht mit den anderen in den Zelten, sondern auf Wache oder sonstwie unterwegs waren." forderte er. "Und dann will ich mit dieser Kadettin hier sprechen!"

Er schob dem Gunny die Akte hin und dieser nickte. "Sie ist gerade auf dem Hindernisparcour, Sir, aber ich werde sie sofort holen lassen."

"Nicht nötig, das sehe ich mir mal an." beschloß der ermittelnde Offizier. Er streifte den Navy-Allwetter-Mantel über und folgte dem Gunny nach draußen, wo es noch immer regnete.

Zwei Ausbilder standen im strömenden Regen und riefen lauthals Befehle über den aufgeweichten Platz. "Schneller, bewegt euch! Das hier ist kein Spaziergang!" Etwa zwei Dutzend Kadetten mußten verschiedene Hindernisse überqueren und wurden unbarmherzig wieder hochgejagt, wenn sie fielen. "Ihr seid erbärmlich, eine einzige Blamage für das Corps! Habt ihr das gehört?" brüllte ein Staff Sergeant.

"Ja, Sir, danke, Sir!" kam die Antwort von den Kadetten.

Gunnery Sergeant Lowry zeigte auf eine Kadettin, die gerade mit einem Gewehr auf Ellenbogen und Knien unter Stacheldraht durchrobben mußte – sie machte ihre Sache nichteinmal schlecht, wie der Navy-Commander feststellte. "Das ist sie, Sir." Er gab ihr einen Wink und brüllte quer über den Platz. "Midshipman, sofort hier antreten!"

Sie rollte sich unter dem Stacheldraht hervor und sprang sofort auf. Im Laufschritt lief sie zu ihnen hinüber und warf dabei ihr Gewehr am Riemen mit einem gekonnten Schwung über die Schulter. Der JAG-Anwalt beobachtete sie dabei. Sie war recht groß für eine Frau, 1,75m, wie in ihrer Akte stand, schlank und gutaussehend. Ihre Haarfarbe war unter dem Helm nicht zu erkennen, aber sie hatte eindrucksvolle, ernste braune Augen. Irgendwie schaffte sie es, trotz ihrer eher zierlichen Statur, der völlig durchnässten Uniform und des Schmutzes in ihrem Gesicht nicht klein und jämmerlich auszusehen.

"Sir, Midshipman MacKenzie wie befohlen angetreten, Sir!" meldete sie als sie vor den beiden Offizieren im "Stillgestanden" verharrte.


03. April 1988
1948 Z-Zeit (14:48 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

Gunnery Sergeant Lowry grüßte nachlässig zurück. "Midshipman, dies ist Commander Chegwidden vom JAG-Corps. Er hat einige Fragen an Sie."

Sie folgte Commander A.J. Chegwidden ins Lowrys Zelt und nahm den Helm ab, als sie eintrat. Regen glitzterte in ihrem dunklen Haar. Abwartend sah sie den JAG-Ermittler an.

"Midshipman MacKenzie, Sie wissen, warum ich hier bin?" erkundigte sich Chegwidden.

"Ja, Sir, Sie ermitteln wegen Midshipman Collins Tod, Sir." kam die umgehende Antwort. Man hörte ihr keinerlei Emotionen an – seltsam für eine Frau, die Ross vorhin als Collins neueste Flamme bezeichnet hatte.

"Wie standen Sie zu Mister Collins?" wollte der fast kahlköpfige Offizier wissen.

Sarah MacKenzie straffte sich noch ein wenig mehr. "Er war ein Marine, Sir, und darum mein Kamerad." erwiderte sie fest.

"Meine Güte, sie hätte Anwältin werden sollen – sie kann antworten, ohne wirklich etwas zu sagen!" dachte Chegwidden ironisch. "Und darüber hinaus?" hakte er hartnäckig nach.

"Sir, es gab nichts darüber hinaus, Sir!" betonte die junge Kadettin und hielt noch immer einen Punkt über seiner Schulter fixiert.

Chegwidden beschloß, zum Direktangriff überzugehen, so kam er der Offiziersanwärterin ganz offensichtlich nicht bei. "Ich hörte, Sie sollen Collins neueste Flamme gewesen sein, Midshipman." Er beobachtete sie genau.

Sie schnaubte. "Wer immer das behauptet, lügt, Sir! Das einzig Flammende war die Ohrfeige, die er von mir kassiert hat, Sir!" erwiderte sie temperamentvoll.

Chegwidden kniff leicht die Augen zusammen. "Wie kam es zu dieser Ohrfeige, Kadett?" verlangte er zu wissen.

Sarah MacKenzie hätte sich selbst ohrfeigen können, daß ihr diese Bemerkung entschlüpft war. Sie hätte sich denken können, daß dieser Anwalt sofort nachfragen würde. "Es war ein Signal, Sir."

"Ein Signal wofür, Midshipman MacKenzie?"

"Ein Signal dafür, daß ich seine ... Aufmerksamkeit für meine Person deutlich zurückweise, Sir!" erklärte die Marine-Corps-Kadettin ernst.

"Ich dachte, dafür gäbe es jene Ampelsignale, Midshipman." wandte der Commander ein.

"Ja, Sir, aber dennoch gibt es Autofahrer, die auch über rote Ampeln fahren."

"Haben Sie Kadett Collins ungewollte ... Aufmerksamkeit gemeldet?" fragte Chegwidden.

"Nein, Sir!" antwortete die angehende Offizierin.

"Warum nicht?"

"Sir, ich wollte selbst damit fertigwerden." erklärte Sarah MacKenzie.

Chegwidden fragte sich, ob ihr klar war, daß sie sich damit zu seiner Hauptverdächtigen machte. Bisher sah der vermutliche Tatablauf so aus: Collins hatte mit der jungen Frau geflirtet und – völlig von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugt – auch nicht aufgehört, als sie ihm deutlich ihr Desinteresse zu verstehen gegeben hatte. Vielleicht hatte Collins sie sogar körperlich attackiert, jedenfalls hatte sie sich schließlich nicht mehr anders zu helfen gewußt, als einfach abzudrücken. Das war die plausibelste Theorie, die er bisher gehört hatte.

"Wo waren Sie in der Nacht, als Collins ermordet wurde?" kam auch schon die unvermeidliche Frage.

"Natürlich hier, Sir, wir sind schon seit drei Tagen im Gelände, Sir."

"Als Todeszeitpunkt wurde etwa 1 Uhr nachts ermittelt. Sie waren also zu dieser Zeit in den Zelten, wo die Kadetten untergebracht wurden? Kann das jemand bezeugen?" fragte Chegwidden.

"Nein, Sir, ich war nicht in der Unterkunft. Ich hatte an diesem Abend Wachdienst." entgegnete die Kadettin ernst und schien sich wohl bewußt zu sein, daß sie im Moment die Hauptverdächtige war und sich mit jedem Wort in größere Schwierigkeiten bringen konnte.

"Na, so ein Zufall!" dachte der JAG-Anwalt. Laut sagte er: "Sie können gehen, Midshipman, aber halten Sie sich bereit, falls ich noch einige Fragen an Sie habe."

"Zu Befehl, Sir!" Die junge Offiziersanwärterin salutierte schneidig, vollführte eine Kehrtwendung und schulterte ihr Gewehr. Wenige Sekunden später trat sie wieder in den Regen hinaus. Chegwidden vermutete, daß ihr im Moment das heftigste Unwetter lieber war als von ihm befragt zu werden.


04. April 1988
1625 Z-Zeit (11:25 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

Commander A.J. Chegwidden sah von seinen Notizen auf und nahm einen weiteren Schluck Kaffee. Dies war bereits sein zweiter Tag hier draußen im Gelände und er hatte nun schon mit den meisten Soldaten des Platoon 21 gesprochen. Im Moment saß er erneut im Zelt des Zugführers und befragte eine junge schwarze Offiziersanwärterin namens Sondra Neason.

Bisher hatte er ihr erst einige allgemeine Fragen gestellt, doch nun kam er zum interessanten Teil. "Kadettin, was können Sie mir über die Beziehung von Luke Collins zu Midshipman MacKenzie sagen?"

"Eine Beziehung würde ich das nicht unbedingt nennen, Sir." Sondra Neason mußte sich ein Lachen verkneifen. "Es sei denn, man betrachtet einen rechten Haken als Liebesbezeugung."

"Miss MacKenzie sprach von einer Ohrfeige. Was war es nun – eine Ohrfeige oder ein rechter Haken?" Chegwidden sah sie fragend an.

"Was immer es war hat Collins jedenfalls glatt zu Boden geschickt, Sir." Die Kadettin grinste jetzt doch und machte immer mehr den Eindruck, als könne sie Collins nicht so recht leiden. Das überraschte Chegwidden etwas, denn bei allen anderen Midshipmen war der Neffe des stellvertretenden Verteidigungsministers überaus beliebt gewesen.

"So, zu Boden geschickt hat sie ihn... Scheint mir eine recht heftige Reaktion zu sein, meinen Sie nicht, Midshipman Neason?"

"Ja, Sir, aber nicht ganz unberechtigt. Collins wollte es einfach nicht begreifen und da wußte sie sich wohl nicht mehr anders zu helfen." meinte Kadettin Neason und war sich nicht bewußt, daß sie ihre Kameradin damit noch verdächtiger machte.

"Na schön, Midshipman, eine Frage noch: Hat Midshipman Collins auch mit Ihnen geflirtet?" Chegwidden stellte diese Frage beinahe rhetorisch, denn bisher hatten alle anderen sieben weiblichen Kadetten des Zuges sie mit "Ja" beantwortet.

"Nein, Sir," antwortete Sondra Neason jedoch, "irgendeinen Vorteil muß meine Hautfarbe wohl doch haben."

Chegwidden kniff die Augen zusammen. "Was meinen Sie damit, Kadett?" verlangte er streng zu wissen.

Neason schluckte. "Sir, Midshipman Collins machte sich nichts aus schwarzen Frauen, Sir. Er machte sich überhaupt nichts aus Schwarzen, um genau zu sein."

Chegwidden war hellhörig geworden. Tat sich da gerade eine zweite Spur auf? "Sie können gehen, Midshipman."

Er wartete nicht ab, bis sie draußen war, sondern folgte ihr und winkte den nächstbesten Ausbilder heran, den er finden konnte. Fast war er ein wenig erleichtert, daß es nicht Gunnery Sergeant Lowry war, sondern einer seiner weißen Untergebenen, denn er wollte dem schwarzen Offizier nicht mit seiner Frage zu nahe treten. "Sergeant, nur eine kurze Frage: Wissen Sie von irgendwelchen Zwischenfällen, die sich zwischen Midshipman Collins und einem afro-amerikanischen Kameraden abgespielt haben könnten?" Soviel er wußte, waren 9 der 25 Kadetten des Zuges dunkelhäutig.

Der Sergeant überlegte kurz. "Ich erinnere mich da an einen Vorfall vor einigen Wochen. Collins und Newberry hätten sich beinahe geprügelt."

"Beinahe?" hakte Chegwidden nach.

"Ich schätze, nach dreimal zwanzig Extra-Liegestütze verspürt man keine große Lust mehr dazu." erklärte der Ausbilder.

Chegwidden warf einen raschen Blick auf die Uhr und stellte fest, daß er sich auf den Weg machen mußte. Er nahm sich vor, Newberry am Nachmittag zu befragen.


1811 Z-Zeit (13:11 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

Chegwidden ignorierte den Regen, der noch immer auf ihn niederprasselte und folgte Gunnery Sergeant Thomas Lowry den Hügel hinauf. "Dort, Sir." Lowry streckte den Arm aus und zeigte auf eine kleine Baumgruppe. "Dort habe ich Collins gefunden."

Chegwidden ging zu der Stelle hinüber und zählte sechs Meter ab – das war der vom Pathologen geschätzte Abstand, aus dem Collins getötet worden war. Aus dieser kurzen Entfernung konnte ein guter Schütze mit einem M16-Gewehr sein Ziel gar nicht verfehlen. Chegwidden zweifelte nicht daran, daß es sich um einen guten Schützen handeln mußte, denn er hatte Collins genau zwischen die Augen getroffen. Außerdem schien es, als hätte Collins seinen Mörder gekannt, denn es gab keine Spuren eines Kampfes.

Auf dem Rückweg zum Camp kamen sie an dem Graben vorbei, in dem einige Kadetten lagen und Schießübungen absolvierten. Chegwidden blieb stehen, um zuzusehen.

"Mann, Riley, Sie sind die Munition nicht wert, die Sie da verschießen!" knurrte Lowry einen der Kadetten an. "Denken Sie mal daran, daß Sie 190 von 250 Punkten brauchen, um durch die Grundausbildung zu kommen und das nicht nur aus 200, sondern auch aus 500 Yard Entfernung. Klar?!"

Chegwidden achtete nicht mehr darauf, was der gerügte Kadett antwortete – seine Aufmerksamkeit war auf die Offiziersanwärterin gerichtet, die neben dem untalentierte Schützen im Graben lag. Sarah MacKenzie legte ihr Gewehr an und zielte, so ruhig und konzentriert als existierten der Regen und die brüllenden Männer um sie herum gar nicht. Einen Sekundenbruchteil später krümmte sie den Finger um den Abzug. Chegwidden hob eine Braue, als er sah, daß die Kugel die Zielscheibe genau in der Mitte getroffen hatte.

"Ausgezeichnet, MacKenzie! Seht euch das an, Männer, das nenne ich eine ruhige Hand!" brüllte Lowry die anderen Kadetten an.

Chegwidden beobachtete, wie die gelobte Kadettin leicht das Gesicht verzog, konnte jedoch nicht ahnen, was sie dachte. "Sie hätten mich mal vor 2 Jahren sehen sollen! Da konnte ich nicht mal eine Wodka-Flasche ruhig halten!" Sarah MacKenzie sah den JAG-Ermittler neben dem Gunny stehen und wußte sofort, daß ihre Treffsicherheit im Umgang mit dem M16 nur dazu beitrug, sie unter Mordverdacht zu stellen.

Cmd. A.J. Chegwidden schloß sich Lowry an, als dieser zum Camp zurückging. Bisher hatte er es vermieden, einen der Kadetten als besonders verdächtig hinzustellen; hatte sich nach keinem besonders erkundigt, aber nun war es an der Zeit.

"Gunny, was können Sie mir über Midshipman MacKenzie erzählen?" fragte er als er zu dem Ausbilder aufschloß.

"Sie verdächtigen sie, Collins getötet zu haben?" erkundigte sich Thomas Lowry, ohne daß man ihm dabei ansah, wie er über einen solchen Verdacht denken mochte.

"Es gehört zu meinem Beruf, keine Möglichkeit auszuschließen." antwortete Chegwidden neutral. "Glauben Sie, sie wäre fähig, einen Mord zu begehen?"

Lowry zuckte die Schultern und nickte zögernd. "Wie Sie eben sagten, Sir, man soll keine Möglichkeit ausschließen. Was die Informationen über Midshipman MacKenzie betrifft, ich kann Ihnen ihre Dienstakte besorgen."

"Die habe ich bereits. Aber eine Dienstakte ist eine Dienstakte und sagt wenig über die Person dahinter aus, vor allem bei einem Kadetten, dessen Akte gerade eine halbe Seite umfaßt."

"Verstehe, Sir. Tja, was kann ich Ihnen erzählen. MacKenzie hatte anfangs ziemliche Probleme hier. Nicht, was ihre Leistungen betrifft, die sind hervorragend, wie Sie eben gesehen haben. Sie hatte Probleme, sich einzuordnen." erklärte Lowry.

"Sie meinen das militärische Protokoll und ihr Verhalten gegenüber vorgesetzten Offizieren?" vergewisserte sich der ehemalige Navy-Seal.

"Nein, Sir, das war nicht das Problem. Midshipman MacKenzies Vater und Onkel sind Offiziere des Marine-Corps; sie wuchs praktisch unter Marines auf und ist den militärischen Umgangston gewohnt. Nein, was ich meine ist Teamgeist und Vertrauen in ihre Kameraden."

Chegwidden dachte daran, mit welchem Stolz die Offiziersanwärterin ihre durchnäßte Uniform getragen hatte und erinnerte sich an ihre Bemerkung, daß Collins ein Marine und darum ihr Kamerad war. Und das, obwohl sie ihn privat nicht ausstehen konnte. "Fällt mir schwer, das zu glauben." brummte er.

"Sir, es ist nicht so, daß sie ihren Kameraden nicht vertrauen wollte, es ist nur ... man hört so allerlei Gerüchte und eines davon lautet, daß ihr Vater alkoholabhängig ist und MacKenzie und ihre Mutter mehr als einmal grün und blau geschlagen hat. MacKenzie soll selbst ein paar Alkoholprobleme gehabt haben. Aber das sind nur Gerüchte, und wenn sich herausstellt, daß sie falsch sind, will ich nichts gesagt haben, Sir." sagte Lowry vorsichtig.

A.J. Chegwidden nickte nachdenklich. Er hatte Gerüchte und Klatsch nie gemocht, aber immerhin – wenn dieses Gerücht der Wahrheit entspräche, würde das bedeuten, daß Sarah MacKenzie ganz sicher recht sensibel bezüglich Gewalt von Männern gegenüber Frauen war. Wenn Collins die Hand gegen sie erhoben hatte, vielleicht war sie aufgrund ihres familiären Hintergrundes einfach in Panik geraten ... Bevor er sich jedoch dazu herabließ, einem Gerücht zu folgen, würde er erst einem anderen Hinweis nachgehen – aber dennoch mußte er diese neue Information im Hinterkopf behalten.

"Haben Sie sonst noch irgendwelche Spuren, denen Sie nachgehen, Sir?" erkundigte sich Gunnery Sergeant Lowry in diesem Moment. Aufmerksam sah er den höheren Offizier an. "Ich hörte, Sie haben sich bei Sergeant Dunson nach den schwarzen Kadetten erkundigt oder vielmehr nach Newberry. Steht er unter Verdacht, Sir?"

"Gunny, selbst wenn es so wäre, dann würde ich Ihnen das ganz sicher nicht sagen. Dies ist eine JAG-Ermittlung und daher bin ich nur dem JAG Rechenschaft schuldig." erklärte Chegwidden unmißverständlich. "Aber wie gesagt, ich schließe keine Möglichkeit aus."


2248 Z-Zeit (17:48 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

A.J. Chegwidden schloß die Notizmappe und biß die Zähne so fest aufeinander, daß sein Kiefer knackte. Die Befragung des Kadetten Newberry hatte so vielversprechend begonnen; er machte keinen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber Collins und erzählte offen, wie ihn der Neffe des Verteidigungsministers wegen seiner Hautfarbe gedemütigt hatte. Ein Mordmotiv war also vorhanden, so weit, so gut. Damit hörte es aber auch schon auf. Newberry hatte für die Tatnacht ein wasserdichtes Alibi – mindestens 20 Kadetten konnten bezeugen, daß er in der Truppenunterkunft geschlafen hatte. Chegwidden schleuderte seinen Kugelschreiber regelrecht von sich und knurrte frustriert.

Er griff nochmal zum Ermittlungsbericht und schlug die Seite mit den Obduktionsdaten auf. Eine Kugel aus einem M16A2-Schnellfeuergewehr hatte Collins aus etwa 6 Metern Entfernung zwischen die Augen getroffen. Ansonsten hatte er keine Verletzungen – außer einer: seine Nase war gebrochen, vermutlich von einem Faustschlag ins Gesicht. Der JAG-Ermittler kniff die Augen zusammen. Auch dies deutete darauf hin, daß Midshipman Sarah MacKenzie die Täterin war – er hatte in ihrer Akte gelesen, daß sie vor wenigen Wochen Kickbox-Meisterin ihres OCS-Jahrgangs geworden war. Und sie hatte Collins schon einmal geschlagen.

Lowry kam herein und Chegwidden sah über seine Schulter, daß es endlich aufgehört hatte zu regnen. Der Gunnery Sergeant steuerte auf den Schreibtisch zu und ließ etwas darauf fallen. Es klirrte leise. Fragend sah Chegwidden zwischen ihm und der Patronenhülse auf dem Tisch hin und her.

"Ich war eben nochmal am Tatort, Sir. Das hier lag zwischen den Bäumen im Schlamm." meldete Lowry.

Chegwidden drehte den Metallmantel zwischen seinen Fingern hin und her. "Stammt aus einer M16, aber das wissen wir bereits." urteilte er fachkundig.

"Ja, Sir, aber nicht aus irgendeiner M16, Sir." Er machte Chegwidden auf einen Abdruck auf dem Kopf der Patrone aufmerksam. "Ich kenne die Waffen der meisten Kadetten, weil ich sie regelmäßig kontrolliere, und einen solchen Abdruck hinterläßt nur der Bolzen eines einzigen Gewehres, das ich kenne."

"Raus damit, Gunny!" forderte Chegwidden ihn ungeduldig auf.

"Sarah MacKenzies M16, Sir!"

Chegwidden war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. MacKenzie würde sich nicht damit herausreden können, daß jemand anderer ihr Gewehr genommen haben könnte, denn ein Kadett während der Schießausbildung hatte mit wochenlangem Strafdienst zu rechnen, wenn er sein Gewehr auch nur beim Schlafen außer Reichweite ließ.

Der Navy-Anwalt erhob sich mit grimmigem Blick und schob seinen Dienstrevolver ins Schulterhalfter. Er wußte, daß alle Beweise gegen die dunkelhaarige Offiziersanwärterin sprachen, aber aus irgendeinem Grund gefiel es ihm trotzdem nicht, was er jetzt tun mußte. Vielleicht weil seine eigene Tochter, Francesca, nur 5 Jahre jünger war als Sarah MacKenzie und es ihm nicht gefiel zu sehen, wie leicht eine junge Frau zur Mörderin werden konnte.


2334 Z-Zeit (18:34 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

A.J. Chegwidden verfluchte im Stillen den ewigen Regen Virginias, der schon wieder eingesetzt hatte. "Zumindest paßt das Wetter zu meiner Laune!" dachte er grimmig. Vor dem Zelt, das als Speisesaal diente, prallte er fast mit einem der Kadetten zusammen und erkannte den erfolglosen Schützen, den er heute mittag neben Sarah MacKenzie auf dem Schießplatz gesehen hatte.

"Midshipman!" hielt er ihn auf, "Wissen Sie wo Sarah MacKenzie ist?"

"Mac? Ja, Sir, alle Kadetten von Platoon 21, die nicht gerade Küchendienst haben, absolvieren heute einen Nachtmarsch, Sir!" erklärte der Kadett.

Chegwidden bedeutete ihm, seinen Weg fortzusetzen, und kehrte wieder zum Zelt zurück. "Mac...," überlegte er dabei, "So nennt sie sich wohl, um zu den ‘Jungs‘ zu gehören." Es schien ziemlich wichtig für Sarah MacKenzie zu sein, dazuzugehören. Das Corps war nach Chegwiddens Einschätzung so eine Art Ersatzfamilie für sie und wenn Collins mit seinen Annäherungsversuchen ihre Existenz im Corps bedroht hatte ... Midshipman MacKenzie war die einzige, die sowohl ein Motiv, als auch die nötigen Fähigkeiten und die Gelegenheit, Collins zu töten, gehabt hatte. Lowry hatte nach seiner Aussage um 01.20 Uhr die Wachen kontrolliert und dabei Collins gefunden. Die Todeszeit hatte der Pathologe auf 1 Uhr geschätzt. Das gab Sarah MacKenzie 20 Minuten, um Collins aufzusuchen, ihn zu töten und wieder zu ihrem eigenen Posten zurückzukehren, bevor Lowry ihre Abwesenheit bemerkte.


0502 Z-Zeit (00:02 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

Navy-Commander A.J. Chegwidden verharrte ruhig im Schatten einer Tanne, die ihn vor dem Regen schützte, und wartete darauf, daß Zug 21 von seinem Nachtmarsch zurückkehrte. Lowry hatte ihm gesagt, daß hier, an dem kleinen Wäldchen etwa eine Meile vom Hauptlager entfernt, der Zielpunkt war. Als er hörte, wie Stiefelschritte und laut gerufene Befehle die Stille der Nacht unterbrachen, vergewisserte er sich ein letztes Mal, daß seine Waffe da war, wo sie hingehörte, und trat dann in den Regen hinaus.

Der Ausbilder an der Spitze des Zuges sah ihn sofort. "Das Ganze HALT!" kommandierte er lautstark. "Der Zug ACHTUNG!"

Chegwidden nickte ihm zu und grüßte im Vorbeigehen militärisch. Die Augen von zwei Dutzend Kadetten folgten ihm, als er sich seinen Weg durch die Reihen bahnte. Vor Sarah MacKenzie blieb er stehen und sah sie einen Moment nur stumm an. Er haßte solche Augenblicke; Situationen, in denen er gegen einen Angehörigen der US-Streitkräfte vorgehen mußte. Die junge Offiziersanwärterin sah – wie es Vorschrift war – leicht an ihm vorbei und straffte sich noch etwas mehr, falls dies überhaupt noch möglich war. Trotz des strömenden Regen, des schweren Gepäcks auf ihrem Rücken und dem Gewehr in der Armbeuge stand sie kerzengerade da. Ein Blick in ihre dunklen Augen sagte Chegwidden, daß sie genau wußte, wieso er hier war – sie war alles andere als dumm.

"Midshipman MacKenzie, ich nehme Sie vorläufig in Gewahrsam. Sie stehen unter Verdacht, Lukas Collins ermordet zu haben." Er begann, ihr ihre Rechte zu erläutern und sagte schließlich mit einem Blick auf ihr M16-Schnellfeuergewehr: "Geben Sie mir Ihr Gewehr und verzichten Sie besser auf irgendwelche Dummheiten. Ich kenne alle Tricks, denn dieses Abzeichen," er tippte auf das SEAL-Trident auf seiner Brust, "erhält man nicht für gepflegte Fingernägel!"

Man sah, daß Sarah MacKenzie sich auf die Lippen biß. "Keine Sorge, Sir, ich werde keinen Widerstand leisten." versicherte sie mit tonloser Stimme, doch das kampflustige, widerspenstige Funkeln in ihren Augen überzeugte Chegwidden eher vom Gegenteil. Nicht, daß er sich deswegen Sorgen hätte machen müssen – als ehemaliger Elitekämpfer bei den Navy-SEALS kannte er Methoden, die junge Frau außer Gefecht zu setzen, bevor sie auch nur daran dachte, das Gewehr zu heben.

Langsam drehte Sarah MacKenzie ihre Waffe und übergab sie an Chegwidden. "Gehen Sie voraus." befahl der JAG-Ermittler. Sie setzte sich in Bewegung und er folgte ihr, sie in Richtung Hauptlager dirigierend.

"Sir, sollten Sie nicht jemanden zur Unterstützung mitnehmen?" rief der Ausbilder hinter ihm her, "Ich meine, Midshipman MacKenzie kennt sich im Wald aus und Sie ..."

"Ich habe alle Unterstützung, die ich brauche!" widersprach Chegwidden und deutete auf seine Dienstwaffe und MacKenzies Gewehr, das nun über seiner Schulter hing. "Aber wenn es Sie beruhigt..." Er machte einen schnellen Schritt, um Mac einzuholen und bevor sie sich versah, ließ er Handschellen um ihr rechtes Handgelenk schnappen. Die andere Hälfte schloß er um sein eigenes.


0512 Z-Zeit (00:12 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

"Ich habe Collins nicht erschossen!" protestierte Sarah MacKenzie, sobald sie den Wald betraten, der zwischen ihnen und dem Hauptcamp lag.

"Das wird sich vor Gericht klären, Midshipman." war alles, was Chegwidden dazu sagte. Es war nicht sein Job, ein Urteil zu fällen.

"ANWÄLTE!" fauchte die Offiziersanwärterin grimmig. "Schlimmer als Diplomaten, nie bekommt man einen klaren Satz aus denen heraus!"

Chegwidden verkniff sich ein Grinsen und bedauerte einmal mehr, daß er es hier mit einer Mörderin zu tun hatte. Er trat einen Schritt zur Seite, um an Sarah MacKenzie vorbeisehen zu können, aber selbst seine scharfen SEAL-Augen konnten in der Dunkelheit nur undeutlich das Unterholz vor ihnen erkennen. Er machte einen weiteren Schritt vorwärts.

Plötzlich stieß sein Fuß ins Leere und er stürzte. Ein Ruck ging durch seinen linken Arm und sein Fall wurde unsanft abgebremst. Chegwidden warf einen schnellen Blick nach unten. Unter ihm war nur Dunkelheit. Die Erdbrocken, die an ihm vorbei in die Tiefe fielen, zeigten ihm, daß es ziemlich tief hinabging. Er hing an einer fast senkrecht abfallenden Erdwand und alles, was ihn vor einem tödlichen Fall bewahrte, waren – die Handschellen. Chegwidden sah nach oben. Sarah MacKenzie lag dicht neben der Kante dieser Grube und biß die Zähne zusammen. Die Metallfesseln schnitten ihr ebenso ins Fleisch wie Chegwidden und sein Gewicht drohte auch sie in die Tiefe zu ziehen.

Der Navy-Offizier wußte sofort, was er zu tun hatte. Er angelte mit seiner freien rechten Hand in seiner Tasche herum, bis er den Schlüssel der Handschellen fand, und warf ihn hinauf. Er landete neben Sarah "Mac" MacKenzie im Schlamm. Statt jedoch den Schlüssel zu nehmen, sah er, wie sie zum Messer griff, das in ihrem Stiefel steckte.

"Na prima, es genügt ihr nicht, die Handschellen aufzuschließen und mich hier runterfallen zu sehen, sie muß mich auch noch selbst töten!" ging ihm einen Moment lang durch den Kopf, aber dann sah er, daß sie die Riemen ihres Rucksacks durchschnitt und die Last von sich herunterrollte. Dann bohrte sie das Messer tief in den Boden, um daran Halt zu finden.

Chegwidden spürte, wie er an der glitschigen Wand nach unten rutschte und ein weiterer Ruck durch seinen Arm ging, als MacKenzie sich auf der anderen Seite mit ihrem vollen Gewicht dagegenstemmte. Er hörte, wie ihre Zähne aufeinanderknirschten. "Verdammt, was soll das?!" knurrte er, als er zum Stillstand kam. "Schließen Sie die Handschellen auf! Wenn ich noch weiter abrutsche, ziehe ich sie mit über die Kante!"

"Wenn ich das tue, dann sterben Sie, Sir. Das da unten ist ein alter Bergbaustollen und es geht 20 Meter in die Tiefe!" wandte Mac mit zusammengebissenen Zähnen ein.

"Wenn Sie die Handschellen nicht lösen, dann sterben wir beide!" knurrte Chegwidden zurück.

"Gar niemand stirbt hier!" widersprach die Marine-Corps-Kadettin energisch. "Versuchen Sie, irgendwo Halt zu finden, Sir, hinter mir ist ein Felsen, wenn ich es schaffe, da hinzukommen ..."

Chegwidden bohrte die Finger in den Schlamm und spürte, daß der Druck auf sein Handgelenk etwas nachließ, bevor die Metallkette wieder angezogen wurde.

"Okay, Sir, ich klammere mich jetzt mit den Füßen an dem Felsen fest, ich werde Ihnen gleich ..." Mehr konnte sie nicht sagen, denn der kleine Felsen löste sich plötzlich aus dem Boden und sie wurde mitsamt dem Steinbrocken bis dicht vor den Abgrund gezerrt, bevor es ihr gelang, wie eine Katze herumzuschnellen und sich festzuhalten.

Der Jag-Ermittler fluchte. "Das nächste Mal könnte das schief gehen! Midshipman, Sie lösen jetzt die Handschellen, klar?!" rief er nach oben. Er hatte nicht vor, diese junge Frau, die seiner Meinung nach eine große Karriere beim Militär vor sich hatte, für sich sterben zu lassen.

Von oben kam keine Antwort. Der Navy-Anwalt warf einen Blick nach oben. Sarah MacKenzie lag dicht neben der Kante, alle Muskeln angespannt und das Gesicht unter den Schmutzspuren bleich. Ein Hauch von Panik glänzte in den dunklen Augen, aber Chegwidden konnte förmlich sehen, wie sie ihre Angst niederrang und entschlossen die Zähne zusammenbiß. Seine Achtung vor ihr wuchs mit jeder Sekunde, gemeinsam mit seinem Unverständnis und Ärger.

"Midshipman! Lösen Sie die Handschellen! Das war ein Befehl!" brüllte er nach oben.

"Das werde ich nicht tun, Sir!" rief sie stur zurück.

"Dann ist das Befehlsverweigerung! Sie wissen, was das bedeutet!" knurrte der Navy-Commander.

"Was das bedeutet? Ich bin keine Anwältin, Sir!" kam von oben die Antwort.

Chegwidden mußte trotz seiner mißlichen Lage grinsen. "Schade eigentlich, sie hätte das Zeug dazu – mit dieser Sturheit!" sagte er sich amüsiert.

"Aber ich denke, nachdem ich nun schon wegen Mordes angeklagt werde, macht eine Befehlsverweigerung mehr oder weniger auch nicht mehr viel aus, Sir!" Mit diesen Worten warf sie ein aus ihrem Gürtel und den Riemen des Rucksacks geknüpftes Seil zu ihm hinunter. "Haben Sie’s? Gut, dann schließe ich jetzt die Handschellen auf. Und Sir, wehe Sie lassen los! Ich habe mir hier zwei Riesen-Löcher für meine Absätze gegraben und werde Sie in Null-Komma-Nichts da hochziehen." Sie hoffte, daß sie sich optimistischer anhörte, als sie sich fühlte.

Commander Albert Jethro Chegwidden, Absolvent der Navy-Akademie, früherer Seal, Kommandant eines Zerstörers, Ex-Ehemann, Vater und JAG-Ermittler seufzte. "Himmel Herrgott! Dagegen war meine Scheidung ein harmonisches Tischgespräch!" Diese Offiziersanwärterin konnte man nicht so einfach über den Haufen reden!

"Okay, ein Versuch, aber wenn Sie wieder hinabgezogen werden, lasse ich sofort los!" antwortete Chegwidden.

Einige Sekunden später wurde das andere Ende der Handschellen gelöst und dafür das Seil angezogen. A.J. hatte keine Ahnung, woher die schlanke junge Frau diese Kraft hernahm, aber er spürte, wie er langsam, Zentimeter für Zentimeter, nach oben gezogen wurde und bemühte sich nach besten Kräften, ihr zu helfen.

Dann, nach einigen ihm unendlich erscheinenden Minuten, kam der schwierigste Teil: Er mußte über die glitschige Erdkante nach oben gelangen. Chegwidden bemerkte, daß er zurückzurutschen begann, als der Zug am Seil etwas nachließ, weil Mac näher an die Kante rutschte, um seinen Arm zu ergreifen. Reflexartig fuhr Chegwiddens Rechte nach oben und suchte verzweifelt irgendwo einen Halt. Seine Fingerknöchel stießen gegen etwas und ein unterdrücktes Stöhnen sagte ihm, daß es Sarah MacKenzies Kopf gewesen war. Die Kadettin ignorierte den Schmerz jedoch und es gelang ihr, Chegwidden am Arm zu packen. Eine letzte, gewaltige Anstrengung und Chegwidden lag neben ihr im Schlamm.

Beide keuchten so heftig, daß einige Minuten vergingen, bevor irgendjemand etwas sagen konnte. Mühsam kam A.J. dann auf die Füße und knurrte verärgert, als er die Schmerzen in seinem linken Arm bemerkte. Er warf einen Blick auf die Kadettin, die sich gerade bis auf die Knie hocharbeitete und dann taumelnd auf die Füße kam. Im fahlen Mondlicht konnte er erkennen, daß ihr rechtes Handgelenk und ihre Handflächen aufgerissen waren. Blut tropfte aus einer kleinen Wunde dicht unterhalb ihrer rechten Augenbraue, dort wo Chegwiddens Akademie-Ring sie getroffen haben mußte. Mit einem gewissen Stolz bemerkte der JAG-Ermittler, mit welcher Würde sie trotz allem ihre nun völlig durchnäßte, schlammverkrustete Uniform trug.

"So gehorchen Sie also Befehlen, Midshipman!" grollte Chegwidden in gespieltem Ärger und dann deutlich freundlicher: "Danke. Obwohl es ziemlich blöd von Ihnen war, mich da hochzuziehen! Ihnen ist doch klar, daß ich Sie trotzdem verhaften werde?"

"Sir, Ja, Sir." erwiderte die dunkeläugige Offiziersanwärterin fest.

"Und trotzdem haben Sie mir das Leben gerettet, anstatt die Chance zu nutzen und zu fliehen?" fragte Chegwidden und ließ sich nicht anmerken, was er dachte.

"Ich wollte Sie nicht einfach so sterben lassen – und ich habe auch Collins nicht getötet, Sir!"

Wenn er ehrlich war, mußte A.J. zugeben, daß er inzwischen selbst von ihrer Unschuld überzeugt war. "Aber Sie müssen doch zugeben, daß alle Indizien gegen Sie sprechen, Midshipman! Collins hat Sie belästigt und Sie haben bereits zuvor Gewalt gegen ihn angewandt. Collins Nase war gebrochen und Sie sind Kickbox-Meisterin. Der Täter war ein erstklassiger Schütze und Sie sind es auch. Eine Patronenhülse aus Ihrer Waffe wurde am Tatort gefunden und als Gunny Sergeant Lowry um 01.15 Uhr ihren Posten kontrolliert hat, hatten Sie noch immer die Wachposition genau neben der von Collins." zählte Chegwidden die Beweise auf.

Sarah MacKenzie wischte sich mit dem Ärmel das Blut aus dem Gesicht. "Moment, Sir!" protestierte sie. "Ja, ich hatte um 01.15 Uhr noch immer meinen Posten, aber der Gunny kam bereits vor 1 Uhr an meiner Stellung vorbei."

"Er hat angegeben, sie um 01.15 Uhr kontrolliert zu haben und dann zu Collins Posten weitergegangen zu sein, den er dann um etwa 01.20 Uhr fand." widersprach der Navy-Offizier.

"Sir, es war genau 00.52 Uhr EST!" Die Festigkeit in der Stimme der Offiziersanwärterin ließ keinen Zweifel daran zu.

"Midshipman, Sie wollen mir doch nicht erzählen, daß Sie mit einer Präzisionsuhr Wache stehen! Woher wollen Sie wissen, wieviel ..."

Weiter kam er nicht, denn plötzlich zerriß ein Schuß die Stille der Nacht und zwischen ihnen schlug eine Kugel im Matsch ein.

"Sie hat so ‘ne Art innere Uhr, Commander. Ich habe an alles gedacht, aber daran nicht!" rief die Stimme eines Mannes. "Oh, übrigens: Keine Bewegung!"


0535 Z-Zeit (00:35 Uhr EST)
Truppenübungsgelände der OCS,
Quantico, Virginia

"Lowry!" entfuhr es Chegwidden und Mac simultan.

"Natürlich, Sie sind die einzige andere Person, die die nötigen Fähigkeiten und die Gelegenheit hatte!" erkannte Chegwidden, "Kluger Zug, dann ganz zufällig Midshipman MacKenzies Patronenhülse zu finden! Aber wo ist da ein Motiv? Hat Collins es wegen Ihrer Hautfarbe am nötigen Respekt mangeln lassen?" fragte er in dem Bestreben, Lowry am Reden zu halten, bis ihm etwas einfiel, wie sie sich aus dieser tödlichen Situation retten konnten.

"Respekt?!" schnaubte Lowry aufgebracht, "Collins kannte die Bedeutung dieses Wortes gar nicht! Er hat mich ständig provoziert! Als ich die Wachen kontrollierte, hat er mich sogar beschimpft und da ... ist mir die Hand ausgerutscht!"

"Sie haben ihm die Nase gebrochen und als er drohte, das zu melden, haben Sie ihn erschossen!" folgerte Chegwidden und überlegte, wie er unbemerkt an die Waffe in seinem Schulterhalfter kommen konnte. "Und dieser offene Stollen da," er wies auf den Abgrund neben sich, "war doch sicher auch kein Zufall, oder?"

Lowry antwortete nicht. "Schmeißen Sie Ihre Waffe weg! Mit zwei Fingern und ganz langsam. Sie wissen, daß ich nicht zögere, abzudrücken!" befahl er stattdessen und hielt sein Gewehr noch immer auf Chegwidden gerichtet.

Mit den Zähnen knirschend tat der Commander, was er verlangte. Chegwidden warf einen schnellen Blick zu der Kadettin neben sich hinüber, die ihm mit den Augen ein stummes Signal gab.

Beiläufig machte Chegwidden einen Schritt nach rechts, in Richtung Abgrund.

"Was soll das, Commander, wollen Sie sich etwa da runterstürzen? Die Mühe kann ich Ihnen ersparen!" meinte Lowry kalt.

"Nein, nein, ich will nur ..." Mitten im Satz schnellte Chegwiddens Fuß vor und traf ein abgebrochenes Stück des Felsen, an dem Sarah sich vorhin festgehalten hatte. Lowry mußte den Kopf einziehen, um nicht getroffen zu werden.

Diese sekundenlange Ablenkung genügte Mac, um sich zu Boden zu werfen und ihr M16-Gewehr, das Chegwidden bei seinem Sturz hatte fallenlassen, an sich zu reißen und auf Lowry anzulegen. Trotz der Schmerzen in ihrem rechten Arm zitterte die Mündung der Waffe nicht. "Waffe weg, Gunny!" befahl sie scharf.

Lowry wirbelte herum, sein Gewehr im Anschlag. Chegwidden sah fast wie in Zeitlupe wie Sarah MacKenzie kaltblütig seine Schulter anvisierte und abdrückte. Im gleichen Moment wurde sie von Lowrys Kugel am Arm gestreift und leicht herumgerissen, so daß ihre eigene Kugel den Gunnery Sergeant in die Brust traf. Chegwidden hatte in seiner Zeit in Vietnam genug Leute sterben gesehen, um zu wissen, daß Lowry tot war, noch ehe er den Boden berührte.

Neben ihnen brachen plötzlich die Soldaten des Zuges 21 aus dem Unterholz. Der Ausbilder brauchte nur drei Sekunden, um das Bild, das sich ihm da bot, völlig zu erfassen: Ein recht mitgenommen aussehender, unbewaffneter A.J. Chegwidden, Gunnery Sergeant Lowry tot am Boden liegend und Sarah –MacKenzie mit einer noch von Pulverdampf umgebenen M16 im Anschlag. Zwei Dutzend Gewehrläufe richteten sich sofort auf Mac. "Waffe weg!" brüllte der Ausbilder und zückte seine Handschellen.

"Pfeifen Sie Ihre Leute zurück, Sergeant!" bellte Chegwidden, "der nächste Silberschmuck, den Midshipman MacKenzie trägt, wird ganz sicher kein Paar Handschellen sein, sondern ein Orden!" Der Silver Star würde es zwar nicht sein, aber sein Leben für einen Offizier aufs Spiel zu setzen, der einen gerade wegen eines Mordes verhaften wollte, den man nicht begangen hatte, das sollte doch wenigstens für das Marine Corps Achievement Ribbon oder etwas Ähnliches reichen.

Er begann, dem Sergeant die Vorfälle der letzten zwanzig Minuten zu erklären und sah aus den Augenwinkeln, wie Sarah "Mac" MacKenzie wie selbstverständlich wieder ihren Platz in den Reihen der Marine-Corps-Kadetten einnahm. "Semper Fidelis," murmelte er nur zu sich selbst, "man sollte ihre Karriere im Auge behalten."


14. Februar 2001
2330 Z-Zeit (15:30 Uhr PST)
LaJolla, Kalifornien

"Halt, halt!" rief A.J. Chegwidden, "ich bin ja noch nicht fertig!"

"Das hab ich fast befürchtet, Sir." seufzte Mac, aber sie lächelte.

"Und ich hab es gehofft!" warf Harm ein, was ihm einen deftigen Schlag gegen die Schulter einbrachte. "Autsch!"

"Würdet ihr den Admiral mal aussprechen lassen!" ermahnte Trish Burnett, Harms Mutter.

A.J. räusperte sich und glättete den Kragen seiner weißen Gala-Uniform. "Also..."


Januar 1997
1642 Z-Zeit (11:42 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Was soll das heißen, versetzt?" Konter-Admiral A.J. Chegwidden, Oberhaupt des Judge Advocate General Corps im Atlantik, fuhr aus seinem Sessel hoch.

Der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches blieb gelassen; erstens kannte er das manchmal recht heftige Temperament des 2-Sterne-Admirals, das dieser vor allem dann an den Tag legte, wenn es um seine Leute ging, und außerdem hatte er kaum etwas zu befürchten – er war schließlich immerhin der Marine-Minister. "Das bedeutet, daß Lieutenant Austin nicht länger unter Ihrem Kommando steht." erklärte er sachlich.

"Herr Minister, bei allem gebührenden Respekt, aber ich glaube nicht, daß JAG mit einer weiteren Personalkürzung effizient arbeiten kann." protestierte Chegwidden.

"Keine Sorge, wir haben schon an einen Ersatz gedacht." warf der Mann in dem dunklen, dreireihigen Anzug ein, der schon die ganze Zeit in einem Stuhl im Hintergrund von Chegwiddens geräumigen Büro gesessen und lediglich spielerisch etwas Staub von einem Zerstörer-Modell gewischt hatte. Mit einer gewissen gelangweilten Arroganz ließ er seinen Blick durch das Büro des Judge Advocate General wandern, registrierte die getäfelten Wände, das Bücherregal, die halbgeschlossenen Jalousien hinter dem großen Schreibtisch und ein Portrait von Admiral Arleigh S. Burke, Chegwiddens Vorbild.

Chegwidden drehte sich zu dem Mann im Anzug um und kniff die Augen zusammen als nehme er Ziel. "Wer zum Teufel ist WIR?" wollte er verärgert wissen.

Der Marine-Minister sah ihn ein wenig warnend an. "Das ist übrigens Mister Webb, Sonderbeauftragter des Außenministeriums." stellte er verspätet vor.

"Außenministerium, wie?" brummte Chegwidden mehr zu sich selbst. Er hätte sein SEAL-Abzeichen darauf verwettet, daß dieser Typ für die NSA oder CIA arbeitete. "Seit wann entscheidet die ... das Außenministerium über den Personaltransfer bei JAG?" Ganz offensichtlich war der kahlköpfige Admiral ziemlich aufgebracht darüber, daß jemand versuchte, ihm "in die Suppe zu spucken" und über seinen Kopf hinweg entschieden hatte, daß Lieutenant Meg Austin durch einen anderen Offizier ersetzt werden sollte. "Sie wissen doch gar nicht, welchen Ersatz wir hier brauchen!" knirschte der Ex-SEAL.

"Der Ersatz, den ich im Sinn habe, wird sich sicher als hilfreich erweisen." Webb schien es zu gefallen, sich derart geheimnisvoll zu geben.

"Glauben Sie nicht, ICH sollte darüber entscheiden, wie hilfreich ein potentielles Mitglied meiner Abteilung ist, schließlich geht es hier um Navy-Personal!" Finster baute Chegwidden sich vor dem CIA-Agenten auf und verschränkte die Arme vor der Brust.

"Nein, A.J., geht es nicht." sagte der Marine-Minister hinter ihm.

Chegwidden fuhr herum. "Was soll das heißen?" wollte er stirnrunzelnd wissen.

"Sie ist ein Marine." erklärte der Secretary of the Navy sachlich und steif wie immer.

"Es wird ja immer besser!" dachte Chegwidden grimmig. "Sie?"

"Major Sarah MacKenzie; Absolventin der Offiziersanwärterschule; Verwaltungsoffizier beim Stabsbataillon in Okinawa; machte ihr Jura-Examen an der Duke-University und diente für 6 Monate in Bosnien." faßte der Marine-Minister die Dienstakte der Marine-Corps-Offizierin knapp zusammen.

Chegwidden kniff erneut die Augen zusammen und sagte nichts mehr.


1423 Z-Zeit (09:23 Uhr EST)
Gebäude-Komplex der US-Navy,
Norfolk, Virginia

"Versetzt, Sir? Aber ich bin mitten in einer Ermittlung bezüglich eines Doppelmordes, Sir!"

Der weibliche Marine-Corps-Major verharrte in vorbildlicher militärischer Haltung vor dem Schreibtisch ihres Vorgesetzten und nur das leichte Nagen an der Unterlippe zeigte ihre Unruhe.

Colonel Quentin legte den Kugelschreiber aus der Hand und sah sie an. Major Sarah MacKenzie war nicht unbedingt das, was man sich im allgemeinen unter einem Marine vorstellte, auch wenn sie zweifelsohne ein ganz fabelhafter Marine Corps-Offizier war. Sie war kein "Holzkopf", sondern attraktiv und schlank und hatte große dunkle Augen. Dennoch sollte man nicht den Fehler begehen, sie für eine schwache Frau zu halten – angeblich war ihr rechter Haken ebensogut wie ihre juristischen Fähigkeiten.

"Ich bin mir durchaus bewußt, daß Sie mitten in einem Fall stecken, Major, aber Befehl ist nun einmal Befehl," meinte der Colonel, "Außerdem ist es ein Karrieresprung für Sie, Sie werden im JAG-Hauptquartier in Falls Church dienen, unter Admiral Chegwidden."

Sarah MacKenzie biß sich einmal mehr auf die Unterlippe und sagte nichts mehr.


1702 Z-Zeit (12:02 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

Harmon Rabb junior, Lieutenant Commander der US Navy, ehemaliger Tomcat-Pilot und nun Top-Anwalt bei JAG, zog ein letztes Mal den Krawattenknoten seiner Service Dress Blue Uniform zurecht und warf im Vorbeigehen nochmal einen Blick ins Büro seiner Kollegin, Meg Austin, doch von ihr war noch immer nichts zu sehen. "Aha! Ausgerechnet die Leute, die sich über meine gelegentlichen Mittagspausen beschweren, machen den ganzen Tag blau!" dachte er amüsiert und machte sich mit seinem berüchtigten Flieger-Grinsen auf den Lippen auf den Weg zum Aufzug. Er war erst einige Schritte weit gekommen, als ihn eine befehlsgewohnte Stimme zurückhielt.

"Lt. Commander Rabb, in mein Büro, bitte!" Admiral Chegwidden streckte den Kopf aus seinem Büro und sein Tonfall machte natürlich klar, daß es keineswegs eine Bitte war, sondern ein Befehl.

Harm setzte sich gehorsam in Bewegung, warf aber einen hastigen Blick auf die Uhr. "Sir, Admiral, ich ..."

"Ich weiß, Commander, keine Angst, Sie werden schon nicht zu Ihrer eigenen Ordensverleihung zu spät kommen," versicherte ihm Chegwidden rauh, "ich muß Sie nur über eine Neuigkeit unterrichten, die Ihre Arbeit hier betrifft." Chegwidden war kein Mann vieler Worte, deshalb kam er gleich zur Sache: "Sie bekommen einen neuen Partner zugeteilt, Commander."

"Aber ich habe bereits einen Partner, Sir!" protestierte Harm.

"Nicht mehr, Commander," entgegnete Chegwidden ungerührt, "Lieutenant Austin wurde versetzt."

"Wäre es zuviel verlangt, wenn ich mal länger als ein Jahr mit jemandem zusammenarbeiten könnte?" überlegte sich Harm und fragte wenig begeistert: "Und wer ist der oder die Glückliche, die ihren Posten einnimmt?"

"Über das glücklich läßt sich streiten, wenn es darum geht, Sie als Partner zu haben, Rabb," meinte der Admiral und nur wer wie Harm an seine bärbeißige, ruppige Art gewohnt war, konnte erkennen, daß es in seinen Augen humorvoll glitzerte, "aber Lieutenant Austins Nachfolger ist ein Marine."

"Ein Marine, Sir?" echote Harm überrascht. Vor seinem inneren Auge entstand das Bild eines grobschlächtigen Goliaths mit einer Tätowierung und dem ständigen Bedürfnis, jemanden zum Armdrücken herauszufordern – vorzugsweise während des Mittagessens.

"Ein Marine-Major, um ganz genau zu sein." erläuterte Chegwidden und weidete sich ein wenig an Harms Verwirrung. "Und genau die Richtige, um mit Ihrem Flieger-Ego fertigzuwerden, Commander!" dachte er sich innerlich grinsend. "Sie sollte sich in wenigen Minuten hier melden, aber Sie gehen jetzt besser, Commander."

"Sie?" wiederholte Harm in Gedanken und mußte das Bild des tätowierten Goliaths wieder verwerfen. Stattdessen stellte er sich jetzt eine etwas verbissene Offizierin mit tadellos frisiertem Haarknoten und einem Bizeps wie Sylvester Stallone vor. Marines waren manchmal schon eine ganz eigene Spezies... Harm rief sich zur Ordnung, warf einen Blick auf die Uhr und salutierte dann. "Aye, Sir, ich bin schon unterwegs."


1715 Z-Zeit (12:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Sir, Major MacKenzie wäre jetzt da." meldete Petty Officer Jason Tiner, Chegwiddens Adjudant, über die Sprechanlage auf dem Schreibtisch.

"Schicken Sie sie rein!" befahl Chegwidden und klappte ihre Dienstakte zu, in die er sich gerade vertieft hatte.

Die Türe öffnete sich und Sarah MacKenzie trat ein, verharrte in lehrbuchmäßiger "Hab acht"-Stellung vor seinem Schreibtisch.

"Auf die Minute pünktlich, was auch sonst." stellte Chegwidden für sich fest.

"Stehen Sie bequem, Major." sagte der JAG und musterte sie prüfend. Er hatte sich sofort wieder an sie erinnert, als der Marine-Minister ihren Namen genannt hatte, denn die junge Marine-Kadettin hatte ihn damals ziemlich beeindruckt – und nicht nur ihn, wenn man ihre steile Karriere betrachtete. Sie war eine der jüngsten Frauen, die je den Rang eines Majors erreicht hatten. Sie hatte sich verändert, stellte A.J. Chegwidden fest, ihre Augen blickten nun nicht mehr so wild, sondern lediglich ernst und professionell.

"Sie sind also doch noch Anwältin geworden!" stellte der Konter-Admiral fest.

"Ja, Sir, auf dieser Seite der Anklagebank gefällt es mir eindeutig besser, Sir." entgegnete Sarah "Mac" MacKenzie und lächelte leicht. Sie hatte Chegwidden ebenfalls sofort wiedererkannt und trotz der Abruptheit, mit der sie der neuen Dienststelle zugeteilt worden war, hatte sie nichts dagegen, unter seinem Kommando zu stehen. Die ungewöhnliche Integrität dieses Offiziers hatte sie schon früher beeindruckt.

Chegwiddens Mundwinkel zuckten. "Kann ich mir vorstellen, Major. Willkommen bei JAG."

"Danke, Sir."

"Ich hoffe, Sie haben sich Ihre Dickköpfigkeit bewahrt, Sie werden sie brauchen." teilte Chegwidden ihr mit einem amüsierten Knurren mit.

"Sir?" Mac sah ihn fragend an.

"Ihr Partner ist ein ehemaliger F-14-Pilot und ab und zu hat er noch einen Höhenflug." erklärte Chegwidden auf seine unverblümte Art.


14. Februar 2001
2341 Z-Zeit (15:41 Uhr PST)
LaJolla, Kalifornien

"Das haben Sie wirklich gesagt, Sir?" fragte Harm etwas ungläubig.

A.J. Chegwidden verschränkte die Arme vor der Brust. "Irgendwelche Einwände, Commander?" fragte er mit einem Funkeln in den Augen.

"Nein, Sir," antwortete Mac an seiner Stelle und ließ sich von Frank Burnett Kaffee nachschenken, "im Nachhinein gesehen waren Ihre Worte geradezu prophetisch."

"Sind die beiden immer so anstrengend, Admiral?" fragte Trish, "Sieht so aus, als müßte ich mir einen Termin in Ihrem Büro geben lassen, um endlich das Ende dieser Geschichte hören zu können, ohne daß jemand Sie ständig unterbricht!"

"Wo war ich?" überlegte Chegwidden, "ah, ja ..."


Januar 1997
1720 Z-Zeit (12:20 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

"Ihr Partner ist ein ehemaliger F-14-Pilot und ab und zu hat er noch einen Höhenflug." erklärte Chegwidden auf seine unverblümte Art.

"Keine Sorge, Sir, ich bin ein Marine, damit werde ich schon fertig." entgegnete die junge Frau vor seinem Schreibtisch zuversichtlich.

Chegwidden hatte keine Zweifel daran. Er erhob sich. "Tut mir leid, Major, ich muß los. Ihrem Partner wird heute das Distinguished Flying Cross verliehen. Lassen Sie sich Ihr Büro zeigen und treffen Sie uns im Garten des Weißen Hauses ... sagen wir um 1815 Zulu."

"Jawohl, Sir."


1818 Z-Zeit (13:18 Uhr EST)
Pennsylvania Avenue,
Washington DC

Harm ging mit seinem kommandierenden Offizier und dem jungen Lieutenant Bud Roberts durch den Rosengarten des Weißen Hauses. Im Hintergrund spielte eine Militärkapelle "Anchors Aweigh". Jetzt, wo die Ordensverleihung abgeschlossen war, löste sich die Versammlung aus hochdekorierten Offizieren, Politikern und Bodyguards des Präsidenten langsam wieder auf.

"Gut gemacht, Commander!" lobte Chegwidden mit einem Blick auf das Distinguished Flying Cross, das jetzt Harms Uniform schmückte.

"Danke, Sir."

"Sehr gut gemacht, Sir." betonte Bud Roberts enthusiastisch.

"Nicht übertreiben, Mr. Roberts, er ist ein Navy-Pilot. Mit seinen Abzeichen schwillt ihm die Brust an wie die eines Admirals." warnte der JAG.

Bud grinste von einem Ohr zum anderen. "Mit ein oder zwei Sternen, Sir?" Das brachte ihm jedoch nur einen grimmigen Blick von Chegwidden ein und so fügte er schnell hinzu: "Sollte ein Scherz sein, Sir."

Der Ex-Seal fixierte ihn scharf. "Lieutenant, Junior-Offiziere scherzen nicht mit Admirälen, das kann Ihnen eine Verlegung auf einen Kohlefrachter einbringen. Das Scherzen ist das Privileg eines Admirals." stellte Chegwidden klar und gab sich grimmig.

Harm sprang in die Bresche und fragte Bud nach seinem Dienst auf der Seahawk, um ihm aus der Verlegenheit zu helfen. Der Admiral erklärte ihm, daß Bud nun für JAG arbeitete und seiner Abteilung zugewiesen werden würde.

Sie bogen um einen weiteren Rosenbusch. Sarah MacKenzie, die im Hintergrund geduldig gewartet hatte, entdeckte den Admiral und kam auf sie zu.

"Guten Tag, Admiral." grüßte sie und begutachtete aus den Augenwinkeln die beiden Offiziere, die in Chegwiddens Begleitung waren.

Der jüngere der beiden, ein Lieutenant junior grade, war braunhaarig, etwa so groß wie sie und ein wenig stämmig. Er hatte ein rundes, offenes und fast ein wenig naives Gesicht. Irgendwie weckte er sofort Beschützerinstinkte in dem Marine-Major.

Der andere Offizier trug die Abzeichen eines Lieutenant Commander, goldene Aviator Wings und ein DFC - offensichtlich war dieser Mann ihr neuer Partner. Abschätzend musterte sie ihn von unten bis oben. Sie mußte ziemlich hoch hinaufsehen, denn er war über 1,90 m groß und zudem muskulös und schmalhüftig. Eben hatte er noch ein selbstsicheres Fliegerlächeln auf den Lippen gehabt – "das er sich aber bei mir sparen kann!" dachte Mac entschlossen. Jetzt war dieses Grinsen jedoch plötzlich wie weggewischt und der ehemalige Pilot starrte sie nur an als hätte er einen Geist gesehen.

Der Admiral nickte Mac zu und erwiderte ihren Gruß. "Guten Tag." Er deutete auf den großen Offizier zu seiner Linken und stellte vor: "Lieutenant Commander Harmon Rabb – Major Sarah MacKenzie."

Sarah MacKenzie lächelte höflich und streckte ihm bereitwillig die Hand hin. "Mac." erklärte sie.

Der Lieutenant Commander schien ihre ausgestreckte Hand jedoch gar nicht zu bemerken, sondern starrte weiterhin nur ihr Gesicht an. Irritiert sah Mac ihn an.

"Diane! Das ist unmöglich, ich habe doch ... Sie ist tot!" Vor Harms innerem Auge sah er seine ehemalige Akademie-Freundin, Lieutenant Diane Schonke blutüberströmt und leblos auf einer Bahre liegen. Diese Frau sah ihr so unglaublich ähnlich, daß er es nicht fassen konnte. Erst nach einigen Sekunden riß Harm sich zusammen und ergriff ihre Hand, als sie die ihre gerade wieder zurückziehen wollte. "Harm." erwiderte er endlich mit etwas belegter Stimme.

Chegwidden hatte argwöhnisch zugesehen. "Kennen Sie zwei sich?" wollte er wissen. "Diese Sarah MacKenzie ist bekannt wie ein bunter Hund!" dachte er kopfschüttelnd.

"Ja, Sir!" entgegnete Harm ohne einen Blick von seiner neuen Kollegin zu wenden.

"Nein, Sir!" sagte Mac gleichzeitig und starrte Harm Rabb überrascht an. Sie war sich sicher, ihm nie zuvor begegnet zu sein, daran hätte sie sich sicher erinnert, denn schließlich war er nicht gerade das, was man einen unscheinbaren oder auch nur unauffälligen Mann nannte.

Harm bemerkte ihre Verwirrung und riß sich zusammen. "Oh, tut mir leid, Major, natürlich kenne ich Sie nicht. Ich hatte... mir war nur einen Moment so als ob..." Wie konnte er ihr das erklären; schließlich hatten sie sich eben erst kennengelernt und sie konnte es mißverstehen, wenn er ihr sagte, daß sie seiner toten Freundin ähnelte wie ein Ei dem anderen.

"Das liegt an der Uniform." bot Mac tolerant eine Erklärung an.

"Eigentlich nicht, sie war in der Navy." widersprach Harm.

Chegwidden fand es etwas irritierend, daß die beiden Hälften seines neuesten Teams alles um sich herum vergessen zu haben schienen – inklusive ihn. "Sie werden zusammen arbeiten, also nicht so vertraut!" unterbrach er sie. Er war gespannt gewesen auf die erste Begegnung seiner beiden Offiziere, aber eine solche Reaktion hatte er dann doch nicht erwartet.


14. Februar 2001
2345 Z-Zeit (15:45 Uhr PST)
LaJolla, Kalifornien

Admiral A.J. Chegwidden beendete seine Geschichte und lehnte sich zurück, um den beiden Roberts Gelegenheit zu geben, den Gästen ebenfalls etwas zum Thema zu erzählen. Bevor Lt. Bud Roberts sich jedoch erheben konnte, näherte sich PO Tiner dem Kopfende des Tisches. "Ma’am, Sir, ich glaube, es ist Zeit." Er drückte Mac ein Messer in die Hand.

"Hey, Marine, sollte ich das nicht lieber machen, jetzt wo wir wissen, wie gefährlich es ist, dir eine Waffe in die Hand zu geben?" meinte Harm mit einem liebenswürdigen Grinsen.

Mac erwiderte das Lächeln des Ex-Piloten. "Ich glaube, es wird erwartet, daß wir das zusammen machen, Flyboy – und das ist gut so, wenn man bedenkt, daß das einzige Besteck, mit dem du umgehen kannst, eine Salatgabel ist." gab sie schlagfertig zurück.

Als sie sich erhoben und Seite an Seite zu dem kleinen Tisch in der Mitte des Saales hinübergingen, hörte Chegwidden noch, wie Harm sagte: "Einspruch, euer Ehren! Wieviel Erfahrung mit Besteck mag wohl jemand haben, der Beltway Burger frühstückt?"

"Ehen zwischen Anwälten sollten verboten werden!" kommentierte Chegwidden lachend und reichte Tiner seinen Teller, damit er ihm ein Stück von der Hochzeitstorte brachte, die Harm und Mac gerade anschnitten.

ENDE
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