Sequel zu "Rentner & Regenbogen", "Hochwasser & Hausgenossen" und "Gäste & Geburtstagswünsche".
Ich empfehle, die drei Geschichten vorher zu lesen, sonst versteht man nicht immer alles.
Inhalt:
Harms Großmutter kündigt ihren Besuch an und unternimmt
einen letzten
Versuch, ihren Enkel und seine Partnerin miteinander zu verkuppeln.
Disclaimers: Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.
Anmerkung:
Die Geschichte spielt während der 5. Staffel. Harm ist Commander,
Mac Lieutenant Colonel; sie haben sich von Renee bzw. Brumby getrennt.
FEEDBACK BITTE!!!!!!!!
1735 Z-Zeit (12:35 Uhr EST / Eastern Standard Time)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Okay, Bud, das wär’s. Ich denke, wir sind bestens vorbereitet." Marine-Corps-Colonel Sarah MacKenzie nickte ihrem jungen Kollegen zufrieden zu und schloß die Akte, an der sie beide den ganzen Morgen über gearbeitet hatten.
"Ja, Ma’am. Commander Rabb sollte sich diesmal besser vorsehen." stimmte Bud Roberts mit einem Honigkuchenpferd-Grinsen zu und erhob sich aus dem Sessel vor Macs Schreibtisch.
Macs dunkle Augen funkelten, als sie erneut nickte. "Oh, Bud, wo Sie gerade Commander Rabb erwähnen ... könnten Sie ihm das schnell rüberbringen?" Sie hielt dem jungen Lieutenant einen geschlossenen Briefumschlag hin, auf dem nur ein Wort stand: "Harm".
"Uh ... ähm... ja, natürlich, Colonel." Bud versuchte, seine Überraschung zu überspielen und nahm den Umschlag vorsichtig entgegen. Es war ziemlich ungewöhnlich, dass zwei JAG-Anwälte, deren Büros direkt nebeneinander lagen, schriftlich kommunizierten.
"Hey, nur keine Sorge, Bud, das ist keine Briefbombe!" beruhigte Mac, der Buds Erstaunen nicht entgangen war - dazu hätte sie wohl blind sein müssen. Ihre Mundwinkel kräuselten sich amüsiert.
"Oh, nein, Ma’am, das hab ich auch nicht vermutet." beeilte sich Bud schnell zu versichern. "Dazu ist der Umschlag auch viel zu leicht." Während er den Briefumschlag gehorsam nach draußen trug, fragte er sich neugierig, was er wohl enthalten mochte. Er war so in Gedanken versunken, dass er vor Harm Rabbs Bürotüre beinahe mit einer blonden Frau in Zivilkleidung zusammengestoßen wäre.
"Ah, Harriet, du bist es," erleichtert erkannte Bud seine Frau, mit der er zum Lunch verabredet war, "ich bin gleich fertig, ich muß dem Commander nur noch schnell diesen Brief von Colonel MacKenzie bringen." Er wedelte mit dem Umschlag.
"Mmmh, ein Liebesbrief!" Harriet lächelte ihr süßes Kuppler-Lächeln.
Bud bekam rote Wangen. "Harriet, bitte!" Er drehte sich nach allen Seiten um, ob sie auch niemand gehört hatte.
Harriet kicherte. "Schon gut, Bud, ich bin ja schon still." Sie schob ihren Ehemann in Richtung von Harms Bürotüre, er klopfte und trat hastig ein.
Commander Harmon Rabb junior sah von seinen Unterlagen auf. "Hey, Bud, was kann ich für Sie tun? Sorgen wegen dem Conway-Fall?" Der Ex-Pilot grinste breit.
"Oh, nein, Sir!" widersprach Bud energisch, "Colonel MacKenzie und ich sind entschlossen zu gewinnen! Sie schickt Ihnen diesen Umschlag, Sir." Er legte den Briefumschlag vor Harm auf den Schreibtisch.
Harms Grinsen wuchs in die Breite und er beäugte den Umschlag misstrauisch von allen Seiten. "Was ist das? Eine Morddrohung? Ein Bestechungsversuch?"
Bud zuckte hilflos die Schultern. "Ich weiß nur, dass es keine Briefbombe ist, Sir." Er grinste unsicher.
Harm hob die Augenbrauen und benutzte seinen Kugelschreiber, um den Umschlag zu öffnen. Einen Moment sah er verblüfft auf den 10 Dollar-Schein, den er plötzlich in Händen hielt, hinab, dann lachte er. "Marines!" murmelte er kopfschüttelnd.
Bud sah ihn verwirrt und neugierig zugleich an. Eben scherzte der Commander noch über einen Bestechungsversuch und dann stellte sich heraus, dass in dem Umschlag wirklich Geld gewesen war?
Harm erhob sich und ging um den Schreibtisch herum. Im Vorbeigehen gab er Bud einen Klaps auf die Schulter. "Nur keine Sorge, Bud, selbst Mac weiß, dass ich nicht zu bestechen bin ... nicht mit zehn Dollar jedenfalls." Grinsend öffnete er die Türe, grüßte fröhlich zu Harriet hinüber und betrat Macs Büro.
"Nachricht erhalten, Flyboy?" fragte Mac ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.
"Woher weißt du, dass ich es bin?" Harm lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrrahmen.
Mac legte den Füller hin. "Die hohe Kunst der Mathematik, ganz einfach! Zwei Minuten für Bud, bis er endlich genug gerätselt und dein Büro betreten hat, zwei Minuten für dich, um blöde Witze zu machen und dreißig Sekunden, um hier zu erscheinen."
"Mathematik, aha! Und was stellt das hier dar?" Harm wedelte lächelnd mit der Banknote, "Ich nehme nicht an, dass du für einen mittellosen Navy-Anwalt den Hut hast herumgehen lassen, oder?"
"Dann wäre wohl kaum soviel zusammengekommen, Fliegerheld," Mac lächelte zuckersüß, "Nein, ich hab da gerade ein kleines Problem in meiner Wohnung und dachte, ich könnte vielleicht für einen Tag bei dir wohnen, wenn es dir keine allzu großen Umstände macht." Fragend sah sie ihren Partner an.
"Umstände?" Harm grinste. Macs Gesellschaft, auch wenn es nur für einen Abend war, war ihm immer mehr als willkommen. "Na ja, ich werde eben die Zähne zusammenbeißen und dich ertragen, was soll’s. Was ist das denn für ein 'kleines Problem’ in deiner Wohnung?"
"Frühjahrsputz." Mac rollte mit den Augen.
"Frühjahrsputz?" echote Harm und hob skeptisch eine Augenbraue, "Mac, es ist August!"
"Na und?" Mac zuckte die Schultern. "Ich habe im Frühling angefangen und beschlossen, bei der Gelegenheit gleich noch die Küche zu streichen. Nur ..."
"... ist das ganze jetzt in einem Schlachtfeld ausgeartet, wie ich dich kenne, hm?"
Macs Mundwinkel zuckte. "Na ja, sagen wir mal so: Es kann weder meiner Laune noch meiner Wohnung schaden, wenn ich ihr einen Tag den Rücken kehre."
"Was denn? Ein Marine kapituliert und flüchtet?" fragte Harm in freundschaftlichem Spott.
"Marines..."
"... kapitulieren und flüchten nicht," beendete Harm grinsend den Satz, "Was bitte tun sie dann, bitte erleuchte mich, Miss Semper Fi!" Erheitert verschränkte er die Arme vor der Brust.
Mac lehnte sich in ihrem Schreibtischsessel zurück. "Wenn wir zurückweichen, dann nur, um besser Anlauf nehmen zu können und wir kapitulieren nie, sondern greifen höchstens in eine andere Richtung an."
"In die Richtung meines Apartments, hm? Okay, aber ich habe schon einen dritten Teller, Mac." Harm deutete auf den 10-Dollar-Schein. Als er für ein paar Tage mit seiner Großmutter hatte bei Mac unterkommen müssen, hatte er ihr scherzhaft 10 Dollar für einen dritten Teller gegeben.
Mac ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Wer hat gesagt, dass die 10 Dollar für einen Teller sind? Die sind für etwas Anständiges auf diesen Teller gedacht, ich kenne ja deinen Kühlschrank." Ihr Gesichtsausdruck ließ deutlich erkennen, was sie von Harms Ernährungsgewohnheiten hielt.
"Hast du da nicht etwas vergessen?" wollte Harm wissen und sah seine Kollegin auffordernd an.
Mac zupfte mit den Zähnen leicht an der Unterlippe und musterte ihn verständnislos. "Vergessen?" Dann lächelte sie und probierte es mit einem fragenden "Bitte?"
Harm grinste. "Bitte tut es auch, aber ich meine eigentlich eine Null, Colonel! Diesem Schein fehlt eine Null. Es ist unmöglich, einen Marine mit 10 Dollar satt zu bekommen!"
Mac unterdrückte ein Lachen und warf ihren Füller in seine Richtung. "Mach dass du rauskommst, Flyboy! Und bereite dich seelisch und moralisch darauf vor, dass du heute vor Gericht fertig gemacht wirst!"
"In deinen Träumen, Marine!" Bevor Mac etwas erwidern konnte, schloß Harm schnell die Türe hinter sich.
1750 Z-Zeit (12:50 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm streckte eben die Hand nach der Türfalle seines Büros aus, als die Stimme des Admirals ihn stoppte. "Rabb!"
Harm drehte sich um und sah seinen kommandierenden Offizier auf sich zukommen. "Sir?"
"In zehn Minuten beginnt die Schlussverhandlung im Conway-Fall; sind Sie vorbereitet?" wollte A.J. Chegwidden wissen. Es war seine Angewohnheit, den Verlauf jedes Falles selbst zu verfolgen und er wusste, dass Harm als Verteidiger bei diesem Prozess einen schweren Stand hatte.
"Ja, Sir, alles bereit. Von mir aus kann’s losgehen!" erklärte Harm zuversichtlich.
Chegwidden verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Harm kritisch. "Soll das heißen, Sie wollen so vor Gericht erscheinen? Commander, gibt es schon wieder Probleme mit der Reinigung oder hat man es auf der Akademie versäumt, Ihnen zu erklären, wie eine vorbildliche Uniform auszusehen hat?"
Harm runzelte die Stirn und sein zuversichtliches Lächeln verblasste. "Sir, ich verstehe nicht ganz... Reinigung? Uniform? Wovon sprechen Sie?"
"Davon!" Der Admiral knurrte und wies mit vorgerecktem Kinn auf Harms weißes Uniformhemd.
Harm schielte an sich hinab und musste feststellen, dass das Hemd so weiß gar nicht war. Große Tintenflecken waren quer über seiner Brust zu sehen. "Oh, das muß eben bei Colonel MacKenzie passiert sein! Tja, wenn Marines etwas tun, dann tun sie es gründlich, Sir." Harm erinnerte sich wieder daran, dass Mac eben ihren Füller nach ihm geworfen hatte.
Doch diese Erklärung besänftigte Chegwidden nicht etwa, sondern ließ ihn nur noch grimmiger dreinblicken. Harm glaubte fast, seine Kieferknochen knirschen zu hören. Argwöhnisch sah er Harm an. "Haben Sie mir irgend etwas zu sagen, Commander?" fragte er streng.
"Sir?" Harm sah ihn aufmerksam, aber verständnislos an.
Chegwidden seufzte. "Glauben Sie, Sie und Colonel MacKenzie könnten sich noch während meiner Amtszeit entscheiden? Erst versichern Sie mir, dass Ihre Beziehung rein professionell ist und jetzt ... gehen Sie plötzlich in den 'Nahkampf ’ über?" Der Admiral wies auf die Flecken, die Macs Tinte auf Harms Hemdbrust hinterlassen hatte. Offensichtlich glaubte er, dass Mac den Füller währenddessen noch in der Hand gehabt hatte.
"Admiral, es ist nicht so, wie Sie denken..." begann Harm, wurde aber unterbrochen, als Mac aus ihrem Büro kam; mit Aktentasche und Schiffchen, bereit, den Gerichtssaal zu betreten.
"Wir klären das später, Commander," entschied Chegwidden, "aber sehen Sie zu, dass Sie irgendwo ein sauberes Hemd herbekommen, noch eine Beschwerde von Admiral Morris kann ich nicht gebrauchen."
0355 Z-Zeit (22:55 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm stand inmitten seines Wohnzimmers und sah an sich hinab. Sein Hemd und seine Jeans waren vollkommen durchnässt und aus seinem Haar tropfte Wasser aufs Parkett. Er ließ seinen Blick weiter wandern, über die Unterlagen auf dem Wohnzimmertisch, das Geschirr in der Spüle und die Wasserpfützen, die vom Badezimmer bis zur Couch führten. "Mac wohnt seit weniger als vier Stunden bei mir und schon hat sich mein Apartment in ein Katastrophengebiet verwandelt!" Dennoch musste Harm grinsen. "Lieber ein chaotisches als ein einsames Apartment."
"Okay, nun gib’s schon zu, Jarhead, der Marineminister hat dir eine Beförderung versprochen, wenn du mich systematisch fertig machst. Zuerst zerpflückst du meine Argumente vor Gericht, dann muß ich den ganzen Abend in deiner Gesellschaft an einem neuen Fall arbeiten, du lästerst über mein fettarmes Joghurt-Eis, dein Hund stürzt sich absichtlich in das größte Schlammloch in ganz Washington, hinterlässt Pfützen auf meinem Parkettboden, setzt mein Badezimmer unter Wasser, durchnässt meine Kleidung und mein Sofa ..."
Nachdem sie ihre Arbeit an dem Fall beendet hatten, hatten sie mit Jingo noch eine nächtliche Runde um den Block gedreht, wobei der alte Hund so schmutzig geworden war, dass sie ihn hatten baden müssen. Das Resultat davon war, dass Harm, Mac und die Couch, auf die sich der nasse Hund geflüchtet hatte, mehr Wasser abbekommen hatten als Jingo.
"Tut mir wirklich leid, Harm," Mac deutete hilflos und bedauernd auf das triefendnasse Sofa, "ich werde..."
Jingo wählte ausgerechnet diesen Moment, um sich ausgiebig zu schütteln. Im Umkreis von drei Metern ging ein feiner Nieselregen auf die Wohnzimmermöbel nieder. Eilig packte Mac ihren Hund am Halsband und begann ihm eine Predigt zu halten, die Harm an den Admiral in seinen besten Momenten erinnerte.
"Hey, entspann dich, Marine, bis morgen früh ist das längst wieder trocken und für die eine Nacht werden wir ja mal im selben Bett schlafen können. Inzwischen dürftest du ja daran gewöhnt sein, das Bett mit einem Piloten zu teilen." Harm grinste als er an den 'Fliegerteddy’ dachte, den er Mac in Belleville aufs Kopfkissen gesetzt hatte.
Mac nickte langsam, aber ihr Mundwinkel zog sich verräterisch nach oben. Ihr war etwas seltsam bei dem Gedanken zumute, in Harms Bett zu schlafen.
"Hey, du hast doch keine Bedenken, oder, Marine?" Harm grinste, aber seine Augen waren ernst.
Mac zuckte die Schultern und musste dann doch schmunzeln. "Hey, das ist Harm, dein bester Freund, kein Fremder! Entspannt dich!" "Klar hab ich Bedenken, schließlich ist es doch bekannt, dass ihr Piloten Mundgeruch habt, schnarcht, eure Hände nicht bei euch behalten könnt und mit euren Füßen jeden Marine durch eine einzige Berührung gefriertrocknen könnt." Sie grinste frech.
"Ha, das sollen Bedenken sein? Ich dagegen muß wahre Todesängste ausstehen. Ich hab grauenhafte Dinge darüber gehört, wie man aussieht, wenn ein Marine sich im Schlaf über einen hinweg wälzt." Harm bemühte sich, ein Gesicht zu machen, als wäre Mac ein 200 kg-Marine mit einem Totenkopf-Tattoo auf dem Oberarm, aber es gelang ihm nicht ganz.
Mac kam nicht zu einer Antwort, denn in diesem Moment klingelte das Telefon. Noch immer mit einem breiten Lächeln auf den Lippen nahm Harm den Hörer ab. "Rabb."
<Hallo Harmon, wie geht es meinem Lieblingsenkel?>
"Granny!" Harm lächelte erfreut, "Gut, mir geht’s gut." Er warf unwillkürlich einen Blick zu Mac hinüber, die drei Schritte näher an ihn und das Telefon herantrat.
<Und wie geht es Sarah?> erkundigte sich die alte Dame herzlich, so als wisse - oder hoffe - sie, dass Mac da war.
Harm betrachtete seine Partnerin mit einem amüsierten Blick von oben bis unten. Ein paar nasse Haarsträhnen hingen ihr in die Stirn und sie umklammerte Jingos Halsband, um Harms Apartment vor weiterem Schaden zu bewahren. "Hmm, ich würde sagen, das ist unbeschreiblich."
Mac ließ Jingo los und nahm Harm wortlos den Hörer aus der Hand. "Granny?"
<Sarah! Freut mich, dass du da bist!>
Mac konnte das breite Rabb-Grinsen der grauhaarigen Dame fast vor sich sehen. Sie wusste, dass Granny sich tatsächlich diebisch darüber freute, sie bei Harm anzutreffen. "Ist auch schön, von dir zu hören. Rufst du aus einem bestimmten Grund an?" Mac blickte fast besorgt drein, denn sie hatte Harms Großmutter sehr ins Herz geschlossen.
<Du meinst, außer, um das Liebesleben meines Enkels und seiner Partnerin im Auge zu behalten?> Die 80jährige kicherte.
"Granny!" mahnte Mac.
Harm schüttelte tadelnd den Kopf. Er konnte sich schon so ungefähr denken, was seine Großmutter eben gesagt hatte. "Mac, sag ihr bitte, dass von ihr in ihrem Alter erwartet wird, dass sie weise ist und nicht vorlaut!"
"Psst, Flyboy, jetzt spreche ich mit Granny, von Frau zu Frau, verstanden?" Mac schlug Harms Hand weg, die nach dem Telefonhörer greifen wollte.
<Bravo, Mädchen, zeigt ihm, wer der Boss ist!> lobte Granny, <Ein zukünftiger Ehemann kann das gar nicht früh genug lernen!>
"Granny! Ich möchte wirklich mal wissen, wo du die Phantasie her hast!" meinte Mac kopfschüttelnd.
<Oh, Phantasie braucht man dazu nicht, es genügen zwei altersschwache Augen, um das zu sehen.> Ihre Stimme deutete erneut eines der berüchtigten Rabb-Grinsen an.
"Graaanny!"
<Okay, okay. Um auf deine Frage zurückzukommen ... ich rufe an, um euch meinen Besuch anzukündigen.>
"Moment." Mac sah sich nach Harm um und hielt ihm den Telefonhörer hin, aber Harm war damit beschäftigt, ihren halbtrockenen Hund hinter den Ohren zu kraulen und wehrte grinsend ab. "Ich werde mich hüten, mich in ein Frauengespräch einzumischen!" kommentierte er belustigt.
<Was ist, störe ich die traute Zweisamkeit?> erkundigte sich Sarah Rabb amüsiert als eine Antwort auf sich warten ließ.
Mac rollte mit den Augen. "Unsinn! Wann kommst du an, Granny?"
<Ich hatte eigentlich auf einen früheren Flug gehofft, aber es sieht so aus, als müsste ich den späteren nehmen. Ich werde morgen um 15 Uhr in Dulles ankommen. Meinst du, ihr könntet mich abholen? Wenn du Harm begleitest, bin ich sicher, dass er auch pünktlich ist.> schlug Granny möglichst unauffällig vor.
"Dann streiche ich die Küche eben danach," überlegte Mac achselnzuckend. "Ich denke, das lässt sich machen." antwortete sie und zog es vor, auf Grannys Andeutung nicht zu reagieren.
<Prima, ich freue mich. Dann sehen wir uns morgen. Gute Nacht und gib meinem gutaussehenden Enkel einen dicken Kuß von mir.>
"Welcher gutaussehende Enkel?" Mac gab sich unbeeindruckt.
Harm näherte sich Mac und verschränkte die Arme vor der Brust. "Sag das nochmal, Marine!" forderte er leise und schob sich scherzhaft-drohend noch näher an sie heran. Sein Atem kitzelte Macs Nacken.
<Na, der Enkel, der etwa zehn Zentimeter von dir entfernt ungeduldig darauf wartet, dass ich endlich auflege, um dich wieder ganz für sich allein zu haben.>
Mac schüttelte nur den Kopf und schob ihren drohend tuenden Partner ein Stück von sich weg. "Na, jetzt weiß ich wenigstens, woher Harm diesen seltsamen Humor hat," kommentierte sie trocken, ohne zuzugeben, dass Granny zumindest mit der Entfernung Recht gehabt hatte, "Gute Nacht, Granny, und bis morgen."
<Bis morgen, Sarah.>
Sie legten beide auf. Harm sah seine Teilzeit-Untermieterin erwartungsvoll an.
"Granny möchte dich besuchen." erklärte Mac.
Harm nickte ruhig. "Wann?" Man sah ihm an, dass er an eine der folgenden Wochen dachte.
Mac schmunzelte. "In 15 Stunden, 48 Minuten und 26 Sekunden - also Morgen, um 1500."
Harm hob überrascht die Brauen. "Morgen, 1500? Und ich werde nicht einmal gefragt?" Ein wenig vorwurfsvoll sah er seine Partnerin an.
Mac zuckte die Schultern und lächelte zuckersüß. "Du warst doch derjenige, der darauf bestanden hat, sich nicht in ein Frauengespräch einmischen zu wollen. Da haben wir das eben unter uns ausgemacht." erklärte sie ganz selbstverständlich.
Harm fuhr sich durch sein kurzes, noch immer etwas feuchtes Haar. "Und wieder eine Lektion fürs Leben gelernt," murmelte er, grinste aber dabei, "okay, dann laß uns mal mit den Vorbereitungen beginnen. Eines ist sicher, diesmal müssen wir uns etwas Besseres einfallen lassen, es wäre doch gelacht, wenn es zwei der besten Anwälte Washingtons nicht gelänge, eine alte Frau davon zu überzeugen, dass wir nur Freunde sind!"
Mac nickte bestätigend. "Wir müssen uns etwas Gutes einfallen lassen - ich weiß ja, wie stur und nervtötend die Rabbs sein können."
"Hey, Mac, wenn du so weiter machst, hast du bald eine Klage wegen Beleidigung am Hals!" drohte Harm scherzhaft.
Mac machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach, mit einem solchen Partner erhalte ich mildernde Umstände ... und ich habe gute Verbindungen zur Anwaltschaft."
"Mmh, ich könnte dir auf jeden Fall Unzurechnungsfähigkeit attestieren, Ninjagirl," meinte Harm mit sanftem Spott und nahm den Schlag auf den Arm mit einem Grinsen hin, "Hey, denk lieber darüber nach, wie wir Granny überzeugen, dass zwischen uns nichts läuft, anstatt handgreiflich zu werden!"
"Wir könnten so tun, als ob wir uns ständig streiten, dann kann nicht einmal Granny auf romantische Gedanken kommen." schlug Mac vor.
"Oh, großartige Idee, Frau Anwältin!" Harm schüttelte ironisch den Kopf, "Überleg dir was anderes, ich habe keine Lust, schon wieder auf irgendeinem U-Boot zu landen!"
Mac musste lachen. "Gut, dann gehen wir zu unserem alten Notfallplan über und treffen alle Katastrophenvorkehrungen, die wir nach Grannys letztem Besuch aufgestellt haben: Hausrat-, Wasser- und Feuerversicherung abgeschlossen? Alle Sägen sicher verwahrt?" Sie tat, als lese sie eine Checkliste vor und Harm nickte jedes Mal, während er durch die Wohnung ging, um die nötigen Veränderungen vorzunehmen, "Meine Joggingschuhe aus deinem Schuhschrank entfernt? Die Fotos vom NATO-Ball und von Buds und Harriets Hochzeit etwas weiter zurück schieben? Ist die Matratze gegen eine rückenfreundliche ausgetauscht?"
"Wenn Granny es dann immer noch nicht einsieht, können wir immer noch zu Plan B übergehen." meinte Harm, während er die Matratze prüfte.
"Plan B?"
"Mir ist eingefallen, was ich bei ihrem letzten Besuch mal zu Granny gesagt habe: 'Ich wünschte, du hättest ein bißchen dieser Begeisterung für eine meiner anderen Freundinnen gezeigt’," erklärte Harm, "Wenn alles andere versagt, dann spielen wir Granny einfach vor, dass wir jetzt zusammen sind, dann verliert sie vielleicht das Interesse. Sie hat sich nie in eine meiner Beziehungen eingemischt ... sie konnte sich meistens nicht einmal die Namen meiner Freundin merken."
"Mach dir nichts draus, alte Menschen sind eben einfach nicht mehr flexibel genug, um sich alle zwei Tage an einen anderen Namen gewöhnen zu können, Flyboy." neckte Mac.
"Trichtert man euch Marines solche Gemeinheiten eigentlich im Rekrutentraining ein?" beschwerte sich Harm.
"Nein, das hab ich erst gelernt, als ich einen arroganten Ex-Piloten als Partner zugewiesen bekam." gab Mac schlagfertig zurück.
Harm gab ihr einen spielerischen, sanften Schubs in Richtung Badezimmer. "Marsch ins Bad, Marine, bevor besagter Ex-Pilot auch noch seine gemeine Seite entdeckt!"
0350 Z-Zeit (23:50 Uhr PST / Pacific Standard Time)
Los Angeles International Airport
Los Angeles, Kalifornien
Sarah Rabb nahm als eine der ersten Fluggäste ihren Platz am Fenster ein und begann sofort, es sich bequem zu machen. Das hektische Treiben der anderen Passagiere und der Stewardessen um sie herum konnte Granny nicht aus der Ruhe bringen. Sie freute sich auf ihren Besuch in Washington D.C. Seit sie Mac praktisch "adoptiert" hatte, verbrachte sie mehr Zeit als sonst in der Hauptstadt.
Die 85jährige sah auf, als ein Schatten auf ihre Flugzeug-Zeitschrift fiel. "Nein, vielen Dank, aber ich möchte noch nichts." sagte sie, bevor sie erkannte, dass nicht etwa eine übereifrige Stewardess vor ihr stand, sondern ein älterer Mann, der für diesen Flug ihr Platznachbar zu sein schien. Unwillkürlich sah sie sich um, ob noch weitere Rentner in der Nähe lauerten.
"Das hätten Sie nicht gesagt, wenn Sie meinen Kaffee kennen würden," sagte der Fremde mit einem Schmunzeln, das Granny aus ihrer Verlegenheit half. Er nickte ihr höflich zu und setzte sich.
"Möchten Sie lieber den Fensterplatz?" erkundigte sich Granny mit einem Blick auf seine langen Beine freundlich.
"Nein, danke." Er schüttelte lächelnd den Kopf.
Während die letzten Passagiere ihre Plätze einnahmen, schnallte Granny sich an und betrachtete aus den Augenwinkeln ihren Nachbarn. Er war nicht mehr jung - Sarah Rabb schätzte, dass er etwa in ihrem Alter sein musste - aber ganz sicher war er kein seniler Rentner, der in seinem Fernsehsessel dahinvegetierte. Er war groß, schlank und kräftig und seine dunkle Haut wurde von tiefen Linien durchzogen. Er hatte kurzes schwarz-graues Haar und wenn er lächelte strahlten seine dunklen Augen Wärme aus.
Eine Durchsage aus der Bord-Lautsprecheranlage unterbrach Grannys Überlegungen. "Meine Damen und Herren, verehrte Fluggäste, ich begrüße Sie im Namen der gesamten Crew und wünsche Ihnen einen angenehmen Flug mit United Airlines."
Die Boeing 747 startete und stieg langsam in die Höhe. Nach einer Weile erlosch das "Bitte- Anschnallen"-Schild und die Stewardess kam mit einem Getränke-Wagen vorbei. "Darf ich Ihnen etwas zu trinken oder einen Imbiß anbieten?"
"Einen Kaffee, bitte!" sagten Granny und ihr hochgewachsener Nachbar gleichzeitig. Sie lachten beide.
Der Fremde nippte vorsichtig an der Flüssigkeit in dem Pappbecher und meinte skeptisch: "Ich sagte ja, dass mein Kaffee besser ist."
"Das wäre die erste Stewardess, die ihren Job aufgibt, um ein Café zu eröffnen." kommentierte Granny und dachte lächelnd daran, wie vor einem Dreiviertel Jahr Sarah MacKenzie dies zu ihr gesagt hatte, als sie sie auf einem ganz ähnlichen Flug kennengelernt hatte. Scheinbar hatte sie in der letzten Zeit eine Begabung dafür, interessante Bekanntschaften im Flugzeug zu machen.
"Unterwegs zu Ihrer Familie?" erkundigte sich der alte Mann nach einer Weile.
Granny nickte. "Ich fliege zu meinem Enkel und seiner Partnerin." Ihr Lächeln verriet Zuneigung und Stolz.
"Partnerin wie in Lebensgefährtin?" erkundigte sich der große Mann aufmerksam.
Granny musste beinahe lachen, als sie sich daran erinnerte, dass sie Mac damals etwas ganz ähnliches gefragt hatte. "Partner wie in Kollege," gab sie die Antwort, die Mac damals gegeben hatte, "Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Und Sie, auch zu den Enkeln unterwegs?"
Der Fremde nickte ruhig. Es gab eine kleine Turbulenz und Granny beobachtete, wie ihr Nachbar das Gesicht verzog und seine langen, schlanken Finger in die Armlehne bohrte.
Granny legte ihm mitfühlend die Hand auf den Arm. Sie als 'alter Hase’ was das Fliegen betraf hatte so etwas schon oft mitgemacht. "Kein Grund zur Beunruhigung, das ist nur eine kleine Turbulenz, die Piloten haben alles unter Kontrolle. Wir sind nur gerade in eine kühlere Luftschicht aufgestiegen. Sie fliegen wohl zum ersten Mal?"
Der alte Mann entspannte seine Finger und lächelte. "Nein - aber Sie wissen doch, was man sagt: Ärzte sind die schlimmsten Patienten ... und Piloten die schlimmsten Fluggäste." erklärte er amüsiert.
Granny machte große Augen und stöhnte. "Sie sind Pilot?" Noch einer dieser großen, dunkelhaarigen Flyboys - sie schien überall in ihrem Leben über sie zu stolpern.
Der Fremde nickte. "Ich war es jedenfalls."
"Und da sage jemand, man könne sich in meinem Alter nicht mehr blamieren!" Granny schüttelte den Kopf. Das konnte auch nur ihr passieren, dass sie einem Ex-Piloten die Grundlagen des Fliegens erklären wollte.
Der hochgewachsene Mann schmunzelte, er schien ihr ihren kleinen Irrtum nicht übel zu nehmen.
"Lassen Sie mich raten... Sie waren bei der Air Force?" Granny hatte irgendwie den Eindruck, dass ihr Platznachbar eine fast militärische Haltung hatte.
"Bitte!" Entrüstet sah er sie an, aber seine Mundwinkel kräuselten sich.
Granny lächelte. "Ah, ein Navy-Flyboy!" "Gold Wings und Dress Whites!”
Noch ein vorwurfsvoller Blick.
Granny lachte jetzt lauthals, so dass sich die anderen Passagiere schon nach den beiden alten Leuten umdrehten. "Ah, ein Marine!" Sie musste an Mac denken und lächelte sanft.
"Ein Marine, was sonst," stimmte ihr Nachbar zu und erwiderte ihr Lächeln, "Die Marines haben die besten Piloten überhaupt." Es klang stolz und humorvoll, nicht überheblich.
"Einspruch!" sagte Granny in bester Anwalts-Manier, "Navy-Piloten sind ebenfalls nicht zu unterschätzen - ich weiß, wovon ich rede."
"Ah ja?" Das Lächeln des Fremden erschien Granny bereits vertraut, obwohl sie ihn erst seit einer halben Stunde kannte.
"Ah ja," bestätigte sie, "Mein Mann, mein Sohn und mein Enkel waren Navy-Piloten."
"Waren?" Die dunklen Augen ihres Nachbarn blickten mitfühlend und sein Lächeln verblasste.
Zu ihrer eigenen Verwunderung stellte Granny fest, dass sie die Frage nicht als aufdringlich empfand. Sie blickte durch das kleine Fenster auf ein paar Wolken unter ihnen. "Haben Sie schon einmal einen Regenbogen gesehen?" fragte sie plötzlich.
Obwohl die Frage völlig unerwartet und ohne Verbindung zu ihrem Gesprächsthema war, schien der alte Mann neben ihr nicht überrascht. Er nickte ruhig. "Ja, schon 94 Mal um genau zu sein - und es ist immer wieder etwas Neues." antwortete er ohne zu zögern.
Ein herzliches Lächeln breitete sich auf Grannys Gesicht aus. Ihr Nachbar hatte den Test mit Bravour bestanden. "Mein Mann und mein Sohn ... Sie sind seit Jahren tot," kam sie zu seiner ursprünglichen Frage zurück, "aber mein Enkel dient noch immer in der Navy."
Der Fremde erwiderte ihr stolzes Lächeln. "Dann haben wir mehr gemeinsam als unsere Abneigung gegen Flugzeug- Kaffee - meine Enkelin ist auch im Corps, so wie ich."
"Noch eine Pilotin?" fragte Granny interessiert.
Der große Mann lachte. "Gott bewahre, nein! Sarah wird grün im Gesicht, wenn sie sich einem Überschall-Jet auch nur auf drei Schritt nähern muß!"
Das weckte Grannys Aufmerksamkeit. "Sarah? Sarah MacKenzie?"
Der Fremde nickte und schien zum ersten Mal von etwas überrascht worden zu sein.
"Sarah MacKenzie ist Ihre Enkelin? Dann sind Sie William MacKenzie?" Granny starrte ihr Gegenüber fassungslos an.
Der alte Mann nickte. "Ja, aber ich nenne mich meistens MacCoinnich ... für Sie Will. Woher kennen Sie meine Enkelin?"
"Sie ist auch meine Enkelin!" hätte Granny fast geantwortet. "Sarah ist die Partnerin, von der ich vorhin gesprochen habe. Harmon Rabb ist mein Enkel und ich bin Sarah Rabb ... für Sie Sarah." Sie schüttelte noch immer verwundert den Kopf.
Will MacKenzie erholte sich langsam von seiner Überraschung und reichte ihr lächelnd seine große Hand. Sie lächelten sich zu wie alte Bekannte.
"Sarah."
"Will."
Sarah Rabb betrachtete ihr Gegenüber erneut und stellte fest, dass er Mac tatsächlich ein wenig ähnelte: derselbe Humor, dieselben dunklen Augen und dasselbe Kräuseln der Mundwinkel beim Lächeln.
"Die Welt ist klein," meinte Will MacKenzie nach einer Weile, "meine Sarah ist also die Partnerin ... nur wie in Kollegin, versteht sich."
"Das behaupten die beiden jedenfalls," meinte Granny, "sie seien nur Freunde."
"Ziemlich lahme Ausrede, hm?" Will lächelte.
Granny sah ihn erfreut an. Sollte sie da unvermutet einen Verbündeten gefunden haben?
"Ich konnte Sarah, meine Enkelin, leider erst vor einem Jahr kennenlernen. Harmon und sie waren damals wegen einer Ermittlung in Oklahoma - und mir wurde schon nach zehn Minuten klar, dass die beiden mehr teilen als nur denselben Beruf. Sie sind Suye’ta," Will sprach das Cherokee-Wort langsam aus, " - füreinander bestimmt."
Granny seufzte grinsend. "Wem sagen Sie das! Was habe ich nicht schon alles versucht, um die beiden zu dieser Einsicht zu bringen: Ich habe behauptet, ich hätte Harms Apartment unter Wasser gesetzt, so dass wir eine Woche zu Sarah ziehen mussten. Ich habe gesagt, das Bett wäre mir zu weich, damit Harm und Sarah es sich teilen mussten. Ich habe ein romantisches Abendessen arrangiert und Sarah Blumen ins Büro geschickt, so dass jeder glaubte, sie wären von Harm. Ich habe Sarah zu meinem 85. Geburtstag nach Belleville eingeladen - zusammen mit so vielen anderen Gästen, dass sie gezwungen waren, sich ein Zimmer zu teilen. Und dann hab ich die Couch angesägt, damit sie auch noch im selben Bett schlafen mussten. Die Roberts und ich haben überall Mistelzweige verteilt. Ich habe die zwei zu einer Wette überredet, um sie dazu zu bringen, sich nicht ständig zu siezen. Ich habe Harm ein Paket mit einem Kissen und einer Karte, auf der der Weg nach Georgetown eingezeichnet war, geschickt. Ich gab einer Zeitung sogar ein Interview, das ihren CO eine Beziehung vermuten ließ, so dass er etwas erwirkte, was sie ein 'Harriet-Manöver’ nennen."
"Und?" Will MacKenzie sah sie erwartungsvoll an.
Granny seufzte und schnitt einen Grimasse. "Trish ... seine Mutter ... hätte ihn Platon nennen sollen, nicht Harmon! Mein Enkel ist eben ein echter Rabb - die sind in Liebesangelegenheiten nun einmal ziemlich schwer von Begriff. Aber ich werde diese beiden zusammenbringen und wenn es das letzte ist, was ich tue!"
Will musste über die Entschlossenheit seiner neuen Freundin lachen. "Sieht so aus, als müsse in die ganze Sache mal etwas militärische Planung gebracht werden, hm?"
"Militärische Planung?" Granny hob skeptisch die Brauen. "Wir Marines sind bekannt für unsere Disziplin und Ordnung." betonte Macs Großvater heiter. "Da hat Harmon mir aber etwas anderes über Sarahs Schreibtisch erzählt. Angeblich ist er wie ein schwarzes Loch: Alles was sich ihm auf 5 Schritte nähert, wird auf Nimmer-wieder-sehen hineingesogen und verschwindet auf unbestimmte Zeit." widersprach Sarah Rabb mit einem gutmütigen Lächeln. "Vertraue nie dem, was ein Navy-Offizier über einen Marine sagt. Jedenfalls wird für die Planung dringend ein Pilot gebraucht .. schließlich ist Amor ein geflügelter Gott. Also, sind wir Partner?" Er streckte ihr die Hand hin. Granny ergriff seine große, warme Hand und schüttelte sie entschlossen. "Partner." "... wie in Kollegen." fügte William MacKenzie schmunzelnd hinzu und sie lachten beide.
1310 Z-Zeit (08:10 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
"Sarah, das ist mir wirklich sehr unangenehm," sagte Will MacKenzie leise, aber eindringlich, während Granny im Briefkasten nach dem Schlüssel zu Harms Apartment suchte, "es war wohl doch keine so gute Idee, meine Enkelin überraschen zu wollen, ich habe eben nicht damit gerechnet, dass sie an einem Sonntag morgen nicht zuhause ist."
"Ach, Harmon erwartet mich auch erst heute Mittag, er wird schon nicht gleich zu Tode erschrecken, wenn ich noch jemanden mitbringe - er ist Überraschungen von seiner Großmutter gewöhnt." meinte Granny wegwerfend. Ohne auf die weiteren Proteste ihres Begleiters zu achten, schloß sie die Türe auf und trat leise ein.
Will folgte ihr und wurde an der Türe von einem großen, alten Hund empfangen, der ihn neugierig beschnüffelte, aber zum Glück nicht zu bellen begann. Will klopfte ihm lächelnd den Rücken, bevor er Sarah Rabb durch das halbdunkle Apartment folgte.
Die alte Dame ging mit einem Blick auf den Hund zielstrebig ein paar Treppenstufen zum Nachbarraum hinauf. William folgte ihr leise.
Beide blieben stehen und betrachteten wortlos den Anblick, der sich ihnen darbot. An jedem Schrank und jeder Kommode des sonst so aufgeräumten Schlafzimmers waren Kleidungsstücke zu sehen; eine Navy- und eine Marine- Corps-Uniform hingen einträchtig nebeneinander. Auf der Kommode waren ein T-Shirt mit der Aufschrift "Marine Corps" und ein BH ausgebreitet worden. Auf der rechten Seite des Bettes standen drei Paar Schuhe, von denen mindestens zwei Paare Harm um einige Nummern zu klein waren.
Die beiden Besucher ließen ihren Blick weiter zum Bett wandern. Zwei dunkelhaarige Köpfe ruhten friedlich auf dem selben Kissen.
"Na, wenn das nicht Ihre Enkelin ist, die da an der Schulter meines Enkels schläft!" wisperte Granny.
"Na, und wenn das nicht Ihr Enkel ist, der da einen Arm um meine Enkelin geschlungen hat!" flüsterte Will MacKenzie zurück.
Grinsend und auf Zehenspitzen schlichen sie ins Wohnzimmer zurück. Jingo, der inzwischen zu dem Schluß gekommen war, dass die Neuankömmlinge nicht gekommen waren, um ihn zu füttern oder mit ihm spazierenzugehen, sprang zurück auf das breite Bett und winselte auffordernd.
Harm öffnete bei der Erschütterung ein Auge. "Du gehst, Mac, es ist dein Hund." murmelte er schläfrig.
"M-mm, er ist aber auf deiner Seite, Flyboy, also gehst du!" widersprach Mac. Normalerweise schlief sie nie besonders gut, aber im Moment fühlte sie sich so wohl und entspannt wie schon lange nicht mehr. Nicht einmal Harms Hand auf ihrer Hüfte störte sie. Nach ein paar weiteren Minuten hob Mac schlagartig den Kopf. "Harm!" rief sie alarmiert.
"Hmmm?" Der Ex-Pilot öffnete nicht einmal die Augen.
"Harm!" Mac schüttelte ihn, "Es riecht nach Rührei!"
"Marines! Ständig denkt ihr ans Essen!" murmelte Harm und drehte sich wieder um.
"Harm, es riecht aber WIRKLICH nach Rührei!" Mac schwang die Beine aus dem Bett.
Harm setzte sich seufzend auf. Er wusste, dass er ohne Macs Wärme an seiner Seite keine Ruhe mehr finden würde. "Maaac, es riecht nicht nach ..." Er verstummte, als er die Stimmen aus der Küche hörte, "Das ist doch Granny! Ich dachte, sie wollte erst heute Mittag ankommen?" Sie lauschten beide.
"Und das klingt fast nach meinem Großvater!" stellte Mac erstaunt fest.
Sie sahen sich an und ließen ihre Blicke dann durch das Schlafzimmer streifen. Wie auf ein stummes Kommando hin begannen sie, Macs im Raum verstreute Besitztümer im Schrank verschwinden zu lassen. Mac sammelte ihre Kleidungsstücke, die zum Trocknen auf der Kommode lagen, ein, während Harm die Schuhe unters Bett schob. Als Mac eben mit der Uniform im Badezimmer verschwinden wollte, kamen Granny und Will mit einem Frühstücks- Tablett herein.
"Interessante häusliche Szene," meinte Will grinsend und deutete auf den Schuh, der halb unter dem Bett hervorragte und den Ärmel eines T-Shirts, der in der Eile in der Schranktüre eingeklemmt worden war.
Granny tätschelte ihrem hochgewachsenen Enkel die Wange. "Na endlich bist du aufgewacht," meinte sie zweideutig, "wie lange lebt ihr schon zusammen?"
Harm und Mac stöhnten. "Wir leben nicht zusammen! Wir..."
"... schlafen nur zusammen?" warf Granny grinsend ein.
"Übernachten, nur übernachten, okay?!"
Granny und Will warfen sich einen vielsagenden Blick zu. "NUR übernachten, wäre ja auch zu schön gewesen. Sieht aus, als hätten wir noch eine Menge Arbeit vor uns!" meinte Sarah Rabb.
"Das Ergebnis ist der Mühe wert," versicherte Will und drückte seiner verblüfften Enkelin das Tablett in die Hand, "Iß, Marine!"
1330 Z-Zeit (08:30 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac stellte das Frühstückstablett unberührt zur Seite, ohne den Toast oder das Rührei angerührt zu haben. "Harm, kann ich dich mal kurz sprechen?" Sie zupfte am Ärmel seines T-Shirts, "Alleine? Hör auf zu grinsen, Will! Und du auch, Granny! Ich möchte nur eine Sekunde mit meinem Partner sprechen! Sprechen, ja? Nichts weiter!" erklärte sie deutlich.
Als sie und Harm davongingen, hörte sie noch, wie Will MacKenzie scherzhaft fragte: "Hey, wieso nennt sie mich, ihren Großvater, Will und Sie Granny? Sie wollen doch nicht etwa einen Marine von seiner Familie oder dem Corps entfremden, oder?"
Mac brachte den Küchentresen zwischen sich und die beiden Rentner im Schlafzimmer, bevor sie stehenblieb. "Harm, ich weiß, daß ich mein Konto bei dir wahrscheinlich überstrapaziere, aber ich habe eine große Bitte..." begann sie zögernd und ohne ihn anzusehen.
Harm wußte, daß es Mac niemals leicht fiel, um einen Gefallen zu bitten. Er streckte die Hand aus und hob mit dem Finger sanft ihr Kinn an, so daß sie ihm in die Augen sehen mußte. "Hey, du hast praktisch unbegrenzten Kredit bei mir, Marine, also raus mit der Sprache: Was kann ich für dich tun?"
"Genauer gesagt geht es um meinen Großvater... Meine Wohnung ist gerade ... nun ja... Schauplatz einer Aufräum- und Streichaktion, im Wohnzimmer stapeln sich Küchengeräte und die Küche ist mit Abdeckfolie zugeklebt. In diesem Chaos kann ich meinen Großvater unmöglich wohnen lassen. Könntest du ihn vielleicht bei dir beherbergen, nur ihn und auch nur bis morgen, bis ich die Küche gestrichen habe...?" Ihre dunklen Augen sahen ihn bittend an.
"Oh nein, kommt ja überhaupt nicht in Frage, Marine!" Harm schüttelte entschlossen den Kopf.
Mac starrte ihn an. Mit einer so herben Ablehnung hatte sie nicht gerechnet.
Harm lachte. "Hey, sieh mich nicht so an, mach nicht den Fehler, von euch Marines auf uns Seeleute zu schließen - wir sind nicht so gemein. Ich meine natürlich, es kommt überhaupt nicht in Frage, daß du mich hier mit diesen zwei kuppelwütigen, romantik-süchtigen Rentnern alleine läßt! Und außerdem ist dein Großvater wohl kaum hier, um mich zu besuchen und Granny möchte sicher auch etwas von dir sehen, während sie hier ist. Also, wenn du mir zehn Dollar für einen vierten Teller gibst, bist du mitsamt deinem Großvater hier herzlich willkommen." Er grinste breit.
Mac lächelte, einmal mehr froh einen Menschen wie Harm zum besten Freund zu haben. "Ich habe dir bereits zehn Dollar gegeben, Flyboy, sag bloß, du hast sie bereits verjubelt?"
"Ich hab sie wie befohlen in Marine-Futter umgesetzt."
Will MacKenzie kam aus dem Schlafzimmer, dicht gefolgt von Granny und Jingo. "Sarah, es tut mir wirklich leid, daß ich hier so hereinplatze und euch störe, aber ich konnte ja nicht ahnen ..." Er gestikulierte in Richtung Schlafzimmer und schmunzelte leicht.
Mac verdrehte die Augen. "Da gibt es auch nichts zu ahnen, Will! Ich bin gerade dabei, meine Wohnung zu streichen, deshalb übernachte ich solange hier und als wir nach der Arbeit mit Jingo spazieren gingen und ihn dann baden mußten ..."
"... da hat eines zum anderen geführt, ich verstehe schon." Will MacKenzie grinste nachsichtig.
Mac seufzte. "Du verstehst gar nichts. Als wir Jingo baden mußten ist er - naß wie er war - auf die Couch gesprungen, so daß anschließend niemand mehr darauf schlafen konnte, ohne eine Schwimmweste zu benutzen. Deshalb haben Harm und ich drüben, in seinem sehr BREITEN Bett übernachtet, okay?"
"Sarah, du hast überhaupt keinen Grund, dich zu verteidigen. Sehen wir aus als hätten wir etwas dagegen?" Granny und Will sahen sich grinsend an.
"Leider nicht." murmelten Harm und Mac gleichzeitig.
"Wie kommt es eigentlich, daß ihr euch jetzt duzt?" erkundigte sich Will. Dem aufmerksamen Halbcherokee schien nicht das kleinste Detail zu entgehen, solange es seine Enkelin betraf, "Als ich euch das letzte Mal sah, habt ihr euch doch noch gesiezt?"
Granny strahlte. "Hey, richtig, heißt das..."
"Ganz sicher nicht das, was du glaubst, dass es heißt, Granny!" unterbrach Harm seine enthusiastische Großmutter, "Wenn man es genau nimmt, dann bist du sogar schuld daran, dass Mac und ich uns jetzt duzen."
"Ah, das kleine Paket mit dem Kissen und der Karte nach Georgetown?" fragte Sarah Rabb grinsend.
"Granny! Nein, ich spreche natürlich von der Wette - keiner von uns beiden wollte verlieren und dann haben wir wohl irgendwie Gefallen daran gefunden."
"Hmmm, Gefallen daran gefunden!" Will MacKenzie lächelte bedeutungsvoll.
Mac sah ihren Partner entschuldigend an. "Deine Familie ist scheinbar nicht die einzige, in der man Verkuppeln für eine Tugend hält, Flyboy!" Sie drehte sich zu ihrem Großvater um, sah zwischen ihm und Granny hin und her. "Ihr könntet uns übrigens mal erzählen, wie es kommt, dass ihr um 0814 Uhr plötzlich in unserem ... in Harms Schlafzimmer auftaucht und woher ihr euch überhaupt kennt."
"0810, Sarah," verbesserte Will MacCoinnich ruhig und lächelte zu der überrascht dreinblickenden Granny hinüber, "wir haben das Apartment bereits um 0810 Uhr betreten, aber ihr zwei schlafmützige Anwälte habt uns nicht sofort gehört. Woher wir uns kennen? Du würdest mir sicher nicht glauben, wenn ich behaupte, dass wir direkt aus einer Hochzeitskapelle in Las Vegas kommen, oder?"
Mac rollte mit den Augen. "Gott bewahre! Dann wäre dieser arrogante Ex-Pilot da drüben ja mein ... tja, was eigentlich... Groß-Stief-Bruder?"
Harm lachte. "Mac, wenn ich eine Schwester wie dich gehabt hätte, dann hätte ich die Volljährigkeit mit Sicherheit nie erreicht ... ich wäre vorher an Unterernährung gestorben, weil du mir immer das Essen weggefuttert hättest."
"Ein bisschen geschwisterliche Konkurrenz hätte deinem Ego sicher nicht geschadet, Sailor!"
"Sehen Sie, so ist es immer bei den beiden: Kaum unterhalten sie sich, haben sie alles um sich herum vergessen," erklärte Granny ihrem Komplizen, "glauben Sie, es wäre ihnen aufgefallen, dass wir ihre Frage gar nicht beantwortet haben?"
"Natürlich ist uns das aufgefallen!" protestierte Harm, "Wir wollten euch bloß noch die Gelegenheit geben, eure Aussagen zu koordinieren." Er grinste überlegen.
"Also, raus mit der Sprache: Woher kennt ihr euch?" verlangte Mac zu wissen. Die beiden Rentner begannen langsam zu verstehen, warum ihre Enkel vor Gericht gefürchtet waren.
"Oh, im Flugzeug lernt man die interessantesten Leute kennen." erklärte Granny und zwinkerte ihr zu.
"Na, da hätte ich ja gerne einmal Mäuschen gespielt!" kommentierte Harm mit einem kühnen Fliegerlächeln.
"Um die Uhrzeit warst du noch mit einem ganz anderen Kuscheltier beschäftigt, Harmon." gab seine Großmutter unbarmherzig zurück.
Mac beschloß, den taktischen Rückzug anzutreten. "Will, ich muß jetzt gehen, auf mich warten meine Küche und zwei Eimer Farbe. Ist es okay, wenn wir vorerst bei Harm unterkommen? Es macht dir nichts aus, jetzt hierzubleiben, oder?"
"Keine Sorge," beruhigte Will MacKenzie schmunzelnd, "du weißt doch, wie gut Piloten untereinander auskommen."
"Ehemalige Piloten!" erinnerte Mac.
"Ehemalige Piloten kommen noch besser miteinander aus," betonte ihr Großvater, "... kein Futter- und Treibstoffneid mehr, weißt du?"
"Auf Harms 'Futter’ wärst du garantiert nicht neidisch gewesen, glaub mir. Wenn er dich nachher zum Essen einladen sollte, dann mach dich auf ein halbes Salatblatt, ungesüßten Grapefruit-Saft und 80 Gramm fettarmen Käse gefasst." Mac grinste zu Harm hinüber.
"Hey, Mac, für zehn lumpige Dollar kannst du nun wirklich nicht mehr erwarten." gab er mit einem noch breiteren Grinsen zurück.
Die beiden Rentner blieben zurück, während Harm seine Kollegin zur Türe begleitete. "Also, viel Spaß beim Anstreichen und mach dir keine Sorgen, ich paß schon auf die beiden auf. Wir sehen uns heute Abend zum Essen."
"Ah, jetzt sprichst du meine Sprache, Sailor!" Macs Augen funkelten verschmitzt, als sie das Apartment verließ.
"Wirklich, ein netter Junge," sagte Will gerade leise zu Granny, "ich mag Ihren Enkel."
Sarah Rabb lächelte. "Und ich mag Ihre Enkelin."
"Ich auch," dachte Harm mit einem sanften Lächeln, "ich auch."
1922 Z-Zeit (14:22 Uhr EST)
Apartment "The Washington 2812"
Georgetown, Washington D.C.
Harm klingelte an Macs Apartmenttüre - bereits zum dritten Mal, ohne eine Antwort zu erhalten. Von drinnen hörte man Musik und das Scharren von Metall über den Boden. Harm hob die Brauen und zückte seinen Wohnungsschlüssel, den Mac ihm einmal für Notfälle gegeben hatte. Zögernd trat er ein. Im Flur stand eine Mikrowelle an der Wand und ein Blick ins Wohnzimmer zeigte Harm, dass sich dort Pfannen und Töpfe stapelten. Aus der Küche drang Musik und Harm musste lachen, als er hörte, wie Mac lauthals mitsang. Er öffnete die Türe und wurde mit einem ungewohnten Anblick belohnt: Seine Partnerin thronte auf einer Leiter mitten in der Küche, eine Farbrolle in der Hand, in abgewetzten Jeans und einem ehemals schwarzen T-Shirt, das jetzt von weißen Sprenkeln übersät war. Harm dachte, dass sie selbst in diesem Aufzug und mit etwas Farbe im Gesicht die schönste Frau sein musste, die er kannte. "Ganz objektiv und un-romantisch gemeint natürlich!" sagte er sich selbst.
Mac hörte schlagartig auf zu singen, als sie seine Anwesenheit bemerkte, ließ die Farbrolle sinken und wischte sich mit dem Handrücken eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn, was einen weiteren weißen Streifen auf ihrer Wange hinterließ. "Harm, was tust du denn hier? Ich dachte, du spielst den Babysitter für unsere Großeltern?"
"Die beiden sitzen ganz friedlich vor meinem Laptop." erklärte Harm und konnte den Blick kaum von dem Farbspritzer auf Macs Wange abwenden.
"Laptop?" echote Mac.
"Vermutlich halten sie gerade meine Mutter per E-Mail über ihre Fortschritte im Verkuppeln auf dem Laufenden,” Harm grinste, "Wir haben auch schon gegessen und ich dachte mir, dass auch ein hart arbeitender Marine früher oder später Hunger bekommt."
"Ich mache das hier erst noch zu Ende und esse dann später, okay?" Mac hob die Farbrolle wieder, um mit ihrer Arbeit fortzufahren.
"Okay, aber ich hörte, kalt sollen diese Fett-Burger noch schlimmer schmecken." Harm förderte grinsend eine Beltway-Burger-Tüte hinter seinem Rücken zutage.
Mac starrte ihn ungläubig an.
Harm lachte und streckte ihr eine Hand hin, um ihr von der Leiter zu helfen. "Runter vom hohen Roß mit dir, Jarhead!"
"Du meinst, ich soll mich hinab auf dein Niveau begeben." verbesserte Mac, ignorierte grinsend seine ritterlich ausgestreckte Hand und sprang geschmeidig zu Boden.
"Hey, ist das etwa die Belohnung dafür, dass ich mich gegen meine innerste Überzeugung dazu durchgerungen habe, dir ein halbes Pfund tote Kuh, die in Fett ertränkt wurde, mitzubringen?" beschwerte sich der Navy-Anwalt grinsend.
"Okay, okay, danke - und jetzt her mit der toten Kuh!" Mac ließ sich nicht von den Ermahnungen ihres Gesundheitsapostel-Partners beirren.
Harm drückte ihr kopfschüttelnd die Tüte in die Hand und trat einen Schritt beiseite, um sich ihre Arbeit anzusehen. Drei Wände und die Hälfte der Decke waren bereits gestrichen.
Mac biß währenddessen hungrig in den Burger und verzog sofort das Gesicht. "Dasch ischt i’g’nd scho ’n Grünscheug, Ha’m!" beschwerte sie sich mit vollem Mund.
"Ich verstehe nicht, Mac. Was war das, Farsi?" spottete Harm.
Mac schluckte den Bissen hinunter. "Das ist kein Beltway Burger, das ist irgend so ein Grünzeug!"
Harm lächelte unbeirrt. "Natürlich ist das ein Beltway-Burger, nur eben einer mit Grünkern-Frikadelle - tut mir leid, Mac, aber wenn du dich mit Essen umbringen willst, wirst du von mir dabei keine Hilfe bekommen."
Mac verdrehte die Augen, aß den Grünkern-Burger aber gehorsam auf.
"Okay, dann mach ich mich mal wieder auf den Weg, bevor Granny und Will mein Flugsimulator-Spiel auf dem Laptop entdecken. Wir werden irgend etwas kochen, schaffst du es bis 1800? Okay, blöde Frage, der Marine, der zum Essen zu spät kommen würde, muß erst noch geboren werden. Aber wisch dir vorher die Farbe aus dem Gesicht, bevor dich dein eigener Großvater nicht mehr erkennt."
Mac knüllte ihre Papierserviette zusammen und warf sie Harm an den Kopf. "Abmarsch, Flyboy!"
"Aye, Ma’am." Grinsend trat Harm den Rücktritt an. Vergnügt pfeifend zog er die Türe hinter sich zu und verließ das Gebäude. Als er den roten Torbogen passierte, hörte er ein seltsames Geräusch und blieb stehen. "Määäh!" kam es wieder aus dem Gebüsch neben ihm. Stirnrunzelnd beugte sich Harm hinab und teilte die Blätter des Busches.
"Määäh!" Ein kleines, rot-getigertes Pelzknäuel sah ihn aus großen Katzenaugen erschreckt an.
"Mäh?" Harm stemmte die Hände in die Hüften, "Nicht dass ich mich mit Katzen besonders gut auskennen würde, aber solltest du nicht eher 'Miau’ machen?"
"Määäh!"
"Na schön, na schön, ich schätze, du bist von uns beiden der Katzen-Experte." Einen Moment sah Harm unschlüssig auf das Kätzchen hinab, dann bückte er sich und hob es hoch. Zu seiner Überraschung drückte sich der kleine Findling sofort an ihn und begann zu schnurren. Harm stellte fest, dass er unterernährt, struppig und naß war. Er wechselte die Katze in die linke Hand, um mit der Rechten den Autoschlüssel aus der Tasche zu fischen. "Okay, Kleiner, was hältst du von einer kleinen Spritztour?"
"Määäh!"
2312 Z-Zeit (18:12 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm schob zum zehnten Mal das Besteck neben den Tellern zurecht und schielte zu seinen Autoschlüsseln hinüber. Er lauschte, als von draußen das Öffnen der Fahrstuhltüren zu hören war. Er ging zur Türe und sah hinaus. "Oh, Guten Abend, Mrs. Thornton." grüßte er höflich, bemüht sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
"Harm, jetzt sei doch nicht so unruhig, Sarah wird sicher gleich kommen," beruhigte ihn Granny und streichelte die kleine rote Katze, die sich auf ihrem Schoß zusammengerollt hatte, "Vielleicht hat sie einfach beim Streichen die Zeit vergessen."
"Die Zeit vergessen? Mac?" Harm sah sie skeptisch an.
"Sie ist einfach nur etwas spät dran." meinte Will und stellte die Salatschüssel auf den Tisch.
"Spät für Mac bedeutet rechtzeitig für jeden Mann und früh für andere Frauen." widersprach Harm. Er ging zum Telefon und wählte Macs Nummer, dann die ihres Handys. Niemand meldete sich. "Wenn sie nicht bald hier antritt, werde ich wohl mal nachsehen müssen, ob dieser Marine in einem Farbeimer ertrunken ist." scherzte Harm, ohne dass sich jedoch der sorgenvolle Ausdruck in seinen Augen verlor.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Harm hatte den Hörer in der Hand, bevor es ein zweites Mal klingeln konnte. "Mac?"
<Hi, Flyboy, meldest du dich immer so?>
"Mac!" Harm bedeckte den Hörer für einen Moment mit der Hand und drehte sich zu Will und Granny um. "Sie ist es!" Dann sprach er wieder in den Hörer: "Mac, wir warten hier mit dem Essen. Wo zum ... wo bist du?"
<Ähm... darum rufe ich ja an ... kannst du mich vielleicht abholen?>
"Klar!" Harm griff nach seinen Autoschlüsseln, "Ich bin sofort da." Er machte Anstalten, den Hörer aufzulegen.
<Moment, Harm, ich bin nicht zuhause.> Es klang ein wenig kläglich.
Harm runzelte die Stirn und hob eine Braue. Einen solchen Tonfall war er von seiner Devil-Dog-Partnerin nicht gewöhnt. "Wo bist du dann?"
<Im Krankenhaus.>
2328 Z-Zeit (18:28 Uhr EST)
Mercy-Hospital
Washington D.C.
Harm bog schwungvoll um die Ecke, wich in letzter Sekunde einer Krankenschwester mit einem Geschirrwagen aus und ging mit langem Schritten den Krankenhaus-Korridor hinab. Abrupt bremste er. Dort, allein auf einer Bank im Flur, saß sie: Sarah MacKenzie, sein Marine. Sie trug noch immer die alte Jeans und das farbverschmierte T-Shirt und hielt mit der Linken ihren anderen Arm umklammert.
Als sie ihn kommen sah, lächelte sie. "Wow, dreizehn Minuten, ich hatte mit 18 gerechnet."
"Und ich wäre in zehn hiergewesen, wenn ich nicht eben noch diese hübsche Ärztin getroffen hätte," scherzte Harm, doch seine Augen blickten ernst. Besorgt besah er sie von oben bis unten, "Okay, jetzt noch mal ganz langsam: Was ist passiert? Was sagen die Ärzte?"
"Was passiert ist? Die Leiter ist gekippt, ganz einfach - und ich stand dummerweise auf dieser Leiter. Und was die Ärzte sagen, wird sich herausstellen, wenn ich an die Reihe komme." Jetzt, wo ihr Partner da war, war Mac schon viel ruhiger.
"Soll das etwa heißen, du wartest hier seit...?"
"21 Minuten und 43 Sekunden." sagte Mac ohne die geringste Verzögerung.
Harm machte ein grimmiges Gesicht. "Die können dich doch hier nicht einfach..." Er machte Anstalten, die Türe zum Ärztezimmer aufzureißen.
Mac streckte eilig die Hand aus, um ihn zurückzuhalten, sank aber sofort zurück und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. "Harm, ich bin ein Marine, ja? Ich warte, bis ich an der Reihe bin."
Harm seufzte und setzte sich neben sie. "Ich hab mich schon gefragt, wann der Standard-Spruch kommen würde. Ist es der Arm?" Behutsam fuhr er mit dem Finger über ihren rechten Handrücken.
Mac biß die Zähne zusammen und nickte. "Sieht so aus."
Harm schüttelte den Kopf. "Eines muß man euch Marines lassen: Wenn ihr etwas tut, dann tut ihr es richtig!"
Die Türe zum Behandlungsraum öffnete sich und ein vollbärtiger Arzt trat hinaus. "Mrs. MacKenzie?" fragte er, nachdem er zwischen Harm und Mac hin und her gesehen hatte.
"Miss MacKenzie!" verbesserte Mac sofort.
"Oh. Na schön, MISS MacKenzie, tut mir leid, dass Sie warten mussten." Er bedeutete Mac den Behandlungsraum zu betreten. Bevor er ihr folgte, drehte sich der Arzt noch mal zu Harm um, der ein wenig bleich und ernst auf der Bank saß. "Sie sind nur als Begleitung hier, oder? Nicht dass ich Sie auf einer Trage abtransportieren lassen muß!"
"Mit mir ist alles in Ordnung. Ich kann Mac ... Miss MacKenzie nur nicht weinen sehen." Harm grinste.
Mac blieb stehen. "Hey, wer weint hier, Flyboy?! Marines weinen nicht - das würde dem Ruf des Corps schadden."
Der Arzt musste lachen. "Miss MacKenzie, der Arm muß vermutlich geröntgt werden, falls Sie Schmuck, Ringe, anhaben, geben Sie sie bitte Ihrem ... Freund."
Mit einiger Mühe streifte Mac ihren Marine-Corps-Ring vom Mittelfinger der rechten Hand und reichte ihn Harm.
Dann schloss sich die Behandlungstüre hinter Arzt und Patientin und Harm blieb alleine zurück. Sorgsam befestigte er den Ring an der Kette mit seiner ID-Marke, die er um den Hals trug, und lehnte sich zurück.
0040 Z-Zeit (19:40 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Will und Granny standen ungeduldig wartend neben der Türe, als Harm und Mac eintraten. Sofort wurde Mac mit Fragen überschüttet und Jingo bellte freudig, als er seine Herrin sah.
"Hey, das haben die Ärzte sicher nicht gemeint, als sie mir Ruhe verordnet haben!" Abwehrend hob Mac den bis zum Ellenbogen eingegipsten Arm.
"Was ist passiert?" fragte Will ruhiger und legte seiner Enkelin sanft eine Hand auf den Rücken.
"Vorsicht!" warnte Mac, "Ich fürchte, ich habe mir da ein paar Kratzer und blaue Flecken eingehandelt als ich auf mein Handy gefallen bin... das ist jetzt übrigens nur noch ein hübsches kleines Handy-Puzzle aus zehntausend Teilen, deshalb konnte ich auch nicht früher anrufen, tut mir leid." Sie deutete bedauernd zum Tisch hinüber, auf dem das Essen inzwischen kalt geworden war.
"Liebes, das Essen ist doch jetzt völlig egal!" Granny eilte auf Macs andere Seite, so dass sie nun von ihren zwei Senioren-Schutzengeln flankiert wurde.
Harm grinste erneut. Er war einfach froh, dass der Sturz für Mac noch relativ glimpflich ausgegangen war. Nach ihrem Anruf waren ihm schreckliche Bilder durch den Kopf gegangen. "Essen egal? Granny, erinnere dich daran, dass du mit einem Marine sprichst!"
Sarah Rabb kniff ihren Enkel in die Wange und sah weiterhin Mac an. "Wie ist denn das passiert?"
"Ich bin von der Leiter gefallen." bekannte Mac mit einem kleinlauten Lächeln.
"Tja, Marines sind eben Bodentruppen und sollten auch am Boden bleiben." meinte Harm grinsend.
"Jedenfalls diejenigen von uns Marines, die keine Piloten sind." fügte Will hinzu.
"Danke für die aufmunternden Worte! Sollte das die aufmerksame Zuwendung sein, von der der Arzt gesprochen hat?" Ironisch sah Mac vom einen zum anderen.
Harm hob lachend die Hände. "Okay, Marine, dann laß dich mal verwöhnen." Er zog ihr den Stuhl zurück und deutete einladend auf den gedeckten Tisch, aber Mac schüttelte den Kopf.
"Eigentlich habe ich keinen großen Hunger," Entschuldigend sah sie ihn an, "Der Arzt hat mir irgendein Schmerzmittel gegeben und jetzt bin ich etwas groggy. Ich würde lieber gleich ins Bett ... Sofa."
"Nichts da, Mac, mit diesem Arm wirst du auf keinen Fall auf der Couch schlafen!" widersprach Harm sofort.
"Harm, ich kann sehr wohl..."
"Ich sagte nein und in meinem Apartment bestimme immer noch ich. Dein Großvater und ich schlafen im Wohnzimmer und du kannst mit Granny..."
"Tut mir leid, Harmon, aber hier haben schon Will und ich unser Lager aufgeschlagen." unterbrach Granny und deutete auf die ausziehbare Couch, auf der bereits Bettlaken und zwei Kissen lagen.
"Will und ich?" echote Harm, "Und ihr versucht, Mac und mich zu verkuppeln? Sieht mir ganz so aus, als wärt eher ihr das neue Traumpaar!"
Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass seine Großmutter ein wenig errötete.
Mac gab Granny einen Kuß auf die Wange und tat dann dasselbe bei ihrem Großvater.
"Gute Nacht, Sarah." sagte Will sanft.
"Gute Nacht, Romeo." antwortete Mac lächelnd.
1105 Z-Zeit (06:05 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac erwachte und nahm langsam die Eindrücke ihrer Umgebung in sich auf. Draußen wurde es gerade hell und irgendwo gurrten Tauben. "0606," stellte sie fest, ohne die Augen zu öffnen und wollte schläfrig die Arme strecken, musste aber feststellen, dass das nicht ging. Ihr linker Arm wurde von einem Gewicht gegen das Bett gedrückt und ihr rechter Arm... Mac öffnete schlagartig die Augen, als sie sich wieder an ihren Sturz erinnerte und an ihr gebrochenes Handgelenk.
Sie stellte fest, dass das Gewicht auf ihrem unverletzten Arm Harms Schulter war. Er strahlte eine beruhigende Wärme aus, die Mac erneut zufrieden die Augen schließen ließ. Ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Sie musste zugeben, dass das eine angenehme Art aufzuwachen war und sie wusste, dass sie das ab morgen in ihrem einsamen Apartment vermissen würde.
Etwas sprang ans Fußende des Bettes, aber Mac war bereits daran gewöhnt und dachte nicht daran, sich von Harms muskulöser Schulter wegzubewegen. "Jingo?" fragte sie leise ins Halbdunkel.
"Määäh!" machte das Wesen am Fußende des Bettes.
Mac öffnete schlagartig die Augen. Ihr Hund mochte bisweilen ja seltsame Geräusche von sich geben, aber ein "Mäh" gehörte nicht zu seinem Repertoire. Schnell drehte sie sich auf den Rücken. Eine kleine rote Katze kam auf sie zugetapst und fast gleichzeitig landete Macs großer Hund an ihren Füßen. "Hey, Jingo, hast du eine neue Freundin gefunden, während ich weg war?" Sie kraulte das schnurrende Kätzchen hinter den Ohren.
"Eigentlich habe ich den kleinen Zigeuner gefunden." erklärte Harm und öffnete die Augen.
"Zigeunerin, Harm." verbesserte Mac lächelnd und sah zu, wie Jingo die kleine Katze liebevoll mit der Nase anstupste, "Männer - sobald man ihnen den Rücken zuwendet, werden sie einem untreu!"
Harm rollte sich herum und seine warme Hand glitt über Macs Schulter, bis sie auf dem Gips zu liegen kam. "Wie geht’s dem Arm?" fragte er besorgt.
"Harm, ich bin ein ..."
"... Marine, ich weiß, ich weiß." Harm lächelte. Zumindest ging es ihr gut genug, um ihm sofort mit der Standard- Antwort zu kommen.
Mac lag einfach nur da, ohne zu antworten; Harm zu ihrer Linken, Jingo mit dem Kopf auf ihrem Knie und das rote Kätzchen quer über ihrem Bauch. Für einen Moment schloß sie zufrieden die Augen. "Wenn ich eine Katze wäre, dann würde ich jetzt auch schnurren."
1615 Z-Zeit (11:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm streckte den Kopf zur Türe von Macs Büro herein. "Hallo, Mac, wie geht’s?" Aufmerksam musterte er die gehandicapte Marine-Corps-Offizierin, deren rechter Arm in einer Schlinge ruhte.
"Tiner ist ein lausiger Stenotypist, aber ansonsten geht es." Mac lächelte.
Harm trat näher und nahm die Kette, die er um den Hals trug, ab. "Mir ist eben eingefallen, dass ich immer noch deinen Ring habe."
"Ah, ich dachte schon, du hättest ihn in Geld umgesetzt." neckte Mac.
"Du meinst wohl in Naturalien!" Harm grinste, "Apropos, wie wäre es mit Lunch? In einer Stunde? Ich bezahle auch."
Er trat neben Macs Schreibtischsessel und half ihr, den Militär-Ring auf den Mittelfinger der linken Hand zu schieben.
"Mit dem allergrößten Vergnügen, Flyboy." erwiderte sie heiter.
"Okay, dann bis nachher, Mac, du kannst dir ja schon mal überlegen, wie das mit 'unserer kleinen Familie’ so weitergehen soll." Er deutete zu den Fotos von Will und Granny hinüber, die unter Macs Diplom an der Wand hingen.
Harm wollte das Büro verlassen, musste aber feststellen, dass die Türe von dem reglos dastehenden Bud Roberts blockiert wurde. "Gibt es ein Problem, Lieutenant?" erkundigte sich Harm.
"Ähm, nein, Sir, der Admiral möchte Sie und Colonel MacKenzie nur sehen, das ist alles." Bud stand noch immer bewegungslos im Türrahmen, nur seine Augen schnellten zwischen Harm und Mac hin und her.
Mac erhob sich. "Okay, gehen wir, ich muß ohnehin noch wegen diesem kleinen Malheur hier mit dem Admiral sprechen." Sie wies mit dem Kinn auf ihren rechten Arm.
"Ma’am, was ist denn mit Ihnen passiert?" fragte Bud mit großen Augen.
"Eine Leiter und ein Marine, der es eilig hat, zum Essen zu kommen - das ist eine tödliche Kombination, Bud." erklärte Harm grinsend.
Mac boxte ihren Partner auf die Schulter, während sie das Großraumbüro durchquerten. "Vorsicht, Flyboy, mein linker Haken ist nicht viel schlechter als der rechte!"
Sie blieben vor Tiners Schreibtisch stehen. "Ach ja? Du meinst, du willst mir einen 'Knutschfleck vom Marine Corps’ verpassen?" Ein breites Flyboy-Grinsen spielte um Harms Lippen.
A.J. Chegwidden öffnete von innen schwungvoll seine Bürotüre. "Ich dachte immer, 'sofort in mein Büro’ meint IN mein Büro, nicht DAVOR ein Plauderstündchen halten."
"Natürlich, Sir!" Harm und Mac traten eilig ein.
"Ich wollte mich eigentlich danach erkundigen, wie Ihr Fall von mehrfacher schwerer Körperverletzung läuft, aber wie ich sehe, fallen Sie selbst in diese Kategorie, Colonel." sagte Chegwidden grimmig, aber seine braunen Augen waren warm und etwas besorgt auf Mac gerichtet.
"Nur ein kleiner Unfall, Sir, nicht weiter schlimm." versicherte Mac eilig.
"Nicht weiter schlimm, wenn mein Chief of Staff für sechs Wochen zur Hälfte ausfällt?" brummte der Admiral, "Na gut, es wird schon gehen, wenn Sie und Commander Rabb in der nächsten Zeit etwas enger zusammenarbeiten."
Harm und Mac lächelten sich unmerklich zu. "Absolut kein Problem, Sir." meldete Harm.
Der JAG verschränkte die Arme vor der Brust und setzte seinen SEAL-Blick auf. "Commander, Colonel... Sie scheinen sich in letzter Zeit ziemlich gut zu verstehen, oder? Ist wieder einmal eine Naturkatastrophe über eines Ihrer Apartments hereingebrochen oder ist sonst irgend etwas passiert, von dem ich wissen müsste, bevor ich es in der Zeitung lese oder vom Marine-Minister erfahre?"
Mac straffte sich. "Sir, bei allem Respekt … Sie rufen uns in Ihr Büro und verdächtigen uns … gewisser Dinge, wenn wir streiten, und bestehen darauf, daß wir uns vertragen, aber wenn wir uns dann vertragen, verdächtigen Sie uns erneut!" Ihre dunklen Augen hielten vorschriftsgemäß einen Punkt hinter Chegwidden fixiert.
Der Admiral seufzte unmerklich. "Na schön, Sie können gehen. Aber erklären Sie beide bitte Ihren Kollegen die Art Ihrer Beziehung - einige scheinen darüber nämlich ein bisschen verwirrt zu sein."
Harm und Mac wechselten einen irritierten Blick, doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als mit einem "Aye, Sir!" zu antworten.
Als sie zur Türe gingen, hörten sie Chegwidden noch murmeln: "Was man niemandem verdenken kann."
2335 Z-Zeit (18:35 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm zog den Schlüssel aus dem Zündschloß und löste fürsorglich Macs Sicherheitsgurt, blieb jedoch noch kurz im Auto sitzen. "Bereit, Marine?" fragte er, in Richtung seines Apartments deutend, wo ihre Großeltern vermutlich schon mit tausend neuen Tricks und Andeutungen auf sie warten mochten.
"Bereit," Mac nickte, "Wäre doch gelacht, wenn wir sie nicht dazu bringen könnten, endlich diese lächerliche Verkuppelei aufzugeben. Jeder vernünftige Mensch sieht doch sofort, dass wir nur Freunde sind!"
"Richtig, aber langsam kommen mir gewisse Zweifel an der Vernunft der beiden Hyänen da drin." meinte Harm mit seinem typischen Grinsen.
"Vorsicht, Flyboy, sprich bitte nur von deiner Großmutter, nicht von meinem Großvater - Intelligenz vererbt sich immer von den Großeltern auf die Enkel."
Sie neckten sich auf dem ganzen Weg zum Haus, aber vor der Apartmenttüre verstummten sie wie auf ein geheimes Kommando hin, beide fest entschlossen, den zwei Senioren endlich die fixe Idee auszureden, sie wären das neueste Traumpaar.
Sie wechselten einen Blick wie zwei Polizisten, die sich anschickten, mit gezückten Waffen in die Wohnung einer Mafia-Familie einzudringen.
Harm schloß die Türe auf. Mac schob sich an ihrem Partner vorbei und schnubberte fast misstrauisch. "Ich glaube, wir haben uns im Apartment geirrt," murmelte sie, "das kann unmöglich die Wohnung von Harmon Rabb junior sein. Ich weiß genau, dass im Kühlschrank nur noch ein halber Salatkopf und zwei Cola light lagen."
"Und neben dem Kühlschrank lag Harms Kreditkarte," fügte Granny, die gerade die letzten Schüsseln auf den Tisch stellte, hinzu, "Wir waren so frei, seine Vorräte etwas aufzustocken."
"Wehe ich finde eine tote Rinderherde im Kühlschrank, Granny!" Harm drohte seiner Großmutter mit dem Finger.
"Wehe, ich finde keine!" widersprach Mac grinsend und ging zu Will hinüber, "Hallo, großer Krieger.." Sie musste lachen, als sie den hochgewachsenen Cherokee mit einer Schürze am Herd stehen sah.
"Hallo, u-we-tsi, hallo Harmon,” Will MacKenzie lächelte den beiden Heimkehrern freundlich zu, "setzt euch, das Essen ist gleich fertig.”
"Gebt ihr uns eine Minute?" fragte Mac, erst auf ihre Uniform, dann auf Harm und schließlich auf das Schlafzimmer zeigend, wo noch immer ihre Zivilkleidung im Schrank hing.
"Sicher, wir hören sogar weg," meinte Will zwinkernd und seine Mundwinkel verzogen sich auf dieselbe Art, die Harm schon des öfteren bei Mac beobachtet hatte.
"William MacKenzie! Ich rede davon, dass wir uns umziehen wollen, das ist alles! Da gibt es gar nichts zu hören!" Mac sah ihren Großvater streng an.
Harm grinste. "Sie sollten besser auf Mac hören, Mister MacKenzie. Sie ist ein großer, böser Marine. Sie könnte Sie zusammenschlagen, fesseln und knebeln - mit nur einer Hand - und Sie anschließend dafür verklagen, dass ihr ein Fingernagel abgebrochen ist!" Er warf Mac einen scherzhaft-spöttischen Blick zu, konnte aber nicht verhindern, dass seine Augen zugleich auch den Stolz verrieten, den er für seine Partnerin empfand.
Will legte den Kochlöffel beiseite. "Hört mal her, Kinder, jetzt ist aber Schluß mit diesem 'Sie’ und 'Mister MacKenzie’ - ich heiße Will und das gilt für beide Rabbs, ja?"
Harm nickte und folgte Mac ins Schlafzimmer hinüber. Er öffnete den Kleiderschrank und reichte Mac ihre Jeans und ihr T-Shirt.
"Bad oder Schlafzimmer?" wollte Mac wissen.
Harm hob in gespieltem Schock die Brauen. "Soll das ein unmoralisches Angebot sein, Colonel? In dem Fall müsste ich dir ein rotes Licht geben."
"Mußt du jetzt auch noch anfangen? Überlaß solche Sprüche lieber den beiden da drüben - ich bin sicher, wir werden im Laufe des Abends noch mehr als genug davon zu hören bekommen. Und ich habe dich lediglich gefragt, ob du dich im Badezimmer oder im Schlafzimmer umziehen möchtest - dann nehme ich nämlich den andereen Raum."
Harm marschierte mit seiner Kleidung zum Badezimmer hinüber.
Mac schlüpfte mit einem leisen Stöhnen aus den Schuhen "Die bringen mich wirklich noch mal um!" und öffnete den obersten Knopf ihrer Uniformbluse.
Harm umrundete die zum Badezimmer führende Trennwand und trat ins Schlafzimmer zurück.
"Haaarm!"
Harm hob abwehrend eine Hand zu einer Unschuldsgeste. "Hey, glaubst du im Ernst, ich wäre so blöd, nur zwanzig Sekunden zu warten, wenn ich mal nachsehen wollte, wo du dieses mysteriöse Tattoo hast?" Er bedachte seine Partnerin mit einem Flyboy-Grinsen.
"Zweiundzwanzig Sekunden!" verbesserte Mac, "Und welchem Umstand habe ich das schnelle Wiedersehen dann zu verdanken? Klemmt der Hosenknopf?" Jetzt war es an Mac zu grinsen.
Harm warf ihr einen tadelnden Blick zu, aber seine Mundwinkel zuckten amüsiert. "Nein, ich habe etwas in der Badewanne gefunden." Er deutete auf das kleine rote Kätzchen unter seinem linken Arm.
"In der Badewanne?"
Harm zuckte die Schultern. "Scheint eine Navy-Katze zu werden, hm?"
"Ach was, Katzen gehören von Natur aus zum Marine Corps - sie sind Fleischfresser," gab Mac zurück, "Obwohl, wenn ich mir so ansehe, wieviel sie so schläft, könnte sie mich fast an einen gewissen Sailor erinnern..."
Vom Eingang zum Schlafzimmer her war ein doppeltes Räuspern zu vernehmen. "Seid ihr angezogen?" erkundigte sich Will MacKenzie.
"Wir sind noch nichtmal AUSgezogen." antwortete Harm.
Granny und Will traten ein. "Dreimal darfst du raten, was die beiden aufgehalten hat," sagte der Cherokee grinsend zu seiner Komplizin und dann zu Harm und Mac: "Eines muß man euch lassen, ihr seid wirklich leise."
"Ach, für gewöhnlich nicht," warf Granny ein, "hab ich dir nicht von ihrem 'wilden, hemmungslosen Sex ’ erzählt?" Die alte Dame lächelte liebenswürdig als könne sie kein Wässerchen trüben.
Will verschluckte sich und hustete.
"Glaub ihr kein Wort, Will, ich glaube, Granny ist der Flug nicht ganz bekommen." meinte Harm kopfschüttelnd und drückte dem Rentner das Kätzchen in die Hand. Sarah Rabb und Will gingen gemeinsam in Richtung Wohnzimmer. "Ach, wo ihr da drüben gerade allein seid," rief Harm ihnen nach, "wir hören auch weg!"
2350 Z-Zeit (18:50 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
"Okay, jetzt aber alle an den Tisch,” befahl Will MacKenzie in seiner besten Marine-Stimme, "du auch, junge Dame." Er lächelte Granny zu.
Harm beobachtete zum zweiten Mal in nur zwei Tagen, wie seine Großmutter errötete. Er beugte sich zu seiner Partnerin hinunter. "Mac, dein Großvater versucht doch nicht etwa, mit meiner Großmutter anzubändeln?"
"Sieht mir eher so aus als würde deine Großmutter mit meinem Großvater flirten, Flyboy." gab Mac leise zurück und deutete grinsend auf Granny, die Will eben die Hand reichte und sich zum Tisch führen ließ.
"Ich bin am verhungern!" erklärte Granny gerade.
"Was denn, was denn, Granny, nur zehn Stunden und vierzehn Minuten allein mit einem Marine und schon bist du ins Corps eingetreten?" neckte Harm.
"Hey, das mit den zehn Stunden und vierzehn Minuten ist mein Text!" beschwerte sich Mac, "im übrigen waren es..."
"...zehn Stunden und siebzehn Minuten." beendete Will den Satz.
Granny schüttelte verwundert den Kopf. "Ist das ansteckend?" fragte sie in Richtung ihres Enkels.
Der Ex-Pilot grinste. "Also, mit einem Marine ist mein Immunsystem bisher noch fertiggeworden, aber wie es mit zwei solcher Uhrwerke aussieht..."
Mac gab ihm einen kräftigen Schubs. "Hey, paß auf was du sagst, Flyboy. Ich habe hier ein Glas Wasser und keine Skrupel, es zu benutzen. Und jetzt lasst uns essen."
"Aye-aye, Ma’am!" Harm salutierte schneidig, "Wenn ich in meinem Leben etwas gelernt habe, dann sind das drei Dinge: Feuere nie eine MP im Gerichtssaal ab, prüfe stets die Benzinleitung und stelle dich nie zwischen einen Marine und sein Essen."
"Und wenn du diese Weisheiten beherzigst, hast du gute Chancen, steinalt zu werden." kommentierte Mac.
"Essen, nicht flirten, ihr beiden." erinnerte Granny.
Will nahm die Teller entgegen und häufte jedem eine großzügige Portion Spaghetti di Mare darauf.
Die kleine rote Katze landete mit einem geschmeidigen Sprung auf Macs Schoß und schnurrte erwartungsvoll, während sie in Richtung von Macs Teller schielte. "Riecht gut, nicht, Gypsie? Aber das hier ist mein Teller, deiner steht in der Küche." Sie setzte das Kätzchen behutsam auf den Boden zurück.
"Jingo, paß mal ein bisschen auf die Kleine auf." befahl Harm Macs großen Hund, der gerade angelaufen kam, um zu sehen, wo seine neue Freundin geblieben war.
"Hey, du kommandierst einfach meinen Hund als Babysitter für deine Katze ab?" protestierte Mac, doch in ihren Augen blitzte es schelmisch.
"Jingo muß seine Miete abverdienen." erklärte Harm grinsend.
"Ach? Und was muß ich dann tun, um meine 'Miete abzuverdienen’?" erkundigte sich Mac.
"Oh, eigentlich hatte ich dich fürs Geschirrwaschen vorgesehen, aber das fällt ja jetzt flach, aber das Bad müsste mal wieder geschrubbt werden und eine Zahnbürste kann man selbst mit einer Hand..."
"Wieviele Rippen brechen wohl, wenn man einen Gips mit voller Wucht dagegenschlägt?" überlegte Mac laut.
"Hey, ich glaube, der Mietpreis hat sich gerade verringert!" verkündete Harm schnell und grinste. Eine Minute lang sah er zu, wie Mac sich mit der linken Hand abmühte, die langen Spaghetti auf die Gabel zu drehen, bevor er ihren Teller zu sich herzog, die Spaghetti fürsorglich klein schnitt und ihr einen Löffel in die Hand drückte.
Mac beobachtete ihn lächelnd.
"Was ist?" Harm fuhr sich irritiert übers Kinn, um sicher zu gehen, dass dort keine Nudelreste hingen.
"Ach, ich konnte dich nur gerade vor mir sehen, wie du vor einem Kinderstühlchen sitzt und einem Baby Spinat verfütterst." neckte Mac.
"Unsere vier zukünftigen Urenkel." erklärte Granny an Will gewandt.
"AJ Roberts, unser Patenkind," verbesserte Mac, "den ich übrigens morgen Abend babysitten werde. Harriet und Bud bringen ihn bei mir vorbei, bevor sie ins Kino gehen."
Harm ließ seine Gabel sinken. "Wieso darfst du A.J. babysitten und ich nicht? Ich bin genauso sein Pate, wie du es bist!" beschwerte er sich und gab sich beleidigt.
"Jammere hier nicht so rum, Fliegerheld, du hast schließlich das letzte Mal auf ihn aufgepasst."
"Ja, aber das zählt nicht. A.J. hat die ganze Zeit über geschlafen." widersprach Harm.
Mac zuckte grinsend die Schultern. "Tja, ich kann doch auch nichts dafür, wenn A.J. dich so langweilig findet, Flyboy."
"Nicht langweilig, Mac, beruhigend. Wobei ich kaum glaube, dass ein chaotisches, halbgestrichenes Apartment und eine einarmige Babysitterin sonderlich beruhigend auf AJ wirken werden." bemerkte Harm grinsend.
Mac wurde schlagartig ernst. "Daran hab ich nicht gedacht. Ich hab Harriet versprochen, auf den Kleinen aufzupassen, bevor das mit dem Arm passiert ist."
Harm legte die Gabel weg und drückte Macs gesunde Hand. "Wo ist das Problem, Marine? Du passt einfach hier auf ihn auf und wenn du eine zweite Hand brauchst, hast du hier genügend Auswahl." meinte er aufmunternd.
"Genau, dann können wir auch gleich schon mal trainieren." stimmte Will grinsend zu.
"Ach, ihr plant Nachwuchs?" Mac sah ihren Großvater schelmisch an.
Eine Sekunde später trafen sie Papierservietten aus zwei Richtungen am Kopf.
"Hey, lasst den Marine leben, ja?" verteidigte Harm seine Partnerin, "Wer soll sonst diese riesigen Nudelmengen essen?"
Eine Viertel Stunde später schoben alle ihre leeren Teller zurück.
"Will, das war fantastisch!" lobte Granny begeistert.
"Oh, die MacKenzies können alle gut kochen." meinte William mit einem bescheidenen Lächeln.
"Wie die Rabb-Männer," dachte Granny ein wenig verträumt.
"Alle MacKenzies? Was ist mit Mac?" fragte Harm und hob die Brauen.
"Sarah ist eine Mutation." erklärte ihr Großvater sachlich.
"Richtig. Wer in einer Tomcat die doppelte Menge seines Frühstücks hochwürgt, der kann einfach keine Flieger- Gene haben." stimmte Harm verschwörerisch zu.
"Paßt auf, dass ich nicht gleich zum Werwolf mutiere, ihr zwei!" drohte Mac und rollte die Augen.
"Nein, im Ernst, Will, das war wirklich lecker," gab Harm zu, "und ich dachte immer, meine fleischlosen Fleischklöße könnte niemand mehr überbieten."
Sie gingen ins Wohnzimmer hinüber und Will holte das Dessert aus der Küche. "Die Löffel!" fiel ihm plötzlich ein und er wollte noch mal umkehren.
Mac legte ihm die Hand auf den Arm und hielt ihn zurück. "Laß nur, ich hab die jüngeren Füße."
"Und die schöneren." fügte Will mit einem Blick auf die nackten Zehen seiner Enkelin hinzu.
Er beobachtete wie Mac zielstrebig eine Schublade öffnete und vier kleine Löffel herausnahm. Sie schien sich in der Wohnung ihres Kollegen ziemlich gut auszukennen.
Als Mac zurückkam, stellte sie fest, dass Granny und Will einträchtig nebeneinander auf dem kleinen, zweisitzigen Sofa saßen. Da die große Couch zum Schlafplatz für die beiden Rentner umgebaut worden war, hatte sich Harm in seinen breiten Ledersessel gesetzt und für Mac blieb ... der Fußboden?
Harm sah auf und bemerkte ihr Zögern. Mit einem schnellen Blick stellte er fest, dass für Mac kein Platz mehr übrig war. Er rutschte zur Seite und klopfte auf den schmalen Platz neben sich. "Komm her, Marine." sagte er sanft, "Ich verspreche auch, dass ich nicht beiße."
Mac lächelte. "Um deine Zähne mache ich mir keine Sorgen, aber behalt deine Flossen bei dir, okay?" Sie näherte sich ihm skeptisch und ließ sich vorsichtig auf der Ecke des breiten Sessels nieder, so dass ihr rechtes Bein auf der Armstütze ruhte. Gypsie - so hatte Mac die kleine Katze getauft - kam von irgendwo hergeschossen und sprrang Mac auf den Schoß. "Prima," kommentierte Mac trocken, "Wenn jetzt noch Jingo kommt, können wir die Bremer Stadtmusikanten spielen."
Harm knuffte sie behutsam in die Seite. "Ich will hoffen, dass ich in deiner Analogie nicht der Esel bin!"
Mac überreichte ihm das schnurrende Fellbündel und machte Anstalten, sich am Boden niederzulassen.
Harm legte ihr schnell einen Arm um die Taille. "Hiergeblieben, Jarhead!"
"Harm, wenn ich hier auch noch runterfalle..."
"Du fällst nicht." Harms Arm schlang sich noch ein wenig fester um sie.
"Haaarm," wisperte Mac, mit den Augen auf Will und Granny deutend, "Wir wollen doch nicht schon wieder einen falschen Verdacht erwecken, außerdem sitze ich gerne am Boden ... du weißt doch: wir Marines gehören zu den Bodentruppen."
Harm ließ sie vorsichtig los und Mac ließ sich vor dem Sessel am Boden nieder. Ihr Kopf ruhte an der Armlehne.
Zehn Minuten später sah Harm zu, wie seine Partnerin die zweite Portion Mouse au chocolate aß, während er selbst das Dessert verweigert hatte. "Hey, Mac, wenn du nicht aufpasst, ist Webb bald sehr viel näher an deinem richtigen Gewicht als er dachte."
"Was du nicht sagst! Ein bisschen mehr Fett auf deinen Rippen könnte jedenfalls nicht schaden, Spargeltarzan!" gab Mac unbeeindruckt zurück.
Harm ließ seine Hände drohend über ihren Nacken gleiten, als wolle er ihr gleich den Hals umdrehen.
Mac zuckte zusammen.
Harm zog erstaunt die Hände zurück. "Was denn, Mac, du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich meine strahlende Karriere zerstören werde, nur um meine freche Partnerin loszuwerden?"
"Man muß auf der Hut sein bei euch Seeleuten," meinte Mac spöttisch, wurde dann aber ernst, "Nein, um die Wahrheit zu sagen, ich schätze, mein Handy und der Küchenfußboden wollten meinem Rücken und den Schultern ein Andenken mitgeben. Meine Muskeln sind etwas steif und verkrampft vom Sturz gestern, das ist alles."
Harm legte die Hände erneut auf ihre Schultern, diesmal vorsichtiger, und begann behutsam, ihre verkrampften Muskeln zu massieren.
"Gott, das fühlt sich gut an," Mac rutschte automatisch näher zum Sessel, "Lehrt man euch Navy-Leute das an der Akademie?"
Harm schüttelte grinsend den Kopf. "Ich bin ein Naturtalent."
Mac sah nicht so aus, als wolle sie widersprechen. Erst nach ein paar Minuten seufzte sie und erhob sich. "Vielen Dank für das fabelhafte Essen, Will, und euch allen für den schönen Abend. Ich denke, ich mache mich jetzt auf den Weg nach Hause. Ich bin etwas k.o., um ehrlich zu sein."
"Ich sag’s ja, du willst meine strahlende Karriere zerstören, Marine!" Harm versperrte ihr den Weg.
Mac sah ihn verständnislos an.
"Wenn du jetzt durch diese Türe da gehst, dann ist das eine Befehlsverweigerung." erklärte Harm.
"Wir haben denselben Rang, Harm, du kannst mir nichts befehlen." widersprach Mac ungeduldig.
"Ich spreche ja auch vom Befehl des Admirals. Er sagte, wir sollen eng zusammenarbeiten ... und wie soll das funktionieren, wenn einer von uns in Georgetown und der andere am nördlichsten Stadtende ist? Und außerdem hab ich keine Lust, dich jetzt noch zu fahren und ein Taxi kommt auf die Dauer auch zu teuer." Nie im Leben hätte Harm zugegeben, dass er einfach nicht wollte, dass Mac verletzt und groggy wie sie war ganz allein in einer Baustelle von Apartment hauste.
Mac seufzte. "Na schön - aber nur, weil ich Jingo nicht von seiner neuen Freundin trennen möchte." Nie im Leben hätte sie zugegeben, dass sie keine große Lust hatte, alleine in einem Bett zu schlafen, das sie sich höchstens mit dem Toaster, dem Wasserkocher und anderen dort abgelegten Küchengeräten teilte.
0343 Z-Zeit (22:43 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac kam aus dem Badezimmer und ließ sich mit einem unterdrückten Stöhnen aufs Bett sinken.
Harm, der bereits in Boxershorts auf der Bettkante saß, sah sie besorgt an. "Mac? Alles in Ordnung? Hast du Schmerzen im Arm?"
"Der Arm ist okay, solange ich nicht versuche, Klavier zu spielen," wiederholte Mac ihren alten Scherz.
Harm ließ sich jedoch nicht so leicht davon überzeugen, dass sie wirklich okay war. "Und der Rücken?" fragte er ernst.
"Ist auch okay, Marines sind so einiges gewöhnt." meinte Mac abwehrend.
"Ja, aber sicher nicht daran, das Handy mit dem bloßen Rücken in tausend Einzelteile zu zerlegen. Hat der Arzt sich den Rücken angesehen?"
"Ihr Sailors könnt es euch vielleicht erlauben, wegen jedem Insektenstich in die Notaufnahme zu rennen, aber wir Marines sind da aus einem anderen Holz geschnitzt." erklärte Mac heldenmütig.
"Das heißt, du hast dem Arzt kein Wort von deinem Rücken gesagt," übersetzte Harm, "und versuch jetzt nicht mir einzureden, du hättest deinen Rücken schon selbst verarztet - das könntest du nicht einmal mit zwei funktionstüchtigen Armen. Also, ich gehe jetzt eine Salbe holen und dann sehe ich mir das mal an." Harm erhob sich, um zum Badezimmer zu gehen.
"Dann siehst du dir das mal an, hm? Was soll das sein, Flyboy, ein Piloten-Spruch, um wieder mal die Wirkung von Dress Whites zu beweisen?" spottete Mac, wohl in der Hoffnung, Harm von seinem Vorhaben abzulenken.
"Sieht das hier wie Dress Whites aus?" Harm zupfte an seiner Boxershorts.
"Sieht jedenfalls nicht viel schlechter aus," dachte Mac grinsend, sagte jedoch: "Vielleicht wenn du einen Platz finden könntest, um die Gold Wings anzuheften..."
"Colonel, Colonel!" tadelte Harm scherzhaft, "Du bist wohl noch härter gelandet als ich dachte!" Er ging ins Badezimmer und kam kurz darauf mit einer weißen Tube zurück. Wortlos dirigierte er Mac auf die Bettkante und setzte sich hinter sie. Er fasste nach einem Zipfel ihres Marine-Corps-T-Shirts und zögerte. "Mac?"
Sarah MacKenzie musste fast lachen, als sie hörte, wie unsicher und zaghaft er klang. "Wenn du auf eine schriftliche Genehmigung wartest ... es kann noch sechs Wochen dauern, bis mein Schreibarm aus dem Gips ist."
Harm grinste, erleichtert darüber, dass Mac ihm vertraute. Behutsam schob er das weite T-Shirt ein Stückchen nach oben, gerade soweit, dass er ihren Rücken sehen konnte. Seine Augen weiteten sich und er atmete scharf ein und aus. Macs Rücken war mit blauen Flecken nur so übersät. Vermutlich konnte sie von Glück sagen, dass sie sich nicht noch das Schulterblatt gebrochen hatte.
"Hey, nicht einschlafen, da hinten, Flyboy, mir wird langsam kalt! Ich dachte, du hättest so 'sensible Fliegerhände’!" forderte Mac ihn scherzend auf.
Behutsam begann Harm, die Salbe auf ihrem Rücken zu verteilen.
Mac fröstelte leicht, obwohl Harms Hände auf ihrer Haut warm waren. Sie knirschte mit den Zähnen. "Oh, verteufelt..." Sie murmelte weitere Flüche, mindestens die Hälfte davon auf Russisch und Farsi.
"Was ist das, Mac? Das Nachtgebet der Marines?" neckte Harm, aber der Blick seiner blauen Augen war mitfühlend auf seine Partnerin gerichtet. Er wusste, wie schmerzhaft Prellungen sein konnten.
Mac nickte mit zusammengebissenen Zähnen. "Eher ein Stoßgebet."
"Okay," Harm zog das T-Shirt wieder nach unten, "Fürs erste hast du’s überstanden."
Er und Mac schlüpften unter ihre jeweiligen Decken. Harm kontrollierte seinen Radiowecker und warf dann einen Blick zu Mac hinüber. Plötzlich war er froh, dass sie da war - und das nicht nur, weil er sie nicht alleine in einem unordentlichen Apartment wissen wollte. In Gesellschaft schmeckte ihm einfach das Essen besser, seine Wohnung wirkte weniger riesig und selbst die Arbeit ging schneller von der Hand. Außerdem war er, seit Mac hier übernachtete, nachts noch nicht ein einziges Mal frierend aufgewacht. Wirklich, er war froh, dass sie hier war. Er überlegte, ob er ihr das einmal sagen sollte, ließ es dann aber doch bleiben. Sie sollte ihn nicht falsch verstehen.
Das rote Kätzchen kam über das Bett getigert und rollte sich an Mac gekuschelt zusammen.
Harm hob eine Braue. "Du hast sie doch nicht etwa mit der toten Rinderherde im Kühlschrank bestochen oder warum kommt sie zu dir und nicht zu ihrem Herrn und Meister?"
"Tja, das ist eben mein natürlicher Charme. Tiere spüren so etwas." behauptete Mac.
"Määäh!" machte Gypsie bestätigend.
"Määäh!" imitierte Harm das kleine Geschöpf kopfschüttelnd, "Diese Katze bringt nicht einmal ein richtiges 'Miau’ zustande!"
"Hör auf zu lästern, Flyboy - diese Katze spricht eben Fremdsprachen, aber das weißt du natürlich nicht zu schätzen."
"Fremdsprachen, so, so. Und was bedeutet 'Määäh’ in dieser Fremdsprache?" erkundigte sich Harm spöttisch.
"Es bedeutet 'Mac hat Recht’." erklärte die Marine-Corps-Offizierin.
"Wohl eher 'Mac ist größenwahnsinnig’." kommentierte Harm kopfschüttelnd.
"Das fällt eher in deinen Zuständigkeitsbereich." Mac rollte sich zusammen, "Gute Nacht, Harm."
"Gute Nacht, Mac." Er schaltete das Licht aus.
0758 Z-Zeit (02:58 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm erwachte, weil er sich durch irgend etwas gestört fühlte. Fröstelnd öffnete er die Augen. Die kleine Gypsie thronte auf seiner Brust und war eben dabei, ihm hingebungsvoll das Gesicht zu lecken. "Also bist du doch eine Navy-Katze!" Er musste lachen, drehte das Gesicht weg von ihrer rauen Zunge und spürte, wie das Kätzchen sich in seiner Armbeuge zusammenrollte.
Er fror noch immer. Im Halbdunkel sah er, dass Mac am anderen Ende des Bettes lag. Sie hatte sich wie eine Katze um Jingo herum zusammengerollt. Nur einen einzigen Meter entfernt von ihm und dennoch fröstelte er bereits. Er rutschte etwas näher und deckte Mac sorgsam zu, bevor er wieder einschlief.
1045 Z-Zeit (05:45 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
"Harm! Haaaarm!” Etwas - oder jemand - schüttelte ihn an der Schulter.
"Hmmm?" Harm zog die Decke bis zum Kinn hoch.
"Aufwachen!" befahl Mac heiter.
Harm öffnete die Augen und warf einen Blick auf seinen Radiowecker. "Uhh, 0545! Was haben die dir in der Grundausbildung angetan, Marine? Es sollte illegal sein, zu so früher Stunde schon so munter zu sein!"
"Es sollte illegal sein, so lange zu schlafen." widersprach Mac.
"Lange? Es ist gerade mal eine Stunde her, seit mich diese Putzmaschine da drüben zum letzten Mal geweckt hat." Harm stöhnte.
"Okay, wenn du hierbleiben und jammern willst, gehe ich eben alleine joggen." Mac machte sich auf den Weg zum Badezimmer.
Harm war mit einem Satz aus dem Bett. "Joggen?! Hiergeblieben, Marine, du wirst heute ganz sicher nicht joggen gehen - heute nicht und in den nächsten sechs Wochen auch nicht."
"Ha, hab ich dich also doch aus dem Bett bekommen!" Mac grinste triumphierend.
"Marine-Corps-Trick!" stöhnte Harm.
"Navy-Dummheit!” Mac lachte, "Im Ernst, ich wollte mit Jingo spazieren gehen. Wenn ich ihn finde."
Harm tapste barfuß in die Küche hinüber, aber von Jingo war nichts zu sehen. Schließlich entdeckte er den Hund und winkte Mac. "Suchst du den da?" flüsterte er ihr zu.
Jingo lag am Fußende der Schlafcouch, die Granny und Will sich teilten. Die beiden Rentner lagen hübsch getrennt jeder auf seiner Seite der Couch, hielten sich aber an den Händen gefaßt.
Harm und Mac wechselten einen Blick, bevor sie leise zurück ins Schlafzimmer schlichen.
"Sieht so aus, als hätten wir einen Plan G." meinte Mac amüsiert.
"Plan G?"
"G wie Gegenangriff. Wir könnten versuchen, Granny und Will zu verkuppeln. Wenn es nicht klappt, dann werden sie endlich einsehen, dass nicht alle Leute, die sich gut verstehen, unbedingt gleich ... ein Liebespaar sein müssen." erklärte Mac ihrem Partner den Plan.
"Und wenn es doch klappt, Mac?" fragte Harm, ohne dass ihm anzusehen war, was er darüber dachte.
"Hm, okay, vergiß es, war wohl eine blöde Idee."
"Was denn, so schnell wirfst du die Flinte ins Korn? Wenn ich es in Kauf nehme, dann mit so etwas wie dir verwandt zu sein, dann kannst du das auch." Harm grinste.
"Und was ist mit deinem Großvater, Harm?" fragte Mac ernst.
"Mac, ich weiß, dass mein Großvater - genau wie mein Vater - für immer einen besonderen Platz in Grannys Herz einnehmen wird, aber sie ist jetzt seit 59 Jahren Witwe und ich wäre der letzte, der ihr nur wegen des Andenkens an meinen Großvater ein bisschen Glück verwehrt." erklärte Harm aufrichtig.
Mac schluckte. "Es gibt Momente, da kann ich fast nachvollziehen, wieso ich mich damals mit dir angefreundet habe, Flyboy." sagte sie und der Blick ihrer braunen Augen war warm auf ihren Kollegen gerichtet.
"Hm, ein Kompliment von Colonel Sarah MacKenzie und das so früh am Morgen!" Harm lächelte, "Und damit das anhält lasse ich dir sogar den Vortritt mit dem Badezimmer."
Harm begann, seine Uniform griffbereit an den Schrank zu hängen und seine Aktentasche zu packen. Als er damit fertig war, sah er sich unschlüssig um. Das Frühstück machen konnte er noch nicht, weil er Granny und Will nicht aufwecken wollte, deshalb ging er ins Badezimmer hinüber und begann, sich die Zähne zu putzen.
"Hey, ich dusche hier vielleicht gerade, falls dir das noch nicht aufgefallen ist!" rief Mac protestierend hinter der Duschwand hervor.
"Schtört misch n’scht." gab Harm mit der Zahnbürste im Mund ungerührt zurück.
"Aber mich stört es vielleicht."
Harm spülte den Mund aus. "Hey, Mac, durch dieses milchige Glas könnte nicht einmal Superman mit seinem Röntgenblick sehen."
Ein triefendnasser Waschlappen traf ihn am Rücken und er zuckte zusammen. Aus der Dusche erklang ein schadenfrohes Kichern. "Na warte, Marine!" Harm füllte den Zahnputzbecher mit eiskaltem Wasser und schüttete es im hohen Bogen über die Duschwand.
Mac schrie überrascht auf. "Warte bis ich da rauskomme!"
Harm lehnte sich ans Waschbecken und verschränkte die Arme. "Nur zu, ich hab dir doch gesagt, dass ich immer noch nach diesem Tattoo suche."
"In deinen Träumen, Flyboy! Hör auf mit deinen Goldflügeln zu flattern, das bringt bei mir nichts!" meinte Mac resolut.
"Na ja, dann komme ich zumindest nicht aus der Übung." meinte Harm und trat hastig den Rückzug an, bevor Mac noch auf die Idee kommen konnte, den Wasserstrahl der Dusche auf ihn zu richten.
1220 Z-Zeit (07:20 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
"Na komm schon, Mac, Beeilung! Ich dachte, du hättest solchen Hunger?" Harm wartete an der Türe zu seinem Apartment auf Mac, die eben dabei war, Jingo von seiner Leine loszuhaken.
"Ha, ha, Flyboy. Und das muß ich mir von einem Mann anhören, der 21 Minuten zum Duschen braucht."
"Was, du hast die Zeit gemessen?" Harm verschränkte die Arme vor der Brust und sah sie in gespieltem Schock an.
Mac zuckte grinsend die Schultern. "Ich dachte, du wärst ertrunken."
Harm schloß kopfschüttelnd die Wohnungstüre auf. "Okay, komm rein, Hund, aber das Biest da hinter dir bleibt draußen." sagte er zu Jingo, der ihn aus treuen Augen ansah und begeistert mit dem Schwanz wedelte.
Mac gab Harm einen Schubs und betrat hinter ihm das Apartment. "Paß bloß auf, dass dich das Biest nicht mit ihren Giftkrallen erwischt!"
Dann sagte sie nichts mehr, denn ihr Blick fiel auf einen reichhaltig gedeckten Frühstückstisch. Will stellte gerade das letzte Frühstücksei an seinen Platz. "Wow! Granny, wenn du in deinem Leben nie wieder eine Küche betreten willst, dann wüsste ich da einen Mann für dich..." sagte sie als Begrüßung zu Harms Großmutter.
Granny lächelte nur. "Oh, ich habe nichts gegen ein bisschen Küchenarbeit ... aber habe ich schon erwähnt, dass Harm auch ziemlich gut kochen kann?"
"Und hab ich schon erwähnt, dass meine u-we-tsi die Küche am liebsten nur zum Essen sieht?" fügte Will mit Blick auf Harm hinzu.
"Und habe ich schon erwähnt, dass Harm zwar ein guter Koch ist, aber einen lausigen Geschmack hat, was gutes Essen betrifft?" entkräftete Mac Grannys Argument.
"Und habe ich schon erwähnt, dass Mac sich beharrlich weigert, mein gesundes Essen anzuerkennen?" warf Harm ein.
"Gebt’s auf ihr beide," meinte Granny kopfschüttelnd, "Für jeden Grund, den ihr findet, warum ihr nicht zusammen passt, finden wir zwei dafür, dass ihr das perfekte Paar seid. Habt ihr gut geschlafen?"
Harm nickte. "Na klar doch - mit einer anschmiegsamen jungen Frau im Arm." Er grinste breit.
Granny zeigte dasselbe Rabb-Grinsen. "Und mir lag ein zwar nicht mehr ganz so junger, aber noch sehr gutgebauter Mann zu Füßen."
"Jingo." sagte Mac.
"Und Gypsie." Will lächelte.
Alle vier lachten und setzten sich an den Tisch. Harm nahm sich - wie erwartet - nur eine Tasse Kaffee.
"Nichts da, Fliegerheld, das hier wird aufgegessen!" Mac legte ein Vollkornbrötchen auf seinen Teller.
Harm begann gehorsam, das Brötchen aufzuschneiden und bestrich die eine Hälfte mit Butter und Grannys selbstgemachter Erdbeer-Marmelade. Dann reichte er Mac, die mit ihrer linken Hand noch immer angestrengt versuchte, Butter auf ihr Croissant zu tun, das Brötchen.
"Mmmh, wie’s aussieht habe ich einen Privatbutler!" Begeistert biß Mac in das Brötchen.
Harm grinste. "Was möchtest du auf die andere Hälfte?"
"Nutella!" sagte Mac wie aus der Pistole geschossen.
"Nutella?" Harm sah sie an, als hätte sie "Rattengift" gesagt. "Sowas besitze ich nicht. Mac, weißt du, wie viele Kalorien das Zeug hat?"
Mac seufzte duldsam. "In fünfzehn Sekunden werde ich es sicher wissen." meinte sie ironisch.
"Über 500, Mac!" Er schüttelte sich.
"Ich brauche die Energie, wenn ich es den ganzen Tag mit dir aushalten muß," gab Mac zurück und nahm einen weiteren Biß von ihrem Brötchen, "und jetzt beeil dich besser, bevor man im Büro ein Such- und Rettungsteam nach uns ausschickt."
1315 Z-Zeit (08:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
"Um 1300 fahren wir ins Krankenhaus, um den Mann zu befragen, den Lomas anscheinend zusammengeschlagen hat," erklärte Harm, während er und Mac aus dem Aufzug traten, "und um 1500 treffen wir uns mit Lomas’ Anwalt wegen einer außergerichtlichen..." Harm hatte die Glastüre durchquert und blieb plötzlich abrupt stehen. "Mac, dein Geburtstag ist doch erst in zwei Tagen, richtig?"
Mac nickte, runzelte die Stirn und trat einen Schritt zur Seite, um an ihrem hochgewachsenen Partner vorbeisehen zu können.
"Überraschung!" rief ein Chor von Stimmen. Das versammelte JAG-Personal hatte die beiden jetzt entdeckt. Hinter ihnen war ein kaltes Büffet aufgebaut und in einem Sektkühler stand alkoholfreier Champagner.
"Semper Fi, Colonel!" rief Gunnery Sergeant Victor Galindez.
Petty Officer Tiner trat neben seinen Marine-Corps-Kollegen. "Herzlichen Glückwunsch, Sir, Ma’am!"
"Ich wusste es schon immer!" meinte Carolyn Imes lächelnd.
"Oh, Sir, Ma’am, Sie wissen ja gar nicht, wie sehr wir uns das gewünscht haben, nicht wahr, Bud?" Harriet griff nach der Hand ihres Mannes, "Wir wünschen Ihnen alles, alles Gute."
Harm und Mac sahen sich mit wachsendem Erstaunen an. Von was redeten diese Leute nur die ganze Zeit?
"Moment mal ... Leute, hey!" versuchte Harm die Geräuschkulisse zu übertönen - vergeblich.
"Sofort Ruhe, das ist ein Befehl!" bellte Mac in ihrer Marine-Corps-Stimme.
Sofort kehrte Ruhe ein und alle blickten Mac erstaunt an.
"Danke, Partner." Harm grinste und sah seine Kollegen der Reihe nach an, "Was soll das hier alles?"
"Herzlichen Glückwunsch zur Verlobung, Sir!" platzte Bud heraus.
Harm kniff die Augen zusammen, so dass sich Falten auf seiner Stirn bildeten. "Wessen Verlobung, Bud?"
"Oh, Sir, es gibt keinen Grund, es vor uns zu verheimlichen, wir werden dem Admiral kein Sterbenswörtchen sagen!" versicherte Bud.
A.J. Chegwidden wählte ausgerechnet diesen Moment, um aus dem Lift zu treten. "Und ob Sie das werden, Lieutenant Roberts! Was zum Teufel ist hier los?" Sein Blick wanderte von Harm zu Mac, dann zu Bud und blieb schließlich auf Harriet haften. "Lieutenant, wenn Sie nur jemand gebraucht haben, der Ihre Häppchen probiert..."
"Oh nein, Sir, die Häppchen sind für ... wegen..." Harriets Lippen bewegten sich weiter, ohne dass sie einen Ton herausbrachte.
"Mister Roberts?" Chegwidden drehte sich zu Bud um und richtete seinen strengen SEAL-Blick nun auf ihn.
Bud zögerte. Entschuldigend sah er seine beiden Mentoren an.
"Nur zu, Bud, wir haben nichts zu verbergen." meinte Mac, während sie ungeduldig an ihrer Unterlippe nagte. Sie war selbst gespannt auf das, was Bud als Erklärung vorbringen würde.
"Sir, Admiral... ich habe gestern gesehen, wie Commander Rabb den Colonel um ihre Hand gebeten hat und sie hat den Antrag angenommen." berichtete Bud mit roten Wangen.
"Ich habe WAS?!" entfuhr es Harm und Mac gleichzeitig. Wie konnte Bud sich nur etwas derartiges ausdenken? Fassungslos starrten sie den jungen Anwalt an.
"Und ich habe gehört, wie der Commander den Colonel fragte, ob sie ihm etwa einen Knutschfleck verpassen wolle," murmelte Tiner und errötete, "Entschuldigung, Sir, Ma’am."
Harm und Mac öffneten den Mund, um die Sache richtig zu stellen.
"Rabb, MacKenzie - oder genügt jetzt schon ein Name?! - sofort in mein Büro!" knurrte der Admiral.
Harm und Mac blieb nichts anderes übrig, als ihrem C.O. in sein "Allerheiligstes" zu folgen.
Chegwidden fuhr herum, kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatten. Er baute sich vor seinen Offizieren, die im Stillgestanden verharrten, auf und bellte: "Habe ich das letzte Mal nicht klar gemacht, dass ich über jeden weiteren Schritt Ihrer Beziehung informiert werden will, BEVOR mich der Marineminister deswegen zu sich ruft?! Und was ist mit Ihnen, Rabb? Ich dachte, Sie seien neidisch und nicht blöd?" fügte er etwas ruhiger in Anspielung auf Buds Junggesellenparty hinzu.
"Denjenigen, der mal das Glück hat, Mac zu heiraten, würde ich nicht unbedingt als blöd bezeichnen," dachte Harm insgeheim. "Sir, es kann sich da nur um ein Missverständnis handeln! Mac ... Colonel MacKenzie und ich, wir haben uns nicht verlobt und ich habe ihr nie einen Heiratsantrag gemacht. Ich habe keine Ahnung, wie Lieutenant Roberts auf einen solchen Gedanken kommen kann!" Aufrichtig sah er seinen C.O. an.
Mac stöhnte plötzlich und Harm wirbelte besorgt herum, ohne darauf zu achten, dass eigentlich von ihm erwartet wurde, dass er vor seinem kommandierenden Offizier still stand. Doch Mac schien keine Schmerzen zu haben, sondern schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, als wäre ihr gerade etwas eingefallen. "Sir, ich glaube, ich kann das erklären."
"Ich bitte darum, Colonel!" Chegwidden verschränkte abwartend die Arme.
"Commander Rabb hatte während des Röntgens meinen Marine-Corps-Ring verwahrt und hat ihn mir erst gestern morgen wieder zurückgegeben. Und mein 'Ja’ bezog sich auf die Frage, ob wir zusammen Lunch essen sollen, nichts weiter, Sir. Bud hat das ganze vollkommen missverstanden."
"Ein Missverständnis also ... wieder einmal. Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, dass Ihr Liebesleben das JAG-Personal mehr beschäftigt als die Fälle, an denen sie arbeiten?" Streng sah er von Harm zu Mac, die beide die Köpfe einzogen. "Langsam beginne ich zu glauben, dass es für die Disziplin abträglicher ist, wenn Sie KEINE Beziehung führen als wenn Sie eine beginnen würden..."
Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick. "Admiral, schlagen Sie etwa vor..."
"Ich schlage gar nichts vor! Und jetzt raus mit Ihnen beiden ... bevor Ihre Kollegen Ihnen alles weggegessen haben." fügte der JAG mit einem unmerklichen Grinsen hinzu.
Im ganzen Büro war es mucksmäuschenstill als Harm und Mac aus dem Arbeitsraum des Admirals kamen. Erwartungsvoll sahen sie die beiden Top-Anwälte an.
"Harriet, wenn Sie heute Abend nach Hause kommen, möchte ich, dass Sie Bud das Buch über Alien-Entführungen wegnehmen - er beginnt schon, weiße Mäuse zu sehen!" meinte Harm kopfschüttelnd, "Bud, was Sie für einen Heiratsantrag hielten, war in Wirklichkeit nur eine Einladung zum Lunch, während ich Mac ihren Akademie-Ring zurückgegeben habe."
Buds Augen weiteten sich entsetzt. "Ich hatte ja keine Ahnung ..." stammelte er, "Sir, Ma’am, das wollte ich nicht..." Er deutete auf die Türe des Admirals.
Mac klopfte ihm auf die Schulter. "Schon gut, Bud."
"Dann sind Sie nicht böse, Ma’am?" vergewisserte der junge Anwalt sich hoffnungsvoll.
Mac lachte. "Nicht solange ich neben einem kalten Büffet stehe, Bud!"
2310 Z-Zeit (18:10 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm balancierte die Einkaufstüten auf einem Arm, um mit der anderen Hand seine Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche zu fischen.
"Ah, Guten Abend, Mister Rabb."
Harm drehte sich um und erkannte seine ältere Nachbarin. "Guten Abend, Mrs. Thornton." Er stellte sich innerlich auf den neuesten Haus-Tratsch ein.
"Wie geht es Ihrer Lebensgefährtin?" wollte die alte Dame wissen.
Harm runzelte die Stirn. Renee? Sie hatten sich doch schon vor einer ganzen Weile getrennt und er hatte seither nichts mehr von ihr gehört. Wie sollte es Renee schon gehen? Vermutlich drehte sie gerade wieder irgendeinen Film. "Ähm ... gut, nehme ich an."
"Wie geht es ihrem Arm?" fragte Mrs. Thornton mit Wärme.
"Oh, DIESE Lebensgefährtin meinen Sie!" Harm musste lachen. So oft wie Mac in den letzten Monaten hier zu Gast gewesen war, war es eigentlich kein Wunder, wenn die Nachbarn sie schon für seine Lebensgefährtin hielten.
Seine Nachbarin sah ihn schockiert an. "Haben Sie denn mehrere?" fragte sie entsetzt.
Harm legte die Hand aufs Herz. "Mrs. Thornton! Ich bin doch treu wie Gold!" Er grinste breit.
Mac öffnete von innen die Türe, vermutlich hatte sie seine Stimme gehört. "Wie Katzengold vielleicht, Flyboy. Guten Abend, Mrs. Thornton." Mit einem freundlichen Lächeln nahm sie Harm die Einkäufe aus der Hand und marschierte wieder zurück in die Wohnung.
"Eine reizende junge Frau." kommentierte Mrs. Thornton.
Harms Grinsen wuchs in die Breite, reichte nun von einem Ohr zum anderen. "Ich glaube, ich gehe 'meiner reizenden Lebensgefährtin’ mal besser helfen." Er nickte seiner Nachbarin entschuldigend zu und betrat schnell das Apartment.
"Um was ging es da eben, Harm?" wollte Mac wissen.
"Oh, ich glaube nicht, dass wir das vor Granny und Will diskutieren sollten." Harm grinste.
"Nur keine unnötige Zurückhaltung unseretwegen, wir sind beide über 18." meinte Granny.
"Was aber bisweilen schwer zu glauben ist." entgegnete Harm mit einem leichten Kopfschütteln. Er begann seine Einkäufe auszupacken.
Mac deutete in Richtung Badezimmer. "Harm, ich würde gerne ein Bad nehmen..."
"Uh, was soll das sein? Eine Einladung?" witzelte der Ex-Pilot.
Mac sah ihn strafend an. "Höchstens in deinen Träumen!"
"Und deinen Phantasien, hm?"
Mac warf eine Packung Spaghetti in seine Richtung und ging ins Badezimmer.
Harm räumte Brokkoli und Lauch ins Gemüsefach und das große Glas Nutella in den Schrank. Während er die Pfanne auf den Herd stellte, hörte er aus dem Badezimmer laufendes Wasser und plantschende Geräusche und er musste lächeln.
Nach einer Weile kamen Granny und Will aus dem Wohnzimmer. "Wo ist dein Marine?" erkundigte sich Granny.
Harm stöhnte. "Granny, zum hundertsten Mal, sie ist nicht MEIN Marine!"
"62," murmelte Will, "nur 62, nicht 100."
Harm lauschte, aber er hörte jetzt kein Plantschen mehr aus dem Badezimmer. Zögernd legte er den Salat, den er gerade putzte, weg und ging ins Schlafzimmer. "Mac, alles okay da innen?" rief er zum Badezimmer hinüber, "Du bist noch nicht ertrunken, oder?"
"Nein, ich übe nur meine Spicegirl-Imitation." ertönte Macs amüsierte Stimme.
"Du hättest zur Navy gehen sollen mit deiner Vorliebe für Wasser." meinte Harm. Zu seiner Verwunderung kam von Mac keine schlagfertige Antwort. Es kam überhaupt keine Antwort. "Mac?"
"Ähm, Harm... Könntest du mal kurz reinkommen?" fragte sie leise.
Harm ließ beinahe das Küchenmesser fallen, das er noch in der Hand hatte. "Ja, sicher..." Er versuchte so zu klingen, als sei es ganz normal und alltäglich, dass Mac ihn ins Badezimmer rief, während sie gerade badete. Langsam umrundete er die Trennwand, die zum Bad führte.
Zu seiner ... Erleichterung?... Enttäuschung?... saß Mac in Jeans und T-Shirt auf dem Badewannenrand. Ihr Gipsarm steckte in einer oben zugebundenen Plastiktüte.
"Ich dachte, du badest und übst deine Spicegirl-Imitation?" fragte er und hob eine Braue.
"Beides schon erledigt, aber damit ist es noch nicht geschehen, weißt du?" Mac lächelte ein wenig, doch es wirkte unsicher.
"Ach so." Harm glaubte zu verstehen und sah sich nach der Wundsalbe um. "Der Rücken."
Mac schüttelte den Kopf. "Die Haare." verbesserte sie.
Harm sah sie groß an. "Du meinst, ich soll..." Er deutete auf ihr Haar.
Mac hielt ihren Gipsarm in die Höhe. "Damit geht das etwas schlecht und ich will hier ja nicht die nächste Flutkatastrophe verursachen. Also, wenn du saubere Fingernägel hast..." Sie winkte mit der Shampoo-Flasche.
"Oh, hinterher bestimmt." Harm grinste und nahm das Shampoo entgegen.
Mac kniete sich hin und beugte den Kopf über den Badewannenrand.
"Jetzt bekomme ich also doch noch einen Marine auf seinen Knien zu sehen!" scherzte Harm. Er trat hinter sie, legte ihr ein Handtuch um die Schultern und drehte das Wasser auf. Er prüfte mit der Hand, bis er sicher war, dass die Temperatur so angenehm sein würde, bevor er die Duschbrause vorsichtig über Macs Kopf führte. "Gut so?" fragte er und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen, während er ihr mit den Fingern durch das Haar fuhr.
"H-mmm," brummte Mac, "du hättest Friseur werden sollen."
"Ah, du weißt doch: Platin ist nicht meine Farbe." Harm stellte das Wasser ab und begann, das Shampoo sanft in ihr dunkles Haar einzumassieren. Sorgfältig achtete er darauf, dass kein Schaum in Macs Augen geriet. Lächelnd stellte er fest, dass sie die Lider geschlossen hielt.
Er drehte das Wasser wieder auf und versuchte, den Duft ihres Shampoos zu ignorieren, der das ganze Badezimmer füllte. Schließlich nahm er sich ein zweites Handtuch und frottierte seiner Partnerin die Haare. Als er das Handtuch wegnahm, standen ihre Haare in alle Richtungen und er musste lachen. Das seltsame Gefühl in seiner Kehle löste sich. Er streckte die Hand aus und glättete sanft einige Strähnen, bevor er ihr einen Kamm reichte.
"Hey, was macht ihr zwei so lange da drin?" rief Granny aus dem Schlafzimmer. Man konnte das Rabb-Grinsen fast in ihrer Stimme hören.
Mac verdrehte die Augen. "Deine Großmutter hat eine Phantasie!" Laut rief sie: "Dreimal darfst du raten, Granny - wir spielen Strip-Poker auf dem Badewannenrand!"
Harm hob die Augenbrauen. "Na, ich muß sagen, die Phantasie meiner Partnerin steht der meiner Großmutter nicht viel nach."
"Oh, wenn das so ist ... soll ich den Roberts sagen, dass sie später wiederkommen sollen?" Granny kicherte.
"Mist!" Mac fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und trat barfuß ins Schlafzimmer. Harm folgte ihr mit zwei Metern Abstand.
Bud und Harriet, die AJ auf dem Arm hatte, standen im Wohnzimmer und sahen ihre Vorgesetzten mit großen Augen an. Offensichtlich hatten sie jedes Wort gehört. Außerdem boten Harm und Mac einen geradezu verdächtigen Anblick: Macs feuchtes Haar hinterließ Wasserspuren auf ihrem T-Shirt und die Ärmel von Harms Jeans-Hemd waren bis zu den Ellenbogen hinauf durchnässt.
Einen Moment herrschte Schweigen.
"Ich habe Mac nur eben den Kopf gewaschen ... pardon, die Haare, natürlich." erklärte Harm dann mit einem Grinsen.
Der 1 ½ jährige A.J. streckte die Ärmchen nach seinen beiden Taufpaten aus.
Mac hob entschuldigend ihren Gips und Harm wrang seine nassen Hemdsärmel aus. Harms Großmutter nutzte die Gelegenheit und trat vor. "Hallo A.J., wie wär’s, wenn du mal zu Granny kommst?" Sie nahm das Kind von Harriet entgegen und eine Minute später hatte sie den Kleinen schon soweit, dass er lachte und munter darauf losplapperte.
"Gut, dann gehen wir mal. Ma’am, hier ist die Nummer meines Handys, wenn irgendetwas sein sollte..." Bud reichte Mac einen Zettel.
Mac lächelte beruhigend. "Keine Sorge, Bud, hier sind vier fähige Babysitter. Und ich bin nicht in Uniform, also nennen Sie mich Mac oder Sarah, ja?"
Bud nickte. "Ja, Ma’am ... Mac." Sie gingen zur Türe. "Und vielen Dank noch mal, Sir, Ma’am."
"Bud, du sollst sie doch Mac nennen." verbesserte Harriet.
"Du nennst den Colonel ja auch Ma’am, Harriet." wandte Bud ein.
"Das ist etwas ganz anderes." behauptete seine Frau.
"Ach ja?"
"Natürlich," Harriet nickte ruhig, "Wenn ich Ma’am sage, dann meine ich Sarah. Wenn du Ma’am sagst, dann meinst du ... Ma’am."
Bud sah sie verständnislos an. "Hä?”
Harriet zog ihn hinter sich her und Harm schloß die Türe hinter ihnen.
0005 Z-Zeit (19:05 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm suchte in der Schublade nach einem passenden Messer und als er sich wieder umdrehte, fand er seine Partnerin vor, die auf dem Küchentresen saß, vergnügt mit den Beinen baumelte und ihm bei der Arbeit zusah. Sie wirkte so unbeschwert, wie er sie selten zuvor gesehen hatte.
"Hey, runter von meinem Tresen, wie soll ich so Zwiebeln schneiden?”
"Gar nicht, überlaß die Arbeit mit dem Messer einem Marine!"
"Mit der linken Hand? Damit du morgen gleich beide Arme in der Schlinge tragen kannst? Nichts da!" Er packte Mac um die Hüften und setzte sie am Boden ab als sei sie nicht schwerer als AJ.
Mac ging zum Herd hinüber. "Was brutzelst du da überhaupt?"
"Hände aus meinen Pfannen, Marine! Meine Güte, auf dich aufzupassen ist ja schwieriger als zehn von AJs Sorte!" Harm schob die Pfanne aus Macs Reichweite.
Mac grinste und wanderte ins Wohnzimmer hinüber, wo Will im Sessel saß, AJ im Arm, Gypsie auf dem Schoß und Jingo zu seinen Füßen.
"Na, was sagst du, Sarah?" fragte Granny, "Würde er sich als Urgroßvater nicht gut machen?"
Mac seufzte. "Zu schade, dass ich ein Einzelkind bin - und bei mir ist nichts dergleichen in Aussicht." Der kleine AJ streckte die Arme nach ihr aus und sie nahm ihn vorsichtig mit dem linken Arm entgegen.
"Eins nach dem anderen. Erst mal brauchst du den passenden Ehemann zu deinen vier Kindern." meinte Granny lächelnd.
Harm kam mit zwei Schüsseln zum Tisch und hatte den letzten Satz seiner Großmutter gehört. "Zu was braucht sie einen Ehemann, Granny, sie hat doch mich." scherzte er.
"Dich? Warum sollte ich dich wollen? Du schnarchst, bist ein Gesundheits-Fanatiker, hältst dich für unwiderstehlich, lästerst über mein Essen und über meinen Geschmack in Bezug auf Männer.”
"Ja, aber mein Steak ist göttlich." Harm stellte die Pfanne auf den Tisch.
"Steak?" Mac setzte AJ in sein Stühlchen und nahm misstrauisch am Tisch Platz, "RICHTIGES Essen?"
"Richtig UNGESUNDES Essen." verbesserte Harm, trat hinter Mac und griff um sie herum, um ihr das Steak in kleine Stückchen zu schneiden. Ihr Shampoo roch noch immer herrlich.
Skeptisch probierte Mac das erste Stück Fleisch. Drei Augenpaare waren erwartungsvoll auf sie gerichtet als sie schluckte. "Deine fleischlosen Fleischklöße sind furchtbar, aber dein Steak ist ziemlich gut ... für einen Vegetarier." urteilte sie schließlich neckisch.
"Oh, vielen Dank, Colonel, sehr nett ausgedrückt."
"War mir ein Vergnügen, Commander."
0330 Z-Zeit (22:30 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm ließ sich neben Mac aufs Bett fallen, nachdem Harriet und Bud gegangen waren. "Ah, wenn ich 'Puh der Bär’ noch ein einziges Mal lesen muß..."
"Wem sagst du das!" Mac grinste. Sie wusste genau, dass Harm sich nur im Spaß beschwerte, in Wirklichkeit genoß er es genauso wie sie selbst, Zeit mit ihrem Patensohn zu verbringen. "Was machen unsere Senioren?"
"Ach, die streiten sich." antwortete Harm und angelte nach seinem Buch auf dem Nachttisch.
"Streiten?" Mac sah ihren Partner und Freund überrascht an. Bisher waren Granny und Will immer ein Herz und eine Seele gewesen.
Harm grinste. "Sie debattieren, wie du nach unserer Heirat heißen wirst."
Mac stützte sich auf dem Ellenbogen auf. "Tatsächlich?"
"Sieh mich nicht so an, meine Idee war das nicht. Du kennst ja die beiden Kindsköpfe." Als Mac sich erhob, lehnte Harm sich zurück und schlug sein Buch auf.
"Und?" fragte er als Mac fünf Minuten später aus dem Wohnzimmer zurückkam, ohne jedoch von seinem Buch aufzusehen.
"MacKenzie-Rabb." antwortete Mac.
"Was?" Harms Aufmerksamkeit war auf seine Lektüre gerichtet und daher verstand er nicht sofort, worüber seine Kollegin da überhaupt redete.
"Die beiden haben sich auf MacKenzie-Rabb geeinigt." Mac warf sich der Länge nach aufs Bett und vergaß für einen Moment ihr gebrochenes Handgelenk. Sie knirschte mit den Zähnen und unterdrückte einen Aufschrei, als der Schmerz durch ihren Arm zuckte.
Harm ließ das Buch fallen und schlang stattdessen tröstend einen Arm um ihre Schulter. "Alles okay?" fragte er, als Macs Gesichtsmuskeln sich langsam wieder entspannten.
Mac nickte. "Halb so schlimm." Sie griff schnell nach seinem Buch, bevor er es erneut zur Hand nehmen konnte. "Hamlet?" fragte sie überrascht.
"Ich muß doch mit meiner Partnerin mithalten können, Colonel Hamlet." Er nahm ihr das Buch aus der Hand und begann wieder zu lesen, doch sein anderer Arm lag noch immer federleicht und beruhigend um ihre Schulter.
"Harm?"
"Hm?"
"So klappt das nicht."
"Hm?"
"Harm, hörst du mir mal einen Moment zu?"
"Oh, ja, klar, nur noch diese Szene, okay?" Harm löste seine Augen nicht von dem Buch.
"Harmon Rabb junior! ‘Hamlet’ ist jetzt 398 Jahre alt, da kann das Stück doch sicher noch zehn Minuten länger warten, oder?”
"Ich schätze, da hast du recht, Ophelia ... Mac." Harm grinste und klappte das Buch zu.
"Ich sagte gerade: So klappt das nicht." wiederholte Mac.
"WAS klappt WIE nicht, Mac?" fragte Harm, wieder nur mit halber Aufmerksamkeit. Diesmal war es nicht das Buch, das ihn ablenkte, denn das lag vergessen auf dem Nachttisch, sondern er wurde sich plötzlich bewusst, dass er den Arm noch um Macs Schulter hatte und fragte sich, ob er ihn dort lassen oder lieber wegnehmen sollte. Er versuchte in Macs Gesicht zu erkennen, ob es ihr unangenehm war, aber sie schien ganz auf das Gespräch konzentriert. Zögernd nahm er den Arm weg und drehte sich mehr in Macs Richtung.
"Wir schaffen es mal wieder nicht, Granny - und Will - zu überzeugen, dass unsere Beziehung nur die zwischen zwei guten Freunden ist," begann Mac zu erklären, "Und wenn das so weitergeht, kommen wir in ernsthafte Schwierigkeiten. Ich meine, Granny bringt doch mit ihren Andeutungen schon alle auf falsche Gedanken. Heute ruft uns unser CO in sein Büro, um uns eine Standpauke zu halten, unsere Kollegen bestellen ein Büffet zu unserer 'Verlobung’... wo soll das noch enden, wenn wir Granny und Will nicht endlich überzeugen können?" Mac seufzte.
"Kein Einspruch von meiner Seite, Frau Anwältin. Und was schlägst du vor? Plan B?" Harm schmunzelte, aber etwas in seinen Augen blieb ernst.
Mac schüttelte den Kopf. "Das ist der Notfallplan. Noch stürzt das Flugzeug nicht ab, also kein Grund, sich jetzt schon mit dem Fallschirm rauszuschießen."
Harm lachte. "Ich glaube, du bist ein wenig zu lange mit mir herumgehangen. Du machst Fliegeranalogien."
"Ich mit dir herumzuhängen etwas schlechtes, Flyboy?" Macs Mundwinkel kräuselten sich und ihre braunen Augen funkelten.
"Oh, ganz im Gegenteil!" versicherte Harm selbstbewusst, "Also, was tun wir, wenn wir uns nicht rausschießen? Wie gewinnen wir wieder an Höhe?"
"Wir fliegen eine 180° Wendung," schlug Mac vor.
"Und das bedeutet?"
"Ich glaube, du bist etwas zu lange mit uns Bodentruppen herumgehangen, wenn ich dir jetzt schon die Fliegersprache erklären muß," Mac grinste schelmisch, "Wir fliegen auf andere 'Ziele’ zu. Ich habe morgen ein Rendezvous."
Harm sah sie etwas ungläubig an. "Ein Rendezvous? Mit wem?"
"Was denn, glaubst du, es gäbe niemanden, der sich für mich interessiert?" Mac zeigte ihr herausforderndes Marine- Lächeln.
"Das mit Sicherheit nicht." murmelte Harm mehr zu sich selbst. Er hatte schon oft genug beobachtet, wie sämtliche anwesenden Männer reagierten, wenn Mac einen Saal betrat.
"Vielleicht kannst du ja den Rost auf deinem goldenen Pilotenabzeichen wegkratzen, die Galauniform entmotten und dir auch ein Date besorgen?" schlug Mac spöttisch vor. Es kostete harte Arbeit, den geringschätzigen Blick aufrechtzuerhalten, wenn man Harm einmal in seiner weißen Uniform gesehen hatte.
"Dazu brauche ich weder Gold Wings noch Dress Whites, Mac. Du hast doch selbst gesagt, dass ich mit meinem netten Lächeln alles bekomme, was ich will." Harm zeigte eben jenes besagte Lächeln.
"Und ich habe auch gesagt, dass ich meine persönlichen Gründe trotzdem für mich behalte." wandte Mac ein.
"Trotzdem hab ich doch bekommen, was ich wollte - du hast mich mitgenommen zu deinem Onkel, oder nicht?" Harm probierte erneut sein Flyboy-Grinsen.
"Ja - vor meinem Pistolenlauf."
Harm lächelte als er daran zurückdachte. Damals hatte Mac ihm bei der bloßen Bemerkung, dass ein Bett im Camper sei, schon fast den Kopf abgerissen ... und jetzt lag sie hier, neben ihm, in seinem Bett - rein freundschaftlich natürlich.
"Vier!" kam Grannys laute Stimme aus dem Nebenzimmer.
Harm sah Mac fragend an. "Ich dachte, sie hätten das Problem mit deinem Nachnamen endlich ausdiskutiert?"
Mac stöhnte. "Ich schätze, jetzt sind sie zur Anzahl ihrer zukünftigen 'Urenkel’ übergegangen."
"Wenn ich jetzt da rüber gehe und die beiden fessle und kneble, verteidigst du mich dann vor Gericht?" fragte Harm mit einem Grinsen.
Mac lächelte zurück. "Nein - ich werde neben dir auf der Anklagebank sitzen!"
1110 Z-Zeit (06:10 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm erwachte und spürte sofort die nun schon gewohnte Wärme an seiner Seite und auf seiner Brust. Er öffnete die Augen und stellte fest, dass Mac dicht neben ihm auf ihrem Bauch lag, den gesunden Arm um ihn geschlungen und das Gesicht ihm zugewandt. Ihre Züge waren entspannt und ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Für einen Moment fragte er sich, wie sie es anstellte, selbst im Schlaf noch so gut auszusehen.
Er versuchte, den Kopf zu heben und einen Blick auf den Radiowecker zu werfen, ohne sie damit aufzuwecken, aber das gestaltete sich schwierig.
"0612." sagte Mac noch etwas schläfrig.
"Was?"
"Ich sagte, es ist 0612. Du hast dich doch gerade gefragt, wie spät es ist, oder?"
Harm schüttelte den Kopf. Wie machte sie das nur? Jetzt hatte sie nicht nur ihre innere Uhr, sondern anscheinend auch noch Telepathie! Harm sparte sich den Blick auf den Wecker und ging stattdessen ins Badezimmer. Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, war Mac bereits aufgestanden.
Er ging in die Küche und stellte fest, dass jemand - vermutlich Mac, denn von Granny und Will war noch nichts zu sehen - bereits Kaffee gemacht hatte. Er goß sich eine Tasse voll ein und nahm einen Schluck. Das Getränk war heiß und stark. Harm schüttelte sich leicht. "Jarhead-Brühe!" Er öffnete die Kühlschranktüre.
"Suchst du etwas bestimmtes, Flyboy?” fragte Mac, die mit Jingo und der Zeitung hinter ihm auftauchte. Ihr Blick glitt über sein feuchtes Haar.
"Nur nach etwas, das man essen kann, ohne es zuerst schlachten zu müssen." antwortete Harm und schlug die Kühlschranktüre wieder zu.
1938 Z-Zeit (14:38 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm lehnte sich in seinem Stuhl zurück und ließ mit einem zufriedenen Seufzen den Stift auf seinen Notizblock fallen. Seit drei Stunden waren sie nun dabei, die Informationen, die sie über ihren Körperverletzungs-Fall schon gesammelt hatten, zusammenzutragen. "Noch einen Kaffee, Mac?" er deutete auf ihre inzwischen leere Tasse.
Mac schüttelte den Kopf. Erneut stellte sie fest, wie aufmerksam Harm schon die ganze Zeit über zu ihr war. Er schmierte ihr ihre Frühstücksbrötchen, spielte ihren Chaffeur und cremte ihr den Rücken ein... "Hey, Flugverbotszone, Colonel!" tadelte sich Mac. "Du holst mir Kaffee, schreibst meine Notizen ... glaub ja nicht, dass du auf meinem Schoß sitzen darfst, nur weil du meine Sekretärin spielst!"
Harriet sah zur Türe herein, bevor Harm zu einer Antwort kam. "Sir, Ma’am... ich wollte mich noch mal für das Babysitten gestern abend bedanken. Und Colonel ... Rob läßt Ihnen ausrichten, daß er sich sehr auf heute Abend freut.” Sie grüßte und ging weiter.
Harm hob die Brauen. "Rob?"
"Harriets Cousin. Er versucht schon seit längerem, mich zu einem Abendessen zu zweit zu überreden," erklärte Mac, "und wie sieht’s bei dir aus? Schon ein Date gefunden?"
"Ich hatte noch keine Zeit, mich darum zu kümmern." Die Wahrheit war, dass er auch keine große Lust dazu hatte.
"Harm, es ist jetzt schon 1442 Uhr, du hast nicht mehr sehr viel Zeit." erinnerte Mac.
"Hey, ich brauche nur einen Anruf zu machen, das ist alles. Was glaubst du, warum der liebe Gott uns Piloten so unwiderstehlich gemacht hat?" Harm bedachte sie mit einem seiner Flyboy-Lächeln.
"Damit niemand bemerkt, dass euer IQ gleich eurer Schuhgröße geteilt durch zwei ist?"
"Oh, vielen Dank, und ich dachte, du wärst mein Freund." beschwerte sich Harm scherzhaft.
"Bin ich auch - und als solcher ist es meine Pflicht, dein Ego ein bisschen zu zügeln." antwortete Mac liebenswürdig.
Harm setzte eine mitleidsheischende Miene auf. "Na hoffentlich ist meine Verabredung heute Abend ein bisschen netter als du zu mir, bevor mein Ego noch völlig ruiniert wird!"
0030 Z-Zeit (19:30 Uhr EST)
Restaurant "LeTour"
Washington D.C.
Sarah MacKenzie sah von ihrer Speisekarte auf und betrachtete ihren Begleiter. Rob Beaumont war 1,90 m groß, sportlich und arbeitete als Finanzberater. Wie sie es von Lydia Beaumonts Neffen nicht anders erwartet hatte, hatte er vorzügliche Manieren, doch was sie überraschte war, dass er - wie er ihr eben erzählt hatte - in seiner Freizeit kleine Sportflugzeuge flog.
"Noch so ein Flyboy?" Mac lächelte.
Rob nickte. "Harriet hat mir erzählt, dass Ihr Großvater Pilot war."
"Mein Großvater und mein Partner bei JAG ebenfalls." bestätigte Mac.
Der Kellner kam zum Tisch, um ihre Bestellung aufzunehmen. Mac entschied sich für überbackene Schweinelendchen in Estragon-Rahmsoße.
"Hört sich gut an, Sarah. Ich nehme dasselbe," beschloß Rob, "Wein?" Fragend sah er Mac an.
Mac sah ihn für eine Sekunde fast überrascht an, dann senkte sie den Blick. Sie hatte wohl vergessen, es zu erwähnen. Wenn sie mit Harm unterwegs war, war es nicht mehr nötig, auch nur ein Wort zu sagen. "Ich trinke nicht, Rob."
Rob nickte ruhig, vermutlich glaubte er, sie wolle einfach nur einen klaren Kopf behalten. "Dann ein Glas Bordeaux und ...?"
"Ein Tonic Water mit Zitrone, bitte." Mac nickte dem Kellner zu.
Rob lächelte. "Zitrone?"
"Vermutlich, weil ich mir dann einbilden kann, dass wenigstens in meinem Getränk Vitamine sind - das würde jedenfalls Harm sagen."
"Harm?"
"Mein Partner bei JAG." erläuterte Mac.
"Ah, der Pilot."
"Der Ex-Pilot," Mac grinste, "obwohl er an das 'Ex’ nicht gerne erinnert wird."
"Dann weiß er nicht, wie glücklich er sein kann, mit Ihnen zu arbeiten." Rob neigte bewundernd und respektvoll den Kopf.
Mac wusste nicht, was sie sagen sollte. "Wußten Sie, dass dies das Restaurant ist, in dem Harriet und Bud ihr erstes Rendezvous haben sollten? Harm und ich mussten die beiden richtiggehend bearbeiten, bevor wir sie soweit hatten..."
Sie unterhielten sich gut und nach einer Weile kam das Essen. Mac hatte ein bisschen Mühe das Fleisch zu schneiden, aber sie sagte nichts. Außerdem stellte sie fest, dass selbst das leckerste Fleisch und die kalorienreichste Soße nicht halb so gut schmeckten, wenn niemand sie deswegen aufzog.
0030 Z-Zeit (19:30 Uhr EST)
Restaurant "El Niu"
Washington D.C.
Harm führte seine Begleiterin zum Tisch und schob ihr höflich den Stuhl heran, bevor auch er sich setzte. Wortlos sah er zu, wie der Kellner die Kerzen auf dem Tisch anzündete und nahm die Speisekarte entgegen.
"Ich glaube, ich nehme den katalanischen Salatteller - ich muß ein bisschen auf meine Linie achten." sagte seine blonde Begleiterin nach ein paar Minuten. Helen Price war Ende zwanzig, zierlich und attraktiv. Sie arbeitete für eine Anwaltskanzlei in Virginia. Harm hatte sie vor ein paar Monaten bei einer Ermittlung kennengelernt und sich erst jetzt wieder an sie erinnert. Er musste lachen.
"Etwas nicht in Ordnung mit dem Salat?" erkundigte sich Helen.
"Oh, nein, alles bestens. Ich habe nur gerade vor meinem inneren Ohr gehört, wie Sie die große Grill-Platte bestellen ... meine Partnerin hätte das getan." erklärte Harm.
Helen räusperte sich unsicher. "Partnerin? Bei der Arbeit oder...?"
Harm grinste. Ihr die Art der Beziehung zwischen ihm und Mac zu erklären, würde länger als einen Abend dauern. Und wenn er Helen sagte, dass er 'das Bett mit Mac teilte’, dann wäre sie sicher aufgestanden und gegangen, bevor er eine Gelegenheit erhielt, das zu erklären. "Bei der Arbeit. Mac - meine Partnerin - ist ein Marine."
Helen Price lachte. Offensichtlich betrachtete sie Mac jetzt nicht mehr als Konkurrenz, nachdem sie erfahren hatte, dass sie ein Marine war. "Sie meinen, so ein Marine?" Sie setzte ein verbissenes Gesicht auf, deutete dicke Muskelberge und eine Tätowierung auf dem Oberarm an.
Harm musste ebenfalls lachen. "Sagen wir, sie hat zumindest das Tattoo."
Der Kellner kam und beide bestellten einen Salatteller.
"Für mich bitte ein Glas Sangria." bat Helen.
"Und für mich ein Mineralwasser mit Zitrone." sagte Harm ohne zu überlegen.
"Erzählen Sie mal, wie ist das Leben als Militäranwalt denn so? Wo liegt der Unterschied zu uns Ziviljuristen? Außer der Bezahlung, natürlich..." Helen lächelte.
Harm erwiderte das Lächeln. Die junge Frau war nicht nur hübsch, sondern auch klug und humorvoll. Er fragte sich, ob Mac sich mit ihrer Verabredung ebenfalls amüsierte, ob sie soviel lachte wie gestern Abend. "Nun ja, der Hauptunterschied besteht wohl darin, dass wir für weniger Geld mehr arbeiten und die besseren Klienten haben ... nein, im Ernst, ein Unterschied liegt darin, dass wir mehr Ermittlungsarbeit tun, auch im Ausland. Mac und ich sind da schon in Situationen geraten..."
Sie unterhielten sich den ganzen Abend lang lebhaft und Harm musste zugeben, dass Macs Idee gar nicht so schlecht gewesen war, vor allem wenn sie Granny und Will später von ihren jeweiligen Verabredungen vorschwärmen konnten. Schließlich bezahlte Harm die Rechnung und sie gingen. Draußen war es bereits dunkel geworden. "Wie spät ist es?" fragte Harm automatisch.
Helen Price warf einen Blick auf ihre bloßes Handgelenk. "Tut mir leid, ich habe keine Uhr an."
"Oh," einen Moment lang überraschte Harm diese Antwort, aber dann fing er sich wieder, "Das macht nichts, ich habe ja selbst eine." Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. 22.35 Uhr.
Ein wenig unschlüssig standen sie vor ihren nebeneinander geparkten Autos. "Mein Boss gibt morgen Abend eine Party," sagte Helen schließlich, "vielleicht möchten Sie ja kommen?"
"Morgen?" Harm schüttelte den Kopf, "Morgen geht es unmöglich," Als ihm bewusst wurde, wie hart das klang, fügte er schnell hinzu: "Morgen hat Mac, meine Partnerin, Geburtstag. Aber ein anderes Mal gerne."
"Oh, sicher," Helen klang etwas enttäuscht, "Danke für das Essen und den schönen Abend."
"Ich danke Ihnen!" entgegnete Harm herzlich und hielt ihr die Autotüre auf. Er wartete, bis sie sicher vom Parkplatz gefahren war, bevor auch er in sein Auto stieg.
0410 Z-Zeit (23:10 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm war gerade aus seinem Auto gestiegen und wollte eben das Haus betreten, als er sah, wie ein Porsche vor dem Haus hielt. Harm blieb stehen, hielt sich im Schatten der Wand und beobachtete. Er wusste genau, dass das keiner seiner Nachbarn war. Und richtig: Ein großer, blonder Mann stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete die Türe. Heraus stieg... Sarah MacKenzie. Harm stöhnte. "Wo findet sie nur immer diese Porsche-Typen?" Er trat aus dem Schatten, um Mac nicht zu erschrecken.
"Hallo, Harm," grüßte sie, als der Porsche davonfuhr und sie näherkam, "Du bist schon da? Nicht über Nacht geblieben? Ich bin enttäuscht! Was ist aus meinem Flyboy-Partner geworden, der die Frauen reihenweise um den Finger wickeln konnte?"
"Ich hab sie zu mir eingeladen, aber sie wollte sich partout nicht das Bett mit einem alten Hund, einer putzsüchtigen Katze und einem Marine teilen." gab Harm schlagfertig zurück.
Sie stiegen die Treppe hinauf. "Und? Wie lief es mit Bob?" erkundigte sich Harm.
"Rob. Er heißt Rob, Harm," verbesserte Mac, "Und er ist ein wirklich netter Mann. Und wie lief es mit ... wie war noch gleich ihr Name?" Unauffällig musterte sie ihren Partner aus den Augenwinkeln.
Harm sah wie sich ihre Lippe verdächtig verzog und musste grinsen. "Ich habe noch gar keinen Namen genannt, Mac. Aber Helen ist eine wirklich nette Frau."
Harm schloß die Türe auf und sofort wurden sie von einem Gemisch aus Bellen, "Määäh!" und den neugierigen Fragen zweier Rentner begrüßt. Mac schlüpfte schnell an Harm vorbei und entkam ins Schlafzimmer. Harm hatte nicht soviel Glück, denn Granny blockierte ihm den Weg.
"Wo wart ihr?" wollte Will wissen.
"Wir haben doch gesagt, dass wir beide mit jemandem verabredet sind."
"Und 'zufälligerweise’ geht und kommt ihr zur gleichen Zeit?" kommentierte Granny spöttisch, "Komm, Harmon, vor deiner alten Großmutter kannst du es ja ruhig zugeben, ihr beide hattet ein Rendezvous miteinander." Sie grinste hoffnungsvoll.
Harm zog das Polaroid aus der Tasche, das er vorsichtshalber gemacht hatte und reichte Granny das Foto. Granny sah es an, verzog das Gesicht und gab das Bild an Will weiter. "Nettes Mädchen." meinte der Cherokee lächelnd. Granny verpasste ihm einen Schlag auf den Arm und er fügte schnell hinzu: "Wenn auch nicht halb so nett wie meine Enkelin, natürlich!"
"Stimmt." Harm überließ den beiden das Beweisfoto und ging ins Schlafzimmer hinüber. Macs Kleid hing bereits fein säuberlich am Schrank und sie lag in einem weiten T-Shirt im Bett. Harm hatte sich bereits gefragt, wo sein Patrick-Henry-T-Shirt hingekommen war.
Mac sah von 'Hamlet’ auf. "Na, wie war die Inquisition?"
"Ich konnte Beweise für meine Unschuld vorlegen - ich hatte vorsichtshalber ein Foto von mir und Helen beim Abendessen gemacht. Ich dachte mir schon, dass Granny uns sofort verdächtigen wird, dass wir zusammen ausgegangen seien."
"Huuu, Flyboy, sollte dein IQ etwa deiner Schuhgröße MAL zwei entsprechen?" neckte Mac.
"Du und deine Zahlen, Marine!" Harm rollte mit den Augen, "Du hättest wirklich Mathe-Lehrerin werden sollen ... obwohl... eine Klasse voller Erstklässler, die darauf getrimmt werden, die Uhrzeit bis zur Zehntelsekunde genau anzugeben... vielleicht doch keine so gute Idee."
Mac warf das Buch nach ihm und Harm fing es in letzter Sekunde auf. "Das mit der Lehrerin nehm ich zurück - so wie du mit Literatur umgehst!" Grinsend ging er ins Badezimmer.
Mac zog die Decke höher und schloß lächelnd die Augen. "6 Wochen..."
0502 Z-Zeit (00:02 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Etwas strich über ihre Wange. Etwas Warmes, Sanftes. "Gypsie..." murmelte Mac im Halbschlaf.
"Mac?"
Mac öffnete die Augen und blinzelte gegen das Licht von Harms Nachttischlampe. Sie stellte fest, dass Gypsie sich an Harms Füßen zusammengerollt hatte und es Harms Hand gewesen war, die sie eben geweckt hatte.
"Mac, entschuldige, dass ich dich wecke, aber du liegst auf deinem gebrochenen Arm..."
"Oh." Mac rollte sich herum und tatsächlich: Ihr rechter Arm pochte heftig. Sie setzte sich vorsichtig auf.
Harm saß aufrecht im Bett, das Shakespeare-Drama aufgeschlagen auf dem Schoß, doch Mac sah mit einem Blick, dass es noch immer dieselbe Seite war, an der er gestern schon gelesen hatte.
"Mac?" Harm legte das Buch weg, "Alles Gute zum Geburtstag!" Seine große, warme Hand legte sich über ihre und dann, nach einigen Sekunden des Zögerns, beugte er sich herüber und umarmte seine Partnerin kurz, aber fest und herzlich.
Mac blinzelte etwas überrumpelt, aber sie genoß jede Sekunde. "Oh, richtig, es ist 00.04 Uhr und ich habe Geburtstag." Sie schien fast erstaunt.
Harm lachte leise. "Das kann auch nur einem Marine passieren, dass er seinen eigenen Geburtstag vergisst - und das bei deinem Uhrwerk!" Seine Hand strich flüchtig über ihr seidenweiches Haar, "Okay, jetzt schlaf gut, Marine, wer weiß, was dich morgen alles erwartet."
Er wartete, bis Mac wieder eingeschlafen war, um sicher zu gehen, dass sie sich nicht wieder versehentlich auf ihren verletzten Arm rollte. Dann schaltete er das Licht aus und schloß selbst die Augen.
1045 Z-Zeit (05:45 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac erwachte zu ihrer üblichen Zeit. Langsam wurde sie sich der Eindrücke um sich herum bewusst. Ihr war ein bisschen kalt und deshalb zog sie die Decke enger um sich. Die Finger ihrer rechten Hand fühlten sich kalt und ein wenig taub an und der Arm unter dem Gips juckte.
Die Marine-Corps-Offizierin schlug die Augen auf und erwartete, den schlafenden Harm neben sich zu sehen, doch seine Hälfte des Bettes war leer. Mac legte die Hand auf das Laken und stellte fest, dass es bereits kalt geworden war. Sie war fast etwas enttäuscht, auch wenn sie sich sagte, dass Harm vermutlich nur joggen gegangen war.
Etwas klapperte und als Mac aufsah, erblickte sie ihren Partner, der ein Tablett in Händen jonglierte und auf sie zukam. Er stellte das Tablett vor ihr auf dem Bett ab und setzte sich auf die Bettkante. "Nochmal alles Gute zum Geburtstag!"
Mac betrachtete überwältigt das Tablett. Auf einem Teller lag ein Croissant, auf dem nächsten ein halbes Brötchen mit Nutella und auf dem dritten Teller die andere Hälfe mit Schinken. Daneben stand eine Tasse dampfender Kaffee und eine kleine Vase mit einer gelben Rose darin. Mac war wirklich gerührt, das hatte noch nie jemand für sie getan.
Harm sah, dass sie fast Tränen in den Augen hatte und wuschelte ihr durchs Haar. "Los, aufessen, Marine, wir müssen los!"
Mac biß gehorsam in das Nutella-Brötchen. "Wieso müssen wir los? Wir haben noch eine Stunde und ..."
"Irrtum, wir haben noch 45 Minuten und die Fahrt dauert eine halbe Stunde, also hast du exakt 15 Minuten." Harm grinste.
Mac starrte ihn an und ließ das Brötchen sinken. "Die Fahrt wohin?"
"Habe ich noch nicht gesagt, dass der Admiral wegen dieser Ermittlung in Virginia angerufen hat? Wir müssen um 0630 Uhr in Norfolk sein."
Mac stöhnte. "Ausgerechnet heute!" Sie hatte eigentlich vorgehabt, Harm zum Lunch einzuladen und ein bisschen früher nach Hause zu gehen. "Um was geht es denn in dem Fall?"
"Soviel ich verstanden habe, um einen Lieutenant Colonel, aber ich schätze, die genauen Informationen erhalten wir vor Ort." erklärte Harm und sah zu, wie Mac die Hälfte ihres Schinkens an Gypsie verfütterte.
Als Mac das Tablett geleert hatte, ging Harm in die Küche, um die Teller in die Spülmaschine zu räumen und Mac verschwand mit ihrer Uniform im Badezimmer. Harm schrieb eine kurze Notiz für Granny und Will, zog die Schuhe an und ging ins Schlafzimmer zurück, um die Betten zu machen. Als er fertig war, war von Mac noch immer nichts zu sehen. "Mac? Wir müssen so langsam los!" rief er zum Badezimmer hinüber.
Von innen kam nur ein Gemurmel, das nach einem russischen Fluch klang.
"Mac?"
"Einen Moment! Ich bekomme diese verdammten..." Dann erklang ein frustriertes Schnauben und Mac erschien im Durchgang zum Schlafzimmer. Harm registrierte lächelnd, dass sie Hosen und flache Schuhe trug, da sie nicht wusste, welche Art von Ermittlung sie in Norfolk erwarten würde, dann wanderte sein Blick weiter und sein Lächeln verblasste. Die Knöpfe von Macs Uniformbluse waren offen - und zwar alle.
"Harm?" Ihre braunen Augen blickten bittend.
Harm zuckte zusammen wie ein ertappter Sünder und drehte sich schnell um. "’Tschuldigung, Mac, aber auf einen solchen Strip war ich nicht gefasst." murmelte er und sein Grinsen kehrte zurück.
Mac griff mit der gesunden Hand nach seiner Schulter und drehte ihn wieder herum. Harms Verwirrung nahm zu. Wie sollte das, was sie da gerade tat, dazu beitragen, Granny und Will davon zu überzeugen, dass zwischen ihnen nichts außer Freundschaft war?
"Harm, das klingt jetzt vielleicht blöd, aber... könntest du mir mal mit den Knöpfen helfen?" Mac nestelte ungeschickt am obersten Knopf der Bluse, "Ich muß mich heute nacht wieder auf den Arm gerollt haben und jetzt sind meine Finger etwas steif."
Harm blickte auf den Gips hinab und begriff endlich. Er schob seine Begriffsstutzigkeit in Gedanken auf die frühe Stunde und darauf, dass er weniger als fünf Stunden geschlafen hatte, um Mac mit dem Frühstück überraschen zu können. "Oh, klar, kein Problem." Harm tat so, als geschehe es praktisch jeden Tag, dass er Kolleginnen beim Anziehen helfen musste. Er trat einen Schritt näher an Mac heran, schob ihre kalten Finger beiseite und knöpfte sorgfältig einen Knopf nach dem anderen zu. Sein Blick war konzentriert auf Macs Gesicht gerichtet.
Mac sah wie gebannt auf seine Finger.
"Okay, fertig," meldete Harm nach einer Minute, "Abmarsch, Marine!"
1125 Z-Zeit (06:25 Uhr EST)
Außerhalb von Washington D.C.
"Harm, das ist aber nicht gerade der direkte Weg nach Norfolk!" beschwerte sich Mac, als Harm den Beltway verließ.
"Hm?" Harm sah kurz vom Steuer auf, "Ach so, nein, vermutlich nicht." Er lenkte seinen Jeep in eine Nebenstraße.
"Die Tankstelle zwei Straßen weiter südlich von hier ist aber billiger." meinte Mac und deutete auf das Preisschild der Tankstelle in der Straße, in die Harm gerade eingebogen war.
Harm wies wortlos auf die Anzeige am Amaturenbrett - der Tank war randvoll. Er fuhr an der Tankstelle vorbei.
"Okay, raus mit der Sprache, Flyboy, wo fahren wir hin? Der Admiral hat gar nicht angerufen und es gibt auch keinen Fall in Norfolk, oder?" Mac beäugte ihren Partner misstrauisch.
Harm grinste breit. "Bingo, Mac. Die Kandidatin gewinnt so viele Tomcats, wie sie tragen kann!"
"Haha, zu komisch, Harm! Du hast mich ja ganz schön reingelegt mit diesem angeblichen Fall eines Lieutenant Colonels. Was hast du vor?"
"Ich dich reingelegt? Hey, Mac, ein Freund legt einen Freund nie herein, schon vergessen? Es geht wirklich um einen Lieutenant Colonel." Harm deutete grinsend auf ihr Rangabzeichen.
"Und wohin fährst du mit diesem Lieutenant Colonel?" wollte Mac wissen.
"Ist Neugierde eine Berufskrankheit von euch Marines oder was? Warte es doch einfach ab." empfahl Harm.
"Dir ist aber bewusst, dass ich dich wegen Entführung vor Gericht bringen kann?" Mac lächelte listig.
"Wenn du das nach unserer Rückkehr noch willst, dann werde mich sogar schuldig bekennen." meinte Harm selbstbewußt.
"Könntest du mir nicht einen Tipp geben? Nur einen klitzekleinen." Mac sah ihn mit ihren großen braunen Augen an.
"Okay - es ist nicht Beltway Burgers." Harm grinste und bog in eine weitere Seitenstraße ab. Vor ihnen lag ein großes Baseballfeld und Harm parkte vor dem Stadion.
"Baseball?" fragte Mac staunend, während sie ausstieg.
"Klar, Mac, und du kannst deinen Gipsarm als Schläger benutzen." antwortete Harm ironisch und führte sie ins Stadion.
"Ich benutze ihn gleich als Waffe, wenn du mir nicht endlich sagst, was wir hier..." Mac brach ab und blieb plötzlich stehen als wäre sie gegen eine Mauer gerannt. "Wow!"
Harm grinste und sah sie erwartungsvoll an. "Na, wie stehen die Chancen, dass es dir auf dem Flug schlecht wird?"
"Fahrt, Harm, nicht Flug." antwortete Mac geistesabwesend, während sie noch immer in dieselbe Richtung starrte. Vor ihr, auf dem Baseballfeld, wurde gerade ein Heißluftballon startklar gemacht.
Ein Mann in einer Lederjacke lief zu ihnen hinüber. "Harmon Rabb junior?" wandte er sich an Harm. Er musste fast schreien, um den Lärm, den der Gasbrenner machte, zu übertönen.
Harm nickte.
"Jack Reilly, Ihr Ballonführer," stellte sich der Mann vor und streckte Mac die Hand hin, "Herzlichen Glückwunsch, Ma’am."
Überrascht schüttelte Mac mit der Linken seine Hand, sah dabei aber Harm an. "Soll das heißen, du hast das alles ..." Sie deutete auf das Baseballfeld und den Ballon, "nur für mich arrangiert?" Fassungslos starrte sie ihn an.
"Oh, hatte ich nicht erwähnt, dass Lieutenant Singer noch kommt?" fragte Harm, spöttisch auf die nicht gerade beliebte Kollegin anspielend. Er legte vorwurfsvoll den Kopf schief und hob die Brauen, "Natürlich hab ich das für dich arrangiert, Mac, was dachtest du denn!"
Mac war zu überwältigt, um zu antworten. Sie folgten Jack Reilly zum Ballon hinüber und er half ihnen, in den Korb zu klettern. Seine Helfer lösten die Halteanker, Reilly betätigte mehrmals kurz hintereinander den Propangasbrenner und der Ballon stieg langsam senkrecht in die Höhe.
Der Ballonführer warf einen Blick auf Macs Uniform. "Unnötig zu fragen, ob Sie Höhenangst haben, oder?"
"Solange wir nicht die Schallmauer durchbrechen, ist alles okay." versicherte Mac grinsend. Sie konnte es noch immer nicht glauben, was sie hier erlebte. Unter ihnen wurde das Stadion immer kleiner, man konnte jetzt den Beltway, der um Washington herumführte, sehen. Sie flogen ... pardon, fuhren ... nach Süden und passierten den Potomac. Das Licht der gerade aufgegangenen Sonne schimmerte auf dem Wasser.
"Ich weiß, Sie sind nicht von der Airforce, aber vielleicht interessieren Sie sich trotzdem für die Geschichte der Luftfahrt..." begann ihr Ballonführer.
Harm straffte sich und zeigte das goldene Abzeichen unter seiner Flieger-Lederjacke. "Ich war Tomcat-Pilot."
"Ah!" Jack Reilly begann, Macs Bemerkung über die Schallmauer zu verstehen, "Dann wissen Sie vielleicht, dass der erste Heißluftballon 1783 von den Brüdern Montgolfier gestartet wurde. Im gleichen Jahr ließ der Physiker Jacques Charles einen mit Wasserstoff gefüllten Ballon steigen. Die Fahrt dauerte zwei Stunden."
Harm sah Mac erwartungsvoll an und er wurde tatsächlich nicht enttäuscht. "Zwei Stunden und drei Minuten, Mr. Reilly." erklärte sie als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt.
Der Ballonführer starrte sie an. Harm klopfte dem armen Mann lachend auf die Schulter. "Machen Sie sich nichts daraus, da gewöhnt man sich dran!"
Jack Reilly erholte sich von seiner Überraschung und bückte sich nach der Tasche, die am Boden des Korbes stand. Er förderte eine Flasche und drei Gläser zutage. "Bei der ersten Ballonfahrt findet eine traditionelle Taufe statt." erklärte er.
Reilly drehte sich zu Mac um und besaß sich dann die Gegend, über der sie gerade schwebten. "Wie war noch gleich Ihr Name?"
"Sarah."
Der Ballonführer nickte. "Dann taufe ich Sie hiermit auf den Namen Sarah, Fürstin..."
"Prinzessin." verbesserte Harm lächelnd.
Jack Reilly sah ihn an und unterdrückte ein Grinsen. "Entweder mein Fahrgast ist ein bisschen größenwahnsinnig oder er ist einfach nur über beide Ohren verliebt in seine hübsche Begleiterin. Wer könnte es ihm verdenken?" "Okay, dann also Sarah, Prinzessin vom wolkenlosen Himmel über Washington."
"Wow, jetzt gehöre ich also zu den oberen Zehntausend!" Mac musste lachen. Erwartungsvoll sah sie Harm an. "Und du?"
"Das ist bereits meine zweite Ballonfahrt. Ich bin mal als Kind mit Mum und Frank gefahren." erklärte Harm.
"Und auf welchen Namen wurdest du getauft?" wollte Mac wissen.
"Sagen wir, mein Name ist weniger schmeichelhaft als deiner. Er hat damit zu tun, dass ich einen Sandsack abgeworfen habe, bevor mich Frank und Mum daran hindern konnten, weil ich auf 30.000 Fuß aufsteigen wollte." Harm grinste und alle drei lachten.
Jack Reilly ließ den Korken knallen und schenkte die gelbliche Flüssigkeit ein.
Mac nahm das Glas entgegen, ohne jedoch zu trinken.
Die beiden Männer sahen sie auffordernd an. "Na los, Marine, ohne einen guten Schluck ist die Taufe ungültig."
"Harm, du weißt doch, dass ich..."
"Vertrau mir einfach, okay?" Harm sah ihr aufrichtig in die Augen.
Mac setzte gehorsam das Sektglas an die Lippen und schluckte. "Apfelsaft!" Sie hätte es wissen müssen. Harm dachte wirklich an alles.
Harm grinste. "Was dachtest du denn?"
Sie standen nebeneinander am Rand des Korbes und sahen hinab. Gerade passierten sie den Militärfriedhof von Arlington.
"Hast du Granny und Will erzählt, dass du diese Überraschung für mich geplant hast?" erkundigte sich Mac.
"Bin ich verrückt? Natürlich nicht, Mac! Du weißt ja, was Granny sofort gesagt hätte..."
"Oh, wie romantisch!" sagten sie gleichzeitig und lachten.
Nach ein paar Minuten sah Mac auf. "Harm, wir werden Ärger mit dem Admiral bekommen, wenn wir zu spät kommen," meinte sie besorgt, "Es ist 0758 Uhr."
"Wir werden nicht zu spät kommen, Mac." beruhigte Harm lächelnd.
Reilly regulierte den Gasbrenner und der Ballon ging langsam tiefer. Nach einer Weile erkannte Mac das große rote Gebäude unter ihnen. "Harm, du willst doch nicht etwa..."
"Doch, und ob!" Harm grinste, "Ich werde dieser frischgebackenen Prinzessin hier den passenden Auftritt verschaffen."
Zwei Minuten später setzte der Korb des Heißluftballons auf dem JAG-Parkplatz auf. Die Militärwache kam angerannt, die Hand auf der Waffe. "Alles in Ordnung, Corporal." versicherte Harm, während er die Hand ausstreckte und Mac aus dem Korb half.
Harm, Mac und der Corporal sahen zu, wie der Ballon wieder höher stieg. Harm grinste auf seine Partnerin hinab. "Okay, Prinzessin, an die Arbeit!"
Der Corporal sah ihnen kopfschüttelnd nach als sie davongingen. "Geh’ zur Marine," zitierte er den Rekrutierungsslogan des US-Militärs, "Dort erlebst du was! .... was zum Teufel soll ich jetzt in meinen Bericht schreiben?"
1505 Z-Zeit (10:05 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Mac saß in ihrem Büro vor dem Computer und sah aus dem Fenster. Sie konnte noch immer nicht glauben, was ihr verrückter, wunderbarer Partner da getan hatte. Als sie aufblickte, sah sie eben jenen Partner durch das Großraumbüro auf sie zukommen - mit einem riesigen Strauß gelber Rosen im Arm.
"Harm, was tust du da?" fragte sie. Heute kam sie wirklich aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Nach was sieht’s denn aus, Mac?" entgegnete Harm grinsend und drückte ihr die gelben, langstieligen Rosen in die Hand, "Ich bringe meinem Lieblings-Marine Blumen." Harriet und Bud kamen herein, Harriet mit einer passenden Vase und Bud mit einem Geschenk in der Hand. Er überreichte Mac das Päckchen. "Nochmal unsere herzlichen Glückwünsche zum Geburtstag, Colonel. Das hier ist von uns allen." erklärte Bud mit einem Honigkuchenpferd-Grinsen und machte einen Handbewegung, die das ganze Büro umfasste. Mac klappte die Karte auf, die oben auf dem Geschenk lag. Alle hatten unterschrieben, sogar der Admiral. Mac blinzelte gerührt und begann, das Päckchen aufzumachen. "Ein Handy!" Sie kicherte. "Wir dachten, Sie bräuchten dringend ein neues, nachdem Sie zuhause irgendwie nie zu erreichen sind..." erklärte Harriet.
Harm und Mac wechselten unauffällig einen amüsierten Blick. Mac war seit mittlerweile fünf Tagen nicht mehr in ihrer Wohnung gewesen.
"Vermutlich hätten Sie mehr Glück, wenn Sie Harmons Nummer wählen." sagte eine Stimme von der Türe her.
Harm drehte sich um. Im Türrahmen stand seine Großmutter, Sarah Elizabeth Rabb, und hinter ihr Will MacKenzie. "Was macht ihr denn hier?"
"Keine Panik, Harmon, wir sind nicht deinetwegen hier," erklärte Granny, "wir wollten nur Sarah zum Geburtstag gratulieren, nachdem ihr heute morgen so früh weg seid."
Will trat an seiner 'alten Freundin’ vorbei, umrundete den Schreibtisch und küsste seine Enkelin auf die Wange. "Alles, alles Gute, u-we-tsi. Ich wünsche dir, dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen."
Mac lächelte den alten Mann voller Zuneigung an. "Danke, Großvater."
Will überreichte ihr einen Strauß Lilien. "Wie war die Ballonfahrt?" erkundigte er sich schmunzelnd.
Mac und Harm starrten ihn an, sahen dann zu Granny. "Woher wisst ihr das?" forderte Harm streng zu wissen.
Will und Sarah Rabb warfen sich einen verschwörerischen Blick zu. "Großeltern wissen eben alles." meinte Granny und ging an Harm vorbei, um ihrer "Adoptivenkelin" zu gratulieren. Sie überreichte Mac ein flaches Päckchen. "Wir haben noch ein zweites Geschenk, aber das konnten wir mit dem Taxi so schlecht transportieren." erklärte sie entschuldigend.
Mac öffnete das Geschenk und musste so lachen, dass sie fast ihre Kaffeetasse vom Schreibtisch schlug. Das Paket enthielt ein gerahmtes Foto - den Schnappschuß von Harm, den Granny damals gemacht hatte, als er in dem ihm zu knappen Marine-Corps-T-Shirt vom Joggen gekommen war.
Harm warf einen Blick auf das Bild und stöhnte, während Bud und Harriet die Hälse reckten.
"Es wird einen Ehrenplatz bekommen," versicherte Mac grinsend, "Vielleicht lasse ich es vergrößern und hänge es neben meinem Marine-Corps-Poster auf!"
Harm stöhnte erneut.
Granny grinste. "Und jetzt müsst ihr uns einen Moment entschuldigen, wir müssen noch etwas erledigen..."
Die beiden Rentner spazierten aus dem Büro und Harm machte Anstalten, ihnen zu folgen. "Harm!" rief Mac ihm nach, "Wie wäre es, wenn ich dich in der Mittagspause zum Lunch einlade?"
Harm drehte sich um. "Oh, tut mir leid, Mac, aber in der Mittagspause hab ich schon etwas vor. Aber ich hatte vor, dich heute Abend einzuladen, wenn das okay ist."
"Klar. Wenn du mich heute Abend einlädst, dann hätte ich das Mittagessen sowieso ausfallen lassen - so billig kommst du mir schließlich nicht davon!" Mac zeigte ihr herausforderndes Marines-Lächeln.
Harm nickte ihr zu und eilte mit langen Schritten davon, um seine Großmutter und Will noch einzuholen. "Granny! Hast du mal eine Minute Zeit?"
Sarah Rabb blieb stehen und sah ihren Enkel erwartungsvoll an. "Für dich sogar zwei, unser Termin ist ohnehin erst in einigen Minuten."
Harm runzelte die Stirn. Von was für einem Termin sprach seine Großmutter da? Dann erinnerte er sich wieder an sein Anliegen. "Granny, hättest du Zeit, um in der Mittagspause mit mir einkaufen zu gehen?"
Die grauhaarige Dame lachte. "Will, ruf den Notarzt! Der große Harmon Rabb junior, seines Zeichens Navy-Pilot, JAG-Anwalt und stolzer Offizier, will mit seiner alten Großmutter einkaufen gehen?"
Harm sah sich verlegen um. "Pssst, nicht so laut. Granny, es geht um ein Geschenk für Mac. Ich bin schon seit vier Wochen auf der Suche, aber alles, was ich bisher so gesehen habe, erschien mir nicht ... angemessen. Ich möchte, dass es etwas Besonderes ist."
Granny legte ihm eine Hand auf den Arm. Manchmal war er seinem Vater und Großvater so ähnlich, dass es ihr den Atem raubte. "1300?"
Harm nickte. "Okay, 1300."
Granny nickte, drehte sich um und ging mit Will an Tiners Schreibtisch vorbei in das Büro des Admirals.
Harm erstarrte. "Oh Gott, ich bin ein toter Mann!"
1530 Z-Zeit (10:30 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm ging mit einem großen Stapel Blättern zum Kopierraum hinüber. Carolyn Imes stand gerade am Kopiergerät und deshalb wartete er gegen den Türrahmen gelehnt. Gelangweilt ließ er den Blick durch das Großraumbüro streifen als er vor einem der Schreibtische seine Großmutter erblickte. Granny war eifrig mit Harriet in ein Gespräch vertieft.
"Ach, aus Sarah etwas herauszubekommen ist ziemlich schwer," sagte Granny gerade, "Sie war so schnell an Harm vorbei im ... an Harm vorbei verschwunden, dass ich keine Chance hatte, sie zu fragen, wie das Rendezvous war. Was hat Ihr Cousin Ihnen so erzählt?"
Imes war jetzt fertig mit ihren Kopien und räumte ihren Platz am Kopiergerät, aber Harm blieb wie festgenagelt neben der Türe stehen. Normalerweise belauschte er nicht die Gespräche anderer Leute, doch das konnte er sich einfach nicht entgehen lassen.
"Rob versucht schon seit Monaten, den Colonel zu einem Treffen zu überreden. Er ist ziemlich beeindruckt von ihr. Ich denke, der Abend hat ihm ganz gut gefallen." gab Harriet Auskunft.
"Ganz gut gefallen?" wiederholte Granny skeptisch.
"Na ja, nach allem, was Bud und ich ihm so von Sarah erzählt hatten, war er vielleicht etwas enttäuscht." meinte Harriet.
Harm hob auf seinem Lauschposten verblüfft die Brauen. Enttäuscht? Über Mac?
"Das wäre der erste Mann, den ein Abend mit Sarah enttäuschen würde." sprach Granny Harms Gedanken aus.
"Sagen wir mal so: Sie hatten nicht dieselben Gesprächsthemen." Harriet kicherte. Angeblich war jedes zweite Wort "Harm" oder "mein Partner" gewesen - unnötig zu sagen, dass das Rob nicht besonders gefallen hatte.
"Und worüber hat Sarah gesprochen?" erkundigte sich Granny.
Neben Harm räusperte sich jemand und er zuckte zusammen. Bud stand mit einem Stapel Akten vor dem Kopierraum. "Sir, sind Sie schon fertig?"
Harm schüttelte den Kopf. "Nein, aber gehen Sie ruhig vor, Bud, ich habe ein bisschen mehr zu kopieren." Als Bud an das Kopiergerät trat, sah Harm wieder zu Harriet hinüber, aber Granny hängte sich gerade bei Will ein und sie verließen das Hauptquartier.
"Na toll." schnaubte Harm. Jetzt hatte er das Beste verpasst.
"Sir?" fragte Bud vom Kopierer her.
"Nichts, Bud, nichts."
1830 Z-Zeit (13:30 Uhr EST)
Einkaufszentrum
Washington D.C.
Sarah Rabb und ihr hochgewachsener Enkel spazierten durch die Einkaufspassage. Granny genoß die Blicke, die einige der weiblichen Einkäufer dem athletischen Offizier in Uniform zuwarfen. Glücklicherweise hatte Harm jedoch ganz andere Dinge im Kopf als mit irgend jemandem zu flirten. Seine Blicke streiften über Stände mit Halstüchern, Auslagen mit Schmuck und Büchergeschäfte, doch jedes Mal, wenn Granny stehen blieb, schüttelte er den Kopf.
Nach einer Weile verlor die 85jährige die Geduld. "Harmon, ich glaube, das Geschenk, das du als passend für Sarah empfändest, das gibt es überhaupt nicht!" Sie schüttelte den Kopf und fuhr milder fort: "Harm, du hast ihr doch bereits die Ballonfahrt geschenkt und du hast ihr Blumen gebracht. Und heute Abend willst du sie zum Essen einladen. Ist das nicht genug? Sarah erwartet doch gar nicht mehr."
"Das ist es ja gerade, Granny, Mac erwartet überhaupt nichts - aber sie verdient alles." Harm hielt weiterhin nach einem Geschenk Ausschau. Er bemerkte erst nach einigen Schritten, dass Granny stehengeblieben war und ihn anstarrte.
"Was ist? Hab ich was falsches gesagt?"
"Oh, nein." Granny grinste. "Junge, hat es dich erwischt!"
"Weißt du, ich suche ja auch nur noch nach einer Kleinigkeit, etwas, worüber Mac sich freut." sprach Harm weiter.
Granny schloß wieder zu ihm auf und begann selbst, sich umzusehen. "Wie wäre es damit? Das würde doch sicher gut an Sarah aussehen." Sie deutete auf ein gewagt geschnittenes Seiden-Nachthemd.
Harm sah sie tadelnd an. "Granny, das ist nun wirklich nicht das passende Geschenk für eine Kollegin."
Sarah Rabb grinste herausfordernd. "Soll das heißen, du hast Angst?" zog sie ihren Enkel auf.
"Das soll heißen, ich habe Anstand." korrigierte Harm.
"Wie wäre es mit einem Kleid?" schlug Granny vor.
Harm schüttelte den Kopf. "Ich erinnere mich noch daran, dass sie Webb am liebsten an die Gurgel gesprungen wäre, als er ihr Gewicht falsch eingeschätzt hat." Dann fiel sein Blick auf ein anderes Kleidungsstück und er strahlte. "Das ist es!"
Granny musste lachen. "Sehr romantisch, wirklich!" Sie schüttelte den Kopf, "Du bist ein echter Rabb, mein lieber Enkel."
Harm kaufte das 'Kleidungsstück’ und ein Fotoalbum und warf dann einen Blick auf die Uhr. "Ich muß zurück, Granny, du weißt, was Mac vom zu spät kommen hält."
"Noch nicht einmal verlobt und schon stehst du unterm Pantoffel!"
0030 Z-Zeit (19:30 Uhr EST)
Baseballstadion
Washington D.C.
Harm, Mac und ihre Großeltern standen vor dem Baseballstadion, wo noch immer Harms Auto stand. Ein Taxi hatte sie hier abgesetzt. "Okay, wo willst du essen, Marine?" wandte sich Harm an das Geburtstagskind, "Du kannst frei wählen, aber Beltways ist tabu!"
"Pizza auch?"
"Pizza ist okay - ich bin sogar ein großer Freund von 'All-you-can-eat’-Büffets. Besonders wenn ich die Rechnung bei dem Versuch bezahlen muß, den Magen meines Marines voll zu bekommen."
"DEIN Marine?" echoten Mac, Will und Granny im Chor.
Harm räusperte sich unbehaglich. "Wollt ihr essen oder diskutieren?"
"Diskutieren."
"Diskutieren."
"Essen!"
Harm grinste. "Es ist Macs Geburtstag, sie bestimmt. Wir gehen essen!"
"Wie war das spanische Restaurant, in dem du gestern warst?" erkundigte sich Mac, während sie einstiegen, "Oder würde es dir etwas ausmachen, schon wieder hinzugehen?"
"Ach, es kann meinem Ruf als charmantem Flyboy eigentlich nur gut tun, wenn ich heute mit der nächsten schönen Frau aufkreuze." meinte Harm grinsend.
Will und Granny tauschten einen zufriedenen Blick.
"Aber Jingo bleibt diesmal zuhause," fuhr Harm fort, "Er hat uns letztes Mal beim Italiener ziemlich blamiert, als er Oregano gerochen hat und nicht mehr aufhörte zu bellen."
0245 Z-Zeit (21:45 Uhr EST)
Restaurant "El Niu"
Washington D.C.
Harm sah zu, wie Mac den letzten Bissen ihrer großen Grill-Platte verspeiste. "Ich wusste es!"
Als der Kellner die Teller abgeräumt hatte, schob er Mac zwei hübsch verpackte Geschenke über den Tisch.
Mac sah ihn überrascht an. "Harm, du hast mir doch schon die unvergessliche Ballonfahrt geschenkt und die Blumen und ... das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen!"
Harm grinste nur und deshalb begann sie, das Geschenkband zu lösen. Im ersten Päckchen fand sie ein Fotoalbum, in das Harm Bilder von Harriet, Bud, dem Admiral und dem Rest des JAG-Teams geklebt hatte. Es gab auch Fotos von ihrem Patensohn A.J., von Granny und Will und von Gelegenheiten wie der Hochzeit der Roberts oder dem NATO- Ball. Sogar ein Polaroid von Jingo und Gypsie, wie sie zu Macs Füßen schliefen, war dabei.
Mac fuhr behutsam mit dem Finger über das Album. "Danke, Harm." Wenn ihre Freunde so weitermachten, würden sie es heute noch schaffen, einen Marine vor Rührung zum Weinen zu bringen.
Sie machte sich daran, das zweite Geschenk auszupacken, stieß aber nur auf noch eine Schicht Papier. Darunter kam dann ein Karton zum Vorschein. Mac nahm den Deckel ab und lachte so laut, dass die Leute an den übrigen Tischen von ihrem Essen aufsahen.
Grinsend hob sie ihr Geschenk hoch. "Joggingschuhe?"
"Du betonst doch immer, wie wichtig bequeme Schuhe sind! Um die anderen beiden Dinge musst du dich aber schon selbst kümmern." Harm lächelte voller Zuneigung, als er an jenen Abend auf der Coral Sea zurückdachte.
"Die anderen beiden Dinge?" fragte Will, "Etwas, bei dem wir helfen können?"
Harm und Mac lachten. "Nein, danke, was ihr im Moment schon macht ist schon mehr als genug!" versicherte Mac energisch.
"Ah, da kommt unser Geschenk!" Will winkte einem jungen Mann, der mit zwei Taschen hereinkam.
"Was ist das, Will? Habt ihr vor, mich mit gleich zwei Taschen voller bequemer Schuhe zu übertrumpfen?" fragte Harm amüsiert.
Die beiden Rentner grinsten nur und gaben dem Boten ein Trinkgeld. Mac starrte eine der beiden Taschen an. "Seltsam, ich könnte schwören, das ist meine Reisetasche."
"Und ich könnte schwören, dass das hier meine ist," murmelte Harm und ließ seinen Blick streng zwischen den zwei Senioren hin und her wandern, "Ihr seid doch nicht etwa in Macs Wohnung eingebrochen?"
"Sarahs Nachbarin hat uns aufgeschlossen, als wir ihr sagten, dass wir die Großeltern sind." erklärte Will und sah Granny bedeutungsvoll an. Mit ein bisschen militärischer Planung kam man überall hinein.
Mac warf einen Blick in ihre Reisetasche. Sie war fertig gepackt. Mac fand ihren grünen Pulli, das rote Kleid, ihre Unterwäsche und ... Boxershorts? "Und ihr seid euch sicher, dass ihr das alles aus meiner Wohnung habt?" fragte sie spöttisch.
"Oh, Harms Sachen haben wir gleich dazugepackt - die andere Tasche haben wir für unsere Kleidung gebraucht." erklärte Granny.
"2158 Uhr - wir müssen los." sagte Will und erhob sich.
Mac warf Harm einen fragenden Blick zu. "Sieh mich nicht an, Marine, ich habe keine Ahnung, was die zwei schon wieder ausgeheckt haben." Harm legte ein paar Scheine auf den Tisch, nahm die Reisetaschen und folgte den Rentnern.
Neben Harms SUV parkte eine schwarze Limousine, deren Fahrer daneben stand. Will und Granny steuerten direkt darauf zu und der Fahrer nahm Harm das Gepäck ab. Will hielt Granny galant die Türe auf und warf den beiden jungen Leuten einen auffordernden Blick zu. "Worauf wartet ihr?"
"Mein Auto!" protestierte Harm.
"Darum wird sich jemand kümmern, Sir." versicherte der Fahrer.
Harm und Mac zuckten die Schultern und stiegen ein.
0330 Z-Zeit (22:30 Uhr EST)
Leesburg, Virginia
"Was habt ihr vor? Eine kleine Party unter uns drei Sarahs?" fragte Mac, als sie den Hangar erkannte, in dem Harm seine gelbe Stearman stehen hatte.
Harm jedoch sah in eine ganz andere Richtung, hinüber zum Rollfeld, wo ein Privatflugzeug stand, das er hier noch nie gesehen hatte. Normalerweise landeten hier nur Sportmaschinen. Die Limousine hielt am Rande des Rollfelds und sie stiegen aus. Der Fahrer übergab Harm die Reisetaschen. Granny und Will gingen zielstrebig auf das Flugzeug zu und Harm und Mac blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen.
"Granny, das ist doch Franks Firmenjet, oder?" erkannte Harm, als sie direkt vor dem Flugzeug standen.
Granny nickte und stieg die Treppe zur Einstiegsluke hinauf. Mac folgte ihr, aber nur um zu protestieren: "Granny, ich möchte nicht, dass Harms Stiefvater nur wegen mir..."
"Wie oft muß ich dir das noch sagen, Liebes: Unsere Familie ist auch die deine." Granny sah die Partnerin ihres Enkels mit einem liebevollen Blick an.
"Und umgekehrt?" fragte Harm als er die 8sitzige Passagiersektion betrat. Er grinste.
"Umgekehrt auch." bestätigte Will, der hinter ihm auftauchte.
"Okay, was soll das hier alles?" verlangte Mac zu wissen und gestikulierte mit ihrem Gipsarm.
"Das ist unser Geschenk - zwei Tage in Paris." verkündete Granny stolz.
"Paris?" echote Mac.
"Die Stadt der Liebe." erläuterte Will schmunzelnd. "Wenn das nicht wirkt, dann wirkt gar nichts!"
Harm und Mac stöhnten. Daher wehte also der Wind! "Will, du weißt genau, dass wir nicht einfach zwei Tage blau machen können. Der Admiral würde uns sofort als fahnenflüchtig melden." wandte Mac ein.
"Es sei denn natürlich, ihr hättet Urlaub, oder?" erkundigte sich Granny.
Harm nickte. "Es sei denn, wir hätten Ur... Granny, was habt ihr getan?" Er dachte plötzlich wieder an den 'Termin’, den ihre Großeltern bei Chegwidden gehabt hatten.
Granny zeigt ein breites Rabb-Grinsen. "Der Admiral wünscht euch einen schönen Aufenthalt."
"Was ist mit Jingo und Gypsie?" wandte Mac ein, "Wir können die beiden unmöglich zwei Tage sich selbst überlassen!"
"Die Roberts sind so freundlich, sie solange bei sich aufzunehmen." erklärte Will.
"Und was ist mit unserem Fall?" protestierte Harm, "Ich habe nicht jeden Abend in den vergangenen vier Tagen gearbeitet, um ihn jetzt an einen unerfahrenen Junior-Anwalt abzugeben!"
"Was meinst du mit 'Ich’? Wie ich mich erinnern kann, hab ich ebenfalls jede Nacht gearbeitet." erinnerte Mac und versetzte ihm einen spielerischen Schlag.
"Und wie ich mich erinnern kann, hat es jede Nacht damit geendet, dass du eingeschlafen bist, während ich die ganze Arbeit gemacht habe." Die letzte Bemerkung rief ein Lächeln bei Harm hervor. Er war jedes Mal weit davon entfernt gewesen, verärgert zu sein, wenn Mac neben ihm eingenickt war.
"Ich bin nur eingeschlafen, weil ich tagsüber so hart gearbeitet hatte. Du hast deinen Schlaf vermutlich schon im Büro bekommen." gab Mac schlagfertig zurück.
Harm hob in betont arroganter Flieger-Manier die Brauen. "Red dir das nur ein, Marine. War wohl mehr so, dass du einfach nicht mit einem Navy-Anwalt mithalten kannst, hm?"
"Oh ja, Harm, sicher. Dein Schlussplädoyer war so spannend, dass ich glatt darüber eingeschlafen bin!" entgegnete Mac trocken.
"Seid ihr fertig mit dem Geflirte?" wollte Granny wissen, "Was euren Fall betrifft ... den wird kein Junior-Offizier übernehmen - der Admiral wollte sich selbst darum kümmern. Als Geburtstagsgeschenk sozusagen."
"Hab ich schon erwähnt, dass ich in Paris deine Großmutter kennengelernt habe, Sarah?" warf Will lächelnd ein und sah bedeutungsvoll zwischen Harm und Mac hin und her.
"Ah ja? Vielleicht lerne ich ja auch jemanden kennen." Mac grinste, denn sie wusste ganz genau, was ihr Großvater mit seiner Bemerkung hatte bezwecken wollen.
"Oh, sicher, Mac, bei deinen Sprachkenntnissen dürfte das kein Problem sein." half Harm seiner Partnerin.
"Was wetten wir, dass Harm ziemlich sauer werden würde, wenn Sarah beginnt, mit einem netten Franzosen zu flirten?" sagte Granny zu ihrem Komplizen, so als wären die beiden Offiziere gar nicht anwesend.
Will MacKenzie nickte. "Und was wetten wir, dass Sarah nicht mit Franzosen flirten wird?"
Harm stöhnte. "Ich glaube, ich geh dann mal ins Cockpit, das Flugzeug entführen." Er ging ins Cockpit hinüber und unterhielt sich eine Weile mit dem Piloten, der bei Franks Firma angestellt war.
Als er wieder in das Passagierabteil zurückkam, steuerte er den Sessel neben Mac an und setzte sich. "Oder möchtest du lieber mit deinem Großvater reden?" erkundigte er sich.
Mac warf einen Blick zu den beiden Rentnern hinüber. "Nein, ich sitze lieber neben dir als neben jemandem, der mich ständig nach unserer 'Affäre’ löchert." meinte sie schelmisch.
Eine Weile schwiegen beide.
"Meine Güte, war das ein Geburtstag!" murmelte Mac dann. Sie hatte die Augen geschlossen und schien müde zu sein.
"Und, hast du irgendwelche netten Geschenke bekommen?" erkundigte er sich lächelnd.
"Ja, hab ich tatsächlich. Ein Freund hat mir Turnschuhe geschenkt.” berichtete Mac mit glänzenden Augen. Sie wussten beide, dass sie nicht nur von den Turnschuhen sprach.
"Turnschuhe? Hm, muß ja ein toller Freund sein, Colonel.”
Mac lächelt und öffnete kurz die Augen, um ihn anzusehen. "Der beste." Sie schloß die Augen wieder.
Harm griff nach dem kleinen Hamlet-Taschenbuch, das er in der Reisetasche gefunden hatte und suchte erst mal zehn Minuten, bis er die Stelle wiedergefunden hatte, an der er aufgehört hatte. Das Lesezeichen steckte irgendwo bei einer Szene, zu der Harm noch gar nicht gekommen war. Scheinbar las Mac schneller als er - oder sie ließ sich weniger von den schlafenden Personen neben sich ablenken.
Nach einer Viertel Stunde neigte sich Macs Kopf zur Seite und nach weiteren fünf Minuten landete er auf seiner Schulter. Harm studierte ihre Haltung und kam zu dem Schluß, dass sie es ziemlich unbequem haben musste. Nach einer Weile schob er Mac mit einer Hand etwas zurück und klappte die Armlehne zwischen ihnen weg. Dann schlang er den Arm um ihre Schulter und bettete ihren Kopf vorsichtig gegen seine Brust.
Mac blinzelte und schlug die Augen auf. Fragend sah sie ihn an. "Mein Arm ist eingeschlafen." erklärte er entschuldigend und schloß ebenfalls die Augen.
Mac lächelte. "Schön, wenn es ihm nichts ausmacht ... ich werde mich ganz sicher nicht beschweren." Harms Aviator-Abzeichen drückte in ihre Wange und sie bedeckte das Metall mit ihrer linken Hand. Harms Herzschlag unter ihren Fingern beruhigte sie, bis sie wieder einschlief.
1120 Z-Zeit (12:20 Uhr MEZ)
Champs-Elysées
Paris
Harm, Mac und ihre Großeltern bummelten die Prachtstraße von Paris entlang, vorbei an unzähligen teuren Geschäften, Hotels, Restaurants, Banken und Theater. An jeder Straßenecke und jedem Platz waren steinerne Monumente, Obelisken und Denkmäler zu sehen.
Will, der mit einem Stadtplan bewaffnet den Reiseleiter spielte, blieb stehen und sah seine Begleiter fragend an. "Was möchtet ihr als erstes sehen?"
Mac schielte zu den zahlreichen Straßencafés hinüber. "Wie wäre es mit etwas zu essen?" schlug sie schelmisch vor.
Harm stöhnte spöttisch. "Typisch Marine! Kommt nach Paris und was ist das erste, was sie tun will? Den Eiffelturm besichtigen, Sacre Cœur, den Louvre? Nein, sie will essen!" Er schüttelte tadelnd den Kopf.
"Hey, ich will hier eine ganze Menge Dinge sehen und dazu brauche ich Energie - also muß ich essen!" verteidigte sich Mac, "Habe ich vorhin nicht irgendwo ein MacDonalds-Schild gesehen?"
"Gott, Mac, ein Jahr älter und immer noch nicht vernünftig geworden? Wir werden dir diese Burger abgewöhnen!" beschloß Harm.
"Vergiß es!" entgegnete Mac unbeirrbar. Harm gab nicht auf. "Wir arbeiten daran!" versicherte er grinsend. "Wie wäre es, wenn wir uns trennen? Ihr jungen Leute sucht euch etwas zu essen und wir fußkranken Rentner setzen uns irgendwo auf eine schöne, ruhige Bank?" schlug Granny vor, "Und dann treffen wir uns wieder ...sagen wir am Großen Triumphbogen?"
"Okay," stimmte Mac sofort zu, "Uhrenvergleich. Es ist jetzt 12.27 Uhr und 41 Sekunden - Ortszeit - und wir treffen uns in ... sagen wir einer Stunde, zwei Minuten und dreizehn Sekunden."
Harm sah sie stirnrunzelnd an. Trotz all der Jahre, die sie mittlerweile schon zusammenarbeiteten, und in denen er jeden Tag mehrere ihrer Zeitangaben gehört hatte, erstaunte ihn diese Fähigkeit immer wieder. "Mac, musst du deine innere Uhr eigentlich jemals neu einstellen?" wollte er wissen.
"Oh, einmal im Jahr vergleiche ich meine Zeit mit der einer Atom-Uhr. So alle zwei Jahre scheine ich drei Sekunden nachzugehen." erklärte Mac grinsend und selbst Harm konnte nicht genau sagen, ob sie nur scherzte oder ob es ihr ernst war.
Harm wandte sich zum Gehen. "Okay, dann sehen wir uns also in...?"
"Einer Stunde und zweiundzwanzig Sekunden." beendete Will den Satz.
"Vielleicht auch drei Sekunden später, wenn Sarahs Uhr wieder nachgehen sollte." fügte Granny hinzu, hängte sich bei Will ein und spazierte davon.
Harm und Mac bogen in eine Seitenstraße ab, wo einige gemütliche kleine Restaurants und Cafés lagen. An einem Stand ganz in der Nähe roch es nach Pizza.
Mac blieb stehen und schnupperte.
Harm seufzte. "Mac, wenn du in Rom bist, dann kleide dich wie ein Römer!"
"Ich bin aber nicht in Rom, sondern in Paris." erwiderte Mac und ging näher an den Pizza-Stand heran.
"Eben! Wir sind in Paris und hier isst man Französisch, nicht Pizza!" hielt Harm ihr vor.
"Ich weiß nicht, was 'man’ in Paris isst, aber ich esse Pizza!" beharrte Mac und schon wandte sie sich an den Verkäufer hinter dem Stand - in perfektem Französisch, natürlich. Sie biß ein großes Stück Pizza ab und drehte sich zu ihm um, "Möchtest du nichts? Ich bin sicher, sie haben auch etwas Vegetarisches."
"Nein, danke, Mac. In Washington ist es gerade ...?"
"0638 Uhr, Zeit fürs Frühstück, Harm." belehrte Mac grinsend.
"Ich frühstücke keine Pizza!"
"Selbst schuld." Mac biß ein weiteres Mal von ihrer üppig belegten Pizza ab.
"Darf ich mal fragen, was da alles drauf ist? Oder sollte ich lieber fragen, was nicht drauf ist?" fragte Harm spöttisch.
"Keine Anchovis." antwortete Mac mit halbvollem Mund.
1230 Z-Zeit (13:30 Uhr MEZ)
Vor dem Arc de Triomphe
Paris
Seite an Seite und noch immer in den Uniformen, in denen sie den Flug angetreten hatten, standen Harm und Mac vor dem blumengeschmückten Grabmal des Unbekannten Soldaten am Fuße des Großen Triumphbogens. Einige Asiaten mit riesigen Fotoapparaten um den Hals machten eifrig Fotos von den beiden Offizieren.
Granny und Will näherten sich von der Innenseite des Triumphbogens her und lächelten sich verschwörerisch zu als sie sahen, wie dicht die beiden JAG-Anwälte beieinander standen. "Der Zauber von Paris wirkt schon, hm?" flüsterte Will.
"34 Sekunden zu spät, Großvater!" tadelte Mac als sie die beiden sah.
Der Cherokee schmunzelte. "Du hast Urlaub, Sarah, schalt die Stoppuhr aus, okay? Und wohin wollt ihr jetzt? Wie wäre es mit dem Louvre?"
"Sicher," Harm grinste, "Ich habe eine Vorliebe für lächelnde Frauen."
Sie gingen den Weg, den sie gekommen waren, zurück bis zum Kleinen Triumphbogen. Neben diesem erstreckten sich eine große und zwei kleinerer Pyramiden aus Glas, die den Eingang des Museums bildeten. Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, durch die Flügel des Gebäudes zu wandern und sich europäische, orientalische, römische und griechische Kunst anzusehen.
Granny deutete auf daVincis Gemälde "Mona Lisa" und sah ihren Enkel an. "Jetzt mal ganz ehrlich, Harmon, Hand aufs Herz: Welches Lächeln gefällt dir nun besser - das hier," sie wies auf das Bild, "oder das?" Granny deutete auf Mac, deren Grinsen bei diesen Worten verblasste.
"Ach, ich weiß nicht, Granny, glaubst du, man würde für ein Bild von Mac auch ein paar Millionen bekommen?" Neckisch sah er seine Partnerin an.
"Ich stehe nicht zum Verkauf, Harmon Rabb junior!" erklärte Mac würdevoll.
Sie verließen den Louvre und beschlossen, sich als nächstes die Sacre Coeur anzusehen. Will führte sie zur nächsten Métro-Station. Mac warf einen Blick auf die Karten mit den bunten Linien, die an der Decke der unterirdischen Haltestelle angebracht waren und nickte sofort. "Ah, hier entlang." Zielstrebig führte sie sie eine Rolltreppe hinab und zu einer der Métros.
"Wow, ich bin beeindruckt, Marine, ihr Bodentruppen versteht etwas vom Kartenlesen." lobte Harm grinsend, als er sich neben sie setzte.
"Im Gegensatz zu euch Piloten - sobald ihr den Himmel nicht mehr seht, seid ihr aufgeschmissen." neckte Mac.
"Für solche Fälle gibt es GPS, Kompaß - oder Marines." erklärte Harm lachend.
Eine alte Frau stieg bei der nächsten Haltestelle in die Métro und Harm erhob sich sofort, um ihr seinen Platz anzubieten.
Die alte Frau nickte dankbar und lächelte Mac zu. « Votre mari est très poli. »
Mac grinste und sah zu Harm hinüber, der mit neutralem Gesichtsausdruck neben ihr stand. Sie genoß es immer, wenn er nicht verstand, was sie sagte, so wie damals in Russland oder im Iran. « Oui, il est un chéri. » sagte sie lächelnd zu der betagten Französin.
Schließlich stiegen sie aus und gingen zu Fuß weiter. Sie passierten enge Gassen und steile Treppen bis sie schließlich am Ende des Hügels Sacre Coeur vor sich sahen. Die hellen Kuppeln der Basilika ragten über Paris auf. Von hier hatten man einen schönen Ausblick über die Stadt. Tauben flogen auf, als sie den Platz überquerten.
Eine Viertel Stunde später machten sie sich auf den Rückweg und bummelten durch das Künstlerviertel Montmartre, das sich auf demselben Hügel erstreckte.
Will blieb neben einem jungen Künstler stehen und sprach einige Worte mit ihm. "Ich hätte es wissen müssen," dachte Harm, "Macs Großvater ist auch so ein linguistischer Einstein - wie sollte es auch anders sein."
Will kehrte mit einem Blatt Papier zurück und überreichte es Harm. "Damit du einen Vergleich mit Mona Lisa hast." erklärte er amüsiert.
Die Zeichnung war eine Karikatur von Mac. Grinsend betrachtete Harm die übergroß gezeichneten Augen, den Haarschopf, der ihr in die Stirn fiel und den monströsen Gips, den der Zeichner ihr verpasst hatte. "Ich muß sagen...das hier kann dir nicht gerecht werden, Marine!" Harm lachte.
Mac gab sich überlegen. "Da bin ich sicher, Flyboy!"
1644 Z-Zeit (17:44 Uhr MEZ)
La Villette
Paris
"Harmon, bist du sicher, das du das hier wirklich unbedingt sehen willst?" Granny blickte sich zweifelnd um. Sie standen auf einem riesigen Platz im Nordosten von Paris. La Vilette war ein moderner Kultur- und Freizeitpark mit futuristisch wirkenden Gebäuden. Überall war spiegelndes Glas und glänzender Chrom zu sehen.
"Und ob ich sicher bin - es gibt hier sogar einen Flugsimulator und den wollen wir Mac doch nicht vorenthalten, oder?" Er stupste seine Partnerin neckisch mit dem Ellenbogen an.
"Genau! Und hast du das U-Boot da vorne gesehen? Das werden wir danach besichtigen, es scheint mir genau auf deine Größe angepasst, Flyboy - wie in alten Zeiten." Mac grinste als sie sich an ihren Aufenthalt auf der Watertown erinnerte, wo Harm sich ständig den Kopf an sämtlichen Rohren und Durchgängen angeschlagen hatte.
"Ihr wart schon mal auf einem U-Boot zusammen?" erkundigte sich Granny interessiert, "Ziemlich eng - und ziemlich romantisch, hm?"
"Oh ja, 300 m unter dem arktischen Eis mit 141 Männern inklusive diesem streitlustigen Sailor da drüben - sehr romantisch, in der Tat." bestätigte Mac ironisch.
"Den Matrosen hat es jedenfalls gefallen, mit dir das Quartier zu teilen, Marine, obwohl natürlich Shorts und ein Marine-Corps-T-Shirt nichts im Vergleich zu diesem Seidennachthemd aus Russland sind." Harm zeigte sein Flyboy-Grinsen.
"Du warst doch derjenige, der mir gesagt hatte, ich solle meine Dessous diesmal zuhause lassen." entgegnete Mac schlagfertig.
"Wißt ihr, ihr zwei, ihr seid schon ein Phänomen: Steht hier inmitten von Paris und diskutiert über Dessous! Komm, Sarah, wir lassen die beiden jetzt allein, damit sie das in Ruhe bereden können," meinte Will MacKenzie, nickte Granny zu und ging mit ihr in Richtung eines kleinen Bistros.
Mac wollte ihnen folgen, aber Harm ergriff schnell ihre gesunde Hand und hielt sie zurück. "Nichts da, Marine, jetzt wird nicht schon wieder etwas gegessen - vor dem Flugsimulator wäre das die reinste Verschwendung!"
"Das wollen wir ja mal sehen!" Macs dunkle Augen funkelten herausfordernd, "Ich halte alles aus - solange du nicht hinter dem Steuerknüppel sitzt, Flyboy!"
1728 Z-Zeit (18:28 Uhr MEZ)
La Villette
Paris
Harm und Mac schlenderten über den Platz und trafen vor dem Bistro wieder auf ihre Großeltern. Mac war ein bisschen blasser als gewöhnlich und Harm rieb sich die Beule an der Stirn, aber ansonsten wirkten sie zufrieden und gutgelaunt.
Granny hängte sich wieder bei Will ein, als sie weitergingen, und nach einem kurzen Zögern tat Mac dasselbe bei Harm. Harm sah auf ihre Hand hinab, die warm und irgendwie vertraut in seiner rechten Armbeuge ruhte, und lächelte. Nach einigen Sekunden legte er kurz seine Linke auf Macs und drückte kurz ihre Hand, während sie gingen.
Will führte sie zu einer riesigen, chromglänzenden Kugel hinüber, die scheinbar in einem Wasserbecken schwamm. Sie stiegen die Treppe zu "La Géode", dem kugelförmigen Kino, empor und Will zückte die Eintrittskarten, die er inzwischen gekauft hatte.
In dem runden Gebäude war es fast dunkel, nur an den gewölbten Wänden glänzten Lichter wie Sterne.
"Wow!" flüsterte Mac und Harm spürte, wie ihre Hand seinen Arm fester umfasste.
Sie nahmen ihre Plätze ein und lehnten sich erwartungsvoll in den bequemen Sesseln zurück. Aus unzähligen Lautsprechern überall um sie herum erklang beruhigende Musik und an die Kugelwände wurden Bilder von Unterwasserlandschaften projiziert. Die Zuschauer hatten den Eindruck, inmitten der Fischschwärme und leuchtenden Korallen zu schwimmen.
Nach einer Weile glitt Macs Hand von seinem Arm und Harm warf einen Blick nach rechts. Mac hatte die Augen geschlossen und schlief friedlich. Harm konnte ihr das nicht verübeln, denn er war selbst auch ziemlich müde. Fast mit Gewalt musste er sich zwingen, die Augen bis zum Ende des Filmes offen zu halten.
Als die Lichter angingen, erwachte Mac.
"Guten Morgen, Marine!" Harm streckte kurz die Hand aus und fuhr ihr über den Kopf wie einem kleinen, verschlafenen Kätzchen, "Gut geschlafen? Du hast ja mehr deine Augenlider von innen als den Film betrachtet!" Er lachte in gutmütigem Spott.
"Ach was, ich hab nur für einen Moment die Augen zugemacht, aber ich hab noch fast alles mitbekommen." behauptete Mac.
"Ach ja? Und zwar bis zu welcher Stelle?" wollte Harm wissen.
"Bis zu der Stelle mit dem Wasser." murmelte Mac.
Harm lachte laut. "Mac, der ganze Film handelte nur von Wasser!"
"Siehst du, ich sagte doch, ich habe nichts verpasst."
1849 Z-Zeit (19:49 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Harm umfasste die Griffe der Reisetasche fester, die sie in der Zwischenzeit in einem Schließfach gelagert hatten, und wartete mit Mac und Granny in der Hotelhalle, während Will zur Rezeption hinüberging und zwei Minuten später mit ihren Zimmerschlüsseln zurückkehrte.
Er übergab Mac den einen der beiden Schlüssel. Ein wenig begriffsstutzig sah Mac darauf hinab. "Verstehe ich das richtig? Ihr habt nur zwei Zimmer reserviert?"
"Würdest du mir glauben, wenn ich behaupte, es wären nicht mehr frei gewesen?" erkundigte sich Will.
Mac seufzte. "Nein."
"Gut, dann kann ich mir die Mühe ja gleich sparen," Ihr Großvater schmunzelte sein Schamanen-Grinsen, "Du und Harm, ihr teilt ja sonst auch das Bett..."
"William MacKenzie!" zischte Mac und stemmte den Gips und die linke Faust in die Hüften.
Harm schob sich dazwischen. "Können wir das später ausdiskutieren? Ich bin wirklich müde."
"Das muß wohl dein Alter sein, Flyboy." bemerkte Mac mit einem liebenswürdigen Grinsen.
"Alle außer mir haben ja schon genügend im Flugzeug ... oder im Kino... geschlafen." verteidigte sich Harm.
"Du warst wohl im Flugzeug zu sehr mit dem Anblick beschäftigt, um zu schlafen." kommentierte Will mit einem Lächeln.
"Will, ich hatte gar keinen Fensterplatz." wandte Harm ein. Er wollte nur noch ein Zimmer, ein Bett und eine Dusche. Wenn er es sich recht überlegte, konnte er auf das letztere sogar fast verzichten.
"Ich habe auch nicht von dem gesprochen, was es draußen zu sehen gab." betonte Macs Großvater.
Die beiden alten Leute gingen davon und ließen ihre Enkel in der Hotelhalle zurück. Harm sah ihnen nach. "Ich hoffe für dich, dass dein Großvater allein in diesem Hotelzimmer nichts Unanständiges mit meiner Großmutter anstellt ... man kennt ja diese Piloten." Er grinste ein wenig müde.
Mac bedachte ihn mit einem Blick, als wolle sie den Grad seines Wahnsinns einschätzen. "Mein Großvater? Ich hoffe, deine Großmutter stellt nichts mit meinem Großvater an!" korrigierte sie seine Worte.
"Ach, haben Sarahs einen so schlimmen Ruf?" erkundigte sich Harm spöttisch.
"Komm mit und find’s raus, Flyboy." Sie betraten den Aufzug und fuhren hinauf zu ihrem Zimmer.
Mac schloß die Türe auf und ließ Harm mit dem Gepäck an sich vorbei. Harm stellte die Tasche unmittelbar neben der Türe ab, registrierte flüchtig, dass sich in dem Zimmer zwei statt einem Bett befanden und strebte direkt auf das nächste Bett zu. In Washington war es jetzt Nachmittag und die Nacht hatte er im Flugzeug verbracht. Auch in der Nacht zuvor hatte er nur wenig geschlafen, weil er die Ballonfahrt organisieren und Mac unbedingt das Frühstück machen wollte. Jetzt war er so müde, dass er sich mit einem erleichterten Seufzen auf das Bett sinken ließ, noch bevor Mac die Zimmertüre geschlossen hatte.
Mac sah sich langsam um. "Ich schätze, Granny und Will haben sich das Zimmer vorher nicht angesehen." meinte sie mit einem Blick auf die beiden Betten, die zwei Meter auseinander standen. Sie blickte zu Harm hinüber, als er nicht antwortete. Er lag auf seinem Bett, in Uniform und Schuhen, und schlief.
Mac sah einen Moment lang lächelnd auf ihn hinab, beobachtete seine ruhigen Atemzüge, doch dann gab sie sich einen Ruck. Behutsam zog sie ihm die Schuhe aus. "Harm! Harm! Aufwachen! Du wirst dich strangulieren, wenn du in der Krawatte schläfst!"
Harm öffnete nur schläfrig ein Auge. "Was?"
Mac öffnete den Knoten seiner Krawatte und begann - wegen ihres Gipsarmes ein wenig umständlich - sein Hemd aufzuknöpfen.
Harm öffnete auch das andere Auge und sah sie groß an. "Mac?"
"Ausziehen, Harm!" befahl Mac.
Harms Augen wurden noch etwas größer und Mac verpasste ihm einen sanften Schlag auf die Schulter. "Rotes Licht, Commander Dornröschen! Ich wollte damit nur sagen, dass nicht in Uniform geschlafen wird. Haben sie euch das an der Navy-Akademie nicht beigebracht, Flyboy?" erklärte sie ihr Handeln.
Harm setzte sich auf. "Puh, da bin ich aber froh. Ich dachte schon, ich müsste jetzt herausfinden, welchen Ruf Sarahs wirklich haben." Er grinste und begann, die letzten Knöpfe seines Hemdes zu öffnen.
0032 Z-Zeit (01:32 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Harm lag in seinem Hotelbett und konnte nicht schlafen, obwohl er noch immer hundemüde war. Er rollte sich erneut auf die andere Seite und schlang die langen Arme um ein Kissen. Ihm war kalt und im Zimmer war es viel zu ruhig. Kein Hund, der mitten in der Nacht aufs Bett sprang. Keine Katze, die sich schnurrend neben ihm zusammenrollte. Und keine Mac.
Er warf einen Blick auf die Uhr. 1 Uhr 33. Granny und Will hatten für morgen sicher ein großes Programm geplant und er musste ausgeschlafen sein. Harm drehte sich erneut herum und verhedderte sich auf der Suche nach der wärmsten Stelle in dem Bett so im Laken, dass er fünf Minuten brauchte, um seine Beine wieder frei zu bekommen. Früher hatte er solche Probleme nie gehabt. Um 1 Uhr 45 gab er auf und stieg aus dem Bett, um die Heizung aufzudrehen. Leider musste er feststellen, dass es August war - selbst in Paris - und die Heizung ausgeschaltet war.
Ratlos stand Harm inmitten des Hotelzimmers und sah im Halbdunkel zu seiner Partnerin hinüber. Sie schlief friedlich.
Harm kehrte zu seinem Bett zurück, doch statt wieder hineinzuklettern begann er, das Bett über den Teppich in Richtung Macs zu zerren. Glücklicherweise waren es nur zwei Meter und als die Betten endlich Seite an Seite standen, glitt Harm wieder unter die Decken.
Mac schlug plötzlich die Augen auf und starrte Harm an, als sie ihn plötzlich nicht am anderen Ende des Raumes, sondern dicht neben sich vorfand. "Harm, was tust du da?" fragte sie noch ein wenig schläfrig.
"Oh, ich konnte nicht schlafen und ich hörte, Möbelrücken soll ein gutes Schlafmittel sein." erklärte Harm grinsend.
"Und ich dachte schon, ich müsste herausfinden, welchen Ruf ihr Piloten habt." murmelte Mac, rollte sich wieder zusammen und schlief weiter.
Harm lächelte in die Dunkelheit. "Gute Nacht, Ninjagirl." Er schloß ebenfalls die Augen und zu seiner eigenen Verwunderung schlief er fast sofort ein.
0645 Z-Zeit (07:45 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Harm öffnete langsam die Augen und erinnerte sich wieder daran, wo er war: in Paris, mit Mac und zwei zu allem entschlossenen Rentnern, die ihn und Mac unbedingt verkuppeln wollten. Er sah zu Mac hinüber ... obwohl 'hinüber’ nicht der richtige Ausdruck war, denn Mac lag mehr in seinem als in ihrem eigenen Bett und er erkannte, dass das kühle Gefühl auf seiner Brust von ihrem Gipsarm verursacht wurde, den sie dort hochgelagert hatte. Seltsamerweise fröstelte er jetzt nicht einmal.
Mac rollte sich im Schlaf herum und prallte mit dem Kopf gegen seinen. "Au!" Sie saß plötzlich aufrecht im Bett und rieb sich den Kopf. "Ich wusste ja schon immer, dass du ein Dickkopf bist, Commander," Dann betrachtete sie Harms Bett neben ihrem und die Schleifspuren auf dem Teppich, "Ich glaube, das hab ich dich heute nacht schon gefragt, aber wieso bist du mitten in der Nacht unter die Möbelpacker gegangen?"
"Na ja, es war ziemlich kalt hier drin und ..."
"Kalt? Harm, es ist Hochsommer, auch in Paris, dir kann unmöglich kalt gewesen sein!" widersprach Mac.
"Hochsommer?" brummte Harm, "Arktischer Hochsommer vielleicht, ja."
Es klopfte an der Türe. "Guten Morgen, ihr zwei Turteltauben!" kam Grannys Stimme von draußen, "Seid ihr noch am Turteln oder können wir reinkommen?"
Harm warf die Decke zurück und öffnete die Türe. Will und Granny traten ein, beide bereits angezogen und bereit für die nächste Besichtigungstour. Ihre Blicke, als sie die zusammengeschobenen Betten sahen, sprachen Bände.
"Ready to take off?” erkundigte sich Will, der Ex-Pilot.
"Gib dem Marine da drüben eine halbe Stunde, um ein paar Wartungsarbeiten vorzunehmen und Nahrung zu tanken, okay?” Harm grinste seinem 'Kollegen’ zu.
"Wir treffen uns in der Halle in genau 22 Minuten." widersprach Mac.
"Ihr könntet es in 11 Minuten schaffen, wenn ihr euch die Dusche teilt." schlug Will mit einem schamanenhaften Schmunzeln vor.
"Wenn die beiden sich die Dusche teilen, stehen wir morgen noch in der Hotelhalle und warten." wandte Granny grinsend ein.
Mac schnaubte und verschwand im Badezimmer.
0707 Z-Zeit (08:07 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Granny sah ihre "beiden" Enkel durch die Hotelhalle auf sie zukommen und drehte sich zu Will um. "Wie spät ist es?"
Harm lächelte, als er feststellte, dass sie Wills Zeitangaben bereits mehr vertraute als ihrer eigenen Armbanduhr.
"0807." antwortete der Cherokee.
Granny sah ihren Enkel an. "Genau 22 Minuten, nicht elf - ich bin enttäuscht von dir," Sie grinste jedoch, "Na ja, du ähnelst eben mehr deinem Großvater. Die Rabbs sind in dieser Beziehung etwas schwer von Begriff. Wenn du nach mir kommen würdest, dann wäre das hier eure Hochzeitsreise."
"Und du, Sarah," wandte sich Will an seine Enkelin, "ähnelst deinem Großvater in dieser Hinsicht überhaupt nicht - sonst ..."
"Wäre das hier unsere Silberhochzeit, ich weiß," fiel Mac ihm spöttisch ins Wort, "Sagt mal, ihr beiden, was habt ihr eigentlich gegen Freundschaft?" Sie und Harm lächelten sich zu. Beide wussten, dass ihre Freundschaft etwas war, auf das sie jederzeit zählen konnten, komme was wolle. "Oh, überhaupt nichts, aber was habt ihr gegen Liebe?" gab Granny zurück. Sie legte Harm und Mac behutsam je eine Hand auf den Arm, "Harmon, Sarah, ich möchte ja, dass ihr Freunde seid, aber ... könnte das nicht die Basis sein für ... mehr?"
"Wir SIND mehr als nur Freunde - wir sind beste Freunde, okay? Und damit Punkt, Ende der Diskussion." erklärte Mac energisch. "Genau," stimmte Harm seiner Partnerin grinsend zu, "Wenn ihr eine Hochzeit haben wollt, dann müsst ihr euch schon selbst vor den Altar trauen." "Sarah, wir stammen von Schotten ab, vergiß das nicht," erinnerte Will MacKenzie schmunzelnd, "Und Schotten sind von Natur aus sparsam - bei einer Doppelhochzeit würden wir eine Menge Geld sparen."
Harm und Mac ignorierten ihre Großeltern und begannen darüber zu diskutieren, ob sie zuerst Notre Dame oder den Eiffelturm besichtigen wollten. Schließlich einigten sie sich darauf, mit Notre Dame zu beginnen.
"Hofft ihr, dass dort auch Trauungen durchgeführt werden?" fragte Granny neckisch, als sie gemeinsam das Hotel verließen.
"Nein, wir hoffen, dass der Glöckner unsere vorlauten Großeltern holt!" gab Harm grollend zurück.
1015 Z-Zeit (11:15 Uhr MEZ)
Vor dem Eiffelturm
Paris
Harm stand mit seinen drei Begleitern wartend vor dem Aufzug, der die Touristen hinauf auf den Turm beförderte, und sah der Stahlkonstruktion des Stadtwahrzeichens entlang nach oben. "Na, Marine, was glaubst du? Hältst du das besser durch als einen Tomcat-Flug?"
"Soll das ein Witz sein, Fliegerheld?" gab Mac überlegen zurück, "Ich war schon auf dem Eiffelturm, als du noch nicht mal wusstest, wie man 'la Tour Eiffel’ überhaupt schreibt ...aber was rede ich da, das weißt du ja immer noch nicht."
"Wie du meinst - ich habe schon vor einer Weile gelernt, mich nie mit einem Marine zu streiten, der noch nicht zu Mittag gegessen hat." entgegnete Harm grinsend.
Granny stupste ihren Enkel mit dem Ellenbogen an. "Wieso, hast du Angst, dass sie dich dann vernascht?" fragte sie ihn, ohne ihre Stimme zu senken. Harm war plötzlich froh darüber, dass sie sich in einem Land mit einer fremden Sprache befanden.
"Käme mir nie in den Sinn, Granny - Ex-Piloten sind ungenießbar." antwortete Mac, ohne mit der Wimper zu zucken.
"Ich glaube, da ist Granny anderer Meinung, nicht wahr, geliebte Großmutter?" Harm zeigte grinsend auf Grannys Hand, die erneut in Wills Armbeuge ruhte.
Bevor Sarah Rabb antworten konnte, öffneten sich die Fahrstuhltüren und die erste Gruppe durfte eintreten. Zehn Minuten später standen sie auf der obersten Plattform des über 300 Meter hohen Eiffelturmes. Von hier konnte man die ganze Stadt überblicken. Direkt gegenüber lag das Champs-de-Mars, ein ehemaliger Truppenübungsplatz, und die französische Militärakademie.
"Und?" fragte Will nach einer Weile, "Wie gefällt dir deine Geburtstagsreise bisher, Sarah?"
"Sehr gut, Großvater," versicherte Mac herzlich, "Ich bin euch wirklich dankbar."
"Dankbar? Wie wäre es dann mit einem kleinen Kuß zum Dank?" Will schmunzelte.
Mac nickte lächelnd und trat einen Schritt näher, um ihrem Großvater einen Kuß auf die Wange zu geben.
"Oh, nein, Mädchen, verschwende deinen Charme nicht an einen alten Tattergreis wie mich," wehrte Will amüsiert ab, "Ich habe von Harmon gesprochen."
"William MacKenzie!" Mac funkelte ihn warnend an.
"Älteren Menschen soll man nicht widersprechen," warf Granny ein, "Hat dein Großvater dir das nicht beigebracht?"
"Hey, bitte berücksichtige, dass ich weniger Zeit hatte, sie zu erziehen als du mit Harmon." erinnerte Will lächelnd.
Granny erwiderte das Lächeln. "Nicht, dass ich deswegen mehr Erfolg mit ihm gehabt hätte."
"Ihr habt Glück, dass der ganze Turm von Sicherheitsgittern umgeben ist!" meinte Harm kopfschüttelnd und sah Will und Granny tadelnd an, "Euch beide müsste man wirklich mal packen und kopfüber dort hinunterhalten, bis ihr wieder zur Vernunft kommt!"
Granny grinste. "Oh, so ein Zufall! Dasselbe wollte ich gerade von euch sagen!"
1540 Z-Zeit (16:40 Uhr MEZ)
Versailles
Paris
Die vier Amerikaner hatten die letzten zwei Stunden damit verbracht, die Residenz der französischen Könige zu bestaunen, die etwa zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt lag.
Durch das Eingangstor mit den goldenen Gitterstäben waren sie in einen riesigen Hof gelangt, in dessen Mitte ein Reiterstandbild von Ludwig XIV errichtet worden war. Dann hatten sie an einer Führung durch die langen Flügel des Schlosses teilgenommen und den über 70 m langen Spiegelsaal mit seinen Kronleuchtern und Spiegelbögen bestaunt.
Jetzt folgte Mac Granny und Will den Steinweg entlang, der durch den Park führte. Die ausgedehnte Anlage war ein Beispiel vollendeter Gartenbaukunst. Die Büsche wiesen symmetrische Formen auf und überall standen Statuen aus Marmor. Links und rechts einer großen Grünfläche führten Wege vom Schloß zum Bassin d’Apollon, einem Wasserbecken mit einer steinernen Pferdekutsche darin.
Harm, der die ganze Zeit über neben ihr gegangen war, blieb zurück, weil ein japanisches Ehepaar ihm signalisierte, ein Foto von ihnen vor dem Schloß zu machen. Granny und Will nahmen auf einer schmalen Steinbank Platz und Mac setzte sich ein Stückchen entfernt auf eine Treppenstufe.
Es dauerte keine zehn Sekunden, ehe ein junger Mann sich neben sie setzte und begann, in der Landessprache mit ihr zu flirten. Mac sah sich hilfesuchend nach Granny und Will um, aber die waren in ein Gespräch vertieft, also versuchte sie auf höfliche Weise, dem Franzosen klar zu machen, dass sie hier nur ein wenig Erholung und nichts weiter suchte. Leider schien das den übereifrigen Mann nicht weiter zu stören.
Harm erschien plötzlich neben ihr, schlang einen Arm um sie und küsste sie auf die Wange, so als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. « Incommodez-vous mon épouse, monsieur? » fragte er in bestem Französisch und sah den aufdringlichen Fremden warnend an. Eilig erhob sich der Franzose und ging.
Mac starrte ihren Partner fassungslos an. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Harm Französisch sprach. "Seit wann bin ich bitte schön deine Frau, Flyboy?" erkundigte sie sich als sie sich einigermaßen von ihrer Überraschung erholt hatte.
Harm hielt noch immer den Arm um ihre Schulter geschlungen und grinste sie an. "Seit gestern. Und vielen Dank auch noch, ich wusste nicht, dass du mich für so einen Schatz hältst." sagte er amüsiert.
Mac starrte ihn einen Moment lang an. "Von was spricht er da überhaupt?" Dann fiel ihr plötzlich wieder ein, dass gestern diese alte Frau in der Métro Harm als ihren höflichen Ehemann bezeichnet hatte. Statt den Irrtum aufzuklären hatte Mac nur grinsend bestätigt, er sei ein Schatz. Sie hatte sich einen Spaß daraus gemacht, dass Harm keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. "Zumindest dachte ich, er hätte keine Ahnung!"
"Tja, Mac, nur weil ich nicht Japanisch, Russisch oder Farsi spreche, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht noch die eine oder andere Überraschung auf Lager hätte - Mum hat darauf bestanden, dass ich Französisch lerne... du weißt schon, Französisch ist die Sprache der Künstler." erklärte Harm.
"Und der Romantik." fügte Mac seufzend hinzu und deutete mit dem Kopf zu Granny und Will hinüber, die mit einem zufriedenen Grinsen beobachtet hatten, wie Harm den Arm um Mac geschlungen und sie auf die Wange geküsst hatte.
Harm nahm den Arm weg und stöhnte. "Langsam geb ich’s auf! Egal was wir tun, die beiden sind einfach nicht von dem Gedanken abzubringen, dass wir Romeo und Julia in Uniform sind. Ich fange an, meine juristischen Überzeugungskünste zu bezweifeln!"
"Uuuh, hat das Flieger-Ego einen Knacks bekommen?" neckte Mac und knuffte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite.
"Ich glaube, du träumst! Dazu braucht es mehr als einen Beltway-Burger süchtigen Marine und zwei Gebissträger! Außerdem habe ich von dir bisher auch noch nichts gehört, was die beiden da drüben überzeugen könnte!" Harm grinste herausfordernd.
"Weil es nichts gibt, das sie überzeugen könnte!" Mac seufzte, "Diese hoffnungslosen Romantiker legen doch jedes Wort und jede Geste so aus, wie es ihnen gefällt."
"Was denn, gibst du etwa auf, Marine?" spottete Harm.
"Jetzt träumst DU aber. Dieser Beltway-Burger-süchtige Marine kennt das Wort 'aufgeben’ nicht einmal!" versicherte Mac energisch. Dann versank sie in Schweigen.
"Was ist, wartest du auf den nächsten Franzosen?" neckte Harm.
Mac warf ihm einen strengen Blick zu. "Ich denke nur gerade nach."
"Oh, das könnte gefährlich werden." kommentierte ihr Partner.
"Im Gegensatz zur bei der Navy verbreiteten Ansicht ..." begann Mac, brach dann aber ab, als sie sah, dass Granny und Will aufgestanden waren und gehen wollten, "Glück gehabt, Flyboy, eine Lektion über die Vorzüge des Corps ist dir gerade noch mal erspart geblieben ... fürs erste."
1810 Z-Zeit (19:10 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Als Mac aus dem Badezimmer kam, saß Harm auf dem Bett und las in Hamlet. Da sie morgen zurückfliegen würden und sie müde von der Besichtigungstour waren, hatten sie beschlossen, den Abend auf ihren jeweiligen Zimmern zu verbringen. "Hi, abgepackter Marine!" begrüßte er seine Partnerin, auf die Plastiktüte zeigend, die ihren Gipsarm vor Wasser schützen sollte.
"Paß nur auf, dass ich dir das Ding nicht gleich übers Gesicht stülpe!" drohte Mac. Sie ließ sich ihm gegenüber auf ihrem eigenen Bett nieder und streckte stöhnend die Füße aus. Durch halb Paris in hochhackigen Schuhen zu gehen war keine besonders gute Idee, wie sie jetzt feststellen musste.
"Glaubst du, du wirst eines Tages noch deine bequemen Schuhe finden?" fragte Harm mit einem Lächeln und hob ohne weiteren Kommentar einen ihrer Füße in seinen Schoß. Sanft begann er, den Fuß zu massieren.
Mac kicherte ein wenig und bedeckte seine Hände mit ihren, als könne sie sich nicht recht entscheiden, ob ihr das ganze angenehm oder unangenehm war.
Harm hielt inne und grinste sie an. "Immer noch kitzelig?" fragte er und erinnerte sich an die Reflexzonenmassage, die der Arzt der Watertown Mac einmal verpasst hatte.
Mac schüttelte den Kopf. "Marines..."
"... sind nicht kitzelig? Wegen der dicken Hornhautschicht, vermute ich?" Harm lachte und fuhr mit seiner Massage fort.
Mac schloß unwillkürlich die Augen und ließ sich zurücksinken. Nach einer Weile kam der andere Fuß an die Reihe und Mac wäre um ein Haar eingeschlafen, so entspannt war sie plötzlich.
"Also, wie sieht unser Plan bezüglich unserer kupplerischen Verwandtschaft nun aus?" erkundigte sich Harm, als er ihre Füße sorgfältig zurückbettete.
Mac schielte zu der Hotelspeisekarte hinüber, die neben Harm auf dem Nachttisch lag. "Zuerst essen wir mal was," beschloß sie, "Ich kann besser mit vollem Magen denken."
"Ach, es ist wirklich machbar, deinen Magen voll zu bekommen, Marine?" fragte Harm in freundschaftlichem Spott.
"Wenn du bezahlst, Commander, bin ich bereit, dir zu helfen, es herauszufinden." erklärte Mac.
Harm griff nach der Speisekarte und dem Telefon. "Laß mich raten, du willst ein halbes totes Schwein und das zahnarztträchtigste Dessert, das sie auftreiben können."
Mac nickte und grinste. "Endlich ein Mann, der weiß, was Frauen wünschen."
Harm hob die Brauen und begann, die Bestellung aufzugeben.
1905 Z-Zeit (20:05 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Mac nahm den letzten Löffel des großen Schokolade-Eisbechers und schob den leeren Becher beiseite. Harm beobachtete sie lächelnd und fragte sich, wie sie solche Mengen essen und dennoch so schlank bleiben konnte.
"Harmon!"
Er sah auf. "Was?"
"Bist du schon schwerhörig, in deinem Alter? Ich sagte - schon zum dritten Mal -, wir sollten uns jetzt mal eine Strategie zurechtlegen." erklärte Mac zum wiederholten mal.
"Und zwar welche?" wollte Harm wissen.
Mac zuckte die Schultern. "Nachdem alles andere versagt hat, bleibt nur noch Plan B. Wenn wir den beiden Kuppel- Monstern eine Beziehung vorspielen, wird die Sache vermutlich uninteressant für sie und wir haben wieder unsere Ruhe." erklärte sie rational.
"Hm." Harm legte die Stirn in Falten und beobachtete seine Partnerin.
"Was ist? Du siehst nicht sonderlich überzeugt aus." stellte Mac fest.
"Doch schon, nur bin ich nicht sicher, dass du das überzeugend genug spielen kannst." meinte Harm und versuchte, nicht zu grinsen.
Mac warf ihm einen überlegenen Blick zu. "Oh, bitte, Egoboy! Frauen haben derartige Dinge schon seit Jahrtausenden vorgetäuscht!"
"Na ja, ich erinnere mich nur gerade daran, was für ein Gesicht du gemacht hast, als ich mein Bett letzte Nacht neben deines geschoben habe. Wenn wir Granny und Will wirklich davon überzeugen sollen, dass wir uns plötzlich heiß und innig lieben, wäre es hilfreich, wenn du weniger ... ängstlich mir gegenüber wärst." meinte Harm mit einem schmalen Lächeln.
"Ängstlich? Ich? Ha, das sagt ausgerechnet der Mann, der fast einen Herzinfarkt bekommen hat, nur weil ich ihm netterweise das Hemd aufgeknöpft habe!" gab Mac herausfordernd zurück.
"Ich hatte nur Angst, dass du mir das Portemonnaie klaust, Marine." behauptete Harm grinsend.
"Ach, wenn das so ist, dann hatte ich nur Angst, dass du mir die Decke klaust." Macs Mundwinkel zuckten amüsiert.
"Na schön, Mac, dann versuchen wir es also mit Plan B - ein paar Tage werde ich es schon mit einem Marine als Freundin aushalten können." meinte Harm mit Märtyrermiene.
"Hm, gut, dann nehme ich das große Opfer auch auf mich und tue dem weiblichen Teil der Weltbevölkerung den Gefallen, dich mal für eine Weile an die Kette zu legen." erklärte Mac großzügig.
"Na, jetzt tust du mal wieder so, als hätte ich in jedem Hafen eine Freundin." Harm gab sich beleidigt, musste aber grinsen.
"Nein, natürlich nicht in jedem Hafen - nur in jedem, in dem du an Land gegangen bist." Mac lächelte zuckersüß.
"Hey, ich hab doch schon mal gesagt, dass ich treu wie Gold bin." erinnerte Harm.
"Wem, deiner alten Nachbarin?" neckte Mac.
Harm schüttelte den Kopf und grinste sie an. "Nein, meiner jungen Verlobten."
"Verlobten? Mal ganz langsam, Commander, eben war es noch Freundin. So schnell bin ich nicht zu kriegen," protestierte Mac scherzhaft. Dann wurde sie wieder ernst, "Harm, wie sollen wir das überhaupt glaubhaft darstellen? Ich meine, wir kennen uns nun schon drei Jahre, elf Monate und acht Tage..." Sie grinste, denn sie wusste, dass er gleich die Brauen heben würde. Harm tat ihr den Gefallen und sie fuhr fort: "... und in all der Zeit ist nie etwas passiert ... also wieso gerade jetzt? Wie sollen wir das überzeugend erklären?"
"Ach, das dürfte nicht weiter schwer sein," meinte Harm, "Da ja ohnehin die halbe Welt seit langem überzeugt ist, dass wir Hals über Kopf verliebt ineinander und nur zu blöd seien, um es zu merken, sagen wir einfach, wir wären jetzt 'zur Vernunft gekommen’."
"Und das werden sie uns glauben?" fragte Mac, noch immer etwas skeptisch.
"Die Leute glauben, was sie glauben möchten, Mac. Denk daran, sie haben uns schon ein Verlobungs-Büffet bestellt, als wir weiter nichts als Freunde waren." erinnerte Harm.
"Harm, wir sind auch weiterhin 'nichts als Freunde’."
"Nur keine Angst, das vergesse ich schon nicht. Du bist mir ohnehin zu scharfzüngig, deine Ernährungsgewohnheiten sind grauenhaft und überhaupt, Karriere-Marines sind nun wirklich nicht mein Typ," Harm grinste breit und klopfte behutsam auf ihren Gipsarm, "und der Gips macht dich auch nicht gerade attraktiver."
"Glaubst du, er macht dich attraktiver, wenn ich dich gleich damit mitten im Gesicht treffe?" erkundigte sich Mac liebenswürdig.
"Was denn, sollte das etwa deine Vorstellung von Zärtlichkeiten unter Frischverliebten sein?" neckte Harm.
"Harm, diesmal muß es wirklich klappen, dass wir Granny und Will endlich überzeugen, sonst sind wir an UNSEREM 85. Geburtstag noch damit beschäftigt," sagte Mac ernst werdend, "Wir müssen an alle Details denken, alles durchplanen. Wie reden wir uns zum Beispiel an?"
Harm sah sie an und stellte fest, dass ihre tiefbraunen Augen so konzentriert blickten, als würde sie gerade einen Fall diskutieren. "Sarah," sagte er probehalber und wartete einen Moment, um zu hören, wie der Name aus seinem Mund klang, "oder vielleicht Liebling? Schätzchen? Mausi?"
Mac verpasste ihm einen kräftigen Schlag auf den Oberarm. "Harm, wir dürfen es auf keinen Fall übertreiben, sonst wird es unglaubhaft. Bleiben wir einfach bei dem, was wir schon kennen."
Harm nickte. "Okay. Also, dann Gute Nacht, Ninjagirl." Er schlüpfte unter die Decke, um endlich einmal wieder eine Nacht durchzuschlafen.
"Was denn, Flyboy, kein Gute-Nacht-Kuß?" fragte Mac neckisch.
"Das üben wir morgen." murmelte Harm mit einem schläfrigen Flyboy-Lächeln und schloß die Augen.
0958 Z-Zeit (10:58 Uhr MEZ)
Hotel Saint-Louis
Paris
Mac rollte sich schläfrig herum, bis ihr Kopf auf dem selben Kissen wie Harms ruhte. Im Halbschlaf schlang Harm automatisch die Arme um sie.
Mac öffnete die Augen. "Zeit zu üben?" fragte sie mit einem ironischen Grinsen.
"Hm?" Harm erwachte nicht so schnell wie seine Marine-Corps-Partnerin, "Oh!" Er ließ sie sofort los, "Guten Morgen, Mac." "Dir auch einen guten Morgen, Sailor, außer dass es schon Mittag ist. Es ist 1059 Uhr um genau zu sein und ich bin am verhungern." Mac rührte sich trotzdem nicht aus dem Bett weg.
"Typisch Marine, öffnet ihre Augen und fängt an, sich zu beschweren." meinte Harm lächelnd. Zehn Minuten später standen sie beide auf und gingen nacheinander ins Badezimmer. Nachdem sie ihre Reisetasche gepackt hatten, machten sie sich auf den Weg in den Speisesaal des Hotels. Granny und Will saßen vor ihren bereits geleerten Frühstückstellern.
"Okay, Showtime, Flyboy. Fertig?” Mac lächelte zu ihrem größeren Partner hinauf.
"Auf in den Kampf, Marine!"
Sie marschierten in den Speisesaal - Hand in Hand, so als hätten sie das schon viele Male zuvor getan. Granny und Will waren jedoch so in ihr Gespräch vertieft, dass sie ihre Enkel erst bemerkten, als sie bereits am Tisch saßen, so dass die Geste unbemerkt blieb.
Sie wünschten einen guten Morgen und Harm begann, für Mac ein Croissant mit Butter zu bestreichen. Auch diese zuvorkommende Handlung wurde von ihren Großeltern nur beiläufig zur Kenntnis genommen, denn Harm bediente Mac schon seit fast einer Woche auf diese Weise.
Die beiden JAG-Anwälte wechselten einen Blick. "Soviel zu subtilen Gesten. Sieht so aus als müssten wir schwerere Geschütze auffahren." überlegte Harm. Grübelnd rührte er in seinem Kaffee und gähnte unterdrückt.
"Was denn, Flyboy, sind 4 Stunden Schlaf nicht genug für dich?" fragte Mac mit einem listigen Grinsen. Sie musste zum selben Schluß wie Harm gekommen sein.
Harm verschluckte sich fast an seinem Kaffee und schob sich schnell ein Stück von Macs Croissant in den Mund, um sein Grinsen zu verbergen. Granny und Will wussten genau, dass sie den ganzen Abend auf dem Zimmer verbracht hatten und es somit eigentlich keinen Grund für Harm gab, nur sowenig Schlaf bekommen zu haben.
Seine Großmutter lächelte mitfühlend. "Die Hotel-Matratzen sind fürchterlich, nicht wahr? Ich habe auch fast kein Auge zugetan und mein Rücken schmerzt jetzt noch."
Harm stöhnte unterdrückt auf. Es war wie verhext! Jetzt, wo sie vorgeben wollten, eine Beziehung zu führen, bemerkten ihre Großeltern es nicht, während sie sie zuvor nur so mit Andeutungen überschüttet hatten. Vermutlich musste er Mac hier und jetzt packen und leidenschaftlich küssen, um sie zu überzeugen. "Rabb!" ermahnte er sich streng, "Das ist Mac, deine Partnerin, dein bester Freund, klar?! Du willst weder ihren Respekt noch ein paar Zähne verlieren, also laß solche Gedanken besser bleiben!"
Mac schluckte den letzten Bissen ihres Croissants hinunter. "Von mir aus können wir gehen. Wann geht unser Flug?"
"13 Uhr Ortszeit." antwortete Will, der eben damit beschäftigt war, Granny etwas aus einer französischen Tageszeitung vorzulesen. Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick. Ihre Großeltern gaben wirklich ein schönes Paar ab.
"Gibt es eigentlich irgendein Gesetz, das es verbietet, die Enkelin seines Stiefgroßvaters zu küssen?" erkundigte sich Harm unschuldig.
"Gesetze!" beschwerte sich Will noch immer in die Zeitung vertieft, "Hört endlich auf, über die Arbeit zu sprechen, ihr zwei! Ihr seid hier, um euch zu erholen!" Anscheinend hatte er nur die erste Hälfte des Satzes mitbekommen.
Harm und Mac sahen einander kopfschüttelnd an und beschlossen, es aufzugeben - für den Moment.
1145 Z-Zeit (12:45 Uhr MEZ)
Flughafen Orly
Paris
Harm und Mac nahmen ihre Plätze in der Touristenklasse ein. Will und Granny waren Sitze genau hinter ihnen zugewiesen worden. "Mit perfekter Sicht auf die Bühne, Marine." flüsterte Harm Mac zu, "Bereit für den nächsten Auftritt?" Seine Lippen waren dicht an Macs Ohr, doch Granny und Will lachten und scherzten miteinander, so dass sie es nicht bemerkten.
"Aber sicher, Commander Hamlet."
Kurze Zeit später startete das Flugzeug. Mac klappte die Armlehne zwischen ihnen beiseite und Harm schlang einen Arm um ihre Schulter. Macs Gipsarm ruhte auf seinem Bein und er hielt ihre gesunde Hand. Ihre Finger fühlten sich an, als wären sie dafür geschaffen, von seinen gehalten zu werden.
Will beugte sich in seinem Sessel nach vorne. "Ist dir nicht gut, Sarah?" fragte er besorgt, als er sah, dass sie sich gegen Harm lehnte und er ihre Hand hielt, "Das wird gleich besser, sobald wir die Flughöhe erreicht haben."
Mac lächelte und sah in Harms grün-blaue Augen. "Oh, mir geht es blendend." versicherte sie.
Will setzte sich wieder und beugte sich zu Granny hinüber. "Das ist meine u-we-tsi!" sagte er bewundernd, "Tapfer wie immer! Nie würde sie zugeben, dass es ihr schlecht geht!"
Mac stöhnte verzweifelt auf und barg ihren Kopf an Harms Schulter.
Granny sah es und reichte wortlos ihre Tüte für 'mit Übelkeit geplagte Fluggäste’nach vorne.
2012 Z-Zeit (15:12 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm betrat seine Wohnung und stellte die Reisetasche ab, während er seinen anderen Arm weiterhin um Mac geschlungen hielt. Gemeinsam gingen sie in Richtung Schlafzimmer. Zwar war es in Washington erst Nachmittag, aber in Paris war es jetzt bereits Abend und der Flug war anstrengend gewesen, vor allem für Harm und Mac - stundenlange Showeinlagen, ohne dass Granny und Will sie angemessen beachtet hatten.
"Wir gehen ins Bett!" verkündete Mac über die Schulter zurück.
"Geht’s dir immer noch nicht besser?" fragte Granny besorgt.
"Wie könnte es mir schlecht gehen, solange Harm in meiner Nähe ist?" gab Mac zurück und lehnte sich noch ein wenig mehr gegen ihren Partner.
Doch Granny hielt das scheinbar für ihr übliches, ironisches Necken. "Du sollst nicht scherzen, wenn es dir schlecht geht, Sarah!"
Arm in Arm gingen Harm und Mac ins Schlafzimmer hinüber, wo Mac sich aufs Bett fallen ließ. "Das gibt’s doch gar nicht!" schimpfte sie, "Wir spielen ihnen hier das schönste Theater vor und die beiden sind zu dumm, um es zu kapieren!"
"Hey, sprich nur für deinen Großvater, nicht für meine Großmutter, bitte - wie ich hörte, soll Intelligenz immer von den Großeltern auf die Enkel vererbt werden," sagte Harm grinsend und drückte dann aufmunternd ihre Hand, "Nur keine Sorge, sie werden es schon noch merken, zufrieden abreisen und wir haben wieder unsere Ruhe. Wir steigern unsere Showeinlagen langsam, dann klappt es schon."
Als Will und Granny eine Viertel Stunde später mit einer Tasse Tee für Mac hereinkamen, fanden sie ihre Enkel im Bett vor. Mac trug das ihr viel zu große Oberteil eines Herren-Pyjamas und Harm die dazu passende Hose. Macs Kopf ruhte auf Harms Schulter und sie blickten beide in das Hamlet-Taschenbuch.
Granny stellte die Teetasse neben Mac ab. "Weißt du, Harmon, ich hätte auch mal einen Freund wie dich gebrauchen können, wenn ich krank war." meinte sie lächelnd.
Harm legte einen Arm um Mac. "Na ja, es gibt nicht gerade viele Männer, die mit einer Frau nur rein freundschaftlich das Bett teilen würden." entgegnete er, zu seiner Großmutter aufblickend.
Granny beugte sich vor und berührte sanft seine Wange. "Ich weiß. Du bist eben etwas ganz besonderes."
"Sarah, wir sollten morgen in deine Wohnung fahren und ein paar mehr von deinen Sachen herholen." schlug Will vor und deutete auf ihre Schlafkleidung. Offenbar dachte er, sie würde sich wegen Wäsche-Knappheit einen Pyjama mit Harm teilen.
"Sie könnte überhaupt gleich ganz hier einziehen." meinte Harm und wartete gespannt auf die Reaktion der beiden Senioren, die eben wieder in Richtung Wohnzimmer gingen.
"Jetzt klingst du langsam wie ein Schotte, Harmon." teilte ihm Will zufrieden schmunzelnd mit.
Harm verbarg den Kopf unter seinem Kissen und stöhnte entnervt. Wenn das so weiterging, dann blieb ihm bald wirklich nur noch die 'Pack-und-küß-Methode’, um die beiden mit Blindheit geschlagenen Rentner zu überzeugen.
1130 Z-Zeit (06:30 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
"Harm,” wisperte Mac. Ihre Hand tastete nach seiner Schulter.
Harm hob die Lider, sah in die braunen Augen seiner Partnerin und hörte, dass draußen in der Küche jemand mit Geschirr klapperte. "Wie spät ist es, Marine?" erkundigte er sich, ohne sich die Mühe zu machen, den Kopf nach dem Radiowecker zu drehen.
"0631." antwortete Mac wie aus der Pistole geschossen. Sie liebte es, ein 'Wie machst du das?’ aus ihm heraus zu bekommen.
Harm nickte jedoch nur.
"Harm!"
"Was?" Er drehte sich besorgt zu ihr um.
"Du hast mich gar nicht gefragt, wie ich das mache!" sagte der Marine-Corps-Colonel geschockt.
"Hm, ich dachte mir, wenn du es mir nach drei Jahren, elf Monaten und neun Tagen noch nicht erklärt hast, dann wirst du es vermutlich nie tun," Harm grinste, als er den Spieß herumdrehte, "Oder hat sich das jetzt geändert, nun, wo wir 'zusammen’ sind?"
"Ich glaube, du solltest deinen Kopf mal unter kaltes Wasser stecken, Commander!" spottete Mac und blickte dann hinüber ins Wohnzimmer, "Und wo wir gerade dabei sind, wie wäre es mit einer Dusche?" Sie zwinkerte Harm einladend zu und deutete unauffällig in Richtung Wohnzimmer, wo Granny und Will leise miteinander redeten.
"Das ist eine Einladung, die ich unmöglich ablehnen kann." erwiderte Harm laut, in der Hoffnung, ihre Großeltern würden es hören.
Sie erhoben sich, nahmen geräuschvoll ihre Uniformen aus dem Schrank und gingen laut scherzend und lachend ins Badezimmer hinüber.
"Und was nun?" fragte Harm und drehte das Wasser auf, so dass Granny und Will nicht hören konnten, was sie sprachen, selbst wenn sie das Schlafzimmer betreten sollten.
"Wir duschen." erklärte Mac, um einen sachlichen Ton bemüht.
"Ähm, Mac, geht das nicht ein bisschen weit?" Harm versuchte, es scherzhaft klingen zu lassen, aber er war sich selbst nicht ganz sicher.
"Immer diese Piloten mit ihrer verdorbenen Phantasie!" beschwerte sich Mac, eisern bemüht, nicht rot zu werden,
"Ich meinte natürlich getrennt! Ich werde jetzt schnell duschen und du rasierst dich solange, putzt die Zähne oder machst sonst was - aber wage es bloß nicht, dich umzudrehen!"
"Mac, durch dieses milchige Glas..." begann Harm, seinen früheren Hinweis auf die trübe Glaswand zu wiederholen.
"... sieht angeblich nicht einmal Superman hindurch, ich weiß. Aber ich gehe lieber auf Nummer Sicher - wenn du fliegen kannst hast du vielleicht auch den Röntgenblick, wer weiß."
Harm drehte sich gehorsam um und griff nach seinem Rasierzeug. Als Mac das Wasser aufdrehte, begann er laut zu singen - um den beiden Senioren zu zeigen, dass er mit Mac im Badezimmer war oder um sich von dieser Tatsache abzulenken, das wusste er selbst nicht.
Als Mac sich wieder angezogen hatte, tippte sie Harm auf die Schulter. "Die Dusche gehört dir, Superman.... oder sollte ich Frank Sinatra sagen?"
"Ganz wie es dir gefällt, Lois Lane," Harm erwiderte ihr Lächeln, "Einer musste ja das Singen übernehmen, wenn du heute keine Anstalten machst, deine Spicegirl-Imitation zum Besten zu geben."
Während Mac sich dem Zahnputzbecher zuwandte, in dem ihre Zahnbürsten einträchtig nebeneinander standen, trat Harm schnell in die Dusche und drehte das kalte Wasser auf.
Fünfzehn Minuten später saßen sie nebeneinander auf dem Badewannenrand und diskutierten irgendeinen alten Fall. Nicht dass dieser sie so brennend interessieren würde, aber sie planten, so lange wie möglich im Badezimmer zu bleiben, so dass ihre Großeltern gar nicht anders können würden, als auf 'dumme Gedanken’ zu kommen - inzwischen hatten die Senioren ja reichlich Übung darin. Harm hatte sogar schon Macs Haare gewaschen und erst als Mac meinte, langsam müssten sie sich beeilen, um nicht an ihrem ersten Tag zu spät zur Arbeit zu kommen, verließen sie gemeinsam das Badezimmer.
Harm verharrte im Schlafzimmer und zog Mac noch einmal zurück. "Fast hätte ich’s vergessen - Handbuch für Militärgerichtsverfahren, Artikel 14, Abschnitt 3." erklärte er seiner verdutzten Partnerin.
"Indizienbeweise?" Mac sah ihn skeptisch an.
"Fingerabdrücke," erläuterte Harm mit einem extra großen Flyboy-Grinsen.
Mac begriff. Lächelnd hielt sie ihre Hände unters fließende Wasser und hinterließ dann einige deutliche Abdrücke auf dem Rücken von Harms Uniformhemd.
"Ich weiß gar nicht, warum man uns Navy-Leute 'Squids’ - Tintenfische - nennt, es ist doch offensichtlich, dasss ihr Marines diejenigen seid, die ihre Hände nicht bei sich behalten können." scherzte Harm, als sie ins Schlafzimmer hinüber gingen.
Granny und Will sahen von ihren Kaffeetassen auf, als ihre Enkel eintraten. "Oh, ich wollte gerade mal rüberkommen und fragen, ob du Hilfe beim Haarewaschen brauchst," wandte sich Granny an Mac, "Aber wie ich sehe, war Harm ja schon so nett."
"Und WIE nett." Mac grinste.
"Eine gute Erziehung ist eben alles." meinte Granny nur, anscheinend ohne Macs Betonung zu bemerken.
Harm setzte sich seufzend. Scheinbar hatten sie ihren Großeltern zu lange und zu ausdauernd versichert, dass sie nur Freunde waren, beste, aber rein platonische Freunde, so dass sie es jetzt kaum noch in Betracht zogen, es könne mehr zwischen ihren Enkeln passiert sein.
Mac nahm sich eine Tasse Kaffee und ging zu Harm hinüber. Sie wechselten einen langen Blick und hielten auf diese Weise eine stumme Zwiesprache, die niemand außer ihnen bemerkte. Sie kamen beide zur selben Schlussfolgerung: Größere Geschütze mussten her.
Mit einem unmerklichen Zögern schlang Harm einen Arm um die Taille seiner Partnerin und zog sie etwas näher und mit derselben Verzögerung nahm Mac so auf seinem Stuhl Platz, dass sie praktisch auf Harms Schoß saß. Harm versuchte grimmig, den Duft ihres Shampoos und ihrer Haut zu ignorieren und nahm einen Schluck aus Macs Kaffeetasse.
Will sah von seiner Zeitung auf.
Harm begann zu grinsen. "Aha, das hat gewirkt!" dachte er triumphierend.
Doch Wills Blick richtete sich nicht etwa auf die beiden Anwälte, sondern auf den freien Stuhl neben Harm, auf dem normalerweise Mac zu sitzen pflegte. Er streckte eine Hand aus und rüttelte an dem Hocker und tatsächlich: er wackelte bedenklich. Will griff wieder zu seiner Zeitung. "Wenn ihr wollt, kann ich das heute reparieren ... mit nur drei Stühlen ist das ja auf Dauer kein Zustand."
Harms Flyboy-Grinsen verblasste und Mac schnitt eine Grimasse. Sie beschlossen, erst einmal ins Hauptquartier zu 'fliehen’. Sie erhoben sich und Harm trug sowohl seine als auch Macs Aktentasche zur Tür. "Okay, gehen wir, oh Schönste aller Marines." meinte er mit einem Grinsen und blinzelte Mac zu.
"Hör auf Sarah zu ärgern, das ist nicht nett, wenn’s ihr doch nicht gut geht." nahm Granny ihre Namensgefährtin wie immer sofort in Schutz.
Mac seufzte und rollte mit den Augen. "Ich hab wohl einfach zu oft behauptet, es ginge mir gut, wenn das nicht der Fall war - jetzt glaubt mir niemand mehr." Sie folgte Harm ins Treppenhaus hinaus.
Harm lächelte und schaffte es dabei, das Lächeln zugleich spöttisch und aufmunternd wirken zu lassen - nur er hatte diese Wirkung auf Mac. "Vielleicht sollten wir einfach sagen, du wärst schwanger und hättest Morgenübelkeit." schlug er amüsiert vor, während sie das Haus verließen.
Mac warf ihm einen strafenden Blick zu, lächelte dann aber und erwiderte scherzhaft: "Gar keine so schlechte Idee, dann könnte ich wenigstens für zwei essen, ohne daß du dich dauernd über mich lustig machst."
"Für zwei essen, ja, aber nicht für zwei Pottwale, Mac! Außerdem würdest du dich vermutlich die ganzen neun Monate lang nur von fetten Burgern ernähren!"
Mac blieb vor Harms Auto stehen und wartete, bis er die Türe öffnete. "Eins steht fest: Ich käme nicht wie Harriet in die Verlegenheit, den Kühlschrank auszuräumen, weil es in deinem Kühlschrank überhaupt nichts auszuräumen GIBT!" Sie stiegen beide ein, "Es ist mir wirklich ein Rätsel, wie du mit drei Cola light und ein paar Salatblättern täglich trotzdem so..."
"... gut aussehen kannst?" unterbrach Harm grinsend. Er griff zu Mac hinüber und ließ fürsorglich ihren Sicherheitsgurt einrasten.
"... ein großes Ego entwickeln konntest!" verbesserte Mac mit Nachdruck.
2320 Z-Zeit (18:20 Uhr EST)
Wohnung der Roberts
Alexandria, Virginia
"Kommen Sie rein, Sir, Ma’am!" Bud Roberts schloß eilig die Türe zu seinem Apartment auf. Harm und Mac waren ihm nach der Arbeit mit dem Auto hierher gefolgt, um Gypsie und Jingo abzuholen und Bud war wirklich erleichtert darüber. Nicht etwa, dass er die Tiere loswerden wollte, ganz im Gegenteil. Bud hatte schon immer einen Hund gewollt, aber dennoch war er froh, dass Harriet ihn jetzt nicht über den Urlaub des Commanders und des Colonels ausquetschen würde, sondern sie selbst fragen konnte.
"Bud?" rief Harriet aus dem Nebenzimmer, "Wie war der Urlau..."
"Harriet, der Commander und der Colonel sind hier, um unsere beiden 'Pflegekinder’ abzuholen!" unterbrach Bud schnell, bevor Harriet weitersprechen konnte.
Harriet kam zur Türe herein, mit dem kleinen A.J. auf dem Arm und Jingo an der Seite. Der alte Hund begrüßte Harm und Mac begeistert und eine Weile waren sie damit beschäftigt, ihm überschwänglich den Rücken zu klopfen.
"Ich sehe, er hat die drei Tage gut überstanden - und das ganz ohne meine fleischlosen Fleischklöße." meinte Harm grinsend.
"Deine fleischlosen Fleischklöße hat sogar Jingo verweigert und das will etwas heißen - er kann nicht einmal Drogen von Oregano unterscheiden." warf Mac spöttisch ein.
Harm sah sich nach seiner Katze um und nach einigen Minuten des Suchens pflückte er sie vom Küchenschrank.
"Da sieht man’s mal wieder," kommentierte Mac kopfschüttelnd, "Drei Tage ohne einen Marine im Haushalt und schon fängt unsere Streunerin an, ihre guten Manieren zu vergessen - von wem sie das wohl hat?" Sie warf ihhrem Partner einen schelmischen Blick zu.
Harriet lachte. Sie genoß die Scherze und den spielerischen Tonfall zwischen ihren beiden Freunden und vorgesetzten Offizieren immer wieder. "Wie war der Urlaub?" erkundigte sich die blonde Frau mit leuchtenden Augen. Für sie stand außer Frage, dass Harm und Mac zusammengehörten, mochten sie selbst auch anderer Meinung sein.
Harm grinste und warf Mac einen Blick zu. "Hm, in Paris kann man sich schon verlieben, stimmt’s, Mac?"
Harriet lächelte unsicher, während Bud mit offenem Mund dastand. Mac setzte ihren Marine-Blick auf, der Harm sagte, dass sie in Gedanken gerade den Sicherungsstift einer Handgranate mit kurzem Zünder entfernte. Sie machten sich auf den Weg zur Türe.
"10... 9... 8... 7..." zählte Harm in Gedanken rückwärts und schmunzelte in Erwartung dessen, was gleich kommen würde, "6... 5... 4... 3... 2... 1... buuumm!"
Bei 'zwei’ schlossen sie die Türe des Apartments hinter sich und bei 'buuumm’ traf ihn erwartungsgemäß Macs Hand am Arm. "Du sollst Granny und Will überzeugen, Flyboy, nicht Harriet!" wies sie ihn streng zurecht.
Harm grinste. "Harriet davon überzeugen zu wollen, dass wir uns angeblich lieben, wäre so, als wolle man den Papst zum Christentum bekehren."
2350 Z-Zeit (18:50 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac trat betrat hinter Harm das Apartment und schon hörte sie Granny aus dem Wohnzimmer rufen: "Will, unsere beiden Unzertrennlichen sind wieder da!"
Harm und Mac wechselten einen hoffnungsvollen Blick. Reagierten die zwei Rentner jetzt endlich auf die Showeinlagen, die sie ihnen seit zwei Tagen darboten?
Granny und Will kamen zu ihnen hinüber, aber anstatt ihre Enkel zu begrüßen, nahmen sie Mac die Hundeleine und Harm seine Katze aus der Hand. "Ihr werdet Probleme bekommen, wenn Sarah wieder in ihr Apartment zurückkehrt," meinte Will, "Jingo und Gypsie sind ja mittlerweile wirklich unzertrennlich."
"Darüber machen wir uns Gedanken, wenn die restlichen vier Wochen und fünf Tage herum sind." antwortete Mac. Sie zählte die Tage nicht etwa, weil sie sich darauf freute, endlich vom Gips befreit zu werden und in ihre Wohnung zurückkehren zu können. Sie hätte es nie zugegeben, aber sie war lieber hier als zuhause in ihrem einsamen Apartment. Sie ging in Richtung Schlafzimmer und verkündete: "Ich nehme noch schnell eine Dusche vor dem Abendessen, okay?"
"Okay," Harm grinste breit, "Wenn du in zehn Minuten nicht wieder draußen bist, komme ich nachsehen."
"Du bist unmöglich, Flyboy!" Mac schüttelte den Kopf, lächelte aber.
Harms Flyboy-Grinsen wuchs nur noch mehr in die Breite. "Ja, und genau darum liebst du mich auch!" Er sah Mac in die Augen und versuchte ihr zu signalisieren, sie solle doch bitte mitspielen, um die beiden Rentner endlich zu überzeugen.
"Wie einen Löffel Schmierseife im Kaffee," murmelte Mac gerade so laut, dass nur Harm es hörte, und lauter, für Granny und Will bestimmt: "Wie verrückt!" Sie versuchte, es ironisch klingen zu lassen.
Granny sah ihre 'beiden Enkel’ voller Zuneigung an. "Hab ich euch je erzählt, dass ich Harmon senior immer gesagt habe, ich wolle noch eine Enkelin? Natürlich hat er nie auf mich gehört, schließlich war er ein Rabb... aber jetzt hat Harm ja dich, Sarah, und ich bin wirklich froh darüber."
Harm und Mac wechselten einen triumphierenden Blick. Endlich hatten sie es geschafft, Granny davon zu überzeugen, wie viel sie einander - angeblich - bedeuteten.
In diesem Moment aber fügte Granny hinzu: "Es ist nicht toll, ein Einzelkind zu sein, auch nicht, wenn man schon erwachsen ist."
Will trat hinter die beiden Offiziere und klopfte ihnen links und rechts auf die Schultern. "Ich weiß, es ist ein Klischee, aber es ist wirklich schön zu wissen, dass ihr wie Bruder und Schwester seid. Sarah, also deine Großmutter, und ich, wir haben noch mal darüber geredet und sind zu dem Schluß gekommen, dass eine gute Freundschaft allemal besser ist als eine schlechte Beziehung." gab der Cherokee vernünftig zu.
"Wer sagt denn, dass unsere Beziehung schlecht wäre?" murmelte Harm und sah ratlos zu Mac hinüber. Sie begannen eine ihrer stummen Konversationen, die kein Außenstehender verstehen konnte. "Und jetzt? Sollen wir uns jetzt wieder wie die Freunde verhalten, die wir sind, in der Hoffnung, dass unsere Großeltern ihre Meinung beibehalten oder sollen wir weiterhin versuchen, sie von einer Beziehung zwischen uns zu überzeugen?" überlegte Harm.
"Ich weiß nicht, seit Granny weiß, dass ich Sarah MacKenzie bin, versucht sie unablässig, mich mit ihrem Enkel zu verkuppeln. Wie ich sie kenne, wird sie bei der nächsten Gelegenheit wieder anfangen." grübelte Mac.
Ihre Gedanken wurden von Grannys Seufzen unterbrochen. "Obwohl ihr beide so ein schönes Paar gewesen wärt." meinte sie mit einem gedankenverlorenen Lächeln.
Harm und Mac wechselten einen schnellen Blick. Na bitte, da war es ja schon wieder! Harm trat neben Mac und schlang ihr flüchtig einen Arm um die Hüfte. "Ach, tatsächlich?" fragte er grinsend.
"Tatsächlich." bestätigten Granny und Will gleichzeitig.
Mac legte ihre Hand auf Harms. "Na ja, mir wurde gesagt, dass man älteren Menschen nicht widersprechen soll." gab sie lächelnd nach.
Ihre Finger schlossen sich fester um Harms, doch ihre Großeltern schienen es nicht zu bemerken oder sie hielten es für eine freundschaftliche Geste. "Wirklich zu schade, dass ihr nur Freunde seid." meinte Will und in seinen Cherokee-Augen glitzerte es listig. Man sah, dass er noch nicht endgültig davon überzeugt war.
Harm und Mac wechselten einen letzten Blick und kamen stumm überein, auf Nummer Sicher zu gehen und ihre Schauspielerei weiter fortzuführen. Harm wusste aus Erfahrung, dass Granny nie Interesse an einer seiner Freundinnen gezeigt hatte. Sobald sie überzeugt war, dass er und Mac jetzt zusammen waren, würde die Sache für sie vermutlich langweilig werden. Das war die sicherste Methode.
Mac ging ins Badezimmer, während Harm begann, Wasser aufzusetzen und Spaghetti zu kochen. Zehn Minuten später kam Granny zu ihm hinüber und begann, die Töpfe zu inspizieren.
"Scheint eine generelle Eigenschaft von euch Sarahs zu sein," kommentierte Harm lächelnd und reichte ihr einen Löffel, damit sie von der Soße probieren konnte.
Granny tat es und schüttelte sich. "Okay, wer sind Sie und was haben Sie mit meinem Enkel gemacht?" fragte sie Harm scherzhaft, "Du kannst unmöglich der Harmon Rabb junior sein, dem ich das Kochen beigebracht habe!"
Harm gab sich ahnungslos. "Wieso?"
Granny drückte ihm den Löffel in die Hand und deutete auf den Kochtopf. "Ist das Tomatensoße oder das Tote Meer?" fragte sie spöttisch.
Harm probierte von der Soße und schüttelte sich ebenfalls. Er grinste verlegen. "Ups, scheinbar ist mir das Salzfaß ausgerutscht!"
"Was denn, unser Meisterkoch hat das Essen versalzen?" Will kam hinzu und probierte ebenfalls Harms Soße, "Brrrr! Harmon, wer ist denn die Glückliche?" neckte er.
Wie auf dieses Stichwort hin betrat Mac die Küche. Harm grinste. "Ihr Timing war schon immer gut!" Er lächelte zu Mac hinüber, ohne Wills Frage zu beantworten.
"Was ist?" fragte Mac ein wenig irritiert, als sie die drei alle vor dem Herd stehen sah, "Sagt nicht, dieser unglückselige Seemann ist schon wieder dabei, seine fleischlosen Fleischklöße zu machen?"
Will lachte. "Schlimmer!"
"Schlimmer? Ich dachte nicht, dass eine Steigerung noch möglich wäre!" Mac grinste frech. Ihre dunklen Augen funkelten.
"Vorsicht, Marine - sonst musst du heute vielleicht in der Badewanne übernachten!" drohte Harm scherzhaft.
"Ha, und du machst dann die ganze Nacht kein Auge zu, weil du bei 24° C Raumtemperatur zu erfrieren drohst!" neckte Mac, ohne zu wissen, wie dicht sie damit an der Wahrheit lag. Sie versuchte ebenfalls die Soße und verzog das Gesicht. "Uih, dich hat’s ja schlimm erwischt, Flyboy." Sie wuschelte ihrem hochgewachsenen Partner durchs Haar.
Granny stupste Will mit dem Ellenbogen an. "Deine Enkelin ist ja wirklich ahnungslos." flüsterte sie ihm zu.
"Fast so ahnungslos wie dein Enkel." gab Will ebenso leise zurück.
Harm griff nach seiner Jacke. "Okay, ihr drei geht mit Jingo spazieren und ich sehe mal, was ich beim Lebensmittelhändler um die Ecke noch bekomme."
Als Harm zwanzig Minuten später zurückkehrte, war von seinen drei Mitbewohnern noch nichts zu sehen, nur Gypsie saß auf dem Küchentresen und sah ihn traurig an, weil sie zurückgelassen worden war. "Määäh!" beklagte sie sich.
Harm kraulte sie kurz und nahm sie dann auf den Arm. "Schnell runter vom Tisch, Kleine, bevor Mac das sieht und wieder anfängt, uns beide erziehen zu wollen."
Er begann, einen Hefeteig zuzubereiten und belegte vier runde Pizzaformen damit. In letzter Sekunde kam ihm eine Idee und er knetete den vierten Pizzaboden in Herzform, bevor er alles belegte und in den Ofen schob. Als er zum Badezimmer ging, hörte er wie draußen im Treppenhaus Jingo bellte und Mac über etwas lachte, was ihr Großvater gerade sagte.
"Määääh!" machte Gypsie neben ihm.
"Ich weiß," sagte Harm seufzend und lächelte, "Ich werde sie auch vermissen - alle vier."
0110 Z-Zeit (20:10 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm kam aus dem Schlafzimmer und fuhr sich mit beiden Händen durch sein kurzes, noch etwas feuchtes Haar. Er ging ins Wohnzimmer hinüber und sah, dass Jingo in dem Korb schlief, den er für Gypsie gekauft hatte. Erst nach einigen Sekunden erkannte er die kleine Katze zwischen den riesigen Pfoten des Hundes.
Granny tauchte neben ihrem Enkel auf. "Noch zwei, die in aller Freundschaft das Bett teilen - von wem sie das wohl haben?"
"Vielleicht von dir und Will?" schlug Harm grinsend vor. Er ging in die Küche. Mac stand neben der Spüle und war gerade dabei, Harms Pizzateller aus dem Schrank zu holen.
Als er hinter sie trat und leicht die Arme um ihre Taille schlang, ließ Mac fast den Teller fallen, den sie gerade in der Hand hatte. "Haaaarm!" zischte sie.
Ihr Partner grinste nur. "Entspann dich, Marine, nur eine kleine Demonstration für Granny und Will." versicherte er. Er schielte über die Schulter zu den beiden Rentnern hinüber, die ihre Enkel ebenso unauffällig beobachteten, aber nichts sagten.
Mac drehte sich um und Harm ließ sie sofort los. Er wollte nicht, dass sie begann, sich unbehaglich in seiner Nähe zu fühlen. Sie trugen die Teller ins Wohnzimmer und deckten den Tisch.
"Die links hinten ist für Mac." rief Harm zu Will hinüber, der gerade dabei war, die Pizzen aus dem Ofen zu nehmen.
Mac ging zu ihrem Großvater hinüber, um ihm zu helfen. "Oh, vielen Dank, Flyboy!" Kopfschüttelnd betrachtete Mac die Pizza, die Harm ihr zugewiesen hatte, "Wenn da nicht zwei Kilo Schinken drauf wären, dann müsstest du die Pizza selbst essen!"
Harm hob erstaunt die Brauen. Hatte er wieder - diesmal unabsichtlich - zuviel Salz in den Teig getan oder warr die Pizza zu dunkel geworden? "Wieso das? Die Pizza ist genau so, wie du sie immer willst. Ich habe alles draufgeschmissen, was auch nur im entferntesten auf eine Pizza passt - mit Ausnahme von Anchovis, natürllich." Harm grinste.
"Ich rede nicht vom Belag, Harmon Rabb! Hätte der Augenarzt außer deiner Nachtblindheit nicht gleich noch deine Form-Sehschwäche korrigieren können?" Mit gespielter Strenge sah Mac ihn an.
Harm runzelte die Stirn. Verstand Mac denn nicht, dass die herzförmige Pizza nur ein weiterer 'Akt’ ihres 'Stückes’ war, das sie für Will und Granny aufführten? Er trat neben den Ofen. "Oh!" Die Pizza, die er für Mac gemacht hatte, war jetzt, wo der Teig etwas mehr aufgegangen war, nicht mehr herz- sondern allenfalls noch un-förmig, während die anderen drei Pizzen makellos rund waren.
"Oh, tut mir wirklich leid, Mac, aber ich bin sicher, sie schmeckt besser, als sie aussieht." tröstete er sie lächelnd.
"Was bei diesem Aussehen nun wirklich kein Kunststück ist." neckte Mac spöttisch.
Sie setzten sich und begannen zu essen. Für eine Weile herrschte Ruhe.
"Und?" fragte Harm erwartungsvoll, während Mac nach ihrem zweiten Stück Pizza griff und abbiß.
"Mmmh," machte Mac mit halbvollem Mund, "Sie schmeckt definitiv besser als sie aussieht. Du könntest dem Admiral mal vorschlagen, die Navy zu verlassen und einen Partyservice zu eröffnen - er macht die Häppchen und du die Pizza." Mac grinste und griff ausgehungert nach dem dritten Stück Pizza.
"Und dich verlassen, Flygirl? Niemals!" scherzte Harm.
"Flygirl?" Granny grinste, "Ist der Titel jetzt schon erblich?" Sie sah zu Will hinüber, der wie Harm früher Pilot gewesen war.
"Ich hab sie eher so genannt, weil sie meine Freundin, nicht weil sie Wills Enkelin ist." erklärte Harm mit einem zögernden Lächeln. Anscheinend musste er wirklich etwas deutlicher werden, damit ihre Großeltern endlich verstanden.
Die einzige, die jedoch erstaunt drein sah, war Mac. Granny und Will schien die Bemerkung mit der 'Freundin’ nicht weiter zu kümmern. "Harmon, sie ist auch die Freundin von Bud, Harriet und dem Admiral - und trotzdem nennt niemand sie SEAL-Girl." wandte Granny ein.
Harm seufzte. Vermutlich hatte er seiner Großmutter ein paar mal zu oft erklärt, dass Mac nicht DIE, sondern EINE Freundin war.
Ein paar Minuten später schob Mac ihren leeren Teller zurück. "Das deformierte Aussehen der Pizza sei dir verziehen, Sailor." Zufrieden lächelnd lehnte sie sich zurück.
Harm erwiderte ihr Lächeln. "Ah, ich hab’s schon immer gewußt: Der Weg zum Herzen eines Marine führt durch seinen Magen." kommentierte er amüsiert.
Bevor Granny oder Will irgendetwas dazu sagen konnten - wenn sie es denn vorgehabt hatten - klingelte Macs neues Handy. Überrascht fuhr Mac in die Höhe und suchte in ihrer Aktentasche, bevor sie es endlich fand. "MacKenzie."
Eine Weile sagte sie nichts mehr, sondern lauschte auf die Stimme am anderen Ende der Leitung. "Oh, du bist es!" sagte sie dann. Es klang überrascht. Die beiden Rabbs und ihr Großvater am Tisch blickten sie erwartungsvoll an.
Wieder einige Sekunden des Schweigens, dann fragte Mac ein wenig skeptisch: "Ein Rendezvous? Jetzt?"
Harm kniff die Augen zusammen und auf seiner Stirn entstanden Falten. Er erhob sich und begann, die Teller in die Küche zu tragen, um Mac ein wenig Privatsphäre zu geben. Er hörte nicht mehr, was Mac antwortete.
Zwei Minuten später legte Mac auf und stellte fest, dass die anderen bereits den Tisch abgeräumt hatten und jetzt im Wohnzimmer saßen. Sie ging zu ihnen hinüber.
"Wer war das?" erkundigte sich Granny sofort.
Harm warf ihr einen strengen Blick zu. "Entschuldige, Mac, aber ihr zweiter Vorname ist Neugierde." meinte er, auf seine Großmutter deutend. Er hätte nie im Leben zugegeben, dass er mindestens genauso begierig wie Granny war, zu erfahren, wer der Anrufer gewesen war und was er von Mac wollte.
"Das war Rob." erklärte Mac.
Harms Arme verschränkten sich völlig ohne sein Zutun. Mac spürte seinen Blick intensiv auf sich ruhen. "Was wollte er?" fragte Harm, bemüht seine Stimme neutral zu halten, so als hätte er nicht schon ganz genau gehört, was Rob wollte. Die eigentliche Frage war: Was hatte Mac ihm geantwortet?
"Oh, er hat Karten für eine Mitternachts-Serenade und fragte, ob ich ihn begleiten will." erwiderte Mac.
Harms Brauen wanderten noch etwas höher. "Und?" Sein Flyboy-Lächeln war wie weggewischt, "Was hast du Bob geantwortet?"
Mac sah ihn prüfend an. Sie kannte Harm jetzt seit fast vier Jahren und vermutlich besser als jeder andere Mensch auf der Welt, aber sie konnte einfach nicht sagen, ob die Spur von Eifersucht, die in seinem Verhalten lag, echt war oder nur Teil des Schauspiels für Granny und Will. "Ich hab gesagt, dafür ist es jetzt zu spät." beantwortete sie seine Frage.
Harm sagte nichts, nur seine Haltung entspannte sich etwas.
Granny warf ihrer 'Adoptivenkelin’ einen fragenden Blick zu. "So spät ist es doch noch gar nicht."
"2040." bestätigte Will.
Mac war etwas irritiert. Vermutlich hatten die beiden Senioren ihren Hinweis, es sei 'zu spät’, aufgrund ihrer inneren Uhr auf die Uhrzeit bezogen und nicht darauf, dass Mac schon mit jemand anderem zusammen sein könnte und sich deshalb nicht mehr zu Rendezvous einladen ließ.
Sie erhob sich aus dem Sessel und sah sich nach ihrer Jacke um. "Was ist, Flyboy, kommst du mit auf einen Spaziergang in Richtung der nächsten Eisdiele? Schließlich musst du mich dafür entschädigen, dass ich deinetwegen einen Mann habe abblitzen lassen, dessen Tante und Onkel eine riesige Villa haben mit einem Pool so groß wie das Mittelmeer..."
"Du wirst es nicht bereuen, Sarah." Harm lächelte seine Partnerin an und half ihr galant in die Jacke.
Die beiden Senioren sahen überrascht hoch, als sie Macs richtigen Namen aus seinem Munde hörten, doch dann entschieden sie wohl, dass dem keine weitere Bedeutung zuzuschreiben war und begannen im Wohnzimmerschrank nach einem Kartenspiel zu suchen.
Mac nahm die Hundeleine vom Haken, pfiff nach Jingo und schon waren sie aus dem Haus.
0330 Z-Zeit (22:30 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Ein Schnüffeln und ein verhaltenes Bellen erklangen in der Dunkelheit, als sich die drei nächtlichen Spaziergänger wieder Harms Apartment näherten. Harm und Mac gingen jetzt schon seit einer ganzen Weile schweigend nebeneinander her. Mit jedem anderen Menschen hätte Mac das Schweigen vielleicht als belastend empfunden und versucht, Smalltalk zu machen, doch jetzt, hier und mit Harm hatte sie nicht das Gefühl, unbedingt etwas sagen zu müssen.
Sie blickte hinüber zu Harm und dann hinab auf seine Hand. Seltsamerweise hätte sie jetzt gerne einfach so nach seiner Hand gegriffen. "Das kommt nur von dem ganzen Theater, das wir Granny und Will die ganze Zeit vorspielen müssen!" redete sie sich selbst ein. Außerdem hielt sie ein Eis in der Linken und ihr rechter Arm steckte noch immer im Gips.
Sie gingen die Treppe zu seinem Apartment hinauf und Harm wartete vor der Türe, bis Mac das letzte Stückchen der Eiswaffel gegessen hatte. Dann streckte er seine große Hand aus und sie legte ihre vertrauensvoll hinein. Harm schloß mit der Linken die Türe auf und sie traten schweigend ein.
Granny und Will saßen am Wohnzimmertisch und spielten offensichtlich Poker. Granny hatte mehrere hohe Stapel Chips vor sich, während Will nur noch einige wenige Chips und einen verzweifelten Gesichtsausdruck aufweisen konnte. "Ich glaube, ich habe soeben seine Pension für die nächsten zehn Jahre gewonnen!" verkündete Granny mit einem typischen Rabb-Lächeln.
Will stöhnte. "Und ich kann mich nicht einmal von meiner Enkelin verpflegen lassen, denn dich habe ich soeben auch verspielt, Sarah." erklärte er mit einem Schmunzeln.
Harm drückte auffällig Macs Hand, die er noch immer in der seinen hielt, doch die beiden Rentner waren so sehr damit beschäftigt, ihre Chips zu zählen, dass sie es scheinbar nicht bemerkten. "Keine Angst, Marine, du bleibst ja in der Familie." meinte er amüsiert.
Sie gingen ins Schlafzimmer hinüber, während Will fortfuhr, auch seine restlichen Chips zu verlieren.
"Mac, wir müssen uns jetzt wirklich so langsam etwas einfallen lassen, was wirklich überzeugend ist," meinte Harm, als sie schließlich nebeneinander im Bett lagen, "sonst reisen Granny und Will noch ab, ohne dass sie glauben, dass weiteres Verkuppeln nicht nötig ist - und in wenigen Wochen haben wir sie wieder auf dem Hals, vermutlich diesmal mit einem Dutzend weiterer Rentner als Verstärkung!" Harm schauderte bei diesem Gedanken, "Wie wäre es, wenn wir es morgen mal mit einem ultimativen Liebesbeweis versuchen?"
Mac grinste. "Mmmh, du gehst mit mir zu Beltway Burgers, wow!" Sie tat begeistert.
"Das wäre kein Liebesbeweis, das wäre ein Mordversuch," verbesserte Harm kritisch, "Nein, ich meine damit, du könntest mich deine Corvette fahren lassen." Er grinste wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum.
"Aha! Ich wusste es, du willst mich nur wegen meines Autos!" Mac stützte sich auf einem Ellenbogen auf und gab sich empört.
"Aber nein, Marine, nicht nur wegen des Autos," versicherte Harm und sah ihr betont aufrichtig in die Augen, " - dein Apartment finde ich auch nicht schlecht."
"Du hast es so gewollt, Fliegerheld, das bedeutet Krieg!" Bevor Harm reagieren konnte, war Mac auf den Knien und schlug ihm ihr Kissen an den Kopf.
Innerhalb von Sekunden entstand eine heftige Kissenschlacht zwischen Navy und Marine Corps. Harm flogen mehr Kissen um die Ohren, als er überhaupt gewusst hatte, dass in seinem Schlafzimmer waren, während er sich selbst etwas mehr zurückhielt, aus Angst, Mac und ihrem gebrochenen Arm weh zu tun.
Mac war eine solche Zurückhaltung fremd. Sie benutzte den Gips, um seine Schulter gegen das Bett gedrückt zu halten, während sie ihm mit der Linken das Kissen ins Gesicht drückte.
"Mmpf! Mmmmaaaac!" ertönte es gedämpft.
"Gibst du auf, Flyboy?" fragte Mac triumphierend.
Harm streckte seine starken Arme aus, um seine schlankere Partnerin von sich wegzudrücken, aber Mac war schneller und warf sich rittlings auf ihn, um ihn unten zu halten.
"Ufff! Ich glaube, Webb lag noch zu niedrig mit seiner Schätzung! Es machen es sich gerade zwei Zentner Marine- Colonel auf meiner Pizza und dem Eis bequem!" stöhnte Harm. Er schaffte es, einen Arm freizubekommen, wälzte sich herum und mit einer fließenden Bewegung hatte er Mac unter sich begraben. Unbarmherzig begann er sie durchzukitzeln. "Wer gibt hier auf, Marine?" fragte er lachend.
Plötzlich hatte er das starke Gefühl, beobachtet zu werden und lauschte. Im Wohnzimmer war nichts mehr von den Kartenspielern zu hören. Er vermutete, dass Granny und Will von dem Lärm der Kissenschlacht angelockt worden waren und jetzt am Eingang zum Schlafzimmer standen und sie beobachteten. "Jetzt ist die Gelegenheit!" ging ihm durch den Kopf. Er hörte auf, Mac zu kitzeln und sah auf sie hinab. Ihre Mundwinkel kräuselten sich vor Lachen und ihre braunen Augen richteten sich fragend auf ihn, als er die Hände wegnahm.
Harm beugte sich noch ein wenig mehr hinab und küsste seine Partnerin rasch und sanft auf die Lippen, kaum mehr als ein Hauch, aber auch von zwei altersschwachen Rentner-Augenpaaren sicher nicht mißzuverstehen.
Er spürte im selben Augenblick, wie Mac sich unter ihm versteifte und er fragte sich plötzlich, ob er zu weit gegangen war. Er nahm sich vor, dieses ganze Theater eher zu beenden, als zu riskieren, Macs Freundschaft zu verlieren. Er beugte sich abermals zu ihr hinab und sagte leise, so als flüstere er ihr irgendein Kosewort ins Ohr: "Bitte keine Karateschläge, Marine, wir haben Zuschauer!"
Er rollte sich in seine Hälfte des Bettes zurück und sie sahen beide zum Eingang hinüber. Dort stand, mit schiefgelegtem Kopf - Jingo.
Mac stöhnte. All der Einsatz - und völlig umsonst. "Darf ich dir jetzt den Karateschlag geben?" fragte sie ironisch, obwohl ihr eigentlich nichts ferner lag als Harm zu schlagen. Sein beinahe noch freundschaftlicher Kuß hatte sie zwar überrumpelt, aber er war so sanft gewesen, so ... "Rotes Licht, Marine!" warnte sie sich selbst.
Harm und Mac griffen gleichzeitig nach etwas auf ihrem jeweiligen Nachttisch. Harm winkte einladend mit 'Hamlet’, während Mac die Akte des Falles präsentierte, an dem sie gerade arbeiteten. Sie mussten beide lachen und alles Angespannte, Seltsame an der Situation verflog.
Bedauernd legte Harm das Shakespeare-Stück weg, griff nach Stift und Block und rückte näher, damit sie gemeinsam in die Akte sehen konnten.
"Da sollten wir noch mal nachhaken, Petty Officer Rynes Aussage erscheint mir etwas ... inkonsistent." meinte Mac nach einer Weile.
Harm nickte und kritzelte etwas auf seinen Block. Mac rückte näher, um zu lesen, was er bisher schon geschrieben hatte und schob seine Hand, die die Schrift bedeckte, ein wenig beiseite.
Am Eingang des Schlafzimmers räusperte sich jemand. Harm und Mac blickten von der Arbeit auf. Granny und Will standen da, mit Nachthemd und Flanell-Pyjama in der Hand, um ins Badezimmer zu gehen. Statt dies jedoch zu tun, standen sie stumm da und sahen lächelnd auf ihre Enkel hinab.
"Etwas nicht in Ordnung?" erkundigte sich Harm und sah an sich hinunter. Hatte er etwa wieder Tinte auf dem T-Shirt?
"Wir dachten nur gerade so bei uns, was für ein schönes Paar ihr doch seid." erklärte Will harmlos.
Harm und Mac sahen sich verblüfft an. Zum ersten Mal seit Tagen agierten sie nur rein freundschaftlich, arbeiteten lediglich, anstatt Granny und Will eine Beziehung vorzuspielen und was geschah? Ausgerechnet jetzt stellten die beiden Rentner fest, welch schönes Paar sie seien!
"Das darf ja wohl nicht wahr sein!" entfuhr es Mac.
"Oh, Entschuldigung, wir hatten ja versprochen, endlich damit aufzuhören. Wir wissen, dass ihr nur Freunde seid." versicherte Granny, die Macs Satz anders interpretierte als er gemeint war, und verschwand im Badezimmer.
0905 Z-Zeit (04:05 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm erwachte und lauschte in die Dunkelheit. Irgendwo neben ihm atmete Mac ruhig aus und ein. Diesmal war er auch nicht aufgewacht, weil ihm kalt wäre, sondern weil er durstig war. Lautlos, um Mac nicht zu wecken, glitt er unter den Decken hervor und ging die wenigen Treppenstufen zur Küche hinab. Ein Blick zurück über die Schulter zeigte ihm, dass Mac sich im Schlaf auf seine Hälfte des Bettes herüberrollte und dort weiterschlief.
Barfuß ging er zum Kühlschrank hinüber und nahm eine Flasche Mineralwasser heraus. Jingo tauchte neben ihm auf und Gypsie drückte ihren Rücken gegen seine Pyjama-bekleideten Beine, bevor sie auf den Küchentresen sprang. Harm griff eilig zu, bewahrte mit einer Hand sein Glas vor dem Umkippen und nahm mit der anderen die Katze vom Tisch. "Was hab ich dir über solche Kletterpartien erzählt, junge Lady?" fragte er und sah sie streng an, "Wir wollen doch keinen Ärger mit der hübschen Herrin deines Freundes bekommen, oder?"
"Määäh!"
"Na siehst du," Harm kraulte die Katze hinter den Ohren und setzte sie dann am Boden ab, "Ich hätte dir auch nicht geraten, diesen Marine zu verärgern... sie kann ziemlich gut mit Kissen umgehen!" Harm lachte vor sich hin.
Er stellte die Flasche in den Kühlschrank zurück. Jingo saß neben ihm und sah mit einem mitleidserregenden Blick zwischen Harm und seinem leeren Futternapf hin und her. Mit traurigen Augen sah er zu Harm hinauf. Harm seufzte. "Okay, her damit!" Er bückte sich nach dem Futternapf, "Aber kein Wort zu Mac, hörst du, Hund?"
Genau auf dieses Stichwort betrat Mac die Küche und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Tresen. Sie trug das Oberteil von Harms Pyjama, das ihr bis über die Knie ging, und ihre Haare waren etwas zerzaust. "Mein Hund und mein Partner halten mitten in der Nacht ein Schwätzchen in der Küche. Diskutiert ihr die letzte Ausgabe des Playboy oder über eure Lieblingshundefutter-Sorte?" fragte sie neckisch. Ihre Augen funkelten hellwach und schelmisch.
Harm versteckte eilig Jingos Futternapf hinter dem Rücken. "Ich bin Vegetarier, Mac, ich diskutiere nicht über Hundefutter." behauptete er mit einem Lächeln.
"Und den Playboy habe ich Jingo verboten, also, worüber habt ihr geredet?" Mac setzte ihren strengen Verhör-Blick auf.
"Ich habe lediglich meine Dankbarkeit dafür ausgedrückt, dass er jetzt nicht mehr jede Nacht so unverhofft aufs Bett springt," erklärte Harm mit Unschuldsmiene, "Obwohl es auch nicht viel besser ist, wenn dein Hund sich in den Korb meiner Katze quetscht." Anklagend sah er Mac an.
"Ist doch wirklich nett von Jingo, deiner Katze Gesellschaft zu leisten." verteidigte Mac ihren Hund.
"Nett? Es ist wohl eher nett von meiner Katze, dem alten Kerl da drüben den Rücken zu wärmen." wandte Harm grinsend ein.
"So wie ich dir, meinst du?" Macs Lippen kräuselten sich amüsiert.
Harm grinste auf die für ihn typische Art. "Du mir den Rücken wärmen?" fragte er skeptisch, "Marine, deine Füße sind so kalt, dass ich jedes Mal, wenn du sie zu mir herüber streckst, bis Mittag brauche, um meine Beine wieder aufzutauen!"
"Erzähl hier keine Ammenmärchen, Flyboy," befahl Mac, "Komm zurück ins Bett - meine Füße werden kalt!" Sie lachte schelmisch, "Und was das hier betrifft..." Sie nahm dem sprachlos dastehenden Harm den Futternapf, den er noch immer hinter dem Rücken hielt, aus der Hand, "...ich wollte, du wärst mit Jingos Ernährung so streng wie bei meiner! Jingo bekommt sein Futter abends, nicht um 4. 12 Uhr nachts!"
Harm lächelte entschuldigend. "Tja, ich kann einem bittend blickenden Paar brauner Augen eben nicht widerstehen!" erklärte er scherzhaft und folgte Mac zurück ins Schlafzimmer.
2115 Z-Zeit (16:15 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm hielt Mac die Türe des Gerichtssaales auf und folgte ihr dann nach draußen. Sie hatten den Verteidiger heute vor Gericht wirklich blass aussehen lassen und wie es momentan aussah, war ein weiterer Sieg für das Team Rabb - MacKenzie nur noch eine Frage der Zeit. "Schon etwas vor heute Abend, Colonel?" erkundigte sich Harm gutgelaunt.
"Na ja, eigentlich wollte ich es mir im Bett gemütlich machen und mein Buch zuende lesen." erwiderte Mac mit einem Schmunzeln.
"Du meinst wohl MEIN Buch." verbesserte Harm. Inzwischen hatte Mac ihn mit 'Hamlet’ bereits überholt.
Mac zuckte nur die Schultern, während sie nebeneinander das Großraumbüro betraten. "Wieso, was hattest du im Sinn? Ein Abendessen, um unseren Erfolg heute zu feiern?" wollte sie wissen.
Harm schüttelte betont geheimnisvoll den Kopf. "Ein Date." erklärte er feierlich.
Hinter ihnen klatschte ein Stapel Akten auf den Boden. Harm und Mac drehten sich verwundert um. Bud Roberts stand vor ihnen, mit offenem Mund, großen Augen und einem Dutzend Akten zu seinen Füßen verstreut. Er starrte sie volle zehn Sekunden nur an, bevor er sich bückte und begann, seine Unterlagen wieder aufzusammeln.
"Warum sehen Sie uns so an, Bud?" erkundigte sich Mac. Hoffentlich hatte Bud den Hinweis auf das 'Date’ nicht gehört und missverstanden!
"Ähm, Ma’am... heute ist Dienstag, nicht wahr?" fragte Bud scheinbar zusammenhangslos.
Mac sah ihn an als zweifle sie ernsthaft an seinem Verstand. "Natürlich ist heute Dienstag, warum fragen Sie, Bud?"
Bud bekam rote Ohren, murmelte etwas von einer Wette und davon, dass er und Harriet das Geld gut für eine neue Kaffeemaschine gebrauchen konnten, und verschwand eilig um die Ecke.
Harm und Mac sahen sich verwundert an. "Manche Dinge ändern sich eben nie und Bud ist eines davon," meinte Harm grinsend, "Aber um auf unser Date zurückzukommen... der gute Bob hat mich gestern auf eine Idee gebracht..."
"Rob," warf Mac belehrend ein, "und bisher gibt es kein 'unser Date’."
"Komm bloß nicht auf die Idee, mit irgendwelchen Ampelsignalen um dich zu schmeißen, ich meine ja kein 'richtiges’ Date, sondern nur eine kleine Inszenierung für unsere beiden Nervensägen zuhause," erklärte Harm eilig, "Wenn du Robs Einladung abgelehnt hast, aber am nächsten Tag mit mir ausgehst..."
"Oder du mit mir..." unterbrach Mac ihn erneut und grinste schelmisch.
Harm erwiderte das Lächeln. Diese Wirkung hatte ein Sarah-MacKenzie-Lächeln immer auf ihn. "Oder wir zusammen..."
Mac nickte. "Oder wir zusammen," Diesen Kompromiß akzeptierte sie endlich, "dann merken Granny und Will, dass es mir nicht wegen der Uhrzeit zu spät war, Robs Einladung anzunehmen. Kein schlechter Plan ... für einen Sailor!"
"Ihr Marines seid ja wirklich eine gemeine Bande!" beschwerte sich Harm kopfschüttelnd.
"Nur nebenberuflich, Flyboy," entgegnete Mac ungerührt, "aber ich will mal nicht so sein, ich nehme die Einladung an - nur aus Mitleid natürlich."
0045 Z-Zeit (19:45 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Sarah Rabb kam ins Wohnzimmer gestürzt, so schnell und aufgeregt, daß sie beinahe über Harms lange Beine fiel. Harm schnellte sofort aus dem Sessel in die Höhe und umfasste den Ellenbogen seiner Großmutter mit einem sicheren, stützenden Griff, bis sie die Balance wiedergefunden hatte. "Granny! Übst du für den nächsten Iron-Man- Marathon oder wieso rennst du hier wie eine Irre durch die Wohnung? Genügt nicht eine Sarah mit einem gebrochenen Arm?" tadelte er sie besorgt.
"Harmon, hast du sie gesehen?" fragte Granny noch immer aufgeregt und deutete über ihre Schulter zum Schlafzimmer hinüber. Will trat neben sie, glücklicherweise langsamer als Granny gehend.
"Habe ich wen oder was gesehen, Granny?" fragte Harm geduldig, "Habe ich weiße Mäuse im Schlafzimmer, oder was ist los?" Er grinste amüsiert.
Granny schlug ihn mit dem Handrücken auf den Arm - eine Geste, die sie sich bei Mac abgeschaut haben musste. Will tippte ihr auf die Schulter, um sie auf etwas aufmerksam zu machen, doch sie legte nur ihre Hand auf seine und bedeutete ihm: "Einen Moment bitte, Will." Sie drehte sich wieder zu Harm um: "Scherzkeks! Nein, ich meine, hast du Sarah schon gesehen?"
"Nein, noch nicht - aber ich werde noch den ganzen Abend lang Gelegenheit dazu haben." erklärte Harm ruhig.
"Ja, das denkst du!" Seine Großmutter schüttelte den Kopf, als könne sie gar nicht glauben, wie blöd ihr Enkel war, "Sie macht sich gerade zum Ausgehen hübsch ... und wenn ich sage hübsch, dann meine ich auch hübsch! Vermutlich hat sie doch noch die Einladung von diesem Bob angenommen."
Harm verschränkte seelenruhig die Arme vor der Brust. "Rob, Granny - nicht Bob," belehrte er belustigt, "Unnd ich glaube nicht, dass sie das getan hat."
Granny starrte ihn an und erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Enkel nicht Jeans und T-Shirt trug, so wie üblich, wenn er zuhause war, sondern einen dunklen, eleganten Anzug inklusive Weste und Fliege. Er sah aus ... wie sein Vater und Großvater vor ihm, nämlich atemberaubend, fand Granny.
Bevor sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte und eine Frage stellen konnte, kam Mac aus dem Schlafzimmer. Auf sie traf dasselbe Attribut zu; auch sie sah atemberaubend aus. Sie trug ein schwarzes Kleid, das relativ schlicht und nicht zu tief geschnitten war und dennoch ihre gute Figur betonte. Das Kleid war geradezu perfekt für Sarah MacKenzie, fand Harm, sie brauchte keinen Prunk und keine Perlen; ihre Augen glänzten wie zwei Diamanten. Nicht einmal der Gipsarm störte das perfekte Bild wesentlich.
"Wow, du bist pünktlich, Commander!" sagte sie zu Harm, als wäre er eben vor ihrer Haustüre erschienen, um sie abzuholen.
"Tja, meine Partnerin ist eine Pünktlichkeits-Fanatikerin und ich hab befürchtet, dass ich kein Abendessen mehr bekommen würde, wenn ich zu spät komme." entgegnete Harm ohne auch nur für einen Moment den Blick von ihr abzuwenden. Er war heilfroh, dass sie so wie sie heute Abend aussah nicht mit Bob ... Rob ausging.
"Hätte ich dir das angetan, Spargeltarzan?" fragte Mac und hängte sich mit ihrem gesunden Arm bei ihm ein. Sie nickten ihren Großeltern zu und verließen scherzend und lachend das Apartment.
Granny und Will ließen sich auf die Couch sinken, die Augen auf die Türe gerichtet, wo eben ihre Enkel verschwunden waren. "Sah das nach einem semi-professionellen Geschäftsessen aus?" fragte Granny ihren Freund und Komplizen geschockt.
0045 Z-Zeit (19:45 Uhr EST)
Le Roi
Washington D.C.
Harm und Mac wurden von einem Oberkellner an ihren Tisch geführt. Harm rückte Mac den Stuhl zurück, bevor auch er sich setzte.
Langsam sah er sich um. Die Tische standen in einiger Entfernung voneinander, um den Gästen genügend Privatsphäre zu geben, und waren elegant gedeckt. Überall sah man Kellner in gestärkten Hemden, die sich höflich nach den Wünschen der Gäste erkundigten. "Das ist doch etwas anderes als Beltways oder McMurphys!" meinte Harm, auf Macs Vorschläge von heute Nachmittag anspielend.
"Und auch ein bisschen teurer als Beltways oder McMurphys." wandte Mac sachlich ein.
"Mach dir darum mal keine Sorgen, Frau Anwältin, ich sagte doch, dass ich bezahle." erklärte Harm großzügig.
"Ja, und hinterher darf ich dann für drei Monate deinen Papierkram erledigen, um für die Kosten aufzukommen." meinte Mac skeptisch, aber wer sie so gut kannte wie Harm, der bemerkte das Funkeln ihrer tiefbraunen Augen und wusste, dass sie nur scherzte.
"Was, nur drei Monate? Du vergisst wohl die Miete dafür, dass ich dich bei mir wohnen lasse, mitsamt deinem alten Hund, der sich im Katzenkorb breit macht!" gab Harm den Scherz zurück. Er breitete die Arme aus, um zu zeigen, wie viel Platz Jingo in Gypsies Korb einnahm und stieß dabei versehentlich Macs Wasserglas um.
Das Wasser durchtränkte die Tischdecke und auch Mac bekam einige Spritzer ab. Harm sprang sofort auf und kam mit seiner Serviette um den Tisch herum, um seine Partnerin 'trocken zu legen’.
"Wage es bloß nicht, Flyboy!" Mac ergriff ihre eigene Serviette und wischte das Wasser von ihrem Kleid.
Harm setzte sich wieder und betupfte mit seiner Serviette das Tischtuch.
"Überlaß es einem Sailor, zu einem Date zu gehen und sofort eine Überschwemmung zu verursachen!" scherzte Mac, während der Kellner ihnen zur Hilfe eilte, "Ich hätte wohl besser eine Schwimmweste statt einem Kleid anziehen sollen."
Harm antwortete nicht, sondern sah zur Decke hinauf. Verwunderte folgte Mac seinem Blick, sah jedoch nichts außergewöhnliches. "Was ist?"
Harm grinste. "Oh, ich dachte nur eben, da ich mal Pilot war müsste deiner Logik zufolge auch gleich etwas vom Himmel fallen!" erklärte er belustigt.
Mac warf ihm die nasse Serviette an den Kopf. "Das kannst du haben, Flyboy!"
Der Kellner ging mit einem Blick davon, der deutlich zeigte, dass er sich eben fragte, ob dieses edle Restaurant wirklich das richtige für diese beiden übermütigen Gäste war.
"Was Granny und Will wohl gerade machen?" überlegte Mac, nachdem sie einige Minuten später ihr Essen bestellt hatten.
Harm zeigte sein Flyboy-Lächeln. "Die raufen sich die Haare und laufen tiefe Rillen in meinen Parkettboden, während sie darauf warten, dass wir zurückkommen, damit sie uns endlich ins Kreuzverhör nehmen können." entgegnete er amüsiert.
Mac schien seine Antwort nicht gehört zu haben. Sie starrte quer durch den Raum und nagte an ihrer Unterlippe. "Oh Mist!" murmelte sie leise.
"Mac?" Harm wollte sich umdrehen, um zu sehen, was Mac eben erblickt hatte, das sie fluchen ließ.
"Nicht umdrehen!" zischte Mac, "Du wirst es nicht glauben, aber eben ist der Admiral mit Sydney Walden hereingekommen!" Sie stöhnte, "Wir haben vielleicht ein Glück! Wenn er uns hier so sieht, werden wir morgen gleich wieder zu einer Standpauke über unsere 'Beziehung’ in sein Büro gerufen!"
"Was tun sie?" erkundigte sich Harm mit gesenkter Stimme.
"Sie setzen sich gerade - glücklicherweise am anderen Ende des Raumes," Mac atmete auf, "Was tun wir jetzt?"
Harm zuckte die Schultern. "Sieht nicht so aus, als ob wir viel machen könnten. Wenn wir versuchen, hier rauszukommen, sehen sie uns, also bleiben wir hier sitzen und hoffen und beten, dass sie uns nicht entdecken." schlug er vor.
Der Kellner kam mit ihrem Essen und Mac duckte sich hinter ihren breitgebauten Partner, der mit dem Rücken zu Chegwidden saß. Der Kellner servierte und verließ den Tisch wieder, diesmal verwundert darüber, wie ruhig und gesittet sich die beiden Gäste jetzt plötzlich verhielten.
Mac sah auf ihren Teller hinab und stellte fest, dass der Kellner ihre Gerichte verwechselt hatte. Sie reichte Harm sein Lachsfilet auf Kaiserinnen-Gemüse über den Tisch und nahm ihr Reh-Medaillon entgegen. Sie sahen sich an und mussten plötzlich lachen.
"Gut, dass wir nicht wirklich beginnen, uns zu verabreden - es würde vermutlich in einem vollkommenen Desaster enden!" meinte Harm kopfschüttelnd.
"Ja, wahrscheinlich würde Washington von einer Flutkatastrophe heimgesucht oder von Aliens besetzt werden!" stimmte Mac scherzhaft zu.
Einträchtig begannen sie zu essen. Kaum hatte der Kellner die leeren Teller abgeräumt, begann Mac plötzlich unruhig auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.
"Was ist, Mac? Die Toiletten sind da hinten!" kommentierte Harm mit freundschaftlichem Spott.
"Ja, das hat der Admiral wohl auch gerade bemerkt," flüsterte Mac, "Er sieht in diese Richtung und es sieht ganz so aus, als würde er gleich hier rüberkommen. Oh, oh, da steht er schon auf!"
Harm sah sich um. Ihr Tisch lag genau zwischen dem des Admirals und den Toiletten.
"Glaubst du, es fällt auf, wenn ich unter den Tisch rutsche?" stöhnte Mac verzweifelt.
Harm musste grinsen. "Das würde einen noch ungünstigeren Eindruck machen, wenn du da unten ertappt wirst." erklärte er zweideutig.
Mac trat ihn gegen das Schienbein.
"Autsch! Mac!" protestierte Harm, "Ich meinte doch nur, es wäre abträglich für den Ruf des Corps. Du behauptest doch immer, dass sich Marines nicht ducken."
"Das tun wir nicht - wir gehen in Deckung. Und jetzt ist ein guter Moment dafür." Mac versteckte sich hinter ihrer Dessert-Karte und Harm tat es ihr eilig nach.
Der Kellner sah es und trat neben ihren Tisch. "Haben die Dame und der Herr sich bereits für ein Dessert entschieden?" erkundigte er sich höflich.
Der Admiral war jetzt fast neben ihrem Tisch.
Mac vergrub die Nase noch tiefer in der Karte und Harm brummte ohne aufzusehen: "Nein."
Chegwidden verschwand in der Herrentoilette und Harm packte schnell den Kellner am Ärmel, als dieser gerade davongehen wollte. "Wir haben es uns anders überlegt. Ich hätte gerne die Rechnung - wenn’s geht schnell."
Der Kellner hob kritisch die Augenbrauen, nickte aber. "Ganz wie Sie wünschen." Eine Minute später kehrte er mit der Rechnung zurück. Harm hinterließ ein großzügiges Trinkgeld und sie verließen eilig das Restaurant, während Sydney glücklicherweise in die Speisekarte vertieft war.
Sie lachten auf der ganzen Fahrt nach Hause. Macs Kleid war fast wieder trocken und wenn sie ehrlich war, dann hatte sie sich bei diesem 'Rendezvous’ - auch wenn es eine einzige Katastrophe gewesen sein mochte - besser amüsiert als bei dem perfekten Abendessen mit Rob Beaumont.
0235 Z-Zeit (21:35 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Harm schloß die Türe auf und sah Mac fragend an. "Bereit für die Inquisition, Partner?"
Mac schmunzelte. "Solange ich nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt werde."
Sie traten ein und erwarteten, sich ihren ungeduldig wartenden Großeltern gegenüber zu sehen, die sie natürlich sofort mit Fragen über ihr 'heißes Date’ bombardieren würden.
Nichts dergleichen geschah. Will und Granny saßen friedlich nebeneinander auf der zweisitzigen Couch. Harms kleiner, tragbarer Fernseher lief, blieb jedoch unbeachtet, weil beide Rentner eingeschlafen waren. Grannys Kopf ruhte an Wills Schulter.
Als Harm leise die Türe schloß, hoben sie beide die Köpfe. "Oh, ihr seid’s." sagte Granny, als hätten noch unzählige andere Personen einen Schlüssel zu Harms Apartment.
"Wo sind Rob und ... wie hieß sie noch gleich?" erkundigte sich Will.
"Wie hieß wer? Helen Price?" Harm runzelte die Stirn, "Hey! Mac... Sarah und ich waren ganz alleine aus, wir brauchen nicht noch mehr Gesellschaft." beteuerte er.
"Und jetzt zückst du vermutlich gleich wieder ein Polaroid, um das zu beweisen." murmelte Granny skeptisch und hob schläfrig den Kopf von Wills Schulter.
Harm grinste und griff in die Innentasche seiner Weste. Dann verging ihm das Grinsen und ihm fiel wieder ein, dass er die Kamera zwar dabeigehabt hatte, wegen ihrem überstürzten Aufbruch aber nicht dazu gekommen war, auch wirklich ein Bild zu machen.
"Es ist ja wirklich lieb von euch, dass ihr euren alten Großeltern nicht weh tun wollt, indem ihr euch mit anderen Personen verabredet," sagte Granny sanft und Will nickte, "aber wir sind keine kleinen Kinder mehr, wir haben uns damit abgefunden, dass nicht alle unsere Wünsche in Erfüllung gehen." Sie schloß die Augen wieder.
Harm und Mac sahen sich an und stöhnten resigniert. Scheinbar konnten sie zur Zeit tun, was sie wollten, sie überzeugten lediglich die Personen, die sie nicht überzeugten wollten, davon, dass sie ein Paar bildeten. Sie löschten das Licht und gingen ins Schlafzimmer hinüber.
"Eins wollen wir aber mal klarstellen, Commander Harmon Rabb!" sagte Mac als sie ein paar Minuten später im Pyjama-Oberteil aus dem Bad kam und unter die Decke schlüpfte, "Normalerweise gehe ich beim ersten Rendezvous nicht gleich mit einem Mann ins Bett!"
Einen Moment lang starrte Harm sie nur an, dann lachte er. Hatte er ihr eigentlich je gesagt, wie sehr er ihren Humor mochte? "Du weißt doch, was man über Dress Whites und Gold Wings sagt..." meinte er mit einem besonders breiten Flyboy-Grinsen.
Mac gab sich unbeeindruckt. "Daß ihre Träger arrogant, selbstsüchtig und größenwahnsinnig sind?"
Harm schüttelte den Kopf. "Daß sie immer die hübschesten Marines abschleppen." entgegnete er lächelnd.
Mac streckte die Hand aus und einen Moment lang glaubte er, sie würde ihm einen der vertrauten Schläge versetzten, aber dann glättete sie nur rasch eine seiner Haarsträhnen. "Das nehme ich als Kompliment, Flyboy!"
"Wer sagt, dass ich von dir gesprochen habe, Sarah MacKenzie? Wer von uns beiden ist hier nun größenwahnsinnig?" neckte Harm.
Er kassierte doch noch einen leichten Schlag und schloß zufrieden die Augen.
1128 Z-Zeit (06:28 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac schlief tief und fest, umgeben von einem Gefühl von Geborgenheit und Wärme, das ihr sonst fehlte und dafür sorgte, dass sie mit weniger als fünf Stunden Schlaf pro Tag auskam. Aber nicht heute. Heute war sie fest entschlossen, so lange wie möglich weiterzuschlafen.
"Mac? Aufwachen!" sagte die sanfte Stimme ihres Partners dicht neben ihr.
Mac rührte sich nicht. Nichts sprach dafür, dass sie ihn überhaupt gehört hatte.
"Mac, es ist schon fast halb sieben!" Harms Stimme wurde etwas lauter.
"Hmmm?" Mac hob unwillig die Augenlider, als ihr Kissen sich bewegte. Der weiße Stoff direkt vor ihren Augen stammte nicht etwa vom Bettlaken, sondern von Harms T-Shirt. Mac stellte fest, dass ihr Kopf auf Harms Brust ruhte, ihr gesunder Arm um ihn geschlungen, sein Arm irgendwo unter ihr und ihre - warmen - Füße gegen seine gepresst.
"Gab es heute Nacht einen kleinen Energieausfall bei deiner inneren Uhr, Marine, oder was ist los?" neckte Harm seine eben erst erwachte Partnerin.
"Meine innere Uhr benötigt weder Strom noch Batterien ... sie läuft Beltway-Burger-betrieben! Ich habe noch eine Minute und zwölf Sekunden." erklärte Mac schmunzelnd und jetzt hellwach. Dennoch machte sie keine Anstalten, aufzustehen.
"Mac, könnte ich mal meinen Arm zurückhaben?" Neckisch zog Harm an dem Arm, der irgendwo unter Mac begraben war.
Mac rührte sich nicht vom Fleck und schüttelte triumphierend den Kopf. "Marines geben eine Beute, die sie erobert haben, nicht so einfach wieder heraus! Du solltest eben ordentlicher mit deinen Sachen umgehen, wenn du nicht willst, dass du sie verlierst!"
"Ha, und das sagt die Frau, deren Büro man manchmal tagelang nicht betreten kann, weil überall Papier und Akten herumliegen." entgegnete Harm kopfschüttelnd.
"Mein Büro ist sehr wohl organisiert!” protestierte Mac mit würdevoller Miene.
Harm grinste nur. "Okay, Miss Organisation, dann könntest du mir ja auch den vermißten Arm zurückgeben, oder?”
Mac rollte sich herum und erhob sich. "Schade - ich hätte ihn wirklich gut gebrauchen können." kommentierte sie auf ihren Gipsarm weisend.
Als sie ein paar Minuten später in die Küche kamen, hatten Granny und Will bereits den Frühstückstisch gedeckt und warteten auf ihre Enkel.
"Tut mir leid, aber dieser Marine hier wollte ihre 10% mehr Körperfett heute einfach nicht aus dem Bett hieven!" erklärte Harm.
"Nur, weil ich einer gewissen Bohnenstange helfen musste, ein vermisstes Körperteil zu suchen!" entgegnete Mac mit einem teuflischen Grinsen. Sie wurde ein wenig rot, sagte sich aber, dass all die Andeutungen nur dazu beitragen sollten, dass sie endlich ihre Ruhe vor den kupplerischen Tendenzen ihrer Großeltern hatten.
Aber Granny und Will schienen die Zweideutigkeit ihrer Bemerkung überhaupt nicht zu registrieren. "Ja, ich weiß wie das ist, wenn man daran gewöhnt ist, allein im Bett zu schlafen," meinte Granny verständnisvoll und rührte gemächlich in ihrer Kaffeetasse, "Ich bin nachts auch schon aufgewacht und musste meine Füße unter Wills hervorzerren."
"Bald kannst du dich ja wieder ganz alleine in deinem Bett in Belleville breit machen." beruhigte Will sie lächelnd.
Harm und Mac wechselten einen vielsagenden Blick über die Ränder ihrer Kaffeetassen hinweg. "Ihr wollt schon wieder abreisen?" fragte Mac zwischen zwei Bissen Nutella-Brötchen.
Will zuckte die Schultern. "Na ja, die Hochzeit muß vorbereitet werden und..."
"Hochzeit?" echoten Harm und Mac im Chor.
Will lachte. "Anwälte! Schnell mit Schlussfolgerungen zur Hand, typisch! Deine Großmutter ist zwar eine reizende Frau, Harmon, aber ich habe mir vorgenommen, nicht vor meiner Enkelin zu heiraten!"
Die beiden Sarahs am Tisch erröteten, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
"Ich rede von der Hochzeit von Sarahs ... Macs Cousin, John, mit Hazel Bearpaw," erklärte Will, "John hat sonst kaum Verwandte und deshalb werde ich ihm bei den Vorbereitungen helfen. Sarah und ich werden am Freitag morgen, 0700 Uhr, abfliegen."
Harm und Mac sahen sich stumm an. "Das gibt uns 48 Stunden, um sie davon zu überzeugen, dass es nicht nötig ist, wiederzukommen, um uns auch noch in den Hafen der Ehe zu steuern." signalisierten Harms Augen.
"48 Stunden und 12 Minuten, Flyboy!" verbesserte Macs Blick, "Und diese Zeit sollten wir nutzen!"
"Okay." antwortete Harm in der stummen Konversation, die nur sie bemerkten.
Sie erhoben sich, um ihre Aktentaschen zu packen. Harm stoppte Mac jedoch inmitten des Wohnzimmers, schielte aus den Augenwinkeln zum Tisch hinüber, um sicher zu gehen, dass er seinen 'Auftritt’ nicht wieder allein für Jingo darbot und hauchte Mac dann einen zarten Kuß auf die Wange.
Mac schluckte.
Beide wandten sie den Kopf und sahen erwartungsvoll zu den Rentnern am Tisch hinüber.
Granny erhob sich und drückte ihrem Enkel eine Serviette in die Hand. "Damit geht’s besser." meinte sie und deutete auf ein bisschen Nutella, das Macs Mundwinkel und die Wange zierte.
1300 Z-Zeit (08:00 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm und Mac verließen Seite an Seite den Aufzug und betraten das Großraumbüro. Sie schafften es nicht einmal bis zu ihren jeweiligen Bürotüren, ehe ein strenger Ruf des Admirals sie stoppte: "Rabb! MacKenzie! In mein Büro - vorgestern!"
Sie wechselten einen Blick. "Oh, oh!" sagte Harm nur.
Mac bedachte ihn mit einem strengen Blick. "Hast du in letzter Zeit irgendetwas angestellt, von dem ich wissen sollte?" fragte sie in bester Marine-Manier.
"Wann hätte ich das auch tun sollen? Du hast mich ja in den letzten 10 Tagen und 20 Stunden nicht aus den Augen gelassen." Harm grinste, denn in Wirklichkeit war er weit entfernt davon, sich über Macs ständige Anwesenheit in seinem Leben zu beschweren.
"Kommt wohl daher, dass du einen Babysitter dringend nötig hast, Flyboy," gab Mac schlagfertig zurück, während sie zum Büro des Admirals hinübergingen, "Und nur zu deiner Information: Es waren 10 Tage, 22 Stunden und 29 Minuten."
"Wow, du zählst mit! Hört sich an, als hättest du jede Minute genossen!" scherzte Harm mit einem selbstbewussten Flieger-Grinsen.
Mac schnaubte gespielt verächtlich. "Das Zahnarzt-Prinzip, Flyboy - wenn man mitzählt, geht es schnelller vorbei." Sie lächelte zuckersüß.
"Du vergleichst mich, den Herrn der Lüfte, mit einem Zahnarzt?" Harm täuschte ungläubiges Entsetzen vor.
Mac zuckte mit den Achseln. "Wo ist da der Unterschied? Männer in weißen Klamotten, die einen Spleen für Gold haben und ziemlich nervtötend sein können..."
"Und von der Hand im Mund leben?" warf Harm grinsend ein.
Der Admiral riß von innen seine Bürotüre auf. "Sagte ich vorgestern oder übermorgen?" grollte er seine beiden Top- Anwälte an.
Harm und Mac traten eilig ein, während Tiner hinter seinem Schreibtisch den Kopf einzog. Kein gutes Zeichen, sagten sich die zwei Offiziere und wechselten einen besorgten Blick. Hatte der Admiral sie gestern Abend im Restaurant etwa doch gesehen und wollte ihnen nun eine Predigt über 'kindische Versteckspiele’ halten? Oder ihnen sagen, sie sollten sich doch bitte schön entscheiden, ob sie nun ein Paar waren oder nicht - und zwar bevor ihre Kinder die High-School verließen?
Vorschriftsgemäß bezogen sie vor dem Schreibtisch des Admirals Aufstellung und blickten links und rechts an seinen Schultern vorbei, während A.J. Chegwidden hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. Vielleicht war es nicht so schlimm wie sie befürchteten; zumindest hatte er sich hingesetzt, das ließ Raum zu hoffen...
"Commander, sagen Sie mir: Wissen Sie eigentlich, wieviel Kosten Sie der Navy in den vergangenen Jahren schon verursacht haben?" erkundigte sich Chegwidden und fixierte Harm streng.
Harm hob verblüfft die Brauen. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. "Sir, ich dachte, die Sache mit der Decke des Gerichtssaales wäre im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen aus der Welt geschafft worden?"
"Egal wie oft ich sie auch daran erinnert habe, sich an das Budget zu halten, immer endete es damit, dass irgendetwas in die Luft flog, von Kugeln durchsiebt wurde oder in Flammen aufging!" fuhr der Admiral fort, als hätte Harm überhaupt nichts gesagt, "Aber damit nicht genug, nein, jetzt müssen Sie natürlich auch noch den kargen Sold ihres C.Os angreifen!"
"Sir?" Harm verstand kein Wort und Macs Blick verriet, dass sie ebenfalls nicht wusste, was sie mit den Worten des Admirals anfangen sollte.
"Hätte es nicht ein Samstag sein können?" grollte Chegwidden, "Mußte es unbedingt Dienstag sein?"
"Ähm, Sir, wir waren uns nicht bewusst, dass Sie für eine Vertagung unseres Falles waren, wenn Sie uns das gestern gesagt hätten..."
"Von was reden Sie da überhaupt, Rabb?" unterbrach ihn der Judge Advocate General unsanft.
"Sir, bei allem Respekt, aber das frage ich mich langsam auch," erlaubte sich Harm zu sagen, "Was meinen Sie dann wenn nicht den Sweeney-Fall?"
"Ich wette niemals über etwas, das die Arbeit betrifft!" stellte Chegwidden klar.
"Wetten?" ergriff Mac das Wort und erinnerte sich plötzlich an Buds seltsames Gestammel als er die Akten hatte fallen lassen, "Geht es um eine Kaffeemaschine, Sir?"
Der Admiral legte die Stirn in Zornesfalten, aber wer ihn kannte, der wusste, dass er nicht wirklich wütend war. "KAFFEEMASCHINE?!" knurrte er gedehnt, "Es geht nicht um eine Kaffeemaschine, sondern um fünfhundert Dollar - die ich Ihretwegen verloren habe! Die Roberts haben mit ihrem Dienstag den Jackpot abgeräumt!"
"Jackpot? Dienstag?" Selbst Mac, die für ihre Sprachbegabung bekannt war, wünschte sich plötzlich einen Übersetzer.
"Ich habe auf einen Samstag gesetzt, weil ich dachte, dann würden Sie sich am wenigsten unter meiner Kontrolle fühlen und endlich beginnen, sich zu verabreden!" ließ der Admiral endlich die Katze aus dem Sack.
Harm und Mac vergaßen für einen Moment, dass sie eigentlich stillstehen sollten und wechselten einen überraschten Blick. Langsam dämmerte ihnen die Wahrheit: Der Admiral, Harriet, Bud und vermutlich das gesamte restliche JAG-Team hatten eine Wette am Laufen, wann die beiden Top-Anwälte beginnen würden, miteinander auszugehen.
"Oh, Sir, ich würde mir nie erlauben, Ihren 'kärglichen Sold anzugreifen’!" versicherte Harm mit einer Version des Flyboy-Grinsens, die gerade so stark war, wie er in Anwesenheit des Admirals noch damit davonkommen konnte.
"Unter keinen Umständen, Sir!" stimmte Mac ihrem Partner zu. Ihre Lippe zog sich verdächtig nach oben, "Wir haben uns nicht verabredet, sondern nur so getan als ob, um die Großmutter des Commanders und meinen Großvater zu täuschen. Wir wollten lediglich erreichen, dass sie endlich aufhören, uns ständig zu verdächtigen und uns miteinander verkuppeln zu wollen, Sir."
Chegwidden schob den Unterkiefer vor. "Und woher zum Teufel weiß ich, dass ich und Ihre Kollegen nicht diejenigen sind, die hereingelegt werden sollen? Vielleicht erfinden Sie die ganze Geschichte ja nur, um eine Entschuldigung dafür zu haben, wenn Sie sich verabreden!"
"Sir, sehen so zwei verliebte Leute aus?" fragte Harm vernünftig. Ernst sahen Harm und Mac ihn an.
Chegwidden verzog das Gesicht. "Und ich dachte, Sie hätten sich an den Augen operieren lassen!" murmelte er fast unhörbar, "Rausgeschmissenes Geld!"
Harm sah ihn überrascht an, nicht sicher, ob er tatsächlich richtig verstanden hatte. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber der Admiral winkte ab. "Sie können wegtreten!"
Harm und Mac salutierten "Aye-aye, Sir!" erwiderten sie im Chor und marschierten zur Türe. Harm streckte eben die Hand nach der Türklinke aus, als die Stimme des Admirals sie zurückrief, diesmal sanfter: "Ach, Colonel, Commander... wie war eigentlich das Dessert?"
Mac, die noch weiter von der Türe entfernt war, drehte sich noch einmal zu ihrem Vorgesetzten um. "Keine Ahnung, Sir," antwortete sie automatisch, "soweit sind wir nicht ..." Dann brach sie ab und erstarrte, denn sie bemerkte nun, dass sie in eine geschickt aufgestellte SEAL-Falle getappt war. Der Admiral hatte sie im LeRoi nicht gesehen, er hatte nicht einmal sicher gewusst, ob die beiden wirklich aus gewesen waren oder ob sie es tatsächlich nur wegen Granny und Will behauptet hatten - bis Mac es ihm eben ungewollt verraten hatte.
Mac durfte gar nicht daran denken, welche Gründe Chegwidden wohl dafür verantwortlich machte, dass sie erst gar nicht bis zum Dessert gekommen waren! Ganz sicher hatten die Vermutungen des Admirals nichts mit einem gewissen Ex-Seal und seiner Freundin zu tun.
Der Judge Advocate General nickte ihnen noch einmal knapp zu. Leise zogen Harm und Mac die Türe hinter sich zu. Hätten sie zurückgeblickt, dann hätten sie das Lächeln gesehen, das um die Mundwinkel ihres C.O.s spielte.
"Dienstag!" murmelte A.J. Chegwidden kopfschüttelnd, "Immerhin ist es zumindest kein Sonntag gewesen ... Richter Morris hätte ich die 500 Dollar nun wirklich nicht gegönnt!"
1709 Z-Zeit (12:09 Uhr EST)
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia
Harm sah von der Akte auf, die er gerade las, und warf einen Blick zu Mac hinüber, an deren Schreibtisch sie gerade an ihrem Fall arbeiteten. Mac nagte leicht an ihrer Unterlippe und kritzelte mit der linken Hand Notizen auf einen Block.
Harm schloß seine Akte und sah sich suchend nach dem psychologischen Gutachten des Angeklagten um. Er begann, die auf dem Schreibtisch verstreuten Papiere und Aktenstapel hochzuheben.
"Halt! Stop!" befahl Mac sofort, "Faß hier nichts an, du bringst sonst mein System durcheinander!" Harm hob beide Brauen. "System? Mac, auf deinem Schreibtisch könnte nicht einmal ein Tornado etwas mehr durcheinanderbringen als es schon ist!" Amüsiert schüttelte er den Kopf und warf einen Blick auf die Uhr, "Wollen wir nicht mal eine Pause einlegen? Wir arbeiten jetzt schon seit drei Stunden und 44 Minuten ununterbrochen an dem Fall."
"Hey, das ist mein Satz!" protestierte Mac lächelnd, "Und ich möchte zumindest das Schlussplädoyer noch fertig machen, sonst müssen wir hier noch die Nacht verbringen."
"Oh, ist das ein Angebot?" fragte Harm grinsend.
Mac rollte mit den Augen. "Damit, am Fall zu arbeiten, Popeye!"
Harm öffnete den Mund, um ihr Spinat zum Frühstück anzudrohen, aber da klopfte es an der Türe und Bud und Harriet traten ein.
"Sir, Ma’am... stören wir gerade?" fragte Bud unsicher, als er die Berge von Akten auf dem Schreibtisch sah.
Mac schüttelte den Kopf. "Wir wollten ohnehin gerade eine Pause machen. Gibt es irgendein Problem?" Ernst sah sie zwischen Harriet und Bud hin und her. Es geschah nicht sehr oft, dass die beiden gemeinsam in ihrem Büro erschienen.
"Oh, nein, Ma’am!" versicherte Bud schnell, "Es ist nur so... wir wollten uns erkundigen, ob Sie und der Commander... heute Abend schon etwas vor haben."
Harm und Mac sahen sich an. Bud klang so, als würde er vermuten, dass sie bereits gemeinsame Pläne für den Abend hatten. Mac schüttelte den Kopf. "Im Moment ist mein Terminkalender, was den privaten Bereich betrifft, nicht gerade ausgebucht." erklärte sie mit einem selbstironischen Lächeln.
Harm musste den spontanen Impuls unterdrücken, aufmunternd seine Hand auf ihre zu legen. "Hey, du hast einen Ex-Piloten, einen Ex-Marine, eine Ex-Farmerin, einen Ex-Drogenhund und eine Ex-Streunerin zuhause - ich würde sagen, du bist mehr als ausgebucht!" sagte er stattdessen.
Harriet lächelte sanft als sie die Interaktion zwischen ihren beiden Vorgesetzten und Freunden beobachtete. "Sie haben heute Abend also Zeit?" fragte sie noch mal nach, "Bud und ich würden Sie gerne zu uns nach Hause einladen."
Wieder ein schneller Blickwechsel zwischen Harm und Mac. "Wir kommen - aber nur unter der Bedingung, dass Siee nicht wieder eine Verlobungsfeier oder etwas derartiges geplant haben. Bud, das, was Sie für ein Rendezvous hielten, war in Wirklichkeit nur ein Abendessen unter Kollegen, nichts weiter." versicherte Mac.
Harriet nickte. "Oh, natürlich, Ma’am!" Man sah ihr an, dass sie Mac kein Wort glaubte, "Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Großeltern auch mitbringen würden. Es war wirklich nett von ihnen, dass sie letzte Woche auf AJ aufgepasst haben."
Harm und Mac stöhnten unterdrückt auf. Ein Abend mit Granny und Will, die sie glauben machen wollten, dass sie ein Paar waren, und mit Harriet und Bud, denen sie genau das ausreden wollten... "Vielleicht sollten wir die Nacht doch lieber durcharbeiten." flüsterte Harm so leise, dass nur Mac es verstand.
Mac seufzte unterdrückt. "Wann sollen wir bei Ihnen sein, Harriet?"
2359 Z-Zeit (18:59 Uhr EST)
Wohnung der Roberts
Alexandria, Virginia
Harriet und Bud standen am Fenster ihrer Wohnung und sahen nach draußen, wo gerade Macs Corvette vorfuhr. "Sie sind pünktlich." stellte Bud fest.
"Natürlich sind sie pünktlich, Bud, der Colonel ist ja schließlich gefahren... Moment mal! Der Colonel ist gefahren? Mit einem Arm?" Harriet starrte aus dem Fenster.
Mac öffnete gerade die Beifahrertüre, während auf der anderen Seite Harm ausstieg.
Bud beobachtete es mit offenem Mund. "Der Commander fährt das Auto des Colonels? Sie hat ihm wirklich ihre Corvette gegeben?" Er konnte es nicht fassen.
"Wir Frauen hängen eben nicht so fanatisch an unseren Autos wie ihr Männer, geliebter Gatte," erklärte Harriet lächelnd, "Und außerdem weiß Mac ganz genau, wie freudig der Commander jede Gelegenheit begrüßt, eine Corvette fahren zu können."
Es klingelte und sie ging, um Harm und Mac die Türe aufzumachen. "Wo sind Ihre Großeltern?" wollte sie wissen, als sie feststellte, dass Harm und Mac alleine gekommen waren.
"Oh, sie waren noch nicht zuhause, sie wollten einkaufen oder so. Wir haben ihnen einen Zettel hingelegt, sie sollen sich ein Taxi nehmen und nachkommen." erklärte Harm.
"Ihre Großeltern scheinen sich ja wirklich sehr gut zu verstehen." bemerkte Harriet lächelnd. "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm..." fügte sie in Gedanken hinzu.
Harm nickte grinsend. "Würde mich nicht wundern, wenn es demnächst einen Rabb weniger und einen MacKenzie mehr gäbe."
"Was für ein Segen!" murmelte Mac schelmisch.
"Ach, das ließe sich ja wieder ausgleichen." stellte Harriet mit einem kupplerischen Schmunzeln fest.
Harm und Mac wurden glücklicherweise einer Antwort enthoben, da es in diesem Moment an der Türe klingelte. Will und Granny trafen ein, mit Blumen für Harriet, einem Teddy-Bären für AJ und einer Familien-Packung Eiscreme.
"Guten Abend, Harriet, Bud," grüßte Will MacKenzie freundlich, "Hallo, Enkel." Man hörte, dass er damit nicht nur Mac, sondern auch Harm meinte.
Harriet hatte vegetarische Lasagne zubereitet. Nach dem Essen setzten sich die Roberts und ihre Gäste ins Wohnzimmer und Harriet machte Eis-Kaffee für alle.
"Hab ich schon erwähnt, dass wir einen neuen Kaffee-Automaten haben?" fragte sie Mac lächelnd, während sie ihr eines der großen Gläser in die Hand drückte.
Mac errötete leicht und nippte an dem Kaffee. "Ähm, nein, ich glaube, das hatten Sie noch nicht erzählt."
"Die muß aber wirklich teuer gewesen sein." meinte Granny mit einem bewundernden Blick auf die große Kaffeemaschine, die man durch die offene Küchentüre sah.
"Oach, alles halb so schlimm, wenn man weiß, worin es sich zu investieren lohnt," meinte Harriet mit einem süßen Grinsen, "Wir hatten unser Geld eben auf die richtigen 'Pferde’ gesetzt."
"Sie nehmen an Pferdewetten teil?" vergewisserte sich Will erstaunt.
"Nein, nein, wir haben auf den Commander und den Colonel gewettet." stellte Harriet richtig und ignorierte das offensichtliche Unbehagen ihrer beiden Vorgesetzten.
Granny hob in einer typischen Rabb-Geste die Brauen. "Wieder einen Fall gewonnen?" vermutete sie, "Und Sie haben wirklich jemanden gefunden, der gegen unser unschlagbares Team wettet?"
"Oh nein, das würden wir nie wagen!" versicherte Harriet mit einem treuherzigen Lächeln, "Es ging um..."
"Harriet..." unterbrach Bud seine Frau warnend. Er rutschte unbehaglich in seinem Sessel hin und her, "Ich weiß wirklich nicht, ob es angebracht ist, dieses Thema hier und jetzt zu erörtern."
"Lassen Sie nur, Bud," beruhigte ihn Mac, "Wir haben keine Geheimnisse vor unseren Großeltern, nicht wahr, Flyboy?"
Harm nickte grinsend. Es konnte nicht schaden, wenn ihre Großeltern von der Rendezvous-Wette erfuhren, denn es würde sie in dem Glauben bestärken, dass Harm und Mac tatsächlich ein Paar waren.
Harriet sah ebenso erstaunt drein wie Bud, waren sie doch daran gewöhnt, dass die beiden Top-Anwälte jede Beziehung, die über eine rein platonische Freundschaft hinausging, weit von sich wiesen. "Es ging um das erste Rendezvous, das der Commander und der Colonel miteinander haben." erklärte sie ohne die beiden anzusehen.
Granny und Will wechselten einen vielsagenden Blick. "Und Sie haben jemanden gefunden, der dagegen wettet und glaubt, dazu würde es nie kommen? Das halte ich fast für noch unwahrscheinlicher als die Sache mit dem verlorenen Fall!" meinte Will mit seinem schamanenhaften Schmunzeln.
"Oh, nein, Sir, so war das nicht gemeint. Das 'ob’ stand von Anfang an außer Frage, es ging nur um das 'wann’." beeilte sich Harriet zu erklären. Sie lächelte, während Bud noch immer aussah, als befürchte er, jeden Moment von seinen Vorgesetzten gerügt zu werden.
Doch Harm und Mac behielten sorgsam ihre neutralen Gesichtsausdrücke bei. "Ach ja? Es stand von Anfang an außer Frage, dass wir uns irgendwann verabreden würden?" wiederholte Harm und wirkte fast amüsiert.
"Von Anfang an," bestätigte Will MacKenzie an Harriets Stelle, "Du weißt doch: Wer einem Cherokee das Leben rettet, der ist für immer und ewig dessen Tochter versprochen."
"Du hast aber keine Tochter, Will." erinnerte Harm.
"Hab ich dir ja damals schon gesagt - und auch, dass ich stattdessen eine wunderschöne Enkelin habe, die die Aufgabe übernehmen wird, dich zu heiraten." Wills Mundwinkel kräuselten sich belustigt, als er zusah, wie Mac bei diesem Kompliment leicht errötete.
"Ja, das hast du gesagt, aber damals wusste ich ja auch noch nicht, dass Mac diese Enkelin ist." protestierte Harm, während die Roberts aufmerksam zuhörten.
Mac bedachte ihren Partner mit einem Marine-Blick, der das gefährlichste Krokodil auf der Stelle in eine Kroko- Handtasche verwandelt hätte. "Oh, nur nicht so viel Enthusiasmus zeigen, Flyboy," meinte sie ironisch, "Scheint ja wirklich ein abstoßender Gedanke zu sein, mir versprochen zu werden." Das Funkeln in ihren braunen Augen zeigte, dass sie nicht etwa verärgert war, sondern es nur genoß, ihren Partner aufzuziehen.
"Hm, ich schwanke noch." erwiderte Harm mit seinem berühmten Flyboy-Grinsen.
"Zwischen was?" erkundigte sich Mac skeptisch.
"Zwischen ducken, weglaufen und tot stellen." antwortete Harm heiter.
"In Deckung gehen, nicht ducken!" verbesserten Mac und Will im Chor. Alle lachten.
Harriet erhob sich und nahm den kleinen A.J. vom Boden hoch, der dort mit dem Teddybär gespielt hatte, den die beiden Rentner ihm geschenkt hatten. "Ich glaube, ich bringe den jungen Mann hier jetzt mal ins Bett." meinte sie mit einem Lächeln. Sie trug A.J. davon, während dieser seinen Teddy umklammert hielt.
"Männer und ihre Kuscheltiere." kommentierte Granny schmunzelnd und warf ihrem Enkel und Mac einen bedeutsamen Seitenblick zu.
"Oh Gott, bitte nein! Granny, bitte nicht die Kuscheltier-Sache!" dachte Harm beschwörend, "Ein falsches Wort von Granny und der Admiral lässt uns die nächsten zwei Jahrzehnte Computer aufrüsten, Bleistifte spitzen oder Pinguine am Südpol zählen, wenn er davon Wind bekommt!"
Granny sagte nichts mehr und Harm atmete auf. Schließlich hatte er Mac einst nur im Scherz als sein 'Kuscheltier’ bezeichnet, aber das würden ihm Harriet und Bud, die beiden im siebten Ehe-Himmel schwebenden Romantiker, wohl kaum glauben.
Mac tat so, als sei sie ganz darauf konzentriert, das Eis aus ihrem Kaffee zu fischen und hätte die Kuscheltier- Bemerkung deshalb gar nicht gehört. Harriet gesellte sich wieder zu ihnen und für eine Weile schwiegen alle, lediglich damit beschäftigt, ihren Eiskaffee zu trinken.
"Harmon, willst du nicht mal deines Amtes walten?" fragte Granny als Harriet begann, die leeren Gläser einzusammeln.
Harm erhob sich, um Harriet die Gläser abzunehmen, aber Granny schüttelte grinsend den Kopf und deutete auf Mac. "Ich rede von dem Job da!" Sie wies auf Macs Mundwinkel, in dem noch ein winziger Rest Vanille-Eis zu sehen war.
Harm begann langsam, an seinem Verstand zu zweifeln - oder an dem seiner Großmutter. In den letzten vier Tagen, seit sie zu Plan B übergegangen waren, hatten Granny und Will jeden Hinweis darauf, dass zwischen ihren Enkeln mehr sein könnte als nur Freundschaft, ignoriert, sogar das sorgfältige Weg-Küssen eines Nutella-Restes auf Macs Wange. Und nun, ausgerechnet vor Harriet und Bud, genoß es Granny, ihren selbstbewussten Enkel mit ihren Andeutungen in Verlegenheit zu bringen. Oder glaubte sie etwa wirklich, dass er und Mac eine Beziehung führten und er vor den Augen seiner Kollegen ganz unbefangen das Eis wegküssen würde? "Dann sind unsere schauspielerischen Fähigkeiten wohl besser, als wir beide angenommen haben. Die Shakespeare-Lektüre scheint zu helfen." dachte sich Harm amüsiert. Er reichte Mac sein Taschentuch. "Damit geht es besser - hat mir meine Großmutter gesagt." erklärte er grinsend.
0245 Z-Zeit (21:45 Uhr EST)
Irgendwo zwischen Alexandria und Washington D.C.
"Damit hätte Granny einmal mehr bewiesen, dass man im Alter nicht unbedingt weiser wird!" brummte Harm, während er Macs Corvette durch die Dunkelheit lenkte, "Dieser Hinweis auf 'meinen Job’! Sie hat doch nicht im Ernst geglaubt, ich würde ..." Harm brach ab.
"Oh, nein, wir wissen ja alle, dass du Vanille-Eis nicht besonders magst, Sailor." meinte Mac und grinste spöttisch.
Harm hob die Brauen. "Ha, dich hätte ich sehen wollen, wenn ich meine plötzliche Vorliebe für Vanille-Eis entdeckt hätte - du hättest mir mehr rote Lichter gegeben als auf dem ganzen Beltway zu finden sind!"
"Natürlich hätte ich das - glaubst du, ich lasse mir so einfach mein Essen wegnehmen?" gab Mac neckisch zurück. Wie Harm war sie eisern bemüht, das Thema Eis-Wegküssen nicht allzu ernst zu nehmen.
"Wäre mir nie in den Sinn gekommen, Marine. Ich kenne ja euer wahres Motto: Semper food!"
Mac rollte mit den Augen. "Witzig, Flyboy. Ich lache mich gleich tot!"
"Aber bitte nicht im Auto!" protestierte Harm scherzhaft.
"Es ist mein Auto - du bist hier nur der unbezahlte Chauffeur, vergiss das nicht. Apropos Auto..." Mac warf einen Blick in den Rückspiegel, wo man die Scheinwerfer des Roberts-Vans sah, "Ich darf gar nicht daran denken, was unsere vier Amor-Fans da hinten jetzt reden!"
0249 Z-Zeit (21:49 Uhr EST)
Irgendwo zwischen Alexandria und Washington D.C.
"Wirklich sehr nett von Ihnen, uns nach Hause zu fahren." sagte Granny herzlich.
"Kein Problem, Mrs. Rabb," antwortete Harriet vom Beifahrersitz, "Wen sollen wir als erstes absetzen? Sie bei Commander Rabbs Wohnung oder Mister MacKenzie in Georgetown?"
Granny und Will wechselten auf der Rückbank des Vans einen schnellen Blick. "In Georgetown würden Sie im Moment außer einer halbgestrichenen Küche und dem typischen Sarah-MacKenzie-Chaos nichts antreffen," erklärte Will, "Wir wohnen alle in Harmons Apartment."
"Alle vier?" wiederholte Harriet erstaunt, "Ist das nicht ein bisschen eng?"
"Nicht wenn man zusammenrückt." entgegnete Granny mit einem breiten Rabb-Grinsen.
"Zusammenrückt... oh, verstehe!" Harriet strahlte, "Ähm, nicht, dass Sie mich jetzt für aufdringlich halten, aber... bedeutet das, dass der Commander und der Colonel ... Harm und Mac ... jetzt endlich eingesehen haben, dass sie zusammengehören?" Harriet drehte den Kopf und sah die beiden Senioren erwartungsvoll an, während Bud hinter dem Steuer immer nervöser wurde.
"Hm, darüber sind wir uns noch nicht ganz im Klaren. Ich glaube, sie schwanken noch." meinte Granny lächelnd.
"Zwischen was? Weglaufen, tot stellen und in Deckung gehen?" fragte Harriet mit jenem entzückenden Lächeln, in das Bud sich sofort verliebt hatte.
Will lachte. "Sieh einer an, es gibt also doch Navy-Angehörige, die lernfähig sind!"
1202 Z-Zeit (07:02 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac kam in Uniform aus dem Badezimmer und fand Harm noch immer im Bett vor, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt und 'Hamlet’ in der Hand.
"Der Countdown läuft, Commander Hamlet - noch 23 Stunden und 57 Minuten, bis unsere Großeltern abreisen und wir die letzte Chance vertan haben, weitere Amor-Attacken zu verhindern." meinte sie und nahm Harm das Buch aus der Hand, um vor zu der Stelle zu blättern, an der sie aufgehört hatte zu lesen.
"Nennt man das jetzt Book-Sharing, Marine? Langsam wird es offensichtlich, dass du von den als geizig bekannten Schotten abstammst!" kommentierte Harm.
"Was heißt hier geizig? Ich finde es sogar äußerst großzügig von mir, dass ich dir immer die Stellen erkläre, die du nicht kapiert hast!" widersprach Mac schlagfertig.
"Na warte, Marine, das werd ich dir schon zurückzahlen!" drohte Harm.
Mac ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern blätterte ruhig zur nächsten Seite. "Was willst du tun, Flyboy? Mich zu Tode langweilen?"
Harm schüttelte den Kopf. "Ich weiß, womit man einen Marine wirklich treffen kann - kein Nutella zum Frühstück, sondern Vollkornbrötchen mit Halbfett-Käse und einem halben Radieschen!" erklärte er triumphierend.
"Danke, ich verzichte!" schnaubte Mac, "Und im übrigen wollte ich dir schon lange einmal sagen, dass man Nutella nicht auf einem Brötchen isst." Sie setzte eine fachmännische Miene auf.
"Sondern?" Harm hob skeptisch die Brauen.
"Wie jeder zivilisierte Mensch - mit einem großen Löffel!" erklärte Mac als sei eine seit langem erwiesene wissenschaftliche Tatsache, die nur noch nicht bis zu Harm vorgedrungen war.
Harm stöhnte und verdrehte die Augen. "Ich danke Gott in jeder wachen Minute dafür, dass ihr Marines bei der Arbeit nicht genauso unermüdlich wie beim Essen seid - dann bliebe für die Navy nämlich nichts mehr zu tun übrig und ich wäre arbeitslos."
Mac warf das Shakespeare-Taschenbuch nach ihm, aber Harm zog den Kopf ein und es segelte zu Boden, ohne ihn zu treffen. "Hab ich mich jetzt geduckt oder bin ich in Deckung gegangen?" erkundigte er sich grinsend.
"Ich schwanke noch - auf leeren Magen kann ich das nicht entscheiden, also Abmarsch ins Bad!" befahl Mac mit einer Stimme, die jeden Drill Sergeant vor Neid hätte erblassen lassen, "Wenn du in fünf Minuten nicht draußen bist, hole ich den großen Löffel und plündere deinen Nutella-Vorrat!"
"Nicht, dass mich das besonders ängstigen würde - MEINE Cholesterin- und Blutzuckerwerte steigen schließlich nicht auf die Höhe des Mount Everest an." meinte Harm kritisch.
Mac fixierte ihn betont streng. "Und um zu verhindern, dass meine Adrenalin-Werte in diese Bereiche klettern, solltest du jetzt einen Abflug machen, Pilot! Du hast noch vier Minuten und 48 Sekunden, bevor ich die Schublade mit den Riesen-Löfffeln öffne!"
Harm machte sich lächelnd auf den Weg ins Badezimmer. Fünf Minuten später betrat er das Schlafzimmer, wo Mac gerade die letzte Seite von 'Hamlet’ gelesen hatte. Seine Haut war noch so feucht, dass das Uniformhemd daran klebte. "Glück gehabt," kommentierte Mac amüsiert, "Ich wollte gerade nach dem Suppen-Schöpflöffel suchen."
"Heilende Knochen brauchen Calcium, Magnesium und Vitamine, Mac, nicht schöpflöffelweise Nutella!" meinte Harm kopfschüttelnd.
"Deine Knochen vielleicht, mein Stoffwechsel funktioniert eben anders." entgegnete Mac unbeeindruckt.
Harm gab auf. Man konnte mit Mac über vieles diskutieren, aber nicht über ihre merkwürdigen Ernährungsgewohnheiten. Außerdem konnte er ehrlichen Gewissens sagen, dass die 2058 Kalorien, die ein Glas Nutella hatte, Macs Figur nicht geschadet hatten. Er deutete nach Nebenan, wo Granny und Will ihr Lager aufgeschlagen hatten. "Okay, dann auf in die Höhle der Löwen. Ich hoffe, du bist dir im Klaren darüber, dass wir heute eine Galavorstellung bieten müssen? Also, bitte keine unnötige Schüchternheit, Marine." scherzte Harm.
"Ich? Du bist doch derjenige, der einfach nicht natürlich agieren kann!" behauptete Mac neckisch.
Scherzend und lachend betraten sie die Küche, in der es noch völlig still war. Niemand hatte den Tisch gedeckt oder Brötchen geholt, wie sie es sonst gewohnt waren. Granny und Will schliefen noch.
"Ausgerechnet!" stöhnte Mac, "Ausgerechnet jetzt, wo wir sie überzeugen wollen, müssen die beiden schlafen! Uns bleiben nur noch 23 Stunden und 48 Minuten."
"Ich weiß gar nicht, was du hast, andere Neuverliebte wären froh, wenn sie mal eine Weile unbeobachtet wären." meinte Harm zwinkernd.
Mac sah ihn vorwurfsvoll an. "Was heißt hier ANDERE Neuverliebte, Harmon Rabb? Wie heiß hast du eben geduscht?"
"Kalt, Mac, eiskalt!" dachte Harm schmunzelnd. Er ging zum Kühlschrank und öffnete ihn. "Wie willst du dein Radieschen - mit oder ohne Salz?" Abwartend sah er sie an.
"Mit Nutella." entgegnete Mac unbeirrt und öffnete die entsprechende Türe des Vorratsschrankes.
2345 Z-Zeit (18:45 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Mac betrat hinter Harm das Apartment und legte die eben erstandenen Ausgaben von "Macbeth", "Romeo und Julia" und "Othello" auf den Wohnzimmertisch. Granny und Will standen nebeneinander am Herd und rührten in verschiedenen Töpfen.
Mac stellte ihre Aktenmappe ab. "Hmm, das riecht aber gut!" Sie machte einen Schritt auf die Kochstelle zu.
Harm ergriff ihre Hand und zog sie energisch mit sich. "Erst die Dusche, dann das Essen, Miss MacKenzie!"
"Damit kann ich leben, Mister Rabb." Mac folgte ihm bereitwillig hinüber ins Schlafzimmer, wo sie außerhalb der Sicht ihrer Großeltern waren. Sie grinste. "Wir sind gut, hm?"
"Oscarverdächtig." bestätigte Harm. Er suchte im Schrank nach Jeans und T-Shirt.
"Oh Mist, jetzt liegt 'Romeo und Julia’ noch im Wohnzimmer." fiel Mac ein.
"Nur keine Sorge, Romantik wirst du heute Abend noch genug erleben." spöttelte Harm.
Mac setzte ihren skeptischen Blick auf. "Was soll das sein, Flyboy? Eine Drohung oder ein Versprechen?"
"Eine Prophezeiung." Harm ging in Richtung Badezimmer.
"Das Weissagen überlass mal lieber den Zigeunern." meinte Mac, während sie begann, erneut in 'Hamlet’ zu blättern.
"Määäh!" Gypsie hopste aufs Bett und sah sie fragend an.
Mac lachte. "Nein, du warst nicht gemeint, junge Dame."
Eine halbe Stunde später saßen die beiden Rabbs und die zwei MacKenzies gemeinsam am Esstisch und Will lud jedem großzügige Portionen auf den Teller. "Connuche," erklärte er, auf Kugeln aus Fleisch und Reis zeigend, "ein Cherokee-Gericht. Für dich, Harmon, haben wir das ganze mit Grünkern gemacht."
"Brrrr," Mac schüttelte sich, "soll ich nicht lieber doch den großen Löffel holen?"
"Nein, danke, liebste Sarah, aber ich esse das wie jeder zivilisierte Mensch - mit Messer und Gabel."
Mac sah ihn anerkennend an. Er hatte ihren Taufnamen benutzt, ohne dass ein Zögern aufgefallen wäre. Sie hätte sich ohne Probleme daran gewöhnen können, ihren Namen öfters von ihm zu hören. Leider schien Granny und Will die Anrede gar nicht weiter aufgefallen zu sein, vielleicht weil sie Mac immer 'Sarah’ nannten.
"Und? Werdet ihr einander nicht ein wenig vermissen, wenn ihr wieder in Belleville beziehungsweise Tahlequah seid?" fragte Harm nachdem Will etwas später mit vier Bechern Mousse au chocolat an den Tisch zurückgekehrt war. Er hoffte darauf, dass die beiden Senioren mit einer Bemerkung darüber antworten würden, wie sehr er und Mac einander vermissen würden, wenn sie erst einmal 'entgipst’ worden war.
Aber anscheinend hatten Granny und Will entschieden, sich an ihrem letzten Abend mustergültig zu verhalten und keinerlei Andeutungen zu machen. "Oh, wir haben schon vereinbart, dass ich Sarah nächste Woche in Belleville besuche und zwei Wochen darauf kommt sie zu Johns Hochzeit nach Tahlequah." erklärte Will.
Harm hob die Brauen. "Stehen uns irgendwelche familiären Veränderungen ins Haus?" Er wusste, wie Granny noch vor einer Woche reagiert hätte: "Irgendwelche Urenkel, von denen wir wissen sollten?"
"Ich weiß nicht, was du meinst, Harmon." behauptete Granny zwischen zwei Löffeln Mousse au chocolat.
"Wow, in solchen Ausreden ist sie fast so gut wie wir." dachte Harm und warf einen belustigten Blick zu Mac hinüber. Die schob eben ihren leeren Dessertbecher von sich. In ihrem Mundwinkel hing noch ein winziger Rest Schoko-Creme. Harm starrte sie an. War das wirklich Zufall oder ein geschickter Zug von Mac, um dazu beizutragen, Will und Granny endlich von ihrer 'unsterblichen Liebe’ zu überzeugen?
Harm zögerte, plötzlich befangen. Langsam, damit Granny und Will es auch ja nicht verpassen würden - und vor allem auch, um Mac nicht zu erschrecken - beugte er sich zu ihr hinüber. Er blickte in Macs dunkle Augen und las darin Vertrauen. Erleichtert lehnte er sich noch ein wenig mehr zu ihr hinüber und berührte ganz sanft mit den Lippen ihren Mundwinkel, während Mac ganz still hielt.
Nur eine Sekunde später lehnte er sich schon wieder in seinem Stuhl zurück. Eins war sicher, er würde nie wieder ein Wort gegen kalorienreiche Desserts sagen.
Harm und Mac wechselten einen Blick und lächelten sich leicht zu, um sich gegenseitig zu versichern, dass alles in Ordnung war und dass diese flüchtige Berührung nur rein 'dienstlich’, im Auftrag einer höheren Aufgabe, geschehen war. Gespannt warteten sie beide auf die Reaktion ihrer aufmerksamen Zuschauer.
Granny erhob sich, irgendetwas von 'Altersdemenz’ vor sich hin murmelnd. "Ich hab die Servietten vergessen! Im Alter wird man eben ein wenig senil, tut mir leid."
Mac rieb sich in einer unbewussten Geste den Mundwinkel, während sie Granny mit großen Augen hinterher sah.
Harm schüttelte stumm den Kopf. "Sie nennt mich Platon und hält DAS für eine Hygiene-Maßnahme? Oh man!"
0151 Z-Zeit (20:51 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Granny, Will und ihre beiden Enkel saßen gemütlich im Wohnzimmer beisammen; Will mit Harms Katze Gypsie auf dem Schoß und Granny mit Jingo zu ihren Füßen. Mac hatte sich zuvor freiwillig gemeldet, mit Harm zusammen abzuwaschen und die Küche aufzuräumen - das hätte die zwei Senioren normalerweise misstrauisch machen müssen und hätte Granny früher sicherlich zu einer Bemerkung über ihre 'Wasserspielchen mit Harm’ veranlasst - aber jetzt enthielt sie sich jeglicher Kommentare.
Nun saßen sie so dicht nebeneinander im Sessel, dass Mac fast auf Harms Schoß saß, aber auch das schienen die beiden 85jährigen nicht für ungewöhnlich zu halten. Die zwei JAG-Anwälte hörten mit halbem Ohr zu, wie Will Granny gerade erzählte, dass nach der Schöpfungsgeschichte der Cherokee Berge und Täler durch die Flügelschläge eines gewaltigen Adlers entstanden waren, während sie mit den Augen eine ganz andere Unterhaltung führten, die in etwa lautete: "SOS! Nur noch 10 Stunden und 7 Minuten! Was machen wir jetzt?"
"Typische Flieger-Geschichte," murmelte Mac mit sanftem Spott, als Will geendet hatte, "Die Welt wurde von einem Vogel erschaffen - was auch sonst? Hat euch schon mal jemand gesagt, dass ihr Flyboys größenwahnsinnig seid?"
Will schmunzelte nur, denn er wusste ganz genau, dass die Bemerkung für Harm gedacht war und er gar nicht antworten mußte.
"Der eine oder andere Marine hat es schon mal erwähnt," antwortete Harm grinsend, "Aber die Schöpfungsgeschichten der Cherokee sind um einiges älter als das Marine Corps - wer denkst du also hat wohl Recht, Ninjagirl?" Er zeigte sein selbstbewußtes Flyboy-Grinsen.
"Das Corps natürlich - nur weil etwas alt ist, braucht es noch lange nicht im Recht zu sein!" entgegnete Mac mit einem zuckersüßen Lächeln in Richtung Will und Granny, "Und du halt dein Ego unter Kontrolle, Flyboy!" Sie versetzte Harm einen spielerischen Schlag auf die Brust, doch anstatt die Hand dann fortzunehmen, blieb sie dort ruhen.
Harms Lächeln wuchs in die Breite. Er legte beide Hände über ihre und schielte aus den Augenwinkeln zu ihren Großeltern hinüber. Diese auffällige Geste und wie gut sich Macs warme, schlanke Hand auf seiner Brust anfühlte, konnten doch selbst zwei kurzsichtige Rentner nicht übersehen ... "Na gut, zumindest das erstere nicht!" verbesserte er sich in Gedanken.
Granny und Will konnten. Sie unterhielten sich angeregt über Geflügelausstellungen in Pennsylvania, ohne auch nur einen Blick für die schauspielerischen Glanzleistungen ihrer Enkel zu haben. Harm begann langsam, sich zu fragen, ob seine Großmutter sich etwa gegenüber ihren rein platonischen Freunden auch so verhielt wie er und Mac ihnen das gerade vorspielten.
Harm und Mac seufzten frustriert. Mac begann langsam wirklich, sich nach einem extra-großen Löffel Nutella zu sehnen, aber sie bezweifelte, dass das Harms Stimmung verbessern oder Granny und Will überzeugen würde. "Vielleicht wenn ich Harm von oben bis unten mit Nutella bepinsle und dann über ihn herfalle..." dachte sie ironisch.
Harm erhob sich, berührte sanft Macs Schultern und ließ seine Hände dann über ihre Arme gleiten, bis er ihre gesunde Hand ergriff. Unter Aufwand all ihrer Marine-Disziplin gelang es Mac, so selbstverständlich zu tun, als hätte er das schon tausendmal zuvor getan.
Harm zog sie aus dem Sessel hoch, ließ ihre Hand aber nicht los. "Wie wäre es, wenn wir noch eine Runde mit Jingo drehen, Sarah? Bevor die beiden anfangen, über noch unromantischere Themen - zum Beispiel Zahnhaftcremes - zu sprechen?"
"Ein Spaziergang mit zwei netten Herren im Mondschein - laß uns gehen, Flyboy!" Mac verflocht ihre Finger mit seinen und da sie nun keine Hand mehr frei hatte, überließ sie es Harm, Jingos Leine vom Haken zu nehmen. Jingo sprang begeistert auf, sobald er seine Leine klirren hörte, während Gypsie enttäuscht den Kopf hob.
Granny und Will nickten ihren Enkeln nur lächeln zu, ohne etwas zu sagen.
"Die Senioren von heute sind auch nicht mehr das, was sie mal waren," murmelte Harm dicht an Macs Ohr, "Hat man ihnen nicht beigebracht, dass Mondlicht romantisch ist?"
"Das ist der schlechte Einfluß deiner Großmutter, Flyboy," antwortete Mac, während sie das Haus verließen und auf die Straße traten, "Mein Großvater war von Natur aus sehr romantisch."
"Du scherzt wohl, Marine?! Der zweite Vorname meiner Großmutter war Romantik. Wenn hier jemand den anderen verdorben hat, dann dein Großvater meine Großmutter!" protestierte Harm und unterdrückte ein Grinsen.
"Haha, wer von den beiden hat denn mit ihren Geflügelausstellungen angefangen? Nennst du das etwa romantisch?" fragte Mac skeptisch.
Harms Flyboy-Grinsen kam doch noch zum Vorschein. "Und wie romantisch das ist! Hat Granny dir nie erzählt, dass sie meinen Großvater auf einer Geflügelausstellung kennengelernt hat?"
Mac fiel die Geschichte jetzt wieder ein. "Doch, hat sie. Und sie hat natürlich gleich noch dazu gesagt, dass unser Kennenlernen, der Rosengarten und so weiter, sehr viel romantischer gewesen sei." erinnerte sie sich lächelnd.
"Ich weiß auch nicht, wieso sie ihre Meinung jetzt plötzlich geändert hat. Glaubt sie wirklich, ich verhalte mich so," Harm deutete mit dem Kopf auf ihre Hände, die sie unbewusst noch immer verflochten hatten, so dass man im fahlen Mondlicht kaum noch ausmachen konnte, welcher Finger zu wem gehörte, "gegenüber all meinen Freunden?"
"Bud würde dir ganz schön auf die Finger klopfen, wenn du das bei Harriet versuchen würdest!" Mac grinste und ließ zögernd, fast ein wenig bedauernd seine Hand los.
Harm vermisste sofort die Wärme ihrer Finger. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, sich vorzustellen, wie der nette, junge Anwalt mit dem Honigkuchenpferd-Grinsen und der Vorliebe für Gameboys ihm auf die Finger klopfte. Es gelang ihm nicht, irgendwie war Bud wohl nicht der 'Finger-klopf-Typ’. "Ach ja?" fragte er mit einem überlegenen Flieger-Blick.
"Ach ja. Ich würde es jedenfalls tun." meinte Mac unbeirrt.
Harm hob belustigt die Brauen. "DU würdest mir auf die Finger klopfen, wenn ich Harriets Hand halten würde? Bemerke ich da etwa einen Hauch von Eifersucht?" neckte er seine Partnerin.
Mac verpasste ihm den zweiten Schlag an diesem Abend, doch diesmal nahm sie die Hand sofort wieder weg. "Ich würde dir auf die Finger klopfen, wenn ich an Harriets oder Buds Stelle wäre!" betonte sie mit Nachdruck.
"Ach so," Harm lächelte, "Dann ist es ja gut, dass ich so was nicht bei allen meinen Freunden mache. Nur bei denen, mit denen ich es gerade darauf anlege, einen Oscar oder den Golden Globe für die überzeugendste Liebesszene zu gewinnen."
"So, wie das momentan läuft, würden wir nicht mal die Goldene Schnarchnase bekommen - höchstens vielleicht für einen Dokumentarfilm über die größte Katastrophe des Jahres!" erwiderte Mac frustriert. Sie seufzte, "Flyboy, wenn wir beide jemals eine Romanze beginnen würden - rein hypothetisch gesprochen natürlich - dann müssten wir damit rechnen, alleine vor dem Traualtar zu stehen, weil niemand uns glauben würde!"
Harm lächelte auf sie hinab. "Wenn wir beide jemals gemeinsam vor dem Traualtar stehen würden - rein hypothetisch gesprochen, versteht sich - dann wäre es mir vermutlich ziemlich gleichgültig, ob wir alleine sind oder nicht." antwortete er sanft.
Er spürte, wie Mac ihn überrascht anstarrte, unsicher ob er das nun ernst meinte, sie nur aufmuntern wollte oder scherzte. "Okay, Marine, wie wäre es, wenn du mal deine Schildkröte von Hund zu einer schnelleren Gangart antreibst?" meinte Harm eilig, um die plötzliche Stille zu durchbrechen, "Sonst sind wir bei Sonnenaufgang noch nicht weiter als bis zur nächsten Straßenlaterne gekommen."
Mac nahm Harm die Leine aus der Hand und verpasste ihm einen leichten Schlag mit dem einen Ende. "Autsch!" protestierte er mit wehleidiger Miene.
"Schildkröten sind gepanzert - im Gegenteil zu dir, also würde ich solche Bemerkungen zukünftig lieber unterlassen." teilte ihm Mac mit.
Einträchtig machten sich die drei auf den Rückweg. Als sie das Apartment betraten, begrüßte sie lediglich eine schnurrende Gypsie, die sich innerhalb von einer Minute mit Jingo auf den Weg in Richtung Katzenkorb machte.
Harm nahm Mac die Leine aus der Hand, hängte sie an ihren Platz und schloß seine Finger dann erneut um Macs, bevor sie ins Wohnzimmer hinübergingen. Will und Granny lagen in Großmutter-Nachthemd bzw. Flanell-Pyjama auf der Schlafcouch und sahen fern. Als sie ihre Enkel eintreten hörten, sahen sie von dem kleinen, tragbaren Fernsehgerät auf, das die Roberts Harm zum letzten Geburtstag geschenkt hatten.
"Wie ist das denn passiert?" fragte Granny und streckte stirnrunzelnd den Zeigefinger aus, um auf etwas zu deuten.
Zuerst glaubte Mac, dass sie endlich bemerkt hatte, dass sie und Harm schon die ganze Zeit über "Händchen hielten" und jetzt wissen wollte, wie sie 'zusammengekommen’ waren, aber als sie Grannys Blick folgte, stellte sie fest, dass die alte Dame auf Harms andere Hand blickte. Über den Rücken von Harms linker Hand zog sich ein schmaler Kratzer, den weder sie noch Harm zuvor bemerkt hatten. Mac erinnerte sich plötzlich wieder an ihren Schlag mit der Hundeleine - vermutlich hatte sie Harm mit irgendeinem Metallstück gestreift.
"Oh, bin ich mal wieder ein bisschen zu wild gewesen?" fragte sie mit einem unschuldigen Lächeln und besah sich ihre Fingernägel als halte sie nach Hautresten Ausschau. Sie griff nach Harms zerkratzter Hand und küsste erst den Handrücken und dann die Innenseite, bis hinab zum Handgelenk.
"Wow!" Harm sah erstaunt auf seine Partnerin hinab, "Ich sollte ihren Hund öfter 'Schildkröte’ nennen!"
"Liebes, das ist zwar eine uralte Methode, aber ich glaube, etwas Wund- und Heilsalbe wäre trotzdem besser als Gesund-Küssen." meinte Granny sachlich, so als hätte Mac tatsächlich geglaubt, den Kratzer so heilen zu können und ihn nur deshalb geküßt.
Mac ließ ihre Hand zurück an ihre Seite fallen und atmete tief durch. "Ich geh die Salbe holen." seufzte sie und setzte sich in Bewegung.
Harm setzte sich in den Sessel und sah eine Weile wie Granny und Will auf den Fernseher. Die beiden Rentner sahen sich irgendeine Anwaltsserie an, die Harm nicht kannte.
Mac kam mit der Salbe aus dem Badezimmer zurück und ließ sich bei Harm auf dem Sessel nieder. "Ally McBeal." sagte sie nach einem kurzen Blick auf den Bildschirm.
"Unsere wilden Abenteuer sind spannender." meinte Harm abwertend und zwinkerte Mac zu.
Mac griff nach seiner Hand. "Dann komm her und laß dir deine Kriegswunde verarzten, du wilder Abenteurer." befahl sie. Harm hielt still, während sie behutsam ein wenig Salbe auf den Kratzer strich.
Granny und Will wechselten den Sender und landeten bei einer alten Folge von "Lassie".
Harm stöhnte. "Wenn sie noch mal umschalten, landen wir bei Ed, dem sprechenden Pferd." kommentierte er spöttisch.
Mac versuchte mit ihrer eingegipsten Hand den Deckel auf die Salbe zu drehen, was ihr nicht so recht gelingen wollte, bis Harm ihre Finger sanft mit seinen bedeckte und ihr half. "Was hast du gegen sprechende Pferde, Flyboy?" fragte Mac, als sie wieder aufblickte.
"Eine Katze mit Fremdsprachenkenntnissen genügt mir." erwiderte Harm grinsend.
Mac sah sich eine Weile an, wie Lassie die vermutlich tausendste Person aus höchster Lebensgefahr rettete, dann gähnte sie und erhob sich. "Ich geh ins Bett," erklärte sie, "Kommst du mit, Harm?" Einladend streckte sie die Hand nach ihm aus.
Harm erhob sich und lächelte auf sie hinab. "Ich wüsste nicht, was ich lieber täte." Er brauchte nicht einmal zu lügen. Mit Mac ins Bett zu gehen - im rein platonischen Sinn, natürlich - war allemal besser, als hier mit zwei blinden, ignoranten Rentnern zu sitzen, die sich "Lassie" ansahen, aber die bewundernswerte Schauspielerei ihrer Enkel nicht zu schätzen wussten.
Mac erwiderte sein Lächeln, aber Harm konnte sehen, dass sie nervös war. Sie wusste so gut wie er, dass das hier eine der letzten Gelegenheiten sein würde, Plan B erfolgreich abzuschließen. Ihre schlanke Hand glitt von seiner Hand hinauf zum Ellenbogen und weiter zum Oberarm, bis sie schließlich auf seinem Rücken lag. Zögernd zog sie ihren hochgewachsenen Partner ein wenig zu sich hinab. Harm bemühte sich um Passivität, ließ sie entscheiden, wann es Zeit war, das Spiel abzubrechen.
Er hätte es eigentlich besser wissen sollen - Marines kapitulierten nicht, wenn sie einen Angriff erst einmal begonnen hatten. Ihre normalerweise warmen Finger, die sich jetzt fester um Harms T-Shirt schlossen, fühlten sich kalt an, doch sie zog Harm noch ein Stückchen näher zu sich heran. Und dann küsste sie ihn. Nicht auf die Wange, sondern mitten auf den Mund, sanft aber fest.
Harm stand bewegungslos, nur seine Augenbrauen wanderten nach oben. "Wow, noch ein Pluspunkt mehr auf Lassies Konto!" Langsam, damit Mac es nicht falsch verstand, streckte er die Arme aus und schloß seine schlanke Partnerin in eine enge Umarmung. Ihre Wange kam auf seiner Brust zu ruhen.
Granny sprang plötzlich auf, so schnell es ihre 85jährigen Beine erlaubten. "Will, hast du das gesehen?!" rief sie außer sich vor Aufregung.
Mac hob ihr Gesicht von Harms T-Shirt und blickte ihn verschwörerisch an.
"Na endlich!" flüsterte Harm ihr ins Ohr.
"Das war doch nie im Leben ein Homerun!" regte Granny sich weiter auf und starrte auf den Fernseher, wo jetzt ein Baseball-Spiel zu sehen war, "Wilson war nicht safe! Hast du es gesehen, Will?"
Harm und Mac stöhnten frustriert. Sie standen wie angewurzelt mitten im Wohnzimmer, Stirn an Stirn gelehnt, so als würden sie sonst zusammenbrechen. "Laß uns ins Bett gehen," meinte Mac nach einer Weile und leiser fügte sie hinzu: "Ich brauche jetzt ein Kissen, mit dem ich meinen Wutschrei dämpfen kann."
0345 Z-Zeit (22:45 Uhr EST)
Nördlich der Union-Station
Washington D.C.
Als Mac aus dem Badezimmer kam, lag Harm rücklings auf dem Bett und neben ihm, auf Macs Kopfkissen … lag ein Glas Nutella mit einem kleinen Löffel. "Immerhin. Langsam scheint mein Ernährungsunterricht zu fruchten!" dachte Mac zufrieden.
"Glaub nicht, das wird jetzt zur Gewohnheit!" betonte Harm, als errate er ihre Gedanken, "Das ist nur ein Ersatz - weil manche Kissen es nicht so gerne haben, wenn man sie anschreit." Er grinste in Anspielung darauf, dass Mac an manchem Morgen mit dem Kopf auf seiner Schulter erwacht war.
Mac schlüpfte unter die Decke und griff blitzschnell nach dem Nutellaglas, bevor ihr gesundheitsbewusster Partner es sich noch anders überlegen konnte. Genießerisch schob sie den ersten Löffel in den Mund.
"Wenn du jetzt ins Zuckerkoma fällst, glauben Granny und Will vielleicht, ich hätte dich mit meinem Flyboy- Charme betört." schlug Harm grinsend vor.
Mac tauchte den Löffel erneut ins Glas. "Wohl eher, dass du die Socken ausgezogen hast und ich deshalb bewusstlos wurde." verbesserte sie mit vollem Mund.
"Was ist da drin, das dich so fies werden läßt? Batteriesäure? Das Glas ist beschlagnahmt." Harm nahm ihr das Nutellaglas aus der Hand.
"Gib mir sofort das Glas zurück!" verlangte Mac und schwang drohend den Kaffeelöffel, "Sonst..."
"Was, sonst?" fragte Harm überlegen.
"Sonst erzähle ich deiner Großmutter jetzt und hier, wo der Pullover hingekommen ist, den sie für Will hat stricken wollen." Mac grinste triumphierend, denn sie wusste, dass Gypsie über das Wollknäuel hergefallen war und Harm die traurigen Überreste schnell hatte verschwinden lassen.
Harm schnitt eine Grimasse und gab ihr das Nutellaglas zurück. Eine Weile sah er seiner Bettnachbarin nur skeptisch beim Essen zu. "Mac, ich muß dir jetzt mal ein Geständnis machen..."
Der Löffel verharrte bewegungslos über dem Nutellaglas. Mac sah den Ex-Piloten groß an. "Ähm, welches Geständnis?" fragte sie unruhig.
"Na, offensichtlich bin ich auch eine Mutation - mit so einem stockblinden Menschen kann ich als Pilot doch einfach nicht in direkter Linie verwandt sein!"
"Die Natur erschafft die erstaunlichsten Dinge." gab Mac zurück, legte den Löffel weg und schraubte das halbleere Glas zu.
"Offensichtlich." stimmte Harm zu, seinen Blick grinsend auf sie gerichtet.
Mac sah ihn irritiert an. "Was ist?"
Harm zögerte. Einen Moment lang zog er in Erwägung.... "Vergiß es auf der Stelle, Rabb!" ermahnte er sich selbst und streckte dann die Hand nach Macs Wange aus. "Du hast da noch ein bisschen von diesem Zahnarzt- Glücklichmacher im Gesicht." erklärte er und wischte ihr das Nutella von der Wange. Er drehte sich um und knipste das Licht aus. Unauffällig schob er den Finger in den Mund.
"Glaub ja nicht, ich hätte das nicht gesehen, Flyboy! Wir Marines haben den siebten Sinn dafür, wenn jemand es auf unser Essen abgesehen hat. Laß ja mein Nutella in Ruhe, sonst hetze ich meine Kampf-Schildkröte auf dich!" drohte sie ihm neckisch.
"Den einzigen Kampf, den man mit Jingo hat, ist der, ihn aus dem Katzenkorb oder von seinem Fressnapf weg zu bekommen!" Harm tastete im Dunkeln nach Macs gesunder Hand und drückte sie. "Gute Nacht, Ninjagirl - und was immer Morgen auch passiert, ich finde trotzdem, dass wir einen guten Auftritt geliefert haben."
Mac lächelte. "Das finde ich auch," Tatsache war, dass die letzte 'Szene’ vorhin im Wohnzimmer sie längst nicht so unbeeindruckt gelassen hatte wie Granny und Will, "Gute Nacht, Flyboy." Trotz ihres fehlgeschlagenen Plan B rollte sie sich mit einem zufriedenen Lächeln zusammen. Zwischen Harm und einem Glas Nutella einzuschlafen - was konnte man sich mehr wünschen? Vor allem, wenn man sicher sein konnte, dass BEIDES am nächsten Morgen auch noch da sein würde...
1130 Z-Zeit (06:30 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.
"Letzter Aufruf für Flug 206 nach Oklahoma City.” erklang eine Stimme aus dem Lautsprecher der Flughafenhalle.
Will MacKenzie schulterte seine Reisetasche, umarmte seine Enkelin und schüttelte Harm die Hand. "Wir sehen uns zur Hochzeit." sagte er lächelnd.
Harm und Mac wechselten einen hoffnungsvollen Blick. Meinte er das etwa doch noch als Anspielung auf...
"Ich rede von der Hochzeit von Hazel und John, was dachtet ihr denn?" Der alte Cherokee lachte. Er drehte sich zu Granny um, deren Flug erst in ein paar Minuten aufgerufen werden würde. "Und wir beide sehen uns nächste Woche in Belleville, Sarah," sagte er mit einem sanften Schimmern in den dunklen Augen, das Harm einmal mehr an Mac erinnerte, "Du kümmerst dich doch um die restlichen Formalien?"
"Alles wie besprochen." bestätigte Granny. Sie umarmte ihren 'alten neuen Freund’ herzlich und zwinkerte ihm verschwörerisch zu.
Harm und Mac sahen einander irritiert an. Sprachen die beiden Rentner wirklich von Flugticketts nach Pennsylvania und hergerichteten Gästezimmern?
Will marschierte winkend davon. Harm, Mac und Granny gingen langsam zu Grannys Terminal hinüber. "Jetzt mach kein Gesicht wie sieben Tage Flugverbot!" forderte sie ihren Enkel auf und stupste Harm aufmunternd mit dem Ellenbogen an, "Und du auch nicht, Sarah."
"Wenn ich sieben Tage nicht fliegen dürfte, dann würde mir das herzlich wenig ausmachen." murmelte Mac automatisch.
Granny lächelte. "Na schön, dann eben ein BND-Verbot für dich." räumte sie ein.
"BND? Was soll das sein? Ein neuer Naturschutzbund?" neckte Mac.
Harm grinste breit. "Das sind die drei Lieblingsbeschäftigungen eines jeden Marines: Bummeln, Nichtstun und dumme Kommentare über uns Flyboys abgeben." erklärte er mit seinem charmantesten Flyboy-Lächeln.
Mac verpasste ihrem vorlauten Partner einen linken Haken gegen den Oberarm.
"Autsch! Okay, okay, das Nichtstun nehme ich zurück - das war definitiv nicht 'nichts’!" gab Harm grinsend zu.
Granny stand nur da, sah ihren 'beiden’ Enkeln zu und lächelte warm. "BND bedeutet Beltway-Burger, Nutella und Donuts, ganz einfach!" Sie sah einmal mehr zwischen Harm und Mac hin und her. "Hab ich euch zwei je gesagt, dass ihr die besten Enkel seid, die man sich nur wünschen kann?"
Macs Augen leuchteten gerührt. "Und du die beste Granny!"
Granny lächelte dankbar, ging aber nicht darauf ein, sondern fuhr fort: "Und die besten Schauspieler."
Harm ließ fast ihre Reisetasche fallen. Er und Mac starrten Granny entgeistert an.
Granny lachte laut auf. "Na kommt schon, ihr beiden, seht mich nicht an als wäre ich eine Kuh mit drei Köpfen! Ihr habt doch nicht wirklich im Ernst geglaubt, dass wir darauf hereinfallen? Nicht, dass ihr nicht überzeugend gewesen wärt. Diese Dessert-Sache hätte jede Klosterfrau dazu gebracht, aus dem Raum zu flüchten - vermutlich, um den nächsten Priester für eine Trauung zu finden," Die alte Dame kicherte mädchenhaft, "Aber ihr habt eines vergessen - diesmal war ich nicht alleine. Und Will hat ein paar Jährchen länger beim Militär gedient als ihr beide zusammen. Er kennt alle Pläne und Strategien, die sich zwei raffinierte JAG-Offiziere ausdenken könnten."
Harm starrte seine Großmutter kopfschüttelnd an. "Du bist vielleicht keine Kuh mit drei Köpfen, aber ein Biest bist du trotzdem, Mrs. Sarah Elizabeth Rabb! Ihr habt ganz genau gewusst, dass wir nur Theater für euch spielen und ihr habt uns trotzdem weiterleiden lassen?" Fassungslos sah er sie an.
"Ich hab noch nie jemand gesehen, der beim Leiden soviel Spaß hatte wie ihr zwei, Kinder!" meinte Granny lächelnd, "Und wo wäre der ganze Spaß für zwei alte Tattergreise geblieben, die die x-te Wiederholung von Lassie schon auswendig kennen, wenn wir nicht damit beschäftigt gewesen wären, herauszufinden, wie weit ihr gehen würdet, um uns zu überzeugen?" Sie legte Mac die Hand auf den Arm. "Mein Kompliment für den Kuß gestern Abend - ich musste mich mit aller Macht an meine Gallensteine und all die anderen angenehmen Dinge im Leben erinnern, um nicht laut jubelnd durch die Wohnung zu springen. Und wenn du erst den anderen Arm aus dem Gips hast, dann packst du ihn erst so richtig, nicht wahr, Sarah?"
Mac stöhnte. "Das einzige, was ich dann packe, sind meine Koffer, Granny!" protestierte sie, "Und ich dachte, du und Will hätten und durchschaut und eingesehen, dass das alles nur eine Notfallstrategie war?" Sie verschränkte die Arme in dem Glauben, Granny jetzt mit ihren eigenen Waffen geschlagen zu haben.
Harm beobachtete es zufrieden. "Ha, gib’s unserem verhinderten Amor, Marine!"
"Wißt ihr, Katastrophenübungen sind ja ganz nett, aber solche Strategien dann auch im Ernstfall zu beherrschen - das macht zwei gute Offiziere aus," entgegnete Granny zuckersüß und nahm Harm ihre Tasche aus der Hand, "Also, immer fleißig üben, wir kommen wieder, um die Fortschritte unserer Truppen zu inspizieren!" Sie zwinkerte ihren beiden Enkeln zu und ging vergnügt pfeifend davon.
Harm und Mac standen erstarrt da und sahen ihr eine volle Minute lang nur nach. Dann drehte sich Harm langsam zu seiner Partnerin um. "Und was machen wir zwei jetzt, Marine?"
"Wir machen uns umgehend an die Arbeit, Flyboy." erwiderte Mac.
Harm kniff die Augen zusammen. "Mac? Ähm, du meinst damit aber sicher nicht..." Er deutete in die Richtung, in die Granny eben verschwunden war und dachte an ihre Bemerkung über das 'Üben’.
"Ich meine unsere Arbeit bei JAG, Flyboy! Die Phantasie von euch Fliegern möchte ich haben!" Mac schüttelte tadelnd den Kopf.
"Ach, tatsächlich, möchtest du das?" Harm grinste breit.
Mac verdrehte die Augen, sagte aber nichts mehr. Stattdessen tasteten ihre warmen Finger nach den seinen und hielten sie in einem festen, vertrauten Griff. Harm folgte ihr ohne weitere Proteste.
1230 Z-Zeit (07:30 Uhr EST)
Rollfeld des Flughafens
Washington D.C.
Sarah Rabb lehnte sich zufrieden lächelnd in ihrem Sitz zurück, eine Flieger-Zeitschrift in der Hand, ohne darin zu lesen. In wenigen Sekunden würde das Flugzeug starten.
Granny sah zum Fenster hinaus. Am Morgenhimmel von Washington zeichnete sich ein Regenbogen ab. Granny lächelte noch ein wenig stärker und sah zum Himmel hinauf. "Gut gemacht ihr beide," murmelte sie leise, "Ich wusste doch, dass ihr Rabbs für etwas gut seid!"
- ENDE -
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