With A Little Help - Teil II


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]

Disclaimers: siehe Teil 1

FEEDBACK: Über Rückmeldung, konstruktive Kritik, Anregungen zurVerbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen!

Startseite Index Seitenende

1910 Z-Zeit (15:10 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

A.J. trommelte leicht mit dem Fingern auf dem Griff seiner Aktentasche herum, während er sich umsah und wartete. Eine Katze schlüpfte durch eine Lücke in der Wand der Garage und warf den beiden ‚Eindringlingen’ einen kritischen Blick zu, bevor sie über den Rasen davon stolzierte. <Schwarze Katze von links nach rechts...?> überlegte A.J. Er war nicht abergläubisch, aber dennoch hoffte er, dass die kommenden Tage nichts Schlechtes bringen würden, vor allem nicht für Mac. Sie hatte schon genug durchgemacht.

Mac stand neben ihm, äußerlich so ruhig, professionell und konzentriert wie immer. Den Anflug von Grippe schien sie abgeschüttelt zu haben.

<Sie ist verdammt gut mit diesen Make-up-Tricks,> musste A.J. zugeben, <aber nicht gut genug, als dass ich nicht erkennen könnte, dass sie wieder mal die halbe Nacht nicht geschlafen hat. Diese verdammten Anrufe! Wenn ich herausfinde, wer...>

A.J.s Gedanken wurden unterbrochen, als Jeremiah Kazdin die Türe öffnete und sie hereinwinkte. Die wenigen Gebärden, die A.J. noch beherrschte, reichten nicht für mehr als eine kurze Begrüßung, deshalb folgte er Kazdin ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, dort auf Lieutenant Cavanaugh zu treffen.

Die junge Ausbilderin saß tatsächlich im Wohnzimmer – mit einem kleinen Mädchen auf dem Schoß, das man auf den ersten Blick als ihre Tochter erkennen konnte.

Für einen Moment hatte A.J. Francesca in diesem Alter vor Augen, aber er schüttelte das mentale Bild rasch ab. Er wechselte einen schnellen Blick mit Mac und runzelte die Stirn. Das ganze gefiel ihm nicht. Jedes Mal, wenn er sich umdrehte, schien der Fall sich weiter zu verkomplizieren. Und jetzt das. <Was wird hier gespielt?>

Jae Cavanaugh erhob sich rasch, als sie die beiden ranghöheren Offiziere bemerkte. "Sir, Ma’am... ich kann das erklären..."

"Das hoffe ich," murmelte A.J. grimmig.

Jaes sonst so heiteres Lächeln wirkte jetzt fast gehetzt. "Jessica ist meine Tochter und ich hatte niemanden, der auf sie aufpasst..."

Kazdin, der entweder den Sinn der Worte verstanden oder die Spannung im Raum gespürt hatte, trat zu den drei Offizieren und machte eine Reihe lässiger Gebärden. "Das geht schon in Ordnung," übersetzte Jae und ihre grünen Augen weiteten sich überrascht über Kazs Eingreifen, "das Haus ist groß genug."

"Mister Kazdin, es geht hier nicht um das Haus," wandte A.J. mit zunehmender Ungeduld ein. Begriff denn niemand, dass er letztendlich die Verantwortung für alles trug, was mit dem Fall und Kazdins Freilassung auf Kaution zusammenhing? "Lieutenant, ich hoffe, Sie sind sich der Situation bewusst?" Er machte eine Geste, die das Haus und Jeremiah Kazdin, einen potentiellen Mörder, mit einschloss.

"Ja, Sir, das bin ich," antwortete Jae und hielt seinem Blick stand.

A.J. nickte. "Na schön."

Kazdin faltete seine große Gestalt in den Sessel zurück, vermutlich, weil er jetzt seine Größe nicht mehr brauchte, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, wie A.J. dachte. "Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Bier? Brandy?" Kazdin hielt sein Glas hoch und ließ die braune Flüssigkeit darin kreisen.

Entweder war Kazdin seit ihrer letzten Begegnung tatsächlich höflicher geworden oder Jae legte in ihre Übersetzung automatisch ihre südstaatlerische Gastfreundlichkeit.

"Nur Mineralwasser, wenn Sie das haben, bitte," antwortete Mac.

Kazdin nickte und verzog ein wenig geringschätzig einen Mundwinkel. "Ah, Sie trinken nicht im Dienst, verstehe."

"Ich trinke nie," sagte Mac mit leiser, aber fester Stimme und sah Kazdin direkt in die Augen, "seit zwölf Jahren nicht mehr."

A.J. beobachtete sie stumm. Er hatte sich, bevor Mac nach Falls Church und in sein Leben gekommen war, kaum Gedanken darüber gemacht, wie viel sich im gesellschaftlichen Leben um Alkohol drehte, aber er war sicher, dass Mac fast täglich daran erinnert wurde.

"Admiral?"

"Nichts, danke."

"In zwei Tagen ist meine Artikel-32-Anhörung," erinnerte Kazdin, nun da die Höflichkeiten aus dem Weg waren, "wie sieht Ihre Verteidigungsstrategie aus?"

"Wir haben eine Menge Beweise und Tatsachen, die gegen Sie sprechen, Mister Kazdin," warnte A.J., "aber für Sie spricht, dass Sie kein erkennbares Motiv hatten, Craik Foster zu töten. Dann ist da die Aussage von Leonora Rosario, die bestätigt, dass Sie nach Anrufen auf Ihrem Handy gefragt haben."

"Sir, ich weiß, es ist nicht mein Fachgebiet und ich sollte mich da raushalten," begann Jae mit einem fast scheuen Lächeln, um dann entschlossener fortzufahren, "aber es besteht vielleicht die Möglichkeit, dass der Anruf – beziehungsweise ein ähnlicher – aufgezeichnet wurde."

A.J. verengte die Augen. <Ein Ähnlicher?> "Was soll das heißen, Lieutenant?"

Statt einer Antwort drehte Jae sich zu Kazdin um und begann mit einer Reihe schneller Gebärden.

Kazdin starrte die blonde Frau einen Moment lang nur an, dann glomm etwas in seinen Augen auf, was Enthusiasmus so nahe kam wie A.J. es nie zuvor bei dem kühlen Mann gesehen hatte. Dann drehte er sich abrupt um und verschwand in der Küche, um kurz darauf mit einem Blätterstapel wiederaufzutauchen.

Mit wachsender Ungeduld sah A.J. zu, wie er ein Blatt nach dem anderen überflog, um Jae schließlich eines mit triumphierendem Gesichtsausdruck zu überreichen.

"Leonora... Mrs. Rosario erzählte mir, dass Mister Kazdin die Angewohnheit hat, Nachrichten auf den Anrufbeantworter zu tippen, wenn er sich über etwas ärgert und sich Luft machen oder sich einfach an etwas erinnern möchte," erklärte Jae auf den Blätterstoß deutend, "Diese Nachricht ist vom 13. Mai 1999, 12.34 Uhr, wurde also etwa zu dem Zeitpunkt geschrieben, zu dem der Mord geschah." Jae sah auf das Blatt hinab und las vor: "Leonora, erinnern Sie mich daran, dass ich meine Handynummer nicht mehr jedem gottverd... jedem... ähm, Menschen gebe."

A.J. musste schmunzeln, als er Jaes umständliche Umformulierung hörte. <Das hätte sie sich sparen können. Man dient nicht fast 30 Jahre in der Navy, ohne das eine oder andere Schimpfwort kennen zu lernen und ich bin sicher, dass Mac als Joe MacKenzies Tochter ebenso viele Flüche kennt wie ich – vermutlich noch dazu in mehreren Sprachen.>

"Das hilft uns weiter. Es zeigt, dass Sie wirklich einen Anruf bekommen haben." A.J. nickte seinem Mandanten zu. "Es sei denn natürlich, die Anklagevertretung argumentiert, Sie hätten den Anruf bei Mrs. Rosario und die Nachricht auf dem Anrufbeantworter schon im Voraus geplant, um sich eine Art Alibi in Form eines angeblichen Anrufes zu verschaffen. Aber um das zu planen, hatten Sie nicht genügend Zeit, weil Sie kaum eine halbe Stunde zuvor zum ersten Mal mit Foster gesprochen haben." Endlich schienen sie weiter zu kommen.

"Haben Sie Foster beim Besuch in seiner U-Haft-Zelle zum ersten Mal gesehen?" fragte Mac, die sich bislang zurückgehalten hatte.

Kazdin wartete auf Jaes Übersetzung und nickte dann. "Ich habe ihn nie zuvor gesehen und nie zuvor von ihm gehört." Die letzte Gebärde bedachte er mit ironischen Anführungszeichen.

"Wie kommt es, dass Foster, als er verhaftet wurde und genau einen Anruf machen durfte, sich an Ihren Namen erinnert hat?" erkundigte sich Mac weiter, "Ich meine, er hat nicht nach der Kanzlei ‚Flynt, Emery & Partner’ verlangt, sondern nach Ihnen speziell. Könnte er Sie von Ihrer Militärzeit her kennen?"

A.J. verschränkte locker die Arme vor der Brust und sah seiner Top-Anwältin einfach nur zu. Er konnte sich das leisten, denn er wusste, dass sie gut war.

Kazdin schüttelte den Kopf. "Unwahrscheinlich. Foster war ein Marine, ich war bei der Navy, unsere Wege haben sich nie gekreuzt. Er sagte mir am Telefon, ein Freund hätte mich ihm irgendwann einmal empfohlen."

"Vielleicht ein zufriedener Mandant von Ihnen?"

"Möglich."

"Könnte es ein Gehörloser sein?" warf A.J. ein, "Ich bin sicher, in diesen Kreisen haben Sie eine gewisse Bekanntheit erlangt."

Kazdin nickte. "Könnte sein, aber das dürfte schwer herauszufinden sein."

"Sir," Jae trat einen Schritt näher, nachdem sie übersetzt hatte, und ihre grünen Augen blitzten voller Energie, "ich habe einige Kontakte zu verschiedenen Organisationen für Gehörlose in South Carolina und Georgia. Ich kann gerne ein paar Nachforschungen anstellen, vielleicht ergibt sich ja etwas." Sie zuckte die Schultern und tat, als seien diese ‚paar Nachforschungen’ kaum der Rede wert, aber A.J. ahnte, dass es einige Arbeit kosten würde.

Kazdin schien zum gleichen Schluss gelangt zu sein, denn die nächsten Gebärden, die Jae übersetzte, lauteten: "Das ist ziemlich viel Arbeit, die Sie da für einen unfreundlichen Einzelgänger und potentiellen Mörder auf sich nehmen." Der Blick, mit dem er Jae bedachte, schwankte zwischen Misstrauen, Verständnislosigkeit und widerwilliger Dankbarkeit.

"Vielleicht," gab Jae mit einem Lächeln zu, "aber es ist nicht zuviel Arbeit für einen Freund."

A.J.s Augenbraue wanderte steil in die Höhe. <Was zum Teufel...?> Er mochte die freundliche Art der jungen Ausbilderin, aber dennoch war er der Meinung, dass sie etwas mehr emotionalen Abstand halten sollte, was ihren Mandanten betraf. Ihr blindes Vertrauen in ihren neuen ‚Freund’ war nicht nur unprofessionell, sondern auch ein wenig naiv. Wenn Kazdin wirklich des Mordes schuldig sein sollte, begab sie sich damit vielleicht in Lebensgefahr. A.J. nahm sich vor, bei Gelegenheit ein paar Worte der Warnung an sie zu richten.

Leonora Rosario kam herein, eine Torte mit brennenden Kerzen in den Händen, während Jaes Tochter zwei Meter hinter ihr folgte und mit wichtiger Miene einen Obstkuchen balancierte. "Felicidades! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Señor Kaz," rief sie strahlend und setzte die Torte neben ihrem Arbeitgeber auf dem Tisch ab, um den widerstrebenden Mann in eine kurze Umarmung zu schließen.

Jessica Cavanaugh folgte ihrem Beispiel ohne jede Schüchternheit, schlang ihre Ärmchen um den Hals des verdutzten Mannes und drückte ihm sogar einen schnellen Kuss auf die Wange.

Kazdin ließ die Prozedur starr über sich ergehen, aber sein Gesichtsausdruck, als er sich die Wange abwischte, sprach Bände.

A.J. bemerkte, wie Mac und Jae einen amüsierten Blick wechselten, bevor das kleine Mädchen zurück in die schützenden Arme ihrer Mutter rannte.

"Herzlichen Glückwunsch," sagte Mac, während sie die Augen scheinbar nicht von dem Kerzenmeer auf der Torte abwenden konnte.

Kazdin machte die Kusshand-Gebärde, die A.J. als ‚Danke’ erkannte und dann eine weitere. "Danke, gleichfalls," übersetzte Jae und sah Mac fragend an. "Sie haben auch Geburtstag, Ma’am?"

Mac sah aus den Augenwinkeln zu A.J. hinüber. "Mmh, ja," gestand sie zögerlich. Ihre großen dunklen Augen blickten wie die eines Kindes, das Strafe befürchtet.

Tiefe Falten bildeten sich auf A.J.s Stirn, aber er sagte nichts und versuchte sogar ein Lächeln. Wieso sollte er Mac auch böse sein, dass sie ihn nicht auf ihren Geburtstag hingewiesen hatte? Schließlich gehörte das nicht zu den Pflichten eines Untergebenen. <Und was hätte ich schon getan, wenn ich davon gewusst hätte? Ihr etwa auch so eine Riesen-Torte gebacken?> sagte er sich spöttisch. Torten und Geburtstagsgeschenke gehörten einfach nicht in die professionelle Beziehung zwischen dem JAG und seinen untergebenen Offizieren, aber dennoch blieb ein vages Gefühl des Bedauerns in A.J. zurück.

Dann fiel ihm etwas ein und er musterte Kazdin prüfend. Woher hatte der gehörlose Anwalt von Macs Geburtstag gewusst? Scheinbar hatte er sich gründlich über seine Verteidiger informiert, auch wenn es so aussah, als hätte er sein anfängliches Misstrauen gegen sie langsam überwunden.

Leonora Rosario verteilte geschäftig Kuchen auf die Teller am Tisch und schenkte Kaffee ein.

Schweigen breitete sich aus, während sie aßen, weil die beiden Gebärdensprachler ihre Hände jetzt nicht mehr für eine Unterhaltung nutzen konnten und ihr Gastgeber ohnehin wenig Interesse an Konversation zu haben schien.

A.J. beobachtete Mac unauffällig. Sie spielte gedankenverloren mit ihrer Gabel und hatte nach dem ersten Bissen von der Torte ihren Appetit offenbar verloren, obwohl sie sonst dafür bekannt war, ungesundem Essen nicht abgeneigt zu sein und Depressionen mit Süßigkeiten zu bekämpfen.

A.J. fischte ein Stückchen Pfirsich von seinem Obstkuchen, als ihm plötzlich der Grund für Macs scheinbare Appetitlosigkeit klar wurde. <Amaretto-Torte,> wiederholte er in Gedanken Leonoras stolze Erklärung. <Alkohol!>

Er blickte zu Mac hinüber, aber sie sah nur auf ihren Teller hinab, als überlege sie, wie sie das Stück Torte unauffällig verschwinden lassen konnte.

A.J. warf einen schnellen Blick in die Runde und schob Mac dann wortlos seinen Obstkuchen hin, während er möglich unauffällig und als wäre das ganz selbstverständlich das Stück Amaretto-Torte an sich nahm.

Als er wieder aufsah, begegnete er Jaes Lächeln und er fragte sich, welchen Grund sie hinter dem Austauschmanöver vermutete.

Mac unterdrückte ein Husten, als sie sich an ihrem Kaffee verschluckte, und sah ihn ein paar Sekunden lang nur fragend an, bevor sie sein Vorhaben endlich begriff und ihm verlegen zulächelte.

A.J. hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Er hatte schon oft erlebt, dass Mac keine Probleme bereiten wollte. Sarah MacKenzie hatte ihn selten um etwas gebeten und sie hasste es, Hilfe zu benötigen. Sie gehörte zu den Menschen, die um jeden Preis versuchten, ihre Probleme selbst zu lösen, auch wenn das bedeutete, stumm vor sich hin zu leiden.

Nach einer Weile legte Jae ihre Gabel hin und erhob sich. "Ich sollte mal nach Jessie sehen, bevor sie Leonora zu sehr auf die Nerven geht."

A.J. schluckte den letzten Bissen der Amaretto-Torte und schob ebenfalls seinen Stuhl zurück. "Bei der Gelegenheit würde ich gerne kurz mit Ihnen sprechen, Lieutenant." Er folgte der schlanken Frau, die sich in Kazdins Haus bereits besser zurechtfand als er.

"Sie scheinen Major MacKenzie ziemlich gut zu kennen, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf," bemerkte Jae, während sie über den Gang gingen.

"Hm," A.J. nickte unverbindlich, "manchmal. Und manchmal denke ich, ich kenne sie überhaupt nicht," fügte er mehr zu sich selbst gewandt halblaut hinzu. Ihr Geburtstag ging ihm noch immer im Kopf herum. Er folgte Jae ins Gästezimmer, wo ihre blonde Tochter bäuchlings am Boden lag und mit Wachsstiften auf ein Blatt Papier zeichnete.

"Ich wusste nicht, dass Sie eine Tochter haben," begann A.J., während er dem Mädchen zusah, "und ich wollte vorhin vor Kazdin eigentlich nicht so heftig werden, aber es musste sein. Ich frage mich, ob Sie sich wirklich bewusst sind, in welche Situation sie sich hier begeben." Ernst blickte er die junge Frau an. Aus irgendeinem Grund schien sie Kazdin zu vertrauen, aber er konnte ihren Mangel an Vorsicht nur schwer nachvollziehen. <Weibliche Intuition?>

Jae straffte energisch die Schultern, eine Bewegung, die A.J. sofort an Mac erinnerte. "Bitte um Erlaubnis, offen sprechen zu dürfen, Sir."

A.J. nickte und verschränkte abwartend die Arme. "Erlaubnis gewährt." Er fragte sich ohnehin, ob Jae überhaupt anders als offen sprechen konnte. Arglist, Verstellung und Hintergedanken schienen ihr fremd zu sein.

"Sir, ich habe mich in Ihrem Auftrag in diese Situation begeben."

"Richtig, Lieutenant, aber das betrifft die berufliche Seite der Situation. Sie sind bestens dafür ausgebildet, mit dieser fertig zu werden – aber Ihre Tochter nicht. Wenn Sie Ihre berufliche Distanz verlieren und..."

Weiter kam er nicht. "Sir!" unterbrach Jae und ihre goldgrünen Augen schienen Funken zu sprühen, "Sie glauben doch nicht, dass ich meine Tochter irgendeinem Risiko aussetzen würde!"

A.J. hob beruhigend die Hand als er sich plötzlich einer Löwenmutter in Verteidigungshaltung gegenübersah. "Nein, Lieutenant, das glaube ich nicht. Ich möchte nur dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Vertrauen ist gut, aber achten Sie darauf, dass Sie realistisch bleiben und alle Möglichkeiten in Betracht ziehen – auch die, dass Kazdin schuldig sein könnte."

Sie wechselten einen Blick, nicht zwischen Offizieren, sondern vor allem zwischen zwei Elternteilen, die alles für das Wohl ihres Kindes getan hätten. Trotz ihrem für einen Offizier erstaunlichen, fast naiven Vertrauen in die Menschen fand A.J. in ihren Augen eine Tiefe, die selten für eine Person ihres Alters war.

"Verstanden, Sir," sagte Jae nach ein paar Sekunden, "Sie haben auch Kinder, stimmt’s?"

A.J. nickte. "Eine Tochter, wenn auch etwas größer als Ihre," er lächelte auf das Kind hinab, "Sie lebt in Italien und ist Journalistin in der Mode-Branche." Er gab seiner Erklärung über Francescas Beruf einen Hauch von Ironie, konnte aber nicht verbergen, dass er im Grunde genommen stolz auf seine Tochter war. Er hatte immer bedauert, nicht Teil ihres alltäglichen Lebens sein zu können, als sie aufwuchs, und fragte sich, ob es Jessica Cavanaughs Vater ähnlich erging.

Das blonde Mädchen hatte die Stifte beiseitegelegt, um der Unterhaltung zwischen ihrer Mutter und dem fremden Mann in Uniform zuzusehen. "Bist du auch Soldat?" fragte sie, neugierig zu Chegwidden aufsehend.

A.J. beugte sich zu ihr hinunter. "Ja, aber ich bin auch Anwalt. Ich arbeite mit Gesetzen und helfe Menschen wie Mister Kazdin vor Gericht," versuchte er zu erklären und war sich bewusst, dass er, was den Umgang mit Kindern betraf, völlig aus der Übung war.

"Hmmm, langweilig," entschied das Mädchen mit kindlicher Überlegenheit.

"Ach ja?" A.J. hob spielerisch die Brauen. "Langweilig? Und was willst du mal werden, wenn du groß bist?"

"Als ich noch kleiner war, wollte ich Katze werden, wenn ich groß bin," erklärte Jessie eifrig. A.J. drehte sich zu Jae um, die nur lächelnd die Schultern zuckte. "Aber jetzt will ich Malerin werden oder Arzt oder Tänzerin."

"Oder Springreiterin oder Zirkusdirektor oder Marine," fügte Jae mit einem versteckten Lächeln hinzu und wuschelte ihrer Tochter durchs Haar.

"Marine, so? Warum nicht die Navy?" A.J. verschränkte herausfordernd die Arme.

Jae grinste schelmisch. "Bei allem Respekt, Sir..."

A.J. winkte ab. "Schon gut, Lieutenant, ich weiß die Marines durchaus zu schätzen."


2015 Z-Zeit (16:15 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Mac sah zu, wie ihr Mandant sorgfältig einen Wachsfleck entfernte, den eine der Kerzen auf dem Tisch hinterlassen hatte. Es ärgerte sie noch immer ein wenig, dass ihr ‚kleines Geheimnis’ aufgeflogen war, am meisten aber ärgerte sie sich über sich selbst. Sie wollte unbedingt vermeiden, dass der Admiral den Eindruck bekam, sie würde ihn schon wieder belügen oder ihm Dinge verheimlichen. Sie wollte beweisen, dass sie das Vertrauen verdiente, das er Tag für Tag in sie setzte.

Gleichzeitig war es aber schwer zu entscheiden, wie sie ihm ihre Vertrauenswürdigkeit denn genau beweisen sollte, ohne dabei die unsichtbare Linie, die ihre beruflichen Rollen zwischen ihnen zogen, zu überschreiten. Sie wollte Chegwidden nicht in die unangenehme Situation bringen, entscheiden zu müssen, ob es angebracht war, ihren Geburtstag mit ihr zu feiern oder ihr ein Geschenk zu kaufen.

Das war es einfach nicht wert, vor allem nicht, wenn man bedachte, dass sie ihren Geburtstag schon seit ihrer Jugend nicht mehr gefeiert hatte. Seit 18 Jahren war der Tag mehr das ‚Jubiläum’ des Tages, an dem ihre Mutter sie verlassen hatte als ein Grund zum Feiern. Sie war immer froh, wenn der Tag vorüber ging, ohne dass jemand Notiz davon nahm.

Mac wurde aus ihren Grübeleien gerissen, als Jeremiah Kazdin sein Glas nahm und es in die Küche trug. Sie stapelte die leeren Kuchenteller aufeinander und folgte ihm, kam aber nur bis zur Küchentüre, bevor Kazdins Haushälterin ihr die Teller abnahm, also folgte sie Kazdin zurück ins Wohnzimmer.

Das Schweigen, das sich zwischen ihnen ausbreitete, begann Mac langsam zu belasten und sie fragte sich, wo der Admiral und Jae Cavanaugh blieben. Sie warf einen Blick durch das Fenster und stellte fest, dass es erneut regnete.

Mac beschloss, einen Kommunikationsversuch zu starten. "Sieht schlimm aus draußen," schrieb sie mit schwungvollen Bewegungen auf den Zettel, den sie aus ihrer Tasche fischte, "von mir aus könnte immer die Sonne scheinen."

Kazdin las ihre Notiz und blickte dann gelangweilt weg. Als Mac schon sicher war, dass ihr Versuch, eine Unterhaltung zu beginnen, gescheitert war, griff er doch noch zum Stift. "Unterschätzen Sie den Wert von Regen nicht, Major – die meisten Leute könnten keine Unterhaltung beginnen, wenn sich das Wetter nicht ab und zu einmal ändern würde."

Mac musste lachen und ein Teil der Anspannung, die sie in dieser neuen Situation empfand, fiel von ihr ab. Sie sah zu, wie Kazdin begann, mit dem Stift Regenwolken auf das Papier zu zeichnen, während er mit der anderen Hand gedankenverloren an dem Etikett seiner eben geöffneten Bierflasche herumkratzte.

<Zuerst Brandy und jetzt Bier,> stellte Mac fest und nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe, <und dabei ist es gerade erst 16.27 Uhr Ortszeit.> Sie konnte nicht sicher sein, aber im Allgemeinen hatte sie ein gutes Gespür für Alkoholprobleme – und sie glaubte, dass Jeremiah Kazdin eines hatte.

Sie überlegte, ob und wie sie Kazdin darauf ansprechen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Mac wusste, dass er höchstwahrscheinlich bestreiten würde, irgendwelche Probleme mit Alkohol zu haben. Sie selbst hatte Eddies Tod gebraucht, um sich einzugestehen, dass sie alkoholabhängig war und es hatte noch viel länger gedauert, bis sie eingesehen hatte, dass sie damit denselben Fehler machte wie ihre Eltern. Ihre Mutter war einfach davongelaufen, aber Alkohol war nichts Anderes als Macs Art der Flucht. Sie kannte Kazdin einfach nicht gut genug, um zu wissen, vor was er floh und was ihn dazu bewegen konnte, das Davonlaufen aufzugeben und stattdessen den Kampf mit seinen Problemen aufzunehmen. An manchen Tagen wusste sie nicht einmal, was sie selbst dazu bewegen konnte.

Mac zuckte zusammen, als plötzlich das Licht zu flackern begann. Sie sah zur Decke hinauf. <Wackelkontakt?> überlegte sie, aber als sich Kazdin erhob und zur Türe ging, begriff sie, dass dies das Gehörlosen-Äquivalent einer Türklingel war.

Eine Minute später kehrte Kazdin zurück, die Lippen zusammengepresst und die Stirn in Falten gelegt, während er düster vor sich hinstarrte.

Ihm folgten ein großer, kräftiger Mann mit stahlgrauem Haar, der das Wohnzimmer durch seine charismatische Aura sofort kleiner wirken ließ, und die Frau neben ihm noch unauffälliger wirken ließ. Die Frau war elegant, zierlich und um einige Jahre jünger als ihr Begleiter. Mac schätzte sie auf Mitte oder Ende Vierzig.

"Ah, das muss einer deiner JAG-Anwälte sein," dröhnte der Mann mit einer tiefen Bassstimme, "Major MacKenzie, nehme ich an?"

Mac nickte und erhob sich abwartend.

"Philip Kazdin," stellte der Fremde sich lächelnd vor, "und das ist meine Frau Barbara."


2256 Z-Zeit (18:56 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

Mac ließ ihre Finger geschickt über die Tastatur ihres Laptops huschen. Hin und wieder pausierte sie, wobei die Finger über den Tasten schwebten, und las sich den letzten Abschnitt ihres Berichts noch einmal durch. Sie ahnte, dass der Ermittlungsbericht durch die Hände von Senatoren und Ministern gehen würde, und deshalb wollte sie selbst den kleinsten Fehler vermeiden.

Das schrille Klingeln ihres Handys erschreckte sie. Verärgert löschte sie die Reihe von ‚Gs’, die sie beim Abrutschen versehentlich getippt hatte, während sie hoffte, dass das Klingeln einfach aufhören würde. Natürlich tat der unbekannte Anrufer ihr diesen Gefallen nicht. Mac debattierte einen Moment lang mit sich selbst, ob sie wirklich abnehmen sollte, aber dann sagte sie sich, dass es jemand aus dem Hauptquartier sein konnte und angelte seufzend nach dem Handy. "MacKenzie." Sie merkte, dass sie den Atem anhielt, während sie auf eine Antwort wartete.

"Hallo, Schätzchen, ich bin's, deine Mutter. Wie geht’s dir?"

Mac schloss die Augen und atmete tief durch. <Das ist doch wohl nicht ihr Ernst, oder? Ich habe vor gerade mal drei Wochen meinen Vater beerdigt, alleine, ohne die Unterstützung meiner Mutter, die ich so dringend gebraucht hätte. Und jetzt bin ich hier, am Ort so vieler Kindheitserinnerungen, und meine Vergangenheit greift aus allen Richtungen nach mir. Wie soll es mir da wohl gehen?> Aber natürlich antwortete sie mit ihrem patentierten "Ich bin okay, mir geht's gut."

"Ich will dich nicht lange belästigen, ich wollte dir nur ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren, Schätzchen."

Mac presste eine Hand auf den Mund und starrte den Telefonhörer an. <Zu spät,> dachte sie bitter, <diese ‚herzlichen Gratulationen’ kommen 18 Jahre zu spät!> Ein Teil von ihr war erstaunt, dass ihre Mutter sich überhaupt an ihren Geburtstag erinnerte. <Vor 18 Jahren hat sie nicht daran gedacht, dass sie mir mit ihrem Verschwinden den Geburtstag verdirbt – ganz zu schweigen vom Rest meiner Jugend.> "Danke," murmelte sie und kam sich betäubt vor.

"Hör mal, hast du dir das inzwischen überlegt? Wenn dir das lieber ist, könnte ich auch..."

Mac fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zählte auf zehn. Langsam. Rückwärts. Zweimal. In Farsi. "Mum, ich... kann jetzt nicht reden." Das war nicht einmal gelogen, sie fühlte sich wirklich völlig gelähmt und außerstande, eine zivilisierte Unterhaltung zu führen.

"Ich rufe gerne später noch mal an, wenn du jetzt beschäftigt bist. Bis dann, pass auf dich auf, Schätzchen."

"Ja, du auch," antwortete Mac automatisch und legte auf. Sie ließ sich im Stuhl zurücksinken und drehte den Kopf in Richtung Laptop. Der Bildschirmschoner zeichnete eine Unterwasserwelt auf die dunkle Oberfläche, ohne dass Mac von den Seepferdchen oder der vorbeischwimmenden Haifischflosse Notiz nahm. Jetzt war einer der Momente gekommen, in denen sie sich danach sehnte, ein kühles Glas in ihrer Hand zu spüren, den bittersüßen Geschmack von Wodka Tonic zu schmecken. Der Alkohol hatte ihr immer das Gefühl gegeben, unverwundbar zu sein, bis sie dann festgestellt hatte, dass man sich nur so fühlte, solange man trank – also hatte sie weitergetrunken.

Nach einer Minute bemerkte sie, dass sie die Finger ihrer rechten Hand noch immer um das Handy gekrampft hatte und sie schleuderte es wütend gegen die Wand. Ein Bild, das dort platziert gewesen war, fiel gleich mit zu Boden.

Es klopfte sanft gegen die nur angelehnte Türe. "Ich sehe, Sie redekorieren gerade, Major."

Mac sah auf. <Auch das noch!> Sie sah sich ihrem kommandierenden Offizier gegenüber, der sie mit einer Mischung aus sanftem Spott und Besorgnis betrachtete.


2311 Z-Zeit (19:11 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

Der Admiral stand stumm im Türrahmen und musterte sie aufmerksam. "Wollen Sie darüber sprechen?" erkundigte er sich sanft.

Macs Kopf ruckte überrascht herum und sie atmete tief durch, während sie ihn ansah, als hielte sie ihn für einen Gedankenleser. Sie fragte sich, woher er, mit dem sie nie ihre Freizeit verbrachte, immer wusste, wenn etwas nicht in Ordnung war.

"Ich weiß es einfach," sagte Chegwidden, als könne er tatsächlich ihre Gedanken lesen.

"Es geht schon wieder, Sir," beschwichtigte Mac schnell, "ich habe mich nur ein wenig über etwas geärgert. Alles in Ordnung."

"Major..."

"Ich sagte doch, es ist wirklich alles in Ordnung." Mac sah aus dem Fenster, ohne etwas von der Landschaft draußen wahrzunehmen.

Chegwidden musterte sie mit sanfter Strenge. "Ich habe gehört, was Sie gesagt haben, Mac, aber ich habe auch gehört, WIE Sie es gesagt haben."

"Sir, ich...," begann Mac und ihr ging plötzlich durch den Kopf, dass sie manchmal ganze Unterhaltungen nur mit einzelnen Wörtern und Rängen bestritten. Sie bemerkte, dass sie es nicht länger vor ihm zurückhalten konnte – oder wollte. Sie wollte mit jemandem darüber reden und zwar nicht nur mit irgendeinem Jemand, sondern mit dem Admiral. "Ich bekomme Anrufe, Sir."

Chegwidden zog die Augenbrauen zusammen und seine Wangenmuskeln traten stärker hervor, was ihm ein fast bedrohliches Aussehen verlieh. Er wirkte, als sei er wild entschlossen, dem ‚anonymen Anrufer’ persönlich eine Lektion zu erteilen.

Mac musste trotz der Stimmung, in der sie sich befand, fast lachen. "Es ist nicht, was Sie denken, Sir, es ist... meine Mutter." Mac wartete Chegwiddens Reaktion ab und als er verstehend und ermutigend nickte, ohne sie zu unterbrechen, fuhr sie fort: "Sie ruft mich seit ein paar Tagen an, um... sie ruft mich an, damit ich wieder ein Teil ihres Lebens werde," sie atmete tief durch und rang um Sachlichkeit, "aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Sie ist meine Mutter, ja, aber es ist soviel geschehen und wir haben uns einfach auseinander entwickelt. Sie hat nicht einmal meinen Namen gesagt..."

Chegwidden schwieg einen Moment lang und Mac bereute bereits fast, irgendetwas gesagt zu haben, ihre Privatprobleme in ihr Berufsleben mitgeschleppt zu haben, aber dann sah sie den Blick des Admirals. Sie las kein Mitleid in den braunen Augen und das war auch das letzte, was sie wollte. Sie war kein Opfer und vor allem wollte sie nicht, dass Chegwidden sie als eines ansah. Sie wollte, dass er stolz auf sie sein konnte. Sie erkannte aber auch kein Urteil in seinen Augen, weder über sie noch über ihre Mutter. Lediglich Respekt, Anteilnahme und einen Hauch von Sorge sah sie in seinem Blick.

"Haben Sie ihr das gesagt?" wollte Chegwidden schließlich wissen. Er fragte nicht nach der Vergangenheit und Mac war dankbar dafür. Momentan hatte sie mit der Gegenwart mehr als genug zu tun.

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, Sir, ich... ich konnte nicht. Und ich möchte sie nicht verletzen." Es fiel ihr noch immer schwer, das alte Denken in Allianzen aufzugeben. Fünfzehn Jahre lang waren immer sie und ihre Mutter gemeinsam gegen ihren gewalttätigen Vater gestanden. Es war ihre Mutter gewesen, die sie gewarnt hatte, wenn Joe MacKenzie wieder einmal besonders schlechte Laune hatte und die nach oben gerufen hatte, sie solle in ihrem Zimmer bleiben, während sie selbst unten im Wohnzimmer brutal geschlagen worden war. Erst kurz vor dem Tod ihres Vaters hatte Mac begonnen, zu erkennen, dass auch ihr Vater ein paar gute Eigenschaften gehabt hatte und dass ihre Mutter es sich in der Rolle des Opfers nur allzu leicht machte. Niemand konnte die Fehler, die er in seinem Leben gemacht hatte, auf einen anderen schieben, nicht sie und auch nicht Deanne. Ihre Mutter hatte sie verlassen, ohne daran zu denken, was das für die 15jährige Sarah bedeuten mochte, und jetzt, nach so langer Zeit, tauchte sie einfach wieder auf und erwartete, dass Mac sie willkommen hieß, als wäre sie nur mal kurz weg gewesen? "Ich habe einfach zu viele gemischte Gefühle ihr gegenüber," stellte Mac nach einer Weile fest.

"Ich weiß nicht, ob es mir zusteht, Ihnen einen Rat zu geben, Mac, und ich behaupte nicht, ihre Situation vollkommen nachvollziehen zu können," Chegwidden zögerte, offenbar fühlte er sich nicht ganz wohl dabei, sich ins Privatleben seiner Offiziere einzumischen, aber dann trat er energisch einen Schritt näher und fuhr fort, "aber ich bin der Meinung, Sie sollten sich zu aller erst einmal auf sich konzentrieren. Finden Sie heraus, was Sie wollen und dann sagen Sie Ihrer Mutter das. Sie haben seit vielen Jahren Ihre Entscheidungen selbst getroffen und Ihre Mutter muss lernen, dass Sie das auch weiterhin tun werden. Lassen Sie sich nicht von ihr emotional erpressen, Mac."

Mac sah auf die Trümmer ihres Handys hinab und dann hinauf ins ernste Gesicht ihres kommandierenden Offiziers. "Nein, Sir," sagte sie mit leiser, aber entschlossener Stimme, "das werde ich nicht. Danke, Admiral."


2044 Z-Zeit (16:44 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz rieb sich die Stirn, hinter der sich langsam Kopfschmerzen zu entwickeln begannen. "Was tut ihr denn hier?" fragte er, während er seinen Eltern mit einer ungelenken Bewegung einen Sitzplatz anbot. Er beugte sich hinab, um den begeistert um ihn herumspringenden Golden Retriever der Familie zu begrüßen.

"Uns geht’s gut, danke der Nachfrage, lieber Sohn," sagte Senator Philip Kazdin kopfschüttelnd. Eigentlich gebärdete er nicht, sondern er sprach und gestikulierte mit ein paar eingeworfenen Gebärden, aber Kaz verstand ihn trotzdem. "Gott im Himmel, Jeremiah, deine sozialen Umgangsformen haben sich wirklich nicht verbessert. Wir sind hier, um dir zum Geburtstag zu gratulieren und um sicherzugehen, dass alles Menschenmögliche für deine Verteidigung getan wird."

Kaz widerstand nur mit Mühe dem Drang, eine Grimasse zu schneiden. "Ich bin nur überrascht, euch zu sehen, vor allem so ohne Vorwarnung," entschuldigte er sich und stellte fest, dass er schon wieder eine mentale Verteidigungsstellung bezog. Es gab nur wenige Personen auf der Welt, die Kaz einschüchtern konnten, aber sein Vater gehörte wohl dazu. Mit steter Genauigkeit konnte er Kazs Schwachpunkte finden und versäumte es, vielleicht nicht einmal mit Absicht, nie, sie auszunutzen, um ihn zu manipulieren, so hatte er ihn zum Beispiel wieder einmal ‚Jeremiah’ genannt. Es war ein Spiel, das Vater und Sohn schon seit Jahren spielten: Philip spielte um Kontrolle und Kaz um Entkommen.

"Warnung?" fragte sein Vater, während er sich jetzt, wo die beiden JAG-Offiziere gegangen waren, im Wohnzimmer umsah.

Kaz schloss frustriert seine Hände zu Fäusten. Seine Knöchel waren weiß, als er die Hände wieder zu einer Antwort öffnete. "Ich meine Anmeldung... ich meine... es ist ein weiter Weg von Connecticut nach South Carolina." <Genau deshalb bin ich ja schließlich hierher gezogen!>

"Ist schon okay," Philip Kazdin nickte nachsichtig, "ich schätze, es sollte uns nicht wundern, wenn du etwas überrascht bist, da wir dich ja so unregelmäßig besuchen."

<Ja, niemals ist ziemlich unregelmäßig, oder?> Kaz nickte nur.

"Wir haben uns seit Anfang des Jahres nicht gesehen, das ist eine lange Zeit," sagte Barbara Kazdin und legte ihrem Sohn eine Hand auf den Arm.

<Nicht lange genug!> Kaz sah verstimmt auf die Hand seiner Mutter hinab. Er hatte Berührungen nie gemocht, sah aber keine Möglichkeit, dieser zu entgehen, ohne allzu unhöflich zu werden, also nickte er nur zu den Worten seiner Mutter. Er wies auf das Gepäck, das sein Vater neben dem Kamin abgestellt hatte. "Das Gästezimmer ist im Moment leider belegt, ihr werdet euch wohl ein Hotelzimmer nehmen müssen." Zum ersten Mal war er wirklich froh über die Anwesenheit von Jae und ihrer Tochter.

"Belegt?" Barbara Kazdin wiederholte die Gebärde. Sie wirkte überrascht und erfreut zugleich.

"Jae Cavanaugh..." begann Kaz mit Hilfe des Fingeralphabets zu erklären.

"Du hast eine Freundin?" Seine Mutter sah ihn hoffnungsvoll an.

"Nein!" Er rollte mit den Augen. "Jedenfalls nicht so, wie du meinst, Mutter."

Mrs. Kazdin seufzte. "Wünscht du dir nicht jemanden, mit dem du alt werden kannst?" Ihre großen, grauen Augen sahen ihren Sohn bekümmert an.

"Oh, bitte!" Kaz war es leid, die alte Diskussion immer und immer wieder zu führen, "Alles, was man in 50 Jahren sieht sind ohnehin nur noch Falten, Altersflecken und Bettpfannen," kommentierte er betont abfällig und hoffte, dieses Thema damit zu beenden.

"Jemand, an den man sich kuscheln kann und in dessen Armen man einschläft," beharrte Barbara Kazdin.

"Jemand, der einem die Bettdecke stiehlt."

"Jemand, mit dem man seine Träume und Hoffnungen teilen kann," griff der Senator in die Unterhaltung ein und erhob sich aus dem Sessel, um auf gleicher Höhe mit seinem Sohn zu sein.

Kaz trat automatisch einen Schritt zur Seite, so dass er nicht gezwungen sein würde, zu dem zumindest gleich großen Philip aufzusehen, wobei er es zugleich vermied, auch nur einen Millimeter zurückzuweichen. Die Machtspielchen hatten bereits begonnen. "Jemand, der dich nach ein paar Jahren für jemand jüngeren verlässt." Kaz rollte mit den Augen.

"Eine Familie und Kinder!" sagte Philip Kazdin mit Nachdruck als hätte er sein ganzes Leben lang nichts Anderes gewollt.

"Die dich um zwei Uhr morgens schreiend aufwecken," meinte Kaz abfällig. <Nicht, dass ICH durch das Schreien aufwachen würde... aber daran denken die beiden ja ohnehin nicht.>

"Werden wir deine Freundin kennen lernen?" erkundigte sich Barbara, die wohl eingesehen hatte, dass die Diskussionen wie üblich zu nichts führen würden.

Kaz nickte grimmig. "Wie ich sie einschätze, ist sie ganz wild darauf, euch kennen zu lernen." <Obwohl ich beim besten Willen nicht verstehe, warum,> fügte er in Gedanken ironisch hinzu.

Die Wohnzimmertüre öffnete sich und Jessie rannte herein. Über den Parkettboden schliddernd kam sie vor Kaz zum Stehen und sah bittend zu ihm auf. "Mama hat gesagt, dass du vielleicht mit mir spielst, wenn ich ganz nett frage. Hab ich nett gefragt?" erkundigte sie sich in Gebärdensprache.

Nur um seine verblüfften Eltern noch mehr zu irritieren, kniete Kaz neben dem Kind nieder und lächelte es an. "Sehr nett," bestätigte er, unsicher, was er sonst noch sagen sollte. Kommunikationstraining mit Kindern wurde während des Jura-Studiums leider nicht angeboten und immer, wenn Kaz mit Kindern zu tun hatte, begann er sofort, sich zu groß und ungeschickt zu fühlen. Glücklicherweise entdeckte Jessie in diesem Moment Samson, den Golden Retriever, und vergaß, dass sie eigentlich mit Kaz hatte spielen wollen.

Philip Kazdin blinzelte verwirrt. "Was ist das denn?"

"Das ist ein nichtausgewachsenes Exemplar der Gattung Homo Sapiens," erklärte Kaz mit schadenfroher Heiterkeit, "Ihr Name ist Jessica und sie ist vier Jahre alt."

"Und was tut Jessica hier?" fragte Barbara, während sie beobachtete, wie Mädchen und Hund sich bekannt machten.

"Sie wohnt hier," erwiderte Kaz lässig. Er genoss es wirklich, seine Eltern so im Unklaren zu lassen. <Jetzt sind sie mal diejenigen, die nicht wissen, was vor sich geht!>

"Ist sie deine...?"

Kaz hätte seine Eltern gerne noch eine Weile zappeln lassen, aber jetzt musste er das ganze wohl aufklären. "Sie ist Jaes Tochter."

"Und Jae ist...?" hakte seine Mutter wieder nach.

Genau auf dieses Stichwort hin tauchte Jae im Türrahmen auf. "Das könnt ihr sie selbst fragen," antwortete Kaz, zu ihr hindeutend. Zufrieden stellte er fest, dass sie ein einfaches Marine-Corps-T-Shirt und eine ausgebleichte Jeans trug, die man sicher bis zu ihren Highschool-Tagen zurückdatieren konnte. Das würde seinen Eltern, die nur in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehrten und viel Wert auf Äußerlichkeiten legten, sicher nicht gefallen.

Jae trat lächelnd auf das ältere Paar im Wohnzimmer zu. "Guten Abend," grüßte sie höflich und reichte den beiden Fremden die Hand, "Lieutenant Jae Cavanaugh, ich bin im Moment die Dolmetscherin von Mister Kazdin."

Kaz sah überrascht zu, wie seine sonst so distanzierte, auf Eleganz und Kultur bedachte Mutter Jaes Hand mit einem warmen Lächeln in beide Hände nahm und herzlich schüttelte.

Philip musterte die junge Frau mit dem prüfenden Blick, den Kaz nur allzu gut kannte, lächelte dann aber ebenfalls und nickte ihr anerkennend zu. "Ich bin Philip Kazdin und das ist meine Frau Barbara. Ich hoffe, unser Sohn hat Sie hier gut aufgenommen und durchs Haus geführt oder war er so unhöflich wie üblich und hat nur einsilbige Wörter... Gebärden gemacht?"

Jae warf einen Blick zu Kaz hinüber, aber er gab sich uninteressiert. "Nein, Kaz war wirklich sehr nett zu mir und Jessie. Ich war nur zu müde, um mir das ganze Haus genauer anzusehen."

Ihre Antwort überraschte Kaz. <So wie sie das gesagt hat, könnte man denken, ich hätte ihr eine königliche Begrüßung zukommen lassen! Nett! Das ist witzig. Ich bin ja schon mit einer Menge Bezeichnungen betitelt worden, aber ‚nett’ war nicht darunter!> Mit wachsendem Erstaunen sah Kaz zu, wie seine Eltern sich mit Jae unterhielten und Jae dabei für ihn übersetzte. <Jae kann vermutlich sogar eine Unterhaltung mit einem Feuerhydranten beginnen, wenn es sein muss,> überlegte er mit dem Schatten eines Lächelns. Er konnte sich nicht erinnern, seine Eltern jemals so freundlich – und nicht nur rein höflich – gegenüber einem Fremden erlebt zu haben. <Ich weiß nicht, wer das ist, aber jedenfalls nicht meine Eltern! Ich tippe auf Außerirdische.>

Mit halber Aufmerksamkeit sah er zu, wie sie seinen Eltern eine Zusammenfassung der Ereignisse der letzten Tage gab, beobachtete dabei ihr Gesicht und ihre lebhaften Gebärden. Jae ließ sich nicht davon beeindrucken, dass sie einem Senator und seiner eleganten Gattin gegenüberstand. Sie fühlte sich immer wohl mit sich selbst und anderen, es gab keine Verlegenheit, keine Unsicherheiten, stellte Kaz mit einem Hauch von Neid fest.

Jaes Tochter kam zu ihm hinüber. "Spielen wir jetzt?"

Kaz nickte zögernd. Zwar hatte er ein wenig das Gefühl, damit vom Regen in die Traufe zu kommen, aber er war dennoch froh, der Situation im Wohnzimmer entkommen zu können. Das kleine Mädchen streckte ihm ihre Hand hin und sah zu ihm auf mit einem Ausdruck von so vollständigem Vertrauen, dass es fast beängstigend für Kaz war. Behutsam schob er seine große Hand über ihre und folgte ihr aus dem Zimmer.


2131 Z-Zeit (17:31 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae lächelte amüsiert als sie zusah, wie ihre Tochter den gehörlosen Mann hinter sich herzog. Die fast scheue Vorsicht, die er im Umgang mit Jessie an den Tag legte, zeigte ihr, dass er nicht so kaltherzig war, wie er immer tat.

"Was halten Sie von Jeremiahs Anwälten?" erkundigte sich Philip Kazdin auf seine ziemlich direkte Weise, "Ich hielt es für besser, wenn das JAG-Büro den Fall an Johns Stelle übernimmt. John hatte einfach zu lange nichts mehr mit Militärgerichtsverfahren zu tun. Aber ich kann mir schon denken, dass Jeremiah nicht begeistert davon war, er kann manchmal ziemlich stur sein."

"Das hat er von seinem Vater," warf Barbara Kazdin ein und lenkte ihren Mann damit von seiner Frage ab.

"Unsinn," sagte Philip, aber es bildeten sich Lachfalten um seine tiefblauen Augen. "Sie sind also ein Marine?"

"Ja, Sir." Jae wollte aus dem Sessel aufstehen, aber der Senator kam mit einem leichten Humpeln um den Tisch herum und bezog vor ihr Stellung. Zum ersten Mal konnte sie sich in die Gefühle, die Kaz seinen Eltern entgegenbrachte, hineinversetzen. Trotz des gesunden Selbstvertrauens, das ihre Eltern ihr mitgegeben hatten, begann sie jetzt, als dieser große, autoritäre Mann so unmittelbar vor ihr stand, sich nicht nur klein, sondern auch jung und unterlegen zu fühlen. Sie sah zu ihm auf und fragte sich ernsthaft, ob er in diesen Einschüchterungstaktiken unterrichtet worden war oder ob sie ihm angeboren waren.

"Ich war auch im Corps, bevor ich in die Politik gegangen bin," erklärte Kazdin mit einem charismatischen Lächeln, "Ich habe sogar Vietnam mitgemacht und bin dann zu JAG gegangen."

"Ihr Bein... haben Sie die Verletzung daher? Aus Vietnam, meine ich?" erkundigte sich Jae. Sie hatte beschlossen, keinerlei falschen Respekts vor Kazs Eltern zu zeigen oder sich auf irgendeine Weise einschüchtern zu lassen und deshalb sprach sie Kazdins Humpeln auf ihre übliche, offene Weise an.

Philip Kazdin lachte. "Nein, obwohl sich das gut für meine politische Karriere gemacht hätte." Er zwinkerte Jae zu. "Das war ein Unfall während einer Ermittlung hier in Beaufort, als ich noch bei JAG war. Mich traf durch ein Versehen eine Kugel ins Knie und jetzt wird es nur noch von Schrauben und Metallplatten zusammengehalten." Seine Stimme klang nicht bitter, sondern beinahe vergnügt.

Jae nickte verstehend, innerlich mit dem Versuch beschäftigt, das Bild, das sie aufgrund von Kazs Erzählungen von seinen Eltern entwickelt hatte, in Einklang zu bringen mit dem Ehepaar, das nun vor ihr stand. Es fiel ihr nicht ganz leicht. Nach dem, was Kaz erzählt hatte und wie er sich verhielt, hatte sie zwei regelrechte Monster erwartet, aber es war ihr unmöglich, seine Eltern auf diese Weise zu sehen.

Einerseits unterschieden die beiden Kazdins sich ziemlich von ihren eigenen Eltern, aber an diese konnte Jaes Meinung nach ohnehin niemand heranreichen, andererseits waren sie jedoch auch nicht die herzlosen Menschen, die sie sich vorgestellt hatte.

Philip Kazdin ähnelte seinem Sohn ein wenig, er besaß dieselben wachen, blauen Augen und dieselbe Statur, war aber schlanker als der massigere Jeremiah. Kaz hatte nicht die mitreißende, lebhafte Aura seines Vaters, sondern glich in dieser Hinsicht eher seiner stilleren, zurückhaltenden Mutter, die das Abbild perfekter Eleganz verkörperte. Jedes einzelne Haar war genau an seinem Platz.

Sie begannen eine höfliche Unterhaltung über Jaes Dienststelle auf Parris Island, aber als Kaz nach einer Weile immer noch nicht zurückgekehrt war, wurde Jae etwas unruhig. Es war nicht so, als hätte sie Kaz alleine mit Jessie nicht vertraut, aber sie wusste, dass er an Kindern normalerweise ungefähr soviel Interesse hatte wie sie am Kochen - und das war praktisch nicht existent.

Als Leonora hinzukam und ihre ursprünglichen Arbeitgeber begrüßte, nutzte sie die Chance, um nach den beiden Verschollenen zu suchen. Aus Kazs Zimmer hörte sie Jessies Kichern und etwas, was sich wie das Knurren eines Panthers anhörte. Leise öffnete sie die Türe und warf einen Blick in den Raum. Sie war auf alles vorbereitet – außer dem Anblick, der sich ihr bot, als sie vorsichtig um die Ecke blickte.

Jeremiah Kazdin, hochbezahlter Anwalt, Partner einer Kanzlei, Sohn eines Senators und erklärter Kinderfeind, lag bäuchlings auf dem Fußboden, die Kontrollen eines Computerspiels, das an den Fernseher angeschlossen war, in den Händen. Jessie lag keinen halben Meter von ihm entfernt und war damit beschäftigt, wild einen Steuerhebel hin und her zu bewegen, um das Autorennen auf dem Bildschirm zu gewinnen.

Jae verharrte grinsend im Türrahmen, eine Hand auf den Mund gepresst, um ihr Lachen zu unterdrücken. Computerspiele waren nicht unbedingt das Hobby, das sie mit dem kühlen Anwalt verbunden hätte, aber andererseits wusste sie, dass Gehörlose in der ‚Welt der Hörenden’ wenig Erholungsmöglichkeiten hatten. Musik zu hören war unmöglich für sie; Kino, Theater und Fernsehen waren anstrengend, weil sie das Lesen von Untertiteln oder Lippenlesen erforderlich machten. Sportarten kamen nur für diejenigen Gehörlosen, die keine Probleme mit dem Gleichgewichtssinn hatten, in Frage, aber wenn die anderen Teammitglieder anschließend noch etwas zusammen unternehmen wollten, waren sie wieder ausgegrenzt und ihnen blieb nur die Möglichkeit, so zu tun, als amüsiere man sich oder wegzubleiben. Das, was für andere eine Pause mit angenehmen Unterhaltungen war, bedeutete für Gehörlose Schwerstarbeit. Jae wusste, dass viele Gehörlose als Resultat davon viele Dinge alleine taten und wenn sie an Kazs Hantelsammlung und die Unmengen von Büchern dachte, dann war er da keine Ausnahme.

Kaz rollte sich auf den Rücken, als spüre er, dass er beobachtet wurde, und erwischte Jae dabei, wie sie die Szene interessiert beobachtete. Jessie nutzte die Gelegenheit, um jubelnd als erste die Ziellinie zu überqueren.

"Spionieren Sie mir jetzt schon nach?" fragte Kaz, aber Jae konnte leicht erkennen, dass hinter der unfreundlichen Schärfe eigentlich nur Verlegenheit steckte. "Denken Sie, es ist lustig, von einer 4jährigen geschlagen zu werden? Ihre Tochter ist ein richtiger Hai! Wenn wir um Geld gespielt hätten, könnte sie inzwischen das Taj Mahal kaufen!"

Jessie, die natürlich keine Ahnung hatte, was das Taj Mahal überhaupt war, lachte übermütig und quietschte vergnügt, während sie mit Hilfe von Kazs Fuß einen Hai imitierte.

Jae beobachtete ihre Tochter lächelnd. Jessie war nie ein ängstliches Kind gewesen und war durch Jaes Berufstätigkeit und das Restaurant, das ihr Bruder führte, von Anfang an häufig mit fremden Menschen in Kontakt gekommen. Jessie kannte keine Angst vor Fremden, aber dennoch erstaunte es Jae, wie bereitwillig die 4jährige alleine mit Kaz in einem Raum spielte und ihn sogar umarmte, als wäre er einer ihrer Onkel, obwohl Kaz Jaes warmherzigen, kindernärrischen Brüdern ganz sicher nicht ähnelte. Jae vermutete, dass es unter anderem mit der Gebärdensprache zu tun hatte, die für Jessie wie ein Geheimnis war, das die meisten Menschen nicht verstanden und das sie daher verband.

Jessie ließ sich an ihrer Seite nieder. "Mama, Mama, spiel du mit Kaz!"

Jae warf einen schnellen Blick zu Kaz hinüber, aber er protestierte nicht dagegen, dass das Mädchen ihn mit seinem Spitznamen ansprach, sondern sah sie nur herausfordernd an.

"Ich weiß nicht, Jessie," Jae deutete in Richtung Wohnzimmer, wo die Kazdins auf ihre Rückkehr warteten, "vielleicht sollten wir besser wieder rüber gehen."

Kaz machte keine Anstalten, sich zu erheben. "Angst?" gebärdete er spöttisch.

Jae schnaubte und schob sich energisch ein paar wirre Haarsträhnen hinter ein Ohr zurück. "Ich bin ein Marine!" Sie nahm die Steuerkontrolle von Jessie entgegen und ließ sich im Schneidersitz neben Kaz nieder.

"Okay, Marine, fertig?"

Jae nickte und mit einem schnellen Knopfdruck ging es los.

"Jaaaa, Kaz!" feuerte Jessie den hochgewachsenen Mann an, als sein Rennwagen nach der ersten Kurve in Führung ging.

"Hey, ich bin deine Mutter, die Frau die das Geld verdient, dir das Essen macht und dir Geschichten vorliest! Erinnerst du dich?" beschwerte sich Jae spielerisch bei ihrer Tochter, was Jessie aber nicht davon abhielt, weiterhin für ihren Favoriten zu jubeln.

Schon eine halbe Minute später ließ Jae das Steuerpult sinken und meinte vorwurfsvoll in Kazs Richtung: "Ihr Yankees habt schon immer unfair gekämpft!"

Kaz grinste überlegen und deutete auf den Bildschirm, wo gerade noch die letzten Reste einer simulierten Explosion zu sehen waren. "Ich hätte wissen sollen, dass Sie das Auto schneller in seine Einzelteile zerlegen würden, als ich C-R-A-S-H buchstabieren kann!"

Jae lachte gutmütig. "Man hat eben so seine Talente."

Samson, der Golden Retriever des Senators, kam durch die nur angelehnte Türe hereingetrottet und schnüffelte interessiert an den auf dem Boden ausgestreckten Menschenbeinen. "Keine Sorge, sie ist gut erzogen, sie tut nichts," erklärte Kaz.

"Sie? ‚Samson’ ist eine Hündin?" fragte Jae lächelnd, "Oder wollen Sie damit dem Hund sagen, dass er nichts vor mir zu befürchten hat?"

"Ersteres," antwortete Kaz knapp, "über letzteres bin ich mir selbst noch nicht so ganz im Klaren." Er grinste kurz und wandte sich dann Samson zu. "Sitz!" gebot er der Hündin und diese gehorchte sofort.

"Wow! Sie beherrscht Gebärdensprache." Jae tätschelte anerkennend die Seite des Hundes.

"Sie ist die einzige in meiner Familie," kommentierte Kaz sarkastisch.

"Sie bemühen sich zumindest," wandte Jae, die den Seitenhieb auf seine Eltern sofort erkannte, sanft ein, "aber mir ist aufgefallen, dass sie nicht für Sie übersetzen."

"Oh, sie glauben, dass sie es tun. Meine Eltern denken, es sei Übersetzen, wenn sie mir nach einer halbstündigen Diskussion sagen ‚Wir sprechen über Tante Julia’, ganz egal, wie oft ich ihnen sage, sie sollen mir mehr Details nennen. Ich habe mich an die ständigen ‚Nicht so wichtig’ gewöhnt – was nicht heißt, dass ich es mögen muss."

"Soll ich mal mit ihnen reden? Sie werden jetzt ja eine Weile hier sein und..."

"Sie bleiben nicht hier," widersprach Kaz sofort, "sie werden sich ein Hotelzimmer nehmen."

"Ein Hotelzimmer? Kaz, wieso können sie nicht hier übernachten? Es sind Ihre Eltern!" Kazs kühle Denkweise ließ sich einfach nicht mit Jaes südstaatlerischer Gastfreundschaft und dem tief verwurzelten Familiensinn vereinbaren.

"Und wenn sie Mahatma Ghandi und Mutter Theresa wären! Sie haben sich nicht um mich gekümmert, als ich ein Kind war, und jetzt wollen sie kommen und glückliche Familie spielen? Nicht mit mir!"

"Sind Sie sicher, dass Sie sich das nicht noch einmal überlegen wollen? Möchten Sie darüber reden?" Jae neigte den Kopf und sah zu Kaz, der sich jetzt steif aufgerichtet hatte, hinauf.

"Nein."

"Okay." Jae fragte nicht nach einer Erklärung und Kaz schien zu wissen, dass er keine liefern musste, denn er entspannte sich wieder. Nein war genug. Jae musterte ihren Gastgeber aus den Augenwinkeln. Sie wusste, dass sie noch vor kurzem wie die meisten Personen nur die eisige Fassade gesehen und niemals das subtile Spiel der Muskeln in dem verschlossenen Gesicht bemerkt hätte, das kurze Aufflackern von Emotionen in den kühl wirkenden blauen Augen und das fast unmerkliche Nachlassen von Spannung in den breiten Schultern. Inzwischen jedoch hatte sie gelernt, diese winzigen Zeichen wie eine neue Sprache zu verstehen. Sie war dabei, die vielen verschiedenen Schichten von Jeremiah Kazdin zu ergründen, sie gelangte nach hartnäckigem Bohren hinter eine und entdeckte die nächste. Hinter der kühlen Arroganz und der gleichgültigen Grobheit, die er zur Schau trug, lag soviel mehr.

Jae erhob sich vom Boden und wischte sich die Hände an ihrer Lieblingsjeans ab. "Wir sollten so langsam zurück ins Wohnzimmer gehen, bevor man noch ein Suchteam nach uns ausschickt."

Kazs Gesicht verschloss sich sofort und der spielerische Humor, den er während des Autorennens gezeigt hatte, verschwand aus seinen Zügen, um einem Ausdruck missmutiger Gleichgültigkeit Platz zu machen.

Jae ließ sich nicht täuschen. Sie hatte in den letzten Tagen festgestellt, dass sein Gesicht um so kontrollierter war, je aufgewühlter er sich wirklich fühlte. Sie streckte fast beiläufig die Hand aus und legte sie auf Kazs Unterarm, fühlte sofort, wie angespannt die Muskeln unter ihren Fingern waren. <Er ist nervös!> bemerkte Jae mit einem Gefühl des Erstaunens. Von dem Moment an, in dem sie Kaz zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er eine Aura kühlen Selbstvertrauens und Professionalität ausgestrahlt. Jetzt diesen Hauch von Verletzlichkeit zu sehen rief Jaes Beschützerinstinkt hervor. Sie schloss ihre Finger für einen Moment um sein Handgelenk und drückte es aufmunternd. "Auf geht’s, Yankee!"

Ein Lichtsignal, das Jae bisher noch nicht kannte, blitzte im Zimmer auf. "Essen," erklärte Kaz und machte eine Handbewegung, die aussah, als bekreuzige er sich.

"Was war das?" erkundige sich Jae neugierig.

"Ich bete."

Jae blickte skeptisch drein. "Sie beten?"

"Ja, ich bete, dass Leonora meine Mutter nicht kochen lässt."

Kaz und Jae wechselten einen einvernehmlichen Blick. "Amen."


2334 Z-Zeit (19:34 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

Mit ein paar geschickten Handgriffen schüttete A.J. die Nudeln in ein Sieb und begann damit, abwechselnd Nudeln, kleine Streifen Hühnchenfilet und Käse in eine Auflaufform zu schichten. Wenn er Mac schon keine Torte für ihren Geburtstag bieten konnte, dann wollte er wenigstens dafür sorgen, dass sie eine anständige Mahlzeit bekam. Er wusste, dass seine Pasta Putanesca ihr schmeckte.

"Sir?" Mac erschien im Türrahmen, noch immer in Uniform, aber barfuss, was ein seltsames Bild bot und sie verletzlicher wirken ließ, "Ich habe nachgedacht."

A.J. schob die Pfanne von der Kochstelle und drehte sich zu ihr um. <Was kommt jetzt?> "Ich höre?" Er nickte ihr auffordernd zu, während er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühte.

"Admiral, ich habe mir noch mal durch den Kopf gehen lassen, was Mister Kazdin heute Mittag gesagt hat...," Mac verlagerte unruhig ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, vermutlich begann sie mit ihren bloßen Füßen auf den kalten Fließen zu frösteln. "Er sagte, dass ein Freund von Foster ihn empfohlen hätte."

A.J. nickte. <Ein Freund,> wiederholte er in Gedanken. Nach allem, was Mac ihm über Foster erzählt hatte, hatte der Sergeant sicher nicht gerade ein lebhaftes soziales Leben gehabt. Seine Freunde waren vermutlich Menschen wie er selbst gewesen, Marines, die nicht gerade einen untadeligen Ruf hatten. <Menschen wie Joseph MacKenzie.>

Mac schien zum gleichen Schluss wie er gekommen zu sein, denn sie presste die Lippen zusammen. "Sir, ich... mir ist etwas eingefallen. Außer Foster und O’Flaherty, dem Mann den Foster getötet haben soll, gehörte noch ein vierter Mann zum Freundeskreis meines Vaters," Sie hob den Blick und sah ihn an. Unbehagen flackerte in den dunklen Augen auf. "Er war nicht so oft wie die anderen bei uns zuhause und ich kannte ihn nicht so gut wie die anderen, aber... er war gehörlos, Sir."

A.J. runzelte die Stirn. "Dann ist er höchstwahrscheinlich der Mann, der Kazdin an Sergeant Foster empfohlen hat."

"Das denke ich auch, Sir."

"Können Sie sich an seinen Namen erinnern, Major?" erkundigte sich A.J. vorsichtig. Er wollte Mac nicht zwingen, private Dinge zu erzählen, die sie nicht mit ihm teilen wollte.

"Reilly... Amos Reilly, glaube ich. Er war der stillste Mann in der Gruppe, vermutlich auch, weil er gehörlos war, aber irgendwie hatte ich immer den Eindruck, dass er nicht wie die anderen war," erzählte Mac nachdenklich.

A.J. nickte. Er hatte bemerkt, wie großzügig Jeremiah Kazdin mit Alkohol umging und konnte sich daher vorstellen, wie leicht ein Gehörloser in die falschen Kreise geraten konnte, wenn er sich von einer solchen Gruppe akzeptiert fühlte. Er lehnte sich gegen den Küchentresen und verschränkte die Arme. "Sie sagen ‚war’... soll das heißen, Reilly ist tot?"

"Nein, Sir, nur wurde diese Clique vor 18 Jahren innerhalb von wenigen Tagen in alle Himmelsrichtungen versetzt und ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört."

Sie sahen sich über den Küchentresen hinweg an und ein ‚Was nun?’ lag in der Luft. A.J. sah sich wieder einmal in einer Situation, in der Admiral Chegwidden, der JAG und Macs Vorgesetzter, zu etwas gedrängt wurde, das A.J., der Privatperson und Macs Freund, nicht unbedingt gefiel. "Major, sind Sie sich eigentlich bewusst, dass dies der dritte Mann aus dem Freundeskreis Ihres Vaters ist, der auf irgendeine Weise in den Fall verwickelt ist?" <Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann auch der Name Joseph MacKenzie bei unseren Ermittlungen auftaucht?> Er ließ die Frage unausgesprochen, denn er wollte Mac nicht auf eine schmerzliche Möglichkeit aufmerksam machen, die ihr sicherlich ohnehin schon bewusst genug war. Er studierte Mac eindringlich, ohne genau zu wissen, wonach er suchte und ob er es fand.

Mac schluckte und eine winzige Ader an ihrem Hals begann zu pulsieren. "Ja, Sir, das ist mir bewusst." Man sah, dass sie mit dem Impuls rang, beschämt den Kopf zu senken, doch sie hielt A.J.s Blick stand.

"Major, ich kann Ihnen nur noch mal anbieten, dass Sie sich aus dem Fall zurückziehen können. Nicht, dass Sie mit Ihrer Arbeit nicht einen wertvollen Beitrag leisten würden, aber vielleicht wäre es besser so. Langsam werden es ein bisschen viele alte Bekannte, die Anklagevertretung könnte versuchen, Ihre Objektivität in Frage zu stellen, wenn sie Wind davon bekommt." A.J. sprach ruhig und formulierte seine Bedenken absichtlich nicht als Befehl, sondern als Ratschlag, um Mac nicht das Gefühl zu geben, nun auch noch von ihm in eine Ecke gedrängt zu werden.

"Admiral, ich verstehe Ihre Bedenken, aber... bei allem Respekt, ich habe nicht die Absicht, mich aus diesem Fall zurückzuziehen," erklärte Mac auf jene energische Weise, die A.J. immer an die leidenschaftliche Rede erinnerte, in der sie ihm den Wert der ‚weiblichen Intuition’ nahegebracht hatte. "Ich kannte diese drei Männer nur flüchtig und selbst wenn es sich herausstellen sollte, dass mein Vater irgendwie in diesen Fall verwickelt ist, wird das meine Objektivität nicht beeinträchtigen. Wenn er sich irgendeines Vergehens schuldig gemacht hat, werde ich ihn ebenso scharf verfolgen wie jeden anderen auch, das versichere ich Ihnen, Admiral."

A.J. hätte dieser eindringlichen Versicherung nicht bedurft. Jeder andere Vorgesetzte wäre vielleicht ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie versuchen würde, den Ruf ihres toten Vaters zu schützen, aber A.J. wusste es besser. Er zweifelte nicht daran, dass Mac die Schuld ihres Vaters feststellen würde, wenn sie musste, ganz im Gegenteil. Er befürchtete sogar, dass sie eine gewisse Voreingenommenheit gegen ihren Vater hegte. Um sich von ihrem Vater abzugrenzen und zu beweisen, dass er ihr Leben und ihre Karriere nicht länger beeinflusste, würde sie jeden Hinweis gegen ihn unbarmherzig verfolgen. Sie würde ihre eigenen Gefühle ignorieren und sich nicht die Zeit für eine emotionale Bewältigung nehmen. "Na schön, Major, ich überlasse das Ihrer Entscheidung. Aber sorgen Sie besser dafür, dass das nicht schief geht, sonst werde ich jede Verantwortung von mir weisen und zur Stelle sein, um Ihnen mit einem ‚Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt’ zu kommen!"

A.J. legte ein leichtes Grollen in seine Stimme und Mac nickte lächelnd. Sie wussten beide, dass ein solches Verhalten nicht dem Führungsstil des Admirals entsprach. Obwohl er ganz sicher nicht zu nachlässig oder vertraulich mit seinen Untergebenen umging und sie jederzeit streng kritisierte, wenn es nötig war, so stärkte er seinen Leuten nach außen hin doch immer den Rücken, selbst gegen seine eigenen Vorgesetzten. Er übernahm die Verantwortung für jeden Fehler unter seinem Kommando und wenn er den betreffenden Offizier anschließend zurechtwies, so geschah das innerhalb seines Büros, ohne dass etwas davon nach außen drang.

"Ich werde versuchen, uns beiden diese Worte zu ersparen, Admiral," versprach Mac mit entschlossener Miene.


2340 Z-Zeit (19:40 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Mit sichtlichem Stolz balancierte Leonora das nächste vollbeladene Tablett zum Tisch hinüber.

Noch bevor Kaz es verhindern konnte, war Jae aufgesprungen und um den Tisch herumgegangen, um der Haushälterin zu helfen. Einen Moment lang tadelte er sich stumm dafür, dass er es versäumt hatte, ihr das angemessene Verhalten gegenüber Bediensteten zu erklären, aber dann schnaubte er innerlich. <Du lebst nicht mehr im Haus deiner Eltern, Jeremiah Clark Kazdin! Hier gibt es kein dreibändiges Regelwerk für angemessenes Verhalten und wenn Jaes Benehmen deine Erzeuger schockt – um so besser!>

"Ich mache das schon, niña, nehmen Sie ruhig wieder Platz," versicherte Leonora sanft.

Kaz konnte die Worte von ihren Lippen ablesen, denn Leonoras Sprechweise war ihm sehr vertraut, und daher bemerkte er sofort, dass sie wieder zum formalen ‚Sie’ übergegangen war, obwohl sie Jae zuvor freundschaftlich geduzt hatte. <Scheinbar bin ich nicht der einzige, der Mühe hat, das ‚dreibändige Regelwerk’ aus dem Kopf zu bekommen!>

"Bist du sicher? Ich nehme dir das gerne ab." Hilfsbereit verharrte Jae neben der puertoricanischen Haushälterin.

<Ich hätte es wissen sollen! Jae verstellt sich für nichts und niemanden!> Kaz sah mit einem heimlichen Grinsen zu, wie Jae der etwas unbehaglich dastehenden Leonora das Tablett abnahm und begann, die Schüsseln auf dem Tisch zu platzieren. Für jemand, der behauptete, sogar Wasser anbrennen zu lassen, war sie erstaunlich geschickt dabei, als hätte sie schon Tausende von Tischen gedeckt und wenn man das Restaurant ihrer Mutter bedachte, entsprach das vermutlich auch den Tatsachen.

Die beiden älteren Kazdins sahen ihr wortlos zu, aber Kaz entging nicht der verwunderte Blick, den sie wechselten.

Philip Kazdin wartete, bis Leonora in die Küche zurückgekehrt war, dann faltete er seine Serviette auseinander und bemerkte ganz nebenbei an Jae gewandt: "Das ist ihre Aufgabe, wissen Sie?"

"Wie bitte?" Jae sah auf und blickte ihn fragend an.

"Es ist Leonoras Aufgabe, den Tisch zu decken und das Essen zu servieren. Sie wird dafür bezahlt," erläuterte Kazs Vater nicht unfreundlich.

"Natürlich, aber das bedeutet doch nicht, dass ich ihr nicht helfen kann, oder?" Jae widersetzte sich der Belehrung des Senators nicht mit einem trotzigen Protest oder einer kühlen Zurückweisung, sondern mit einem entwaffnenden Lächeln. Ihre grünen Augen blickten unschuldig wie die eines Kindes, so als wüsste sie die Antwort auf ihre Frage tatsächlich nicht.

Philip Kazdin hatte keine Probleme damit, mit offenem Widerstand oder schmeichlerischem Befolgen umzugehen, aber Jaes unverblümte und dennoch freundliche Art warf ihn aus der Bahn. "Ähm... ja, da haben Sie vermutlich recht."

Kaz ließ fast sein Bierglas fallen. Das war die letzte Antwort, die er von seinem Vater erwartet hatte.

Er wurde abgelenkt, als Leonora mit einer weiteren Schüssel hereinkam.

"Hmmm, gebratene grüne Tomaten – mein Lieblingsessen!" Jae begleitete ihren begeisterten Ausruf durch die entsprechenden Gebärden und es wirkte als wären ihre Handbewegungen eine spontane Art, ihre Begeisterung auszudrücken, etwas ganz Selbstverständliches anstatt nur eine aufgesetzte Übersetzung für Kaz.

"Jae, das sagen Sie doch von fast allem, was Sie essen," warf Kaz spöttisch ein. Dasselbe hatte sie von der ‚sopón de pollo con arroz’, der Hühnersuppe mit Reis, gesagt, die Leonora zehn Minuten zuvor serviert hatte.

"Ja, weil es mein Lieblingsessen IST," verteidigte sich Jae, "Ich habe unzählige Lieblingsessen – und gebratene grüne Tomaten ist meine Lieblingsspeise unter den puertoricanischen Beilagen."

Obwohl er kaum Appetit hatte, griff Kaz vor allen anderen zum Besteck und begann von dem asopao, einem puertoricanischen Eintopf, zu probieren, was ihn effektiv von jedem weiteren Gespräch bewahrte.

Philip Kazdin griff ebenso herzhaft zu wie Jae, aber wie er das von früher kannte, waren die Ernährungsgewohnheiten seiner Mutter nicht besser als seine. Sie aß unregelmäßig und in den 30 Jahren, in denen Leonora bereits in den Diensten der Kazdins stand, hatte sie noch immer nicht das Geheimnis enthüllt, wie man Barbara Kazdin dazu brachte, ihren Teller leer zu essen. Die Portion, die sie sich genommen hatte, war kaum größer als die von Jaes 4jähriger Tochter.

Mit zunehmender Irritation beobachtete Kaz das angeregte Gespräch, das sich zwischen Jae und seinen Eltern entwickelte. Die beiden Kazdins vergaßen dabei, dass ihr Sohn im Zimmer war und nicht verstehen konnte, was vor sich ging. Kazs Gesicht verschloss sich immer mehr. Dies war genau der Grund, warum er soziale Anlässe hasste, vor allem, wenn ausschließlich hörende Personen beteiligt waren. Er wurde ständig ausgeschlossen, ohne dass andere es überhaupt bemerkten. Die Familienfeiern seiner Kindheit gehörten zu seinen unangenehmsten Erinnerungen. Er war den Gästen in einem Kinder-Smoking präsentiert worden, hatte steif am Tisch gesessen und sich wie ein Statist gefühlt, während alle anderen geplaudert und gelacht hatten. Bei solchen Anlässen wurde die Anstrengung, zu versuchen, den Gesprächen am Tisch zu folgen, nach einer Weile zu groß und er gab es frustriert auf. Eigentlich kannte er seine Verwandten gar nicht richtig, er wusste nicht, worüber sie redeten, was sie beschäftigte. Seine Gehörlosigkeit schuf stets eine unüberbrückbare Barriere zwischen ihnen.

Obwohl er es nicht gerne zugab, war dieses Abendessen eine völlig neue Erfahrung für ihn. Irgendwie schaffte es Jae zwischen dem Beaufsichtigen von Jessie, ihrem eigenen Essen und ihrer Unterhaltung mit seinen Eltern, das ganze Gespräch für Kaz zu übersetzen. Auch wenn er sich nicht an der Unterhaltung beteiligte, so wusste er es dennoch zu schätzen, dass sie versuchte, ihn in alles einzubeziehen.

Kaz hatte normalerweise wenig Geduld für andere Menschen. Ein gemeinsames Essen artete bei ihm jedes Mal in einer Art Test aus. Wenn er eine halbe Stunde mit jemandem verbringen konnte, ohne ihn am liebsten erwürgen zu wollen, war das ein gutes Zeichen. Wenn er bedachte, dass Jae seit nunmehr fünf Tagen in seinem Haus wohnte und immer noch am Leben war, musste sie den Test wohl bestanden haben und sogar mehr als das. Kaz stellte mit milder Überraschung fest, dass er ihre Gesellschaft bisweilen sogar genoss. Auch wenn ihre warmherzige, redselige Art seiner eigenen Natur widersprach, war es dennoch nett gewesen, jemanden um sich zu haben, von dem ihn keine Sprachbarriere trennte, der intelligent war, Humor besaß und der sich nicht von ihm einschüchtern ließ. Möglicherweise hatte er sogar einen Freund gefunden, so beängstigend der Gedanke auch sein mochte. Wenigstens jemanden, mit dem er einige Zeit verbringen konnte, ohne gleich befürchten zu müssen, sich zu Tode zu langweilen.

"Sie sind Künstlerin?" wiederholte Jae gerade erstaunt Barbara Kazdins Worte, "Dann sind die Gemälde in Kazs Zimmer von Ihnen?" Sie wandte sich Kaz zu und meinte schmunzelnd: "Jetzt weiß ich, woher Sie dieses ständige Zeichnen haben!"

"Ich zeichne nicht," behauptete Kaz verstimmt. <Ich überlasse es Mutter, sich stundenlang aus der Welt und von allen Problemen zurückzuziehen.>

Jae nickte beharrlich. "Doch, das tun Sie, Kaz, und nicht einmal schlecht. Am besten gefiel mir die Servietten-Zeichnung, die Sie von dem Esel gemacht haben."

Kaz dachte einen Moment lang darüber nach und gab dann auf. Jae war wirklich die sturste, dickköpfigste Person, die er je getroffen hatte. "Ich schätze, ich zeichne tatsächlich, hm? Ich habe nie darüber nachgedacht."

Jae legte ihm für einen Moment lächelnd die Hand auf den Arm und verzichtete diesmal darauf, Kazs Antwort für seine Eltern laut auszusprechen. Als seien Mutter das Wort an ihn richtete, nutzte Kaz die Gelegenheit, um seinen Arm wegzuziehen. Er schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn, um zu zeigen, dass er Barbaras Worte nicht verstanden hatte. "Was?" deuteten seine Lippen an.

"Ich sagte, du hast früher nie gezeichnet, als du noch zuhause gelebt hast!" wiederholte seine Mutter lauter, jede Silbe überbetont in die Länge ziehend.

Kaz knirschte mit den Zähnen und ignorierte die Bemerkung. Er hatte die Lippenbewegungen beim zweiten Mal verstanden, aber er wollte nicht den falschen Eindruck erwecken, dass Gehörlose das Gesagte verstehen könnten, wenn man einfach nur lauter spräche.

Als Leonora mit einem weiteren Tablett hereinkam, wandte er sich von seinen Eltern ab. Er begutachtete die Gläser auf dem Tablett, die das übliche Angebot im Hause Kazdin enthielten: Piña colada, Scotch, puertoricanische Rumsorten, Campari, Martini und verschiedene Fruchtsäfte.

Er sah zu, wie seine Mutter sich für weißen Rum mit Orangensaft und Tonic Water entschied, während der Senator einen trockenen Martini wählte.

Kaz, der zu einem braunen Rum ‚on the rocks’ hatte greifen wollen, zögerte. "Können Sie mir bitte auch einen trockenen Martini machen, Leonora?"

"Trocken?" Philip Kazdin hob die Brauen. "Jeremiah, bist du sicher, dass dir das schmeckt?"

Zorn schoss in Kaz empor. Für ihn steckte hinter den Worten seines Vaters viel mehr als nur ein Gespräch über seine Vorlieben in Getränken. Die Bemerkung des Senators implizierte, dass er selbst, nicht aber sein Sohn ‚Manns genug’ war, um trockenen Martini zu trinken. "KAZ!" knurrte er. Er konnte seinen Namen relativ deutlich aussprechen, das war wichtig für Notfälle, aber normalerweise zog er es vor, nicht zu sprechen. Seine raue, ungeübte Stimme, seine unartikulierte Aussprache und seine Lautstärke brachten alle zum Schweigen.

Jae sagte etwas zu seinen Eltern, aber er starrte finster auf seinen Teller und hob nicht den Blick, um zu verstehen, was sie sagte. Erst ein am Tisch vorbeihuschender Schatten ließ ihn aufsehen, gerade noch rechtzeitig, um zu erleben wie Samson, die gutmütige Golden Retriever-Hündin, sich mit der Pfote über ihre blutige Nase fuhr und geschockt das schwarze, gesträubte Fellbündel vor sich anstarrte. Missmutig nahm Kaz den Pfad der Zerstörung wahr, den die beiden Tiere auf ihrer Jagd durch das Wohnzimmer hinter sich zurückgelassen hatten.

Neben dem Sofa lagen außerdem ein rosafarbener Dinosaurier und ein Dutzend Wachsmalstifte, die von achtlosen Kinderhänden dort zurückgelassen worden waren.

Kaz schnitt eine Grimasse. In der Kanzlei kannte man ihn als Perfektionisten und auch in seinem Privatleben hatte alles seinen Platz. Alles, von seinem Auto, über seinen Kleiderschrank bis hin zum Kühlschrank war tip-top aufgeräumt und gut organisiert. Sein Leben war einfach nicht auf eine Katze und ein Kleinkind vorbereitet gewesen.

Als er schließlich den Kopf wandte, stellte er fest, dass Jaes Tochter auf der Couch eingeschlafen war. Sie hatte eine kleine Hand zur Faust geballt und gegen ein Auge gepresst. <Sie ist ziemlich ... niedlich – für ein Kind. Hör schon auf!> rügte er sich sofort für seinen ersten Gedanken, <Wenn du so weitermachst, wirst du bald ‚Essen auf Rädern’ an alte Leute austeilen und einen Preis als Softie des Jahres bekommen!>

Er erhob sich und schob mit einer heftigen Bewegung seinen Stuhl zurück, ohne sein Dessert, einen Kokosnuss-Brot-Pudding, überhaupt angerührt zu haben. Kommentarlos nahm er Leonora das Glas Martini aus der Hand und leerte es in einem Zug, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. "Ich bringe Jessica ins Bett," erklärte er Jae.

Jae war an seiner Seite, noch bevor er die Couch erreichen konnte. "Kann ich Sie bitte einen Moment sprechen, Kaz?" fragte sie auf die Küchentüre zeigend. Ihre Augen leuchteten in einem intensiven, bernsteinfarbenen Schimmern.

Kaz nickte gleichgültig. "Nach Ihnen."


0022 Z-Zeit (20:22 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae schloss die Küchentüre hinter Kaz und schüttelte energisch den Kopf. "So geht das nicht, Jeremiah Kazdin, so nicht!"

"Ich weiß nicht, wovon Sie überhaupt reden," behauptete Kaz abweisend und wandte sich von ihr ab, um zum Kühlschrank zu gehen.

Jae spürte, wie ihre Wangen sich zu röten begannen und ihr Ärger wuchs. Mühsam zwang sie sich zur Ruhe. Mit einem raschen Schritt folgte sie Kaz und zog ihn am Arm herum, so dass er ihre Gebärden überhaupt sehen konnte. "Ich glaube, Sie wissen ganz genau, was ich meine."

"Weiß ich nicht!"

"Oh, doch..."

"Nein, weiß ich nicht!" Kaz machte sich mit einer wütenden Bewegung aus Jaes lockerem Griff frei, riss schwungvoll die Kühlschranktüre auf und begann, nach etwas zu suchen.

"Und da sagt man, die Kunst der Konversation wäre ausgestorben," murmelte Jae vor sich hin. Sie war nicht überrascht, als Kaz sich wieder umdrehte und ein Bier in der Hand hielt. Wenn sie richtig gezählt hatte, dann war das mindestens sein drittes Bier an diesem Abend. <Ganz zu schweigen von mehr als nur einem Glas Brandy und dem Martini!> Jae wusste, dass er nicht betrunken war; seine Gebärden waren exakt und deutlich, nicht das winzigste Bisschen unverständlich. Der einzige Hinweis auf die große Menge Alkohol, die er getrunken hatte, war die sorgfältige Langsamkeit seiner Bewegungen. Dass ein solcher Alkoholspiegel nicht mehr Auswirkungen auf ihn hatte, zeigte Jae, dass er daran gewöhnt war, Alkohol in großen Mengen zu trinken und nicht zum ersten Mal begann ein vages Gefühl der Sorge um Kaz sich in ihr zu regen.

"Das gehört auch zu den Dingen, die ich Ihnen sagen möchte," sie berührte ihn leicht an der Schulter, um ihren Gebärden die zurechtweisende Schärfe zu nehmen, "Ich weiß, es geht mich nichts an, was und wie viel Sie trinken, aber Jessie soll nicht in dem Glauben aufwachsen, dass es normal ist, Alkohol wie Wasser in sich hineinzuschütten." <So wie das in Ihrer Familie offenbar war,> fügte sie in Gedanken hinzu. Beide Kazdins, sogar die zierliche Barbara, die nur wenig gegessen hatte, hatten ziemlich viel Alkohol getrunken. Schließlich hatte sein Vater Kaz sogar praktisch herausgefordert, es ihm gleich zu tun und trockenen Martini zu trinken. "Ich möchte nicht, dass jemand, der getrunken hat, auf Jessie aufpasst. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ihr währenddessen etwas passiert." Sie neigte den Kopf und suchte nach einem Zeichen von Verständnis in seinem Gesicht, fand aber keines. Seine Miene war so undurchdringlich, dass sie nicht sagen konnte, was er empfand.

Kaz verschränkte die Arme vor der Brust, was Jae wohl signalisierten sollte, dass das Gespräch damit für ihn vorbei war, aber zumindest hatte er bisher darauf verzichtet, die Bierflasche zu öffnen. Er betrachtete die Flasche als wäre etwas Unbekanntes darin und begann, mit dem Daumennagel am Etikett herumzukratzen, während er Jae vollkommen ignorierte.

Jae seufzte. Noch vor ein paar Stunden hatte sie gedacht, dass Kaz endlich begann, ihr zu vertrauen, und nun fiel er in sein altes, abweisendes Verhalten zurück. <Das alte Lied mit Kaz: Ein Schritt vor und zwei Schritte zurück.>

Jae ahnte, dass persönliche Auseinandersetzungen noch nie Kazs Stärke gewesen waren. Vor Gericht oder in sachlichen Diskussionen glänzte er mit brillanten Argumenten und selbstbewusstem Auftreten, aber zwischenmenschlichen Konfrontationen stand er hilflos gegenüber. In solchen Fällen reagierte er entweder mit physischem oder mentalem Rückzug oder er wurde wütend. Da Jae sich zwischen ihm und der Tür befand, blieb ihm nur noch Option Nummer zwei.

<Wenn schon, denn schon,> beschloss Jae. Es war nie ihre Art gewesen, mit etwas, was sie beschäftigte, hinter den Berg zu halten, und sie würde auch jetzt nicht damit anfangen. "Was ich eigentlich sagen wollte, hat ebenfalls mit Jessie zu tun... ich werde nicht zulassen, dass Sie mit meiner Tochter spielen!" Ernst sah sie Kaz in die Augen und beobachtete, wie sich die blauen Augen verdunkelten, bis sie beinahe grau waren.

Kaz zuckte betont gleichgültig die Schultern, aber Jae hatte immer mehr das Gefühl, das diese Geste in Wahrheit nur verbergen sollte, wenn ihn etwas verletzt hatte. "Na schön, wenn Sie nicht wollen, dass ich die Computerspiele..."

"Es geht nicht um die Computerspiele, Kaz," beeilte sich Jae zu erklären. "Wenn Sie sich die Zeit nehmen, um mit Jessie zu spielen, dann finde ich das toll und unterstütze das," <vorausgesetzt, Sie sind dabei nüchtern,> dachte sie und der bittere Ausdruck in Kazs Augen schien dasselbe zu sagen, "aber ich werde nicht zulassen, dass Sie sie zum Spielzeug machen, zu einem Instrument in den Machtspielchen, die Sie mit ihren Eltern spielen. Glauben Sie ich merke nicht, dass Sie plötzlich beginnen, Zeit mit Jessie zu verbringen, um Ihren Eltern nicht gegenüberstehen zu müssen oder um sie mit Ihrer plötzlichen Begeisterung für Kinder zu irritieren?" Jae strich sich das Haar, das bei ihren heftigen Gebärden ins Gesicht gefallen war, hinter die Ohren zurück. "Ich kann ja verstehen, dass die Situation mit Ihren Eltern für Sie unangenehm ist, aber Jessie ist ein kleines Mädchen, ein Mensch mit Gefühlen, sie würde es nicht verstehen, wenn Sie sich jetzt mit ihr abgeben, um Ihre Eltern aus der Bahn zu werfen, nur um sie dann wieder zu ignorieren, wenn Ihre Eltern nicht mehr dabei sind. Können Sie das verstehen?"

"Nur zu gut," antwortete Kaz. Jae ahnte, dass die ruhigen, kontrollierten Gebärden irreführend waren. Man wusste bei ihm nie so recht, wann er kurz vor der Explosion stand, bevor man nicht in tausend kleine Stücke zerrissen wurde. "Was ich nicht verstehe, ist, warum Sie diesen Fall überhaupt angenommen haben, wenn Sie mich für einen so egoistischen, verantwortungslosen, sozial zurückgebliebenen Trinker halten!"

"Das ist nicht das, was ich gesagt habe, Kaz," begann Jae sanft, aber bestimmt.

"Aber gedacht!" unterbrach Kaz mit heftigen Gebärden.

Jae hielt seinem kalten Blick stand. Kaz hatte seinen professionellen Gesichtsausdruck aufgesetzt wie eine Maske, die seine wahren Gefühle verbergen sollte. Enttäuscht stellte Jae fest, dass er ihr noch immer zu misstrauen schien und deshalb seine ‚Karten’ nahe bei sich behielt. "Ach, Sie sind Telepath? Sie glauben, Sie wissen, was ich denke, ja?" Jae spürte, dass sie mit jeder Frage ärgerlicher wurde und richtig in Fahrt geriet. "Und natürlich glauben Sie, dass ich schlecht von Ihnen denke und an diesem Fall nur mitarbeite, weil ich Hintergedanken habe und mir persönliche Vorteile davon verspreche."

Kaz wollte sich knurrend wegdrehen, aber Jae hielt ihn an der Schulter zurück. Sie hatte keine Angst, auch wenn er sie um mehr als einen Kopf überragte und ein potentieller Mörder war. Unbeirrt gebärdete sie weiter auf ihn ein. "‚Es gibt keine Freunde, das Leben ist ein Haifischbecken’ – das haben Sie doch gesagt, richtig? Wenn Sie mit dieser Einstellung gegenüber den Menschen durchs Leben gehen, dann wird Ihr Leben sehr einsam sein, das garantiere ich Ihnen! Sie müssen sich entscheiden, ob ich ein Hai oder ein Freund bin. Also, Kaz, was darf es sein? Vertrauen oder Zweifel?"

Kaz starrte sie an, weigerte sich aber zu antworten.

<Okay, das war’s! Wenn er schmollen möchte wie ein 4jähriger, dann werde ich ihn auch wie einen behandeln!> "Gut, wenn Sie lieber allein sein wollen, bitte!" Jae verließ die Küche und ließ ihn einfach stehen.


0040 Z-Zeit (20:40 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

"Sie sind jetzt schon eine ganze Weile da drin," kommentierte Senator Philip Kazdin mit einem Kopfnicken in Richtung der geschlossenen Küchentüre.

"Si." Leonora nickte sorgenvoll.

"Es ist ziemlich still dort innen. Denkst du, alles ist okay?" Barbara sah ihren Mann fragend an.

<Oh, es estúpido! Das ist wirklich dumm!> dachte Leonora, obwohl es sonst nicht ihre Art war, so unhöfliche Gedanken über ihre ehemaligen Gastgeber zu hegen, <Natürlich ist es still! Die beiden unterhalten sich in Gebärdensprache!>

Der Senator jedoch schien den Denkfehler seiner Frau gar nicht zu bemerken. "Entweder haben sie sich ausgesprochen oder sich gegenseitig umgebracht. Auf jeden Fall ist die Sache geklärt," kommentierte er sein Martiniglas schwenkend und humorvoll zwinkernd.

"Willst du nicht mal nachsehen?" Mrs. Kazdin sah ihren Mann bittend an.

Philip Kazdin schüttelte den Kopf. "Nein, danke – ich bin besorgt, aber nicht verrückt."

<Dios mío! Selbst der blinde Esel meiner Schwiegermutter würde sehen, dass die beiden sich Sorgen machen, aber, no, keiner geht nachsehen!> "Señora, Señor, wenn Sie mich bitte entschuldigen würden, ich gehe mal nachsehen, ob Señor Kaz vielleicht etwas in der Küche sucht und nicht findet," erklärte Leonora schließlich. Sie und die Kazdins wussten natürlich, dass sie nicht nur in die Küche ging, um Jeremiah bei der Suche nach einem unauffindbaren Gegenstand zu helfen, aber auf diese Weise blieb der Schein gewahrt. Hausangestellten kam es normalerweise eben einfach nicht zu, sich in die Angelegenheiten ihrer Arbeitgeber einzumischen. <Aih, aber wenn ich mir ansehe, wie hilflos sich seine Eltern ansehen, dann gehe ich besser, schließlich kann ich meinen Señor Kaz doch nicht in dieser Situation alleine lassen!>

Leonora warf einen letzten Blick zurück auf ihre Ex-Arbeitgeber, bevor sie die Hand nach der Türfalle ausstreckte. Sie betrat die Küche schneller als gewollt, als die Türe aufgerissen wurde und Jae an ihr vorbeistürmte. "Cielos, niña!" Leonora fasste sich ans Herz und machte große Augen. <Normalerweise ist Jaecita die Freundlichkeit in Person! Was ist da passiert?> Sie beschloss, erst Jae zu folgen, bevor sie sich Kaz zuwandte, denn sie wusste, dass sie bei der jungen Frau größere Chancen hatte zu erfahren, was überhaupt geschehen war.


0045 Z-Zeit (20:45 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz stand Mitten in der Küche und kam sich wie ein Idiot vor. Er konnte es nicht fassen, dass Jae ihn hatte stehen lassen, aber er war auch zu stolz, um ihr hinterherzulaufen. Hatte er nicht erreicht, was er wollte? Jetzt konnte er doch tun und lassen, was er wollte, ohne dass die junge Blondine ihn mit ihrem Geplapper störte. Oder? Seltsamerweise hatte er plötzlich gar keine Lust mehr, alleine zu sein.

Fast unwillkürlich hob er die Hand und streckte sie in Richtung des Flaschenöffners auf dem Küchentisch aus, nur um die Hand dann wieder fallen zu lassen. Verärgert starrte er das halb abgekratzte Etikett seiner Bierflasche an, die er noch immer ungeöffnet in der Linken hielt.

Er war wütend auf Jae und ihre Belehrungen, gleichzeitig nötigte ihm die Courage der jungen Frau aber auch Respekt ab. Es gab nur wenige Menschen, die es jemals gewagt hatten, ihm so offen entgegenzutreten und ihm etwas sagten, was er nicht hören wollte. Und wenn er eines nicht hatte hören wollen, dann das. <Sie tut ja so, als ob ich ein Alkoholiker wäre! Im Vergleich zu Miss ‚Ich-fluche-nicht-weil-ich-es-meiner-Oma-versprochen-habe’ wirkt natürlich jeder wie ein Trinker! Wie hätte ich es denn so weit bringen können, wenn ich ein Alkoholiker wäre, hm?!> Kaz nahm sich vor, Jae zu beweisen, dass ihre Vorwürfe vollkommen absurd waren.

Was den zweiten Teil von Jaes Predigt betraf... Einen Moment lang war Kaz versucht, auch dies als unsinnig abzutun, aber schüttelte er den Kopf. <Oh, komm schon, Kazdin, gib’s zu! Als hättest du dich jemals auch nur einen Deut für Kinder interessiert!> Er rieb sich unbehaglich das Kinn. <Ich schätze, ich habe wirklich versucht, meinen Erzeugern eins auszuwischen. Ich wollte ihnen einfach das Gefühl geben, dass sie nicht mehr wissen, was in meinem Leben vor sich geht, wer darin eine Rolle spielt. Ich wollte, dass sie glauben, dass Jessica irgendeine Art von Beziehung zu mir aufgebaut hat. Jeremiah Kazdin und Kinder! Das musste Jae ja verdächtig vorkommen!>

Fast bewundernd dachte Kaz an das entschlossene Funkeln in Jaes bernsteinfarbenen Augen und ihre aufrechte Haltung, als sie wie eine Löwin ihre Tochter verteidigt hatte. <Mike Tyson würde vor dieser Frau davonlaufen!> Wenn er in den letzten Tagen eines festgestellt hatte, dann, dass Jacqueline Cavanaugh eine Klasse für sich war. Es war fast unmöglich, sie zu verärgern oder abzuschrecken, so dass sie auf Distanz ging. Jae ließ sich nicht von seinem düsteren Gebaren einschüchtern. Langsam begann Kaz, diese verrückte, impulsive, leicht naive und insgesamt ziemlich wunderbare Frau zu respektieren – und wenn er nicht aufpasste, vielleicht sogar zu mögen.

Verärgert über diese Feststellung sah Kaz auf, als er spürte, dass der Boden unter ihm leicht vibrierte. Jemand hatte die Küche betreten. <Leonora,> stellte er fest, <Ich hätte wissen sollen, dass sie Leonora vorschicken!>

Leonora lehnte mit einer Tasse in der Hand im Türrahmen und hob fragend die Brauen. "Ist Jaecita aus irgendeinem Grund wütend auf Sie?" erkundigte sie sich in einer Mischung aus einhändigen Gebärden und gesprochener Sprache.

"Mmh," brummte Kaz mit ungeübter Stimme. Leonora war die einzige Person, gegenüber der er ab und zu seine Stimme benutzte. Jeder andere wäre vermutlich auch gar nicht dazu in der Lage gewesen, seine rauen, unartikulierten Worte zu verstehen, aber Leonora war daran gewöhnt.

"Wirklich?" Leonora blickte ihn traurig an.

"Nein, Leonora, sie war wirklich sehr erfreut, deshalb ist sie auch wie von tausend Furien gehetzt hier rausgerannt!" gebärdete Kaz mit einem düsteren Blick.

Leonora ging nicht auf seine Ironie ein. "Wollen Sie nicht mit ihr sprechen?"

"Nein." Kaz verschränkte die Arme, ein deutliches Zeichen, das dieses Thema nicht weiter zur Diskussion stand.

Normalerweise war das der Punkt, an dem Leonora sich zurückzog und ihren Arbeitgeber in Ruhe ließ. Aber nicht diesmal. "Warum nicht?" verlangte sie zu wissen, während sie Kaz intensiv musterte.

"Weil ich nicht will!" Kaz hoffte, dass sie die Warnung in seinen Gebärden erkannte und ihn endlich in Ruhe ließ, aber er ahnte bereits, dass er gleich wieder einmal Bekanntschaft mit der puertoricanischen Sturheit machen würde.

"Gesprochen wie ein wahrer Anwalt, Señor Kaz – auskunftsfreudig, vernünftig, erwachsen. Muchas gracias für die Beantwortung meiner Frage!" Sie schüttelte tadelnd den Kopf. "Wenn Sie weiter so brusco zu allen Menschen sind, werden Sie noch mal als ungeliebter alter Mann enden! Wann werden Sie sich endlich jemanden suchen, Señor Kaz?"

Diese Frage war nichts Neues für Kaz und wäre sie von seinen Eltern oder irgendjemandem sonst gekommen, hätte er sie mit einem eisigen Blick einfach ignoriert, aber er erkannte die aufrichtige Sorge um ihn in Leonoras braunen Augen. "Wenn Sie sich von Ihrem Mann trennen und mich heiraten," erwiderte er mit einem aufmunternden Augenzwinkern, in der Hoffnung, dass sie lachen und das Thema beenden würde.

"Sie brauchen ein Leben, Señor Kaz." Leonoras Ermahnung war sanft, nicht belehrend.

Kaz spürte, wie seine inneren Abwehrmechanismen in die Höhe schossen, gemeinsam mit wachsendem Ärger. "Ich habe eines!"

"No, das haben Sie nicht."

<Warum zum Teufel sind heute alle darauf aus, einen Streit mit mir zu beginnen und sich in mein Leben einzumischen?!> "Hören Sie mal zu, Leonora, nur weil Sie eine hoffnungslose Romantikerin sind, bedeutet das noch lange nicht, dass ich das auch sein muss. Ich bin vollkommen zufrieden mit meinem Leben, so wie es ist."

Leonora schüttelte seufzend den Kopf. "Señor Kaz, Sie sind ein Mann mit so vielen Talenten, mit so viel zu geben, aber Sie leben außerhalb der realen Welt. Sie spielen den ganzen Tag lang nur abogado... den Anwalt."

"Das IST die reale Welt," Kaz knallte sein Bier auf den Küchentresen, "und ich BIN Anwalt! Das ist es, was ich tue!"

"Es ist, was Sie tun, aber nicht, wer Sie sind. Jedenfalls nicht ausschließlich. Sie konzentrieren sich so auf Ihre Arbeit, dass Sie alles andere im Leben völlig ignorieren." Leonora sah um Verständnis bittend zu ihm auf. "Ich weiß, es steht mir nicht zu, das zu sagen, aber ich sage es trotzdem, weil niemand sonst sich das traut."

"Heute trauen sich das sogar viel zu viele Leute!" Kaz versuchte, an seinem Ärger festzuhalten, aber es war nicht ganz einfach, denn er wusste, dass Leonora nur das Beste für ihn, der praktisch ihr Ziehsohn war, wollte.

"Jaecita hat Ihnen die Meinung gesagt, si, Señor Kaz?" Der Gedanke schien Leonora zu gefallen, denn sie grinste breit. "Muy bueno!"

Kaz verzog das Gesicht. "Was bitte sehr ist gut daran, wenn die einzige Dolmetscherin, die mir zur Verfügung steht, sauer auf mich ist?"

"Ah, Jaecita ist nicht sauer... jedenfalls nicht sehr." Leonora streckte die Hand aus und reichte ihm die Tasse.

Kaz nahm sie entgegen und warf einen Blick hinein. Die Tasse enthielt Kaffee – schwarz und, wie er nach einem kurzen Schluck feststellte, ohne Zucker, so wie im ganzen Haushalt nur er ihn trank. Kaz bedachte Leonora mit einem Lächeln. "Danke."

"Danken Sie mir nicht, lesen Sie," forderte die Haushälterin ihn auf und reichte ihm einen kleinen Zettel.

Kaz faltete das Stück Papier auseinander. In Jaes sauberer Handschrift stand ‚Weil K vor U kommt’ auf dem Zettel geschrieben. <K vor U?> überlegte Kaz einen Moment lang verwirrt, bevor ihm die morgenmuffelige Erklärung einfiel, die er Jae vor ein paar Tagen gegeben hatte: ‚Ich habe eine Regel über Kaffee und Unterhaltungen – sie müssen in alphabetischer Reihenfolge auftreten.’ Mit einem amüsierten Kopfschütteln nippte er an dem Kaffee.

"Sie sollten hingehen und sich bei ihr entschuldigen," schlug Leonora vor.

Kaz starrte sie ungläubig an. <Entschuldigen? Ich?> Er konnte sich nicht daran erinnern, sich jemals bei jemandem entschuldigt zu haben, seit er erwachsen war. Er schluckte und stellte die Tasse weg. "Können Sie nicht mal mit ihr reden, Leonora? Sie verstehen sich doch viel besser mit Jae und so ein Gespräch unter Frauen..."

Leonora stand einen Moment lang stumm da und schien nachzudenken. Dann lehnte sie sich vor und wuschelte dem überraschten Kaz durchs Haar. Nur wenige Menschen auf der Welt würden eine derartig vertrauliche Geste ihm gegenüber wagen, aber Leonora hatte beinahe die Exklusivrechte für ein solches Verhalten. Als sie die Hand wieder sinken ließ, formulierte sie die eine Gebärde, von der Kaz nie gedacht hätte, dass er sie einmal von Leonora auf eine Bitte hin sehen würde: "Nein." Sie schüttelte zur Bekräftigung den Kopf. "Das müssen Sie schon selbst tun, Señor Kaz."

Kaz nickte missmutig und straffte die Schultern. <Okay, ich kann das! Ich bin Mitbesitzer einer Kanzlei, wäre doch gelacht, wenn ich das nicht schaffe! Aber wie zum Teufel fange ich jetzt ein Gespräch mit Jae an?> Ratlos blickte er auf die Bierflasche auf dem Tisch hinab. <Blumen,> fiel ihm schließlich ein, <Bring ihr Blumen. Andererseits... sie könnte das missverstehen. Sie könnte es für ein Schuldeingeständnis halten...> Kaz seufzte frustriert. Das war genau der Grund, warum er praktisch kein Privatleben hatte. <Warum muss dieses zwischenmenschliche Theater nur immer so kompliziert sein?>

Unter Leonoras aufmerksamer Beobachtung legte er die Bierflasche in den Kühlschrank zurück und verließ die Küche. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie seine Mutter ihm etwas aus dem Wohnzimmer zurief, aber er ignorierte sie und setzte seine Suche nach Jae fort.

Die Türe zum Gästezimmer stand weit offen – eine stumme Einladung, wie Kaz vermutete. Er blieb im Gang stehen und beobachtete Jae, die lang ausgestreckt auf ihrem Bett lag, ein Buch in den Händen und ihre Lesebrille auf der Nasenspitze.

Kaz beobachtete sie, ohne seine Anwesenheit durch ein Geräusch zu verraten. Jae knabberte am Nagel ihres kleinen Fingers, blätterte mit der anderen Hand rasch eine Seite um und lachte hin und wieder über etwas, was sie gelesen hatte. Kaz reckte den Hals, konnte aber den Titel des Buches nicht erkennen. Er stand eine volle Minute lang im Türrahmen und stellte fest, dass er vollkommen zufrieden damit war, einfach nur dazustehen und der blonden Frau beim Lesen zuzusehen. Es war ein seltsames, fremdes Gefühl für ihn.

Nach einer Weile gab er sich einen Ruck und klopfte mit den Knöcheln seiner Rechten gegen den Türrahmen.

Jae sah auf und lächelte zurückhaltend, als sie ihn entdeckte. Sie sagte nichts, was Kaz ein wenig aus der Bahn warf. Er hatte sich darauf verlassen, dass die sonst so redselige junge Frau als erste das Wort ergreifen würde und er dann nur noch zu antworten brauchte.

Kaz entdeckte das zusammengerollte schwarze Knäuel neben Jae und das gab ihm die Öffnung, die er brauchte. Er nickte in Richtung der Katze. "Wie geht’s dem Dämon?" erkundigte er sich in Ermangelung eines besseren Themas. <Ich bin der Sohn eines Politikers, man sollte wirklich meinen, dass Small Talk mir leichter fallen sollte!>

"Oh, Merlin hat sich von der Begegnung mit Samson erholt und schläft friedlich. Natürlich hat sie zuvor Leonoras Orchideen angeknabbert und zwei Gläser im Wohnzimmer umgeworfen, deren Inhalt dann..."

Kaz winkte ab. "Okay, okay, schon verstanden. Es ist wohl besser für den Dämon, wenn ich seine Missetaten nicht so genau kenne." Er kratzte sich ein wenig ratlos im Nacken und versuchte, ein kurzes Zucken der Lippen als Lächeln auszugeben. Er trat einen Schritt näher, in den Raum hinein und verharrte. "Ich habe Ihre Frage noch nicht beantwortet."

Jae erhob sich und sah zu ihm auf. Obwohl sie mehr als einen Kopf kleiner als er war, schaffte sie es, dass er sich neben ihr klein vorkam. "Welche Frage?" Sie neigte aufmerksam den Kopf zur Seite und sah Kaz an, so neutral als hätten sie sich nicht zehn Minuten zuvor noch gestritten.

"Vertrauen oder Zweifel," wiederholte Kaz ihre Worte. Er bewegte sich nicht, berührte sie nicht, obwohl nur ein Schritt sie trennte. Etwas hielt ihn zurück. War es sein Bedürfnis, unabhängig zu erscheinen? Ungebunden? Gleichgültig? Kühl? Er warf einen schnellen Blick zurück über die Schulter. Die Türe war nur drei Schritte weit entfernt. Mindestens zwei zu viele für seinen Geschmack. Zögerlich bewegte er die Hände. "Die Antwort ist Vertrauen."

Er sah zu, wie Jaes Augen sich weiteten und sie überrascht blinzelte. Zum ersten Mal, seit Kaz sie kannte, war Jae sprachlos. Kaz konnte das nachvollziehen. <Ich bin ja selbst überrascht und ich bin derjenige, der das gesagt hat!> Unbehaglich bohrte er die Schuhspitze in den Teppichboden. "Ich sage nicht, dass ich Ihrer Meinung bin, aber vielleicht... vielleicht hätte ich Sie nicht so behandeln dürfen wie... ich es habe. Ich... es ist nicht richtig so zu tun, als wären Sie mein Feind. Ich sollte... man sollte das nicht tun mit jemandem, den man... der einem keinen Grund gegeben hat zu glauben, er wäre ein ‚Hai’." <Wow, das war elegant! Klar wie Schlamm, Kazdin!> Abwartend sah er Jae an, unsicher, wie sie reagieren würde. Er war nicht sicher, ob sie verstand, was er zu sagen versuchte. <Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ICH verstehe, was ich da sagen will!>

"Akzeptiert." Jae lächelte ihn warm und rundum zufrieden an.

"Was?"

"Ihre Entschuldigung – ich akzeptiere sie," erläuterte Jae geduldig.

Kaz runzelte die Stirn. "Mir war nicht bewusst, dass ich mich entschuldigt habe," Er wiederholte in Gedanken seine Gebärden. <Ich schätze, man könnte es so interpretieren. Jemand sollte wirklich mal ein Handbuch für Anfänger in solchen Dingen schreiben!> "Aber ich muss da wohl Ihrem Urteil vertrauen, schließlich sind Sie diejenige, die gut mit Menschen umgehen kann, worin ich lausig bin." Er zuckte selbstironisch mit den Schultern.

"Nicht immer," sagte Jae. Ihre Gebärden waren sanft und fließend.

Zweifelnd hob Kaz die Brauen. "Sie können nicht immer gut mit Menschen umgehen?" Das nahm er der warmherzigen jungen Frau nicht ab.

Jae schüttelte lachend den Kopf. Ihre Hand streifte flüchtig wie ein Schmetterling Kazs Ellenbogen. "Sie sind nicht immer lausig darin."

Kaz wusste nicht, was er darauf entgegnen sollte, also ließ er seine großen Hände schlaff herabhängen.

Jae umrundete ihn und wieder berührte ihre Hand leicht seinen Arm. "Kommen Sie?" fragte sie, sich halb zu ihm umdrehend, vergnügt, "Sie wollten doch Jessie ins Bett bringen, oder?"

Kaz starrte sie an. Hatte sie ihm nicht noch vor einer halben Stunde genau das verboten? Dann begriff er: Sie hatte ihn gewarnt, ihre Tochter nicht zu verletzen, und sie vertraute ihm genug, um zu glauben, dass er ihre Warnung beherzigen würde. Ihm fiel die Bierflasche ein und plötzlich war er froh darüber, dass er sie im Kühlschrank gelassen hatte. Mit neuer Entschlossenheit machte er den ersten Schritt auf die bereits im Gang stehende Jae zu. "Ich komme."


1320 Z-Zeit (09:20 Uhr EDT)
Einige Meilen südlich von Charleston, South Carolina

Mac setzte den Blinker und warf einen kurzen, gewohnheitsmäßigen Blick in den Rückspiegel. Jae Cavanaugh, die auf der Rückbank des Mietwagens saß, begegnete ihrem Blick und lächelte.

"Ich hätte das Fahren wirklich gerne übernehmen können, Sir," wandte sich die Marine Corps-Ausbilderin an Chegwidden, "Ich bin wirklich eine gute Fahrerin, da wäre schon nichts passiert. Mister Kazdin übertreibt wirklich maßlos." Ihre Nasenflügel vibrierten in gespielter Empörung.

Der Admiral drehte sich auf dem Beifahrersitz um und ließ seine Braue in einem Ausdruck der Skepsis nach oben wandern. "Sie vergessen, dass ich bei der Navy bin, Lieutenant. Solche Beteuerungen haben eine lange Tradition in der Schifffahrt. ‚Natürlich ist alles völlig sicher, machen Sie sich keine Sorgen wegen der Rettungsboote, das Schiff ist unsinkbar’!"

Chegwidden machte eine demonstrative Geste, die, wie Mac vermutete, das Zusammentreffen eines Schiffes mit einem Eisberg darstellen sollte. Sie lächelte vor sich hin, während sie sich weiter auf die Straße konzentrierte. Nach Kazdins Bemerkung über das Schicksal, das Jaes Mietwagen ereilt hatte, hatte Chegwidden Jae von sämtlichen Fahrerpflichten entbunden und Mac war dankbar dafür. Nicht, dass sie den Fahrkünsten der jungen Frau tatsächlich misstraut hätte, aber sie war froh darüber, selbst die knapp zweistündige Fahrt nach Charleston übernehmen zu können – so hatte sie immerhin das Gefühl, zumindest ein wenig Kontrolle über die Situation zu haben, auf die sie da zusteuerte.

Unbehaglich fragte sie sich, ob Amos Reilly, der gehörlose Trinkkumpan ihres Vaters, der nach seiner Pensionierung nach Charleston gezogen war, sie wohl wiedererkennen würde. Möglichst unauffällig reckte sie den Hals und studierte ihr Gesicht im Rückspiegel. Nein, sie war mit Sicherheit nicht mehr das süße kleine Mädchen mit den langen Zöpfen und den großen, immer etwas erschrocken wirkenden Augen, das sich unter ihrer Bettdecke verkroch, um das Brüllen ihres Vaters nicht hören zu müssen.

Sie versuchte sich abzulenken, indem sie auf die Landschaft und die ersten Häuser der großen Stadt achtete. Mac war noch nie in Charleston gewesen, obwohl sie jahrelang in South Carolina gelebt hatte. Ihr Vater hatte ihr regelmäßig einen Besuch der Stadt versprochen und mit ebensolcher Regelmäßigkeit hatte er das Versprechen gebrochen. <Sarah MacKenzie! Jetzt denkst du schon wieder an IHN! Hör endlich auf damit, du hast hier einen Job zu erledigen!> ermahnte sie sich streng.

Sie bog erneut ab und verlangsamte die Geschwindigkeit, um einen Blick auf den Ashley River zu werfen, dessen Wasser in der Morgensonne schimmerte. Mac vermutete zumindest, dass es der Ashley River war, war sich aber nicht ganz sicher, denn Charleston lag praktisch in einer Halbinsellage zwischen zwei Flüssen, dem Ashley River und dem Cooper River.

"Hier links abbiegen, Major," sagte Jae Cavanaugh vom Rücksitz. Als Einheimische kannte sie sich in diesem Teil von South Carolina besser aus als die beiden JAG-Offiziere. Sie lotste Mac durch die Innenstadt, bis sie schließlich die richtige Straße fanden und parkten.

Mac stieg aus und ließ sich von Cavanaugh ihre Tasche und ihr Schiffchen von der Rückbank reichen. Als sie sich wieder aufrichtete, begegnete sie über das Dach des Mietwagens hinweg Chegwiddens Blick. Ahnte er, wie unbehaglich sie sich fühlte? Mac nickte ihm kaum merklich zu, um zu zeigen, dass alles in Ordnung mit ihr war, und daraufhin nickte auch Chegwidden.

Mac atmete tief ein und aus, während sie auf der Suche nach dem richtigen Haus die Straße hinabgingen. Überall roch es nach Blumen, an jeder freien Ecke waren Gärten und Parks mit Azaleen, Kamelien, Magnolien und einer Reihe anderer Blumen, deren Namen Mac nie jemand beigebracht hatte. Vögel zwitscherten und Mac hätte die Atmosphäre sicher als idyllisch bezeichnet, wenn ihr nicht dieser ‚Besuch in der Vergangenheit’ bevorgestanden wäre.

Sie kamen an viktorianischen Stadtvillen vorbei, an restaurierten Häusern mit breiten Balkonen und weißen Veranden. "Das da muss es sein," meinte Chegwidden, auf eines der alten Häuser deutend, "Jetzt müssen wir nur noch den Eingang finden."

"Der ist vermutlich auf der anderen Seite, Sir," erklärte Jae, "Die Eingangstüren wurden früher auf die von der Straße abgewandte Seite des Hauses gelegt, weil damals die Steuern nach der Breite der Vorderfront des Hauses bemessen wurden. Nicht nur Ihre schottischen Vorfahren sind geizig, Major." Amüsiert grinste sie Mac an.

Mac nickte nur höflich. Sie war sicher, dass Cavanaugh den Ursprung ihres eigenen Namens voller Stolz bis zur Ankunft der ersten europäischen Siedler in Amerika zurückverfolgen konnte und offenbar glaubte die junge Ausbilderin, dass auch Mac irgendeine Verbindung zu ihren schottischen Vorfahren hatte, aber in Wirklichkeit wusste sie rein gar nichts über die Herkunft ihres Familiennamens. Joe MacKenzie waren andere ‚Werte’ wichtiger gewesen als seine Vorfahren und Mac selbst hatte nie Grund gehabt, stolz auf ihren Namen zu sein und daher Nachforschungen anzustellen.

Sie betraten den Hinterhof des Hauses. Die drei Offiziere in Uniform zogen sofort die Blicke von zwei älteren Bewohnern des Hauses auf sich, die dort umgeben von einem kleinen Garten ihren Kaffee tranken.

Chegwidden trat auf die beiden zu. "Können Sie mir sagen, wo ich Amos Reilly finde?"

Die grauhaarige Frau sah auf. Mac musste grinsen, als sie den Blick sah, mit dem die alte Dame die durchtrainierte Gestalt des Admirals in seiner Uniform musterte. "Der sitzt dort drüben." Die Südstaaten-Dame zeigte zu einem Baum am anderen Ende des Hinterhofs, in dessen Schatten eine einzelne Gestalt saß.

Die drei Offiziere näherten sich dem Mann unter dem Baum, wobei sich nun Jae in den Vordergrund schob, um zu übersetzen.

Mac blieb wartend im Hintergrund, halb verdeckt von den 1,90m des Admirals. Sie blinzelte in der Morgensonne und stellte fest, dass ihre Aufmerksamkeit vom stummen Gespräch zwischen Jae und dem gehörlosen Mann weg wanderte. <So muss es Kazdin ergehen, wenn wir stundenlang über etwas diskutieren und er kein Wort davon versteht.>

Amos Reilly hatte sich verändert, stellte Mac fest. Der schmale, grauhaarige Mann hatte nichts mehr von der Bedrohlichkeit an sich, die damals alle von Joe MacKenzies Freunden für die 13jährige Sarah besessen hatten, sondern er wirkte alt und zerbrechlich. Vor Macs innerem Auge tauchte sofort ein Bild ihres Vaters auf, wie sie ihn in seinem Bett liegend im ‚Hospiz des Heiligen Herzens’ angetroffen hatte – hilflos, reglos, stumm. Jemand, der keine Stellung mehr beziehen konnte zu all den Vorwürfen und Fragen, die sie quälten. <Joseph MacKenzie hat es schon immer verstanden, sich aus der Affäre zu ziehen, wenn eine Sache unangenehm wurde.> Sie schüttelte leicht den Kopf, als könne sie so die Erinnerungen vertreiben und sah wieder Reilly an. Sie war sicher, dass sie ihn nicht wiedererkannt hätte und hoffte, dass das umgekehrt auch der Fall war.

"MacKenzie?" wiederholte Jae scheinbar eine Frage des gehörlosen Mannes, "Major, Mister Reilly möchte wissen, ob Sie zufällig mit einem Joe MacKenzie verwandt sind."

Mac würgte den Kloß, der ihr plötzlich im Hals steckte, hinunter. "Ja. Joe MacKenzie war mein Vater." Sie presste die Lippen zusammen, nicht bereit, auch nur ein Wort mehr über ihn zu sagen, als sie unbedingt musste.

Amos Reilly blickte überrascht, dann erfreut und schließlich runzelte er die Stirn. "War?" übersetzte Jae seine Gebärde.

"Er ist letzten Monat gestorben, Mister Reilly."

"Das tut mir leid," sagte der Gehörlose ernst, "aber ich bin sicher, dass Ihr Vater sehr stolz auf Sie war. Er hat sich immer gewünscht, dass Sie mal in seine Fußstapfen treten und ins Corps eintreten." Jae übermittelte diese Ansicht lächelnd und mit einem erwartungsvollen Blick zu Mac hinüber, so als erwarte sie, große Freude auf ihrem Gesicht zu entdecken.

Macs Hals schnürte sich zu. Sie war nicht in der Lage zu antworten, selbst wenn sie gewusst hätte, was. <Oh, ja, er war wirklich ungeheuer stolz auf mich! So stolz, dass er mich seine ‚dämliche Schlampe von Tochter’ genannt hat!> Sie versuchte, sich an Pater Genaros Worte zu erinnern, an die Zeitungsausschnitte über sie, die ihr Vater gesammelt hatte, aber nach all den Jahren war es immer noch schwer zu glauben, dass ihr Vater sie auf seine Art geliebt und voller Stolz ihre Karriere verfolgt hatte. All die negativen Erfahrungen, das Trinken, Schlagen, Brüllen und Weinen, hatten die positiven Erinnerungen völlig verdrängt.

Chegwiddens Räuspern unterbrach die eintretende Stille im Hinterhof. Er trat einen Schritt näher an Reilly heran, so dass er wie zufällig zwischen dem Gehörlosen und Mac zu stehen kam. Mac glaubte nicht, dass es wirklich Zufall war.

"Mister Reilly, wir sind hier, weil wir glauben, dass Sie uns möglicherweise helfen können, ein paar Details zu klären," erklärte Chegwidden, "Es geht um den Mord an Sergeant Craik Foster..."

Amos Reilly ließ sich schlaff in seinem Stuhl zurücksinken, als Jae Chegwiddens Worte übersetzte. Sein Rücken schabte über die raue Borke des Baumes hinter ihm, aber er schien es nicht zu bemerken. "Luke wurde ermordet?"

Mac wechselte einen schnellen Blick mit dem Admiral und trat dann vor. Zwar verband sie keine angenehmen Erinnerungen mit Amos Reilly, aber er verdiente es dennoch, von jemandem, den er wenigstens flüchtig kannte, vom Tod seines Freundes zu erfahren. "Ja. Er saß im Militärgefängnis von Beaufort, weil er unter Verdacht stand, Rory O’Flaherty ermordet zu haben."

Reilly sah sie ungläubig an. Offenbar lebte er so zurückgezogen von der ‚Welt der Hörenden’, dass er auch von O’Flahertys Tod noch nichts gewusst hatte. "Sie kommen also hierher, um mir zu sagen, dass meine drei ältesten Freunde alle tot sind, Sarah MacKenzie?"

"Ich komme, weil ich Ihre Hilfe brauche." Es kostete Mühe, diese Worte zu sagen, denn es war, als würde sie die Hand nach einem Teil ihrer Vergangenheit ausstrecken; eine Vergangenheit, die sie doch eigentlich für immer hinter sich zurücklassen wollte. Aber wenn sie in ihren Jahren bei JAG etwas gelernt hatte, dann, dass es Momente gab, in denen man seine persönlichen Interessen hinter seine Pflicht zurückstellen musste. "Wir haben in diesem Fall die Verteidigung von Mister Kazdin übernommen, der Luke Foster ermordet haben soll."

Reilly schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. Er trat näher an die Anwälte heran, so als hoffe er, die Fakten würden aus der Nähe anders aussehen. "Kazdin? Jetzt sagen Sie mir bloß noch, dass Philip Kazdin in diese ganze Sache verwickelt ist und ich beginne, an eine Verschwörung zu glauben!"

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, Philip Kazdin hat nichts mit der Sache zu tun, jedenfalls nicht direkt. Er ist lediglich der Vater unseres Mandanten. Aber was hat er mit der ganzen Sache zu tun?"

"Rory... Corporal O’Flaherty wurde in der Nacht bevor er damals spurlos verschwand, von – oder besser gesagt wegen - Philip Kazdin zum Wachdienst verdonnert, weil er ihn beim unerlaubten Glücksspiel erwischt hatte."

Mac schloss die Finger fester um ihr Schiffchen, so als könne sie damit verhindern, dass ihr die Zügel dieses immer komplizierter werdenden Falles aus der Hand glitten. "Philip Kazdin war damals in Beaufort stationiert?" Sie konnte sich nicht an einen Offizier diesen Namens erinnern, aber schließlich hatte sie hauptsächlich auch nur die Männer gekannt, die wie ihr Vater und der damalige Lieutenant Quentin Raine für die Wartung der Hornet-Staffeln zuständig gewesen waren und auch unter diesen nur einige wenige.

"Nein, Kazdin war bei JAG, so wie Sie. Er war nur wegen irgendeiner Ermittlung in Beaufort, was ihn aber nicht daran gehindert hat, Rory bei seinem Kumpel, Lieutenant Raine, anzuschwärzen." Reilly winkte verächtlich ab und Mac konnte sehen, dass sich die neidisch-ablehnende Einstellung, die die Saufkumpane ihres Vaters gegenüber Offizieren gehabt hatten, sich kaum verändert hatte. "Und sein Sohn hat Luke getötet?"

"Er steht unter Mordverdacht, das ist alles. Noch ist gar nichts erwiesen," betonte Mac, "Kennen Sie Jeremiah Kazdin?"

"Er hat mich mal in einem Fall vertreten, in dem es um Sachbeschädigung ging. Keine große Sache, aber irgendwie hat er mich trotzdem beeindruckt." Reilly zuckte mit den Schultern als gebe er es nicht gerne zu.

"Stimmt es, dass sie ihn an Luke Foster weiterempfohlen haben?" stellte Mac endlich die Frage, wegen der sie eigentlich hergekommen waren.

Reilly fuhr sich über das stoppelbärtige Kinn. "Empfohlen? Kann sein, dass ich ihn vor drei Jahren, als Kazdin meinen Fall gewonnen hat, so gelobt habe, dass Luke sich das gemerkt hat, ja. Hat Luke sich Kazdin als Anwalt genommen? Wieso ist Luke überhaupt beschuldigt worden, Rory ermordet zu haben?" Verwirrt schüttelte der Gehörlose den Kopf.

Mac konnte das nachvollziehen. Auch sie hatte immer mehr das Gefühl, vor einer großen Anzahl von Puzzelstücken zu stehen, die einfach nicht zusammenpassen wollten. "Rory O’Flahertys Überreste wurden gefunden und als Mordwaffe wurde Sergeant Fosters Dienstmesser identifiziert."

Reilly schlug frustriert die Faust gegen den Baumstamm und schüttelte fassungslos über die Neuigkeiten, die da auf ihn einprasselten, den Kopf. "Oh, Mann!"

Mac seufzte. <Ganz meine Meinung.>

Sie sprachen noch eine Weile mit Amos Reilly, lange genug, um zu dem Schluss zu kommen, dass er weder von Fosters Inhaftierung noch seinem Tod gehört hatte. Offensichtlich hatte Reillys Jahre zurückliegende Empfehlung Foster veranlasst, sich Kazdin als Verteidiger zu nehmen, mehr schien da nicht dahinter zu stecken. Dennoch gefiel Mac die ganze Angelegenheit immer weniger. Nicht nur drei Freunde ihres Vaters waren irgendwie in den Fall verwickelt, jetzt tauchte auch noch Philip Kazdins Name auf.

"Sie haben nicht zufällig auch noch ein dunkles Familiengeheimnis, das bei den Ermittlungen enthüllt werden wird? Irgendwelche Väter, die plötzlich auftauchen könnten?" erkundigte sich Mac mit einem schiefen Lächeln bei Jae, während sie die Autotüre aufschloss. Mac wusste, dass dies nur ein Versuch war, ihre Probleme zu bewältigen. Wenn sie erst begann, das Ganze nicht einmal mehr mit ironischem Humor sehen zu können, war der Weg nicht mehr weit zu anderen Bewältigungsformen – und die hatten in der Vergangenheit zumeist aus Wodka bestanden.

Mac hatte erwartet, dass die sonst so heitere Jae auf ihren Versuch, die angespannte Situation etwas aufzulockern, mit einer humorvollen Bemerkung antworten würde, aber stattdessen blinzelte sie, als wäre sie von einer unerwarteten Attacke getroffen worden und brauchte einige Sekunden, bevor sie antwortete. "Ich würde nicht damit rechnen, aber falls doch, kenne ich zwei gute Anwälte."


1411 Z-Zeit (10:11 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz blickte über den Rand seiner Zeitung hinweg, die er strategisch wie einen Schutzwall vor sich platziert hatte, und sah mit wachsendem Unwillen zu, wie das Glas Milch sich zum wiederholten Mal gefährlich nahe an den Tischrand bewegte. Mit heftigen Bewegungen faltete er die Zeitung einmal, dann ein zweites Mal und klatschte sie dann frustriert auf den Tisch. "Trink deine Milch!" befahl er rau.

Jessica Cavanaugh ließ das Milchglas los, das sie seit zehn Minuten auf dem Tisch herumschob als wäre es ein Rennwagen, ohne daraus getrunken zu haben. "Aber ich mag keine Milch!" beschwerte sie sich.

Kaz blickte in die großen, grünen Augen, die zu ihm aufsahen, und fühlte sich so gelähmt, als gehörte das Augenpaar einer Klapperschlange statt einem 4jährigen Kind. "Ich hab dir auch nicht befohlen, sie zu mögen, sondern sie zu trinken!"

Skeptisch betrachtete ihn das Mädchen. "Magst du Milch?"

"Ich frühstücke nicht." Kaz fragte sich, wo Leonora so lange blieb. <So lange kann es doch wirklich nicht dauern, eine Büchse von was auch immer aus dem Keller zu holen, oder?> Langsam kam ihm der Verdacht, dass sie sich absichtlich Zeit ließ, damit er hier alleine mit dem Kind festsaß.

"Auch nicht Mister Pops?" Mit großen Augen sah ihn Jessie an und schüttelte verwundert den Kopf, so dass ihre blonden Zöpfe hin- und herwippten.

Kaz betrachtete die leuchtendgelbe Schachtel mit Frühstückszerealien, die Leonora für das Mädchen gekauft hatte, und den Teller daneben, in dem nur ein wenig Milch zurückgeblieben war. <Sieht aus wie Hundefutter! Und wer ist auf die Idee gekommen, Spielzeug in eine Schachtel Cornflakes zu tun?> "Nein, schon gar nicht Mister Pops!" erklärte er energisch.

"Und wenn Leonora dir Pfannkuchen macht?" Jessie rutschte auf dem Stuhl nach vorne und begann vergnügt mit den Beinen zu baumeln. Man sah ihr an, dass sie mehr Interesse an dem Gespräch als an ihrer Milch gefunden hatte.

Kaz stöhnte innerlich auf. <Sie ist definitiv Jaes Tochter! Sie fragt einem Löcher in den Bauch und hört sicherlich nicht einmal dann auf zu reden, wenn man sie auf den Kopf stellt!>

Leonora kam herein und rettete ihn davor, antworten zu müssen.

"Leonora!" Kaz war froh, sie zu sehen, denn er fühlte sich ganz alleine mit einer 4jährigen doch ein wenig überfordert. Kinder waren unberechenbar und deshalb erschreckend für ihn.

"Si, Señor Kaz? Ich gehe runter zum supermercado, um ein paar Dinge einzukaufen." Sie strich Jessie im Vorbeigehen über das blonde Haar, "Du bleibst bei tío Kaz, sí, querida? Warum gehen Sie nicht mit ihr in den Park?"

Kaz verschluckte sich fast an seinem Kaffee und begann zu husten. "Was? Leonora, nein, ich..." Er brach ab, als er sah, dass die Puertoricanerin schon an ihm vorbei war und seine Gebärden gar nicht bemerkte. <Und was zum Teufel soll das heißen? Tío? Wer hat mich zum Onkel befördert?> Er reckte den Hals und erhaschte einen letzten Blick auf Leonora, die winkend die Türe hinter sich schloss. Ratlos wandte er sich dem Mädchen zu, das ihn erwartungsvoll ansah. <Na, prima! Was nun? So habe ich mir das nicht vorgestellt, als Leonora Jae versichert hat, ‚wir’ würden schon auf das Kind aufpassen, während sie in Charleston ist! Wenn ich gewusst hätte, dass ich tatsächlich ein Teil dieses ‚Wir’ sein soll...> Hätte ihm nicht wenigstens jemand ein paar Gebrauchsanweisungen geben können?

Seufzend erhob er sich. "Na schön, komm mit."

Jessie ließ sich vom Stuhl rutschen, grabschte mit einer Hand die Comicfigur, die in der ‚Mister Pops’-Schachtel gewesen war, und hielt Kaz vertrauensvoll die andere Hand hin.

Vorsichtig schloss Kaz seine Finger um die kleine Hand. Er wusste nicht so recht, wer wen an der Hand führte, denn im Moment fühlte er sich nicht wie jemand, der Kontrolle über die Situation hatte.

Er wartete geduldig im Gang, während Jessie ihre Schuhe anzog. Skeptisch sah er ihr dabei zu, wie sie versuchte, die Schuhbänder zuzubinden. Schließlich gab sie es auf und hielt ihm den Fuß hin. "Das macht Mama immer."

"Ach so." Kaz hatte keine Ahnung, was eine 4jährige schon alleine konnte und was nicht. Er kniete sich neben sie und band die Schuhbänder sorgfältig zu gleichmäßigen Schleifen.

"Können wir das Dreirad mitnehmen?" erkundigte sich Jessie und betätigte die Hupe des Gefährts, das auf irgendeine Kaz rätselhafte Weise in seiner Wohnung aufgetaucht war.

Kaz sah zu, wie das Mädchen immer wieder die Hupe drückte und war zum ersten Mal froh darüber, gehörlos zu sein. "Meinetwegen." Mit dem Gefühl, eine gefährliche Reise in unbekannte Gewässer anzutreten, öffnete er die Türe und ließ Jessie samt Dreirad vor sich ins Freie treten.


1458 Z-Zeit (10:58 Uhr EDT)
Beaufort, South Carolina

Kaz saß auf einer Parkbank in der Sonne, die langen Beine lässig von sich gestreckt und tat alles, um so entspannt auszusehen wie die ‚anderen Eltern’ auf dem Spielplatz, während er gleichzeitig kein Auge von Jessie ließ, die mit ihrem Dreirad gerade das Klettergerüst umrundete.

Der Spielplatz lag gleich neben dem Park, durch den Kaz jeden Morgen joggte, aber seltsamerweise hatte er ihn nie zuvor bemerkt. <Ich hatte ja auch nie zuvor Grund dazu, auf Spielplätze zu achten!> Er sah unauffällig nach links und rechts, wo Mütter mit ihren Kindern im Sand spielten. Seine anfängliche Befürchtung, man würde ihm seine Unsicherheit sofort anmerken und ihn für einen Kindesentführer halten, war unbegründet geblieben. Wenn er überhaupt Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, dann deshalb, weil er der einzige Mann auf dem Spielplatz war und weil er nicht quer über den Sandkasten brüllte, wenn ihm eine von Jessies Aktionen zu gefährlich schien, sondern sich der Gebärdensprache bediente.

Kaz wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er spürte, wie ihm Sand in die Schuhe rieselte. Er blickte hinab und sah in das grinsende Gesicht eines Kleinkindes, das ihm eben einen Eimer Sand über die Füße gekippt hatte. Kaz wollte eben den Sand aus seiner Socke schütteln, als er sah, wie das Kind einen zweiten Eimer anhob. Möglichst drohend sah Kaz auf den Jungen hinab, wusste aber nicht, was er sonst tun sollte. Gab es irgendwelche Regeln in solchen Situationen? Durfte er ein fremdes Kind ausschimpfen oder – da es ihn ohnehin nicht verstanden hätte – ihm zumindest den Eimer wegnehmen? Oder stand das nur den Eltern zu?

Eine junge, dunkelhäutige Frau tauchte neben dem Kleinkind auf und rettete Kaz vor einer zweiten Sandattacke. "Hallo," sagte sie mit einem entschuldigenden Lächeln, "tut mir leid, ich hab einen Moment nicht auf ihn aufgepasst."

Sie sprach langsam und daher konnte Kaz die meisten Worte von ihren Lippen ablesen und den Rest erraten. Er nickte und machte eine wegwerfende Geste.

Die junge Frau deutete auf ihre Ohren und stellte eine Frage, die Kaz als "Sind Sie taub?" identifizierte. Er nickte, obwohl ihm die Bezeichnung ‚gehörlos’ lieber war.

Die Mutter des kleinen Sandwerfers kramte in ihrer übergroßen Umhängetasche und förderte Block und Stift zutage. "Ihre Tochter ist sehr gut erzogen. Wie alt ist sie denn?" kritzelte sie unter ihre Einkaufsliste, auf der Kaz auch ‚Mister Pops’ entdeckte.

Kaz wusste nicht, ob er sich von der Annahme, Jessie sei seine Tochter, beleidigt oder geschmeichelt fühlen sollte, aber schließlich entschied er sich für letzteres. Nachdem er die anderen Kinder auf dem Spielplatz eine Weile beobachtet hatte, war ihm klar geworden, dass Jessie zwar aufgeweckt und voller Energie, aber vermutlich das besterzogenste Kind in ganz Beaufort war. Aus irgendeinem ihm selbst schleierhaften Grund erfüllte ihn das mit einem gewissen Stolz, auch wenn er rein gar nichts mit Jessies Erziehung zu tun gehabt hatte.

"Sie ist nicht meine...," begann er auf den Zettel zu schreiben, sah dann aber für einen Moment auf und entdeckte, dass Jessie mit dem Dreirad genau auf die Treppe zuradelte, die den Kletterbereich vom Sandkastenbereich des Spielplatzes trennte. "Mist!" Kaz ließ Zettel und Stift fallen und rannte los.

Einen Moment bevor sie mit samt Dreirad über die relativ steile Kante stürzen konnte, erwischte er das Mädchen mit einem verzweifelten Hechtsprung. Schützend drückte er sie an sich, während er sich im Flug drehte, um die Wucht des Aufpralls abzufangen. Das Drehrad schrammte an seinem Schienbein vorbei und Jessies Ellenbogen traf ihn auf die Nase, schleuderte ihm die Sonnenbrille vom Gesicht. Hart landete er auf dem Rücken.

Einen Moment lang lagen beide nur da. Jessie starrte in überraschtem Schweigen hinab in Kazs Augen, während er nach dem Aufprall noch immer um Atem rang. "Alles okay?" fragte er mit leicht zitternden Händen.

Jessie erholte sich von ihrer Überraschung und begann prompt zu weinen. Entsetzt sah Kaz, dass ein breiter Kratzer ihre Nase zierte – vermutlich hatte sie während des Sturzes enge Bekanntschaft mit einem der Knöpfe an seiner Jacke geschlossen. Er richtete sich auf den Knien auf und sah hilflos auf das weinende Kind hinab. "Hey, pssst! Die Leute denken ja, ich misshandle dich!" Panikerfüllt versuchte er das Blut mit einem Taschentuch aus Jessies Gesicht zu wischen, aber sie hörte nicht auf zu weinen. Kaz wollte sich nicht einmal vorstellen, in welcher Lautstärke das geschah, aber ein schneller Blick zeigte ihm, dass einige der Mütter zu ihnen hinüber sahen.

"Hey, hey, Jessica... Jessie…" Sie reagierte nicht auf seine Gebärden, nahm sie durch das Meer aus Tränen hindurch wahrscheinlich nicht einmal wahr. <Mist, was jetzt?> Er hatte Körperkontakt, Berührungen nie gemocht, aber ganz offensichtlich brauchte das verängstigte Kind jetzt Trost und er war derjenige, der im Moment die Verantwortung für sie trug. Zögernd rutschte er näher an sie heran und legte behutsam einen Arm um sie.

Sie kletterte sofort auf seinen Schoß und schlang ihre Arme eng um seinen Hals. Kaz spürte, dass das Weinen innerhalb von Sekunden nachließ. <Wow. Ich kann das,> stellte er mit Verwunderung fest und legte auch noch den anderen Arm um sie. "Alles okay?" wiederholte er, als er sie etwas später wieder losließ.

Jessie nickte schniefend. "Deine Nase." Sie tippte mit dem Finger gegen seinen Nasenrücken.

"Uau!" Kaz zuckte zurück. Er hob selbst einen Finger zu seiner Nase und stellte fest, dass er ebenfalls blutete. Die Sonnenbrille musste zerbrochen sein, als Jessies Ellenbogen sie traf, und hatte ihm einen tiefen Kratzer quer über die Nase beigebracht.

Er trug das kleine Mädchen, das ihr nasses Gesicht gegen seinen Hals drückte, zu dem Eiscreme-Stand neben dem Spielplatz hinüber.

"Sind Sie beide okay?" fragte die Verkäuferin. "Ein toller Sprung, mit dem Sie die Kleine da gerettet haben!"

Kaz nickte nur und setzte Jessie ab. <Bestechung funktioniert doch wohl auch bei Kindern, oder?> "Wie wäre es mit einem Eis?"

"Jaaa!" Jessie stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte in die verschiedenen Eisboxen. "Schokolade!" teilte sie Kaz mit.

Kaz deutete auf die entsprechende Eissorte und reichte der Verkäuferin eine Dollarnote.

Jessie nahm die Waffel glücklich entgegen, der Sturz war scheinbar bereits vergessen. Kaz nutzte die Gelegenheit, Jessies Gesicht mit einer Serviette so sauber wie möglich zu machen. <Wirklich toll, Kazdin, jetzt brauchst du nur noch die Serviette mit deiner Spucke nass zu machen und ihr damit den Mund abzuwischen und schon erhältst du einen Preis als Glucke des Jahres!>

Jessies eines Auge sah aus, als würde es blau werden. Kaz betastete sein eigenes, bereits halb zugeschwollenes Auge und die schmerzende Nase. <Na toll, ihre Mutter vertraut sie mir an und jetzt bringe ich sie beschädigt zurück!> Zuerst einmal musste er sich aber Leonora stellen, die sicher auch nicht sonderlich begeistert über Jessies Erscheinungsbild sein würde. "Wir sollten uns auf den Weg nach Hause machen."

"Aber ich hab doch noch gar nicht geschaukelt!" protestierte Jessie und ließ aufgrund ihrer heftigen Gebärden fast ihr Eis fallen.

Kaz seufzte, als er feststellte, dass es ebenso schwer war, dem blonden Mädchen etwas abschlagen wie ihrer Mutter. <Du bist so ein Softie, Kazdin!> "Vielleicht kommen wir später noch mal zurück." <Nachdem ich dieses Dreirad konfisziert habe! Das Kind kommt wirklich ganz nach ihrer Mutter und wenn ich sie lebend zurückgeben will, sollte ich sie besser von jedem fahrbaren Untersatz fernhalten!>


1816 Z-Zeit (14:16 Uhr EDT)
Beaufort, South Carolina

A.J. stieg die drei Stufen zum Spielplatz hinauf, auf dem Leonora Rosario Kazdin mit Jaes Tochter vermutete, und schloss zu den beiden weiblichen Marines vor ihm auf.

Er sah zu, wie Mac sich bückte, um einem kleinen Kind seine Schaufel wiederzugeben und wie sie ein kurzes Lächeln mit der Mutter wechselte. In ihrer Uniform hätte sie hier, inmitten von Sand und spielenden Kindern, eigentlich fehl am Platz wirken sollen, tat es aber nicht. A.J. wusste, dass sie Kinder mochte und er hatte schon immer die Art und Weise bewundert, wie sie mit ihrer ‚kleinen Schwester’ Chloe umging - auch wenn das Mädchen seine Schokoladenvorräte geplündert hatte.

Er versuchte, sich Mac als Mutter vorzustellen und zu seiner eigenen Verwunderung gelang es ihm sofort. Er hatte nicht die geringsten Zweifel daran, dass sie eine großartige Mutter sein würde und wieder musste er innerlich den Kopf schütteln und sich wundern, wie aus ihr eine so einfühlsame und warmherzige Frau hatte werden können. Ihre Eltern hatten ihr dabei weiß Gott nicht als Vorbild dienen können.

A.J. folgte dem Blick der beiden, äußerlich so verschiedenen Frauen, die wortlos vor ihm verharrten, und nach ein paar Sekunden erkannte er, dass der Mann, der dort unten mit dem blonden Mädchen schaukelte, Jeremiah Kazdin war. A.J. knurrte verblüfft vor sich hin. Niemals hätte er diesem kühlen, massigen Mann, der so misstrauisch gegenüber den Menschen schien, zugetraut, dass er mit einem kleinen Kind umgehen konnte.

Er sah auf, als er Mac lachen hörte und stellte fest, dass seine Lippen automatisch mitlächelten, obwohl er nicht gehört hatte, welche Bemerkung von Jae sie zum Lachen gebracht hatte. Es tat einfach gut, wieder einmal das Funkeln in Macs dunklen Augen zu sehen, wenn sie lachte.

"Wow, haben Sie das gesehen?" Jae deutete mit einem ungläubigen Lachen zu dem Mann auf der Schaukel. "Er hat doch nicht tatsächlich gelächelt, oder?"

Mac schmunzelte. "Doch, hat er."

"Bitte reichen Sie mir das Riechsalz, Ma’am!" Jae tat, als fächle sie sich Luft zu.

"Das bekommen Sie, wenn ich damit fertig bin, Lieutenant," ging Mac auf den Scherz ein, während sie kopfschüttelnd ihren Mandanten und das Kind beobachtete.

A.J.s Aufmerksamkeit war weniger auf Kazdin gerichtet. Er sah zwischen den beiden jungen Frauen hin und her. Trotz ihrer Uniform wirkten sie im Moment wie zwei unbeschwerte College-Studentinnen und obwohl A.J. normalerweise darauf bedacht war, dass seine Offiziere ihre Pflichten ernst nahmen und die Streitkräfte mit einer gewissen Würde repräsentierten, so war dies doch ein willkommener Anblick. Die beiden Frauen lachten erneut und ein erwartungsvolles Schweigen entstand. A.J. stellte fest, dass er den Rest ihrer Unterhaltung nicht mitbekommen hatte. Mit spielerischer Strenge sah er von einem der grinsenden Marines zum nächsten. "Oh, oh. Dieses Lächeln bedeutet nichts als Ärger. Ich habe gesehen, wie meine Ex-Frau, meine Ex-Schwiegermutter und meine Ex-Schwägerin so gelächelt haben – am nächsten Tag war unser Wohnzimmer zartrosa gestrichen!"

Sie sahen zu, wie der gehörlose Mann seine langen Arme sicher um das Kind auf seinem Schoß schlang und die Ketten der Schaukel umfasste, während er begann, seine kraftvollen Beine zu schwingen. Innerhalb von Sekunden flogen sie höher, als A.J. je eine Schaukel hatte schwingen sehen. Jaes Tochter lachte begeistert.

"Ich frage mich nur gerade, ob das der geeignete Zeitpunkt wäre, Kaz zu sagen, dass es Jessie manchmal beim Schaukeln schlecht wird?" erkundigte sich Jae mit einem unschuldigen Grinsen.

"Lieutenant, Sie sind eine grausame Frau!" stellte A.J. grollend fest.

"Ich bin Marine Corps-Ausbilderin, Sir," erklärte Jae lächelnd, "das gehört zu meiner Stellenbeschreibung."


1855 Z-Zeit (14:55 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae sah auf, als die Haustüre laut ins Schloss fiel und warf einen Blick auf die Uhr. Es war eine halbe Stunde her, seit sie den Spielplatz unbemerkt wieder verlassen hatten. Die beiden Anwälte hatten nichts mit Kaz zu besprechen gehabt, das nicht bis morgen hätte warten können, und deshalb hatte Jae dafür plädiert, ihn und Jessie nicht zu stören. <Ich wette es geschieht nicht oft, dass er seine Arbeit vergisst und einfach mal ein bisschen Spaß hat!> Kaz so völlig anders zu erleben hatte sie überrascht. Es war fast nicht zu glauben, dass der fürsorgliche Mann, der mit ihrer übereifrigen Tochter geschaukelt hatte, wirklich derselbe war, der noch gestern sein Misstrauen allen Menschen, selbst seinen eigenen Eltern gegenüber, verkündet hatte. Auf dem Spielplatz hatte er so anders gewirkt: Entspannt und einfach großartig im Umgang mit Jessie. Für einen Moment schien es, als hätte er all die Probleme, die sonst immer im Hintergrund seines Kopfes lauerten, vergessen.

Jae erhob sich, als Kaz eintrat und sah auf ihr schmutziges, aber friedlich in Kazs Armen schlafendes Kind hinab. Jessies T-Shirt war mit schokoladeähnlichen Flecken bedeckt und quer über ihre Nase verlief ein Kratzer, dessen Gegenstück in Kazs Gesicht zu finden war.

Kazs versteifte sich merklich, als er sie sah, und hielt ihr sofort das schlafende Mädchen hin.

Jae schüttelte den Kopf. <Oh, nein! Ein Kind ist nichts, was man einfach wieder abgibt.> Sie bedeutete Kaz kommentarlos, ihr mit Jessie hinüber zur Couch zu folgen und sie dort vorsichtig in die weichen Polster zu betten.

"Sie ist nicht tot oder so," erklärte Kaz unbehaglich, sobald er die Hände frei hatte, "sie ist nur eingeschlafen, weil sie so müde war. Wir haben geschaukelt, aber irgendwie ist ihr dabei wohl schlecht geworden. Das muss das Schokolade-Eis gewesen sein." Abrupt drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Jae starrte einen Moment lang auf ihre Tochter hinab, versicherte sich, dass sie noch immer schlief, und folgte Kaz dann. Sie fand ihn in der Küche. Er stand mit dem Rücken zu ihr am Kühlschrank und machte einen ziemlichen Lärm, als er auf der Suche nach irgendetwas darin herumwühlte. Schließlich knallte er die Flasche Bier, die er gefunden hatte, in den Kühlschrank zurück und schlug mit einem Knurren die Türe zu. Er drehte sich um und bedachte Jae mit einem finsteren Blick, als er sie im Türrahmen entdeckte.

Jae trat näher und legte ihm sanft eine Hand auf den Arm. Sie spürte, wie die durchtrainierten Muskeln unter ihrer Hand leicht vibrierten, als liefe ein Zittern durch den ganzen Arm. Sie runzelte die Stirn und sah fragend zu Kaz hinauf. Schweiß glänzte auf seiner Stirn. "Hey, alles okay?"

Kaz nickte abrupt. "Was sollte nicht okay sein?" Seine Gebärden waren heftig und vermittelten eine andere Botschaft als ihr eigentlicher Inhalt.

Jae zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht, vielleicht können Sie mir das sagen. Angst vor morgen?" Verständnisvoll sah sie zu ihm auf.

"Unsinn! Ich bin Anwalt, ich weiß, was auf mich zukommt!" Kaz begann, mit großen Schritten vor dem Kühlschrank auf und ab zu gehen.

Jae bemerkte, dass Kaz in einer besonders schlechten Laune zu sein schien, die höchstens noch von schlecht zu miserabel variierte. Er hatte, seit er das Haus betreten hatte, nicht einmal gelächelte, wirklich gelächelt, nicht eines dieser grimmigen Kräuseln der Lippen. "Was ist es dann?" fragte Jae, der langsam ein Verdacht kam. Seit dem Streit, den sie gestern mit Kaz gehabt hatte, hatte sie nicht mehr gesehen, dass er auch nur einen einzigen Schluck Alkohol trank. <Er will mir beweisen, dass ich Unrecht habe – aber scheinbar fällt ihm das nicht so leicht, wie er dachte!> stellte sie fest, nicht triumphierend, sondern eher besorgt. In diesem Fall hätte sie gut darauf verzichten können, recht zu haben.

"Nichts," antwortete Kaz, schon nicht mehr ganz so unhöflich, "ich glaube, ich fühle mich nur einfach etwas schuldig, weil ich das Kind beschädigt zurückgebracht habe." Er scharrte mit dem Fuß über den Boden, was ihn wie einen kleinen, verlegenen Jungen wirken ließ.

Jae lächelte. <Beschädigt? Ist er Anwalt oder Automechaniker?> "Ist schon okay," versicherte sie beruhigend, "Das ist mir selbst schon mehr als einmal so ergangen. Jessie ist eben ein ziemlich angstloses und aktives Kind, da passiert so was eben." Grinsend deutete sie auf seine Nase. "Muss ein ziemlich guter Kampf gewesen sein. Über wie viele Runden seid ihr denn gegangen, bevor Jessie Sie k.o. geschlagen hat?"

Kaz winkte verlegen ab und Jae war einmal mehr fasziniert und überrascht von der Schüchternheit, die manchmal hinter dem so selbstbewusst und kühl agierenden Anwalt steckte.

Kaz zuckte zusammen, als Jessie plötzlich neben Jae auftauchte. Anders als Jae war er nicht durch das Geräusch der zufallenden Wohnzimmertüre und der stürmischen Kinderschritte Jessies Annäherung hingewiesen worden.

"Mama, Mama!" Jessie fuchtelte begeistert mit den Händen, benutzte Gebärden- und Lautsprache gleichzeitig, um ihren Enthusiasmus auszudrücken, während Jae ihre immer schwerer werdende Tochter hochhob, "Es war soooo lustig mit Jerry! Wir waren auf dem Spielplatz und wir sind geschaukelt und Eis gegessen und wir haben ein gaaaanz großes Bild gemalt!"

Jae lächelte, runzelte aber gleichzeitig die Stirn. <Jerry?> Mit unschuldiger Miene begegnete sie Kazs Blick. "Hey, ich hab ihr das nicht beigebracht!"

"Mama, du musst dir unser Bild anschauen! Komm auch mit, Jerry!"

Jae musste schmunzeln, als sie ihrer Tochter folgte und zusah, wie sie zwei von Kazs Fingern umfasste und ihn energisch quer durch die Wohnung hinter sich herzog. Jae trat hinter den beiden ins Gästezimmer. Einen Moment lang blockierte Kazs breiter Rücken ihr die Sicht, aber dann wich er zur Seite und gab den Blick auf das ‚Bild’ frei, das er und Jessie gemalt hatten. Die ganze Länge einer Wand im Gästezimmer wurde von einer riesigen, farbenfrohen Zeichnung von Barney, Jessies Lieblingscomicfigur, eingenommen.

Jae blinzelte, plötzlich sprachlos. Sie war noch nie jemandem begegnet, der für das Kind einer Fremden, die nur ein paar Tage zu Besuch war, rosarote Dinosaurier auf die Wände seines Hauses malte. "Kaz, ich... das hätten Sie wirklich nicht tun müssen."

"Das habe ich nicht," betonte Kaz deutlich verlegen, "es ist Jessies Bild, ich habe nur ein bisschen geholfen."

"Mmmhm, klar." Jae nickte, ohne auch nur ein Wort zu glauben. <Meine Tochter ist also ein künstlerisches Genie, was?> Um Kaz nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, wechselte sie das Thema. "Wie wäre es, wenn wir drei jetzt erst mal ins Badezimmer gehen und eure Nasen verarzten, Rocky Balboa?" Sie sah zwischen Kaz und Jessie hin und her und kitzelte ihre Tochter. "Mike Tyson?"

"Rocky, Jerry…," gebärdete Kaz, während er hinter den beiden Cavanaughs hertrottete, "Liegen diese Spitznamen bei Ihnen in der Familie?"


1308 Z-Zeit (09:08 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

Das Klacken, das die Absätze ihrer unbequemen Schuhe verursachten, hallte unangenehm laut in Macs Ohren wider, wie ein Trommelwirbel, der eine kommende Hinrichtung ankündigte. Mac fasste die Schwingtüren am anderen Ende des Ganges ins Auge. Unauffällig wischte sie ihre feuchten Handflächen an ihrem Uniformrock ab und packte entschlossen den Griff ihrer Aktentasche fester.

Der Admiral, der neben ihr ging, strahlte dieselbe grimmige Entschlossenheit aus. Er stieß eine Seite der Türe auf und ließ Mac vor ihm passieren. Kazdin und seine Dolmetscherin folgten als letzte.

Kazdin, der so ruhig schien, als hätte er vergessen, dass er diesmal den Gerichtssaal nicht als Anwalt sondern als Angeklagter betrat, sagte etwas zu Jae, das diese mit "Bereit, mit den Haien zu schwimmen?" übersetzte.

Jaes mimische Reaktion ließ vermuten, dass die Bemerkung irgendeine besondere Bedeutung für sie hatte, aber Mac war zu sehr auf andere Dinge konzentriert, um nachzufragen.

Mac stellte ihre Aktentasche ab und blickte sich um. Der Gerichtssaal war noch leer, bis auf den Marine-Corps-Colonel, der die Anklage vertreten würde. <Sutcliffe,> erinnerte sich Mac. Die großen Ventilatoren an der Decke bewegten sich noch nicht. In der vorderen Hälfte des Raumes befanden sich das Richterpult, der Zeugenstand und die Tische für Anklage und Verteidigung. Es roch ein wenig nach Holz und Putzmittel. <Ein Gerichtssaal wie jeder andere,> sagte sich Mac beschwörend.

Als sie aufsah, stellte sie fest, dass Lieutenant Colonel Sutcliffe auf sie zukam und dann vor Kaz stehen blieb. "Hallo, Kazdin," gebärdete er langsam und umständlich, ohne zu bemerken, dass Jae seine Gebärden übersetzte, "Wie fühlt man sich, wenn man sich hinter Röcken verstecken muss?" Der Anwalt, der Kazdin gut zu kennen schien, lächelte neckisch, um zu zeigen, dass seine Worte nicht böse gemeint waren.

Mac verzog dennoch das Gesicht. Zu oft war sie schon mit solchen Vorurteilen konfrontiert worden, mit Männern, die sie ablehnten, weil sie lieber einen männlichen Anwalt wollten oder – ebenso schlimm – Klienten, die glaubten, ein ‚hübsches Gesicht’ hinter dem Anwaltstisch würde ihrem Fall irgendwie helfen.

Kazdin lehnte sich entspannt zurück und musterte Sutcliffe kühl. "Von meinem Standpunkt aus? Verdammt gut," erklärte er trocken, "Danke der Nachfrage."

Jae, die sich neben Mac niedergelassen hatte, musste lachen und pfiff leise durch die Zähne. "Wie kann Kaz nur so ruhig sein?" fragte sie, sich zu Mac hinüberlehnend, "Ich habe mindestens zwölf Rosenkränze in den letzten zwei Minuten gebetet und ich bin nicht einmal katholisch!"

Mac musterte ihren Mandanten. Sie war nicht mehr so sicher, ob er wirklich so ruhig war. Seine Arme waren, wenn er nicht gerade gebärdete, eng vor seiner Brust verschränkt und Mac glaubte, ein leichtes Zittern seiner Finger zu bemerken. In seinen blauen Augen war ein Glanz, den Mac nur allzu gut kannte. Sie hatte nicht die geringsten Zweifel daran, dass sie während der langen Tage und noch längeren Nächte auf der Red Rock Mesa ebenso ausgesehen hatte. <Ich kann mich irren, aber Kazdin sieht aus wie jemand, der versucht, das trinken aufzugeben. Nicht gerade der einfachste Zeitpunkt dafür... ich hoffe, er hat jemanden so wie ich damals Onkel Matt hatte.>

"Admiral, ich biete Ihrem Mandanten ein letztes Mal an, ein Geständnis abzulegen," erklärte Sutcliffe, nun ernst geworden und schob Chegwidden ein Blatt Papier hin. "Wenn Kazdin sich schuldig bekennt, können wir uns auf einen minder schweren Fall einigen – Artikel 119, zum Beispiel. Was sagen Sie?"

<Artikel 119? Totschlag?> Mac blickte den Anklagevertreter skeptisch an. <Wie bitte schön sollen wir es der Jury plausibel machen, dass unser Mandant einen alten Mann, den er nie zuvor gesehen hat und von dem ihn Gitterstäbe trennen, im Affekt tötet? Und außerdem ist das hier eine Artikel 32-Anhörung!>

Chegwidden lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Arme. "Colonel Sutcliffe, Ihnen ist sicher bewusst, dass dies hier nur eine Artikel 32-Anhörung ist und keine Militärgerichtsverhandlung. Es geht hier nicht darum, ein Strafmaß festzulegen, sondern nur darum festzustellen, ob überhaupt genügend Beweise vorliegen, um eine Verhandlung gegen unseren Mandanten zu rechtfertigen," sprach Chegwidden aus, was auch Mac sich gedacht hatte, "Das einzige Angebot, das Sie unserem Mandanten zu diesem Zeitpunkt machen können, ist, auf die Anhörung zu verzichten und sich eines geringeren Vergehens schuldig zu bekennen – und davon würde ich Mister Kazdin abraten."

Sutcliffe zuckte die Schultern. "Na schön, ich wollte Ihrem Mandanten nur alle Möglichkeiten aufzeigen."

<Ach ja?> Mac rollte innerlich mit den Augen. <Kazdin ist selbst Anwalt, er kennt seine Möglichkeiten! Sutcliffe wollte wohl eher austesten, ob der Admiral als Gegner vor Gericht auf Draht ist!>

Hinter ihnen begann sich der Saal langsam zu füllen. Mac erkannte Kazdins Eltern, John Flynt und sogar Colonel Quentin Raine, den Stützpunkt-Kommandanten, gleich in der ersten Reihe. An den Seitenwänden nahmen Vertreter der Presse Platz. Mac hatte fast damit gerechnet, dass die Anhörung die Aufmerksamkeit der Medien erregen würde, schließlich ging es um den Sohn eines Senators, aber sie war trotzdem nicht sonderlich begeistert. <Komm schon, Sarah MacKenzie, wovor hast du Angst?> Sie warf einen Blick zum Admiral hinüber und versuchte, sich an seiner Ruhe ein Beispiel zu nehmen.

Der Richter betrat den Saal und nahm hinter dem Richtertisch Platz. Er rückte das Schild mit der Aufschrift ‚Colonel C. Kent’ zurecht und setzte seine Lesebrille auf, bevor er den Blick über die Anwesenden schweifen ließ. "Wir sind heute hier zu einer Anhörung aufgrund der Anklagen gegen Reserve-Lieutenant Jeremiah Clark Kazdin. Der erste Anklagepunkt betrifft Artikel 118 des UCMJ, vorsätzlichen Mord, der zweite Anklagepunkt betrifft Artikel 95 und 128 des UCMJ, Widerstand bei der Verhaftung und tätlichen Angriff. Wie bekennen Sie sich, Lieutenant Kazdin?"

Es dauerte einen Moment, bis Jae Cavanaugh übersetzt hatte, aber dann erhob sich Kazdin und straffte seine breiten Schultern. "Nicht schuldig, euer Ehren."

Sutcliffe umrundete seinen Tisch. "Euer Ehren, es liegen mehr als genug Beweise vor, um diesen Fall zur Verhandlung zu bringen. Wir empfehlen, dass Lieutenant Kazdin vor ein Militärgericht gebracht wird wegen vorsätzlichen Mordes an Staff Sergeant Craik Foster."

Chegwidden erhob sich und trat neben seinen Mandanten. "Die Beweise, von denen die Anklagevertretung spricht, sind lediglich Indizienbeweise, Euer Ehren. Es gibt weder Zeugen, noch ein nachvollziehbares Motiv – es bleibt also zu klären, ob eine Militärgerichtsverhandlung gegen unseren Mandanten überhaupt gerechtfertigt ist."

Richter Kent sah Sutcliffe an, aber dieser sagte nichts mehr. "Die Anhörung findet also statt. Ich möchte damit beginnen, die Dolmetscherin zu vereidigen. Lieutenant Cavanaugh, wenn Sie bitte näher treten würden..."

Jae strich ihren Uniformrock glatt und trat an das Richterpult heran.

"Bitte heben Sie die rechte Hand. Schwören Sie, dass Sie alle Aussagen, die in dieser Anhörung gemacht werden, wahrheitsgemäß übersetzen werden, so wahr Ihnen Gott helfe?"

"Ich schwöre," erklärte Jae mit würdevollem Ernst. Man sah ihr an, dass es für sie etwas Besonderes war, Teil dieser Anhörung zu sein.

Mac hörte zu, wie Sutcliffe ein paar einführende Worte sagte und dann seinen ersten Zeugen aufrief. "Lance Corporal Haskell, Sie tun im Militärgefängnis des Luftwaffenstützpunkt Beaufort Dienst, ist das richtig?"

Der junge Mann im Zeugenstand nickte. "Ja, Sir."

"Wo waren Sie am 13. Mai gegen 12. 30 Uhr?" fragte Sutcliffe.

"Ich war zur Sicherheitsüberprüfung im Eingangsbereich eingeteilt."

Sutcliffe trat einen Schritt näher. "Haben Sie auch den Angeklagten, Lieutenant Kazdin, einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen, Corporal?"

"Ja, Sir, das habe ich. Lieutenant Kazdin hat das Gefängnis kurz vor 12.30 Uhr betreten und ich habe ihn kurz durchsucht, bevor er dann in den Zellentrakt gegangen ist," antwortete Haskell.

"Er ging alleine in den Zellentrakt?"

Haskell nickte sichtlich verlegen. "Ja, Sir. Wir waren an diesem Tag ziemlich beschäftigt; drei von unseren Wachen waren außerhalb zu Gerichtsterminen, zwei weitere waren im und vor dem Besucherraum und zwei im vorderen Zellentrakt."

"Lieutenant Kazdin war also ganz alleine mit Sergeant Foster, seinem Mandanten?"

"Das ist richtig, Sir. Lieutenant Yetman hat jedoch kurz darauf Stellung am Durchgang zum hinteren Zellentrakt bezogen."

Sutcliffe nickte und Mac ahnte bereits, dass Yetman der nächste Zeuge der Anklage sein würde. Der Anklagevertreter trat zurück zu seinem Tisch und ließ sich von seinem Assistenten etwas reichen. "Bitte notieren Sie, dass ich Beweismittel 1 der Anklage an den Zeugen weiterreiche," wies er den Protokollanten an. "Corporal Haskell, kennen Sie diesen Gegenstand?"

Haskell besah sich das eingetütete Beweismittel. "Ja, Sir, es ist das Messer, das Lieutenant Kazdin bei sich hatte."

Sutcliffe drehte sich triumphierend zur Geschworenenbank um. "Die Tatwaffe, die Lieutenant Kazdin gehört und auf der seine Fingerabdrücke gefunden wurden," betonte er bedeutungsvoll, ohne irgendetwas hinzuzufügen, was Mac und Chegwidden eine Rechtfertigung für einen Einspruch gegeben hätte. "Keine weiteren Fragen an diesen Zeugen, euer Ehren."

Chegwidden und Mac verständigten sich mit einem schnellen Blick, dann erhob sich der Admiral und umrundete den Tisch der Verteidigung, um vor den Zeugenstand zu treten. "Corporal Haskell," er senkte den Blick auf den Zeugen hinab, "wo besuchen Anwälte ihre Mandanten normalerweise, wenn sie im Gefängnis des Stützpunktes in Untersuchungshaft sind?"

"Im Besucherraum, Sir," antwortete Haskell ohne zu zögern, "Dort gibt es drei Plätze, an denen die Häftlinge sich ungestört mit ihren Anwälten unterhalten können, während sich unsere Wachen im Hintergrund halten."

"Wieso wurde also Lieutenant Kazdin mit seinem Mandanten nicht in den Besucherraum geführt?" hakte Chegwidden nach. Aufmerksam wartete er auf die Antwort, obwohl er sie natürlich schon längst kannte.

"Wie gesagt, Sir... wir waren an diesem Tag sehr beschäftigt, im Besucherraum waren schon Mister Flynt, Mister Levenstein und Lieutenant Colonel Sutcliffe mit ihren Mandanten, deshalb haben wir Lieutenant Kazdin mit Foster in seiner Zelle sprechen lassen."

"Aber das ist nicht die normale Vorgehensweise?" vergewisserte sich Chegwidden noch einmal, "Lieutenant Kazdin hatte beim Betreten des Gefängnisses keinen Grund anzunehmen, dass er mit seinem Mandanten alleine sein würde?"

Sutcliffe sprang auf, noch bevor der Zeuge antworten konnte. "Einspruch, euer Ehren! Der Zeuge kann nicht wissen, was der Angeklagte erwartet hat!"

"Euer Ehren," Chegwidden ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Ohne Hektik wandte er sich dem Richter zu, "ich möchte lediglich aufzeigen, welche Erwartungen ein Anwalt, der das Gefängnis schon mehrmals besucht hat, naturgemäß haben würde. Der Zeuge ist kompetent, diese Frage zu beantworten, weil er das übliche Vorgehen genau kennt und weiß, was einen Anwalt normalerweise erwarten würde."

Mac begriff jetzt, worauf der Admiral mit seiner Argumentation abzielte. <Wenn er aufzeigt, dass Kazdin nicht damit rechnen konnte, mit Foster allein zu sein, erscheint vorsätzlicher Mord ziemlich unwahrscheinlich.>

Richter Kent nickte zögernd. "Einspruch abgewiesen. Der Zeuge soll antworten."

Haskell räusperte sich. "Nein, Lieutenant Kazdin hatte nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass er mit Foster alleine sein würde. Er musste erwarten, dass er mit Wachen und höchstwahrscheinlich anderen Anwälten im Besucherraum sein würde."

Chegwidden machte eine Schritt auf den Tisch zu und Mac reichte ihm unaufgefordert ein beschriebenes Blatt Papier. "Euer Ehren, ich möchte das folgende Dokument als Beweismittel 1 der Verteidigung vorlegen. Es handelt sich um eine Liste der Gegenstände, die Lieutenant Kazdin bei seinem Besuch im Gefängnis bei sich hatte." Er reichte die Liste erst Richter Kent und dann Haskell. "Corporal, ist es richtig, dass Sie diese Liste verfasst haben?"

"Ja, Sir," antwortete Haskell, ihm die Liste zurückreichend, "es gehört zur üblichen Prozedur, Besuchern bei der Sicherheitsüberprüfung alle potentiell gefährlichen Gegenstände abzunehmen und sie zu registrieren, damit nichts verloren geht."

"Corporal Haskell, können Sie uns bitte sagen, welchen Gegenstand Sie hier ganz oben verzeichnet haben?" Chegwidden gab ihm erneut das Blatt Papier.

Haskell warf einen kurzen Blick darauf. "Ein Taschenmesser, Sir."

"Dieses Taschenmesser?" fragte Chegwidden, auf das braune Messer auf dem Tisch der Anklage zeigend.

"Ja, Sir."

Der Admiral machte einen Schritt auf den Zeugen zu. <Wie ein Jäger, der ein Tier in die Enge treibt,> dachte Mac, die wusste, dass er gleich zur entscheidenden Frage kommen würde. "Lieutenant Kazdin hat sein Messer also beim Betreten des Gefängnisses abgegeben, ist das richtig?"

"Ja, das hat er."

"Wann haben Sie das Messer zuletzt gesehen?"

"Ich habe es in die Aufbewahrungsbox gelegt, kurz nachdem Lieutenant Kazdin den Gang hinab gegangen war, aber danach habe ich nicht mehr darauf geachtet... es ging ein bisschen hektisch zu... erst wollte Mister Flynt auschecken, dann hat Lieutenant Yetman den Dienst angetreten... ich kann wirklich nicht sagen, ob ich das Messer danach noch mal gesehen habe, Sir." Haskell zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Chegwidden nickte knapp. "Aber Sie sind sich sicher, dass Sie es noch gehabt haben, kurz nachdem Lieutenant Kazdin den Eingangsbereich verlassen hatte?"

"Ja, Sir."

"Ist Lieutenant Kazdin noch einmal zurückgekehrt, nachdem er den Gang hinab zum Zellentrakt gegangen war?" fragte Chegwidden weiter.

Haskell schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, Sir, das ist er nicht. Ich habe ihn erst bei seiner Verhaftung wieder gesehen."

"Lassen Sie mich das noch mal zusammenfassen: Lieutenant Kazdin hat sein Taschenmesser bei Ihnen abgegeben und Sie sind sicher, dass er keine Gelegenheit hatte, es wieder unbemerkt an sich zu nehmen." Chegwidden wartete einen Moment, bis Haskells zustimmendes Nicken kam. "Wie erklären Sie es sich dann, dass die Waffe kurz nach dem Mord neben Kazdin aufgetaucht ist?"

"Einspruch, euer Ehren!" Sutcliffe schnellte in die Höhe, "Diese Frage kann der Zeuge nicht beantworten!"

"Ich ziehe die Frage zurück," sagte Chegwidden, bevor der Richter irgendeine Entscheidung treffen konnte. Mac wusste, dass die Frage ohnehin nicht wirklich an Haskell gerichtet worden war, sondern vielmehr dazu diente, Zweifel an der eindeutig wirkenden Verbindung zwischen Kazdin und der Tatwaffe bei den Geschworenen zu wecken. "Keine weiteren Fragen."

Colonel Sutcliffe erhob sich und tauschte den Platz mit Chegwidden. "Die Anklage ruft Lieutenant Yetman in den Zeugenstand."

Der Gerichtsdiener öffnete die Doppeltüre und der Marine Corps-Offizier marschierte herein. Die weiße Schlinge um seinen linken Arm hob sich deutlich von seiner olivgrünen Uniformjacke ab. Mac biss sich auf die Lippe. <Das wird Sutcliffe gefallen!> Sie wusste, dass es immer schlecht für den Angeklagten war, wenn die Geschworenen das Leid, das er verursacht hatte, mit eigenen Augen sahen.

"Lieutenant Yetman, wir haben eben von Corporal Haskell gehört, dass sie am 13. Mai gegen 12. 30 Uhr Ihren Posten bezogen haben. Können Sie uns sagen, was dann geschehen ist?" fragte Sutcliffe, nachdem er seinen Zeugen vereidigt hatte.

"Ich hatte meinen Posten am Durchgang zum Zellentrakt erst ein paar Minuten zuvor eingenommen, als ich ein Geräusch aus einer der hinteren Zellen hörte."

"Was war das für ein Geräusch? Ein Schrei?"

"Nein, Sir," Yetman ordnete die Schichten seiner Schlinge, "Es klang, als pralle ein kleinerer Gegenstand heftig auf den Boden. Ich nehme an, dass es die Mordwaffe, das Messer war. Corporal Haskell hatte mir gesagt, dass Lieutenant Kazdin bei Foster war und da ich wusste, dass er taubstumm ist und nicht rufen kann, wenn irgendetwas ist, bin ich nachsehen gegangen."

"Können Sie uns beschreiben, wie Sie den Tatort vorgefunden haben?"

"Foster lag in seiner Zelle auf dem Boden, überall war Blut und es war unschwer zu erkennen, dass er tot war," erklärte Yetman und presste die Lippen zusammen.

"Wo war Lieutenant Kazdin?" fragte Sutcliffe mit einem schnellen Blick zurück zum Angeklagten.

"Er stand mit dem Rücken zu mir vor der Zelle. Das Messer lag neben ihm am Boden. Als ich ihn verhaften wollte, hat er mich angegriffen und mich gegen die Wand geschmettert." Yetman hob vielsagend seinen bandagierten Arm.

"Das heißt also, Ihre Verletzungen wurden durch Lieutenant Kazdins Angriff verursacht?"

"Das ist richtig, Sir," Finster sah Yetman zu Kazdin hinüber, "Er hat mir die Schulter ausgerenkt."

"Er wirkte also wie ein in die Enge getriebener Täter?"

"Einspruch, euer Ehren!" Mac musste sich zurückhalten, um nicht mit der Faust auf den Tisch zu schlagen. Sie konnte nicht fassen, dass Sutcliffe glaubte, mit einer solchen Frage durchzukommen. "Die Anklage versucht, dem Zeugen die Antwort zu suggerieren!"

"Einspruch stattgegeben," entschied der Richter, "Colonel, bitte formulieren Sie Ihre Frage anders."

Sutcliffe trat näher an den Zeugenstand heran. "Welchen Grund könnte Lieutenant Kazdin gehabt haben, Sie anzugreifen?"

"Einspruch! Der Zeuge kann Lieutenant Kazdins Motive nicht kennen!" blockte Mac sofort wieder ab.

"Ich ziehe die Frage zurück," sagte Sutcliffe, der jetzt wohl einsah, dass er so nicht weiter kam, "Ihr Zeuge, Major."

Mac erhob sich und glättete mit einer automatischen Bewegung ihren Uniformrock. Sie spürte Chegwiddens unterstützenden Blick auf sich ruhen. "Lieutenant Yetman," begann sie, sich dem Zeugen nähernd, "Sie haben Ihren Posten am Durchgang etwa fünf Minuten nach Lieutenant Kazdins Ankunft bezogen, ist das korrekt?"

Yetman nickte vorsichtig. "Ja, Ma’am, das stimmt in etwa."

"Könnte während dieser fünf Minuten jemand ungesehen zum Zellentrakt gelangt sein?"

"Einspruch!" rief Sutcliffe sofort, "Die Frage ist reine Spekulation!"

"Stattgegeben."

Mac verzog leicht die Mundwinkel. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Richter Kent dem Einspruch so schnell stattgab, denn so spekulativ war ihre Argumentation gar nicht gewesen. "Lieutenant Yetman, Sie sagten, ein Geräusch hätte Sie darauf aufmerksam gemacht, dass im Zellentrakt etwas nicht stimmt. Nach Ihrer langjährigen Erfahrung im Gefängnis nach, würden Sie sagen, dass man das Geräusch, mit dem ein nicht sehr großes Taschenmesser am Boden auftritt, vorne am Durchgang noch gehört wird?"

"Hmm, ich bin nicht sicher, Ma’am. Man hört Geräusche normalerweise recht gut, weil keine Teppiche oder Möbel die Geräusche schlucken, aber ob man das gehört hätte..." Yetman zuckte mit der gesunden Schulter.

Mac legte die Hände auf dem Rücken zusammen. "Hätte man Ihrer Meinung nach den Aufprall eines größeren Gegenstandes – sagen wir mal ein Mobiltelefon – gehört?"

"Einspruch, euer Ehren! Das Geräusch eines fallenden Mobiltelefons ist für den Fall unerheblich!" wandte Sutcliffe ein.

"Euer Ehren, wenn Sie gestatten..." Mac war mit zwei schnellen Schritten am Tisch der Verteidigung und nahm einen weiteren Beutel mit Beweismitteln entgegen, "Ich würde gerne aufzeigen, dass das Geräusch, das ein Mobiltelefon beim Aufprall macht, in diesem Zusammenhang keineswegs unerheblich ist." Sie drehte sich mit dem Beweisstück zum Richtertisch um. "Ich möchte dieses zertrümmerte Handy als Beweisstück Nummer zwei vorlegen. Es gehört Lieutenant Kazdin und wurde unmittelbar neben Fosters Zelle gefunden."

Richter Kent begutachtete das Beweismittel und reichte es Mac dann nickend zurück. "Können Sie sich an dieses Handy erinnern, Lieutenant Yetman?"

"Ja, Ma’am. Es lag, wie Sie sagen, direkt neben Lieutenant Kazdin vor der Zelle."

Mac trug das Handy zu Sutcliffe hinüber, um auch ihm Gelegenheit zu geben, es zu betrachten. "Wäre es möglich, dass Sie nicht ein fallendes Messer, sondern den Aufprall dieses Handys gehört haben?" Mac wusste, dass die Antwort auf diese Frage, so unbedeutend sie auch scheinen mochte, in Wirklichkeit doch wichtig war. Wenn Sutcliffe die Geschworenen davon überzeugen konnte, dass zwischen dem Geräusch des fallenden Messers und dem Vorfinden von Kazdin vor der Leiche nur Sekunden vergangen waren, sah es nicht gut für den Angeklagten aus. Wenn Yetman aber den Aufprall des Handys gehört hatte, verschaffte ihnen das wichtige Minuten, in denen vielleicht ein Unbekannter Foster erstochen hatte.

Yetman zögerte. "Ja, schon möglich," gab er dann fast widerwillig zu.

Mac legte das Beweisstück zurück auf seinen Platz. Bevor sie sich wieder dem Zeugenstand zuwandte, fing sie Chegwiddens Blick auf. Die Zufriedenheit in seinen Augen ließ sie automatisch die Schultern straffen und sich mit neuer Energie in die nächste Frage stürzen.

"Was den zweiten Anklagepunkt, tätlichen Angriff und Widerstand bei der Verhaftung, angeht... hat Lieutenant Kazdin Sie ohne jede Vorwarnung angegriffen?"

"Ja, Ma’am, das hat er," bestätigte Yetman mit funkelnden Augen.

Mac ging zwei Schritte vor dem Zeugenstand auf und ab. "Wie gehen Sie normalerweise bei einer solchen Verhaftung vor?" erkundigte sie sich.

"Ich fordere den zu Verhaftenden auf, stehen zu bleiben, keinen Widerstand zu leisten und wenn der Betreffende eine Waffe hat, fordere ich ihn auf, sie wegzuwerfen. Dann trete ich an den zu Verhaftenden heran, durchsuche ihn nach Waffen, während ich ihm seine Rechte erläutere," erklärte Yetman diensteifrig.

"Sind Sie so auch bei Lieutenant Kazdin vorgegangen?"

"Ja, natürlich, Ma’am..." Dann verstummte Yetman, denn ihm wurde jetzt bewusst, was er da gesagt hatte.

"Sie haben also Lieutenant Kazdin, der mit dem Rücken zu Ihnen stand, aufgefordert, stehen zu bleiben und keinen Widerstand zu leisten und dennoch hat er Sie angegriffen, als Sie an ihn herangetreten sind?" Mac wartete, bis Yetman mit gesenktem Kopf nickte.

"Ja, Ma’am."

"Lieutenant Yetman, haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt berücksichtigt, dass Lieutenant Kazdin gehörlos ist?" Ernst sah sie den jungen Offizier an.

"Nein, das habe ich nicht." Beinahe beschämt zupfte Yetman an seiner Schlinge.

"Mister Kazdin konnte also nicht wissen, dass Sie sich hinter ihm befanden, so dass er in dieser Situation einen ziemlichen Schreck bekommen haben muss, als ihn unerwartet jemand von hinten berührte. Könnte es nicht sein, dass er reflexhaft herumgewirbelt ist und Sie gegen die Wand geschmettert hat, bevor ihm bewusst wurde, dass Sie nicht der Mörder sind?"

"Einspruch!" rief Sutcliffe, wie Mac es nicht anders erwartet hatte. "Die Verteidigung ruft den Zeugen erneut zur Spekulation auf!"

"Ich formuliere die Frage anders," warf Mac ruhig ein, "Lieutenant, halten Sie es für möglich, dass Ihr Herannahen Mister Kazdin erschreckt hat und das seine Reaktion möglicherweise reine Abwehr war?"

Yetman neigte den Kopf. "Das wäre möglich, Ma’am."

"Danke, Lieutenant, ich habe keine weiteren Fragen an Sie." Mac drehte sich auf dem Absatz um und nahm mit einem zufriedenen Kräuseln der Mundwinkel wieder am Tisch Platz. Chegwidden nickte ihr mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes zu und zum ersten Mal seit Tagen war sie wirklich zufrieden mit sich und der Welt.


1611 Z-Zeit (12:11 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

Mac neigte im Gehen den Kopf und lauschte dem Echo ihrer Schritte, das von den Wänden des langen Korridors widerhallte. Diesmal wirkte das Klacken der Absätze auf dem Boden nicht bedrohlich, sondern fast heiter auf Mac. Sie wusste, dass der erste Anhörungstag besser als erwartet gelaufen war. Bisher war es ihnen gelungen, jedes Argument der Anklage zwar nicht zu entkräften, aber doch zumindest als unsicher und anzweifelbar hinzustellen.

"Sarah?" sagte eine raue Stimme. Ein Schatten trat hinter einem Torbogen hervor.

Die Stimme brachte Mac aus dem Gleichgewicht. Sie wirbelte herum. "Mister Reilly?" Erstaunt erkannte sie den gehörlosen Ex-Kameraden ihres Vaters. "Was tun Sie hier?" Verunsichert sah sie sich nach Jae um, die einen Schritt vortrat und zu übersetzen begann.

"Mir ist etwas eingefallen und ich hielt es für besser, Ihnen das gleich mitzuteilen. Wissen Sie noch, dass Sie mir gesagt haben, Rory sei mit Lukes ... Sergeant Fosters Dienstmesser erstochen worden?" Unruhig sah der alte Mann sie an.

Mac nickte schluckend. Ein unbehagliches Gefühl machte sich in ihrer Magengrube breit. Sie atmete tief durch, während sie mehr spürte als sah, wie Chegwidden neben sie trat. "Was ist mit dem Messer?" brachte sie nach ein paar Sekunden heraus.

"Es hat zwar ursprünglich Luke gehört, aber er hat es kurz bevor Rory verschwand, beim Pokerspielen verloren." Amos Reilly scharrte mit der Schuhspitze über den blankpolierten Boden und mied Macs Blick..

"An wen?" fragte Mac mit wachsender Unruhe. Ihre gute Laune war wie weggeblasen. Zum ersten Mal seit Tagen hatte sie ein Licht am Ende des Tunnels gesehen. <Leider sieht das Licht jetzt aber mehr und mehr wie das eines näherkommenden Zuges aus!>

Reilly sah sie bedauernd an, während er gebärdete. "An Ihren Vater, Major."


1826 Z-Zeit (14:26 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. knurrte unwillig, als das Telefon klingelte. <Nicht jetzt, verdammt!> Einen Moment lang zog er in Erwägung, einfach nicht abzunehmen, aber das Telefon klingelte unaufhörlich weiter und ging ihm auf die ohnehin schon angegriffenen Nerven. "Chegwidden," bellte er in den Telefonhörer.

"Ähm, guten Tag, Sir, Tiner hier," kam die verunsicherte Stimme des Petty Officers.

"Was gibt es denn, Tiner? Ich stecke bis über beide Ohren in einem wichtigen Fall! Wehe, es gab nicht mindestens einen Toten!"

"Oh, ... äh, nein, Sir..."

"Na, dem kann ich abhelfen!" A.J. begann ärgerlich auf und ab zu gehen, "Wenn es sich nicht um einen Notfall handelt, dann wird es Tote geben, Tiner!"

"Sir, ich habe hier einen Anruf vom Marineminister für Sie," beeilte sich Tiner zu erklären.

A.J.s Augenbraue schoss in die Höhe. <Verdammt!> Er hatte gehofft, dass ihm noch etwas mehr Zeit blieb, aber wie es aussah, hatte der Marineminister die Neuigkeiten bereits gehört. "Stellen Sie ihn durch, Tiner." Er schloss die Türe, während er wartete, damit Mac nichts von dem Gespräch mitbekommen würde. <Schlimm genug, wenn ich mir das anhören muss.>

"A.J., was zum Teufel ist da unten in South Carolina los? Ich will, dass Sie Ihre Anwältin sofort von dem Fall abziehen!" zischte die Stimme des Marineministers.

A.J.s Hand tastete automatisch nach einem Taschentuch, obwohl ihn mehrere Staaten von seinem Vorgesetzten trennten. Er fühlte, wie das Blut in seine Ohren schoss und Ärger seine Stirn furchte, als der Marineminister Mac nicht einmal beim Namen nannte. "Herr Minister, bei allem Respekt, aber das halte ich zum jetzigen Zeitpunkt für übereilt," sagte A.J. möglichst ruhig, "Noch hat sich gar nicht herausgestellt, ob..."

"Und Sie hoffen besser darauf, dass sich auch nie herausstellen wird, dass Joseph MacKenzie da irgendwie mit drinhängt!" fauchte Minister Nelson, "Wissen Sie eigentlich, was das auf Senator Kazdin für einen Eindruck macht, wenn er davon erfährt?!"

A.J. atmete tief durch. "Sir, wir wissen bisher noch nicht einmal, ob der Mord von damals mit unserem Fall zusammenhängt. Major MacKenzie wäre wirklich eine große Hilfe dabei, das herauszufinden."

"Gut, wenn Sie es so haben wollen... aber wenn die Anklage einen Befangenheitsantrag stellt, tragen Sie alleine dafür die Verantwortung!"

"Verstanden." Seufzend legte A.J. den Hörer auf. Er spürte Macs Blick auf sich ruhen und als er aufsah, stellte er fest, dass sie tatsächlich im Türrahmen lehnte und dabei ganz so aussah, als ob sie diese Stütze auch brauchte. Ihm kam der Gedanke, dass er es eigentlich seltsam finden sollte, dass er die Fähigkeit besaß, ihre Anwesenheit sofort zu spüren. Er dachte einen Moment lang darüber nach und ihm fiel auf, dass er von Anfang an dazu in der Lage gewesen war.

"Admiral," Mac straffte sich eilig, "ich wollte Sie nicht belauschen, ich habe zufällig..."

A.J. winkte ab. "Schon gut, Major, ich nehme an, Sie haben mitbekommen, warum der Marineminister angerufen hat?"

Mac nickte mit zusammengepressten Lippen. "Ist das jetzt der Zeitpunkt, an dem Sie mir ‚Das habe ich Ihnen ja gleich gesagt’ sagen?" Ihre dunklen Augen wirkten verletzlich und auf ihrer Stirn entstanden ein paar winzige Fältchen.

"Nein, Mac," A.J. schüttelte bedächtig den Kopf und wünschte sich plötzlich, er könne tröstend einen Arm um sie legen, "Das ist der Zeitpunkt, an dem ich sage ‚Ich wünschte, ich hätte nicht recht behalten’. Ich hasse es, zusehen zu müssen, wie einer meiner Offiziere so etwas durchmachen muss."

Er sah, wie Mac schluckte. "Was hat der Marineminister entschieden, Sir?"

"Er überlässt vorerst mir die Entscheidung und ich möchte Ihnen die gleiche Freiheit lassen. Sie sind die Betroffene und daher steht es Ihnen zu, zu entscheiden, ob Sie weiter an dem Fall arbeiten wollen oder nicht." A.J. hob die Hand. "Ihnen muss aber klar sein, dass das nur solange gilt, bis der Name Ihres Vaters ernsthaft mit einer Mordanklage in Verbindung gebracht wird. Im Moment sind das alles nur wilde Spekulationen und wir haben nicht genug auf der Hand, um vor Gericht eine Verbindung zwischen den beiden Mordfällen zu behaupten."

"Ja, Sir, das ist mir klar. Ich kann Ihnen nur noch einmal versichern, dass ich die nötigen Konsequenzen ziehen werde, wenn sich die Schuld meines Vaters erweisen sollte. Wenn es der Gerechtigkeit dient, werde ich nicht zögern, auch meinen Vater zu belasten." Bleich, aber gefasst sah sie ihn an.

A.J. nickte. Er glaubte ihr unbesehen. Er wusste nicht, ob Joseph MacKenzie ein Mörder oder eine vertrauenswürdige Person war. Aber eines wusste er: Er vertraute Joe MacKenzies Tochter. Schon immer hatte er sie für jemanden gehalten, der zwar einfühlsam, aber wenn es notwendig wurde, auch objektiv war und es nicht zuließ, dass ihre Gefühle sie bei der Arbeit behinderten. "Nur immer langsam, Major, soweit sind wir noch nicht. Immerhin gibt es da noch die unbedeutende Kleinigkeit von wegen ‚unschuldig bis zum Beweis der Schuld’ zu bedenken. Und wenn es Ihnen irgendwann zuviel wird und Sie sich aus dem Fall zurückziehen oder mit jemandem sprechen möchten..."

"Danke, Sir, ich werde schon mit allem fertig," beharrte Mac und blickte starr an ihm vorbei zum Fenster hinaus.

<Oh ja, natürlich wirst du das, Sarah Wayne! Du ganz alleine, nur mit deinem Pferd und zwei Revolvern, richtig?> Manchmal wünschte A.J. wirklich, Mac wäre nicht ganz so tapfer, bescheiden und stur, aber gleichzeitig bewunderte er sie für diese Eigenschaften, die einen hervorragenden Marine und Anwalt und eine liebenswerte Person aus ihr machten. Er nickte grimmig. "Na schön, Major. Bereit, mit dem Interview fortzufahren?" Er deutete auf die Tür, hinter der Amos Reilly auf sie wartete.

Mac straffte die Schultern und nickte. "Bereit."


1841 Z-Zeit (14:41 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

Mac beobachtete den gehörlosen Reilly, während er an seiner Kaffeetasse nippte. Sie versuchte sich Gründe dafür vorzustellen, wieso er dem toten Joseph MacKenzie möglicherweise einen Mord in die Schuhe schieben wollte. <Ist ja schließlich nicht so, als ob mir nicht auch der eine oder andere Grund dafür einfallen würde!> Aber was könnte Reilly dazu bewegen? <Komm schon, Sarah MacKenzie, werd nicht gleich paranoid! Nur weil diese Trinkerclique etwas Anderes unter Freundschaft verstanden hat als du, muss das noch lange nicht heißen, dass sie skrupellos genug wären, ihren Freunden unberechtigterweise einen Mord anzuhängen!>

Sie angelte nach dem Block, den Chegwidden griffbereit vor ihr auf den Tisch gelegt hatte und schrieb bedächtig eine Frage auf. Es war ein wenig umständlich, so zu kommunizieren, aber Mac war es lieber gewesen, das Gespräch ohne Jae Cavanaugh zu führen. Nicht, dass sie der jungen Frau nicht vertraute – denn das tat sie – aber sie sah es als ihre persönliche Verantwortung an, diese Angelegenheit zu klären. Je weniger Menschen da mit hineingezogen wurden, desto besser. Sie las das Geschriebene noch mal kurz durch, bevor sie Reilly den Block hinschob. "Glauben Sie, dass mein Vater Rory O’Flaherty getötet hat?"

Amos Reilly stellte die Kaffeetasse ab und griff nach dem Stift. "Joseph MacKenzie war vieles, aber er war kein Mörder," schrieb der Gehörlose zurück.

Mac starrte auf die Buchstaben hinab. <Ich wünschte, ich wäre mir da so sicher.> Aber wenn sie daran dachte, wie gerne Joe MacKenzie mit Messern hantiert hatte, war es einfach schwer, von seiner Unschuld überzeugt zu sein. Zu gut erinnerte sie sich noch an den Schrecken in den Augen ihrer Mutter, als sie ihr erzählt hatte, Joe hätte ihr, kurz bevor sie ihn verlassen hatte, ein Messer an den Hals gehalten und ihr gedroht, sie zu töten.

"Unter bestimmten Umständen wäre jeder zu einem Mord fähig. Wenn Sie ihn nicht für O’Flahertys Mörder halten, warum hielten Sie es dann für so wichtig, mir zu sagen, dass das Messer meinem Vater gehört hat?" Fast herausfordernd blickte Mac Reilly an.

Reilly schob ihr achselnzuckend seine Antwort hin. "Weil ich es dennoch nicht ganz ausschließen kann."

"Irgendwelche speziellen Gründe für diese Zweifel?" Mac kritzelte ihre Fragen immer schneller auf das Papier und merkte selbst, dass sie begonnen hatte, Reilly unbarmherzig ins Kreuzverhör zu nehmen.

Reilly nickte und Mac glaubte, so etwas wie Bedauern in seinen Augen zu erkennen. "Am Tag, an dem Rory verschwand.... getötet wurde, habe ich gesehen, wie er und Ihr Vater sich ziemlich heftig gestritten haben."

"Haben Sie bemerkt, um was sie sich gestritten haben?" Schnell hielt Mac ihm den Zettel mit ihrer Frage hin.

Reilly schüttelte bedauernd den Kopf.

"Sind Sie sicher? Wirklich sicher?" hakte Mac verbissen nach. Reilly nickte, aber Mac setzte abermals zum Schreiben an.

Eine große, sehnige Hand legte sich über das Blatt und schob sanft Macs Hand mit dem Kugelschreiber darin zur Seite. "Mac..." erklang Chegwiddens mahnende Stimme über ihrer Schulter.

"Ja?" fragte Mac irritiert. Sie wollte keine Zeit verlieren und die Befragung unverzüglich fortsetzen.

"Mac, reichen Sie die Schaufel rüber," sagte Chegwidden sanft, aber dennoch eindringlich, "Wenn Sie noch tiefer graben, hat Neuseeland bald einen neuen Einwohner!"

Mac erstarrte und ließ dann den Kugelschreiber los. Sie musste lächeln und ihr wurde klar, dass der Admiral recht hatte. Normalerweise ließ sie sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, aber wenn sie erst einmal in Fahrt war, gab es kein Zurück mehr. In ihrem Bemühen, die Verwicklung ihres Vaters in den Fall aufzuklären, hatte sie sich dazu hinreißen lassen, Reilly scharf in die Zange zu nehmen. Seufzend ließ sie sich mit der Schulter gegen die Stuhllehne sinken. <Na, wenigstens ist die Woche bald vorbei und schlimmer kann es schon nicht mehr werden.>


1112 Z-Zeit (07:12 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz erwachte, als sein Bett sich plötzlich unter einem zusätzlichen Gewicht nach unten bewegte. <Oaaarrrr, heute ist Samstag! Kein Gerichtstermin mehr vor Montag! Wer zum Teufel ist trotzdem lebensmüde genug, mich mitten in der Nacht zu wecken?> Er unterdrückte den Reflex, sofort in kampfbereiter Haltung aufzuspringen und öffnete stattdessen die Lider einen winzigen Spaltbreit, um vorsichtig darunter hervorschielen zu können.

Die großen, grünen Augen von Jessie Cavanaugh befanden sich unmittelbar vor ihm. "Jerry, Jerry! Wach auf!" gebärdete und rief sie gleichzeitig.

Kaz schloss die Augen wieder und knurrte nur, als Knie und Hände achtlos über ihn hinwegtrampelten. <Vielleicht geht sie wieder, wenn ich mich schlafend stelle.> Unauffällig beobachtete er das Kind unter gesenkten Lidern hervor.

Jessie streckte mit einem breiten Grinsen den Finger aus und berührte versuchsweise die Lippen des großen Mannes. Gerade, als sie den Finger wieder zurückziehen wollte, entblößte Kaz seine Zähne wie ein Krokodilgebiss und schnappte spielerisch zu. "Grrrmpf!"

Jessie sprang mit geweiteten Augen zurück und kicherte. "Guten Morgen!" gebärdete sie heiter, kletterte zu ihm hinauf und drückte ihm einen nassen Kuss auf die Wange.

Kaz lag reglos da. <Zugegeben, Jessie ist ganz süß für ein Kind, das besterzogenste, dem ich je begegnet bin, aber sie sollte wirklich dringend ihre Küsse trocken legen.>

Jessie hopste aufgeregt vom Bett und lief zu ihrer Mutter hinüber, die jetzt gähnend im Türrahmen auftauchte. Offensichtlich war sie direkt vor Kaz heimgesucht worden, denn ihre goldblonden Haare waren noch zerwühlt. "Mama, was machen wir heute? Kann ich wieder schaukeln gehen?"

"Ich weiß nicht, Jessie, ich dachte, wir könnten nach dem Frühstück ein bisschen an den Strand fahren..." Fragend sah die junge Frau Kaz an.

Kaz runzelte die Stirn, während jubelnd vor seinem Bett auf und ab tanzte. <Da ist dieses Wort schon wieder: Wir.> Er schwang die Beine aus dem Bett, ohne zu antworten. Vielleicht würde Jae einfach gehen, wenn er schwieg. <Oh ja, Kazdin, das hat bei der zweiten Cavanaugh im Raum ja auch schon soooo gut geklappt!>

"Also, Kaz, was sagen Sie dazu? Ein stressfreier Tag am Meer, über die Dünen wandern, dem Spielen der Wellen zusehen, Muscheln sammeln, vielleicht ein Picknick..." Jae wandte ihr charmantestes Lächeln auf ihn an.

Kaz zuckte nur mit den Schultern. <Unverbesserliche Romantikerin!> dachte er mit einer gewissen Zuneigung.

"Sie mögen den Strand nicht?" fragte Jae ungläubig.

Normalerweise hätte Kaz jedem, der eine solche Fragte stellte, jetzt einen kalten Blick zugeworfen oder hätte ihn stehen lassen, aber da war etwas an Jae und ihrer sanften Art zu fragen, das keinen Ärger aufkommen ließ. Vielleicht war es ihre Freundlichkeit oder die totale Abwesenheit von Verstellung. Wenn Jae etwas sagte, dann meinte sie damit genau, was sie sagte, nicht mehr und nicht weniger. Falls diese Art der Unschuld bei einem Erwachsenen überhaupt existierte, dann sicher in Jaes einfacher Frage. Kaz brachte es nicht fertig, ärgerlich zu werden. Er neigte nur nichtssagend den Kopf. "Ich glaube, Leonora hat das Frühstück schon fertig..."

"Ach ja?" Jae grinste so schelmisch, als wären sie beide Teil einer Verschwörung.

"Ja."

Jae wischte sich die wirren blonden Haarsträhnen aus den Augen. "Also?"

"Was, also?" Kaz beschloss, den Unschuldigen zu spielen. Aus den Augenwinkeln versuchte er, unauffällig die Entfernung bis zur Badezimmertüre einzuschätzen.

"Also, was ist die Antwort auf die Frage, die ich Ihnen gestellt habe, bevor Sie versucht haben, das Thema zu wechseln?" erläuterte Jae geduldig.

Kaz verdrehte die Augen, was Jessie kichern ließ. "Welche Frage war das noch mal?"

"Ich habe vorgeschlagen, an den Strand zu gehen und habe Sie gefragt, ob Sie den Strand mögen."

Kaz versuchte, Jae mit einem seiner berühmten Blicke einzuschüchtern, aber das funktionierte nicht, wenn die Person nie Angst vor ihm gehabt hatte.

"Ein einziger Strandbesuch. Bitte?" Zwei grüne Augenpaare blickten hoffnungsvoll zu ihm auf.

"Okay," sah Kaz seine Hände antworten. <Nein!> protestierte er in Gedanken, <Das ist nicht das, was ich sagen wollte! Ich doch sagen, sie und das Kind sollen alleine gehen!> Ein weiterer Blick in die grünen Augen seiner Dolmetscherin und er fügte sich seinem Schicksal. <Diese Frau hätte Moses die zehn Geboten ausreden können!>

Kaz ging ins Badezimmer und dann hinüber zum Schreibtelefon. Rasch tippte er die Nummer ein, legte den Telefonhörer dann auf den Akustikkoppler und wartete ungeduldig, bis sein Gesprächspartner sich auf dem kleinen Bildschirm meldete. "Guten Morgen, Dennis," Kaz Finger glitten geschmeidig über die Tastatur, "Ich will nicht lange stören, aber ich brauche einen Gefallen von Ihnen."

"Mister Kazdin...," kam langsamer die Antwort des Rechtsanwaltsgehilfen, "Sie sind im Moment suspendiert..."

"Gerade darum brauche ich den Gefallen ja auch. Ich habe meinen Schlüssel John abgegeben und komme bis Montag nicht mehr in die Kanzlei. Wäre gut, wenn Sie schnell vorbeigehen könnten. Suchen Sie nach einem Amos Reilly. Er muss vor ein paar Jahren Mandant bei uns gewesen sein. Ich möchte wissen, ob das stimmt und ob es irgendwelche Auffälligkeiten gab." Kazs Finger verharrten wartend über den Tasten.

"Mister Kazdin, es ist Samstag! Ich wollte heute eigentlich nicht in die Kanzlei gehen. Einige von uns haben ein Leben!" kamen die erwarteten Proteste.

Kazs Zähne knirschten aufeinander. "Ich würde Sie sicher nicht um Hilfe bitten, wenn ich es selbst tun könnte..."

"Na schön. Reilly, sagten Sie?"

"Amos Reilly," bestätigte Kaz und tippte ein zögerndes "Danke" ein, bevor er das Gespräch beendete und hinüber ins Wohnzimmer ging.

Im Gang stolperte er fast über die schwarze Katze, die dasaß und mit ihren grünen Augen bittend zu ihm aufsah. Sie öffnete den Mund und Kaz hätte viel Geld darauf verwettet, dass sie ein durchdringendes Flehgeräusch von sich gegeben hatte. "Was ist? Du hast doch Futter, Dämon!"

Die schwarze Katze sah weiterhin unverwandt zu ihm auf.

"Du hast Futter, du hast Wasser und du hast Spielzeug. Was willst du denn noch?"

Merlin rieb den Kopf an Kazs Bein und hinterließ dabei Haare auf der glücklicherweise schwarzen Hose. Zögernd bückte sich Kaz und hob die Katze hoch. Überrascht stellte er fest, dass sie vor Wohlbehagen unter seinen Händen vibrierte. <Schnurren,> erinnerte er sich, <Sie schnurrt!> Mit der zufriedenen Katze im Arm ging er ins Wohnzimmer hinüber.

Jae saß bereits am Frühstückstisch, während Jessie lang ausgestreckt auf der Couch lag, Buntstifte um sich herum, und zum Fernseher hinüberblickte, wo gerade der Abspann von "Barney, der rosarote Dinosaurier" lief.

<Oh, großartig! Schon wieder dieses pinke Monster!>

Einen Moment später wurde Kaz fast umgerannt, als Jessie die Katze auf seinem Arm entdeckte. Bereitwillig überließ er den Dämon der 4jährigen und ging hinüber zur Couch, um sich den entstandenen Schaden anzusehen. <Ha, Dennis, du würdest dir wünschen, soviel Leben wie ich zu haben!> Kaz musste plötzlich ein Grinsen unterdrücken.

Er spürte, wie Jae sich neben ihn schob und ebenfalls die Couch begutachtete. "Ich weiß, dass Sie sich in einer Millionen Jahren nicht hätten träumen lassen, Sie würden mal ein Kind und ein Haustier hier haben und sich Sorgen um Tierarztbesuche, Disney-Filme und darum machen, wie Sie Wachsfarben aus Ihrer Couch bekommen..." Um Verzeihung bittend lächelte sie ihn an.

"Ich mache mir keine Sorgen," betonte Kaz, "und die Farben entfernen SIE aus meiner Couch." Lächelnd machte er sich auf den Weg zum Kühlschrank. <Hmmm, sie hat was von einem Picknick gesagt...> Unglücklicherweise musste Kaz feststellen, dass er keine Ahnung hatte, was man üblicherweise zu einem Picknick mitnahm. <Hühnchen mit Reis? Naturjogurt? Sellerie? Wohl kaum.> Systematisch begann Kaz, den ganzen Kühlschrank zu durchsuchen. Unter dem Salat stieß er auf eine altbekannte Flasche. Automatisch hob er die Flasche hoch und blickte durch das beschlagene Glas, um festzustellen, wie viel Wodka noch darin war. <Halb leer.> Er wechselte die Flasche in die andere Hand und studierte das Etikett, bis ihm die kondensierenden Tropfen an seinen Fingern zeigten, dass er sie besser zurücklegen oder ganz aus dem Kühlschrank herausnehmen sollte.

Kaz blickte zum Schrank, wo er die Gläser verstaut wusste. Sein Blick fiel aus dem Fenster und auf den kleinen Teich im Garten seiner Nachbarn. Die Morgensonne glitzerte auf dem Wasser. <Der Strand,> erinnerte er sich, <Du gehst an den Strand mit Jae und der Kleinen, also...> Er stopfte die Flasche zurück in den Kühlschrank und schlug mit Nachdruck die Türe zu.

Etwas berührte ihm am Ellenbogen und er wirbelte, erschrocken über die unerwartete Berührung, herum. Jae stand vor ihm und sah ihn forschend an. Für einen Moment blickte Kaz ebenso fragend. Er ließ nur selten Menschen so nahe an sich heran und es überraschte ihn, dass Jae so dicht an ihn herankommen konnte, ohne dass seine hellwachen Instinkte ihn darauf aufmerksam gemacht hatten.

"Alles in Ordnung, Kaz?" Grüne Augen musterten ihn besorgt.

Kaz sah auf die schlanke Hand auf seinem Ellenbogen hinab. Jaes überschwängliche Art machte das vorübergehende Zusammenwohnen mit ihr nicht gerade leicht für ihn. Ständig berührte oder umarmte sie Menschen und das war er einfach nicht gewohnt. Für gewöhnlich hasste er physische Kontakte, aber jetzt, wo er noch das Gefühl der kalten Wodka-Flasche in seiner Hand spüren konnte und leicht fröstelte, wärmte ihre sanfte Berührung sein Herz.

Er lächelte schief. "Alles okay."

Jae zog langsam ihre Hand zurück und nickte ihm zufrieden zu. "Sie sollten das öfter tun."

"Was?" Alarmiert wölbte Kaz eine Braue. <Hat sie etwas gesehen...?>

"Lächeln," sagte Jae mit einem kameradschaftlichen Klaps auf seinen Arm.

Kaz wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, deshalb zuckte er nur mit den Schultern.

Jae trat einen Schritt zurück, so als spüre sie, dass er jetzt ein wenig mehr Freiraum benötigte. "Sie ziehen sich doch sicher noch um, bevor wir gehen, oder?" wechselte sie das Thema, auf Kazs weißes Hemd und die schwarze Anzug-Hose zeigend.

Leonora betrat die Küche und ersparte Kaz vorerst eine Antwort. "Señor Kaz, Sie essen aber noch etwas, bevor Sie gehen, sí?"

<Ich weiß nicht mal richtig, wie es ist, EINE Mutter zu haben, aber so stelle ich mir das mit ZWEI vor!> Kaz sah kopfschüttelnd auf die schwarze Katze hinab, die neben seinen Füßen saß und offensichtlich auf ihr Frühstück lauerte, das ein Mitglied seines Haushaltes ihr wohl regelmäßig heimlich organisierte. "Okay, Dämon, jetzt ist es offiziell: Wir sind in der Hölle."


1416 Z-Zeit (10:16 Uhr EDT)
Hunting Island
South Carolina

Kaz zog die Träger seines Rucksacks enger, während er durch den Sand stapfte. Ein rascher Blick zur Seite zeigte ihm, dass Jae sich barfuß, vergnügt und weitaus graziler als er den Strand entlang bewegte. Sie hatte die Lederriemen ihrer Sandalen zusammengebunden und ließ sie nun lässig von ihrer Schulter baumeln. Hin und wieder blieb sie stehen, bohrte die Zehen in den Sand und hob mit geschlossenen Augen das Gesicht zum Himmel, um den warmen Sonnenschein zu genießen.

Ein paar Meter von ihnen entfernt tapste Jessie durch das flache Wasser, das jetzt bei Ebbe nur große Pfützen auf dem ausgewaschenen Strand bildete, und sammelte Muscheln. Immer wenn sie eine Handvoll gesammelt hatte, kam sie angerannt und vertraute ihre Schätze ihrer Mutter zur Aufbewahrung an.

"Ist es nicht wunderschön hier, Kaz?" meinte Jae lächelnd. Sie fand eine geeignete Stelle, breitete eine große Picknickdecke aus und setzte sich.

Kaz wanderte langsam zu ihr hinüber. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er, wie sie ihre nackten Füße durch den warmen Sand gleiten ließ, den Kopf zurücklegte und tief die salzige Luft einatmete. Der Wind wehte einige Strähnen ihres blonden Haares in ihre Stirn und die Sonne zeichnete Schatten auf ihr junges Gesicht. Selten zuvor hatte Kaz jemanden gesehen, der so im Einklang mit sich selbst und seiner Umwelt war.

Mit einer mentalen Rüge wandte Kaz den Blick ab und verharrte unbewegt neben Jae.

Jae zupfte neckisch an seinem Hosenbein. "Es ist doch schön hier, oder?" wiederholte sie hartnäckig die Frage.

Kaz ließ den Blick über den breiten Strand gleiten, den die hohen Wasserstandsunterschiede der Gezeiten auf Hunting Island geschaffen hatten. In der Ferne glitzerte der Atlantik als helles Band, das sich erst in einigen Stunden wieder bis zum Ufer ausbreiten würde. Einige Möwen glitten friedlich in der Morgensonne dahin und ließen sich von Zeit zu Zeit dem Strand entgegenfallen, um etwas aufzupicken, was die zurückweichende Flut dort zurückgelassen hatte. Auf einem verwitterten Pier entdeckte er einen Pelikan.

Kaz nickte langsam. "Ja, das ist es," gab er zu und tat so, als sage er es nur, damit sie endlich Ruhe gäbe.

"Jetzt tun Sie doch nicht so, als ob Sie sich nicht auch mal an etwas erfreuen könnten!" Neckisch stieß Jae ihn mit dem Ellenbogen an.

Mit einem Stirnrunzeln begegnete Kaz dem Blick von grünen Augen, die in der Sonne wie mit Gold überzogen funkelten, bevor er rasch wieder weg blickte.

"Wollen Sie nicht auch Ihre Schuhe ausziehen? Der Sand fühlt sich toll an."

"Ich glaube nicht, dass…" Kaz brach ab, als er Jaes warme Finger seinen Knöchel hinabtasten spürte und sie geschickt seine Schuhbänder öffnete. Er gab seine Proteste auf, setzte den Rucksack ab und ließ sich neben Jae auf der Decke nieder. Sorgfältig legte er seine Socken zusammen und platzierte seine Schuhe neben Jaes. Seine Augen schlossen sich fast von selbst, als er die Wärme des Sandes auf seinen Füßen spürte.

Abrupt öffnete er die Augen wieder, als wenige Sekunden später nasse Zehen seine eigenen berührten.

Jessie robbte mit einer großen Muscheln in der Hand auf den Knien über die Decke. "Schau mal, Mama! Das ist eine von den Muscheln, in denen man das Meer hört!" Begeistert hielt sie sich die Muscheln ans Ohr, dann an das ihrer Mutter.

Jae neigte den Kopf und lauschte. Kaz konnte sehen, dass sie mehr Jessies Freude genoss als was auch immer man in einer Muschel hören konnte.

Jessie schnappte sich die Muscheln wieder, rollte sich zu Kaz herum und hielt ihm die Muschel hin. Unbehaglich starrte Kaz das Mädchen an.

"Jessie," Jae legte ihre Hand sanft über die ihrer Tochter, "Wir haben uns doch darüber unterhalten, dass Kaz nicht hören kann, weißt du noch? Aber ich bin sicher, er findet deine Muschel trotzdem schön, also zeig sie ihm ruhig." Sie gab dem Mädchen einen ermutigenden Stups in Kazs Richtung.

Jessie nickte eifrig. Ein paar Sekunden lang sah sie mehrmals zwischen Kaz und der großen Muschel hin und her, dann reichte sie sie dem gehörlosen Anwalt. "Für dich," verkündete sie großzügig.

Hilflos schloss Kaz die Finger um die Muschel. Er verstand nicht viel von Kindern, aber nachdem er ein paar Tage mit Jessie unter einem Dach gelebt hatte, wusste er genug, um zu ahnen, dass sie diese Muschel nicht wie ein Erwachsener sah. Für Jessie war sie ein Schatz. Wie dankte man jemandem, der einem einen wertvollen Besitz geschenkt hatte? Fragend sah er Jae an, aber sie lächelte nur. Vorsichtig strich er Jessie übers Haar und kam sich dabei ziemlich unbeholfen vor. "Danke. Sie ist... wirklich schön."

Kaz wandte sich hastig ab und begann, die Picknickzutaten aus dem Rucksack auszupacken. "Das ist alles, was ich von Leonora bekommen habe. Ich glaube, sie hat der Sache mit dem Picknick nicht so ganz getraut. Sie hätten mal sehen sollen, wie sie mich angesehen hat!"

Jae grinste. "Ich hätte lieber sehen wollen, wie Sie Leonora angesehen haben," meinte sie neckisch.

"Hey, ich habe ganz höflich gefragt!" verteidigte sich Kaz spielerisch, "Ich bin sicher, ich habe dabei sogar gelächelt."

"So wie Sie jetzt lächeln?"

"Genau." Kaz nickte nachdrücklich.

"Kaz... Sie lächeln gar nicht." Jae begann an einem Stückchen Käse zu knabbern, während Jessie sich zwischen ihr und Kaz auf der Decke ausstreckte.

Zögernd folgte Kaz ihrem Beispiel. Eine Weile lagen die drei da und sahen Seite an Seite in den Himmel hinauf, über den einzelne, schneeweiße Wolken zogen.

Jae zeigte auf eine der Wolken. "Jessie, was ist das? Glaubst du, es ist ein Hund? Was meinen Sie, wie diese Wolke aussieht, Kaz?"

"Wie eine Wolke," entgegnete Kaz, ernsthaft den Himmel begutachtend.

"Jetzt kommen Sie schon, selbst Anwälte müssen doch ein klitzekleines Bisschen Phantasie haben!"

Kaz schüttelte stur den Kopf. "Nein, Phantasie und Humor müssen wir abgeben, wenn wir das Staatsexamen bestehen." Er musste sich angestrengt bemühen, ein Grinsen aus seinem Gesicht fernzuhalten. Er fühlte sich in Jaes Gegenwart so wohl und entspannt wie selten zuvor. Für gewöhnlich fühlte er sich mit niemandem so komplett wohl – manchmal nicht einmal mit sich selbst. Kaum jemand hatte je versucht, die Mauern zu durchdringen, mit denen er sich umgab, und die Person dahinter zu sehen, nur Jae hatte es irgendwie geschafft, einfach hindurchzupreschen.

"Ach ja?" Jae grinste schelmisch, "Anwälte haben keinen Humor, hm? Wie kommt es dann, dass mein Vater, nachdem er die letzte Rechnung seines Anwalts gesehen hat, laut ‚Das ist ein Witz’ gerufen hat?"

Kaz merkte, wie sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl. Er wollte gerade antworten, als er aus den Augenwinkeln zwei Kinder von etwa 10 Jahren sah. Ein Drachen lag vergessen vor ihnen am Boden, während sie zu ihnen hinüberstarrten. Einer der Jungen begann, Grimassen zu schneiden und Kazs Gebärden zu imitieren. Kaz unterdrückte das Verlangen, aufzuspringen und den Jungen zu erwürgen.

Jae lächelte nur und winkte den beiden Kindern zu. "Kaz, sie sind doch nur Kinder!"

Kaz knurrte wie ein Raubtier. "Es ist einfach nur unhöflich. Ich bin doch keine Zirkusattraktion! Ich würde gerne mal ein Gespräch genießen, ohne immer gleich das Zentrum der Aufmerksamkeit aller zu sein, angestarrt und verspottet zu werden!"

"Sie sind doch nur neugierig, Kaz! Ich wette, sie haben noch nie zuvor gesehen, wie sich jemand in der Gebärdensprache unterhält. Wie sollen sie sonst die Gebärdensprache kennen lernen, wenn sie nicht hinschauen dürfen?"

Kaz starrte finster vor sich hin, merkte aber, dass sein Ärger zunehmend kleiner wurde. Jaes Argumente waren wie gewöhnlich äußerst überzeugend. <SIE hätte Anwältin werden sollen, auch wenn sie Phantasie und Humor im Übermaß hat.>

"Sollen wir uns auf den Weg machen?" fragte Jae nach einer Weile, "Ich kann mich daran erinnern, dass eine gewisse junge Dame heute noch schaukeln wollte." Sie kitzelte die kichernde Jessie.

Kaz zog seine Schuhe wieder an, erhob sich und klopfte sich sorgfältig den Sand von der Hose. Jessie war sofort an seiner Seite. "Heb mich hoooch!" bettelte sie, zu ihm aufsehend.

Kaz hob mahnend die Braue und warf Jae einen fragenden Blick zu. Die junge Frau nickte und ließ ihn gewähren. "Heb mich hoch, WAS?"

"Biiitte!" fügte Jessie das verlangte Wort hinzu.

Kaz bückte sich und schlang sorgsam einen Arm um das Mädchen, während er sie vorsichtig hochhob. Mit Jessie auf seinem rechten Arm und Jae zu seiner linken schlenderte er den Strand entlang zum Auto zurück. <Oh, man! Wie ist das eigentlich geschehen?> Eine Minute war er ein alleinstehender Einzelgänger gewesen, ein Workaholic, der nur für seinen Beruf lebte, und in der nächsten hatte er praktisch eine Familie. Es war die furchterregendste und wundervollste Sache, die ihm je passiert war. Kaz hatte immer geglaubt, er würde es hassen, seine wohlgeordnete Alltagsroutine auf diese Weise unterbrochen zu sehen, aber zu seiner Überraschung stellte er fest, dass er das Gefühl von Familie um sich herum mochte. Unglücklicherweise gehörte die Familie jemand anderem.

Kaz überreichte Jessie ihrer Mutter als sie das Auto erreichten und versuchte, die ungewöhnlichen Gedanken zusammen mit dem Rest des Sandes abzuschütteln, bevor er einstieg und losfuhr.

Eine halbe Stunde später parkte er den Dodge Dakota vor der Garage und stieg aus. Ein Schatten huschte über den Rasen und plötzlich starrten ihn gelb-grüne Katzenaugen an. "Mmiaw!" Fast atmete Kaz auf, gab sich aber grimmig, als er zusah, wie Jae die Katze begrüßte.

"Sie ist wieder da!" Erleichtert kraulte Jae die schwarze Katze.

"Leider," bemerkte Kaz grimmig und widerstand mit Mühe der Versuchung, sich unter Jaes prüfendem Blick unruhig zu winden.

"Kommen Sie schon, Kaz, Sie waren ebenso besorgt um sie wie ich, nachdem sie heute morgen nach der Konfrontation mit dem Nachbarshund nicht mehr aufzufinden war, geben Sie’s doch zu!" Jae musterte ihn, die Fäuste in spielerischer Herausforderung in die Hüften gestemmt.

Kaz gab sich cool. "Besorgt? Ich? Um diesen Dämon in Katzengestalt? Niemals!" Er ging voran ins Haus und schnurstracks in sein Zimmer. Er wusste, dass Jae ihm gleich folgen würde, nach übertriebener Zuwendung für eine gewisse verärgernde Ausgabe der Gattung Felidae, natürlich. Kaz machte sich bereits darauf gefasst, wegen der neuen Katzentüre, die er unbemerkt installiert hatte, geneckt zu werden. <Und der weichen Decke in der Garage. Und wegen der Futternäpfe. Und der Gummimaus.>


1632 Z-Zeit (12:32 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

"Leonora Rosario natürlich an erster Stelle," meinte Chegwidden.

Mac sah zu, wie der Admiral die Ellenbogen auf den schmalen Freiraum stützte, den Berge von Akten auf dem Schreibtisch ließen. Sie nickte zustimmend und klopfte mit dem Kugelschreiber, mit dem sie die ganze Zeit über schon unbewusst gespielt hatte, auf ihren Notizblock. "Und dann natürlich den Experten von der Spurensicherung und den Gerichtsmediziner."

Chegwidden knurrte. "Wenn ich Sutcliffes Liste hier richtig verstehe, zieht er in Erwägung, den Gerichtsmediziner selbst in den Zeugenstand rufen – und ehrlich gesagt, er wäre dumm, wenn er es nicht täte."

Mac zuckte zusammen und brach versehentlich den Clip ihres Kugelschreibers ab, als es plötzlich an der Türe klingelte. "Ähm, soll ich, Admiral?" Fragend wies sie zuerst zu den Aktenbergen, die Chegwidden umgaben und seinen Weg blockierten, und dann zur Türe. Als Chegwidden nickte, eilte sie durch den Gang. Vor der Türe verharrte sie, von Unsicherheit übermannt. <Ich bin im Ferienhaus des Admirals... was, wenn plötzlich eine ... alte Freundin auf die Idee kommt, ihn hier zu überraschen?> Sie begann, sich diese unbehagliche Situation in allen Details auszumalen, rief sich aber dann zur Ordnung und öffnete die Türe.

Es war keine alte Bekannte, jedenfalls keine des Admirals. <Oh Gott! Wie war das gestern noch gleich... schlimmer kann es nicht mehr werden? Ich musste das ja unbedingt denken, oder?!> war alles, was Mac denken konnte, während sie den Besucher anstarrte wie einen Geist – noch ein Geist aus ihrer Vergangenheit, der sie nicht loslassen wollte.

"Hallo Schätzchen! Ich weiß, es ist ein bisschen unerwartet, aber willst du deine Mutter nicht trotzdem hineinbitten?"

Mac stand stocksteif da, ohne etwas zu sagen oder zu tun. Betäubt spürte sie, wie sie gegen den warmen, üppigen Körper ihrer Mutter gedrückt und ihre Wange geküsst wurde. Sie fühlte Chegwiddens Blick auf sich ruhen und erst jetzt erwachte sie aus ihrer Erstarrung und bewegte sich. Zögernd gaben Deannes Arme sie frei. "Admiral," Mac drehte sich um und schluckte, "das ist meine Mutter. Mutter, das ist Admiral Chegwidden, mein kommandierender Offizier."

Einen Moment lang stand Chegwidden nur im Türrahmen und starrte die korpulente Frau, die so unerwartet auf seiner Türschwelle erschienen war, nur an, aber dann fasste er sich erstaunlich schnell wieder. "Bitte kommen Sie doch herein, Mrs. MacKenzie," sagte er, ohne dass Mac ihm ansehen konnte, was er dachte.

"Myers," verbesserte Deanne und schlang sich den Riemen ihrer große Handtasche über die Schulter, "Mein Nachname ist jetzt Myers."

Mac zuckte zusammen, als hätte jemand sie heftig in den Magen geschlagen – genauso fühlte sie sich auch. Fassungslos starrte sie ihre Mutter an, aber die war bereits damit beschäftigt, Chegwiddens Haus zu begutachten. Während Mac den beiden zurück ins Haus folgte, krampften sich ihre Finger zusammen, bis sich die Nägel schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten. Sie blieb stehen, während sie zusah, wie ihre Mutter dankbar in den vom Admiral angebotenen Sessel sank.

"Darf ich Ihnen irgendetwas anbieten, Mrs ... Myers? Tee? Kaffee?" erkundigte sich Chegwidden höflich. "Möchten Sie auch etwas, Major?"

<Ich nehme nicht an, dass Sie mir einen Wodka bringen würden, oder?> Mac seufzte und schüttelte den Kopf. "Nein, danke, Sir."

"Kaffee wäre nett," sagte Deanne, "Milch und Zucker, bitte, wenn es nicht zuviel Mühe macht."

Mac ballte hilflos die Fäuste und warf dem Admiral einen um Entschuldigung bittenden Blick zu. Sie sah es nicht gerne, dass er jetzt auch noch den Oberkellner für ihre Mutter spielen musste, aber sie vermutete, dass er absichtlich angeboten hatte, Kaffee zu machen, um ihnen Gelegenheit zu einem Gespräch unter vier Augen zu geben. Einerseits wusste Mac das zu schätzen, aber andererseits übte seine Anwesenheit eine beruhigende Wirkung auf sie aus, vielleicht weil Chegwidden fast so etwas wie ein Symbol für das neue Leben war, das sie sich bei JAG aufgebaut hatte. Der Gedanke, alleine mit ihrer Mutter zurückzubleiben, machte sie nervös, aber gleichzeitig war sie entschlossen, die Sache so schnell wie möglich zu klären und an die Arbeit zurückzukehren.

"Mutter, was tust du hier?" fragte Mac, kaum dass Chegwidden den Raum verlassen hatte. <Du hast dich 18 Jahre nicht um mich gekümmert, hätten es nicht noch zwei Wochen länger sein können?!> Deanne hier, im Haus des Admirals zu haben, wo sie sich sicher vor ihrer Vergangenheit gefühlt hatte, gab ihr das Gefühl, wie ein gehetztes Tier in der Falle zu sitzen und keinen Ausweg mehr zu haben. Sie hatte unbedingt vermeiden wollen, dass der Admiral, der Mann, dessen Respekt sie sich mehr wünschte als den jedes anderen Menschen, den Eindruck bekam, sie wäre eine schwache Person mit einem chaotischen Privatleben. Es war schwer genug gewesen, nach Chris’ plötzlichem Auftauchen und der Artikel-32-Anhörung wieder ein wenig Selbstwertgefühl aufzubauen. <Und jetzt das!>

Deanne hob beschwichtigend ihre fleischigen Hände. "Wir hatten doch telefoniert und da dachte ich..."

"Ja, wir haben telefoniert, Mutter, aber ich habe dir gesagt, dass ich im Moment wirklich nicht die Zeit habe, um dich in Portland zu besuchen. Ich stecke mitten in einem Fall!" Frustriert fuhr Mac sich mit dem Handrücken über die Augen.

"Das ist mir doch klar, Schatz, ich wollte ja nur kurz mit dir sprechen. Ich weiß, dass du hier bist, um zu arbeiten." Deanne ließ ihren Blick über Macs olivgrüne Uniform gleiten.

Mac drückte die Handflächen gegen die Naht ihrer Uniformhose und fühlte sich sofort in die Defensive gedrängt. Sie wusste, dass ihre Mutter mit ihrer Berufswahl nicht unbedingt einverstanden war. Deanne hasste alles, was mit dem Corps zusammenhing, genauso wie sie Joe MacKenzie, ihren Ehemann, gehasst hatte.

"Ich wollte dich nur noch mal bitten, mich bald einmal in Portland zu besuchen. Dann könntest du auch meine Familie kennen lernen." Deanne lächelte zaghaft und strich sich die langen Haare aus dem Gesicht.

"Deine... deine Familie?" Mac spürte einen wachsenden Druck auf der Brust. Etwas schnürte ihr plötzlich die Kehle zu. "Du hast noch mal geheiratet?"

Deanne zuckte die massigen Schultern. "Ja, aber es ging nicht gut. Er war ein Trinker und ein Taugenichts, auch wenn er längst nicht an Joe MacKenzie heranreichte. Vor zwei Jahren ist er dann gestorben."

Mac wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Schmerz, alleine vor dem Sterbebett ihres Vaters zu stehen, ihre Mutter ganz nahe zu wissen und dann nur ein ‚Na, das hat aber lange gedauert’ zu hören, war ihr noch frisch im Gedächtnis. Soviel ambivalente Gefühle sie auch selbst mit ihrem Vater verbanden, so hatte sie es doch nicht glauben können, dass ihre Mutter es scheinbar fast nicht erwarten konnte, bis Joe MacKenzie endlich tot war. Und jetzt musste sie zusehen, wie Deanne auch ihre zweite Ehe mit einem Achselnzucken abtat. <Dafür hat sie mich also verlassen? Für einen anderen Trinker?>

"Ich wollte es dir schon letzten Monat sagen, Schätzchen, aber du warst so mitgenommen und dann hatte ich ständig Behandlungen wegen meiner Venenentzündung..." Deanne strich die Falten ihrer weitgeschnittenen Bluse glatt, "ich bin einfach nicht dazu gekommen, es dir zu sagen, aber du hast eine Schwester, Charlene. Sie schließt im Herbst die Highschool ab, vielleicht könntest du dann nach Oregon kommen, um dabei zu sein..." Hoffnungsvoll blickte Deanne ihre älteste Tochter an.

Mac sah zu Boden. Sie konnte einfach nicht in die erwartungsvoll blickenden Augen ihrer Mutter sehen, jedenfalls nicht, ohne loszuschreien oder in Tränen auszubrechen. <Ich habe eine Schwester,> sprach sie sich innerlich vor, ohne es richtig fassen zu können. Sie hatte sich immer eine kleine Schwester gewünscht, aber eine, mit der sie spielen konnte, mit der sie sich im Zimmer verstecken konnte, wenn ihr Vater unten nach ihr brüllte – keine, von deren Existenz sie erst mit 32 Jahren erfuhr. Ihr zahlenbegabtes Gehirn rechnete automatisch nach. <Highschool... 17... sie muss 17 sein. Mum hat nicht lange gebraucht, um eine neue Familie zu gründen.> Der Gedanke stimmte sie traurig.

"Es wäre doch wirklich schön, wenn du bei der Abschlussfeier dabei sein könntest, Schätzchen," sagte Deanne wieder, "also, was meinst du?"

Macs Kopf ruckte herum. Es war nicht leicht für sie zu akzeptieren, dass ihre Mutter sie zurückgelassen und ein neues Leben mit einer neuen Tochter begonnen hatte, ohne auch nur einen Gedanken an sie zu verschwenden.

Mac war nichts mehr geblieben, nachdem Deanne gegangen war. Sie hatte in einer Nacht ihre Mutter verloren, ihren Hund, ihre Geburtstagsfeier, ihr Vertrauen und ihre Träume. Ihr war nichts geblieben, nichts außer dem Alkohol, um ihre Sorgen zu vergessen.

Zwar hatte ihre Mutter sie in dem Glauben zurückgelassen, dass Joe MacKenzie seine Tochter nie verletzen würde, aber Mac war der Meinung, dass sie es sich da ein wenig zu einfach machte. Er hatte sie nicht geschlagen, nein, aber er hatte sie tagtäglich verspottet, sie gekränkt und ihr Schimpfworte wie ‚Schlampe von Tochter’ an den Kopf geworfen, bis sie es nicht mehr ausgehalten hatte und ebenfalls davonlief. Mac war einfach noch nicht bereit, das alles zu vergessen und sich auf die Familienidylle einzulassen, die Deanne von ihr verlangte.

<Ich stand bei meiner Highschool-Abschlussfeier alleine da,> fiel ihr plötzlich ein. Niemand war gekommen, als sie die Highschool beendet hatte oder die Offiziersanwärterschule. Niemand war da, als sie Politikwissenschaften und dann später Jura studierte. Niemand hatte sie verabschiedet oder sie wieder willkommen geheißen, als sie nach Japan ging oder nach Bosnien. Sie hatte ihre Hochzeit alleine gefeiert, ihre Beförderungen und 17 Geburtstage. Was hatte Charlene, ihre unbekannte Schwester, das ihr fehlte und ihre Mutter veranlasst hatte, sie trotz eines trinkenden Vaters nicht zu verlassen?

"Charlene ist ein nettes Mädchen, du wirst sie mögen, glaub mir, Schatz. Tierlieb und sie mag Archäologie, so wie du," Deanne lächelte vor sich hin, "Sie erinnert mich wirklich sehr an dich in diesem Alter."

Mac atmete zitternd ein und aus. <Du weißt doch gar nicht, wie ich mit 17 war!> wollte sie ihrer Mutter entgegenschreien. <Mit 17 habe ich mich nicht für Archäologie interessiert, sondern nur dafür, wie ich von zuhause wegkomme und woher ich die nächste Flasche Wodka bekomme! Mit 17 war ich Alkoholikerin und die Frau eines kleinkriminellen Taugenichts!> Sie blieb still, nur ihre Hände zitterten vor unterdrücktem Zorn, Enttäuschung und Schmerz.

Sie hörte, wie der Admiral mit einem Tablett hereinkam, doch er schien die aufgestauten Gefühle im Raum zu spüren und verharrte hinter Mac. Sie spürte seine Anwesenheit wie ein wärmendes Feuer in ihrem Rücken. Endlich fand sie ihre Stimme wieder. "Mum, ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst. Wir sind mitten in der Arbeit und wir können doch auch ein anderes Mal Kaffee zusammen trinken." Verwundert und auch ein wenig verärgert über sich selbst stellte sie fest, dass sie sanft sprach, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen, und es noch immer nicht fertig brachte, ihre Mutter zu verletzen. Sie war einfach zu müde und aufgewühlt, um sich jetzt auf einen Machtkampf mit ihrer Mutter einzulassen.

Deanne stemmte sich mühsam in die Höhe. "Ich bin sicher noch ein paar Tage hier. Das Meerwasser tut meinen Füßen gut und jetzt, wo ich schon mal meine ganze Sozialhilfe geplündert habe, kann ich es auch ebenso gut genießen," meinte sie lächelnd.

Mac ließ den Kopf hängen. <War das wirklich nötig? Ausgerechnet vor dem Admiral!> Sie sah unter ihrem dunklen Haarschopf hervor in Chegwiddens Richtung und stellte fest, dass sein Gesichtsausdruck neutral war, beinahe sogar gütig. Mac wusste, dass der Admiral weder sie noch ihre Mutter vorschnell beurteilen würde, aber dennoch bot Deanne nicht den guten Eindruck, den Mac auf ihren C.O. machen wollte.

"Ich habe mir ein Zimmer im William-Hilton-Hotel in Harbour Town genommen, komm mich doch bald mal dort besuchen, ja, Schatz?"

Mac nickte stumm. Sie wollte sich am liebsten Augen und Ohren zuhalten und von allem nichts mehr sehen oder hören. Steif ließ sie sich in eine erneute Umarmung ziehen, drückte ihre Mutter kurz und trat dann zurück. "Bis dann," murmelte sie, während sie Chegwiddens höflicher Verabschiedung zuhörte und dann dem breiten Rücken ihrer Mutter bis zur Türe nachsah.

Chegwidden stellte die Kaffeetassen ab, sobald die Türe hinter Deanne ins Schloss fiel. "Wie wäre es mit einer Pause, Major."

Mac straffte sich. "Ist schon okay, Sir, wir können den Kaffee auch bei der Arbeit trinken."

"Ich spreche nicht vom Kaffee, Major." Chegwidden trat einen Schritt auf sie zu, stoppte dann aber, als wolle er sie nicht in die Enge treiben. "Mac... ich weiß, es geht mich nichts an, aber als Ihr vorgesetzter Offizier bin ich für Ihr Wohlergehen verantwortlich – und im Moment wirken Sie nicht, als ob es Ihnen besonders gut gehen würde. Dieser unerwartete Besuch hat uns beide ein wenig überrascht. Wir liegen wirklich ganz gut in unseren Vorbereitungen, also wieso nehmen Sie sich nicht ein bisschen Zeit für sich?"

Mac warf einen Blick aus dem Fenster, hinunter zum Strand. <Raus hier. Ist das nicht genau das, was ich in den letzten zwölf Minuten unbedingt wollte?> Zögernd nickte sie. "Vielleicht haben Sie recht, Sir. Ich könnte wirklich ein wenig frische Luft gebrauchen." <Und nicht nur das.> "Nur ein wenig zum Strand hinunter, es wird sicher nicht lange dauern, Sir."


2102 Z-Zeit (17:01 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. starrte auf die Kaffeetassen hinab, die noch immer auf dem Wohnzimmertisch standen. Der Kaffee war natürlich längst kalt geworden und auch die restlichen Vorbereitungen für die Artikel-32-Anhörung hatte er schon vor zwei Stunden beendet. Von Mac aber war noch immer nichts zu sehen. <Wo zum Teufel bleibt sie nur so lange?> A.J. trat wieder in den Gang hinaus und lauschte, in der Hoffnung, ihre Schritte in der Auffahrt oder das Klirren ihrer Schlüssel zu hören. Nichts.

<Wo ist sie wohl hingegangen?> Sie hatte sich umgezogen, bevor sie das Haus verlassen hatte. In den schwarzen Baumwollhose, den Turnschuhen und dem T-Shirt, das sie jetzt trug, würde sie sich nicht mehr von den anderen Touristen auf der Insel unterscheiden. A.J. vermutete, dass sie zum Strand gegangen war, vielleicht um zu joggen. Er ahnte, dass das Joggen für Mac eine Art war, mit ihren Problemen umzugehen, denn ihm selbst erging es da ganz ähnlich. <Aber niemand joggt vier Stunden lang am Strand herum, ganz egal, wie viele Probleme er hat!>

A.J. warf einen Blick durch das Fenster, das ihm den kleinen Pfad hinab zum Strand zeigte. Keine Spur von Mac. Lediglich zwei Rollerblader kamen den Weg entlang. <Wo ist sie?> fragte er sich, während er aufs Meer hinaussah, <Harbour Town,> fiel ihm plötzlich ein, <Könnte sie bei ihrer Mutter sein?> Dann schüttelte er den Kopf und verwarf den Gedanken sofort wieder. Der überfallartige Besuch ihrer Mutter hatte Mac sichtlich in die Defensive gedrängt. Sie fühlte sich in die Enge getrieben und war sicherlich noch nicht bereit dazu, von sich aus Kontakt zu ihrer Mutter aufzunehmen.

A.J. schnaubte. Ihn selbst hatte Deanne MacKenzie... Myers kaum weniger überrascht als Mac. Er war nachsehen gegangen, ob Mac mit dem unbekannten Gast irgendein Problem hatte und hatte sie in der fast erdrückend wirkenden Umarmung einer Fremden vorgefunden. Er wusste nicht, wie er sich Macs Mutter vorgestellt hatte – oder ob er es überhaupt getan hatte – aber die Frau, die da so plötzlich aufgetaucht war, war mit Sicherheit das Gegenteil all seiner Erwartungen. Wenn er sie neben Mac sah, so fiel es ihm schwer, irgendeine Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter zu entdecken.

Mac war fast einen halben Kopf größer als Deanne, schlank und grazil, während ihre Mutter sich recht träge in gerader Linie auf den nächsten Stuhl zu bewegt hatte. Auch die weit geschnittene Kleidung in bunt zusammengewürfelten Erdtönen entsprach mit Sicherheit nicht Macs Stil. Aber die Unterschiede, die ihn so verblüfften, gingen weit über das Äußerliche hinaus.

Die blau-grauen Augen von Deanne Myers zeigten nichts von der Kombination aus Verletzlichkeit und Stärke, Einfühlsamkeit und Entschlossenheit, die er so oft in Macs tiefbraunen Augen lesen konnte. A.J. hatte sich bemüht, das Gespräch nicht unabsichtlich zu belauschen, aber das, was er gehört hatte und Deannes Körperhaltung verrieten ein gewisses Selbstmitleid.

Selbstmitleid war nichts, was er je mit Mac in Verbindung bringen würde. Selbstzweifel, Selbstvorwürfe, ja, aber nicht Selbstmitleid. Er wusste, dass Mac in ihrem Leben einige Fehler gemacht hatte, aber was sie von anderen unterschied, war, dass sie diese auch offen zugab. Sie hatte es ein ums andere Mal geschafft, aus ihren Fehlern zu lernen und ihre Schwächen zu überwinden. Trotz all der Schlaglöcher in ihrem Leben - einem trinkenden Vater, einer Mutter, die sie verlassen hatte, eigenen Alkoholproblemen, einer gescheiterten Ehe - ging Mac ihren Weg.

A.J. machte erneut einen Runde von der Eingangstüre bis zum Fenster mit dem Blick zum Strand. Noch immer keine Spur von Mac. Er warf einen Blick auf die Uhr. <Vier Stunden und fünfzehn Minuten! Dass Mac die Zeit vergessen hat, kann ich ja wohl ausschließen, also was ist los? Ob sie sich verirrt hat?> Er schüttelte den Kopf. Mac war ein Marine, so schnell würde sie sich nicht verirren. <Es sei denn natürlich, sie ist so aufgewühlt, dass sie nicht mehr klar denkt. Was, wenn sie sich verletzt hat? Okay, Chegwidden, Schluss mit diesen unnützen Vermutungen, setz dich in Bewegung!>

Er schrieb eine kurze Notiz für den Fall, dass Mac doch schon vor ihm zurückkommen sollte, schnappte seine Schlüssel und schon war er aus dem Haus.


2136 Z-Zeit (17:36 Uhr EDT)
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. lief den Pfad, der parallel zum Strand verlief, entlang und folgte dem Weg der Touristen und Inselbewohner, um regelmäßig jemanden anzuhalten und nach einer einzelnen, dunkelhaarigen Frau zu fragen. Die Antwort auf Macs Beschreibung war meist nur ein Schulternzucken und so entfernte sich A.J. auf seiner Suche immer weiter von seinem Strandhaus.

Der Weg bog jetzt ein wenig vom Strand ab und führte hinauf zu einer beliebten Touristen-Bar. A.J. blieb stehen und verengte die Augen. <Ob sie...? Nein, sicher nicht.> Er ging ein paar Schritte weiter, nur um dann erneut stehen zu bleiben und wieder zu der Bar hinüberzusehen. In letzter Zeit waren es wirklich ein paar zu viele ‚Schlaglöcher’ auf Macs Lebensweg gewesen. Der Tod ihres Vaters, mit dem sie noch immer ein kompliziertes Gemisch ambivalenter Gefühle verband, lag gerade einmal vier Wochen zurück, ebenso die erste Begegnung mit ihrer Mutter seit ihrer Kindheit. Der Zeitpunkt für diese ‚Reise in die Vergangenheit’, nach Beaufort, hätte kaum ungünstiger sein können. Seit ihrer Ankunft hier wurde sie ständig mit Orten und Personen konfrontiert, die sie von früher kannte, und als wäre das noch nicht genug, kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Macs Vater, zumindest aber dessen Freunde, in einen Mordfall verwickelt waren. Und jetzt hatte auch der andere Teil ihrer Vergangenheit, in Form ihrer Mutter, sie eingeholt, ausgerechnet als Mac es am wenigsten erwartet hatte. Vielleicht war es Mac jetzt wirklich zuviel und der Wunsch nach emotionaler Entlastung, nach Vergessen, zu stark geworden. A.J. hatte sich mit dem Thema beschäftigt und wusste, wie schwer es ehemaligen Alkoholikern fallen konnte, in Krisenzeiten nicht in alte Muster zurückzufallen und wieder zur Flasche zu greifen. Er wusste, dass das, was Mac gerade durchmachte, eine potentielle Rückfallsituation darstellte.

<Es kann nicht schaden, wenn ich nachsehe, dann weiß ich zumindest, dass sie nicht da ist.> Hinter zwei Touristen in Tenniskleidung betrat er die Kneipe. Schon am Eingang begrüßten ihn das klickende Geräusch von zusammentreffenden Billardkugeln und laute Stimmen, die versuchten, die Jukebox in der Ecke zu übertönen. Trotz der frühen Stunde war die Bar bereits gut besucht. Rauchschwaden hingen in der Luft.

A.J. reckte seine 1,90m und schon nach einigen Sekunden sah er sie. Sie saß alleine am Ende der Bar, ein Meer von Stimmen, Lärm und Farben um sie herum, in dem sie wie eine einsame Insel wirkte. Ihre rechte Hand lag flach auf der Theke, direkt neben einem hohen Glas, das mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, Eis und einer Zitronenscheibe gefüllt war.

<Wodka Tonic?> mutmaßte A.J. und merkte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten, als er hilflos mit ansah, wie ihre Hand mit dem Glas spielte. Der Rauch in der Bar schien sich plötzlich wie ein Gewicht auf ihn herabzusenken. Er fühlte sich, als hätte er versagt und Mac im Stich gelassen. <Vielleicht hätte ich besser auf einem Gespräch bestehen sollen, anstatt sie aus dem Haus zu treiben!>

Ohne zu merken, dass er sich überhaupt bewegt hatte, stand er plötzlich hinter Mac. Die Neonlichter an der Bar ließen seinen Schatten auf sie fallen wie den Schatten eines Raubvogels, der einen Spatz belauert.

Erschrocken sah Mac auf und drehte sich um.

A.J. merkte, dass er auf eine fast bedrohliche Art über der sitzenden und in dieser Atmosphäre ziemlich schmal und verletzlich wirkenden Mac aufragte, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, sie auch nur für eine Sekunde einzuschüchtern und so vom Trinken abzuhalten. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, zog er sich einen freien Stuhl heran und setzte sich neben sie. Er legte seinen starken Ex-Seal-Hände übereinander auf die Theke, ohne ein Wort zu sagen.

"Admiral, ich..." Mac ließ den Kopf hängen und sah auf die Theke hinab. Konzentriert studierte sie die Kratzer im polierten Holz und wischte Krümel weg, die gar nicht existierten, als würde sie damit auch die Gedanken und Sorgen wegwischen, mit denen sie die Bar betreten hatte. Erst nach ein paar Sekunden hob sie den Kopf und sah ihn an. In ihren dunklen Augen flackerte eine Vielzahl verschiedener Emotionen und A.J. konnte sich vorstellen, dass keine davon angenehm war. "Es ist ziemlich spät geworden, oder?" begann sie leise, "Ich wusste nicht, dass Sie sich Sorgen machen würden..."

"Doch, Mac, das tue ich." A.J. verzichtete darauf, hinzuzufügen, dass sich seine Sorgen nicht nur auf ihre ausgebliebene Rückkehr bezogen, sondern auch auf das Getränk, das jetzt vor ihr stand. Sie wussten beide, wovon er sprach. "Ich wollte, dass Sie sich Zeit nehmen, um über das, was Sie beschäftigt, nachzudenken, nicht, um davor wegzulaufen." Sein Blick heftete sich wieder auf das Glas.

Mac presste die Lippen zusammen und nickte. "Ich weiß, Sir, es tut mir leid, wenn ich Sie…"

"Nein," A.J. hob sofort abwehrend die Hände, "es geht hier nicht um mich, es geht um Sie, Major. Mir schulden Sie weder eine Entschuldigung, noch eine Erklärung. Sie sind im Moment nicht im Dienst." <Und ich bin nicht als Ihr Vorgesetzter hier.>

Mac sah auf ihre Hände hinab, die den Rand der Bar umklammerten, so fest, dass ihre Knöchel begannen, sich weiß zu färben. "Trotzdem, Sir, ich hätte nicht einfach… ich hätte nicht hierher… das war ein ziemlich dummer Impuls, dem ich da gefolgt bin."

A.J. stellte fest, dass Verlegenheit und Scham ihre Stimme unsicher klingen ließen, aber ansonsten konnte er keine Anzeichen von Alkoholeinwirkung an ihrem Verhalten feststellen. Das Glas neben ihr sah aus, als wäre es noch nicht angerührt worden. <Vielleicht bin ich doch noch rechtzeitig gekommen. Wenn ich sie jetzt hier raushole…> A.J. schüttelte langsam den Kopf. <Nein. So gerne ich ihr helfen würde, ich bin nicht der strahlende Ritter auf dem weißen Pferd, der hier reinreitet und sie rettet, so funktioniert das einfach nicht. Wenn sie diesen Wodka stehen lässt, nur weil ich hier bin, dann trinkt sie eben den nächsten. Sie muss es selbst wollen. Wenn ich jetzt auch noch anfange, sie wie ein unmündiges Kind zu behandeln und ihr ihre Entscheidungen abzunehmen, verschärft das das Problem nur noch!>

Er erhob sich und sah eindringlich auf Mac hinab. "Sie wissen selbst, was gut für Sie ist, Major," sagte er und erinnerte sich daran, früher schon einmal ähnliche Worte an sie gerichtet zu haben, "aber falls Sie mal mit jemandem reden wollen…" Er ging an ihr vorbei und auch wenn er sich sagen musste, dass er nicht wie ein Vorgesetzter, sondern eher wie ein Freund gehandelt hatte, so hatte er dennoch das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Er hatte Vertrauen zu Mac und er wusste plötzlich, dass sie den Wodka nicht anrühren würde. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er die Bar.


2205 Z-Zeit (18:05 Uhr EDT)
Hilton Head Island, South Carolina

Eine Minute lang saß Mac da, ohne sich zu rühren, ihre Hand ruhte neben dem Glas und ihr Blick war starr auf ihr verzerrtes Ebenbild im Spiegel hinter der Bar gerichtet. Dann schluckte sie schwer und senkte den Blick zu dem Glas. Nachdenklich sah sie zu, wie ein einzelner Tropfen sich einen Weg über das Glas bis hinab zu dem Pappuntersetzer bahnte und dabei eine Spur auf dem beschlagenen Glas hinterließ. <Wodka und Tonic.> Schon als sie noch unter einem Dach mit Joe MacKenzie gewohnt hatte, war Wodka ihr bevorzugtes Getränk gewesen, erstens, weil man Wodka, im Gegensatz zu den meisten anderen alkoholischen Getränken, nicht roch und zweitens, weil sie es nicht hätte ertragen können, dieselbe Biermarke zu trinken, wie ihr Vater.

In den letzten Jahren, seit sie eine höllische Woche mit Onkel Matt auf der Red Rock Mesa und dann in der Entzugsklinik durchgemacht hatte, war sie auf Tonic Water umgestiegen. Damit hatte sie sich immer wieder ihre eigene Stärke bewiesen, denn jedes Mal, wenn sie Tonic Water bestellte, erinnerte sie sich ganz bewusst daran, dass sie auch Wodka Tonic hätte sagen können. Heute hatte sie es getan. Heute war sie nicht stärker gewesen. <Jedem von uns sind fünfzehn Anfälle von Schwachsinn im Laufe seines Lebens erlaubt. Ich glaube, ich habe gerade mein gesamtes Pensum auf einmal ausgeschöpft! Um ein Haar hätte ich mir alles verdorben... wer weiß, wie viel Schaden ich auch so schon angerichtet habe, auch ohne einen einzigen Schluck zu trinken. Der Admiral muss ja glauben, ich wäre schnurstracks in die nächste Bar gelaufen...> A.J. Chegwidden war wirklich die letzte Person, vor der sie sich so zeigen wollte.

Mac legte Geld auf die Theke und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und sah zur Bar zurück, wo sie immer noch die Flasche Wodka ganz vorne auf dem Regal erkennen konnte. <Sollen andere das Zeug trinken, ich habe kein Verlangen mehr danach!> Entschlossen drehte sie sich um und stieß die Türe auf.

Sie hätte vermutlich überrascht sein sollen, aber irgendwie war es die selbstverständlichste Sache der Welt, Chegwidden vor der Bar wartend vorzufinden. Mac schluckte und näherte sich ihm langsam. Sie wusste nicht genau, wer sie dort drüben erwartete – der Mann, der sie für eine einzige Enttäuschung hielt oder der Mann, der erkannte, wie viel Stärke es gekostet hatte, das Glas nicht an die Lippen zu führen.

"Admiral..." wandte sie sich zögernd an ihn, so als wäre er Jury und möglicher Vollstrecker zugleich. Chegwidden wartete stumm, während der Wind am Kragen seines Polo-Shirts zupfte. <Könnte er mich nicht anschreien oder so was?> Sie blieb vor ihm stehen und sah hinauf in seine braunen Augen, die sie ruhig und ohne jede Wertung beobachteten. "Admiral," begann Mac noch einmal und wischte ihre feuchten Handflächen nervös an ihrer Hose ab. Ihr ganzes Leben und ihr Selbstwertgefühl schienen plötzlich davon abzuhängen, dass er ihr glaubte. "Ich habe den Wodka nicht getrunken."

"Ich weiß." Chegwiddens ruhige Stimme drückte eine Selbstverständlichkeit und ein Vertrauen in sie aus, das Mac verblüffte. "Ich wusste, dass Sie es nicht trinken würden."

Mac schüttelte verständnislos den Kopf. "Wie können Sie das wissen, Sir, ich habe ja selbst nicht gewusst, was ich tun werde."

"Wie lange waren Sie in der Bar, Major?" erkundigte sich Chegwidden. Die Frage klang beiläufig, nicht vorwurfsvoll.

<Zwei Stunden, 19 Minuten und drei Sekunden.> "Ich war am Strand, Sir, ich hatte nicht vor zu trinken. Aber als ich dann die Bar gesehen habe..." <Keine Entschuldigung, keine Erklärung,> erinnerte sie sich dann an Chegwiddens Worte.

"Ich war über zwei Stunden lang in der Bar," gestand sie und richtete den Blick auf einen der vom Wind geschüttelten Sträucher hinter Chegwiddens Schulter.

"Sie sind also zwei Stunden lang vor einem Glas Wodka gesessen, ohne ihn zu trinken?" Fragend hob Chegwidden die Augenbrauen.

Mac nickte und verflocht nervös die Finger ineinander.

"Sie haben sich zwei Stunden lang mit dem Anblick eines Glases Wodka gequält, obwohl es viel leichter gewesen wäre, es zu trinken und sich das nächste zu bestellen. Ich weiß, dass Sie nicht getrunken hätten," wiederholte Chegwidden mit felsenfester Überzeugung, "Ich weiß es, weil ich an Sie glaube, Mac."

Mac blinzelte und schluckte mühsam. Als der Admiral plötzlich in der Bar aufgetaucht war, hatte sie gedacht, dass er sie notfalls zu ihrem eigenen Besten aus der Bar schleppen würde. Seine Zuversicht, sein Glaube daran, dass sie stark genug war, gegen ihre Probleme und den Alkohol anzukämpfen, waren jetzt, wo sie selbst am allerwenigsten daran glaubte, ebenso unerwartet wie wohltuend. Sie klammerte sich an diese Worte und an die Zuversicht in Chegwiddens Augen wie an einen rettenden Strohhalm, aber sie hatte ein schlechtes Gewissen dabei. Sie glaubte nicht, dass sie der Hoffnung, die Chegwidden in sie setzte, würdig war. "Sir, ich... ich verdiene dieses Vertrauen nicht. Ich fürchte, ich werde es eines Tages mit Sicherheit verletzen. Wenn nicht auch vielleicht nicht heute, aber eigentlich ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis ich Sie wieder enttäuschen werde."

"Und wenn schon!" schnaubte Chegwidden unbeeindruckt, "Was ist denn schon, selbst wenn Sie es tun? Ich weiß, dass es durchaus möglich ist. Es ist ein Risiko."

Mac presste die Lippen zusammen und senkte den Blick. Der Admiral glaubte es also auch: Sie war ein Risiko.

"Mac..." Chegwidden entfaltete die Arme, die er vor der Brust verschränkt gehabt hatte. Seine Rechte hob sich, so als wolle er sie berühren, aber dann ließ er sie an seine Seite fallen und begnügte sich damit, einen Schritt näher an sie heran zu treten. "Es ist immer ein Risiko, ganz egal, wem man vertraut. Kann sein, dass derjenige nicht perfekt ist, dass er Fehler und schwache Seiten hat. Kann sein, dass derjenige MENSCHLICH ist." Eindringlich sah er Mac an. "Jeder Mensch hat seine Schwächen, es kommt nur darauf an, was wir damit umgehen. Ich habe Vertrauen in Sie, Major, und ich glaube, dass Sie sich am Ende nicht von Ihren Problemen unterkriegen lassen werden."

Mac starrte ihn an. So offene, persönliche Worte hörte man nicht oft vom Admiral und sie waren etwas ganz Besonderes für Mac, wie ein unerwartetes Geschenk, das man sich schon lange gewünscht hatte. Mehr noch als der Metallchip, mit dem die Anonymen Alkoholiker jahrelange Abstinenz würdigten, gaben ihr diese Wort Selbstvertrauen und das gute Gefühl, ein Mensch zu sein, dem man vertrauen konnte wie jedem anderen auch und vielleicht sogar darüber hinaus. <Er vertraut mir... er hat Vertrauen in mich – und ich sollte dasselbe tun.> Energisch straffte sie die Schultern und atmete tief die salzige Meeresluft ein.

Chegwiddens Mundwinkel hoben sich zu einem Ausdruck der Zufriedenheit, als er sie beobachtete. "Kommen Sie, Major, wenn ich mich richtig erinnere, wartet da noch eine Fallvorbereitung auf uns."


1615 Z-Zeit (12:15 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

"Major Billingsgate, Sie waren der diensthabende Arzt des Militärlazaretts, der als Gerichtsmediziner die Untersuchung der Leiche von Craik Foster vorgenommen hat, ist das richtig?"

A.J. sah von seinem Platz hinter dem Tisch der Verteidigung zu, wie der Anklagevertreter Sutcliffe vor dem Zeugenstand auf und ab ging.

"Ja, das ist richtig," bestätigte der grauhaarige Arzt.

"Können Sie uns beschreiben, welche Verletzungen Sie vorgefunden haben?" fragte Sutcliffe weiter.

Billingsgate zupfte an den Ärmeln seiner Uniformjacke, so als fehle ihm sein gewohnter weißer Arztkittel. "Sergeant Foster hatte zwei Stichwunden im Rumpf, eine abdominal, die andere thorakal," Der altgediente Militärarzt zeigte mit der Hand die betreffenden Stellen auf Bauch und Brust an, "Außerdem verliefen mehrere Schnitte quer über die Innenseite seines rechten Unterarmes und über die Handfläche, so wie das typisch ist für jemanden, der versucht hat, einen Messerangriff abzuwehren."

Sutcliffe wirkte zufrieden. "Selbstmord ist also auszuschließen?"

"Auf jeden Fall, Sir."

"Was können Sie uns über die Tatwaffe erzählen?" Sutcliffe legte das große Taschenmesser, das Jeremiah Kazdin gehörte, vor Billingsgate auf den Tisch. "Könnte das die Tatwaffe gewesen sein?"

Der Arzt nickte. "Davon gehe ich aus. Die Stichwunden entsprechen in Breite und Tiefe genau den Maßen des Messers."

"Ergeben sich aus der Einstichhöhe und dem Einstichwinkel irgendwelche Informationen, die auf den Täter schließen lassen?"

"Nun ja, der Täter muss ein großer Mann gewesen sein..."

"So groß wie der Angeklagte?" Sutcliffe drehte sich um und wies auf Kazdin.

"Einspruch, euer Ehren!" Mac war auf den Füßen, noch bevor Sutcliffe den Mund wieder schließen konnte, "Der Vertreter der Anklage versucht, dem Zeugen die Antwort zu suggerieren!"

Richter Kent beugte sich über sein Mikrophon. "Einspruch stattgegeben."

"Wie groß könnte der Täter gewesen sein?" formulierte Sutcliffe seine Frage um.

"Das kann ich nicht sagen, nur, dass er relativ groß sein muss. Außerdem ist er nicht sonderlich entschlossen vorgegangen, daher die multiplen Einstichwunden."

"Danke, Doktor Billingsgate, keine weiteren Fragen." Sutcliffe kehrte an seinen Tisch zurück.

<Das war scheinbar mehr, als er hören wollte,> dachte A.J. hellwach geworden, <Ein unentschlossener Mörder passt nicht in das Bild, das Sutcliffe der Jury zeigen möchte.> Er wechselte einen kurzen Blick mit Mac, die die Zeugenbefragung hatte übernehmen wollen. Hatte sie die sich darbietende Lücke auch bemerkt? A.J. lehnte sich zurück und beschloss, darauf zu vertrauen.

"Doktor Billingsgate," Mac näherte sich dem Zeugenstand und nickte dem Arzt freundlich zu, "Sie haben eben gesagt, der Mörder sei unentschlossen vorgegangen. Sergeant Foster hat sich gewehrt und hat deshalb Schnittwunden an Armen und Händen davongetragen, ist das richtig?"

"Ja, das ist korrekt."

"Es ist also wahrscheinlich, dass Foster Gelegenheit hatte, um Hilfe zu rufen?" Mac fixierte den Zeugen mit einem eindringlichen Blick.

"Einspruch, euer Ehren!" kam es sofort von Sutcliffe, "Doktor Billingsgate ist Gerichtsmediziner, kein Augenzeuge, er kann nicht wissen, ob Sergeant Foster um Hilfe gerufen hat oder nicht!"

Mac drehte sich zu ihm um. "Das war auch nicht meine Frage, Herr Kollege," teilte sie ihm ruhig mit, "ich habe Doktor Billingsgate gefragt, ob es anhand der Kampfspuren wahrscheinlich ist, dass Foster die GELEGENHEIT hatte, um Hilfe zu rufen."

A.J. unterdrückte das Grinsen, das sich auf seine Lippen stehlen wollte. Niemand im ganzen Saal konnte dieser cleveren, selbstbewusst und souverän auftretenden Frau ansehen, dass sie noch gestern wie ein Häufchen Elend und mit dem Blick eines in die Enge getriebenen Rehs vor einem Glas Wodka gesessen hatte. Sicher, er wusste, dass Mac oft versuchte, ihre Gefühle beiseite zu schieben und dass sie eine Meisterin der Verstellung war – nicht, weil sie andere zu ihrem eigenen Vorteil täuschen wollte, sondern weil es einfach zu ihrer Art, mit Problemen umzugehen, gehörte. Er glaubte nicht, dass das ruhige Selbstvertrauen, das sie jetzt zur Schau stellte, nur vorgetäuscht war. In den meisten Fällen spürte er, wenn sie versuchte, etwas zu verbergen, vielleicht hatte er schon seien eigene Intuition, was Mac betraf, entwickelt. Ihr Glaube an sich selbst schien echt zu sein und das war ein herrlicher Anblick für ihn.

Selbst der Richter musste sich Macs Cleverness beugen. "Einspruch abgewiesen. Der Zeuge wird die Frage beantworten."

"Ja, ich denke, es ist mehr als wahrscheinlich, dass Foster um Hilfe gerufen hat."

"Es wurden aber keine Hilferufe gehört, ebenso wenig Geräusche, die auf einen heftigen Kampf hinwiesen. Könnte das bedeuten, dass der Mord geschehen ist, bevor Lieutenant Yetman seinen Posten bezogen hat?" Fragend neigte Mac den Kopf.

"Einspruch!" rief Sutcliffe mit zunehmendem Nachdruck, "Tendenz zu nicht erwiesenen Schlussfolgerungen!"

"Einspruch stattgegeben."

Mac kehrte an ihren Tisch zurück. "Ich ziehe die Frage zurück. Keine weiteren Fragen an diesen Zeugen."

A.J. nickte ihr mit schlecht verstecktem Stolz zu. Mac hatte genau gewusst, dass sie mit der letzten Frage nicht durchkommen würde, aber das war auch gar nicht nötig. Ihre Andeutung, dass der Mord vor Yetmans Ankunft stattgefunden haben könnte, wies darauf hin, dass ein paar Minuten zwischen der Tat und dem Vorfinden von Kazdin neben der Leiche vergangen waren und dass, ohne Yetman, der den Durchgang bewachte, möglicherweise doch eine dritte Person unbemerkt in den hinteren Zellentrakt gelangt war.

Die Geschworenen würden die Bedeutung der Frage verstehen und daher musste sie nicht mehr beantwortet werden.

A.J. lehnte sich entspannt zurück, während Sutcliffe den nächsten Zeugen, einen Experten der Spurensicherung befragte und darauf hinwies, dass Kazdins Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gefunden worden waren. Fast bekam er Mitleid mit Sutcliffe, als Mac sich abermals zum Kreuzverhör erhob.

"Lieutenant Shean, befanden sich außer den Fingerabdrücken von Mister Kazdin noch andere auf der Waffe?" Mac bezog unmittelbar vor dem Zeugenstand Stellung.

Shean neigte den Kopf. "Nur die von Lieutenant Haskell, der das Messer im Eingangsbereich an sich genommen hatte, Ma’am."

"Wie deutlich erkennbar waren Mister Kazdins Fingerabdrücke?"

"Einspruch, euer Ehren!" Sutcliffe sprang aus seinem Sessel auf. "Der Zeuge hat die Identität der Fingerabdrücke schon bei meiner Befragung eindeutig geklärt! Es kann keinen Zweifel daran geben, dass es Kazdins Fingerabdrücke sind!"

"Euer Ehren, wenn Sie gestatten..." Mit einer schnellen Drehung wandte sich Mac zu Richter Kent um, "es geht mir nicht darum, die Identität der Fingerabdrücke zu bestreiten, ich habe den Lieutenant lediglich danach gefragt, wie deutlich die Fingerabdrücke von Mister Kazdin waren."

Richter Kent warf ihr einen wenig erfreuten Blick zu, musste ihren Kniff aber vorerst dulden. "Einspruch abgewiesen."

Mac nickte dem Zeugen ermutigend zu. "Die Fingerabdrücke waren relativ undeutlich, Ma’am, verwischt, würde ich sagen."

"Verwischt? So als hätte jemand versucht, die Fingerabdrücke abzuwischen?"

Diesmal erhob Sutcliffe keinen Einspruch, aber A.J. konnte die Verwirrung in seinem Gesicht erkennen, als Mac scheinbar den Verdacht der Vertuschung auf Kazdin lenkte.

"Schwer zu sagen, aber ich glaube eher nicht. Wenn jemand versucht hat, sie abzuwischen, dann ist er dabei ziemlich schlampig gewesen," Der Spurensicherungs-Experte schüttelte den Kopf, "Nein, es sah eher so aus, als ob jemand mit einem Tuch oder Handschuhen das Messer angefasst hat, so dass die Fingerabdrücke verwischt sind."

"Vielen Dank, Lieutenant. Keine weiteren Fragen, euer Ehren." Die Blicke der Geschworenen folgten Mac, als sie an ihren Platz zurückkehrte und sich setzte.


1448 Z-Zeit (10:48 Uhr EDT)
Haus der Cavanaughs,
Savannah, Georgia

Kaz sah auf das vierjährige Mädchen hinab, das sich gegen sein Bein lehnte, während sie darauf warteten, dass Jae das zerkratzte Dreirad auf der Veranda ihrer Eltern verstaute. Fast bedauerte er es ein wenig, dass sie Jessie bei ihren Großeltern zurücklassen würden, auch wenn er das nie offen zugegeben hätte.

"Hey, Jae!" Ein großer, schwarzhaariger Mann in der Uniform eines Marines kam aus dem Wohnzimmer, als sie das Haus betraten. Er schloss Jae sofort in eine enge Umarmung und wirbelte sie begeistert herum, bevor er sich bückte und Jessie auf den Arm nahm.

Mit verengten Augen sah Kaz zu. <Ist das etwa Jessies Vater? Und wieso taucht er erst jetzt auf, anstatt sich mal ein wenig früher um seine Tochter zu kümmern?!> Er schüttelte verwundert über seine eigenen Gedanken den Kopf. <Jetzt komm aber, Kazdin, als wärst du das Sinnbild des Familienmenschen! Du hast doch schon Angst, wenn eine Frau am nächsten Morgen Frühstück will!>

"Kaz, darf ich Ihnen meine Brüder vorstellen?" unterbrach Jae seine düsteren Gedanken, "Das hier ist Daniel Jefferson und die beiden da drüben," sie deutete zur Wohnzimmertüre, wo jetzt zwei weitere Männer auftauchten, "sind Samuel Lee und Davy Martin Cavanaugh. Jungs, das ist Jeremiah Kazdin."

<Daniel Jefferson ganz offensichtlich nach Jefferson Davis; Samuel Lee nach Sam Houston und Robert E. Lee; Davy Martin vermutlich nach Davy Crockett und Martin Luther King? Haben Jaes Eltern ihre Söhne wirklich nach berühmten Persönlichkeiten der Südstaaten benannt?> Kaz fragte sich, wie Jae zu ihrem Namen gekommen war.

"Vielen Dank für die überaus formelle Vorstellung, Jacqueline Aliya Elisabeth!" Daniel Cavanaugh, dessen Gebärdensprache genauso flüssig war wie Jaes, nahm seine kleinere Schwester spielerisch in den Schwitzkasten und sie boxte ihn unbeeindruckt in die Rippen.

Kaz versuchte, sich im Hintergrund zu halten und sah interessiert zu. Er begann langsam zu ahnen, wie sehr sich Jaes Kindheit von seiner eigenen unterschieden hatte. Mit drei älteren Brüdern war es kein Wunder, dass sie es verstand, sich auch in einem Männerberuf durchzusetzen.

"Wo sind Mama und die Ladies?" erkundigte sich Jae, nachdem sie ihre restlichen Brüder, ihre Nichten und Neffen begrüßt hatte. "In der Küche?"

"Wo sonst!" Jaes Vater, Jacob Cavanaugh, trat hinzu und umarmte seine Tochter.

Kaz begann, sich langsam etwas überwältigt von so viel Familie zu fühlen.

"Trifft sich gut, dass du da bist, Jae," gebärdete Davy, der jüngste der drei Brüder und der einzige, der so blond wie Jae und ihre Mutter war. Er deutete auf das zweijährige Mädchen auf dem Arm von Samuel, an das Kaz sich noch von seinem ersten Besuch erinnern konnte. "Ich glaube, deine Nichte könnte eine frische Windel gebrauchen."

"Nichts da!" Jae versetzte auch ihm einen Schlag auf den Arm, "Sam soll seine Tochter mal schön selbst wickeln."

"Das hab ich gerade erst bei Sam junior hinter mir, gönn mir eine Verschnaufpause, ja?!" wehrte der mittlere der drei Brüder ab. "Hey, Papa, wie wäre es wenn uns der alte Profi mal zeigt, wie das geht?"

Die Lachfalten in Jacob Cavanaughs braunem Gesicht gerieten in Bewegung, als der große Mann schmunzelte. "Tut mir leid, ich bin pensioniert."

"Wie wäre es denn mit dir, Davy?" schlug Jae neckisch vor, "Robin hat sicher nichts dagegen, wenn du schon mal ein bisschen übst." Jae grinste breit als ihr hellhäutiger Bruder errötete.

"Hey, vielleicht möchte dein Freund ja ein bisschen ‚üben’," meinte Davy und deutete unauffällig in Kazs Richtung.

Kaz hob die Brauen. Wusste Davy nicht, dass er gehörlos war und daher seine Gebärden verstand?

"Mein ‚Freund’ ist zufälligerweise mein Mandant, hat sicher noch nie in seinem Leben eine Windel gewechselt und ist übrigens ebenso gehörlos wie Dan, also kannst du Kaz gerne selbst fragen, ob er ‚üben’ möchte, Davy," neckte Jae schadenfroh.

"Autsch! Tut mir leid, ich hatte keine Ahnung..." Mit einem entschuldigenden Lächeln, das Kaz bereits von Jae kannte, wandte Davy sich jetzt direkt an Kaz. "Ich nehme nicht an, dass Sie so was können, oder?" Er deutete auf die Tochter seines Bruders. In seinen grünen Augen glitzerte es schelmisch.

<Nicht können?> Kaz wurde das Gefühl nicht los, dass er eben herausgefordert worden war. "Na ja, ich hab das schon mal..." <gesehen.> Er sah sich um. Die Blicke der versammelten Cavanaugh-Sippschaft ruhten auf ihm, selbst die Kinder, die am Boden gespielt hatten, sahen ihn an. "So schwer kann das ja nicht sein." Betont lässig zuckte er die Schultern. <Oder?>

Grinsend trat Samuel vor und hielt ihm das weinende Kleinkind hin. "Ich bin immer bereit, meine Tochter Teri zu Übungszwecken zur Verfügung zu stellen."

Kaz schluckte und nahm das Mädchen zögernd entgegen. Für ein paar Sekunden hielt er es auf Armlänge von sich und sah es nur an. Das Schreien verstummte abrupt. Die kleine Teri hing da und starrte Kaz mit wässrigen blauen Augen an. "Wo...?" signalisierte Kaz mit einer Hand.

Jae führte ihn in den Nebenraum, wo Kaz ein Möbelstück entdeckte, das er für einen Wickeltisch hielt. Vorsichtig legte er das Kind darauf ab und drehte sich zu Jae um. "Ich will mich nicht aufdrängen, wenn Sie lieber..."

Jae lachte. "Oh nein! Sie haben doch behauptet, es könne nicht schwer sein, also bitte..." Sie deutete einladend auf das Kind und trat einen Schritt näher, um Kaz besser beobachten zu können.

<Okay, ich kann das,> versuchte Kaz sich zu überzeugen. <Ich bin Partner einer Anwaltskanzlei, was ist da schon eine schmutzige Windel.> Nach ein paar Minuten hatte er das Kind von seiner Latzhose befreit und öffnete umständlich die Windel. <Ufff! Oh Gott! So... was soll ich jetzt mit dem Ding machen?> Fragend hielt er Jae zwischen zwei Fingern die alte Windel hin und ließ sie dann in den Mülleimer unter dem Wickeltisch fallen, auf den Jae zeigte. "Und jetzt?"

"Saubermachen, eincremen, pudern." Jae genoss das Zusehen sichtlich.

Kaz verzog das Gesicht und hielt die Arme weit von sich gestreckt, während er Jaes Anweisungen befolgte. <Oh Mann, bin ich froh, dass Jaes Kleine schon stubenrein ist, mehr als einmal hätte ich diese Prozedur nicht überstanden!> Endlich gelang es ihm nach drei erfolglosen Versuchen sogar, Teri eine neue Windel anzulegen. "Geschafft!" Er strich den letzten Klebestreifen glatt. Stolz hielt er Jae das frisch gewindelte Kind hin. "Bekomme ich jetzt ein Zertifikat oder so was?"

Jae schüttelte lachend den Kopf. "Das nicht, aber Sie können meinen Bruder wegen Geruchsbelästigung verklagen." Sie setzte sich das Kind auf die Hüfte und ging zur Tür. "Falls Sie sich die Hände waschen wollen, da drüben ist ein Badezimmer."

Kaz öffnete die Türe und fluchte, als er fast auf einer Gummiente, die auf dem Boden lag, ausrutschte. Er taumelte zum Waschbecken und sah sich um, während er das Wasser aufdrehte. Eine Shampooflasche, die die Form eines Delphins hatte, stand im Regal und daneben thronte ein Milchzahn auf einer goldenen Schatulle. In der Seifenschale lagen liebevoll aufgereiht kleine Seifenstückchen, die nach blühenden Rosen dufteten. Dies hier war ein Haus, in dem nicht nur Partys und Empfänge stattfanden, hier wurde gelebt.

Kaz schloss die Badezimmertüre hinter sich und begab sich auf die Suche nach seiner Dolmetscherin. Von so vielen herzlichen, fremden Menschen – und noch dazu mehreren Kindern – umgeben zu sein, machte ihn ein wenig nervös.

Eine kleine, schlanke Frau in seinem Alter kam ihm entgegen und sprach ihn mit einem freundlichen Lächeln an.

Kaz deutete auf seine Ohren und schüttelte den Kopf, um anzuzeigen, dass er nicht verstand, was sie sagte. Er stellte sich darauf ein, dass sie, was immer sie auch gesagt hatte, gleich in der Lautstärke einer Boing 747 wiederholen würde, aber zu seiner Überraschung stieg sie sofort auf Gebärdensprache um.

"Hallo, ich nehme an, Sie sind Kaz?"

Kaz nickte nur, erstaunt über ihre zwar nicht fließende, aber doch recht gute Benutzung der Gebärdensprache. Er begann sich langsam zu fragen, ob alle Mitglieder der Familie Cavanaugh gebärden konnten.

"Jae hat mir von Ihnen erzählt. Ich bin Anna, die Frau von Jaes ältestem Bruder, Daniel. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten vor dem Essen?" Einladend hob sie eine der Bierflaschen hoch, die sie unter den Arm geklemmt hatte, um mit ihm reden zu können.

"Danke." Kaz wusste nicht so recht, wie er auf die Freundlichkeit von Jaes Schwägerin reagieren sollte, also nahm er ihr die Bierflasche ab und folgte ihr ins Wohnzimmer hinüber, wo er auch Jae vorfand.

Sie saß im Schneidersitz auf dem Boden vor dem großen Kamin, umgeben von ihren Nichten und Neffen. Das jüngste Kind, das Kazs Schätzung nach höchstens ein Jahr alt sein konnte, ruhte in ihrer Armbeuge. Kaz beobachtete, wie sie die anderen Kinder kitzelte, Spielzeug verteilte und mit ihnen lachte. Alle schienen auf sie zuzustürmen, sobald sie sich irgendwo hinsetzte. Um sie herum saßen ihre Brüder und ihr Vater in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Anna begrüßte sie mit einer warmen Umarmung.

Kaz schluckte und drehte sich abrupt um. <Ich muss hier raus.> Er fand sich auf der Veranda wieder, setzte sich auf die breite Schaukel und streckte seine langen Beine von sich. <Was zum Teufel war das denn?> fragte er sich irritiert. Er versuchte, sich zu beruhigen und konzentrierte sich auf die Wassertropfen, die an seiner Bierflasche nach unten glitten. Er schloss die Finger fester um das braune Glas, als ihm bewusst wurde, was er da in der Hand hatte. <Mein erstes Bier seit sechs Tagen!> Er hob das Bier an, aber als der Flaschenhals seine Lippen berührte, zögerte er.

Zwei warme Hände legten sich plötzlich auf sein Bein. Erschrocken ließ Kaz das Bier fallen und bückte sich fluchend nach der Flasche, bevor der Inhalt sich auf die weiße Veranda der Cavanaughs ergießen konnte. Als er sich endlich dem Störenfried zuwandte, sah er sich Jessie gegenüber. Rasch stellte er die Bierflasche außer Reichweite – auch außerhalb seiner eigenen.

Jessie machte Anstalten, neben ihm auf die Hollywood-Schaukel zu klettern. Kaz griff schnell zu, bevor sie abrutschen konnte, und half ihr vorsichtig hinauf. Vertrauensvoll drückte sie sich an seine Seite und sah mit ihren großen, tiefgrünen Augen zu ihm auf. "Bist du traurig, dass ich bei Opa und Oma bleibe?"

Kaz blinzelte verblüfft und zuckte die Schultern. "Ähm, ja, ein bisschen," antwortete er, um die Gefühle des Mädchens nicht zu verletzen, ein wenig aber auch, weil es der Wahrheit entsprach.

"Ich komm dich mit Mama besuchen und dann können wir in den Zoo gehen," tröstete Jessie eifrig.

Kaz schüttelte leicht den Kopf. "Du hast hier deine Familie, so viele Menschen, die dich lieben, da wirst du gar keine Zeit haben, mich zu vermissen." Kaz sah zu, wie seine Hände sich bewegten und konnte kaum glauben, dass er eine solche Unterhaltung mit einer 4jährigen führte.

"Aber ich werd’ dich vermissen," beharrte Jessie, "Du bist jetzt auch meine Familie," erklärte sie in der geduldigen Art einer 4jährigen, der längst klar war, dass Erwachsene nicht immer wissen, was wichtig ist. Dann hob sie den Kopf und schien zu lauschen. "Mama ruft."

Kaz erhob sich, froh dass ihm eine Antwort erspart geblieben war. "Dann gehen wir besser wieder rein."

Jessie streckte die Arme nach ihm aus, das übermütige Glitzern in den Augen, das er von ihrer Mutter kannte. Kaz warf sich das Mädchen über die Schulter und marschierte zum Haus, während sie kicherte und strampelte.

Jae stand in der offenen Türe und sah ihnen entgegen. Falls sie erstaunt war, ihn mit dem Kind zu sehen, dann verbarg sie es gut. "Was haben wir denn da?" fragte sie und stemmte spielerisch die Hände in die Hüften.

Kaz, plötzlich sehr viel besser gelaunt, stellte Jessie ab, um auf die humorvolle Frage ihrer Mutter antworten zu können. "Mir ist hier draußen etwas zugelaufen. Ich vermute, sie gehört Ihnen, obwohl sie die Aussage verweigert." Er kitzelte Jessie kurz.

"Und wieso nehmen Sie dann an, dass sie zu mir gehört, Officer?" erkundigte sich Jae auf das Spiel eingehend.

"Ganz einfach, sie ist zu hübsch, um die Tochter von irgendjemand Anderem zu sein," erwiderte Kaz mit einem Halblächeln. Dann erstarrte er. <Oh nein! Hab ich das wirklich gesagt?!> "Ich meine, sie sieht Ihnen wirklich ähnlich... ich wollte damit nicht sagen, dass..." <...ich Sie hübsch finde? Klar, Kazdin, red dir das nur weiter ein!>

Jae winkte grinsend ab. "Ich weiß, was Sie meinen."

<Ach ja? Könnten Sie es mir dann bitte erklären?> Er sagte nichts mehr, um sich nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen.

"Worüber haben Sie beide sich denn hier draußen unterhalten, hm?" Spielerisch knuffte Jae ihre Tochter in die Seite.

Kaz zuckte lässig die Schultern. "Ach, dies und das. Trotz ihres übervollen Terminplanes hat Ihre Tochter noch die Zeit gefunden, mir eine Lektion über die wichtigen Werte im Leben zu halten."

"Ach ja?" Sie hatten jetzt die Küche erreicht. Jae öffnete vorsichtig die Türe und spähte hinein. "Mama?"

Die Tür wurde von innen ganz geöffnet und Kaz erhaschte jetzt einen Blick auf drei junge Frauen, die mit Jaes Mutter um den Küchentisch herum saßen. Anna, die freundliche Rothaarige, die ihm das Bier gegeben hatte, winkte ihm zu, ohne sich aber von ihrem Platz zu erheben.

"Jacqueline Aliya Elisabeth Cavanaugh!" gebärdete Helen Cavanaugh streng, sobald Jae versuchte, auch nur einen Fuß in die geräumige Küche zu setzen. "Du hast hier drin nichts verloren!"

"Aber Mama, ich wollte doch nur..." Jaes Gesicht nahm den bettelnden Ausdruck einer 4jährigen an.

Helen schüttelte den Kochlöffel, mit dem sie gerade hantiert hatte. "Du kennst die Regeln! Wir rufen euch schon, wenn das Essen fertig ist, nur keine Sorge."

Kaz atmete tief durch die Nase ein und aus. Es roch nach Tomaten, Chili und Cayennepfeffer. "Mmmh, das riecht wirklich gut, Mrs. Cavanaugh... Helen. Kann ich Ihnen bei irgendetwas helfen?" erkundigte er sich höflich.

Jae sah ihn mitleidig an, eindeutig in Erwartung von Helens üblicher, entrüsteter Abfuhr. Die Küche war ihr Territorium und wie es schien hatten nur ihre Schwiegertöchter hier etwas verloren. Zu aller Erstaunen nickte Helen jedoch lächelnd. "Wenn Sie möchten, können Sie uns gerne Gesellschaft leisten." Sie zog Kaz am Handgelenk näher und schloss die Türe vor der Nase der verblüfften Jae.

Kaz starrte einen Moment lang auf die nun geschlossene Türe und drehte sich dann unsicher zu den Frauen am Tisch um.

"Setzen Sie sich, Kaz." Helen Cavanaugh legte ihm eine mütterliche Hand auf den Arm und eine der ‚Ladies’, wie Jae die Schwiegertöchter zuvor genannt hatte, räumte Kinderspielzeug von einem der Stühle, um Platz am Tisch für ihn zu machen.

Zögernd setzte sich Kaz.


1537 Z-Zeit (11:37 Uhr EDT)
Haus der Cavanaughs,
Savannah, Georgia

"Ich schwöre euch, dass es wahr ist!" beteuerte Mama Cavanaugh der lachenden Runde in der Küche, "Wir haben zwei Stunden gebraucht, um Jae da wieder rauszubekommen."

"Oh Gott, das hätte ich zu gerne gesehen!" Robin, die lockenköpfige Freundin des jüngsten Cavanaugh-Sohnes, wischte sich Tränen aus den Augen, die nur zum Teil von den Zwiebeln herrührten, die sie gerade schnitt.

"Ich habe Bilder!" verkündete Helen listig.

"Wirklich? Was würde uns ein Abzug kosten, Mama?" erkundigte sich Anna mit einem teuflischen Grinsen.

Kaz musste ebenfalls grinsen. Er reichte das Gemüse, das er kleingeschnitten hatte, weiter an Suela, die hispanische Frau von Samuel, und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um der sympathischen Frauen-Runde bei ihren lebhaften Gebärden zuzusehen.

Normalerweise hasste Kaz soziale Anlässe. Bei einem geselligen Beisammensein von Hörenden fühlte er sich üblicherweise so fehl am Platz wie ein Pinguin in der Sahara. Aber hier, in Mama Cavanaughs Küche zu sitzen, und sich mit ihr und den Schwiegertöchtern in seiner eigenen Sprache zu unterhalten, war ein einmaliges Erlebnis für ihn. Er nahm Anteil an den Erzählungen und nach einer Weile begann er sogar, zu der Unterhaltung beizutragen. In dieser alten Küche hatte er das Gefühl, vollkommen akzeptiert und nicht beurteilt zu werden, so dass er sich selbst unter all den Fremden und noch dazu einer reinen Frauen-Runde angenommen und sogar zugehörig fühlte.

Es erstaunte ihn, wie komplett und im Reinen mit sich selbst er sich inmitten dieser harmonischen Familie fühlte, nach all den Jahren, in denen er nicht einmal bemerkt hatte, dass ihm etwas gefehlt hatte, dass er sich durch die sorgsame Abschottung seiner Gefühle selbst etwas vorenthalten hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, dass andere Dinge außer seiner Arbeit von Bedeutung in seinem Leben waren.

Er hatte im Laufe seines Berufslebens viele Leute kennen gelernt, aber so gut wie nie Freundschaften geschlossen. Es lenkte einen nur ab oder verletzte schlussendlich. Mit Jae war das irgendwie anders. Kaz musste zugeben, dass er neugierig war. Er wollte wissen, wie ihre Hoffnungen, ihre Träume und ihre Ängste aussahen. Was lag in ihrer Vergangenheit? Was machte sie traurig und was brachte sie zum Lachen? Und die wichtigste Frage von allen: wie viele Autos hatte sie wirklich zu Schrott gefahren? Und wie zum Teufel hatte sie es geschafft, als Fünfjährige in einer Hundetüre eingeklemmt zu werden?

Kaz schüttelte lachend den Kopf, als Helen Cavanaugh eine weitere Geschichte über Jaes wilde Kindheit zum Besten gab. "Wie haben Sie bloß Jaes Kindheit überlebt?" fragte er mit einem Gefühl der Hochachtung vor dieser zierlichen Frau, die vier Kinder großgezogen hatte und sich jetzt mit Begeisterung um ihre Enkel kümmerte.

"Ich habe keine Ahnung," gestand Helen mit einem theatralischen Seufzen, "aber ihre Brüder sollten froh sein, dass sie nicht die Erstgeborene war, denn dann wäre sie vermutlich ein Einzelkind geblieben. Sie war wilder als die Jungs alle zusammen. Und stur war sie! Meine Güte, stur, eigensinnig und dickköpfig! Als Kind musste sie niemals Brokkoli essen, das sagt doch wohl schon alles. Einmal habe ich versucht, sie am Tisch sitzen zu lassen, bis sie alles aufgegessen hatte. Ihre Rekordzeit, am Tisch zu sitzen, ohne auch nur einen Bissen Brokkoli anzurühren, betrug vier Stunden! Vermutlich würde sie heute noch da sitzen, wäre nicht ihr Vater nach Hause gekommen und hätte die Sache beendet."

Die Schwiegertöchter und Kaz lachten erneut.

"Mama!" plapperte Suelas einjähriger Sohn, der in einem Kinderstuhl am Tisch saß. Er streckte die Hand nach etwas aus, was gar nicht vorhanden war. "Mama!" wiederholte er fordernd.

Kaz bückte sich nach dem Teddybär, der zu Boden gefallen war, und reichte ihn dem Kind.

Das Baby weigerte sich, das Plüschtier zu nehmen. "Mama!"

Suela sah von ihrer Gemüse-Putz-Arbeit auf. "Er möchte die Tasse haben," erklärte sie und lächelte Kaz zu.

Kaz starrte sie ungläubig an, gab dem Kind aber gehorsam die Plastiktasse mit dem Saft. Zufrieden begann das Kleinkind zu trinken. "Okay, ich geb’s auf! Wie können Sie das ‚Tasse-Mama’ vom ‚Teddy-Mama’ und dem ‚Hunger-Mama’ unterscheiden?"

Anna klopfte ihm tröstend auf die Schulter. "Das können wir Mütter eben."

Die Küchentüre öffnete sich und das 6jährige Mädchen, das Kaz bei seinem ersten Besuch schon gesehen hatte, kam hereingerannt. "Mama, kann ich etwas zu essen haben?" wandte sie sich sofort an Anna.

Die rothaarige Frau reichte ihrer Tochter einen kleinen Korb mit einigen Scheiben frischen Maisbrotes. "Aber nicht zuviel, in einer halben Stunde wird gegessen."

Das Mädchen nickte und drehte sich um, um wieder zurück nach draußen zu rennen.

"Sag deiner Tante, wenn sie das nächste Mal etwas zu essen möchte, soll sie selbst herkommen und fragen!" rief Anna ihrer kichernden Tochter nach.

"Was hab ich gesagt?" Helen Cavanaugh schwang energisch den Kochlöffel, "Das Mädel ist zehnmal anstrengender als ihre Brüder! Obwohl ich ja zugeben muss, dass ich auch mal eine ‚wilde Phase’ in meinem Leben durchgemacht habe..." Helens grüne Augen funkelten humorvoll, aber Kaz glaubte, auch eine verborgenen Traurigkeit dahinter zu erkennen, "Nachdem mein Mann starb, bin ich eine Weile auf jeden reingefallen, der mir ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat und mich nicht sofort wie eine Schwerbehinderte behandelt hat."

Kaz starrte sie an, während die drei Schwiegertöchter weiterhin ihren jeweiligen Tätigkeiten nachgingen, so als hätten sie das schon mehrmals gehört. Die Offenheit dieser Familie war überwältigend für Kaz. In dieser Küche schien es keine Geheimnisse zu geben. "Ihr Mann ist... gestorben?" erkundigte er sich und versuchte ungeschickt, Mitgefühl in seine Gebärden zu legen.

Helen legte ihm eine Hand auf den Arm, so wie Jae es immer zu tun pflegte. "Ja, aber das ist schon Jahrzehnte her. Jacob ist mein zweiter Mann; die Jungs sind aus meiner ersten Ehe."

<Dann sind sie nur Jaes Halbbrüder?> Verwundert schüttelte er den Kopf. Jae und ihre Geschwister schienen sich so nahe zu stehen wie das nur möglich war. "Dann ist also nur Jae Jacobs Kind?" Es fiel ihm schwer, das zu glauben, hatte er doch bemerkt, mit welcher Wärme die drei Brüder den Ex-Marine ‚Papa’ nannten, während er seinen Vater nie anders als mit einem steifen ‚Vater’ angesprochen hatte.

"Nein," Helen schüttelte den Kopf und es lag Bedauern in dieser Geste, "Jae ist sozusagen das Ergebnis meiner ‚wilden Phase’. Ihr Vater hat sich aus dem Staub gemacht, sobald er erfuhr, dass ich schwanger war. Jacob hat alle vier Kinder adoptiert und ist ihr Vater in jeder Hinsicht, die zählt."

<Wow!> Kaz war sprachlos. Die perfekte Idylle, in der Jae scheinbar aufgewachsen war, war also gar nicht so perfekt. Langsam begann er zu begreifen, dass Jae ihre Probleme und Schicksalsschläge gehabt hatte so wie er auch, nur hatte sie sich nicht davon unterkriegen lassen und war trotzdem zu der warmherzigen, gutgelaunten Frau geworden, die er kannte. Sein Respekt vor dieser ungewöhnlichen Familie wuchs.


1610 Z-Zeit (12:10 Uhr EDT)
Haus der Cavanaughs,
Savannah, Georgia

"Wo ist Kaz?" erkundigte sich Jae, als sie vom Fußballspiel mit ihren Brüdern wieder zurück ins Haus kam.

"Immer noch bei Mama und den Ladies in der Küche," erklärte Jacob bedeutungsvoll und zwinkerte seiner ganz und gar nicht amüsierten Tochter belustigt zu.

<Seit einer halben Stunde? Das ist kein gutes Zeichen!> Bisher war die Küche immer ein Härte-Test für die möglichen Freundinnen ihrer Brüder gewesen. Wenn Mama Cavanaugh eine mochte, wurde sie zum Helfen in die Küche eingeladen und bekam einen Platz am Tisch. Anne war aus Daniels Armen und in die Küche gezerrt worden, in der Minute, in der sie das Haus betrat. <Mama hat vermutlich mehr Zeit damit verbracht, um Anna zu werben als Dan!> Ihre Urgroßmütter waren zusammen aufgewachsen, sie stammte also aus einer echten Südstaatenfamilie. <Wenn Daniel nicht bereits hoffnungslos in sie verliebt gewesen wäre, dann hätte Mama ihn mit einer Bratpfanne so lange über den Kopf geschlagen, bis er es gewesen wäre!>

Davys Verlobte Robin war hingegen erst nach dem Abendessen in die Küche eingeladen worden, um mit dem Dessert zu helfen. Mama hatte die Zeit des Abendessens gebraucht, um zu entscheiden, ob sie das Yankee-Mädchen mochte – schließlich war Robins Familie ja auch erst 60 Jahre zuvor von Massachusetts nach Georgia gezogen.

Collin hatte ihres Wissens nach nie auch nur einen Blick in die Küche geworfen und hatte vermutlich auch gar kein Interesse daran gehabt.

Was also hatte es zu bedeuten, dass Mama Cavanaugh den Sohn eines Yankee-Senators schon seit über einer halben Stunde praktisch in der Küche angekettet hatte? Misstrauisch geworden öffnete Jae leise die Küchentüre und spähte zum Tisch. Mit einem schnellen Blick stellte sie fest, dass es noch schlimmer war, als sie gedacht hatte. Kaz war nicht nur in der Küche, sondern er half sogar beim Vorbereiten des Essens. <Oh, oh. Das geht wirklich zu weit, Mama! Vergiss es!>

Helen Cavanaugh nippte gerade an ihrem gesüßten Eistee, bevor sie ihre Erzählung wieder aufnahm, während die Ladies und Kaz um die Wette lachten. "Also, wo war ich?"

Jae berührte ihre Mutter am Arm, um sie auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. "Du warst gerade dabei, mich in Verlegenheit zu bringen." Sie hätte wetten können, dass Helen die Hundetür-Geschichte bereits zum Besten gegeben hatte.

Anklagend deutete Helen auf die Türe.

"Ja, ja, ich weiß, ich gehöre nicht in die Küche..." Jae hatte diese Belehrung schon tausend Mal erhalten, "wobei ich mich ja frage, warum ich, eine Frau und deine eigene Tochter, nicht hier sein darf, während Kaz...."

"Raus!"

"Okay, okay, ich wollte Kaz ja auch nur fragen, ob er nicht mit raus kommen möchte. Es ist wirklich schön draußen und wir spielen Fußball..."

"Ich bin ganz fürchterlich im Fußball," behauptete Kaz, "aber ich entdecke gerade mein Talent im Gemüse-Schneiden." Mit einem Halblächeln hielt er sein Küchenmesser hoch.

Die anderen Ladies nickten bestätigend. <Die ANDEREN Ladies?> wiederholte Jae ihre stumme Beobachtung. Sie warf Kaz einen prüfenden Blick zu und er wirkte tatsächlich so, als wäre er schon immer ein Teil der Küchenverschwörung gewesen. Zögernd zog sie sich in Richtung Türe zurück. "Okay, ich bin dann mal draußen." Sie deutete über die Schulter zurück, in der Hoffnung, Kaz doch noch vom Tisch loseisen zu können.

"Wir rufen euch dann jeden Moment zum Essen," erklärte Helen, bevor sie die Türe hinter Jae schloss.

<Ja, klar, Mama! Bevor oder nachdem du das Aufgebot für Kaz und mich bestellt hast?!> Seufzend drehte sie sich um und sah sich ihren drei grinsenden Brüdern gegenüber. "Sie ist brutal!" beschwerte sie sich auf die Küchentüre zeigend.

"Wieso sollte es dir anders ergehen als uns?" fragte Davy amüsiert und rubbelte ihr mit dem Handballen übers Haar.

"Aber Kaz ist doch nur mein Mandant!" protestierte Jae energisch.

Samuel zuckte mitleidslos die Schultern. "Suela war eigentlich auch nur das Kindermädchen von Dans Kleinen, bevor Mama sie in die Küche geschleppt hat!"

Jaes weitere Proteste wurden abgeschnitten, als sich die Küchentüre öffnete und die Ladies, angeführt von Mama und Kaz, mit einer Reihe von Schüsseln, Platten und Töpfen ins Wohnzimmer hinübergingen.

Eine Minute später saßen alle erwartungsvoll am Tisch und reichten sich die Hände zum Gebet. Es überraschte Jae kaum noch, dass Kaz den Ehrenplatz zwischen ihr und Anna zugewiesen bekam. Seine Finger waren kühl und Jae konnte sich, nachdem sie seine doch recht förmlichen Eltern kennen gelernt hatte, gut vorstellen, dass ihre lebhafte Großfamilie ein wenig beunruhigend für ihn war. Ermutigend drückte sie seine Hand und spürte, wie er ihre Finger fester umfasste.

Schließlich beendete Jacob das Vaterunser und alle bekreuzigten sich, inklusive Kaz. Jae hatte nicht das Herz ihm zu sagen, dass er es falsch herum getan hatte.

Ein wildes Chaos entstand, als Schüsseln mit Süßkartoffeln und Töpfe mit Jambalaya herumgereicht wurden. Zwischen lebhaften Unterhaltungen und Scherzen in der Gebärdensprache, wurden gelegentlich Maisbrotscheiben von einem Ende des Tisches zum anderen geworfen, anstatt den Brotkorb hinüber zu reichen, wie Kaz das sicher gewohnt war. Jae war nicht sicher, was Kazs Eltern von dieser Szene gehalten hätten, aber sie vermutete, dass Kaz genau aus diesem Grund das Essen so zu genießen schien.

"Hmm, lecker," Kaz sah von seinem würzigen Gemüseeintopf auf und lächelte Helen zu, "jetzt weiß ich, wieso der Süden den Bürgerkrieg verloren hat... sie waren so mit dem Kochen beschäftigt."

<Oh, oh, jetzt hat er sich den Platz in der Küche wohl verspielt!> Erwartungsvoll beobachtete Jae ihre Mutter, aber diese legte Kaz nur lachend ihre zierliche Hand auf die Schulter und schon stimmte der Rest des Tisches in ihr Lachen mit ein.

"Geheimes Familienrezept," gebärdete Helen verschwörerisch, "Eines Tages werde ich es Ihnen vielleicht zeigen."

<Oh Gott!> Jae, die gerade den Hackbraten für Jessie klein schnitt, schielte nach unten. <Ob es wohl jemand merkt, wenn ich unauffällig unter den Tisch rutsche?>

Daniel lehnte sich über den Tisch. "Mama zeigt, was sie von jemandem hält, immer durch ihr Essen," erklärte er Kaz, "Bei der ersten Freundin, die ich mit nach Hause gebracht habe, gab es Spaghetti mit Fertig-Soße. Als ich Anna mitbrachte, machte Mama Spare-Rips und ihre berühmte Barbecue-Soße."

"Apropos Barbecue," wandte sich Helen an ihre Tochter, "hast du für Kaz schon mal deine leckeren gebackenen Kartoffeln und die gegrillten Welsfilets gemacht?"

Jae spürte wie Kaz sie anstarrte und auch die anderen am Tisch ihre Gebärden einstellten.

"Sagen Sie bloß, Jae hat diese ‚Ich-kann-nicht-mal-Wasser-kochen’-Nummer schon wieder abgezogen?" erkundigte sich Jacob dann kopfschüttelnd, "Jae kann fast so gut kochen wie Mama und Davy, die das Restaurant führen!"

Jae zuckte mit den Schultern. "Sag einem Mann, dass du kochen kannst, und du wirst nie wieder ein Restaurant von innen sehen," verteidigte sie sich schelmisch.

Zwei Stunden später machten Jae und Kaz sich auf den Weg zu Kazs Dodge Dakota, der in der Auffahrt geparkt war. "Hab ich’s Ihnen nicht gleich gesagt?" meinte Jae, während sie zurück zu der Veranda sah, wo ihre Eltern und Jessie standen und winkten.

Kaz hielt vor der Fahrertüre inne. "Was haben sie mir gleich gesagt?"

"Na, dass Sei einen schönen Tag verbringen würden."

"Und woher wollen Sie wissen, dass ich einen schönen Tag hatte?" Spielerisch wölbte Kaz eine Augenbraue zu einem spöttisch-fragenden Ausdruck.

"Oh, das ist eine ganz einfache Kalkulation," erklärte Jae, die Kazs entspannte Stimmung genoss, "ich nahm an, Sie würden eine Stunde bleiben, um der Höflichkeit genüge zu tun. Zwei Stunden, wenn Ihnen das Essen schmeckt und drei Stunden, wenn es Ihnen gelungen ist, ein Buch unter Ihr Hemd zu schmuggeln und eine ruhige Ecke zu finden. Aber fast vier Stunden... es muss Ihnen im Hause Cavanaugh geradezu unheimlich gut gefallen haben."

Kaz zuckte die Schultern, eine Geste, die Jae seine Verlegenheit verriet. "Na ja, es ist eine ganz nette Familie."

"Wie es scheint, mag meine Familie Sie ebenfalls." <Besonders Mama!>

"Sehen Sie, und da dachten Sie, ich hätte keine sozialen Fähigkeiten!" Kaz grinste.

Jae lachte schelmisch. "Oh, das hab ich nie gedacht. Kein Taktgefühl vielleicht..."

"Ha!" Kaz warf im gespieltem Ärger die Hände hoch, "Sie sind hier die Taktlose von uns beiden, mein Freund!"

Jae blinzelte, überrascht über diese beiläufige Anrede. <Mein Freund.> Grinsend streckte sie die Hand nach den Autoschlüsseln aus. "Kann ich fahren?"


1258 Z-Zeit (08:58 Uhr EDT)
Anwaltskanzlei Flynt, Emery & Partner
Beaufort, South Carolina

Mac hielt im Schreiben inne, drehte den Kugelschreiber zwischen den Fingern und sah nachdenklich in dem kleinen Büro umher, das John Flynt ihnen zur Verfügung gestellt hatte, weil die Kanzlei näher am Gerichtssaal lag als Hilton Head. Ab und zu beugte sie den Kopf über ihren Notizblock und kritzelte eifrig Notizen für das Schlussplädoyer auf das Papier. Schritt für Schritt ging sie die Ergebnisse der Zeugenbefragungen und die bisher präsentierten Beweise noch einmal durch.

<Die Aussage von Doktor Billingsgate hat uns wirklich sehr geholfen...> überlegte sie, an ihrer Lippe kauend, <so Billingsgate das eigentlich immer tut.> Mac ließ den Stift sinken, als ihr plötzlich wieder einfiel, warum der alte Militärarzt ihr so bekannt vorkam. Er hatte vor 18 Jahren schon Dienst im Militärlazarett getan und hatte sowohl ihren Vater, als auch ihre Mutter mehr als einmal behandelt, wenn Joe MacKenzie betrunken die Treppe hinuntergefallen war oder seine Frau geschlagen hatte. Abrupt klappte Mac den Notizblock zu und ließ achtlos den Kugelschreiber fallen.

Chegwidden, der ihr gegenüber am Schreibtisch gearbeitet hatte, sah auf, als ihr Stuhl über den Boden schabte.

"Sir, ich muss noch mal kurz mit Doktor Billingsgate reden!" erklärte Mac als sie den Schreibtisch umrundete. Mühsam versuchte sie, ihre Aufregung zu dämpfen.

Chegwiddens Augenbrauen zogen sich zusammen, so dass eine tiefe Falte über seiner Nasenwurzel entstand. "Major, Sie wissen, dass wir in etwas über einer Stunde vor Gericht sind!" In seiner Stimme war ein leichtes Grollen.

"Ich weiß, Sir, ich werde pünktlich sein," versicherte Mac eindringlich, "Notfalls komme ich direkt in zum Gerichtssaal."

"Na schön." Chegwidden nickte ihr zu, bevor er sich wieder über seine Akte beugte.

Mac war froh, dass er ihr einfach vertraute, anstatt den Grund für ihren plötzlichen Aufbruch zu hinterfragen. Für lange Erklärungen war später noch genügend Zeit, aber jetzt hatte sie nicht den Nerv dafür. Sie schnappte sich ihre Uniformjacke und das Schiffchen, rannte auf dem Weg nach draußen beinahe John Flynt über den Haufen und verließ eilig die Kanzlei.


1320 Z-Zeit (09:20 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Mac glaubte, nach all den Problemen der letzten Wochen endlich eine Glückssträhne zu haben. Eben hatte ihr Doktor Billingsgate bestätigt, dass Joe MacKenzie zu dem Zeitpunkt, an dem vor 18 Jahren Rory O’Flaherty ermordet worden war, mit einem gebrochenen Kiefer im Lazarett gewesen war. Billingsgate hatte ihn die ganze Nacht dabehalten, um ihm Gelegenheit zu geben, wieder nüchtern zu werden, bevor er ihn nach Hause entließ. <Mein Vater mag ein Taugenichts und ein Säufer gewesen sein, aber ein Mörder war er nicht!> stellte Mac erleichtert fest.

Und nicht nur das: Auf dem Weg nach draußen, war sie in einem der Krankenhauskorridore genau auf den Mann gestoßen, den sie jetzt dringend sprechen wollte; Amos Reilly. Sie geleitete den gehörlosen Mann zur nächsten Sitzgruppe und besorgte sich bei einem Pfleger etwas zu schreiben.

"Sie wussten, dass weder mein Vater noch Luke Foster O’Flaherty ermordet haben können, nicht wahr?" kam sie direkt zum Thema. <Noch 38 Minuten!> "Sie wussten, dass die beiden in eine Kneipenschlägerei geraten waren und die Nacht hier im Lazarett verbrachten!"

Amos Reilly senkte den Kopf und nickte knapp.

Verständnislos schüttelte Mac den Kopf. "Warum haben Sie mir das dann nicht gesagt? Wieso haben Sie mich glauben lassen, mein Vater könne einen Mord begangen haben, nur weil die Tatwaffe ihm gehörte?"

Reilly las den Zettel, wich aber ihrem Blick aus und machte keine Anstalten, nach dem Stift zu greifen, um zu antworten.

Mac neigte den Kopf, als eine plötzliche Ahnung in ihr aufkam. "Das Messer gehörte gar nicht meinem Vater, richtig? SIE haben das Messer von Foster gewonnen, oder?"

Reillys Nasenflügel bebten. Langsam nickte er. "Ich wusste, dass es mich belasten würde, wenn ich das zugebe, aber Sie müssen mir glauben, Sarah, ich habe Rory nicht getötet," kritzelte Reilly in fiebriger Eile, "Ich habe das Messer an meinem Spinnt hängend zurückgelassen, vielleicht hat Rory es angetrunken wie er manchmal war an sich genommen..."

Mac bedeckte mit ihrer Hand die seine, um Reilly daran zu hindern, weiterzuschreiben. "Mister Reilly, ich glaube ich sollte Sie darauf hinweisen, dass Sie nach Artikel 31 des UCMJ keine Aussage machen müssen, die Sie selbst belastet. Vielleicht sollten Sie sich besser einen Anwalt nehmen." Mac schob ihm den Zettel hin und erhob sich. "Ich muss gehen." <Noch 29 Minuten – ich bin überpünktlich!>


1355 Z-Zeit (09:55 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

A.J. warf einen Blick auf seine Armbanduhr, dann auf die Tür des Gerichtssaales. <Noch fünf Minuten! Verdammt noch mal, Mac, wo bleiben Sie denn?> Er hob den Kopf, als die Doppeltüre aufschwang, aber statt wie erhofft Mac sah er Philip Kazdin auf sich zukommen.

"Admiral," grüßte der Senator, "ich hoffe, Sie sind gut darauf vorbereitet, meinen Sohn heute in den Zeugenstand zu rufen?"

A.J. nickte, äußerlich ruhig und gefasst wirkend. Aus den Augenwinkeln sah er den zornigen Blick, den Jeremiah seinem Vater zuwarf. Er war dankbar für die beruhigende Geste, mit der Jae eine Hand auf Kazdins Arm legte. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, waren noch mehr Komplikationen. Macs Verspätung war schon beunruhigend genug.

"Wo ist eigentlich Major MacKenzie?" fragte Senator Kazdin stirnrunzelnd.

A.J. warf erneut einen Blick zur Türe. "Sie müsste jeden Moment kommen," sagte er und wusste nicht, wen er damit mehr überzeugen wollte, Philip Kazdin oder sich selbst.

"Wollte sie nicht die Befragung von Leonora Rosario übernehmen? Wo bleibt sie dann?" Kazdins Stirnrunzeln verstärkte sich.

<Das wüsste ich auch gern.> "Ich kann mir das auch nicht erklären, Mister Kazdin, aber ich bin sicher, dass sie gleich hier sein wird. Major MacKenzie ist normalerweise die Pünktlichkeit in Person."

"Soll das heißen, Major MacKenzie ist verschwunden? Schlägt etwa das Südstaaten-Dreieck wieder zu, so wie damals?" Philip Kazdin grinste, um die Situation aufzulockern.

"Ich verstehe nicht, was Sie meinen," murmelte A.J. abwesend, mehr um den Senator zu beschäftigen, als dass er sich wirklich für diese Geschichte, die sich viel zu sehr nach einer von Buds Phantasien anhörte, interessierte. Stattdessen äugte er immer wieder zur Türe. Leider war es nur John Flynt, der eben hereinkam, während von Mac noch immer nichts zu sehen war.

"Nun, ich hab mir das hier," Kazdin klopfte auf sein Knie, "zugezogen, als ich vor annähernd zwanzig Jahren hier unten in einem Fall ermittelt habe, in dem es darum ging, dass Waffen und Ersatzteile im Wert von mehreren hunderttausend Dollar verschwanden. Wir haben das Gebiet um Beaufort damals scherzhaft Südstaaten-Dreieck genannt."

"Mmmhm." A.J. fluchte innerlich, als der Richter hereinkam, ohne dass eine Spur von Mac zu sehen war.

Richter Kent setzte sich und bedeutete auch den Anwesenden, wieder Platz zu nehmen, während er den Blick über die Anwaltstische gleiten ließ.

A.J. stellte fest, dass Macs leerer Stuhl ihn kaum zu überraschen schien. Zu seiner Erleichterung sah Richter Kent über Macs Abwesenheit hinweg, ohne ein Wort dazu zu sagen. Er warf einen kurzen Blick in Macs Unterlagen und erhob sich dann, um die Zeugenbefragung an Macs Stelle zu übernehmen.

Glücklicherweise waren sie die Befragung von Leonora Rosario schon so oft durchgegangen, dass A.J. sie fast auswendig konnte. Mit einem Ohr lauschte er immer in Richtung der Eingangstüre, aber das vertraute Klacken von Macs Absätzen auf dem Steinboden blieb aus. Als er sich wieder setzte, wusste er, dass Leonora und ihre memoria-Nachricht bei den Geschworenen den gewünschten Eindruck hinterlassen hatten.

"Lieutenant Kazdin, nun da alle Zeugen befragt wurden, dürfen auch Sie sich noch zum Sachverhalt äußern," wandte sich der Richter schließlich an Kazdin, "Ich belehre Sie darüber, dass Sie keine Aussage bezüglich der Vergehen, die Ihnen hier vorgeworfen werden, machen müssen. Sie haben jedoch das Recht, eine vereidigte oder unvereidigte Aussage zu machen. Jede Aussage, die Sie machen, kann in einer Militärgerichtsverhandlung gegen Sie verwendet werden."

Jeremiah Kazdin erhob sich. Seine breitschultrige Gestalt ragte über dem Tisch der Verteidigung auf. "Ich möchte aussagen, euer Ehren, und ich bin zu einer vereidigten Aussage bereit."

A.J. folgte ihm hinüber zum Zeugenstand und hob die rechte Hand. "Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr Ihnen Gott helfe?"

"Ich schwöre." Kazdin nahm Platz.


1520 Z-Zeit (11:20 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

Erleichtert darüber, dass die Anhörung nach der letzten Zeugenbefragung vertagt worden war, zugleich aber auch ärgerlich und zunehmend besorgt verließ A.J. den Gerichtssaal. Im Gehen hämmerte er auf sein Handy ein, doch Mac nahm nicht ab, ganz egal, wie lange er es klingeln ließ. Er war nicht einmal sicher, ob sie ihr Mobiltelefon überhaupt mitgenommen hatte.

Er überquerte den Truppenübungsplatz und näherte sich dem flachen, rotbraunen Gebäude, in dem das Militärlazarett untergebracht war. Der Mietwagen, den Mac gefahren hatte, stand auf dem Parkplatz. <Ist sie etwa immer noch hier?> A.J. konnte nicht so richtig daran glauben. Sicher hätte Mac ihn doch zumindest benachrichtigt, wenn sie aus irgendeinem Grund im Lazarett aufgehalten wurde und es nicht wie erwartet rechtzeitig zum Anhörungsbeginn schaffen konnte, oder? Er ging um das Auto herum und bückte sich, um besser erkennen zu können, was da auf dem Beifahrersitz lag. Es waren Macs Uniformjacke und ihr Schiffchen. <Also hat sie nicht vorgehabt, sich außerhalb des Gebäudes weiter als bis zurück zum Auto zu bewegen.>

Er betrat den Krankenflügel und fragte sich durch, bis er Doktor Billingsgate gefunden hatte, nur um dann zu erfahren, dass Mac das Lazarett schon vor fast zwei Stunden wieder verlassen hatte.

Langsam verließ er das Gebäude wieder. <In letzter Zeit scheint es irgendwie zur Gewohnheit zu werden, dass ich nach Mac suche! Wo zum Teufel ist sie nur?> Das ungute Gefühl, dass irgendetwas geschehen war, nahm immer mehr zu. Er wusste, dass gerade Mac mit ihrer präzisen inneren Uhr niemals einen so wichtigen Termin versäumt hätte. Sie hatte offenbar vorgehabt, sich vom Lazarett aus gleich zum Gerichtssaal zu begeben. Hatte sie beschlossen, das schöne Wetter zu genießen und die 500 Meter zum Gerichtssaal zu Fuß zu gehen?

Ratlos und ohne zu wissen, wo er noch suchen sollte, schlenderte A.J. in Richtung des Gerichtssaales. Seine Augen glitten über Baracken, Verwaltungsgebäude und Lagerhallen. Hatte Mac diesen Weg genommen?

Er verlangsamte seinen Schritt und drehte den Kopf, als er aus den Augenwinkeln sah, wie sich ein Schatten zwischen zwei Lagerschuppen bewegte. "Mac?" rief er aus einer Ahnung heraus in das Halbdunkel zwischen dem hochgeschichteten Schutt. Er lauschte. Irgendwo tropfte Wasser aus einem Tank und trommelte rhythmisch auf eine Metallplatte, aber ansonsten blieb alles still. A.J. trat einen Schritt näher.

Wieder glaubte er, eine schwache Bewegung zu sehen. Ein Stahlrohr, das an einer der Wände gelehnt hatte, kippte zur Seite und gab den Blick auf eine blasse Hand frei.

<Oh, verdammt!> A.J. ließ seine Aktentasche fallen und stürzte los.

Mac lag zwischen einem Wassertank und einem Bündel Stahlrohre, mit einer Schulter gegen die Wand des Lagerschuppens gesunken. Einer ihrer Schuhe war ihr vom Fuß geglitten und dort, wo ihr Kopf an der Wand ruhte, schimmerte Blut auf dem Metall.

A.J. schleuderte die Stahlrohre aus dem Weg und ließ sich neben Mac auf ein Knie sinken. "Mac?" Er musste gegen den Kloß in seinem Hals ansprechen. Die Hand, die nach Macs Puls tastete, zitterte kaum merklich. Ihre Haut fühlte sich kalt und klamm an. Vier unendlich wirkende Sekunden lang hielt er den Atem an, ehe er endlich ein schwaches, unregelmäßiges Pochen unter seinen Fingerspitzen spürte.

Er stieß ein stummes Dankgebet aus und als er näherrutschte, bemerkte er, dass sie atmete, flach und langsam zwar, aber sie atmete. Vorsichtig hob er eines ihrer Lider an und glaubte, ein schwaches Stöhnen zu hören. Macs Pupillen waren verengt und reagierten nicht auf das Licht, das jetzt auf sie fiel.

Mit einem routinierten Blick, den er seit Vietnam nicht verlernt hatte, untersuchte A.J. sie, konnte aber außer der kleinen Platzwunde am Hinterkopf keine anderen Verletzungen erkennen, nichts, was ihre tiefe Bewusstlosigkeit und den schwächer werdenden Herzschlag verursacht haben konnte.

Der Knopf am linken Ärmel ihrer Uniformbluse war abgerissen und der Ärmel nach hinten gerutscht. Ein einzelner Blutstropfen war in ihrer Armbeuge getrocknet. Vorsichtig tastete A.J. mit dem Finger darüber. <Ein Einstich!> Ihm fiel plötzlich wieder ein, wo er so etwas Ähnliches schon einmal gesehen hatte: Ein junger, unerfahrener Sanitäter hatte in Vietnam einem Schwerverletzten versehentlich eine Überdosis Morphium gespritzt, als alle anderen Schmerzmittel aufgebraucht waren, und A.J. hatte zusehen müssen, wie der Verletzte beinahe an einer Atemlähmung und Herzstillstand gestorben wäre.

Er warf einen Blick hinab auf Mac, deren bewusstloser Körper angefangen hatte, krampfartig zu beben, und dann zum anderen Ende des Truppenübungsplatzes, wo das Lazarett lag. Die 500 Meter erschienen jetzt wie eine unüberwindbare Distanz. Er wusste, dass ihm – und vor allem Mac - die Zeit davonlief.

Angestrengt versuchte er sich daran zu erinnern, was dem jungen Mann damals das Leben gerettet hatte. <Kreislauf anregen! Ich muss ihren Kreislauf anregen!> Sein Blick fiel auf den Tank hinter Mac, aus dem noch immer Wasser tropfte. Ohne lange zu überlegen, packte er eines der Stahlrohre und schlug den Hahn ab, der in Kopfhöhe aus dem Tank ragte. Ein breiter Wasserstrahl schoss sofort aus der entstandenen Öffnung und durchnässte ihn. A.J. achtete nicht darauf.

Vorsichtig ihren Kopf stützend, schlang er die Arme um Macs Taille, zog sie hoch und trat mit ihr unter den eiskalten Wasserstrahl.

Macs Kopf rollte haltlos zurück auf seine Brust und er drehte sich ein wenig, so dass das Wasser sie nicht direkt im Gesicht traf. "Sie werden hier nicht so einfach sterben, ist das klar, Major?!" rief er gegen das Prasseln des Wassers an. "Es sei denn, ich bin derjenige, der Sie umbringt, dafür, dass Sie mich vor Gericht haben stehen lassen – und glauben Sie mir, ich wäre sehr viel kreativer als das hier!"

Das kalte Wasser ließ ihn frösteln, trug aber nicht dazu bei, ihn zu beruhigen. Er schlang den rechten Arm enger um Mac, strich ihr mit der Linken das Wasser aus dem Gesicht und tastete nach ihrem Puls. <Ist das Wunschdenken oder ist er wirklich stärker geworden?>

"Hey, Sie! Was zum Teufel tun Sie da?" Ein Marine stand vor ihm und starrte verblüfft die beiden Menschen unter der improvisierten Dusche an.

A.J. drehte sich, so dass der Soldat seine Rangabzeichen sehen konnte, trat aber nicht unter dem Wasserstrahl hervor. "Nach was sieht es denn aus?!" brüllte er ungehalten zurück, "Ich versuche, ihr das Leben zu retten, also warum laufen Sie nicht zum Lazarett hinüber und holen Hilfe!"

Der Marine starrte noch drei Sekunden länger, dann setzte er sich endlich in Bewegung. "Ja, Sir." Er rannte davon.

A.J. spürte, dass Mac in seinen Armen heftig zu zittern begann, aber er konnte nicht sagen, ob das durch die Kälte des Wassers verursacht wurde oder ob es Krämpfe waren.

Mac begann zu husten und stöhnte leise. A.J. drehte den Kopf und sah, dass ihre Lider flatterten, als kämpfe sie gegen die Bewusstlosigkeit an. Dann hoben sich ihre Lider langsam und die vertrauten braunen Augen blickten ihn an, bevor sie sich müde wieder schlossen. "Admiral..."

A.J. konnte ihre schwache Stimme über dem Wasser, das auf seine Schultern hinabtrommelte, kaum hören, aber dennoch hatte sein Rang selten so gut in A.J.s Ohren geklungen.

Er bückte sich, schob seinen zweiten Arm unter ihre Kniekehlen und hob sie hoch. Ihr jetzt wieder etwas regelmäßiger werdende Atem streifte beruhigend seine Wange, als er sie von dem Wassertank weg und den herbeieilenden Ärzten entgegen trug.


1711 Z-Zeit (13:11 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

A.J. hörte den Erklärungen des Arztes zu, ohne sich zu ihm umzudrehen. Er stand am Fußende von Macs Bett und sah ihr einfach nur beim Atmen zu.

"Admiral, halten Sie es für denkbar, dass Major MacKenzie psychotrope Substanzen nimmt?" erkundigte sich Doktor Billingsgate auf das Blatt mit den Laborergebnissen hinabblickend.

A.J. drehte sich zu dem Militärarzt um und sah ihn stirnrunzelnd an. "Psychotrope Substanzen?" wiederholte er langsam. Seine Stimme war rau in dem Bemühen, nicht zu schreien.

"Drogen, Sir," erläuterte Billingsgate ernst, so als hätte A.J. nicht beim ersten Mal schon viel zu gut verstanden, was er meinte, , "In Major MacKenzies Blut wurden große Mengen von Heroin gefunden. Glücklicherweise hat sie es sich nicht intravenös, sondern unter die Haut gespritzt, sonst hätten Sie sie nie rechtzeitig gefunden. Eine so hohe Dosis führt zu erniedrigtem Blutdruck, Atemlähmung, Koma und schließlich zum Tod."

A.J. atmete scharf ein und aus. <Heroin. Tod.> Die Worte des Arztes hallten in seinem Kopf nach. "Ich halte es für völlig ausgeschlossen, dass der Major sich dieses Zeug selbst gespritzt hat!" erklärte er mit Nachdruck. Gerade Mac kannte die Gefahren des Substanzmissbrauchs und würde nie damit herumexperimentieren.

Der alte Arzt verengte die Augen. "Sie glauben, jemand hat ihr...?"

"Genau das glaube ich!" grollte A.J.

"Aber warum sollte jemand so etwas tun?" Billingsgate schüttelte verständnislos den Kopf.

"Das beabsichtige ich herauszufinden, Doktor." <Und dann Gnade Gott demjenigen, der Mac das angetan hat!>


1614 Z-Zeit (12:14 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Über den Rand seines Eistee-Glases hinweg beobachtete Kaz die beiden Frauen im Raum. Leonora eilte geschäftig wie immer zwischen Wohnzimmertisch und Küche hin und her, um eine Speise nach der anderen auf den Tisch zu bringen.

Jae jedoch saß über ihren Teller gebeugt, ohne Blickkontakt mit jemandem aufzunehmen, wie es sonst ihre Gewohnheit war, und stocherte in ihrem Essen herum. Ihr sonst so herzhafter Appetit schien verschwunden zu sein.

Kaz räusperte sich, um Jaes Aufmerksamkeit auf seine Hände zu lenken. "Die Chayote sind gut, nicht wahr?" Er deutete auf eines der puertoricanischen Gemüsegerichte und wartete prüfend auf Jaes Antwort.

Jae nickte nur, sagte aber nichts, was Kaz überraschte. Die Jae Cavanaugh, an die er gewöhnt war, redete praktisch ununterbrochen. Heute aber war sie ungewöhnlich still. Ihr Gesicht, das sonst stets wie ein offenes Buch – in großen Druckbuchstaben – war, wirkte nun nachdenklich und verschlossen.

Jedes einzelne dieser Anzeichen für sich wäre schon seltsam genug gewesen, aber zusammengenommen veranlassten sie Kaz, besorgte Blicke zu Jae hinüberwerfen. Er spürte, dass irgendetwas Jae Sorgen machte und er hatte die Befürchtung, dass es mit dem frühmorgendlichen Anruf, den sie erhalten hatte, zusammenhing. Den ganzen Tag über hatte er versucht, sie behutsam zum Sprechen zu bringen. Das war etwas, von dem er nie geglaubt hatte, dass er es einmal tun würde, aber er glaubte, es Jae schuldig zu sein.

Sie hatte dasselbe mehr als einmal für ihn getan, hatte ihm zugehört, seinen Gedanken und Sorgen, mehr als es seit vielen Jahren jemand getan hatte. Es war niemals leicht für ihn gewesen, sich anderen anzuvertrauen, Gefühle mitzuteilen oder Schwächen zu zeigen, aber mit Jae... mit Jae war das anders. Er wusste, dass er ihr vertrauen konnte. Es war beängstigend und gleichzeitig schien es wie etwas, was ihm sein ganzes Leben lang gefehlt hatte. Plötzlich hatte er sich dabei ertappt, wie er über seine Vergangenheit sprach. Er hatte so vieles jahrelang für sich behalten, es tief in sich begraben. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich sicher genug, um seine Gedanken und seine Vergangenheit mit jemandem zu teilen.

Und jetzt brauchte Jae jemanden, der dasselbe für sie tat, und Kaz war entschlossen, diese Rolle zu übernehmen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wie. "Jae?" Er benutzte seine Stimme, weil er sicher war, dass ihm das ihre volle Aufmerksamkeit einbringen würde.

Als sie aufsah, umrundete er den Tisch, um aus nächster Nähe mit ihr sprechen zu können, so wie sie das immer getan hatte. "Jae, ich weiß, es geht mich im Grunde genommen nichts an, aber... irgendetwas stimmt nicht, oder? Sie sind ziemlich still, seit Sie diesen Anruf heute morgen bekommen haben. Ist... ist alles in Ordnung mit Jessie?" Kazs Hände schlossen sich unwillkürlich zu Fäusten bei diesem Gedanken.

Jaes grüne Augen schimmerten verdächtig, als sie den Kopf schüttelte. Ihre Unterlippe zitterte leicht.

<Oh Gott, bitte lass sie nicht in Tränen ausbrechen!> Kaz war geschockt, die sonst so lebenslustige und energiestrotzende junge Frau so verletzlich zu sehen. Für einige Momente stand er hilflos da und wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Emotionen machten ihn nervös und es war ihm meist unangenehm, jemanden zu berühren. Er zögerte einige Sekunden lang, dann streckte er einfach die Hände aus und zog Jae in eine Umarmung, die ebenso fest wie unerwartet war – vor allem für ihn selbst. Er hatte nicht vorgehabt, sich zu bewegen und ganz sicher hatte er nicht vorgehabt, Jae einfach in die Arme zu schließen.

Jae erwiderte die Umarmung ohne zu zögern und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Einen Moment lang stand Kaz erstarrt da, dann versuchte er sich zu entspannen und legte die Wange gegen Jaes blondes Haupt. Die vorsichtige Sanftheit seiner Berührung überraschte ihn selbst.

Ihr Atem streifte seinen Hals, als Jae zitternd ausatmete und nach einer Weile spürte er, dass die Spannung in ihrem schlanken Körper nachließ. Sanft löste er sich von ihr, um seine Hände für eine Frage benutzen zu können. "Also, was ist denn nun los?" Er kam sich in seiner Rolle als Tröstender ziemlich unbeholfen vor, hatte er sich doch sein ganzes Leben lang um solche emotionalen Angelegenheiten immer darum herumgedrückt.

Jae atmete tief durch. "Collin... Jessies Vater ist wieder aufgetaucht – und er will Jessie."

<Wieder aufgetaucht?> Kaz hob fragend die Brauen. "Sie haben geteiltes Sorgerecht? Ist Ihre Scheidung schon rechtskräftig?" Kaz stürzte sich auf diese juristischen Fragen, froh, endlich wieder ‚festen Boden unter den Füßen’ zu haben.

Jae schnaubte. "Wir waren nie verheiratet. Wir waren schon eine ganze Weile zusammen, seit der Offiziersanwärterschule, aber als ich mit Jessie schwanger wurde, musste ich feststellen, dass ich ihn nicht so gut kannte, wie ich dachte... er hat mich sofort verlassen, als er es erfahren hat," gestand die junge Frau und senkte den Blick, als habe sie Grund, sich für das Verhalten ihres Ex-Freundes zu schämen.

<Verlassen? Jae? Er hat Jae verlassen?> Ungläubig schüttelte Kaz den Kopf. "Hey," Kaz trat einen Schritt näher und berührte sie flüchtig an der Wange, "das war sein Fehler, nicht Ihrer! Kein Offizier und Gentleman, hm?" Er lächelte, um ihr zu zeigen, dass er sie als unverheiratete Mutter nicht verurteilte, sondern ihr ganz im Gegenteil sogar großen Respekt entgegenbrachte.

Jae blinzelte und erwiderte das Lächeln tapfer. "Ein Offizier schon, aber ein Gentleman... ich kann nicht verstehen, wieso er plötzlich das Sorgerecht für Jessie will. Er hat sie noch nie gesehen und ihre Existenz bisher vollkommen ignoriert. Aber ich kenne Collin, er macht vor nichts Halt und er hat eine ziemlich einflussreiche Familie..."

<Nicht so einflussreich wie meine!> Kaz war entschlossen, notfalls sogar seine Eltern um Hilfe zu bitten, obwohl er das bisher energisch vermieden hatte. <Aber ich bin sicher, dass dieser Collin-wie-auch-immer ohnehin keine Chance in einer Sorgerechtsverhandlung hätte!>

Jae presste besorgt die Lippen aufeinander. "Wenn Collin sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kämpft er solange dafür, bis er bekommt, was er will."

Kaz schüttelte entschlossen den Kopf. "Nicht diesmal." <Nicht Jessie!> "Wir werden schon dafür sorgen, dass er Jessie nicht bekommt," sagte er und war erstaunt darüber, wie leicht er die Bezeichnung ‚wir’ verwendet hatte, "Ich würde Sie auch in der Sorgerechtsverhandlung vertreten, aber ich schätze, ein solches Angebot von einem Mordverdächtigen bedeutet Ihnen nicht viel, was?"

Jae sah mit einem so unglaublich vertrauensvollen Ausdruck in den grünen Augen zu ihm auf, dass Kaz für einen Moment sogar das Atmen schmerzte. Langsam schüttelte sie den Kopf. "Ich glaube, das ist der einzige Punkt, in dem Sie nicht recht haben. Es bedeutet mir eine ganze Menge, Kaz."


1830 Z-Zeit (14:30 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

"Also, zu meinen Zeiten hieß es immer, wir Marines hätten so harte Köpfe, aber nein, Sie mussten sich ja niederschlagen lassen, Major!" John Flynt zwinkerte Mac zu und reichte ihr lächelnd einen Blumenstrauß.

Mac spürte, wie sie rot wurde, auch wenn Flynts Worte nur ein Scherz gewesen waren. Sie kam sich ziemlich hilflos und idiotisch dabei vor, sich als Marine einfach so niederschlagen zu lassen, ohne den Täter auch nur gesehen zu haben, und jetzt hier in diesem Krankenhausbett zu liegen, wo sie dem Admiral nicht die geringste Hilfe sein konnte. Vorsichtig lehnte sie sich im Bett nach vorne, um den Blumenstrauß entgegenzunehmen. Glücklicherweise blieb die Übelkeit, die sie nach ihrem Erwachen gequält hatte, diesmal aus und auch die grippeähnlichen Symptome, die der Abfall des hohen Opiat-Spiegels in ihrem Blut verursacht hatte, wurden langsam schwächer.

"Niedergeschlagen?" erkundigte sich Jae Cavanaugh, die mit Kazdin und Flynt gekommen war, besorgt.

"Haben Sie erkennen können, wer es war?" fügte John Flynt seine Frage der ihren hinzu.

Mac schüttelte leicht den Kopf. "Nein, es ging zu schnell, als dass ich jemand hätte erkennen können. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich auf dem Weg zum Gerichtssaal war, jemanden hinter mir hörte und als ich mich umdrehen wollte..." Sie presste die Lippen zusammen und rieb sich gedankenverloren über ihre linke Armbeuge, wo ein Pflaster das Einstichmal verdeckte. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass das kein Zufall war, dass es irgendetwas mit dem alten Mordfall zu tun hat, Sir." Sie richtete ihre Worte an Chegwidden, der am Fuß des Bettes stand und seit ihrem Erwachen kaum von ihrer Seite gewichen war.

"Oh, ich weiß nicht, Major," warf John Flynt zweifelnd ein, "der Stützpunkt kann manchmal schon ein ziemlich rauer Ort sein, wer kann schon immer sagen, was da dahintersteckt?"

"Hm," Chegwidden rieb sich das Kinn, "Senator Kazdin hat gestern eine ganz ähnliche Bemerkung gemacht. Er sprach davon, dass hier vor knapp 20 Jahren Waffen und Ersatzteile verschwunden sind. Ich frage mich, ob das etwas mit dem Mord an O’Flaherty zu tun hatte. Vielleicht hat sich jemand durch Ihre Ermittlungen bedroht gefühlt und wollte Sie erst mal außer Gefecht setzen, Major."

Es klopfte an der Türe und Amos Reilly trat ein. Als er den Raum voller Besucher fand, trat der Gehörlose unsicher näher.

John Flynt warf hastig einen Blick auf seine Armbanduhr. "Ich muss zurück in die Kanzlei. Erholen Sie sich gut, Major." Er nickte Mac zu und ging.

Reilly nahm zögernd seinen Platz rechts von Macs Krankenbett ein und sah Jae hilfesuchend an, bis diese verstehend nickte und vortrat, um für ihn zu übersetzen. "Tut mir leid, dass Ihnen das passiert ist, Sarah. Sie konnten nicht sehen, wer das getan hat, oder?" Der Gehörlose deutete auf ihren linken Arm.

<Ich sollte ein Schild schreiben, damit ich nicht jedem, der hier rein kommt, diese Frage beantworten muss!> Mac seufzte. "Nein, das konnte ich leider nicht. Und bitte nennen Sie mich Mac, Mister Reilly." Sie war nicht mehr die kleine Sarah, die ihrem Vater und seinen Trinkkumpanen auf Zuruf ein Bier holte, und das wollte sie Reilly unmissverständlich zu verstehen geben.

Es klopfte erneut und noch bevor Mac "Herein" rufen konnte, öffnete sich die Türe und sie sah sich ihrer Mutter gegenüber. <Oh, nein, nicht das auch noch!> Mac begann langsam, sich vollkommen überwältigt zu fühlen von all dem Besuch, der da so plötzlich auf sie einstürmte und die Gegenwart mit einer nicht minder schmerzhaften Vergangenheit verknüpfte.

"Schätzchen, ich bin gekommen, sobald ich davon gehört habe..." Deanne ließ sich neben Mac auf die Bettkante sinken. "Wie geht es dir? Tut es noch sehr weh?" Ihre Hand hob sich, um über den Druckverband auf ihrem Hinterkopf zu tasten.

Mac zuckte zurück und rutschte ein wenig im Bett zur Seite. Sie fühlte sich durch die plötzliche Nähe ihrer Mutter beinahe erdrückt – und das nicht nur im körperlichen Sinne. "Es geht mir schon wieder ganz gut, Mutter," murmelte sie, verlegen darüber, dass der Admiral und ihre anderen Besucher zusahen, wie sie wie ein hilfloses Kind behandelt wurde.

"Hallo, Mrs. MacKenzie," sagte Jae Cavanaugh.

Deanne drehte sich zu der jungen Frau um. "Myers," verbesserte sie mit Nachdruck, "kennen wir uns?"

"Mum, das ist Lieutenant Cavanaugh, sie ist Gebärdendolmetscherin," erklärte Mac sanft. Sie war sich nicht sicher, wie ihre Mutter auf die Anwesenheit von Amos Reilly reagieren würde. "Sie übersetzt für Mister Kazdin und Mister Reilly."

Deanne folgte ihrem Blick. "Reilly? Amos Reilly?" Aus zusammengekniffenen Augen starrte sie den älteren Gehörlosen an.

Reilly nickte stumm.

"Es überrascht mich wirklich, Sie hier zu sehen. Ich hätte gedacht, dass Sie sich schon längst zu Tode getrunken hätten!" murmelte Deanne bitter.

Jae warf Mac einen fragenden Blick zu und sie bedeutete der Dolmetscherin durch ein Kopfschütteln, die Worte ihrer Mutter nicht zu übersetzen. Dass Joe MacKenzie sie einst verletzt hatte, war noch lange kein Grund, jetzt seinen ehemaligen Freund zu verletzen. Mac wusste, dass eine so billige Rache nur einen schalen Geschmack zurückgelassen hätte, keinen Triumph.

"Ist es passiert, gleich nachdem Sie mit mir gesprochen hatten?" nahm Reilly seine vorherige Frage wieder auf und näherte sich dem Bett auf der Seite, auf der Deanne nicht saß.

"Auf dem Weg zum Gerichtssaal, ja." Mac runzelte die Stirn, als sie zusah, wie Reilly sein Gewicht vom einen Fuß auf den anderen und wieder zurück verlagerte. "Wieso?"

"Ich bin schon seit 18 Jahren nicht mehr hier in Beaufort stationiert und ich weiß nicht, was heute hier so vorgeht, aber damals, als auch Ihr Vater hier gedient hat, gab es Gerüchte über krumme Geschäfte..." Reilly wich ihrem Blick aus.

"Krumme Geschäfte....," wiederholte Mac, "... in die mein Vater verwickelt war?"

Deanne schnaubte spöttisch. "Darauf kannst du aber wetten, Schätzchen. Deinem Vater war jedes Mittel recht, um sich Geld für noch mehr Alkohol zu verschaffen!"

<Deinem Vater!> Mac zuckte unter diesen zwei einfachen Worten zusammen wie unter einem Schlag. Noch kein einziges Mal hatte sie gehört, wie Deanne ihn ‚mein Ex-Mann’ genannt oder ihn zumindest mit dem Vornamen bezeichnet hatte, stets war er Macs Vater und aus irgendeinem Grund rief das Schuldgefühle in Mac hervor. Und es erinnerte sie immer wieder daran, dass Deanne nicht nur Joe MacKenzie verlassen hatte, sondern ihren Vater – und damit auch sie.

"Nein, Mrs MacKenzie... Myers, das hat er nicht, nicht auf diese Art," Reilly sah Deanne zum ersten Mal in die Augen, bevor er Mac anblickte. "Ihr Vater hat sogar versucht..." Der Gehörlose brach ab.

"Was hat er versucht?" drängte Mac, zwischen Reilly und der blonden Dolmetscherin hin und her sehend.

"Luke... Foster... ich hatte den Verdacht, dass er damals in ein paar krumme Geschäfte verwickelt war... in der Abteilung, in der wir arbeiteten, sind immer wieder Ersatzteile und sogar Waffen verschwunden und wir anderen glaubten, dass Luke etwas darüber wusste. Rory versuchte, herauszufinden, wer noch darin verwickelt sein könnte, vermutlich, um Vorteile für sich selbst erpressen zu können – Sie wissen ja, was für ein Spieler er war," Reilly sah nur Mac an, nicht aber Deanne, "Ich glaube, das war auch der Grund, warum Joe sich mit Rory gestritten hat; er wollte Rory von diesen Erpressungen abhalten, weil er glaubte, das würde nur Ärger geben."

Mac zupfte nachdenklich mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. Es erleichterte sie zu hören, dass Joe MacKenzie die Uniform, die er getragen hatte, nicht auch noch durch eine Erpressung oder Unterschlagungen beschmutzt hatte. <Und diesmal hatte er sogar recht - es hat Ärger gegeben!> Hatte O’Flaherty trotz der Warnung ihres Vaters versucht, die Beteiligten zu erpressen und war deshalb umgebracht worden? War tatsächlich Foster der Täter? Oder waren noch andere von Fosters Kollegen oder gar Vorgesetzten beteiligt?

Mac fragte sich plötzlich, ob Quentin Raine, der damals als Lieutenant der verantwortliche Offizier für die Wartung und Verwaltung der Einzelteile der Hornet-Staffeln verantwortlich gewesen war, etwas von den Unterschlagungen gewusst hatte. Es erschien Mac ziemlich gewagt, den jetzigen Kommandeur des Luftwaffenstützpunktes der Unterschlagung zu beschuldigen, aber andererseits hatte Raine immer als exzellenter Offizier gegolten, der seine Abteilung gut im Griff hatte. Mac konnte sich noch gut an die Strafdienste erinnern, die ihr Vater und seine Freunde leisten mussten, wenn Raine einen von ihnen wieder einmal bei einer Nachlässigkeit erwischt hatte. Wäre ein Schmuggelring, der direkt vor seiner Nase arbeitete, seiner Aufmerksamkeit wirklich entgangen?

"Und Joe hatte Recht, es gab wirklich Ärger," sagte Reilly nach einer Weile, "Rory verschwand plötzlich und wurde als Fahnenflüchtiger gesucht und wir anderen wurden mit Ausnahme von Luke in alle Himmelsrichtungen versetzt."

"Es gab immer Ärger, wenn Joe MacKenzie in der Nähe war!" warf Deanne ein. Ihre Hand ruhte schwer auf Macs Handgelenk, das zwischen ihren Fingern fast zart wirkte.

"Mum, bitte..." Hilflos sah Mac ihre Mutter an. Sie fühlte sich persönlich angegriffen durch die hasserfüllten Bemerkungen ihrer Mutter und das verwirrte sie. <Ich bin doch wohl die letzte, der etwas daran liegen kann, meinen Vater zu verteidigten, oder?> Dennoch fühlte sie sich mehr und mehr in die Ecke gedrängt.

Der Admiral, der sich die ganze Zeit über im Hintergrund gehalten hatte, trat ins Zentrum des Raumes. "Ich denke, es ist Zeit, dass wir gehen," erklärte er und sein entschlossener Blick umfasste jeden einzelnen Besucher, "Sie brauchen sicherlich noch ein wenig Ruhe, Major."

Erleichtert sah Mac zu, wie sogar Deanne sich auf Chegwiddens unmissverständliche Aufforderung hin erhob. "Ich komme morgen noch mal vorbei, ja, Schatz? Oder du besuchst mit in Harbour Town, wenn du wieder entlassen wirst."

Mac nickte stumm, ohne ihre Mutter wirklich anzusehen. Ihr Blick suchte stattdessen den des Admirals. Stumm dankte sie ihm und ebenso wortlos teilte er ihr mit, dass es keines Dankes bedurfte. Einmal mehr bewunderte Mac ihrer beider Fähigkeit, eine gesamte Unterhaltung ohne Worte zu führen und sie fragte sich plötzlich, wieso ihre Mutter nicht einmal das richtig wahrnahm, was sie sagte, während der Admiral sogar ihr Schweigen verstand.


1912 Z-Zeit (15:12 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

Kaz folgte dem Admiral aus dem Krankenzimmer und musterte beiläufig die übergewichtige Frau, die scheinbar Major MacKenzies Mutter war. Er hatte die Anspannung der Anwältin gespürt, wann immer Deanne Myers das Wort ergriffen hatte oder der Name ihres Vaters gefallen war, und er konnte ihre Gefühle nur zu gut verstehen. <Sieht so aus, als wäre ich längst nicht der einzige, dessen Kindheit weniger als perfekt war!> Sein Blick streifte Jae, die jetzt wieder so ausgeglichen wie immer wirkte. Kaz hatte jedoch in den vergangenen Wochen gelernt, dass ihre heitere Art manchmal dazu diente, dahinterliegenden Schmerz zu verbergen. <Jeder hat seine eigenen Schutzmechanismen.>

Chegwidden drehte sich zu ihm um, als sie den Parkplatz erreichten. "Mister Kazdin, wissen Sie zufällig, wo wir die Ermittlungsakte über den damaligen Unterschlagungsfall finden können? Ich würde mir den Fall ganz gerne mal anschauen und es dauert mir ganz einfach zu lange, die Akte vom Hauptquartier anzufordern, sicherlich lässt sich hier auf dem Stützpunkt eine Kopie davon finden."

"Im Archivraum," antwortete Kaz. Als Reserve-Offizier kannte er sich auf dem Stützpunkt bestens aus, "Ich kann Sie hinbringen."

Zu dritt überquerten sie den Truppenübungsplatz und betraten das Verwaltungsgebäude, in dem sich neben dem Gerichtssaal auch der Aktenraum befand. Chegwiddens Rangabzeichen sorgten dafür, dass niemand sie aufhielt, als sie begannen, den Archivraum nach der Akte zu durchsuchen.

"Hier!" 20 Minuten später hielt Kaz eine Akte hoch. "Ich denke, das ist sie." Er reichte Chegwidden die Akte.

Der Admiral überflog den Ermittlungsbericht. "Die Ermittlung hat keine Hinweise auf einen Verstoß gegen Artikel 121 des UCMJ ergeben. Nichts deutet auf fälschliche Aneignung und Veräußerung von Militäreigentum hin. Laut diesem Bericht sind keine Ersatzteile verschwunden, sondern das Ganze beruht auf einem Inventurfehler." Chegwidden sah von der Akte auf und seine Augenbrauen hoben sich skeptisch.

Kaz runzelt die Stirn. Nach allem, was Reilly erzählt hatte, konnte er kaum glauben, dass lediglich ein Inventurfehler hinter der ganzen Angelegenheit steckte. "Wer waren damals die ermittelnden Offiziere?" erkundigte er sich und wartete mit ahnungsvoller Nervosität, bis Jae seine Frage übersetzt hatte.

"Philip Kazdin und Clark Kent."

"Clark Kent? Der Richter?" Jae sah überrascht zwischen den beiden Männern hin und her.

Kaz öffnete seine Hände, die er unwillkürlich zu Fäusten geballt hatte, um zu antworten. "Ja, genau der Clark Kent. Er und mein Vater sind schon seit Vietnam alte Freunde und später haben sie zusammen bei JAG gedient, bevor mein Vater in die Politik ging. Quentin Raine ist auch einer dieser Freunde aus den Zeiten des Vietnam-Krieges." Kaz starrte auf die geschwungenen Buchstaben, die die Unterschrift seines Vaters auf dem Ermittlungsbericht bildeten und dann auf den Namen des Mannes, dem zu Ehren er seinen zweiten Vornamen erhalten hatte. <Alte Freunde...> wiederholte er seine Gebärden in Gedanken. Kaz wusste, dass sein Vater und dessen Freunde sich wann immer möglich auf dem Weg nach oben auf der Karriereleiter gegenseitig geholfen hatten. Hatte Quentin Raine Ersatzteile in seiner Abteilung verschwinden lassen und war von seinen beiden alten Freunden gedeckt worden?

Kaz war selbst überrascht darüber, wie tief ihn dieser Verdacht traf. Er hatte seinem Vater nie nahe gestanden, hatte ihn nie so geliebt, wie andere Söhne ihre Väter liebten, aber er hatte ihn zumindest respektiert. Er wusste schon seit Jahren, dass Philip Kazdin kein guter Vater war, aber zumindest hatte er immer geglaubt, dass er ein guter Offizier gewesen war. Kaz konnte sich jetzt lebhaft vorstellen, wie Major MacKenzie sich fühlen musste.

Er fragte sich plötzlich, ob sein Vater irgendwie in die Morde an O’Flaherty und Foster verwickelt war. Hatte sein Vater bewusst in Kauf genommen, dass er wegen eines Mordes, den er nicht begangen hatte, zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, um seine eigene Haut zu retten?

"Sie meinen, die drei haben die Unterschlagungen vertuscht?" Mit großen Augen sah Jae zu ihm auf.

Kaz knurrte nur und zuckte mit den Schultern. Er spürte Jaes Wärme an seiner Seite und das beruhigte seine aufgewühlten Gedanken ein wenig. Wortlos berührte sie seinen Arm, eine Geste, für die sich nur sehr wenige Menschen behaglich genug in Kazs Gegenwart gefühlt hätten.

"Noch ist gar nichts erwiesen," warf Chegwidden rational ein, "aber wenn der Mord an Foster wirklich mit dem an O’Flaherty zusammenhängt, dann muss sich Richter Kent von dem Fall zurückziehen. Nach Artikel 26 des UCMJ darf keine Person, die ermittelnder Offizier in einem damit eng zusammenhängenden Fall war, gleichzeitig als Militärrichter fungieren. Das verschafft uns die nötige Zeit, um weitere Ermittlungen anzustellen."

Kaz nickte mit grimmiger Entschlossenheit. "Lassen Sie uns gehen!"


1944 Z-Zeit (15:44 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

<Senator Philip Kazdin, Colonel Raine und Richter Kent...> A.J. rieb sich im Gehen die in Falten gelegte Stirn. Er erinnerte sich jetzt an die Fotos in den Büros von Raine und Kent, die die beiden als junge Soldaten in Vietnam gezeigt hatten. A.J. wusste, wie sehr gemeinsam durchlebte Kriegsschrecken Kameraden zusammenschweißen konnten, aber er bedauerte es, dass Raine diese Loyalität offensichtlich zur Vertuschung eines Verbrechens genutzt hatte.

A.J. ging die wenigen Stufen, die hinauf zum Verwaltungsgebäude führten, hinab und drehte den Kopf, um einen Blick in Kazdins Gesicht werfen und feststellen zu können, wie sehr der Verdacht gegen seinen Vater den verschlossenen Mann getroffen hatte. Er kam nicht dazu, denn plötzlich gab es einen peitschenden Knall. Etwas zischte dicht an seinem Ohr vorbei und traf die Hauswand hinter ihm. Noch während er sich fallen ließ, spürte er, dass Steinsplitter ihm die Haut an Nacken und Hinterkopf aufrissen.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Jae Cavanaugh Kazdin, der den Schuss nicht hatte hören können, mit sich zu Boden riss und ihn instinktiv mit ihrem schlankeren Körper deckte.

A.J. rollte über die Pflastersteine, um kein stationäres Ziel abzugeben, und warf sich dann hinter der Treppe in Deckung. Eine halbe Sekunde später schlug eine Kugel dort ein, wo er sich eben noch befunden hatte.

Jae und Kazdin gingen neben ihm in Deckung, während A.J. versuchte, den Schützen ausfindig zu machen, der jetzt aber sein Feuer eingestellt hatte. Wenn er den Einschlagwinkel der Kugeln richtig berechnet hatte, dann befand sich der Heckenschütze irgendwo in einem der Gebäude ihnen gegenüber.

Probeweise hob er die Akte aus der Deckung, nur um die Hand dann schnell wieder zurückzuziehen, als eine Kugel die Unterlagen streifte. <Wer immer das auch ist, ist ein verdammt guter Schütze!> Finster starrte A.J. zu den offenen Bürofenstern hinüber und versuchte sich daran zu erinnern, was sich in diesem Teil des Gebäudes befand. <Raine!> fiel ihm plötzlich ein. Er erinnerte sich daran, Medaillen und Auszeichnungen von Schießwettbewerben im Büro des Stützpunkt-Kommandanten gesehen zu haben und hatte Mac ihm nicht erzählt, dass Raine früher, während des Vietnam-Krieges, Scharfschütze gewesen war?

A.J. sah sich um. Ihre Deckung war nicht besonders gut, vor allem nicht, wenn man bedachte, dass Raines Komplizen sich vielleicht bereits aus einer anderen Richtung näherten. Irgendwie musste Raine schließlich davon erfahren haben, dass sie drauf und dran waren, den alten Fall zu aufzuklären, vielleicht durch Jeremiah Kazdins Vater. Er wusste nicht, ob der Senator, sollte er wirklich in den Fall verwickelt sein, auf seinen eigenen Sohn schießen würde, aber er wollte nur ungern sein Leben darauf verwetten.

A.J. warf einen schnellen Blick zum Verwaltungsgebäude hinter ihnen. Die Hausecke war nur drei Meter entfernt. Wenn einer von ihnen es schaffte, die Distanz zu überbrücken, konnte er sich in der Deckung des Gebäudes aus der Schusslinie bewegen und die Militärpolizei verständigen, bevor Raine flüchtete, während sie sich hier hinter die Treppe duckten. "Ich könnte versuchen, es bis zur Ecke zu schaffen, aber ich brauche ein Ablenkungsmanöver." A.J. sah seine beiden Begleiter an. Er wusste, dass er ansonsten kaum Chancen hatte, es bis zur Ecke zu schaffen. Raine war ein zu guter Schütze.

"Sie versuchen es hinters Haus zu schaffen," Jae nickte verstehend, "Und wohin gehe ich, Sir?"

A.J. hätte sich eigentlich nicht wundern sollen, dass Jae sich zuerst zu Wort meldete. Sie war diejenige, die für solche Dinge ausgebildet worden war, aber aufgrund der sanftmütigen, freundlichen Art der jungen Frau konnte man nur allzu leicht vergessen, dass sie kein Zivilist war. "Das kommt darauf an, wie Sie Ihr Leben gelebt haben, Lieutenant," antwortete er mit einem Halblächeln.

Jae grinste. "Ich dachte da eher an die nähere Zukunft, Sir."

Eine Kugel ließ über ihnen Mörtel von der Wand bröckeln. "Was lässt Sie denken, ich hätte etwas Anderes im Sinn?"

"Mein natürlicher Optimismus, Sir." Jae lächelte, aber A.J. sah, wie ihre Augen konzentriert die Umgebung beobachteten. "Okay, Sir, von mir aus kann es los gehen. Ich springe die beiden Treppenstufen hoch und ins Verwaltungsgebäude, das sollte Ihnen die Ablenkung verschaffen, die Sie brauchen." Sie wandte sich mit ein paar schnellen Gebärden an Kazdin und nickte A.J. dann zu. Entschlossenheit leuchtete in ihren grünen Augen.

A.J. wartete, bis Jae aufsprang. Er sah, wie eine Kugel über sie hinwegfegte, aber die junge Marine Corps-Ausbilderin hatte die drei Schritte bis zur Türe genau berechnet und würde sie in einer Sekunde sicher erreichen.

A.J. sprintete los.

In unmittelbarer Nähe hörte man das Peitschen eines Schusses, als eine kleinkalibrige Waffe abgefeuert wurde.

<Woher zum Teufel...?> dachte A.J. noch.

Ein zweiter Schuss, diesmal aus noch geringerer Distanz.

Der hochgewachsene Anwalt ging getroffen zu Boden.


2040 Z-Zeit (16:40 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Mac schloss gerade den letzten Knopf ihrer Uniformbluse, als es an der Türe klopfte. <Hoffentlich ist das nicht Billingsgate, der es sich anders überlegt hat.> Mac hatte es vor einer Viertel Stunde endlich geschafft, den Arzt zu überreden, sie auf eigene Verantwortung zu entlassen. Sie hatte nicht vor, auch nur eine Sekunde länger als unbedingt nötig in einem Krankenhausbett zu liegen, während andere ihre Arbeit taten. Entschlossen wandte sie sich der Türe zu. "Herein."

Statt des Arztes erschien Chegwidden im Türrahmen.

Mac warf nur einen Blick in die ernsten braunen Augen und das grimmige Gesicht, in dem die Kiefermuskeln spielten. Mit zwei schnellen Schritten war sie neben ihm. "Sir?"

"Colonel Raine und Richter Kent sind eben verhaftet worden," teilte Chegwidden ihr mit. Seine Stimme klang rau.

<Wie bitte?> Stumm verharrte Mac an seiner Seite und wartete auf weitere Erklärungen. Ihr Blick, der fragend über sein Gesicht glitt, verharrte plötzlich, als sie das Blut sah, das auf seinem Nacken getrocknet war. "Admiral!" Sie trat automatisch einen Schritt näher.

Chegwidden hob abwehrend die Hände. "Das ist nur ein wenig Blut, Major, kein Grund zur Beunruhigung. Nur ein Kratzer."

Mac kniff besorgt die Augen zusammen und sah, dass das Blut tatsächlich aus ein paar Kratzern am Hinterkopf und Nacken stammte. "Wie ist das denn passiert, Sir? Haben Sie sich gestoßen, oder...?"

Chegwiddens Kiefermuskeln spielten. "Nein, nicht unbedingt. Ich... ich hab mir diese paar Kratzer aufgrund einer gewissen... Annäherung an den zeitlichen Rahmen, in dem ein Gewehr abgefeuert wurde, zugezogen." Mit einer gewissen Selbstironie zuckte der Admiral die Schultern.

Mac brauchte nur zwei Sekunden, um zu verstehen, was sie gerade gehört hatte. "Was?" entfuhr es ihr, "Sie wurden angeschossen?!" <Und jetzt versuchen Sie auch noch, sich mit dieser Anwaltssprache aus der Affäre zu ziehen?!>

Chegwidden winkte ab. "Nein, das waren nur ein paar Splitter, die eine der Kugeln aus der Hauswand gerissen hat."

Macs Hände zuckten. Am liebsten hätte sie den Admiral in den nächstbesten Stuhl gedrückt und ihn nicht wieder aufstehen lassen, bevor sie die Schürfwunden nicht verarztet hatte. Schnell verflocht sie ihre Finger ineinander. "Setzen Sie sich doch, Sir, dann kann ich mir das gleich mal ansehen..." Suchend sah sie sich nach dem Verbandsmaterial und dem Jod um, das sie noch vor kurzem irgendwo gesehen hatte.

"Nicht nötig, Major, ich werde mich später selbst darum kümmern," wehrte Chegwidden fast erwartungsgemäß ab, "Das ist nicht die erste Schramme, um die ich mich selbst kümmere." Automatisch rieb er sich über eine Stelle auf seinem kahlen Kopf, an der Mac schon früher eine kleine Narbe bemerkt hatte.

"Sir, die Wunde ist am Hinterkopf," erinnerte Mac sanft, aber energisch, "Sie können sie nicht einmal richtig sehen – es sei denn natürlich, Sie wären ein Schlangenmensch, Sir. In diesem Fall würde ich die Methode, mit der Sie die Wunde verarzten, gerne sehen." Mac neigte den Kopf und sah ihren kommandierenden Offizier erwartungsvoll an.

"Sie dürfen zusehen, wenn Sie versprechen, mir nicht beim Verbiegen im Weg zu stehen, Major," antwortete Chegwidden scheinbar ernst. Nur wer die feinen Nuancen seines Gesichtsausdruckes so gut kannte wie Mac, konnte das Kräuseln seiner Mundwinkel und das humorvolle Funkeln seiner Augen bemerken.

Ohne weitere Proteste nahm er Platz und ließ zu, dass Mac begann, ihm behutsam das Blut vom Nacken zu tupfen. "Sie hatten recht mit Ihrer Vermutung, Major – die beiden Fälle hängen wirklich zusammen."

Mac, die völlig auf die gebräunte Haut seines Halses konzentriert gewesen war, hob den Kopf. "Sie haben sich Einsicht in die Ermittlungsakte von damals verschafft?" vermutete sie. Das war das erste, was sie hatte tun wollen, wenn sie endlich das Lazarett verlassen hatte.

Chegwidden nickte und sie legte automatisch eine Hand entlang des ausgeprägten Kiefers, um seinen Kopf ruhig zu halten. Als sie die Vertraulichkeit der Geste bemerkte, zog sie ihre Finger eilig wieder zurück. "Es sieht so aus, als hätte Quentin Raine als Lieutenant mit Hilfe von Foster und ein paar anderen seiner Untergebenen Ersatzteile im Wert von über hunderttausend Dollar unterschlagen," erklärte der Admiral, "Als man eine Ermittlung anstrengte, hat er es irgendwie geschafft, dass seine beiden alten Freunde, Clark Kent und Philip Kazdin geschickt wurden, so dass die Ermittlung natürlich im Sande verlaufen ist."

Mac schüttelte leicht den Kopf. <Ein Stützpunkt-Kommandant, ein Senator und ein angesehener Richter – und mein eigener Vater ist unschuldig! Oder?> Nachdenklich schraubte sie die Jodflasche zu und trat einen Schritt zurück, um ihr vollendetes ‚Werk’ zu betrachten. "Wie passen die Morde an Foster und O’Flaherty da ins Bild, Sir?"

Chegwidden erhob sich und tastete über das Pflaster in seinem Nacken. Dankend nickte er ihr zu. "Noch haben wir kein Geständnis, aber ich denke, dass O’Flaherty versucht hat, Raine zu erpressen und deshalb ermordet wurde. Vermutlich war es nicht so geplant, ich denke, Raine oder einer seiner Freunde geriet einfach in Panik und hat O’Flaherty mit dem Messer erstochen, das dieser versehentlich eingesteckt hatte, nachdem Reilly es an seinem Spinnt hatte hängen lassen. Vorsichtshalber hat Raine dann nach O’Flahertys ‚Verschwinden’ dafür gesorgt, dass dessen Freunde von Beaufort wegversetzt wurden."

"Außer Foster, Sir," erinnerte Mac, "Vielleicht wusste er Raine zuviel und er wollte ihn lieber unter unmittelbarer Kontrolle behalten." Sie nickte vor sich hin. <Sie haben an alles gedacht, nur haben sie nicht damit gerechnet, dass O’Flahertys Überreste wieder auftauchen und Foster verhaftet werden würde. Vermutlich haben sie Angst gehabt, Foster könnte sie verraten, um seine eigene Haut zu retten!> "Aber wie haben sie es dann geschafft, Foster im Gefängnis zu töten und den Mord Kazdin – Jeremiah Kazdin - anzuhängen?" <Keine voreiligen Schlüsse, Mac! Nicht jeder Vater würde seinem Kind so etwas antun!> "Oder hat Kazdin den Mord tatsächlich begangen, um das Verbrechen seines Vaters zu vertuschen?"

"Das schließe ich aus, Major," die Lippen des Admirals pressten sich grimmig aufeinander, "Jeremiah Kazdin wurde vor einer Stunde von Clark Kent niedergeschossen."


2156 Z-Zeit (17:56 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Kaz wartete, bis Jae die Türe hinter sich zugezogen hatte, und nutzte dann die Gelegenheit, um sich im Bett aufzusetzen. Seit man ihn vom Behandlungszimmer hierher gebracht hatte, hatte die junge Frau ihn nicht mehr aus den Augen gelassen und achtete sogar noch sorgfältiger als die Krankenschwestern darauf, dass er seine verletzte Schulter ruhig hielt. Kaz war es nicht gewohnt, derart bemuttert zu werden, aber er unterdrückte seine natürliche Ungeduld. Er wusste, dass Jae sich schuldig fühlte.

Kaz schüttelte langsam den Kopf. <Sie ist nicht schuld. Sie konnte nicht wissen, dass Kent plötzlich mit einer Waffe aus dem Haus kommen würde, in das sie sich flüchten wollte. Und sie konnte auch nicht wissen, dass ich Idiot unbewaffnet auf Kent zuhechten würde!>

Kaz zuckte zusammen, als ihn jemand am Arm berührte. Er sah auf und begegnete dem besorgten Blick seiner Mutter. Sein Vater stand hinter ihr und sah mit ernster Miene auf Kaz hinab. Bitter fragte sich Kaz, ob dies das letzte Mal sein würde, das er Senator Philip Kazdin außerhalb eines Gefängnisses sehen würde. <Nicht, dass ich ihn zuvor sonderlich oft gesehen hätte...,> erinnerte er sich. Sein fotografisches Gedächtnis war ein Segen für einen Anwalt, aber es hielt auch jede bittere Erfahrung seines Lebens frisch und schmerzhaft in seinem Bewusstsein.

"Wie geht es dir, Jeremiah?" fragte Barbara Kazdin mit unbeholfenen Gebärden.

Kaz zuckte die Schultern, bereute diese Geste aber sofort, als ein scharfer Schmerz seine linke Schulter durchzuckte. "Wie es einem eben so geht, wenn man angeschossen im Krankenhaus liegt..." <Und gerade erfahren hat, dass sein Vater höchstwahrscheinlich dafür verantwortlich und ein Mörder ist!> Er blickte Philip herausfordernd an, aber der Senator begnügte sich im Moment damit, schweigend hinter seiner Frau zu verharren und sie gebärden zu lassen. Kaz hatte nicht vor, ihn damit durchkommen zu lassen. "Wusstest du davon?" fragte er anklagend.

Philip Kazdins tiefblaue Augen verengten sich. "Wie bitte?"

"Wusstest du davon, dass deine Freunde uns erschießen wollten? Wusstest du, dass ich beinahe für einen Mord ins Gefängnis gewandert wäre, den ich nicht begangen habe?" Kaz Gebärden wurden immer heftiger, als er zusah, wie sein Vater sich würdevoll zu seiner vollen Größe aufrichtete und indigniert auf ihn hinabsah. "Wer hat Foster wirklich getötet, hm? Clark Kent? Raine? Du?"

Philips kräftige Hände waren zu Fäusten geballt und zuckten, als könne er sich nur mit Mühe davon abhalten, seinen Sohn zu schlagen.

Herausfordernd und entschlossen, sich nie mehr von seinem Vater einschüchtern zu lassen, begegnete Kaz seinem wütenden Blick.

"Das glaubst du also, ja?" Philip Kazdin war zu aufgebracht, um zu gebärden, aber Kaz konnte die gedehnten Worte von seinen Lippen ablesen. "Du glaubst, dein eigener Vater sei ein Mörder? Na schön! Ich habe ohnehin Wichtigeres zu tun, als mir hier solche Vorwürfe von meinem eigenen Sohn anhören zu müssen!" Der Senator machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zimmer, wobei er fast Major MacKenzie umrannte, die gerade an die Türe hatte klopfen wollen.


2204 Z-Zeit (18:04 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Erstaunt sah Mac den beiden Kazdins hinterher, die mit schnellen Schritten den Korridor hinabgingen, bevor sie das Krankenzimmer betrat.

Jeremiah Kazdin saß gegen die Kissen gesunken im Bett. Ein dicker Verband bedeckte seine linke Schulter und einen Teil der Brust und eine Schürfwunde zog sich quer über seine rechte Wange. Mac las einen Schmerz in seinen blauen Augen, der nichts mit diesen Verletzungen zu tun hatte.

"Hallo." Mac winkte zweimal, so wie sie das bei Jae Cavanaugh beobachtet hatte. "Ihre Eltern waren da?" Sie sprach langsam, ohne die Silben unnötig zu dehnen, damit Kazdin die Worte von ihren Lippen ablesen konnte. "Haben Sie mit Ihrem Vater geredet?"

Kazdin schüttelte schroff den Kopf.

Mac zögerte. Es war klar, dass er nicht darüber sprechen wollte und niemand konnte das besser verstehen als sie. Dennoch wusste sie inzwischen, dass Schweigen keine Lösung war, weder für sie, noch für Kazdin. "Vielleicht sollten Sie das tun... mit Ihrem Vater reden, meine ich." <Ich habe zu lange gewartet und als ich mich endlich dazu durchringen konnte, war es zu spät...>

Kazdin nahm mit grimmiger Miene einen kleinen Block vom Tisch neben sich und begann zu schreiben. Mit einer wütenden Bewegung riss er schließlich den Zettel ab und hielt ihn Mac hin. "Es gibt nichts zu reden. Ich trage den Namen eines Mörders, genauer gesagt: von zwei Mördern."

Mac brauchte einen Moment, um sich zu erinnern: Kazdins voller Name lautete Jeremiah Clark Kazdin – sein Vater hatte ihn nach seinem Freund, Richter Kent, benannt. Sie nickte langsam und war plötzlich froh, nicht dasselbe von sich sagen zu müssen. "Vielleicht sollten Sie sich Gewissheit verschaffen," schlug Mac sanft vor. Normalerweise war sie kein Mensch, der sich in das Privatleben von anderen einmischte, aber sie sah so deutliche Parallelen zwischen sich und Kazdin und sie wollte nicht, dass er sich später irgendwann dieselben Vorwürfe machen musste wie sie selbst. Wenn dieser Fall, diese ‚Reise in die Vergangenheit’, Mac eines gelehrt hatte, dann, dass es Dinge gab, die man einfach nicht alleine durchstehen konnte. Manchmal war es einfach gut, eine helfende Hand zu haben. Und noch eines hatte sie gelernt: Ihr Vater war zwar bei weitem nicht perfekt und hatte sehr viele Fehler in seinem Leben gemacht, nicht zuletzt als Vater und Ehemann, aber er war dennoch nicht das Monster, für das ihre Mutter ihn hielt. Sie hoffte, dass dasselbe auch auf Kazdins Vater zutraf. "Noch wissen wir ja nicht, ob Ihr Vater wirklich in die Mordfälle verwickelt ist. Geben Sie ihm die eine Chance, in Ruhe mit Ihnen zu reden – dann werden Sie sich zumindest nie ‚Was wäre gewesen, wenn ich es doch getan hätte?’ fragen müssen."

Es gab viele Dinge, die sie selbst nie mehr von ihrem Vater erfahren würde und ein Teil von ihr bedauerte das.

Sie blickten sich an und Mac sah, dass er sie verstanden hatte – nicht nur ihre Worte, sondern auch das, was sie nicht gesagt hatte.

Bleich ließ Jeremiah Kazdin sich in die Kissen zurücksinken und nickte leicht, bevor er die Augen schloss.


2205 Z-Zeit (18:05 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Vorsichtig balancierte Jae zwei Tassen Kaffee in ihren Händen, als sie den Korridor hinabging. Erstaunt sah sie von den Tassen auf, als sie laute Stimmen vor sich hörte. <Wer brüllt hier in einem Krankenhaus so herum? Autsch!> Der Kaffee schwappte über und verbrannte ihr die Hand, als sie Kazs Eltern erkannte und abrupt stoppte. Vorsichtig stellte sie die Kaffeebecher in einer Fensternische ab. "Senator, Mrs Kazdin," höflich nickte sie den beiden zu, "Sie wollen sicher zu Kaz... zu Jeremiah?"

"Da kommen wir gerade her," erklärte Barbara leise. Jae fiel auf, dass sie ziemlich blass war.

"Schläft er?" Jae konnte sich keinen anderen Grund denken, warum seine Eltern so schnell wieder gehen sollten.

Senator Kazdin schnaubte. "Mit offenen Augen vielleicht, ja!" murmelte er halblaut vor sich hin.

"Sie haben sich gestritten," kam Jae langsam die Erkenntnis.

Philip Kazdin zuckte die Schultern auf eine Art und Weise, die Jae schon von Kaz kannte. Die Geste sollte das Gesagte lässig als etwas Unwichtiges abtun, verriet Jae aber in Wirklichkeit verletzte Gefühle. "Hören Sie, Lieutenant Cavanaugh..."

"Jae," unterbrach die junge Frau lächelnd.

"Hören Sie, Jae," begann der Senator noch einmal, "ich habe jetzt wirklich keine Zeit für lange Gespräche, auf mich wartet ein wichtiges Parteitreffen in Washington D.C."

Jae blinzelte verblüfft. Wollte er jetzt, wo sein einziger Sohn fast von einem seiner besten Freunde erschossen worden wäre, wirklich abreisen? "Wichtiger als Ihr Sohn?" fragte sie leise.

Erneut das Schulterzucken. "Jeremiah braucht mich hier nicht. Aus irgendeinem Grund hält er mich, seinen eigenen Vater, für einen Mörder!" Finster blickte Philip sie an.

"Nicht aus irgendeinem Grund, Sir," Jae sah dem verärgerten Senator offen in die Augen, "sondern aus einem recht verständlichen Grund, den er Ihnen erklären könnte, wenn Sie nur mit ihm sprechen würden. Hören Sie ihm einmal zu. Bitte."

Philip Kazdin sah für einige Sekunden schweigend auf sie hinab. "Warum setzen Sie sich so dafür ein?"

Jae wich dem prüfenden Blick nicht aus. "Weil ich Kazs Freundin bin und weil ich weiß, dass er seine Eltern braucht."

Philip Kazdin blinzelte und wirkte fast verwundert, so als wäre er noch nie jemandem begegnet, der sich als Jeremiahs Freund bezeichnete.

Jae fühlte, wie sich eine schmale Hand kurz auf ihren Arm legte. "Und Sie sind ein guter Freund," sagte Barbara Kazdin leise, "Danke."

Jae lächelte und drückte sanft die Hand der eleganten Künstlerin.

Senator Kazdin wandte sich abrupt ab und warf seiner Frau über die Schulter hinweg einen auffordernden Blick zu. "Wir müssen zum Flughafen, kommst du?"


1322 Z-Zeit (09:22 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

"Mister Kazdin, denken Sie an Ihre Schulter!" mahnte die Krankenschwester zum zehnten Mal an diesem Morgen, "Sie dürfen auf keinen Fall Ihren Arm bewegen! Sie sollten sich so wenig wie möglich bewegen."

Leonora sah das Aufblitzen in den hellblauen Augen ihres Ziehsohnes und Arbeitgebers. Prompt setzte er sich im Bett auf. <Ah, no! Warum musste sie das auch sagen? Das ist, als wedle man mit einem roten Tuch vor einem toro... einem Stier herum!>

Kopfschüttelnd sah sie Kaz dabei zu, wie er mürrisch in seinem Müsli rührte, ohne es zu essen. Schwarz war gar kein Ausdruck für die Laune, in der Kaz war: Die Sonne war nicht angemessen aufgegangen. Das Büro hatte nicht pünktlich um 8.00 Uhr angerufen, um ihn auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Das Essen war schlecht. Der Verband war nicht straff genug. Die eine Krankenschwester war unhöflich. Die andere Krankenschwester war überfreundlich....

Leonora wusste, dass Kazs schlechte Laune nicht nur mit seinem Krankenhausaufenthalt und dem Streit mit seinem Vater zu tun hatte, sondern auch damit, dass er in den letzten zwei Tagen kaum Besuch bekommen hatte. <Vor allem nicht von Jaecita!> Jae und die beiden JAG-Anwälte waren damit beschäftigt, die Fragen, die die Entdeckungen der letzten Tage aufgeworfen hatten, zu beantworten und Berichte zu schreiben und das bedeutete zwei Tage des Schweigens und der Ruhe für Kaz. Ruhe, für die er in den vergangenen Wochen manchmal gebetet hatte, die er aber jetzt fast als belastend zu empfinden schien.

Leonora wusste, dass sich im Leben ihres Arbeitgebers viel verändert hatte. Kaz war immer ein isolierter Workaholic gewesen. Er hatte sich niemals von seinen Eltern geliebt gefühlt, hatte stets das Gefühl gehabt, nicht gut genug zu sein, noch härter arbeiten, noch mehr Erfolge erzielen zu müssen, um in der Welt der Hörenden anerkannt zu werden. Einmal nur hatte er geliebt und war verletzt worden und seither vergrub er sich in seiner Arbeit, entschlossen, nie wieder so etwas Sentimentalem wie Liebe oder Freundschaft zu trauen. Er war damit zufrieden gewesen, nur für seine Arbeit zu leben. Doch dann war Jae in sein Leben getreten und er hatte begonnen, die Dinge mit anderen Augen zu sehen, wieder zu vertrauen. Er hatte erkannt, dass nicht nur seine Arbeit zählte, sondern auch Freunde und Familie – nur um dann einmal mehr von seinem Vater enttäuscht zu werden.

Leonora seufzte. Seit zwei Tagen hatte sie nichts mehr von den Kazdins gehört. "Jaecita hat gesagt, dass sie auch gleich kommt. Eigentlich müsste sie jeden Moment hier sein – natürlich nur dann, wenn es ihr nicht wieder einmal gelingen sollte, ihr Auto auf irgendeine Weise in einen Schrotthaufen zu verwandeln!" Die Puertoricanerin kicherte.

Kaz versuchte, das Lächeln, das sich auf seinen Lippen ausbreiten wollte, zu unterdrücken, aber Leonora hatte es bereits gesehen. Er wandte sich ab und streckte sich nach dem Tablett, das die verärgerte Krankenschwester auf dem Nachttisch zurückgelassen hatte. Schmerz durchzuckte seine ganze linke Seite, aber er biss stur die Zähne zusammen und streckte die Hand noch ein bisschen weiter aus, bis er endlich das Tablett erreichte.

Leonora sprang auf die Füße und nahm ihm das Tablett weg. "Ich werde Ihnen jetzt helfen, Señor Kaz, ob Sie wollen oder nicht! Ich werde hier nicht zusehen, wie Sie..."

"Okay."

"... wieder einmal... was?" Verblüfft starrte Leonora ihren Ziehsohn an. <Dios mío! Er hat doch nicht wirklich gerade meine Hilfe angenommen?>

"Ich sagte, okay. Was gibt es sonst noch zum Frühstück, außer diesem Drei-Sterne-Müsli?" fragte Kaz betont harmlos und grinste.

Noch immer verblüfft über Kazs plötzlichen Stimmungswechsel schob Leonora ihm das Tablett hin. Señor Kaz lachend an einem Montag morgen – wer hatte das je erlebt?


1334 Z-Zeit (09:34 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

"Aih, Jaecita!" Leonoras plötzliches Aufspringen machte Kaz darauf aufmerksam, dass seine blonde Dolmetscherin grinsend im Türrahmen lehnte.

Jae trat näher und Kaz sah jetzt, dass hinter ihr Winston Emery und zwei Angestellte der Anwaltskanzlei folgten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Kollegen sich darum gerissen hätten, ihm einen Krankenbesuch abzustatten und er fragte sich, ob Jae sie dazu überredet hatte.

"Ich höre, Sie terrorisieren die Krankenschwestern?" Grinsend hob Jae den Zeigefinger.

Kaz kämpfte gegen ein freundliches Lächeln an und bemühte sich, an seiner schlechten Laune festzuhalten. "Wer behauptet das?" Er versuchte, seinen einschüchterndsten Blick auf sie anzuwenden.

"Oh, darauf bin ich ganz von selber gekommen, nachdem mich drei Krankenschwestern mit einem ‚Betreten auf eigene Gefahr’ gewarnt haben," erwiderte Jae neckisch und ohne sich von seiner vorgetäuschten schlechten Laune beirren zu lassen.

Kaz musste lachen. <Hm, ich muss wohl meine Wirkung verlieren, daran muss ich arbeiten.>

Er sah die Blicke, die Emery und seine Kollegen wechselten, als sie sein Lachen hörten. <Vermutlich waren sie nicht sicher, dass ich überhaupt lachen kann. Sie haben wohl geglaubt, dass diese Fähigkeit bei mir im Kindesalter chirurgisch entfernt wurde.> Spöttisch hob er eine Augenbraue.

Emery ließ sich neben Leonora in dem zweiten Besucherstuhl nieder, während die beiden Rechtsanwaltsgehilfen links und rechts am Fußende des Bettes verharrten. Jae, der nun nicht mehr besonders viel Platz blieb, ließ sich kurzerhand neben Kaz auf der Bettkante nieder.

Kaz rutschte etwas zur Seite und sofort nutzte Jae den zur Verfügung gestellten Platz, um es sich bequemer zu machen. Kaz hob die Brauen, während er zusah, wie sie ein Gespräch mit Leonora und Emery begann. Ihre Hände streiften beim Übersetzen gelegentlich seine unverletzte Schulter, aber er gab den Versuch, zur Seite zu rutschen, auf. Es war ein wenig eng, es war seltsam und ein bisschen unbequem – und es gab wirklich kaum einen Platz, an dem er die blonde junge Frau lieber gehabt hätte als hier an seiner Seite. Der unwahrscheinlichste Freund, den er sich nur hatte vorstellen können, kam dieser lebenslustigen, sanften, eigensinnigen Frau nicht einmal nahe, aber dennoch war sie sein Freund und er war froh, dass sie da war.

Kaz stellte plötzlich fest, dass seine Besucher ihr Gespräch eingestellt hatten. Er hob den Kopf, als ein Schatten auf sein Bett fiel und sah sich seinen Eltern gegenüber. Überraschung und Ärger schossen in Kaz hoch.

Jae drückte beruhigend seine Hand und er stellte mit Erstaunen fest, dass sie sie bereits eine ganze Weile in ihrer gehalten hatte. "Ich denke, wir lassen Sie jetzt lieber alleine. Bis später, Kaz." Jae hopste vom Bett und bedeutete den anderen Besuchern, ihr zu folgen.

Unwillig wandte sich Kaz seinen Eltern zu.


1348 Z-Zeit (09:48 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Philip Kazdin verharrte unschlüssig im Türrahmen und sah zu, wie sein Sohn sich steif im Bett aufrichtete, als er ihn sah. Seine hochgewachsene Gestalt schien noch größer zu werden, die Schultern, die er fast trotzig nach vorne schob, noch breiter und seine Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich zusammen. Die blauen Augen blickten Philip kühl und gleichzeitig mit einem kaum gebändigten Zorn an.

Der Senator beobachtete, wie Jae Cavanaugh näher an ihn heranrutschte, die fast bedrohlich wirkende Kälte, die von Jeremiah ausging, ignorierte und seine Hand drückte. Jeremiahs Schultern entspannten sich daraufhin ein wenig und sein Blick wurde etwas weniger feindselig. Philip wusste instinktiv, dass die Annäherung jedes anderen Menschen nicht dieselbe Reaktion bei seinem Sohn hervorgerufen hätte. Er hatte Jeremiah noch nie so sanft mit irgendetwas oder irgendjemandem umgehen sehen. Es war offensichtlich, dass er die junge Frau mochte. Philip war nicht blind – aber er fragte sich langsam, ob sein Sohn es war.

Ernst nickte er der blonden jungen Offizierin zu, als sie an ihm und Barbara vorbei den Raum verließ.

"Ich dachte, du müsstest so dringend nach Washington zurück?"

Philip hielt sich nicht für einen Experten in der Sprache der Gehörlosen, aber selbst er konnte die Feindseligkeit in den Gebärden seines Sohnes erkennen. "Das wollte ich auch, bis diese kleine Lady mich mit ihren grünen Augen angesehen und ‚Bitte’ gesagt hat," der Senator sprach langsam, so dass Jeremiah seine Lippen lesen konnte, und warf hier und da ein paar Gebärden ein. Er schnaubte in gespielter Verärgerung, "Raffiniertes Mädchen!"

In die starre Maske, die Jeremiahs Gesicht bildete, kam etwas Bewegung, als ein Lächeln über seine Lippen huschte. "Mach dir nichts daraus, sie hat denselben Effekt auf mich," gab er grimmig zu, "Anfangs bin ich jedes Mal wild entschlossen, aber dann beginnt sie, auf mich einzureden und bevor ich mich versehe, bemerke ich, dass mein Kopf auf und ab nickt. Ich weiß noch immer nicht, wie sie das anstellt."

Philip hatte den Eindruck, dass er mehr zu sich selbst als zu ihm, seinem Vater, sprach, aber dennoch starrte er seinen Sohn überrascht an. Jeremiah hatte tatsächlich eine mehrsätzige Antwort gegeben und darüber hinaus sogar von sich selbst gesprochen. <Er hat sich verändert und ich würde auf einen Sack voller Bibeln, die vom Papst selbst gehalten werden, schwören, dass das mit dieser jungen Frau zu tun hat!>

"Was ist?" schnappte Jeremiah, so als täte es ihm bereits leid, auch nur ein freundliches Wort mit seinem Vater gesprochen zu haben.

"Oh, ich habe nur gerade versucht, mich daran zu erinnern, wann du das letzte Mal soviel geredet hast," antwortete Philip mit einem leichten Lächeln.

"Wir haben nie geredet, Vater," erinnerte ihn Jeremiah kühl.

Philip begegnete dem Blick seines erwachsenen Sohnes und er stellte fest, dass er ihm fast ein Fremder war. Seufzend nickte er. Jeremiah hatte recht, sie waren sich nie besonders nahe gestanden. Wenn Philip ehrlich war, so musste er zugeben, dass es nicht allein die Schuld seines verschlossenen Sohnes war. Er und Barbara waren einfach nicht darauf vorbereitet gewesen, die Elternrolle zu übernehmen. Sie waren beide mit anderen Dingen beschäftigt gewesen; er mit seiner Karriere und die damals blutjunge Barbara mit ihrer Malerei.

Und dann war da natürlich noch Jeremiahs Gehörlosigkeit, die eine letzte, unüberwindbar erscheinende Barriere zwischen ihnen errichtet hatte. Es war ein Schock für Barbara und ihn gewesen, als Jeremiah mit drei Jahren als gehörlos diagnostiziert worden war. Sie hatten einfach nicht wahrhaben wollen, dass ihr Sohn niemals würde hören können, sondern hatten verzweifelt versucht, an dem Restsprachvermögen festzuhalten. Philip hatte es als seine Pflicht seinem Sohn gegenüber erachtet, die besten Ärzte, Audiologen und Sprachtherapeuten hinzuzuziehen. Er hatte alles daran gesetzt, seinen Sohn nicht zu einem gesellschaftlichen Außenseiter werden zu lassen und ihm eine Karriere in der hörenden Welt zu ermöglichen.

Er konnte nicht verstehen, wieso sein Sohn ihm Jahre später vorgeworfen hatte, er hätte ihn mit diesem falschen Ehrgeiz in einen Identitätskonflikt gestürzt, ihm das Gefühl gegeben, Gehörlosigkeit wäre ein schrecklicher Zustand, der behoben oder vertuscht werden müsse. Jeremiah hatte ihm an den Kopf geworfen, er hätte seine gesamte Kindheit mit dem Versuch verbracht, als Hörender durchzugehen und als jemand zu leben, den seine Eltern in ihm sehen wollten, anstatt so sein zu können, wie er wirklich war.

Philip Kazdin war ein Mann, der es nicht gewohnt war, dass seine Motive und Vorgehensweisen in Frage gestellt wurden. Er hatte versucht, das durchzusetzen, was er für das Beste für seinen Sohn hielt, und als Jeremiah das abgelehnt hatte, hatte er einfach nicht mehr gewusst, wie er sich sonst verhalten sollte. Er, der sich den höchsten politischen und wirtschaftlichen Würdenträgern des Landes gegenüber mit Selbstbewusstsein behaupten konnte, fühlte sich insgeheim unsicher, wenn er seinem eigenen Sohn gegenüberstand. Er wusste einfach nicht, wie er mit dessen Gehörlosigkeit umgehen sollte; er sprach nicht einmal die Sprache fließend, weil er immer überzeugt gewesen war, es sei besser für Jeremiah, die Lautsprache zu lernen.

Er hatte nicht gewusst, was er gegen die Distanz zwischen ihnen tun sollte, er hatte sie akzeptiert und fast als normal empfunden, da die Beziehung zu seinem eigenen Vater ebenfalls mehr aus Respekt als aus Liebe bestanden hatte. Philip Kazdin war Offizier gewesen, Anwalt und schließlich Politiker – nichts davon hatte ihn gelehrt, ein herzlicher Vater zu sein. Jetzt aber feststellen zu müssen, dass sie sich schon so weit voneinander entfernt hatten, dass sein eigener Sohn ihn für einen Mörder hielt, traf ihn dennoch unerwartet.

"Also, was wollt ihr hier?" Finster blickte Jeremiah zwischen seinem Vater und seiner Mutter hin und her.

"Jeremiah..." Barbara wollte sich an ihrem Mann vorbeischieben, um die Unterhaltung mit Jeremiah zu übernehmen, so wie sie das immer getan hatte, aber zum ersten Mal in seinem Leben hielt Philip sie zurück.

"Ich möchte mit dir darüber reden, was passiert ist," sagte er langsam und versuchte angestrengt, sich an die korrekten Gebärden zu erinnern, "ich möchte wissen, wieso du mich für einen Mörder hältst."

Jeremiah schnaubte. "Das kann ich mir an zwei Fingern ausrechnen. Du und Kent habt Raine damals gedeckt, als seine Diebstähle aufzufliegen drohten und als O’Flaherty euch erpressen wollte, habt ihr ihn ermordet."

Philip hatte Mühe, die schnellen Gebärden zu identifizieren. Er verstand nur die Hälfte von dem, was Jeremiah da sagte, und musste sich den Rest zusammenreimen. Er fragte sich plötzlich, ob es Jeremiah genauso erging, wenn er sich mit Hörenden unterhielt. "Unsinn," knurrte er und schüttelte heftig den Kopf, "ich kannte O’Flaherty nicht mal und ich wusste auch nicht, dass Quentin Waffenteile unterschlagen hat."

"Du warst der leitende Ermittler in dem Fall!" warf Jeremiah ihm vor.

Philip runzelte die Stirn. Richtig, Clark und er hatten vor 18 Jahren hier in Beaufort ermittelt, aber... "Ich habe die Ermittlung nicht zuende geführt."

"Weil du deinen Freund decken wolltest!"

"Weil ich bei einem Übungsschießen versehentlich eine Kugel ins Bein bekam!" Ärgerlich deutete Philip auf sein Knie, "Etwas hat Quentin bei seinem letzten Schuss erschreckt und deshalb hat er das Gewehr herumgerissen..."

"Und du glaubst wirklich, dass das ein Versehen war?" Jeremiahs Mundwinkel hoben sich sarkastisch. "Wie oft hast du irgendwelchen Partygästen von Raines Heldentaten als Scharfschütze in Vietnam erzählt? Ein solcher Schütze schießt nicht ‚versehentlich’ seinem Freund ins Bein!"

Philip biss die Zähne zusammen. Derselbe Gedanke war ihm in den vergangenen Tagen auch gekommen, aber damals hatte er natürlich keinen derartigen Verdacht gehegt. "Wie sollte ich das damals wissen? Man unterstellt einem seiner besten und ältesten Freunde nicht einfach so Mordabsichten!" Beinahe hätte Philip in seinem Ärger noch ein ‚aber das kannst du ja nicht wissen’ hinzugefügt, aber er hielt sich zurück. Wie es schien, hatte Jeremiah in den letzten Wochen doch so einiges über Freundschaft gelernt.

Jeremiah starrte ihn an, widersprach dem Gesagten jedoch nicht. "Soll das heißen, die Ermittlungen wurden einfach eingestellt, nachdem du angeschossen wurdest?"

Philip schüttelte den Kopf. "Nein, nachdem ich mit einem Knieschuss außer Gefecht war, hat das Hauptquartier einen anderen Ermittler geschickt, der die Ermittlung mit Clark zusammen beendet hat."

"Davon steht nichts im Ermittlungsbericht," sagte Jeremiah skeptisch, "Der Bericht wurde nur von dir und Kent unterschrieben."

"Natürlich musste ich den Bericht unterschreiben, aber bist du dir sicher, dass da keine dritte Unterschrift..."

"Nein, da war keine," unterbrach ihn Jeremiah verärgert, "ich bin vielleicht gehörlos, aber nicht blind!"

Philip ballte die Hände zu Fäusten und spürte förmlich, wie er bleich wurde, als er langsam begriff, was die fehlende Unterschrift bedeutete. Plötzlich ergab alles einen Sinn. "John," murmelte er mit steinerner Miene, "John Flynt war der JAG-Anwalt, der die Ermittlung für mich weitergeführt hat."

Stöhnend richtete sich Jeremiah im Bett auf. "Willst du damit sagen, dass mein Arbeitgeber und Patenonkel..." Er brach ab und seine Augen weiteten sich ungläubig, "... natürlich! Er war an dem Tag, an dem Foster ermordet wurde, ebenfalls bei einem Mandanten im Gefängnis! Er muss beim Rausgehen erfahren haben, dass ich bei Foster bin, hat mein Messer an sich genommen und ging zum Zellentrakt. Dann hat er mich mit einem Anruf weggelockt und schon war er mit Foster alleine! Und vermutlich ist er auch für den Angriff auf Major MacKenzie verantwortlich – sie und der Admiral haben an diesem Tag in der Kanzlei gearbeitet und er muss ihr gefolgt sein, als er dachte, sie sei ihnen auf die Spur gekommen!"

Ernst blickten sich Vater und Sohn über das Krankenbett hinweg an. Philip wartete ein paar Momente lang auf eine Entschuldigung, aber natürlich kam keine – Jeremiah war so stolz und stur wie er selbst. Aber zumindest blickte er ihn jetzt nicht mehr mit dieser offenen Feindseligkeit an.

Philip straffte sich und verlagerte sein Gewicht auf sein unverletztes Knie. "Ich glaube, wir sollten jetzt besser gehen und das melden, bevor John sich aus dem Staub macht."

Jeremiah nickte und ließ den flüchtigen Abschiedskuss seiner Mutter über sich ergehen. Er sah ihnen nachdenklich nach. Als sie schon an der Türe waren, holte sie Jeremiahs raue, ungeübte Stimme ein. "Ähm, Vater..."

Philip drehte sich um. Kam jetzt etwa doch noch eine Entschuldigung? Erwartungsvoll sah er den Gebärden seines Sohnes zu.

"Ich möchte dich um...," Jeremiah zögerte, fuhr dann aber entschlossen fort, "...einen Gefallen bitten."

Philips Augenbrauen hoben sich. Das war das erste Mal, dass sein Sohn ihn um irgendetwas bat. Jeremiah hatte jegliche Hilfe, ob es nun um Geld ging oder darum, seinen Einfluss spielen zu lassen, stets strikt abgelehnt. Erwartungsvoll nickte Philip ihm zu. "Ich höre..." er zuckte zusammen, als ihm bewusst wurde, was er da eben gesagt hatte"... ich meine, ich..."

Jeremiah winkte ab, anstatt seinen Vater wie sonst zappeln zu lassen. "Ich weiß, was du meinst. Also, es geht um Folgendes.."


2311 Z-Zeit (19:11 Uhr EDT)
Harbour Town,
Hilton Head, South Carolina

Mac schlenderte den kleinen Hafen der Insel entlang, vorbei an weißen Booten und Yachten, die an den Stegen festgemacht waren. Sie hatte es nicht eilig ihr Ziel zu erreichen und deshalb nahm sie sich die Zeit, die sanften Wellen zu beobachten, die in die hufeisenförmige Einmündung des Hafens einliefen. Zwar gab es hier fast nur Privathäuser und Apartment und kaum mehrstöckige Hotels, aber der imposante, rot-weiße Leuchtturm der Insel ragte hoch über ihr auf. Mac fühlte sich klein in dessen Schatten.

Langsam näherte sie sich dem William-Hilton-Hotel und betrat das Foyer. Sie wollte eben an der Rezeption nachfragen, als sie ihre Mutter entdeckte. Sie saß Zeitung lesend in einem der Sessel, so wie Mac sie fünfzehn Jahre lang fast jeden Morgen gesehen hatte, nachdem Joe MacKenzie das Haus verlassen hatte.

"Hallo, Mum," grüßte Mac leise.

Deanne hob überrascht den Kopf. "Oh, hallo, Schätzchen," sie legte die Zeitung beiseite, erhob sich jedoch nicht, "Das hat aber lange gedauert. Ich hätte dich eigentlich schon früher erwartet, nachdem ich erfahren habe, dass du schon vor vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden bist."

Mac presste die Finger um den Stoff ihres Schiffchens zusammen. Sie hatte es satt, von ihrer Mutter mit einem ‚Das hat aber lange gedauert’ begrüßt zu werden. Nur zu gut konnte sie sich noch an das letzte Mal erinnern, bei dem ihre Mutter sie mit diesen Worten empfangen hatte. Es schmerzte noch immer. Sie stand kurz davor, mit einem ‚Nicht so lange wie bei dir!’ und einem Hinweis auf die vergangenen 17 Jahre zu antworten, aber dann hielt sie sich zurück. <Tu’s nicht, Mac! Lass die Vergangenheit da, wo sie hingehört, und arbeite stattdessen an der Gegenwart.> Sie sah keinen Sinn darin, ihre Mutter zu verletzen, und sich erneut mit einem Wirrwarr aufgewühlter Gefühle von ihr zu trennen. Aber sie hatte auch nicht vor, ihre eigenen Gefühle zurückzuhalten, nur um Deanne zu schonen. "Ich hatte zu arbeiten, Mutter," erklärte sie unmissverständlich, "als Offizier habe ich Verpflichtungen und kann nicht kommen und gehen, wie es mir beliebt."

Deanne sagte nichts, vielleicht, weil sie den stummen Vorwurf in der Stimme ihrer Tochter wahrgenommen hatte, und nicht wusste, was sie darauf antworten sollte. Mac sah jedoch, wie ihr Blick über ihre Uniform glitt, nicht voller Stolz oder zumindest Interesse, sondern mit Bedauern und Widerwillen. Sie hatte schon bei ihrer letzten Begegnung gespürt, dass ihre Mutter mit ihrer Berufswahl nicht einverstanden war. Deanne hasste das Corps, so wie sie Joe MacKenzie gehasst hatte. Sie begriff nicht, dass das Marine Corps all die Jahre ein Zufluchtsort für Mac gewesen war; ein Ort, an dem sie ihre Ängste und Unsicherheiten abstreifen und jemand sein konnte, den man respektierte. Das Corps hatte ihr Halt gegeben, eine Familie und Selbstwertgefühl.

"Ich weiß, Schätzchen," sagte Deanne schließlich, aber Mac war sicher, dass sie nichts wusste, nichts verstand. Ihre Mutter würde es nie verstehen und sie versuchte nicht länger, ihr zu versichern, dass Onkel Matt – und nicht ihr Vater – ihr Vorbild in dem Bestreben, zum Corps zu gehen, gewesen war. <Ich werde mich nicht für die beste Entscheidung in meinem Leben entschuldigen!>

"Ich wollte mich nur verabschieden," erklärte sie auf ihre sitzende Mutter hinabsehend, "Die Ermittlungen hier sind beendet und wir fahren zurück nach Washington."

Deanne stemmte sich in die Höhe und angelte nach ihrer Handtasche. "Sollen wir nicht noch einen Kaffee zusammen trinken, so wie früher?"

Mac presste die Lippen zusammen. <Früher.> Als ihre Mutter die Familie verlassen hatte, hatte Mac noch gar keinen Kaffee getrunken. <Dafür habe ich bald darauf mit Wodka begonnen.> "Ich habe 38 Minuten," sagte sie, ohne auf die Uhr zu sehen.

Deanne lächelte überrascht. "Du kannst das also immer noch, Schatz."

Mac nickte stumm, während sie ihrer Mutter hinüber zur Bar folgte. <Manche Dinge ändern sich nie.> Sie sah zu, wie Deanne in einen der Korbsessel sank, bevor sie sich selbst setzte. Sie legte ihr Schiffchen auf die Knie und verschränkte die Hände darüber, als wolle sie damit eine Schutzbarriere zwischen ihrer Mutter und sich aufbauen.

"Und?" begann Deanne, nachdem sie ihren Kaffee bekommen hatte, "Wann besuchst du mich nun in Oregon? Hast du dir überlegt, ob du zu Charlenes Abschlussfeier kommen wirst? Es würde deiner Schwester wirklich sehr viel bedeuten, wenn du das für sie tun könntest..."

Mac antwortete nicht sofort, sondern rührte bedächtig in ihrem Cappuccino. Aufmerksam studierte sie die dampfende Flüssigkeit, anstatt dem Blick ihrer Mutter zu begegnen. <Nein, Mum, versuch nicht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen! Das funktioniert nicht mehr! Charlene kennt mich doch nicht einmal.> Schließlich hob sie den Kopf und sah in Deannes graublaue Augen, die sie erwartungsvoll anblickten. "Ich weiß noch nicht, Mum. Ich brauche einfach noch ein wenig Zeit."

"Zeit? Zeit wofür, Schätzchen?" wiederholte Deanne verständnislos.

Macs Finger spielten nervös mit dem Kaffeelöffel, aber sie zwang sich, den Blick nicht zu senken. "Zeit um zu verstehen, warum du mich und dein altes Leben so einfach hinter dir zurückgelassen hast, nur um dann eine neue Familie zu gründen, so als hätte es mich nie gegeben."

"Aber das ist nicht wahr, Schätzchen, du weißt doch, dass ich..."

Mac hatte das Gefühl, schreien zu müssen. Ruckartig sah sie auf. "Mum, bitte, nenn mich nicht ständig ‚Schätzchen’, okay? Nicht Schätzchen, nicht Schatz, nicht Kind und nicht Baby! Die Zeit ist nicht stehen geblieben, ich bin 32 Jahre alt und kein Teenager mehr! Sprich mich doch EINMAL mit meinem Namen an, ja?"

Deanne blinzelte überrascht. Tränen glänzten in ihren Augen. "Okay... Sarah."

Mac biss die Zähne zusammen und widerstand mit Mühe dem Drang, sich bei ihrer Mutter zu entschuldigen. Das alte Gefühl, ihre Mutter, die ständig den Brutalitäten ihres Vaters ausgesetzt gewesen war, schützen zu wollen, Rücksicht zu nehmen, war schwer zu überwinden. Lange Zeit hatte sie Deanne, so wie sich selbst, ausschließlich als Opfer gesehen. Sie hatte sich mit Deanne identifiziert und verzweifelt daran festgehalten, wenigstens einem ihrer Elternteile positive Gefühle entgegenzubringen.

Aber spätestens, als sie alleine an Joe MacKenzies Sterbebett gestanden hatte, war ihr klar geworden, dass ihr Vater nicht nur schlechte Eigenschaften gehabt hatte und ihre Mutter nicht nur gute besaß.

"S... Sarah, ich hab dich nicht ‚einfach so’ zurückgelassen oder dich vergessen, das könnte ich nie! Ich hab dir doch erzählt, dass dein Vater alle Versuche, Kontakt mit dir aufzunehmen, abgeblockt hat..."

"Ich war nur noch zwei Jahre bei Dad und dann hab ich ihm dasselbe angetan, was du uns angetan hast – ich bin einfach davongelaufen. Ich bin fortgelaufen," murmelte Mac bitter, "und das Schlimme daran ist, dass man so schnell nicht wieder stehen bleibt. Ich bin jahrelang vor allem davongelaufen: Vor meinem Vater, vor meiner Ehe, vor meiner Vergangenheit, vor mir selbst."

"ICH bin nicht vor allem davongelaufen, vor allem nicht vor dir! Ich musste nur von deinem Vater weg, er hätte mich sonst umgebracht!" Um Verständnis bittend sah Deanne ihre Tochter an.

Mac schüttelte den Kopf. Sie weigerte sich, auf die Schuldzuweisung ihrer Mutter einzugehen. "Du läufst immer noch, Mum," widersprach sie sanft, aber bestimmt, "selbst jetzt, in diesem Moment."

Deanne schob ihre Kaffeetasse zurück. "Wie kannst du so etwas sagen, ich bin doch hier, oder? Ich möchte doch Kontakt zu dir!"

"Du läufst vor dem Bewusstsein davon, dass fast 18 Jahre vergangen sind und wir nicht einfach da weitermachen können, wo wir waren als ich 15 war! Es ist soviel geschehen seitdem und du hast nichts davon miterlebt. Du hast dein früheres Leben hinter dir zurückgelassen und niemals zurück geblickt; du wusstest nicht mal, was aus Onkel Matt geworden ist, obwohl das durch sämtliche Zeitungen ging!" Mac musste an die Zeitungsartikel denken, die ihr Vater über ihre Karriere gesammelt hatte.

Deanne suchte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch, um sich damit über die Augen zu fahren. "Ich weiß, dass du sehr enttäuscht von mir sein musst, Sarah, aber weißt du, ich hatte es nicht leicht..."

"Das weiß ich, Mum," seufzend legte Mac ihrer Mutter für einen Moment die Hand auf den Arm, "und ich weiß auch, wie schwer es ist, sich davon zu lösen. Ich hab jahrelang an der Flasche gehangen. Der Alkohol war meine Methode, allem den Rücken zuzukehren, davonzulaufen. Erst der Tod eines Freundes und Onkel Matts Hilfe haben mich aus meinem Selbstmitleid gerissen. Als ich ins Corps eingetreten bin, habe ich begriffen, dass ich nicht für immer durch das bestimmt sein werde, was meine Eltern mir mit auf den Weg gegeben haben, sondern dass ich mein Leben selbst formen kann. Ich glaube, dass du noch immer davonläufst," sie hob schnell die Hand, als Deanne sie unterbrechen wollte, "du siehst dich selbst immer noch in der Opferrolle, bemitleidest dich und lässt dich gehen, anstatt etwas aus deinem Leben zu machen. Ich weiß es ist leicht, Dad für alles, was in deinem... in unserem Leben schief gelaufen ist, die Schuld zu geben, aber glaubst du nicht, es wird langsam Zeit, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen und den alten Hass hinter dir zurückzulassen?"

Deanne lehnte sich tief durchatmend im Korbsessel zurück. "Das ist nicht so einfach, Sarah..."

"Nein, Mum, das ist es nicht," Mac nickte, als sie ernst dem Blick ihrer Mutter begegnete, "aber es lohnt sich."


2315 Z-Zeit (19:15 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Jae verlagerte Jessie von einer Hüfte auf die andere und wartete geduldig, während ihr Vater den Kaffeeautomaten neben dem Ärztezimmer mit Kleingeld fütterte. Ihre Eltern und Jessie waren gerade erst von Savannah eingetroffen, um Kaz zu besuchen und Jae mit zurück zu nehmen. Ihr Auftrag hier war beendet und jetzt warteten wieder Parris Island und ein Dutzend Rekruten auf sie.

Jae schloss die Arme fester um Jessie. Einerseits war sie froh, wieder mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen zu können und sie liebte ihren Beruf, aber andererseits ließ sie Kaz nur ungern gerade jetzt zurück, wo er verletzt und noch immer aufgewühlt von der Aussprache mit seinen Eltern im Krankenhaus lag. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie er Leonora in den Wahnsinn treiben würde, indem er sich in seine Arbeit stürzte, sobald er auch nur einen Fuß aus dem Lazarett setzen durfte.

"An was denkst du?" fragte ihre Mutter, die ruhig neben ihr wartete, "oder sollte ich lieber fragen: an wen?" Helen lächelte spitzbübisch.

Jae setzte Jessie ab, um antworten zu können, und sah zu, wie sie sich sofort ihrem Großvater in dem Bemühen anschloss, dem Automaten Kaffee zu entlocken. "Manchmal glaube ich wirklich, du kannst Gedanken lesen."

Helen schüttelte lächelnd den Kopf. "Kann ich leider nicht, aber ich hab das schon dreimal durchgemacht, ich kenne die Anzeichen."

"Mama!" mahnte Jae streng, "Soweit sind wir noch lange nicht. Kaz und ich sind nur Freunde. Es war wirklich nicht fair, dass du ihn neulich praktisch in der Küche angekettet hast!"

"Angekettet?" Helen lachte, "Wenn ich mich richtig erinnere, ist er gerne und völlig ohne Gewaltanwendung meinerseits geblieben."

"Mama..."

"Schon gut, Jae, deine alte Mama scherzt nur," beruhigte Helen sie sanft, "Dein Privatleben ist dein Privatleben, ich habe nicht vor, mich da einzumischen. Ich möchte nur, dass du glücklich bist, aber was dich glücklich macht, das musst du selbst entscheiden. Ich habe Kaz nur in die Küche eingeladen, weil ich ihn mag und weil er einsam ist. Er hat einfach gewirkt, als könnte er ein bisschen Familie gebrauchen."

Jae umarmte ihre Mutter spontan und musste gleichzeitig grinsen. <Jetzt lässt sie es so klingen, als wäre Kaz eines der herrenlosen Kätzchen, das sie aufgenommen hat!>

"Kommt ihr oder wird das eine Familienumarmung?" fragte Jacob zwischen zwei Schluck Kaffee und zwinkerte seiner Tochter amüsiert zu.


2321 Z-Zeit (19:21 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Kaz sah auf, als ein Windhauch von der Tür her die bloße Haut seiner Schulter streifte – gerade noch rechtzeitig, um einen blonden Wirbelwind auf sein Bett zurennen zu sehen. Jessie hopste auf das Bett und schlang sofort ihre Arme um seinen Hals. Fast ohne sein Zutun bildeten seine Lippen ein Lächeln und seine rechte Hand hob sich, um sanft über das blonde Haar zu streichen.

Nach einer Weile lehnte er sich zurück, um seine anderen Besucher zu begrüßen und um die Gebärden erkennen zu können, die Jessie da direkt vor seiner Nase formte. "Tut’s sehr weh?" Die großen grünen Augen der 4jährigen blickten ihn mitfühlend an.

Kaz schüttelte den Kopf. "Nicht, wenn mein Besuch mich ablenkt."

Helen Cavanaugh schob sich nach vorne, während ihr Mann Jessie davon abhielt, behutsam Kazs Verband zu untersuchen. "Schön, Sie zu sehen, Kaz," gebärdete Jaes gehörlose Mutter.

Kaz spürte, dass nicht nur Höflichkeit hinter ihren Worten steckte; sie schien sich wirklich über das Wiedersehen zu freuen – und wenn er ehrlich war, ging es ihm genauso.

"Wir sind Ihnen sehr dankbar, dass Sie Jaes Leben gerettet haben," fügte Jacob ebenso aufrichtig hinzu.

Kaz runzelte unwillig die Stirn. "Ach was, ich habe nichts dergleichen getan," wehrte er bescheiden ab, "Jae hat eher mein Leben gerettet, indem sie mich zu Boden gerissen hat, als Raine zu schießen begann." Außerdem hatte er Jae weit mehr zu verdanken; sie hatte ihm gezeigt, wie wichtig Freundschaft und Familie waren. <Wenn Jae nicht gewesen wäre, würde ich meinen Vater immer noch für einen Mörder halten!>

"Ah, dann sind Sie also nur zufällig in die Richtung unserer Tochter gestolpert und haben dabei Kents Kugel abgefangen?" Man sah Jacob an, dass er ihm kein Wort glaubte.

"Ich wollte Jae nur warnen, aber es ging alles viel zu schnell..." Kaz zuckte die Schultern und knirschte gleich darauf mit den Zähnen, als der Schmerz in seiner linken Schulter ihn daran erinnerte, dass eine solche Bewegung keine gute Idee war.

Er sah auf, als eine warme Hand sich ihm auf den Arm legte, und blickte direkt in Jaes besorgte Augen.

"Wo wir gerade beim Danke sagen sind..." Die sonst so redegewandte junge Frau schluckte und suchte sichtlich nach Worten, "...Collin hat sich heute morgen gemeldet und mir versichert, dass er auf das Sorgerecht verzichtet. Aber ich glaube, das wissen Sie schon, oder?" Die goldgrünen Augen funkelten voll freudiger Dankbarkeit.

Kaz neigte den Kopf in einer Geste, die sowohl ja als auch nein bedeuten konnte.

"Ich weiß nicht, wie Sie das geschafft haben, aber... Danke. Vielen, vielen Dank, Kaz."

Verlegen winkte Kaz ab. Er hatte keine besonders schöne Kindheit gehabt, aber wenn er dazu beitragen konnte, dass Jessies Kindheit glücklich war, dann würde er nicht zögern, es zu tun.

"Wissen Sie schon, wann Sie hier entlassen werden?" erkundiget sich Jae nach einer Weile.

Kaz nickte. "Morgen." <Ganz egal, was der Arzt sagt.>

Jae warf einen Blick auf die Uhr und wechselte einen schnellen Blick mit ihren Eltern. "Verabschiede dich bei Kaz, Jessie."

Die 4jährige umarmte ihn erneut. "Auf Wiederseh’n."

<Auf Wiedersehen, nicht nur Tschüß,> dachte Kaz, während er lächelnd zuließ, dass Jessie seine Wange küsste.

Jacob und Helen reichten ihm die Hand. "Werden Sie schnell gesund, Kaz, Ihr Platz in der Küche wartet." Jaes Mutter zwinkerte ihm zu.

Kaz lächelte unwillkürlich, als er an die gemütliche Küche und an die ‚Ladies’ dachte. Auch die zweite Cavanaugh-Frau hatte also ein Wiedersehen angedeutet, aber noch hatte Jae nichts gesagt. Erwartungsvoll sah er zu ihr auf, als sie näher ans Bett herantrat.

"Wir müssen langsam gehen, ich muss ja noch zum Haus zurück und meine Sachen packen," erklärte sie und wirkte dabei fast ebenso um Worte verlegen wie Kaz sich fühlte.

Kaz zögerte. <Soll ich...? Nein, lass es bleiben. Wenn dir wirklich etwas an Jae liegt, dann lass sie einfach hier rausgehen, ohne zurückzublicken. Sie hat schon genug Probleme. Das letzte, was sie jetzt braucht, ist eine... Freundschaft mit jemandem, der genug emotionalen Ballast mit sich rumschleppt, um ein kleines Frachtschiff zu versenken!> Aber dann begegnete er dem Blick der warmen grünen Augen – Augen von jemandem, der bereits ein Freund war. "Ähm, also, Sie wissen ja, dass ich in meinem Haus viel zuviel Platz habe und Sie müssen jetzt die ganzen Sachen von Ihnen und Jessie zurückschleppen und außerdem wissen Sie ja, wie gerne dieser Dämon, der sich bei mir eingenistet hat, es hat, wenn Sie da sind... na ja, ich hab mich gefragt, ob Sie nicht vielleicht ... ein paar Dinge hier lassen möchten... und sich selbst manchmal?" <Na, das war ja wahnsinnig effizient! Du kannst von Glück sagen, wenn sie überhaupt VERSTEHT, was du meinst, geschweige denn ja dazu sagt!>

Jae sah ihn einen Moment lang ernst und prüfend an. Das künstliche Licht der Neonröhre im Krankenzimmer ließ ihre Augen funkeln wie Gold. Als sie lächelte, wusste er, dass sie ihn dennoch verstanden hatte. "Gerne," antwortete sie, ohne den Blickkontakt auch nur für einen Moment zu unterbrechen, "ich lasse beides manchmal gerne hier."


0000 Z-Zeit (20:00 Uhr EDT)
Harbour Town,
Hilton Head, South Carolina

Da war sie. Pünktlich auf die Minute überquerte sie die Straße, rückte mit routinierten Handbewegungen ihr Schiffchen zurecht und ließ den Blick ihrer dunklen Augen konzentriert über die Autos auf dem Parkplatz gleiten, bis sie ihn schließlich entdeckte.

A.J. drehte wortlos den Schlüssel im Zündschloss, als sie sich neben ihm in den Beifahrersitz des Mietwagens gleiten ließ. Stille breitete sich in Auto aus, aber A.J. empfand das Schweigen zwischen ihnen nicht als belastend und auch Mac schien nicht das Gefühl zu haben, irgendetwas sagen zu müssen.

Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete A.J. seine Beifahrerin. Mac hatte das Gesicht zum Fenster hin gedreht, so als betrachte sie den Leuchtturm. Statt jedoch ihren Gesichtsausdruck zu verbergen, hatte diese Geste den gegenteiligen Effekt. Die Fensterscheibe reflektierte ihre Züge, das Licht der langsam tiefer sinkenden Sonne warf Schatten über ihr Gesicht, als das Mietauto langsam in Richtung Festland fuhr.

A.J. konnte erkennen, dass sie nicht bleich war, wie er befürchtet hatte; der Wind, der vom Meer her wehte, hatte ihre Wangen sogar ein wenig gerötet. Er sah ihr an, dass sie in Gedanken noch bei ihrer Mutter war, aber sie wirkte weder traurig noch verärgert. Ihre Erscheinung war die eines Menschen, der sich einem schwierigen Hindernis gegenüber gesehen und es überwunden hatte.

A.J. wusste, dass die Ermittlung in Beaufort für Mac mehr gewesen war als nur ein x-beliebiger Fall – es war eine Reise in die Vergangenheit gewesen, die viele alte Wunden wieder aufgerissen hatte. Die vergangenen zweieinhalb Wochen hatten Mac in einen Strudel von Gefühlen gestürzt: Überraschung, Unsicherheit, Enttäuschung, Angst, Wut, Schmerz, Trauer, Bitterkeit, Schuld, Hass. A.J. war praktisch daneben gestanden und hatte zugesehen, auch wenn es ihm oft schwer gefallen war, ihr nicht zur Hilfe zu eilen. Aber letztendlich hatte es sich als richtig erwiesen, Vertrauen in Mac zu setzen und sie selbst entscheiden zu lassen, wie und wann sie ihre Probleme in Angriff nehmen wollte. Sie hatte all die Gefühle durchgemacht und überstanden und hatte damit mehr Charakter bewiesen als ihre Mutter, die offensichtlich bei ihrem Hass stehen geblieben war. <Das ist wahre Stärke, Sarah.>

Als sie die Brücke zum Festland erreichten, drehte Mac den Kopf und lächelte leicht, als sich ihre Blicke trafen.

"Alles okay?" A.J. erinnerte sich plötzlich daran, dass er ihr dieselbe Frage bereits gestellt hatte, als sie die Brücke zum ersten Mal gemeinsam überquert hatten.

Mac lächelte erneut. "Alles ist okay," gab sie dieselbe Antwort wie schon vor zweieinhalb Wochen.

A.J. sprach nicht halb so viele Sprachen wie Mac, aber wenn er eines zu verstehen gelernt hatte, dann waren das die Bedeutungen, die hinter Macs Selbstauskünften steckten. Diesmal besagten die drei Worte genau das, was sie vorgaben; das, was A.J. gehofft hatte.

Zufrieden wandte er sich wieder der vor ihnen liegenden Straße zu und spürte, dass Mac an seiner Seite dasselbe tat. Vor ihnen tauchte die untergehende Sonne das Wasser des Atlantik in leuchtende Farben. <Das ist ein Abschluss,> dachte A.J., <... oder ein Anfang... oder vielleicht auch beides.> Es war Macs Entscheidung und er hatte Vertrauen in sie. Schweigend setzte er den Blinker und schlug den Weg nach Hause ein.

~ Ende ~


Für alle, die sich für das Thema Gehörlosigkeit und Gebärdensprache interessieren, möchte ich hier noch die Bücher, die ich zur Vorbereitung auf diese Fanfic gelesen habe, auflisten:

Becker, Claudia (1994). Zur Struktur der Deutschen Gebärdensprache.

Drolsbaugh, Mark (1999). Endlich gehörlos. (Deaf Again).

Fengler, Jörg (1990). Hörgeschädigte Menschen.

Kugler-Kruse, Marianne (1988). Die Entwicklung visueller Zeichensysteme.

Lane, Harlan (1988). Mit der Seele hören – Die Geschichte der Taubheit. (When the Mind Hears – a History of the Deaf).

Link, Caroline (1997). Jenseits der Stille.

Poitras Tucker, Bonnie (1995). Der Klang von fallendem Schnee. (The Feel of Silence).

Sacks, Oliver (1990). Stumme Stimmen – Reise in die Welt der Gehörlosen. (Seeing Voices – A Journey into the World of the Deaf).

Taylor, George & Bishop, Juliet (1991). Being Deaf: The Experience of Deafness.

Van Uden, Antonius (1987). Gebärdensprachen von Gehörlosen und Psycholinguistik.

Für weitere Fragen stehe ich gerne zur Verfügung.

[email protected]

Seitenanfang Index Seitenende

Sandras JAG Fanfiction Index          Harm & Mac JAG Fiction Startseite

JAG ist eine Belisarius Produktion in Zusammenarbeit mit Paramount Network Television.
Dies ist eine nicht kommerzielle Fan-Seite für J.A.G. von Elke Löschner.

Hosted by www.Geocities.ws

1