With A Little Help - Teil I


Autor: Sandra Gerth
E-Mail: [email protected]
Version: beendet 06. Mai 2002
Klassifikation: Mac/AJ-Friendship, aber in erster Linie wohl doch eine Mac-Story.

Inhalt:
Mac und A.J. reisen nach South Carolina, um die Verteidigung eines gehörlosen Anwalts zu übernehmen, der des Mordes verdächtigt wird. Für Mac wird dieser Fall zu einer Reise in die Vergangenheit...

Episoden:
"Bevor du stirbst" ("Second Sight"); ein wenig auch "Alle für eine" ("Dungaree Justice") und "Mr. Rabb geht nach Washington" ("Mr. Rabb goes to Washington").

Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

FEEDBACK: Über Rückmeldung, konstruktive Kritik, Anregungen zur Verbesserung meines Schreibstils oder Nachfragen würde ich mich sehr freuen!

Mein DANK geht an Julia, meine MM-Partnerin, die diese Fanfic als Erste gelesen hat und deren Feedback immer Gold wert war, und an Marion, meine beste Freundin, die mich überhaupt erst zu JAG gebracht hat.

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Mai 1999

1335 Z-Zeit (09:35 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Church Falls, Virginia

Sarah MacKenzie schluckte. Nicht den Kaffee, der vor ihr auf dem Schreibtisch längst kalt geworden war, während sie über einer Ermittlungsakte brütete, sondern aus einem Reflex heraus. Ein Reflex, der in letzter Zeit immer dann aufzutreten schien, wenn sie ins Büro des Admirals gerufen wurde.

Mac klappte den Aktendeckel zu, stand auf und trat um den Schreibtisch herum. "Ist gut, Tiner, ich komme."

Sie folgte dem Petty Officer durch das Großraumbüro, vorbei an Schreibtischen, Kopiergeräten und hohen Bücherregalen. Sie ging nicht sehr schnell, ließ den Blick schweifen und wirkte insgesamt nicht gerade wild entschlossen, Chegwiddens Büro schnellstmöglich zu erreichen.

Sie runzelte die Stirn als sie ihren Kollegen, Harmon Rabb, ebenfalls müßig dastehen sah, einen Fuß vor dem Glasschaukasten mit dem Modellschiff abgestützt, um sich den Schuh zuzubinden. Er grinste und winkte lässig, als er sie bemerkte.

Macs Stirnrunzeln verstärkte sich. <Moment mal!> Normalerweise stand Harm nicht einfach so herum und winkte Kollegen zu, anstatt zu arbeiten, es sei denn... Mac erinnerte sich an eine andere Gelegenheit, bei der Harm seine 'Ich-muss-mir-mal-die-Schuhe-binden'-Taktik angewandt hatte, an genau derselben Stelle. Damals hatte er diese betont 'harmlose' Geste benutzt, um darüber hinwegzutäuschen, dass er im Begriff war, persönliche Informationen von ihr zu erfragen. <Es ging um Dalton...> erinnerte sie sich.

Harm stieß sich von der Wand ab und kam auf sie zu. "Hey, Mac." Er blieb vor ihr stehen, neigte den Kopf und musterte sie aufmerksam.

"Was ist?" Mac streifte nicht vorhandene Falten aus ihrer Uniform und wischte sich imaginäre Donut-Krümel vom Mundwinkel, bevor sie irritiert zu Harm aufblickte. "Warum sehen Sie mich so an?"

Harm verschränkte locker die Arme vor der Brust und lächelte. "Wie sehe ich Sie denn an?"

Mac blieb ernst. "Als hätten Sie etwas zu sagen, wüssten aber nicht wie."

"Oh, ich musste nur gerade an einen Film denken, den ich mal gesehen habe."

"Welcher Film denn?" Ungeduldig scharrte Mac mit der Spitze ihrer unbequemen Schuhe über den Boden. Ihre Aufmerksamkeit wanderte zwischen Harm und Tiner hin und her. Der Petty Officer hatte eben den Eingang zu seinem kleinen Büro erreicht und drehte sich jetzt nach Mac um.

"Es ging da um einen Gefangenen, der seinen letzten Gang zur Exekution antritt oder so was," erklärte Harm und grinste belustigt.

Mac war nicht zum Lachen zumute. "Zu komisch, Commander." Sie setzte sich wieder in Bewegung.

"Hey!" Mac spürte Harms Hand am Arm, als er sie zurückhielt. "Tut mir leid, Mac. Jetzt mal im Ernst, was ist denn los?"

Mac drehte sich wieder zu ihm um und zuckte die Schultern, während sie ihre Fingerspitzen betrachtete, als gäbe es dort außer einem Tintenfleck irgendetwas Interessantes zu sehen. "Keine Ahnung. Der Admiral will mich sprechen, das ist alles, was ich weiß." Sie hoffte, dass Harm ihr ihre Unruhe nicht ansah.

"Vielleicht möchte er Ihnen nur noch mal sagen, wie gut Sie den Hendriksen-Fall gehandhabt haben," meinte Harm aufmunternd, "bei der Teambesprechung gestern schien er recht zufrieden mit Ihrer Arbeit." Mit einem erwartungsvollen Lächeln sah er seine Kollegin an.

Mac machte eine wegwerfende Handbewegung. Harm meinte es nur gut mit ihr, aber sie konnte seinen Optimismus nicht teilen. "Er wollte wohl nur ein bisschen gnädig mit mir umgehen, nach all’ den Aktenbergen, die ich für den Fall wälzen musste."

Harm schüttelte den Kopf, als er ihr in Richtung von Chegwiddens Büro folgte. "Ach was, Mac, der Admiral verteilt sein Lob nicht auf Gnadenbasis. Und überhaupt, ich glaube nicht, dass das Wort Gnade schon mal im selben Satz mit Admiral A.J. Chegwidden benutzt wurde," Harm stoppte und grinste. "Oh halt, ich nehme das zurück – einmal hab ich gehört, wie jemand sagte ’Gnade Gott dem armen Teufel, der sich mit A.J. Chegwidden anlegt’."

Mac erwiderte Harms Grinsen für einen Moment, bevor sie ihm kurz zunickte, die Schultern straffte und das Vorzimmer betrat.

Petty Officer Tiner sah von seinem Computer auf, hinter dem er sich inzwischen niedergelassen hatte, und deutete einladend auf die Türe zu Chegwiddens Büro.

Mac zog automatisch ihren olivgrünen Uniformrock gerade und vergewisserte sich, dass ihre Rangabzeichen, die eines Majors, richtig saßen. Sie hob die Hand, atmete einmal tief durch und klopfte.

Während sie auf das ‚Herein’ wartete, tadelte sie sich innerlich für ihre plötzliche Unsicherheit dem Admiral gegenüber. <Ist ja schließlich nicht so, als ob ich da drin irgendetwas Unangenehmes zu erwarten hätte... zumindest hoffe ich es nicht.>

Es war ein wenig ungewöhnlich, dass der Admiral sie so kurz nach Dienstbeginn schon zu sich rief, obwohl der langweilige Papierkram, mit dem sie den Vormittag über sicher noch beschäftigt sein würde, keiner Besprechung bedurfte.

<Vielleicht ein neuer Fall?> überlegte Mac, <Für Unruhe jedenfalls kein Grund, Marine!> Aber da waren eben die Erinnerungen. Erinnerungen an Situationen, in denen sie im Büro des Admirals gestanden hatte und aufwühlende Gespräche geführt hatte.

Vor fast genau zwei Jahren zum Beispiel hatte sie Chegwidden darum gebeten, die Verteidigung eines Mannes niederlegen zu dürfen, der seine Frau schlug. Sie hatte dem Admiral gestanden, dass es sie einfach zu sehr an ihre eigene Familie erinnerte – doch anstatt sie, wie erhofft, von dem Fall abzuziehen, hatte Chegwidden sie darauf hingewiesen, dass sie lernen musste, sich nicht von Emotionen an ihrer Arbeit hindern zu lassen. Damals war ihr das recht hart erschienen, aber im Nachhinein hätte es sich als wertvolle Lektion erwiesen.

Dann waren da auch noch ihre Kündigung und ihre Rückkehr zu JAG, die beide vor Chegwiddens Schreibtisch besiegelt worden waren. Hier hatte sie sich leidenschaftlich für weibliche Intuition eingesetzt und für ihr Anrecht auf Arbeit, die nicht nur aus Computeraufrüstung, Verwaltungsarbeit und der Organisation von Bingo-Abenden bestand.

Und schließlich ihre Artikel 15-Anhörung... "Schlimm genug, dass Sie das Gericht getäuscht haben, aber Sie haben auch noch mich getäuscht, indem Sie so taten, als wäre alles in Ordnung, indem Sie Ihre Ehe und Ihre Affäre mit Farrow verbargen. Sie haben mir nicht genug vertraut, um mir reinen Wein einzuschenken. Ich hatte mehr von Ihnen erwartet..."

Mac hatte immer noch Chegwiddens Stimme im Ohr – ruhig, geradezu trügerisch sanft hatte sie geklungen und das war schlimmer für Mac gewesen, als wenn er getobt und herumgebrüllt hätte. Die Enttäuschung in seiner Stimme hatte sie härter als alles andere getroffen.

Dabei war es nicht so, dass sie A.J. Chegwidden nicht vertraute, ganz im Gegenteil. Sie hatte lediglich vermeiden wollen, dass er erfuhr, wie ihr Leben ausgesehen hatte, bevor sie ins Marine Corps eingetreten war, wie unfähig sie gewesen war, selbst etwas aus sich zu machen. Sie hatte den Respekt des Admirals nicht verlieren wollen – und doch war genau das geschehen, glaubte Mac.

Heute, nach einem Jahr harter Arbeit, guter Leistungen und vorbildlichen Verhaltens, hatte sie endlich wieder das Gefühl, sich seinen Respekt erneut verdient zu haben und sie wollte unter allen Umständen vermeiden, erneut einen Fehler zu machen. Vielleicht war sie deshalb so nervös, wann immer der Admiral sie unerwartet zu sich rief und dass er sie nun, selbst nachdem sie geklopft hatte, vor der Türe warten ließ, trug auch nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei.

Mac wippte kurz auf den Fußballen auf und ab und hob die Hand, um erneut zu klopfen.

"Herein!" kam endlich der Befehl von innen.

Ein letztes Geradeziehen des Uniformrockes, ein Zurückstreichen einer seidigen Haarsträhne und Mac trat ein. Sie machte drei Schritte in den Raum hinein, dann verharrte sie in militärischer Haltung, den Blick streng geradeaus gerichtet.

Die Jalousien vor den beiden Fenstern waren halb geschlossen. Einige Sonnenstrahlen fielen in den Raum, tanzten über die holzgetäfelten Wände, das Gemälde von Admiral Arleigh Burke über dem Kamin und über die Schiffsmodelle auf dem Bücherregal.

A.J. Chegwidden saß in seinem schweren Ledersessel – auf der Kante des Sessels, wie Mac feststellte. Seine rechte Hand lag auf dem Telefonhörer, der noch auf der Gabel zu wippen schien, so heftig hatte er ihn vor wenigen Sekunden auf den Tisch geknallt.

Mac ließ ihren Blick weiter wandern, über die um den Hörer gekrampfte Hand des Admirals den Arm hinauf, bis zu der unter Spannung stehenden Schulter. Die Sehnen des Halses traten deutlich unter dem Uniformkragen hervor, an der Schläfe pochte eine Ader und über der Nasenwurzel hatte sich eine tiefe Falte eingegraben. <Oh, oh...> Was immer das auch für ein Anruf gewesen war - es hatte sich sicherlich nicht um etwas Angenehmes gehandelt.

Mac fühlte sich plötzlich an das letzte Mal erinnert, als sie so vor Chegwiddens Schreibtisch gestanden hatte. Wie lange war es jetzt her? Zwei Wochen? Drei? Es fühlte sich fast so an, als läge ein ganzes Leben dazwischen – und eigentlich tat es das auch, dachte Mac und schluckte heftig, so als könne sie damit die aufsteigenden Erinnerungen bremsen.


April 1999

2055 Z-Zeit (16:55 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Church Falls, Virginia

Es hatte Mühe gekostet, gerade und aufrecht zu stehen, den Kopf erhoben und die feuchten Handflächen bewegungslos an die Seiten gepresst zu halten, obwohl sie vor Wut, Schmerz und Nervosität am liebsten davongelaufen wäre. Aber natürlich... Marines liefen nicht davon. <Nicht vor Urlaubsanträgen, nicht vor dem Admiral und ganz sicher nicht vor Joe MacKenzie!>

"Stehen Sie bequem," sagte Admiral Chegwidden, ohne von den Akten auf seinem Schreibtisch aufzusehen.

Mac tat wie befohlen, während sie zusah wie Chegwidden mit schnellen, präzisen Schwüngen seinen Namen unter ein Dokument setzte. Ihr Blick wanderte von seiner gebräunten Hand zu seinem kräftigen Unterarm, bevor sie sich zur Ordnung rief und ihren Blick auf die Wand hinter ihm fixierte. Schließlich legte er den Stift weg, lehnte sich ein wenig in seinem Sessel zurück und sah zu ihr auf.

"Worum geht es, Major?" Bei jedem anderen hätte die knappe, direkte Frage geklungen als wolle er sie möglichst schnell loswerden, um sich wieder seinen Unterlagen widmen zu können, aber bei A.J. Chegwidden klang es einfach nur... effizient, entschied Mac.

Macs Finger, die sie auf dem Rücken zusammengelegt hatte, verschränkten sich enger ineinander. "Ich... ich bräuchte kurzfristig Urlaub, Sir."

"Urlaub?" Chegwidden legte den Füller weg und sah seine Untergebene an, als hätte sie eben drei Wochen bezahlten Urlaub auf Hawaii inklusive Hula-Kurs verlangt. "Für wie lange?"

Mac machte einen kleinen Schritt auf den Schreibtisch und den Mann dahinter zu. "Ein paar Tage?" Ihre sonst so sichere Anwalts-Stimme gab dem Satz den Klang einer Frage.

"Unmöglich, Major!" Chegwidden schüttelte unnachgiebig den Kopf, "Sie wissen doch, dass Commander Mattoni gerade im Urlaub ist und Rabb mitten in einer komplizierten Verhandlung steckt. Kein günstiger Zeitpunkt also." Er nahm seinen Füller wieder auf, so als wäre das Thema damit für ihn erledigt.

Macs verkrampfte Schultern lockerten sich. "Natürlich, Sir," sagte sie, ohne im geringsten enttäuscht zu klingen, "kein günstiger Zeitpunkt, ich verstehe." Fast erleichtert wandte sie sich zum Gehen.

"Major?"

Mac widerstand mit Mühe dem Drang, den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen, und drehte sich langsam um. Der Blick von A.J. Chegwiddens braunen Augen war nicht mehr auf die Akten, sondern eindringlich auf sie gerichtet. Seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen und als er den Kopf neigte, wusste Mac, dass er sie durchschaut hatte. Der Anlass für ihren plötzlichen Urlaubswunsch war von einem Hula-Kurs so weit entfernt, wie das nur möglich war. Sie schluckte. "Ja, Sir?"

"Eine Frage noch... wieso wollten Sie gerade jetzt Urlaub?"

Mac heftete ihren Blick auf die US-Flagge hinter dem Schreibtisch, froh darüber, dass die Vorschriften sie nicht dazu zwangen, dem Blick ihres Vorgesetzten zu begegnen. "Ich wollte... zu... meinem Vater fahren, Sir." In letzter Sekunden hielt sie sich davon zurück, ihn ‚Joseph MacKenzie’ zu nennen.

Chegwiddens Augenbrauen schossen in die Höhe.

Mac wusste, dass er die ganze traurige Geschichte kannte. Er wusste vom Alkoholismus ihres Vaters, von den Schlägen, den Beschimpfungen und vermutlich auch von ihrer Mutter, die Joe MacKenzie – und damit auch die damals 15jährige Mac – verlassen hatte. Er wusste, dass Mac jeden Tag ihres Lebens darum kämpfte, ihren Vater und seinen Einfluss auf ihr Leben hinter sich zurückzulassen. Er wusste, dass sie Joseph MacKenzie ganz sicher keinen Höflichkeitsbesuch bei Kaffee und Kuchen abstatten würde. Und dennoch: Der Admiral stellte keine Fragen. Er legte lediglich seine starken Ex-Seal-Hände auf dem Schreibtisch übereinander und sah Mac abwartend an.

Mac spürte, dass er nicht fragen würde und schon gar nicht würde er ihr befehlen über den Grund für den geplanten Besuch bei ihrem Vater zu sprechen. In seinem ruhigen Blick lag ein einfaches Angebot zuzuhören, das war alles. Mac biss sich auf die Unterlippe. "Ich habe einen Anruf erhalten... er ... mein Vater ... liegt im Sterben und ... er möchte, dass ich hinfahre."

Chegwidden lehnte sich noch weiter im Sessel zurück und verschränkte leicht die Arme, während er Mac unablässig ansah. "Und Sie, Major? Was möchten Sie?" Die Stimme, die strenge Befehle geben, Standpauken halten und Unteroffiziere erschrecken konnte, klang sanft und neutral.

"Admiral... Sie haben selbst gesagt, dass es kein günstiger Zeitpunkt für Urlaub ist und..." Mac machte eine hilflose Geste mit den Händen.

"Major..." Chegwidden erhob sich und umrundete den Schreibtisch mit langsamen, präzisen Bewegungen, "Mac. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben als JAG, meine Leute davon abzuhalten, ihren wohlverdienten Urlaub zu nehmen. Wir können Sie hier sicher ein paar Tage entbehren, wenn Ihr Vater Sie braucht."

Ärger flackerte in Mac auf. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt – nicht so sehr vom Admiral, sondern von ihrem Vater. "Warum sollte es mich kümmern, ob er mich braucht oder nicht - Sir?" setzte sie eilig hinzu, als ihr bewusst wurde, dass sie eben die Stimme gegenüber ihrem Vorgesetzten erhoben hatte.

"Ich bin mir sicher, dass Sie das nicht so gemeint haben," sagte Chegwidden besänftigend.

Mac seufzte bitter und ließ den Kopf hängen. "Sie kennen ihn nicht, Sir."

Chegwidden betrachtete sie einen Moment lang stumm. "Nein, aber ich kenne Sie, Mac."

Mac hob überrascht den Blick. Das ruhige Vertrauen, das in seinen Worten mitklang, tat unglaublich gut. Sie spürte, wie ihr Ärger und ihre Bitterkeit ein wenig nachließen. "Sie meinen, ich soll fahren?" Mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Hoffnung, Zweifel und Unwillen lag, suchte sie in seinem Gesicht nach der Antwort.

Chegwidden hatte sich gegen die Schreibtischkante gelehnt. "Das ist allein Ihre Entscheidung, Major. Ich meine nur, dass Ihnen das Ganze nicht so gleichgültig ist wie Sie mich – und sich selbst – glauben machen möchten. Ihr Vater hat Sie verletzt, aber Sie haben jetzt die Chance zu verhindern, dass er weiterhin diese Macht über Sie hat."


Mai 1999

1345 Z-Zeit (09:45 Uhr EDT)
JAG-Hauptquartier
Church Falls, Virginia

"... Major."

Mac stellte plötzlich fest, dass ihr gedanklicher Ausflug sie so abgelenkt hatte, dass sie nicht ein einziges Wort von dem mitbekommen hatte, was der Admiral eben gesagt hatte. <Na toll, Mac, als hätte ihn dieses Telefongespräch oder was immer es auch sonst war, nicht schon genug verärgert!> "Entschuldigung, Sir, ich habe eben nicht ganz mitbekommen, was..."

Chegwidden hob den Blick und deutete mit dem Kinn ruckartig auf den Sessel vor dem Schreibtisch. "Ich sagte, Sie sollen sich setzen, Major!" wiederholte er.

Seine Stimme erinnerte Mac an ein Donnergrollen, das ein sich näherndes Gewitter ankündigte. Sie setzte sich eilig und sah zu, wie Chegwidden endlich die Hand vom Telefonhörer löste. Er legte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und presste für einen Augenblick die Zeigefinger gegen die Schläfen. <Ich könnte mein Monatsgehalt darauf verwetten, dass er entweder mit Webb oder dem Marineminister gesprochen hat.>

"Ich wurde eben über einen neuen Fall in Kenntnis gesetzt, bei dem wir die Verteidigung übernehmen sollen," begann Chegwidden als er sich wieder zurücklehnte.

<Also der Marineminister,> folgerte Mac. Sie nickte, um Aufmerksamkeit zu signalisieren.

"Noch habe ich nicht alle Unterlagen," sagte der Admiral und klopfte ungehalten mit dem Ende seines Füllers auf die Notizen, die er sich während des Telefongesprächs gemacht hatte, "aber es geht um einen Sergeant namens Craik Foster. Er wurde getötet während er in U-Haft saß, im Militärgefängnis von Beaufort."

Mac zuckte leicht zusammen und versuchte ihre Reaktion als ein weiteres eifriges Nicken auszugeben. <Beaufort, wundervoll!> Noch mehr Erinnerungen, die sie am liebsten im hintersten Winkel ihres Bewusstseins verstaut und nie wieder hervorgeholt hätte. Sie atmete einmal tief durch, bis sie sicher war, dass die altgewohnte Maske der Professionalität wieder zurechtgerückt war. "Ich nehme an, es gibt eine Reihe von Verdächtigen," vermutete sie, an den Tatort denkend.

"Tatsächlich gibt es nur einen – seinen Anwalt," informierte Chegwidden sie kurz und trocken.

Eine kleine Falte bildete sich über Macs Nasenwurzel. "Sir?"

"Er soll Foster in seiner Zelle besucht und dort getötet haben, aber das ist eigentlich auch schon alles, was ich weiß." Das Knurren in der Stimme des Admirals verstärkte sich. Er war ganz offensichtlich frustriert darüber, dass seine Vorgesetzten ihm diesen Fall zugeschachert hatten, ohne ihn auch mit den entsprechenden Informationen zu versorgen.

Mac verzichtete darauf, noch weiter nachzufragen. "Werde ich mit einem der dortigen Anwälte zusammenarbeiten, Sir, oder sollen Lieutenant Roberts oder Commander Rabb...?"

Der Admiral unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. "Nein, Major, diesmal müssen Sie schon mit mir Vorlieb nehmen." Seine Mundwinkel hoben sich zu einem ironischen Halblächeln.

Mac blinzelte überrascht und schluckte in letzter Sekunde das "Sie, Sir?" hinunter, das ihr auf der Zunge lag. <Ein vermuteter Mord an einem Kriminellen ist nicht gerade etwas, mit dem man üblicherweise den JAG bemühen würde. Es sei denn natürlich...>

"Der Marineminister selbst hat mich darum gebeten," Chegwidden gab dem Wort einen ironischen Klang, "den Fall zu übernehmen," erklärte er als wüsste er genau, welche Gedanken Mac eben durch den Kopf gegangen waren. "Scheinbar hat ein politischer Würdenträger darum gebeten und irgendjemand in der Admiralität muss sich wohl an meine Sprachkenntnisse erinnert haben."

"Sprachkenntnisse, Sir?" Mac sprach selbst fließend Russisch, Farsi, Französisch und Japanisch und dass ihr vorgesetzter Offizier vergleichbare Talente hatte, war ihr neu. "Spanisch?"

Chegwidden lächelte milde. In einer geschmeidigen Bewegung hob er beide Hände, so dass die Zeigefinger erhoben und die Handflächen einander zugewandt waren, und beschrieb eine Reihe von Kreisen. Er sah einen Moment lang in Macs fragendes Gesicht und übersetzte dann: "Gebärdensprache."


1742 Z-Zeit (13:42 Uhr EDT)
Grundausbildungslager des Marine Corps
Parris Island, South Carolina

First Lieutenant Jae Cavanaugh war gerade im Begriff, wieder einmal ein Auto zu Schrott zu fahren. Zumindest war sie sicher, dass es für die Rekruten, die auf der Ladefläche des folgenden militärgrünen Lastwagens saßen, so aussah. <Nicht schon wieder!>

"Oh, Mist!" fluchte ihr Beifahrer, Staff Sergeant Wynes. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass er sich verzweifelt am Türrahmen festklammerte, als die abgefahrenen Reifen des Jeeps über den schlammigen Boden rutschten und der Wagen auf die Baumgruppe zudonnerte, die eigentlich der Treffpunkt des Übungstrupps gewesen war.

Sie trafen die erste der alten Buchen tatsächlich – mit dem Außenspiegel des Jeeps, als Jae Cavanaugh im letzten Moment geistesgegenwärtig das Lenkrad herumriss und der Wagen schliddernd zum Stehen kam.

Als wäre nichts dergleichen geschehen sprang Jae aus dem Jeep. Sie warf einen kurzen Blick hinab auf ihre Stiefel, neben denen die Trümmer des Außenspiegels über den feuchten Boden verstreut lagen, dann drehte sie sich zu ihren Rekruten um, die eben mit griffbereiter M-16 aus dem Lastwagen kletterten und sich um ihre beiden Ausbilder herum versammelten. Die vier männlichen und vier weiblichen Marines waren Teil eines zeitweiligen Testprojektes zum Einsatz gemischter Teams. Sie hatten die Grundausbildung bereits erfolgreich hinter sich gebracht und nun war es Jaes Aufgabe, sie in Schutz-, Such- und Rettungsaufgaben auszubilden.

"Okay, herhören, ab hier geht’s zu Fuß weiter," erklärte Jae, "zur Erinnerung: Wir suchen nach den beiden Vermissten, die sich irgendwo im Umkreis von zwei Meilen aufhalten müssen. Wir trennen uns wie besprochen und treffen uns spätestens 1930 wieder hier. Noch Fragen?" Sie warf einen schnellen Rundblick in die jungen Gesichter um sie herum und wartete einen Moment, "Okay, dann los!"

Im Laufschritt trennten sich die beiden Gruppen und bewegten sich am Rande des Sumpfes entlang, der die Insel umgab. Eine halbe Stunde lang hörte Jae nur die Geräusche der vier Marines hinter sich; schwere Militärstiefel, die auf sumpfigen Boden trafen, manchmal das Brechen eines Zweiges oder das Klirren eines Metallteils der Ausrüstung, und ihr eigenes, gleichmäßiges Atmen, doch dann...

"Ma’am!" Es war Johnsens Bass, der plötzlich hinter ihr erklang, "Unbekannte Objekte auf zwölf Uhr, Ma’am!"

Jae sah in die angegebene Richtung, ohne auch nur für einen Moment zu verharren. Vor ihnen lag eine hausartige Konstruktion, die sie als Wasserreservoir erkannte, und auf dem flachen Dach entdeckte sie zwei Umrisse, welche sich im Näherkommen als liegende Menschen entpuppten.

"Private Johnsen – mitkommen!" befahl sie knapp als sie das Reservoir erreichten, "Buchanan, Wade, Kelsey – Sie bleiben hier und sichern uns!"

Jae wartete mit dem Rücken gegen die raue Hauswand gepresst, bis die drei Marines Aufstellung bezogen hatten. Mit einem kurzen Handzeichen zeigte sie Johnsen an, dass sie das Reservoir zuerst erklimmen würde und schlang den Riemen ihrer M-16 über die Schulter, so dass sie die Hände zum Klettern frei haben würde.

Ein rascher, sichernder Blick zurück, dann schloss Jae die Finger um den kalten Stahl eines Rohres, das hinauf aufs Dach führte. Sie hangelte sich rasch daran empor, packte schließlich die raue Steinkante des Flachdaches und zog sich geschmeidig nach oben.

Der riesenhafte Johnsen folgte wenige Sekunden später, kniete neben den beiden reglosen Gestalten auf dem Dach nieder und untersuchte sie kurz. "Bewusstlos, aber transportfähig, Ma’am!" verkündete er und Jae hörte, dass er sich bemühen musste, ernst zu bleiben. Johnsen wusste so gut wie sie, dass McInnis und Sanchez, die beiden Rekruten, die diesmal die Rettungsbedürftigen spielten, seit einer halben Stunde kerngesund und entspannt hier in der Sonne lagen.

Jae verankerte die mitgebrachte Strickleiter und rüttelte probeweise daran, um sicher zu gehen, dass sie hielt, bevor sie sich Private McInnis, einen der beiden "Bewusstlosen", mit einem geübten Griff quer über die Schultern hievte. <Meine Güte, wie viel wiegt der gute Mann? Porridge und Haferkekse mit Butter und Sirup sind vorerst gestrichen für McInnis!> Mit einem mentalen Augenrollen überquerte sie das Dach, bemüht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie das zusätzliche Gewicht überhaupt spürte. Sie wusste genau, dass fünf Jahre im Marine Corps und zwanzig Jahre Kampfsporttraining ihr die Geschmeidigkeit und Kraft verliehen hatten, um mit jedem ihrer männlichen Kollegen mithalten zu können und sie bestand darauf, das immer wieder zu beweisen.

Zufrieden stellte sie fest, dass Johnsen ihr sofort mit dem zweiten "Opfer" folgte. Noch vor wenigen Wochen, zu Beginn des Projekts, hätte er sicherlich unnötig Zeit damit verschwendet, sich verblüfft zu fragen, wieso sie nicht die zierliche Private Sanchez gewählt und ihm den bulligen McInnis überlassen hatte, doch seither hatten die Mitglieder ihres gemischten Teams gelernt, sich wie gleichberechtigte Kameraden zu behandeln. Für eine Sekunde erlaubte sich Jae ein stolzes Lächeln, bevor sie mit ihrer Last am Rande des flachen Daches niederkniete.

Als sie die Beine über die Kante schwang und eine Hand fester um O’Learys Bein schloss, hörte sie wie über ihr Private Sanchez wisperte "Ich wette um 20 Dollar, dass sie McInnis fallen lässt" und wie Johnsen grinsend zurückflüsterte: "Ich wette 50 Dollar, sie lässt ihn nicht fallen, aber er stirbt an Herzversagen mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht."

Jae biss sich auf die Lippe, um ein amüsiertes Grinsen zu unterdrücken. "Vorwärts, Johnsen! Und Sanchez – Sie sind gefälligst bewusstlos!"


1940 Z-Zeit (15:40 Uhr EDT)
Grundausbildungslager des Marine Corps
Parris Island, South Carolina

Jae blätterte im Dienstplan der kommenden Woche, während sie den Gang hinab in Richtung ihres Büros ging. <Schon wieder Wochenend-Manöver!> Sie rollte mit den Augen, <Da wird sich ...> Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch und hob den Kopf, als sie ihr kleines Büro betrat und plötzlich feststellte, dass es fast vor Menschen überquoll.

Die Staff Sergeants Wynes und Lewinton lehnten sich gegen den Schreibtisch und Lieutenant Driscoll grinste breit als er sie kommen sah. "Für das Verschrotten eines weiteren Autos verleihen wir, die Ausbilder des Marine Corps-Ausbildungszentrums Parris Island, Lieutenant Jae "Crash" Cavanaugh hiermit eine weitere Kerbe in ihren Schreibtisch, in der Hoffnung, dass sie nächstes Mal den Wagen mit der bockenden Schaltung nimmt."

Gelächter und Applaus folgten dieser Rede und Jae versteckte das Gesicht hinter dem Dienstplan, als Ann Lewinton eine weitere Kerbe in die Seite ihres Schreibtischs schnitzte. Mittlerweile zierten bereits acht dieser Kerben das dunkle Holz.

"Ich bin mir sicher, dass du noch vor Weihnachten das Dutzend voll machst, Crash," neckte Driscoll gutmütig. Der Umgangston zwischen Jae und den restlichen Ausbildern des Projekts war nicht gerade der, den man von einer Berufssoldatin erwartete, sondern eher freundschaftlich-kollegial. Sie war so höflich und nett zu jedermann, dass man leicht vergessen konnte, dass sie ein Offizier war.

"Hey, diesmal kann ich wirklich nichts dafür, es lag an diesen abgefahrenen Reifen!" protestierte Jae, "Wynes, legen Sie ein gutes Wort für mich ein! Sie wissen, dass ich eigentlich ein guter Autofahrer bin!"

Hust- und Stöhngeräusche kamen aus jedem Winkel des Büros.

"Das bin ich wirklich, diese Dinge passieren einfach!" beteuerte Jae.

Driscoll zwirbelte seinen Schnauzbart und grinste. "Aber nur dir, dem menschlichen Unglücksmagneten der Truppe!"

"Ich bin kein Unglücksmagnet!"

"Ach nein? Sie waren also nicht diejenige, die Private Rayburne in einen Raum mit Private Dexter gesteckt hat?" neckte Wynes.

"Das war nicht mein Fehler, Ben sollte Dexter ins andere Büro bringen." Jae nickte anklagend zu Lieutenant Driscoll hin.

"Ach, dann bist du auch nicht diejenige, über die der Mann von der Computerfirma gestolpert ist als er eigentlich den Drucker des Majors reparieren sollte?" Ben Driscoll grinste seine jüngste Kollegin an, "Wir haben Monate gebraucht, um den Toner aus allen Winkeln des Büros zu entfernen!"

Jae rollte den Dienstplan zu einer Schlagwaffe zusammen und drohte ihrem Kollegen damit. "Er ist nicht über MICH gestolpert."

Driscoll lachte. "Ach ja, richtig. Er hat versucht, dich zu einem Rendezvous zu überreden und ist dabei über jemand anderen gestolpert."

"Ist schließlich nicht meine Schuld, wenn ich so unwiderstehlich bin," meinte Jae schelmisch grinsend.

Es klopfte an der offenen Bürotüre. Jae sah auf. Vor ihr stand ein junger Corporal. "Lieutenant Cavanaugh? Der Major möchte Sie sprechen, Ma’am."

<Oh, oh!> Jae runzelte kaum merklich die Stirn. "Ich bin unterwegs." Sie nickte ihren Kollegen zu und folgte dem Corporal.


1942 Z-Zeit (15:42 Uhr EDT)
Grundausbildungslager des Marine Corps
Parris Island, South Carolina

A.J. Chegwidden rang mühsam seine Ungeduld nieder und zwang sich, sich im Besucherstuhl des Ausbildungsleiters, Major Baldridge, zurückzulehnen, während sie warteten. Er tauschte einen kurzen Blick mit Mac, die neben ihm in einem zweiten Stuhl saß, kerzengerade und die Hände fest um ihr Schiffchen geschlossen, wie er bemerkte. Er fragte sich, wie sie sich dabei fühlen mochte, hier, im Ausbildungszentrum des Marine Corps, zu sein.

Es klopfte und A.J. sah auf. Eine junge Frau in einer etwas mitgenommenen, schlammverkrusteten Felduniform und dem Silberstreifen eines Marine Corps-Lieutenants am Kragen stand im Türrahmen.

<Cavanaugh,> las A.J. auf dem Namensschild über der rechten Brusttasche, <Das ist sie also. First Lieutenant Jacqueline Cavanaugh.> Er musste zugeben, dass er sich die Person, die laut dem Marineminister eine wichtige Rolle für ihrem Fall spielen sollte, anders vorgestellt hatte. Älter, zum Beispiel. A.J. hatte keinerlei Vorurteile bezüglich der Fähigkeiten junger Leute; er selbst hatte ebenfalls früh mit einer steilen und abwechslungsreichen Karriere begonnen, aber dennoch ... <Großer Gott, sie sieht aus als wäre sie kaum alt genug, die Grundausbildung beendet zu haben, geschweige denn, hier Ausbilderin zu sein...> Hätte er nicht ihre Akte gelesen und daher gewusst, dass sie 25 Jahre alt war, so hätte er sie wohl eher für eine Rekrutin als für deren Ausbilder gehalten. Er vermutete, dass sie eine der jüngsten Ausbilderinnen in der Geschichte des Marine Corps sein musste.

Er studierte sie, während sie einen Schritt in den Raum hinein machte, die Türe hinter sich schloss und dann in militärischer Haltung verharrte. Sie war sehr schlank, ohne dabei jedoch zerbrechlich zu wirken, und relativ klein. Auf den ersten Blick wirkte sie ganz sicher nicht wie jemand, der im Nahkampftraining einen Zwei-Meter-Rekruten zu Boden schicken konnte.

Ihre Körpergröße und ihr jugendlich-offenes Gesicht ließen sie um Jahre jünger wirken und ihre freundlich blickenden Augen wollten nicht so recht zum Bild einer Berufssoldatin passen, doch Chegwidden erkannte das Selbstbewusstsein, das in ihren Bewegungen und in ihrem Blick lag und das ihm verriet, dass sie sich von ihrem Erscheinungsbild nicht irritieren ließ. Aufrecht stand sie da, mit ruhigem Selbstvertrauen und einem zuversichtlichen Blick, militärisch vorbildlich und völlig regungslos – bis auf ein fast unmerkliches Zucken ihrer Hand, als sie den Reflex unterdrückte, eine der goldblonden Haarsträhnen zurückzustreichen, die ihr sportlich-frech in die Augen fielen.

"Sie wollten mich sprechen, Sir?" Sie hatte die gedehnte, melodische Aussprache, die typisch für einen Südstaatler war und A.J. glaubte, eine gewisse Unruhe aus ihrer Stimme herauszuhören.

Major Baldridge nickte. "Richtig, Lieutenant."

Die junge Frau mit dem goldblonden Haar verlagerte unruhig ihr Gewicht. "Geht es um den Wagen, Sir? Wenn Sie wollen, dass ich keine Militärfahrzeuge mehr fahre, dann verstehe ich das, aber..."

A.J. runzelte die Stirn. Er hatte keine Ahnung, von was der Lieutenant da redete. Ihr Vorgesetzter schien es jedoch ganz genau zu wissen, denn er unterdrückte ein Schmunzeln. "Nein, nein, es geht nicht um das Auto – obwohl es möglicherweise klüger wäre, Sie würden eine Weile nicht selber fahren."

"Das macht es auch nicht besser. Sie enden auch dann auf dem Schrottplatz, wenn ich nur der Beifahrer bin." Die junge Frau erlaubte sich ein sanftes Lächeln und Chegwidden stellte fest, dass ihm Cavanaugh trotz seiner Laune, die seit dem Anruf des Marineministers von schlecht zu miserabel gewechselt war, sympathisch war.

Der Major nickte. "Setzen Sie sich, Lieutenant."

Cavanaugh gehorchte und erst jetzt, als ihr Blick nicht mehr vorschriftsmäßig auf einen Punkt über der Schulter ihres kommandierenden Offiziers gerichtet war, schien sie die beiden Besucher zu bemerken.

"Lieutenant, das sind Admiral Chegwidden und Major MacKenzie vom JAG Corps," übernahm Major Baldridge die Vorstellung, "sie sind hier, um Sie um Ihre Unterstützung in einem Fall zu bitten."

A.J. erhob sich und reichte der erstaunten jungen Frau die Hand. Er bemerkte, dass sie ihm kaum bis zur Schulter reichte und dass sie selbst um Mac in die Augen sehen zu können, den Blick ein wenig heben musste. Ihr Händedruck jedoch war, wie A.J. ihn bevorzugte: Kurz und fest.

"Lieutenant Jae Cavanaugh, Sir, Ma’am." Sie nickte den beiden Offizieren höflich zu. "Wie kann ich Ihnen helfen?" Man sah ihr an, dass sie nicht daran gewöhnt war, von einem Anwalt, noch dazu einem Anwalt, der die zwei Sterne eines Admirals am Kragen trug, um Hilfe gebeten zu werden.

"Sie sind mit Ermittlungsarbeit vertraut, richtig?" A.J. nahm wieder Platz.

Cavanaugh nickte. "Ein wenig, Sir. Ich habe meine Karriere bei der Militärpolizei begonnen und zwei Semester Jura an der Abendschule studiert."

<Zwei Semester? Wieso nur zwei?> fragte sich A.J., entschied aber, vorerst nicht näher darauf einzugehen. Momentan gab es wichtigere Dinge. "Das könnte Ihnen bei dem Fall, an dem wir arbeiten, von Nutzen sein, aber was wir vor allem benötigen, sind Ihre Sprachkenntnisse."

"Sprachkenntnisse, Sir?" Sie sah den Admiral fragend an.

A.J. versteckte seine Belustigung hinter einem grimmigen Nicken. Er hatte ähnlich verblüfft reagiert, als der Marineminister seine Sprachkenntnisse angesprochen hatte. "Richtig, Lieutenant, Sprachkenntnisse. Sie sollen uns in erster Linie als Dolmetscherin dienen."

Er machte eine Reihe von Kreisbewegungen und Cavanaugh verstand endlich: "Gebärdensprache ... Sir?" übersetzte sie automatisch.

Chegwidden nickte bestätigend. "Unser Mandant ist gehörlos. Er ist Anwalt und wird des Mordes beschuldigt. Viel mehr kann ich Ihnen im Moment noch nicht sagen, aber Ihr zeitweiser Transfer zum JAG Corps wurde bereits arrangiert."

Cavanaugh schluckte merklich. "Aber, Sir...," Hilfesuchend wandte sie sich an ihren Vorgesetzten, "Sie wissen doch, dass ich nicht ohne vorherige Absprache über einen längeren Zeitraum hier weg kann..."

A.J. verengte leicht die Augen. Es war nicht üblich, dass Junior-Offiziere Einwände äußerten, wenn ein Admiral einen Befehl gab und nachdem er die vielen Belobigungen in der Dienstakte der jungen Frau gelesen hatte, hatte er so etwas nicht erwartet.

Der Major hob beruhigend die Hand. "Keine Sorge, Lieutenant, der Tatort liegt nur ein paar Meilen von hier entfernt, in Beaufort."

Cavanaughs angespannte Schultern sanken wieder herab. Sie drehte sich entschlossen zu A.J. um und er stellte fest, dass ihre Augen ungewöhnlich waren: hellgrün mit winzigen, goldenen Sprenkeln durchsetzt. <Katzenaugen,> dachte er, während er zusah, wie sich feine Fältchen um diese Augen herum und Grübchen in ihren Wangen bildeten, als sie lächelte. "In diesem Fall... geben Sie mir zehn Minuten, um meine Tasche zu holen und einen Anruf zu machen, Sir."

A.J. nickte und warf einen raschen Blick zu Mac hinüber. <Noch ein Marine, der ständig eine gepackte Tasche im Kofferraum hat, hm?>


2039 Z-Zeit (16:39 Uhr EDT)
In der Nähe von Beaufort, South Carolina

Mac schloss die Finger enger um den Griff in der Beifahrertüre des Mietwagens, während ihre andere Hand das olivgrüne Schiffchen auf ihren Knien hielt. Sie spürte die gepolsterte Lehne in ihrem Rücken, als sie die Schultern fester dagegen presste.

Nicht etwa, dass der Admiral sonderlich schnell gefahren wäre, er hielt das Geschwindigkeitslimit, das auf diesem Teil des Highway 21 galt, genau ein. Dennoch hatte Mac das beunruhigende Gefühl, immer mehr den mühsam gewonnenen Halt zu verlieren, je näher sie Beaufort kamen.

Sie kannte die 10.000-Einwohner-Stadt im Inselgewirr zwischen Port Royal und St. Helena. Wasser und Strände bestimmten hier die Landschaft. Durch die Frontscheibe konnte Mac das ruhige Wasser des Beaufort River erkennen, das in der Nachmittagssonne schimmerte.

Auf dem Weg nach Norden passierten sie einige schöne, alte Stadtvillen. Mac konnte sich vage an die Erläuterungen ihres früheren Geschichts-Lehrers erinnern. Die Stadt Beaufort war schon früh im amerikanischen Bürgerkrieg von Unionstruppen besetzt worden und daher waren viele der alten Häuser unzerstört geblieben. Und dennoch: Frieden und harmonische Idylle waren gewiss die letzten Dinge, die Mac jemals mit Beaufort assoziiert hätte.

Sie presste die Finger ihrer Linken erneut gegen den Stoff des Schiffchens als sie sich dem Marine Corps-Stützpunkt unmittelbar nördlich der Stadt näherten. Ein großes Schild vor dem Tor verkündete, dass Beaufort die Heimat von sieben F/A-18 Hornet-Geschwadern, 3.500 Marines und 7.000 Zivilisten war. Einst war sie, Sarah MacKenzie, einer dieser 7.000 Zivilisten gewesen.

A.J. stoppte den Leihwagen vor der Schranke und rollte das Fenster hinunter. Zwei bewaffnete Marine-Wachen traten von ihrem Unterstand weg und beugten die Köpfe, um die Ausweise zu kontrollieren, die die drei Insassen des Wagens ihnen entgegenstreckten. "Admiral Chegwidden vom JAG Corps. Colonel Raine erwartet uns."

Mac biss sich auf die Lippe, um ihren verräterisch zuckenden Mundwinkel unter Kontrolle zu halten. Sie war sich nicht sicher, ob Colonel Raine, der Stützpunktkommandant, überhaupt von der Verwicklung des JAG-Hauptquartiers in den Fall wusste, geschweige denn ihre Ankunft erwartete, aber die befehlsgewohnte Stimme des Admirals ließ keinen Platz für Zweifel oder Einsprüche.

"Colonel Raines Büro ist drüben neben dem Verwaltungsgebäude. Sie fahren hier geradeaus durch, an der Post biegen Sie links ab, die nächste rechts und dann ist es das zweite Gebäude." Der Marine öffnete die Schranke und salutierte als Chegwidden losfuhr.

Mac steckte ihren Dienstausweis wieder ein und ließ sich in den Schutz des Autositzes zurücksinken. <Das ist zwar der längere Weg, aber... na ja...> Sie hatte es nun wirklich nicht eilig, diesen Ort, an dem sie drei Jahre ihrer Kindheit verbracht hatte, wiederzusehen und daher sagte sie nichts als sie langsam die verwitterte Straße entlang fuhren.

Sie verflocht die Finger über dem Schiffchen und ließ ihren Blick über die staubige Straße des Stützpunkts gleiten. Manches war verändert, aber irgendwie war dennoch alles beim Alten geblieben. Einige Gebäude waren ausgebaut worden, hatten einen neuen Anstrich bekommen und einige Häuser waren hinzugefügt worden, aber im Grunde waren die langen Reihen einfacher Gebäude dieselben wie immer.

Überall um sie herum waren vertraute Klänge und Gerüche. Eine Gruppe von Soldaten kam ihnen im Laufschritt entgegen. Mac hörte die Befehle, Militärlieder und die rhythmischen Schritte schwerer Militärstiefel noch, als sie schon längst vorbei waren. Staub wirbelte auf und der Geruch von Maschinenöl lag in der Luft.

Während sie das Postgebäude hinter sich zurückließen, beobachtete Mac eine Gruppe Marines, die gerade den Hindernisparcours durchquerte. Sie hörte, wie sie sich unter Keuchen und Anfeuerungsrufen über die hohen Barrikaden hievten und sah zu, wie die weniger Erfolgreichen gegen die Holzwand prallten oder durch einen Graben mit schlammigem Wasser strauchelten. Sie erinnerte sich plötzlich wieder daran, wie sie und ein paar andere Soldatensprösslinge sich nach dem Abendessen davongestohlen hatten, um sich heimlich selbst an dem Parcours zu versuchen.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie stolz sie gewesen war, den Parcours geschafft zu haben, trotz des verstauchten Knöchels, den sie sich eingehandelt hatte, als sie von der Strickleiter, dem letzten Hindernis, gesprungen war, ohne an die Grube an der anderen Seite zu denken. Sie hatte vorgehabt, sich mit Ruggles, ihrem weißen Mischlingshund, unbemerkt in ihr Zimmer zurückzuschleichen, aber als sie auf das Haus zugehumpelt war, hatte ihr Vater auf den Stufen gesessen, eine Flasche Bier in der Hand.

"Was zur Hölle hast du jetzt schon wieder angestellt?" hatte Joe MacKenzie sie angeknurrt.

Die 14jährige Sarah hatte sich am Geländer der schmalen Veranda festgehalten und versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie ihren rechten Fuß kaum belasten konnte. "N-nichts, Dad... ich bin nur... ’wo runtergefallen."

"Du warst wieder drüben beim Parcours!" hatte ihr Vater sie beschuldigt.

Sarah hatte langsam genickt. "Ja." Ihren Vater anzulügen war keine gute Idee, das hatte sie auf die harte Tour erfahren müssen.

"Nachdem ich dir gesagt hatte, da wegzubleiben?!"

Der Tonfall seiner Stimme hatte sie zusammenzucken lassen. Sie hatte den Kopf leicht zwischen die Schultern gezogen und auf Ruggles hinabgesehen, der leise winselte. "Ja. Es tut mir leid," Sie hatte den Blick gehoben und mit einem winzigen, hoffnungsvollen Lächeln hinzugefügt: "Und diesmal bin ich durchgekommen, Dad."

Das Klirren der Bierflasche als sie an der Hauswand zerschellte hatte ihr Lächeln verschwinden lassen.

"Alles in Ordnung, Major?"

Mac drehte den Kopf und blinzelte als sie sich wieder im Hier und Jetzt zurechtfand. Mit einem raschen Blick stellte sie fest, dass Chegwidden den Leihwagen vor dem Verwaltungsgebäude geparkt hatte und sie jetzt mit seinen haselnussbraunen Augen eindringlich ansah, während er die Handbremse anzog. Mac fragte sich, wann genau der Admiral eigentlich so gut darin geworden war, in ihrem Gesicht zu lesen als wäre es eines der Werke Shakespeares, die er so mochte. Sie straffte sich. "Alles in Ordnung, Sir."

Sie spürte Chegwiddens Blick noch einen Moment länger auf sich ruhen, bevor er nickte, sich abwandte und die Autotüre öffnete.

Mac beobachtete ihren Vorgesetzten aus den Augenwinkeln, während sie ausstieg. Diese Art des Frage-und-Antwort-Spiels zwischen ihnen war nichts Neues und Chegwidden wurde immer besser darin, ihr "Alles in Ordnung" als das zu verstehen, was es wirklich war: Ein Versuch, ihn und alle anderen von sich und ihren Problemen möglichst fernzuhalten.

Sie warf einen raschen Blick in Richtung der blonden Ausbilderin, deren Anwesenheit sie beinahe vergessen hatte, so ruhig war sie während der Fahrt gewesen. Die junge Frau, <Lieutenant Jae Cavanaugh,> erinnerte sie sich, erwiderte den Blick offen. Die grünen Augen blickten wach und freundlich und sobald sie Macs Aufmerksamkeit auf sich gerichtet sah, lächelte sie sanft. Mac fragte sich plötzlich, wie jemand, der noch dazu so zierlich war wie Jae Cavanaugh, sich Tag für Tag in der Männerwelt des Marine Corps durchsetzen konnte, ohne diese Ausstrahlung von Herzlichkeit, Unschuld und Lebensfreude zu verlieren. Mac seufzte leise. <War ich je in der Lage, jemandem mit so unreservierter Offenheit anstatt von professioneller Vorsicht zu begegnen?>

"Kennen Sie Colonel Raine?" wandte sich Chegwidden an die Ausbilderin und unterbrach damit erneut Macs Gedanken an die Vergangenheit.

Cavanaugh schüttelte den Kopf, während sie Mac und Chegwidden zum Nebengebäude folgte. "Nicht persönlich, Sir, nur seinem Ruf nach."

Chegwidden drehte sich zu Lieutenant Cavanaugh um und blickte zu ihr hinab. "Und der besagt?"

Mac musste lächeln als sie die leichte Überraschung im Gesicht des Lieutenants sah. Ganz offensichtlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass der Judge Advocate General so direkt und unumständlich zur Sache kommen würde. "Colonel Raine hat den Ruf, hart, aber gerecht zu sein, Sir, außerdem ziemlich ehrgeizig. Ich habe gehört, dass einer der Kandidaten ist, die möglicherweise die Leitung von Cherry Point übernehmen sollen," erwiderte Cavanaugh genauso offen.

Mac zupfte mit den Zähnen nachdenklich an der Oberlippe. Cherry Point in North Carolina war einer der größten Stützpunkte, den das Marine Corps überhaupt besaß. <Ein ziemlicher Karrieresprung mit dem hier verglichen,> dachte Mac, während sie ihren Blick noch einmal über die Baracken des Beaufort-Luftstützpunkts schweifen ließ. Sie fragte sich, ob es Raine schwer fallen würde, nach so vielen Jahren von Beaufort wegzugehen. Nicht dass sie selbst damals auch nur einen Hauch von Bedauern gespürt hätte, als ihr Vater überraschend von Beaufort weg an die Westküste versetzt worden war, aber JAG... es würde ihr ganz sicher schwer fallen, JAG zu verlassen. Sie wusste, dass selbst ein beruflicher Aufstieg sie nicht so schnell dazu bringen würde, denn inzwischen war JAG mehr als nur eine Dienststelle für sie. Im Grunde genommen war es beinahe schon zur Ersatzfamilie für sie geworden.

"Sir, ich... ich kenne Colonel Raine," gestand Mac, kurz bevor sie die Wache vor dem Eingang des Nebengebäudes erreichten. Unsicher suchte sie seinen Blick, beinahe darauf gefasst, prüfendes Misstrauen darin zu lesen. <Nach dem ganzen Schlamassel um meine Ehe, die Beziehung zu John und Chris Tod, könnte ich es dem Admiral wirklich nicht verdenken, wenn er jeder derartigen Offenbarung meinerseits mit einer gewissen Vorsicht begegnet.>

Chegwidden begegnete ihrem Blick ruhig. Mac las keine Zweifel, ob sie das ‚Kennen’ etwa im biblischen Sinn gemeint hatte, und auch keinen Vorwurf, warum sie so lange mit diesem Hinweis gewartet hatte, in seinen Augen, sondern lediglich milde Überraschung. Abwartend nickte er ihr zu.

"Er war schon vor 18 Jahren hier in Beaufort, damals war er Lieutenant und soweit ich mich erinnere für die Wartung und die Verwaltung der Ersatzteile der Hornet-Staffeln verantwortlich. Ich denke, ich kann Lieutenant Cavanaughs Einschätzung bestätigen," sie nickte der lächelnden Ausbilderin zu, "er galt als sehr auf seine Karriere konzentriert, als ein sehr korrekter Offizier, der mit seinen Soldaten nur rein beruflichen Umgang pflegte." <Und der nicht sonderlich beliebt war bei seinen Untergebenen,> dachte Mac, fand es aber nicht fair gegenüber Raine, das hinzuzufügen, denn schließlich... <Er war nicht sonderlich beliebt bei Joe MacKenzie und seinen Saufkumpanen, weil er sie ein ums andere Mal zu Strafdiensten verdonnert hat, wenn ihre Arbeit wieder einmal unter ihren Eskapaden gelitten hatte. Und das kann man einem guten Offizier schließlich nicht verübeln.>

Chegwidden nickte wortlos, während sie die Wache an der Eingangstüre passierten und einen langen Gang in nüchternen Grautönen hinuntergingen. Er verlangsamte seinen Schritt und wandte leicht den Kopf in Macs Richtung.

Mac hatte in den letzten 2 ½ Jahren genügend Gelegenheiten gehabt, die Körpersprache ihres Vorgesetzten zu studieren, um die stumme Aufforderung zu verstehen. Ebenso wortlos schloss sie zu ihm auf, so dass sie nun Seite an Seite gingen.

"Ich nehme an, Sie kennen Colonel Raine durch Ihren Vater?" Chegwiddens Frage klang neutral, fast beiläufig, so als wolle er Mac die Möglichkeit geben, ebenso beiläufig zu antworten, ohne allzu lange über ihren Vater nachzudenken, dessen Beerdigung sie vor weniger als zwei Wochen beigewohnt hatte.

"Ja, Sir," Mac nickte, "Der Colonel war der direkte Vorgesetzte von... meines Vaters." Sie beobachtete Chegwidden aufmerksam aus den Augenwinkeln, um seinen Gesichtsausdruck in dem Moment zu erfassen, in dem er erkannte, dass sie – zumindest für ein paar Jahre – auf diesem Stützpunkt zuhause gewesen war und dass sie vermutlich keine allzu freudigen Erinnerungen mit diesem Platz verband. Mac spannte die Schultern und wartete auf die Reaktion des Admirals, eine Frage, vielleicht, ob sie lieber durch einen anderen Anwalt ersetzt werden wollte, vielleicht aber auch eine Ermahnung, die Ermittlung nicht von ihren Gefühlen beeinflussen zu lassen. Unsicher wartete sie.

Nichts dergleichen geschah. Chegwidden nickte lediglich und verharrte vor der Türe, an der Colonel Raines Name stand.

Ein Marine Corps-Corporal meldete sie an und kurz darauf betraten die drei Offiziere das Büro von Quentin Raine. Mac, die sich einen halben Schritt hinter Chegwidden und leicht zu seiner Rechten hielt, erkannte rasch, dass der Colonel in der Tat ein sehr korrekter Offizier war. Je zwei Besucherstühle befanden sich fast symmetrisch links und rechts des Schreibtischs. Es roch ein wenig nach Holzpoliturmittel im Zimmer.

Fotos, die nach Macs Einschätzung in Vietnam um 1970 gemacht worden waren, und eine Sammlung von Pokalen, Auszeichnungen und Urkunden von diversen Schießwettbewerben zeigten keine Spur von Staub. Auf den Metallschränken neben der Tür türmten sich keine Aktenberge und auf dem Schreibtisch befand sich außer den Unterlagen, in denen Colonel Raine gerade las, kein einziges Blatt Papier. Macs Mundwinkel kräuselten sich als sie an den Zustand des Schreibtischs dachte, den sie in Falls Church zurückgelassen hatte. <Kein Kommentar!>

Chegwidden blieb vor dem Schreibtisch stehen. "Colonel Raine? Ich bin Admiral A.J. Chegwidden vom JAG-Corps, das sind Major MacKenzie und Lieutenant Cavanaugh."

Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob sich und Mac stellte fest, dass Quentin Raine einige Zentimeter kleiner war als sie. <Irgendwie hatte ich ihn größer in Erinnerung.> Ansonsten hatte der ehemalige Vorgesetzte ihres Vaters sich jedoch kaum verändert. Er war noch immer schlank, beinahe mager, und seine kurzgehaltenen, fuchsroten Haare wurden kaum von grauen Strähnen durchzogen, obwohl er sicherlich Mitte 50 war. "Wie kann ich Ihnen helfen, Sir?" Er wirkte ernst, aber nicht sonderlich überrascht darüber, plötzlich drei JAG-Anwälte in seinem Büro wiederzufinden.

Mac spürte seinen Blick kurz auf sich ruhen, war aber nicht überrascht kein Zeichen von Erkennen in seinem Gesicht zu sehen. Er hatte sie damals nur zwei oder drei Mal flüchtig gesehen und außerdem hatte sie mit der mageren 13jährigen von damals sicherlich nicht mehr viel gemeinsam.

"Wir sind hier als Verteidiger eines Zivilanwalts namens Jeremiah Kazdin, der seit gestern hier in Untersuchungshaft sitzt," erklärte Chegwidden sachlich, "Unser Mandant steht unter dem Verdacht, seinen Klienten ermordet zu haben."

Colonel Raine nickte knapp. "Der Fall ist mir bekannt, Sir." Raines Gewissenhaftigkeit schien sich nicht auf das In-Ordnung-Halten seines Büros zu beschränken; er war scheinbar bestens darüber informiert, was auf seinem Stützpunkt vor sich ging. "Ich kann Ihnen versichern, dass Sie meine volle Unterstützung für eventuelle Nachforschungen auf dem Stützpunkt haben. Mister Kazdin ist noch immer in einer unserer Zellen untergebracht, ich nehme an, dass Sie ihn sehen möchten, ebenso das Gefängnis selbst. Sie wissen, dass es der Tatort war?"

Chegwidden nickte knapp. "Ich erwarte, nähere Details von den diensthabenden Wachen zu erfahren," erklärte er unmissverständlich.

"Selbstverständlich, Sir." Raine war lange genug Soldat, um einen Befehl zu erkennen, wenn er einen hörte. "Und falls Sie während der Ermittlungen hier auf dem Stützpunkt untergebracht werden möchten, kann ich gerne etwas für Sie arrangieren."

<Richtig, ich bin ja jetzt wieder im tiefsten Süden,> erinnerte sich Mac mit einem Anflug von Bitterkeit, als sie an die Jahre hier dachte, <dem Land der Gastfreundschaft, des Barbecue und des Mint Julep. Nicht dass ich mich damit so gut auskennen würde... Joe MacKenzie hat den Whisky am liebsten pur getrunken.>

Raine blickte die drei Offiziere der Reihe nach fragend an und wartete auf ihre Entscheidung.

Jae Cavanaugh nickte mit einem Lächeln, das Mac langsam als typisch für sie erkannte. Ihr selbst wäre es nicht so schnell eingefallen, ranghöhere Offiziere so unbefangen anzulächeln – und schon gar nicht für die Einladung, an diesem Ort unangenehmer Erinnerungen zu bleiben. <Komm schon, Sarah MacKenzie!> rügte sie sich im Stillen, <Eine Baracke ist wie die andere, was sollte es mir schon ausmachen, für zwei oder drei Wochen hier zu bleiben?> Aber sie wusste, dass sie sich damit nur selbst belog. Darin war sie schon immer gut gewesen. <Besser als darin, den Admiral zu belügen...> Sie wandte den Kopf und bemerkte, dass Chegwidden dem Colonel noch nicht geantwortet hatte, sondern stattdessen ihr einen kurzen, aber eindringlichen Blick zuwarf. <Ich weiß genau, dass ich das nicht laut gesagt habe... oder etwa doch?> Sie musste sich zurückhalten, um nicht nervös an der Unterlippe zu kauen.

"Nein, danke, Colonel, für unsere Unterbringung ist bereits gesorgt," sagte Chegwidden unerwartet.

<Ein Hotel?> fragte sich Mac überrascht, hatte sie doch noch die Predigten über das Budget im Ohr, die der Admiral seinen Leuten und vor allem Harm in regelmäßigen Abständen hielt. Aber schließlich sollte man einem gestohlenen Gaul nicht ins Maul sehen und Mac war froh um jede Nacht, die sie nicht hier auf dem Stützpunkt von Beaufort verbringen musste.

Raine betätigte einen Schalter auf seinem Schreibtisch. "Timbow!" bellte er in eine Sprechanlage.

Der Corporal, der sie hereinbegleitet hatte, erschien in der Türe und nahm sofort Haltung an. "Ja, Sir?"

"Nehmen Sie einen Wagen und bringen Sie den Admiral und seine Begleiter hinüber zum Gefängnis," wies Colonel Raine den Marine an.

"Jawohl, Sir!"

Mit einem letzten Blick zurück auf den vorbildlichen Schreibtisch und den Mann dahinter folgte Mac dem Corporal hinaus.


2132 Z-Zeit (17:32 Uhr EDT)
Militärgefängnis des US Marine Corps
Beaufort, South Carolina

"Hier entlang, Sir, Ma’am. Kazdin ist gerade im Besuchsraum."

Jae hielt sich hinter den beiden JAG-Offizieren, während sie einem Marine-Sergeant einen sterilen, grauen Gang entlang folgten. Bisher kam sie sich bei dieser Ermittlung ein wenig überflüssig und unnütz vor, auch wenn sie vermutete, dass sich das bald ändern würde. Sie warf einen schnellen Blick auf ihre Armbanduhr. <Halb sechs,> Sie seufzte innerlich, <Noch so ein Abend, an dem wir uns nicht sehen. Tut mir wirklich leid, Schatz.> Das war eines der wenigen Opfer, das sie für ihre Karriere im Marine Corps nicht gerne machte.

Sie rief sich zur Ordnung und richtete den Blick auf den Navy-Admiral vor sich. So wenig ihr der Gedanke, für vermutlich mehrere Wochen von zuhause weg zu sein, gefiel, so musste sie doch zugeben, dass es eine interessante Zeit zu werden schien. Was sie bisher von Chegwiddens Vorgehensweise gesehen hatte, sagte ihr, dass er kein Offizier war, der seine Tage hinter dem Schreibtisch verbrachte und seine Sterne polierte. Er ergriff Initiative und machte sich auf den Weg zum Gefängnis, ohne lange Zeit mit unnötigen Formalitäten zu verschwenden.

Der Marine Corps-Sergeant warf einen kurzen Blick durch das kleine Sichtfenster einer schweren Metalltüre und öffnete diese dann.

Jae trat hinter Chegwidden und seiner Mitarbeiterin <Major McKenzie? MacKenzie?> ein und sah sich aufmerksam um. Der Raum war groß, mit den grauen Wänden und vergitterten Fenstern, die typisch für ein Gefängnis waren. Drei Häftlinge in dunkelblauen Overalls sprachen, durch breite Tische von ihnen getrennt, mit ihren Besuchern und neben der Türe war eine uniformierte und bewaffnete Wache postiert.

Die Besucher drehten sich um und sahen wie die Häftlinge kurz von ihrem Gespräch auf, als die drei Offiziere eintraten. Jae brauchte sich nicht lange zu fragen, welcher der Männer ihr neuer Klient sein mochte – zwei der Männer in Gefängniskleidung sprachen gerade eifrig auf ihre Besucher ein.

Der Besucher, der dem dritten Häftling gegenübersaß, ein großer Mann in Anzug und mit einer Krawatte, deren Farbe gut zu seinem silbergrauen Haar passte, ließ seinen Blick über die Neuankömmlinge schweifen und die Fältchen um seine Augen gerieten in Bewegung als er Jae lächelnd von oben bis unten musterte.

Jae hatte diesen Blick schon unzählige Male zuvor gesehen. Es war der "Diese-zierliche-süße-attraktive-höchstwahrscheinlich-minderjährige-Blondine-kann-unmöglich-ein-Offizier-sein"-Blick. Sie lächelte nur nachsichtig.

Dann hob der silberhaarige, schlanke Mann Ende 50 seine braungebrannten Hände und bedeutete seinem Gegenüber in etwas eckigen, ungeübten Gebärden: "Es hat sich viel geändert, seit ich im Corps war. Sag mir nicht, die lassen jetzt schon Zwölfjährige die Offiziersschule besuchen?"

Jae lächelte ruhig und trat einen Schritt vor, weg von ihren beiden ahnungslosen Begleitern. Ohne dass sie darüber nachdenken musste, formten ihre Hände sicher die vertrauten Gebärden. "Ich bin sicher, in ein paar Jahren wäre ich dankbar für ein solches Kompliment, aber im Moment... bin ich fünfundzwanzig," korrigierte sie schelmisch. "Guten Abend."

Der ältere Mann erhob sich automatisch und starrte sie überrascht an, während sein Gesprächspartner mit keiner Wimper zuckte. Obwohl er von Stahlwänden und Gittern umgeben, von bewaffneten Soldaten bewacht wurde und sich einer Anklage wegen Mordes stellen musste, zeigte sein kantiges Gesicht keine Beunruhigung. Der große, breitschultrige und massige, wenn auch nicht übergewichtige Körper lehnte sich in einer Position kühler Arroganz im Stuhl zurück. Kühl sahen zwei eisblaue Augen unter buschigen, schwarzen Brauen hervor, ohne eine Spur des Humors, der sich jetzt im Gesicht seines älteren Gegenüber zeigte.

Der schlanke Mann im Anzug lachte verlegen. Zögernd schloss er die rechte Hand zur Faust und ließ sie in Herzgegend kreisen. "Entschuldigung," antwortete er in seiner stockenden Gebärdensprache, "ich konnte nicht ahnen, dass Sie fünfundzwanzig sind – und noch dazu gehörlos." Er grinste entschuldigend und wirkte dabei fast, als wäre ER der Zwölfjährige.

Jae erwiderte das Lächeln unwillkürlich und stellte erfreut fest, dass er den richtigen Begriff benutzt hatte: Gehörlos, nicht taubstumm oder taub. Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. "Ich bin nicht gehörlos," sagte sie, diesmal ohne ihre Hände zu benutzen. Sie wusste, dass ihre Gebärden so fließend und lebendig waren, dass sie selbst auf Betroffene wie eine Gehörlose wirkte, auch wenn sie es nicht war. "Meine Mutter und einer meiner Brüder sind gehörlos und daher ist die Gebärdensprache eine meiner Muttersprachen." Sie begleitete ihre Worte durch die entsprechenden Gebärden, um den Mann in dem blauen Gefängnisoverall nicht auszuschließen, obwohl er ihr kein großes Interesse entgegenzubringen schien.

Er saß noch immer lässig zurückgelehnt, die Arme vor der breiten Brust und dem Namensschild mit der Aufschrift Kazdin verschränkt, und gab kein Anzeichen dafür, dass er der Unterhaltung folgte. <Ob er das, was ich sage, von meinen Lippen ablesen kann?> Jae wusste, dass das Lippenlesen nicht so leicht war, wie viele hörende Personen glaubten. Es war eine komplexe Kunst der Beobachtung der Lippenpartie, des Erschließens aus dem Kontext und des intuitiven Ratens und erforderte höchste Konzentration. Gehörlos Geborenen fiel das Lippenlesen sehr viel schwerer als später Ertaubten, die in der Kindheit die Lautsprache noch kennen gelernt hatten.

"Ah." Der grauhaarige Mann nickte verstehend und sein Blick wanderte von Jae weiter zu Chegwidden und den Rangabzeichen an dessen Uniformjacke.

Jae entging nicht, wie sich seine Schultern noch ein wenig mehr strafften und er für einen Moment eine fast militärische Haltung einnahm, bevor ihm wieder einzufallen schien, dass er ein Zivilist war und er stattdessen die Hand ausstreckte. "Admiral... Major," begrüßte er Jaes Begleiter, "Mein Name ist John Flynt, ich bin Anwalt und der junge Mann hinter mir ist mein Kollege... und Mandant... Jeremiah Kazdin."

Chegwiddens Augenbrauen zogen sich zusammen, so dass eine steile Falte über seiner Nasenwurzel entstand. "Ich bin Admiral Chegwidden, das sind Major MacKenzie und Lieutenant Cavanaugh," erklärte er knapp, "Habe ich Sie da richtig verstanden, Mister Flynt – Sie sind Mister Kazdins Anwalt?" Seine Wangenmuskeln spielten.

John Flynt nickte. "Richtig. Gibt es ein Problem damit?" Verständnislos sah er den Admiral an.

"Allerdings." Chegwiddens Stimme klang grimmig und Jae ahnte, dass dieser Fall ihm einiges an Geduld abverlangte. "Major MacKenzie und ich wurden gebeten, Mister Kazdins Verteidigung zu übernehmen. Von einem Zivilanwalt war nicht die Rede."

Chegwidden und John Flynt sahen sich einen Moment lang nur an.

Jae trat einen schnellen Schritt zur Seite, so dass ihr Flynt nicht mehr länger den Blick auf den gehörlosen Häftling versperrte und wiederholte Chegwiddens Worte für ihn in Gebärdensprache.

Das schien Kazdin aus seiner gelangweilten Teilnahmslosigkeit zu reißen. Er sprang so schnell auf, dass sein Stuhl gegen die Wand krachte. Die Militärwache an der Türe griff nervös nach seiner Dienstwaffe und wenn Jae ehrlich war, so konnte sie ihm das nicht verdenken. Kazdin überragte seinen Zivilanwalt und vielleicht sogar Chegwidden, seine massigen Schultern waren drohend nach vorne gereckt und die eisblauen Augen blitzten zornig. Seine Hände, die gegen Jaes schlanke Finger wie Pranken wirkten, bewegten sich in wütenden, schnellen Gebärden, klatschten heftig aneinander. "Und wer zum Teufel hat Sie darum ‚gebeten’? Mein Vater? Ich war es nämlich ganz sicher nicht!" Er funkelte Jae wütend an, aber dennoch wich sie nicht einen Zentimeter zurück.

John Flynt schob sich beschwichtigend dazwischen und hob die Hände. "Jeremiah..."

"Kaz!" fingerte der Häftling, nun noch mehr aufgebracht.

"Kaz," wiederholte Flynt gehorsam, während Jae für die beiden JAG-Anwälte übersetzte, "Wieso lässt du sie nicht zuerst einmal in aller Ruhe erklären, weshalb sie hier sind? Ich habe dir eben schon gesagt, dass ich es für keine besonders gute Idee halte, wenn ich als dein Chef deine Verteidigung übernehmen würde und wenn Philip es wirklich geschafft haben sollte, den JAG persönlich für diese Aufgabe zu gewinnen..."

"P-h-i-l-l-i-p?" Chegwidden formte die Buchstaben langsam und sichtlich ungeübt mit Hilfe des Fingeralphabets. Jae sah erstaunt zu. Der Admiral schien wirklich die eine oder andere Überraschung auf Lager zu haben. Zufrieden stellte Jae fest, dass er Kazdin direkt ins Gesicht blickte, anstatt ihn zu übergehen und zu ihr, der Dolmetscherin, zu sprechen, wie das so viele Menschen taten, ohne sich etwas dabei zu denken.

Kazdin verzog das Gesicht und ließ sich auf seinen Stuhl zurücksinken, ohne zu antworten.

John Flynt ließ die Hände sinken und drehte sich ganz zu Chegwidden um, so dass Kazdin seine Lippen nicht sehen konnte, als er sagte: "Philip Kazdin, Senator von Connecticut – Jeremiahs Vater."


2147 Z-Zeit (17:47 Uhr EDT)
Militärgefängnis des US Marine Corps
Beaufort, South Carolina

A.J. hob leicht eine Augenbraue. <Ach so ist das! Senator Philip Kazdin. Mmhm.> Da hatte er also endlich den Grund dafür, warum der Marineminister so nachdrücklich von ihm verlangt hatte, dass er selbst diesen Fall übernehmen sollte – einem Senator einen Gefallen zu erweisen, konnte für die Karriere eines Ministers nur von Vorteil sein. <Politiker!>

A.J. schnaubte. Dieser Fall wurde wirklich immer besser und besser. <Nicht zu vergessen unser Mandant, der aussieht als könnte er Mike Tyson einhändig erwürgen und bei der bloßen Erwähnung seines Vaters einen Tobsuchtsanfall bekommt!> A.J. stellte sich jetzt schon darauf ein, dass Jeremiah Kazdin nicht gerade kooperativ sein würde.

John Flynt schob seinen Stuhl zurück an den Tisch. "Ich habe in ein paar Minuten einen Termin bei dem Richter, der Kaz’... Jeremiahs Fall übernehmen wird, um eine Freilassung auf Kaution zu erwirken. Wenn Sie den Fall tatsächlich übernehmen möchten, dann..."

"Wir werden den Termin wahrnehmen, natürlich," sagte A.J. sofort. "Das ging im Übrigen wirklich schnell mit dem Termin." Er wusste, wie beschäftigt der einzige Richter einer Militärbasis manchmal sein konnte.

Flynt lächelte und zwinkerte leicht. "Ich kenne den Richter ganz gut."

A.J. kniff die Augen zusammen. Er konnte nicht genau sagen, ob der Zivilanwalt scherzte oder nicht, aber er beschloss, dass ihnen das fürs erste gleichgültig sein konnte.

Chegwidden wandte sich um, als die schwere Metalltüre sich öffnete. Zwei Marines traten ein und nickten John Flynt zu. "Wir werden Sie und Ihren Mandanten zu Richter Kent geleiten," erklärte der eine, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich an den Angeklagten selbst zu wenden.

A.J. warf einen schnellen Blick auf Jeremiah Kazdin, der erneut unbeweglich auf seinem Stuhl saß und alles um sich herum ignorierte. A.J. wusste nicht warum, aber er musste plötzlich an seine Tochter Francesca denken, wie sie mit fünf Jahren schmollend in einen Sitzstreik getreten war, weil er sich geweigert hatte, das Wohnzimmer rosarot anzustreichen.

Die beiden Marines ließen Handschellen um die Handgelenke des Gefangenen zuschnappen und führten ihn zwischen sich aus dem Raum. Die drei Anwälte und Jae Cavanaugh folgten ihnen bis zu jenem Verwaltungsgebäude des Stützpunktes, in dem der Gerichtssaal und das Büro des Richters lagen.

A.J. schloss zu John Flynt auf, während sie den Parkplatz überquerten. "Wenn Sie nichts dagegen haben, würden der Major und ich ab sofort alle juristischen Belange übernehmen, ich möchte vermeiden, dass die Anklage später unser Vorgehen anfechten kann, weil unklar war, wer unseren Mandanten denn nun vertritt." Der Angeklagte in einem Militärgerichtsverfahren durfte nur einen Verteidiger haben, alle anderen beteiligten Anwälte mussten dessen Assistenten sein.

Der grauhaarige Anwalt nickte sofort. "Ich habe nicht das Geringste dagegen, Admiral, es hätte Kaz... Mister Kazdin sicher mehr geschadet als genützt, wenn ich als Senior-Partner seiner Firma, als sein Vorgesetzter seine Verteidigung übernommen hätte. Außerdem ist es schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal einen Mordfall verhandelt habe und ehrlich gesagt... ich denke, es sieht nicht besonders gut aus für Jeremiah."

A.J. schob das Kinn vor. <Abwarten.> Ein schneller Blick zu seiner Co-Anwältin zeigte ihm, dass Mac wohl dasselbe dachte. Ihre braunen Augen blickten entschlossen und konzentriert, ein Anblick, den er im Laufe der Jahre immer wieder beobachtet hatte. A.J. musste fast ein wenig lächeln und seine Gesichtszüge glätteten sich.

Mac ließ sich nicht so einfach einschüchtern; sie schreckte weder vor scharfen Argumentationen im Gerichtssaal noch vor viel Arbeit zurück. Gerade im letzten Jahr hatte er häufig festgestellt, dass sie sich mit einer leidenschaftlichen Verbissenheit in ihre Arbeit vertiefte. Wenn sie an einem Fall arbeitete, machte sie eine Überstunden nach der anderen, kam früh ins Büro und ging abends als eine der letzten und hortete stapelweise Gesetzesbücher und Akten auf ihrem Schreibtisch, durch die sie sich unermüdlich durcharbeitete. A.J.s Einschätzung nach war sie die am härtesten arbeitende Anwältin bei JAG und auch wenn er das als ihr Vorgesetzter nur begrüßen konnte, so konnte er als Privatperson, als Freund, nicht umhin zu erkennen, dass es Macs Art war, mit ihren Problemen fertig zu werden – oder vielleicht eher vor ihnen davonzulaufen – und sich deshalb Sorgen zu machen. Nicht dass er das je offen zugegeben hätte...

Er wandte sich wieder John Flynt und dem Fall zu. "Wie wäre es, wenn Sie uns einen kurzen Einblick in Mister Kazdins Lebensumstände geben, so dass wir dem Richter die passenden Argumente vorlegen können." Es war keine Frage, sondern eine Aufforderung.

"Bei der Frage, ob ein Beschuldigter auf Kaution freigelassen werden soll, geht es vor allem darum, wie sicher sich das Gericht sein kann, dass die beschuldigte Person dann auch zur Verhandlung erscheint," erklärte Mac halblaut an Jae Cavanaugh gewandt, die neben ihr herging. "Je stabiler die Lebensumstände des Angeklagten, desto geringer ist die Fluchtgefahr und desto wahrscheinlicher wird eine Freilassung auf Kaution gewährt. Eine Person, die einen festen Wohnsitz, eine Familie, einen Arbeitsplatz hat, hat mehr zu verlieren, wenn sie wegläuft als ein lediger Arbeitsloser."

Jae Cavanaugh nickte in einer Geste des Dankes. "Ah ja, richtig, ich erinnere mich dunkel, so etwas mal in einer Vorlesung gehört zu haben," gestand sie mit einem schalkhaften Grinsen.

A.J., der Macs Erläuterung mit halbem Ohr zugehört hatte, stellte erneut fest, wie wenig die junge Ausbilderin seinem Bild eines Offiziers entsprach, gleichzeitig konnte er aber nicht behaupten, dass sie etwas Anderes war als ein erstklassiger Marine. Irgendwie gelangt es ihr, entspannt und fast spielerisch-locker zu wirken, obwohl ihre Haltung in jedem Moment vorschriftsmäßig, ihr Verhalten lehrbuchhaft war. Seit er sie vor ein paar Stunden kennen gelernt hatte, hatte A.J. sie nur selten ohne das sanfte Lächeln gesehen, das scheinbar so typisch für sie war – und so untypisch für ihren Beruf.

Automatisch glitt A.J.s Blick weiter, richtete sich auf Mac. Bei all der Herzlichkeit und Sensibilität, zu der seine Top-Anwältin fähig war, konnte er sich einfach nicht vorstellen, dass sie sich in ihrer Arbeitsumgebung eine solche ‚Blöße’ geben und etwas Anderes als professionelle, sachliche Konzentriertheit zeigen würde. Sie alle hatten lernen müssen, ihre Gefühle im Berufsleben streng im Griff zu haben.

Sie hatten jetzt den Eingang des Gebäudes erreicht und verharrten dort, während die beiden Wachen mit dem hochgewachsenen Kazdin in der Mitte ungeduldig warteten. John Flynt balancierte seinen Aktenkoffer einen Moment lang auf einem Knie, ließ ihn aufschnappen und reichte A.J. ein doppelseitig beschriebenes Blatt Papier, das nach einem Lebenslauf aussah. "Ich denke, man kann Jeremiahs Lebensumstände durchaus als stabil und geregelt ansehen. Er ist 31 Jahre alt, nicht vorbestraft, Anwalt und Lieutenant in der Navy-Reserve. Er lebt seit fünf Jahren hier in Beaufort, hat ein eigenes Haus und ist seit fast fünf Jahren bei derselben Kanzlei tätig – Flynt, Emery & Partner, übrigens," Flynt schmunzelte, "und ist seit zwei Jahren Junior-Partner."

"Familie?" fragte A.J., während er die Hand nach der Eingangstüre des Gebäudes ausstreckte und sie aufstieß.

"Wie gesagt, sein Vater ist Philip Kazdin..."

A.J.s Wangenmuskeln zuckten. Er blickte zu Jeremiah Kazdin hinüber. Der schwergewichtige, bärenhafte Mann starrte finster vor sich hin, ohne seine Anwälte oder Jae Cavanaughs übersetzende Gebärden zu beachten. <Ziemlich schwer, ihn sich als liebevollen Familienvater vorzustellen, aber wer weiß...> Vermutlich hattet das so mancher auch von ihm gedacht. "Verheiratet? Kinder?"

Flynt schüttelte den Kopf. "Nichts dergleichen, tut mir leid." Sie setzten ihren Weg fort, einen langen Gang hinab, vorbei an grüßenden Soldaten.

A.J. wandte den Kopf und blickte einen Moment lang nachdenklich in Macs Gesicht. Er stellte fest, dass sie nicht nach links oder rechts sah, sondern stur geradeaus, so als wolle sie nicht zuviel von ihrer Umgebung wahrnehmen. Außer einer gelegentlichen Erklärung für Jae Cavanaugh hatte sie nicht viel gesagt, aber A.J. kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie völlig bei der Sache war und mitgedacht hatte. "Major," begann er, einer plötzlichen Eingebung folgend, <vermutlich eine dieser Intuitionen, von denen Mac so gerne spricht>, "wie wäre es, wenn sie das Kautionsprüfungsverfahren übernehmen?" Vielleicht war es genau das, was Mac jetzt brauchte: Eine Herausforderung. Er wollte ihr zeigen, dass er ihr und ihren Fähigkeiten noch immer voll und ganz vertraute.

Mac hob ruckartig den Kopf und sah ihren kommandierenden Offizier überrascht an. "H-mn... ja, Sir," sie fing sich wieder, "ich kann das gerne übernehmen. Irgendetwas Besonderes, das ich unbedingt beachten sollte?" Sie blickte zwischen Chegwidden und John Flynt hin und her.

Flynt zuckte die Schultern. "Nicht dass ich wüsste. Richter Kent ist ein fairer und gesetzestreuer Mann."

<Nicht dass jemand von uns danach gefragt hätte...> A.J. hob irritiert die Brauen. <Außerdem sollte man das von einem Richter doch wohl annehmen.>

Sie stoppten vor einer Türe und einer der Marines klopfte kurz, bevor sie eintraten. Die beiden Wachen führten den Gefangenen durch den Raum zu einem Stuhl und bedeuteten ihm, sich zu setzen, bevor sie an der Wand im Hintergrund Stellung bezogen.

A.J., der an der Spitze der kleinen Gruppe eintrat, sah sich rasch um. Der Raum war das typische Arbeitszimmer eines Militärrichters: Holzgetäfelte Wände, schwere Ledersessel und ein Schreibtisch aus dunklem Holz, an den Wänden lange Reihen von Gesetzesbüchern und ein paar Schwarz-Weiß-Fotos von einigen Marines in Felduniform. <Haiphong,> erkannte A.J., bevor sein Blick weiter zu dem Mann hinter dem Schreibtisch wanderte.

Der Mann in der Richterrobe war groß, muskulös und A.J.s Schätzung nach Ende 50. Wache, intelligente Augen musterten die Besucher über den Rand einer Lesebrille hinweg.

A.J.s Blick fiel auf das Metallschild auf dem Schreibtisch. <Colonel Clark Kent. Clark Kent? Das ist ein Witz, oder?> Er wölbte skeptisch eine Braue.

Der Richter war seinem Blick gefolgt und lächelte, als er Chegwiddens Gedanken erriet.. "Ich würde die schwarze Robe dem roten Cape jederzeit vorziehen."

Macs Mundwinkel zuckten und von Jae Cavanaugh hörte man etwas, was wie ein unterdrücktes Kichern klang. A.J. warf ihr einen schnellen Blick zu, der sie sofort verstummen ließ, bevor er näher an den Schreibtisch herantrat. "Admiral A.J. Chegwidden und Major MacKenzie von JAG. Wir sind hier, um die Vertretung von Mister Kazdin zu übernehmen."

Der Richter runzelte für einen Moment überrascht und wenig erfreut die Stirn. Sein Blick glitt zu John Flynt, der sich im Hintergrund hielt, dann fasste er sich wieder und nickte seinen Besuchern grüßend zu. "Sir... Major... John."

A.J. neigte den Kopf in Richtung der blonden Ausbilderin. "Und dies ist Lieutenant Cavanaugh – sie wird übersetzen, da unser Mandant gehörlos ist."

Richter Kent nickte so ruhig, als hätte er nichts anderes erwartet. A.J. fragte sich, ob er schon zuvor mit dem Anwalt Jeremiah Kazdin zu tun gehabt hatte und daher von dessen Handicap wusste.

Es klopfte an der Türe und herein kam ein blonder Mann Anfang 40 in formeller Marine Corps-Uniform. "Entschuldigen Sie bitte die Verspätung, Sir, ich wurde aufgehalten," wandte er sich an Richter Kent.

Kent nickte nachlässig. "Dann können wir jetzt also beginnen. Lieutenant Colonel Sutcliffe wird in Ihrem Fall die Anklage vertreten," erklärte er an Chegwidden gewandt, um dann in Sutcliffes Richtung fortzufahren, "Colonel, das sind Major MacKenzie und Admiral Chegwidden, Mister Kazdins Verteidiger."

"Major..., Sir." Sutcliffe nickte dem Admiral zu, respektvoll, aber ohne auch nur die geringsten Bedenken oder Selbstunsicherheit zu zeigen, gegen einen so erfahrenen Offizier und Anwalt vor Gericht antreten zu müssen.

Richter Kent schlug eine Akte auf seinem Schreibtisch auf und räusperte sich demonstrativ. "Jeremiah Kazdin, ich informiere Sie hiermit noch einmal über die Anklagepunkte, die man Ihnen vorwirft. Sie werden beschuldigt, am Abend des 13. Mai 1999 Ihren Mandanten, Sergeant Craik Foster, in seiner Zelle aufgesucht und ermordet zu haben. Weiterhin wird Ihnen vorgeworfen, im Laufe Ihrer Verhaftung tätlichen Widerstand geleistet zu haben, mit der Folge einer Körperverletzung eines Offiziers. Eine Anhörung nach Artikel 32 des UCMJ ist für den 19. Mai angesetzt. Verzichten Sie auf diese Anhörung, wird unverzüglich eine Militärgerichtsverhandlung einberufen."

Kazdin folgte den Gebärden, die Jae Cavanaugh für ihn machte, doch auf seinem Gesicht zeigte sich keine emotionale Regung. A.J. fragte sich, ob ihm wirklich voll und ganz klar war, dass er gerade des Mordes beschuldigt worden war.

Ein kurzes Schweigen entstand, dann trat Mac einen Schritt nach vorne. "Unser Mandant möchte von seinem Recht auf eine Untersuchung nach Artikel 32 Gebrauch machen," erklärte sie und wartete einen Moment, bis die Gebärdendolmetscherin ihre Worte übersetzt hatte. Kazdin widersprach nicht, also fuhr sie fort. "Weiterhin möchte ich das Gericht um Haftentlassung unseres Mandanten bis zum Gerichtstermin bitten."

Colonel Sutcliffe trat einen schnellen Schritt nach vorne. "Euer Ehren, es handelt sich um ein Kapitalverbrechen..."

"Ein mutmaßliches Kapitalverbrechen," unterbrach Mac energisch, "für das unser Mandant noch nicht verurteilt wurde."

A.J. musste ein Lächeln unterdrücken als er das Funkeln in ihren Augen sah und die Entschlossenheit in ihrer Stimme hörte.

"Euer Ehren, bei unserem Mandanten ist keine Fluchtgefahr zu befürchten," fuhr Mac fort, ohne dem Anklagevertreter Zeit für Einwände zu lassen, "Mister Kazdin ist nicht vorbestraft, er lebt seit Jahren in Beaufort und geht einer geregelten Arbeit nach – als Anwalt, wenn ich das hinzufügen darf. Außerdem ist Mister Kazdins Vater eine Person des öffentlichen Lebens, so dass man mit einem ordnungsgemäßen Erscheinen seines Sohnes vor Gericht rechnen kann."

<Ausgezeichnet, Mac!> Im Moment schien es die vielversprechendste Strategie zu sein, ihren Mandanten als gesetzestreuen Anwalt und ehrwürdigen Sohn eines Senators darzustellen. A.J., der die Gebärden der blonden Marine Corps-Offizierin beobachtet hatte, bemerkte, dass sie den letzten Teil von Macs Argument nicht für Kazdin übersetzt hatte. <Sie denkt mit,> dachte er anerkennend, <es würde den Richter nicht unbedingt überzeugen, wenn Kazdin bei der Erwähnung seines Vaters wieder einen Wutausbruch haben würde.>

Clark Kent sah zwischen Mac und dem Anklagevertreter hin und her. "Ich stimme einer vorläufigen Freilassung des Beschuldigten zu, jedoch nur unter folgenden Auflagen: Ihr Mandant hat eine Kaution von 100.000 Dollar zu bezahlen..." Er wartete, bis Cavanaugh für den Angeklagten übersetzt hatte, um dessen Reaktion zu sehen.

"Mister Kazdin," wandte sich Mac an den Gehörlosen, als er nicht reagierte, "sind Sie in der Lage, eine Kaution dieser Höhe zu hinterlegen?"

Kazdin zog geringschätzig die Mundwinkel nach unten, hob dann seine großen Hände und schüttelte sie ärgerlich. Die Handschellen klirrten leise.

"Können Sie ihm diese Dinger für einen Moment abnehmen?" wandte sich Jae Cavanaugh unverblümt an die Marines an der Wand und legte demonstrativ eine Hand über Kazdins gefesselte Handgelenke. Sie neigte den Kopf und lächelte die Wache mit dem Schlüssel freundlich an.

Kazdin zuckte vor der Berührung ihrer Hand zurück und verengte die eisblauen Augen zu einer stummen Warnung, die Jae verstand. Wortlos nahm sie die Hand zurück.

Der Marine trat vor und schloss kommentarlos die Handschellen auf.

Kent sah etwas ungeduldig zu. "Also?"

Kazdin machte zwei schnelle Gebärden und verschränkte dann die Arme über seinem breiten Oberkörper.

"Kein Problem," übersetzte Jae, die wieder einen Schritt von dem Beschuldigten weggetreten war.

"Außerdem möchte ich, dass der Angeklagte in Ihre Obhut entlassen wird. Einer von Ihnen hat ihn rund um die Uhr zu beaufsichtigen." Der Richter wandte sich Jae Cavanaugh zu. "Lieutenant, ich schlage Sie für diese Aufgabe vor, da Sie die Möglichkeit haben, sich mit Mister Kazdin zu verständigen."

Aller Augen richteten sich auf die junge Frau, die für einen Moment verblüfft dastand, dann jedoch lächelte und nickte. "Einverstanden, Sir."

A.J. nickte ihr zu. Er wusste, dass sie Cavanaugh da keine leichte Aufgabe übertragen hatten. Die freundliche, immer heitere und redselige Ausbilderin und der düstere, launenhafte Mordverdächtige unter einem Dach... A.J. schüttelte den Kopf bei diesem Gedanken, aber andererseits war er fast ein wenig erleichtert, nun einen Gast weniger in seinem Sommerhaus auf Hilton Head Island beherbergen zu müssen. Er war schon immer ein Mensch gewesen, der sorgsam darauf bedacht war, seine Privatsphäre zu schützen und Beruf und Privatleben streng zu trennen. Colonel Raines Angebot, auf dem Stützpunkt unterzukommen, hatte er, wenn er ehrlich war, nur Mac zuliebe abgelehnt. Er bildete sich nicht ein, alles über Mac und ihre Vergangenheit, ihre Kindheit, zu wissen, aber was er davon wusste war genug, um zu ahnen, dass sie nur ungern an ihren alten Wohnort zurückkehren würde. Er konnte das verstehen. Gerade er wusste, was für breite Schatten die Vergangenheit manchmal werfen konnte.

Jae Cavanaugh wandte sich an ihren neuen Schützling und begann, ihm mit munteren Gebärden die Situation zu erklären.

Kazdin starrte sie an und wiederholte fragend ihre letzten Handzeichen, als wäre er nicht sicher, sie richtig verstanden zu haben. Als Cavanaugh grinsend nickte, gab er einen unartikulierten Laut von sich, der nicht eben nach Begeisterung klang und schloss die Augen.


2308 Z-Zeit (19:08 Uhr EDT)
Highway 278
Nördlich von Hilton Head Island, South Carolina

Mac sah aus dem Fenster des Mietwagens, ohne wirklich etwas von der Landschaft zu sehen und ohne zu fragen, wohin sie eigentlich unterwegs waren. Der Admiral schien sich hier auszukennen und ihr war egal, in welchem Hotel sie unterkamen, solange sie nicht an dem Ort ihrer Kindheitserinnerungen bleiben musste.

Der Termin mit Richter Kent war zu ihrer Zufriedenheit verlaufen, auch wenn Mac über die plötzliche Entscheidung des Admirals, sie die Kautionsprüfungsverhandlung führen zu lassen, noch immer etwas überrascht war. <Wollte er mich auf die Probe stellen?> überlegte sie und zupfte nachdenklich mit den Zähnen an ihrer Unterlippe, <Oder hat er mir das Kautionsgespräch als Südstaaten-Äquivalent von Bingo-Abend-Organisieren und Computer-Aufrüsten zugeschustert?>

Sie warf ihrem Vorgesetzten, der ganz auf die Straße konzentriert war, einen kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu. Es war noch gar nicht so lange her, da hätte sie intuitiv gewusst, was seine Beweggründe waren, aber jetzt, nach allem, was gewesen war, hatte sie mehr und mehr das Gefühl, dass sie über eine fast unüberbrückbare Kluft hinweg kommunizierten. Vielleicht hatte Chegwidden ja auch gar nichts weiter dabei gedacht, als er ihr die Verantwortung für das Gespräch übertragen hatte, und hier saß sie und unterstellte ihm Hintergedanken. <Der Admiral ist mit Sicherheit der Letzte, der ein solches Missvertrauen verdient, gerade von dir, Sarah MacKenzie!> Sie biss sich auf die Lippe und senkte beschämt den Kopf.

"Major? Alles in Ordnung?"

Sie hob ruckartig den Kopf und sah sich den prüfenden hellbraunen Augen des Admirals gegenüber. "Alles in Ordnung, Sir," gab Mac die Antwort, die sie beide erwartet hatten.

"Wir sind in etwa zehn Minuten da," erklärte Chegwidden, den Blick nun wieder nach vorne gerichtet.

Mac sah ebenfalls hinaus und stellte fest, dass der Highway jetzt über eine Brücke führte, die - laut bunten Willkommens-Schildern am Straßenrand - die Insel Hilton Head mit dem Festland verband. <Hilton Head!> Mac hatte die Insel südlich von Parris Island und Beaufort noch nie besucht, aber sie wusste, dass sie ein beliebtes Ferienziel, vor allem für besserverdienende Bürger, war. Sie hatte Bilder von der Insel gesehen, während sie im Nachbarstaat, North Carolina, Jura studiert hatte, Bilder von sauberem Strand, grünen Golfplätzen und romantischen Sonnenuntergängen, aber niemals hatte sie auch nur daran gedacht, sich einen Aufenthalt hier leisten zu können. Damals hatte sie ganz andere Sorgen und Ziele gehabt.

<Seltsam. Das sieht dem Admiral nicht gerade ähnlich...> In all den Jahren, in denen sie unter Chegwiddens Kommando stand, hatte sie nie erlebt, dass er von seinen Untergebenen etwas verlangt hätte, wozu er nicht auch selbst bereit gewesen wäre. <Harm und mich in einem billigen Hotel übervoll mit Quantum Leap-Fans unterzubringen, während er in einer teuren Ferienanlage residiert... nein, das glaube ich nicht.>

Sie erreichten das Ende der Brücke, wo zu beiden Seiten riesige Eichen aufragten, und folgten dem Highway weiter nach Süden.

"Windmill Harbour," Chegwidden nickte in Richtung eines Yachthafens mit einer Ansammlung von Häusern im alten Südstaaten-Stil, "Und das da vorne ist Spanish Wells. Hier sind vor Jahrhunderten die Spanier gelandet, bevor ein Seekapitän namens William Hilton die Insel 1663 für England beanspruchte. Bis zum Bürgerkrieg gab es hier hauptsächlich Plantagen."

Mac wusste von A.J.s Vorliebe für Geschichte, aber sein detailreiches Wissen über die Insel überraschte sie dennoch. Sie betrachtete die alten Eichen entlang der Nebenstraße, der sie jetzt folgten, und den grünen Rasen des Golfplatzes, der zu Spanish Wells gehörte. Schwer vorstellbar, dass hier einmal Sklaven auf Baumwollfeldern gearbeitet hatten.

"Bis in die Mitte der 50er Jahre war Hilton Head Island eine ziemlich arme Gegend, hauptsächlich sumpfiges Gelände. Nur fünfhundert Menschen lebten auf der Insel. 1956 wurde die erste Brücke zum Festland gebaut und daraufhin änderte sich alles schlagartig. In relativ kurzer Zeit hat sich hier eine luxuriöse Ferieninsel mit unzähligen Golf- und Tennisplätzen entwickelt." Mac glaubte, in Chegwiddens Stimme ein wenig Bedauern mitschwingen zu hören und sie nickte verstehend. Massentourismus und A.J. Chegwidden – das passte einfach nicht zusammen.

Chegwidden bog erneut ab und lenkte das Mietauto eine schmale Straße nahe eines Pinienwaldes entlang. Durch die Bäume sah Mac gelegentlich das Blau des Meeres aufblitzen und manchmal sahen sie ein einzelnes Haus am Ende des Hanges unter sich, aber die hohen, eleganten Hotels mit ihren Swimmingpools und Tennisplätzen schienen sie hinter sich gelassen zu haben.

Das Wäldchen wurde lichter, wich ein paar einzelnen Eichen und Pinien und gab schließlich den Blick auf den Atlantik, den Sandstrand der Insel und ein Haus unweit des Strandes frei.

Sprachlos und staunend folgte Mac ihrem kommandierenden Offizier, als dieser das Auto parkte und ohne zu zögern auf das Haus zuging. Mac atmete tief durch, nahm den Geruch des Meeres und der Pinien in sich auf. Neugierig sah sie sich um. In der Ferne konnte sie andere Gebäude erkennen, aber ansonsten schienen die Bewohner des Hauses hier völlig ungestört zu sein. Mac lauschte, aber sie hörte und sah nichts was darauf hinwies, dass das Haus bewohnt war.

Das Haus war nicht besonders groß und auch nicht sehr modern, aber es passte in die Landschaft, anstatt sich wie ein Fremdkörper davon abzuheben. Holz und Naturstein dominierten und ein braunes Dach zog sich tief bis über die breite Veranda, die zum Strand hinaus lag. Eine alte Eiche spendete der Rückseite des Hauses Schutz. Ein wenig erinnerte der Stil Mac an Chegwiddens Haus in Virginia.

Der Admiral blieb auf der Veranda stehen und suchte kurz in seinem Aktenkoffer, dann förderte er einen Schlüssel zutage und schloss die Türe auf, ohne zuvor zu klingeln.

Mac sah einen Moment lang staunend zu, bevor sie plötzlich begriff. "Admiral... Sir, das ist Ihr Haus?"

Chegwidden drehte sich um und lächelte leicht als er ihren überraschten Gesichtsausdruck sah. "So ist es, Major. Ich dachte mir, ich könnte bei der Gelegenheit mal wieder hier nach dem Rechten sehen, wenn ich schon mal in South Carolina bin," behauptete er. Als Mac für ein paar weitere Sekunden stumm blieb, kniff er leicht die Augen zusammen. "Es sei denn, Sie halten es für unangemessen, für ein paar Tage im Ferienhaus Ihres kommandierenden Offiziers unterzukommen?" Prüfend sah er sie an.

Mac schluckte. <Da ist sie wieder, die Kluft.> Wieder einmal wurden sie beide an die Rangstruktur und die Vorschriften des Militärs und an ihr Pflichtbewusstsein erinnert, die sie trennten. In der letzten Zeit waren sie vorsichtig geworden und waren streng darauf bedacht, keine unsichtbaren Grenzen zu überschreiten.

Mac schob diese Gedanken beiseite und sah ihrem Vorgesetzten aufrichtig in die Augen. "Ich halte es nicht für unangemessen, Sir."

Der Admiral nickte knapp. "Gut. Dem Budget wird es zweifelsohne auch gut tun," meinte er betont grimmig, so als hätten ihn nur finanzielle Gründe zu dieser Einladung bewogen.

<Aber dann hätten wir auch auf dem Stützpunkt unterkommen können,> sagte sich Mac, während sie Chegwidden durch die Türe folgte. Ahnte der Admiral, wie ungern sie sich Beaufort und ihren Erinnerungen stellte und hatte deshalb Colonel Raines Angebot, ihnen eine Unterkunft auf dem Stützpunkt zu besorgen, abgelehnt?

Sie betraten das Wohnzimmer des Strandhauses. Macs hochhackige Schuhe klackten leise auf dem Parkettboden. Der Raum war hell, mit hohen Fenstern, die den Raum größer wirken ließen. Anstatt das Zimmer mit Möbeln zu überladen, gab es nur einige wenige, stilvolle Einrichtungsgegenstände: Ein Schrank und eine Kommode aus hellem Holz flankierten die Seitenwände. Vor einem offenen Kamin waren eine Couch und zwei bequem wirkende Ledersessel um einen niedrigen Glastisch herum gruppiert.

Chegwidden stellte seinen Aktenkoffer ab und legte seine Uniformmütze darauf. "Ich zeige Ihnen erst mal das Gästezimmer, bevor wir das Gepäck aus dem Auto holen." Er bedeutete Mac, ihm zu folgen.

Ein kurzer Gang führte zur Küche, die, wie Mac mit einem kurzen Blick feststellte, besser ausgerüstet war, als ihre es je sein würde. Links und rechts des Ganges waren zwei Türen, auf die Chegwidden nacheinander zeigte. "Mein Schlafzimmer... und das hier ist Ihr Zimmer."

Mac musste lächeln. <Mein Zimmer...> Es klang irgendwie seltsam.

Chegwidden öffnete die Türe und trat zurück, um Mac einen Blick auf das kleine, aber behaglich wirkende Zimmer werfen zu lassen. Das Einzelbett am Kopfende des Raumes ließ genügend Platz für einen Schrank und einen kleinen Schreibtisch. Mac stellte erfreut fest, dass das Fenster hinter dem Schreibtisch einen Ausblick auf den Strand und das Meer hinaus bot. <Allemal besser als eine Aussicht auf die Baracken von Beaufort!>

Eine Stunde später war sie damit beschäftigt, ihre Uniformen in den Schrank zu hängen, während A.J. in der Küche verschwunden war. Schließlich schloss sie den Kleiderschrank und drehte sich suchend nach ihrem Laptop um. Nach ein paar Sekunden fand sie ihn auf dem Bett und trug ihn zum Schreibtisch hinüber. Nachdenklich sah sie aus dem Fenster, während sie gedankenverloren mit dem Stecker der Maus hantierte. Am Horizont ging gerade langsam die Sonne unter und färbte die niedrigstehenden Wolken, die langsam über den Himmel zogen, in Orange- und Rottönen. Es kam Mac noch immer ein wenig unwirklich vor, hier zu sein, im Strandhaus des Admirals.

"Major?" Chegwiddens Stimme aus der Küche riss sie aus ihren Gedanken.

Mac ließ die Maus unangeschlossen auf dem Schreibtisch liegen und ging hinüber zur Küche. Der Admiral stand in beigefarbener Hose, kurzärmeligem Polohemd und einer Schürze am Herd und rührte in einem Topf, während er mit der anderen Hand Gewürze hinzufügte.

Mac räusperte sich. "Sir?"

Chegwidden drehte sich halb zu ihr um. Mac blinzelte heftig und musste sich dann auf die Lippe beißen, um ein Grinsen zu unterdrücken. Es gelang ihr nicht ganz. A.J. Chegwidden, der Judge Advocate General und ihr kommandierender Offizier, trug eine blaue Schürze, auf der in leuchtend-gelben Buchstaben zu lesen stand: "Ich habe zwei Sterne... vom Kochen hab’ ich nichts gesagt."

Chegwidden hob eine Braue, als er Macs Blick bemerkte, und sah an sich hinunter. "Oh," er löste die Schürze mit schnellen Bewegungen, "das war ein Weihnachtsgeschenk..."

"... von Harriet... ähm, Lieutenant Sims, hab’ ich recht?" Macs Mundwinkel zuckten unkontrolliert, als sie sich an die Hummer-Topflappen von Harm erinnerte, die ebenfalls ein Geschenk von Harriet gewesen waren.

"Richtig, Major." Chegwidden nickte, während er die Schürze zurück in den Schrank hängte und den Topf vom Herd zog. "Lassen Sie mich raten... Sie haben die passende Kochmütze dazu?" Fragend neigte er den Kopf und seine braunen Augen funkelten milde.

Mac schüttelte den Kopf. "Nein, Sir, nichts dergleichen." Zum ersten Mal war sie froh, dass man im JAG-Hauptquartier ihre Kochkünste als recht rudimentär einzuschätzen schien und sie deshalb mit solchen Geschenken verschont hatte. Der Moment des Scherzens ging vorüber und Mac stellte fest, dass sie noch immer unschlüssig im Türrahmen stand. Sie sah zu, wie Chegwidden Teller und Besteck auf ein Tablett legte. "Kann ich mit etwas helfen?"

"Alles Andere ist schon im Wohnzimmer, aber wenn Sie den Topf mitbringen würden..."

Mac nickte, froh darüber, endlich etwas zu tun zu haben, anstatt verlegen im Türrahmen zu verharren, und machte sofort einen Schritt auf den Herd zu.

"Vorsicht, verbrennen Sie sich nicht!" warnte Chegwidden und griff um sie herum, um Topflappen von einem Haken an der Wand zu nehmen.

Mac zuckte angesichts seiner Warnung von dem Topf zurück, nach dem sie schon die Hände ausgestreckt hatte, und stieß gegen Chegwiddens Arm, als dieser über ihre Schulter hinweg nach den Topflappen angelte. "Entschuldigung, Sir." Sich innerlich für ihre Ungeschicktheit rügend, nahm sie die Topflappen entgegen und trug damit den Topf ins Wohnzimmer.

Chegwidden folgte mit dem Tablett und fünf Minuten später saßen sie sich bei Suppe und belegten Broten gegenüber. "Mehr gibt der Vorratsschrank im Moment leider nicht her," erklärte A.J. von seiner Suppe aufsehend.

<Er hat also nicht geplant, hier im Haus zu wohnen, während wir in Beaufort sind, sonst hätte der Admiral sicher Vorkehrungen getroffen!> "Suppe ist vollkommen in Ordnung, Sir," versicherte Mac über den Rand ihres Mineralwasser-Glases hinweg.

Schweigend löffelten sie vor sich hin. Sich plötzlich als Hausgenosse ihres kommandierenden Offiziers wiederzufinden, war schwieriger, als Mac sich das vorgestellt hatte. Das Schweigen in dem kleinen Haus wurde langsam etwas unbehaglich, doch Mac hatte keine Ahnung, ob und wie sie ein Gespräch anfangen sollte. <Ich bin von zuhause nicht gerade an freundliche Tischgespräche gewöhnt... Soll ich nach dem Haus fragen oder besser nicht?> Sie nagte nachdenklich an einem Stück Brotrand und beschloss, es lieber bleiben zu lassen. Mac fragte sich plötzlich, ob es nicht besser gewesen wäre, auf dem Stützpunkt unterzukommen. Vielleicht bereute der Admiral seine Entscheidung bereits, denn Mac wusste, wie sorgsam er sein Privatleben von allem Dienstlichen abschottete – und umgekehrt.

Ein paar Minuten lang diskutierten sie das Wenige, das sie über ihren Fall wussten, dann folgte Mac Chegwidden mit den leeren Tellern in die Küche. Der Admiral ließ Wasser ins Spülbecken laufen, während Mac zum Geschirrtuch griff. So routiniert, als hätten sie diese Aufgaben schon immer gemeinsam erledigt, begannen sie, das Geschirr abzuwaschen und dennoch fühlte es sich für Mac etwas seltsam an, diese Routine, die sie in den 32 Jahren ihres Lebens noch nie gleichberechtigt mit jemandem geteilt hatte, jetzt Seite an Seite mit ihrem Vorgesetzten zu erledigen. <Ich bin ja wirklich mal gespannt, was dieser Fall noch alles so mit sich bringt!>


0156 Z-Zeit (21:56 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. saß im Schreibtischsessel in seinem kombinierten Schlaf-/Arbeitszimmer und las zum dritten Mal die spärlichen Notizen durch, die sie über ihren neuen und nicht gerade auskunftsfreudigen Mandanten hatten. <So kommen wir nicht weiter.> Er erhob sich und sah zum Fenster hinaus, in Richtung des Pinienwäldchens. Über den Baumwipfeln war der Mond zu sehen, der hell schien und beinahe voll war. Die alte Standuhr im Wohnzimmer schlug zehn Mal. <Verdammt! Fast hätte ich es vergessen.> A.J. ließ die Jalousien hinunter und erhob sich, um Mac Bescheid zu sagen.

Er war es einfach nicht gewöhnt, hier Gäste zu beherbergen, vor allem nicht über Nacht. In den Wochen und Monaten nach Lauras Tod war er oft hierher gekommen, um nicht ständig das Bild seiner blutüberströmten Freundin vor sich zu haben, wenn er die Stufen zu seinem Haus in Virginia hinaufging. Das Strandhaus war sein Zufluchtsort gewesen und er musste sich erst darauf einstellen, ihn mit jemandem zu teilen, auch wenn dieser jemand die Zuflucht sicher ebenso gut gebrauchen konnte wie er selbst.

Als er die Zimmertüre öffnete und auf den Gang hinaustrat, hörte er ein Klingeln aus dem Gästezimmer. Macs Handy, vermutete er und blieb unschlüssig stehen, als er hörte, wie sie sich mit einem überrascht klingenden "Sarah MacKenzie" meldete. Nach ein paar Sekunden zog er die Zimmertüre wieder hinter sich zu und beschloss, Mac ihre Privatsphäre zu lassen und eine Weile zu warten.

Er las die Fallunterlagen ein viertes Mal durch, hob dann den Kopf und lauschte. Im Gästezimmer war es still. Hatte Mac das Gespräch schon beendet? A.J. überquerte erneut den Gang und hob die Hand, um an die Türe zu klopfen.

"Nein, ich... bitte...!" drang Macs Stimme durch die Holztüre. Es klang wie ein Flehen, irgendwo zwischen Genervtheit und verzweifelter Hilflosigkeit.

Bevor A.J. sich abwenden und ins Zimmer zurückgehen konnte, hörte er ein gemurmeltes "Ja, okay. Gute Nacht." und dann einen einzelnen Signalton, der ihm sagte, dass Mac aufgelegt hatte.

Chegwidden, der noch immer mit erhobener Hand vor der Türe stand, runzelte die Stirn. Wer rief Mac so spät am Abend noch auf ihrem Mobiltelefon an? Ganz offensichtlich ein Privatgespräch und noch dazu eines, das Mac mit heftigen Emotionen zurückließ. <Das geht dich nicht das Geringste an, Teufel noch mal!> rügte er sich grimmig. Er klopfte dreimal kurz und öffnete die Türe, als Macs "Ja?" von drinnen kam.

Beim Eintreten fiel sein Blick zuerst auf den Schreibtisch, auf dem Kopien derselben Unterlagen lagen, die A.J. eben gelesen hatte. Macs Handy wippte leicht neben dem Laptop auf und ab, so als hätte sie es nach dem Gespräch recht heftig auf die Schreibtischoberfläche gelegt. Mac saß im Sessel vor dem Schreibtisch, die hochhackigen Schuhe, die zu ihrer Uniform gehörten, von den Füßen gestreift und ein Bein unter sich geschlagen. Trotz ihrer fast legeren Haltung sah A.J. sofort die Spannung in ihren Schultern und die winzigen Fältchen, die sich über ihrer Nasenwurzel bildeten. Wer immer der Anrufer auch gewesen war, er hatte ganz sicher keine guten Nachrichten überbracht.

Mac ließ den rechten Fuß zurück auf den Boden gleiten und sah fragend zu ihrem Vorgesetzten auf.

"10 Uhr, Major! Lichter löschen!" verkündete Chegwidden im Tonfall eines strengen Drill-Sergeant. Das Heben eines Mundwinkels zu einem Halblächeln verriet ihn.

"Sir?" Mac wusste ganz offensichtlich nicht, was sie mit diesem unerwarteten Befehl anfangen sollte.

A.J. lehnte sich leicht gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. "Es ist wegen der Schildkröten, Major. Ich habe vorhin vergessen, Ihnen das zu sagen."

"Die Schildkröten, Sir?" Ihre großen braunen Augen sahen zweifelnd zu ihm auf.

A.J. musste ein Schmunzeln unterdrücken. "Meeresschildkröten, um genau zu sein. Im Sommer kommen die Loggerhead-Schildkröten hier auf der Insel an den Strand, um ihre Eier in den Sand zu legen. Sie orientieren sich an Lichtquellen und wenn sie ein erleuchtetes Fenster sehen, glauben sie, es sei der Horizont und wandern darauf zu, landeinwärts, anstatt ins Meer zurückzukehren. Deshalb müssen von Mai bis Oktober alle Lichter, die zum Meer hin weisen, nach 10 Uhr abends gelöscht oder abgedeckt werden."

"Oh, natürlich, ich verstehe." Mac zog rasch den schweren Vorhang vor dem Fenster zu, so dass kein Licht mehr nach draußen drang.

A.J. nickte ihr zu. "Ich schätze, ich werde Sie morgen nicht erinnern müssen, wenn es zehn Uhr ist, weil Sie die Zeit vergessen haben, hm?"

Das entlockte Mac ein Lächeln. "Nein, Sir. Ich werde das Zimmer pünktlich um zehn Uhr abdunkeln – plus oder minus höchstens dreißig Sekunden."

A.J. erwiderte ihr Lächeln für einen Moment, wusste er doch ebenso gut wie sie, dass Mac niemals die Zeit vergaß. Er nickte erneut und wandte sich zum Gehen. "Gute Nacht, Major," sagte er über die Schulter zurück.

"Gute Nacht, Admiral."


0118 Z-Zeit (21:18 Uhr EDT)
In der Nähe von Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae Cavanaugh saß auf dem Rücksitz von John Flynts Lexus und beobachtete durch den Seitenspiegel des Wagens ihren ‚Schützling’. Während Flynt ab und zu einige freundliche Worte an sie richtete, hielt Jeremiah Kazdin seine kräftigen Hände so still auf den Knien verschränkt, als wären sie weiterhin gefesselt. Seit sie das Gefängnis verlassen hatten, hatte er nicht eine einzige Gebärde gemacht und sein Gesicht blieb eine düstere, verschlossene Maske.

<Nicht, dass er besonders viel Grund zur Freude hat,> erinnerte sich Jae, <schließlich steht im eine Verhandlung wegen Mord bevor.>

Der Wagen bog in eine Seitenstraße ein und wurde langsamer, was Jae daran erinnerte, dass sie vermutlich bald am Ziel waren und sie dann die ganze Nacht lang alleine mit einem grimmig wirkenden Mordverdächtigen sein würde. <Ach, komm schon, Jacqueline Cavanaugh, du bist nicht gerade eine hilflose, kleine Prinzessin, die darauf wartet, dass ein starker Ritter ihr zur Hilfe eilt!> Sie wusste, dass sie Kazdin, auch wenn er 1 ½ Köpfe größer und sicher fast 40 kg schwerer als sie war, notfalls mit ein paar gezielten Schlägen außer Gefecht setzen konnte. <Trotzdem!> protestierte sie in Gedanken wie ein rebellisches Kind. Obwohl sie Expertin in mehreren Kampfsportarten, Berufssoldat und eine von wenigen weiblichen Nahkampfausbilderinnen war, waren Gedanken an Mord, unnötige Gewalt und Grausamkeit ihr zuwider.

"Da wären wir," verkündete John Flynt, ohne den Motor abzustellen. Offensichtlich hatte er nicht vor, Jeremiah Kazdin und seine Aufpasserin ins Haus zu begleiten. "Ich hoffe, du kommst morgen ins Büro, damit wir deine Fälle weiterdelegieren können," bedeutete er Kazdin in seiner etwas umständlichen Gebärdensprache.

Kazdin nickte knapp, ohne ihn einer weiteren Antwort zu würdigen, und stieg aus dem Auto aus.

Als Jae neben ihm auf den Gehsteig trat, ging an dem Haus vor ihnen die Außenbeleuchtung an. Jae sah sich um. <Keine schlechte Nachbarschaft, aber auch kein Villenviertel.> Der Swimmingpool, den Jae fast erwartet hatte, fehlte. Steinplatten führten über einen wildgewachsenen Natur-Rasen auf ein kleines, zweistöckiges Haus zu. "Nettes Haus. Gemietet?" gebärdete Jae, während sie im Mondlicht über den Rasen schritten.

Kazdin warf ihr einen düsteren Blick zu – ganz offensichtlich wusste er höflichen Smalltalk nicht sehr zu schätzen. Einen Moment lang glaubte Jae, dass er nicht antworten würde, aber dann gebärdete er knapp: "Nein, es gehört mir."

"Mmhm." Jae nickte. <Nicht dass ich etwas Anderes erwartet habe.> Der Sohn eines Senators wohnte gewiss nicht in einer gemieteten Ein-Zimmer-Wohnung.

"Mir und der Bank," fügte Kazdin hinzu, als hätte er Jaes Gedanken erraten.

<Aha. Hört sich nicht unbedingt so an, als wäre er ein großer Fan seines Vaters.>

Jeremiah Kazdin stoppte auf der für den Süden typischen Veranda und suchte in der Papiertüte, die man ihm bei seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft überreicht hatte, nach seinen Schlüsseln. Bevor er die Türe jedoch aufschließen konnte, wurde sie von innen geöffnet.

Jae, die damit gerechnet hatte, dass Kazdin alleine lebte, starrte die kleine, stämmige Frau im Türrahmen überrascht an.

"Dios mío! Señor Kaz!" Die kleine Frau presste die flache Hand in die Herzgegend, bevor sie erleichtert lachte und den überwältigten Kazdin in eine mütterliche Umarmung schloss.

Einen Moment lang stand Kazdin erstarrt da, bevor er sich sanft von der älteren Dame löste. Während sie das Haus betraten, versuchte die Fremde in einer atemberaubenden Mischung aus Spanisch, Englisch und Gebärdensprache in Erfahrung zu bringen, was geschehen war.

Kazdin hob abwehrend die Hände, zum Zeichen, dass sie sich einen Moment lang gedulden sollte und marschierte entschlossen durch das kleine Wohnzimmer, um dann im Nebenraum zu verschwinden.

Jae sah sich plötzlich den fragenden dunklen Augen der Frau gegenüber, die noch immer recht aufgeregt schien. "Ähmn, guten Abend." Jae lächelte vorsichtig.

"Buenas tardes," antwortete die Frau automatisch. Sie blickte hinüber zum Nebenraum, wo Jae jetzt das Geräusch einer zuschlagenden Kühlschranktüre hörte. "Señor Kaz ist entlassen worden, si?"

Jae nickte, während sie noch immer versuchte, diese lebhafte, hispanische 60jährige mit dem verschlossenen Sohn eines Senators in Verbindung zu bringen. War sie so etwas wie seine Haushälterin? "Ja, bis zur Anhörung nächste Woche."

"Ah." Zunächst erleichtert schloss die ältere Frau ihre braunen, wild gestikulierenden Hände über ihrer rundlichen Mitte.

"Entschuldigen Sie bitte mein plötzliches Eindringen. Mein Name ist Jae Cavanaugh, ich arbeite als Gebärdendolmetscherin mit den Anwälten von Mister Kazdin zusammen." Jae bot der noch immer ein wenig überwältigten Dame die Hand und lächelte freundlich.

Jaes Lächeln wurde spontan erwidert und ihre Hand herzlich geschüttelt. "Ich bin Leonora Rosario, die Haushälterin und Secretaria von Señor Kazdin." Ihre Zähne blitzten in dem braunen Gesicht als sie Jae zulächelte.

Sie drehten sich beide um, um zu sehen, wo Kazdin geblieben war. Jae ließ ihren Blick durch das kleine Wohnzimmer gleiten. Der Raum war nicht das, was sie von einem reichen Senatorensohn erwartet hatte – kein italienisches Leder, keine teuren Gemälde, keine griechischen Statuen und kein Eichenholz, stattdessen eine einfache Couch, zwei Sessel, ein Tisch mit vier Stühlen, lange Reihen von Bücherregalen und zwei schmale Schränke; eine Mischung, die bunt zusammengewürfelt und in erster Linie praktikabel wirkte. Es fehlten die Erinnerungsstücke von Urlaubsreisen in der ganzen Welt, die Miniatur-Yachten, die glänzenden Pokale und Urkunden, die gerahmten Familienfotos, die Jae erwartet hatte. Nicht einmal Grünpflanzen waren zu sehen. Die Wohnung wirkte, als wären ihre Bewohner erst vor kurzem eingezogen und hätten bisher noch keine Gelegenheit gehabt, persönliche Gegenstände aufzustellen.

Jeremiah Kazdin kam herein, ging ohne nach rechts oder links zu blicken durch den Raum und setzte sich in einen der beiden Sessel. Die Bierflasche in seiner Hand stellte er lautstark auf dem Tisch neben sich ab.

Jae hob irritiert die Brauen. <Langsam, Jae, langsam, er hört nicht wie laut das eben geklungen hat. Denk dran!> ermahnte sie sich. Sie beobachtete Kazdins Haltung. Aufrecht saß er in dem bequem wirkenden Sessel, in dem sich Jae nach einem solchen Tag mit Sicherheit behaglich zurückgelehnt und die Beine hochgelegt hätte. Aber eine solche Nachlässigkeit erlaubte sich Kazdin nicht, sogar in seinem eigenen Haus verlor seine große, massive Gestalt nie die Spannung, die Aura von übellaunige Wachsamkeit ließ nie nach. Der gerade Rücken und die Spannung in den breiten Schultern verkündeten wortlos Misstrauen der Welt und ihren Bewohnern gegenüber, während seine eisblauen Augen das Etikett der Bierflasche studierten als ob es derzeit im ganzen Raum nichts Interessanteres zu betrachten gäbe.

"Soll ich Ihnen etwas zu essen machen, Señor Kaz?" erkundigte sich Leonora Rosario in der scheinbar gut funktionierenden Mischung aus Englisch, Spanisch, Gebärdensprache und selbsterfundenen, einfach verständlichen Gesten. Sie ignorierte Kazdins Verneinung einfach und wandte sich stattdessen an Jae. "Sie haben sicher Hunger, niña, si?"

"Machen Sie sich meinetwegen keine Umstände, Señora Rosario, es ist schon spät," wehrte Jae höflich ab.

"Oh, keine Umstände, es dauert nur un momento. Und nennen Sie mich Leonora, Señora Rosario war mía suegra... meine Schwiegermutter, daheim in Puerto Rico, und ich möchte nicht gerne an den alten ... wie sagt man, Drachen, si?... erinnert werden." Ihre braunen Augen funkelten vergnügt.

Jae lachte. "Okay, Leonora, aber nur, wenn es wirklich keine Umstände macht."

"Oh, no, señorita, nicht im Geringsten!" Die Puertoricanerin eilte geschäftig in Richtung Küche.

"Jae, nicht Señorita," rief die jüngere Frau ihr hinterher. Sie fand sich plötzlich alleine mit Jeremiah Kazdin, der noch immer am Tisch saß, eine Hand um die Bierflasche geschraubt, und finster vor sich hin starrte, ohne von ihrer Anwesenheit Notiz zu nehmen. Sie trat einen Schritt näher an ihn heran, so dass sein Blick automatisch auf ihre Gebärden gerichtet sein würde. "Ein schönes Zuhause," kommentierte sie mit einem Blick zu den vielen Büchern, die jeden freien Platz in den Regalen belegten und das einzig wirklich Persönliche im Zimmer darstellten, "wohnen Sie schon lange hier?"

Kazdin streifte sie mit einem unwilligen Blick, nahm aber dann doch seine Hände von der Bierflasche, um knapp zu antworten. "Das ist nicht mein Zuhause. Ich lebe nur hier."

Jae musste erneut feststellen, wie effizient ihr Gastgeber darin war, jedes aufkommende Gespräch schon im Ansatz abzuwürgen. <Oh-oh, er scheint allergisch gegen Fragen zu sein, die ihn selbst betreffen. Mentale Notiz: vermeide persönliche Fragen.>

Kazdins kühle, schroffe Art begann, Jae zu irritieren. Sie war es gewöhnt, schnell einen Zugang zu Menschen zu finden und daher fühlte sie sich jetzt ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Jae hatte gerne mit Menschen zu tun, unterhielt sich gerne mit ihnen, auch wenn sie alleine mit sich ebenso glücklich sein konnte. Man hatte sie oft als charmant, spontan und herzlich bezeichnet, aber sie besaß auch einen gewissen Ehrgeiz und Hartnäckigkeit, die sie durch die Marine-Corps-Ausbildung gebracht hatten und die ihr nun helfen würden, zu Kazdin durchzudringen. Sie war entschlossen, sich nicht von seiner Unfreundlichkeit einschüchtern zu lassen.

<Mal sehen, ob Mister Unhöflich mehr als zwei Wörter in Reihe von sich geben kann!> Jae deutete in Richtung ihrer kleinen Reisetasche, die sie neben der Eingangstüre abgestellt hatte. "Vielleicht könnten Sie mir zeigen, wo ich übernachten werde? Wohnt Leonora auch hier?"

Kazdin reagierte nicht, hatte ihre Fragen überhaupt nicht bemerkt, weil er in eine andere Richtung blickte.

Jae trat vor und berührte ihn sanft am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Der gehörlose Mann fuhr herum als hätte sie ihn eben angegriffen. Seine eisblauen Augen funkelten ärgerlich.

Jae trat automatisch einen halben Schritt zurück, weigerte sich aber, sich von der stummen Drohung in seinen Augen abschrecken zu lassen. "Mister Kazdin?" Sie wartete einige Sekunden, aber die Einladung, ihn beim Vornamen zu nennen, so wie das hier im Süden üblich war, kam nicht. "Könnten Sie mir vielleicht freundlicherweise zeigen, wo ich übernachten werde? Ich hoffe, ich störe Leonora nicht?" Sie verzichtete darauf, ein ‚und Sie’ hinzuzufügen. Kazdin hatte bereits klar gemacht, was er von ihrer Anwesenheit hielt und von unnötigen Schmeicheleien hielt Jae nichts.

Kazdin erhob sich aus dem Sessel. Seine große Gestalt ragte über Jae auf und sie stellte fest, dass er seine Größe benutzte, um Überlegenheit zu demonstrieren. <Oh nein, nicht mit mir!> Als Frau ihrer Größe in einem Männerberuf hatte sie so etwas schon mehr als einmal erlebt. Fast trotzig hielt sie seinem Blick stand, bis Kazdin sich abrupt abwandte und ihr mit einer schroffen Gebärde bedeutete, ihm zu folgen.

Kazdin stieß eine Türe auf und deutete mit dem Daumen in das geräumige Zimmer dahinter, das ganz offensichtlich nicht nur als Gästezimmer, sondern vor allem als Abstellkammer diente. Jae vermutete, dass der gehörlose Anwalt nicht gerade oft Gäste beherbergte. Sie folgte Kazdin in den Raum und sah sich um. An der Wand hingen weitere Bücherregale und auf einem weiteren Regal standen säuberlich aufgereiht mehrere Paar Joggingschuhe. Wie überall in der Wohnung war das Zimmer sehr ordentlich und Jae fragte sich, ob Kazdin ein Ordnungsfanatiker war oder ob er das seiner Haushälterin zu verdanken hatte.

Sie ging um das Bett herum, um ihre Reisetasche abzustellen, und ihr Blick fiel auf die Sauerstoffflaschen in der Ecke hinter dem Schrank. Schnorchel und Taucherbrille hingen daneben. Das weckte ihr Interesse. Bilder von bunten Fischschwärmen, Korallen und von Sonnenlicht, das das Meerwasser durchdrang, wenn man an die Oberfläche aufstieg, erschienen vor ihrem inneren Auge. In den letzten Jahren war Jae nicht mehr zum Tauchen gekommen, aber seit ihrer Kindheit hatte sie ihren Vater zu unzähligen Tauchausflügen begleitet und hatte vor, das Hobby irgendwann wieder aufzunehmen.

Mit leuchtenden Augen drehte sie sich zu Jeremiah Kazdin um und berührte ihn am Ellenbogen. "Sie tauchen?" gebärdete sie erfreut.

Kazdin drehte sich um und sein Blick bewog Jae, ihre Hand schnell zurückzuziehen. "Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie eine Menge Fragen stellen?"

Jae grinste, ohne sich ihre gute Laune rauben zu lassen. "Das nennt man Konversation. Leute, die sich noch nicht so gut kennen, betreiben häufig dieses Ritual, um mehr über einander zu erfahren. Offensichtlich ist Ihnen das Konzept nicht vertraut." Schelmisch blickte sie ihn an.

Kazdin verzog das Gesicht. "Oh, ich kenne das Konzept, ich mag es nur nicht besonders."

"Warum?"

Der Gehörlose rollte mit den Augen. "Ich sollte Sie wirklich ‚Jeopardy’ nennen, weil alles, was Sie sagen, nach einer Frage klingt!" Seine Gebärden waren abrupt und schroff; sie zeigten, dass sein Humor nicht als freundliches Necken gemeint war.

Leonora Rosario erschien im Türrahmen und blickte fragend zwischen den beiden jüngeren Leuten hin und her. "Hola. Das Essen ist fertig, Jae, Señor Kaz."

Jae folgte ihrem Gastgeber und der Puertoricanerin ins Wohnzimmer hinüber, innerlich vor sich hinschmunzelnd angesichts der Anrede, die Leonora für Kazdin benutzt hatte.

"Was möchten Sie trinken, Jae?" erkundigte sich die Haushälterin, während Jae Kazdin gegenüber am reichhaltig gedeckten Wohnzimmertisch Platz nahm. Kazdin hatte den Stuhl gewählt, von dem aus er den ganzen Raum überblicken konnte. "Eistee, agua mineral, Kaffee, Mint Julep, Bier..."

"Eistee wäre gut." Jae lächelte Leonora dankbar zu und diese verschwand diensteifrig in der Küche, um einen Moment später mit einem Glas Eistee und einer Flasche Mineralwasser wieder aufzutauchen, die sie mit einem mahnenden Blick vor Kazdin abstellte.

"Que approveche – guten Appetit," wünschte Leonora Rosario mit einer einladenden Handbewegung zu den Schüsseln und Platten auf dem Tisch, während sie selbst begann, in der Diele nach ihrer Handtasche zu suchen. <Offenbar ist es im Hause Kazdin nicht üblich, dass die Haushälterin mit ihrem Arbeitgeber isst,> stellte Jae fest.

Kazdin erhob sich langsam und gebärdete fast zögernd in Leonoras Richtung: "Warum bleiben Sie nicht zum Abendessen? Ich bin sicher, Sie haben mal wieder mehr als genug gemacht."

"Oh, Señor Kaz, das ist nicht richtig... Ihre Eltern würden un ataque... einen Herzanfall bekommen, wenn Sie das sehen!" Unschlüssig sah die Puertoricanerin zwischen dem Tisch und der Haustüre hin und her.

Jeremiahs Blick verfinsterte sich und er ließ für einen Moment die Hände sinken, als wüsste er nicht, was er dagegen einwenden sollte.

"Warum denn, Leonora?" fragte Jae sanft, "Sie haben gekocht, warum sollten Sie nicht auch mit uns essen?"

"Es ist einfach nicht standesgemäß, mit seinen Angestellten am selben Tisch zu essen," erklärte Kazdin mit ausdruckslosem Gesicht.

Jae schluckte. "Oh." In der Welt, in der sie aufgewachsen war, hatten solche Überlegungen nie eine Rolle gespielt. Das Restaurant ihrer Mutter war immer allen Menschen offen gestanden, ob sie schwarz, weiß oder hispanischer Abstammung, ob sie Unternehmer, Angestellte oder Arbeitslose waren. Sie fragte sich, ob Kazdins Eltern auch sie für nicht standesgemäß halten würden.

"Glücklicherweise entscheiden meine Eltern schon lange nicht mehr, mit wem ich esse und mit wem nicht, also bitte." Kazdin deutete gebieterisch auf einen der freien Stühle.

Leonora hängte ihre Handtasche in die Garderobe zurück und setzte sich lächelnd zwischen die beiden jüngeren Leute. Ihre dunklen Augen waren voller Zuneigung auf Kazdin gerichtet.

Jae kam sich plötzlich ein wenig fehl am Platz vor. Sie spürte, dass es um mehr ging als nur darum, ob Leonora heute Abend mit ihnen essen würde oder nicht. Es ging um Leonoras Rolle in Kazdins Haushalt und in seinem Leben, eine Sache, über die sich Jeremiah und seine Eltern scheinbar nicht einig waren. Zum ersten Mal hatte Kazdin etwas getan, was ihn Jae fast sympathisch machte.

Leonoras Erklärungen rissen Jae aus ihren Gedanken. "Es ist nichts Besonderes, nur ein paar Reste: conejo con setas - Kaninchen mit Pilzen - Süßkartoffeln und Maisbrot." Sie sprach zu Jae, begleitete ihre Worte aber durch ein paar Gebärden für Kazdin. Jae erkannte sofort, dass die beiden sehr effizient in ihrer täglichen Kommunikation geworden waren, auch wenn Kazdin so tat, als ließe ihn das Gespräch völlig uninteressiert. Leonora musste seit vielen Jahren im Dienste der Kazdins stehen, um sich die wichtigsten Gebärden angeeignet zu haben. Jae wusste, dass das gar nicht so leicht war. ASL, die amerikanische Gebärdensprache, war nicht einfach eine Gebärdenform der englischen Sprache, die man eins zu eins übersetzen konnte, sondern besaß eine eigene Grammatik. Tatsächlich hatte ASL mehr mit dem gesprochenen Japanisch als mit Englisch gemeinsam.

Jae beäugte die Mischung aus typischen Südstaaten- und vermutlich puertoricanischen Gerichten. "Das sieht mir aber nicht nach ‚nur ein paar Resten’ aus, Leonora," widersprach sie mit einem anerkennenden Nicken in Richtung der Schüsseln auf dem Tisch, "Ich kann Rührei, Kaffee und Salat machen, aber damit haben sich meine kulinarischen Fähigkeiten dann auch schon erschöpft."

Leonora kicherte als wäre sie sechzehn statt sechzig. "Der Tischsegen," entschied sie dann und reichte den beiden jungen Leuten links und rechts von ihr je eine Hand.

Jae nahm die weiche, braune Hand in ihre und unterdrückte ein Lachen, als sie den bösen Blick auffing, den Kazdin Leonora zuwarf.

"Lasset den Kreis ununterbrochen sein!" bedeutete Leonora mit einer Hand.

Kazdin gab ein kehliges Knurren von sich, streckte aber dennoch gehorsam die andere Hand über den Tisch.

Etwas unbehaglich schloss Jae ihre Finger darum und stellte fest, dass ihre Hand in Kazdins Pranke förmlich verschwand. Sie spürte kontrollierte Kraft und ein paar Schwielen, die Kazdin sicher nicht beim Bleistift-Spitzen in der Anwalts-Kanzlei bekommen hatte.

Leonora senkte den Kopf und sprach das Tischgebet.

Jae spürte, wie Kazdins Hand einmal ungeduldig zuckte und er begann, seine Finger zurückzuziehen, dann war Leonora beim ‚Amen’ angekommen und fing an, ihnen die verschiedenen Speisen auf die Teller zu häufen. Jae, die seit dem Frühstück nur eine Tasse Kaffee gehabt hatte, begann heißhungrig zu essen und innerhalb von Momenten nahm ihr Gesicht verschiedene Stufen des Ausdrucks von Vergnügen an. Es fing mit simplem Genuss an und endete beim vierten Bissen bei purer Ekstase.

"Meine Güte, sie isst wie sie spricht," kommentierte Jeremiah trocken und starrte ein wenig verblüfft auf den Teller, den Jae mit wenigen Bissen bereits zur Hälfte geleert hatte, während er nur in seinen Kartoffeln herumstocherte.

"Silencio!" befahl Leonora und gab dem hochgewachsenen Mann einen Klaps auf die Schulter, "Machen Sie das arme Mädchen nicht verlegen, Señor Kaz! Es ist schön, endlich einmal für jemanden zu kochen, der es wirklich zu schätzen weiß." Sie warf Kazdin einen vielsagenden Blick zu.

Jae zwinkerte der Köchin schelmisch zu. "Wenn ich Ihr Essen noch ein winziges Bisschen mehr zu schätzen wüsste, dann müsste ich jetzt am Telefon mit dem Papst sein und eine Bitte für Ihre Heiligsprechung einreichen."

Leonora lachte geschmeichelt. "Ah, no," wehrte sie bescheiden ab und legte Jae Kartoffeln nach. "Also, Sie sind un soldado, si? Un teniente, ein Lieutenant, ja?" erkundigte sie sich mit einem Blick auf Jaes olivgrüne Uniform und den silbernen Metallstreifen auf ihrem Kragen.

Jae ließ die Gabel sinken, um die Frage so zu beantworten, dass auch Kazdin die Antwort verstand. Sie war daran gewöhnt, dass ihr Essen kalt wurde, weil sie sich mit ihren Eltern und Brüdern unterhielt und man nur schwer gleichzeitig essen und gebärden konnte. "Richtig, ich bin Lieutenant im Marine Corps. Ich arbeite auf Parris Island, ich bilde dort Rekruten aus. Sie scheinen sich mit dem Militär ziemlich gut auszukennen, Leonora, wie kommt das?" Nicht viele Zivilisten – und schon gar nicht puertoricanische Haushälterinnen - erkannten mit einem raschen Blick auf ihre Abzeichen den korrekten Rang.

Leonora warf einen schnellen Blick zu Kazdin hinüber, bevor sie antwortete, so als wolle sie sich versichern, dass sie nichts gegen seinen Willen preisgab. "Señor Kazdin – Señor Kazs Vater, er war auch ein Marine, bevor er un político wurde. Viele von Senator Kazdins Freunden sind immer noch Marines. Und Señor Kaz..."

"Sie waren auch im Corps? Bei JAG?" erkundigte sich Jae interessiert. <Jeremiah Kazdin - ein Marine! Wer hätte das gedacht?>

Kazdin faltete die Arme, die er vor der Brust verschränkt hatte, auseinander und spielte für einen Moment mit der Mineralwasserflasche, die er bisher nicht angerührt hatte. "Sie stellen gerne Fragen, nicht wahr? Nein, ich war nicht im Corps. Ich war zuerst kurze Zeit bei der Polizei und dann vier Jahre lang in der Navy."

<Wieso geht jemand, in dessen Familie das Marine Corps eine Tradition zu sein scheint, ausgerechnet zur Navy? Und wieso ist er dann wieder Zivilist geworden?> "Und was ist dann passiert?" wollte sie wissen.

Kazdin sah nicht aus als hätte er vor, die Frage zu beantworten. "Sie gehören zu denen, die die letzte Seite eines Buches zuerst lesen, habe ich Recht?"

"Tu ich nicht!" protestierte Jae und gab sich entrüstet.

Kazdin hob überlegen die Brauen.

"Na schön, manchmal," gab Jae verschmitzt zu.

Leonora sah zwischen ihnen hin und her wie ein Zuschauer bei einem Tennisspiel und hielt ihre sonst so lebhaft gestikulierenden Hände zur Abwechslung ganz still auf dem Tisch als hätte sie Angst, bei der geringsten Bewegung ihr Gespräch zu stören. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln.

"Sie waren bei der Polizei?" versuchte Jae wieder, ins Gespräch zu kommen, "Mein Vater war auch ein Cop, bevor er in Pension ging. Wieso haben Sie aufgehört?"

Jeremiah beschäftigte seine Hände mit dem Besteck, um der Frage auszuweichen, aber als auch weiterhin alle Augen auf ihn gerichtet waren, ließ er schließlich Messer und Gabel sinken. "Ich mochte das Essen nicht," behauptete er mit regloser Miene.

Jae nippte an ihrem Eistee. Persönliche Informationen von Kazdin zu erfragen war als wolle man eine Steuerbefreiung von der Regierung erhalten. "Und in der Navy sind Sie auch nicht mehr?"

"Nur noch in der Reserve," antwortete Kazdin knapp.

"Wieder das Essen, nehme ich an?" Jae grinste ihn an.

Kazdin schüttelte den Kopf. "Nein, ich mochte die Uniformmütze nicht."

Jae musste lachen. <Eines muss man ihm lassen, er hat Humor,> dachte sie, während sie Kazdins Gebärden studierte. Sie hatte bemerkt, dass seine Gebärdensprache zwar flüssig und korrekt war, aber nicht ganz so komplex und ausdrucksstark wie ihre eigene, so als wäre er nicht von Anfang an damit aufgewachsen. Jae wusste, dass die meisten gehörlosen Kinder hörende Eltern hatten; sie wurden also in unvorbereitete Familien hineingeboren, an deren Kommunikation sie nicht teilnehmen konnten. Der Einsatz von Gebärdensprache in Schulen für Gehörlose war umstritten. An vielen Schulen wurde darauf bestanden, dass die gehörlosen Kinder mühsam die Lautsprache erlernten, was gerade für diejenigen, die vor dem Spracherwerb ertaubt waren, zeitaufwendig und oft wenig erfolgreich war. Jae wusste, dass die Gehörlosen, die die Gebärdensprache nicht in ihrer frühen Kindheit erlernten, nie die Geläufigkeit und Feinheit derer erreichten, die sie von Anfang an lernten und sie fragte sich, für welche Kommunikationsart sich die Kazdins für ihren Sohn entschieden hatten.

Eine halbe Stunde später hatte auch Jae ihre Mahlzeit beendet und Leonora begann, den Tisch abzuräumen. Jae erhob sich ohne zu zögern und stapelte die Teller aufeinander. Kazdins Teller war nur zur Hälfte geleert. Jae konnte sich nicht erinnern, ob das seine zweite Portion gewesen war oder noch die erste. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mann seiner Größe und seines Gewichts ständig aß wie ein Spatz. <Vielleicht macht ihm die kommende Gerichtsverhandlung doch mehr Sorgen als er zugibt.>

Leonora Rosario nahm ihr die Teller aus der Hand. "Oh, no, niña, Sie sind ein Gast. Ich mache das schon; Sie setzen sich wieder hin."

Jae gab sich geschlagen und ließ sich wieder auf ihren Stuhl zurücksinken. "Kocht sie immer so gut?" fragte sie Kazdin

Der Anwalt ging nicht darauf ein. "Lassen wir das Gerede, Sie sind doch aus einem anderen Grund hier, nicht wahr?"

"Sie meinen, außer Ihrer charmanten Gesellschaft?" Jae grinste, aber ihr Blick, mit dem sie Kazdin fixierte, war fest. "Ich bin hier, weil es meine Aufgabe ist und weil ich Ihnen helfen will."

"Helfen?" wiederholte Kazdin sarkastisch, "Nein, Sie sind hier, weil man es Ihnen befohlen hat und wenn Sie nach Ihrem freien Willen handeln könnten, dann wären Sie längst wieder auf dem Rückweg nach Parris Island."

Jae hielt dem kühlen Blick der eisblauen Augen stand. "Ja, ich bin auf einen Befehl meines vorgesetzten Offiziers hier und ja, vielleicht wäre ich wirklich lieber auf Parris Island geblieben," gab sie offen zu, "aber das bedeutet nicht, dass ich, da ich schon mal hier bin, nicht versuchen möchte, Ihnen zu helfen – was Sie mir nicht gerade leicht machen. Ich versuche, mir ein Bild von Ihnen als Person zu machen, Sie kennen zu lernen..."

"Es geht um einen Mordprozess, noch dazu gegen einen Anwalt, der bei den meisten Kollegen nicht besonders beliebt ist - da gibt es keine Freunde. Das hier ist ein Haifischbecken!" gebärdete Kazdin mit Nachdruck.

"Wäre es dann nicht besser, sicherzustellen, dass auch ein paar freundlich gesonnene Haie in diesen Gewässern schwimmen?" warf Jae ein und neigte mit einem schelmischen Lächeln den Kopf zur Seite. Ein Geräusch vom Fenster her erregte ihre Aufmerksamkeit und sie unterbrach den Blickkontakt, um nachzusehen, was es verursacht hatte. Ein kleiner Schatten drückte sich von außen gegen den Fensterrahmen und nach ein paar Sekunden erkannte Jae, dass es eine schwarze Katze war. Jae erhob sich erfreut und ging zum Fenster hinüber. "Gehört die Ihnen?" erkundigte sie sich bei Kazdin, der das Geräusch nicht hören konnte und deshalb den späten Besucher erst jetzt entdeckte.

"Sehe ich aus wie der Betreiber eines Obdachlosenheims für Katzen?" gab Kazdin schroff zurück und erhob sich, um die Katze vor dem Fenster finster anzustarren, "Nein, das muss eines der Biester sein, die hier in der Gegend herumstreunen."

Die Katze rieb sich gegen den Fensterrahmen und stupste mit der Pfote auffordernd gegen die Scheibe. "Miiiiraooouw!"

Jae drehte sich zu Kazdin um und sah fragend zu ihm auf. "Sie klingt ziemlich einsam und verlassen..."

Kazdin schüttelte entschieden den Kopf. "Kommt nicht in Frage! Die Katze bleibt draußen! Katzen... ich hasse Katzen... sie sind schmeichlerisch, heimtückisch, sie machen Schmutz... und außerdem bin ich allergisch!"

Jae deutete erneut auf die bettelnde Katze. "Aber..."

"Wenn Sie die Katze reinlassen, fliegen Sie raus!" erklärte Kazdin unmissverständlich.

"Jeremiah Kazdin!" Leonora tauchte vor ihnen auf und stützte die Hände in die rundlichen Hüften. "Sie haben Manieren wie ein Maultiertreiber!"

Ein leichtes Lächeln spielte um Kazdins Lippen. "Ja, und Sie haben geholfen mich zu erziehen, Leonora."

Jae drehte den Kopf und stellte fest, dass die Katze verschwunden war. Vermutlich suchte sie sich einen Schlafplatz bei jemandem, der weniger ‚allergisch’ gegen Katzen war. <Schade. Ich hätte einen Verbündeten hier wirklich gut gebrauchen können.>


1220 Z-Zeit (08:20 Uhr EDT)
Militärgefängnis des US Marine Corps
Beaufort, South Carolina

Schritte hallten durch den langen, grau gestrichenen Gang. Irgendwo vor ihnen hörte man Schlüssel rasseln und Metall auf Metall schlagen, als eine Zellentüre geschlossen wurde.

A.J. Chegwidden ließ seinen Blick routinemäßig über kahle Wände und die schmalen Pritschen hinter den Gitterstäben wandern. Das Militärgefängnis von Beaufort war wie viele andere, die A.J. in seiner langen Karriere bereits besucht hatte. <Nichts, was ich nicht schon tausend Mal gesehen hätte, die übliche Routine – außer dass hier ein Mord begangen wurde.>

Ein junger Lance-Corporal namens Haskell führte ihn und Mac den Gang entlang, vorbei an zwei leeren Zellen, bevor er schließlich die dritte, ebenfalls leere Zelle aufschloss und zurücktrat, um die beiden Offiziere eintreten zu lassen.

Es gab nicht sehr viel zu sehen am Tatort. Die Zelle sah aus wie jede andere, es gab auch keine persönlichen Gegenstände des Ermordeten, da er hier nur vorübergehend in Untersuchungshaft genommen worden war.

"Waren Sie vorgestern, zur Tatzeit, im Dienst, Corporal?" wandte sich A.J. an die Wache.

Der junge Marine war bleich und wirkte ein wenig nervös. Sicherlich war es ihm nie zuvor passiert, dass hier, trotz all der Wächter und Sicherheitsvorkehrungen, ein Mensch ermordet worden war. "Ja, Sir, das war ich, aber nicht in diesem Teil des Gefängnisses, sondern vorne am Eingang, Sir. Ich war zur Sicherheitsüberprüfung eingeteilt."

A.J. nickte. Auch sie hatten beim Betreten des Gefängnisses die routinemäßige Personalienkontrolle und das Durchsuchen nach Waffen durchlaufen müssen. "Und wer war hier im Zellentrakt postiert?"

"Hier hinten niemand, Sir. Lieutenant Yetman war am Durchgang nicht weit von hier postiert. Wir waren ein wenig unterbelegt, weil an diesem Morgen mehrere Häftlinge ihren Gerichtstermin hatten," der Corporal zuckte entschuldigend mit den Schultern, "außerdem waren gleich drei der hiesigen Anwälte - Mister Flynt, Mister Levenstein und Lieutenant Colonel Sutcliffe - mit ihren Mandanten im Besucherraum, deshalb mussten wir dort zwei Wachen abstellen."

"Mister Kazdin war also hier hinten alleine mit Sergeant Foster, seinem Mandanten?" hakte A.J. nach.

Lance Corporal Haskell nickte. "Ja, Sir. Wie gesagt, der Besucherraum war belegt, Foster war der einzige Häftling in diesem Teil des Zellentraktes und er war ein älterer Mann – wir haben da keine Gefahr für Mister Kazdin gesehen. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es umgekehrt kommen würde..." Der junge Mann verstummte und sah für einen Moment betreten zu Boden.

A.J. räusperte sich. "Noch ist nicht geklärt, was wirklich in der Zelle geschehen ist – und genau um das aufzuklären, sind wir hier, Corporal," wies er den Rangniedrigeren sachlich zurecht.

"Wer hat Sergeant Foster gefunden?" fragte Mac, die sich bisher zurückgehalten hatte, in das entstehende Schweigen hinein.

Corporal Haskell drehte sich so schnell zu ihr um, dass A.J. vermutete, dass er froh darüber war, sich nicht aus seiner voreiligen Bemerkung herausreden und seinem strengen Blick begegnen zu müssen. A.J. sah aus den Augenwinkeln heraus zu Mac hinüber, die mit ihrem feinen Gespür wieder einmal genau den richtigen Zeitpunkt gewählt hatte, um das Wort zu ergreifen und die Aufmerksamkeit von seiner manchmal zugegebenermaßen etwas einschüchternden Art wegzulenken.

"Lieutenant Yetman, Ma’am," gab Haskell eilig Auskunft, "Er war auch derjenige, der Kazdin dann festgenommen hat – oder vielleicht sollte ich besser sagen: Er hat es versucht..."

A.J. und Mac wechselten einen schnellen Blick. <Ich nehme an, er spricht von dem tätlichen Widerstand bei der Verhaftung, den Richter Kent erwähnt hat.> Ungeduldig hob A.J. die Brauen. "Was soll das heißen, versucht?" fragte er sicherheitshalber nach. Ein Anwalt, der einen Mordverdächtigen verteidigte, konnte sich keine Missverständnisse leisten.

"Ihr Mandant, Mister Kazdin, hat sich der Verhaftung widersetzt, Sir, und erst mit Unterstützung ist es Lieutenant Yetman gelungen, ihn zu überwältigen. Der Lieutenant wurde dabei verletzt und muss im Lazarett des Stützpunktes behandelt werden," berichtete der junge Marine mit geröteten Wangen.

Das überraschte A.J. nicht sonderlich. Er konnte sich vorstellen, wie das Ergebnis aussah, wenn ein Mann von Kazdins Statur sich ‚widersetzte’. Er blickte sich ein letztes Mal in der Zelle um, bevor er zurück auf den Gang trat und den Ärmel seiner dunklen Uniform zurückschob, um einen Blick auf seine Armbanduhr zu werfen.

"08:34 Uhr Ortszeit, Sir," informierte ihn Mac mit einem leichten Lächeln.

A.J. führte seine Bewegung zuende, nur um zu entdecken, dass Mac – wie immer - Recht hatte. Er nickte ihr zu und beschloss, den Besuch im Gefängnis zu beenden. Er sah keinen Sinn darin, von dem jungen Corporal Haskell Informationen aus zweiter Hand zu erfragen, wenn er sie auch von einem unmittelbaren Augenzeugen haben konnte. "Zeit für einen kleinen Krankenbesuch, Major."


1302 Z-Zeit (09:02 Uhr EDT)
Krankenlazarett des Marine Corps-Luftwaffenstützpunkts
Beaufort, South Carolina

Mit wenig Enthusiasmus umrundete Mac das Mietauto und folgte Chegwidden hinüber zu dem flachen, rotbraunen Gebäude, in dem sich der Krankenflügel befand. Die Fassade des Gebäudes hatte sich in 18 Jahren kaum verändert, ebenso wenig der sterile Gang, den sie auf der Suche nach der richtigen Zimmernummer entlang gingen.

Mac unterdrückte ein Seufzen. <09:04 Uhr und schon fühle ich mich, als hätte ich stundenlang nichts Anderes getan, als Gänge hinabzugehen... und auf diesen speziellen Gang hätte ich gut verzichten können!>

Macs Nasenflügel vibrierten als sie den nur allzu vertrauten Geruch von Desinfektionsmittel, Gummihandschuhen, Jod und Verbandsmaterial wahrnahm. Sie hatte in ihrem Leben schon so viel Zeit in den Warteräumen von Krankenhäusern und Militärlazaretten verbracht, dass sie jeden einzelnen Geruch, jedes Geräusch und jede Prozedur der Ärzte so genau kannte, als hätte sie selbst jahrelang hier gearbeitet. Erinnerungen begannen vor ihrem inneren Auge abzulaufen und sie sagte sich selbst streng, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen mit den großen braunen Augen war, das ängstlich mitanhörte, wie ihre Mutter einem Arzt die hundertste Lügengeschichte darüber erzählte, wie sie sich angeblich ihre Verletzungen zugezogen hatte oder das mit ansah, wie der Arm ihres Vaters eingegipst wurde, den er sich gebrochen hatte, als er betrunken die Treppe hinuntergefallen war. Sie versuchte sich daran zu erinnern, bei welchem Vorfall sie Bekanntschaft mit dem Lazarett von Beaufort gemacht hatte, aber bevor ihr das betreffende Ereignis einfallen konnte, verlangsamte der Admiral vor ihr seine Schritte und sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Jetzt-und-Hier zurück.

Macs Blick fiel auf die gesuchte Zimmernummer und sie blieb ebenfalls stehen, um dann nach Chegwidden einzutreten.

"Lieutenant Yetman?"

"Ja?" Der große, schlanke Mann, der aufrecht in dem Krankenbett saß, sah beim Klang von Chegwiddens Stimme von seiner Zeitung auf und straffte sich, als er erkannte, welch hochrangige Offiziere da sein Krankenzimmer betreten hatten. "Sir, Ma’am," verwundert über den Besuch sah er vom einen zum anderen, "wie kann ich Ihnen helfen?"

Mac hielt sich hinter Chegwidden und sah zu wie er, die weiße Offiziersmütze zwischen seinen starken Händen haltend, an das Fußende des Bettes trat und auf den Lieutenant hinab sah. "Ich bin Admiral Chegwidden und das hier ist Major MacKenzie," er deutete neben sich, auf die Stelle, an die Mac einen Moment zuvor getreten war, "Wir kommen von JAG und haben die Verteidigung von Jeremiah Kazdin übernommen. Dürfen wir Ihnen einige Fragen stellen?"

Lieutenant Yetman faltete ungeschickt mit der Rechten seine Zeitung zusammen, bemüht, seinen linken, in einer Schlinge ruhenden Arm zu schonen. "Selbstverständlich, Sir." Mit einem höflichen Kopfnicken bedeutete er den beiden Anwälten, sich zu setzen.

Mac lächelte innerlich vor sich hin. <Wenn ein Zwei-Sterne-Admiral fragt, dann sagt ein einfacher Lieutenant nicht ‚nein’ – besonders nicht bei diesem Admiral!> Sie zog einen der Plastikstühle neben das Bett und nahm Platz. Sie warf Chegwidden einen fragenden Blick zu. <Soll ich oder...?>

Wenn sie mit Harm oder sogar Bud an einem Fall arbeitete, waren die Rollen klarer verteilt, dann wusste sie genau, wann sie das Gespräch leiten und wann sie besser nur beobachten sollte. <Aber jetzt...> Nicht, dass sie nicht gerne mit dem Admiral zusammenarbeitete - im Gegenteil, sie war überzeugt davon, dass sie von ihm mehr lernen konnte, als von jedem anderen Anwalt bei JAG, aber sie wusste einfach nicht, welche Rolle er ihr bei dieser Ermittlung zugedacht hatte. War sie als Assistentin hier, um dem Admiral Informationen zuzutragen, für ihn Akten und Gesetzbücher durchzusehen - um all die kleinen, aber wichtigen Detailarbeiten zu übernehmen, die einen Anwalt vor Gericht gut aussehen ließen, demjenigen, der sie ausführte, aber wenig Ruhm einbrachten? Sollte sie sich also zurückhalten und die wichtigeren Dinge ihm als dem Ranghöheren überlassen oder erwartete er gerade von ihr, dass sie aktiv wurde und einen eigenständigen Teil zur Ermittlung beitrug?

Sie sah zu, wie Chegwidden seine 1,90m in einem der Plastikstühle niederließ und er die Handgelenke auf seinem rechten Bein locker übereinander kreuzte, so dass die Offiziersmütze neben seinem Knie zu ruhen kam. Er nickte Mac knapp zu, aber ansonsten war seine Aufmerksamkeit auf den Mann im Krankenhausbett gerichtet, so als hätten sie den Ablauf der Zeugenbefragung schon zuvor mehrmals durchgesprochen, als hätte er keine Zweifel, dass Mac die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt stellen würde.

Mac wusste nicht, ob sie sich dadurch irritiert oder geschmeichelt fühlen sollte. <Also ich.> Sie schlug die Beine übereinander, lehnte sich leicht nach vorne und wünschte sich, sie hätte sich heute morgen für eine Uniformhose anstatt des olivgrünen Rockes entschieden. <Komm zur Sache, Sarah MacKenzie, jetzt ist wirklich nicht die Zeit für Modetipps!> "Lieutenant Yetman, ist es richtig, dass Sie vorgestern, am 13. Mai, zu der Zeit, zu der Craik Foster ermordet wurde, drüben im Militärgefängnis Dienst hatten?" begann sie vorsichtig. Sie glaubte geradezu, Chegwiddens Blick im Nacken zu spüren, obwohl sie im Grunde genommen genau wusste, dass er nicht zu ihr hinsah. <Der Admiral hat Vertrauen in seine Leute und ihre Kompetenz – also tu gefälligst dasselbe, Marine! Du hast so was doch schon tausend Mal gemacht, kein Grund also, jetzt plötzlich nervös zu werden!>

Yetman nickte sofort und rieb sich dann die Stirn, als hätte ihm die Bewegung noch Schmerzen bereitet. "Ja, das ist richtig, Ma’am. Ich stand Wache im Durchgangsbereich zwischen dem Eingang und dem hinteren Zellentrakt."

"Wer war zu diesem Zeitpunkt noch in der Nähe des Zellentraktes?"

"In diesem Teil nur Corporal Haskell und ich – drei der Häftlinge aus diesem Teil des Traktes waren mit ihren Anwälten und entsprechenden Wachen im Besucherraum, deshalb war ich alleine am Durchgang. Als ich ein Geräusch gehört habe..."

Mac nickte dem Lieutenant zu, ermutigte ihn damit, fortzufahren.

"Ich habe dieses Geräusch gehört... es kam aus dem Zellentrakt und es klang, als treffe etwas auf dem Boden auf..."

"Etwas, Lieutenant? Oder jemand?" erkundigte sich Mac bedeutungsvoll, "Könnte das, was Sie gehört haben, das Zu-Boden-Fallen eines Körpers gewesen sein?" Sie wollte herausfinden, ob das, was Yetman da gehört hatte, wichtig für die Aufklärung des Falles sein konnte oder ob es sich nur um den Aufprall des toten Foster gehandelt hatte, mit dem ohnehin zu rechnen war.

"Nein, Ma’am, es muss ein Gegenstand gewesen sein, nicht sonderlich groß, aber auch nicht nur so etwas wie ein Kugelschreiber."

Mac öffnete die Akte auf ihren Knien und warf einen Blick auf die Fotos vom Tatort. Eines davon zeigte die Tatwaffe – ein großes Taschenmesser mit einem abgewetzten, braunen Griff. Das Messer war als das von Jeremiah Kazdin identifiziert worden, eine Tatsache, die es Chegwidden und ihr vor Gericht nicht leicht machen würde. "Könnte es ein Messer gewesen sein?"

Yetman zuckte die Schultern. "Das wäre möglich, aber ich kann es wirklich nicht mit Gewissheit sagen, Ma’am. Jedenfalls bin ich nachsehen gegangen, als ich das Geräusch hörte und als ich um die Ecke kam, fand ich... ich fand... Foster lag am Boden seiner Zelle und Kazdin stand direkt vor der Zelle."

Mac und Chegwidden wechselten einen schnellen Blick. "Sergeant Foster war also schon tot, als Sie hinzukamen? Sie haben nicht gesehen, wer ihn getötet hat?" fragte Mac nach. Es war wichtig zu betonen, dass die Schuld ihres Mandanten noch lange nicht bewiesen war, auch wenn bisher alles gegen ihn sprach.

"Na ja... nein, Ma’am, nicht direkt."

"Wo war die Tatwaffe, als sie hinzukamen?"

Yetman dachte einen Moment lang nach. "Das Messer lag neben den Gitterstäben, Ma’am."

"Innerhalb oder außerhalb der Zelle, Lieutenant?" fragte Mac, obwohl ihr die Fotos vom Tatort die Antwort bereits verrieten.

"Außerhalb, Ma’am, direkt vor Kazdins Füßen." Diesmal kam die Antwort ohne das geringste Zögern, so als sehe Yetman den Anblick noch genau vor sich.

Mac nickte und bekämpfte den Drang, an ihrer Unterlippe zu kauen. "Wie spät war es genau, als Sie Sergeant Foster gefunden haben?" Sie hoffte, dass die Vorstellungen des Marines von ‚genau’ annähernd mit ihren eigenen übereinstimmten.

"Hmm, das muss kurz nach 1230 Uhr gewesen sein, ich war den ganzen Morgen bei einem Gerichtstermin dabei und hatte erst kurz zuvor meinen Posten bezogen."

"Wie lange war Mister Kazdin zu diesem Zeitpunkt schon bei seinem Mandanten?" Mac spielte kurz mit dem Bügel ihres Kugelschreibers.

Yetman fuhr sich mit der rechten Hand durchs Haar. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. "Knapp zehn Minuten vielleicht. Er war kurz vor mir gekommen."

Mac machte sich eine schnelle Notiz, hob dann den Blick wieder zu dem Befragten. "Dann haben Sie also nicht gesehen, wie Mister Kazdin den Zellentrakt betreten hat?"

"Nun ja, nein, nicht persönlich, Ma’am... aber Corporal Haskell hat ihn am Eingang vorschriftsmäßig registriert und es steht außer Frage, dass er Foster im Zellentrakt besucht hat – ich habe ihn selbst vor der Leiche vorgefunden!" fügte Yetman mit Nachdruck hinzu.

<Keine Chance, dass dieser Zeuge uns vor Gericht nützen könnte,> urteilte Mac sofort, <Er glaubt felsenfest daran, dass Kazdin schuldig ist.> "Und was ist dann geschehen?" Wenn sie die Armschlinge oder das Pflaster auf Yetmans Schläfe betrachtete, konnte sie es sich bereits denken, aber ihr war es lieber, die Details jetzt als vor Gericht zu erfahren.

Yetman knirschte mit den Zähnen und seine Augen funkelten wütend. Er wirkte deutlich in seinem Soldaten-Stolz gekränkt. "Kazdin hat mich angegriffen..."

"Mit einer Waffe?" hakte Mac nach.

Lieutenant Yetman schnaubte. "Mit bloßen Fäusten, das hat genügt ... Ma’am. Ich nehme an, Sie haben Ihren Mandanten bereits gesehen?" Er sah von Mac zu Chegwidden und deutete mit der Rechten Kazdins Statur an. "Erst, als ich Alarm geschlagen habe, konnten wir ihn zu dritt überwältigen." Der Marine Corps-Offizier rieb sich automatisch den linken Arm.

"Und wie geht es Ihnen jetzt?" erkundigte sich Mac und erlaubte sich damit zum ersten Mal seit das Gespräch begonnen hatte, Empathie und Mitgefühl in die professionelle Befragung einfließen zu lassen.

Yetman lächelte ihr zu. "Das Schultergelenk war ausgerenkt, aber ansonsten geht’s schon wieder, Ma’am. Man hat mich nur vorsichtshalber hier behalten, weil eine Gehirnerschütterung nicht auszuschließen war. Ich rechne praktisch stündlich mit meiner Entlassung."

Mac erwiderte sein Lächeln für einen Moment. "Freut mich für Sie, Lieutenant," sie warf Chegwidden einen schnellen Blick zu und er nickte milde, "das wären für den Moment alle Fragen, die wir an Sie haben."

Die beiden Anwälte wünschten Gute Besserung und verließen das Krankenzimmer. Seite an Seite schritten sie über den Gang. Mac atmete die frische Morgenluft tief ein. Sie war froh, das Lazarett hinter sich zurücklassen zu können und sie hoffte, dass auch die damit verbundenen Erinnerungen hier zurück bleiben würden.

Sie wartete darauf, dass Chegwidden etwas sagte, während sie zum Mietwagen hinüber gingen, aber er äußerte weder Lob noch Kritik an ihrer Interviewführung. Irritiert darüber lenkte Mac sich damit ab, ihr Schiffchen aufzusetzen, es auf dem Kopf zurechtzurücken und eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn zu streichen, bis ihr mit plötzlicher Einsicht klar wurde, dass Chegwiddens Schweigen eigentlich Anlass zur Freude war – es bedeutete, dass er nichts Anderes von ihr erwartet hatte. Er hatte hohe Erwartungen an sie gehabt und sie hatte sie erfüllt, so einfach war das.

Mac straffte die Schultern und wartete, bis Chegwidden die Wagentüre aufgeschlossen hatte. "Sieht nicht besonders gut für uns aus, oder, Sir?" Ihr Tonfall zeigte, dass sie trotzdem nicht vorhatte, so schnell aufzugeben.

Chegwidden ließ ein humorloses Lachen hören, das mehr wie ein kurzes Bellen klang. "Das können Sie laut sagen, Major! Eine geradezu erdrückende Beweislast inklusive Gelegenheit und Tatwaffe, die zu Füßen unseres nicht gerade kooperativen Klienten gefunden wird..." Er schüttelte grimmig den Kopf, während er den Mietwagen startete und vom Parkplatz lenkte.

Mac nickte mit einem schmalen Lächeln, während sie gedankenverloren in der Akte blätterte, die ihnen kurz vor dem Gespräch mit Yetman ein Militärpolizist übergeben hatte und die die Informationen enthielt, die das Gefängnis-Personal gesammelt hatte. "Ich denke, man sollte die Beschreibung unserer Berufstätigkeit um das Bewirken von Wundern erweitern," schlug Mac vor und hob den Blick, um ihren Vorgesetzten kurz anzulächeln.

Chegwidden hob eine Augenbraue und sah sie skeptisch an. Nur wer ihn so gut kannte wie Mac, konnte das humorvolle Glitzern in seinen Augen erkennen. "Ach, ich dachte, das stände längst drin, Major."

Mac musste lachen. Obwohl sie wusste, dass Chegwidden einen einzigartigen Sinn für Humor hatte, kam eine scherzhafte Äußerung von seiner Seite dennoch manchmal unerwartet. "Nein, Sir, ich..." Sie brach plötzlich ab, schüttelte leicht den Kopf, kniff die Augen zusammen und betrachtete mit intensiver Aufmerksamkeit das Foto, auf das sie eben gestoßen war.

Chegwidden verlangsamte sofort den Wagen uns sah mit gerunzelter Stirn zu Mac hinüber. "Major? Irgendetwas nicht in Ordnung?"

"Doch, Sir, mir geht’s gut, aber..." Mac riss sich zusammen und löste den Blick von dem Foto des Opfers, "... ich kenne diesen Mann – Sergeant Foster -, Sir."


1311 Z-Zeit (09:11 Uhr EDT)
Beaufort, South Carolina

Jae wartete geduldig neben dem dunkelblauen Dodge Dakota, während sie zusah, wie Jeremiah Kazdin den Wagen abschloss und die Autoschlüssel sorgfältig in die Tasche seines Jacketts schob. Kazdins fahrbarer Untersatz hatte Jae, wenn sie ehrlich war, ein wenig überrascht. Vom vielversprechenden Juniorpartner einer erfolgreichen Anwaltskanzlei und dem Sohn eines reichen Senators hatte sie ein Luxusauto erwartet, ein Symbol seines Status - vielleicht einen Mercedes, einen Jaguar oder einen Lexus, aber ganz sicher nicht dieses robuste, jeepartige Gefährt. Der Dodge war nicht mehr ganz neu, das sah Jae, die mit drei autobegeisterten Brüdern aufgewachsen war, auf einen Blick. Andererseits aber hatte er nicht einen einzigen Kratzer und war gut gepflegt, mit der Sorgfalt, die Kazdin in alles, was er tat, zu stecken schien, wenn auch nicht mit dem Enthusiasmus, den andere Männer ihren Autos entgegenbrachten.

Jae schreckte aus ihren Überlegungen hoch und schloss eilig zu Kazdin auf, als dieser ungeduldig winkte – der erste Versuch, mit ihr zu kommunizieren, an diesem Morgen. Sie dachte daran, wie Kazdin düster an seinem schwarzen Kaffee genippt und ungeduldig gewartet hatte, während sie sich heißhungrig über das Frühstück inklusive Kaffee mit viel Milch und Zucker hergemacht hatte, das Leonora am Abend zuvor für sie vorbereitet hatte.

Sie folgte ihrem Schützling mit zwei Schritten Abstand durch die gläsernen Eingangstüren eines hohen Gebäudes, in dem sich neben der Kanzlei auch noch eine Bank, ein Juwelier und eine Reihe weiterer Geschäfte befanden, und durch die routinemäßige Sicherheitskontrolle.

Kazdin überragte die Menge in der Eingangshalle und bewegte sich mit kühlem Selbstvertrauen, so als würden die Menschen um ihn herum gar nicht existieren, als wären sie nur ärgerliche Hindernisse. Beinahe belustigt sah Jae zu, wie die Menge sich für ihn teilte und er mit erhobenem Kopf hindurchschritt. <Wie Moses und das rote Meer,> dachte sie kichernd.

Als sie den Fahrstuhl betraten, stieß er mit einem der Passanten zusammen, die gerade den Lift verließen, doch statt eine entschuldigende Geste zu machen, ging er einfach weiter, ohne für irgendjemanden mehr als einen flüchtigen Blick übrig zu haben. Jae schüttelte stumm den Kopf. <Er hat die sozialen Fähigkeiten eines weißen Hais!>

Im dritten Stock stiegen sie aus und Jae trottete hinter Kazdin her zu einer Türe, die ‚Anwaltskanzlei Flynt, Emery & Partner’ verkündete. Jae berührte das Schild im Vorbeigehen mit den Fingerspitzen. <Kazdin ist vermutlich das ‚und Partner’, hm?>

"Mister Kazdin!" Eine strahlende junge Frau kam ihnen entgegen, kaum dass sie die Kanzlei betreten hatten. "Ich wollte Ihnen noch zu Ihrem Erfolg vom Dienstag gratulieren!" Ganz offensichtlich hatte sie noch nicht gehört, dass Kazdin in der Zwischenzeit wegen Mordverdachtes verhaftet worden war, "Mister Emery sagte, das sei der größte Fall, den wir seit zwei Jahren gewonnen haben!"

Kazdin, der von den schnell dahingeplapperten Worten sicherlich nicht sehr viel verstanden hatte, nickte nur, ohne über seinen Sieg zu lächeln, und machte eine wegwerfende Handbewegung, bevor er der jungen Frau zunickte und sie dann einfach stehen ließ.

"Señor Kaz! Jaecita!" Leonora, Kazdins Haushälter-/Sekretärin, sprang von ihrem Schreibtisch im Vorzimmer auf und begrüßte Jae wie eine alte, lange vermisste Freundin, während Kazdin an den beiden vorbei in einem der Büros verschwand. Jae fragte sich, womit sie diese spanische Koseform ihres Namens verdient hatte, während Leonora ihren Arbeitgeber Kazdin noch immer mit dem formalen Señor ansprach.

Die lebhafte Puertoricanerin kam jedoch nicht dazu, ein Gespräch mit Jae zu beginnen, denn in diese Moment klingelte das Telefon auf ihrem Schreibtisch. "El teléfono. Das ist ganz fürchterlich heute morgen! Horrible! Loco! Es ist ein einziges Chaos! Entschuldigen Sie mich einen Moment, sí?" Schon eilte sie davon.

Jae schlenderte langsam hinüber zu dem Büro, in dem Kazdin kurz zuvor verschwunden war. Sie hob gewohnheitsmäßig die Hand, um höflich anzuklopfen, ließ sie dann aber rasch wieder sinken und betätigte den Klingelschalter, der neben der Türe angebracht war. <Wirklich intelligent, Cavanaugh! An die Türe eines Gehörlosen klopfen zu wollen, als wäre es das erste mal, dass du mit einem zu tun hast!>

Kazdin, der als Antwort auf ihr Klingeln von innen die Türe aufriss, unterbrach ihre selbstkritische Rüge. Seine große, kompakte Gestalt füllte den Türrahmen und verwehrte ihr sowohl den Eintritt als auch den bloßen Blick auf sein Büro. Unfreundlich musterten seine eisblauen Augen sie unter den dunklen Augenbrauen hervor, so als wäre sie ein aufdringlicher Staubsauger-Vertreter, der ungewollt auf seiner Türschwelle erschienen wäre.

Nach einem Moment des gegenseitigen Anstarrens gab Kazdin die Türe frei und ging zurück in sein Büro, ohne Jae länger zu beachten. Entschlossen, sich durch ihren unhöflichen Gastgeber nicht die Laune verderben zu lassen, trat Jae ein und sah sich sofort neugierig um.

Kazdins Büro war... Jae suchte nach dem richtigen Wort, um das Büro zu beschreiben. Es war weder schäbig, noch elegant. Es war... effizient - <Genau wie sein Auto und sein Zuhause... oh, halt, okay, dann eben das ‚Haus, in dem er wohnt’,> verbesserte sich Jae.

Wie in Kazdins Haus fehlten persönliche Gegenstände, Diplome oder Gemälde an der Wand, alles, was dem Raum eine persönliche Note gegeben hätte oder den Eindruck von Eleganz und Wohlstand vermittelt hätte. Die einzig wirklich teuren Einrichtungsgegenstände im Raum waren der hochentwickelte Computer, ein Schreibtelefon und zusätzlich ein Bildtelefon auf dem Schreibtisch, während die übliche Sprechanlage natürlich fehlte.

Jae betrachtete den fast neurotisch ordentlichen Schreibtisch. Ein großer Kalender lag aufgeschlagen genau in der Mitte des Schreibtisches. Termine und Veranstaltungen waren in einer sauberen, korrekten Handschrift ordentlich in die Spalten eingetragen worden. Über dem Kalender stand ein Stifthalter, in dem Bleistifte, Kugelschreiber und Textmarker feinsäuberlich getrennt angeordnet waren. Daneben befand sich ein gut organisiertes Ablagensystem für alle Arten von Dokumenten.

Kazdin umrundete den Schreibtisch und nahm in dem leicht abgewetzten Ledersessel Platz.

Jae durchschaute seine Taktik sofort: sein Manöver zwang sie, über den Schreibtisch hinweg mit ihm zu kommunizieren und gab ihm somit eine Machtposition. Unbeeindruckt und mit einem Anflug von Trotz nahm sie ihm gegenüber Platz und blinzelte, als das helle Licht der Deckenlampe ihr genau in die Augen fiel – die Lichtquellen im Zimmer waren so arrangiert, dass sie auf die Besuchersessel gerichtet waren und Kazdin von seiner Position hinter dem Schreibtisch aus die Gesten, Mimik und Lippenbewegungen seiner Gäste genau erkennen konnte.

Der Sessel, in dem sie jetzt saß, bestand aus demselben Leder wie Kazdins, hatte aber eine sehr gerade Lehne, was sie zwang, aufrecht zu sitzen und herumzurutschen, um eine einigermaßen bequeme Position zu finden. Jae fragte sich, ob der KGB beim Entwurf dieses Sessels geholfen hatte. "Ungewöhnliches Büro für einen Anwalt," kommentierte sie mit einem weiteren Rundblick durch den Raum.

Kazdin reagierte nicht, obwohl Jae sicher war, dass er ihre Gebärden gesehen hatte.

"Wie lange arbeiten Sie schon hier?" Sie versuchte es mit einer direkten Frage, in der Hoffnung, damit endlich ein Gespräch in Gang zu bringen.

Wieder keine Reaktion.

"Hey, lassen Sie mich auch mal zu Wort kommen, ja?" bat Jae ironisch.

Kazdin ließ den Papierstapel, den er gerade aus einer Schublade genommen hatte, los, um kurz und trocken zu antworten: "Das schaffen Sie doch auch so ganz gut."

<Oh, es scheint, ich habe meine mentale Notiz vergessen – vermeide persönliche Fragen. Mentale Notiz: Erinnere dich öfter an deine mentalen Notizen!> Jae sah mit wachsender Irritation zu, wie Kazdin damit begann, Akten und Dokumente in verschiedene Stapel aufzuteilen, um seine Fälle, wie Jae vermutete, an verschiedene Kollegen weiterzugeben. "Kann ich irgendwie helfen?" erkundigte sie sich bemüht freundlich.

"Sie können die Blumen gießen," antwortete Kazdin auf seine übliche, einsilbige Art.

<Niemand wird ihm je vorwerfen können, nett zu sein – alle anderen Dinge, ja, aber niemals das!> Sie sah sich um und stellte fest, dass nicht eine einzige Grünpflanze im Raum zu finden war. Jae – normalerweise die Gutmütigkeit und Geduld in Person – wurde langsam ärgerlich. Sie atmete tief durch und zählte in Gedanken auf zehn – vorwärts und rückwärts. Technisch gesehen war Jae keine Mörderin. Das letzte Lebewesen, das sie getötet hatte, war eine Küchenfliege gewesen, die sich über den berühmten Apfelkuchen ihrer Mutter hatte hermachen wollen. In emotionaler Hinsicht konnte sie sich momentan jedoch mit Jack-the-Ripper vergleichen.

"Mister Kazdin... Jeremiah...," begann sie ernst und eisern bemüht, ruhig zu bleiben, nur um festzustellen, dass der Angesprochene sie erneut ignorierte. Sie legte entschlossen ihre Rechte über seine, die noch immer in Unterlagen blätterte, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Kazdins Kopf ruckte hoch als er die Berührung spürte. Schroff zog er seine Hand weg und warf Jae aus seinen gletscherblauen Augen einen kalten Blick zu. "Okay, ein für alle mal, hier sind die Spielregeln: Berühren Sie mich nicht! Sprechen Sie nicht ständig mit mir! Nennen Sie mich nicht Jeremiah! Kaz, wenn es schon sein muss, klar?" Seine Hände klatschten beim Gebärden in kaltem Zorn gegeneinander.

<Er möchte also die ‚Spielregeln’ bestimmen, hm? Wenn Kazdin wirklich glaubt, dass ich seinen Drohungen nachgebe und mich von diesen Verboten einschüchtern lasse, dann ist er ganz offensichtlich nicht mit Geschwistern aufgewachsen! Und wenn ich mir seine Umgangsformen so anschaue, wahrscheinlich auch ohne Eltern! Langsam reicht’s!> Kazdin würde in Kürze feststellen, dass er nicht der einzige war, der einen Wutanfall bekommen konnte.

"Sind Sie immer so unhöflich und arrogant?" verlangte Jae zu wissen und sah ihm direkt in die Augen. Ihre Gebärden waren schnell und heftig. "Oder nur mir gegenüber? Sie sind absichtlich so schroff zu mir, oder? Halten Sie sich für so überlegen? Oder passt es Ihnen nur einfach nicht, dass das Gericht Ihnen eine ‚Aufpasserin’ zugeteilt hat?"

Jae sah zu, wie Kazdin nach anfänglicher Überraschung über ihren leidenschaftlichen Ausbruch eine gelangweilte, gleichgültige Miene aufsetzte und lediglich eine Braue hob.

Auf diese Weise herausgefordert fuhr sie fort: "Sie waren nichts als unhöflich und kühl zu mir, seit dem aller ersten Moment! Sie sind nicht einmal höflich genug, mir zu antworten, wenn ich versuche, ein Gespräch zu beginnen!"

Kazdin lehnte sich in seinem Sessel zurück und musterte Jae. Einen Moment lang glaubte sie fast so etwas wie widerwilligen Respekt in seinem Blick zu erkennen, dann nahmen seine Augen wieder den alten Ausdruck von Gleichgültigkeit an. Diese hellblauen Augen nahmen alles in sich auf, ohne etwas zu reflektieren. "Sie wollen Antworten, ja? Na schön, okay, die können Sie haben: Ja, nein, kann schon sein, nein und darauf können Sie Gift nehmen."

Jae starrte ihn verblüfft an. Sie versuchte, die wütenden Fragen, die sie ihm vorhin an den Kopf geworfen hatte, in Gedanken zu wiederholen, um so Sinn aus seinen Antworten zu machen, gab dann aber frustriert auf. Plötzlich musste sie lachen. <Okay, okay, komm wieder zurück auf den Boden, beruhige dich, Jacqueline Cavanaugh! Na gut, er ist nicht sonderlich freundlich und gesellig, aber das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, war das hier auch keine Cocktail-Party.> Sie beschloss ihre Versuche, ein Gespräch anzufangen, zunächst einmal aufzugeben, und lehnte sich abwartend im nicht sonderlich bequemen Besuchersessel zurück.

Sie sah zu, wie Kazdin seinen Computer einschaltete. Ein Passwort und zwei schnelle Mausklicke und schon tauchte ein Terminkalender auf dem extragroßen Bildschirm auf. Jae reckte den Kopf, um unauffällig mitzulesen. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, sie sei so neugierig wie ihre Lieblingstiere. <9.00 Uhr – interne Besprechung. 9.45 Uhr – Davidson vs. Davidson. 10.30 Uhr – Leonidas vs. Delrod Company. 11.45 Uhr – Loran vs. Shelbington. 14.00 Uhr – Besprechung mit ...> Jae wurde unterbrochen, als Kazdin den Bildschirm so drehte, dass sie nicht weiter mitlesen konnte. <Wow, sieht so aus, als ob er ein gefragter Anwalt wäre.> Sie konnte sich denken, dass das ein langer und harter Weg für einen Gehörlosen gewesen war.

Kazdin streckte einen langen Arm nach dem Schreibtelefon aus, hob den Hörer ab, wählte eine Nummer und legte den Telefonhörer auf den Akustikkoppler. Jae, die mit dieser Art der Kommunikation bestens vertraut war, wusste, dass beim ‚Angerufenen’ jetzt die Lichtklingel zu blinken begann, die an das TDD-Schreibtelefon angeschlossen war. Kazdins starke Finger huschten über die Tastatur des Schreibtelefons und tippten blitzschnell eine Nachricht. Kurz darauf erschien auf dem dazugehörigen Bildschirm eine Antwort und Kazdin beendete die ‚Unterhaltung’ per Knopfdruck.

Kaum hatte er aufgelegt, begannen die Lichtsignalanlagen, die an das Bildtelefon und das Faxgerät angeschlossen waren, Lichtblitze auszusenden. Die akustischen Signale, die einen Hörenden auf einen Anruf, einen Besucher oder ein Fax aufmerksam machten, waren für einen Gehörlosen nutzlos und daher gab es für die Türklingel, das Telefon, das Faxgerät und den Wecker Lichtsignale in verschiedenen Rhythmen, so dass der Gehörlose immer wusste, ob nun das Telefon oder die Türglocke ‚klingelte’.

Jae kam gut mit diesen Hilfsmitteln zurecht, aber sie wusste aus eigener Erfahrung, dass Hörende in den meisten Fällen nichts mit einem Lichtwecker anfangen konnten. Es bedurfte einer sensiblen visuellen Wahrnehmung, um mitten im schönsten Schlaf Lichtblitze wahrzunehmen. Obwohl sie – merkwürdig genug für eine Soldatin – als Langschläferin und Morgenmuffel bekannt war, hatte sie sich spaßeshalber einmal den Wecker ihrer Mutter ausgeliehen – und das heftige Blinken prompt seelenruhig verschlafen.

Während Kazdin begann über das Bildtelefon mit seinem Boss, John Flynt, zu gebärden, stand Jae hilfsbereit auf, um ihm das angekommene Fax auf den Schreibtisch zu legen.

"Die Papiere für Loran liegen in 5 Minuten auf deinem Schreibtisch und alles andere verteile ich an Emery und die anderen," informierte Jeremiah den Senior-Partner.

Jae verpasste John Flynts Antwort, weil in diesem Moment die Lichter an der Decke in einem lang-kurz-lang-Rhythmus flackerten. Die Türe öffnete sich und ein beleibter, grauhaariger Mann sah vorsichtig herein.

Kazdin sah von seinem Telefongespräch auf und bedeutete Flynt über das Bildtelefon, einen Moment zu warten.

"Ähm, Kaz, wir haben ein Problem mit dem Schlussplädoyer morgen früh im Fall Jennings, den ich für dich übernehmen soll..." Der Anwalt, der Seniorpartner Emery, wie Jae vermutete, sprach begleitet von Gebärden, die umständlich und ziemlich schwer verständlich waren. Er übersprang Wörter, weil er die entsprechenden Gebärden nicht kannte und Jae musste schlussfolgern und raten, um den Sinn des Satzes zu verstehen. Seine Grammatik war der der englischen Sprache angepasst, ohne zu berücksichtigen, dass die amerikanische Gebärdensprache ihre eigene Grammatik besaß.

Jae drehte sich zu Kazdin um und gebärdete fließend: "Ich könnte übersetzen... oder soll ich lieber die Blumen gießen gehen?" Sie grinste den jungen Anwalt schelmisch an.

Kazdin warf ihr einen kühlen Blick zu, konnte aber das amüsierte Zucken eines Mundwinkels nicht vor Jae verbergen. "Da ich keine Pflanzen habe... bitte sehr." Er machte eine einladende Geste.

"Guten Morgen," grüßte Jae den Neuankömmling fröhlich, "Also, was für ein Problem haben Sie mit dem Schlussplädoyer?"

Emery starrte die blonde Frau überrascht an. "Guten Morgen, ja, also, der Anspruch ist nicht geklärt, da ist eine Hypothek auf dem Grundstück," antwortete er, als Kazdin zum Zeichen, dass man Jae vertrauen konnte, nickte.

"Seit wann das denn?" explodierte Kazdin, kaum dass Jae übersetzt hatte, "Das Grundstück war am Mittwoch noch unbelastet!" Er nahm eine Akte aus einer Schublade und warf einen kurzen Blick hinein.

"Scheinbar sind da von irgendwoher Unterlagen aufgetaucht, aber ich hatte noch keine Gelegenheit, sie mir näher anzusehen. Ist es sinnvoll, zu versuchen, das Schlussplädoyer zu verschieben, bis das geklärt ist?" wollte Emery wissen.

"Nein, ich ziehe das... ich meine, ich würde dir raten, das wie besprochen durchzuziehen. Nimm dir Don als Assistent, er kennt sich mit dem Fall aus," riet Kazdin, "Und wenn ich mir die Sache noch mal ansehen soll..."

Emery schüttelte den Kopf, während sich hinter ihm Leonora in den Raum schob und das Licht des Faxgeräts wieder zu blinken begann. "Señor Kaz, Señor Flynt fragt nach der Anklageschrift im Fall Gibson."

"Sagen Sie ihm, die kriegt er in 5 Minuten zusammen mit der Akte Loran," wies Kazdin seine Sekretärin an, noch während er das Fax las und sofort wieder nach dem Telefonhörer griff.

Jae bewunderte, wie gelassen und mühelos er die hektischen Aktivitäten um ihn herum steuerte. Eines musste sie ihm lassen, er verstand seinen Job. Seine Entscheidungen waren schnell und präzise. Er war effizient, gut organisiert und selbstbewusst. Niemand stellte seine Anweisungen in Frage, nicht einmal die Seniorpartner. Jae vermutete, dass er ein beinahe brillanter Anwalt war.

Kurz darauf lehnte sich Jae gegen Leonoras Schreibtisch, während Kazdin in John Flynts Büro verschwand. "Ist er immer so?" erkundigte sie sich mit dem Daumen hinter Kazdin her zeigend.

"El jefe, Señor Kaz? So was? Brusco? Unhöflich? Oh, machen Sie sich nichts daraus, das ist nicht persönlich gemeint, Señor Kaz ist immer so. Nicht umsonst nennen ihn ein paar von den anderen Secretarias ‚El Chupacabra’ und ‚Piraña’," Leonora kicherte ein wenig und tätschelte Jae mit mütterlicher Wärme die Hand. In ihrem offenen Gesicht zeigte sich eine Mischung aus Stolz, Zuneigung und Sorge für Kazdin. "Er hat Sie nicht nett behandelt, sí, niña?" Leonora schüttelte betrübt den Kopf.

Jae lächelte aufmunternd. <Nein, das hat er wirklich nicht, aber das ist kein Grund, das der armen Leonora auf die Nase zu binden. Offensichtlich hat sie eine ziemlich hohe Meinung von ihm.> "Wie wäre es, wenn Sie mich duzen würden, Leonora? Und nein, ich meine nicht ‚brusco’ oder ‚rudo’, ich wollte wissen, ob er immer so ... konzentriert, so ... überlegen ist. So geht das schon, seit wir hier sind," Jae schüttelte den Kopf, "er gewinnt diesen großen Fall und lächelt nicht einmal, er arbeitet ständig an mehreren Dingen gleichzeitig, er zitiert auswendig sämtliche Gesetze und Vorschriften, die je erlassen worden sind und sieht alle anderen dann an, als müssten sie genau wissen, wovon er da eigentlich redet. Ich verstehe nicht, wie irgend jemand mit ihm mithalten kann."

Leonora kicherte erneut und warf voller Stolz auf ihren Arbeitgeber und Schützling ihre schwarz-grauen Locken zurück. "No, manchmal glaube ich auch, das ist imposible! Er ist ein wandelndes Lexikon! Wissen Sie, Jaecita… weißt du, sein horóscopo ist un tauro – ein Ochse, sí? – das erklärt alles." Die Puertoricanerin blinzelte Jae verschwörerisch zu.

Offen gesagt hatte Jae nicht die geringste Ahnung von Sternzeichen und den Charaktereigenschaften, die traditionell damit verbunden wurden. Jae lachte. <Ein Ochse?!> "Das erklärt alles, Leonora," bestätigte sie mit einem breiten Grinsen.


1404 Z-Zeit (10:04 Uhr EDT)
Beaufort, South Carolina

Einige Sekunden lang herrschte völlige Stille im Mietwagen. Mac war sich Chegwiddens Blickes bewusst, der auf ihr ruhte, und als sie den Mut fand, den Kopf zu drehen und seinem Blick zu begegnen, stellte sie erleichtert fest, dass sie nur ruhiges Abwarten und eine stumme Frage in seinen Augen las, statt des ‚Oh nein, nicht schon wieder’, das sie halb erwartet hatte. Sie hätte es Chegwidden nicht einmal verdenken können, angesichts der Männer, die im letzten Jahr unerwartet aus ihrer Vergangenheit aufgetaucht waren.

Sie sah zurück auf die Akte in ihrem Schoß und studierte aufmerksam das Foto. Es war bei Sergeant Fosters Verhaftung gemacht worden und zeigte ihn sicher nicht gerade von seiner besten Seite. <Nicht, dass ich seine beste Seite je kennen gelernt hätte!> ‚Staff Sergeant Craik Lucas Foster’, stand unter dem Bild. Mac kannte ihn nur als ‚Luke’ und wenn sie sich richtig erinnerte, dann war er damals Corporal gewesen. Sie hätte nie gedacht, dass er, der ständig wegen irgendetwas abgemahnt, zu Strafdienst verdonnert oder degradiert worden war, es jemals bis zum Staff Sergeant bringen würde. Dass er wegen Mordverdacht im Gefängnis gelandet war, überrascht sie sehr viel weniger. Aber andererseits... vielleicht war sie nicht die beste Person, die man nach einer objektiven Einschätzung von Foster und seinem damaligen Freundeskreis bitten konnte.

"Sir, Sergeant Foster... er war ein Freund von... meines Vaters," <Das ist die Übertreibung des Jahres, Joseph MacKenzie hatte keine Freunde, nur Saufkumpane!> "Sie haben vor 18 Jahren zusammen hier in Beaufort gedient." Sie hoffte wirklich, dass er der letzte ‚Bekannte’ aus ihrer Teenagerzeit in Beaufort war, über den sie während ihrer Ermittlungen stolperte.

Chegwidden nickte ruhig. Seine einzige Reaktion war das leichte Heben einer Braue, aber ansonsten schien er bemüht zu sein, kein voreiliges Urteil über Craik Foster oder Joe MacKenzie zu fällen. "Kannten Sie Foster persönlich?"

"Kennen?" Mac schüttelte den Kopf. "Nein, so würde ich das nicht nennen, Sir," <Es sei denn, jemandem eine Flasche Bier zu holen zählt als persönliches Kennenlernen.>

Damals hatte Joe MacKenzie noch Momente gehabt, in denen er stolz auf seine Tochter gewesen war und die Treppe hinauf nach ‚Sarah’ gebrüllt hatte, damit er sie seinen Kameraden vorführen konnte wie ein Hündchen, das Bierflaschen apportierte. Erst später war sie dann nur noch seine ‚dämliche Schlampe von Tochter’ gewesen.

"Wirklich gekannt habe ich Foster nicht, aber ich habe genug mitbekommen, um zu wissen, dass er nicht gerade das war, was man einen vorbildlichen Marine nennt. Er hat...," Mac schluckte, "... oft getrunken, Sir..."

"Ich verstehe." Die beiden Worte von Chegwidden ersparten Mac, weiter in ihrer Vergangenheit herumstochern zu müssen. "Hat Foster Ihres Wissens nach zu Gewalttätigkeiten geneigt?"

Mac öffnete den Mund, um mit einem spontanen und klaren ‚Ja’ zu antworten, hielt sich aber im letzten Moment zurück. Luke Foster hatte getrunken wie ihr Vater, aber ob er auch noch andere von Joe MacKenzies Gewohnheiten geteilt hatte, konnte sie wirklich nicht beurteilen. Sie schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht sagen, Sir. In meiner Anwesenheit hat Foster sich jedenfalls nie gewalttätig verhalten." Im Gegenteil: Sie hatte Foster immer für den cleversten Mann in der Clique um Joseph MacKenzie gehalten. Er hatte es immer irgendwie geschafft, aus jeder Situation noch Vorteile für sich herauszuholen, und war als Einziger nicht ständig knapp bei Kasse gewesen. Nicht, dass er übermäßig intelligent gewesen wäre, aber er hatte eine Bauernschläue besessen, die ihn jedes günstige Geschäft wittern ließ – scheinbar aber nicht genügt hatte, um ihm das Gefängnis zu ersparen.

"Sieht also nicht so aus, als ob Ihre flüchtige Bekanntschaft mit dem Mordopfer uns irgendeinen Vorteil vor Gericht verschaffen würde," beendete Chegwidden zu Macs Erleichterung das Thema, gerade als sie einen Parkplatz vor der Kanzlei fanden, "konzentrieren wir uns wie vorgehabt also erst einmal darauf, in Kazdins Arbeitsumfeld einen Leumundszeugen zu finden, der unter Eid bestätigt, dass Kazdin kein Mensch ist, der einen Mord begehen würde. Vielleicht können wir auch den Zeitrahmen der Tat genauer abstecken, wenn wir erfahren, wann Kazdin die Kanzlei verlassen hat, um ins Gefängnis zu fahren."

Mac schob die Akte zurück in ihre Tasche, ließ das Schloss zuschnappen und folgte Chegwidden zum Eingang des Gebäudes hinüber.

Ein heftig streitendes Paar verließ die Kanzlei, als die beiden Anwälte sie betraten. Mac und A.J. wechselten einen teils amüsierten, teils nachdenklichen Blick. Sie wussten beide aus eigener Erfahrung, wie eine Beziehung aussehen konnte, wenn sie kurz vor der Scheidung stand.

"Dios mío!" Die dunkelhaarige Sekretärin am Empfang sah dem Ehepaar kopfschüttelnd nach, bevor sie sich den Neuankömmlingen zuwandte. "Almirante, Mayor," sie nickte ihnen höflich zu, "was kann ich für Sie tun?"

Chegwiddens Augenbrauen wanderten in die Höhe, als er sofort mit dem korrekten Rang angesprochen wurde. "Admiral Chegwidden und Major MacKenzie von JAG..."

"Ah, los abogados defensor... die Verteidiger von Señor Kaz... Señor Kazdin," die hispanische Frau strahlte, "ich bin Leonora Rosario, Señor Kazdins Sekretärin und Haushälterin. Mucho gusto!"

Mac erwiderte das Lächeln höflich. <Jetzt zahlt es sich doch tatsächlich mal aus, dass ich in der Hälfte aller Stützpunkten im ganzen Land aufgewachsen bin!> "El placer es mío," – Das Vergnügen ist meinerseits – versicherte sie der Sekretärin.

Noch bevor sie etwas hinzufügen konnte, flog eine Ausgabe des Zivilgesetzbuches durch eine der offenen Bürotüren und klatschte im Flur gegen die Wand.

Leonora Rosario seufzte. "Señor Kaz hat schlechte Laune, seit... seit ich ihn kenne, eigentlich. Aber heute ist es besonders horrible." Sie deutete auf die Türe, durch die das Buch geflogen war und zwinkerte, "Betreten auf eigene Gefahr."

Chegwidden legte die Hände auf dem Rücken zusammen und zeigte das für ihn so typische Halblächeln, das die Fältchen um seine Augen in Bewegung brachte. "Wir möchten zunächst einmal mit Mister Flynt sprechen – das sollte Mister Kazdin genügend Zeit geben, um sein Gesetzbuch wieder einzusammeln."

Mac drehte den Kopf, als die Bürotüre am Ende des Ganges sich öffnete und John Flynt, einer der beiden Senior-Partner der Kanzlei, in das Großraumbüro trat. Seine grauen Augen blitzten, als er jeden der Anwälte, Rechtsgehilfen und Sekretäre im Raum kurz ansah. "Herhören," sagte er uns strahlte dabei eine Aura der Autorität aus, die Mac sofort daran erinnerte, dass er irgendwann einmal im Corps gedient hatte, "ich habe eben die Vertretung des Falles übernommen, den wir gestern schon besprochen haben – Bardley vs. Isotec Corporation. Alle, die aus den richtigen Gründen Jura studiert haben: Hier ist etwas, das euch interessieren wird. Und für die, die diesen Beruf aus den falschen Gründen ergriffen haben: Es gibt einen netten Bonus."

Die Anwälte, inklusive Flynt, lachten und setzten dann ihre Arbeit fort, während Flynt zu den beiden JAG-Offizieren herüberkam. "Guten Morgen, Admiral, Major MacKenzie," John Flynt lächelte freundlich, "Sie warten sicher auf Kaz und Miss ... Lieutenant Cavanaugh."

"Nicht direkt," antwortete Chegwidden, ohne sich anmerken zu lassen, dass sie gar nicht gewusst hatten, dass Kazdin und die junge Gebärdendolmetscherin hier sein würden, "Weswegen wir eigentlich hier sind, Mister Flynt, ist, um ein paar Recherchen über Mister Kazdins Umfeld und seinen Arbeitsalltag anzustellen. Vielleicht ist einer seiner Kollegen bereit, als Leumundszeuge vor Gericht auszusagen." Vielsagend sah er den Senior-Partner an.

Flynt nickte. "Wir können gerne in mein Büro gehen," bot er bereitwillig an.

Chegwidden folgte ihm, drehte sich dann aber noch einmal zu Mac um und sprach über seine Schulter hinweg: "Major, wenn Sie vielleicht Mister Emery..."

"Verstanden, Sir." <Emery also... und vielleicht treibe ich ja auch irgendwo noch eine Tasse Kaffee auf...>


1502 Z-Zeit (11:02 Uhr EDT)
Anwaltskanzlei Flynt, Emery & Partner
Beaufort, South Carolina

A.J. schloss die Türe hinter sich und machte drei Schritte in den langen Raum hinein, bevor er sich aufmerksam umsah.

Das Büro war riesig, es nahm fast die gesamte Stirnseite der Kanzlei ein. Hinter dem großen Schreibtisch aus dunklem, lackierten Walnussholz bot eine Glasfront einen Blick auf die Stadt Beaufort, während sich an den Seitenwänden Regale aus demselben dunklen Holz bis zur Decke erstreckten. Schwarze Ledersessel standen vor und hinter dem Schreibtisch. Auf der linken Seite des Raumes gab es eine Couch aus demselben schwarzen, glänzenden Leder und einen niedrigen Glastisch. Im Hintergrund bemerkte A.J. ein großes Salzwasser-Aquarium, in dem sich exotische Fische in leuchtenden Farben tummelten. Orientalische Teppiche und einige teure Gemälde an den Wänden vervollständigten das Bild des Büros, das ganz klar, den Status seines Inhabers zeigte.

Eines der Ölgemälde weckte A.J.s Interesse und er trat näher heran, um das Porträt eines Segelschiffes in stürmischer See und mit geblähten Segeln näher zu betrachten. <Hmm, das würde sich gut in meiner Sammlung machen. Eine Vier-Mast-Bark fehlt mir noch!> Er suchte zwischen dem Weiß der Schaumkronen auf der Leinwand nach dem Namen des Künstlers und hob erstaunt die Brauen. <B. Kazdin? Etwa ein Verwandter von Jeremiah Kazdin?>

"Wie sind die Ermittlungen im Militärgefängnis gelaufen?" erkundigte sich John Flynt, während er eine Schranktüre öffnete und eine Minibar zum Vorschein brachte, "Was darf ich Ihnen anbieten?"

A.J. wandte sich von dem Gemälde ab und wanderte zum Besuchersessel hinüber. "Nichts, danke." Seine Wangenmuskeln spielten und er runzelte unwillig die Stirn. "Die Ermittlungen laufen bisher erwartungsgemäß," warf er Flynt eine knappe und nichtssagende Antwort hin. <Hat er wirklich geglaubt, wir würden ihn automatisch in sämtliche Ermittlungsschritte einweihen, nur weil er Kazdins Anwalt war? Die Betonung liegt schließlich auf ‚war’ und es gibt immer noch so etwas wie die Schweigepflicht gegenüber Dritten, zum Teufel!>

Flynt nickte lächelnd, ohne weiter nachzufragen, und schenkte sich einen Brandy ein, was A.J. die Zeit gab, sich weiter in dem eleganten Büro umzusehen. Statt den Fotos von Ehefrau, Kindern und Enkeln, die er von dem freundlichen Mann erwartet hatte, zierten Bilder aus John Flynts Karriere die Wände. Eines der Fotos zeigte einen jungen, stolz grinsenden John Flynt mit den Rangabzeichen eines Lieutenants und einem Purple Heart an der Uniform, das nächste Flynt als Captain mit JAG-Insignien in einem Gerichtssaal.

Das Foto daneben bildete einen deutlichen Kontrast dazu – es war die Aufnahme von vier blutjungen, hohlwangigen Marines in einem Feldlager umgeben von Dschungel. Irgendwo in einer Schublade eingeschlossen hatte A.J. selbst solche Bilder, aber er musste sie nicht aufhängen, um sich an diese Zeit seines Lebens zu erinnern. Vietnam hatte sein Leben, seine Karriere, seine Ehe und ihn selbst unwiderruflich verändert und die Erinnerungen waren immer noch klar und lebhaft in seinem Gedächtnis.

A.J.s Blick wanderte weiter, während Flynt mit einem Brandyglas zu seinem Schreibtischsessel zurückkehrte und sich setzte. Neben einem Foto von der Eröffnung der Kanzlei hing die Großaufnahme eines kleinen, blassen Jungen mit ernsten blauen Augen in einem Sonntagsanzug und blütenweißem Hemd. <Flynts Sohn?>

"Mein Patensohn," erklärte John Flynt, der seinem Blick gefolgt war, und fügte, als hätte er Chegwiddens Gedanken erraten, hinzu: "Ich selbst habe niemals geheiratet. Mein Ziel ist es immer gewesen, eine eigene Kanzlei aufzubauen und darauf habe ich meine ganze Energie verwendet, schon damals." Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter zurück auf das Bild aus seiner Zeit als junger Offizier und seine grauen Augen leuchteten mit einer Entschlossenheit, die besagte, dass er hart gearbeitet und sich durch kein Hindernis hatte aufhalten lassen, um sein großes Ziel zu erreichen.

A.J. ließ sich im Sessel gegenüber von Flynt nieder und betrachtete den anderen Mann sachlich. "Was können Sie mir über Jeremiah Kazdin erzählen?"

"Sie suchen nach einem Leumundszeugen?" erkundigte sich Flynt wissend.

A.J. nickte.

Flynt drehte sein Brandyglas zwischen den Fingern hin und her, während er den anderen Anwalt prüfend ansah. "Und was sollte er vor Gericht erzählen?"

"Die Wahrheit."

John Flynt lächelte und gestikulierte unsicher, ein wenig aus der Bahn geworfen durch Chegwiddens kompromisslose Direktheit. "Nein, ich meine... welchen Eindruck von Kaz wollen Sie bei den Geschworenen hinterlassen?"

"Den Eindruck eines Mannes, der kein Mörder ist, ganz einfach," erwiderte A.J. schlicht, "Wenn Sie dazu beitragen können, ist Ihre Aussage willkommen. Ich vermute, Sie kennen Mister Kazdin schon seit Jahren?"

Flynt leerte das Brandyglas in einem Zug, lockerte seine Krawatte und nickte. "Allerdings. Sie werden hier in Beaufort niemanden finden, der Kaz besser kennt als ich – mit Ausnahme von Leonora Rosario, seiner Sekretärin, vielleicht."

<Gut. Ich möchte ungern nach einer halben Stunde feststellen, dass ich meine Zeit verschwendet habe.> "Wie lange arbeitet Mister Kazdin schon für Sie?"

"Das müssen inzwischen fünf Jahre sein, zwei davon als Junior-Partner," antwortete Flynt, ohne überlegen zu müssen.

A.J. versuchte, sich in die Lage eines Zivilanwalts zu versetzen, was ihm nach 30 Jahren bei der Navy gar nicht so leicht fiel. Er war Offizier gewesen, lange bevor er Anwalt geworden war. "Das heißt also, Mister Kazdin ist mit Ende 20 als Partner in die Kanzlei aufgenommen worden – gab es da keinen Groll von älteren Mitarbeitern, die schon länger bei Ihnen gearbeitet haben und sich selbst eine Partnerschaft erhofft hatten?"

Flynt schüttelte energisch den Kopf. "Nein, so was gab es nie. Meine Leute kennen Kaz und wissen, dass er es verdient hat. Sie wissen genau, dass sie in vielen Aspekten nicht mit ihm mithalten können und dass er als Partner die bessere Wahl ist."

"Mister Kazdin wird also von den Mitarbeitern völlig akzeptiert? Es gab nie Probleme wegen seiner Gehörlosigkeit?" A.J. fiel es schwer, das zu glauben. Er hatte bei seinem gehörlosen Cousin gesehen, wie schwer es Menschen mit einem solchen Handicap in der Arbeitswelt hatten.

"Nun ja, ehrlich gesagt, vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, dass Kaz und die Zusammenarbeit mit ihm sich so entwickeln würden," Flynt lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und lächelte, als er sich zurückerinnerte, "Ich habe ihn damals hauptsächlich eingestellt, um seinem Vater einen Gefallen zu erweisen; ich dachte, dass es ohnehin nicht für lange sein wird. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Gehörloser ein effizienter Anwalt sein kann."

"Ist er es?" hakte A.J. sofort nach, als Flynt für einen Moment schwieg.

"Er war auf jeden Fall eine positive Überraschung. Kaz ist ein guter Anwalt: Er kennt das Gesetz, er kann sich an alles erinnern, was er je gelesen hat, er ist ehrgeizig, willensstark, hat die nötige Aggressivität und setzt sich mit allen Mitteln vor Gericht durch."

Chegwidden runzelte kaum merklich die Stirn. <Jemand, der gewinnen will, koste es, was es wolle? Das klingt nicht gerade nach dem Eindruck, den wir vor Gericht von unserem Mandanten erwecken möchten!>

"Na schön, er ist nicht unbedingt das, was man einen Teamarbeiter nennt," fuhr Flynt wie zu sich selbst fort, "er kann manchmal ein wenig unbeherrscht, kalt und launisch sein und ganz sicher ist er nicht gerade gesellig. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in den vergangenen fünf Jahren auch nur einmal zu einer unserer Weihnachts- oder Geburtstagsfeiern gekommen ist, aber seine Arbeit macht das allemal wett." Der grauhaarige Senior-Partner zuckte mit den Schultern.

Einen Moment lang fragte sich A.J., ob Kazdin tatsächlich so darauf bedacht war, sozialen Kontakt mit seinen Mitarbeitern zu meiden, oder ob es nur auf den freundlichen Flynt, der selbst einen sehr legeren Umgang mit seinen Angestellten zu pflegen schien, so wirkte.

A.J. wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es gerade am Anfang sein konnte, das richtige Ausmaß an Distanz zu seinen Untergebenen zu finden. Er selbst hatte Beruf und Privatleben stets strikt getrennt gehalten – oder es zumindest versucht. A.J. war immer der Ansicht gewesen, dass es ihm als kommandierendem Offizier zukam, die Beziehung zu seinen Untergebenen zu definieren, Initiative zu fördern und seinen Leuten den Rücken zu stärken, aber auch Grenzen zu setzen. Erst nach einer Weile hatte er sich sicher genug in seiner Rolle als Vorgesetzter gefühlt, um auch sozial gelegentlich mit seinen Leuten zu verkehren. <Was nicht immer eine deiner besseren Ideen war!> erinnerte er sich streng und musste an die Party in seinem Haus denken, an Mac in diesem netzartigen Pullover und mit Augen voller Trauer und Schuld, an die Kopfschmerztabletten und...

"Als ich von Kazs Verhaftung gehört habe...," unterbrach Flynts Stimme A.J.s Gedanken.

"Er hat Sie angerufen, um Sie zu bitten, ihn vor Gericht zu verteidigen?" fragte Chegwidden nach.

"Nein, dazu musste ich ihn erst überreden – er wollte sich selbst verteidigen, aber ich hielt das für keine gute Idee. Ich wusste nicht, dass Philip – Kazs Vater – sich an JAG gewandt hatte und Sie bereits unterwegs waren..."

A.J. nickte und hob abwehrend die Hand. Kazdins Vater war kein Thema, das er weiter diskutieren wollte, auch wenn er letztendlich auf dessen Anfrage hin hier war. Er mochte es nicht, wenn Politik und Recht sich vermischten. "Wer hat Mister Kazdin an jenem Mittwoch zuletzt gesehen, bevor er ins Gefängnis fuhr, um Mister Foster zu besuchen?"

"Schwer zu sagen...," Flynt zuckte ratlos die Schultern, "Kaz hatte sich die Woche frei genommen und war nicht in der Kanzlei."

<Frei genommen? Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt?> A.J. sah weitere Komplikationen für seine Verteidigungsstrategie auftauchen. "Aber er hat dennoch Mister Fosters Verteidigung übernommen?" erkundigte sich A.J. stirnrunzelnd. Wie hatte Foster ihn dann erreicht, wenn er nicht in der Kanzlei gewesen war? "Kannten er und Foster sich?"

"Hm, möglich, aber ich kann es nicht sagen."

"Hat Mister Kazdin einen Grund für seinen Urlaub angegeben? Familienangelegenheiten vielleicht?"

"Kaz legt Wert darauf, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein und er muss mir keinen Grund nennen," betonte John Flynt, "aber ich glaube nicht, dass er Familienangelegenheiten zu klären hatte. Seine Eltern sind in Connecticut und ich erinnere mich nicht, Kaz je in einer Beziehung gesehen zu haben, die länger als drei Tage dauerte." Der Senior-Partner zwinkerte humorvoll, um seinen Worten den scharfen Spott zu nehmen.

A.J. nickte kommentarlos. <Sieht so aus, als würden wir nicht weiterkommen, bevor wir nicht Kazdin zu ein bisschen mehr Kooperation bewegt haben!> Er erhob sich und reichte Flynt die Hand. "Schön, Mister Flynt, danke für Ihre Hilfe. Das wäre im Moment alles."

"Wenn ich sonst noch etwas für Sie tun kann...," bot Flynt mit einer einladenden Geste an.

"Vielleicht wird es notwenig werden, ein paar Ihrer Angestellten zu befragen. Es wäre hilfreich, wenn ich hier Zugang zu allem hätte."

"Mit Ausnahme der Damentoiletten haben Sie das," willigte Flynt mit einem breiten Grinsen ein.


1617 Z-Zeit (12:17 Uhr EDT)
Anwaltskanzlei Flynt, Emery & Partner
Beaufort, South Carolina

Mac lehnte sich gegen den Tresen der kleinen, aber gut eingerichteten Küche der Kanzlei und blätterte in den Aufzeichnungen ihres Gesprächs mit Winston Emery, während sie mit der anderen Hand gedankenverloren ihren Kaffee umrührte. Sie war froh, Emerys Büro und dem leichten Geruch von Rasierwasser darin entkommen zu sein – dieselbe Marke, die sie ihrem Vater zum Geburtstag geschenkt hatte, als sie 14 Jahre alt gewesen war. Er hatte das Rasierwasser so gut wie nie benutzt, erinnerte sie sich. <Stattdessen hat er es vorgezogen, nach Whisky und Billig-Bier zu riechen!>

Mac ermahnte sich im Stillen und kehrte zu ihren Notizen zurück. Sie war sich nicht sicher, ob Emery als Leumundszeuge vor Gericht dienen konnte und langsam zweifelte sie daran, ob sie überhaupt einen Menschen finden würden, der nicht nur Positives über Jeremiah Kazdin, den Anwalt, sondern auch über den Menschen erzählen konnte. Dem Bild des friedfertigen, sanften und bescheidenen Gehörlosen, auf das Chegwidden und sie gehofft hatten, schien Kazdin jedenfalls nicht zu entsprechen.

Was Winston Emery über Kazdin gesagt hatte, war recht zwiespältig gewesen. Kazdin schien ein sehr guter Anwalt zu sein, ein Perfektionist, der hart und verbissen arbeitete, bis er eine Lösung für ein Problem gefunden hatte. Einerseits hatte ihn das zu einem guten Anwalt und schon in jungen Jahren zum Junior-Partner einer gefragten Anwaltskanzlei gemacht, aber andererseits ließ es kaum Platz für ein Privatleben und die sozialen Aspekte des Lebens.

<Klingt irgendwie vertraut,> sagte sich Mac mit einem Anflug von Selbstironie. Sie kannte das Gefühl, dass alles Andere immer und überall vor ihrem Privatleben kam. <Nicht, dass ich überhaupt ein Privatleben habe, das ich vernachlässigen könnte!> Sie konnte ihre Freunde an einer Hand abzählen und sie hatte keine Verabredung mehr gehabt seit... <Seit der letzten Eiszeit, ungefähr.> Mac seufzte.

Manchmal schien es, als wäre sie in den letzten ein oder zwei Jahren durch ein Minenfeld privater und beruflicher Schicksalsschläge gegangen. Alles kam einfach Schlag auf Schlag: Daltons Tod, dann der von Chris, ihre Artikel 15-Anhörung, Johns praktisch zerstörte Karriere... Manchmal hatte sie wirklich das Gefühl, ein Fluch zu sein, der allen, die ihr nahe standen, nichts als Unglück brachte und sie fragte sich, ob es nicht besser für alle war, wenn sie erst einmal eine Auszeit vom sozialen Leben nahm.

<Schließlich bin ich daran gewöhnt!> Mac war schon als Kind viel allein gewesen. Sie hatte kaum Beziehungen zu anderen Menschen gehabt. Ihre Großeltern hatte sie nie kennen gelernt, Onkel Matt war meist mehrere Staaten von ihr entfernt stationiert gewesen und die wenigen gleichaltrigen Freunde hatte sie bei dem Bemühen verloren, ihre Probleme zu verstecken und der Außenwelt ein harmonisches Familienleben vorzuspielen. Als Teenager hatte sie dann damit begonnen, mit der rauesten Meute, die sie überhaupt hatte finden können, herumzuhängen, und hatte sich nie erlaubt, ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Das Leben mit Joe MacKenzie hatte sie gelehrt, sich der labilen Stimmung innerhalb der Familie anzupassen, um ihren Vater nicht noch mehr zu reizen, und ihre eigenen Gefühle, Schwächen und Probleme zu verbergen, so dass sie ihrer Mutter nicht noch zusätzliche Sorgen bereitete.

Jeremiah Kazdin schien es da ähnlich zu ergehen – auch er hatte gelernt, andere auf Distanz zu halten und niemanden zu nahe an sich heran zu lassen. <Wie hat Emery das formuliert? ‚Kaz ist so weit davon entfernt, beliebt zu sein, wie es ein Mensch nur sein kann. Ich habe fünf Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet und das Persönlichste, das ich über ihn weiß, ist sein Vorname – und der steht auf seinem Namensschild’...>

Mac zuckte leicht zusammen und drehte sich hastig um, als es gegen den Rahmen der offenen Küchentüre klopfte.

Jae Cavanaugh lehnte im Türrahmen und verharrte respektvoll, ohne näher zu treten, so als spüre sie die Stimmung, in der Mac war. "Hallo. Wie ich sehe, hatten Sie gerade dieselbe Idee wie ich, Ma’am," Sie nickte in Richtung von Macs Kaffeetasse, "Ich hoffe, ich störe Sie nicht?" erkundigte sie sich sanft und ihre goldgefleckten Katzenaugen lächelten, noch bevor es ihre Lippen taten.

"Oh, nicht im Geringsten, bedienen Sie sich, Lieutenant." Mac schob sofort ihre Unterlagen beiseite, um den Weg zur Kaffeemaschine freizugeben, und erwiderte automatisch das Lächeln. Irgendwie schaffte es die junge Marine Corps-Ausbilderin – ohne etwas Besonderes zu tun – dass man sich behaglich und wohl in ihrer Nähe fühlte.

"Wie lange sind Sie schon hier?" erkundigte sich Mac, während sie zusah, wie Jae eine Tasse bis zur Hälfte mit Kaffee füllte.

Jae warf einen kurzen Blick auf die silberne Armbanduhr an ihrem schmalen Handgelenk. "Seit etwa drei Stunden, Ma’am. Ich sehe unserem... Ihrem Mandanten hauptsächlich bei der Arbeit zu."

Mac musste erneut lächeln. Es gefiel ihr, dass Cavanaugh den Fall insgeheim auch als den ihren betrachtete, auch wenn sie offiziell ‚nur’ als Dolmetscherin fungierte. "Und? Irgendetwas Interessantes?" fragte sie über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg.

Jae nickte, während sie die andere Hälfte ihrer Tasse mit Milch füllte und großzügig Zucker hinzufügte. "Nichts, was den Fall selbst angeht, aber dennoch interessant. Mister Kazdin hat scheinbar so etwas wie ein fotografisches Gedächtnis. Er arbeitet ständig an zwei Dingen gleichzeitig und das in einem Tempo... puh!" Die junge Frau wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn und grinste.

"Hat er sich inzwischen als ein wenig gesprächiger erwiesen?" Mac wusste, dass ihnen als nächstes ein gründliches Gespräch mit ihrem Mandanten bevorstand und wenn Kazdin sich weiterhin so ablehnend und schroff ihnen gegenüber verhielt, dann war das etwas, worauf Mac sich nicht sonderlich freute.

Jae nippte an ihrem Kaffee. Eine schlanke Hand strich gelegentlich eine Strähne ihres goldblonden Haares hinter ihr Ohr zurück. "Wenn Mister Kazdin etwas nicht ist, dann ist das gesprächig. Man muss ihm jede noch so kleine Information förmlich aus der Nase ziehen und wenn er dann doch etwas sagt, würde man viele seiner Worte nicht unbedingt im Wörterbuch wiederfinden. Hm, sagen wir mal so: Wenn das eine Disziplin wäre, dann hätte er inzwischen mehrfaches olympisches Gold für Unhöflichkeit geholt," bemerkte sie schelmisch.

Mac musste lachen und verzog mitfühlend das Gesicht, als sie sich vorstellte, was Cavanaugh in den letzten 16 Stunden mit Kazdin erlebt haben musste. "Autsch."

"Das fasst es ziemlich gut zusammen," stimmte Jae vergnügt zu.

Mac betrachtete die andere Frau, die lächelnd neben ihr am Küchenschrank lehnte und in ihrem Milchkaffee rührte.

Jae Cavanaugh schien voller Gegensätze zu stecken: Sie schien heiter und humorvoll, zeigte eine gute Laune, die auch Kazdins Barschheit nicht zu erschüttern vermochte, aber Mac konnte in ihren grünen Augen auch einen schlummernden Ernst erkennen, der über ihr Alter hinausging, und einen wissenden Ausdruck, der sagte, dass sie schon so einiges erlebt hatte. Sie war sanft und einfühlsam und besaß eine fast kindlich wirkende Begeisterungsfähigkeit, aber Mac entdeckte ebenso eine kämpferische Eigenwilligkeit und das sture Selbstbewusstsein, das jede Frau brauchte, die sich im Militär durchsetzen wollte. Nach allem, was Mac bisher gesehen hatte, war Jae ein geselliger Mensch, der freundlich und offen auf andere zuging, aber gleichzeitig war sie eher verschlossen, was ihr eigenes Privatleben betraf – Mac hatte nicht ein Wort darüber erfahren, wie die junge Frau lebte und wer sie war.

Über ihre Kaffeetasse hinweg studierte Mac die sanft gebräunte Haut, die zarte Nase und das energische Kinn und kam zu dem Schluss, dass sie es hier mit einer Südstaaten-Schönheit mit einem sanftem Wesen und eisernem Willen zu tun hatte. Mac musste lächeln, als sie an ihre Grundausbildung dachte und sich Jae Cavanaugh als Ausbilderin vorstellte. Sie war sich sicher, dass Jae aufgrund ihrer Größe und ihres jugendlichen Erscheinungsbildes oft unterschätzt wurde – Mac war selbst oft genug Opfer solcher Vorurteile geworden. Niemand konnte sich so leicht vorstellen, dass ein so nettes und charmantes Mädchen einen 2-Meter-Mann außer Gefecht setzen und ein Maschinengewehr in 15 Sekunden zusammenbauen konnte.

Jae bemerkte ihren Blick und sah sie fragend an.

"Oh, ich musste nur gerade an meine Grundausbildung denken..." Die beiden Frauen teilten ein wissendes Lächeln. Kein Marine würde diese Zeit in ihrem oder seinem Leben so schnell vergessen. "Sie arbeiten in einem gemischten Spezialteam, nicht wahr? Wie ist das so?" erkundigte sich Mac interessiert.

Jae nickte als Antwort auf Macs erste Frage, während sie sich Milch nachschenkte. "Ich arbeite hauptsächlich mit Männern zusammen. Ich denke, es unterscheidet sich in mancher Hinsicht nicht von der Arbeit auf anderen Militärstützpunkten. Es gibt immer mal wieder einen Kollegen, der versucht, bei mir zu ‚landen’, aber man lernt, damit umzugehen. Bei jeder zweideutigen Bemerkung, bei jedem Flirtversuch mache ich einfach einen Witz – gewöhnlich auf deren Kosten – und das bringt ihnen das Gelächter der übrigen Männer ein. Nach einer Weile machen sie die Bemerkungen nur noch, um zu sehen, wie schlagfertig ich reagiere. Ich bin jetzt einfach einer von den ‚Jungs’ – der einzige Unterschied ist der, dass ich besser in einem Rock aussehe als sie." Jae grinste spitzbübisch.

Mac lachte mit und für eine Weile tranken die beiden Frauen schweigend ihren Kaffee.

"Wie sind Sie zum Corps gekommen, Ma’am?" erkundigte sich Jae Cavanaugh nach ein paar Minuten. Trotz ihrer fast jugendlichen Heiterkeit vergaß sie doch nie, dass sie den Streitkräften angehörte und zollte ranghöheren Offizieren jederzeit den gebührenden Respekt.

Mac schloss beide Hände fester um ihre Tasse und sah in die Tiefen ihres Kaffees hinab, während sie bedächtig antwortete: "Mein Onkel war Aufklärer bei den Marines. Er hat mich auf den Gedanken gebracht. Die Zugehörigkeit zum Corps hat mir über eine schwierige Zeit in meinem Leben hinweggeholfen und plötzlich konnte ich mir nicht mehr vorstellen, irgendetwas Anderes zu machen." Mac wusste nicht genau, was sie veranlasst hatte, so offen zu antworten, vielleicht das Verständnis und die Wärme in Cavanaughs grünen Augen, vielleicht waren in letzter Zeit aber auch nur zuviel Erinnerungen aus ihrer auf sie eingeströmt und suchten sich nun ein Ventil. Sie räusperte sich. "Und Sie? Was hat Sie dazu bewogen, zum Corps zu gehen?"

"Vererbung, vermute ich," Jae Cavanaugh schmunzelte und erklärte: "Mein Vater und einer meiner Brüder sind Marines. Ich wusste schon als Kind, dass ich in den Streitkräften dienen wollte und da kam natürlich nur das Corps in Frage. Meine Familie hätte mich vermutlich enterbt, wenn ich zur Navy gegangen wäre," Jae lächelte vor sich hin, wurde dann aber wieder ernst. "Es erstaunt mich ehrlich gesagt ein bisschen, dass Mister Kazdin die Navy vorgezogen hat, obwohl sein Vater ein hochdekorierter Marine ist."

Es überraschte Mac nicht, dass Jae so dachte, nachdem sie den warmen Glanz ihrer Augen und die Zuneigung in ihrer Stimme bemerkt hatte, als sie von ihrer Familie gesprochen hatte. <Es ist offensichtlich, dass sie in einer harmonischen Familie aufgewachsen ist... ein weißer Gartenzaun, 2,5 Kinder und ein Hund – einer, der nicht plötzlich ‚ausreißt’!> Mac war fast ein wenig neidisch auf die Kindheit, die Cavanaugh gehabt hatte. <Ich wette, sie hat sich nie in ihrem Zimmer versteckt, nur weil ihr Vater nach Hause gekommen ist! Kein Wunder, dass sie Kazdin nicht versteht.>

Mac wusste nicht, was die offenbar nicht gerade gute Beziehung zwischen Senator Kazdin und seinem Sohn verursacht hatte, aber sie konnte im Gegensatz zu Cavanaugh, die ein sehr herzliches Verhältnis zu ihrer Familie zu haben schien, Kazdins Bedürfnis, sich von seinem Vater abzugrenzen, sehr gut verstehen. Zwar trug sie selbst stolz die Uniform der Marines, dieselbe Uniform, in der auch ihr Vater gedient hatte, aber sie musste sich selbst und anderen gegenüber immer wieder betonen, dass Joe MacKenzie mit ihrer Berufswahl nicht das geringste zu tun gehabt hatte. Als Vorbild hatte er mit Sicherheit nie getaugt. Wenn überhaupt jemand ihr Leben und ihre Karriereentscheidungen beeinflusst hatte, so sagte sie sich selbst immer wieder, dann war es Onkel Matt gewesen.

"Vielleicht hat Mister Kazdin die Navy vorgezogen nicht obwohl sein Vater ein Marine ist, sondern gerade deswegen," murmelte Mac nachdenklich mit dem Kaffeelöffel spielend.

"Sie meinen eine Trotzreaktion, um seinem Vater eins auszuwischen?" Blonde Augenbrauen wölbten sich fragend und Cavanaughs goldgrüne Augen blickten ein wenig erstaunt. Es war offensichtlich, wie fern ihr selbst ein solches Verhalten lag.

Mac zuckte die Schultern. "Ja, vielleicht auch das. Aber vielleicht möchte er auch einfach nur betonen, dass er nichts mit seinem Vater gemeinsam hat."

"Aber was könnte an einem Mann wie Senator Kazdin so verabscheuenswürdig sein, dass sein eigener Sohn nichts mit ihm zu tun haben will?" fragte Jae in der für sie typischen Direktheit.

Jemand räusperte sich und Mac, die völlig auf das Gespräch mit der jungen Gebärden-Dolmetscherin konzentriert gewesen war, zuckte zusammen und wandte rasch den Kopf. Admiral Chegwidden hatte die Küche betreten. Hinter ihm füllte Jeremiah Kazdin den Türrahmen und sah mit finsterer Miene zwischen Mac und Jae hin und her. <Oh-oh! Hat er das etwa gehört... ich meine... verstanden... von den Lippen abgelesen?>

In einer Geste, die ihm vermutlich selbst nicht bewusst war, trat Chegwidden dazwischen. "Haben Sie schon mit Mister Emery gesprochen, Major?"

"Ja, Sir." Mac wies auf ihre Notizen.

"Gut, dann lassen Sie uns irgendwo hin gehen, wo wir den Stand der Dinge mit unserem Mandanten in Ruhe diskutieren können."


1720 Z-Zeit (13:20 Uhr EDT)
Bar ‚Dry Martini’
Beaufort, South Carolina

Kaz stieß die Türe auf und roch sofort die vertraute Mischung aus Rauch, Bier, Frittierfett und dem Holz des neuen Billardtisches im hinteren Teil des Raumes. Ein rascher Blick zeigte ihm, dass seine Vermutung richtig gewesen war: Das ‚Dry Martini’ war zu dieser Uhrzeit außer dem Barkeeper und einem Dauergast am Tresen leer. <Gut.> Er hasste die Aufmerksamkeit, die er jedes Mal auf sich zog, wenn er versuchte, dem Barkeeper seine Bestellung durch Gebärden deutlich zu machen und die Versuche, sich durch mühsam artikulierte Worte verständlich zu machen, hatte er aus dem gleichen Grund schon vor vielen Jahren aufgegeben. Seine Gehörlosigkeit und seine Abneigung gegen neugierige Gaffer, die jede seiner Gebärden verfolgten, gehörten zu den Gründen, warum er Bars wie diese stilvolleren Restaurants vorzog: Am späten Abend war der Geräuschpegel hier so hoch, dass auch alle anderen sich mehr durch Handsignale als durch gebrüllte Worte verständigen mussten.

Ohne nach rechts oder links zu sehen stapfte Kaz zu einem Tisch an der Rückseite des Raumes und setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand, so dass er die gesamte Bar überblicken konnte. Mit einem betont gelangweilten Blick sah er zu, wie seine drei Begleiter ihm zögernd folgten. Insgeheim musste er ein spöttisches Grinsen unterdrücken. Er war sicher, dass die drei gutbezahlten Offiziere keine verrauchte Provinzkneipe im Sinn gehabt hatten, als sie ihn nach einem Platz gefragt hatten, an dem sie in Ruhe seinen Fall diskutieren konnten, aber dies war Kazs Art und Weise, ihnen ein für alle mal zu sagen, dass er nichts auf ihre Meinung gab und seine eigenen Methoden hatte. Wenn sein Vater glaubte, er würde nach der Pfeife seiner drei Marionetten tanzen, so hatte er sich gründlich geirrt.

Er beobachtete die drei Offiziere wie ein Kämpfer, der seine Gegner abschätzte. Der Admiral hatte die Augenbrauen zusammengezogen, aber ansonsten wirkte er nicht, als würde ihn diese Umgebung sonderlich beunruhigen. Seine dunkelhaarige Kollegin hatte ihr Schiffchen beim Betreten der Bar abgenommen und hielt es nun auf den Knien. Sie sah nicht aus wie jemand, der sich in Kneipen wohl fühlte, urteilte Kaz geringschätzig. <Schwache Leber, hm?>

Ganz anders die irritierende Blondine, die Richter Kent ihm als Aufpasserin aufgezwungen hatte. Kaz war sich sicher, dass sie stets auf die gleiche Weise weiterlächeln würde, egal ob er sie in ein Drei-Sterne-Restaurant oder in ein Striplokal mitnehmen würde.

Eine Kellnerin, die irgendwo aus der Küche aufgetaucht war, kam zu ihnen hinüber, zückte Zettel und Stift und sah sie abwartend an.

Jae Cavanaugh blätterte durch die sehr kurze Speisekarte und begann eine lebhafte Unterhaltung mit der Kellnerin, der Kaz nicht weiter folgte. Dennoch musste er insgeheim bewundern, wie leicht es Cavanaugh fiel, mit Menschen umzugehen, sie dazu zu bringen, sich zu öffnen. Er war sich sicher, dass sie, noch bevor sie die Kneipe verließen, wissen würde, was der Mann der Kellnerin arbeitete, wie ihre Kinder hießen und was ihre Lieblingsserie war. Betont gelangweilt wandte er den Blick ab und als er nach einer Weile wieder aufsah, stellte er stirnrunzelnd fest, dass die Bedienung eben wieder in die Küche zurückgekehrt war. <Wieso zum Teufel hat sie nicht auf meine Bestellung gewartet? Was soll das?> "Haben Sie schon bestellt? Und für mich gleich mit?" erkundigte er sich verärgert, "Ich hätte sehr gut für mich selbst bestellen können!" Kaz hasste nichts mehr als das Gefühl, bevormundet zu werden.

Seine blonde Aufpasserin errötete leicht und grinste verlegen. "Oh nein, wir haben noch nicht bestellt," erklärte sie in ihrer flüssigen Gebärdensprache, die sie, wie Kaz unwillig zugeben musste, besser beherrschte als er selbst, "Ich konnte mich nur noch nicht entscheiden und habe die Kellnerin deshalb gebeten, in zwei Minuten noch mal wiederzukommen."

"Was? Sie haben Probleme, sich unter den fünf einfachen Gerichten auf dieser Karte zu entscheiden?" Kaz pochte mit dem Finger heftig auf jede einzelne Zeile der Speisekarte.

Jae nickte und studierte weiterhin unbeirrt lächelnd die Speisekarte, bis die Kellnerin zurückkehrte. "Ich hätte gerne das Holzfäller-Steak mit einer großen Portion Pommes Frites, den gemischten Salat, ein Stück Apfelkuchen und eine Cola, bitte."

Die anderen am Tisch sahen sie erstaunt an. Kaz hob spöttisch eine Braue. Cavanaughs Augen waren offensichtlich größer als ihr Magen. Auf keinen Fall konnte diese fast zierliche junge Frau das alles alleine aufessen.

Die beiden JAG-Anwälte bestellten sich Kaffee und Sandwichs.

"Das Übliche?" wandte die Kellnerin sich schließlich Kaz zu.

Kaz nickte und hob zwei Finger.

"Einen Doppelten?" wiederholte Jae Cavanaugh. Es klang mehr wie eine Frage als wie eine Übersetzung.

"Scotch, wenn Sie nichts dagegen haben. Sie sind eingeladen, mitzutrinken – Sie sind doch schon volljährig, oder?" Kaz bedachte sein Gegenüber mit einem herausfordernden Blick und lehnte sich in einer bedrohlichen Geste über den Tisch. Kaz war sich darüber bewusst, dass er vielen Menschen ein wenig Angst machte, seit die Pubertät ihm diese einschüchternde Größe und den schweren Körperbau verliehen hatte. Ohne etwas besonderes zu tun, machte er kleinere Männer nervös und Frauen pflegten manchmal sogar die Straßenseite zu wechseln, wenn er ihnen nachts auf einer einsamen Straße entgegenkam. Kaz hatte nie gezögert, seine körperliche Überlegenheit einzusetzen, um andere durch seine bloße Ausstrahlung einzuschüchtern und auf Abstand zu halten.

"Ist das ein Kompliment oder eine Beleidigung?" erkundigte sich Jae spielerisch und hielt seinem Blick stand, ohne auf seine Feindseligkeit einzugehen.

Kaz stellte erst jetzt fest, dass ihre Augen das hellste Grün waren, das er je in Menschenaugen gesehen hatte. Wenn sie lächelte – und das tat sie ständig – traten die winzigen Goldsprenkeln in ihrer Iris deutlicher hervor, so dass es wirkte, als wechselten sie die Farbe von Grün zu Gold, wie bei einer Katze. Cavanaughs Freundlichkeit verärgerte Kaz nur noch mehr und er fragte sich, ob sie einfach nur zu naiv war, um seine drohende Haltung zu bemerken. "Das können Sie nehmen, wie es Ihnen beliebt," sagte er mit deutlicher Ironie.

Er beobachtete, dass die beiden JAG-Offiziere, die vergebens versucht hatten, die raschen Gebärden zu verstehen, langsam begannen, unruhig zu werden. <Aha, euch wird es wohl langweilig und ihr fühlt euch ausgeschlossen, wenn ihr nicht versteht, über was andere sich unterhalten, hm? Tja, willkommen im Club! Jetzt wisst ihr, wie ich mich in der hörenden Welt fühle.> Für Kaz war es fast schon normal, dass er in Unterhaltungen nicht miteinbezogen wurde. Sobald er mit mehr als zwei Leuten zusammentraf, wurde Lippenlesen gänzlich unmöglich und er schaltete er automatisch ab und zog sich aus dem Gespräch vollkommen zurück. Auf Partys langweilte er sich regelmäßig zu Tode, weil er keine Ahnung hatte, was um ihn herum überhaupt gesprochen wurde. Wenn jemand überhaupt die Anstrengung machte, mit ihm zu reden, dann waren es meist nur ein paar oberflächliche Worte. Selbst wenn er jemanden dabei hatte, der die Gebärdensprache einigermaßen beherrschte, so wie seine Eltern, bekam er oft nur kurze Zusammenfassungen von langen Unterhaltungen und er konnte schon nicht mehr zählen, wie oft man ihm gesagt hatte ‚Nicht so wichtig’, ‚Ach, nichts’ und ‚Erzähle ich dir später’.

"Ich nehme an, Sie wissen, dass wir mit den Senior-Partnern Ihrer Kanzlei gesprochen haben?"

Chegwiddens Worte und Jaes Übersetzung unterbrachen Kazs düstere Gedanken und er nickte knapp. Es gab kaum etwas, das in der Kanzlei passierte, was seiner Aufmerksamkeit entging. Er war schon immer der Meinung gewesen, dass die CIA von Leonora und den anderen Sekretärinnen noch so manches hätte lernen können. "Lassen Sie mich raten: Sie haben Probleme, jemanden zu finden, der mich vor Gericht nicht als kaltenschnäuzigen Workaholic und Menschenfeind darstellen würde," gebärdete er spöttisch nur an Chegwidden gewandt, ohne die pflichtbewusst übersetzende Marine Corps-Ausbilderin zu beachten.

"Ich hätte nicht diese Worte gewählt, aber wenn Sie es so ausdrücken möchten...," Der 2-Sterne-Admiral zuckte unbeeindruckt von Kazs Sarkasmus die Schultern.

Chegwiddens Bestätigung überraschte Kaz nicht. Er wusste, dass er nicht gerade als geselliger Mensch gelten konnte. Er war an Zurückhaltung und Unbehagen von Vorgesetzten, Kollegen und Untergebenen gewöhnt und in seinem Privatleben sah es kaum anders aus. Zu sagen, dass Kaz kaum Freunde hatte, war weniger eine Untertreibung als vielmehr fast schon eine gewaltige Lüge. Schon vor langer Zeit hatte er sich davon überzeugt, dass ihn das Fehlen persönlicher Beziehungen nicht kümmerte. Alles, worauf es ankam, war, dass er seine Arbeit gut machte – und das hatte er. Nur dass ihm das jetzt nicht viel half.

Kaz nahm einen großen Schluck von dem Scotch, den die Kellnerin eben gebracht hatte, und begann, vor sich hin brütend auf einer Serviette herumzukritzeln, während er gleichzeitig Cavanaughs Übersetzungen im Auge behielt.

"Würden Sie uns bitte schildern, was am Mittwoch im Gefängnis geschehen ist? Von Anfang an, bitte." Chegwidden sah seinen Mandanten sachlich an.

<Gut, mit Professionalität kann ich leben.> "Es war kurz vor 12.30 Uhr, als ich das Gefängnis betreten habe," berichtete Kaz, ohne großartig nachdenken zu müssen. Er war selbst Anwalt und war die zu erwartenden Fragen in Gedanken schon Dutzende von Malen durchgegangen. "Corporal Haskell hat mich am Eingang einer Routineüberprüfung unterzogen und habe dann im Zellentrakt mit meinem Mandanten, Craik Foster, gesprochen."

"Moment. Sind Sie sicher, dass es 12.30 Uhr war? Haben Sie da nicht Lunch gemacht?"

Kaz verzog geringschätzig das Gesicht. "Natürlich bin ich sicher – ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Und außerdem gehe ich nie zum Lunch!" Er fragte sich, ob Cavanaugh das richtige Maß an gelangweilter Verärgerung in ihrer Übersetzung zum Ausdruck brachte oder ob ihre natürliche Freundlichkeit seine deutlichen Worte milderte.

Chegwidden sagte etwas zu seiner dunkelhaarigen Kollegin, von dem Kaz nur die Worte ‚innere Uhr’ von seinen Lippen ablesen konnte, und das MacKenzie zum ersten Mal lächeln ließ. Kaz runzelte unwillig die Stirn.

"Wieso waren Sie mit Ihrem Mandanten im Zellentrakt und nicht im Besucherraum?" fragte Chegwidden weiter.

"Der Besucherraum war belegt." Kaz begann langsam ungeduldig zu werden. Er fragte sich, warum die beiden Anwälte jede einzelne Frage, deren Antworten sie sicher schon vom Wachpersonal im Gefängnis erhalten hatten, mit ihm durchgehen mussten. Mit ein paar schnellen Strichen fügte er den Schweif des Esels hinzu, der auf der Serviette entstand.

"Haben Sie in der Zelle Ihres Mandanten mit ihm gesprochen?" griff Major MacKenzie die Befragungsstrategie ihres Vorgesetzten auf.

"Ich war vor der Zelle," antwortete Kaz fast unwillig. <Kluge Frage. Ich darf sie nicht unterschätzen.> Er wusste, dass es eigentlich üblich war, dass Anwalt und Mandant sich entweder im Besucherraum oder in der Zelle unterhielten und nicht über Gitterstäbe hinweg. Das war nur bei hochgefährlichen Inhaftierten üblich und Kazs Mandant hatte sicher nicht zu dieser Kategorie gezählt.

"Wieso nicht IN der Zelle?" kam die zu erwartende Frage von Chegwidden.

"Ich schätze meinen persönlichen Raum und bevorzuge es, keinen allzu engen physischen Kontakt zu anderen halten," erklärte Kaz förmlich und starrte vielsagend auf Jaes Hände, die ihn beim Gebärden manchmal zu streifen pflegten. "Außerdem hat die Wache, Corporal Haskell, darauf bestanden, dass ich vor der Zelle bleibe – als Vorsichtsmaßnahme, weil ich nicht einmal um Hilfe rufen könnte, wenn irgend etwas passieren würde." Kaz gab diese Schwäche nicht gerne zu, aber er war überzeugt davon, dass seine Anwälte auch ohne weitere belastende Hinweise schon zur Genüge von seiner Schuld überzeugt waren.

"Sie haben also Sergeant Foster im Zellentrakt aufgesucht. Was ist dann passiert?" übersetzte Cavanaugh, während sie der Kellnerin freundlich zunickte, als diese ein großes, vollbeladendes Tablett vor ihr abstellte.

Kaz signalisierte der Kellnerin, ihm ein Bier zu bringen, bevor sie wieder in der Küche verschwinden konnte und er jemanden hätte bitten müssen, sie an den Tisch zu rufen. "Ich habe nur kurz mit Foster gesprochen..."

"Ähm, Entschuldigung, Sie sagen gesprochen...," Cavanaughs Gebärden gaben den Anflug von Verlegenheit, den Kaz auf Major MacKenzies Gesicht sah, gut wieder.

Kaz sah zu, wie Cavanaugh enthusiastisch Ketchup über ihren Pommes Frites verteilte, und war erstaunt, wie viel sie beim Essen noch sprechen konnte. Er vervollständigte seine Esel-Zeichnung, indem er die Ohren hinzufügte, und legte dann den Kugelschreiber weg, um zu antworten. "Staff Sergeant Foster konnte ein paar grundlegende ASL-Gebärden und das Fingeralphabet. Wir sind irgendwie zurechtgekommen." Kaz war ein Meister im ‚Irgendwie-Zurechtkommen’. "Wie gesagt, wir haben nur kurz gesprochen. Ich habe nicht viel mehr erfahren, als dass Foster wegen Mordverdacht in U-Haft genommen wurde. Er soll einen Marine ermordet haben, beteuerte mir aber, dass er unschuldig sei. Viel mehr konnte ich nicht recherchieren, weil mich dann dasselbe Schicksal ereilt hat," Kaz schnaubte sarkastisch in sein frischgezapftes Bier, "Mein Handy hat ‚geklingelt’ und ich bin um die Ecke gegangen, um in Ruhe zu telefonieren. Als ich zurückkam, lag Foster tot in seiner Zelle."

Cavanaugh übersetzte und Kaz bemerkte, dass sie etwas hinzufügte, wahrscheinlich erklärte sie den beiden hörenden Offizieren die Funktionsweise seines Vibrationshandys. Er wusste, dass auch das nicht gerade zu seinen Gunsten gewertet werden würde – niemand konnte sein Handy klingeln hören und daher hatte er keinen Zeugen, der bestätigen konnte, ob er einen Anruf erhalten hatte oder nicht – außer dem Anrufer selbst. "Bevor Sie fragen – nein, es gibt keinen Zeugen. Wer immer der Anrufer auch gewesen ist, hatte sich wohl verwählt oder konnte nicht mit dem Schreibtelefon umgehen. Er hat einfach aufgelegt, als ich abgenommen habe." Noch ein Umstand, der gegen ihn sprach. Kaz fragte sich wirklich, ob selbst seine eigenen Anwälte ihm glauben würden.

"Wie viele Personen haben die Nummer Ihres Mobiltelefons, Mister Kazdin?" wollte Major MacKenzie wissen.

"Die Mitarbeiter der Kanzlei, meine Sekretärin, meine Eltern, die Anwaltskammer und ein paar Leute auf dem Stützpunkt, vermute ich." Mehr Leute von Bedeutung gab es nicht in seinem Leben.

"Sie waren also der letzte, der Foster lebend gesehen hat?" kam Chegwidden auf seine frühere Frage zurück.

"Außer dem Mörder," betonte Kaz kühl.

"Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, während sie telefoniert haben?"

"Sie meinen, habe ich Kampflärm gehört oder ob Foster mit jemandem gesprochen hat?" Kaz verzog das Gesicht. "Wohl kaum."

"Lieutenant Yetman, der am Durchgang zum Zellentrakt postiert war, hat uns gesagt, er hätte ein Geräusch gehört," erklärte Chegwidden den Grund für seine Frage.

"Vermutlich das Geräusch eines in tausend Einzelteile zersplitternden Handys – ich habe mein Handy fallen lassen als ich Foster entdeckt habe, schließlich findet man seinen Mandanten nicht jeden Tag ermordet vor." Kaz begann geistesabwesend auf seinem Bierdeckel herumzuzeichnen. Innerhalb einer halben Minute entstand eine fast maßstabsgetreue Abbildung von John Flynts Salzwasser-Aquarium samt Fischen.

"Wenn ich mir auch eine Frage erlauben darf...," begann Jae mit ihren lebhaften und zugleich besänftigenden Gebärden, "Wieso sind Sie nicht vor der Zelle geblieben, um zu telefonieren? Wieso sind Sie um die Ecke gegangen, obwohl Foster das Gespräch nicht hätte mitanhören können?"

<Neugierig wie das Katzenbiest, das sie gestern Abend in mein Haus lassen wollte! Aber immerhin ist sie clever und denkt mit,> musste Kaz fast widerwillig zugeben. Er schüttelte leicht den Kopf, während er zusah, wie ein ketchupbesprenkeltes Pommes nach dem nächsten vom Teller verschwand. Er musste sich zurückhalten, um nicht unter dem Tisch nachzusehen, wohin die schlanke Frau das ganze Essen tat. "Lieutenant, wenn Sie mit einem Gehörlosen zusammengelebt haben, dann wissen Sie, dass man schnell lernt, als Hörender zu erscheinen, um niemanden unbehaglich zu machen."

"Verzeihen Sie meine Direktheit, aber Sie verhalten sich die meiste Zeit über nicht gerade wie jemand, den es auch nur im Geringsten kümmert, ob andere sich unbehaglich fühlen oder nicht," hielt Cavanaugh ihm offen entgegen.

Ihre Direktheit war beinahe erfrischend und gegen seinen Willen empfand Kaz einen gewissen Respekt für die mutige junge Frau. Er unterdrückte den plötzlichen Impuls, laut aufzulachen, konnte aber das amüsierte Zucken seiner Mundwinkel nicht ganz verbergen. Er lächelte nicht oft – zumindest kein ehrliches, warmherziges Lächeln – und es fühlte sich seltsam und fremd auf seinem Gesicht an, während sein üblicher grimmig-finsterer Blick ihm fast natürlich erschien. "Es ist einfach nur eine alte Angewohnheit von mir, okay?"

"Okay." Jae Cavanaugh schien die recht dünne Erklärung sofort zu akzeptieren und begann zwischen zwei Bissen Steak für die JAG-Offiziere zu übersetzen. Kaz konnte nicht sagen, ob sie tatsächlich an seine Unschuld glaubte oder nur einer längeren Diskussion aus dem Weg gehen wollte.

"Wie lange waren Sie außerhalb der Sichtweite, um zu telefonieren?" wollte Sarah MacKenzie wissen.

"Zwei oder drei Minuten."

"So lange? Zwei oder drei Minuten, nur um festzustellen, dass der Anrufer aufgelegt hat?" Chegwidden runzelte die Stirn. "Das nehmen Ihnen die Geschworenen nicht ab."

"Ich habe noch in der Kanzlei angerufen, um zu erfahren, ob jemand von ihnen versucht hat, mich zu erreichen. Meine Sekretärin kann das bestätigen." Kaz wusste, dass dies das einzige war, was für ihn sprach, andererseits wusste er aber auch, dass er, wäre er in diesem Fall der Anklagevertreter gewesen, dieses Pseudoalibi vor Gericht sofort zerpflückt hätte. Leonora Rosario, die Frau, die ihn praktisch aufgezogen hatte, würde beinahe alles für ihn tun – inklusive einen Mord zu decken. Das würde jedenfalls die Gegenseite so vor Gericht darstellen.

"Um ganz offen zu sein, Mister Kazdin..." begann Chegwidden.

"Ich weiß, ich weiß," unterbrach Kaz ungeduldig, "es sieht nicht sonderlich gut für mich aus."

Chegwidden nickte, noch bevor Jae übersetzt hatte. Die Bedeutung und die Hoffnungslosigkeit von Kazs abrupten Gebärden war jedem klar, der auch nur die Grundlagen der Gebärdensprache beherrschte. "Wir haben praktisch nichts auf der Hand, mit dem wir arbeiten könnten – keine Augenzeugen, dafür aber jede Menge Indizienbeweise, die gegen Sie sprechen. Die Tatwaffe wurde als Ihr Taschenmesser identifiziert."

"Das ich beim Betreten des Gefängnisses aber abgegeben habe!" protestierte Kaz sofort.

"Und Ihre Fingerabdrücke fanden sich darauf," sagte Chegwidden als hätte er Kazs Einwand nicht bemerkt.

Kaz ließ abrupt die Hände sinken und biss die Zähne zusammen als er an die demütigende erkennungsdienstliche Registratur dachte, die man bei seiner Verhaftung vorgenommen hatte. Ihm, einem Top-Anwalt, der die Zellentüre normalerweise nur von der anderen Seite aus sah, waren Fingerabdrücke abgenommen worden wie einem gewöhnlichen Einbrecher. "Welches Motiv könnte ich denn schon dafür gehabt haben, einen alten, heruntergekommenen Sergeant zu ermorden, hm?" Sein Kinn ruckte herausfordernd.

"Wenn Sie es nicht waren, wer dann? Das werden sich jedenfalls der Richter und die Jury fragen," sagte Chegwidden in aller Deutlichkeit, "Glauben Sie, dass jemand versucht, Ihnen den Mord anzuhängen?"

Kaz leerte sein Bier. "Gute Frage."

"Bekommen wir auch eine Antwort?" fragte Jae sanft und betrachtete ihn ruhig aus ihren grünen Katzenaugen. "Haben Sie irgendwelche Feinde?" fügte sie hinzu, diesmal Chegwiddens Worte.

<Mehr als genug!> "Keine im Gefängnis."

"Wie gesagt, bisher spricht nicht sonderlich viel für Sie. Hinzu kommt, dass Sie tätlichen Widerstand bei der Verhaftung geleistet und einen Offizier verletzt haben." Der Admiral betrachtete ihn ernst.

"Yetman ist von hinten an mich herangetreten! Er hat mich erschreckt; ich konnte nicht wissen, ob es der Mörder ist oder was zum Teufel los ist! Ich habe rein instinktiv reagiert, als ich ihn gegen die Wand geschmettert habe, Herrgott noch mal!" Trotz seines Zornes verfolgte Kaz Cavanaughs Übersetzung genau mit und stellte erwartungsgemäß fest, dass sie sein Fluchen ausließ.

"Die Todesstrafe ist glücklicherweise unwahrscheinlich, da bei Ihnen keine erschwerenden Umstände wie eine kriminelle Vorgeschichte oder besondere Grausamkeit hinzukommen," überlegte Chegwidden laut, "aber vielleicht sollten Sie trotzdem in Betracht ziehen, auf ein geringeres Vergehens wie Totschlag zu plädieren."

"Ich werde auf unschuldig plädieren und sonst auf gar nichts!" Kaz donnerte seine Hände auf den Tisch. Sein leeres Bierglas kippte um, aber er beachtete es nicht. "Und wenn Sie sich nicht dazu in der Lage sehen, mich dementsprechend zu verteidigen, dann sagen Sie meinem Vater..."

Jae machte keine Anstalten, seine wütenden Worte zu übersetzen, sondern unterbrach ihn, indem sie ihm mit einem bittenden Lächeln die Hand auf den Arm legte. Mit der anderen Hand stellte sie ganz nebenbei das Bierglas wieder auf. "Wir sind nicht wegen Ihrem Vater hier, sondern wegen Ihnen, Jeremiah."

"Kaz – wenn es denn schon sein muss!"

"Okay – Kaz." Jae machte lächelnd eine zustimmende Gebärde und berührte automatisch seine Hand mit der ihren.

Kaz sah anklagend auf ihre Hand hinab, aber der jungen Frau schien dieser Wink mit dem Zaunpfahl zu entgehen. Seufzend zog Kaz seine Hand weg und versteckte sie außerhalb von Cavanaughs Reichweite unter dem Tisch.

Jae lehnte sich ebenfalls zurück und schob zufrieden ihren mittlerweile leeren Teller von sich.

Kaz stellte fest, dass sie – außer dem Geschirr – so ziemlich alles gegessen hatte, was auf dem Tablett gewesen war. Die blonde junge Frau aß mehr als Kaz je jemanden hatte verspeisen sehen, der kleiner als ein Football-Spieler war. Offenbar erstreckte sich ihre Lebensfreude auch aufs Essen.

"Nicht dass ich mehr als das Grundlegende Verständnis vom UCMJ habe," sagte Jae Cavanaugh und begleitete ihre Worte durch Gebärden, damit auch Kaz sie verstand, "aber ist Mister Kazdin überhaupt vor ein Militärgericht zu stellen? So wie ich das verstanden habe, ist er doch schon seit Jahren nicht mehr im aktiven Dienst. Oder?" Fragend sah sie Kaz an.

"Richtig," bestätigte Kaz, "aber Artikel zwei des UCMJ besagt, dass ein Reservist nach Militärgesetzen angeklagt werden kann, wenn er zum Zeitpunkt des Verbrechens im aktiven Dienst war – und das war ich in dieser Woche. Ich habe ein paar rechtliche Angelegenheiten für die Navy-Staffel geregelt, die demnächst in Beaufort stationiert werden soll und war deshalb auf dem Stützpunkt. Deshalb war ich auch innerhalb kurzer Zeit im Gefängnis, nachdem Foster mich angerufen hatte."

"Sie waren nicht sein Pflichtverteidiger?" fragte Chegwidden ein wenig überrascht nach.

Kaz schüttelte den Kopf. "Nein. Er hat mich angerufen und mich gebeten, seine Verteidigung zu übernehmen. Er sagte, ein Freund hätte mich ihm mal empfohlen."

Einen Moment lang trat Stille ein und auch die Hände der gebärdenden Personen ruhten, nachdem vorerst alle Punkte angesprochen worden waren, dann bedeutete Kaz seiner Dolmetscherin: "Ich hätte gerne noch etwas zu trinken. Können Sie mal die Kellnerin hier rüberrufen?"


1940 Z-Zeit (15:40 Uhr EDT)
Vor dem ‚Dry Martini’
Beaufort, South Carolina

Macs Füße, die seit den frühen Morgenstunden in den unbequemen Pumps steckten, schmerzten und langsam ließ ihr Interesse an den Gebärden nach, mit denen sich Jae und Kazdin schon seit einigen Minuten vor der Bar stehend unterhielten.

Sie hoffte, dass die beiden sich bald einigen oder den Admiral und sie wenigstens in ihre Unterhaltung miteinbeziehen würden, aber Jae war viel zu beschäftigt, mit Kazdin um einen Mietwagen für sich zu streiten, um für sie zu übersetzen. Mac versuchte zu verstehen, wer den Streit gewann, aber die beiden gebärdeten viel zu schnell und sie begann, sich ausgeschlossen zu fühlen. Frustriert bohrte sie die Spitze ihres Schuhes in den Schotter des Parkplatzes. <Ob sich Kazdin so fühlt, wenn Nicht-Gehörlose sich unterhalten?> kam ihr plötzlich der Gedanke.

"Was meinen Sie, Major?" fragte Chegwidden leise und deutete über die Schulter zurück zum Eingang der Bar, um anzudeuten, dass er von den Ereignissen der letzten zwei Stunden sprach.

Mac fragte sich amüsiert, warum der Admiral seine Stimme senkte, obwohl er das ‚Gespräch’ neben ihnen sicher nicht stören würde. <Ich meine, dass Mister Kazdin ein ein wenig zu freundschaftliches Verhältnis zu Alkohol hat!> ging es Mac durch den Kopf. Sie irrte sich nur selten, was die manchmal gut versteckten Anzeichen dafür betraf, denn sie hatte sie erster Hand erlebt und konnte deshalb zwischen den Zeilen lesen. "Ich meine, dass Mister Kazdin entweder geschickt lügt und für jedes Indiz, das gegen ihn spricht, eine Ausrede erfindet oder aber jemand versucht, seine Anwesenheit am Tatort auszunutzen und ihm den Mord in die Schuhe zu schieben."

Chegwidden nickte. "Die Wahrscheinlichkeit für letzteres ist nicht unbedingt groß, wenn man bedenkt, wie wenige Menschen zum Tatzeitpunkt im Gefängnis waren." Skeptisch presste er die Lippen aufeinander.

Mac seufzte. Zwar war es nichts unbedingt Neues für sie, sich mit dem Gedanken anfreunden zu müssen, dass ihr Mandant vermutlich schuldig war, aber es fiel ihr immer wieder schwer, heute noch genauso wie zu Beginn ihrer Arbeit in Falls Church, als sie Chief Petty Officer Holst hatte verteidigen müssen.

Mac rief sich zur Ordnung, als ihre Gedanken abschweiften, und blickte zurück zu Kazdin und Jae, deren Gespräch immer heftiger zu werden schien. Selbst Mac, die nie zuvor mit der Gebärdensprache in Kontakt gekommen war, konnte den zornigen Schwung ihrer Gebärden deutlich erkennen.

"Nein, es ist keine Geldverschwendung, ich werde den Wagen sicher brauchen!" Jae hatte vermutlich dasselbe schon mehrmals in Gebärdensprache beteuert und jetzt war die normalerweise sanfte und gutgelaunte Ausbilderin wütend genug, um nicht nur ihre Hände, sondern automatisch auch ihre Stimme zur Verdeutlichung zu benutzen. "Und es hat ganz sicher nichts damit zu tun, dass ich Sie mit einem eigenen Auto besser kontrollieren kann und schon gar nicht für Ihren Vater!" Jae rollte frustriert mit den Augen.

<Das ist das x-te Mal, das er seinen Vater erwähnt – und nicht eben freundlich! Es hilft unserer Arbeit nicht gerade, dass er ständig versucht, uns als die Lakaien seines Vaters hinzustellen!> Mac hatte langsam genug. Senator Kazdin schien immer irgendwo im Hintergrund zu lauern. <Und dabei genügt es doch wohl, wenn EIN Vater seinen Schatten auf die Ermittlungen wirft! Schluss damit!> Sie hatte sich vor langer Zeit geschworen, dass weder ihr Vater noch irgendein anderer ihr Leben und ihre Karriere beeinflussen würden. "Sie waren früher selbst bei JAG, richtig, Mister Kazdin?" Sie blickte Kazdin direkt ins Gesicht und sprach deutlich, aber nicht überbetont, so wie sie es bei Jae beobachtet hatte. "Ich bin nicht sicher, ob sich seither die Gesetze geändert haben, aber meines Wissens nach steht das JAG Corps nicht unter dem direkten Befehl eines Senators."

Macs herausfordernde Worte ließen Stille eintreten und erhobene Hände mitten in der Bewegung erstarren. Sie spürte, dass Chegwiddens Blick auf ihr ruhte und sie wollte den Kopf drehen um festzustellen, ob er gutheißend oder verärgert dreinblickte. Mac unterdrückte den Impuls und sah stattdessen nur Kazdin an, so wie alle anderen, die eine Explosion oder eisige Kälte von Kazdin erwarteten. Wenn sie jetzt nachgab, das wusste Mac, dann würde der gehörlose Anwalt sie weiterhin mit Andeutungen über seinen Vater auf Distanz halten, sie zu manipulieren und seine Machtspielchen spielen.

Einige Sekunden lang bewegte sich niemand, dann verzog Kazdin verächtlich das Gesicht und machte eine wegwerfende Geste. "Philip Ethan Kazdin benötigt keine Gesetze, um zu bekommen, was er will," ließ er durch Jae übersetzen. Er gab sich unbeeindruckt, aber trotzdem konnte er ein anerkennendes Grinsen und eine gewisse Verwunderung nicht ganz verbergen.

Mac hatte sich nicht verrechnet: Jeremiah Kazdin war ein Mensch, der sich zu sehr darauf verlassen hatte, durch seine launische Gereiztheit und kühle Arroganz so viele mentale ‚Achtung-Betreten-verboten’-Schilder um seine wunden Punkte platziert zu haben, dass niemand es mehr wagen würde, das Thema direkt anzusprechen. Dass sie es trotzdem getan hatte, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und nahm seinem Ärger die Kraft.

Kazdin beendete seinen Streit mit Jae und stapfte über den Parkplatz davon, um neben seinem Dodge Dakota auf Jae zu warten.

"Ich werd’ schon versuchen, ihm die fixe Idee, wir ständen im Auftrag seines Vaters, auszureden, Sir," meinte Jae beruhigend, "und wenn ich sonst noch irgendwie helfen kann...?"

Chegwidden schüttelte den Kopf und machte eine Gebärde mit der rechten Hand zum Mund.

Mac blinzelte überrascht. Hatte der Admiral Jae wirklich gerade eine Kusshand zugeworfen?

Jae lächelte. "Nichts zu danken, Sir."

<Ach so!> Mac musste über sich selbst lächeln. <Das scheint die Gebärde zu sein, mit der man Danke sagt.>

Chegwidden wandte sich Mac zu, nachdem Jae sich Kazdin angeschlossen hatte. "Warum haben Sie das getan?" erkundigte er sich stirnrunzelnd, aber ohne eine Wertung in der Stimme. Er schien erstaunt über Macs ungewöhnliche Direktheit gegenüber Kazdin zu sein, aber nicht verärgert.

Mac zuckte die Schultern und lächelte ein wenig. Es fühlte sich fast seltsam an, unvertraut, und sie erinnerte sich daran, dass sie nicht sehr viel Grund zum Lächeln gehabt hatte, seit sie Falls Church verlassen hatten. "Erfahrungswerte, Sir."

"Erfahrungswerte?" Chegwidden hob fragend die Brauen.

Mac sah auf ihre Hände hinab und studierte mit scheinbar großem Interesse ihre Fingernägel, bevor sie ihre Antwort formulierte. "Meine Mutter... sie warnte mich früher häufig," Sie hob den Kopf und sah Chegwiddens ruhigen, nicht-beurteilenden Blick auf sich ruhen und deshalb fuhr sie, wenn auch zögerlich, fort: "Sie hat mich immer abgefangen, wenn ich von der Schule nach Hause kam, und mir gesagt, dass er... mein Vater... mal wieder angetrunken und gereizt sei und dass ich dieses oder jenes Thema lieber nicht ansprechen solle. Ich merkte ziemlich schnell, dass der beste Weg, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und aus dieser Stimmung zu reißen, darin bestand, sofort auf das jeweilige Thema zu sprechen zu kommen..." Mac brach ab und hatte plötzlich das Gefühl, zuviel gesagt und damit eine unsichtbare Linie überschritten zu haben.

Eine Bandbreite an Emotionen huschte über Chegwiddens Gesicht, zu schnell als dass Mac sie hätte deuten können. Offensichtlich wusste der Admiral nicht, was er sagen sollte und sie war fast dankbar dafür. Eine Äußerung des Mitleids hätte sie jetzt nicht ertragen können.

Das letzte, was sie wollte, war, als Opfer gesehen zu werden. Für alle ihre Probleme, für all die Fehler, die sie in ihrem Leben gemacht hatte, war sie selbst verantwortlich, nicht ihr trinkender Vater, nicht ihre Mutter, nicht ihr leichtlebiger Beinahe-Ex-Ehemann und nicht einmal der Alkohol. <Nur ich selbst!> Mac klammerte sich fast verzweifelt an dieser Überzeugung fest, denn es bedeutete, dass sie Kontrolle über ihr Leben hatte und die Probleme, die sie quälten, lösen konnte.

"Wir sollten uns auf den Weg nach Hause... nach Hilton Head machen, Major," unterbrach Chegwidden die eingetretene Stille, "sieht so aus, als hätten wir Morgen einen anstrengenden Tag vor uns."


2140 Z-Zeit (17:40 Uhr EDT)
Marine Corps-Luftwaffenstützpunkt
Beaufort, South Carolina

Mac grüßte die Abteilung Marines, die an ihr vorbeimarschierte, und versuchte, ihren Schritten eine Elastizität und einen Schwung zu verleihen, die sie nicht empfand – schon seit Stunden nicht mehr. Chegwiddens Worte gestern über den anstrengenden Tag waren beinahe prophetisch gewesen und nun fühlte Mac sich müde, gereizt und hungrig – in dieser Reihenfolge.

Entschlossen, endlich etwas in ihrem Fall zu bewegen, hatte Mac sich in die Arbeit gestürzt, hatte die Zeit vergessen und sogar, dass es Sonntag war. Sie war in Beaufort herumgefahren, von einem Ende zum nächsten, so dass sie jetzt glaubte, die kleine Stadt so gut zu kennen, als wäre sie hier aufgewachsen. <Na ja, im Grunde genommen BIN ich hier aufgewachsen...>

Sie hatte mit Kazdins Sekretärin und Haushälterin Leonora Rosario gesprochen, um sich bestätigen zu lassen, dass Kazdin zur angegebenen Zeit aus dem Gefängnis wirklich im Büro angerufen und gefragt hatte, ob Leonora der Anrufer gewesen war.

Dann war Mac zum Stützpunkt gefahren und hatte zunächst mit einigen Offizieren gesprochen, die bezeugen konnten, dass Kazdin tatsächlich am Tag des Mordes Reservedienst geleistet hatte und von dort weggerufen wurde. Schließlich, einer plötzlichen Eingebung folgend, hatte sie den Militäranwalt besucht, der die Anklage gegen ‚Luke’ Foster hatte führen sollen. Jetzt wünschte sie fast, sie hätte es nicht getan und versuchte, nicht an die Ergebnisse dieses Gesprächs zu denken.

<Komm schon, Marine, wenigstens kann der Tag jetzt nicht mehr... nein, sag das lieber nicht! Denk es nicht mal! Es kann immer schlimmer werden!> Mit einer Geste, die mehr als nur körperliche Müdigkeit verriet, strich sie sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und unter ihr Schiffchen zurück und setzte sich wieder in Bewegung.

Aber ihre Gedanken kreisten immer noch um das Gespräch mit Fosters Anwalt und als sie sich erneut zur Ordnung rief, stellte sie fest, dass sie ohne ihr bewusstes Zutun den schmalen Pfad, der um die Offiziers- und Unteroffiziersbehausungen herumführte, eingeschlagen hatte. Ohne langes Suchen fanden ihre Augen gewohnheitsmäßig das kleine Haus, das dritte in einer Reihe aus vier fast gleich aussehenden Gebäuden. Es hatte sich verändert, stellte sie rasch fest. Das Haus war frisch gestrichen worden und jemand hatte das gesplitterte Geländer der kleinen Veranda ersetzt. Dennoch stiegen sofort alte Erinnerungen in ihr hoch. Sie wusste noch genau, wie rau das Holz des Geländers sich unter ihren sich darum klammernden Händen angefühlt hatte, während sie draußen gestanden und mit sich gerungen hatte, das Haus zu betreten.

Die Vordertüre öffnete sich und für einen Moment hielt Mac unwillkürlich den Atem an. Ein junger Marine mit einem Wäschebündel über der Schulter kam pfeifend die drei Treppenstufen herunter. Mac wandte sich hastig ab und ging weiter.

Sie machte sich auf den Weg zurück nach Hilton Head, aber im Strandhaus begrüßte sie nur Stille. Der Admiral, der vorgehabt hatte, mit dem Gerichtsmediziner zu sprechen und sich von den Wachen im Gefängnis Kazdins Aussagen bestätigen zu lassen, war offensichtlich noch nicht zurückkehrt.

Mac kickte die Pumps von den Füßen und tapste barfuss in die Küche, dann ins Wohnzimmer, als sie feststellte, dass sie nicht mehr hungrig war. Sie fühlte sich rastlos und unterbrach ihren Streifzug durch die Wohnung mit dem plötzlichen Entschluss, joggen zu gehen.

In Missachtung der aufziehenden Wolken entschied sie sich für eine dünne, olivgrüne Jogginghose und das braune Marine Corps-T-Shirt, hakte ihr Handy in den Hosenbund, schnappte die Schlüssel, die Chegwidden ihr gegeben hatte, und schon war sie aus dem Haus.

In zügigem Tempo lief sie den Eichen- und Pinien-gesäumten Pfad entlang. Ein paar Wanderer und Rollerblader, die man hier auf der Insel häufig sah, kamen ihr entgegen und warfen der einsamen Läuferin in Militärkleidung neugierige Blicke zu.

Mac sah zum Strand hinab, der jetzt, wo der Wind stärker geworden war und die ersten dunklen Wolken über den Himmel trieb, menschenleer war. Sie verließ den Pfad und konzentrierte sich auf das rhythmische Geräusch ihrer Joggingschuhe auf dem Sandstrand, versuchte, alles andere aus ihrem Denken zu verdrängen.

Sie atmete tief den Geruch von Salz ein, den die auffrischende Brise vom Meer her mit sich brachte, und ließ ihren Blick über die Sanddünen gleiten, die sanft vom Strand ins Land abfielen. Muscheln glitzerten im Sand der langsam wieder der Flut weichenden Ebbe.

Als sie sich an das Lauftempo gewöhnte und ihr Atem sich auf den passenden Rhythmus einpendelte, begann Mac, schneller zu laufen. Ein angenehmes Tempo erlaubte Platz zum Denken - und das war das letzte, was sie jetzt wollte und deshalb zwang sie sich, ihr Lauftempo noch mehr zu verschärfen, auch wenn der feuchte Sand das Vorankommen erschwerte.

Mac wusste nicht, wie viele Meilen sie zurückgelegt hatte, aber ihr untrügliches Zeitgefühl sagte ihr, dass eine Stunde und elf Minuten vergangen waren, als sie feststellte, dass das Seegras am Rande des Strandes nun vom stärker werdenden Wind niedergedrückt wurde. Die einzelnen Wolken, die über den Himmel gezogen waren, hatten sich zu einer dunklen Wand zusammengezogen. Die Sonne, die ohnehin bald untergehen würde, war nirgendwo mehr zu sehen.

Gerade als Mac beschloss, besser umzukehren, klingelte das Handy an ihrer Hüfte. Sie zuckte zusammen, stolperte fast und blieb keuchend stehen. "Ja?" meldete sie sich um Atem ringend und beugte sich an der Hüfte vorne über, "MacKenzie hier."

"Hier auch."


2320 Z-Zeit (19:37 Uhr EDT)
Folly Field Beach
Hilton Head Island, South Carolina

Mac fröstelte. Der Regen, der vor wenigen Minuten eingesetzt hatte, lief ihr übers Gesicht, vermischte sich mit Schweiß und brannte in ihren Augen. Der Wind schnitt durch den dünnen Stoff ihrer Kleidung und presste das nasse T-Shirt gegen ihre vom Laufen erhitzte Haut. Sie schauderte erneut, schlang die Arme um sich selbst, während sie trotz – oder gerade wegen – des Wetters zügig weiterlief.

Sie hoffte, dass sie den richtigen Weg zurück zum Strandhaus eingeschlagen hatte, denn in den letzten Minuten hatte sie ihre Umgebung überhaupt nicht wahrgenommen. Sie war einfach losgelaufen, ganz egal, wohin, einfach nur weg – nur um einmal mehr feststellen zu müssen, dass man seinen Problemen nicht so leicht entkommen konnte.

Sie fragte sich, ob der Admiral inzwischen zurück zum Haus gekommen war. Ein rascher Blick zu ihrer Hüfte zeigte ihr, dass ihr Handy noch hinter den Hosenbund gehakt war, obwohl sie nicht mehr hätte sagen können, ob sie es dorthin zurückgesteckt oder es aufgewühlt möglichst weit von sich geworfen hatte.

Der Himmel war düster, es regnete in Strömen und in einer halben Stunde würde die Sonne vollständig untergehen. Zu ihrer Linken sah sie langsam die Flut wiederkehren und plötzlich hatte sie das Gefühl, von allen Seiten umzingelt zu sein und keinen Ausweg zu haben.

Sie spielte mit dem Gedanken, Chegwidden anzurufen, doch in diesem Moment sah sie das Strandhaus auf einer leichten Anhöhe auftauchen.

Sie stolperte den ansteigenden Weg mehr hinauf, als dass sie lief und stieg die Stufen zur Veranda schließlich mit soviel Würde, wie sie aufbringen konnte, empor – was, um ehrlich zu sein, im Moment nicht gerade viel war. Ihre kalten, nassen Finger ließen zweimal fast den Schlüssel fallen, ehe sie die Türe endlich aufgeschlossen hatte und erleichtert ins Haus taumelte.

Das Strandhaus war dunkel und still und auch von Chegwiddens Mietwagen war nirgendwo eine Spur zu sehen. Mac stand mit dem Rücken schwer gegen die Türe gelehnt da, bis ihr bewusst wurde, dass sie kleine Wasserpfützen auf dem Parkettboden im Wohnzimmer hinterließ. Sie richtete sich ruckartig auf und zwang sich, ins Badezimmer zu gehen.

Sie ließ heißes Wasser in die Wanne laufen, schloss die Türe hinter sich ab und warf ihre nasse Kleidung über den Handtuchständer. Ihre Hände zitterten ein wenig dabei und ihre Bewegungen waren automatisch und schwunglos.

Eine Minute später sank sie in das schaumgekrönte Badewasser und schloss die Augen. Das Wasser war heiß und brannte fast auf ihrer Haut, aber alles in ihr war so taub, dass sie es nur wahrnahm wie etwas, was eine andere Person betraf. Wasserdampf und der herb-frische Duft des Badezusatzes, der sie sofort an Chegwidden erinnerte, erfüllten die Luft.

Mac sank noch ein wenig tiefer in das Wasser ein und fragte sich, ob sie all ihren Problemen und ihrer Vergangenheit entkommen konnte, indem sie versuchte, so lange im Wasser liegen zu bleiben, bis ihre Zellen beschlossen, den Evolutionsprozess umzukehren und sie in eine schuppige Amphibie zu verwandeln. <Jetzt komm schon, Mac, du hast schon Schlimmeres durchgestanden als das hier!> versuchte sie sich selbst aufzumuntern, nur um gleich darauf ironisch, müde und mutlos hinzuzufügen: <Ich kann damit fertig werden – ganz leicht sogar. Alles, was ich zu tun habe, ist, mir den Kopf mit einer Kettensäge abzuschneiden und es wird mich nicht mehr im Geringsten stören!>

Nach einer Viertel Stunde hievte sie sich aus der Wanne und schlüpfte in eine bequeme Baumwollhose und einen warmen Marine Corps-Pullover. Das Bad hatte sie noch müder gemacht, als sie es ohnehin schon gewesen war, aber sie war noch immer zu ruhelos, um jetzt schlafen zu können. Der Schlaf würde erst dann kommen, wenn sie zu müde war, um noch länger denken zu können. Dies war einer jener Momente, in denen sie sich nach einem Drink sehnte. Oder – wie das so oft der Fall gewesen war – nach mehr als nur einem.

Lustlos ging sie in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Sie nahm sich die Reste des Salates von gestern und ein Glas Mineralwasser und ließ sich damit im Wohnzimmer nieder. Eine Weile beschäftigte sie sich damit, die verschiedenen Salate auf ihrem Teller mit einer Gabel hin und her zu drehen und nach Farben zu ordnen, doch schließlich schob sie den Teller mit den mehrfarbigen Häufchen von sich, ohne etwas gegessen zu haben. Während ihrer Zeit als trinkender Teenager hatte sie sich schlechte Ernährungsgewohnheiten angeeignet und selbst heute noch musste sie sich in stressigen Zeiten streng daran erinnern, regelmäßig und gesund zu essen. Wenn ihr etwas Sorgen bereitete, dann ernährte sie sich am liebsten von etwas, was genug Zucker hatte, um sie ins Koma zu versetzen, wie sie Chegwidden einmal erklärt hatte.

Ein paar Wassertropfen kondensierten auf der Außenseite des Glases, um das sie ihre Hand geschlossen hatte, und sie rieb mit dem Daumen langsam über die nasse Oberfläche. Sie nahm einen Schluck und verschluckte sich fast an dem Wasser. Irgendwie hatte sie fast erwartet, es würde nach Wodka schmecken und der neutrale Geschmack des Mineralwassers überraschte sie.

Mac schüttelte leicht den Kopf und presste die Finger gegen den Nasenrücken, um ihre stärker werdenden Kopfschmerzen zu bekämpfen, dann legte sie den linken Arm über die Augen. Sie wollte nicht sehen, denken oder fühlen.

Sie musste im Sessel eingenickt sein, denn als sie wieder erwachte, waren zehn Minuten vergangen. Sie streckte sich und stöhnte. <Au! Oah, Gott, bin ich tot?> In ihrem halbwachen Dämmerzustand fuhr sich Mac mit der Zunge über die trockenen Lippen. <Oder ist es eher so, dass etwas Anderes gestorben ist – in meinem Mund?>

Sie tastete nach dem noch immer halbvollen Glas Wasser auf dem Tisch und ließ es fast fallen, als das Handy auf der anderen Seite des Tisches klingelte – vermutlich war es das erste Klingeln gewesen, das sie geweckt hatte. Mac ignorierte es, entfernte sich von Tisch und Handy und trat ans Fenster, um in den noch immer fallenden Regen hinauszusehen.


0048 Z-Zeit (20:48 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. stieg aus dem Auto und stellte zufrieden fest, dass Macs Mietwagen bereits in der Auffahrt geparkt war. Vermutlich war sie schon seit Stunden zurück, während er die 50 Kilometer bis nach Savannah, kurz hinter der Grenze zu Georgia, und wieder zurück hatte fahren müssen. Der Gerichtsmediziner, der Craik Fosters Leiche untersucht hatte, war übers Wochenende zu seiner Familie in diese historische Stadt gefahren und wenn er den Mann noch vor Montag sprechen wollte, blieb ihm keine andere Wahl als die Fahrt in Kauf zu nehmen.

Er überquerte hastig den Hof, um unter der Veranda Schutz vor dem Regen zu finden. A.J. schüttelte das Wasser von seinem Navy-Mantel und schloss die Türe auf. Nirgendwo brannte ein Licht und er glaubte schon, Mac sei bereits zu Bett gegangen, als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.

Mac stand mit dem Rücken zu ihm am Fenster und starrte hinaus. A.J. fand, dass sie einsam aussah. <Und sie hat jedes Recht, sich so zu fühlen.> Er wusste aus eigener Erfahrung, wie man sich fühlte, wenn die Geister der Vergangenheit plötzlich zurückkehrten und das empfindliche Gleichgewicht, das man sich in der Gegenwart aufgebaut hatte, störten.

In dieser Hinsicht hatten Mac und er einiges gemeinsam: Beide hatten sie eine rebellische Jugend durchlebt und ihren Weg erst durch die Streitkräfte gefunden. Beide hatten sie im Dienst schwere Erfahrungen machen müssen und ihr Privatleben blieb nicht unbeeinflusst davon. Beide hatten eine gescheiterte Ehe hinter sich, waren von ihrer Familie getrennt und waren als Single manchmal einsam. Sowohl Mac als auch er hatten Menschen verloren, die ihnen nahe standen; Personen, die sie liebten oder doch zumindest geliebt hatten, waren in ihren Armen gestorben.

A.J. wusste, dass Mac auf solche Sorgen und Probleme sogar ähnlich reagierte wie er: Sie schottete sich von anderen ab, versuchte, alleine damit fertig zu werden und fraß alles in sich hinein.

Das Geräusch der Türe, die ins Schloss fiel, ließ Mac aufsehen. Als sie ihn im Halbdunkel erkannte, straffte sie sich sofort, legte beide Hände wie haltsuchend auf den Fensterrahmen und drehte sich dann halb zu ihm um. "Admiral... ich hab Sie gar nicht gehört..." Sie straffte sich noch mehr und trat vom Fenster weg, als A.J. das Licht einschaltete.

A.J. verengte die Augen, als er Mac studierte. Sie wirkte blass, mit Ausnahme der dunklen Ringe unter ihren Augen. <Um schlecht auszusehen müsste sie sich sogar noch um einiges verbessern!> Er runzelte die Stirn. "Alles in Ordnung, Major?"

"Alles in Ordnung, mir geht’s gut, Sir," versicherte sie ihm sofort. Ein paar kleine Fältchen bildeten sich dabei auf ihrer Stirn, die großen braunen Augen blickten an ihm vorbei vorschriftsmäßig auf einen Punkt über seiner Schulter und ihr ausdrucksstarker Mund wirkte irgendwie verletzlich.

A.J. wünschte, sie würde mit ihm reden. Trotz ihrer Beteuerung war ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte. Die nach außen hin so selbstbewusst wirkende Frau war nicht so hart, wie sie alle glauben machen wollte. Er wollte nachfragen, sie zu einer ehrlichen Antwort drängen, aber er zwang sich zu warten. A.J. wusste, er musste ihr Zeit lassen, bis sie freiwillig zu ihm kommen würde. Er wusste, dass sie ihre Lektion gelernt hatte, dass sie ihn nicht belog, sondern einfach nur noch nicht bereit war, ihre Probleme, deren Wurzeln weit in der Vergangenheit lagen, mit einer anderem Person zu teilen.

Er sah zu, wie Mac das Glas, an dem sie gerade genippt hatte, fester umfasste und es vor und zurück bewegte, scheinbar fasziniert von der klaren Flüssigkeit, die sich darin hin- und herbewegte. Das Schweigen dehnte sich aus und es war klar, dass Mac es nicht so schnell brechen würde, so als hätte sie Angst, dass ihre Probleme dann aus ihr herausströmen würden.

A.J., dem noch nie sonderlich viel an Small Talk gelegen war, suchte nach etwas Unverfänglichem, was er sagen konnte. Er sah nach draußen, wo es noch immer regnete und gerade der Vollmond am Nachthimmel sichtbar wurde. "Wie lange dauert dieser verdammte Regen eigentlich noch?" knurrte er, während er den nassen Mantel abstreifte, "Würde mich nicht wundern, wenn die Tiere in der Gegend anfangen, sich in Zweierpaaren aufzustellen."

Das schien genau die richtige Taktik gewesen zu sein. Macs Mundwinkel kräuselten sich und nach einem Moment erschien ein zögerndes Lächeln auf ihren Lippen, das ihre dunklen Augen aufleuchten ließ.

Halbwegs zufrieden machte sich A.J. am Kamin zu schaffen und sobald ein Feuer brannte, setzte er sich Mac gegenüber in einen der Sessel. "Haben Sie schon gegessen, Major?"

"Ich habe etwas Salat aus dem Kühlschrank genommen."

"Gut." A.J. räusperte sich. "Ich musste bis nach Savannah fahren, um mit dem Gerichtsmediziner zu sprechen. Staff Sergeant Foster ist eindeutig an den Folgen eines Messerangriffs gestorben."

"Ist Selbstmord definitiv auszuschließen? Könnte es nicht sein, dass Mister Kazdin vergessen hat, das Taschenmesser am Eingang abzugeben und Foster es an sich genommen hat?"

A.J. unterdrückte ein zufriedenes Grinsen. Sarah MacKenzie, die Anwältin, die eine Spur mit messerscharfem Verstand, weiblicher Intuition und der Hartnäckigkeit eines Pitbull verfolgte, war zurück. "Selbstmord ist laut dem Gerichtsmediziner mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen," berichtete er, "Die meisten Selbstmörder erstechen sich nicht durch die Kleidung hindurch. Außerdem hat man auf Fosters Unterarm eine Schnittwunde gefunden, wie sie typisch ist für jemanden, der versucht hat, einen Messerangriff abzuwehren. Das wichtigste Indiz ist jedoch, dass das Messer außerhalb der Zelle lag – und Fosters Fingerabdrücke nicht darauf waren."

Mac nickte. "Scheint eindeutig zu sein."

"Und ich habe noch etwas herausgefunden," fuhr A.J. fort, "Der Gerichtsmediziner, der Fosters Leiche obduziert hat, war derselbe, der auch Fosters mutmaßliches Opfer untersucht hat. Foster wurde in Untersuchungshaft genommen, nachdem nach über 18 Jahren die Leiche eines Marines, der damals verschwand und als fahnenflüchtig galt, wieder auftauchte – zusammen mit Fosters Dienstmesser, das als Tatwaffe identifiziert wurde," A.J. schlug die Ermittlungsakte auf und zeigte Mac die entsprechenden Fotos, die man am Fundort des Skeletts gemacht hatte, "Die Überreste wurden als die eines gewissen Corporal Rory O’Flaherty identifiziert."

Mac warf nur einen schnellen Blick auf die Fotos, so als würden sie ihr nicht viel Neues sagen. A.J. stellte fest, dass sie stattdessen auf ihre Hände hinabblickte. Währenddessen biss, nein, kaute sie fast schon auf ihrer Unterlippe herum – nicht unbedingt ein gutes Zeichen, wie er wusste.

Sie sah hoch und sagte leise: "Ich weiß, Sir."

A.J. zog die Brauen zusammen. "Sie haben mit dem Anklagevertreter gegen Foster gesprochen?" vermutete er. Das wäre sein nächster Schritt gewesen.

"Ja, das auch, Sir..."

"Das auch?" A.J. sah sie stirnrunzelnd an. Er war es nicht gewöhnt, dass seine Leute in Rätseln zu ihm sprachen. "Sagen Sie nicht, Sie kennen auch diesen Mann?"

Mac biss sich auf die Lippe. "Doch, Sir. Rory O’Flaherty war vor 18 Jahren ebenfalls in Beaufort stationiert. Er war ein Freund von Luke... Craik Foster und ... ein Freund meines Vaters."

<Langsam wird das ganze verwickelt.> Er warf einen Blick in Macs Gesicht und obwohl sie sich sichtlich bemühte, es ausdruckslos zu halten, konnte er deutlich erkennen, dass es unter dieser Oberfläche arbeitete und alte Emotionen hochkamen. A.J. begann sich zu fragen, ob es nicht besser wäre, Mac von diesem Fall zurückzuziehen, der so eng mit ihrer Vergangenheit zusammenzuhängen schien. "Das bedeutet also, Foster wurde vorgeworfen, seinen alten Freund O’Flaherty ermordet und dann die Leiche beseitigt zu haben. Und kaum sitzt Foster in Untersuchungshaft, wird er getötet, noch bevor es zu einer Verhandlung kommen kann. Das gefällt mir nicht, Major. Da sind mir einfach zu viele Zufälle im Spiel."

Mac nickte zustimmend, blieb aber stumm.

"Kannten Sie O’Flaherty gut genug, um ihn einschätzen zu können?" fragte A.J., während er Mac genau im Auge behielt. Er hatte vor, diese flüchtige Bekanntschaft zu ihrem Vorteil zu nutzen, wenn es ging – aber nicht, wenn Mac darunter litt, "Was war er für ein Mensch? Sie sagten, Foster war nicht gerade ein vorbildlicher Marine, war O’Flaherty genauso?"

Mac lachte kurz auf, aber es war ein Laut, dem jeder wirkliche Humor fehlte. "O’Flaherty war eher noch schlimmer, Sir," sagte sie und diesmal begegnete sie seinem Blick, ohne etwas zurückzuhalten, "Er war eine Spielernatur, so schlau wie Foster, aber leichtsinniger, gieriger. Bei ihm hieß es Alles oder Nichts und er setzte in jeder Lebenssituation auf das ‚Glück der Iren’, wie er es nannte. Er handelte sich ständig Strafdienste wegen illegalem Glücksspiel in der Kaserne ein, aber er wurde auch mehrmals wegen seinem Mut und seiner Verwegenheit im Einsatz gelobt. Ich wusste nie, ob er eines Tages mit einem Orden oder einer unehrenhaften Entlassung enden würde."

<Dass er stattdessen mit einem Messer zwischen den Rippen enden würde, damit hätten Sie nicht gerechnet, was, Mac?> "Wir sollten auf alle Fälle auch in diese Richtung ermitteln, Major. Vielleicht gab es jemanden, der Interesse daran hatte, dass der Mord an O’Flaherty nicht vor Gericht kommt und Foster deshalb zum Schweigen bringen wollte. Was hat der Anklagevertreter dazu gesagt?"

"Foster war der einzige Verdächtige, Sir, und die Beweise waren recht eindeutig – die Tatwaffe war sein Messer, er hatte die Gelegenheit – die beiden teilten sich die Küche ihrer Unterkunft und waren gute Freunde - und ein Motiv. Foster soll Spielschulden bei O’Flaherty gehabt haben."

<Der einzige Verdächtige... eindeutige Beweise und ein Messer als Tatwaffe – kommt mir bekannt vor!> A.J. wusste, dass die Beweislage nur selten so eindeutig war, wie sie im Fall gegen Foster und auch gegen Kazdin zu sein schien. Die Sache gefiel ihm immer weniger, aber andererseits schien es allein aufgrund der 20 Jahre, die dazwischen lagen, unwahrscheinlich, dass die beiden Morde zusammenhingen. "Ansonsten bin ich nicht sehr viel weitergekommen. Corporal Haskell hat Kazdins Aussage, sein Handy wäre zerbrochen, zwar bestätigt, kann sich aber nicht mehr daran erinnern, ob es nicht erst beim Gerangel zwischen Kazdin und den Wachen zu Bruch gegangen ist oder ob Kazdin es möglicherweise wirklich erschrocken fallen ließ, als er Foster fand."

Abwartend sah er Mac an und sie brauchte einige Sekunden, bevor sie die Bedeutung des Blickes erfasste und reagierte. "Ich habe auch nicht viel Neues herausgefunden, Sir," antwortete sie mit einem leichten Achselnzucken, "Leonora Rosario hat bestätigt, dass Kazdin wirklich bei ihr angerufen hat, um festzustellen, ob jemand aus der Kanzlei kurz zuvor versucht hatte, ihn über sein Handy zu erreichen. Und auf dem Stützpunkt hat man mir bestätigt, dass Kazdin in dieser Woche wirklich Reservedienst absolviert hat."

A.J. nickte knapp. Nichts, was er nicht erwartet hatte. Wenn Kazdin lügen würde, dann sicherlich geschickter. Er war selbst Anwalt – und allem Anschein nach kein schlechter – und wusste daher, dass sie jede seiner Aussagen erst überprüfen würden, bevor sie sie vor Gericht benutzten. Mit einem erneuten Blick in Macs bleiches Gesicht beschloss er, für heute Schluss zu machen. "Ich denke, ich ziehe mich jetzt zurück, Major," verkündete er, "Wenn Sie noch etwas aus der Küche wollen, dann bedienen Sie sich einfach."

"Danke, Sir."

<Für mehr als nur den freien Zugang zum Kühlschrank,> konnte A.J. die ungesagten Worte fast in ihren braunen Augen erahnen. Sie schienen ihm dafür zu danken, dass er den Punkt, was immer sie auch besorgte, nicht weiter verfolgt, sie nicht gedrängt hatte.

"Gute Nacht, Admiral."

"Gute Nacht, Mac," antwortete er in perfektem Verstehen.


0904 Z-Zeit (05:04 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

A.J. erwachte plötzlich und starrte einen Moment lang orientierungslos in die Dunkelheit. Im Zimmer war es dunkel und die Leuchtanzeige seines Weckers sagte ihm, dass es noch mindestens eine Stunde dauern würde, bis langsam die Dämmerung einsetzte und er ans Aufstehen denken würde.

Er überprüfte mit routinierten Bewegungen, ob der Wecker auch wirklich gestellt war, und wollte sich eben auf die andere Seite rollen, um weiterzuschlafen, als ein Geräusch im Gang ihn aufhorchen ließ. <Mac?> Die Sorge, dass irgend etwas nicht stimmen könnte, vertrieb jeden Gedanken an Schlaf. Er schlug die Decke zurück, zog ein T-Shirt über und trat auf den Gang hinaus, ohne Licht zu machen.

Aus der Küche kamen leise Geräusche und Licht drang unter dem Türspalt hervor. Er bewegte sich darauf zu, hob die Hand und zögerte. Eine halbe Minute stand er mit erhobener Faust da und debattierte mit sich, ob er nun anklopfen sollte oder nicht. <Verdammt, Albert Jethro Chegwidden, das hier ist dein eigenes Haus, wieso zum Teufel solltest du an die Küchentüre klopfen, bevor du eintrittst?!> fragte er sich verärgert, nur um sich dann auch gleich zu antworten: <Weil sich dahinter eine junge Frau befinden könnte, die nicht morgens um fünf Uhr bei ihrem Morgenritual gestört werden möchte!> Der Gedanke daran, Mac möglicherweise mit einer Gurkenmaske im Gesicht vorzufinden, ließ ihn lächeln und beendete das innere Zwiegespräch. Er gab sich einen Ruck und öffnete die Tür einen Spaltbreit. "Major?"

"Admiral?" Macs Stimme klang rau.

A.J. stieß die Türe auf und trat entschlossen ein.

Mac lehnte in einem zerknitterten Morgenmantel am Küchenschrank und sah aus, als hätte sie diese Stütze auch dringend nötig. Die Finger beider Hände waren fest um eine Tasse mit dampfendem Inhalt geschlossen und zitterten leicht.

A.J. stützte die Unterarme auf den Küchentresen auf und lehnte sich leicht nach vorne, um seine Untergebene stumm zu betrachten. Seine Augen verengten sich, als er sie musterte, die Schatten unter ihren Augen bemerkte, die Müdigkeit hinter ihrer schnell eingenommenen, straffen militärischen Haltung. Ihre Haut wirkte blass und klamm, aber auf den Wangen zeigte sich eine verdächtige Röte. "Wie geht es Ihnen, Major?" fragte er fast sanft. Noch bevor Mac antworten konnte, fügte er hinzu: "Und ich will eine ehrliche Antwort."

Mac zögerte. "Na ja, ganz gut, Sir."

A.J. schüttelte streng den Kopf. "Sie sind ein schlechter Lügner, Mac, das waren Sie schon immer. Ich habe schon Komma-Patienten gesehen, die wacher aussahen als Sie, Major!" Er legte ein leichtes Grollen in seine Stimme.

Mac hob den Kopf und begegnete seinem Blick. "Ehrlich gesagt ... vielleicht nicht ganz sooo gut," sie versuchte ein Lächeln, das ein wenig gequält wirkte, "Ich bin gestern ein wenig in den Regen gekommen..."

"Ein wenig?" A.J. glaubte ihr kein Wort. Er wusste, dass Mac zu Untertreibungen neigte, wenn es um ihre eigene Person ging.

Mac lächelte entschuldigend. "Jedenfalls scheine ich mich erkältet zu haben oder mir ist das Essen in dieser Bar nicht besonders gut bekommen...," sie machte eine hilflose Handbewegung, "... jedenfalls habe ich die halbe Nacht im Badezimmer verbracht und ... ähm, der Porzellan-Göttin geopfert," versuchte sie sich in einen Scherz zu retten.

A.J. streifte sie mit einem besorgten Blick. "Wenn ich irgendetwas für Sie tun kann... ich kann Sie sofort beurlauben und nach Hause schicken..."

Mac schüttelte sofort entschieden den Kopf. "Nein, Sir, das ist nicht nötig, ich bin sicher, es ist nur eine harmlose Erkältung und wenn ich das hier," sie hob ihre Tasse, "ausgetrunken habe und noch eine Stunde geschlafen habe, dann wird es mir sicher schon besser gehen."

<Das hoffe ich für Sie.> "Na schön, Major," er ging zur Türe zurück, "aber wenn Sie mich brauchen sollten..."

Mac nickte lächelnd. "Dann weiß ich, wo ich anklopfen muss, danke, Sir."

A.J. kehrte in sein Zimmer zurück und schlüpfte in sein inzwischen kalt gewordenes Bett zurück. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lauschte in die Dunkelheit fast als erwarte er, jeden Moment einen Hilferuf von Mac zu hören.

Er war nun einmal ein verantwortungsbewusster, autoritärer Offizier, der sich weigerte, auch nur das kleinste Detail dem Zufall zu überlassen, wenn es um seine Leute ging. Richtig? <Richtig.> Und es lag in seiner Verantwortung sicherzugehen, dass es seinen Untergebenen gut ging. Korrekt? <Absolut korrekt. Das ist ein Teil meiner Aufgaben als Judge Advocate General.> Es war also vollkommen professionell und völlig normal, dass er das Platzieren von kalten Umschlägen auf Macs Stirn selbst beaufsichtigen wollte – vorzugsweise, während sie bequem und warm eingepackt auf seiner Couch lag. Mit einem verärgerten Knurren beendete er seine innere Argumentation, schaltete die Nachttischlampe aus und schloss die Augen.


1016 Z-Zeit (06:16 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz erwachte und schrak in die Höhe. Das heißt: Er wäre in die Höhe geschossen, wäre da nicht ein Gewicht auf seiner Brust gewesen, das ihn nach unten drückte und sich auch dann nicht bewegte, als er mit den Schultern zuckte, um es von sich herunterzuwälzen.

Irritiert knipste er die Nachttischlampe an und blickte direkt in zwei grüne, neugierige Katzenaugen, die ihn unbeeindruckt ansahen. Seine eigenen Augen weiteten sich. Bevor er etwas dagegen tun konnte, leckte ihm die Katze quer durchs Gesicht. "Uarrrrgh!" Kaz gab einen unartikulierten Laut von sich und rollte sich unter der Katze hervor.

Das Tier sah ihn anklagend an und Kaz wäre jede Wette eingegangen, dass es dabei einen Protestlaut von sich gab, dann drehte es sich um und begann mit scheinbarer Gleichgültigkeit sein Hinterteil zu putzen.

"Vielen Dank für diesen lieblichen Anblick! Wie zur Hölle bist du hier hereingekommen, du Teufel in Katzengestalt?" Offensichtlich verstand die Katze die Gebärdensprache nicht. Kaz streckte langsam die Hand nach der Katze auf seinem Bett aus und als sie sein Manöver erahnte und davonspringen wollte, versuchte er hastig, sie zu packen. Seine Finger berührten gerade den schwarzen, dichten Pelz der Katze, als sie mit einem gewaltigen Satz vom Bett sprang und in den Gang entkam.

In Boxershorts und T-Shirt verfolgte Kaz den Eindringling in einer wilden Jagd bis in die Küche und bekam sie um ein Haar zu fassen. Im letzten Moment rettete sich die Katze mit einem gewagten Sprung auf die Küchenablage. Sie schlitterte über deren glatte Oberfläche und eine ihrer Krallen verfing sich in dem Geschirrtuch, das über dem Abtropfbrett hing. Das Brett kam ins Rutschen. Zwei Teller und mehrere Teile Besteck fielen zu Boden, unter lautem Klirren, wie Kaz vermutete.

"Mist!" Flüche wie diesen konnten sogar die meisten Gehörlosen problemlos spontan artikulieren. Kaz sprang auf die Katze zu, die einmal mehr losschoss. Menschliche Augen weiteten sich in Entsetzen und Ärger, als sie zusehen mussten, wie die schwarze Katze über Leonoras geheiligten Herd raste und den Teekessel umriss. Der Kessel rollte bis zum Rand der Herdplatte und drohte zu Boden zu fallen. Kaz sprang vor, um den Kessel abzufangen, aber in diesem Moment entschied die Katze, dass es am Boden sicherer sein mochte und machte Anstalten, vom Herd zu springen. Kaz versuchte automatisch, beides zu fangen.

Die Katze entkam seinen zugreifenden Händen und der Teekessel traf ihn hart gegen die Fingerknöchel, bevor er doch noch zu Boden fiel. Wasser ergoss sich über den Küchenfußboden und spritzte über Kaz bloße Beine. "Sie soll nur ein Wort des Protestes sagen, wenn ich dich beerdige, du Ungeheuer, nur ein Wort," bedeutete er der Katze finster. Mit dem Gedanken daran, dass Leonora der Schlag treffen würde, wenn sie ihre Küche so sah, machte er sich ans Aufräumen und begab sich dann auf die Suche nach dem Übeltäter.

Nachdem er sie weder im Wohnzimmer, noch in seinem Zimmer und auch nicht im Keller gefunden hatte, blieb nur das Gästezimmer. Die Türe war angelehnt und Kaz kam langsam der Verdacht, dass das pelzige Untier schlau genug war, um auf die Türfalle zu springen und sie nach unten zu drücken, bis die Türe aufsprang.

Kaz schaltete das Licht im Gang an und öffnete vorsichtig die Türe.

Jae Cavanaugh lag vollständig bekleidet auf dem Bett; eine Lesebrille auf der Nase und ein aufgeschlagenes Buch noch in den Händen. Die junge Frau war mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Strähnen ihres goldenen Haares fielen über ihre geschlossenen Augen und ihr linker Arm war eng um das Kissen geschlungen. In den alten Jeans und dem König-der-Löwen-T-Shirt sah sie sehr jung und überhaupt nicht wie ein Offizier der Streitkräfte aus.

Kaz wollte sich eben wieder abwenden, als er das zusammengerollte Knäuel an Cavanaughs Füßen entdeckte. "Aha!"

Er musste einen Laut von sich gegeben haben, denn Jae schlug plötzlich die Augen auf und setzte sich rasch auf, als sie ihn mitten im Raum stehen sah. "Guten Morgen!" grüßte sie freundlich, aber auch ein bisschen verwundert und rieb sich ein wenig umständlich die Augen hinter der Lesebrille.

Kaz hatte erwartet, dass sie die Brille schnell absetzen würde, als sie seine Anwesenheit bemerkte, aber sie tat es nicht. Eitelkeit schien der natürlichen jungen Frau fremd zu sein.

Ihre grünen Augen sahen ihn fragend über die schmalen Gläser hinweg an. <Gütiger Himmel! Die Frau ist gerade mitten aus dem Schlaf gerissen worden und wünscht mir lächelnd einen guten Morgen!> Kaz konnte es nicht fassen. Er selbst war trotz seiner Zeit beim Militär weit davon entfernt, ein Frühaufsteher zu sein. Nein, eigentlich stimmte das nicht. Er war nach dem Aufstehen immer gereizt, brummig und finster, ganz egal, wann er aufstand. Er konnte äußerst ungemütlich werden, wenn man ihn zur falschen Zeit weckte – und die falsche Zeit war jede andere als die, zu der er von selbst aufwachte. Jaes sonniges Gemüt und ihre blendende Laune so früh am Morgen erfreute ihn nicht gerade.

"Hey! Na Hallo, was haben wir denn da?" Jae hatte jetzt die Katze an ihren Füßen entdeckt und begann begeistert, sie zu streicheln.

Kaz sah sie finster an. "Wenn Sie so ein Fan dieses verdammten Teufels sind, wollen Sie ja vielleicht eine Urne für ihn kaufen, bevor ich ihn verbrenne?"

"Ähm, Jeremiah..."

"K-A-Z!" Der gehörlose Anwalt fingerte jeden Buchstaben einzeln und nachdrücklich mit dem Fingeralphabet.

"Was genau ist hier los, Kaz? Ist alles okay?"

Kaz musste sich anstrengen, um ihre Gebärden im schwachen Licht der Lampe im Gang erkennen zu können und schaltete deshalb das Licht an. "Fragen Sie das die verdammte Katze!"

"Ist irgendetwas passiert? Geht es der Katze gut?" Jae untersuchte das schwarze Fellbündel besorgt.

"Ihrer verdammten Katze geht es gut, was man nicht von meinen Tellern, meinem Teekessel und dem Küchenfußboden sagen kann! Also, Urne oder nicht?"

Jae sah ihn mit großen Augen an. "Was um Himmels Willen ist denn passiert?"

Kaz sah ihren sanften Gebärden stirnrunzelnd zu. Er stellte plötzlich fest, dass dieser harmlose Ausdruck von all den Bezeichnungen, die er je von Jae gehört hatte, einem Fluch am nächsten kam. Er selbst hätte sich in dieser Situation sicherlich ganz anders ausgedrückt. "Fluchen Sie eigentlich nie?" Irritiert über Jae, aber auch über sich selbst schüttelte er den Kopf. <Hab ich das eben wirklich gefragt?>

"Ich hab meiner Großmutter versprochen, nicht zu fluchen," erklärte Jae Cavanaugh mit einem aufrichtigen Blick.

Kaz sah sie ungläubig an. "Sie haben es... Ihrer Großmutter versprochen?" Seine Reaktion schwankte irgendwo zwischen hysterischer Belustigung und Ehrfurcht. Er konnte sich nicht erinnern, dass ein Versprechen einem Familienmitglied gegenüber je eine solche Bedeutung für ihn gehabt hätte.

"Mmmhm," Jae nickte und fügte mit einem verlegenen Grinsen hinzu: "In der vierten Klasse. Also, was ist passiert?" Sie deutete in Richtung Katze, die sich eng gegen ihre wiedergefundene Beschützerin kuschelte.

Kaz stellte plötzlich fest, dass Jae ihn mit ihrer Großmutter-Bemerkung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht hatte und das machte ihn ärgerlich. "Wenn das Vieh ein Mensch wäre, würde ich es hinter Gitter bringen," gebärdete er mit einem Ärger, der ebenso gegen Jae und sich selbst wie gegen die Katze gerichtet war, "wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und falls nötig fahrlässiger Körperverletzung...."

Jae biss sich auf die Lippen, als müsse sie sich beherrschen, um nicht laut zu lachen. "Jerem... Kaz, es ist doch nur eine Katze. Wie heißt sie eigentlich?" Jae fuhr fort, die sich zufrieden räkelnde Katze zu kraulen.

"Keine Ahnung," antwortete Kaz düster, "ich nenne sie wahlweise ‚Katze’, ‚Trouble’ oder ‚Runter-da’!"

Jae lachte und richtete sich auf den Knien auf, wobei sie sich mit ruhiger Selbstverständlichkeit an Kazs Arm abstützte und ihn amüsiert über seinen Kommentar drückte.

<Oh, großartig!> grollte er innerlich, <Jetzt berührt sie mich schon wieder!> Seine Haut brannte fast unter der Berührung der goldhaarigen Frau. Er hasste es, wenn man ihn ohne Genehmigung berührte und fragte sich ernsthaft, ob Jae überhaupt nicht bemerkte, dass ihre Lebenserwartung drauf und dran war, sich drastisch zu verkürzen. Er musste sich erneut daran erinnern, dass er Jae nicht einfach so umbringen konnte – zumindest nicht am heiterhellen Tag. Stattdessen riss er seinen Arm weg und seufzte unhörbar. Cavanaugh hatte noch immer nichts gelernt. "Wenn Sie schon mal auf sind, können Sie auch gleich Ihre Katze rauswerfen?"

"MEINE Katze?" Jae Cavanaugh schüttelte den Kopf. "Sieht eher so aus, als hätte sie Sie als ihren Besitzer auserkoren. Und warum sollte ich sie rauswerfen? Was hat sie denn schon getan?" Bittend sah sie Kaz an.

Kaz schnaubte ungeduldig. "Sie hat sich heimtückisch an mich herangeschlichen, während ich schlief!"

"Sie hat nur ein bisschen Gesellschaft und Wärme gesucht, so wie jeder von uns. Geht es Ihnen nicht auch manchmal so?" Cavanaugh sah ihn aus ihren grünen Unschuldsaugen fragend an.

Kaz starrte zurück, ohne ihre Frage mit einer Antwort zu würdigen. Einen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber. Kaz kreuzte die Finger, aber er wusste, dass dieses Schweigen nicht lange anhalten würde. Er zählte mental die Sekunden bis zu ihrer nächsten Frage, die sicher gleich kommen würde. Er kam bis vier, bevor sie sprach.

"Ist die Frage so schwer zu beantworten?" Ihre Gebärden waren sanft und sie blickte ihm so offen und direkt in die Augen, wie es selten jemand tat.

"Ich hasse Fragen!"

Jae grinste schalkhaft. "Und Sie sind trotzdem Anwalt geworden?" neckte sie ihn.

"Nur Fragen, die sich auf meine eigene Person beziehen!" gebärdete Kaz ungeduldig. Diese Frau trieb ihn noch in den Wahnsinn mit ihrer ständigen Plauderei. Wie bekam sie überhaupt irgendwelche Arbeit getan, wenn sie niemals den Mund hielt? "Und Sie mögen Fragen viel zu sehr für meinen Geschmack. Ich werde ein Sparschwein aufstellen. Jedes Mal, wenn Sie mir eine Frage stellen wollen, müssen Sie einen Dollar ins Sparschwein werfen. Ich wette, in wenigen Tagen bin ich Multi-Millionär und kann mich auf den Bahamas zur Ruhe setzen!"

Jae lachte gutmütig, nicht im geringsten beleidigt über seine übellaunigen Worte. "Ha, ha, was würden Sie schon als Rentner auf den Bahamas wollen?"

"Das herauszufinden kostet Sie einen Dollar," verkündete Kaz und musste sich zurückhalten, um nicht mitzulachen. Er stellte unwillig fest, dass Jaes gute Laune beinahe ansteckend war.

"Warum sind Unterhaltungen mit Ihnen eigentlich immer ein solcher Kampf?" erkundigte sich Jae, jetzt ernst werdend.

"Sind sie das?"

"Sehen Sie, Sie tun es schon wieder! Sie beantworten eine Frage schon wieder mit einer Gegenfrage!"

"Ach ja?" Kaz zuckte gelangweilt die breiten Schultern, "Tue ich das?"

Cavanaugh rollte mit den Augen. "Ich geb’s auf! Und dabei wollte ich doch nur eine höfliche Unterhaltung unter Freunden führen."

Auf Kazs kritischen Blick hin fügte sie eilig hinzu: "Oder freundschaftliche Bekannte, in unserem Fall."

Noch ein Blick.

Jae seufzte. "Oder einfach nur Bekannte nicht-feindschaftlicher Natur, wenn Sie sich dann besser fühlen."

Kaz musterte sie kühl. Die junge Frau konnte noch nicht lange in ihrem Beruf sein, wenn sie noch naiv genug war zu glauben, sie könne gut Freund mit allen und jedem sein. Er selbst war schon seit langer Zeit der Meinung, dass sein Beruf ein einziges Haifischbecken sein konnte und man möglichst viel Abstand halten und möglichst dicke Barrikaden aufbauen sollte, um nicht gebissen zu werden. "Wissen Sie eigentlich, dass Sie das Recht zu schweigen haben?" wandte er sich ironisch an die redselige junge Frau.

"Ich mache derzeit keinen Gebrauch von diesem Recht," Jae schmunzelte und ihre grünen Augen funkelten vergnügt, während sie Lesebrille und Buch auf den Nachttisch legte und geschmeidig vom Bett sprang, "Gibt es schon Frühstück?"

Kaz grunzte nur, ließ Frau und Katze stehen und machte auf der Ferse seines bloßen Fußes kehrt.


1102 Z-Zeit (07:02 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae verließ das Badezimmer und stolperte fast über die schwarze Katze, die sich vor der Türe zusammengerollt hatte und auf sie zu warten schien. Als sie Jae sah, erhob sich die Katze sofort und strich ihr schnurrend um die Beine. "So kühl, schüchtern und reserviert, ein richtiges Mauerblümchen – du musst nach deinem Herrn kommen," neckte Jae schmunzelnd. "Apropos... wo ist der übrigens?"

Jae wusste, dass es sinnlos war, nach dem Gehörlosen zu rufen, deshalb begab sie sich auf die Suche. Sein Zimmer war leer und das Bett bereits gemacht. "Wow!" dachte Jae, während sie sich umsah, "Er könnte meinen Brüdern mal ein bisschen Ordnung beibringen!"

Der Schreibtisch im Eck war ebenso aufgeräumt wie das Sortiment an Hanteln, die dem Gewicht nach geordnet griffbereit an der Wand lehnten.

Ein großes Bücherregal bedeckte eine ganze Seite des Raumes. Jeder freie Platz darauf war mit Büchern belegt. Jae ließ ihren Blick über die Büchertitel schweifen und hob die Hand, um ein paar davon vorsichtig zu berühren. Sie wusste, dass es nur ein verbreiteter Irrglaube war, Gehörlose würden ihren fehlenden Hörsinn automatisch durch viel lesen ausgleichen. Lesen setzte eine hohe Kompetenz in der Lautsprache voraus, die viele Gehörlose nicht hatten, aber das hier machte ganz den Eindruck, als sei Kazdin wie sie selbst eine Leseratte.

Außer den Büchern fanden sich auch in diesem Zimmer nur wenige persönliche Gegenstände, aber an den Wänden hingen Gemälde und Zeichnungen, in Öl, Kreide und Bleistift. Jae trat näher, um sie zu betrachten. Zu ihrer Überraschung entzifferte sie den Namen Kazdin auf mehreren der Bilder. <Sind das Kazdins Bilder?> Sie erinnerte sich daran, dass ihr Gastgeber bei fast jeder Gelegenheit auf Servietten, Bierdeckel und Zeitungen herumkritzelte und recht geschickt dabei war. Sie hob die Hand, stoppte aber einen Zentimeter von den zarten Bleistiftstrichen entfernt, als ob sie die Zeichnung berührten wollte, sich aber nicht traute.

Das heftige Zuschlagen der Zimmertüre ließ sie herumfahren.

Jeremiah Kazdin stand vor ihr, in Trainingshosen und einem ärmellosen Navy-T-Shirt, einem wütenden Ausdruck im Gesicht und einer schweren Hantel in der Hand. Er sah aus, als wäre er drauf und dran, die Hantel nach Jae zu werfen.

<Meine Güte, der Mann ist wirklich stark!> dachte Jae unwillkürlich, während sie die breitgebaute Gestalt musterte, <Da hat jemand immer brav seinen Spinat gegessen!>

"Niemand, absolut niemand, hat jemals, unter keinen Umständen, und ich meine ohne Ausnahme, ohne meine Erlaubnis irgendetwas in, vor oder auch nur in der Nähe meines Zimmers verloren!" Kazdins Gebärden drückten nur mit Mühe kontrollierten Zorn aus.

"Tut mir leid," sagte Jae sofort aufrichtig, "ich wollte nicht in Ihr Reich eindringen, ich habe nur nach Ihnen gesucht und da sah ich die Bilder... Sie sind wunderschön. Sind das Ihre eigenen?"

Sanfte grüne Augen begegneten kühlen blauen. Kaz sah zuerst weg, senkte unbehaglich den Blick.

<Er ist schüchtern,> stellte Jae verwundert fest und bemerkte, dass dieser Mann nicht der skrupellose Menschenfeind war, für den manche ihn hielten. Ganz offensichtlich konnte er nicht mit Komplimenten umgehen. Wenn man es genau nahm, konnte er eigentlich mit jeder Art von Konversation nicht besonders gut umgehen. Nicht, dass er nicht wortgewandt und gebildet gewesen wäre – Jae hatte ihn bei der Arbeit gesehen und wusste, was für einen messerscharfen Verstand er besaß-, aber seine sozialen Fähigkeiten schienen etwas eingerostet zu sein. <Es ist fast, als hätte er für lange Zeit weit weg von anderen Menschen gelebt,> dachte Jae und stellte mit plötzlicher Einsicht fest, dass das vermutlich sogar der Wahrheit entsprach. Kazdin umgab sich nicht gerade mit Menschen. Er gab Anweisungen, argumentierte, beratschlagte, diskutierte Fälle, aber er unterhielt sich nicht einfach.

Die Katze stieß die Türe mit der Pfote auf und bezog mit einem fordernden Miau im Türrahmen Stellung. Jae musste lachen. "Okay, Tiger, lass uns Frühstücken gehen!"

Die Katze setzte sich sofort in Bewegung, als verstände sie jedes Wort, sah noch einmal zurück, um sicherzugehen, dass die Menschenfrau auch wirklich in die Gänge kam, und trabte zur Küche, wo man inzwischen das Pfeifen eines Wasserkessels und Leonoras gemütliches Summen hörte.

"Guten Morgen, Leonora!" Jae betrat hinter ihrem Schützling die Küche.

Leonora, die gerade mit Pfannen und Töpfen auf dem Herd hantierte, drehte sich lächelnd zu ihr um. "Guten Morgen, Jaecita. Gut geschlafen, sí?"

Jae lachte. "Viel zu gut – ich bin an der spannendsten Stelle meines Buches eingeschlafen."

"Oh, la gatita... das Kätzchen ist wieder da!" Die Puertoricanerin sah sich schnell um, "Lass das bloß nicht Señor Kaz sehen!"

Jae verzog das Gesicht. "Zu spät. Kaz hatte heute morgen schon eine Begegnung der dritten Art mit der Katze. Wie es das verstanden habe, hat sie ihn geweckt."

"Oh-oh! Das ist nicht gut!" prophezeite Leonora, "Wenn Señor Kaz geweckt wird..."

"Ja, das haben wir auch schon festgestellt, stimmt’s, Katze?" Jae blinzelte dem Tier verschwörerisch zu.

Kazdin kam herein, machte eine knappe Gebärde der Begrüßung in Richtung Leonora und ging schnurstracks zum Kühlschrank.

"Ah, ah, ah!" Leonora nahm ihm die Bierflasche aus der Hand und schlug die Kühlschranktüre wieder zu. "Frühstück! Und kümmern Sie sich um unseren Gast, por favor!" Sie drückte ihrem Arbeitgeber einen kleinen Korb mit frischen Brötchen in die Hand und schob ihn in Richtung Wohnzimmer.

Jae folgte ihm und nahm an dem bereits gedeckten Tisch Platz. Eine Minute später kam Leonora mit dem Kaffee herein und Jae erhob sich sofort, um ihr eine der Tassen abzunehmen, was Kazdin mit einem düsteren Blick beobachtete.

Kaum hatte Leonora seine Tasse auf dem Tisch abgestellt, schon hatte Kaz sie in den Händen und trank so gierig als wäre es eine lebensnotwendige Medizin.

Jae grinste amüsiert. "Sie scheinen zu den Menschen zu gehören, die sich den Kaffee am liebsten gleich intravenös in die Adern tropfen würden," bemerkte sie lächelnd.

Kaz setzte unwillig die Kaffeetasse ab, um zu antworten. "Ich habe eine Regel über Kaffee und Unterhaltungen – sie müssen in alphabetischer Reihenfolge auftreten. Und ‚K’ kommt immer noch vor ‚U’, also bitte!"

<Worte sollten eigentlich Brücken zwischen Menschen bauen, aber Kazdin formt Mauern damit.> Jae nahm einen vorsichtigen Schluck aus ihrer eigenen Tasse und sah anerkennend auf. "Café con leche! Du wusstest noch, wie ich ihn mag, danke!" wandte sie sich begeistert an Leonora.

Kazdin schnitt eine Grimasse. "Das ist ja auch wirklich nicht schwer," spottete er, "Man füge genug Milch und Zucker hinzu, so dass es aufhört, wie Kaffee zu schmecken und voilà..."

"Na ja, Kaffee ist nun einmal etwas bitter und nicht besonders gesund..."

"Das ist nur ein Gerücht, das von Teehändlern in Umlauf gebracht wurde," behauptete Kaz trocken.

"Was möchten Sie essen, Señor Kaz? Und sagen Sie nicht wieder nichts!" Leonora stemmte die Fäuste in ihre korpulenten Hüften.

"Machen Sie mir einfach ein Viertel von was immer Sie ihr auch machen." Kazdin deutete auf Jae, die nichts dazu sagte.

Ein paar Minuten später schenkte Jae sich noch etwas Milch und Kaffee in ihre halbgeleerte Tasse nach. "Möchten Sie auch noch welchen?" erkundigte sie sich höflich bei Kaz.

Der gehörlose Anwalt hielt wortlos seine Tasse hin, um sie sich auffüllen zu lassen. Jae goss ein und Kaz nahm die Tasse ohne ein Wort wieder an sich.

"Oh bitte, bitte, nichts zu danken," murmelte Jae. Ihre Irritation über Kazdins rabenschwarze Laune wuchs langsam.

Kurz darauf brachte Leonora Jae einen Teller mit Spiegeleiern, Speck und Toast. Jae erhob sich erneut. "Kann ich nicht irgendetwas helfen? Setz dich doch einen Moment zu uns."

Leonora strahlte, tätschelte ihren Arm und ließ sich mit einem Ächzen in einen freien Sessel fallen. "Dios mío, werdet bloß nicht alt," riet sie, "Arthritis macht keinen Spaß! Und no, Jaecita, du bleibst hier sitzen und isst in Ruhe dein Frühstück, sí? Aber dennoch gracias, du bist so ein nettes Mädchen. Ich sollte dich adoptieren."

Jae erwiderte ihr Lächeln. "Meine Eltern könnten protestieren, aber ich weiß den Gedanken zu schätzen."

Kazdin beobachtete die freundschaftliche Unterhaltung mit einem skeptischen Blick. "Meine Güte, so viele Schmeicheleien habe ich nicht mehr gehört, seit die jungen Republikaner im College herausgefunden haben, wer mein Vater ist!" kommentierte er sarkastisch.

Jaes Lächeln verblasste zum ersten Mal. Sie starrte Kazdin fassungslos an und erhob sich langsam. Ihre Augen blitzten, als sie sich vor Kaz aufbaute. "Jeremiah ich-merke-gerade-dass-ich-Ihren-zweiten-Vornamen-nicht-kenne Kazdin, jetzt reicht es! Niemand zwingt Sie, an einer zivilisierten Unterhaltung teilzunehmen und meinetwegen können Sie den ganzen Morgen hier sitzen, der Katze mörderische Blicke zuwerfen und düster vor sich hin brüten, aber bitte unterstellen Sie weder Leonora noch mir niedere Motive, wenn wir nichts weiter tun, als höfliche Konversation zu betreiben!"

"Wie lange können Sie eigentlich reden, ohne Luft zu holen?" erkundigte sich Kaz eiskalt.

"Eine, lange, lange Zeit!" Jae schleuderte die Gebärden beinahe zurück. Ihre Augen glänzten jetzt heller als geschmolzenes Gold und sprühten vor Wut. "Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben? Nichts anderes?" Ungläubig starrte sie Kazdin an. <Er würde den perfekten Kriegsgefangenen abgeben!>

"Nein."

Jae begann sich ernsthaft zu überlegen, ob ihre Krankenversicherung Psychotherapie beinhaltete. Sie würde sie brauchen, wenn sie diesen Fall beendet hatte. "Was soll das heißen, nein?"

"Das Wort Nein wird benutzt, um Ablehnung auszudrücken, Weigerung, Verleugnung, Negation, andere Meinungen," erklärte Kazdin überheblich.

Jae schob ihren Teller von sich. "Ich geb’s auf!" sagte sie mit heftigen Gebärden. Beim letzten Wort krachte ihre Faust gegen ein zierliches Tischchen neben dem Wohnzimmertisch, auf das Leonora die Kaffeekanne platziert hatte. Die Beine des eher zur Zierde gedachten Möbelstückes knickten weg und die Trümmer landeten mitsamt der Kaffeekanne auf dem Boden. <Oh, Mis... mein Gott !>

Leonora war neben ihr erstarrt und auch Jae blickte einen Moment lang nur betroffen auf die Trümmer, bevor sie sich automatisch in Bewegung setzte, um Putzzeug und Besen zu holen und damit die Scherben zusammenzukehren.

Als sie die Verbindungstüre zur Küche erreichte, sah sie gerade noch, wie Leonora sich an Kazdin wandte. "Señor Kaz, ich habe im Moment wieder sehr mütterliche Gefühle für Sie."

"Hm, das ist nett," antwortete Kazdin abwesend. Er schien ein wenig geschockt vom plötzlichen Ausbruch der sonst so sanften Marine Corps-Offizierin.

"No, Señor Kaz, ist es nicht – ich möchte Ihnen am liebsten eine Ohrfeige geben und Sie ohne Essen auf Ihr Zimmer schicken!" erklärte die Puertoricanerin unmissverständlich und folgte Jae in die Küche hinaus.

Einige Minuten später kehrten beide mit Besen und Schaufeln bewaffnet ins Wohnzimmer zurück.

Kaz erhob sich, umrundete den Tisch und blieb unmittelbar vor Jae stehen. Er überragte sie um gut einen Kopf und seiner Haltung nach zu urteilen, war er sich seiner körperlichen Überlegenheit wohl bewusst.

Jae wich nicht einen Zentimeter zurück und hielt seinem Blick stand, obwohl sie für einen Moment nicht sagen konnte, wie er, der ja unter Mordverdacht stand und einen bewaffneten Offizier ‚versehentlich’ krankenhausreif geschlagen hatte, reagieren würde. Dann nahm ihr Kaz wortlos den Besen an der Hand und begann, wortlos die Trümmer zusammenzufegen.

"Das nächste Mal, wenn Sie wütend auf mich sind, sollten Sie vielleicht lieber mich schlagen," sagte er, nachdem er Leonora den Besen wieder zurückgegeben hatte, "Ich bezweifle, dass ich soviel wert bin wie dieser Tisch."

"Oh Gott," dehnte Jae und ihr Südstaaten-Akzent kam deutlicher zutage, als sie die Trümmer des scheinbar so kostbaren Tisches begutachtete und dann schluckte, "Wie viel war er wert?"

Kazdin verschränkte für einen Moment die Arme. "Ich weiß es nicht genau. Er wurde für den damaligen Präsidenten Andrew Jackson gemacht. Es ist ein einmaliges historisches Stück. Unersetzbar." Er sah sie vielsagend an, aber Jae konnte jetzt das amüsierte Funkeln in den blauen Augen und das Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, erkennen.

"Unersetzbar, hm?"

Kaz grinste kurz. "Würden Sie sich besser fühlen, wenn Sie wüssten, dass ich den Tisch in meiner College-Zeit auf einem Flohmarkt gekauft und vier Dollar dafür bezahlt habe?"

"Uff!" Jae wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn. "Bedeutet das, dass ich keine Niere verkaufen muss, um den Schaden bezahlen zu können?"

"Keine Niere," bestätigte Kazdin mit gespielter Ernsthaftigkeit, "Aber Sie schulden mir vier Dollar."

Jae lachte, über den plötzlichen Stimmungsumschwung ihres temperamentvollen Gastgebers ein wenig aus der Bahn geworfen. Die Katze, die von dem ganzen Spektakel von ihrer Milchschale weggescheucht worden war, strich ihr beruhigend um die Beine. Jae hob sie hoch und kraulte sie unterm Kinn. "Komm, kleine Hexe, lass uns dich mal rausbringen." Sie wollte nicht riskieren, an diesem Morgen noch einen Streit mit ihrem Gastgeber zu beginnen, diesmal über die unerwünschte Anwesenheit der Katze.

"Danke," kam es überraschenderweise von Kazdin.

Jae fragte sich, ob er wusste, dass seine plötzliche Höflichkeit mindestens ebenso irritierend war, wie zuvor seine Unfreundlichkeit. Vielleicht war auch sie einfach nur eine Taktik, um sie zu verunsichern?

Kazdin sah Jae und der Katze fast erleichtert hinterher, bis er bemerkte, in welche Richtung sie ging. Mit zwei langen Schritten holte er sie ein. "Wohin wollen Sie?"

Jae wies zum zweiten Ausgang, der nicht nach draußen, sondern zur Garage führte. "Zur Garage."

"Garage? Aber dieser Dämon in Katzengestalt kann nicht raus, wenn Sie sie da reintun!"

"Es regnet, Kaz. Ich werde mich um ein Katzenkistchen für sie kümmern." Jae bemerkte Kazs grimmigen Blick und fügte schnell hinzu: "Bitte? Ich lasse sie auch raus, bevor ich irgendwohin gehe, versprochen! Okay?"

Kaz seufzte. "Okay."


1115 Z-Zeit (07:15 Uhr EDT)
Chegwiddens Strandhaus
Hilton Head Island, South Carolina

Mac Hals schmerzte als sie das letzte Stück Toast unter Chegwiddens wachsamen Augen hinunterschluckte und einen großen Schluck Kaffee nahm. Sie hoffte, dass ihr Magen weiterhin ruhig blieb. Das stechende Hämmern in ihrem Kopf hatte sich auf ein dumpfes Dröhnen reduziert, nachdem sie eine Kopfschmerztablette genommen hatte. <Wenn es irgendeinen Teil meines Körpers gibt, der nicht schmerzt, so habe ich ihn bisher noch nicht gefunden,> dachte Mac, als sie sich vorsichtig vorbeugte, um ihre Kaffeetasse abzustellen.

Das Schwierigste daran war, den Admiral nichts davon merken zu lassen und wenn sie sich seinen durchdringenden Blick so ansah, dann war entweder ihr schauspielerisches Talent geringer, als sie gedacht hatte, oder er kannte sie inzwischen einfach zu gut. Jedenfalls hatte er sie während des gesamten Frühstücks kaum aus den Augen gelassen.

"Major, ich hätte gerne, dass Sie noch einmal das Lazarett des Stützpunktes aufsuchen und Lieutenant Yetman noch einmal fragen, ob ihm noch etwas eingefallen ist," unterbrach Chegwidden die Stille in der Küche, "Fragen Sie ihn vor allem auch nach Kazdins Handy und ob es möglicherweise das war, was er auf den Boden fallen hörte. Und wenn Sie schon mal da sind, lassen Sie sich doch gleich vom einem der Ärzte durchchecken und sich etwas gegen Ihre Kopfschmerzen und Ihren nervösen Magen verschreiben."

Mac warf fast die Kaffeekanne um in ihrem Bemühen, möglichst schnell zu protestieren. "Das ist nicht nötig, Sir, mir geht’s schon wieder ausgezeichnet," versicherte sie möglichst energisch, "Ich glaube, es ist nur eine ganz harmlose Erkältung." Sie versuchte, dem Blick ihres Vorgesetzten standzuhalten, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

"Soooo?" Chegwidden war der einzige, der aus ‚so’ ein fünfsilbiges Wort machen konnte. "Sie glauben das also?" dehnte er und sein Tonfall war von jener gefährlichen Ruhe geprägt, von der Mac wusste, dass sie jederzeit in ein wütendes Knurren umschlagen konnte, "Ich habe keine Lust, den ganzen Montag beim Ausfüllen seitenlangen Papierkrams zu verbringen, weil Sie mit einer gefährlichen ‚Ich glaube’ im Krankenhaus liegen! Sie lassen sich untersuchen und wenn es sein muss krank schreiben, Major!"

"Ja, Sir." Mac wusste, dass sie jetzt bei Chegwidden den Punkt erreicht hatte, an dem es besser war, keinerlei Diskussionen mehr anzufangen. Außerdem hatte er, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, nicht ganz unrecht. Zwar fühlte sie sich schon besser als die Nacht zuvor, aber sie war nicht gerade auf der Höhe ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit.

Eine knappe Stunde später fand Mac sich daher in den spiegelblank geputzten Korridoren des Stützpunktlazaretts wieder. Diesmal war sie ausnahmsweise fast froh um ihren beeinträchtigen Geruchssinn, denn er ersparte ihr, den typischen Krankenhausgeruch, der von diesem Ort ausging und mit so vielen unschönen Erinnerungen verbunden war, wahrzunehmen. Einer der Militär-Sanitäter sagte ihr, dass Lieutenant Yetman bereits entlassen worden war und eigentlich hatte Mac auch nicht wirklich damit gerechnet, den jungen Offizier noch hier anzutreffen. Sie hatte Chegwiddens Trick längst durchschaut.

Ein Arzt kam mit einer großen Kaffeetasse den Gang hinab und lehnte sich gegen den Tresen der Rezeption, um kurz mit dem Sanitäter zu sprechen. Mac, die das seltsame Gefühl hatte, den älteren Mann schon einmal gesehen zu haben, beschloss, ihn anzusprechen, da er es nicht sonderlich eilig zu haben schien. Er sah aus wie jemand, der hier schon so viele Jahre Dienst tat, dass er sich von nichts so schnell aus der Ruhe bringen ließ. "Entschuldigung... ich bin Major MacKenzie von JAG, Doktor...?"

"Billingsgate. Wie kann ich Ihnen helfen?" sagte der Arzt sofort hilfsbereit und musterte sie neugierig.

"Ehrlich gesagt... mit einem Kopfschmerzmittel." Mac grinste verlegen.

Der Arzt lachte und begutachtete Mac noch aufmerksamer. "Lange Nacht?"

Mac schüttelte den Kopf, der daraufhin wieder zu pochen begann. "Nein, ich schätze, ich habe mir einfach nur eine gute, altmodische Erkältung zugezogen."

"Mmmhm." Doktor Billingsgate prüfte ihren Puls und legte ihr kurz die Hand auf die Stirn. "Übelkeit? Erbrechen? Halsschmerzen?"

Mac nickte dreimal widerwillig. Sie kam sich vor wie ein Pferd, das von potentiellen Verkäufern begutachtet wurde und sie schwor sich, einen Schlussstrich zu ziehen, sobald der Arzt ihre Zähne sehen wollte. Der Gedanke brachte sie trotz des watteartigen Zustandes ihres Kopfes fast zum Lachen.

"Ich kann Ihnen etwas gegen Ihre Grippesymptome geben, aber ehrlich gesagt, ein paar Tage Bettruhe wären besser als Tabletten," mahnte der alte Offizier und Militärarzt.

"Das ist im Moment unmöglich, Doktor!" wehrte Mac sofort ab. Nicht, dass er noch auf die Idee kam, sie wirklich krank zu schreiben.

Billingsgate sah sie kritisch an. "Haben Sie im Moment viel Stress bei Ihrer Arbeit?"

Mac zuckte möglichst lässig die Schultern. "Nein, nicht mehr als sonst. Fälle wie dieser sind reine Routine." Wenn sie ehrlich war, dann stimmte das nur zum Teil. Erstens war kein Fall wie der andere und sie hatte immer noch feuchte Hände, wann immer sie einen Gerichtssaal betrat. Zweitens setzte es sie unter Stress, dass bei dieser Ermittlung so viele Erinnerungen an ihre Jugend zutage gefördert wurden. <Und diese Anrufe helfen auch nicht gerade!>

"Na schön," gab der Mediziner nach, "Bitte folgen Sie mir."


1314 Z-Zeit (09:14 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Kaz ging im Wohnzimmer auf und ab und wartete ungeduldig darauf, dass Cavanaugh ihr Telefonat endlich beenden und ihm die Neuigkeiten mitteilen würde. Die Marine Corps-Ausbilderin sprach zu schnell, als dass er von ihren Lippen hätte ablesen können, aber er vermutete, dass der Anrufer einer seiner Anwälte war. Er hatte seit vorgestern nichts mehr von den JAG-Offizieren gehört. Vermutlich steckten sie mitten in ihren Ermittlungen, da seine Artikel-32-Anhörung schon in drei Tagen stattfinden sollte.

Jae schaltete endlich ihr Handy aus und drehte sich zu ihm um.

Kaz stellte fest, dass sie nicht lächelte, was selten genug bei ihr vorkam, um ihn sofort zu alarmieren. Waren die Anwälte auf Beweise gestoßen, die ihn noch mehr belasteten?

Jae strich sich nervös eine Strähne ihres goldblonden Haares hinters Ohr zurück. "Mister Kazdin... Kaz, ich weiß, das kommt jetzt ungelegen, aber ich brauche ein paar Tage frei..."

"Was?" Kaz ließ seine Hände mit Nachdruck aufeinander klatschen. "Was soll das heißen? Sie wollen den Fall niederlegen?"

"Nein, nein, das ist es nicht," beteuerte Jae mit dem Blick eines Rehs, das von Jägern in die Enge getrieben wird, "und von Fall niederlegen könnte man ohnehin nicht sprechen, weil ich keine Anwältin bin. Im Moment brauchen Sie mich doch eigentlich gar nicht und ich benötige nur ein paar Tage... oder auch nur heute, wenn es sein muss."

"Es muss sein!" <Was zum Teufel soll das? Warum ist plötzlich alles Andere wichtiger als meine Verteidigung, hm?> Kaz fragte sich, ob der Streit, den er gestern mit Cavanaugh gehabt hatte, sie gegen ihn eingenommen hatte. Hatte sie darum gebeten, von dem Fall abgezogen zu werden?

"Okay," gab Jae nach, "ich bin spätestens heute Nachmittag wieder zurück, aber machen Sie sich darauf gefasst, dass ich jeman..."

"Heute Nachmittag und nicht später!" unterbrach Kaz. Er würde sich auf keinen Fall auf irgendwelche Diskussionen mit ihr einlassen. Wenn er eines von seinem Vater gelernt hatte, dann war das, wie man sich über Widerstand einfach hinwegsetzte und seinen Willen bekam. Philip Kazdin hätte sogar diese redselige Südstaatlerin einfach gegen die Wand reden können, davon war er überzeugt.

"Na schön." Jae schnappte sich die Schlüssel ihres Mietwagens und war auch schon aus der Türe.

Kaz ging vor sich hin brütend zum Kühlschrank, aber noch bevor er ein Bier unter einem Berg von Salat, den Leonora dort platziert hatte, finden konnte, stand Jae wieder vor ihm.

"Das Auto springt nicht an!"

Kaz schlug die Kühlschranktüre zu. "Ach ja? Was machen Sie eigentlich die ganze Zeit mit Ihren Mietwagen?" <Mehrzahl!> Kaz rollte mit den Augen. Er hatte ihr ja gleich gesagt, dass sie sich kein Mietauto nehmen sollte. "Ich wäre wirklich gerne Ihr Automechaniker! Er muss ein reicher Mann sein."

"Hey, ich kann doch wohl nichts dafür, wenn man mir zuerst einen Wagen andreht, dessen Tachonadel klemmt und dieser hier nun nicht anspringen will!" verteidigte sich Cavanaugh.

"Natürlich!" Kaz schnaubte ironisch. "Und die Mietwagen-Gesellschaft ist auch schuld daran, dass Sie drei Strafzettel in weniger als drei Tagen kassiert haben! Wie haben Sie das eigentlich geschafft?"

Jae grinste verlegen. "Lassen Sie uns einfach sagen, dass es mit einem wirklich schlechten Tag begann."

"Der zwei Tage später endete?" Kaz blickte sie spöttisch an.

"Hören Sie, Kaz, ich brauche wirklich dringend ein Auto, kann ich nicht Ihres ausleihen? Nur für heute? Bitte?" Sie setzte ihren ganzen Südstaaten-Charme ein und bedachte ihn mit einem Lächeln, mit dem sie Kühlschränke an Eskimos hätte verkaufen können.

"Oh nein, kommt nicht in Frage, ‚Crash’! Ihr Ruf eilt Ihnen voraus! Mein Auto bekommen Sie nicht!"

Jaes Schultern sanken herab. Ratlos starrte die sonst so energische junge Frau auf den nutzlosen Autoschlüssel in ihrer Hand.

Kaz beobachtete einige Sekunden lang, wie ihre schlanken Finger mit dem Schlüsselanhänger spielten. "Ich kann Sie fahren," sagte Kaz, noch bevor er es sich anders überlegen konnte. Er hielt für einen Moment den Atem an und hoffte, dass er gerade nicht gebärdet hatte, was seine Augen ihm da mitteilten.

"Das würden Sie tun?" Jae strahlte.

Er hatte. Kaz stöhnte innerlich auf. "Nur zum Wohle meines Autos natürlich."

Das Lächeln der jungen Frau kam ins Wanken, als ihr plötzlich etwas einfiel. "Ab Sie dürfen die Stadt nicht verlassen."

"Sind Sie nun meine richterlich verordnete Aufpasserin oder nicht?"

"Okay, lassen Sie uns gehen!" Mit ihrem gewohnten Schwung setzte Jae sich in Bewegung. Kaum in der Garage steuerte sie die Fahrertüre des Dodge Dakota an und streckte mit einem verschmitzten Grinsen die Hand nach dem Autoschlüssel aus.

Kaz riss ihr das begehrte Stück vor der Nase weg. "Nur über meine Leiche! Sie warten hier, bis ich den Dämon vor die Türe gesetzt habe!" Suchend sah er sich nach der schwarzen Katze um, die Jae inzwischen ‚Merlin’ getauft hatte. Er fand ‚Dämon’ nach wie vor passender für das Ungeheuer, das seit gestern in seiner Garage hauste.

Schließlich entdeckte er die Katze zusammengerollt auf einem Stapel alter Putzlappen auf einem der Regale. Die gelb-grünen Augen, die sich deutlich gegen das tiefschwarze Fell abhoben, blickten ihn aufmerksam an.

"Wehe du beißt mich!" warnte Kaz, während er näher trat, "Ich habe gehört, die NASA sucht noch nach Versuchstieren für ihren nächsten Flug zum Mars." Kaz erster schneller Fangversuch schlug fehl, als Merlin einen Satz machte, um den zupackenden Menschenhänden zu entgehen, und auf dem Boden der Garage landete.

Kaz warf einen schnellen Blick über die Schulter zurück, aber Jae lehnte scheinbar ohne ihn zu beobachten an der Beifahrertüre des Dodge. Er drehte sich wieder zur Katze um und drohte ihr mit dem Finger. "Hör mal gut zu, du Teufel in Katzengestalt. Du gehörst hier nicht her. Ich habe keine Zeit für eine Katze und es ist mir egal, was deine Ziehmutter sagt. Also, lass uns dich hier rausbringen."

Die Katze bewegte sich in einem Kreis um den hochgewachsenen Menschen herum, immer gerade knapp außerhalb der Reichweite seiner Hände.

Kaz öffnete die Garagentüre und machte eine scheuchende Handbewegung in Richtung Katze.

Merlin setzte sich und fing gemütlich an, sich zu putzen.

"Hör mal her, ich habe zuviel zu tun, um hier herumzustehen und mit dir sprechen zu können! Also, würdest du dich jetzt wieder nach draußen verziehen oder ich werde..." Kaz suchte nach etwas, was einer Katze bedrohlich genug erscheinen würde und gab dann mit einem spöttischen Kopfschütteln, das seinen Versuchen, eine Katze zu bestechen, galt, auf. "Du gehst jetzt sofort raus!" Er zeigte fordernd auf die offene Garagentüre.

Zwei Katzenaugen blickten ihn unverwandt an.

Jae schob sich zwischen die beiden Kontrahenten. "Vielleicht versuchen Sie es mal mit Höflichkeit?" schlug sie schmunzelnd vor.

Kaz starrte sie an, aber als sie seinen Blick nur stumm erwiderte, gab er nach. "Bitte!" wandte er sich mit einer guten Portion Selbstverachtung an die Katze.

Die schwarze Katze erhob sich ohne jede Eile und marschierte majestätisch an ihm vorbei zur Türe hinaus.

Die Fahrt verlief ohne große Unterhaltung, weil Kaz seine Hände am Lenkrad und die Augen auf die Straße gerichtet halten musste. Er beobachtete die Schilder am Wegrand und versuchte zu erraten, was Jaes Ziel sein mochte. Sie fuhren nach Süden, Richtung Georgia. "Wohin fahren wir denn überhaupt?" erkundigte er sich bei der nächsten Gelegenheit.

"Nach Savannah."

"Savannah in Georgia?"

Jae nickte. "Meine Eltern leben dort." Sie lächelte voller Zuneigung, als sie ihre Eltern erwähnte, und schien sich sehr darauf zu freuen, sie zu sehen. "Ich bin seit fast zwei Wochen nicht mehr zuhause gewesen," fügte sie erklärend hinzu.

<Oh, ganze zwei Wochen? Ich bin seit mindestens vier JAHREN nicht mehr zuhause gewesen, außer natürlich für den gelegentlichen Presseauftritt mit Familienfoto – nicht dass ich das Haus meiner Eltern überhaupt als zuhause bezeichnen würde.> Kaz stellte wieder einmal fest, dass er und Cavanaugh so verschieden voneinander waren, wie es überhaupt nur möglich war, wollte man noch derselben Spezies angehören. Die Familie, in der sie aufgewachsen war, musste das genaue Gegenteil von seiner sein, aber er besaß nicht genügend Phantasie, um sich Eltern vorstellen zu können, die die Jugend eines so lebhaften, eigensinnigen Kindes wie Jae unbeschadet überleben würden. Aber wie es aussah, brauchte er das auch gar nicht – er würde sie in Kürze kennen lernen.

Eine drei Viertel Stunde später dirigierte Jae ihn durch die Straßen von Savannah. Die älteste Stadt Georgias lag an der Mündung des Savannah Rivers, der die Grenze zwischen Georgia und South Carolina bildete, in den Atlantischen Ozean.

Kaz hatte bereits beruflich in Savannah zu tun gehabt und wusste, dass die Stadt etwas ganz Besonderes war. Als eine der ersten Städte der USA war Savannah nach einem bestimmten Plan angelegt worden: Alle Grundstücke grenzten an einen von ursprünglich 24 begrünten Plätzen. Diese Parks mit ihren verzierten Springbrunnen, Denkmälern und schattenspendenden Bäumen waren noch immer ein beliebter Treffpunkt der Bewohner von Downtown Savannah.

Hier in Savannah herrschte noch immer die Atmosphäre des Alten Südens. Die alten Südstaatler waren so gastfreundlich und höflich wie ihr Ruf es behauptete. Sie plauderten gerne, waren kontaktfreudig und schienen keine Hektik zu kennen.

Wenn Kaz sich die historischen Gebäude ansah, die alten Baumwolllagerhallen unten am Fluss und die baumgesäumten Alleen mit dem silbrig-grauen Spanish Moos, das von den Eichen hinunterhing, dann drängte sich ihm manchmal der Eindruck auf, dass sich hier seit dem Bürgerkrieg nicht viel verändert hatte. Es war, als betrete man eine vollkommen andere Welt.

"Hier rechts, bitte," wies Jae ihn an.

"Wow," kommentierte Kaz fast gegen seinen Willen beeindruckt, als er den Wagen in die Auffahrt lenkte, "Hier leben Ihre Eltern?"

Jae lächelte. "Nicht gerade der Wohnwagen, den Sie sich vorgestellt haben, oder?" In ihren Gebärden lag keine Schärfe, sondern nur ein sanftes Necken.

Sie stiegen aus und Jae führte ihn über den Rasen. Kaz sah sich aufmerksam um. Das alte Haus mit der großen, weißen Veranda war umgeben von einem blühenden Meer aus Blumen aller Arten - Azaleen, Kamelien, Magnolien - und alten Eichen, die mit Spanish Moss bedeckt waren. Kaz fühlte sich plötzlich in "Vom Winde verweht" versetzt.

Jae öffnete die Türe, ohne zu klingeln oder zu klopfen.

<Noch ein Unterschied zwischen uns,> stellte Kaz fest. Er hätte nie ohne Vorwarnung das Haus seiner Eltern betreten, aber Cavanaugh trat ein, als fühle sie sich hier nicht als Gast – und vermutlich war es auch so.

Kaz sah sich um. Zu seiner linken war ein großes Wohnzimmer mit einem offenen Kamin. Eine breite Treppe führte hinauf in den ersten Stock. Eine dösende Katze lag unter einer Zimmerpalme im Flur. Alles sah so aus, dass es Kaz nicht gewundert hätte, wenn Scarlett O’Hara ihnen auf der Treppe, die sie eben hinaufstiegen, entgegen gekommen wäre.

"Das hier ist mein altes Zimmer," erklärte Jae und öffnete eine der Türen, um den Blick auf ein Zimmer mit einem breiten Bett, einem Punching Ball in er Ecke und einer auf den Balkon führenden Türe frei zu geben. Eine Wand des Zimmers war vom Boden bis zur Decke mit einem weiten Spektrum von Büchern bedeckt.

Kaz wusste inzwischen, dass Jae genau wie er ein geradezu zwanghafter Leser war. <Sie liest praktisch alles, von Fantasy über historische Romane bis hin zur Rückseite von Cornflakes-Schachteln!>

"Mama und Papa haben unsere Räume unverändert gelassen und halten sie immer für uns bereit, falls einer von uns mal nach Hause zurückkommen möchte. Bisher war das nur bei Dan, meinem ältesten Bruder, nötig. Seine Frau Anna hat ihn rausgeworfen, als er ihr im letzten Schwangerschaftsmonat bestätigte, sie sei fett." Jae lachte, vermutlich erinnerte sie sich jetzt an den Vorfall.

"Autsch!" kommentierte Kaz, der sich nicht einbildete, auch nur das geringste über schwangere Frauen zu wissen, während er daran dachte, dass seine Eltern sein Zimmer in ein Büro verwandelt hatten, kaum dass er die Türe hinter sich geschlossen hatte, um ins College zu gehen.

"Kommen Sie, ich stelle Sie der Familie vor." Jae legte ihm leicht die Hand auf den Arm, um ihn in die richtige Richtung zu steuern.

Kaz hatte das Gefühl, als begänne seine Haut sofort zu jucken, aber er erduldete die Berührung für einen Moment.

"Mama? Papa?" rief Jae laut durchs Haus.

Kaz runzelte die Stirn. Hatte er das richtig von ihren Lippen abgelesen? Nannte sie ihre Eltern wirklich ‚Mama’ und ‚Papa’? Er wusste dass das in manchen Teilen des Südens so üblich war; in Städten wie New Orleans zum Beispiel wurde Französisch ebenso häufig wie Englisch gesprochen. Er selbst hatte seine Eltern nie anders als mit einem formalen Mutter und Vater angesprochen.

Jae öffnete die Küchentüre. Eine kleine Frau, die man sofort als Jaes Mutter erkennen konnte, saß am Küchentisch und warf immer wieder einen Blick auf den Kuchen im Ofen. Ohne die Neuankömmlinge zu bemerken, blätterte sie mit der linken Hand in einem Buch, während ihre Rechte die rot-getigerte Katze streichelte, die auf ihrem Schoß lag. Diese Bewegung fing Kazs Aufmerksamkeit ein. Er bemerkte die Art, wie sie ihre Hand immer wieder sinken ließ, nur um sie dann wieder zum Kopf der Katze zu heben, wenn diese sie auffordernd anstupste. Es war die automatische Bewegung eines Menschen, der es gewohnt war, sich um die Bedürfnisse der Lebewesen um ihn herum zu kümmern.

Jae trat neben die Frau, die dasselbe goldblonde Haar wie sie hatte, und legte ihr sanft eine Hand auf den Arm. Mrs. Cavanaugh schreckte hoch. "Jae! Du bist schon hier?" gebärdete sie rasch und schloss ihre Tochter herzlich in die Arme.

Kaz wandte den Blick ab, ein wenig überrascht über die offensichtliche Gehörlosigkeit ihrer Mutter und verlegen, Zeuge dieser innigen Begrüßung zu werden.

Doch Mrs. Cavanaugh bemerkte ihn und ergriff – sobald sie Jae aus ihren mütterlichen Armen entlassen hatte - sofort herzlich seine Rechte mit ihren beiden zierlichen Händen. "Jae, übersetzt du bitte für mich?" fragte sie ihre Tochter, nachdem sie Kazs Hand wieder freigegeben hatte.

Kaz bewunderte die Gebärden der älteren Frau, sie waren elegant, weich und fließend, nicht knapp, nüchtern und praktikabel wie seine eigenen. Man bemerkte, dass sie im Gegensatz zu ihm selbst mit der Gebärdensprache aufgewachsen war. "Das ist nicht nötig, Mrs. Cavanaugh – ich bin gehörlos und verstehe, was Sie sagen." Er fühlte sich ein wenig seltsam dabei. Schon oft hatte er Menschen verständlich machen müssen, dass er gehörlos war und als Folge davon mit Unsicherheit, Schweigen, Verlegenheit und Vorurteilen auf Seiten seines Gegenüber zu kämpfen gehabt. Auf andere Gehörlose traf er nur selten und daher wusste er jetzt nicht genau, was er zu erwarten hatte.

"Ah, um so besser – Jae lässt beim Übersetzen ganz gerne Dinge aus, die sie in Verlegenheit bringen. Sieht so aus, als könnte ich Ihnen jetzt ungestört alle ihre Jugendstreiche erzählen." Jaes Mutter lächelte warm. "Ich bin Helen Cavanaugh, Jaes Mutter – aber das haben Sie sich sicher schon gedacht. Nennen Sie mich ruhig Helen. Hatten Sie eine gute Fahrt?"

"Ähm, ja, danke," antwortete Kaz ein wenig überrumpelt von ihrer Herzlichkeit. "Mein Name ist Jeremiah Kazdin."

"Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Mint Julep vielleicht?"

"Nein, danke, Mama," mischte sich Jae ein, "Höchstens einen Eistee - Kaz ist gefahren, weil mein Mietwagen nicht anspringen wollte."

Wenige Sekunden später hatte ihm Helen Cavanaugh bereits ein Glas Eistee in die Hand gedrückt, der so süß war, dass Kaz nur aus reiner Höflichkeit daran nippte.

"Wo hast du diesen netten jungen Mann kennen gelernt, Jae?" wandte sie sich an ihre errötende Tochter.

"Mama!" Jae rollte mit den Augen.

"Jacqueline Aliya Elisabeth Cavanaugh! Das war eine völlig harmlose Frage – bekommt deine alte Mutter jetzt eine Antwort oder nicht?"

<Jacqueline Aliya Elisabeth?> Kaz hatte nicht gewusst, dass ihr Rufname aus den Anfangsbuchstaben ihrer drei Vornamen zusammengesetzt war.

"Wir haben beruflich miteinander zu tun," erklärte Jae nichtssagend.

Kaz atmete insgeheim auf. Er wusste Jaes Diskretion zu schätzen. Sicher hätte ihn die kleine, freundliche Frau nicht so herzlich in ihr Haus aufgenommen, wenn sie gewusst hätte, dass er unter Mordverdacht stand und einen bewaffneten Offizier krankenhausreif geschlagen hatte.

"Wo kommen Sie her, Jeremiah?" erkundigte sich Jaes Mutter interessiert und sprach ihn sofort mit dem Vornamen an, so wie das hier im Süden Sitte war.

"Kaz."

"Wo liegt das denn?" fragte Helen Cavanaugh mit demselben schalkhaften Grinsen, das Kaz schon von ihrer Tochter kannte.

"Mama! Du weißt genau, was er meint!"

Helen fuhr ihrer Tochter spielerisch durchs Haar. "Ich konnte einfach nicht widerstehen, tut mir leid." Sie lächelte Kaz an.

Kaz, noch immer etwas überwältigt von der Erfahrung, Jaes lebensfrohe Mutter kennen zu lernen, stellte fest, dass er Mühe hatte, eine grimmige Miene beizubehalten. "Ich wohne in Beaufort, drüben in South Carolina."

"Und wo kommen Sie ursprünglich her, Kaz?"

"Ich hab schon fast überall gelebt, Ma’am... Helen," erklärte Kaz, der keine große Lust hatte, seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, "aber geboren wurde ich in Cleveland, Ohio."

"Oh."

Helen Cavanaugh und ihre Tochter wechselten einen vielsagenden Blick, dann lachte Jae. "Ich wusste, dass Sie ein Yankee sein müssen! Und dann auch noch Cleveland – mit der Stadt, aus der Ulysses Simpson Grant und William T. Sherman stammen, sammeln sie nicht gerade Punkte bei meiner Mama."

Kaz zuckte nur die Schultern. <Ist ja nicht so, als ob ich das vorgehabt hätte!>

Helen versetzte Jae einen leichten Klaps. "Hören Sie nicht auf sie, sie war einfach nur zu lange nicht mehr zu Hause und hat ihre Manieren vergessen!"

Die Küchentüre öffnete sich und ein großer Mann tauchte im Türrahmen auf. "Na, wenn das nicht meine Lieblingstochter ist!" Er war einen Kopf größer als Jae und hatte dunkles Haar, aber Kaz glaubte, die Ähnlichkeit mit seiner Tochter in seinem breiten Grinsen zu erkennen. Er verwendete ebenfalls die Gebärdensprache, aber seine Bewegungen hatten nicht die fließende Leichtigkeit, die Kaz von Jaes und Helens Gebärden kannte. Er musste die Gebärdensprache erst spät in seinem Leben gelernt haben.

"Einzige Tochter, Papa," erinnerte Jae lächelnd und umarmte auch ihn.

"Tut mir leid, dass wir dich so plötzlich zurückrufen mussten, aber..."

"Schon okay, Papa, ihr habt euch die Reise wirklich verdient," unterbrach Jae beruhigend und erklärte an Kaz gewandt: "Meine Eltern haben zum 20. Hochzeitstag von meinem Bruder eine einwöchige Kreuzfahrt geschenkt bekommen."

"Man sollte meinen, einem Marine fiele etwas anderes ein," kommentierte Jaes Vater, von dem Kaz wusste, dass er selbst ein pensionierter Marine war. Er lächelte aber dabei und hielt Kaz die Hand hin. "Jacob Cavanaugh." Seine Frau musste ihm hinter Kazs Rücken ein Zeichen gemacht haben, denn er sprach Kaz sofort in Gebärdensprache an.

Kaz musste zwei Schritte auf ihn zu machen, weil Jaes Vater noch immer im Türrahmen stand, anstatt die Küche zu betreten. "Jeremiah Kazdin."

"Ich bin erstaunt, dass Sie noch nicht aus dem Paradies vertrieben wurden," meinte Jacob Cavanaugh und linste um seine Frau und Tochter herum in Richtung Ofen.

"Mama hat Papa und uns Kinder schon vor Jahren aus der Küche verbannt," erklärte Jae lächelnd, "und sie zu dem Platz ernannt, der ihr allein zusteht. Natürlich waren alle mit dieser Erklärung zufrieden, bis wir entdeckt haben, dass Mama nur während des Kochens gemeint hatte, nicht aber auch während des Abwaschens."

Die versammelte Familie Cavanaugh lachte und Kaz konnte nicht anders als einzustimmen.

"Nicht einmal Davy, mein jüngster Bruder, der das Restaurant von Mama übernommen hat, darf die Küche betreten, während das Essen vorbereitet wird."

"Nur die ‚Ladies’, unsere Schwiegertöchter, haben alle einen Platz am Tisch," fügte Jacob hinzu.

"So werden die Ehefrauen meiner beiden älteren Brüder Sam und Daniel und Davys Freundin genannt." Jae kam mit dem Erklären der Familien-Insiderwitze kaum nach.

Kaz sah von einem zum anderen wie bei einem Tennismatch und ihm fiel kein einziger intelligenter Gesprächsbeitrag ein, so überwältigt war er von dieser lebhaften Familie.

"Ihr Männer habt in meiner Küche auch nichts verloren!" verteidigte sich Helen Cavanaugh.

Jae sah ihre Mutter mit gespielter Entrüstung an. "Und ich?"

Helen schnaubte. "Du bist wilder als die Jungs alle zusammen!"

Jae tat, als hätte sie die letzte Bemerkung nicht gesehen. "Kaz, könnten Sie bitte einen Moment im Wohnzimmer warten, bis ich ein paar Sachen zusammengepackt habe?" Sie geleitete ihren Gast aus der Küche und stieg die Treppe hinauf.

Das Wohnzimmer war warm und gemütlich. Nichts erinnerte an die eleganten Möbel, die teure TV/Video-Anlage und den glänzenden Parkettboden, die er von seinem Elternhaus kannte. Im Haus der Cavanaughs gab es eine abgewetzte Couch, einen riesigen Tisch aus einfachem Eichenholz und der dicke Teppich vor dem Kamin hatte auch schon bessere Tage gesehen. Dies war kein Ort, an dem ein Kind ständig ermahnt wurde, diesen oder jenen Gegenstand nicht anzufassen.

<Apropos Kind...> Unter dem großen Tisch erspähte Kaz einen kleinen Jungen, der ruhig mit einem Dinosaurier-Modell spielte.

Kaz ließ sich am gegenüberliegenden Ende des Raumes in einem Sessel nieder und hoffte, dass Jae zurückkehren würde, bevor das Kind ihn bemerken konnte.

Stattdessen kam jedoch plötzlich ein etwa vierjähriges Mädchen mit fliegenden, blonden Zöpfen ins Zimmer gerannt. Als sie ihn sah, stoppte sie und musterte ihn neugierig. Ein zweites, vielleicht ein oder zwei Jahre älteres Mädchen folgte ihr und beobachtete etwas vorsichtiger über ihre Schulter hinweg den fremden Mann im Wohnzimmer.

Kaz saß mit zunehmender Unruhe im Sessel vor dem Kamin und sah fast argwöhnisch zu, wie die beiden kleinen Mädchen sich ihm näherten. Kleine Kinder machten ihm beinahe Angst. Er würde lieber mit einer Giftschlange ringen als auch nur fünf Minuten mit einem Kleinkind alleine zu sein – und jetzt waren gleich drei davon im Raum und Rettung war nirgendwo in Sicht.

Die jüngere der beiden Mädchen blieb vor ihm stehen, legte den Kopf schief und musterte ihn neugierig. Was sie sah, schien ihr zu gefallen, denn noch bevor Kaz es verhindern konnte kletterte sie samt dem riesigen Plüschtiger, den sie in der Hand hielt, in seinen Schoß. Das ältere Mädchen folgte sofort und es entstand ein Ringkampf um den begehrten Platz.

Kaz begann, sich suchend nach Jae umzusehen. Das jüngere Mädchen nutzte die Gelegenheit, um sich gegen seine Schulter zu kuscheln und es sich gemütlich zu machen. Kaz erstarrte. Jetzt saß er hier fest. Gefangen von zwei Kindergartenkindern. <Oh, Mann!>

Das ältere der Kinder redete munter auf ihn ein, aber Kaz verstand kein Wort von dem, was sie sagte. Nach einer Minute wurde ihr das Ganze langweilig und sie rutschte von seinem Schoß und begann mit dem Jungen am Tisch um ein Spielzeug zu streiten.

Kaz atmete auf. Er sah das zweite Kind auffordernd an und setzte sein bedrohlichstes Gesicht auf, aber das Mädchen schien nicht die geringste Angst vor ihm, dem Fremden, zu haben. Kaz gab es nur ungern zu, aber irgendwie gefiel ihm dieser Mut.

Er ließ die Kleine vor Überraschung fast fallen, als sie ihm plötzlich in perfekter Gebärdensprache mitteilte: "Oma backt einen Kuchen."

"Ähm... toll." Der sonst so wortgewandte Anwalt hatte nicht die geringste Ahnung, worüber man sich mit einem vierjährigen Kind unterhielt oder ob er das überhaupt wollte.

"Bist du mit Mama gekommen?"

<Mama?> "Wer ist denn deine Mama?"

"Jacqueline Aliya Elisabeth Cavanaugh!" verkündete sie in der besten Nachahmung ihrer Großmutter.

Kazs Hände erstarrten in der Luft als er das Mädchen verblüfft anstarrte. Es stimmte. Sie hatte Jaes Augen, dieselbe Haarfarbe und war scheinbar auch ebenso gesprächig. Kaz sah sich um. Alle Kinder im Raum hatten dasselbe goldblonde Haar. <Großer Gott! Sind das etwa alles ihre?>

Er konnte sich, um ehrlich zu sein, die so jugendlich wirkende, lebendige Marine Corps-Ausbilderin nicht einmal als Mutter eines Kindes vorstellen und schon gar nicht von dreien! Sie wirkte einfach zu jung, um schon eine solche Verantwortung zu tragen.

Kaz eigene Mutter war 17 gewesen, als er geboren wurde, und hatte einfach nichts mit ihrem gehörlosen Kind anzufangen gewusst. Ihre Malerei und die zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten und Vereine, denen sie angehörte, hielten sie beschäftigt. Eine lange Kette von wechselnden Kindermädchen, Köchinnen und Dienstboten hatten für Kaz gesorgt, während er aufwuchs. <Und dennoch lebt Mutter in der Fantasie, sie hätten mich völlig alleine aufgezogen.>

Jae kam herein. "Oma sagt, der Kuchen ist fertig," verkündete sie und winkte demonstrativ mit dem großen Stück Kuchen, das sie in der linken Hand hatte, während sie mit der Rechten ein Baby gegen ihren Körper hielt.

Das kleine Mädchen auf Kazs Schoß sprang sofort zu Boden und rannte in Richtung Küche.

<Das Kind hat offensichtlich den Appetit ihrer Mutter!> dachte Kaz, noch immer geschockt.

"Tante Jae!" Der Junge kam unter dem Tisch vor, rannte zu Jae und umarmte sie stürmisch. Offenbar war er das einzige Kind der Familie, das sie noch nicht begrüßt hatte.

Einen Moment lang beneidete Kaz die blonde Frau fast um ihre liebevolle Familie. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn das letzte Mal jemand so umarmt hatte. <Tante Jae,> wieder holte er beinahe erleichtert in Gedanken. Cavanaugh war also nicht die Mutter sämtlicher Kinder im Haus, aber Kaz fand es schon schockierend genug, auch wenn sie nur eines haben sollte.

"Kaz, würde es Ihnen etwas ausmachen...? Nur für einen Moment, während ich mir eine Serviette hole." Jae hielt ihm das Baby hin, das zu strampeln begann, als es den Kontakt mit Jaes Körperwärme verlor.

Kaz blinzelte verblüfft. In seinem ganzen Leben hatte ihm noch niemand ein Kind anvertraut und er hätte nie damit gerechnet, dass es jemals passieren würde. Hatte diese naive Blondine vergessen, dass sie eben im Begriff war, einem mutmaßlichen Mörder ein Baby zu überlassen? Noch dazu einem mutmaßlichen Mörder, der noch nie innerhalb eines 10-Meter-Umkreises von einem Kleinkind gewesen war. "Ähm, vielleicht bin ich nicht unbedingt der geeignete Babysitter... Ich weiß in etwa so viel über Kinder wie über Gehirnchirurgie. Nein, streichen Sie das, ich weiß mehr über Gehirnchirurgie als über Kinder," wehrte Kaz entsetzt ab.

Jae grinste nur und hielt ihm das Kind weiterhin entgegen.

Kaz gab seufzend nach, trat zögernd vor und nahm das Baby unbehaglich entgegen.

Jae sah noch mal über die Schulter zurück, als erwarte sie, dass das Kind auf dem Arm des fremden, steif dastehenden Mannes unruhig werden würde. Zu beider Überraschung sah das Baby in die blauen Augen hinauf, gab begeistert gurgelnde Laute von sich und vergrub sein Gesicht in Kazs Schulter.

Kaz stand erstarrt da und spürte, wie er rot wurde, was ihn maßlos verärgerte. Die längste Minute seines Lebens verging, dann kehrte Jae ins Wohnzimmer zurück und bot Kaz mit einem Grinsen an, das Kind wieder zu nehmen.

Als Kaz erleichtert versuchte, das Baby zurückzugeben, klammerte es sich nur noch fester an ihn und begann zu quengeln.

Jae grinste fast ein wenig schadenfroh als sie den beinahe entsetzten Ausdruck auf Kazs Gesicht sah.

Kaz sah sie hilfesuchend an, aber Jae lächelte nur und deutete auf den hohen Kinderstuhl am Tisch. "Würden Sie sie bitte da reinsetzen?"

Kaz runzelte grimmig die Stirn als er das Kleinkind hochhob, um sie in den Kinderstuhl zu setzen. Die 2jährige lachte vergnügt, zog die Beine an und strampelte, so dass es unmöglich war, sie in den Stuhl zu setzen. "Dieses Kind hat den seltsamen Sinn für Humor Ihrer Tante!" bedeutete Kaz umständlich mit einer Hand.

Er nahm die Beine des Kindes mit einer Hand und schob sie sanft, aber mit Nachdruck unter den Klapptisch des Kinderstuhles. Das Mädchen griff plötzlich nach seinem Hemdkragen und machte es damit unmöglich für Kaz, sich wieder aufzurichten.

Jae hatte scheinbar beschlossen, dass es jetzt endlich an der Zeit war, zur Rettung zu eilen. Sie näherte sich dem Kind und seinem Gefangenen. "Teri," rief sie sanft und das kleine Mädchen vergaß den Hemdkragen sofort und ließ los, um ihre Hände nach ihrer Tante auszustrecken.

Jae nahm eine der kleinen Hände und küsste sie spielerisch. "Gutes Mädchen." Und zu Kaz gewandt schlug sie grinsend vor: "So, jetzt da sie den Hochstuhl gemeistert haben, können Sie sie auch noch füttern." Sie wies auf den Teller auf dem Tisch des Kinderstuhles.

"Das sollten Sie besser übernehmen," wehrte Kaz eilig ab, "Essen nicht-ausgewachsene Menschen überhaupt Rührei?"

"Nein zum ersten und ja zum zweiten Satz," entgegnete Jae vergnügt.

Kaz ließ sich widerwillig am Tisch nieder und studierte das Kind eine Weile wie ein Boxer, der vor dem Kampf seinen Gegner abschätzt. Dann seufzte er und griff nach einer Gabel auf dem Tisch.

Jae nahm sie ihm aus der Hand und drückte ihm stattdessen kommentarlos einen Plastiklöffel in die Hand. "Tun Sie einfach ein bisschen Ei auf den Löffel und blasen sie darauf, damit es nicht zu heiß ist."

Skeptisch hob Kaz den Löffel und blies gehorsam. Dann hielt er Teri das Stück Rührei hin. Sie lachte, griff nach dem Löffel und ließ ihn mit einem vergnügten Glucksen genau auf Kazs Schoß fallen. "Mist!" Kaz hob verärgert eine Augenbraue, während er mit der Serviette seine Hose säuberte. "Das Kind hat mich von oben bis unten mit Ei bekleckert!"

Jae sagte nichts.

Mit grimmiger Miene und fest entschlossen, sich nicht von einer 2jährigen besiegen zu lassen, schob Kaz das nächste Stück Rührei auf den Löffel, blies darauf und hielt es dem Kind erneut hin. Diesmal weigerte sich Jaes Nichte, den Mund zu öffnen, aber eine ei-verschmierte Hand griff in Kazs Haar. Der gehörlose Anwalt knurrte entnervt. "Ich kann wirklich nicht verstehen, warum die Welt überbevölkert ist!"

"Hier," Jae reichte ihm schnell eine Serviette, "das geht so." Sie nahm den Löffel. "Na komm schon, kleine Maus, öffne mal den Mund für deine Tante und ihren gestressten Freund... Klienten, okay? Ja, so ist’s brav..." Sie schob den Löffel elegant in den Mund ihrer Nichte und zog ihn so zurück, dass das Ei im Mund des Kindes zurückblieb.

"Sie scheinen Übung zu haben," kommentierte Kaz, schaffte es aber nicht, seine Gebärden so spöttisch und abwertend wirken zu lassen, wie er es beabsichtigt hatte. Fast gegen seinen Willen musste er die Leichtigkeit und Wärme bewundern, mit der Jae mit den Kindern interagierte.

Jae richtete sich auf und sah ihn an, plötzlich ernst geworden. "Ja, allerdings. Ich habe zwei Nichten und einen Neffen... und Jessie – Jessica, die jüngere der beiden Mädchen, die es eben so eilig hatten, in die Küche zu kommen, ist meine ..."

"Tochter. Hat sie mir schon erzählt," unterbrach Kaz.

"Ja, ich habe gesehen, dass Sie sich schon mit ihr angefreundet haben. Sie mögen Kinder, ja?" Jae lächelte und konnte sich offensichtlich nichts Gegenteiliges vorstellen.

Kaz schluckte. Wie sagte man einer Mutter, dass man ihre Tochter nicht mochte? Noch dazu einer Mutter, die sich bemühte, Kaz zu helfen, obwohl er nicht gerade freundlich zu ihr gewesen war. "Aus der richtigen Entfernung, ja," antwortete er schließlich grimmig.

Jae machte ein unbehagliches Gesicht. "Oh, tja, ich dachte eigentlich, ich könnte Jessie ein paar Tage mit nach Beaufort nehmen... meine Eltern passen normalerweise auf sie auf, während ich arbeite und ich habe mit meinem Vorgesetzten vereinbart, dass mir längere Einsätze, bei denen ich nicht abends zurückkomme, erspart bleiben, aber jetzt... wie gesagt, meine Eltern treten morgen früh eine Kreuzfahrt an und wenn ich weiter an Ihrem Fall arbeiten soll, muss ich sie wohl mitnehmen."

Kaz fragte sich insgeheim, wo der Vater des Kindes steckten mochte. Es fiel ihm bereits schwer, sich Jae als Mutter vorzustellen, aber dass sie scheinbar sogar eine alleinerziehende Mutter war, war noch schwerer zu begreifen. Dennoch wies alles darauf hin: Ihr Nachname war derselbe wie der ihrer Eltern, also war sie unverheiratet, und niemand hatte eine Beziehung erwähnt. Bisher hatte Kaz immer den Eindruck gehabt, dass diese junge, vor Lebensfreude nur so sprühende Optimistin, die offen auf alle zuging, ein völlig sorgloses Leben führte und noch nie schlechte Erfahrungen und harte Zeiten durchmachen musste. Hatte sie es wirklich neben ihrer Karriere alleine die Verantwortung für ein Kleinkind übernehmen müssen? Er hatte keine Ahnung gehabt. Wie es aussah, besaß Jae Cavanaugh die Fähigkeit, Dinge von anderen zu erfahren, ohne selbst zuviel von sich preiszugeben. "Das ist Erpressung!" protestierte Kaz, ohne sich seine Gedanken anmerken zu lassen, "Zuerst schleppen Sie eine Katze in mein Haus, dann ein Kind... was kommt als nächstes?"

Jae grinste. "Nun, ich dachte da an das eine oder andere Reitpferd..."

"Und wenn ich nein sage? Wenn ich kein Kind in meinem Haus haben will? Was wollen Sie dagegen tun?"

"Sie bitten," sagte Jae einfach, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und ging in die Richtung, in die ihre Tochter verschwunden war.


2028 Z-Zeit (16:28 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

"Oh, Mama, können wir sie mit reinnehmen?" Die 4jährige Jessica Cavanaugh sah bettelnd zwischen ihrer Mutter, dem großen Fremden und der schwarzen Katze hin und her. Merlin war auf die warme Motorhaube des Dodge Dakota gesprungen, sobald Kaz den Motor ausgestellt hatte. "Bitte!"

Jae zögerte und schielte zu Kaz hinüber, der mit verschränkten Armen an seinem Wagen lehnte und finster die Katze beobachtete, während er es vorzog, das Mädchen zu ignorieren. "Jessie, das hier ist nicht unser Haus. Du musst schon Mister Kazdin fragen."

Jae sah zu, wie ihre Tochter ihre flehenden, grünen Augen auf Kaz richtete und ihren vollen Cavanaugh-Charme auf ihn anwandte. "Können wir, biiiiitte?" fragte sie, zu ihm aufsehend. Sie benutzte die Gebärdensprache, die sie als ihre zweite Muttersprache für eine 4jährige erstaunlich gut beherrschte.

Kaz stand reglos da und starrte auf das kleine Mädchen hinab, das neben seiner wuchtigen Gestalt wie einer der sieben Zwergen wirkte. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung hatte, wie er mit dem Kind sprechen sollte. "Jessica, richtig?" Er warf Jae einen fragenden Blick zu und sie nickte. "Jessica, dieser Däm... diese Katze gehört nicht ins Haus."

"Wieso? Sie ist doch sooo lieb." Jessie streckte sich, um die Katze auf der Kühlerhaube kraulen zu können.

"Weil... weil... na schön, aber ein Kratzer in meinen Möbeln, ein Riss in der Tapete oder eine sonstige Beschädigung fremden Eigentums und die Katze fliegt sofort wieder raus!" Kazs Gebärden waren an Jae gerichtet.

<Und wir gleich mit?> ging es Jae durch den Kopf. Sie begann sich zu fragen, ob es nicht ein Fehler gewesen war, Jessie mitzunehmen, aber sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen.

"Jaaaa!" jubelte Jessie und sprang begeistert auf Kaz zu und an ihm hoch. Irgendwie schaffte sie es, ihre kleinen Arme um seinen Hals zu schlingen und sie küsste ihn auf die Wange.

Jae wollte den geschockten Mann gerade retten, als Jessie sich wieder zu Boden gleiten ließ und zurück zu ihrer Mutter rannte. Sie stellte wieder einmal fest, wie furchtlos ihre Tochter war. Die 4jährige kannte keine Angst, weder vor dem größten Tier noch vor irgendeinem Mensch. Sie behandelte diesen in den Augen eines Kindes riesenhaften, düsteren Mann mit einer erfrischenden Unvoreingenommenheit.

"Wir gehen durch die Vordertüre," beschloss Kaz, nachdem er seine Wange abgewischt und sich wieder gefangen hatte, "bevor wir Leonora zu Tode erschrecken, wenn wir plötzlich zu dritt vor ihr stehen."

"Ich habe das Gefühl, als ob die ganze Nachbarschaft mich beobachtet," beschwerte sich Jae, während sie Kaz mit Jessica an der Hand über den Rasen folgte.

Kaz zuckte die breiten Schultern. "Das ist wohl auch so," meinte er mit einem spöttischen Grinsen, "Jeremiah Kazdin mit Frau, Katze und Kind – so etwas Aufregendes ist hier nicht mehr passiert, seit die Bordtoilette eines Flugzeuges in den Garten meines Nachbarn gekracht ist."

"Wir werden mit einer Flugzeugtoilette verglichen, wie reizend!" Jae musste dennoch lachen.

Kaz schloss die Haustüre auf und bedeutete seinen Gästen, vor ihm einzutreten, so als wolle er sie lieber im Auge behalten.

Leonora Rosario kam in ihrer Kochschürze aus der Küche und riss die Augen auf, als ein schwarzer, katzenförmiger Schatten an ihr vorbeihuschte. Dann entdeckte sie das Kind an Jaes Seite und ihre Augen wurden noch größer. "Dios mío, haben Sie mir irgendetwas verheimlicht, Señor Kaz?" Leonora lachte und zwinkerte Kaz vergnügt zu.

Jae musste lächeln, als sie Leonoras Blick sah. Die Haushälterin sah sie fast ehrfürchtig an, erstaunt darüber, dass sie es geschafft hatte, nicht nur die Katze sondern sogar noch ein Kind an Kaz vorbei ins Haus zu bringen. Leonora sah sie an, als hätte sie gerade mit einer Hand einen Alligator im Ringen auf dem Wohnzimmerteppich bezwungen.

Kaz sah seine Angestellte düster an. Er schien den bloßen Gedanken, er könne der Vater eines Kindes sein, für absurd zu halten. "Erklären Sie mir noch mal, warum ich Sie nicht längst gefeuert habe!" Seine Gebärden waren grimmig, aber man merkte, dass ihm eher unbehaglich war, als dass er wirklich wütend auf Leonora gewesen wäre.

Leonora wusste, dass sie die Ausbrüche ihres Zöglings nicht persönlich nehmen durfte. "Weil ich 80 Anschläge pro Minute schreibe, Sie ohne mich verhungern würden und ich die einzige Sekretärin / Haushälterin bin, die nicht bei Ihrem ersten Wutanfall auf Nimmerwiedersehen hier rausgerannt ist, claro?"

Kaz verzog das Gesicht. "Leonora, Sie sind gefeuert."

Leonora lächelte unbeeindruckt und schüttelte den Kochlöffel, den sie in der Hand hielt, drohend in seine Richtung. "Sie können mich gar nicht feuern, Señor Kaz - Sie haben mich vom letzten Mal, als Sie mich gefeuert haben, noch nicht wieder zurückgenommen."

Ein Grinsen schlich sich um Kazs Mundwinkel. "In diesem Fall bleiben Sie gefeuert."

Jae fand, dass es an der Zeit war, diese seltsame Situation zu retten. "Leonora, das ist Jessica, meine Tochter."

Leonora presste eine Hand gegen die Herzgegend. "Dios mío!" wiederholte sie ihren Lieblins-Ausruf, "Du hast eine Tochter?" Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ sich die leicht übergewichtige Haushälterin ächzend auf die Knie nieder, so dass sie auf Augenhöhe mit Jessica war. "Ich bin Leonora, niña."

Jessie blickte sie neugierig an, während sie sich vorsichtshalber dicht neben ihrer Mutter hielt. "Bist du Kazs Mama?"

Leonora blinzelte, scheinbar überrascht darüber, dass das Mädchen sie, eine braunhäutige Puertoricanerin für Kazs Mutter halten konnte. "Oh, no, ich bin nicht die mamá – ich bin eine Köchin."

"Meine Oma ist auch Köchin," erklärte Jessie wichtig.

"Sí? Dann kannst du mir helfen?" Leonora kam auf die Füße und streckte dem Kind ihre braune Hand hin.

Jessica blickte fragend zu Jae und als diese zuversichtlich nickte, legte sie ihre Hand vertrauensvoll in Leonoras und folgte ihr in die Küche.

Kaz, der noch Sekunden zuvor Anstalten gemacht hatte, die Küche zu betreten, kehrte um und ließ sich in einem der Sessel nieder.

Jae setzte sich in den Sessel neben ihn und musterte ihn von der Seite. Kaz wirkte emotional erschöpft, so als hätte ihn die Interaktion mit Jaes zugegebenermaßen etwas überwältigenden Familie ungeheuer angestrengt. "Sie sind ein Einzelkind, oder?" fragte sie und schaffte es, zugleich Verständnis und sanften Spott auszudrücken.

Kazs Kopf ruckte herum, als er ihre Gebärden aus den Augenwinkeln wahrnahm. "Ja." Es klang, als wolle er noch etwas hinzufügen, hätte sich aber im letzten Moment dagegen entschieden.

Jae hatte den verschlossenen Mann in den letzten Tagen genügend studiert und glaubte, dass es etwas wie ‚Gott sei Dank’ gewesen sein musste. Kaz schien eine Kindheit verlebt zu haben, die er keiner zweiten Person wünschen würde. "War Ihre Kindheit denn so schlimm? Verstehen Sie sich gar nicht mit Ihren Eltern?" Für Jae, die nie an der Liebe ihrer Eltern gezweifelt hatte, war es nur schwer nachvollziehbar, jeglichen Kontakt abzubrechen.

Sie glaubte, bei ihrer Frage eine Spur von Traurigkeit, ein kurzes Aufflackern von Einsamkeit in Kazs Augen zu sehen, als er sich unbeobachtet fühlte, und er zuckte auf eine Weise die Schultern, die Jae langsam als ein Zeichen von nicht eingestandener Verletzung erkannte. Am liebsten hätte sie ihre Hand auf seine gelegt, um ihn zu trösten. Trotz all der Streitereien glaubte sie, dass sie Freunde sein könnten. Zu dumm nur, dass Kaz noch nichts davon wusste. <Noch nicht.>

Kaz zögerte, aber als Jae seinem Blick ernst und mit einer großen Portion Verständnis begegnete, antwortete er schließlich doch: "Mein Vater ist Politiker."

<Als würde das alles erklären.> "Macht ihn das automatisch zu einem schlechten Vater?" fragte Jae behutsam nach.

Kaz schien eine Weile mit sich zu debattieren, antwortete dann aber doch. "Nein, aber es hilft auch nicht gerade. Meine Eltern waren ständig auf der einen oder anderen Veranstaltung, während sich Kindermädchen und Köchinnen um mich kümmerten. Die kulinarischen Fähigkeiten meiner Mutter sind wahrscheinlich sogar noch mieser als Ihre. Vermutlich kann sie ein Butterbrot machen, aber ich habe nie gesehen, dass sie es tatsächlich tat. Und wenn ich so darüber nachdenke, ich bin sicher, sie würde nie ein Butterbrot essen, also wäre es vergebene Liebesmüh." Kaz schnaubte sarkastisch und fügte dann in einer sichtlichen Bemühung um Sachlichkeit hinzu: "Jedenfalls hat sie nie für mich gekocht."

Jae fiel es schwer, sich Eltern vorzustellen, die die Sorge um ihre Kinder ihren Angestellten überließen. Sie war ungern für längere Zeit von Jessie getrennt, selbst wenn sie wusste, dass sie bei ihren Großeltern gut aufgehoben war. "Nicht mal Tee, wenn Sie krank waren?"

"Nein. Meine Mutter hatte andere Verpflichtungen. Ich wurde praktisch von Hausangestellten aufgezogen, besonders von Leonora. Sie behandelten mich ganz gut, aber meine Eltern fanden immer etwas an ihnen auszusetzen, so dass sie nie sehr lange blieben. Manchmal kam mir fast der Gedanke, dass meine Eltern dafür sorgten, dass sie kündigten, sobald sie merkten, dass ich zu jemandem engere Bande knüpfte." Kaz machte eine Geste, die andeutete, dass er übertrieb, aber doch zeigten seine hellen Augen einen gewissen Ernst.

Jae nickte kaum merklich vor sich hin. <Das würde erklären, warum er so wenig Gefühle gegenüber Leonora zeigt, obwohl sie ihn praktisch aufgezogen hat.>

"Meine Eltern waren einfach nicht darauf vorbereitet, Eltern zu sein, schon gar nicht die eines gehörlosen Kindes..." Kaz zuckte die Schultern als sei das keine große Sache, gehöre längst der Vergangenheit an und könne ihn nicht verletzen.

Jae wusste genau, worüber er da sprach. Durch ihre Mutter und ihren gehörlosen Bruder war sie ganz selbstverständlich mit Gehörlosen zusammengetroffen, während sie aufwuchs, und hatte festgestellt, dass die meisten von ihnen hörende Eltern hatten. Sie konnten nicht wie andere Kinder ganz selbstverständlich mit ihren Eltern kommunizieren, waren von Unterhaltungen ausgeschlossen und erlebten ständig eine Barriere zwischen sich und dem Rest der Welt. Entschieden die Eltern, ihr Kind auf eine der Schulen zu schicken, die den Standpunkt vertraten, eine Integration in die Welt der Hörenden sei nur durch Lautsprache möglich und die daher den Gebrauch der Gebärdensprache verbot, verbrachten sie oft Jahre damit, mühsam die Aussprache einzelner Worte zu lernen und gerieten schnell in einen Bildungsrückstand.

"Es ist ziemlich schnell klar geworden, dass bei mir kein Resthörvermögen vorhanden ist und ich nie wirklich sprechen lernen könnte, aber dennoch haben meine Eltern ständig darauf beharrt, dass ich an meiner Aussprache arbeite. Sie haben mich zu einem Audiologen, Arzt und Sprachtherapeuten nach dem anderen geschleppt und ich musste stundenlang sinnlos die Silben meines Namens wiederholen." Kaz sah auf seine Hände hinab, während sie sich langsam und bedächtig bewegten, und mied direkten Blickkontakt mit Jae, wie das sonst beim Gebrauch der Gebärdensprache üblich war.

Jae begann langsam zu ahnen, dass diese stundenlangen, von dem kleinen Jungen, der Kaz damals gewesen sein musste, als quälend erlebten Sprachübungen der Grund dafür waren, dass er anderen nun verbot, ihn mit seinem Vornamen anzusprechen und lieber ‚Kaz’ genannt werden wollte. Jae vermutete, dass er diesen Spitznamen während seiner Zeit in der Navy bekommen und er ihn behalten hatte, weil er in keinerlei Verbindung mit seinen Eltern stand. Dieser Name war etwas, was er sich ganz allein verdient hatte und das schien wichtig für Kaz zu sein. <Das Haus gehört ihm und der Bank,> erinnerte sich Jae, <obwohl seine Eltern ihm das Geld mit Leichtigkeit hätten geben können.>

"Meine Eltern haben nie einen Gebärdensprachkurs belegt, um sich besser mit mir verständigen zu können," fuhr Kaz fort als Jae nur zuhörte, ohne ihn zu bedrängen oder irgendeine Wertung abzugeben, "Sie haben darauf bestanden, dass ich mich stattdessen ihrer Sprache anpassen sollte." erklärte Kaz. Die Bitterkeit in seinen Gebärden war nicht zu übersehen, auch wenn er versuchte, rein sachlich zu wirken und so zu tun, als hätte es ihn nicht auf einer emotionalen Ebene berührt.

<Mit der Folge, dass er sich jetzt, als Erwachsener, weigert, seine Stimme zu benutzen und auch nur ein einziges Wort zu sprechen, auch wenn er es vermutlich könnte.> Jae fragte sich, ob seine Eltern wirklich so wenig Liebe für ihren Sohn empfanden oder ob all die Verletzungen in der guten Absicht geschehen waren, Kaz ein ‚normales’ Leben zu ermöglichen. <Vielleicht haben die Kazdins ja wirklich geglaubt, es wäre das Beste für ihn.>

"Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich müsse ‚hörend’ wirken, um in meiner Familie akzeptiert zu werden. Ich weiß schon nicht mehr, auf wie vielen Partys und Empfängen meines Vaters ich mich an einem Glas Scotch, Brandy oder was sonst gerade herumgereicht wurde festhielt und tat, als würde ich mich bestens amüsieren, während ich in Wirklichkeit kein Wort verstand und mich zu Tode langweilte." Kaz hielt inne, als wäre ihm plötzlich bewusst geworden, dass er Jae eben mehr Informationen über sich selbst gegeben hatte, als er sonst in einem ganzen Monat von sich preisgab. Er runzelte die Stirn und ballte seine großen Hände zu Fäusten.

"Sie denken schon wieder zuviel nach … Ihre Augenbrauen senken sich tiefer und tiefer, wenn Sie das tun und ..."

"Wie bitte?" Kaz tat als verstehe er nicht, wovon sie überhaupt redete.

Jae seufzte und atmete tief durch. Mit Kaz zu reden war manchmal so ähnlich wie ihrer ältesten Nichte mit ihren Mathe-Hausaufgaben zu helfen. Jae legte ihm sanft und beruhigend eine Hand auf den Arm und beobachtete, wie Kaz sie zögernd wieder entfernte. "Es ist als würden Sie plötzlich denken ‚Ups, jetzt hab ich zuviel über mich verraten, wie nehme ich das wieder zurück?’ Entspannen Sie sich, ich bin keine Bedrohung für Sie. Sie können mir erzählen, was immer Sie möchten, und es wird diesen Raum nicht verlassen." Jaes grünen Augen waren offen und ehrlich. "Ich verspreche, Ihnen nie einen Grund zu geben, mir nicht vertrauen zu können."

"Versprechen Sie nichts, was Sie nicht auch halten können!" warnte Kaz finster.

"Tue ich nicht," versicherte Jae aufrichtig.

"Sie sind also alleinerziehende Mutter, hm?" wechselte Kaz plötzlich das Thema.

Jae beschloss, sein offensichtliches Ausweichen durchgehen zu lassen. Kaz schien seine Kapazität, was Gespräche über sein Privatleben anging, für heute erreicht zu haben. Jae nickte vorsichtig, gespannt, worauf er hinaus wollte, obwohl sie befürchtete, es bereits zu wissen.

"Da drängt sich mir eine Frage auf..."

"Ich dachte, Sie mögen keine Fragen?" neckte Jae, jetzt doch ein wenig nervös geworden. Sie konnte sich schon denken, worauf das Ganze hinaus lief. <Und das nicht aufgrund irgendwelcher hellseherischer Fähigkeiten!> Sie kannte diese Frage, sie hatte sie schon Dutzende von Malen gestellt bekommen, wann immer jemand erfuhr, dass sie eine Tochter hatte. Die Frage danach, wer Jessies Vater war und was mit ihm geschehen war, kam jedes Mal mit hundertprozentiger Zuverlässigkeit.

"Ich sagte, ich mag keine Fragen, die sich auf meine Person beziehen," korrigierte Kaz, "diese Frage betrifft aber Sie."

Kaz blieb hartnäckig und Jae konnte langsam erkennen, warum er ein so erfolgreicher Anwalt war. "Na schön," gab sie nach. Nachdem sie ständig versuchte, Kaz zu mehr Offenheit zu bewegen, konnte sie jetzt keinen Rückzieher machen. "Also?"

"Wenn Ihre Tochter denselben Appetit hat wie ihre Mutter... wie kommen Sie dann über die Runden?"

Jae lachte, erleichtert und verwundert zugleich darüber, dass ihr die übliche Frage erspart geblieben war. <Bis jetzt, wenigstens.> Kaz reagierte wirklich nie, wie man es von ihm erwartete. "Oh, Sie haben den wahren Grund entdeckt, warum ich Jessie öfters bei meinen Eltern lasse und warum ich zum Militär gegangen bin – das Essen dort ist kostenlos."

Auf dieses Stichwort hin kam Leonora mit Jessie an der Hand aus der Küche. "Irgendjemand hungrig?"

"Ja!" sagten die beiden Cavanaughs gleichzeitig.

"Keine Gabel für das Kind!" wies Kaz Leonora an, während er zum Kühlschrank ging.

"Jessie ist vier, sie kann schon mit einer Gabel umgehen," widersprach Jae. Dann erinnerte sie sich daran, dass Kaz keinerlei Erfahrung mit Kindern hatte und den ‚Keine-Gabel’-Kommentar vermutlich aus ihrer Fütterung der 2jährigen Teri abgeleitet hatte. Freundlich fügte sie hinzu: "Aber trotzdem danke für die Rücksichtnahme. Wissen Sie, dass Sie wirklich süß sein können, wenn Sie so besorgt sind?" Sie grinste, denn sie wusste, dass sie ihn mit dieser Bemerkung aufziehen konnte.

"Das bin ich nicht!" Kaz tat, als hätte sie ihm eben das schlimmste Schimpfwort an den Kopf geworfen.

Jae schmunzelte. "Nicht süß oder nicht besorgt?"

"Beides. Ich war lediglich um mein Tafelsilber besorgt." Kaz hob arrogant die Brauen.

Jessie flitzte mit einem großen Glas Kirschsaft in Socken über den Küchenfußboden und stieß, noch bevor ihre Mutter eingreifen konnte, prompt gegen das erstbeste Hindernis in ihrem Weg – die hochgewachsene Gestalt von Jeremiah Kazdin.

Erschrockene grüne Augen trafen ärgerliche blaue, als sich ein großer roter Fleck auf Kazs weißem Hemd ausbreitete. Der Besitzer des blauen Augenpaares senkte den Kopf, um die roten Tropfen zu verfolgen, die sein Hemd hinunterliefen, auf den Fußboden tropften und dort eine kleine Pfütze bildeten.

Jae war von ihrem Stuhl aufgeschossen und kam auf ihn zu, schnappte sich auf dem Weg ein Geschirrtuch von der Spüle. Nervös strich sie ihre blonden Haare hinter die Ohren zurück und tupfte mit dem Geschirrtuch über das zuvor blütenweiße Hemd. "Das tut mir wirklich leid, Jessie hat das nicht absichtlich getan und ich werde selbstverständlich den Schaden ersetzen..." Jae brach ab, als sie merkte, dass sie anfing aus Nervosität zu plappern.

Kaz umfasste rasch ihr Handgelenk und nahm ihr das Geschirrtuch aus der Hand, um die Schadensbekämpfung selbst zu übernehmen. Seine Augen verengten sich ärgerlich, als er sah, dass es hoffnungslos war. Selbst Leonoras Talente konnten das Hemd vermutlich nicht mehr retten. "Wirklich, Jae Aliya Elisabeth Cavanaugh, ich könnte…," begann er, die eisblauen Augen verärgert blitzend, aber dann hielt er inne als ein weiterer blonder Haarschopf hinter den Beinen der schlanken Frau hervorsah.

Jae legte sanft eine Hand auf den Kopf ihrer Tochter, die mit Tränen in den Augen zu ihr und dem fremden Mann in dem weiß-roten Hemd aufsah. "Jessie, du weißt doch genau, dass du im Haus nicht so rumtoben sollst. Besonders nicht, mit einem Glas in der Hand," rügte sie sie sanft und zu Kaz gewandt: "Kinder! Ich vermute nicht, dass ich Sie dazu bringen könnte, sie für die nächsten 15 Jahre zu adoptieren, oder?"

Dann sahen beide Cavanaughs zu Kaz hinauf. Der große Mann schluckte und machte dann eine wegwerfende Geste, als er feststellen musste, dass er keinem der beiden Blondschöpfe besonders lange böse sein konnte. Er schnappte sich seine Bierflasche und ging zum Tisch. "Ich dachte, ihr wärt alle so hungrig? Also?"


1847 Z-Zeit (14:47 Uhr EDT)
Jeremiah Kazdins Haus
Beaufort, South Carolina

Jae saß auf einem der Bar-Hocker am Küchentresen und ließ die Beine baumeln, während sie zusah, wie Leonora die letzten Verzierungen an einer großen Torte fertig stellte. Sie war praktisch in einem Restaurant aufgewachsen und wusste daher, wie viel Arbeit hinter all den Speisen stecken konnte, die Leonora für sie zubereitete. "Kaz müsste dir wirklich ein bisschen mehr Anerkennung zollen, für alles, was du für ihn tust," sagte sie aus ihren Gedanken heraus.

"Oh, Señor Kaz zeigt mir seine Anerkennung - auch wenn er es nicht mit Worten ausdrücken kann – indem er mir regelmäßige Lohnerhöhungen gibt. Zu dem Zeitpunkt, wenn ich in Rente gehe, werde ich vermutlich mehr verdienen als er!" Leonora kicherte. Sie stellte die Torte in den Kühlschrank und begann, in der Küche aufzuräumen.

Im Wohnzimmer sprang der Anrufbeantworter an, der die Nachricht für Kaz schriftlich aufzeichnete. Leonora holte die Aufzeichnung, las sie kurz durch und warf sie dann in den Papierkorb, anstatt sie zu dem Stapel anderer Blätter zu legen. "Cielos! Schon wieder die Lottogesellschaft - Señor Kaz glaubt nicht an Glück," murmelte sie, "Der Zettel gehört nicht in meine Sammlung. Ich bewahre alle memoria-Nachrichten von Señor Kaz auf."

"Was ist eine memoria-Nachricht?"

"Señor Kaz ruft mich manchmal in der cancelleria... der Kanzlei ... oder hier zuhause an, wenn er weiß, dass ich dort nicht bin, und hinterlässt mir eine Nachricht, wenn er sich daran erinnern will, etwas in Zukunft zu tun oder zu unterlassen," Leonora wedelte mit der Hand in Richtung des obersten Blattes auf dem Stapel und zitierte: "Leonora, erinnern Sie mich daran, dass ich eine Katzensicherung – wenn es so was überhaupt gibt – an den Türen anbringen lasse, damit dieser Teufel in Katzengestalt nicht noch einmal nachts unschuldige Menschen überfällt!"

Kaz kam in die Küche und sah fast misstrauisch zwischen den beiden ungleichen Frauen hin und her, als befürchte er, dass irgendeine Verschwörung gegen ihn ausgeheckt wurde. "Jae, Ihre Tochter möchte einen Film sehen," erklärte der sonst so stoische Mann mit deutlichem Unbehagen.

<Wow,> ging es Jae durch den Kopf, <das ist das erste Mal, dass er mich mit meinem Namen angesprochen hat. Jessie muss ihn ja wirklich in Panik versetzen!>

"Dann lassen Sie sie doch einen Film sehen, Señor Kaz," schlug Leonora vor, "Wo liegt da un problema?"

Kaz starrte seine Haushälterin an, als müsse das Problem doch eigentlich ganz offensichtlich sein.

"Schon okay, ich komme," beruhigte Jae. Sie wollte nicht, dass sich Kaz durch Jessies Anwesenheit zu sehr in seinem Alltagsleben gestört fühlte.

Jessie kam ihr im Wohnzimmer mit einem Videofilm in jeder Hand entgegen. "‚König der Löwen’ und ‚101 Dalmatiner’!" verkündete sie vergnügt, "‚König der Löwen’ zuerst!"

In sein Schicksal ergeben nahm Kaz den Film entgegen und schaltete den Fernseher ein. Jessie kuschelte sich auf der Couch gegen ihre Mutter, während Kaz sich in den Sessel setzte, ein Brandy-Glas in der Hand herumschwenkte und aussah, als würde er am liebsten das Zimmer verlassen.

"Haben Sie Popcorn?" erkundigte sich Jae bei ihrem Gastgeber.

Kaz schüttelte nur den Kopf.

"Wie können Sie ohne Popcorn einen Film schauen?" Die beiden Cavanaughs sahen ihn ungläubig an.

Kaz zuckte die Schultern. "Merkwürdigerweise habe ich es bisher immer irgendwie geschafft," antwortete er ironisch.

Die Filmvorschau begann und Jessie sah mit großen Augen zu, wie ein schwarzer Kasten mit weißen Worten unten auf dem Fernseh-Bildschirm erschien. "Mama, was ist das?" fragte sie, verwundert zum Fernseher deutend.

Jaes Eltern besaßen keinen Fernseher und deshalb hatte Jessica so etwas noch nie gesehen. "Das nennt man Untertitel, Jessie. Das, was die Personen sagen, wird in geschriebene Worte übersetzt, so dass Kaz den Film auch verstehen kann."

Die Lichter, die das Läuten der Türklingel signalisierten, flackerten auf. Kaz sprang aus dem Sessel, als wäre er froh, dem ‚König der Löwen’ und der allzu familienähnlichen Situation in seinem Wohnzimmer entkommen zu können. Er deutete auf das Silberbesteck, das Leonora schon am Tisch gerichtet hatte und wies Jae an: "Ich öffne die Türe. Passen Sie inzwischen auf, dass das Kind nichts Wertvolles isst!"


Ende Teil 1

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