Bilal - 1st Born Second
"Der Erstgeborene"

Mit bzw. eben wegen seinen gerade mal 20 Jahren erinnert Bilal Oliver an den jungen Little Jimmy Scott oder die offenkundige Sexualität von seinem inoffiziellen Vorbild Prince (bevor dieser seinen Namen ein paar mal zu oft wechselte und damit seine Fans und seine Umwelt zum Wahnsinn trieb) - gepaart mit der liebevollen, manchmal schroffen Sensibilität einer Jill Scott oder eines D'Angelo oder dem Sex-Appeal von Maxwell und Konsorten.

Wie jemand mit erst 20 Jahren bereits einen solchen Erfolg aufweisen kann? Manchmal hilft nicht nur Kommissar Zufall sondern auch Tante Talent. Als nämlich Ahmir, Mitglied und heimlicher Mastermind des Philly-Rap-Kollektivs The Roots, durch seinen Freund Q-Tip zum ersten mal per Promotape Bilals Stimme hörte, war er sofort Feuer und Flamme und machte ihn mit D'Angelo bekannt, was schließlich zügig dazu führte, dass Bilal Oliver in D'Angelos Background sang. So einfach ist das manchmal. Aber leider war das Background-Singing für den aufstrebenden Bilal nicht die richtige Plattform. "Es war eine etwas erniedrigende Situation für eine Person wie mich, die es gewohnt ist, im Vordergrund zu stehen", sagte er über diese Zeit. Der "Philadelphia's School Of Performing Arts"-Absolvent erklärt weiter: "Aber ich habe eine Menge über Soul von D'Angelo gelernt - er ist ein großartiger Bandleader, wir kommen aus dem selben Hintergrund, gehen direkt in die Seele, eben den Soul der Geschichte hinein".

Ein kurzer Rückblick: Als ein Mitglied eines Gospel-Kollektivs namens Holiness trat er schon sehr früh im Dunstkreis der Kirchenmusik - immer wieder Sprungbrett für die großen amerikanischen Soul-Hoffnungen - mit drei seiner Cousins auf, noch immer in seiner Heimat, dem Soul-Olymp der westlichen Hemisphäre, Philadelphia. Am Ende stand jedoch wie immer ein neuer Anfang, und so trieb es Bilal Oliver schon bald in die Superstar-City Nr.1 - New York City!
Im Big Apple angekommen schrieb er sich ins "Mannes Conservatory Of Music" ein und begann, bei mehreren Projekten im Background zu singen. Natürlich war es dann nur eine Frage der Zeit, bis die großen Major Labels erstes Interesse zeigten. Interscope bekam schließlich den Zuschlag. Labelhead und Musiklegende Jimmy Iovine persönlich signte Bilal als den ersten R&B-Künstler des Labels. Sofort startete Bilal seine Arbeit an seinem ersten Soloalbum - bis dato ohne Arbeitstitel.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Bilal produzierte zwischenzeitlich Tracks für "Bag Lady" Erykah Badu, die sich mit einem Duett auf seinem Album bei ihm bedankt. Seine Mitwirkung auf Commons "The Sixth Sense" oder die Hookline auf Commons "Funky For You" klären beeindruckend die Frage, wer neben den schon erwähnten seine weiteren musikalischen Ziehväter sind oder waren. Auch "kleinere" Projekte, wie Gurus Jazzmatazz oder seine stimmliche Unterstützung für "The Roots", die neben unerreichten Größen wie James Mtume (unvergessen: das spartanische, extraklassische Juicy Fruit), Raphael Saadiq (u.a. Tony! Toni! Toné!), Jay Dee (u.a. A Tribe Called Quest), James "Baduizm" Poyser (Erykah Badu), Ahmir (The Roots) und schließlich Arron Comes von den Spin Doctors Teile seines Debütalbums produzierten, seien an dieser Stelle ebenfalls erwähnt und möchten euch hiermit noch mal Bilals Debütalbum "1st Born Second" (Interscope/Universal) wärmstens ans Herz legen.

Zu seinen "Anfängen" zählt u.a. auch "Soul Sista" auf dem erstklassigen "Love And Basketball" - Soundtrack oder das gewollt komisch-überdrehte "Sometimes" auf seinem Debüt. Bilal scheint sein eigenes Universum zu sein und zieht den Hörer magisch in seinen Bann, ohne dabei einengend oder furchteinflößend zu wirken. Was mich wieder einmal an den guten "alten" Multiinstrumentalisten Prince erinnert - nicht nur Parallele oder Inspiration für den jungen Mr. Oliver, sondern immer auch stilistisches Zugpferd der Neuentdeckung Bilal.

Bilals zurückgelehnte, fast selbstverständlich erscheinende Kreativität und sein Ehrgeiz taten ihr übriges, um das Projekt voranzutreiben. "Ich dachte wirklich, dass ich ein großer Jazzsänger werden würde, Filmmusik arrangieren würde und so was. Ich habe vorher nie versucht, echten R'n'B zu machen", sagt er. Bilal Oliver ist irgendwie schon der richtige Mann, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Das Genre R'n'B, oder, um es bodenständiger anzugehen, Soul, ist überfüllt mit namenlosen und talentlosen Gruppen, Bands und Eintagsfliegen, die mehr vom Kopieren denn von Innovation leben. Um so angenehmer und reeller ist es eben, eine Persönlichkeit wie Bilal in den Kreis der Soul-Elite mit aufnehmen zu können.

Bilals Arbeitsweise ist intensiv und leichtfüßig, ernsthaft und entspannt: "Ich wollte immer ein Schreiber sein - das war ich in der Schule, habe Kurzgeschichten geschrieben. Ich wollte aber auch schauspielern. Also schrieb ich Songs wie Kapitel in einem Drehbuch oder Szenen in einem Theaterstück. Songs über mein Leben. Ich erfinde nicht einfach irgend etwas. Ich gebrauche meine Vorstellungskraft ganz gezielt und oft. Manchmal arbeite ich dem Stoff auf natürliche Art entgegen, aber es ist alles über mein eigenes Leben. ‚Sometimes' zum Beispiel kommt direkt aus meinem Tagebuch, fast wortgetreu."

R'n'B, HipHop, Jazz, Funk… Bilal lässt sich (wieder klingelt mir Prince im Ohr) nicht einordnen. Seine Stimme kann ein Flüstern oder ein Schreien sein - oder beides gleichzeitig. Lang und ausgedehnt oder schlicht, ruhig und aufgeräumt. Das reine Falsetto überzeugt und ist doch nicht gerade gradlinig, sondern eher mit Leidenschaft und Ghetto-Attitüde erfüllt. So schön auch die Sichtweise des schon erwähnten kategorisierten Neo-Soul ist, so sehr würde es jedoch Bilals Talente verschleiern und dessen Wurzeln und Einflüsse, zu denen nicht nur Jazzgrößen wie Thelonius Monk, Duke Ellington oder Cyrus Chestnut sondern auch King Tubby oder Marvin Gaye gehören, nicht so sehr zum Erblühen bringen wie er selbst. Bilal Oliver ist, Alter und/oder Attitüde hin und her, sein eigener Stil. Bilal wurde nämlich nicht, wie es den Anschein hat, einfach nur in diese Soul-Gemeinde hinein adoptiert - er hat deren Rahmen (zusammen mit anderen) neu ausgefüllt und dem Verständnis dieser Bewegung neue Energie eingeflößt - elegant und ohne jede aufdringliche Dominanz.

Mit dem Ausnahmealbum "1st Born Second" gelingt es Bilal, direkt und schnörkellos eine Art "Rhythm & Bullshit"-Attitüde zu kreieren und ein Bild von echter Musik zu schaffen, die die eindimensionale Welt von aneinandergereihten Songs zu einem wunderschönen Werk erblühen lässt - zu eben jener Art Musik, die bannt, bewegt und pflegt. Bilals Musik klingt warm und zentriert, flüssig und rein und doch angenehm rau. Was sie jedoch nie ist, ist perfekt, denn genau das ist es, was der Nachwuchs heute, Bilal an vorderster Front, so gut auszuklammern weiß. Und damit wiederum ist er Jazzgrößen wie Duke Ellington, Cyrus Chestnut oder Thelonius Monk nicht unähnlich... Das Gefühl ist eben Soul. R'n'B. À la Bilal!
"1st Born Second" ist ohne Frage ein kleines Meisterwerk und ein wunderbares Stück Soulgeschichte - von einem der "Newcomer" (was er ja eigentlich nicht mehr ist) des Jahres - Bilal Oliver! Und jener Bilal scheint (was nicht nur die Liste seiner vorab erwähnten Förderer und Freunde unterstreicht) eine Art eigenes System zu haben, sich mit den eigentlich symptomatischen, hier schlichtweg natürlichen R'n'B-Superstars zu umgeben. So teilte er sich die Bühne mit Diane Reeves und erhielt Standing Ovations mit seiner Hommage an Prince vom begeistertem Publikum rund um den Globus von Norwegen bis Brooklyn.

Bilal Oliver hat mit seinem Debütalbum "1st Born Second" den Soundtrack seines Lebens geschrieben; ein neues Kapitel in der Soulgeschichte aufgeschlagen und eine weitere Runde im "wer ist der Hippste unter den Neo-Soulisten" eröffnet. Die Seele des R'n'B hat einen neuen Namen - zumindest für den Moment: Bilal Oliver!

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