Notizen zu einer hysterischen Debatte in Deutschland
Vor kurzem bekam ich einen Anruf aus Deutschland. �Jetzt ist Schluss mit der multikulturellen Gesellschaft�, sagte die Stimme am anderen Ende. �Der Traum von ist aus und vorbei.� Ich verstand erstmal gar nichts. Dann startete ich den Browser und klickte mich in ein paar deutsche Zeitungen. Nun verstand ich mehr: Der Mord an den holl�ndischen Filmemacher hat eine hysterische Debatte ausgel�st, in der Politiker und Leitartikelschreiber erkl�rt haben: Jetzt ist Schluss mit Toleranz. Und alle haben begonnen, zwei neue W�rter zu benutzen: Parallelgesellschaft und Leitkultur.
Es war ein Marokkaner, der Van Gogh ermordet hatte. Was Deutschlands gut drei Millionen T�rken - abgesehen vom Islam - mit den Marokkanern gemeinsam haben, weiss ich nicht, aber nach dem Mord hat sich die Aufmerksamkeit der Deutschen haupts�chlich auf die T�rken gerichtet. Bezeichnenderweise waren es die T�rken, die meinten, eine grosse Demonstration in K�ln veranstalten zu m�ssen, um zu zeigen, dass sie sich vom Mord distanzieren.
Vielleicht war es ja an der Zeit, dass sich die Deutschen f�r die T�rken interessierten, sagte der Soziologe Claus Leggewie in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Man hat sich n�mlich f�r die T�rken haupts�chlich als Arbeitskraft interessiert und weniger f�r ihre Religion oder ihren Alltag. T�rken - das waren f�r die Deutschen immer die Gastarbeiter, so Leggewie. In den 60er-Jahren reisten die Fabrikchefs pers�nlich in die T�rkei, um sie als gefragte Arbeitskraft nach Deutschland zu holen. Man meinte, die T�rken w�rden nach ein paar Jahren wieder verschwinden - eine naive Annahme wie sich zeigen sollte.
Parallelgesellschaft und Leitkultur
F�r viele T�rken ist Deutschland ihr Zuhause geworden - trotz Jahrzehnten mit offener Diskriminierung. Viele von ihnen haben wenig mit Deutschen zu tun und reden auch nach 40 Jahren in Deutschland nur gebrochen deutsch. Die Deutschen werfen den T�rken vor, Parallelgesellschaften gegr�ndet zu haben und verlangen von ihnen, dass sie �sich integrieren sollen� und sich einer sogenannten �Leitkultur� anzupassen zu haben. Leitkultur ist ein bereits fr�her viel kritiserter Begriff, der nach dem Mord an Van Gogh eine Renaissance erlebte.
Es hagelt Angriffe gegen den Islam: Islam, wird behauptet, sei unvereinbar mit Demokratie und Christentum, westlichem Lebensstil und westlichen Werten.
Es gibt genug Gr�nde, sich �ber diese Debatte aufzuregen und die Argumente als Stammtischgerede abzutun. Ja, man kann den Eindruck haben, dass viele nur auf eine Gelegenheit gewartet haben wie diesen Mord. Die Leute sassen in den Startl�chern mit ihren vorgeschriebenen Copy & Paste - Argumenten.
T�rken isolieren sich
Aber das Interessante ist, dass viele sonst eher positiv oder neutral gegen�ber Einwanderung eingestellte Leute nun zu zweifeln angefangen haben und offener denn je �ber Probleme reden: �Vielleicht sind wir Deutschen einfach nur Tr�umer, die nicht die Probleme im Umgang mit Fremden erkennen�, r�umten M�nchner Ethnologiestudenten gegen�ber Utrop ein.
�Es hat sich viel Frustration angestaut w�hrend der vergangenen Jahrzehnte - auf allen Seiten. Jetzt tritt sie offen zu Tage, erkl�rt Radiojournalist Philipp Pf�fflin gegen�ber Utrop.
Er erz�hlt, dass in der Tat einige T�rken nicht am Kontakt mit Deutschen interessiert seien.
�In unserem Haus lebt eine t�rkische Familie. Der Vater ist Vorsitzender eines Islam-Vereins, der Schriften zur �Aufkl�rung� verteilt. Da steht unter anderem drin, dass Frauen sich unterzuordnen und sich zu verschleiern haben. Ich habe mehrmals das Gespr�ch gesucht, doch ausser einer freundlichen Fassade kommt nicht viel. Mir ist es egal. Ich weiss dass es in jeder Religion solche und solche gibt.�
Sogar T�rken haben begonnen, ihre Landsleute zu kritisieren, sagt der Journalist:
�Zum Beispiel meine t�rkischen Interview-Partner. Seit vierzig Jahren hier. Super integriert, in vielen Vereinen, haben sich auf eigene Initiative Deutsch beigebracht. Sie regen sich auf �ber viele ihrer Landsleute, die �hnlich lang hier sind, aber immer noch kein Deutsch sprechen. Sie kritisieren, dass die Imame in der T�rkei ausgebildet werden, f�r wenige Jahre nach Deutschland kommen und dann wieder zur�ck gehen. Sie sind sauer, dass immer wieder junge M�dchen nachgeholt werden - zum Heiraten - so dass es nicht zu einem Miteinander in Deutschland kommen kann, sondern die Integration immer wieder von vorne anf�ngt. �
Hysterische Debatten
Der mangelnde Wille der T�rken, mit den Deutschen zu tun zu haben, ist jedoch nur eine Seite der Sache. Alle, die jemals im Ausland gelebt haben, wissen, dass Integration ein beidseitiger Prozess ist: Man zieht sich zur�ck, wenn man Ablehnung empfindet, sich nicht akzeptiert f�hlt und diskriminiert wird.
Wenn die T�rken sich isolieren in ihren Parallelgesellschaften, dann hat das einen Grund. Doch die Ursachen dieser Segregation werden in Deutschland nicht diskutiert. Kanzler Schr�der begn�gt sich mit seiner selbstgerechten Forderung, �die Ausl�nder m�ssen sich integrieren�, ohne sich zu fragen, was der Staat selbst tun kann.
Genausowenig wird debattiert, ob oder inwieweit Parallelgesellschaften �berhaupt sch�dlich sind f�r die Gesellschaft.
Wieviel Segregation ertr�gt eine Gesellschaft?
Fremd in einer Gesellschaft zu sein ist nicht leicht und f�r viele Menschen eine Herausforderung. Viele Einwanderer sind froh, wenn sie auf Leute treffen, die dieselbe Sprache sprechen oder einen �hnlichen Background haben. Das gibt Sicherheit. Landsleute sind eine wichtige Ressource f�r den Integrationsprozess. Deshalb gibt es deutsche Vereine in Norwegen und norwegische Vereine im Ausland (z.B. von norwegischen Zahnarztstudenten in Deutschland), deswegen lassen sich norwegische Rentner in eigenen Quartieren in Spanien oder in den USA nieder.
Wieviel Zusammenhalt braucht eine Gesellschaft? Wieviel Segregation ertr�gt sie? Das ist eine zentrale Frage. Und: Ist es vielleicht m�glich sowohl in der Parallelgesellschaft wie auch in der Mehrheitsgesellschaft zu leben? Wie gew�hnlich ist das?
Man k�nnte diese Fragen ja anhand der bereits l�nger existierenden Parallgesellschaften diskutieren. Es ist bekannt, dass die wirtschaftliche und politische Elite in vielen L�ndern isoliert in eigenen Vierteln wohnt - oft hinter hohen und gut bewachten Mauern - und ihre Kinder auf Privatschulen schickt. Dieser Sachverhalt ist inzwischen gut dokumentiert, schreibt Thomas Pany in einem Artikel in Telepolis. �Uppers� und �Downers� in England z.B. haben infolge eines neuen Buches von Ferdinand Mount, ein fr�herer Mitarbeiter von Margareth Thatcher (der also nicht verd�chtigt werden kann, linksradikale Propaganda zu verbreiten), fast keinen Kontakt miteinander. Und die Unterschiede zwischen Reich und Arm wachsen. Pany erw�hnt ausserdem Eric Maurin, der in Frankreich denselben Trend beobachtete und die Haltung kritisiert, nur auf die Ghettoes von Einwanderen zu schauen.
Leitkultur?
Offen ist auch die Frage, was nun mit jener �Leitkultur� gemeint ist, an die sich die Einwanderer nun anpassen sollen. Dass dieses bereits in den 90er-Jahren verrufene Wort hervorgekramt wurde, sagt so manches aus �ber die Debattkultur in Deutschland, wo Nationalismus und Patriotismus stubenrein geworden sind. Problematisch ist der Begriff Leitkultur, weil er eine eindeutige Grenze zieht zwischen einer �Kultur der Einwanderer� und einer �Kultur der Deutschen� und nicht zuletzt zwischen Christentum und Islam.
Dieses Weltsicht macht Menschen blind daf�r zu sehen, dass ich als Deutscher mit einem Ethnologen aus Kolumbien mehr gemeinsam haben als mit einer deutschen Bauersfrau. Diese Weltsicht macht einen blind daf�r, Gemeinsamkeiten zu sehen zwischen den Religionen und gegenseitigen Beeinflussungen im Laufe der Geschichte. Der norwegische Theologe Oddbj�rn Leirvik sagte k�rzlich, dass moderate Christen und moderate Muslime mehr gemeinsam haben als moderate Muslime mit fundamentalistischen Muslimen. Es ist in Norwegen eine bekannte Sache, dass viele Muslime in die christlichen Volkspartei eingetreten sind, weil diese Partei f�r Werte steht, mit denen sich Muslime identifizieren k�nnen. Eine Polarisierung findet laut Leirvik nicht zwischen den Religionen, sondern innerhalb der jeweiligen Religion statt.
Der Problem ist also nicht der Islam, sondern der wachsende Fundamentalismus - sowohl im Christentum als auch im Islam. Wie Eberhard Seidel in der taz hinweist, ist es wichtig, diese Gemeinsamkeiten zwischen islamischem und christlichem Fundamentalismus zu sehen und die Verbindungen zu Antisemitismus, Nazismus und Faschismus.
Und Fundamentalismus hat gute Wachsbedingungen in einem Klima, wo der Sozialstaat immer mehr abgebaut wird, meint Journalist Philipp Pf�fflin: �Viele Deutsche sind v�llig verunsichert von den Sozialreformen. Sie sind froh, dass nicht nur sie selbst mies dastehen, sondern auch auf andere zeigen k�nnen."