"Sie sind keine Freundinnen"
(Süddeutsche Zeitung, 16.01.1996)
 

"Aber wir arbeiten sehr gut zusammen" - Tamara Rohloff und Mariele Millowitsch, die "girl friends" des ZDF.

Sie sehen sich seit fast zwei Jahren ziemlich oft. Lachen, weinen, streiten miteinander. Nur: Freundinnen sind sie nicht geworden. Auch wenn alle das jetzt gern schreiben würden. Freundinnen sind Tamara Rohloff und Mariele Millowitsch nur im Fernsehen, in der ZDF-Serie "girl friends". "Wir haben in vielem ganz konträre Auffassungen", sagt Tamara Rohloff am Küchentisch ihrer hellen Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Tags darauf bestätigt Mariele Millowitsch das im Bistro eines Hotels in Hamburg (wo ein Großteil der Serie gedreht wird): "muss ja nicht sein." Und fügt den gleichen, respektvollen Satz wie ihre Kollegin an: "Wir arbeiten sehr gut zusammen."
Am heutigen Dienstag wird die vierte Folge der bis Juni laufenden Serie gesendet und auch als "girl friends" sind die beiden Frauen These und Antithese: Provinziell und warmherzig die eine, attraktiv und weltgewandt die andere. Marie und Ilka kennen sich aus Kindertagen, das verbindet sie. Bis Marie eines Tages nach Hamburg kommt, selbst zur Karriere ansetzt - und aus Freundinnen Feindinnen werden. dass Mariele Millowitsch die Marie spielen würde, die sich vom Landei zur begehrten Frau entwickelt, stand von Beginn an fest. Autor Christian Pfannenschmidt hat ihr die Rolle auf den Leib geschrieben. Am besten gefällt ihr Maries Gradlinigkeit: "Ich mag das nicht, dieses Lies zwischen meinen Worten, was ich denke - furchtbar. Man soll sagen, was Sache ist."

Direkt und rheinisch schlagfertig wirkt auch Mariele Millowitsch, die jüngste Tochter des Kölner Stadtheiligen. Und doch ist da bei aller optimistischen Bodenhaftung auch leise Unruhe zu spüren: ein Hinweis darauf, dass es viel Energie gekostet hat, dahin zu kommen, wo sie nun mit vierzig Jahren steht.
Da gab es Träume von einer Großfamilie - und die Erkenntnis, dass sie dieses "Schattendasein" doch nicht wolle. Die Flucht weg vom Theater, das Tiermedizinstudium. Sieben Jahre in München, einige Monate am "Kan - to - nalen Tier - spital Zü - ri Not - fall - dienst", wie sie auf Schwyzerdütsch witzelt. 1983 promovierte sie über den "Bandscheibenvorfall beim Dackel" - und dann der Weg zurück zu den Wurzeln. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, nach Bregenz an der Knapper in einer Pferdepraxis zu verschwinden." Also doch die Bühne: bei Schwester Katarina in Köln; beim Düsseldorfer Kommödchen, mit dem sie mehr als ein Jahr lang auf Tournee ging und dabei lernte "die Worte zu benutzen".
Panik habe sie oft gehabt, auch 1992, als Moderatorin der Sendung "Techtel-Mechtel" beim WDR, wo sie sich selbst großen Druck gemacht habe. "Aber dann habe ich gemerkt: Ich kann das ja." Und schon steht das nächste Ziel an, der Umzug nach Hamburg: die Stadt, die ihr so gut gefällt. Ihr Lebensgefährte in Köln hat akzeptiert, dass sie "zur Zeit Platz braucht".

Für Tamara Rohloff verlief der Weg zum Schauspiel anders. 1961 in Berlin geboren und in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen, träumte sie zwar schon als Kind von dem Beruf. Doch während Mariele mit sieben Jahren schon mal auf der Bühne stand, dauerte es bei ihr noch zwanzig Jahre, und bei ihr lief der Umweg übers Sportstudium.
Gleich nach der Schauspielschule drehte sie fürs Fernsehen, wo sie in vielen Serien auftrat: "Kartoffeln mit Stippe", "Unser Lehrer Dr. Specht", "Freunde fürs Leben". An der Ilka Rolle in "girl friends" schätzt sie die Brüche, die Verletzlichkeit neben der Kraft, "dass ich zeigen kann: Kein Mensch ist nur stark". Das Handwerk gelernt hat sie zwei Jahre am Theater in Heilbronn. Klassische, tragische Rollen: die Mascha in Tschechows "Drei Schwestern", die Agnes in Moliéres "Schule der Frauen", Johanna von Orléans. Eine schöne Zeit sei das gewesen, wenn auch das unstete Leben, die Kehrseite des Berufs, ihr oft zugesetzt habe. Für sie sei ein Leben ohne Rückzugsort undenkbar: "Manchmal rede ich Tage mit niemandem, lese lieber oder male. Ich könnte gut ein Jahr im Kloster leben, wirklich. Dieses permanente Zusammensein mit Leuten ist das, was mich an diesem Beruf am meisten anstrengt." Ruhe bietet die Wohnung, wo sie mit dem Lebensgefährten und dem acht Monate alten Sohn Ben Leander lebt.
Während der Dreharbeiten zu "girl friends" würde sie nämlich schwanger. Spielte bis zum fünften Monat - und stieg, drehplangerecht, drei Monate nach der Geburt wieder ein. Ben Leander war fortan immer dabei, und auch während des Interviews meldet er sich ab und zu mit fröhlichem Krähen. "Bubberle, jetzt rede ich", weist ihn die Mutter lachend zurecht.
In ihrer vertrauten Umgebung wirkt sie viel jünger als in der Rolle der Chefsekretärin im Jil - Sander - Kostüm; gar nicht geschäftsmäßig wie noch am Telefon, als sie anfangs etwas misstrauisch ins Interview einwilligte. Doch nun hat sie sich warmgeredet und schwärmt vom Spielerischen des Berufs: "Das hat was damit zu tun, eine gewisse Kindlichkeit bewahren zu wollen." So etwas ziehe sich auch an den Kollegen an, wie etwa an Heinz Hoenig, den sie lange kennt und mit dem sie liebend gern mal drehen würde: "Der hat dieses, dass er das Universum ausfüllt: Mann, Geliebter, Macho - und zu 50 Prozent Schulbub."

Ihrer Serienpartnerin gefällt Stefan Kurt besser. Beim Thema "Schattenmann" kommt Mariele gleich zu dem Thema, dass Dieter Wedel einen reinen Männerfilm gemacht hat. "Wenn Mario Adorf mit jungen Frauen rumzieht, akzeptieren das alle. Aber wenn ich am Anfang der "girl friends" einen nur fünf Jahre jüngeren Mann küsse, stören sich manche dran." Am meisten empört sie, dass diese Bedenken ausgerechnet von Frauen kamen.
Apropos: Dreht sich nicht auch bei den "girl friends" alles um Männer und die Suche nach dem Richtigen? Ja, sagt Tamara Rohloff, sie störten da schon ein paar Überzeichnungen. "Aber ebenso ärgert mich diese pseudo - feministische Haltung, die vorgibt, Frauen redeten immer von ihren Zielen und nie von Männern", sagt sie. Und natürlich sei es ebenso Quatsch zu denken, bei einer überwiegend mit Frauen besetzten Produktion wie "girl friends" gehe es nur harmonisch zu. Natürlich gebe es auch unter Frauen Konkurrenz: "Stutenbissigkeit", wie Mariele Millowitsch das nennt. Und dann müssen beide unabhängig voneinander - lachen, weil sie ein bißchen am Tabu gerüttelt haben. In der Serie. Und im Leben.
© 1996, Süddeutsche Zeitung; Frauke Döhring

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