Oft gestellte Fragen zum Hellenismus |
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| von Drew Campbell | |||
| Die folgenden Antworten auf oft gestellte Fragen zum Hellenismus sind eine Übersetzung des 35. Kapitels des Buches "Old Stones, New Temples: Ancient Greek Paganism Reborn" des US-amerikanischen Autors Andrew Campbell, Ph.D., Gründer von Nomos Arkhaios, eines Bildungszentrums für hellenische Heiden, und Priester der hellenischen Ritualgruppe Thiasos tes Glaukos. Er stellt dieses Kapitel zur freien Verbreitung zur Verfügung, sofern es vollständig und unverändert wiedergegeben wird. Deshalb wurden auch diejenigen Stellen, die sich auf amerikanische Verhältnisse und die Situation der amerikanischen Hellenen beziehen, unverändert beibehalten. | |||
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| Inhalt | |||
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| 1. Was ist Hellenismus? | |||
| Hellenismus ist die traditionelle vorchristliche, polytheistische
Religion des antiken Hellas (Griechenland), wiedererstanden in der modernen Welt. Er ist auch bekannt als hellenisches
oder griechisches Heidentum, hellenischer Polytheismus, Olympianismus oder klassisches Heidentum. Menschen, die heute die griechischen Götter verehren, tun es auf viele verschiedene Arten. Manche haben kein Interesse, traditionelle Formen der Verehrung wiederzubeleben, und halten es für sinnvoller, die Götter auf moderne Weise zu ehren, andere verehren sie im Rahmen von Wicca oder anderen etablierten heidnischen Religionen, wieder andere legen den Schwerpunkt auf die orphische oder pythagoreische Tradition. Was hier beschrieben wird, ist die Perspektive des heidnischen Rekonstruktionismus, der eine der am besten bekannten und organisierten zeitgenössischen Wiederbelebungen der hellenischen Religion ist. Die meisten rekonstruktionistischen Hellenen gründen ihr mythologisches, kosmologisches und theologisches Verständnis auf die Werke Homers, Hesiods und anderer antiker Autoren. Details der rituellen Praxis werden aus diesen Werken und aus akademischen Forschungen über die antike Religion abgeleitet. Individuelle spirituelle Erfahrung und Intuition werden ebenfalls in die religiöse Praxis integriert, solange nicht versucht wird, moderne Neuerungen als antike Fakten auszugeben. |
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| 2. Woher kommt der Begriff Hellenismus"? | |||
| Der Begriff "Hellenismus" wird auf den Gebieten
der Literatur, Kunst und Geschichte verwendet, wenn man sich auf "gräzisierende" kulturelle Bewegungen
oder auf die Förderung nationaler griechischer Angelegenheiten bezieht. Auch manche griechischen Amerikaner
verwenden ihn im Sinn von "Unterstützung der griechisch-amerikanischen Kultur". Das Wort hat aber auch eine lange und ehrenvolle religiöse Geschichte. In seinen philosophischen und theologischen Schriften verwendete der römische Kaiser Julianus bei Christen als "der Abtrünnige" (Apostata) und bei modernen Heiden wegen seiner Unterstützung des Heidentums als "der Glaubensbewahrer" bekannt den Begriff "Hellenismus" zur Bezeichnung der traditionellen Religion der Griechen und aller, die ihre religiöse Kultur angenommen hatten. Es ist dieser spezifisch religiöse Sinn, in dem wir dieses Wort heute für uns geltend machen und verwenden. Ein Angehöriger des Hellenismus heißt "Hellene", "hellenischer Heide" oder "hellenischer Polytheist". |
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| 3. Ist Hellenismus eine ethnische Religion? Muss man Grieche sein, um Hellene zu sein? | |||
| Hellenismus ist nur eine von vielen vorchristlichen
europäischen Religionen, die heute wiedererstehen. Es gibt Organisationen zur Förderung von nordisch/germanischen,
baltischen, keltischen, römischen und anderen Formen des Heidentums. In einigen Fällen firmieren diese
Religionen als "ethnische Religionen", und die Mitgliedschaft kann auf Menschen passender Herkunft beschränkt
sein. In einigen Fällen ist es dazu gekommen, dass das Banner der ethnischen Religion benutzt wird, um extremistische
politische Ziele zu verschleiern. Überflüssig zu sagen, dass die große Mehrheit der modernen Heiden Leute guten Willens sind, die keine Zeit für Rassismus oder eine der anderen ideologischen Krankheiten haben, die unsere allgemeine Kultur plagen. Allerdings argumentieren manche, dass die traditionelle Religion jedes Volkes die richtige ist für Menschen dieses Volkes. Das Individuum, behaupten sie, könne am effektivsten spirituelle Fortschritte machen, wenn es den Traditionen seiner genetischen Vorfahren folgt. Dieses Argument mag für Menschen einer einzigen, definierbaren Volkszugehörigkeit Sinn machen, aber für Kulturen, die so vielfältig sind wie die nordamerikanische, wird die einfache Gleichsetzung von Volkszugehörigkeit und Spiritualität extrem problematisch. Welche ethnische Zugehörigkeit suchen wir uns aus? Bevorzugen wir denjenigen Teil unserer Herkunft, der uns am meisten anspricht? Vielleicht den Teil, der in der urbanen In-Skala am höchsten bewertet wird oder den, der uns erlaubt, den Status der "am meisten Unterdrückten" zu beanspruchen? Oder mischen und vermengen wir Traditionen, um ein eklektisches amerikanisches Flickwerk von religiösen Praktiken zu schaffen? Das ist tatsächlich eine populäre Option, wie die vielen Bücher zeigen, die Wege nach dem Motto "schaffe deine eigene Spiritualität" anbieten. Religiöser Eklektizismus erlaubt den Menschen, eine spirituelle Praxis auszubilden, welche die verschiedenen Aspekte ihrer persönlichen Geschichte ausdrückt. Was wir dabei an Flexibilität gewinnen, riskieren wir aber an Authentizität zu verlieren. Dann ist da auch die einfache Tatsache, dass viele Menschen mit ihrem ethnischen Hintergrund nicht "verwurzelt" sind, aber einen starken Ruf zu einer "fremden" religiösen Praxis fühlen. Das geschieht weit häufiger, als viele Verfechter ethnischer Religionen zugestehen wollen. Der Autor kennt persönlich eine angelsächsische Santera, einen Mizrahi-Juden, der zu Brighid betet, einen schottischen Amerikaner, der Ganesha anruft, und einen japanischen Druiden, die alle ernsthafte und hingebungsvolle Leute sind, die ein gutes Gespür dafür hatten Acht zu geben, wenn eine Gottheit sie rief. Deshalb können wir auf die Frage, ob Hellenismus eine ethnische Religion sei, sagen: "Kulturell spezifisch ja, ethnisch exklusiv nein." Nordamerikanische Hellenen anerkennen sowohl unsere Schuldigkeit gegenüber den Alten und unsere spirituelle Verwandtschaft mit jenen ethnischen Hellenen, die an der Wiederbelebung ihrer traditionellen Religion arbeiten, aber wir fühlen uns nicht an Herkunft oder Nationalität gebunden. Diese ethnische Inklusivität war seit früher Zeit Teil der hellenischen Religionspraxis. Im "Staat" beschreibt Platon, wie Sokrates die Riten der Bendis beachtete, einer thrakischen Göttin, die in Athen eingeführt wurde. Griechische Kolonisten nahmen die Verehrung ihrer Götter mit nach Sizilien, Gallien, Afrika und Indien. Apollon wurde weit im römischen Reich verehrt, wo die Olympier mit einheimischen latinischen und etruskischen Gottheiten vermischt wurden und so das bekannte römische Pantheon entstand. Die Einweihung in die Mysterien von Eleusis war für alle offen, die der griechischen Sprache mächtig waren, ohne Ansicht von Herkunft, Geschlecht oder soziale Klasse. "Wie die griechische Zivilisation selbst ist die griechische Religion nach Zeit und Ort durch die Reichweite griechischer Sprache und Literatur beschränkt", schreibt der Religionshistoriker Walter Burkert wohlgemerkt: nicht durch die Volkszugehörigkeit. |
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| 4. Wie wird man Hellene? | |||
| In der Antike wurden Hellenen nicht gemacht, sondern
geboren. Man verehrte die Götter, weil man in eine Familie geboren war, die sie verehrte. Heute verstehen
wir unter einem Hellenen jemanden, der die Götter und Göttinnen von Hellas in erster Linie die Olympier
auf traditionelle Art verehrt (auch wenn die Frage, was "traditionell" ist, für Diskussionen offen
ist). Es gibt keine spezifischen Konversionsrituale, Einweihungen oder Eidesleistungen, auch wenn sicher nichts
falsch dabei ist, ein Ritual zu schaffen, das die Hinwendung zum Hellenismus markiert. Diese Religion betont aber
mehr das Handeln als den Glauben. Was am meisten zählt, sind nicht Etikettierungen, sondern die beständige
und vertrauensvolle Verehrung der Götter durch die traditionellen Formen von Gebet und Opfer. Außerdem kann nicht genug betont werden, dass die hellenische Religion extrem pluralistisch war und ist. Weder spricht jemand für die ganze Weltgemeinschaft der Hellenen, noch gibt es eine zentrale religiöse Körperschaft, die Dogmen, Rituale oder Bedingungen für die Mitgliedschaft diktiert (den Göttern sei Dank!). Statt dessen sind wir eine vielfältige und dynamische Gruppe von Leuten, die durch ihre Liebe und Hinwendung zu den alten Göttern Griechenlands verbunden sind. |
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| 5. Waren die alten Griechen nicht furchtbar patriarchalisch? Was ist mit den negativen Aspekten ihrer Kultur wie Sklaverei und Unterordnung der Frauen? | |||
| Moderne Hellenen rufen entschieden nicht nach einer
Rückkehr zu den sozialen Strukturen der antiken Welt, genauso wenig wie moderne Christen wie die galiläischen
Juden des ersten Jahrhunderts leben wollen. So sehr wir bestimmte Aspekte der antiken Kultur bewundern zum Beispiel
den gewaltigen Ausstoß intellektueller und künstlerischer Kreativität, der das Athen des fünften
Jahrhunderts kennzeichnete möchte doch niemand zu einer Wirtschaft, die auf Sklavenarbeit basierte, oder
zu einem politischen System zurückehren, das mehr als der Hälfte der Bevölkerung das Stimmrecht
verweigerte. Kurz, wir sind religiöse Traditionalisten, keine Sozialreformer oder politischen Reaktionäre.
(Eine interessante Besprechung altgriechischer "political incorrectness" und modernen Denkens findet sich bei Victor Davis Hanson und John Heath, Who Killed Homer? The Demise of Classical Education and the Recovery of Greek Wisdom, New York; Free Press, 1998, pp. 98 - 129) |
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| 6. Was sind die Schlüsselwerte des Hellenismus? | |||
| Der grundlegendste Wert des Hellenismus ist eusebeia, was oft als "Frömmigkeit" übersetzt wird. Für Hellenen bedeutet Frömmigkeit eine tief verwurzelte persönliche Hinwendung zur Verehrung der traditionellen hellenischen Götter und ein Leben der tätigen Bestätigung dieser Hinwendung. Andere Werte sind Gastfreundschaft (xenia), Besonnenheit (sophrosyne) und Mäßigung (metriotes). | |||
| 7. Wie verstehen Hellenen die Beziehung zwischen dem Göttlichen und den Menschen? | |||
| Moderne Hellenen haben darüber eine Vielfalt von Ansichten. Aus der Perspektive der traditionellen Religion (wie bei Homer) kann die Beziehung als eine von freiwilliger gegenseitiger Verpflichtung, aber ungleicher Macht definiert werden. Niemand muss die Götter verehren, aber wir glauben, dass das Leben schöner und bedeutender ist, wenn wir es tun. In ähnlicher Weise brauchen die Götter nichts von uns noch schulden sie uns etwas, aber aus Gründen, die wir nicht unbedingt verstehen, zeigen sie Interesse an uns. Wir bemühen uns, ihre Aufmerksamkeit dankbar anzunehmen und gemäß unserem Verständnis ihres Willens zu leben. | |||
| 8. Welche Gottheiten verehren Hellenen? Glaubt ihr wirklich an Zeus und Aphrodite? | |||
| Wir sind Polytheisten. Unser religiöses Leben
geht von einer Vielzahl von Gottheiten aus, mit denen wir anhaltende Beziehungen haben können und haben. Wir
Hellenen mögen in unserem Verständnis von "letzter Wirklichkeit" differieren, aber die Verehrung
der Götter, Plural, durch Gebet und Opfer bleibt unser gemeinsamer Brennpunkt. Unsere Hinwendung zu den Göttern ist keine Sache von blindem Glauben, sondern direkter, persönlicher Erfahrung. Wir müssen nicht die Mechanik des Verbrennungsmotors verstehen, um ein Auto zu fahren, noch müssen wir die Gravitation verstehen, um ihre Wirkungen zu erfahren. Wir treten aufs Gas, und das Auto fährt. Wir beobachten, dass Äpfel nach unten und nicht nach oben fallen, und nehmen die Existenz des physikalischen Gesetzes an. Ähnlich würden viele moderne Hellenen zustimmen, dass und eine Phrase zu leihen "wir sie an ihren Früchten erkennen." Wir beobachten die Welt um uns und sehen die enorme Vielfalt an Leben und Kraft. Wir beten zu den Göttern und sehen, dass unsere Gebete beantwortet werden. Wir können intensive persönliche Erfahrungen machen, in denen wir uns von den Göttern "berührt" fühlen. Darin sind wir wie die meisten anderen religiösen Menschen nur dass wir Vielheit sehen, wo andere Einheit sehen. Die Hauptgötter, die Hellenen verehren, sind die bekannten Olympier Zeus, Hera, Athena, Hephaistos, Apollon, Artemis, Demeter, Dionysos, Hermes, Ares, Poseidon und Aphrodite zusammen mit Haides und Hestia obwohl es viele andere gibt. |
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| 9. Habt ihr heilige Bücher oder Schriften? Was ist euer Verständnis der Bibel? | |||
| Anders als die abrahamischen Religionen waren die meisten
antiken Religionen nicht "geoffenbart". Wir sind kein "Volk des Buches". Wir haben keine Schriften,
die beanspruchen, das Wort Gottes zu sein. Die Alten hielten die Werke Homers in hohem Ansehen. Ilias und Odyssee
waren damals wie heute die Grundlagen kultureller Gelehrsamkeit. "Am Ende der archaischen Periode", schreibt
der Historiker Fritz Graf, "betrachteten die Griechen Homer als ihren Lehrmeister par excellence.
Seine Dichtungen waren nicht nur der gültige Ausdruck der griechischen Konzeption der Götter und der
Vergangenheit; sie waren Informationsquellen für viele Bereiche des Wissens." (Greek Mythology: An Introduction, Baltimore/London: Johns Hopkins UP, 1993, p. 62.) Homer war aber kein Niederschreiber des göttlichen Willens, uns seine Werke und andere grundlegende Texte wie Hesiods Theogonie waren ebenso kritisierbar wie alles andere (und die alten Griechen kritisierten alles). Es gibt keinen Buchglauben oder Fundamentalismus im Hellenismus. Statt dessen finden wir eine lebendige, sich entwickelnde, pluralistische religiöse Kultur. zu den hebräischen und christlichen Schriften: Manche Hellenen würden sagen, dass man darin Weisheit finden kann, aber die Bibel ist nicht unser heiliges Buch, und wir betrachten uns in keiner Weise an ihre Gesetze gebunden. |
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| 10. Wie sehen Hellenen die Götter anderer Traditionen? Kann man Hellene sein und zum Beispiel Thor verehren? | |||
| Als Polytheisten nehmen Hellenen die Existenz einer
Vielzahl von göttlichen und halbgöttlichen Wesen an. Die Alten waren sich klar bewusst, dass verschiedene
Völker verschiedene Götter verehrten, und fallweise konnte der Kult einer dieser Gottheiten nach Griechenland
eingeführt werden. Die phrygische Bergmutter Kybele ist ein prominentes Beispiel, und es gibt ein halbes Dutzend
anderer, die allein für das Athen der klassischen Periode bezeugt sind. Viele Historiker glauben, dass der
typischste hellenische Gott, Apollon, einst ein "Fremder" war. Die Alten hatten schlichtweg kein Problem
mit der großen Vielfalt der Mächte im Kosmos. Generell gibt es keinen Beweis, weder in den historischen Quellen noch in der modernen Praxis, dass die hellenischen Götter eine sonderlich xenophobe Gesellschaft sind. Sie fragen weder nach der Volkszugehörigkeit ihrer Verehrer noch scheinen sie sich durch einen gewissen kosmischen Internationalismus bedroht zu fühlen. Moderne Einsichten und Erfahrungen legen allerdings nahe, dass sie am besten auf ihnen bekannte Formen der Verehrung ansprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob Aphrodite wüsste, was sie auf einem germanisch-heidnischen Symbel tun sollte, und ich vermute, dass gewässerter griechischer Wein nicht nach Thors Geschmack wäre! Manche Hellenen verehren Götter aus anderen Pantheen, aber die meisten stimmen überein, dass es am besten ist, dies auf kulturell angemessene Weise in separaten Riten zu tun. |
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| 11. Wie sehen Hellenen das Christentum? | |||
| Die moderne heidnische Wiedergeburt ist jetzt erst in ihrer zweiten Generation, sodass die meisten von uns als Mitglieder einer der dominierenden monotheistischen Religionen erzogen wurden (wenn sie überhaupt eine religiöse Erziehung hatten). Einzelne Hellenen tragen anhaltenden Zorn gegenüber der Religion ihrer Geburt in sich, aber die meisten würden zustimmen, dass das Christentum von einem heidnischen Standpunkt aus nicht mehr (und nicht weniger) als ein relativ junger Glaube ist, der für unsere traditionellen Überzeugungen und Praktiken im Wesentliche irrelevant ist auch wenn er über die Jahrhunderte einige dieser Überzeugungen und Praktiken übernommen hat. Das Christentum ist nur eine Religion von vielen, wie es in dieser Hinsicht Judentum, Islam oder Buddhismus auch sind. | |||
| 12. Seid ihr Satanisten? | |||
| Trotz einiger Jahrzehnte öffentlicher Aufklärung
von Seiten moderner Heiden setzen viele sonst gebildete und geistig offene Amerikaner heidnische Religionen noch
immer mit Satanismus gleich. Hexen erleben das häufiger als Hellenen hauptsächlich, vermute ich, weil
wenige Christen je von uns gehört haben! Jedenfalls müssen diejenigen, die sich selbst mit dem Wort "Heiden"
beschreiben, mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, diesem Missverständnis früher oder später zu begegnen.
Deshalb sei festgehalten, dass weder "Satan" zum hellenischen Pantheon gehört noch eine andere Gestalt das Böse verkörpert und daher "Satan" keinen Platz in unserer Religion hat. Gelegentlich wird angenommen, dass Haides, der Gott der Unterwelt, irgendwie mit Satan in Beziehung steht. Das ist nicht der Fall. Die Griechen hatten keine "Hölle" in dem Sinn, wie die Christen diesen Begriff verstehen, noch ist es die Rolle von Haides und Persephone, seiner Königin, die Toten zu quälen oder die Lebenden zu bösen Taten zu verführen. Ähnlich veranlassen Pans Ziegenbeine und Hörner manche Leute zu glauben, dass er "in Wirklichkeit der Teufel" wäre. Das ist er nicht. Er ist ein arkadischer Herden- und Fruchtbarkeitsgott. |
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| 13. Ist Hellenismus eine Form von Neuheidentum? | |||
| Insofern unsere Religion eine Rekonstruktion und Adaption
antiker religiöser Praktiken in der modernen Welt ist, kann man argumentieren, dass die Vorsilbe "Neu"
ebenso zutreffend wie anschaulich sei. Allerdings finden sie viele Rekonstruktionisten abschätzig, weil sie
eher einen oberflächlichen Trend anzudeuten scheint als die Würde einer antiken Tradition, an deren Bewahrung
und Hochhaltung wir arbeiten. Außerdem legen die meisten modernen Hellenen Wert darauf, ihre Religion von denen der größeren modernen heidnischen Gemeinschaft zu unterscheiden, speziell von ihren besser bekannten Wicca-Verwandten. Obwohl wir denselben Oberbegriff (heidnisch) und einige Symbole (wie den pythagoräischen fünfzackigen Stern) teilen, sind unserer Religionen historisch, theologisch und rituell ziemlich verschieden. Wir akzeptieren freilich auf echt polytheistische Art Wicca und andere heidnische Glaubensrichtungen als gültige Religionen mit ihren eigenen Überzeugungen und Bräuchen, genauso wie die traditionellen Religionen des Hinduismus oder Shinto. Wir anerkennen auch, dass manche Wiccans die hellenischen Götter auf andere Weise als wir ehren, und dass manche Hellenen auch Wicca und andere heidnische Religionen praktizieren. Obwohl wir darauf bedacht sind, die beiden Religionen nicht durcheinander zu bringen, ist ihre Koexistenz für die meisten Hellenen kein Problem. Wir betrachten Mitheiden als potenzielle Verbündete im Kampf für religiöse Toleranz und Freiheit und stehen auf ihrer Seite, wenn unser gemeinsames Recht auf religiöse Selbstbestimmung bedroht ist. |
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| 14. Wie unterscheiden sich hellenische Rekonstruktionisten im Einzelnen von anderen modernen Heiden? | |||
| Der heidnische Rekonstruktionismus die Methode, zu
der (jedenfalls wie ich ihn erfahren und hier beschrieben habe) der Hellenismus gehört wertet historische
Tradition und kulturelle Besonderheit höher als Innovation und Eklektizismus. Als Hellenen würden wir
sagen, dass wir den patrios nomos
den "Brauch der Vorfahren"
oder die traditionelle Weltsicht des antiken hellenischen Polytheismus hoch halten, wie wir ihn im modernen Licht
verstehen. Wir sind religiöse Traditionalisten: theologisch und rituell konservativ, aber sozial und politisch
vielfältig. Als solche haben wir mehr mit Religionen wie Ásatrú / Heidentum (germanisch), Religio
Romana (römisch), Romuva (litauisch) und Shinto (japanisch) gemeinsam als mit der "New Age" / Wassermannzeit-Bewegung,
initiatorischen magischen Religionen oder Bewegungen, die von christlicher Theologie und Symbolik beeinflusst sind
wie manche Formen von modernem Druidentum und zeremonieller Magie. Die Unterschiede bestehen auf breiter Ebene: in unserer Weltsicht, unserer Theologie und unseren Ritualen. Traditionelle Hellenen treffen sich nicht in Coven, ziehen keinen Kreis, rufen nicht die Viertel an, evozieren keine "Archetypen", "Aspekte" oder "Gottformen", vermischen und verbinden keine Gottheiten von verschiedenen Pantheen, verehren keine universale immanente Göttin, verwenden keine magischen Geräte und sprechen keine Zauberformeln (mehr über Magie im nächsten Abschnitt). Hellenismus als solcher ist keine initiatorische Religion, obwohl verschiedene Mysterientraditionen ein Teil von ihm sind. Wir verlangen von den Menschen nicht, dass sie sich exklusiv unseren Göttern zuwenden, noch müssen sie Beziehungen zu anderen Religionen aufgeben (außer natürlich, wenn es ihr Gewissen oder die Beschränkungen der anderen Religion verlangen). Wir erteilen unseren Göttern keine Befehle und versuchen nicht, sie zu verkörpern. Der Satz "Du bist Gott/Göttin" ist dem Hauptstrom des hellenischen religiösen Denkens fremd. Unsere Ethik ist nicht durch die Wicca-Regel ("Solange du niemandem schadest, tu was du willst"), das Gesetz der dreifachen Vergeltung oder Konzeptionen von Karma definiert. Unser ritueller Kalender folgt nicht dem "Jahresrad", das eine moderne keltisch-germanische Komposition ist. Diese Unterschiede beinhalten in keiner Weise eine Verurteilung anderer heidnischer Religionen nur die Notwendigkeit, unsere eigene Tradition zu pflegen und angemessenen Respekt für die Überzeugungen anderer zu zeigen, ohne die eine mit der anderen zu verwechseln. |
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| 15. Praktizieren Hellenen Magie? | |||
| Wir haben zwar bemerkenswerte Zeugnisse über antike
magische Praktiken, doch diese Tätigkeiten waren niemals Teil der traditionellen hellenischen Religion als
solcher. In der Zeit des römischen Reiches entwickelten einige philosophische Schulen, besonders die neoplatonische
Schule des Syrers Iamblichus, ein ausgefeiltes System von Ritualen, die geschaffen wurden, um die individuelle
menschliche Seele zu ihren göttlichen Ursprüngen zu erheben. Diese Praktiken, bekannt als Theurgie, waren
in der Absicht, wenn nicht in der Methode, etwas Anderes als "niedere Magie" oder Thaumaturgie. Literarische Quellen legen nahe, dass Zauberei vom durchschnittlichen Hellenen mit Misstrauen betrachtet wurde, wie es in vielen Kulturen der Fall war (auch wenn sie von Zeit zu Zeit davon Gebrauch machten), während die Theurgie der Bereich einer winzigen philosophischen Elite war. Heute ist es ähnlich. Obwohl sich manche moderne Hellenen dafür entscheiden, aus spirituellen oder praktischen Gründen mit Magie zu arbeiten, gehören Zaubersprüche nicht zum Hauptstrom der hellenischen Praxis, und viele Hellenen betreiben überhaupt keine Magie. |
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| 16. Wie verehren Hellenen die Götter? Opfert ihr Tiere? | |||
| Im Mittelpunkt der hellenischen Götterverehrung
steht das Opfer, die Opferung materieller Dinge an die Götter als Symbol unserer Dankbarkeit und unserer Vertrauens
ihnen gegenüber. Theologisch setzt das Opfer eine Beziehung voraus, die auf freiwilliger gegenseitiger Unterstützung
beruht. Wir ehren die Götter mit Ritualen, und sie helfen uns durch die unvermeidlichen Herausforderungen
des Lebens. Obwohl die Kluft zwischen Sterblichen und Göttern unüberschreitbar groß ist (oder,
im das gleiche in theologischer Sprache zu sagen: Sterbliche erfahren das Göttliche als transzendent), wirkt
das Opfer als Brücke zwischen irdischer und kosmischer Existenz. In alten Zeiten opferten die Griechen Tiere, wie es nahezu alle anderen Völker auch taten. Schon damals lehnten manche Sekten (wie zum Beispiel die Orphiker) Blutopfer ab. Heute opfern wenige Hellenen den Göttern Tiere. Statt dessen opfern wir Dinge wie Getreide, Obst, Wein und Räucherwerk. (Nahrungsmittel und Kleidung können auch gesammelt, gesegnet und für Ausspeisungen und Obdachlosenheime gespendet werden). Wer auf einem Bauernhof lebt und Vieh schlachtet oder zur Ernährung jagt, kann sich entschließen, das Leben des Tieres den Göttern zu weihen, genauso wie traditionelle Juden und Moslems rituell geschlachtetes Fleisch essen. Vielen Heiden erscheint das ehrfürchtiger als einfach in Styropor und Plastik verpacktes Fleisch zu kaufen und das Leben zu ignorieren, das für unsere Ernährung geopfert wurde. |
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| 17. Welche Feste feiern moderne Hellenen? | |||
| Wir haben historische Zeugnisse über viele verschiedene
Feste, die im ganzen antiken Griechenland gefeiert wurden. Es gab allein in Athen mehr als dreißig jährliche
Feste, nicht mitgezählt die Opfer, die im Namen von Bezirken oder privaten Vereinigungen dargebracht wurden.
In manchen Fällen haben wir wenig mehr als einen Namen oder eine vereinzelte Nachricht, in anderen wissen
wir sehr viel mehr. Infolgedessen feiern moderne Hellenen im Allgemeinen eine Anzahl größerer Feste,
die oft einem der besser dokumentierten lokalen Kalender folgen, etwa dem von Athen. Das athenische neue Jahr beginnt im Sommer, am ersten Neumond nach der Sonnenwende. Während des ganzen Jahres ehren Feste die größeren Götter, besonders Zeus, Athena, Apollon, Artemis, Demeter und Dionysos. Kleinere Feiertage ehren Hera, Poseidon, Asklepios, Aphrodite und andere. Viele Festtage beziehen sich auf den alten bäuerlichen Jahreskreis: die apollinischen Feste der Pyanepsien und Thargelien beziehen sich auf die Obsternte, dionysische Feste wie die Anthesterien und Lenaien feuern Traubenernte und Weinlese, Feste der Demeter, oft von Frauen allein gefeiert, sichern die Fruchtbarkeit der Kornfelder. Andere Hauptfeste sind die Panathenaien zu Ehren Athenas, die Elaphobolien und Mounichien zu Ehren von Artemis und die Diasien und Olympieien zu Ehren von Zeus. Zusätzlich zu den öffentlichen Festen beachten manche Hellenen einen regelmäßigen monatlichen Zyklus von Feiertagen, wie er in Hesiods Werken und Tagen beschrieben wird. |
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| 18. Habt ihr Priester? Wie werden sie ausgebildet? | |||
| Es wurde oft gesagt, dass die alten Griechen, anders
als viele ihrer Zeitgenossen, keine Priesterklasse hatten. Statt dessen wurde vom Vorstand jedes Haushalts erwartet,
die nötigen Riten für seine Familie zu zelebrieren. In den Städten (poleis) wurden
Priester und Priesterinnen manchmal durch das Los aus der wahlfähigen Bevölkerung ausgewählt.
Manche Posten wie diejenigen, die mit den Mysterien von Eleusis verbunden waren, waren erblich. Weil die Menschen
damit aufwuchsen, dass sie täglich sahen, wie rund um sie die Riten zelebriert wurden, gab es wenig Bedarf
für eine umfangreiche rituelle Ausbildung. Moderne Hellenen haben noch nicht das Glück, ihr Leben lang das religiöse Ritual beobachtet zu haben. Statt dessen müssen wir oft von Gleichgesinnten und aus Büchern lernen. Die Familie natürlich oder gewählt ist nach wie vor der "Heimathafen" des Hellenismus, und jeder Einzelne ist für seine eigene Beziehung zu den Göttern selbst verantwortlich. Keine spezielle Ausbildung ist dazu erforderlich, dass jemand die grundlegenden Opferrituale ausführt. Dennoch widmen sich manche Leute intensiveren Studien und weihen sich einer oder mehreren Gottheiten, um ihnen als Priester oder Priesterin zu dienen. Diese religiösen Spezialisten können auch Rituale für eine Gemeinschaft von Hellenen abhalten, öffentlich den Hellenismus lehren oder Seelsorgedienste anbieten, etwa seherische Beratung. Im Allgemeinen sind es die Gemeinschaft und natürlich die Götter selbst die jemanden als Priester oder Priesterin anerkennen, obwohl manche auch eine gesetzliche Anerkennung suchen können. Priesterausbildungsprogramme werden von einer wachsenden Zahl heidnischer Kirchen und anderer Organisationen angeboten. Manche Studierende können sich entscheiden, von nichtkonfessionellen Gruppen eingesetzt zu werden oder religiöse Studien bei akademischen Institutionen zu absolvieren. Wie auch immer es im Einzelnen sein mag, die Haupterfordernisse, um im Hellenismus als Priester oder Priesterin zu arbeiten, sind Kenntnisse der Religion und ihrer Geschichte, Übung in unseren rituellen Formen und, am wichtigsten, eine starke persönliche Hinwendung zu den Göttern, die durch regelmäßige rituelle Praxis gestärkt wird. |
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| © 2000 by Drew Campbell | |||