Deutsche Wacht
Dresdner Tageszeitung
für nationale Politik, wirthschaftliche Reform und deutsche Kunst
Nr. 53, Dresden, Sonntag, den 5.März 1899, 13. Jahrgang
Inhalt:
Drohende Wetter! Politisches. Kunst und Kultur. Parteibewegung. Deutscher Reichstag. Drahtmeldungen.
"Die ungezügelte Expansionslust der Dresdner Bank." Oertliches und Sächsisches. Roman. Vermischtes.
Volkswirtschaftliches. Küchenzettel.
Politisches
Deutsches Reich
- Die in der Thronrede bei der Eröffnung des Reichstages in Aussicht gestellte Novelle zur Gewerbeordnung
hat die Zustimmung des Bundesrathes gefunden und wird nunmehr unverzüglich dem Reichstage zugehen.
Von einzelnen minder wichtigen Bestimmungen abgesehen, enthält der Entwurf, wie die "N.A.Z." aus
zuverlässiger Quelle erfährt, im Wesentlichen folgendes:
Zur Beseitigung der über die Mißstände im Gewerbe der Gesindevermiether und Stellenvermittler
laut gewordenen Klagen sollen die Gewerbetreibenden fortan der Konzessionspflicht unterworfen und die
Landes Centralbehörden ermächtigt werden, über den Umfang der Befugnisse und Verpflichtungen,
sowie über den Geschäftsbetrieb dieser Personen Vorschriften zu erlassen.
Solche Vorschriften sollen fortan auch bezüglich der Auktionatoren erlassen werden können.
Außerdem sollen die Gesindevermiether und Stellenvermittler verpflichtet werden, das Verzeichnis ihrer
Taxen der Ortspolizeibehörde einzureichen und anzuschlagen.
Die Bücherrevisoren werden den in § 36 der Gewerbeordnung bezeichneten Gewerbetreibenden gleichgestellt.
Ferner bringt der Entwurf Bestimmungen über die Einführung von Lohnbüchern und Arbeitszetteln,
sowie die Mitgabe von Arbeit nach Hause an Arbeiterinnen und jugendliche Arbeiter.
Mit einigen, zu Theil nicht unwesentlichen Abänderungen wiederholen dieselben die Vorschläge im Artikel 1
des in der Session 1895/97 unerledigt gebliebenen Entwurfes.
In erster Linie auf die Konfektionsindustrie berechnet, ermöglichen die neuen Vorschläge gleichzeitig eine
Anwendung auf andere Gewerbezweige, für welche etwa ähnliche Mißstände festgestellt werden.
Die Einführung von Lohnbüchern oder Arbeitszettel, sowie das Verbot der Mitgabe von Arbeit
nach Hause soll auf diejenigen Gewerbe beschränkt werden, in denen die Unklarheit der Arbeitsbedingungen
oder die Länge der Arbeitszeit zu Mißständen geführt hat.
Endlich enthält der Entwurf eine Reihe von Bestimmungen über die Beschäftigung von Gehülfen, Lehrlingen und
Arbeitern in den offenen Verkaufsstellen.
Hiernach soll diesen Personen nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von
10 Stunden und innerhalb der Arbeitszeit eine angemessene Mittagspause gewährt werden müssen. Wird die
Mittagspause außerhalb des Gebäudes der Verkaufsstelle eingenommen, so soll die Festsetzung der Dauer
der Pause durch die Gemeindebehörde erfolgen, sie muß indessen mindestens eine Stunde betragen.
Dem Gedanken des obligatorischen Ladenschlusses trägt der Entwurf insoweit Rechnung, als er auf Antrag von
mindestens zwei Dritteln der betheiligten Geschäftsinhaber die höhere Verwaltungsbehörde ermächtigt, nach
Anhörung der Gemeindebehörde für alle oder einzelne Geschäftszweige anzuordnen, daß die offenen
Verkaufsstellen während einer näher zu bezeichnenden Zeit zwischen 8 Uhr Abends und 6 Uhr Morgens
geschlossen sein müssen.
Die Befolgung der Grundsätze des neuen Handelsgesetzbuches über die Fürsorge der für die Gesundheit
der Handelsgehülfen soll durch die Aufnahme besonderer gewerbepolizeilicher Vorschriften in die
Gewerbeordnung gesichert werden.
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- Unverkennbar hat die Berufung des Prinzen Heinrich an die Spitze des ostasiatischen Geschwaders auch
eine politische Tragweite. Die gegen den Admiral von Dietrichs gerichteten gehässigen englisch amerikanischen
Preßtreibereien werden sich auf den Bruder des deutschen Kaisers nicht übertragen dürfen, und bei der großen
Popularität, deren der Prinz sich besonders in der englischen Marine erfreut, würden sie in England auch wohl
keinen Boden finden. Der Bruder Kaiser Wilhelm´s, zugleich auch Schwager des Kaisers von Rußland und Enkel
der Königin Viktoria, erscheint sowohl nach diesen Beziehungen als auch nach seiner ganzen Persönlichkeit in
hohem Grade geeignet, zur Ausgleichung mancher Gegensätze in Ostasien mit seinem persönlichen Ansehen
beizutragen und gleichzeitig der dortigen Stellung Deutschlands zu neuem Ansehen und neuen Ehren zu verhelfen.
Prinz Heinrich ist in hohem Grade erfüllt von dem berechtigten Ehrgeiz der Mitglieder unseres Kaiserhauses.
dem Vaterland wirklich Dienste zu leisten. Möge ihm die Befriedigung dieses Wunsches im vollsten Maße
beschieden sein.
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- In der Kommission ist eine wichtige Aenderung an der Novelle zum Bankgesetz vorgenommen worden. Mit zwei
Stimmen Majorität wurde die Verlängerung des Privilegs der Reichsbank um 20 statt um 10 Jahre beschlossen.
- Präsident Dr. Koch hat zugestimmt. Gelangt diese Fassung definitiv zur Annahme, so werden etwaige weitere
Pläne der Verstaatlichung der Reichsbank für lange Zeit illusionorisch.
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- Die Ansiedlungs Kommission kaufte die Güter Julienhof, Kreis Osterode und Lykusy und Groß Slowka,
Kreis Neidenburg. Mit dem Ankauf dieser Güter hat die Ansiedlungs Kommission, welche bisher nur in
Posen und Westpreußen kaufte, ihre Thätigkeit auf die Provinz Ostpreußen ausgedehnt.
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- Unsere Annahme, daß das Kompromiß in der Militärfrage, das thatsächlich abgeschlossen ist, in einzelnen
Punkten von der Fassung, welche die "Freisinnige Zeitung" veröffentlicht hat, abweiche, erweist sich als
zutreffend. Anscheinend ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen, es ist nicht
ausgeschlossen, daß noch vor oder in der zweiten Lesung, welche in der Kommission stattfindet, ein
weiteres Entgegenkommen seitens des Centrums gezeigt werden wird. Jedenfalls ist an der Thatsache
nichts zu ändern, daß das Centrum resp. dessen Leitung es verstanden hat, den Moment wahrzunehmen,
um diesmal den Anschluß an die Politik der verbündeten Regierungen zu gewinnen.
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- Das Fleischschaugesetz wird, wie die "Deutsche Fleischerztg." aus zuverlässiger Quelle erfährt, erst nach
Ostern im Plenum des Reichstages zur ersten Berathung gestellt werden.
Da zweifellos dann eine Kommissionsberathung beschlossen werden wird und diese sich auch ziemlich
lange hinziehen dürfte, so könnte ehestens um Pfingsten in die Einzelberathung eingetreten werden.
Dieser Umstand schließt aber die Verabschiedung des Gesetzes noch in dieser Session nicht aus, da die
diesmalige Tagung des Reichstages sich voraussichtlich bis in den späten Sommer erstrecken wird.
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- Auf den Zwiespalt unter den preußischen Ministern wirft die konservative und halboffiziöse "Schles. Ztg." ein
bezeichnendes Schlaglicht. Derselben wird nämlich aus parlamentarischen Kreises mitgetheilt, man nehme
an, daß der Landwirtschaftsminister bei der Berathung des Fleischschaugesetzes im Reichstage die
Vertretung der Bestimmungen über Hausschlachtungen und über die Fleischeinfuhr kaum übernehmen werde.
Das Blatt knüpft daran die Befürchtung, daß, wenn auch verfassungsrechtlich die Vertretung dem Staatsekretär
des Reichsamtes des Inneren zufallen, es doch "leicht zu Auseinandersetzungen kommen würde, die einem so
charakterfesten und überzeugungstreuen Staatsmanne wie Herrn v. Hammerstein die Frage nahelegen könnten,
ob er unter solchen Umständen sein Amt weiterführen könne."
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- Der Gesetzentwurf, betreffend die Errichtung eines besonderen bayrischen Senates bei dem Reichs Militärgericht
in Berlin ist im Reichstage eingegangen. Der § 1 bestimmt: Für das bayrische Heer wird beim Reichs Militärgericht
in Berlin ein besonderer Senat gebildet.
Der König von Bayern ernennt den Präsidenten und die Räthe des bayrischen Senats, sowie einen Militäranwalt für
denselben, er bestimmt überdies die militärischen Mitglieder dieses Senates.
§ 2 lautet:
Der bayrische Senat ist für alle, dem Reichs Militärgerichte zugewiesenen Entscheidungen und Geschäfte zuständig,
welche das Urtheil zum Gegenstande haben. Betrifft eine Sache zugleich Angehörige des bayrischen Heeres und eines
anderen Kontingents oder der Marine, oder sind in den Fällen des § 461 der Militär Strafgerichtsordnung die
verschiedenen Urtheile theils von einem bayrischen, theils von einem anderen Militärgericht erlassen, so treten der
bayrische und ein von dem Präsidenten des Reichs Militärgerichtes zu bestimmender anderer Senat zu
gemeinsamer Verhandlung und Entscheidung zusammen. In diesem Falle finden die Bestimmungen des
§ 86, Absatz 2 4 der Militär Strafgesetzordnung entsprechende Anwendung. Die außerhalb der Hauptverhan
dlung nothwendigen Verfügungen erläßt derjenige Staatspräsident, welchem die Leitung der Hauptverhandlung
zusteht. Die Bestimmungen des Absatz 2 finden auch dann Anwendung, wenn es sich um eine Entscheidung
darüber handelt, ob ein bayrisches Militärgericht oder ein anderes Militärgericht, ein bayrischer Gerichtsherr
oder ein anderer Gerichtsherr für zuständig zu erklären ist.
Der § 3 lautet: Der § 38 des Disziplinargesetztes
für richterliche Militär Justizbeamte vom 1.Dezember 1898 gilt auch für den Präsidenten und die Räthe
des bayrischen Senates. Diese bleiben bei der Bildung des allgemeinen Disziplinarhofes unberücksichtigt,
sofern für sie, sowie für die bayrischen richterlichen Militär Justizbeamten ein besonderer Disziplinarhof
errichtet wird. Wird ein solcher auch nur für die letzteren errichtet, so werden der Präsident und die Räthe
des bayrischen Senates bei der Bildung des allgemeinen Disziplinarhofes nur dann berücksichtigt, wenn
es sich um ein Mitglied des Reichs Militärgerichtes handelt.
Der Schlußparagraph (4) bestimmt: Soweit sich nicht aus vorstehenden Bestimmungen Abweichungen ergeben,
gelten die Vorschriften der Militär Strafgesetzordnung vom 1.Dezember 1898 auch für den bayrischen Senat.
In der Begründung wird darauf verwiesen, daß der § 33 des Einführungsgesetztes zur
Militär Strafgesetzordnung bestimmt, daß die Errichtung der obersten militärgerichtlichen
Instanz mit Rücksicht auf die Verhältnisse Bayerns anderweits geregelt wird. der vorliegende
Entwurf sei aufgebaut auf einer Vereinbarung zwischen dem Kaiser und dem Prinz Regenten
von Bayern. Der bayrische Senat soll einen Bestandtheil der Reichs Militärgerichtes bilden
wie jeder andere Senat. Die Zuständigkeit des bayrischen Senates ist auf die Angehörigen
des bayrischen Heeres nicht beschränkt. Ein Zusammenwirken des bayrischen und eines anderen
Senates sei in den Fällen des § 2 die am meisten entsprechende Lösung. der § 3 stellt klar, daß die
Bestimmung des § 38 des Disziplinargesetzes, der die Errichtung eines bayrischen Disziplinarhofes
für die dortigen richterlichen Militär Justizbeamten der Landesgesetzgebung vorbehält, auch die
richterlichen Mitglieder des bayrischen Senates umfaßt. Wird dieser Disziplinarhof nicht errichtet,
dann unterstehen die richterlichen Mitglieder des bayrischen Senates dem allgemeinen Disziplinarhof.
In diesem Fall können sie auch an den Entscheidungen dieser Instanz mitwirken, welche Mitglieder des
Reichs Militärgerichtes betreffen. Wird der besondere Disziplinargerichtshof für die richterlichen
Mitglieder des bayrischen Senates errichtet, dann können diese aktiv an dem allgemeinen Disziplinarhof
überhaupt nicht theilnehmen.
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- Der bayrische Finanzminister v. Riedel geboren 1832, Finanzminister seit 1877 ist amtsmüde. Es wird
daraus gefolgert, daß er gegenüber einer Abordnung der bayrischen Haus- und Grundbesitzervereine, die
ihn im Falle der Nichteinführung der progressiven Einkommenssteuer um Abänderung der Grundsteuer, in
der Richtung ersuchte, daß Hypothekenschulden, Entfall der Einnahmen für leerstehende Wohnungen und
Gebäude, Unterhaltskosten einschließlich Brandversicherungsbeiträge bei der Berechnung in Abzug kommen,
die Erklärung abgegeben hat: "Ich bin an dem Alter angelangt, wo ein Ruhebedürfnis sich geltend macht:
Vielleicht ist es meinem Nachfolger beschieden, neue Vorlagen in Ihrem Sinne zu machen, die dann
vielleicht dem zukünftigen Landtag in erster Linie beschäftigen können."
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- Für die Löbtauer Verurtheilten sind, wie der Parteikassirer Gerich im "Vorwärts" mittheilt, in der Zeit vom
7.Februar, wo der Aufruf erschien, bis zum 25.Februar 36 657 M. eingegangen. "Mag es immerhin,"
so bemerkt dazu der konservative "Reichsbote", "mehr Parteifanatismus als ehrliche Nächstenliebe sein,
welche diese Gaben zusammengebracht hat, so können sie doch jeder anderen Partei zur Beschämung
und Belehrung darüber dienen, daß eine solche Bewegung nicht mit einseitigen Gewaltmitteln zu überwinden ist."
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Koloniales
- In der Buget Kommission des Reichstages wurde am Freitag die Berathung des Kolonialetats, und zwar des
Etats für Kamerun, fortgesetzt. Abg. Graf Arnim bemängelte wieder die umfangreichen Landkonzessionen an
auswärtige Gesellschaften, namentlich den Vertrag mit der Südkamerun Gesellschaft. Er schlägt eine Resolution
vor, daß bei Abschluß von Verträgen, betr. Landkonzessionen mit fremden Gesellschaften, oder solchen, die mit
fremdem Gelde arbeiten, der Kolonialrath gehört werde. Direktor von Buchka nimmt den verstorbenen Kolonialdirektor
Dr. Kayser gegen die in parlamentarischen Kreisen erhobenen Angriffe in Schutz. Die Gesellschaft "Südkamerun"
sei eine deutsche, ihr Sitz in Hamburg, sie sei nach deutschem Gesetz errichtet. Für Nord - Kamerun werde
demnächst eine Gesellschaft konzessionirt werden, welche Adolf Wörmann in Hamburg begründen wolle. Die
- Resolution Arnim sei nicht ausführbar, weil der Kolonialrath jährlich nur einmal zusammentrete, außerdem bedeute
- die Resolution einen Eingriff in das dem Kaiser zustehende Verordnungsrecht.
Abg. Frese (Freis.Bgg.): Konzessionen an Unternehmer seien nothwendig, man müsse ihnen aber auch günstige
- Chancen bieten. Den Deutschen würden in den englischen Kolonien auch Konzessionen gewährt und Freiheit für
- geschäftliche Unternehmungen. Er sehe nicht ein, warum man nicht fremdes Geld in unseren Kolonien arbeiten
lassen solle. Nach längerer Debatte wird die Resolution Arnim mit allen gegen die Stimme des Grafen Arnim
- abgelehnt. Die Ansätze für Kamerun werden im uebrigen unverändert genehmigt.
Koloniales
- In der Buget Kommission des Reichstages wurde am Freitag die Berathung des Kolonialetats, und zwar des
Etats für Kamerun, fortgesetzt. Abg. Graf Arnim bemängelte wieder die umfangreichen Landkonzessionen an
auswärtige Gesellschaften, namentlich den Vertrag mit der Südkamerun Gesellschaft. Er schlägt eine Resolution
- vor, daß bei Abschluß von Verträgen, betr. Landkonzessionen mit fremden Gesellschaften, oder solchen, die mit
- fremdem Gelde arbeiten, der Kolonialrath gehört werde. Direktor von Buchka nimmt den verstorbenen Kolonialdirektor
Dr. Kayser gegen die in parlamentarischen Kreisen erhobenen Angriffe in Schutz. Die Gesellschaft "Südkamerun"
- sei eine deutsche, ihr Sitz in Hamburg, sie sei nach deutschem Gesetz errichtet. Für Nord - Kamerun werde
- demnächst eine Gesellschaft konzessionirt werden, welche Adolf Wörmann in Hamburg begründen wolle. Die
- Resolution Arnim sei nicht ausführbar, weil der Kolonialrath jährlich nur einmal zusammentrete, außerdem bedeute
- die Resolution einen Eingriff in das dem Kaiser zustehende Verordnungsrecht.
Abg. Frese (Freis.Bgg.): Konzessionen an Unternehmer seien nothwendig, man müsse ihnen aber auch günstige
Chancen bieten. Den Deutschen würden in den englischen Kolonien auch Konzessionen gewährt und Freiheit für
geschäftliche Unternehmungen. Er sehe nicht ein, warum man nicht fremdes Geld in unseren Kolonien arbeiten
lassen solle. Nach längerer Debatte wird die Resolution Arnim mit allen gegen die Stimme des Grafen Arnim
abgelehnt. Die Ansätze für Kamerun werden im uebrigen unverändert genehmigt.
Oestereich Ungarn
- Das ungarische Abgeordnetenhaus nahm die Indemnitätsvorlage an mit dem Antrage des Finanzministers, nach
welchem das Gesetz mit rückwirkender Kraft vom 1. Januar ins Leben tritt und der Regierung für die Versehung
des Staatshaushaltes vom 1. Januar bis heute Indemnität ertheilt wird.
- Über die Beschlüsse der deutsch böhmischen Vertrauensmänner bezüglich
der nationalen Forderungen verlautet, diese enthalten die Forderung, daß ganz Böhmen in ein deutsches und ein
tschechisches Sprachgebiet getheilt werden und nur sechs oder sieben Bezirksgerichtssprengel als
gemischtsprachig als gemischtsprachig anzusehen seien. Durch Ausscheidung anderssprachiger
Gemeinden aus einzelnen Bezirken würde jenes Gebiet, das als gemischtsprachig zu gelten hätte,
auf einen sehr geringen Umfang eingeschränkt werden.
- Banffy legt sein Abgeordnetenmandat nieder und zieht sich ins Privatleben als Obersthofmeister des Kaisers zurück.
- In einer Weinstube der Josefstadt beleidigte der kroatische Student der Medizin Lausch ohne jegliche
Veranlassung einige dort anwesende deutsche Studenten. Als ihn diese zur Ruhe verwiesen, zog er ein
Taschenmesser und verwundete damit den deutschen Studenten Indorf schwer. Lausch wurde in Haft genommen.
- In Planitz weigerten sich die Mitglieder der Rekruten Kommission, die in deutscher Sprache abgefaßte
Militärliste zu unterzeichnen. Sie ließen an das Ministerium eine Protestdepesche ergehen, in der sie der
Ansicht Ausdruck verleihen, daß eine deutsche Abfassung der Listen den Rechten des tschechischen
Volkes widerspreche.
- Die Regierung hat beschlossen, der von der deutsch nationalen Partei begonnenen Agitation, die
Katholiken zum Protestantismus hinüberzuziehen, kräftig entgegenzutreten.
Schweiz
- Der Bundesrath hat der Bundesversammlung den Entwurf eines neuen Bundes Bankgesetzes unterbreitet.
Derselbe entspricht den Beschlüssen der vom Finanzdepartement einberufenen größeren Sachverständigen
Kommission mit der einzigen Aenderung, daß ein voll eingezahltes Grundkapital von 36 Millionen Francz
vorgesehen ist, während die Sachverständigen Kommission ein Grundkapital von 60 Millionen Francz
für die künftige Notenbank vorsah, von denen die Hälfte bei Eröffnung der Bank eingezahlt sein sollte.
Die Bundesversammlung soll berechtigt sein, das Grundkapital auf das Doppelte zu erhöhen.
Frankreich
- Regierungskreise dementiren, daß Frankreich Menelik anreize, den Khalifen bei einer Aktion gegen England
zu unterstützen. Der Botschafter in London wurde beauftragt, Lord Salisbury die loyalsten Erklärungen abzugeben.
- Der Präsident Loubet hat vom Elysée offiziell Besitz ergriffen. Er fuhr in Begleitung seiner Gemahlin im offenen
Landauer vor; die 60 Mann starke Wache erwies ihm militärische Ehren. Loubet hat als demokratischer Präsident
den Wunsch geäußert, man solle ihm nur bei offiziellen Gelegenheiten militärische Ehren erzeigen. Es wird
versichert, daß Constanz die meisten Aussichten auf den Präsidentensitz im Senat hat Derselbe dürfte bereits
im 1. Wahlgange gewählt werden.
- Die Regierung beschloß, alle politischen Ligas auf gerichtlichem Wege aufzulösen, weil von den Gerichten
konstatirt worden ist, daß diese Ligas dem Strafgesetzbuch zuwider gegründet wurden. Dies genüge, um die
Auflösung der Ligas zu rechtfertigen.
Spanien
- Es ist bis jetzt noch unmöglich, das Endresultat der Ministerkrisis vorauszusehen. Alles hängt von der
Besprechung der Königin Regentin mit Sagasta ab. Die Königin Regentin wünscht, daß die Kammern
weiter tagen bis gewisse Gesetzesentwürfe zur Annahme gelangt sind und namentlich bis die Ratifizirung
des spanisch amerikanischen Friedensvertrages erledigt ist.
- Die Königin Regentin machte dem Ministerpräsidenten Sagasta den Vorschlag, das Kabinett ohne
Auflösung der Kammern zu reorganisiren. Sagasta erwiderte, dies sei nicht möglich. Die Königin
Regentin verschob daruf die Lösung der Krisis, da sie nochmals die Präsidenten der Kammern um Rath fragen will.
Rußland
- Der finnländische Senator für Kultus, Baron Dr. Prjö Koskinen, hat seine Entlassung gegeben.
Moutenegro
- Die geplante Reise des Fürsten nach Konstantinopel ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
Türkei
- Einer Meldung der Blätter zufolge habe der Sultan, veranlaßt durch falsche Zeitungsnachrichten über in den
europäischen Provinzen zwischen Bekennern verschiedener Glaubensbekenntnisse vorgekommenen
Feindseligkeiten durch ein Jrade den Großvezier angewiesen, an die Dalis von Kossowo, Monastir, Saloniki
und Janina ein Zirkular zu richten, worin der Befehl ertheilt wird, die Gesetze strikte anzuwenden. Uebertretungen,
welche den friedliebenden Absichten des Sultans zuwiderlaufen, nicht zu dulden und die Verbrecher zu verfolgen.
Zu diesem Zwecke sollen sie Inspektionsreisen unternehmen und die muhammedanischen Gemeindevorstehe
r und christlichen Kirchenhäupter verpflichten, der Bevölkerung zu verkünden, daß die Angehörigen verschiedener
Glaubensgenossenschaften, welche ein Vaterland bewohnen, nicht feindlich, sondern friedlich zusammenleben
müßten, um hierdurch ihren Gehorsam und ihre Treue gegen die Regierung zu erweisen, und daß
Zuwiderhandelnde bestraft werden würden. Das Cirkular ist in den betreffenden Lokalblättern zu publiziren.
Asien
- Wie dem "Reuter´schen Bureau" aus Peking gemeldet wird, ist zwischen dem Geschäftsführer der
Hongkong -Shaanghai Bank und dem Generaldirektor der Eisenbahnen Hu-Tsching-Tscheng
ein Abkommen geschlossen worden, wonach die auf den Ertrag der jüngsten Eisenbahnanleihe
gezogenen Checks von dem englischen Rechnungsführer gegengezeichnet werden. Einer Meldung
der "Times" aus Peking zufolge hat dieses Abkommen den Zweck, eine unberechtigte Verwendung
des Ertrages der Anleihe zu verhindern.
- Nach einem Telegramm vom Fort Paratschinar im Kuram-Thale hat eine britische Truppe mit Unterstützung
von 500 befreundeten Eingeborenen den Stamm der Tschamkanni angegriffen und geschlagen. Acht
Tschamkanni fielen, 100 geriethen in Gefangenschaft. Neun Dörfer wurden zerstört und 3000 Stück
Vieh erbeutet. Auf britischer Seite wurden nur zwei Mann verwundet.
Afrika
- Eine Drahtung des "Daily Telegr." aus Kairo meldet, der Khalif Abdullahi nähere sich dem Nil. Seine
Kavallerie habe auf die dortigen Kanonenboote gefeuert. Abdullahi habe eine beträchtliche Gefolgschaft
und sei mit Waffen, darunter vier Kanonen, reichlich versehen. Eine Expedition gegen ihn werde fast
unverzüglich unternommen werden.
Nord Amerika
- Aus Manila meldet General Rios, daß die Amerikaner, obwohl keine europäische Macht die Insurgenten
unterstützt, mindestens noch 100 000 Mann brauchen, um den Aufstand im gesammten Archipel bewältigen
zu können. Für das angeblich unterworfene Negros allein mußte kürzlich erst das gesamte Batallion vom
Obersten Schmith kommandirten kalifornischen Regiments aufgeboten werden. Für die Inseln Masbate
und Ticao, welche angeblich gleichfalls Unterwerfung anboten, sind starke Abtheilungen erforderlich.
Süd Amerika
- Unermeßliche Mineralschätze Südamerikas, die hauptsächlich deshalb ungehoben bleiben, weil das
Vertrauen des europäischen wie des nordamerikanischen Kapitals in die Stabilität der Landesverwaltung
gefehlt hat, werden jetzt von einer Seite in Angriff genommen, von der man sonst eine große Initiative
auf dem Gebiete der Industrie nicht zu erwarten pflegte. Die Kohlenlager von Venezuela, die als
Quanten Minen bekannt sind und bei einem der besten Häfen Venezuelas liegen, werden von einer
italienischen Firma, und zwar von Lanzini, Martini & Co. ausgebeutet, die hierfür einen Vertrag mit der
Regierung Venezuelas eingegangen ist. Die Kohlen dieser Minen sind erst neulich von einem italienischen
Kriegsschiff probirt worden, und wenn die Kohle den Erwartungen entspricht, die sich an den Versuch
geknüpft haben, so würden sowohl die englische wie auch die amerikanische Kohle von dem venezuelischen
Markte verdrängt werden müssen, wo sie bisher das Monopol besaßen. In dieser Verbindung darf daran
erinnert werden, daß die Hamburg Amerika Linie zwischen Hamburg und den venezuelisch Hafen,
die Cindat, Bolivar und Maracaido mit einschließen, eine neue Verbindung errichtet. Die beiden genannten
Staaten haben bisher mit keinem europäischen Markte direkt in Verbindung gestanden. Maracaido ist der
Ausgangshafen für einen geradezu fabelhaft reichen Mineralditrikt, dessen Ausbeute allerdings von dem
tödtlichen Fieber bisher verhindert wurde, während Venezuela den Schlüssel zum unermeßlichen Gebiete
des Orinoco darstellt. Die Hamburg Amerika Linie will sehr flachgehende Dampfer diesem Dienste
widmen, damit sie in den Orinoco einlaufen und über die Barra zu Maracaido vordringen können. Die neue
Linie wird der Entwicklung von Venezuela von größtem Nutzen sein und selbstverständlich auch der
Hamburg Amerika Linie und dem deutschen Kaufmann entsprechenden Gewinn bringen.
Küchenzettel
Sonntag, 5.März 1899
Einfacher Tisch: Eiernockensuppe, Wiegebraten, Preißelbeeren
Besserer Tisch: Griessuppe, Forellen, Gesp. Kalbskeule, Selleriesalat, Windbeutel mit Schlagsahne. Obst,
Butter und Käse.
Montag, 6. März 1899
Einfacher Tisch: Goulasch
Besserer Tisch: Juliennesuppe , Hecht, Rinderbraten, Heidelbeeren. Plinzen, Obst.
Kommentar des Abschreibers Herbert Gabrys: Wenn Sie die Juliennesuppe nicht kennen, hier das Rezept:
1 kg feine Gemüse (Fisolen, Erbsen, Spargelspitzen, Spinat, Salat, Kohlrüben, junge Karotten), 2 Esslöffel
Öl, 4 Esslöffel Paradeismark,
Salz, Schnittlauch, Petersilie, Dill.
Die Gemüse fein schneiden, in das erhitzte Öl geben und 5 Min. dämpfen. Knapp mit Wasser bedecken
und bei mittlerer Hitze
gar kochen. Nur wenig salzen und mit den Kräutern würzen.
In jeden Suppenteller einen Löffel Paradeismark und einige geröstete Weißbrotwürfel geben. Die kochende
Suppe darübergießen.
Kunst und Kultur
Zur Aesthetik des Blumenkults
Einen neuen Beitrag zu einem schon wiederholt in der "D.W." berührten Thema bringt nunmehr der schwedische
Dichter August Strindberg in einem Aufsatze: "Vom Pessimismus in der modernen Gartenkunst", den uns die
"Wiener Rundschau" in einer Uebersetzung vermittelt. Der berühmte Dekadent tritt hier für die ältere, sinnigere
Geschmacksrichtung in der Gartenkunst ein und bekämpft vornehmlich den Kult der Blattgewächse, worin wir
ihm von Herzen zustimmen.
Wie ist es jetzt, fragt Strindberg, mit der hübschen Kunst bestellt, die auf einen kleinen Fleck aus verschiedenen
Ländern und Luftstrichen alles zusammenführen wollte, was das vom Herbstschmutz und Winterschnee ermüdete
Auge erfreuen kann? Sobald der Sommer da ist und die Büsche des Gartens ausschlagen sollen, bekommt man,
statt sich an den herrlichen Blumenrispen der Syringe und der weißgrünen Brauttracht des Jasmins erfreuen zu
können, den Eschen - Ahorn (Acer negrundo) zu sehen, wie er sein blaßgelbes Laubwerk entfaltet, als ob der
Herbst mit einem Male im Frühling käme; und nicht genug, seine Spielart mit weißen Blättern sieht aus, als
wäre sie mit Salzsäure bespritzt! Es ist möglich, daß es konservativ ist, die Bäume grün sehen zu wollen,
doch ich kann mir nicht helfen, daß ich den Eschen - Ahorn verabscheue, wie einen modernen Kränkling,
der mit seiner Bleichsucht kokettirt.
Und dann, was trägt man hinaus auf die Rabatten? Blattgewächse, die nicht blühen dürfen. Blattgewächse
mit rothen und gelben Blättern, wie man sie in Ermangelung eines Besseren im Herbst bei dem sterbenden
Ahorn oder dem wilden Wein ertragen kann. Und dann legt man eine Garnirung des biersuppengelben
Chrysanthemum an, oder der beinahe weißen Mesembryanthemumart; die beide an eine Champignonkultur
in Kellern oder unterschiedlichen Höhlen erinnern, oder an den blassen Sellerie unter Blumentöpfen oder an
Kammerpflanzen, die unverständliche Mädchen zu Tode begossen haben. Bekommt man jetzt einen Amaranthus
melancholicus dazu, welcher aussieht, als käme er vom Kupferschmied, oder eine Agave vom Blechschmied,
dann wird man froh! So froh, daß man, wenn Ricinus, der Wunderbaum, der im Kataloge während des Sommers
drei Ellen wächst, gegen Ende September das vierte Blatt auf fußhohem Stamme ansetzt, und die Maisstaude
im Oktober ihren Kolben vorweist, eine unwiderstehliche Lust fühlt, sich aus der unentbehrlichen Senfstaude
mit ihrem düsteren Selbstmordgrün einen guten Strick zu drehen. Besitzt man noch eine Auswahl der theueren
Unkraute Echinops Acathus Gunnera und anderer ihres Gleichen, um sich daran zu freuen, dann hat man
Lebensfreude für sein Geld gehabt.
Herbst, Disteln, Unkraut in seinen Garten einzuschleppen und nicht eine Blühte zu sehen zu bekommen,
das ist schlimmer als geschorener Buxbaum und spalirte Linden!
Doch am schlimmsten ist wohl noch die Eispflanze, die in den Hundstagen die Illusion vom Schnee und
Reiffrost giebt.
Wer hat diese Scheußlichkeiten erfunden? Ein Blumenhasser? Ein ehrgeiziger Gärtner, der um jeden Preis
etwas Neues machen wollte? Und wie konnte die pessimistische Richtung Einfluss gewinnen? Lag ein
Bedürfnis nach Selbstquälerei im Zeitgeist oder kam die Mode auf, war es die Majorität, welche die Besten
lahm schlug und die steifsten Nacken zwang, sich zu beugen? Wer weiß das! Es wehen so manche Winde
und ein Theil geht schnell vorüber?
So ist es auch hiermit geschehen, und ich habe mit Freude den verabscheuungswürdigen Coleus bereits
im Gärtchen eines Bauern gesehen; da hat er nicht mehr weit bis zum Armenhaus!
Daher ziehe ich eine Platterbse einem Pampasgras vor!
Rundschau
* Königl. Schauspiel.
Wenn wir über die am Freitag zum ersten Male aufgeführte Neuheit: "Auf Strafurlaub" von G.v.Moser und
Th.v. Trotha nur kurz und nicht an erster Stelle berichten, so mögen unsere Leser uns darum nicht böse sein.
Es giebt Stücke, denen man mit einer ausführlicheren Kritik und mit näherem Eingehen auf den Inhalt die Ehre
anthut, die sie durchaus nicht verdienen. Wir begnügen uns daher, festzustellen, daß wir uns nicht erinnern,
jemals etwas Langweiligeres und Witzloseres gesehen zu haben, als diesen dreiaktigen "Schwank". Schönthan,
Kadelburg e tutti quanti Klassiker zu nennen, wäre im Vergleich mit diesem Stück noch immer eine Beleidigung
für jene Herren - der Abstand wäre nämlich noch immer zu klein! Wundern muß man sich über den Herrn v. Moser,
der doch einstmals unterhaltende Stücke gemacht hat; wundern mag man sich über den Herrn v. Trotha, der, nebst
anderen Lustspielen, unter einem Pseudonym früher ganz leidliche Romane geschrieben haben soll; am meisten
wundert man sich freilich über das Publikum, das für einen solchen unerhörten Schmarrn noch Beifall übrig hat.
Es war weise gehandelt, das Stück nicht am Premieren - Donnerstag herauszubringen.indessen,
vielleicht hätte es da auch noch manche gegeben, die mit den Herrn v. Moser und v. Trotha die Welt aus dem
Gesichtswinkel der Natalie v. Eschstruth sehen, obwohl man annehmen sollte, daß heut zu Tage nur noch ein paar in ihrer Bildung
zurückgebliebenen Backfische an eine solche Welt zu glauben, in der alle Leutnants reizend und alle Civilisten pedantisch und
lächerlich sind, in der die Unnatur Regel ist und die Frivolität der Anschauung nur durch die enorme Langweiligkeit
des ganzen Genres unschädlich gemacht wird. Selbst das vortreffliche Spiel der Herren Franz, Dettmer, Wiene,
Müller, Gunz und der Damen Gasny, Hildebrandt, Schendler vermochte das herzlich schlechte Stück nicht
genießbar zu machen.
* Dresdner Mittheilungen.
Der Orchesterverein "Philharmonie" veranstaltet am 8. März im Saale des Vereinshauses seinen dritten
Aufführungsabend.
Im letzten Nicode - Konzert am 22. März werden wir Gelegenheit haben, eine von Herrn Nicode neu
zusammengestellte Sinfonie - Kapelle zu hören. Der Umstand, daß ein so außerordentlich schwieriges
Werk, wie die Missa solemnis mehr als eine Gesammtprobe mit Chor und Orchester verlangt, hat
Nicode veranlaßt, diesmal von der Mitwirkung der Chemnitzer Kapelle, welche der enormen Kosten
wegen selbstverständlich nur am Tage der Aufführung in Dresden anwesend sein kann, abzusehen.
Das Kgl. Konservatorium bringt in seinem Prüfungskonzert am nächsten Montag in der Dreikönigskirche unter
anderem das große Finale aus dem Oster - Konzert von C.A. Fischer für Orgel, Trompeten, Posaunen und
Pauken zum Vortrag. Eintritt frei.
Im Kunstsalon Ernst Arnold (Wilsdruffer Straße 1) wird auf acht Tage die Kollektion von Peter Paul Behrens
aufgestellt, die Gemälde in höchst eigenartigen Umrahmungen, Glasfenster und eine ganze Serie von großen
dekorativen Holzschnitte umfaßt. Das Hauptinteresse der Frühjahrssaison werden die Künstler Monet, Manet,
Degas, Pizzarro ec. in Anspruch nehmen, die Mitte d.M. ihren Einzug in Dresden halten.
Der Musikverein Dresden - Striesen veranstaltet Mittwoch, den 8.März, sein II. Konzert mit Orchester.
Besondere Erwähnung verdienen dabei die Kompositionen unserer einheimischen Tonsetzer Rappoldi
und Schulz-Beuthen .
Das Programm für das Eugen d´Albert - Konzert, am 8. d. M. lautet: Bach - d´Albert: Präludium und
Fuge D-dur; Beethoven: Sonate, op. 57, F-mol; Chopin: Fantasie, op. 49 und 2 Etuden aus op. 25;
Schumann: Karneval, op. 9; d´Albert: a) Scherzo; b) Intermezzo; c) Walzer (aus op. 16); Rubinstein:
Barcarolle Nr. 5; Liszt: Etude "Mazeppa".
Der Lieder-Abend von Anna und Eugen Hildach findet am 14. März im Musenhause statt. Karten bei
F.Ries Kaufhaus.
Die Musikakademie für Damen v.D. Rollfuß (Inh. und Direktor G. Schumann) veranstaltet im Laufe
des Monats März vier Schüler - Vortragsabende (zugleich Oster - Prüfungen). Die ersten zwei
Aufführungen finden Dienstag, den 7. März (Elementarschülerinnen) und Donnerstag, den 9. März
(Akademieschülerinnen), Abends ½ 7 Uhr, in den Anstaltsräumen, Ferdinandstraße 6, statt. Zum
Vortrag kommen Kompositionen für Gesang, Violine und Klavier (Solo und Ensemble).
* C.D. Aus dem Leipziger Musikleben.
Die Direktion der schnell aufgeblühten Philharmonischen Konzerte veranstaltete unlängst eine Aufführung
der Beethoven´schen "Neunten" im Verein mit der Leipziger Singakademie. Da das Werk unter Weingartner
im Lisztvereinsmusikfest Ende Januar bereits aufgeführt wurde und - wie alljährlich - für das letzte
Gewandhauskonzert unter Nikisch´Leitung noch bevorsteht, haben wir somit das gewiß seltene Faktum
einer dreimaligen Aufführung der "Neunten" während einer Konzertsaison für unsere Stadt zu verzeichnen.
Die Aufführung der Philharmoniker unter der Direktion von Hans Mindenstein war eine im Ganzen
Wohlgelungene und fand reichen Beifall der für diesen Abend ausverkauften Alberthalle. Besonders
zündete der Schlußsatz, in welchem das Soloquartett der Damen Amelie Gmür - Harloff (Weimar),
Marie Adami (Leipzig), der Herren Heinrich Zeller (Weimar) und Otto Schelper (Leipzig) vortrefflich
besetzt war.
Am Bußtag kam in der Thomaskirche durch den Riedel-Verein unter Dr. Göhlers Leitung Händels
"Messias" erstmalig in Chryiander´s Bearbeitung zu Gehör. Das Werk machte einen tiefen Eindruck.
Die Soli vertraten Fräulein Marie Katzmayr (Wien), Fräulein Adrienne Osborne (Leipzig), die Herren
Heinrich Hormann (Frankfurt) und Dr. Felix Kraus (Leipzig) mit Ausnahme der Erstgenannten in
durchweg hervorragender Weise.
Vom Theater ist zu melden, daß Herr Kapellmeister Karl Panzner eines schweren Nervenleidens
wegen einen mehrwöchigen Urlaub zu einer Reise nach dem Süden erhalten hat. Eine Anzahl von
Aufführungen wie "Tannhäuser", "Hugenotten", "Meistersinger" wird demnächst vertretungsweise
Arthur Nikisch dirigiren. Die letzte Vorstellung des "Bärenhäuter" leitete mit großem Geschick der
jugendliche Kapellmeister - Volontär Herr Gustav Brecher und erbrachte dadurch den Beweis
seltener Schlagfertigkeit und reicher Begabung.
* Eine Rede des Operndirektors Gustav Mahler wird in Wien jetzt lebhaft erörtert. Es handelte sich
diesmal um einen Aufruf zur Errichtung eines Bruckner - Denkmals in Wien. Er wurde auch Mahler
zum Unterzeichnen vorgelegt und - Mahler lehnte ab. Eine Probe zum Philharmonischen Konzert
gab nun dem Kapellmeister Gelegenheit, den Schritt, der das Erstaunen seiner Freunde
hervorgerufen hatte, zu begründen. In einer Rede an die Philharmoniker führte Gustav Mahler
etwa folgendes aus: "Aus dem Umstande, daß ich meine Unterschrift verweigert habe, wolle man
nur ja nicht schließen, daß ich ein Bruckner - Gegner bin. Vielmehr rechne ich mich unter die wärmsten
Verehrer des verstorbenen Meister und seiner Werke. Nur widerstrebt es mir, auf der Liste für das
Bruckner - Denkmal gemeinsam mit solchen Leuten zu stehen, die sich bei Bruckners Lebzeiten nie
um ihn gekümmert haben und von denen er alles andere, als Förderung seines Schaffens und seiner
Person erfahren hat. Dafür habe ich mir vorgenom
men, in meiner Weise für ein Bruckner - Denkmal zu sorgen, indem ich die Pflege seiner Werke,
vor allem eine möglichst pietätvolle Aufführung derselben nach Kräften angelegen sein lassen werde."
* Die Wiesbadener Maifestspiele.
Der Spielplan für die Festspiele fand in folgender Gestalt die Zustimmung des Kaisers: Beginn der
Festspiele am 14. Mai, Schluß am 28. Mai. Josef Lauff ´s neues Hohenzollerndrama "Der Eisenzahn"
eröffnet die Vorstellungen. Es folgen Aufführungen von "Mignon", "Undine", "Eisenzahn", Waffenschmied",
"Rheingold", "Walküre", "Siegfried", "Götterdämmerung", "Waffenschmied", "Undine". Das Kaiserpaar
wir zu den ersten sechs Vorstellungen erwartet.
Der Wiesbader Intendant, Herr v. Hülsen, sowie der Wiesbader Dramaturg, Hauptmann a.D. Josef Lauff,
weilen zur Zeit in Berlin.
* Lortzing´s Musik zu Grabbe´s "Don Juan und Faust".
Gelegentlich der vom Schiller-Theater geplanten Aufführung von Grabbe´s "Don Juan und Faust" ist in der
Oeffentlichkeit die Frage aufgeworfen worden, wo die Partitur der von Lortzing für die Aufführungen des
Dramas in Detmold komponirten Musik geblieben sei. Auf Anfrage des "B.T." bei dem in St. Gallen als
Theaterdirektor lebenden Biographen Lortzing´s, Herrn Georg Richard Kruse, ist ihm folgender freundlicher
Bescheid geworden: "Daß Lortzing´s Komposition zur Aufführung am 29. März 1829 benutzt wurde, ist nach
den Ankündigungen in der "Detmolder Zeitung" unzweifelhaft, auch finden sich in der Partitur die Stichworte
zum Einfallen der Musik angegeben. Das Detmolder Theater hat die Partitur nie erworben; sie befand sich in
Lortzing´s Nachlaß und ist jetzt in meinem Besitz."
* Briefe Ludwig`s II an Richard Wagner
Herr A. v. Groß, der Generalbevollmächtigte der Familie Wagner, veröffentlichte folgende Erklärung:
"Vor einiger Zeit erfolgte in einem Wiener Blatte die Veröffentlichung einer Anzahl von Briefen
des hochseligen Königs Ludwig II an Richard Wagner.
Diese indiskrete Veröffentlichung muß einer Veruntreuung entstammen. Da diesseits kein
Einschreiten möglich ist, indem die Familie Wagner ein Autorrecht an diesen Briefen nicht besitzt,
wandte ich mich an das K. Kuratorium in München mit der Bitte, rechtlich einzuschreiten.
Aus gewiß triftigen, mir aber unbekannten Gründen unterblieb das rechtliche Vorgehen.
Ich gebe deshalb im Namen der Familie Wagner folgende Erklärung ab:
" Die Briefe des hochseligen Königs sind so verwahrt und waren von je so verwahrt, daß jede Indiskretion
ausgeschlossen ist. Diese kann demnach einzig und allein nur seiner Zeit auf dem Wege vom
K. Kabinetssekretariat zur Post oder zum Boten geschehen sein."
* Über die Kiautschou - Bibliothek können wir heute die weitere Mittheilung machen, daß in dem sogenannten
Artillerielager ein provisorisches Bibliothekgebäude mit zwei größeren Räumen zu 7,5 : 4 Metern hergerichtet
worden ist, von denen der eine für die Unterbringung der Bücher, der andere für die Lesehalle in Aussicht
genommen ist. Einstweilen muß diese Einrichtung genügen, bis ein größeres Gebäude zur Verfügung gestellt
werden kann. Die im Dezember und Januar abgesandten Regale und Bücherbestände werden inzwischen in
Tsintau eingetroffen sein, die letzteren sind neuerdings durch eine reiche Spende der Firma Friedrich
Viehweg & Sohn in Braunschweig noch wesentlich vermehrt worden. Sämmtliche Bücher tragen das einem
alten Emdener Thaler aus der Zeit des Großen Kurfürsten nachgebildeten Ex libris - Zeichen : ein vollgetakeltes
Segelschiff auf den Wogen schwimmend mit der Umschrift "Deutsche Wehr, Deutsche Ehr, zu Land und zu Meer".
Die den Büchern vorausgesandten Spiele erfreuen sich, wie man uns aus Tsintau schreibt, bereits einer
eifrigen Benutzung.
* Die Hertz´schen Wellen, die Träger der so schnell berühmt gewordenen Telegraphie ohne Draht, scheinen
auch auf die photographische Platte eine deutlich nachweisbare Wirkung auszuüben. Diese Frage war der
Gegenstand eines Vortrages, mit dem F.H. Glew in der letzten Sitzung der Königlichen Photographischen
Gesellschaft in London ein nicht geringes Aufsehen erregte. Der Forscher zeigte zunächst, daß die
photographische Platte auf Grund jener Erkenntnis zum frühzeitigen Nachweis von Gewittern benutzt werden
könnte. Die Dauer einer elektrischen Entladung in der Atmosphäre ist durchaus nicht so kurz, wie man bisher
immer geglaubt hat, diente doch der Blitz geradezu als Bezeichnung für eine ungewöhnlich plötzliche und schnell
vorübergehende Erscheinung. Zunächst nun besteht der Blitz in Wirklichkeit nicht aus einem zusammenhängende
n elektrischen Strome, sondern aus einer großem Zahl von Funken, die in derselben Bahn schnell aufeinander folgen.
Außerdem aber ist diese elektrische Entladung der Ursprung für elektrische Wellen, die von der Blitzbahn nach
allen Seiten hin in die Atmosphäre hinausgehen, wenn man nun einen besonders eingerichteten Cohärer (Frittröhre),
wie sie auch bei der Telegraphie ohne Draht benutzt wird, in einer geeigneten Abänderung vor der photographischen
Platte anbringt, so wird die Gegenwart elektrischer Wellen in der Luft, die von einem noch sehr weit entfernten Gewitter
herrühren können, durch Veränderungen der photographischen Platte angezeigt. Glew spricht bereits die Erwartung aus,
daß es durch die von ihm erfundene Anordnung des Apparates gelingen werde, auch mittels künstlich erzeugter
Wellen Photographien zu erhalten. Zu welchen Ergebnissen die Fortsetzung dieser Forschungen führen wird, läßt
sich noch nicht absehen, immerhin wird man die weiteren Folgen mit Interresse erwarten können.
* Der Komet Chase, der im vorigen Jahr entdeckt wurde, nimmt jetzt außerordentlich schnell an Helligkeit ab, so daß
sein Glanz nur noch etwa ¾ von demjenigen zur Zeit seiner Entdeckung beträgt. Die Astronomen zweifeln nicht mehr
daran, daß der Himmelskörper eine parabolische Bahn besitzt und demzufolge wird er, nachdem er jetzt bald der
menschlichen Beobachtung entschwunden sein wird, niemals wieder in die Erdnähe zurückkehren.
* Druckfehlerberichtigung.
IIn meinem gestrigen Artikel über Schweighofer als Matthias Grollinger heißt es in Sp. 2, Z. 20 von unten "Bauer";
natürlich sollte es "Brauer" heißen. B.W.
FORTSEZUNG FOLGT demnächst ...
Danke für Ihr Interesse.
Rückmeldungen : Schreiben Sie mir bitte, an gabrys at web.de
(per Hand bitte abtippen, wegen der SPAM-Roboter ...)