Deutsche Wacht

Dresdner Tageszeitung

für nationale Politik, wirthschaftliche Reform und deutsche Kunst

Nr. 53,  Dresden, Sonntag, den 5.März 1899, 13. Jahrgang


Inhalt:

Drohende Wetter! – Politisches. – Kunst und Kultur. – Parteibewegung. – Deutscher Reichstag. – Drahtmeldungen. –
"Die ungezügelte Expansionslust der Dresdner Bank." – Oertliches und Sächsisches. – Roman. – Vermischtes. –
Volkswirtschaftliches. –
Küchenzettel.


Politisches

Deutsches Reich

Koloniales


Koloniales


Oestereich – Ungarn

Schweiz

Frankreich

Spanien

Rußland

Moutenegro

 
Türkei

Asien

Afrika

Nord – Amerika

Süd – Amerika

Küchenzettel

Sonntag, 5.März 1899

Einfacher Tisch: Eiernockensuppe, Wiegebraten, Preißelbeeren

Besserer Tisch: Griessuppe, Forellen, Gesp. Kalbskeule, Selleriesalat, Windbeutel mit Schlagsahne. Obst,
Butter und Käse.

Montag, 6. März 1899

Einfacher Tisch: Goulasch

Besserer Tisch: Juliennesuppe , Hecht, Rinderbraten, Heidelbeeren. Plinzen, Obst.


Kommentar des Abschreibers Herbert Gabrys: Wenn Sie die Juliennesuppe nicht kennen, hier das Rezept:
1 kg feine Gemüse (Fisolen, Erbsen, Spargelspitzen, Spinat, Salat, Kohlrüben, junge Karotten), 2 Esslöffel
Öl, 4 Esslöffel Paradeismark,
Salz, Schnittlauch, Petersilie, Dill.
Die Gemüse fein schneiden, in das erhitzte Öl geben und 5 Min. dämpfen. Knapp mit Wasser bedecken
und bei mittlerer Hitze
gar kochen. Nur wenig salzen und mit den Kräutern würzen.
In jeden Suppenteller einen Löffel Paradeismark und einige geröstete Weißbrotwürfel geben. Die kochende
Suppe darübergießen.

 
Kunst und Kultur

Zur Aesthetik des Blumenkults

Einen neuen Beitrag zu einem schon wiederholt in der "D.W." berührten Thema bringt nunmehr der schwedische
Dichter August Strindberg in einem Aufsatze: "Vom Pessimismus in der modernen Gartenkunst", den uns die
"Wiener Rundschau" in einer Uebersetzung vermittelt. Der berühmte Dekadent tritt hier für die ältere, sinnigere
Geschmacksrichtung in der Gartenkunst ein und bekämpft vornehmlich den Kult der Blattgewächse, worin wir
ihm von Herzen zustimmen.

Wie ist es jetzt, fragt Strindberg, mit der hübschen Kunst bestellt, die auf einen kleinen Fleck aus verschiedenen
Ländern und Luftstrichen alles zusammenführen wollte, was das vom Herbstschmutz und Winterschnee ermüdete
Auge erfreuen kann? Sobald der Sommer da ist und die Büsche des Gartens ausschlagen sollen, bekommt man,
statt sich an den herrlichen Blumenrispen der Syringe und der weißgrünen Brauttracht des Jasmins erfreuen zu
können, den Eschen - Ahorn (Acer negrundo) zu sehen, wie er sein blaßgelbes Laubwerk entfaltet, als ob der
Herbst mit einem Male im Frühling käme; und nicht genug, seine Spielart mit weißen Blättern sieht aus, als
wäre sie mit Salzsäure bespritzt! Es ist möglich, daß es konservativ ist, die Bäume grün sehen zu wollen,
doch ich kann mir nicht helfen, daß ich den Eschen - Ahorn verabscheue, wie einen modernen Kränkling,
der mit seiner Bleichsucht kokettirt.

Und dann, was trägt man hinaus auf die Rabatten? Blattgewächse, die nicht blühen dürfen. Blattgewächse
mit rothen und gelben Blättern, wie man sie in Ermangelung eines Besseren im Herbst bei dem sterbenden
Ahorn oder dem wilden Wein ertragen kann. Und dann legt man eine Garnirung des biersuppengelben
Chrysanthemum an, oder der beinahe weißen Mesembryanthemumart; die beide an eine Champignonkultur
in Kellern oder unterschiedlichen Höhlen erinnern, oder an den blassen Sellerie unter Blumentöpfen oder an
Kammerpflanzen, die unverständliche Mädchen zu Tode begossen haben. Bekommt man jetzt einen Amaranthus
melancholicus dazu, welcher aussieht, als käme er vom Kupferschmied, oder eine Agave vom Blechschmied,
dann wird man froh! So froh, daß man, wenn Ricinus, der Wunderbaum, der im Kataloge während des Sommers
drei Ellen wächst, gegen Ende September das vierte Blatt auf fußhohem Stamme ansetzt, und die Maisstaude
im Oktober ihren Kolben vorweist, eine unwiderstehliche Lust fühlt, sich aus der unentbehrlichen Senfstaude
mit ihrem düsteren Selbstmordgrün einen guten Strick zu drehen. Besitzt man noch eine Auswahl der theueren
Unkraute Echinops Acathus Gunnera und anderer ihres Gleichen, um sich daran zu freuen, dann hat man
Lebensfreude für sein Geld gehabt.

Herbst, Disteln, Unkraut in seinen Garten einzuschleppen und nicht eine Blühte zu sehen zu bekommen,
das ist schlimmer als geschorener Buxbaum und spalirte Linden!

Doch am schlimmsten ist wohl noch die Eispflanze, die in den Hundstagen die Illusion vom Schnee und
Reiffrost giebt.

Wer hat diese Scheußlichkeiten erfunden? Ein Blumenhasser? Ein ehrgeiziger Gärtner, der um jeden Preis
etwas Neues machen wollte? Und wie konnte die pessimistische Richtung Einfluss gewinnen? Lag ein
Bedürfnis nach Selbstquälerei im Zeitgeist oder kam die Mode auf, war es die Majorität, welche die Besten
lahm schlug und die steifsten Nacken zwang, sich zu beugen? Wer weiß das! Es wehen so manche Winde
und ein Theil geht schnell vorüber?

So ist es auch hiermit geschehen, und ich habe mit Freude den verabscheuungswürdigen Coleus bereits
im Gärtchen eines Bauern gesehen; da hat er nicht mehr weit bis zum Armenhaus!

Daher ziehe ich eine Platterbse einem Pampasgras vor!



Rundschau

* Königl. Schauspiel.

Wenn wir über die am Freitag zum ersten Male aufgeführte Neuheit: "Auf Strafurlaub" von G.v.Moser und
Th.v. Trotha nur kurz und nicht an erster Stelle berichten, so mögen unsere Leser uns darum nicht böse sein.
Es giebt Stücke, denen man mit einer ausführlicheren Kritik und mit näherem Eingehen auf den Inhalt die Ehre
anthut, die sie durchaus nicht verdienen. Wir begnügen uns daher, festzustellen, daß wir uns nicht erinnern,
jemals etwas Langweiligeres und Witzloseres gesehen zu haben, als diesen dreiaktigen "Schwank". Schönthan,
Kadelburg e tutti quanti Klassiker zu nennen, wäre im Vergleich mit diesem Stück noch immer eine Beleidigung
für jene Herren - der Abstand wäre nämlich noch immer zu klein! Wundern muß man sich über den Herrn v. Moser,
der doch einstmals unterhaltende Stücke gemacht hat; wundern mag man sich über den Herrn v. Trotha, der, nebst
anderen Lustspielen, unter einem Pseudonym früher ganz leidliche Romane geschrieben haben soll; am meisten
wundert man sich freilich über das Publikum, das für einen solchen unerhörten Schmarrn noch Beifall übrig hat.
Es war weise gehandelt, das Stück nicht am Premieren - Donnerstag herauszubringen.indessen,
vielleicht hätte es da auch noch manche gegeben, die mit den Herrn v. Moser und v. Trotha die Welt aus dem
Gesichtswinkel der Natalie v. Eschstruth sehen, obwohl man annehmen sollte, daß heut zu Tage nur noch ein paar in ihrer Bildung zurückgebliebenen Backfische an eine solche Welt zu glauben, in der alle Leutnants reizend und alle Civilisten pedantisch und
lächerlich sind, in der die Unnatur Regel ist und die Frivolität der Anschauung nur durch die enorme Langweiligkeit
des ganzen Genres unschädlich gemacht wird. Selbst das vortreffliche Spiel der Herren Franz, Dettmer, Wiene,
Müller, Gunz und der Damen Gasny, Hildebrandt, Schendler vermochte das herzlich schlechte Stück nicht
genießbar zu machen.

 

* Dresdner Mittheilungen.

Der Orchesterverein "Philharmonie" veranstaltet am 8. März im Saale des Vereinshauses seinen dritten
Aufführungsabend.

Im letzten Nicode - Konzert am 22. März werden wir Gelegenheit haben, eine von Herrn Nicode neu
zusammengestellte Sinfonie - Kapelle zu hören. Der Umstand, daß ein so außerordentlich schwieriges
Werk, wie die Missa solemnis mehr als eine Gesammtprobe mit Chor und Orchester verlangt, hat
Nicode veranlaßt, diesmal von der Mitwirkung der Chemnitzer Kapelle, welche der enormen Kosten
wegen selbstverständlich nur am Tage der Aufführung in Dresden anwesend sein kann, abzusehen.

Das Kgl. Konservatorium bringt in seinem Prüfungskonzert am nächsten Montag in der Dreikönigskirche unter
anderem das große Finale aus dem Oster - Konzert von C.A. Fischer für Orgel, Trompeten, Posaunen und
Pauken zum Vortrag. Eintritt frei.

Im Kunstsalon Ernst Arnold (Wilsdruffer Straße 1) wird auf acht Tage die Kollektion von Peter Paul Behrens
aufgestellt, die Gemälde in höchst eigenartigen Umrahmungen, Glasfenster und eine ganze Serie von großen
dekorativen Holzschnitte umfaßt. Das Hauptinteresse der Frühjahrssaison werden die Künstler Monet, Manet,
Degas, Pizzarro ec. in Anspruch nehmen, die Mitte d.M. ihren Einzug in Dresden halten.

Der Musikverein Dresden - Striesen veranstaltet Mittwoch, den 8.März, sein II. Konzert mit Orchester.
Besondere Erwähnung verdienen dabei die Kompositionen unserer einheimischen Tonsetzer Rappoldi
und Schulz-Beuthen .

Das Programm für das Eugen d´Albert - Konzert, am 8. d. M. lautet: Bach - d´Albert: Präludium und
Fuge D-dur; Beethoven: Sonate, op. 57, F-mol; Chopin: Fantasie, op. 49 und 2 Etuden aus op. 25;
Schumann: Karneval, op. 9; d´Albert: a) Scherzo; b) Intermezzo; c) Walzer (aus op. 16); Rubinstein:
Barcarolle Nr. 5; Liszt: Etude "Mazeppa".

Der Lieder-Abend von Anna und Eugen Hildach findet am 14. März im Musenhause statt. Karten bei
F.Ries Kaufhaus.

Die Musikakademie für Damen v.D. Rollfuß (Inh. und Direktor G. Schumann) veranstaltet im Laufe
des Monats März vier Schüler - Vortragsabende (zugleich Oster - Prüfungen). Die ersten zwei
Aufführungen finden Dienstag, den 7. März (Elementarschülerinnen) und Donnerstag, den 9. März
(Akademieschülerinnen), Abends ½ 7 Uhr, in den Anstaltsräumen, Ferdinandstraße 6, statt. Zum
Vortrag kommen Kompositionen für Gesang, Violine und Klavier (Solo und Ensemble).

* C.D. Aus dem Leipziger Musikleben.

Die Direktion der schnell aufgeblühten Philharmonischen Konzerte veranstaltete unlängst eine Aufführung
der Beethoven´schen "Neunten" im Verein mit der Leipziger Singakademie. Da das Werk unter Weingartner
im Lisztvereinsmusikfest Ende Januar bereits aufgeführt wurde und - wie alljährlich - für das letzte
Gewandhauskonzert unter Nikisch´Leitung noch bevorsteht, haben wir somit das gewiß seltene Faktum
einer dreimaligen Aufführung der "Neunten" während einer Konzertsaison für unsere Stadt zu verzeichnen.
Die Aufführung der Philharmoniker unter der Direktion von Hans Mindenstein war eine im Ganzen
Wohlgelungene und fand reichen Beifall der für diesen Abend ausverkauften Alberthalle. Besonders
zündete der Schlußsatz, in welchem das Soloquartett der Damen Amelie Gmür - Harloff (Weimar),
Marie Adami (Leipzig), der Herren Heinrich Zeller (Weimar) und Otto Schelper (Leipzig) vortrefflich
besetzt war.

Am Bußtag kam in der Thomaskirche durch den Riedel-Verein unter Dr. Göhlers Leitung Händels
"Messias" erstmalig in Chryiander´s Bearbeitung zu Gehör. Das Werk machte einen tiefen Eindruck.
Die Soli vertraten Fräulein Marie Katzmayr (Wien), Fräulein Adrienne Osborne (Leipzig), die Herren
Heinrich Hormann (Frankfurt) und Dr. Felix Kraus (Leipzig) mit Ausnahme der Erstgenannten in
durchweg hervorragender Weise.

Vom Theater ist zu melden, daß Herr Kapellmeister Karl Panzner eines schweren Nervenleidens
wegen einen mehrwöchigen Urlaub zu einer Reise nach dem Süden erhalten hat. Eine Anzahl von
Aufführungen wie "Tannhäuser", "Hugenotten", "Meistersinger" wird demnächst vertretungsweise
Arthur Nikisch dirigiren. Die letzte Vorstellung des "Bärenhäuter" leitete mit großem Geschick der
jugendliche Kapellmeister - Volontär Herr Gustav Brecher und erbrachte dadurch den Beweis
seltener Schlagfertigkeit und reicher Begabung.

* Eine Rede des Operndirektors Gustav Mahler wird in Wien jetzt lebhaft erörtert. Es handelte sich
diesmal um einen Aufruf zur Errichtung eines Bruckner - Denkmals in Wien. Er wurde auch Mahler
zum Unterzeichnen vorgelegt und - Mahler lehnte ab. Eine Probe zum Philharmonischen Konzert
gab nun dem Kapellmeister Gelegenheit, den Schritt, der das Erstaunen seiner Freunde
hervorgerufen hatte, zu begründen. In einer Rede an die Philharmoniker führte Gustav Mahler
etwa folgendes aus: "Aus dem Umstande, daß ich meine Unterschrift verweigert habe, wolle man
nur ja nicht schließen, daß ich ein Bruckner - Gegner bin. Vielmehr rechne ich mich unter die wärmsten
Verehrer des verstorbenen Meister und seiner Werke. Nur widerstrebt es mir, auf der Liste für das
Bruckner - Denkmal gemeinsam mit solchen Leuten zu stehen, die sich bei Bruckners Lebzeiten nie
um ihn gekümmert haben und von denen er alles andere, als Förderung seines Schaffens und seiner
Person erfahren hat. Dafür habe ich mir vorgenom

men, in meiner Weise für ein Bruckner - Denkmal zu sorgen, indem ich die Pflege seiner Werke,
vor allem eine möglichst pietätvolle Aufführung derselben nach Kräften angelegen sein lassen werde."

 

* Die Wiesbadener Maifestspiele.

Der Spielplan für die Festspiele fand in folgender Gestalt die Zustimmung des Kaisers: Beginn der
Festspiele am 14. Mai, Schluß am 28. Mai. Josef Lauff ´s neues Hohenzollerndrama "Der Eisenzahn"
eröffnet die Vorstellungen. Es folgen Aufführungen von "Mignon", "Undine", "Eisenzahn", Waffenschmied",
"Rheingold", "Walküre", "Siegfried", "Götterdämmerung", "Waffenschmied", "Undine". Das Kaiserpaar
wir zu den ersten sechs Vorstellungen erwartet.

Der Wiesbader Intendant, Herr v. Hülsen, sowie der Wiesbader Dramaturg, Hauptmann a.D. Josef Lauff,
weilen zur Zeit in Berlin.

 

* Lortzing´s Musik zu Grabbe´s "Don Juan und Faust".

Gelegentlich der vom Schiller-Theater geplanten Aufführung von Grabbe´s "Don Juan und Faust" ist in der
Oeffentlichkeit die Frage aufgeworfen worden, wo die Partitur der von Lortzing für die Aufführungen des
Dramas in Detmold komponirten Musik geblieben sei. Auf Anfrage des "B.T." bei dem in St. Gallen als
Theaterdirektor lebenden Biographen Lortzing´s, Herrn Georg Richard Kruse, ist ihm folgender freundlicher
Bescheid geworden: "Daß Lortzing´s Komposition zur Aufführung am 29. März 1829 benutzt wurde, ist nach
den Ankündigungen in der "Detmolder Zeitung" unzweifelhaft, auch finden sich in der Partitur die Stichworte
zum Einfallen der Musik angegeben. Das Detmolder Theater hat die Partitur nie erworben; sie befand sich in
Lortzing´s Nachlaß und ist jetzt in meinem Besitz."

 

* Briefe Ludwig`s II an Richard Wagner

Herr A. v. Groß, der Generalbevollmächtigte der Familie Wagner, veröffentlichte folgende Erklärung:
"Vor einiger Zeit erfolgte in einem Wiener Blatte die Veröffentlichung einer Anzahl von Briefen
des hochseligen Königs Ludwig II an Richard Wagner.
Diese indiskrete Veröffentlichung muß einer Veruntreuung entstammen. Da diesseits kein
Einschreiten möglich ist, indem die Familie Wagner ein Autorrecht an diesen Briefen nicht besitzt,
wandte ich mich an das K. Kuratorium in München mit der Bitte, rechtlich einzuschreiten.
Aus gewiß triftigen, mir aber unbekannten Gründen unterblieb das rechtliche Vorgehen.
Ich gebe deshalb im Namen der Familie Wagner folgende Erklärung ab:

" Die Briefe des hochseligen Königs sind so verwahrt und waren von je so verwahrt, daß jede Indiskretion
ausgeschlossen ist. Diese kann demnach einzig und allein nur seiner Zeit auf dem Wege vom
K. Kabinetssekretariat zur Post oder zum Boten geschehen sein."

* Über die Kiautschou - Bibliothek können wir heute die weitere Mittheilung machen, daß in dem sogenannten
Artillerielager ein provisorisches Bibliothekgebäude mit zwei größeren Räumen zu 7,5 : 4 Metern hergerichtet
worden ist, von denen der eine für die Unterbringung der Bücher, der andere für die Lesehalle in Aussicht
genommen ist. Einstweilen muß diese Einrichtung genügen, bis ein größeres Gebäude zur Verfügung gestellt
werden kann. Die im Dezember und Januar abgesandten Regale und Bücherbestände werden inzwischen in
Tsintau eingetroffen sein, die letzteren sind neuerdings durch eine reiche Spende der Firma Friedrich
Viehweg & Sohn in Braunschweig noch wesentlich vermehrt worden. Sämmtliche Bücher tragen das einem
alten Emdener Thaler aus der Zeit des Großen Kurfürsten nachgebildeten Ex libris - Zeichen : ein vollgetakeltes
Segelschiff auf den Wogen schwimmend mit der Umschrift "Deutsche Wehr, Deutsche Ehr, zu Land und zu Meer".
Die den Büchern vorausgesandten Spiele erfreuen sich, wie man uns aus Tsintau schreibt, bereits einer
eifrigen Benutzung.

* Die Hertz´schen Wellen, die Träger der so schnell berühmt gewordenen Telegraphie ohne Draht, scheinen
auch auf die photographische Platte eine deutlich nachweisbare Wirkung auszuüben. Diese Frage war der
Gegenstand eines Vortrages, mit dem F.H. Glew in der letzten Sitzung der Königlichen Photographischen
Gesellschaft in London ein nicht geringes Aufsehen erregte. Der Forscher zeigte zunächst, daß die
photographische Platte auf Grund jener Erkenntnis zum frühzeitigen Nachweis von Gewittern benutzt werden
könnte. Die Dauer einer elektrischen Entladung in der Atmosphäre ist durchaus nicht so kurz, wie man bisher
immer geglaubt hat, diente doch der Blitz geradezu als Bezeichnung für eine ungewöhnlich plötzliche und schnell
vorübergehende Erscheinung. Zunächst nun besteht der Blitz in Wirklichkeit nicht aus einem zusammenhängende
n elektrischen Strome, sondern aus einer großem Zahl von Funken, die in derselben Bahn schnell aufeinander folgen.
Außerdem aber ist diese elektrische Entladung der Ursprung für elektrische Wellen, die von der Blitzbahn nach
allen Seiten hin in die Atmosphäre hinausgehen, wenn man nun einen besonders eingerichteten Cohärer (Frittröhre),
wie sie auch bei der Telegraphie ohne Draht benutzt wird, in einer geeigneten Abänderung vor der photographischen
Platte anbringt, so wird die Gegenwart elektrischer Wellen in der Luft, die von einem noch sehr weit entfernten Gewitter
herrühren können, durch Veränderungen der photographischen Platte angezeigt. Glew spricht bereits die Erwartung aus,
daß es durch die von ihm erfundene Anordnung des Apparates gelingen werde, auch mittels künstlich erzeugter
Wellen Photographien zu erhalten. Zu welchen Ergebnissen die Fortsetzung dieser Forschungen führen wird, läßt
sich noch nicht absehen, immerhin wird man die weiteren Folgen mit Interresse erwarten können.

* Der Komet Chase, der im vorigen Jahr entdeckt wurde, nimmt jetzt außerordentlich schnell an Helligkeit ab, so daß
sein Glanz nur noch etwa ¾ von demjenigen zur Zeit seiner Entdeckung beträgt. Die Astronomen zweifeln nicht mehr
daran, daß der Himmelskörper eine parabolische Bahn besitzt und demzufolge wird er, nachdem er jetzt bald der
menschlichen Beobachtung entschwunden sein wird, niemals wieder in die Erdnähe zurückkehren.

* Druckfehlerberichtigung.
IIn meinem gestrigen Artikel über Schweighofer als Matthias Grollinger heißt es in Sp. 2, Z. 20 von unten "Bauer";
natürlich sollte es "Brauer" heißen. B.W.



FORTSEZUNG FOLGT demnächst ...



Danke für Ihr Interesse.

Rückmeldungen :  Schreiben Sie mir bitte, an gabrys at  web.de

(per Hand bitte abtippen, wegen der SPAM-Roboter ...)

 

Hosted by www.Geocities.ws

1