Kalderstein
Landschaft, Burg, Geschichte, Intrigen

Die Burg Kalderstein steht derzeit leer: der ehemalige Burgherr ist tot, sein treuer Begleiter irgendwo auf der Flucht. Deshalb kam ich auf die Idee, hier meine Touristen-Info aufzubauen. Wohl wahr, die Kaldersteiner Gegend ist nicht gerade ein Magnet, aber ich habe auch noch eine Außenstelle im Kaldersteiner-Haus auf dem Krautmarkt in Isenborg.

Ehe Du jetzt aufspringst und den Atlas holst - wir befinden uns hier auf fiktivem Boden, und die einzige halbwegs zuverlässige Karte stammt von Meister Ernst dem Wurdack und befindet sich im Historienbuch "Der eiserne Thron". Ich hatte das Glück, ihm als Geograph dienen zu dürfen. Beziehungsweise ... Eigentlich lief das mehr in der Art: "Wieso bei allen Dämonen der Tiefe liegt Burg Kalderstein am Arsch der Welt in einem Sumpf? Und was ist das für ein alberner Steinhaufen da drüben?" Ich bin durch das halbe Internet gereist, um ein Pferd zu finden , das die Strecke zwischen Kalderstein und der Hauptstadt Isenborg in einer Nacht schafft - aber ich habe eines gefunden!

Als meine Gefährten Andrea-die-Heilerin Tillmanns und Chris-der-Orkenspalter Savoy sich mit mir aufmachten, um in der Südermark Intrigen zu spinnen und Heilkräuter anzupflanzen (je nach Neigung), existierte die Welt schon. Das geht den meisten Intriganten und Gärtnern so, aber die unsere hieß Pagan und entstammte dem Rollenspiel "Demonwright". Allein bei dieser spärlichen Information kroch ein Grauen über meine Seele: ein Wort wie "Demonwright" kommt mir nicht in ein deutsches Buch, und "pagan" ist eine religiöse Strömung in den USA. Immerhin - die Welt brachte gleich sechs Götter mit, die man hätte anflehen können. Götter kommen mir auch nicht in meine Geschichten. Schlimm genug, daß sie jede Menge intriganter Priester haben! Tatsächlich habe ich nach langer Prüfung genau einen Gott zugelassen: Yakh, den Gott der Veränderung, der für Geburten und Todesfälle, Frühling und Herbst zuständig ist. Er war dialektisch genug. Im übrigen mischt er sich nicht ein. Es heißt, er sei gerecht.

Im Anfang war - eine wildentschlossene Absicht. Die Südermark sollte alpenländisch sein. Keine Mittelerde-Kolonie, kein idyllisierter Orient. Bayrisch, steirisch, oberkrainisch. Konkret. Die meisten Fantasy-Landschaften kranken an einem Mangel an Schmutz und Trivialitäten. Widrigkeiten sind mindestens Drachen oder epochale Kaltzeiten, zur Not auch Vulkanausbrüche oder eine Dämonenplage. Mücken, ein Mangel an Bedürfnisanstalten oder dornige Hecken kommen kaum jemals vor. Als ich vor der Frage stand, was die Mini-Armee meines Helden Rogvald wohl zu Mittag gegessen hat, ließ ich mir "Alltagsleben im Mittelalter" von Otto Borst zu Weihnachten schenken: siebenhundert Seiten harte Arbeit. Seither weiß ich, daß es im Mittelalter Planwirtschaft und Altersvorsorge gab. Und Kohlsuppe. Darf in Fantasy-Büchern gefurzt werden? Keine Ahnung, aber Herzog Rogvald meint, ein Kaldersteiner furze nicht.

Kalderstein liegt übrigens im Cerniško jezero im slowenischen Karst, und sooft ich aus der Ferne auf die südermärkische Hauptstadt blickte, hatte ich das Bild des Predjamski grad mit seinem riesigen Berg im Hintergrund vor Augen. Die Isenborger Bürgerhäuser allerdings habe ich im Weltkulturerbe Cesky Krumlov und Rouen in der Normandie zusammengeborgt. Die Finse-Sümpfe stammen aus Schweden, die Krolinger Berge habe ich aus den Pyrenäen mitgebracht. Nur mit den Tempeln habe ich mich ungeheuer schwergetan. Ich weiß bis heute nicht recht, wie Rognars Tempel in Isenborg aussieht. Keinesfalls wie eine Kirche oder ein griechischer Tempel, auch nicht ägyptisch. Nur der Tempel des Eldir in Skarsten (Skarsten ist eine norwegische Fjordlandschaft, wo ich schon mal davon rede) ist ein Bürgerhaus aus dem Elsaß. Der alte Durilia-Tempel steht in Südschweden und heißt Ales Stenar. Die Kaldersteiner Farben - Grün und Weiß - sind eine Reverenz an meine sächsische Heimat.

Auch die Akteure habe ich mir hier und da geliehen. Mein nicht eben positiver Held, Herzog Rogvald, mit seiner Leibesfülle, seinem Groll gegen die Mächtigeren und seinem blöden Macho-Gehabe war im früheren Leben mein Chef. Sein merkwürdiger Gefährte Frett hingegen hat eine Menge von meinem Kampfsportlehrer gelernt. Außerdem stöbert er regelmäßig auf meinen Sudelzetteln herum. Er hat die Angewohnheit, zu viel zu wissen, aber er ist eine treue Seele.

"Der eiserne Thron" ist ein moralisches Buch. Es schadet nicht, wenn es unterhält, aber es hat auf jeden Fall eine Moral (eine mehr-als-doppelte). In keinem Moment des Kampfes um das unbequeme Gestühl ging es mir darum, wer der rechtmäßige Thronfolger ist. Es ging mir nur darum, wer ein Recht hätte, darauf zu sitzen. Es ist ein feministisches Buch, denn die leicht zickige Prinzessin Walrike hat in der Blut-und-Stahl-Gesellschaft der Männer nicht die geringste Chance. Es ist ein pazifistisches Buch: wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Kollateralschäden habe ich so gering wie möglich gehalten (ein unbeteiligter Soldat kommt um, aber wenigstens die Zivilisten halte ich raus). Chris war nicht ganz so zimperlich. Bei Andrea stirbt ganz grundsätzlich niemand, so lange sie noch den Waffengürtel mit ihrer medizinischen Ausrüstung zur Hand hat. Es ist ein antirassistisches Buch. Die Probleme zwischen Zwergen und Menschen sind rein wirtschaftlicher bzw. hygienischer Natur. Frett, der Mischling, dürfte eigentlich gar nicht existieren, aber weder er noch ich haben uns darum geschert. Es ist ein Buch, das mit der Welt zu tun hat. Die Südermark lebt vom Waffenhandel. Daß der südliche Nachbarstaat sich in einem Bürgerkrieg aufreibt, belebt die Konjunktur.

Ansonsten möchte ich noch darauf hinweisen, daß der Kaldersteiner Käse eine echte Delikatesse ist. Auch die Würste sind nicht übel: fett und gut gewürzt. Man kocht gut in der Gegend; nicht unbedingt ernährungsphysiologisch ausgewogen, aber lecker. Nur vom Kohl sollte man sich fernhalten: der bläht das Gedärm. (Auch Chris meint, in einem Fantasybuch dürfe nicht gefurzt werden. Ich habe Buchweizengrütze austeilen lassen statt der Kohlsuppe, doch der Erfolg war mäßig. Die Soldaten furzten immer noch.)

Im Winter liegt Kalderstein im Sumpf. Dann sind Burg und Dorf von der Umwelt nahezu abgeschnitten. Im Sommer trocknet es ein wenig, doch das einzige, was problemlos gedeiht, ist eine Rasse schneller, weißer Vollblutpferde (mit denen man in einer Nacht von Isenborg nach Kalderstein reiten kann, genau!). Der Ackerbau in der feuchten Niederung ist ein trostloses Geschäft, und die Bauern sind Mißernten gewöhnt. Die Wälder ringsum sind sehr schön, und man trifft nur selten Goblins darin, eher schon ein paar harmlose Kobolde.

Ich freue mich über jeden Fremden, der sich in die Gegend verirrt und Burg Kalderstein einen Besuch abstattet. Laßt euch vom Verwalter Hvithold nicht abschrecken. Die alte Krähe krächzt viel, ist aber harmlos. Der sicherste Weg führt durch das Portal des Wurdack Verlags. Dort gibt es mit "Nach Norden!" auch die Fortsetzung der Geschichte.
Zur Information geht es hier entlang.

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