Sven Hannawald Interview
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DER SPIEGEL 47/2000 - 20.November 2000 spiegel.de
Skispringen
Hannawald, 26, wurde im vergangenen Winter Skiflug-Weltmeister und gewann den Weltcup im Skifliegen. Der Th�ringer, der seit fast zehn Jahren in Hinterzarten im Schwarzwald lebt, hat sich damit aus dem Schatten des �berfliegers Martin Schmitt gel�st.
SPIEGEL: Herr Hannawald, bereuen Sie es, dass Sie im vorigen Jahr gemeinsam mit anderen erfolgreichen Sportlern eine Woche Urlaub in �gypten im "Club der Besten" gemacht haben? Hannawald: Warum sollte ich? SPIEGEL: Damals wurde ein Foto von Ihnen geschossen, das Sie in Badehose auf einem Surfbrett zeigt. Ihr K�rper sieht ausgemergelt aus. Und weil es unter Skispringern schon F�lle von Magersucht gegeben hat, scheint f�r die �ffentlichkeit festzustehen: Auch Sven Hannawald ist magers�chtig. Hannawald: Ich habe diese ph�nomenale Ferndiagnose schon von tausend Seiten zu h�ren bekommen. Aber die �rzte, die ich seit Jahren konsultiere und die mich regelm��ig untersuchen, wissen es besser: Ich bin nicht magers�chtig, und ich war nie magers�chtig. SPIEGEL: Wie gehen Sie mit dem unterschwelligen Verdacht um? Hannawald: Nat�rlich wurmt es mich. Es ist nicht leicht, dauernd etwas gerade zu biegen, was unwahr ist. Noch vor zwei Jahren h�tte ich mich geweigert, �ffentlich dazu Stellung zu nehmen. Ich rede gegen die Ger�chte an und ahne, dass sie wohl nie verstummen werden. SPIEGEL: Vielleicht auch deshalb, weil Sie 1997 schon einmal auf recht drastische Weise Ihr Gewicht reduzierten. Hannawald: Damals habe ich nach dem FdH-Prinzip - nur die H�lfte zu essen - abgenommen. Mit 70 Kilogramm K�rpergewicht hatte ich gegen die besten Skispringer keine Chance. Ich sage es mal so: Es war eine Gewaltdi�t. So etwas habe ich seither nie wieder gemacht. SPIEGEL: Essst�rungen sollen laut Zeitungsberichten auch der Grund daf�r gewesen sein, dass Sie bis Ende September f�r vier Wochen das Vorbereitungstraining auf den Winter unterbrachen. Hannawald: Das passt ja wunderbar in die Magersucht-Schublade. Aber es ist blanker Unsinn! In Wahrheit haben mich zwei Dinge total runtergezogen. Zum einen eine verschleppte Viruserkrankung, die mein Arzt festgestellt hat; zum anderen der Stress der vergangenen Saison. Das hatte ich komplett untersch�tzt. SPIEGEL: Welche Art von Stress meinen Sie? Hannawald: In erster Linie den psychischen Druck. Es ist sehr viel auf mich eingest�rmt in den letzten zwei Jahren. Ich habe vers�umt, mich gegen die Erwartungshaltung der �ffentlichkeit abzugrenzen: der Medien, der Fans und der Veranstalter, die einen oft von einem Empfang zum n�chsten schleppen. Ich kann nur schwer Nein sagen. Zuletzt hatte ich das Gef�hl, keinen Raum und keine Zeit mehr f�r mich zu haben. Ich f�hlte mich bedr�ngt. SPIEGEL: Sehen Sie sich als Opfer eines Skisprung-Booms, den Sie neben Martin Schmitt ma�geblich mit ausgel�st haben? Hannawald: Als Opfer keinesfalls. Ich bin froh, dass ich diesen Boom miterleben kann. Aber eine Erfahrung habe ich gemacht: Ich muss mich von allem distanzieren, was mich ablenkt und was meine Konzentration beeintr�chtigt. SPIEGEL: Der Sender RTL, der das Skispringen als Quotenrenner entdeckt hat, will Sie und Schmitt als Verschnitt seiner Formel-1-Helden, der Schumacher-Br�der, exzessiv vermarkten. Wird Ihnen das zu viel? Hannawald: Ich will nicht, dass das Rad still- steht. Erst recht nicht will ich irgendetwas r�ckg�ngig machen. Ich habe nicht vergessen, wie das war, als nur drei Zuschauer und eine Kamera beim Wettkampf waren. Es soll Hully-Gully sein, wenn wir springen. Aber ich will das auch genie�en, und das konnte ich zuletzt nicht mehr. SPIEGEL: Warum nicht? Hannawald: Die Leute, die uns zu Helden machen, scheinen manchmal zu vergessen, dass wir Hochleistungssportler sind. Die Terminhetze war so gro�, dass es keinen Spa� mehr gemacht hat. Und irgendwann schl�gt eine angeknackste Psyche auf den K�rper durch. Ich habe keine Nacht mehr richtig durchgeschlafen. Trotzdem bin ich fr�h aus dem Bett. Mit einer bleiernen Schwere habe ich mich dann durch den Tag geschleppt. Monatelang ging das so. Ich habe mich gef�hlt wie ein 50-J�hriger, der im dritten Stock hinter dem Fenster sitzt und denkt: Lasst mich blo� in Ruhe. SPIEGEL: Trotzdem haben Sie p�nktlich mit dem Sommertraining begonnen. Hannawald: Ich habe mein Pensum erf�llt, mehr nicht. Jede Trainingseinheit war f�r mich eine Qual. Ich habe nur auf das Ende gesehen: Noch anderthalb Stunden, und dann habe ich es wieder hinter mir. SPIEGEL: Warum haben Sie nicht fr�her danach geforscht, was Sie so auszehrt? Hannawald: Ich habe immer gedacht: Wird schon wieder. Das ist ein normaler Reflex bei Athleten. Aber dann ist es nicht vorw�rts gegangen. Trotz des Trainings sind meine Kraftwerte nicht angestiegen. Die Energiespeicher in meinen Muskeln waren leer. Und in meinem Privatleben habe ich mich immer deutlicher von meiner Umgebung isoliert, obwohl ich eigentlich kontaktfreudig und unternehmungslustig bin. SPIEGEL: Wann war der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weiterging? Hannawald: Als ich mir eingestehen musste, dass ich mich auch menschlich total ver�ndert hatte. Gegen�ber meinen Mannschaftskameraden und Trainern war ich st�ndig gereizt. Manchmal wurde ich auch aggressiv. Bei den geringsten Kleinigkeiten habe ich rotgesehen. Mitte August war ich nur noch ein Wrack. Da habe ich entschieden: Jetzt ist Schicht. SPIEGEL: Haben Sie psychologische Hilfe in Anspruch genommen? Hannawald: Nein. Ich war zum gr�ndlichen Check eine Woche in einer Klinik in L�denscheid und danach bei meinen Eltern. Meine Mutter hat mich wieder aufgep�ppelt mit einer Futterkur. F�nf Kilo habe ich dabei zugenommen. Das war mein Rezept. Jetzt habe ich den Abstand wieder. Von Mentaltrainern halte ich nichts. Es gibt Skispringer, die gehen beim Wettkampf ohne ihren Mentaltrainer auf keine Schanze mehr hoch. So weit soll es mit mir nicht kommen. SPIEGEL: Werden Ihre 65 Kilogramm Gewicht beim Saisonauftakt n�chstes Wochenende in Finnland von Nachteil sein? Hannawald: Das neue Reglement schreibt engere Sprunganz�ge vor. Das vermindert den Luftwiderstand. F�r einen Gef�hlspringer wie mich, der noch nie von seiner Kraft gelebt hat, ist das eher ein Nachteil. Aber wenn ich meinen Trainingsr�ckstand aufgeholt habe, greife ich an - egal wie dick die Schultern gepolstert sein d�rfen. Ich vertraue meinem Instinkt. INTERVIEW: MICHAEL WULZINGER |
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