Reinhard Hess Interview
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Der Spiegel 3/2002 - 14.Januar 2002 spiegel.de
Skispringen SPIEGEL: Herr He�, Ihr Sch�tzling Sven Hannawald konnte bei der
Vierschanzentournee als erster Springer alle Wettbewerbe gewinnen. Warum hat es
49 Jahre gedauert, bis einer das geschafft hat?
He�: Grunds�tzlich gilt: Wer die Tournee gewinnt, ist in Topform
gewesen. Um aber alle vier Springen zu gewinnen, m�ssen die Umst�nde mitspielen.
Wir hatten viermal regul�re Bedingungen, das hat es noch nie gegeben: kaum
Luftbewegungen, immer gleiche Temperaturen. Wenn es zum Abschluss in
Bischofshofen geschneit h�tte und die Anlaufspur immer langsamer geworden w�re,
h�tte noch alles schief gehen k�nnen. Aber so konnte Sven seine St�rke voll
ausspielen. Er hatte einen Lauf.
SPIEGEL: Was bedeutet das: ein Lauf?
He�: Wenn der Athlet sagt: "Ich kann tun und lassen, was ich will, ich
fliege immer weit runter." Wenn er ohne zu denken einfach springt und sich dabei
gro�artig f�hlt. Obwohl die Spr�nge von Sven beileibe nicht optimal waren.
SPIEGEL: Sie kokettieren.
He�: Wenn ich einen Sprung in Zeitlupe sehe, finde ich immer Fehler.
Das ist eine gro�e Gefahr. Deshalb habe ich zu meinen Trainerkollegen gesagt:
"Videob�nder wegschlie�en." Und wir haben dem Sven erkl�rt: "Du bist im Moment
der Beste. Du hast es nicht n�tig, dich im Fernsehen anzugucken." Wir wollten
ihn nie ins Zweifeln bringen.
SPIEGEL: Warum spielt die Psyche gerade beim Skispringen eine so gro�e
Rolle?
He�: Skispringen ist an sich ein einfacher Bewegungsablauf: aus einer
Hocke aufstehen, auf ein Luftpolster legen und irgendwo sicher und sch�n landen.
Das ist nicht kompliziert, aber man muss die Balance finden zwischen Anspannung
und Entspannung, zwischen Kraft und Gef�hl. Ein K�rper, der verkrampft, fliegt
nicht. Und Skispringer befinden sich im Raum - die k�nnen sich nirgendwo
abst�tzen, um etwas zu korrigieren.
SPIEGEL: M�ssen Skispringer sensibler sein als andere Sportler, um
dieses Feingef�hl in der Luft zu entwickeln?
He�: Es hie� auch schon, sie m�ssten Killer sein. Viele Springer
erscheinen nur nach au�en stark, doch in bestimmten Phasen, pointiert gesagt,
weinen und winseln sie.
SPIEGEL: Hannawald machte trotz seiner Erfolgsserie einen
zerbrechlichen Eindruck. Selbst vor dem letzten Sprung hatte man als Zuschauer
das Gef�hl, er k�nne noch abst�rzen. Ging Ihnen das auch so?
He�: Es h�tte immer was passieren k�nnen. Nehmen wir nur den letzten
Sprung: Das war keine Landung, das war eher ein Fu�feger wie im Judo. Der
Schwerpunkt war nicht im Gleichgewicht, Sven hat mit einem Bein einen Schlenker
gemacht.
SPIEGEL: Nach dem Sieg hat Hannawalds Mutter Regina im Fernsehen
spontan nicht �ber ihren Sohn geredet, sondern wollte zuerst "den Trainern
danken", die Au�ergew�hnliches geschafft h�tten. Was meint sie?
He�: Sven ist in der Wendezeit von Sachsen in den Schwarzwald gezogen.
Er war damals in meiner Juniorengruppe, und wir holten bei der WM als Mannschaft
Bronze. Dann wechselte er mit 18 in die Leistungsgruppe der M�nner. Er st�rzte
dort ziemlich oft, hatte viele Verletzungen, bekam einen Knacks und hatte mit
seinen Traumata nicht mehr das Herz zum Skispringen. Eigentlich war er schon weg
vom Fenster. Der Deutsche Skiverband mahnte: Wie lange wollt ihr den noch
mitschleppen? Der kostet Geld! Aber wir waren zwei, drei Trainer, die an sein
Potenzial geglaubt haben. Sven musste mit dem B-Kader tingeln. Pl�tzlich
schaffte er es in die Weltspitze.
SPIEGEL: Gleichzeitig kursierten von ihm Bilder, die den Verdacht nahe
legten, Hannawald sei magers�chtig.
He�: Ich behaupte, er war nicht magers�chtig, aber er war am Limit.
Sven hatte eine fixe Idee, die wir Trainer ihm nicht auszureden vermochten:
Leicht fliegt besser. Das ist prinzipiell richtig, aber wer so leicht ist, wie
er es damals war, der fliegt keine ganze Saison.
SPIEGEL: Deshalb gab es immer nur sporadische Erfolge, aber keine
Kontinuit�t?
He�: Alles gipfelte im vorigen Februar. Wir haben gesehen: Der Junge
geht uns fl�ten, wenn er sich nicht besinnt. Er hat nicht mehr gelacht, nicht
mehr gejubelt, nicht mehr geweint, das war kein Mensch mehr. Ich habe dann das
Gespr�ch mit ihm gesucht, einen guten Wein aufgemacht, und dann hat er gesagt:
"Ich will nicht mehr, ich habe keinen Spa� mehr am Skispringen."
SPIEGEL: Haben Sie daran gedacht, einen Psychologen heranzuziehen?
He�: Ich bin da zwar konservativ, aber selbst das habe ich erwogen.
Ich habe unseren Mannschaftsarzt dazugeholt. Wir haben entschieden, Sven aus dem
Sport rauszunehmen. Der Arzt hat ihn 14 Tage durchgecheckt und viel mit ihm
geredet. Dann hat Sven zu Hause bei seiner Mutter die F��e auf den Tisch gelegt
und abgeschaltet. Wir hatten zwei Monate lang keinen Kontakt. Er sollte selbst
entscheiden, ob und wann er wiederkommen m�chte.
SPIEGEL: Die R�ckkehr schien Ihnen sicher?
He�: Ja. Sven ist Skispringer mit Leib und Seele. Im Mai kam er und
sagte: "Ich wei� jetzt, dass ich es mit dieser Physis nicht durchstehe." Dass er
Muskelmasse zulegen m�sse. Er hatte bis dahin von der Aerodynamik, seinem
Fluggef�hl gelebt, war kein richtiger Athlet. Nun begann er mit Trainer Wolfgang
Steiert ein Aufbauprogramm.
SPIEGEL: Haben die Erfolge von Hannawald die Hierarchie innerhalb der
Mannschaft durcheinander gewirbelt?
He�: Martin Schmitt ist immer noch mein potenzieller Leistungstr�ger.
Er hatte zwei Jahre den gleichen Lauf, wie ihn jetzt Sven hat. Nun macht er
sportlich und menschlich ein Tief durch. Er ist sicher nicht gl�cklich, dass
Stephan Hocke und Hannawald ihm die Show stehlen. Aber er hat mir auch gesagt:
"Ich bin froh, dass es den Hanni gibt." W�rde Sven nicht diese Leistung bringen,
w�rden die Medien den Martin zerrei�en.
SPIEGEL: Wird Schmitt bis zu den Olympischen Spielen seine Form
finden?
He�: Sein K�rper springt gut, aber die Symbiose mit dem Ski passt
nicht mehr. Wir sind gerade dabei, mit dem Hersteller gewisse Dinge
auszuprobieren. Wenn das Material wieder stimmt, kehrt vielleicht auch Schmitts
gutes Gef�hl zur�ck.
SPIEGEL: Derweil hat Hannawald Schmitts Rolle in der �ffentlichkeit
geerbt. Wie finden Sie diese Stilisierung zum Helden?
He�: Ich halte nichts davon. Aber die Zeit ist eben so, dass der
Kommerz den Sport in diese Richtung treibt. Ich kann die Welt nicht verbessern.
SPIEGEL: Hannawalds Manager hat angeblich 16 Einladungen zu
Fernsehsendungen abgelehnt. Haben Sie da mitgeredet?
He�: Ich habe Sven geraten, sich vier Tage total zur�ckzuziehen, bis
zur Abreise zum Weltcup in Willingen. Der Manager wollte, dass Sven wenigstens
zu Stern TV geht. Sie wissen, wer das moderiert: G�nther Jauch. Ich habe den
Manager gebeten, in unserem Sinne zu handeln.
SPIEGEL: Das Fernsehen wird nicht mehr locker lassen.
RTL-Chefredakteur Hans Mahr hat unmittelbar nach der Tournee Reformen angemahnt,
um die Vermarktung zu f�rdern. So sollen die Top-Springer verpflichtet werden,
an der Qualifikation teilzunehmen.
He�: Einerseits jubelt RTL �ber Quote und Marktanteil, und gleich im
Nachsatz kriegen jene Springer einen vor den Latz, die auf die Qualifikation
verzichten. In den Regeln steht, dass wir einen Wettkampftag haben und davor
einen Trainingstag. Am Ende eines Trainingstages gibt es die Qualifikation, zu
der aber die ersten 15 des Weltcups nicht verpflichtet sind. Daran nicht
teilzunehmen ist ein Risiko, spart uns aber einen Sprung. H�tte Sven diese vier
Qualifikationsspr�nge mitgemacht, h�tte er vielleicht den Wettkampf in
Bischofshofen nicht mehr durchgestanden.
SPIEGEL: Hat ein Sender wie RTL, der im Jahr 8,2 Millionen Euro an den
Deutschen Skiverband zahlt, nicht ein Recht darauf, dass alle Stars starten?
He�: Er kann nicht eingreifen in trainingsmethodische Dinge. Das Recht
hat er nicht. Wenn RTL oder andere Sender den Weltverband �berzeugen, die Regeln
zu �ndern, m�ssen wir uns der neuen Aufgabe stellen. Aber wenn es zu so einer
Art von Prostitution kommt, will ich kein Trainer mehr sein. INTERVIEW: MAIK GRO�EKATH�FER, ALFRED WEINZIERL |
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