Sven Hannawald Interview


"Es ist wie in einem Film"

Sein erfolgreichster Winter liegt hinter ihm, die neue WM-Saison vor ihm. Skispringer SVEN HANNAWALD (27) im Interview �ber Erfolg und Erwartungen, �ber Ruhe und Reserven, �ber seine Ziele und die Zukunft.

Die Sonne steht tief. Mit letzer Kraft blinzen die Strahlen durch die Wipfel der tiefgr�nen Baumriesen. Wanderer sind unterwegs. Am Straßenrand kann man Honig kaufen. Es ist beshaulich hier, im Schwarzwald, in Breitnau, bei Hinterzarten.
Als Sven Hannawald zum verabredeten Gespr�ch auftaucht, sp�rt man: Hier f�hlt er sich wohl. Hier findet er die Ruhe, die er sucht, nach einer Saison, die kaum zu toppen ist: Er gewinnt die Vier-Schanzen-Tournee mit vier Siegen - als erster Skispringer nach 50 Jahren. Er holt olympisches Team-Gold und Einzel-Silber in Salt Lake City, er wird Skiflug- Weltmeister.
Doch den H�henfl�gen folgt eine Vollbremsung. Knieprobleme behindern das Training, machen eine Operation notwenig. Erst in diesen Tagen darf Sven Hannawald wieder springen.
kicker: Alle freuen sich, wenn Sommer ist - sind Sie froh, dass er zu Ende geht, sind Sie heiß auf den Winter, Herr Hannawald?
Sven Hannawald: Auf jeden Fall. Nach der Saison freue ich mich auf den Sommer, aber wenn's dann langsam Herbst wird... Ich bin auch dagegen, das Sommerprogramm weiter hochzufahren. Am liebsten w�rden die noch in New York springen. Skispringen ist ein Wintersport, und das soll es auch bleiben. Ich brauche jeden Tag im Sommer zu Vorbereitung, um den komprimierten Vier-Monats-Stress durchzustehen.
kicker: In diesem Sommer besonders. Sie mussten sich Ende Mai operierten lassen. Warum?
Hannawald: Beim Training dr�ckte was in der Kniekehle, was da nicht hingeh�rte. Eine Kernspin zeigte eine Baker-Zyste. Die bildet sich immer, wenn im Knie was nicht stimmt. In einer Arthroskopie kam raus, dass der Innenminiskus teilweise von der Kapsel abgerissen war. Der wurde so behandelt, dass er wieder anwachsen konnte. Eine nat�rliche Heilung sozusagen - und die dauert entsprechend lange. Aber noch bin ich im Soll. Obwohl es mir wie eine Mega-Ewigkeit vorkommt.
kicker: Haben Sie inzwischen realisiert, was Sie da mit den vier Triumphen beim Tournee-Sieg geschafft haben?
Hannawald: Als ich diese Vier-Schanzen-Tournee gewonnen hatte, wusste ich sofort: Das ist das Gr�ßte, was ich bisher erreicht habe. Allein, weil es 50 Jahre gedauert hat, bis das einer geschafft hat. Ich habe es mir jetzt mal auf Video angeschaut - das war G�nsehaut pur. Aber realisieren? Wahrscheinlich erst, wenn ich aufgeh�rt habe.
kicker: Sie hatten in Winter kaum Zeit, Ihre Erfolg zu genießen. Habe Sie das nachgeholt?
Hannawald: Sicher. Wenn ich jetzt zur�ckblickte, dann war dieser Winter ein absoluter Traum. Wie ein Sechser im Lotto. Und man braucht schon viel Gl�ck, zwei Mal einen Sechser zu landen...
kicker: Die sportlichen Erwartungen der �ffentlichkeit werden jetzt besonders hoch sein. Ihre auch?
Hannawald: Das was ich geschafft habe, motiviert ungemein. Mal sehen, was die Saison bringt. In jedem Wettkampf starten wieder 49 andere, die auch was erreichen wollen. Die H�hepunkte sind klar: Vier-Schanzen-Tournee, die WM in Val di Fiemme und f�r mich das Skifliegen. Aber ich gehe das Ganze von null an, hoffe dass ich richtig fit werde, dass das Material passt - den Rest werden wir sehen. Wir sind nicht bie "W�nsch dir was". Ich habe eine Motto: Es soll sein, oder es soll nicht sein.
kicker: Sie machen gerade nach f�nf Monaten Ihre ersten Spr�nge. Haben Sie mehr Angst als sonst?
Hannawald: Mir ist mulmiger als in den letzten Jahr, ganz klar. Sonst sind wir nur eineinhalb Monate weg von Schuss - und das ist schon komisch.
kicker: Athleten in anderen Sportarten k�nnen es langsam angehen lassen.Kann man "vorsichtig" skispringen?
Hannawald: Dann wird's eher gef�hrlicher. Gerade, wenn die Bedingungen nicht toll sind. Einfach nur runterkommen, das geht meistens in die Hose. Aber solche Gedanken legen sich. Wen ich mich oben abstoße, bin ich wieder in meinem Film, weiß, was ich mache. Nur, bevor man an diesen Punkt kommt, glaubt man's nicht. Das ist das Bl�de. Und dieses Jahr ist es noch bl�der.
kicker: Sie sind mit 27 Jahren fast ein Oldie. Wie lange soll es noch weit hinausgehen?
Hannawald: Das lasse ich auf mich zukommen. Ich genieße den Sport hier und jetzt, bin aber - ehrlich gesagt - auch froh, dass man sich im Skispringen inzwischen finaziell gut absichern kann. Vom Gef�hl her habe ich noch ein paar Jahre. Und es macht gerade Spaß wie nie - das m�chte ich auskosten. Danach? Auf jeden Fall Familie, Kinder, ein Haus - beruflich werde ich auch was finden.
kicker: Bleiben neben dem Sport Sinn und Raum f�r andere Dinge?
Hannawald: Ich bin der total ruhige Typ. Zwei Wochen im Urlaub liege ich nur auf der faulen Haut. Selbst Tauchen w�re mir schon zu anstrengend. Jeder greift sich an den Kopf... Aber ich brauche nicht viel, nur meine Ruhe. Ich muss nicht st�ndig essen gehen, oder ins kino oder sonst was. Mir ist es fast am liebsten, zu Hause "rumzuhocken". Gerade am Ende der letzten Saison hat mich der Stress so vereinnahmt, ich war eztrem kaputt und frohum jede ruhige Minute.
kicker: Aber Fußball m�gen Sie.
Hannawald: Stimmt. Fußball-Spiele schaue ich mir gerne an. Wir haben ja den FC Freiburg vor der T�r - und hoffentlich n�chtes Jahr wieder in der Bundesliga. �ber RTL habe wir auch Chancen auf Champions-League-Spiele, so wie das letzte Finale in Glasgow. Wahrscheinlich bin ich demn�chst auch bei Leverkusen - Manchester.
kicker: Sie wurden schon als Held, als Legende tituliert. Hat sich Ihr Leben durch den Erfolg ver�ndert?
Hannawald: Vom Lebenstil her �berhaupt nicht. Aber nach dem Boom, den wir ausgel�st haben, und durch die Erfolge ist so viel �ffentlichkeit da, dass ich mir jetzt mehr abschotte. Ich versuche, mein Privatleben strikter abzuschirmen. Die Ruhe ist das Wichtigste. Wenn ich die nicht habe, brauche ich morgens gar nicht erst aufzustehen.
kicker: Sie und Martin Schmitt haben das Skispringen in neue Dimensionen gef�hrt. Jeder k�mpft um siene Position. Kann man da als Individualsportler befreundet bleiben?
Hannawald: Nat�rlich war die Beziehung inniger, bevor wir ins Rampenlicht kamen. Wir sind �fter zusammen weggegangen. Das ist heute nicht mehr so, aber vor allem, weil wir mehr Termine haben. Es verl�uft sich mehr. Das heißt nicht, dass wir uns etwas neiden. Wir respektieren uns und sind absolut normale Kumpels wie andere auch.
kicker: Aber der Konkurrenzkampf ist gr�ßer als noch vor f�nf Jahren.
Hannawald: Vom Grund her war es fr�her nicht anders. Ich will f�r mich Erfolg haben - so denkt jeder Individualsportler. Nur, der Erfolg ist unser Team. Ich kann mir f�r mich selber nichts kaufen, der Martin f�r sich selber auch nichts. Ohne Mannschaft habe ich keinen Anhalt, wo ich stehe. Dazu die Trainer, Betreuer ... Ich sage immer: Die Wurzel muss stimmen f�r den Baum, wenn die nicht stimmt, wird auch der Baum nichts.
kicker: Wie sehen Sie sich als Springer, was unterscheidet Sie von Martin Schmitt?
Hannawald: Ich bin der Gef�hlsmensch, Martin der Rabiate. Er ist schon von der Statur her der Kr�ftigere, hat auch bessere athletische Werte, ein h�heres Grundpotenzial. Ich erarbeite mir mehr mit der Technik, kann dort Kleinigkeiten gut umsetzen. Wobei ich merke, dass ich mich auch leichter tue, wenn meine Werte raufgehen.
kicker: Die k�nnen Sie verbessern.
Hannawald: Das muss auch mein Weg sein. Es liegt aber ebenso an der Genetik. Nach jeder Saison das Gleiche: Wenn ich meinem K�rper keine Reize gebe, baut er so enorm schnell alles wieder ab, bis auf den Grund. Martin dagegen kann, warum auch immer, seine Stufe l�nger halten. Mir wird's auf jeden Fall nie langweilig.
kicker: Liegen da Ihre Reserven?
Hannawald: Was die Kraftkonstante betrifft, habe ich noch viel Potenzial. Letzte Saison waren meine Werte schon besser als vorher, aber immer noch weit unter denen, die andere von uns haben. Das schafft Motivation. Technisch bin ich an einem Punkt, da komme ich, wenn ich gut springe, nur noch in Kleinigkeiten vorw�rts.
kicker: Stabhochspringer Tim Lobinger hat mal gesagt, die Latte sei sein Feind. Sagen Sie das �ber die Schanze oder den Wind auch?
Hannawald: Hhmm, also ich an seiner Stelle, mich w�rde die Latte gar nicht interessieren, ich w�rde dieses Konkurrenzdenken nicht aufbauen. Ich habe die guten Spr�nge in mir, das flow-Erlebnis, dass alles passt, fast von alleine geht. Es spielt sich wie in einem kleinen Film ab, nichts mehr dazutun, nur noch genießen, genießen pur. Als wenn ich mich in den Sessel setze und den Fernsehen anmache.
kicker: Was ist Fliegen f�r Sie?
Hannawald: Das werde ich oft gefragt, und jedes Mal komme ich ins Stottern. Es ist eine unsichtbare Kraft, die einen h�lt. Aber das Gef�hl vergleichen mit etwas - das kann ich nicht. Am besten selbst ausprobieren...

Interview: Sabine V�gele

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